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Full text of "Versuch einer pathologischen Physiologie des Blutes"

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Pathologische 



Physiologie des Blutes. 



Versuch 



einer 



pathologischen Physiologie 



des 



Blutes 



Dr. C. A. Wunderlich, 

ausserordentlichem Professor und Mitglieds der medicinischen Facultät iu Tübingen, 
zur Zeit "Vorstand der medicinischen Klinik daselbst, der physicalisch =» medicini- 
schen Societät zu Erlangen und der königl. ungarischen Gesellschaft der Aerzte 
correspondirendem Mitgliede. 



STUTTGART. 

Verlag, von Ebner und Seubert. 
1845. 



-* 



Vorwort. 



Andral hat seine pathologische Haematologie einen Versuch 
genannt. Ich nahe den Gegenstand, wie man sehen wird, von 
einem etwas anderen Standpunkte aufgefasst: aher auch ich er- 
kühne mich nicht, diese Untersuchungen für mehr als einen Ver- 
such auszugehen, einen Versuch überdiess gewagt in einem der 
difficilsten und misslichsten Theile der Medicin. 

Zunächst sollte diese Arbeit einer academischen Verpflichtung 
entsprechen. Ich war der Meinung, dass nicht leicht ein Gegen- 
stand so sehr wie dieser, den ich zu meinem Vorwurfe genom- 
men, einer zeitgemässen Behandlung und Revision bedürfe , ich 
hielt ihn überdem für schiklich, um an ihm ein Bild von der 
heutigen Heilkunde, von ihren Principien und Tendenzen, ihrer 
Methode und ihren Hilfsmitteln zu liefern. 

Der mehrfachen abweichenden und neuen Ansichten wegen, 
welche dieser Versuch enthält, hielt ich ihn einer weiteren Ver- 
breitung nicht für unwerth, obwohl ich gestehen muss, dass ich 
Behufs der Publication gerne eine grössere Ausdehnung und mehr 
Müsse zur Ausarbeitung, als unter den gegebenen Umständen zu- 
lässig war, für die Abhandlung gewünscht hätte , um in ihr manche 
Luken, die ich selbst wohl fühle, auszufüllen, manche flüchtige 
Andeutung näher auszuführen und deren thatsächliche Belege bei- 
zubringen. 



VI 



Ich bin nicht der Ansicht derer , welche alles Heil in unserer 
Wissenschaft von der Aufspeicherung unseres Thatsachenreichthums 
erwarten , und wenn ich meine Zeit verstehe , so hat sie auch 
diesen Irrthum bereits überwunden. Zwar gilt das Vorsichhertra- 
gen rein factischer Tendenzen und das Perhorresciren der theore- 
tischen Besprechung auch heute noch als ein Köder, der auf die 
Masse wirken soll , und der auf Manchen auch seine Wirkung nicht 
verfehlen mag. Aber im Grunde ist dieses Eifern für das rein That- 
sächliche doch nur vorn eine Prahlerei und hinten ein Testimonium 
paupertatis, so gut, wie es jenes endlich in Miscredit gekommene 
Pochen auf die subjective Erfahrenheit gewesen ist. Nicht darauf 
beruht die Exactheit der heutigen Richtung in der Medicin, dass 
eine unerquikliche Sammlung von Gesehenem, Gewogenem und 
Gemessenem angelegt werden soll, sondern darauf , dass die Kritik 
unbekümmert um die Autoritäten sich an die Thatsachen selber 
macht, sie analysirt und ihre Berechtigung und Möglichkeit prüft. 
Die Theorie ist dabei so unentbehrlich wie in allen physicalischen 
Wissenschaften; sie hat aber auch in unserer Medicin keine an- 
dere Aufgabe , als in diesen : sie hat aus den einzelnen Thatsachen 
die allgemeinen zu abstrahiren und das concrete Geschehen in seinen 
nächsten Beziehungen begreiflich zu machen. Wir können in 
dieser endlichen Wissenschaft nur streben, die Kette von Ursachen 
und Wirkungen möglichst lang und lükenlos darzustellen. Wir 
können nur die Mechanik des Flusses der Erscheinungen ausmit- 
teln: seinen Quellen selbst nachzuspüren, ist vergeblich und bestraft 
sich bei jedem Versuche. 

Aus dem Wechsel, aus der Unsicherheit der Theorieen sollte 
oft die Abneigung gegen sie gerechtfertigt werden. Wer die Be- 
deutung der Theorie in physischen Wissenschaften erkannt hat, 
kann auf ihre Unbeständigkeit keinen Vorwurf gründen. Auch ist 
es nur der Systematiker, der starr an seiner Theorie festhält und 
dem sie schadet. Wer in der Theorie nur den geistigen Aus- 
druk für die Thatsache sieht, lässt jene bereitwillig fallen , sobald 
die Thatsachen eine andere Gestalt annehmen , oder ein Fehlschluss 
in der Theorie aufgewiesen wird. Um aber solche Fehlschlüsse 



VII 



zu vermeiden , ist es stets nöthig , an gewisse Principien der ra- 
tionellen Naturanschauung zu erinnern und darum habe ich dieser 
Abhandlung das Capitel über die Standpunkte vorangeschikt , ein 
Capitel , das zwar keine neue und nie gehörte Verhältnisse bespricht, 
wohl aber Verhältnisse, auf die nicht oft genug hingewiesen wer- 
den kann. 

Die Besprechung der humoralpathologischen Thatsachen und 
Ansichten hat mich mitten in die lebhafte Bewegung versezt, die 
in jüngster Zeit die organische Chemie beseelt. Obgleich nicht 
Chemiker vom Fach, habe ich geglaubt, die uns von den Chemi- 
kern gelieferten Data prüfen zu dürfen und zu müssen. Die 
Chemie hat sich seit wenigen Jahren vorgesezt, thätig in die Streit- 
fragen der Medicin einzugreifen; sie ist, wenigstens zum Theil, 
dabei angriffsweise verfahren, und hat uns nicht nur ihre That- 
sachen geboten, sondern auch ihre Ansichten aufdringen wollen» 
Jene zu prüfen, ist nicht die Sache des Arztes: wir müssen die 
Analysen der Chemiker, sofern sie auf die rechte Weise angestellt 
sind, auf Treu und Glauben vorderhand hinnehmen; wir können 
ihnen nicht nachexperimentiren , wir müssen vielmehr geduldig er- 
warten, ob sie von chemischer Seite selbst Bestätigung oder Wi- 
derlegung erhalten. Anders ist es mit den Anwendungen der 
Thatsachen und mit den Theorieen , die aus ihnen gefolgert wer- 
den. Hier sind die Aerzte die competenten Richter, hier haben 
wir zu beurtheilen, ob die verkündeten Theorieen den pathologi- 
schen Erscheinungen entsprechen; und nach meiner Ansicht sind 
wir Aerzte nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, sie zu prü- 
fen und über sie ein Urtheil uns zu bilden , und zwar jezt schon, 
troz der Neuheit der Sache. Es kann nicht fehlen, dass bei 
dem Conflicte, in welchen beide Wissenschaften hiebei gerathen, 
das Recht nicht immer auf Seiten der Einen ist und dass der 
verschiedene Standpunkt beim ersten Zusammentreffen der gegen- 
seitigen Verständigung nicht günstig sein muss. Aber wie uns 
jede Belehrung von chemischer Seite erfreulich ist, so muss auch 
den Chemikern , die , gewiss zum grossen Nuzen der Medicin, 
den Conflict provoeirt haben, wenn anders ihnen an Wahrheit 



VIII 



liegt, die Zurükweisung etwaiger Illusionen willkommener sein, 
als der blinde Enthusiasmus , der jeden Ausspruch einer fremden 
Wissenschaft als eine unantastbare Autorität acceptirt. 

Mir wenigstens, obwohl ich weiss, dass ich durch die im 
Folgenden geäusserten Ansichten in directesten Widerspruch mit 
geläufig werdenden und zum Theil gewordenen Ueherzeugungen 
trete, wird es Freude machen, damit die Kritik herausgefordert 
zu nahen ; denn mögen meine Ansichten zulezt durchdringen , oder 
mag ich eines Bessern belehrt werden, so kann ich dabei nur 
gewinnen. 

Den lezten Abschnitt, der in verschiedenen Werken zerstreute 
und zum Theil weniger zugängliche analytische Angaben mittheilt, 
glaubte ich zur Bequemlichkeit des Lesers beifügen zu müssen. 

Tübingen, den 15. Januar 1845. 



tävfitv 3t b f d) n t 1 1. 



Wunderlich, Path. d. Bluts. 



Zur vorurteilsfreien Betrachtung natürlicher Gegenstände 
genügt nicht das naive, sinnliche Wahrnehmen derselben. 
Unsere Sinne sind nicht frei, sie sind nicht ohne Weiteres 
einer objectiven Beobachtung fähig : sie sind beherrscht von 
dem Character der vorhandenen geistigen Bildung, von der 
Summe der früher aufgenommenen und verarbeiteten Ein- 
drücke. Was wir sehen und hören , formt sich unwillkühr- 
lich und uns unbewusst nach dem innerlich eigenen Typus. 

Jedes Wissen von der Natur muss sich auf Erfahrung 
stüzen können; es ist gleichgiltig , ob es von ihr ausgehe; 
nur dass es mit ihr übereinstimme, muss gefordert 
werden; nur dass nicht vom aprioristischen Sätzen aus Exi- 
stenzen, Verhältnisse, Vorgänge der Natur aufgemuthet wer- 
den , von denen der objective , sinnliche Nachweis nicht 
geliefert ist oder nicht geliefert werden kann, muss verlangt 
werden. Auch Hypothesen sind in einer empirischen Wissen- 
schaft nicht ausgeschlossen, sie sind sogar unumgänglich: 
sie geben der Beobachtung eine bewusstere Richtung, nur 
muss man wissen , wo jene anfangen und diese aufhört. 
Geistreiche und gedankenlose Empiriker haben die Theorie 
und den Antheil der Speculation an der Ausbildung der 
Erfahrungswissenschaften zurückgewiesen und verachtet: sie 
wollten den reinen Empirismus zum System machen. Aber 

1 * 



es gibt keine reine Erfahrung ; der ganze Gang unsers gei- 
stigen Werdens bringt es mit sich, dass der, wie man sagt, 
erfahrungsmässige Vorralh von Anschauungen und Ueber- 
zeugungen ebenso gut aus Trug und irrthümlicher Voraus- 
sezung bestehen kann, als aus wirklich Factischem , und nur 
ein nachträglicher mit Bewusstsein vorgenommener Process 
der Reinigung kann das Letztere von dem Erstem läutern. 
Jedes einzelne Individuum muss im Kleinen dieselbe Re- 
volution überstehen, die die Geschichte des allgemeinen 
Wissens ist. 

In der Medicin, wie in allen Naturwissenschaften, die 
sich über eine nakte Beschreibung äusserlicher, unvermittel- 
ter Merkmale der Dinge erheben wollen , sind die Erfahrungen 
nicht ohne Weiteres da und gegeben. Wir sehen , wie trozdem 
dass mehr als zweitausend Jahre in unserm Fache Erfahrungen 
gemacht werden, nur wenig sichre rein empirische Wahr- 
heiten in unserm Wissen vorhanden sind, und diese wenigen 
gehören meist der allerneusten Zeit und complicirten und 
künstlichen Verfahren, wie dem statistischen und dem analy- 
tischen an. Wir sehen, dass troz der stets bereiten Berufung 
auf die Erfahrung die Resultate der „erfahrenen Practiker" 
in allen Punkten aus einander weichen, und die „Autoritäten" 
sich unvereinigbar gegenüber stehen. Wir lernen daher eben 
aus Erfahrung, dass die Erfahrung allein nicht die Grundlage 
unsres Wissens sein darf, wenn dieses nicht nach allen Seiten 
auseinanderfallen soll. , 

Jeder Arzt denkt nur mit Betrübniss an die Zeiten zu- 
rück , wo die Naturphilosophie in Deutschland die Functionen 
der Organe erfand, den Theilen des Körpers den Plus- und 
Minuspol austheilte, und über die Kräfte der Arzneimittel 
entschied, an die Zeiten mit einem Worte, wo die Natur- 
philosophie der Aerzte Profession und Aushängeschild war. 
Der Unfug von damals wirkt noch heute nach und hat im 
Verein mit den nüchterneren und resultatenreichen Arbeiten 
des Auslands, besonders der französischen Schule, auch bei 



uns die Theorie in Miscredit gebracht. Allein es war ein 
vergebliches Protestiren. Die Speculation, ausgewiesen aus 
dem Laboratorium des Chemikers, geringgeschätzt über Yivi- 
sectionen und Leichenöffnungen , verdächtigt vom Physiker 
und Arzte, drängte sich nichts desto weniger unvermerklich 
in jede kleinste Frage, gab den Untersuchungen ihre Rich- 
tung, und hat, während man sie besiegt zu haben wähnte, 
die heutige Gestalt der Naturforschung bestimmt. 

Nicht nur, dass wir denken, bei aller Erfahrungstendenz 
in jedem Momente speculiren, sind wir gezwungen : sondern 
es müssen diese Naturwissenschaften , die so stolz sein möch- 
ten auf ihre vermeinte Ohjectivität, wider Wissen und Wollen 
der jeweiligen Ideenrichtung folgen, welche die Zeit beherrscht. 
Und es ist ein Glück für die Empirie, dass sie es muss. 
Der Einfluss ist ein weniger unmittelbarer geworden: wir 
lassen uns nicht mehr von den Philosophen mit einer fertigen 
Natur beschenken ; wir sprechen nicht mehr den Jargon einer 
Schule: aber die Grundanschauungen, die die heutige ratio- 
nelle Medicin bezeichnen, die Yoraussezungslosigkeit , die 
ihr Ziel ist, und die Geseze der Kritik, mit denen sie es 
verfolgt : sie sind geliehen von dem philosophischen Geiste 
unsrer Zeit , sie wären unmöglich , wenn nicht die heutige 
Medicin an ihm einen unsichtbaren Leiter hätte. 

Man hat zu allen Zeiten Erfahrungen gemacht, man fängt 
erst — Dank den eben besprochenen Verhältnissen — seit 
kurzem an, zu beobachten. Es gehört ein gewisser Grad 
der Bildung und des Urtheils dazu, um zu dieser Operation die 
Fähigkeit zu erlangen. Es müssen gewisse Voraussezungen 
hinweggeräumt sein , ehe man die Natur fragen und ihre Ant- 
worten verstehen lernt. Die Art der Auffassung und Beur- 
theilung des Thatsächlichen im Allgemeinen hängt vor allem 
von dem Standpunkte ab, auf dem der Wahrnehmende steht, 
Ein richtiger und mit Bewusstsein festgehaltner Standpunkt 
macht gewisse Fehler unmöglich, und wenn er auch nicht 
vor jedem Irrthum schüzt, so bereitet er doch den Rückzug 



vom Irrthume vor, und gibt sicherere Garantieen, als die 
Erfahrungen eines Menschenalters. 

So ist es nicht nur ein historisches Interesse, die Stand- 
punkte sich klar zu machen, durch welche die medicinische 
Wissenschaft sich durchentwickelt und durchgekämpft hat. 
Vielmehr wird gerade dadurch die Aufgabe der jezigen Heil- 
kunde ins Licht gesezt , und über alle heutzutage in ihr be- 
merklichen Richtungen abgeurtheilt; denn es trifft sich immer 
und in jeder Wissenschaft, dass die verschiedenen Phasen, 
welche die Entwicklungsgeschichte durchlaufen hat, auch neben 
einander bestehen. An dem historisch errungenen Standpunkt 
nimmt nicht sogleich die Masse Theil; vielmehr hängt sie 
aus Gewohnheit, aus Respect oder Gedankenlosigkeit vielfach 
noch auf jenen, welche die Wissenschaft längst hinter sich 
hat. Und so treffen wir auch heutigen Tages noch, wohin 
wir blicken , die lebendigen Repräsentanten für alle Perioden 
der Vergangenheit. 



Der erste , am längsten festgehaltne Standpunkt in der 
Medicin war der Symptomatische. Er musste es der 
Natur der Sache nach sein. Der Heilkünstler der alten Zeit, 
ohne Kenntniss von dem Bau des Leibes und den Functionen 
seiner Theile, ohne Ahnung von dem innern Hergange im 
kranken Körper, ihren Gründen und Verbindungen, ohne 
Mittel, das den Sinnen Entzogene seiner Betrachtung zu unter- 
werfen, war an das Krankenbett gestellt, und sollte nun heilen, 
was sein Patient klagte, sollte diesen Schmerz lindern, jene 
Beschwerde heben, hier eine Function herstellen, dort eine 
übermässige Functionsausübung beschränken. Uneingeweiht 
in alle Geheimnisse des innern Haushalts des Körpers konnte 
er nicht wissen , wie solche äussre Phänomene die nolhwen- 
dige Folge innerer Veränderungen sind : jene erschienen ihm 
als sein einziges Erfahrungs- und Heilobject , erschienen ihm 



als die Krankheit. Der symptomatische Arzt musste entweder 
jedes einzelne Symptom für sich auffassen, und für jedes 
einzelne ein eignes Mittel zur Hand haben : so sehen wir in 
den alten Systemen den Husten und das Blutspeien, den 
Durchfall und die Verstopfung, das schwierige Schlucken und 
das schwierige Harnen als besondre Krankheitsspecies aufge- 
führt und Recepte dafür empfohlen ; oder er fasste — und 
diess war schon ein Schritt zur Wissenschaftlichkeit — die 
sämmtlichen an einem Kranken gleichzeitig und successiv be- 
merkbaren Symptome zusammen und nannte diesen Complex 
eine Krankheit: so erhielten wir die Species : Fieber, Gicht, 
Scorbut, Wassersucht, Schwindsucht u. s. w. Es war hier 
schon der innere und nothwendige Zusammenhang zwischen 
den Erscheinungen geahnt; freilich fehlte überall noch das 
unsichtbare Band, das die Phänomene in ihrem Flusse zu- 
sammenhält, und man hatte kein anderes Kriterium für das 
Zusammengehören, als das Zusammensein. Es hing 
daher vom Zufalle ab , ob die Symptomengruppen , welche 
die symptomatische Medicin für Krankheits-Einheiten erklärte, 
natürliche oder unnatürliche waren, und man durfte schon 
a priori mit Gewissheit erwarten , dass sie der Mehrzahl nach 
illusorisch und Unnatur waren. Selbst bei den am glück- 
lichsten gefundenen Zusammenstellungen konnte es nicht feh- 
len , dass das Unwesentlichste für wesentlich, Phänomene von 
secundärem und noch untergeordneterem Werthe für die wich- 
tigsten und maassgebenden angesehen wurden ; und so musste 
es kommen, dass die alte Medicin eine Nosologie zusammen- 
bekam, deren einzelne Species einem bessern Verständniss 
theils nur als isolirte und abgerissene Symptome , theils als 
unnatürliche Aggregate sich fremder Phänomene erscheinen 
durften. 

Die symptomatische Medicin hat kein andres Hilfsmittel, 
als die subjective Erfahrung der Einzelnen , also die Autorität. 
Da sie sich gar nicht die Aufgabe stellen konnte , das im Zu- 
sammenhang zu betrachten, was in einer nothwendigen innern 



8 



Verbindung steht, sondern nur das, was man zusammen ge- 
sehen hatte, so musste jede neue abweichende Erfahrung 
die alteren Lügen strafen, oder musste zu den vorhande- 
nen Krankheiten eine neue zuführen. So mehrten sich die 
Krankheiten ins Endlose, und es wurde nöthig, sie in ein 
System zu bringen. Das symptomatisch-nosologische System, 
d. h. die Anordnung von Krankheitsspecies nach den äussern 
Merkmalen, nach den Aehnlichkeiten dieser Merkmale (z.B. 
Sauvages , Cullen) war die Spitze dieses Standpunkts. Mit 
ihrer Erreichung musste auch das Unpractische , Unbrauchbare 
und Unnatürliche der Methode in die Augen springen und 
die Rückkehr von ihr war vorbereitet. Diese Rückkehr ge- 
schah nur langsam: denn sie wurde anfangs nur nach prac- 
tischem Tacte gesucht. Der practische Tact merkte, dass 
etwas faul war in dem Treiben der Wissenschaft, dass er 
die Wissenschaft, wie sie war, nicht brauchen konnte, dass 
ihn diese zahllosen Species mit ihren Definitionen und pathog- 
nomonischen Symptomen eher hinderte, als förderte; allein 
er konnte nicht zur Einsicht in den Kern des Uebels kom- 
men, und wusste nicht zu helfen, als nach unklarem Ge- 
fühle, nach Instinct. So sehen wir die practischen Köpfe 
die damalige schulgerechte Systematik wieder verlassen ; allein 
irre geworden durch den Widerstreit und den Widersinn der 
Autoritäten und doch ohne einsichtliche Motive zu ihrer 
Opposition trauten sie hinfort nur der eigenen Erfahrung und 
hätten gerne die eigene Autorität an die Stelle der verwor- 
fenen gesezt. So kamen auch sie aus der symptomatisch- 
empirischen Methode nicht heraus, wenn sie auch von deren 
ärgstem Missbrauch sich frei erhielten; denn subjective Er- 
fahrung ist die Grundlage des symptomatischen Standpunkts; 
subjective Autorität sein einziges Gesez. 

Von Hippocrates bis auf unsere Zeit hat man in dieser 
symptomatischen Weise Erfahrungen gemacht, Krankheiten 
aufgestellt und curirt. Man hat desshalb diese Methode in 
dem Wahne, sie dadurch auszuzeichnen, die hippocratische 



genannt und selbst in neuster Zeit einen absichtlichen Rück- 
fall zu ihr gefordert. Für Hippocrates und die alte Zeit war 
sie die einzig vernünftige, weil die einzig mögliche: für 
unsre Zeit, wo man den Znsammenhang der Erscheinungen 
erkennen kann, wenn man nur will, ist sie eine Schmach. 

Auch die symptomatischen Pathologen haben theoretisirt, 
theoretisiren noch und sie sind gerade am wenigsten wählig 
in ihren Theoremen. Allein die Theorieen der symptomati- 
schen Medicin waren für sie selbst nur etwas ganz äusser- 
liches: sie hängten ihr nur an, bald wie ein Zierrath, bald 
wie eine Last. Nachdem die symptomatische Nosologie die 
Symptome ihrer Krankheiten hergezählt hatte, meinte sie, 
auch einen Abschnitt der Theorie schuldig zu sein, und liess 
ein Capitel von dem „Wesen" der Entzündung, von dem 
„Wesen" des Nervenfiebers oder Rothlaufs folgen. Schon 
der Ausdruck zeigt uns den Abgrund von Missverständnissen, 
in dem sie sich bewegte. Das Wesen ist die Sache selbst, 
eine geordnete Darstellung und Entwicklung eines Gegen- 
standes nach seinen Ursachen und Beziehungen macht eine 
besondre Erörterung seines Wesens ganz unnöthig, ja die 
letztere könnte nichts weitres thun als die hauptsächlichsten 
Momente ; auf die es ankommt, herausheben. Aber die 
symptomatische Medicin , indem sie die Armuth und unver- 
mittelte Lückenhaftigkeit ihrer symptomatischen Beschreibun- 
gen fühlte, suchte die fehlende Befriedigung in Erörterungen, 
die über dem Kreis der Forschung liegen , sie schraubte sich 
zum Transscendenten , weil das Factische , das sie besass, ihr 
selbst zu fragmentarisch erschien. Alle diese Untersuchungen 
über das „Wesen" sind desshalb hohle Phrasenaggregate ge- 
blieben, oder es flüchtete sich darin die Phantasie in boden- 
lose Hypothesen, um im Taumel eitler Träumereien die 
Magerkeit, Sterilität und Gebrechlicheit ihres factischen Ma- 
terials zu vergessen. 

Alle Theorien im Sinne der symptomatischen Medicin 
waren Lükenbüsser, Spiele des Witzes, oder Versuche, an 



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die Stelle der undurchdringlichen Natur eine, wie sie etwa 
sein könnte, zu sezen. Man fragte nicht, auf welche 
Weise ein bestimmtes pathologisches Ereigniss zu Stande 
kommen kann und muss: man konnte nicht so fragen; 
denn alle Ereignisse waren isolirt, und ihre Vorläufer, so 
gut wie die Verhältnisse, unter denen sie auftraten , gänzlich 
unbekannt. Man konnte nicht fragen, wie eine veränderte 
Ausleerung zu stände komme, so lange man nicht den Zu- 
stand der Eingeweide kannte , von denen die abnorme Ex- 
cretion abhängt. Man konnte nicht fragen, woher die ver- 
mehrte Wärme bei der Entzündung und dem Fieber entsteht, 
ehe man wusste, was überhaupt die Bedingungen der Wärme- 
bildung, und wie sie im thierischen Organismus realisirt sind. 

Daher besteht die alte Theorie nirgends darin, dass sie 
den Processen nachgeht, sie in ihrem Hergange verfolgt und 
in ihrer Noth wendigkeit zu begreifen sucht, sondern 
überall nur darin, dass aus gewissen oft entfernten Aehn- 
lichkeiten der gesunden und kranken Erscheinungen mit den 
Erscheinungen der übrigen Natur die bekannten oder geglaub- 
ten oder erdichteten Ursachen der letztern auf jene über- 
tragen oder für sie auch analoge Ursachen erfunden wurden. 

So werden uns die zum Theile so wunderlichen Hypo- 
thesen unsrer Vorgänger begreiflich, Hypothesen, so absurd, 
dass es kaum glaublich ist, wie sie in einem gesunden 
Gehirne entstehen konnten: Jene Theorien vom Aufbrausen 
und Gähren der Säfte, von der Fäulniss des Bluts, von der 
Säurebildung und Alcalescenz bei Krankheiten, wo auch nicht 
der kleinste Versuch gemacht wurde , die chemischen Ver- 
hältnisse objectiv kennen zu lernen ; jene Träume vom Ueber- 
wiegen des Schwefels, des Mercurs oder Salzes; jene Hypo- 
thesen von der Schärfe der Fluida, der Verstopfung der 
Canäle, der schleimigen Beschaffenheit des Blutes, lauter 
Vergleichungen mit physikalischen und chemischen Verhält- 
nissen, zu denen weit nicht auch nur die kleinste Unter- 
suchung , der wohlfeilste Schluss geführt hatte, sondern welche 



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die Phantasie als Lükenbüsser sich schuf, um in die trok- 
nen Erfahrungsresultate einen scheinbaren Zusammenhang zu 
bringen. Es waren nicht die schlechtesten Männer, die sich 
mit solchen kindischen Spielereien befassten. Es waren zum 
Theil feine Empiriker, vielerfahrene Aerzte, ein Boerhaave, 
ein Sydenham, ein van Swieten , deren ganze Gedankenord- 
nung durch diesen sinnlosen Unfug verdorben wurde. Die 
Schuld lag nicht an ihnen, sie lag an dem Standpunkt, und 
gerade die lebhaftesten Geister fühlten sich am meisten hin 
gedrängt, die Steppen im Gebiete ihrer Erfahrung durch die 
Fülle ihrer Phantasie zu bevölkern. Denn alles empirische 
Wissen ist langweilig und genügt dem Geiste nicht, als bis 
es durch die Idee belebt und in ihm die Gesezmässigkeit 
aufgewiesen ist. 

Ebenso wird es erklärlich , wie in einem mystischen 
und an abergläubische Vorstellungen gewöhnten Zeitalter die 
Symptomengruppen und einzelne Vorgänge im Kranksein 
personifizirt und sie als die Aeusserungen unsichtbarer 
Kräfte und Mächte, als der Leib dämonischer Existenzen 
gedacht werden konnten: bald als Unbilden eines bösen Ge- 
nius gegen den Menschen ausgeübt, bald als ein Kampf des 
personificirten Lebens gegen die Eingriffe der sinnlichen und 
übersinnlichen Aussenwelt. Der Sprachgebrauch, der im 
Interesse der plastischeren Vorstellung Zustände und Ereig- 
nisse als Subjecte zu benennen pflegt, kam diesem Irrthum 
noch zu Hilfe; und die Phantasie erhielt ein weites Feld. 
„Die Krankheit," „der Typhus," „die Pesth," „die Schwind- 
sucht" u. s. w. erlangte so eine gewisse Art von Persönlich- 
keit, die bald mehr bildlich und conventionell gemeint, bald 
ernsthaft geglaubt wurde. Der Organismus erhielt ebenso 
seine gespensterhaften Vertheidiger. Die Geister van Hel- 
mont's und die Seele Stahl's waren die künstlichsten Mach- 
werke dieser mystischen Tendenz und die Naturheilkraft, die 
man zu allen Zeiten hervorholte , um den natürlichen Ueber- 
gang krankhafter Zustände in normale durch einen transcen- 



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denten Ausdruck zu vermitteln, während man ihn nur damit ver- 
dunkelte und dem Verständniss entzog, diese Naturheilkraft war 
nur ein milderes Wort für dieselbe Anschauungsart. In unsrer 
Zeit, wo man materialistischer gesinnt ist, hat man an die Stelle 
der körperlosen Geister die imaginären Körper der Parasiten 
gesezt, die durch ihr Fortwuchern im Organismus diesen 
durchwühlen sollen, wie man sich vorstellt, dass die Wür- 
mer ein Cadaver benagen. Die Grundansicht ist dieselbe 
geblieben, sie hat nur die Worte gewechselt und sich pal- 
pabler gemacht, um weniger unausstehlich zu sein. Nirgends 
wurde durch alle diese Vorstellungen ein wirkliches Begreifen, 
eine Einsicht in den Fluss der Erscheinungen hergestellt. 
Immer genügte sie nur demselben Bedürfnisse , das die Aeols- 
sage braucht , um den Wind zu erklären , und durch die 
Donnerkeule die Berge erschüttern lässt, 

In engster Verbindung damit sind die teleologischen 
Vorurtheile, die aus allen Theorieen der symptomatischen 
Medicin hervorschauen. Der Verstand , der nicht fassen kann, 
dass die Ereignisse darum geschehen , weil andere Ereignisse 
ihnen vorangegangen sind , verlegt die Ursache, die er doch 
haben muss, in die Zukunft, schiebt dem Vorfall statt 
einer Ursache, einen Zweck unter. So sollte die Krankheit 
bald im Allgemeinen nur für den Zweck der Epuration des 
Körpers entstehen, bald sollten einzelne Erscheinungen und 
Symptomencomplexe: das Fieber, die Entzündung, die 
Ausleerung ausdrücklich in der Absicht angeordnet sein, um 
den Körper von eingedrungenen Feinden zu retten. Das 
sind Ansichten, die noch heut zu Tage aller Orten gelehrt 
werden, Ansichten, die nur auf dem beschränkten Stand- 
punkte möglich sind , wie ihn die symptomatische Medicin 
hat. Man konnte auf diesem nicht bis zur Einsicht gelangen, 
dass die letzten Resultate: Tod oder Genesung nur die letzten 
nothwendigen Folgen der gesammten Geschichte der voran- 
gegangenen Ereignisse sind. 

Mit Recht betrachtet man als sichersten Maasstab der 



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ärztlichen Intelligenz des Einzelnen , wie der einer Schule 
oder eines wissenschaftlichen Standpunkts die practischen 
Resultate , zu denen sie führt , den Einfluss auf das thera- 
peutische Handeln, den sie ausübt. Die einseitigen Behand- 
lungsmethoden waren es fast immer und zuerst, wodurch 
die Systeme ihren Untergang sich vorbereiteten. (Brown, 
Rasori und Broussais.) Die Therapie der symptomatischen 
Medicin ist ohne Principien. Richtet sie sich nach den theo- 
retischen Vorstellungen, so bewegt sie sich in einem boden- 
losen Gewebe von Illusionen. Bleibt sie frei von jenem Ein- 
flüsse, so hat sie nur die nakte Empirie, an die sie sich 
halten kann. Bei Widersprüchen in letzterer fallen alle An- 
haltspunkte, sie zu lösen, weg. Auch der rationelle Arzt ist 
häufig genug veranlasst, empirisch und ohne über die Gründe 
sich Rechenschaft geben zu können, zu verfahren. Allein der 
Unterschied zwischen beiden Standpunkten ist der, dass für 
jenen einzige Richtschnur ist, was diesem als ein trauriger 
— Nothbehelf erscheint. — 



Die zweite Periode der Medicin beginnt mit den eifrigen 
Beschreibungen der anatomischen Verhältnisse in Krankheiten. 
Das anatomisch descriptive Studium der Leichen war der 
erste Schritt aus dem symptomatischen Standpunkte heraus. 
Es führte zunächst zu einer genaueren Untersuchung der 
Veränderungen innerhalb des Körpers, Veränderungen von einer 
Ausdehnung und Bedeutung , die das oberflächliche Ansehen 
der Kranken niemals hätte vermuthen lassen. So kam es bald 
dahin, dass diese innere Veränderungen als das Wesentliche, 
als das, worin vorzüglich die Gefahr liegt, betrachtet wurden. 

Es war eine natürliche Consequenz, dass hienach der 
Begriff der Krankheit sich änderte. Statt eines äusserlich 
aufgefassten Symptomencomplexes wurde die Krankheit nun 
eine anatomische Läsion. Die Namen der Krankheiten, die 
Classificationen derselben richteten sich von selbst nach die- 



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ser veränderten Anschauung und fingen an, statt auf Symp- 
tome auf Organe sich zu beziehen. Als Grundlage der Be- 
schreibung der Krankheiten erschienen jetzt die anatomischen 
Veränderungen. Da nun aber diese neuen Krankheitsspecies 
fast nirgends mit den alten zusammen fallen wollten, da 
mehrere der früher anerkannten Krankheiten keiner anato- 
mischen Läsion entsprachen, so war die natürliche Folge, 
dass man im emsigen Forschen nach anatomischen Verhält- 
nissen Zustände und Erscheinungen, für die man kein ma- 
terielles Substrat zu finden vermochte, mehr vernachlässigte 
und übersah, während dagegen solche, denen die anatomische 
Betrachtung eine überraschend neue Seite abgewinnen konnte, 
oder die durch sie erst zur Kenntniss kamen , der Gegen- 
stand der allseitigen Vorliebe wurden. Bei der nothwen- 
digen Confusion , welche durch diese Reform, des Inhalts, der 
ganzen Anordnung und Ansicht der Pathologie herbeigeführt 
wurde, war die ganze frühere Semiotik in Frage gestellt 
und unbrauchbar geworden, und es galt, neue Symptome 
für die nach anatomischen Verhältnissen aufgestellte Krank- 
heiten zu finden, die schon bekannten aber nach dem neuen 
Maasstabe zu prüfen. Bei diesem Streben wurden eine Menge 
neuer Zeichen erhalten, die Methoden der Untersuchung 
vervielfältigt, genauer, umständlicher; es wurde das statistische 
Verfahren eingeführt, anfangs um Sicherheit in die semioti- 
schen Erfahrungen zu bringen, später, um auch über andere, 
über ätiologische und therapeutische Fragen zu entscheiden. 
Ganz sicher sind durch diese, bekanntlich von der französi- 
schen Schule ausgegangenen Untersuchungen zahlreiche po- 
sitive und negative Resultate von ungemeiner Wichtigkeit ge- 
wonnen worden. Das ganze Verfahren, indem es sich auf 
materielle Verhältnisse beschränkte und streng an Zahlen sich 
hielt, hatte den Schein einer unfehlbaren Objectivität und 
einer unübertreffbaren Exactheit. 

Indem die pathologisch-anatomische Schule fast alle blos 
auf äusserliche Aehnlichkeiten basirte Krankheitsbilder verwarf, 



15 



sezte sie rasch eine ganz neue Wissenschaft, deren Realität 
man mit dem Messer prüfen und mit dem Finger tasten 
konnte, an ihre Stelle. Sie veränderte die ganze Methode 
der Beobachtung. Während man früher vor allem auf die- 
jenigen Zeichen Rücksicht genommen hatte, welche den all- 
gemeinen Zustand des Kranken anzeigen, richtete sich jezt 
die Beobachtung mehr auf locale Erscheinungen, Das Rai- 
sonnement über das Beobachtete drehte sich nicht um die 
Lebenskräfte im Allgemeinen, sondern bezog sich auf den 
Zustand palpabler, sichtbarer, mit einem Wort anatomischer 
Veränderungen. Damit zusammenhängend war die Tendenz 
zu einer möglichst genau detallirten, immer nur durch die un- 
mittelbare Beobachtung geleiteten Erforschung der Thatsachen, 
sowohl der Veränderungen, die der Lebende darbietet, als 
derer im Leichnam, und die Furcht, im Raisonnement irgend 
über das Gebiet des Thatsächlichen hinauszugehen. Die Vor- 
sicht im Raisonnement , welche diese Periode characterisirt, 
hat zwar den ungeschminkten Thatsachen ihr Recht wider- 
fahren lassen: sie hat aber auch zu einer gewissen Armuth 
an Ideen geführt. Die descriptiv anatomische Schule war der 
Höhepunkt des Empirismus : aber es war nicht wie früher 
die Erfahrung des Einzelnen, die Geltung hatte, sondern 
die Gesammterfahrung , die Erfahrung der Wissenschaft. 

Indessen lagen in der Methode dieses Standpunkts , der 
so schroff gegen die alten symptomatischen Schulen zu con- 
trastiren schien, dennoch Elemente genug, welche von diesen 
entlehnt der Ausgangspunkt für manche Missgriffe und Ver- 
irrungen wurden. Die Schule hatte zwar aus einer Art von 
practischem Instinkt eingesehen, dass die symptomatischen 
Krankheitseinheiten der älteren Medicin der Natur nicht ent- 
sprechen, aber da sie alle höhere wissenschaftliche Erörte- 
rungen hintansezte und verachtete, so war sie sich über das 
Warum , über die Unwissenschaftlichkeit jener Einheiten nicht 
zum klaren Bewusstsein gekommen. Sie liess zwar die alten 
Species fallen, allein nur um andere nach ihrem Standpunkte 



16 



aufzustellen. In ihrem Streben nach möglichster Objectivität 
und nach genauem Anschlüsse an die Facta vernachlässigte sie 
die Deutung der Krankheitserscheinungen fast ganz. In den 
Epikrisen der besten Schriftsteller dieser Schule wird an eine 
physiologische Erörterung der Phänomene kaum gedacht. Alle 
Erscheinungen, deren Ursachen nicht unmittelbar mit dem 
Messer nachgewiesen werden können, werden hintangesezt, 
oder werden sie nach einer statistischen Berechnung an palpable 
Veränderungen gebunden , mit denen sie nur in einem ent- 
fernten Zusammenhange stehen. Nur in Folge dieses Miss- 
verständnisses konnte es kommen, dass selbst Broussais, 
trozdem dass er klarer dachte , als die anatomischen Patho- 
logen, alle Fieber für Gastroenteriten erklärte, oder dass 
Bouillaud sie von der Röthe der Aorta ableitete, oder dass 
Louis auf statistischem Wege die Antwort suchte , ob das 
Delirium von einer anatomischen Läsion des Magens abhänge 
oder nicht. — Der Schmerz, die Lähmung, die Verhältnisse 
der thierischen Wärme in Krankheiten , die Bedingungen der 
Pulsveränderungen, die Fiebererscheinungen, all das wurde 
ganz hintangesezt , bei der Diagnose wenig berücksichtigt und 
fast immer nur mit einem allgemeinen Ausdrucke abgemacht. 
Selbst in der Diagnostik, in welcher diese Schule so viel 
Material lieferte, hat sie aus demselben wegen der Mangel- 
haftigkeit des theoretischen Bewusstseins viel weniger gelei- 
stet, als es den Schein hat, und als sie hätte können. Auch 
hier hat sie in der vorherrschenden Tendenz, die Gesammt- 
krankheit und alle ihre Symptome auf Ein Organ zu locali- 
siren, die Bedeutung der Zeichen verkannt und ihr empiri- 
sches Vorkommen zur wesentlichsten Richtschnur genommen. 
Die zahlreichen unnöthigen Subtilitäten ihrer Zeichen-Termi- 
nologie wurden eben dadurch eingeführt, dass man meinte, 
durch immer feinere Distinclionen die Genauigkeit der Diag- 
nose steigern zu können, während doch,, so lange die Be- 
dingungen der Phänomene im Groben unbekannt sind, solche 
Verspätungen eher nur den Erfolg haben müssen , Unsicher- 



17 



heit und Täuschung zu vermehren. — Zu Fragen höherer 
Gattung hat sich die descriptiv anatomische Schule fast nie 
verstiegen, und hat sie sogar verachtet. Wo sie sich in der- 
artige Discussionen einliess, tritt in jedem Ausdruke die 
Verwirrung der Begriffe hervor. So ist sie denn auch den 
eigentlichen Processen des Erkrankens und des Genesens nir- 
gends nachgegangen. Sie hat sich mit dem begnügt, was 
die schlichte Betrachtung vorfand. Sie hat es als ein Sein 
angesehen, und nicht als ein Geschehen, das nur dann 
begriffen werden kann, wenn man es in seiner Entwiklung 
auffasst. 

In der Therapie hat die anatomische Schule fast nur 
das negative Verdienst , sie vereinfacht zu haben. Indem sie 
sich nicht auf die Processe einliess, konnte sie auch nicht 
fragen, auf welche Weise diese zur Herstellung des normalen 
Zustandes zu leiten sind. Ihre Indicationen waren nie aus 
einer Individualdiagnose abgeleitet, und sie dem Einzelfalle 
anzupassen, wurde kaum für nöthig erachtet. Wie hätte man 
sonst auf den monströsen Gedanken kommen können, eine 
Reihe von Kranken, bei denen man die gleiche anatomische 
Species voraussezte, ganz ohne Rüksicht auf ihre individuelle 
Verhältnisse, auf die Entwiklungsstufe der anatomischen Läsion 
und auf die sympathischen Affectionen anderer Organe, mit 
einer und derselben Methode zu behandeln? Wie hätte man je 
hoffen können, aus solchen therapeutischen Versuchen einen 
irgend gültigen Schluss auf die angewandte Methode ziehen zu 
dürfen? Und doch haben diess die ersten Meister der anatomi- 
schen Schule gethan. — Manche kräftige neue Mittel erhielten 
wir durch die Versuche der anatomischen Schule. Aber fast 
nirgends wurden sie durch eine rationelle Ueberlegung der 
abnormen Verhältnisse eines kranken Individuums ausge- 
sucht: sondern stets verdankte man sie einem oft fast gar 
zu keken Experimentiren. 



Wunderlich, Path. d. Bluts. 



18 



Der dritte Standpunkt» auf den sich die raedicinische 
Naturforschung erhoben hat, ist der physiologische oder der 
rationell -klinische. Auf diesem Standpunkte wird das em- 
pirische Wissen zur Wissenschaft. Es braucht kaum bemerkt 
zu werden, dass diese neue Art der Anschauungsweise nicht 
plözlich und ohne Vorgänger, nicht ohne historische Grund- 
lage errungen werden konnte. Vielmehr schliesst sie sich 
genau an die anatomische an und entwikelte sich aus ihr 
heraus. Einzelne Aerzte, vom symptomatischen wie vom 
anatomischen Standpunkte, haben sich mehr oder weniger 
auf den physiologischen zu erheben gewusst ; aber es war 
eine geraume Zeit der Gährung nöthig , bis die Begriffe sich 
läuterten, Unbefangenheit möglich werden, und dadurch die 
wahre Aufgabe der wissenschaftlichen Medicin, und die 
Mittel, ihr zu entsprechen , zum Bewustsein kommen 
konnten. 



Wie JlufgaW tor pl)t)ft0l00tf4)*tt itöbfrmn, twtr Mt JUittel iijr. 
3tt *nt|j>r*4)*tt. 

Das Wesen der physiologischen Bichtung in der Medi- 
cin besteht darin, dass das empirische Material, so heilig 
es ihr ist, sie nicht beruhigt, sondern dass sie strebt, es 
in seinen Gründen und in seinem organischen Zusammen- 
hang aufzufassen und aus den speciellen Thatsachen die 
allgemeine Thatsache, das Gesez zu abstrahiren. Die theo- 
retischen Versuche früherer Zeiten hatten zwar auch zum 
Theil ein ähnliches Ziel; aber sie giengen bald von apho- 
ristischen Voraussezungen aus , und construirten so ihr 
System des Organismus und der Krankheiten willkürlich 
und ohne Kenntniss von dem factischen Hergange} bald 
begnügten sie sich bei den einzelnen Thatsachen mit irgend 



19 



einem subjecliven Meinen, mit einem Einfalle, wie es etwa 
sein könnte, ohne um die Frage nach der logischen Nöthf- 
gung sich zu bekümmern. Es konnte daher die physiolo- 
gische Methode nicht früher möglich werden, als nachdem 
eine genauere Beobachtung ein reiches Material, bis aufs 
feinste Detail verfolgt, geliefert hatte und die Grundsä^e 
der logischen Consequenz zur Anerkennung gekommen waren. 

Die physiologische Medicin kann die Motive ihres 
Raisonnemenls nur aus der Sache selber nehmen, und jede 
Art von Teleologie, jede andere, als logisch nothwendige 
Voraussezungen sind durch sie ausgeschlossen. Im Ein- 
zelnen darf sie zwar mit Fug und Recht den Weg der 
Hypothese betreten, aber sie muss stets aufs Strengste die 
Hypothese von der reinen Thatsache getrennt halten; sie 
darf erstere nur als ein Mittel, den Thatsachen neue Seiten 
abzugewinnen und dem wahren Sachverhalt näher zu kom- 
men , betrachten. 

Die physiologische Richtung kann für ihre Zweke nur 
ein analysirtes Material benüzen. Die Erfahrungen im Gro- 
ben und Grossen gemacht, sind ihr unbrauchbar, denn sie 
verhüllen den innern Zusammenhang, statt ihn aufzuzeigen. 
Sie will die Processe begreifen, die im kranken Körper vor 
sich gehen, und diess kann sie nur, wenn sie sie bis auf 
die Atome gespalten und verfolgt hat. Die planlose Spal- 
tung gibt aber selten Resultate, und es muss bei der Ana- 
lyse schon die Absicht der Wiedervereinigung leiten. 

Das Material für die rationelle Forschung wird von der 
klinischen Erfahrung, von der anatomischen Beobachtung, von 
der chemischen Untersuchung geliefert, für den hiebei rükwärls 
gehenden Calcul gibt die experimentelle und synthetische 
Methode die Probe ab: und die Deutung der Erscheinungen 
kann keine andere Richtschnur haben , als die anerkannten 
physicalischen , chemischen, physiologischen Geseze, ange- 
wandt mit logischer Exactheit. 

Es können für die Erkenntniss des gesunden und des 

2* 



20 



kranken Organismus nur dreierlei Verhältnisse in Betracht 
kommen: die anatomischen Verhältnisse mit ihren physica- 
lischen Consequenzen — die Beschaffenheit und Umsezung 
der Verbindungen der Elemente oder die chemischen Ver- 
hältnisse im Körper — die Erscheinungen, welche durch 
das dem thierischen Organismus eigenthümliche Nerven- 
system vermittelt werden. Wir stüzen uns daher auf Ana- 
tomie , Physik und Chemie , nicht weil diess nüzliche Hilfs- 
wissenschaften sind, sondern weil im Körper chemische 
Vorgänge, anatomische Anordnungen realisirt sind, und 
weil wir anatomische und chemische Verhältnisse nur durch 
Physik und Chemie begreifen können. Wir nehmen die 
Nervenphysiologie zur Basis der Erklärung von Krankheits- 
erscheinungen, weil Phänomene des Nervensystems gar nicht 
anders zu verstehen sind, als im Zusammenhang und im 
Vergleich mit jenen, welche die Physiologie der Nerven 
des gesunden Körpers behandelt. Die physicalisch- anatomi- 
sche, die chemische und die nervenphysiologische Betrach- 
tung sind die drei einzig mögliche Seiten der rationellen 
oder physiologischen Richtung. Jede dieser Seiten ist gleich 
berechtigt, jede gleich nothwendig, jede ohne die andere eine 
Einseitigkeit ; nur im Verein stellen sie das Wesen der 
physiologischen Forschungsweise dar, wie sie das gründliche 
Studium des gesunden so gut, als des kranken Körpers 
erheischt. 

Die Anwendung dieser Forschungsweise auf die Ver- 
hältnisse des kranken Körpers kann freilich nicht anders 
fruchtbringend sein, als wenn eine genaue Kenntniss der 
Thatsachen der Pathologie und eine stete Erneuerung dersel- 
ben im Geiste des Forschers durch tägliche Beschäftigung 
mit der kranken Natur, mit Kranken selbst vorausgesezt 
werden kann. Wenn wir daher Durchdringung der Patholo- 
gie durch Anatomie, Chemie und . Nervenphysiologie ver- 
langen, so ist diess nicht so gemeint, als wollten wir vom 
Anatomen, Chemiker und Physiologen mit einer Pathologie 



21 



uns beschenken lassen. Wir wollen uns nur von diesen 
Wissenschaften die Mittel bieten lassen , um den kranken 
Organismus zu verstehen, der der Siz von anatomischen 
d. h. Gewebs- und Lage- Veränderungen, von chemischen 
Processen und von Actionen des Nervensystems ist, und 
dessen ganzes Wirken und Wesen in diesen Verhältnissen 
besteht. Manche Physiologen , Chemiker und Prosectoren 
sind freilich anderer Ansicht. Man glaubt vielfach von die- 
ser Seite, das Monopol der medicinischen Theorie zu be- 
sizen und nach einem flüchtigen Blik in die medicinische 
Casuistik die Pathologie von Physiologie oder Chemie aus 
construiren zu können, und manche geberden sich ärgerlich, 
wenn ihre Belehrungen von uns mit einiger Vorsicht ent- 
gegengenommen werden. Wir sind dankbar für jeden Auf- 
schluss, den wir von jenen Seiten her erhalten, wir können 
sogar diese Hilfe nicht entbehren , aber die Anwendung 
jener exoterischen Wissenschaften auf medicinische Angele- 
genheiten zu machen oder zu prüfen, steht uns und allein 
uns zu, die wir mitten in diesen Angelegenheiten uns bewegen. 
Der physiologischen Medicin ist vielfacher Schaden daraus 
erwachsen, manches Misstrauen ist gegen sie entsprungen, 
mancher Nuzen dadurch aufgewogen worden, dass sie bis 
jezt ihre Pfleger und Förderer vorzugsweise unter — wenn 
auch noch so trefflichen — Männern gefunden hat, die 
ausserhalb der medicinischen Beobachtung standen und sie 
fast nur vom Hörensagen und aus Büchern kannten. Nicht 
diese Männer will ich damit tadeln ; aber bedauern muss 
man, wo man sie findet, die Illussion, die da wähnt, es 
müsse die medicinische Wissenschaft ihre Reform, die in 
ihrer eigenen Geschichte wurzelt, von aussen her erhalten. 
Betrachten wir die neueste Geschichte der Medicin 
vorurteilsfrei , so muss uns klar werden, dass bereits die 
drei Seiten der rationellen Forschung in der Pathologie nach 
einander und in ziemlich schneller Folge in Behandlung 
gekommen und — möcht ich sagen — Mode geworden 



22 



sind. Erst waren, noch im Zusammenhang mit der descrip- 
tiv anatomischen Schule, die anatomischen Verhältnisse in 
Krankheiten, und die davon abhängigen physicalischen Er- 
scheinungen der Vorwurf eines emsigen Studiums und einer 
scharfsinnigen Revision geworden (manche Franzosen, Sto- 
kes, die Wienerschule,); dann wandte sich die Aufmerk- 
samkeit mit ganz ungewöhnlichem Eifer den pathologischen 
Erscheinungen des Nervensystems zu (Engländer und Deut- 
sche): und in diesem Augenblik sind aller Augen auf die 
Beschaffenheit der flüssigen Bestandteile des Körpers und 
namentlich auf die Resultate gerichtet , welche von der 
Chemie für die pathologische Theorie zu erwarten stehen. 
Wenn wir nicht irren, haben zu lezterem Umschwung — 
während die trefflichen Untersuchungen der jüngst vorange- 
gangenen Periode die Aerzte kalt gelassen hatten — die 
Untersuchungen Andral's und der Geist, der die Gies- 
sener Schule belebt, die Anregung gegeben. 

Nichts war förderlicher für die Entwiklung der einzel- 
nen Seiten der rationellen physio- pathologischen Forschung, 
als diese successive Bearbeitung. Durch jede jener kurzen 
Perioden der neuesten Zeit kam die Wissenschaft um einen 
gewalligen Ruk weiter an thatsächlichem exactem Material, 
wie an Einsicht in die wahre Natur der Verhältnisse. Frei- 
lich ist keine jener Seiten durch die einmalige Bearbeitung 
abgeschlossen, sie sind vielmehr nur geöffnet worden, und 
wie das Studium der Nervenpathologie auf die anatomischen 
Verhältnisse ein Licht zurückgeworfen, so sind auch für 
diese und jene von der chemischen Seite aus Aufklärungen 
zu erwarten , die man vergeblich aus ihnen selbst zu 
schöpfen sich bemüht halte. 



23 



3xt neutxe tytxmotalyafyolfiQu. 

Von den frühesten Zeiten der Medicin an hat man 
in den Säften des Körpers und ihren Abänderungen die 
Ursache und den Grund seiner krankhaften Erscheinungen 
gesucht; und so oft die Kenntniss von den Festtheilen einen 
Schritt vorwärts gethan hat, trat nur um so lebhafter das 
Gefühl der Nichtbefriedigung hervor, richtete sich nur mit 
um so grösseren Wünschen und Hoffnungen die Blike 
wieder auf das Blut und die flüssigen Bestandteile des 
Körpers, die vermöge ihrer Beweglichkeit stets als die ge- 
eignetsten Träger der krankhaften Processe von einem Ort 
zum andern der unbefangenen Vorstellung erscheinen mussten. 

Allein in den verflossenen Zeiten der Medicin ver- 
meinte immer die Phantasie das objective Wissen überflü- 
geln zu dürfen, und gerade die Säfte, deren Wichtigkeit 
jeder ahnte, von deren eigentlichem Verhalten aber bei dem 
unentwikelten Zustande der analytischen Chemie auch nicht 
einmal das Gröbste aufzudeken war, mussten der Gegen- 
stand der keksten und ungezügeltsten Hypothesen werden. 
Es ist nicht unsre Absicht, hier näher auf den Missbrauch 
des Theoretisirens einzugehen, von dem in diesem Gebiete 
jedes Blatt der Geschichte Zeugniss gibt. 

Nachdem die Humoralpathologie durch ein solches Ver- 
fahren in einen nur zu gerechten Miscredit gekommen war, 
und bis vor wenigen Jahren an positivem Gehalte nur we- 
nige, vereinzelte und durch Hypothesen verhüllte Thatsachen 
besessen hatte, neigte sich die Forschung in der neueren 
und neuesten Zeit von mehren Seiten her ihr wieder mit 
grosser Vorliebe zu. Namentlich wurde den humoralen 
Verhältnissen theils auf experimentellem Wege (Gaspard, 
Magen die u. A.) theils von pathologisch - anatomischer 
Seite (Carswell, Piorry, Rokitansky, Engel) theils 
durch chemische Untersuchungen (Andral, viele Chemiker 
vom Fach, mehrere englische Aerzte) näher gerükt. 



24 



Die humoralpathologischen Theorieen haben traurige 
Erfahrungen genug gemacht, und um diese für die Folge 
zu vermeiden, muss man sich erst klar machen, was durch 
die Untersuchung der flüssigen Bestandtheile des Körpers 
erreicht werden kann, und wie es zu erreichen ist. 

Roser in seiner 183 8 erschienenen Dissertation hat 
sehr richtig auseinandergesezt, dass das, was man gewöhn- 
lich Humoralpathologie nennt , eigentlich nicht diesen Namen 
verdient. Er sagt: „man stellt sich dabei das Blut als die 
Ursache der Krankheit, als den Krankheitsreiz oder den 
Träger desselben vor, und es wird zwekmässig sein, diese 
Theorie unter dem Namen Humoralätiologie zu unter- 
scheiden. Es versteht sich von selbst, dass diese Aetiologie 
neben der Ansicht , welche die Nerven als das den ganzen 
Organismus beherrschende System ansieht, im grössten Um- 
fang bestehen kann." Durch Roser's Exposition ist auf 
einen guten Theil der früheren Begriffsverwirrung Licht ge- 
worfen und die richtige Analyse der Erscheinungen erleichtert 
worden: Denn allerdings haben wir die Veränderungen der 
Säfte vorzüglich als die Ursache der Elementarphänomene 
anzusehen; diese Elementarphänomene selbst gehören dem 
Nervensysteme an , hängen von Gewebsveränderungen ab ; 
das Blut gibt nur den Reiz für jenes , das Material für diese 
her; die Elementarphänomene selbst sind an sich die glei- 
chen, ob sie von dieser oder jener Krasis des Bluts ver- 
anlasst sind; nur in ihrer Combination, Ausdehnung, In- 
tensität, Aufeinanderfolge richten sie sich nach der sie ver- 
anlassenden Ursache, also eben nach dem Zustande des Bluts. 
Man wird daher in dieser Hinsicht mit demselben Recht 
die Blutveränderungen in die Aetiologie verweisen dürfen, 
wie man es mit den Verlezungen und Diätfehlern thut. 

Indessen ist doch noch ein anderes Verhältniss in Be- 
tracht zu ziehen. Die humoralen Alterationen sind nicht nur 
Zustände, die einmal gegeben sind und gewisse Abweichungen 
in der Nerventhätigkejt und der Zusammensezung der Gewebe 



25 



hervorrufen ; sondern sie bestehen — wenigstens sehr häufig 
— in einer Reihenfolge chemischer Trennungen und Verbin- 
dungen, kurz in einem chemischen Processe, in welchen auch 
die besondere Art der Ernährung und der Zersezung der 
Festtheile als ein Glied hereintritt. Wir haben kein Recht 
diese Processe, weil sie chemisch sind, aus dem Begriff 
des Krankseins zu eliminiren. Kranksein ist freilich ein 
vager und unwissenschaftlicher Begriff, mit dem man es 
halten kann wie man will, den man einengen und streken 
kann , wie es beliebt. Aber gerade in der Gegenwart , wo 
man so viele Krankheitsformen als physicalische und chemi- 
sche Verhältnisse erkannt hat, kann eine Beschränkung des 
Begriffs von Kranksein auf abnorme vitale Thätigkeiten un- 
möglich gestattet werden. 

Wir erkennen also in den Blutalterationen nicht nur 
verbreitete, innerliche Ursachen und den Grund des innern 
Zusammenhangs von Krankheitserscheinungen, sondern wir 
werden durch die Berüksichtigung seiner Abnormitäten allein 
in Stand gesetzt, die chemischen Processe und viele physica- 
lische Vorgänge , welche die Gesammterkrankung mitconsti- 
tuiren , zu verfolgen und zu beurtheilen. Die Lehre von 
den Veränderungen des Bluts steht somit einerseits der 
Lehre von den Geweben und deren Veränderungen , und 
andrerseits der physiologischen Nervenpathologie gegenüber, 
und aus diesen drei Theilen besteht die gesammte, ratio- 
nelle Pathologie. 



Die Mittel, die Beschaffenheit des Bluts kennen zu 
lernen, sind: die chemische Analyse des Bluts und der 
Excreta; die anatomische Untersuchung des Bluts, der Fest- 
theile und der Exsudate (in der Leiche so gut als bei der 
klinischen Beobachtung) ; und endlich das Experiment, die 
künstliche Hervorbringung von Blutalterationen» 



26 



Die chemische Untersuchung des Bluts hat bis jezt die 
meisten und bestimmtesten Resultate gegeben. Allein man 
muss aus ihnen nur nicht zu viel schliessen wollen. Selbst 
A n d r a 1 wurde durch die ersten frappanten Erfolge sei- 
ner Methode verführt, ihr einen zu grossen Werth beizu- 
legen. Er fand Uebermaas an Blutkügelchen bei Typhus 
und stellte es (was er freilich später wieder zurüknahm) 
als den wahren und wesentlichen Charakter dieser Krank- 
heit auf. Er fand Armuth an Blutkügelchen in der Chlorose 
und nimmt auch hier für das Wesentliche den Blutzustand, 
dem alle functionellen Störungen correspondiren und mit 
dessen Grad die Intensität der Zufälle steigen und fallen 
solle. Diess ist ein Fehler ganz im Sinne des anatomischen 
Standpunkts, welcher immer sucht, den Complex der Er- 
scheinungen auf eine bestimmte materielle Veränderung zu- 
rükzuführen , ohne Rüksichl , ob diese die ausreichende 
Bedingung für die Phänomene abgeben kann. Wenn bei 
Typhus und Variolen die chemische Untersuchung den glei- 
chen Blutzustand findet , so liegt darin eben- der Beweis, 
dass dieser Blutzustand etwas Unwesentliches, Untergeord- 
netes ist : er enthält nicht den ausreichenden Grund für die 
Erscheinungen. 

Die directe chemische Untersuchung verliert noch 
weiter sehr an ihrem Werthe, dass es bis jezt noch nicht 
gelang, das Verhalten, die Bedeutung und die Quantität 
mancher offenbar höchst wichtigen Bestandtheile des Bluts 
genau kennen zu lernen. Ich meine hier die Extractiv- 
stoffe. So lange die Analyse über sie Uns noch keinen 
Aufschluss gibt, bleibt jede Blutpathologie lükenhaft. Selbst 
die bekannteren Bestandtheile des Bluts , das Eiweiss , der 
Faserstoff, die Stoffe der Blutkügelchen, die Salze, das 
Fett sind selbst in ihrem chemischen Verhalten noch viel 
zu zweifelhaft, als dass man heut zu Tag schon von der 
chemischen Analyse eine physiologische Einsicht in ihre Ab- 
änderungen erwarten dürfte. 



27 



Ein grosser Uebelstand für die Richtigkeit der Schlüsse 
aus den gefundenen Resultaten der directen Blutuntersuchung 
rührt ferner von der Art her, wie leztere angestellt wird. 
Es ist fast immer die Meinung zu Grunde gelegen, dass 
die Resultate bei Erkrankungen des gleichen Namens einfach 
zu vergleichen seien; man hat dadurch vergessen, den 
Einfluss der Individualität, der Diät, der angewandten Mit- 
tel , der stattgehabten Exsudationen und Ausleerungen in 
Rechnung zu ziehen: freilich wäre die Rechnung dadurch 
ausserordentlich complicirt geworden und man kann sich 
darum für den Anfang schon gefallen lassen, wenn auf 
die feineren speciellen Verhältnisse des Falls keine Rük- 
sicht genommen wird. Das aber macht viele analytische 
Resultate gänzlich unbrauchbar, dass man sich begnügte, statt 
einer genauen Angabe des Entwiklungsstandes der Krankheit 
und der anatomischen Veränderungen nur einfach eine ab- 
stracte Diagnose (Typhus, Pneumonie, Schleimfieber etc.) zu 
berichten. Die analytischen Untersuchungen so gut, als the- 
rapeutische Empfehlungen können nur dann den rechten 
Werth haben und sind nur dann sicher zu gebrauchen, 
wenn eine nach den Forderungen der Gegenwart mitge- 
theilte Krankengeschichte beigefügt wird. 

Noch vielmehr ist diese Vorsicht bei der Untersuchung 
der Excreta nöthig, indem diese in viel höherem Grade 
der Abweichung durch zufällige Umstände unterworfen sind. 
Nach den Mittheilungen von Adolph Kruckenberg in 
Henle und Pfeufers Zeitschrift III. Band soll der Genuss 
von zwei Unzen Apfelmuss den Harn im Verlauf von einer 
halben bis anderthalb Stunden alkalinisch machen. Der Ge- 
brauch von Tisanen, von pflanzensauren Salzen , die Menge 
der Ausleerungen, die Grösse eines Exsudats, oder die 
Enthaltung von Speisen und Getränken muss einen bedeu- 
tenden Einfluss auf die Beschaffenheit der Secretionen und 
namentlich der des Harns üben. Was kann man da- 
her aus jenen Untersuchungen machen , denen nur eine 



28 



abstracte Diagnose angehängt ist! Die Schlüsse, welche man 
aus solchen Untersuchungen zieht, würden sicher bedeutend 
modificirt werden , wenn auf jene Verhältnisse Rüksicht 
genommen würde. — 

Die anatomische Untersuchung des Bluts und die 
Schlüsse aus dem Verhalten der Festlheile und der Exsu- 
date auf die Beschaffenheit desselben bieten ein zweites 
Mittel für die humoralpathologische Lehre dar. 

Diese Methode wurde längst in Anwendung gebracht, 
allein es konnte aus ihr der rechte Nuzen nicht früher ge- 
zogen werden , als bis eine genauere Ausbildung der patho- 
logischen Anatomie überhaupt erreicht war. Am meisten ist 
in dieser Beziehung von der Wiener Schule geschehen und 
bekannt sind die glüklichen, in neuester Zeit von Engel 
gemachten Versuche , auf diesem Wege die Elemente der 
humoralen Pathologie zu begründen. Allein auch hier nö- 
thigen manigfache Schwierigkeiten zur Vorsicht. Die ein- 
fache anatomische Betrachtung des Bluts kann nur über die 
Menge, die Farbe, die Viscidität , über die Grade der Ge- 
rinnung Kunde geben. Aber diese Verhältnisse lassen noch 
weit nicht alle möglichen Arten der Zusammensezung des 
Blutes durchschauen; und man sieht eben bei Engel, wie 
der Schluss aus ihnen selbst bei grossem Scharfsinne oft 
genug trügerisch ist. Die Aufstellung einer albuminösen 
Krasis in der Art, wie sie geschehen ist, wäre ohne Zweifel 
Engeln selbst als unzulässig erschienen, sobald er neben 
dem physikalischen Verhalten des Bluts auch das chemische 
berük sichtigt hätte. 

Die Beschaffenheit der festen Theile wurde vor Engel 
kaum anders als in klinischer Weise zur Diagnose des Blu- 
tes benüzt. Mit grossem Glüke wandte Engel auch bai 
der Leichenuntersuchung die Zeichen aus Milz , Knorpel, 
Knochen , Muskeln , Nieren , Fett etc. , aus deren Injection, 
Weichheit und anderen Zusänden auf die Beslimmung der 
Blutbeschaffenheit an. Diess ist für uns von um so grosse- 



29 



rem Werth, als es auf die klinische Beobachtung von un- 
mittelbarem Einfluss sein kann. Auch in so fern ist es 
nothwendig, die Beschaffenheit der Festlheile in Rechnung 
zu ziehen, als solche gewisse Abänderungen in dem physi- 
kalischen Zustande des Blutes herbeiführen können , ohne 
dass die Mischung des lezteren entsprechend verändert wäre. 
So hat Engel darauf aufmerksam gemacht, dass Krankheiten 
mit gehinderter Lungencirculalion grössere Faserstoffabschei- 
dungen überhaupt und namentlich im Herzen zeigen. 

Eigentümlich ist der Wienerschule der Rükschluss aus 
der Beschaffenheit der Exsudate auf die Krasis. Im Allge- 
meinen kann bei gleichen Produkten das gleiche Material 
d. h. das gleiche Blut vorausgesezt werden. Dieser Saz 
erhält aber beträchtliche Einschränkungen, deren Engel 
selbst einige theils in seinen Abhandlungen über Exsudate in 
diagnostischer Beziehung und über Metamorphose der Exsudate 
(im 2. Bande unsers Archivs), theils in seinen neuesten 
„Vorstudien zur Lehre von den Dyskrasien" angedeutet hat. 

Abgesehen davon, dass Exsudate bei normaler Krasis ent- 
stehen können , kommen oft gänzlich verschiedene Produkte 
bei gleicher Mischung des Bluts vor ; und anderer Seits können 
Exsudate von ziemlich gleicher Beschaffenheit je nach den 
Umständen auf verschiedene oder doch verschieden intense 
Dyskrasieen hindeuten. 

Schon bei der ersten Absezung des Produkts kommt es, 
wie Engel sehr fein bemerkt, auf den Siz desselben an, 
welche Bedeutung es hat. Wir führen seine eigenen Worte 
an. „Exsudate einer gewissen Art finden sich leichter an 
bestimmten Stellen des Körpers als andere; so die faser- 
stoffreichen leichter an serösen Häuten, im Lungenparenchyme ; 
die albuminösen häufiger im Gehirne, der Leber, den Nie- 
ren, den Schleimhäuten. An diesen gewöhnlichen Orten 
ihres Vorkommens muss die Quantität des Exsudates jeden- 
falls grösser sein, wenn wir uns Rükschlüsse auf die Blut- 
beschaffenheit erlauben sollen, als in jenen Fällen, wo die 



30 



Exsudate, an sonst nicht gewöhnlichen Orten vorkommen; 
geringe Quantitäten derselben haben dann schon Beweiskraft. 
Ein Tracheal — ein Magencroup beweist mehr als eine 
Hepatisation eines Lungenlappens oder eine Leberentzündung 
mit Vereiterung des ganzen rechten Lappens. — Kommen 
in demselben Individuum Exsudatbildungen an mehreren Stel- 
len zugleich, wenn auch in geringer Quantität, jedoch alle 
von gleichem Charakter vor , so liegt hierin ein vollständiger 
Beweis für die entsprechende Blutbeschaffenheit." Aber 
nicht nur die Quantität , auch das Aussehen , die Consislenz 
des Exsudats hängt vielfach vom Siz und der Structur des 
Theils ab. Daher nur konnte es kommen, dass die Iden- 
tität der Schleimhautcroupe und der Pneumonie so lange 
verkannt wurden. 

Von der Raschheit des Verlaufes hängt ungemein viel 
ab und sehr acute Dyskrasieen können verlaufen und tödten, 
ohne förmliche Produkte zu sezen. — Das Zustandekommen 
von Produkten und ihre Quantität hängt ferner oft davon 
ab, ob irgend einen Theil noch ein besonderer Krankheits- 
reiz trifft und ob dieser heftig oder geringfügig ist; denn 
die Beispiele sind nicht selten , dass eine abnorme Blutbe- 
schaffenheit längere Zeit besteht, ohne Produkte zu sezen, 
und ohne dass jene sich steigert, treten diese sogleich ein, 
sobald aus irgend einer Ursache das Blut in einem Theile 
stokt oder derselbe auch nur in seinen Functionen gestört, 
wird. Die Plethora, die arthritische Krase kann lange be- 
stehen , bis plözlich eine Absezung von Produkten geschieht ; 
bei der constitutionellen Syphilis sehen wir Monate lang alle 
Symptome schweigen : sie verräth sich durch keine Produkte, 
bis ein Zufall solche in diesem oder jenem Organe hervor- 
ruft. — Ohne Zweifel hat auch das Lebensalter und die 
dadurch bedingte Verschiedenheit in Derbheit und Vascula- 
rität der Organe einen nicht unbedeutenden Einfluss auf 
die Beschaffenheit der Exsudationen. Brücke hat gezeigt, 
dass bei verschiedener Dichtigkeit der Membrane salzhaltiges 



31 



Wasser, Eiweiss und Faserstoff mit ungleicher Leichtigkeit 
exbibiren. Unzweifelhaft hängt es von der individuellen Be- 
schaffenheit der Häute ab, ob bei gleichem Reichthume des 
Blutes an Fibrin es bis zum Ausschwizen des lezteren 
kommt oder nicht. 

In noch viel höherem Grade wachsen die Schwierigkei- 
ten und macht sich der Einfluss äusserer Umstände geltend, 
wenn das Produkt nicht kurze Zeit nach der Absezung zur 
Untersuchung kommt, sondern erst nachdem weitere Um- 
wandlungen in ihm vorgegangen sind. Wenn auch die ur- 
sprüngliche chemische Beschaffenheit des Exsudats die erste 
Bedingung zu diesen Umwandlungen abgibt, so hängt doch 
das Zustandekommen und die Entwiklung der Metamorpho- 
sen , mögen sie zum Zerfall oder zur Organisation gehen, 
von tausenderlei Combinationen von Umständen ab. Der all- 
gemeine Kräftezustand des Kranken, die Menge des Bluts, 
abgesehen von seiner Qualität , die Trokenheit oder Feuch- 
tigkeit des Exsudats, die Grösse desselben, die tumultuari- 
sehe oder langsamere Absezung, das Nachrüken von neuen 
Exsudatmassen , die Beschaffenheit des Theils , in dem sie 
abgesezt werden, seine Vascularität, seine Dichtigkeit, seine 
Structur, selbst die gröberen Verhältnisse seines Baus, seine 
Bewegungen oder seine Ruhe und manche andere Verhält- 
nisse — all das wirkt, wofür unzählige Beispiele beigebracht 
werden könnten , modificirend auf die weiteren Schiksale 
des Produktes ein. Zudem kann es bei alten Exsudaten 
geschehen, dass ein Theil der Masse anderen und entgegen- 
gesezten Dyscrasieen angehört hat, als die zulezt bestehende 
war, und Schlossberger hat ganz Recht , wenn er die 
grosse Schwierigkeit der Diagnose primitiver und consecuti- 
ver Krasen vor allem als Hemmschuh der neuen Humoral- 
pathologie betrachtet. 

So muss denn die höchste Umsicht vorausgesezt wer- 
den, wenn im concreten Falle aus der Beschaffenheit der 
Produkte ein Rükschluss auf die Geschichte der Blutaltera- 



32 



tionen gemacht werden will , und eben desshalb muss jede 
einseitige anatomische, wie chemische Betrachtung hinfort 
als durchaus ungenügend angesehen werden. 

Das dritte Mittel , die Verhältnisse des Bluts in 
Krankheiten kennen zu lernen, ist die experimentelle Her- 
vorrufung künstlicher Dyskrasieen. Diese Methode ist in 
lezterer Zeit gegen die beiden andern in Hintergrund ge- 
treten, mit Unrecht ohne Zweifel; denn gerade ihre Anwen- 
dung (Gaspard, Magen die u. A.) bezeichnet die ersten 
Anfange der neueren positiven Humoralpathologie. 



Troz aller dieser Mittel und Methoden, troz der Zu- 
sammenhäufung eines nicht unbeträchtlichen Materials ist 
die Humoralpathologie noch ferne von wissenschaftlichem 
Zusammenhange. Um die Thatsachen würdigen zu können, 
um sie nach ihrem ganzen Umfange und Inhalte zu besizen, 
müssen sie begriffen werden können. So lange in der 
Deutung eines pathologischen Hergangs die Exegese und der 
Beweis Luken lässt , so kann die Wissenschaft sich nicht 
befriedigt finden. Der grösste Uebelstand für eine physiolo- 
gische Auffassung der Blutkrankheiten ist, dass wir die Be- 
deutung, die Funktion der einzelnen Blutbestandtheile noch 
gar nicht kennen. Wir wissen nicht sicher, welche Theile 
nährende, welche verbrauchte sind. Der Process bei der 
Respiration ist noch in hohem Grade zweifelhaft. Wir ken- 
nen die Bedeutung der Blutkügelchen , des Fibrins, der 
Extrativstoffe , des Fetts im Blute kaum zum Theil. Deren 
Genese, wie ihr Verschwinden ist dunkel und mit Hypothe- 
sen umringt. Alle diese Verhältnisse müssten erst aufge- 
hellt werden , ehe eine rationelle Humoralpathologie möglich 
würde. 

Eine weitere Schwierigkeit für die Humoralpathologie 
ist es, dass mehrere Bestandtheile im Blute noch gar 
nicht so fest und sicher bestimmt sind, als man gemein hin 



33 



glaubt, Faserstoff sowohl als Eiweiss, Globulin wie Casein 
zeigen unter Umständen grosse Abweichungen , in ihrem 
Verhalten gegen Reagentien sowohl als zum Theil in ihrer 
chemischen Zusammensezung. Es scheint fast, als ob hier 
eine Menge von Verschiedenheiten statt finden , und dass 
man nur die gröbsten unter jenen Namen herausgegriffen 
hat. Diess erschwert die Beurtheilung der Blutabnormi- 
täten ungemein, da es bis jezt unmöglich ist, das Wesent- 
liche in den reactiven Abweichungen vom Unwesentlichen 
zu trennen. So spricht man von einem Faserstoff, der seine 
Gerinnbarkeit eingebüsst hat, und doch ist die Gerinnbar- 
keit die einzige offenliegende Eigenlhümlichkeit des Faser- 
stoffs. Wie soll sich nun dieser nichfgerinnende Faserstoff 
vom Eiweiss unterscheiden? 

Die neuere Chemie hat allerdings einen grossen Schritt 
zum Verständnisse gethan, indem sie mehrere physicalisch 
verschiedene Bestandtheile des Bluts in ihrer chemischen 
Verwandtschaft kennen und die Verschiedenheit in der che- 
mischen Zusammensezung aus dem Hinzutreten oder Entfernen 
einzelner Elementproportionen verstehen lehrte, und indem 
sie die Entstehung der Proteinverbindungen des Blutes aus 
denen der Nahrungsmittel in hohem Grade wahrscheinlich 
machte. Doch könnte es auch sein , dass sie durch diese 
scheinbare und bestechende Einfachheit nur die wahren und 
complicirteren Verhältnisse zugedekt hat. Sie hat ferner die 
Umsezungen der thierischen Substanzen in einander und in 
die Excreta als höchst einfache durch stöchiometrische 
Formeln veranschaulicht. Indessen darf man auch auf 
diese scheinbar so mathematisch exacte Vorstellung von der 
Weise, wie die Verbindungen im Körper zu Stande kom- 
men und sich zersezen, nicht zu hoch vertrauen. Solche 
Formeln, denen L i e b i g selbst weniger als manche chemi- 
sche Physiologen und Aerzte Werth beizulegen scheint, ge- 
ben nichts anderes als ein mögliches Beispiel , und da man 
weder den Werth der Coefficienten genau kennt , noch auch 

Wunderlich, Path. d. Bluts. 3 



34 



die Summe der Produkte exact zu berechnen im Stande ist, so 
ist hier jeder Willkür Raum gegeben. Eine Abweichung z. B 
von dem angenommenen numerischen Verhältnisse zwischen 
der Gallenabsonderung und dem ausgeschiedenen Harnstoffe 
oder zwischen der Summe des lezteren und der Kohlen- 
säure, eine Aenderung in der ganz willkürlich berechneten 
Menge des hinzutretenden Wassers und Sauerstoffs muss 
auch eine Aenderung in der Formel herbeiführen. Ueberdiess 
gibt der ganze Beweis aus Formeln keine Rechenschaft 
über den Process, wie er ist und über seine Mittelstufen, 
sondern er zeigt nur ganz im Allgemeinen die Möglich- 
keit einer einfach chemischen Umsezung an. Uns , der Pa- 
thologie ist es aber weniger um eine sichere Kenntniss über 
das Verhältniss der Einnahmen und der Finalausgaben zu 
thun , ein Verhältniss , das uns fast gleichgiltig sein kann, 
als vielmehr um die Art der Umwandlungen, um die Stufen 
derselben, um die Stelle, wo sie vorgehen, um die Bedingun- 
gen unter denen sie geschehen, um die Hindernisse, die 
ihnen entgegentreten können: mit einem Wort, es ist uns 
nicht um das Rechenexempel , sondern um den Process zu 
thun. Die Chemie, die hier ganz andere Rüksichten und 
Zweke hat, versuchte ihre Methode auch uns als einzig 
richtige aufzudringen, und noch neulichst hat Liebig (Be- 
merkungen über das Verhältniss der Thierchemie zur Thier- 
ph\siologie pag. 19 — 22) gezeigt, wie wenig er das Wesen 
physiologischer Forschung begriffen hat. 

Doch hat auch die neuere Chemie eine Veranschaulichung 
der Processe selbst dadurch zu liefern gesucht, dass sie ge- 
wisse Vorgänge der sogenannten todten Natur auf den leben- 
den Körper übertrug und die Processe des leztern mit 
jenen analogisirte und identificirte. 

Bei solchen chemischen Erklärungen im Organismus ist 
aber immer die grösste Vorsicht nöthig, und bei der jezigen 
Tendenz der Chemie muss man vielleicht mehr darauf trach- 
ten, sie zu beschränken, als sie auszudehnen. Kein Arzt 



35 



wird zwar die Furcht oder Hoffnung auf eine zukünftige Rük- 
kehr der Chemiatrie theilen. Lieb ig selbst spricht sich ent- 
schieden genug hiegegen aus. Allein mit seiner Versicherung, 
dass „aller Antheil , den die Chemie jezt und zu allen Zei- 
ten an der Erklärung der Lehenserscheinungen nehmen könne, 
sich auf schärfere Bezeichnung der Erscheinungen , auf 
Controle der Richtigkeit der Beobachtungen durch Zahl und 
Gewicht beschränke," mit dieser Versicherung stimmen schlecht 
die kühnen, an allen Orten in chemischen Schriften auf- 
tauchenden Hypothesen über organische Verhältnisse überein. 
Es ist bedauerlich, dass die Chemiker, verleitet ohne Zweifel 
durch ihre ersten Triumphe und die allgemeinste beistim- 
mende Aufmunterung, so sehr durch unbesonnene Erklä- 
rungsversuche dafür sorgen, bei nüchternen Aerzten wieder 
um den Credit zu kommen. Ich erinnere hier nur Beispiels 
halber an die Erklärung Liebigs von der Wirkung der 
Laxiersalze, an die Meinung, dass bei der Phthisis eine 
vermehrte Verbrennung und diese das Wesentliche, Zer- 
störende und Tödtliche sei, an die Theorieen Hoff- 
manns, dass in Salzburg die Rhachitis desshalb endemisch 
sei, weil man dort so viel Sauerkraut verzehre, und dass die 
Oxalsäuren Steine in Frankreich daher kommen, dass die 
reichen und vornehmen Franzosen in ihren Sommerresi- 
denzen mit Gemüse sich begnügen sollen , ferner an den 
Versuch Scherers, die Wirkung des Tartarus emeticus in 
Pneumonieen aus seinem Weinsteingehalte zu erklären. So 
werth uns ihre Thatsachen sind, eine so zweideutige Gabe 
sind für uns die Theorieen der Chemiker, denn der Chemiker 
ist nicht im Stande, die verwikelten Vorgänge im Orga- 
nismus zu analysiren , und nur zu sehr scheint er bereit 
zu sein, seine einfacheren ihm geläufigen Processe mit eini- 
ger Gewalt dem organischen Haushalte aufzudringen. Damit 
soll aber keineswegs geleugnet sein, dass die sogenannten 
organischen Vorgänge vielfach auf chemischen Umsezungen 
beruhen: wir tadeln nur die Naivelät, mit der uns von 

3* 



36 



gewissen Seiten her für Alles chemische Erklärungen geboten 
werden, Erklärungen, die — fast scheint es — um so beliebter 
sind , je mehr sie die vielfach verschlungenen Verhältnisse im 
Organissmus als eine alltägliche chemische Simplicität hin- 
stellen. Es ist ganz Recht, dass man die einfachen chemi- 
schen Verhältnisse in den complicirten Vorgängen des Orga- 
nismus heraussucht, aber man hat Unrecht, solche complicirte 
Vorgänge für nichts als einfache chemische Wirkungen aus- 
zugeben, weil ein Stük von jenen vielleicht durch Chemie 
zu erklären ist. — - Auch das geben wir gerne zu, dass 
die neuere Chemie , indem sie gewisse chemische Ver- 
hältnisse , die ausserhalb des Organismus vor sich gehen, 
schärfer bestimmte und in ihrer Aehnlichkeit aufzeigte, den 
Versuch ihrer Anwendung auf physiologische und patho- 
logische Vorgänge erst möglich machte. Wir selbst bezeich- 
neten die Anregung Liebigs, die Begriffe der Gährung 
(d. h. der inneren Umsezung der Elemente aus Anstoss eines 
Erregers), der Verwesung und Vermoderung (d. h. der lang- 
samen Oxydation bei Gegenwart von Wasser) auf Erschei- 
nungen im lebendigen Organismus anzuwenden, als eine 
glückliche und schöne Idee, wir sind sogar der Meinung, 
dass die Chemie erst jezt, nachdem sie in der sogenannten 
unorganischen Natur das Phänomen der successiven, allmäh- 
ligen Umwandlung und Verbindung erkannt hat, für die Er- 
klärung der thierischen Processe Zutritt verdient. Aber wir 
können das Verfahren der Chemiker selbst bei der Anwen- 
dung dieser Ideen keineswegs billigen, und meinen, das 
ihnen derzeit noch nicht nur die Kunst , sondern selbst die 
Ahnung der physiologisch -analytischen Methode abgeht, ohne 
welche kein Eindringen in die Verhältnisse eines lebenden 
Körpers möglich ist. 

Diese Uebelstände und Fehler finden sich grösstentheils nicht 
bei der klinisch -anatomischen Bearbeitung der Humoralpatho- 
logie; dagegen bleibt diese höchst fragmentarisch, wenn die 
Chemie ihr nicht nachhilft: sie kann ohne diese kaum einen 



37 



Schritt thun ohne Hypothesen, keine Benennung wagen, ohne 
sich fast mit Sicherheit einem Missgrifi'e auszusezen. So 
wichtig die physicalisehen Verhältnisse des Bluts und der 
Theile, aus denen man auf dieses schliesst, sein mögen, so 
geben sie über die wahre Beschaffenheit, über das Verhältniss 
der Bestandtheile immer nur einen trügerischen Aufschluss. 
Ferner vermissen wir auch bei dieser Methode, wie bei der che- 
mischen fast ganz den Nachweiss, ja selbst nur die Nachfrage 
über die Bedingungen und Umstände, durch die ein krankes 
Blut zu Stande kommt, und die Proportionen seiner Be- 
standtheile sich ändern. Noch weniger als die chemische 
Auffassung kann die anatomische sich Rechenschaft über den 
Einfluss der Blutveränderung auf Secretionen geben, ja selbst 
die Lehre von der Exsudation, die Hauptstüze der anatomi- 
schen Methode ist noch mit manchen unberechtigten Voraus- 
sezungen umgarnt. 



Obwohl wir so sehr als nur irgend Jemand geneigt 
sind , die Lükenhaftigkeit und Unvollkommenheit der jezigen 
Humoralpathologie auszusprechen, so müssen wir anderer- 
seits doch anerkennen, dass selbst in diesem rudimentaeren 
Zustand die neuen Thatsachen und Anschauungen , die wir 
ihr verdanken, einen nicht unbedeutenden Einfluss auf all- 
gemeine und specielle Fragen in der Pathologie üben können. 
Nur muss es hier, wie überall unser Grundsaz sein, die 
Theorieen, welche man uns unter dem Schuze der neuen 
Thatsachen zuschieben möchte, stets mit misstrauischer Vor- 
sicht aufzunehmen. 

Sogar an die obersten Grundsäze des Lebens, über die 
von Anbeginn der Naturforschung an der Streit fast nur 
im Kreise sich bewegte , hat sich die chemisch-humorale 
Theorie gemacht, ohne dabei gerade sehr glüklich zu sein. 
Zwar hat sie das Verdienst, der Ansicht wieder Geltung 



38 



verschafft zu haben , dass auch innerhalb des lebenden Kör- 
pers chemische Processe stattfinden, die nur als solche, also 
nur durch Chemie zu begreifen sind. Aber der Dualismus, 
den Manche zugleich damit wieder einzuführen suchten, 
ist nicht im Sinne einer rationellen Naturforschung. Lieb ig 
und mehrere andere nämlich lassen an der Stelle, wo die 
Vorgänge im Körper nicht mehr durch chemische Aetionen 
zu verstehen sind , die Lebenskraft eintreten. Dieses ganz 
abstracte und bedeutungslose Wort soll uns begreiflich ma- 
chen, warum und wie die chemischen Beziehungen im Kör- 
per andere seien als anderwärts. Die Lebenskraft soll die 
chemische Umsezung verhindern und die Zunahme an Masse 
bewirken ; sie soll der Einwirkung des Sauerstoffs widerstehen 
und nur die Theile des Körpers ihm überlassen, von denen 
sie sich zurükgezogen hat. Ein Abstractum soll also hier im 
Kampfe mit einem wägbaren Stoffe sein ! — 

Nicht glüklicher ist Liebig in seiner Theorie der 
Krankheit. Er sagt in seiner Thierchemie pag. 260 : „Ein 
jeder Stoff oder Materie, eine jede chemische oder mecha- 
nische Thätigkeit , welche die Wiederherstellung des Gleich- 
gewichtes in den Aeusserungen der Ursachen des Verbrau- 
ches und Ersazes in der Art ändert oder stört, dass sich 
ihre Wirkung den Ursachen des Verbrauches hinzufügt, heisst 
Krankheitsursache; es entsteht Krankheit, wenn 
die Summe von Lebenskraft, welche alle Ursachen von Stö- 
rungen aufzuheben strebt (wenn also der Widerstand der 
Lebenskraft) kleiner ist , als die einwirkende , störende Thä- 
tigkeit." Man weiss nicht recht , soll damit eine erschöpfende 
Begriffsbestimmung von Krankheitsursache und Krankheit 
gegeben, oder soll nur eine Art angedeutet sein, wie auch 
Krankheit enlstehen kann. Im lezteren Fall wird, wenn 
man anders über Worte nicht rechten will , nicht viel da- 
gegen zu erinnern sein. Soll aber obiger Passus eine Be- 
griffsbestimmung enthalten, und die Aufschrift, die Liebig 
darüber gesezt hat, macht es wahrscheinlich, so muss man 



39 



durchaus gegen eine solche einseitige Auffassung protestiren. 
Man sieht leicht ein, die ganze Lieb ig sehe Theorie der 
Krankheit basirt sich nur auf den Verbrauch: Krankheit 
ist für sie übermässiger Verbrauch. Alle sogenannte Ner- 
venkrankheiten, alle hypertrophischen Zustände nicht nur, 
sondern auch alle Exsudate , alle Afterproduktionen sind 
damit von den Krankheiten ausgeschlossen. Das Ganze zielt 
am Ende auf nichts, als auf eine vermehrte Oxydation hin, 
auf eine Theorie, die man höchstens nur im ersten Enthu- 
siasmus nach der LavoisierVhen Entdekung verzeihen 
konnte. Anstatt solche abgenüzte Vorstellungen zu repro- 
duciren , dürfte die Chemie besser sich mit ihrer wahren und 
wichtigen Aufgabe, der Erforschung der von Männern des 
Fachs ihr vorgelegten und durch physiologische Analyse 
gewonnenen Detailfragen begnügen. Es möchte diess schiklicher 
und förderlicher sein, als mit Speculationen über allgemeine 
Begriffe uns zu quälen, in denen sie nun doch einmal Unglük 
hat. Es ist für uns ärgerlich und peinlich, eine nüzliche 
Wissenschaft, die aus eignem Antriebe und in bester Absicht 
uns hilfreich beizustehen kommt, von den Bauplänen hinweg 
zu verscheuchen und ihr ihren Plaz beim Steintragen anzu- 
weisen. Aber was bleibt uns übrig, wenn sie ihre Kräfte 
übersehäzt und zu plump und anmasslich in dem gar nicht 
so leicht verständlichen Bau herumwirthschaften will. 

Eine rationelle Auffassung der humoralpathologischen 
Thatsachen führt, wie jeder helle Punkt in der Pathologie dahin, 
dass Krankheit überhaupt etwas nicht zu defmirendes, dass 
dieser Begriff wissenschaftlich nicht festzuhalten ist, sondern 
dass er nur einem populären Bedürfnisse entspricht. Gerade 
auch die Humoralpathologie zeigt Verhältnisse auf, die an 
sich normal nur durch die Umstände, unter denen sie vor- 
kommen , die Bedeutung von etwas Krankhaftem erhalten. 
Die Diathesen und Blutmischungen nämlich , welche unter 
Umständen zu den schwersten Zufällen Veranlassung geben 
und den Tod herbeiführen, weichen oft nur durch ein geringes 



40 



Plus oder Minus von der normalen Zusammensezung ab 
oder sind gar selbst unter Umständen normal. Die fibrinöse 
Blutmischung z. B. ist dem schwangeren Weibe normal, die 
Armuth an Faserstoff dem neugeborenen Kinde , die reich- 
liche Harnsäureabsonderung, die oft Zeichen eines schweren 
Leidens ist, kann bei geringen Modificationen, die jedermann 
zur Gesundheit rechnet , vorkommen , und es kann von 
einem Zufalle abhängen, ob sie ohne weiteres vorüber geht, 
oder ob die Säure crvstallinisch in der Blase sich nieder- 
schlägt und einen Stein liefert. So gränzen Gesundheit und 
Krankheit immer hart an einander, und jeder Versuch, sie 
zu trennen, ist vergeblich. 

Es ist diese Anschauungsweise aber nicht, etwa nur ein 
grillenhaftes und unnüzes Spiel mit dem Begriffe, vielmehr 
müssen wir für diesen Saz den unbegrenztesten Einfluss auf 
die Pathogenie wie auf die Phänomenologie, in der systema- 
tischen Betrachtung wie in der Beurtheilung concreter Fälle in 
Anspruch nehmen. Die Anerkennung dieses Uebergangs ohne 
Grenze von Gesundheit zu Krankheit entfernt von selbst schon 
jeden Gedanken an eine Selbstständigkeit der leztern. Es muss 
vielmehr das Kranksein als ein verändertes Sein der Organe, 
der Theile des Organismus erscheinen, nicht als etwas 
Neues, Hinzugetretenes: sonst müsste ja eine scharfe Gränze 
sein. Die Disposition zur Erkrankung erscheint als etwas 
in der Relativität der Gesundheit begründetes. Die soge- 
nannten Produkte der Krankheit können als nichts anderes 
angesehen werden, denn als Abscheidungen aus dem Blute 
in den Organen, abnorm und ungewöhnlich nur desshalb, 
weil entweder in den Organen etwas verändert, oder in dem 
Blute ungewöhnliche Proportionen oder Bestandtheile sind. 
Jedem, der mit der Geschichte der neuern Medicin einiger- 
massen bekannt ist, müssen Svsteme und Theorieen ins Ge- 
dächtniss kommen, die von dieser Anschauungsweise aus, ohne 
dass man einen Ruk an ihnen versucht, zusammenstürzen. — 

Für das Blut wurde näher, weniger von chemischer, als 



41 



von anatomisch - humoraler Seite nachgewiesen, dass seine 
Normalität nur eine relative sei , und namentlich hat diess 
Engel sehr schön an der verschiedenen Beschaffenheit des 
Bluts in den verschiedenen Lebensalter gezeigt, indem er 
zugleich das Blut der Neugeborenen als ein fibrinarmes , im 
ersten Mannesalter als ein fibrinreiches, im zweiten Mannes- 
alter als ein albuminöses und im Greisenalter als marastisch 
bezeichnet. Nicht nur hat er dadurch die vorzugsweise Neigung 
gewisser Lebensalter für einzelne Arten von Exsudaten und 
Erkrankungsformen begreiflich gemacht, sondern er hat noch 
weiter daran eine Idee geknüpft , die eben so neu als glück- 
lich ist. Er hat gezeigt, dass viele Krankheiten dadurch zu 
Stande kommen, dass eine einem späteren Alter angemes- 
sene und normale Blutbeschaffenheit vorzeitig eintritt, oder 
dass eine Blutbeschaffenheit bis in eine Lebenszeit hinein 
sich erhält, für die sie nicht mehr geeignet ist. Für jeden 
besonderen und durchs Lebensalter bedingten Zustand der 
Gewebe scheint immer auch nur eine bestimmte Blutmischung 
zu passen, und die Zufälle sind nicht um so bedeutender, 
je mehr das Blut von der abstract - normalen Zusammen- 
sezung abweicht, sondern je weiter es sich von den dem 
betreffenden Alter entsprechenden Verhältnissen entfernt. 
— Ein analoges Verhältniss scheint auch bei den Tempera- 
menten statt zu finden, und so gewiss es ist, dass die Form 
des Temperaments vielfach von der Impressionabilität des 
Nervensystems, der weiteren oder beschränkteren Zerstreu- 
ungsfähigkeit seiner Erregungen , dem rascheren oder lang- 
sameren Fluss seiner Thätigkeiten abhängt, so sicher ist 
auch die individuelle Proportion der Blutbestandtheile unter 
einander für das Temperament bestimmend. Daher mag es 
rühren, dass manche Temperamente zu gewissen Krankheiten 
in höherem Grade disponirt sind und schwerer erkranken 
als andere. Genauere anatomische und chemische Untersu- 
chungen darüber fehlen jedoch. — 

Ein anderes Verhältniss, auf das durch die Humoral- 



42 



pathologie Licht fallen kann, ist das allmälige Eintreten von 
Abweichungen. Nicht nur chronische Krankheiten entstehen 
schleichend; auch bei den acuten tritt das Kranksein nicht 
mit einem Schlage ein, und der Zeit, von der man den An- 
fang des Leidens zu datiren pflegt, gehen fast immer Vor- 
boten voran. Für die ältere Medicin, namentlich aber für 
die anatomische Schule, mussten diese Vorboten etwas un- 
erklärliches haben. Was sind sie anders, als der Zeitraum, 
in welchem die Abweichung und namentlich die Abweichung 
des Blutes vom Normalzustande allmälig entsteht, allmälig 
sich steigert, bis sie jene Intensität erreicht, wo sie spontan 
oder unter Mitwirkung eines Zufalls Erschütterungen, Explo- 
sionen in der Thätigkeit des Nervensystems (Frost) und ört- 
liche Gewebsveränderungen herbeiführen kann. Die Chemie, 
welche das allmälige, schleichende Fortschreiten einer chemi- 
schen Veränderung über eine grössere Menge von disponir- 
tem Stoff in neuerer Zeit so anschaulich gemacht, und an 
vielen Beispielen einfacher und complicirter Art erwiesen hat, 
hat hier der Pathologie einen wesentlichen Dienst geleistet, 
und das Verständniss jener Art von schleichender , unmerk- 
lich fortschreitender Veränderung in der Blutmasse, wie sie 
vorzugsweise in den Vorboten und Remissionen acuter Krank- 
heiten und in manchen chronischen vorzukommen scheint, 
ungemein erleichtert. Das Zunehmen der Krankheit während 
ihres Latentseins und die Plözlichkeit paroxysmenartiger Aus- 
brüche sind nun der Erklärung zugänglich. 

Etwas Aehnliches ereignet sich auch in grössern Ver- 
hältnissen. Es geschieht, dass zeitweise bei einer ausge- 
breiteteren Bevölkerung oder einer kleineren Zahl von Men- 
schen die Blutbeschaffenheit gemeinschaftlich von der ab- 
stracten Norm mehr oder weniger abweicht. Sie sind darum 
noch nicht krank , aber sie sind in Disposition, es zu werden, 
und ein kleiner Zufall führt das Zustandekommen eines Krank- 
heitscomplexes herbei. Man pflegt diese verbreitete Dispo- 
sition Genius epidemicus zu nennen, was natürlich keine 



43 



Erklärung, sondern nur eine Bezeichnung sein kann. Wir 
wissen freilich nicht genau , durch welche Bedingungen 
und warum das Blut von der Normalität abweicht. Kaum 
die Umstände, unter denen die Abweichungen vorkommen, 
sind bekannt. Allerdings üben schon die Jahreszeiten , die 
Witterungszustände zuweilen einen solchen Einfluss. Aber 
es kommen auch unabhängig von bekannten Ursachen derartige 
Abweichungen im Blute vor , die bald über halbe Generatio- 
nen anhalten, bald dagegen eine nur kurze, vorübergehende 
Dauer haben, und bald in kleineren Perioden, bald in grösse- 
ren Zeitläufen den Character der Krankheiten ändern. Man 
kennt heut zu Tage den lezten Grund davon so wenig wie 
früher; doch ist man durch die nicht unwahrscheinliche 
Annahme , dass dieses Wechseln des epidemischen Charak- 
ters auf einer allmäligen Veränderung in den Proportionen 
der Blutbestandtheile beruhe, der Auflösung des Räthsels um 
einen Schritt näher gerückt. 

Ganz analog der Art, wie bei einem Einzelnen der Aus- 
bruch einer acuten Krankheit auf ein kürzeres oder längeres 
Stadium von Vorboten folgt, in welchem die Blutabnormität 
allmälig sich ausbilden und ausbreiten konnte, wird auch das 
plözliche Auftreten von Epidemieen zu verstehen sein , die, 
ohne dass man weiss woher, unversehens in einer Bevölke- 
rung auftauchen und eben so sonderbar wieder verschwin- 
den. Fast immer bemerkt man dabei, dass dem Erscheinen 
der epidemischen Krankheit Vorläufer vorangiengen, welche sie 
andeuten und ankündigen , welche Stüke von ihr darstellen, 
bis endlich ein vollkommener Fall sich ereignet. Fast immer 
wird man finden, dass auch solche, die von der Seuche ver- 
schont bleiben, doch wenigstens einige leichtere Beschwerden 
fühlen, und oft kann man sehen, dass solche Individuen, wenn 
man ihnen zur Ader lässt, ein der epidemischen Krankheit 
entsprechendes Blut zeigen, ohne dass sie noch entschie- 
dene Symptome zeigen oder ohne dass sogar überhaupt bei 
ihnen die Krankheit zum Ausbruche kommt. Auch hier 



44 



scheint eine epidemische Blutabnormität erst im Stillen zu 
entstehen und zu gedeihen , und ein Zufall oder ihre Steige- 
rung in einem einzelnen Individuum lässt endlich die Krank- 
heit selbst explodiren. 

Aber nicht nur das Entstehen, sondern auch noch 
manche andere Verhältnisse in Epidemieen haben von der 
humoralen Pathologie Aufschlüsse erhalten oder zu erwar- 
ten. Längst hat man die Bemerkung gemacht, dass die epi- 
demische Krankheit nicht nur im einzelnen Individuum einen 
bestimmten Verlauf hat, sondern dass auch die Epidemie 
im Ganzen eine gewisse Regelmässigkeit des Steigens und 
Fallens in der Acuität und Gefährlichkeit der einzelnen Er- 
krankungen zeigt. Dass hiebei eine Veränderung in der 
Krasis des Blutes vor sich gehe, und dass eine solche wohl 
eben der Grund der verschiedenen Stadien der Epidemie ist, 
kann schon a priori angenommen werden , und überdiess 
hat es Engel wenigstens für das Kindbetlfieber scharfsinnig 
nach directen Beobachtungen auseinandergesezt. Er gibt 
an : „Im Beginne einer Epidemie zeigen sich plastische Exsu- 
dationen meist von bedeutender Quantität, insbesonders auf 
den serösen Membranen und der innern Uterinalfläche ; 
Entzündungen der Gefässe pflegen dann seltener zu sein, 
und nicht bei der Masse der Puerperae, sondern nur in 
Einzelfällen vorzukommen. Die Leichen sind durch die 
Blässe und Schlaffheit der allgemeinen Decken und der 
übrigen Organe ausgezeichnet, sie zeigen nicht mehr Nei- 
gung zur Fäulniss als andere besonders chronische Fälle, 
das Blut derselben trägt durchaus den inflammatorischen 
Charakter , d. i. absolutes oder relatives Ueberwiegen des 
Blutfaserstoffes mit leichter Abscheidbarkeit und Gerinnungs- 
fähigkeit desselben. — Je länger die Epidemie dauert, je 
mehr , und insbesonders je schneller die Individuen davon 
ergriffen werden , desto mehr verwandeln sich die plasti- 
schen Exsudationen in eitrige , desto öfter sind die Entzün- 
dungen der innern Gefässwand des uterinalen Bezirkes. 



45 



Sogenannte Metastasen finden sich noch nicht häufig vor, die 
Leichen zeigen noch immer den oben beschriebenen Habitus, 
die Blutmischung hat sich noch nicht auffallend geändert. 
Nun erscheinen aber auf der Höhe der Epidemie die Exsu- 
dationen minder copiös, sie zerfallen ungemein leicht zu 
Jauche , die Gefässentzündungen sind häufiger und sezen 
theils eitriges, theils jauchiges Exsudat. Das Cadaver hat 
seinen früheren Habitus vollkommen eingebüsst , es erscheint 
missfärbig, mit zahlreichen Leichenfärbungen überdekt, aufge- 
dunsen , besonders im Gesichte , und geht ungemein rasch 
in Fäulniss über. Das Blut ist dunkelroth dünnflüssig, nicht 
mehr an der Atmosphäre oxydirbar. Die Epidemie erreicht 
nun ihren höchsten Grad, die Wöchnerinnen sterben in un- 
glaublich kurzer Zeit, ohne dass bedeutend entzündliche 
Erscheinungen vorausgegangen; das Blut zeigt obige Umän- 
derung in einem viel höhern Grade , die Leiche ist tiefer 
gefärbt, allenthalben mit Todtenflecken übersäet, fault schnell; 
nirgends jedoch sind bedeutende pathische Produkte. — - 
Wenn die Epidemie längere oder kürzere Zeit auf dieser 
Höhe geschwebt hat , beginnen mehr chronische Formen des 
puerperalen Processes und mit diesen erlischt allgemach die 
Epidemie." Hier ist sichtlich eine innere Gesezmässigkeit, 
ein Verlauf der Blutabnormität nicht nur im Einzelnen, son- 
dern in der ganzen Bevölkerung des Gebärhauses. Ganz in 
ähnlicher Weise verhalten sich auch andere Epidemieen : bei 
Masern, bei Scharlach ist fast constant eine gewisse Ueber- 
einstimmung der Fälle , die zu gleicher Zeit vorkommen, und 
ein Wechsel in der Art der Fälle im Verlaufe der Epide- 
mieen wahrzunehmen. Die besten Beobachter über die Cho- 
leraepidemieen haben ein gleiches erzählt, und oft kam ein 
Heilmittel gegen diese Krankheit nur desshalb in Credit, weil 
es in der Zeit versucht wurde, wo die Höhe der Epidemie 
überstanden war, und nur schleichender verlaufende, daher 
der Kunst zugänglichere Formen vorkamen. Für die Typhus- 
epidemieen hat Engel selbst eine ähnliche Gesezmässigkeit 



46 



nachgewiesen, und es ist des feinsten Beobachters würdig, 
wie er (Oesterr. Wochenschrift. 1842. pag. 802.) auseinander- 
sezt , dass das Erlöschen der Seuche aus den Leichenöffnun- 
gen und zwar aus den dabei gefundenen vorgeschrittenen 
und der Heilung sich nähernden Veränderungen prognosticirt 
werden könne, während in früheren Perioden der Epidemie ein 
roherer Zustand, Infiltration und Verschorfung gefunden werde. 
— In allen solchen Fällen lässt sich eine successive Verän- 
derung des Blutzustandes theils erweisen , theils vermulhen, 
von welcher sofort der Wechsel in der Beschaffenheit der 
Fälle abgeleitet werden kann. Indessen wäre man sehr im 
Irrthum , wenn man glauben wollte , dass alle die sonderba- 
ren Eigenheiten, die man in Epidemieen beobachtet, auf 
humoralem Wege zu erklären seien. Oft kann man sehen, 
dass während einer typhösen Epidemie fast alle Kranke Ver- 
stopfung haben, oder dass Parotiden äusserst häufig sind, 
Krämpfe vorkommen und so fort , während diese Zufälle 
andere Male gänzlich fehlen. Aehnliche epidemische Eigen- 
heiten finden sich bei allen Seuchen, und selbst bei Krank- 
heiten , die man nicht zu den Epidemieen zu rechnen pflegt. 
Sie können nicht aus der Beschaffenheit des Blutes erklärt 
werden und ebenso schwer möchte es gehen , solche Ereig- 
nisse nur dem Eigensinne des Zufalls zuzuschreiben. — 

Wir haben schon angedeutet, dass, wenn auch die 
Humoralpathologie den nähern Zusammenhang der oben be- 
sprochenen Erscheinungen , des Auftretens und Ausbrechens 
von Epidemieen, ihres W T achsthums und Untergangs durch 
eine im Blute nachweisbare, allmälig sich verbreitende und 
wieder sich ausgleichende Veränderung verständlich macht, 
sie doch bis jezt über den eigentlichen Grund, die Veranlas- 
sung und die Bedingungen dieser Blutalterationen die Antwort 
gänzlich schuldig bleiben muss. Zwar hat man von chemischer 
Seite aus für die Epidemieen, namentlich die contagiösen und 
miasmatischen einen neuen Erklärungsversuch vorgebracht, 
der den Process der Anstekung und die Ursache der Ver- 



47 



breilung der Krankheit mit anderen, auch ausserhalb des 
lebenden Körpers gewöhnlichen , chemischen Vorgängen ana- 
logisirt. Liebig hat bekanntlich seine Ansicht von der Gäh- 
rung auch auf diese Verhältnisse angewandt und das Con- 
tagium als einen Gährungserreger angesehen , der seine 
eigene innere chemische Bewegung auf die Blutbestandtheile 
überträgt, und dadurch eben so wohl die Krankheit, als die 
Wiedererzeugung von neuem Contagium bewirkt. Diese 
Theorie in der Ausdehnung, wie sie Lieb ig vorträgt, 
vermag nur durch mehrfache willkürliche Annahmen die 
Analogie zwischen Gährung und contagiöser Krankheit her- 
zustellen. Jedoch lässt sich die Frage auf zweierlei Art 
stellen; Erstens: haben wir Grund, die sämmtlichen als con- 
tagiös erkannten Krankheiten, also die Contagion überhaupt 
als dem Gährungsprocesse wesentlich analoge Vorgänge an» 
zusehen? was wir wohl durchaus, wie ich glaube, verneinen 
dürfen* Und zweitens : kommen nicht der Gährung analoge 



* Ich habe schon an einem andern Orte einige Bedenken gegen die 
Liebig'sche Contagieentheorie geäussert: Herr Sc her er hat 
mir darauf in Canstatt's Jahresbericht geantwortet und mir vorge- 
worfen , dass ich den Geist der Lieb ig 'sehen Lehren nicht er- 
kannt habe. Es scheint dieser Vorwurf des Missverstehens die 
allgemeine Waffe der Lieb ig' sehen Schule gegen alle zu sein, 
welche den Enthusiasmus für die neue chemische Reform der Me- 
dicin und Physiologie nicht theilen. Ich bin weit entfernt, Gewiss- 
heit zu haben, ob ich Lieb ig immer so verstanden habe, wie er 
verstanden sein wollte. Aber die Schuld liegt wenigstens theilweise 
nicht an mir, sondern an einer Form und Methode der Darstellung, 
die nach unsern Begriffen nicht die einer exaeten Wissenschaft ist, 
so originell und geistreich sie auch sein mag. Es ist schwer, 
einen Vortrag genau aufzufassen, in welchem ein allgemeiner Saz 
erst mit apodictischer Sicherheit hingesezt wird, und die Clausein, 
Ausnahmen und Beschränkungen verstekt hinter her schleichen. 
Ich habe gesagt, dass die beiden Bestandtheile , nämlich der- 
jenige, welcher die Umwandlung erfahren , und jener, aus welchem 
das Contagium sich regeneriren soll, sich im Blut nicht nachweisen 



48 



Processe im Blute d. h. abnorme Umsezungen der Bestand- 
theile, die durch eine andere in chemischer Bewegung be- 
griffene Substanz veranlasst werden, vor, ohne dass sie 
gerade zu den Contagien gerechnet werden, ohne dass da- 
bei also mit Notwendigkeit der Erreger wieder producirt 
wird? Wirklich scheint mir in solcher Weise mancher Vor- 
gang im Blute aufgefasst werden zu dürfen, wovon später 
noch näher die Rede werden wird. — 

Ein weiteres Verhältniss, das theils epidemische, theils auch 
andere Krankheiten betrifft, und das erst durch die humorale Auf- 
fassung begreiflich wird, ist die zuerst durch Rokitansky und 
zwar zunächst vom empirischen Standpunkte aus aufgefundene 
Auschliessung gewisser Krankheiten gegen einander. 

Wenn wir als Grundlage vieler epidemischer Krankheiten 



lassen. Herr Sc her er zählt nun alle Blutbestandtheile auf und 
fragt, ob das nicht Stoffe genug seien, an denen jene Metamor- 
phosen vor sich gehen können? Ja wohl können! Aber das scheint 
die neue chemische Schule noch nicht zu fühlen , dass es uns an 
entfernten Möglichkeiten nicht gebricht, dass wir vielmehr von den 
exacten Wissenschaften, die in unsern Dienst treten wollen, etwas 
Sicherheit erwarteten, und dass es uns leid thut, uns darin ge- 
täuscht zu sehen. Mein Angriff auf die Lieb ig 'sehe Contagien- 
lehre geschah in der Absicht, zu zeigen, dass ein einfaches Ver- 
halten auf so verschiedenartige Vorgänge, zu denen allen in einem 
und demselben Blute die Disposition liegt, auf Processe mit so 
speeifisch verschiedenen Resultaten nicht in Bausch und Bogen an- 
zuwenden ist, ohne dass man sich die gröbsten Willkürlichkeiten 
erlaubt. Herr Seh er er hat sich überdem getäuscht und thut 
mir gänzlich Unrecht, wenn er sagt, dass ich von der im Entste- 
hen begriffenen Lehre Aufschlüsse über Räthsel verlange, welche 
man .seit mehreren tausend Jahren nicht zu lösen vermochte. 
Erstens gebärdet sich jene Lehre nicht wie eine im Entstehen be- 
griffene, sondern wie eine fertige, unumstössliche. Zweitens habe 
ich die Fragen (aufpag. 331 des Archivs. Zweit Jahrg.) ihr nicht 
zur Beantwortung vorgelegt, sondern an den dabei berührten Eigen- 
heiten der contagiösen Verhältnisse zeigen zu können geglaubt, dass 
diese nicht auf einem so einfachen Vorgang, wie es die Gährung 
ist, beruhen können. 



49 



eine veränderte Mischung des Blutes annehmen dürfen, 
so ergibt sich daraus von selbst nicht nur das erschwerte 
Bestehen verschiedener epidemischer Krankheiten neben einan- 
der, sondern auch einerseits die vorzugsweise Disposition 
solcher Individuen , deren Blutmischung habituell nicht ferne 
von der der Epidemie steht, andrerseits die Immunität 
schon cachectischer Subjecte , deren andersartige abnorme 
Blutverhältnisse das Zustandekommen der ^epidemischen Kra- 
sis erschwert oder unmöglich macht. In dieser Weise sind 
die Ausschliessungsverhältnisse bei epidemischen Krankheiten 
zu verstehen. Ganz in derselben Weise begreift sich's, dass 
auch nichtepidemische Krankheiten , sobald sie auf entgegen- 
gesezten Blutkrasen beruhen, einander ausschliessen müssen. 
Ferner wird es verständlich, wie bei der Weiterentwiklung 
einer Blutalteration durch sich selbst oder durch die ein- 
getretenen Umstände, die Exsudationen, Blutverluste etc., 
verschiedene Krankheitsformen mit mehr oder weniger Noth- 
wendigkeit auf einander folgen müssen und können. Die Lehre 
von den consecutiven Krankheiten dürfte dadurch im All- 
gemeinen und Einzelnen vielfache Erläuterungen und Modi- 
ficationen erleiden , wie in dem nächsten Abschnitte noch 
weiter besprochen werden wird. - — 

Das Princip der anatomischen Schule war möglichste 
Localisation : dieses Princip musste durch die Einführung 
humoraler Ansichten wesentlich modificirt werden. Wäh- 
rend zur Zeit des anatomischen Standpunktes nur nach 
örtlichen Krankheiten gesucht wurde , und man alle Symp- 
tome, wenn auch mit noch so viel Zwang , auf den soge- 
nannten Siz der Krankheit zurükzuführen trachtete, so wird 
heut zu Tage mehr und mehr wahrscheinlich, dass die 
Blutveränderung häufig der Anfangspunkt des Krankseins ist, 
und dass die örtlichen Störungen erst im weitern Verlaufe 
eintreten , dass also primär allgemeine Krankheiten viel 
häufiger sind , als man eine Zeit lang anzunehmen geneigt 
war, und als es bei oberflächlicher Betrachtung den Schein 

Wunderlich, Path. d. Bluts. 4 



50 



haben kann. Jedoch ist nicht damit die alte Lehre und An- 
sicht von der Allgemeinheit des Krankseins ohne weiteres 
zurükgeführt. Vielmehr ist nur für viele Fälle die Genese 
der Störungen aus dem Blute wahrscheinlich gemacht wor- 
den , und an die Stelle der früheren , einfach für topisch ge- 
haltenen Leiden ist der Begriff der vervielfältigten Localisa- 
tion getreten. Wirklich ist einer der wichtigsten Charaktere 
einer Blutkrankheit der, dass ihre Symptome über den gan- 
zen oder einen grossen Theil des Körpers verbreitet sind: 
aber dessen ungeachtet leidet jeder Theil nach der ihm 
eigenen Energie : das Allgemeinleiden ist nur eine Summe 
von localen Alterationen , und diese sind , obgleich das kranke 
Blut in allen Theilen enthalten ist, dennoch nichts weniger 
als in gleicher Stärke und Entwiklung in sämmtlichen Orga- 
nen anzutreffen ; oft genug kommen selbst bei primärer 
Blutkrankheit nur örtliche, auf einzelne Theile beschränkte 
Symptome zum Vorschein ; ja sogar , es können eine Zeit 
lang alle Symptome fehlen. Daraus ist ersichtlich, dass das 
veränderte Blut nicht alle Theile sicher krank macht, durch 
die es circulirt. Es ist die Blutalteration vielmehr wesent- 
lich Diathese, Krankheitsanlage, und nur nachdem sie einen 
gewissen Grad erreicht oder unter anderen begünstigen- 
den Umständen treten bestimmte Symptome auf. Wenn 
nicht bei bestehender Blutalteration ein einzelner Theil 
durch einen besonderen ihn treffenden Krankheitsreiz afficirt 
wird, so hängt das Entstehen von Symptomen bald von der 
Impressionabilität einzelner Parthieen des Nervensystems, 
bald von der besonderen Anlage der einzelnen Gewebe zur 
Erkrankung ab. Oft allerdings ist in concreten Fällen der 
Grund der jeweiligen Localisation nicht ganz durchsichtig zu 
ermitteln. Man hat daher behauptet, dass gewisse Blutalte- 
rationen eine spezifische Beziehung zu gewissen Organen 
haben; allein wenn es auch unläugbar ist, dass auffallende 
Erfahrungen vorliegen , welche eine solche Annahme zu recht- 
fertigen und nöthig zu machen scheinen (Syphilis), so muss man 



51 



doch eine solche Erklärung als unwürdig einer rationellen 
Pathologie bezeichnen. Die Annahme specifischer Beziehun- 
gen ist so lange keine Erklärung , so lange wir das Warum 
und Wie dieser Beziehungen nicht kennen. Sie ist nichts 
als die unklare Umschreibung einer vor der Hand unerklär- 
lichen Thatsache. — 

Die Blutalteration ist an sich während des Lebens 
durch keinerlei directe Symptome zu erkennen, so lange 
wenigstens , als das Blut innerhalb der Gefässe verweilt : nur 
durch ihre Folgen , durch die Störungen der Organe , die sie 
veranlasst, gibt sie sich kund, wird aber oft auch durch sie 
verdekt. Diese Störungen beruhen theils auf der Art, wie 
das abnorme Blut durch die Capillarien circulirt, zur Er- 
neuerung der Gewebe dient, und das Leben der Theile er- 
hält und vernichtet, und auf dem Grade, in welchem durch die 
Veränderung die Exosmose seiner Bestandtheile erschwert 
oder erleichtert ist: Hyperämieen und Anämieen, Apoplexieen 
und Hämorrhagieen , Ernährung und Verhältnisse des Zu- 
sammenhangs,, Secretionen , Exsudate und Brand sind daher 
die Symptome oder vielmehr die Folgen der Blutalterationen 

— theils hängen sie von dem Einflüsse ab, den die verän- 
derte Flüssigkeit auf die Nervencentra durch veränderte Er- 
nährung oder Erregung ausübt : es können die verschiedenen 
Zustände und Thätigkeiten des Nervensystems die Folge des 
abnormen Blutes sein und darum sind die Aeusserungen die- 
ser Zustände und Thätigkeiten als weitere indirecte Symptome 
der Blutkrankheit zu bezeichnen. 

Die Lezteren sind oft gerade die auffallendsten; sie sind 
bald das Mittel, durch welches die Dyskrasie den Tod bringt, 
bald das Mittel, durch das sie gehoben und geheilt wird. 

— So lange die Krasis wenig vom Normalen abweicht oder 
die Abnormität nur langsam entstanden ist, so lange die 
Produkte unbedeutend sind, oder ganz fehlen, ist oft nichts 
als ein undeutliches, wenig characterisirtes und nur durch 
allgemeine Unbehaglichkeit und Krankheitsgefühl sich kund 

4* 



52 



gebendes Leiden des Nervensystems vorhanden. Der Grad, 
die Deutlichkeit der Symptome hängt nicht nur vom Blute, 
sondern und vorzüglich von der Impressionabilität der Ner- 
vencentra ab. Unter Umständen können sich bestimmte 
und heftige, bald vage bald localisirte Schmerzen und con- 
vulsivische Contractionen kund geben. Nur gradweise davon 
verschieden, oft plözlich, oft allmälig daraus sich ent- 
wikelnd tritt dann zuweilen jener Zustand auf, den man 
Fieber und Delirium zu nennen pflegt; und wiederum als 
höhere Grade erscheinen zulezt die Paralysen der Nerven- 
centra: der Sopor, die Unempfmdlichkeit , die Lähmung des 
Muskelsystems. — Nicht von der Art der Blutalteration hängt 
die Art, der Grad und die Ausdehnung dieser Zustände des 
Nervensystems ab; vielmehr kann jede Blutalteration, wenn 
sie nur das rechte Maass von Intensität und Acuität hat, 
in einem disponirten Individuum jeden dieser Nervenzufälle 
veranlassen. Allerdings muss aber zugegeben werden, dass 
die höheren Grade des Nervenleidens bei der einen Blutab- 
normität leichter und früher eintreten , als bei der andern. 
Allein dieser relative Unterschied genügt nicht, um von den 
Symptomen des Nervensystems einen Schluss auf die Art der 
Dyskrasie zu machen. 

Die Gewebsstörungen bereiten sich mehr in der Stille 
vor, machen weniger Lärm und führen nichts destoweniger 
oft zu Zerstörung und Tod. Die allen Blutalterationen fast 
in gleichem Maasse gemeinschaftlichen Gewebsstörungen sind 
die Hyperämieen, die Secretionen und die Exsudate. Ob- 
wohl sie auch ohne Blutalteration eintreten können , werden 
sie durch solche ungemein begünstigt. Sie zeigen je nach 
der Art der Blutstörung, wie sich erwarten lässt, mannigfache 
Verschiedenheiten. 

Nur einige Verhältnisse dieser Art von mehr allgemeiner 
Giltigkeit können jezt schon in Erwägung gezogen werden, 
ehe die einzelnen Blutalterationen besprochen sind. Engel 
machte zuerst auf den grossen Unterschied aufmerksam, der 



53 



auch bei gleicher Krasis zwischen den Exsudaten besteht, je 
nachdem sie schnell oder langsam abgesezt werden. Er 
nennt die ersteren Educte, die lezteren Produkte, und gibt 
an, dass bei ersterer eigentlich nur die rohen Blutstoffe ab- 
gesezt werden, bei chronischen Exsudaten dagegen die 
Mannigfaltigkeit der abgeschiedenen Stoffe fast eben so gross 
sei, als die Verschiedenheit der den Organismus zusammen- 
sezenden Bestandtheile. So fein diese Bemerkung ist , so 
ist doch der Unterschied nicht durchgreifend und vielleicht 
nur scheinbar. Auch könnten die beiden angewandten Be- 
nennungen leicht zu dem Missverständnisse Veranlassung 
geben, als ob das Wesen des Exsudationsprocesses in beiden 
Fällen verschieden wäre. Die Exsudation an sich kann nichts 
anderes sein als ein Austreten eines oder mehrerer Blutbe- 
standtheile, und zwar roher Blutbestandtheile , aus den un- 
verlezten Gefässwandungen an Stellen und in einer Art, 
wo und wie es im normalen Zustande nicht zu geschehen 
pflegt. Dieser Vorgang der Exosmose ist immer der gleiche, 
ob er rasch oder langsam geschieht. Alle Exsudate sind 
also im Momente des Entstehens Educte , d. h. einfach ab- 
gesezte rohe Blutbestandtheile. Man darf sich nicht vorstel- 
len, als ob die kranke Stelle etwas selbstthätig producire. 
Sie verhält sich passiv dabei. Nur der Grad der Erschlaffung, 
der Lähmung der Gefässe , die Menge , die Art des in ihnen 
circulirenden Blutes, die Dauer des Aufenthalts desselben 
in ihnen , die Pressung die es erleidet , bedingt das Aus- 
treten. Die Verschiedenheit des weiteren Ganges, der Um- 
wandlungen des Ausgetretenen, die Organisation desselben 
hängt nicht zunächst von der Acuität und Chronicität des 
Processes ab , sondern von zahlreichen Umständen , die 
allerdings bei acuten einerseits und bei chronischen Fällen 
andererseits gewöhnlich in der Art combinirt sind, dass 
bei jenen geringere, bei lezteren grössere Wahrscheinlichkeit 
der Organisirung statt findet, und zwar vor allem und schon allein 



54 



desswegen, weil bei jenen auf einmal massenhaftere Absezun- 
gen geschehen als bei diesen. 

Die Blutalteration scheint nun aber doch auf zwei ver- 
schiedene Weisen — in chronischen wie in acuten Fällen — 
zur Exsudation Veranlassung zu geben. Im einen Fall kommt 
das Produkt durch Vermittlung einer Stase zu Stande, wo- 
bei alle Bestandtheile des Bluts je nach ihrer Fähigkeit zur 
Exosmose nach und nach austreten können. Im andern 
Fall dagegen scheint es , dass einfach nur diejenigen Be- 
standtheile abgesezt werden, die in einem abnormen relati- 
ven Uebergewichte im Blute enthalten sind. Lezteres ist 
besonders bei seröser und bei fibrinöser Krasis der Fall, 
und namentlich sehen wir bei dieser, z. B. bei Pneumonieen, 
bei Schleimhautcroupen, gerinnende Exsudalionen ohne deut- 
liche Organisation und ohne eine entsprechende Menge aus- 
geschwizten Serums. — 

Man spricht von einem Verlaufe der Krankheit: man 
will damit sagen , dass die Störungen , die einmal bestehen, 
nicht ohne Weiteres in den normalen Zustand zurükkehren 
können, sondern dass diess nur durch gewisse Entwiklungen 
und Veränderungen hindurch geschehen kann. Wo keine ma- 
terielle Veränderung ist, zeigt sich auch kein Verlauf: alle 
Ereignisse und Wendungen geschehen regellos, hängen nur 
von den Umständen ab und beruhen nicht in der inneren 
Entwiklung der Störung. Der Verlauf einer Krankheit hängt 
von der Blutveränderung ab, die nicht ohne weiteres in den 
normalen Zustand umspringen kann, von den Gewebsstörungen, 
die ohne eine allmälige Regeneration sich nicht wiederherstellen 
und von den Producten, den ausgetretenen Blutbestandtheilen, 
die entfernt sein müssen, ehe der gesunde Zustand zurük- 
kehrt. Bei Blutkrankheiten hängt die Dauer des Verlaufs 
vor allem von der Beschaffenheit und Menge der Produkte 
ab , und es ist hiebei ein wesentlicher Unterschied für die 
Beendigung des Krankheitsprocesses im Blüte, auf welche 
von den oben angegebenen Weisen die Exsudation erfolgt. 



55 



Während die eine Art der Produktbildung, wobei die ver- 
schiedenen Blutbestandtheile je nach ihrer Fähigkeit zur 
Exosmose , einer mit und nach dem andern austreten, 
das Blut nur im Allgemeinen vermindern, arm machen, 
zur Herstellung der normalen Proportionen der Blutbestand- 
theile aber kaum etwas beitragen kann , so ist dagegen die 
andere Art der Exsudalion eine Art von Naturhilfe. Die 
abnorme Blutmischung wird durch die Exsudation erschöpft. 
Leicht kann es nun aber geschehen, dass die Menge des 
exsudirten Stoffes zu bedeutend war; dann wird die ur- 
sprüngliche Dyskrasie in die ihr entgegengesezte umschlagen, 
und andersartige Produkte werden zum Vorschein kommen. 
Wo bei langsam geschehenden Exsudationen die Blutkrasis 
aus irgend einer äussern Ursache sich ändert, wird auch der ihr 
entsprechenden Produktbildung ein Ziel gesezt , die vorhan- 
denen Produkte werden durch allmälige Zersezung und 
Rükbildung zerfallen und neben den neuen anderartigen 
Exsudationen nur noch Reste von den früheren zu finden 
sein. Es ist daher eine sehr feine Bemerkung von Engel, 
wenn er darauf hinweist, „dass gerade in dem Aufkeimen 
einer neuen Dyskrasie der Grund des so häufigen Abster- 
bens früherer Krankheitsprodukte zu suchen sei." — Nur die 
die Blutalteration erschöpfenden und sie dadurch hebenden 
Produktabsezungen sind eigentlich Crisen; alles andere ver- 
dient diesen Namen nicht. Freilich wird damit dieser alte 
Begriff gänzlich abgeändert: er muss es aber auch werden, 
wenn er überhaupt noch als pathologischer Begriff geduldet 
werden soll. 

Sobald Exsudate gebildet sind, so geben diese an und 
für sich durch ihre physikalische, zuweilen auch chemischen 
Verhältnisse , durch den Einfluss auf das Organ, dem sie 
sich zunächst befinden, Symptome kund, die also nur ent- 
fernt von der Blutbeschaffenheit abhängen. — 

Den Exsudaten analog sind die Veränderungen der nor- 
malen Secretionen, welche gleichfalls Folgen von Dyskra- 



56 



sieen sind, und aus welchen man so gerne auf leztere 
schliesst. Gewöhnlich führen die Secrete nur die zersezten 
Theile des Blutes ab, und man kann desshalb aus ihnen 
weniger auf die im Blute vorherrschenden Stoffe , als auf die 
Lebhaftigkeit oder Unvollständigkeit der Zersezung schliessen. 
Das Nähere darüber wird bei der Harnsäure und den übri- 
gen Zersezungsprodukten zur Sprache kommen. — 

Die Menge des Exsudates steht, wie aus dem Gesagten 
von selbst hervorgeht, in keinem Verhältniss zu den Symp- 
tomen des Nervensystems und eher noch in einem umge- 
kehrten, als in geradem. Mit der Produktbildung wird das 
Blut, wie wir gesehen haben, oft erleichtert, und dadurch 
sein Einfluss auf die Nervencentra weniger schädlich. Je- 
nes dagegen sind die schlimmsten und am acutesten tödt- 
lichen Dyskrasieen, wo eine bedeutende Veränderung des 
Bluts ohne oder fast ohne Produkte besteht (Fälle der acu- 
testen Cholera , des acutesten Typhus und Kindbettfiebers, 
der Pesth, der acuten galligen Dyskrasie etc.). Hier tritt 
der Tod in wenigen Tagen, selbst Stunden ein, indem das 
kranke Blut auf einmal und plözlich die Paralyse der Ner- 
vencentra herbeiführt, ehe noch eine Milderung seiner dele- 
tären Beschaffenheit durch Ausscheidung einzelner seiner 
Bestandteile zu Stande kommen konnte. — 

Noch bleibt uns übrig, den Einfluss der neueren Humo- 
ralpathologie auf die Therapie im allgemeinen zu erörtern, 
und es mag diess um so nöthiger sein, da das Vorurtheil 
nicht nur unter Laien und ungebildeten Aerzten, sondern 
sogar bei manchen gelehrten und denkenden Praktikern ziem- 
lich verbreitet ist , als ob alle die endlosen Bemühungen und 
Bereicherungen in unserem Fache, die wir der neuern Zeit 
verdanken, das ärztliche Handeln selbst kaum verändert, die 
Praxis beim Alten gelassen haben. 

Es gibt zwei Methoden, therapeutisch zu verfahren : die 
empirische und die rationelle. Der empirischen Methode kann 
es allerdings sehr gleichgiltig sein , welche Zustände und Vor- 



57 



gärige in einem einzelnen Falle im Blute bestehen, indem 
sie nur darauf ausgeht, solche Mittel wieder anzuwenden, 
welche in ähnlichen Fällen geholfen haben. Es ist zu ver- 
wundern, dass eine Methode, die nach einer solchen Richt- 
schnur handelt, noch jemand, dem andere Wege zugänglich 
sind , verloken kann. Wer die pathologische Anatomie kennt, 
und sie mit den Erscheinungen im Leben zusammenhält, 
weiss, wie wenig sich auf Aehnlichkeiten bauen lässt; wer 
ehrliche Beobachtungen macht, weiss, mit wie geringer Sicher- 
heit man von einem Mittel bestimmen kann, ob es wirklich 
geholfen hat Die Zuflucht zur empirischen Methode ist der 
Schritt der Verzweiflung am eigenen oder gesammten Wissen. 
Sie ist das Bekenntniss, dass man dem Zufalle mehr traut, 
als der Vernunft. Allerdings lassen sich die empirischen 
Methoden bei dem gegenwärtigen Stande der pathologischen 
Physiologie und der Heilmittellehre in nicht wenigen Fällen 
noch nicht entbehren. Aber sie dürfen nur Nothbehelf sein ; 
wer sie zur obersten oder ausschliesslichen Maxime macht, 
hat sich selbst gerichtet. 

Die rationelle Methode in der Therapie sezt vor allem 
in jedem einzelnen Fall eine genaue Diagnose, nicht eine 
nominelle Diagnose , sondern eine Ermittlung des gesammten 
anatomischen und functionellen Zustandes voraus. Ist dieser 
mit allen zu Gebot stehenden Mitteln aufgefunden, so ent- 
steht die Erwägung: wie kann dieser Zustand auf möglichst 
sichere und schnelle Weise zum normalen zurükgeführt, oder 
wie kann seine natürliche Entwiklung zu einem günstigen 
Ende gefördert und drohende oder vorhandene Hindernisse 
und Gefahren beseitigt und umgangen werden? Sofern es 
incurable Uebel sind , die der Behandlung unterliegen , so ist 
die Aufgabe, den Process zu hemmen , zu verlangsamen und 
die lästigsten Symptome zu erleichtern. So einfach diese 
Maxime ist, so liegt ihre Anwendung doch nichts weniger 
als offen auf der Hand, und hier ist es, wo de%kenntniss- 
reiche und vorurtheilsfreie Arzt unberechenbare Vortheile vor 



58 



seinem wenn auch noch so erfahrenen Kollegen hat. In die- 
sem Sinne wird die Kenntniss der pathologischen Anatomie, 
aber nicht jener Anatomie, welche nur descriptiv oder statis- 
tisch den Siz des Leidens sucht, sondern die genauste 
Kenntniss von den Umänderungen der Gewebe , von der 
Entwiklung der pathologischen Processe, von den Verhält- 
nissen der Exsudationen zur Basis der Therapie. In diesem 
Sinne wird auch die Physiologie zur Fundamentalwissenschaft 
der Therapie; denn nur mittelst der von ihr geliehenen 
Thatsachen ist der Werth der Erscheinungen zu taxiren , und 
deren Grund zu ermitteln. In diesem Sinne kommt es end- 
lich vor allem darauf an, dass die theoretischen Ansichten 
des Arztes aufgeklärt sind ; denn nur unter dieser Bedingung 
ist es möglich, die Thatsachen zu verstehen und eine Ein- 
sicht in die Processe zu erlangen. 

Die Kenntniss von der Beschaffenheit des Blutes in 
Krankheiten ist für das rationelle Verfahren des Arztes nicht 
mehr noch minder unumgänglich, als die Kenntniss der ana- 
tomischen Pathologie der Festtheile. Jene füllt aber um so 
mehr eine unermessliche Luke aus, als der Process des 
Krankseins so häufig ohne Rüksichtnahme auf die Blutbe- 
schaffenheit auf keine Weise verständlich ist. Und wenn es 
uns auch bis jezt viel seltener , als die alte Humoralpathologie 
meinte, gelingt, auf das Blut selbst direct zu wirken, dieses 
selbst zu ändern und zu seiner normalen Beschaffenheit unmit- 
telbar zurükzuführen, so ist es doch sehr oft in unsrer 
Macht, den Gefahren , die aus dem kranken Blute entsprin- 
gen, bei einer klaren Einsicht in die Verhältnisse vorzubeugen, 
und den Körper somit vor einem drohenden und bei Sorg- 
losigkeit unvermeidlichen Schaden oder Verfalle zu schüzen. 

Was hier nur im Allgemeinen ausgesprochen ist, wird 
im weitern Verlaufe dieser Schrift seine Rechtfertigung und 
Bestätigung finden. 



bmtitev &b f d) n% tt. 



]flan hat vielfach davor gewarnt , in Gebieten des Wis- 
sens, wo das Material erst anfängt, sich zu sammeln, und 
wo der factische Bestand noch allenthalben neben dem Zwei- 
fel einhergeht, nicht zu vorschnell zu allgemeinen Abstrac- 
lionen und zum Raisonnement zu schreiten. Diese Aengst- 
lichkeit können wir nicht billigen, ja wir halten dafür, dass 
selbst die unreife Theorie, sobald sie sich nur nicht für 
besseres ausgibt, der Lichtung der Thatsachen Vorschub thut, 
und sogar das einzige Mittel der Wissenschaft ist, über die 
Thatsache Herr zu werden. 

Darum erscheint es uns erlaubt , jezt schon das Material 
über die abnormen humoralen Verhältnisse in systematischer 
Weise zu ordnen, um hiedurch eine gründlichere Betrach- 
tung jedes einzelnen derselben vorzubereiten. 

Ein solches System ist wie jedes System ein künstliches ; 
denn sobald wir die natürlichen Beziehungen der Dinge zu 
einander überschauen und durchschauen, so bedarf es kei- 
nes Systems mehr, und wird jedes System nur hemmend 
und die Aussicht raubend. Das System ist immer nur ein 
Nothbehelf, für einen provisorischen Zustand des Wissens 
angemessen. 

Der einzige objective Halt , den wir bei Anordnung 
eines humoralen Systems haben, ist die objective Ermitt- 



62 



lung des Zustands des Bluts und der Excreta. Es stellt sich 
uns aber hiebei sogleich ein grosser Uebelstand entgegen, 
der nämlich, dass wir bei derselben Krasis in den Excre- 
ten den weiter umgewandelten, also anderen Verbindungen 
begegnen, als sie sich im Blute finden, und dass demnach 
durch Vermischung zweier Eintheilungsprincipien , des einen 
nach dem Zustand des Bluts, des andern nach den zersez- 
ten und verbrauchten Stoffen in den Excretis eine Verwir- 
rung entsteht, welche die Versezung derselben Krasis in 
zwei oder mehrere verschiedene Klassen zur Folge haben kann. 
Indessen ist diesem Uebelstande nicht zu entgehen , so lange 
man beider Mittel zur Bestimmung der Krasis, des Bluts und 
der Produkte noch bedarf. Und erst, wenn die leztern 
mit vollständiger Sicherheit, chemisch und empirisch, aus 
den erstem abzuleiten sind, wird die Einheit des Einthei- 
lungsprincips festgehalten und Wiederholung vermieden wer- 
den können. 

Um wenigstens eine äussere Einheit zu haben, betrach- 
ten wir die in den Excretionen vorgefundenen Stoffe, als 
wären sie im Blute selber enthalten, was theoretisch sich 
rechtfertigen lässt, und praktisch kein Fehler ist, die un- 
schikliche Spaltung aber in Abnormitäten des Bluts und in 
solche der Excreta aufhebt, 

Wir stellen hienach folgende Hauptabtheilungen auf: 

1. Abnorme Quantitätsverhältnisse des Bluts im Ganzen. 

2. Relative Abnormitäten in den organischen Verbin- 
dungen des Bluts. 

3. Abnorme Verhältnisse der Umsezung in einfachere 
Verbindungen. 

4. Gährungen des Bluts oder chemische Bewegungen, 
die sich von einem Punkte mehr oder weniger auf die Ge- 
sammtmasse des Bluts ausdehnen. 



I. Abnorme Ouantitätsverliältnisse des 
Gesammtbluts. 

In frühern Zeiten hatte man über das Vorkommen rei- 
ner Blutzu- und Abnahme keinen Zweifel, und Plethora 
und Anämie sind auch heute noch geläufige Ausdrüke. In- 
dessen ist der directe Beweis einer einfach vermehrten oder 
einfach verminderten Blutmenge auf keinerlei Weise zu füh- 
ren: das Aussehen des Kranken gibt hiefür nur zweideutige 
Auskunft. Es ist sogar in hohem Grade wahrscheinlich, dass 
sowohl allgemeine Anämie, als auch und noch in höherem 
Grade allgemeine Plethora wenigstens nicht lange rein und 
einfach bestehen können, sondern in Proporlions-Abnormi- 
täten übergehen, welche das Herkommen und die Praxis 
nicht von jenen trennt, sondern mit ihnen verwechselt. 
Wenigstens versichern Andral und Gavarret (Annales de 
chimie et de physique. Tom. LXXV p. 229) , dass nur in 
sehr seltenen Fällen (dans des circonstances tres rares) 
gleichzeitige Verminderung oder Abnahme sämmtlicher Blut- 
bestandtheile statt gefunden habe. 

Es können jedoch die Ausdrüke Plethora und Anämie 
auch so verstanden werden , dass man unter jener den Reich- 
thum an Blut ganz abgesehen von seinen Mischungsverhält- 



64 



nissen versteht, und unter der Anämie den entgegengesezten 
Zustand, wiederum ohne alle Rüksicht auf seine Zusam- 
mensezung. So erhalten wir allerdings zwei Begriffe unter 
denselben Namen, die praktisch um so schwerer auseinan- 
der zu halten sind , weil die leztern Verhältnisse ohne 
Zweifel direct aus den erstem entstehen können. 

Der variabelste Bestandteil des Bluts, der die Quan- 
titäts-Abnormitäten am schnellsten ausgleicht, ist wohl das 
Wasser; und so sehen wir dieses beim Blutreichthum ab- 
nehmen und das Blut dik und concentrirt werden ; bei der 
Blutarmuth pflegt es in grösserer Menge sich zu finden und 
somit nimmt das Blut eine wässrige Beschaffenheit an. 
Ohne Zweifel wird in den meisten Fällen von Blutvermin- 
derung lezteres Verhältniss eintreten. Nach Zimmermann 
(unser Archiv , 1845) geschieht diess sogar schon wäh- 
rend der Aderlässe, so lange das Blut läuft. 

Indessen ist diess nur die Regel; und es kommt eben 
so gut dünnes, reichliches Blut, als sparsames, wasserarmes 
und dikes Blut vor. 

Wir verstehen somit hier unter Plethora und Anämie 
jenen Blutreichthum oder Mangel, bei dem etwa gleichzeitig 
vorhandene proportionelle Abweichungen zu unbedeutend sind, 
um bei den Folgen in Betracht zu kommen. 



f)Utt)0rtf. 



Die Plethora oder Polyaemie, wenn sie auch selten 
oder nie sich längere Zeit erhält, ist immerhin als Ueber- 
gangsverhältniss zu den andern Blutalterationen und als pa- 
thogenetisches Moment für diese von Interesse. 

Nicht alle Umstände , unter denen wirkliche oder schein- 



65 



bare Plethora sich ausbildet, sind genau bekannt: vielmehr 
gibt es Organisationen , die, so wenig Stoff ihnen zugeführt, 
und selbst wenn durch Anstrengungen oder durch schnelles 
Leben noch so sehr der Verbrauch gefördert wird, durch's 
ganze Leben in der Disposition zur Plethora bleiben. 

Dieselbe Disposition tritt aus unbekannten physiologi- 
schen Gründen bei vielen Individuen in dem zweiten Man- 
nesalter ein. Die vermehrte Venosität — wie man wohl 
nicht ganz schiklich die vorherrschende Krasis in diesem 
Alter genannt hat, ist, so lang sie sich in der Breite der 
Gesundheit hält , vielleicht als plelhorische Diathese anzuse- 
hen, obwohl genaue und nach grösserem Maasstabe vorge- 
nommene Yergleichungen über das proportioneile Verhalten 
der Blutbestandtheile in diesem Alter nicht vorhanden sind. 

Die gewöhnlichen Umstände, unter denen sich bei den 
meisten Individuen Plethora ausbildet, und ohne Zweifel ihre 
häufigsten Ursachen sind reichliche Stoffzufuhr und zu ruhiges 
Verhalten (geringer Umsaz). Schon Eine starke Mahlzeit 
kann bei Jedem vorübergehend mehr oder weniger bedeu- 
tende plethorische Zustände hervorrufen, die sich verlieren, 
sobald der Umsaz und die Verbrennung das Plus wieder 
ausgeglichen hat. Lange fortgesezte üppige Diät dagegen 
bewirkt zulezt eher proportionelle Missverhältnisse, als reine 
Plethora. 

Die Unterdrükung von Blutungen und von proteinhaltigen 
Excretionen hat gleichfalls leicht Plethora zur Folge; und in 
den ersten Tagen des Kindbetts scheint eine ähnliche Diathese 
zu bestehen, bis durch Diät und Milchsecretion die Aus- 
gleichung allmälig sich wieder herstellt. 

Die älteren Aerzte haben den Begriff einer relativen 
Plethora, einer Plethora ad habitum aufgestellt. Wir halten 
denselben , so vielfach er angefochten wurde , für gerecht- 
fertigt und erfahrungsgemäss , nur nicht ganz in dem Sinne 
der Alten. Bei magern, schwächlichen Individuen, bei ab- 
gezehrten Reconvalescenten und Phthisikern sehen wir am 

Wunderlich, Patü. d. Bluts. 5 



66 



häufigsten nach ungebührlich starken Mahlzeiten Fieberbewe- 
gungen eintreten: "wir sehen auch sonst bei ihnen zeitweise 
sogenannte Wallungen entstehen , ohne dass die Frequenz 
des Pulses zunimmt, örtliche Hyperämieen, die bei grösserer 
Ruhe und Vorsicht in der Diät schnell wieder verschwinden. 
— In dieselbe Categorie gehört auch die alltägliche Erfah- 
rung, dass Leute von weniger als massigem Embonpoint, 
bei dürftiger Nahrung und angestrengter Arbeit doch an 
Aderlässen sich gewöhnen können, und ohne sie sich schlecht 
befinden. Es bildet sich durch die habituellen Venaesectionen 
bei ihnen eine Art von Marasmus und Blutdürftigkeit aus, 
woran sich die Constitulion zu ihrem eigenen Schaden all- 
mälig accommodirt; mit jeder neuen Venaesection wird der 
Kranke unfähiger, eine auch normale Menge von Blut zu 
ertragen: so oft er sich daher von der Aderlässe einiger- 
massen zu erholen anfängt, treten troz der wirklichen Armuth 
an Blut alsbald Zeichen von scheinbarer Blutüberfüllung ein, 
und je mehr er in Marasmus verfällt, um so unleidlicher 
und häufiger wiederholen sich bei ihm die lästigen Symp- 
tome seiner relativen Plethora. — Ganz in derselben Weise 
treten zuweilen bei Greisen , wo der Marasmus naturgemäss 
wäre, plethorische Zufälle mit ungemeiner Intensität in die 
Erscheinung. Unter solchen Umständen macht, wenn nicht 
anatomische Veränderungen zugegen sind, schon eine kleine 
Blutentziehung die scheinbare Blutüberfüllung verschwinden ; 
denn die wirkliche Abweichung vom relativ normalen Zu- 
stand ist nur gering. — 

Die Folgen der Plethora, sowohl die nächsten, d. h. 
die Symptome, durchweiche sie sich zu erkennen gibt, und 
die Functionsstörungen, die sie erregt, als auch die weitern, 
die Uebergänge in andere Diathesen, hängen, wie bei allen 
Blutalterationen, nicht nur von der Intensität der Abweichung, 
sondern und hauptsächlich von der Raschheit ihres Eintritts, 
und der individuellen Impressionabilität des Nervensystems ab. 

Diese Folgen können sein : die ungewohnte Menge von 



67 



Blut belästigt die Nervencentra (d. h. wahrscheinlich hemmt sie 
die Aufnahme der abgenüzten Theile und erlangsamt so den 
Umsaz): schwerer Kopf, Trägheit, Mattigkeit, Frösteln sind 
die gewöhnlichen Erscheinungen hievon ; die Respiration wird 
unordentlich, die Circulation zuweilen erlangsamt; oder bei 
grösserer und namentlich krankhafter Impressionabilität der Ner- 
vencentra wirkt die Blutüberfüllung als Stimulus zu gesteigerter, 
tumultuarischer Thätigkeit : Gefühle von Hize, Kopfweh (Affec- 
tion des Quintus), heisse Empfindungen in den Nerven der 
Extremitäten, Neigung zum Zittern, und psychische Erregtheit, 
Beschleunigung des Pulses sind diese Symptome, denen man, 
wenn sie vereinigt sind, den Namen Fieber gibt. 

In Organen, welche dazu durch ihre Nachgiebigkeit, 
durch frühere Hyperämien, oder durch zufällige Umstände 
disponirt sind, entstehen Anhäufungen des Bluts, die je 
nach den Umständen einfach sich heben, oder in Hämorr- 
hagieen enden, oder durch Exsudation sich lösen können, 
besonders entwikelt sich leicht ein catarrhalischer Zustand 
im Darme. Leicht werden solche „Congestionen" (in Kopf, 
Brust, Darm) durch öfteres Entstehen habituell, so dass 
später schon geringfügige Schwankungen in der Blutmenge 
genügen, sie hervorzurufen. 

Die Wirkung auf die Nervencentra , sowie die Entstehung 
localer Hyperämien wird in ungemeinem Maasse begünstigt, 
wenn eine andere krankmachende Ursache einwirkt, und 
diese findet bei solchem Blute stets eine Disposition zu ex- 
cessiven Produktbildungen und tumultuarischem Verlauf vor. 
Daher vollblütige Individuen fast immer in acuten Krank- 
heiten stark ergriffen werden und in grössere Gefahr kom- 
men, als Leute, deren Constitution oft viel weniger aushalten 
zu können scheint. 

Als Folgen der Plethora können ferner Hypertrophieen, 
besonders des Herzens , mindestens pastöse Ernährung und 
toroser Habitus, übermässige Fettabsezungen und Verdauungs- 
störungen eintreten; aber mit diesen mehr chronischen Wir- 

5* 



68 



kungen weicht sicher der Zustand bereits von der reinen 
Quantitätszunahme ab, und geht in andere Blutabnormitäten 
über. — 

Zu sämmtlichen Blutalterationen liegt in der Plethora 
der Keim, doch wie es scheint mehr zur albuminösen oder 
cruorreichen, als zur fibrinösen. Der Uebergang zu lezterer 
scheint vorzugsweise in den acuten Wochenkrankheiten statt 
zu finden, wo durch die Diät der ersten Tage zwar rasch 
die Blutkügelchen sich vermindern, der Ueberschuss an 
Faserstoff jedoch nur langsam verschwindet : daher die emi- 
nente Disposition der Wöchnerinnen zu fibrinösen Exsudationen. 
— Auch der Uebergang zur Blulverarmung liegt nicht ganz 
ferne: denn die Ueberfüllung des Gefässsystems mit Blut 
ist der Wiederaufnahme von Stoff, und dadurch rükwärts 
der Verdauung nicht förderlich. Verdauungsstörungen stel- 
len sich ein, die leicht die Periode der Plethora überdauern, 
und so später Veranlassung zur Bildung eines ungeeigneten 
und ärmlichen Blutes werden. Namentlich ist es die rela- 
tive Plethora , die fast constant nach längerer Dauer mit 
Marasmus endet. — 

Massige und rasch entstandene Plethoren heben sich 
von selbst, indem die Stoffüberladung durch allmähligen 
Verbrauch (Zersezung) ausgeglichen wird. Das nächstlie- 
gende Mittel, diess zu fördern, ist Enthaltsamkeit , Diät. Aber 
auch Ruhe, wie Bewegung sind nach Umständen nüzlich 
und unentbehrlich. Die Bewegung: indem sie den Umsaz 
beschleunigt, theils durch Abnüzung der in Thätigkeit ge- 
sezten Gewebe, theils durch Vermehrung der Respiration 
und so der Zufuhr von Sauerstoff; Ruhe dagegen: indem 
sie mehr als irgend etwas anderes der übermässigen Erre- 
gung der Nervencentra , und dem Zustandekommen unglei- 
cher Vertheilung der Blutmasse und daher localer Hyperä- 
mieen vorbeugt. Nach diesen Momenten sind die beiden 
entgegenstehenden Verhältnisse : Ruhe und Bewegung für die 
Cur der Plethora zu benüzen. Der Werth mancher diäteti- 



69 



sehen Vorschriften ist hienach zu ermessen. Es wird dem 
erregbaren Plethorischen Ruhe am dienlichsten, dem Phleg- 
matischen, dessen Umsaz unvollkommen ist, Bewegung zu 
empfehlen sein. 

Eine directe Entleerung von Blut ist in vielen Fällen, 
besonders bei rasch entstehender Plethora oder bei localen 
Hyperämieen, nicht zu umgehen. Hieher gehören besonders 
jene Fälle, wo die scheinbar schwersten Beschwerden auf 
eine Aderlässe oder eine Application von Blutegel augen- 
bliklich sich heben. Freilich nicht für immer: denn es ist 
eben die Art der Plethora , dass sie , wenn auch meist nur 
ein vorübergehendes Phänomen , doch um so hartnäkigere 
Rükfälle macht. 

Arzneimittel leisten bei plelhorischen Zuständen schwer- 
lich andere als untergeordnete Hilfe, denn wir besizen kein 
Medicament, das die Umsezung der Blutmasse direct und 
kräftig zu beschleunigen im Stande wäre. 



Anämie. 

Die Anämie kann eben so wenig als die Plethora 
scharf und sicher von andern und proportioneilen Blutabnor- 
mitäten abgetrennt werden» Die Untersuchungen fehlen, ob 
in den Fällen, wo man Anämie anzunehmen pflegt, wirklich 
zuweilen eine gleichförmige Abnahme der Blutbestandtheile 
vorhanden ist. Im Gegentheil hat H. Nasse durch Experi- 
mente gezeigt, dass bei einer durch Aderlässe hervorge- 
brachten Anämie das Blut wirklich in seinen Eigenschaften 
so verändert ist, dass eine Quantitätsabweichung angenom- 
men werden muss. Indessen thut diess wenig zur Sache. 
Man kann immerhin Anämie statuiren, sobald die Vermin- 
derung der Blutmasse überhaupt das überwiegendste und 



70 



auffallendste Moment ist, abgesehen von Differenzen in den 
einzelnen Blutbestandtheilen. Es lässt sich nicht läugnen, 
dass eine feinere Kenntniss lezterer Verhältnisse auch eine 
bessere Einsicht in manche krankhafte Zustände gewähren 
würde, und Engel hat den Versuch dazu gemacht, indem 
er zwei Formen der Anämie unterscheidet: Anämie mit Ver- 
dikung und dunklerer Farbe des Bluts und Anämie mit dünn- 
flüssigem blassem Blut. Allein solche Unterschiede, so 
wichtige Winke sie übrigens sein mögen, sind, so lange sie 
noch den Charakter der symptomatischen Aeusserlichkeit 
tragen und nicht über die wirkliche Zusammensezung nähern 
Aufschluss geben, noch wenig oder nur in extremen Fällen 
benuzbar. 

Die Anämie ist dem Gf eisen alter, namentlich dem ho- 
hen, normal. „Die Quantität des Blutes im Greisenalter, 
sagt Engel, ist so sehr vermindert, dass selbst die grössern 
Venen oft beinahe leer erscheinen, besonders ist das Ge- 
hirn und das System der Iugularvenen blutleer ; selbst im 
Herzen ist oft kaum eine Drachme Blutflüssigkeit, in den 
Arterien nur Blutwasser. Das Blut ist dünnflüssig, ohne 
Gerinnung, rostfarbig - hellbraun , nicht abfärbend." Leztre 
Beschaffenheit weisst darauf hin , dass hiebei die Anämie wohl 
keine reine ist: auch haben die Untersuchungen von Denis 
gezeigt, dass das Blut im Alter an Densität verliert, und 
dass seine festen Bestandtheile , namentlich der Cruor im 
Verhältniss zum Wasser abnehmen. Indessen scheint die 
Gesammtabnahme dabei doch weit das Ueberwiegende zu 
sein. Durch diese habituelle Armuth an Blut lassen sich 
ohne Zweifel viele der leiblichen und psychischen Erschei- 
nungen des höhern Alters begreifen. 

Mit Ausnahme des hohen Alters muss Blutarmuth überall 
als krankhafte Diathese angesehen werden. Jedoch gibt es 
habituelle massige Anämieen, bei denen die Gesundheit 
noch keinen Schaden leidet. Sie finden mehr in der Jugend 
statt und scheinen auf einer ursprünglichen, nicht näher 



71 



erklärbaren, oft wohl angeborenen Disposition zu beruhen, die 
troz der reichlichsten Zufuhr, und der scheinbar kräftigsten 
Verdauung nur eine magere Ernährung zu Stande kommen 
lässt. Oft mit der Pubertät, oft erst im Anfang des Mannes- 
alters, oft noch später, hebt sich diese Disposition von 
selbst und ohne bekannte Gründe, und das Embonpoint legt 
zu: oder aber, es geht der Zustand in die höhern Grade 
und in den vorzeitigen Marasmus über. 

Die höhern Grade der Anämie, die allein nur als ernst- 
liche krankhafte Zustände angesehen zu werden pflegen , sind 
entweder plözlich entstanden nach grossen Blutverlusten, 
ungewöhnlich starken Ausleerungen (Cholera) und Exsudatio- 
nen, oder, und diess sind fast die wichtigeren Fälle, sie 
bilden sich langsam aus und die Anlage dazu ist zum Theil 
schon angeboren. Solche Fälle bemerkt man bei neugebo- 
renen Kindern und in den ersten Lebensjahren, dann wieder 
gegen die Pubertät hin, besonders aber im zweiten Mannes- 
alter; endlich überhaupt und zu jeder Zeit des Lebens in 
Folge andrer Krankheiten oder in Folge von Mangel, 
übermässiger Anstrengung und psychischer Erschöpfung. 
In und nach Krankheiten der verschiedensten Art, in den 
spätem Stadien des Typhus , bei Krankheiten der Mesen- 
terialdrüsen oder des Pylorus , bei andauernder Colliqua- 
tion, als leztes Stadium aller protrahirten Blutabnormitäten 
ist die Anämie eine höchst gewöhnliche Erscheinung, bald 
nur vorübergehend und eine langsame Reconvalescenz be- 
dingend, bald aber unheilbar und früher oder später den 
Tod herbeiführend. 

Die ausserordentlich verschiedenen Umstände, unter 
denen die Anämie vorkommt, die vielfachen Combinationen, 
von denen sie zuweilen abhängt, die sie aber selbst nicht 
selten veranlasst, machen eine Darstellung ihrer Erschei- 
nungen nur bei Betrachtung der wichtigeren einzelnen Ver- 
hältnisse möglich. 

Das allgemeinste Zeichen der Anämie ist, wie sich von 



72 



selbst versteht, die Blutleerheit der Gefässe und die Blässe 
der Organe, und die nächste Folge davon geringe Ernäh- 
rung, geringe Oxydation, geringe Eigenwärme, unvollkom- 
mene Secretionen (Becquerel's anämischer Harn, unvoll- 
kommene Abschilferung der Epidermis , Trokenheit der 
Schleimhäute, der Augen etc.). Das Aussehen ist bald 
troken und dürre , bald zeigt sich eine leichte seröse Infil- 
tration und dadurch einige Gedunsenheit und schlaffe Weich- 
heit der Gewebe ; immer ist dabei eine Unfähigkeit zu kraft- 
vollen, oder wenigstens zu ausdauernden Functionsausübungen, 
vor allem in Bereich der willkürlichen Muskel. Von gros- 
ser Wichtigkeit, und für die Auffassung der Nervenerschei- 
nungen überhaupt sehr belehrend, ist der Einfluss der 
Anämie auf die Nervencentra. Schon Andral hat in seiner 
pathologischen Anatomie vielfach darauf hingewiesen, dass 
die gleichen krankhaften Nervensymptome von Hyperämie, 
wie von Anämie hervorgerufen werden können, und so 
sehen wir denn bei Anämie ausserordentlich häufig nicht 
nur die Zeichen einer chronischen Irritation der Nerven- 
centra, sondern selbst die einer acuten: Krämpfe, Deli- 
rien , Raserei , Erscheinungen einer Meningitis. 

Bei der acuten Anämie , wenn sie bedeutend genug ist, oder 
bei höchst gesteigerter chronischer Anämie, überwiegen die Er- 
scheinungen im Nervensysteme alle andern. Fast vollständiges 
Erlöschen aller activen Lebenszeichen und heftige Explosionen 
krampfhafter Gehirn- und Markfactionen wechseln dabei nicht 
selten mit einander. Das Bild des Kranken wird bei etwas länge- 
rer Dauer dadurch oft das eines typhösen. Bei vielen Krank- 
heiten, die, wie man sagt, unter typhösen Erscheinungen tödten, 
ist die Anämie die Ursache davon. Beim eigentlichen Typhus 
selbst kann man zuweilen Fälle beobachten, wo nach Ver- 
schwinden der Darmsymptome , nach Eintreten scheinbar 
günstigen Schlafs comatöse und delirirende Zustände fort- 
dauern und der Kranke, während seine Darmgeschwüre in 
der Heilung begriffen sind, an reiner Erschöpfung — be- 



73 



dingt eben so wohl durch die vorausgegangene stürmische 
Nervenaufregung, als durch die Anämie — zu Grunde geht. 
Darum ist es eine weise Regel , bei Typhuskranken die 
karge Diät nicht zu lange fortzusezen , und sobald der Zu- 
stand des Darms nur einigermassen es gestaltet, kräftigere 
Nahrungsmittel zu verabreichen. Ganz in gleicher Weise 
sehen wir im lezten Stadium colliquativer Krankheiten , sehen 
wir bei Frauen, die weit über ihre Kräfte das Säugen fort- 
gesezt haben , oft einen Complex von Erscheinungen ein- 
treten , der dem typhösen ungemein ähnlich ist. Es sind 
die stillen Delirien , die comatösen Zufälle , die Prostration, 
die Neigung zum brandigen Absterben tiefliegender Theile, 
die Schnellheit und Kleinheit des Pulses, die ungleiche Ver- 
teilung der Wärme , das Absterben des Epitheliums auf der 
Zunge, was die Aehnlichkeit begründet; oft zeigen sich 
daneben oder als Einleitung dazu heftige Krampfzufälle und 
örtliche oder verbreitete lebhafte Schmerzen — alles Erschei- 
nungen, die von der durch Anämie veränderten Functionirung 
der Nervencentra und der übrigen Organe abhängen. 

In allen diesen Fällen kommt es gar nicht auf die Be- 
schaffenheit und die Art einzelner erkrankter Eingeweide 
an : der Zustand des Blutes bedingt den ganzen Symptomen« 
complex, und es hängt nur von dem Grad, der Schnellig- 
keit des Eintritts, der Dauer der Anämie, und andrerseits 
von der Impressionabilität des Nervensystems ab, ob und 
in welcher Ausdehnung die pseudotyphösen Erscheinungen 
auftreten, ob sie sich mit Krämpfen compliciren, oder ob 
diese, oder ob gänzlicher Collapsus und vollkommene Le- 
thargie für sich allein eintreten. 

Auch zu Exsudationen kann die acute und weitgekom- 
mene Anämie Veranlassung geben. In den meisten Fällen 
ist wenigstens einige seröse Infiltration , zuweilen auch durch 
geronnene Stoffe getrübt , vorhanden. Unter Umständen je- 
doch, nämlich da, wo die Anämie vorzugsweise durch Ver- 
lust des wässrigen Blutbestandtheils — wie vor allem in 



74 



der Cholera — herbeigeführt wurde, können mehr oder 
weniger reichliehe fibrinöse Exsudationen erfolgen. Die 
Symptome sind dabei dieselben, wie bei der Anämie ohne 
Exsudation und man hat darum auch diese Fälle — Cholera- 
typhus — mit den eigentlich typhösen Affectionen ver- 
wechselt. — 

Noch vielgestalter und durch zahlreiche Nebenumstände 
influencirt, gestaltet sich der Zustand des Nervensystems bei 
der chronischen und habituellen Anämie. 

Bei Kindern des jüngsten Alters, wo dieses Verhältniss 
so häufig — namentlich auch neben andern constitutionellen 
Krankheiten, vor allen Syphilis — beobachtet werden kann, 
sind die Zeichen ein allgemeiner, bis zum äussersten Extreme 
gediehener Marasmus, unvollkommene Respiration, Unfähig- 
keit sämmtlicher Muskeln zu willkürlichen Contractionen, 
dagegen häufige Explosionen in Krämpfen und Verzerrungen 
(Gichter). Die Convulsionen des Kindesalters werden gar 
zu gerne nur als Reizungen angesehen, und im alten Sinne 
des antisthenischen Curverfahrens behandelt. Sie sind aber 
wohl eben so oft die Folgen der Anämie und der durch sie 
herbeigeführten Störung in der ruhigen Energie der Nerven- 
functionen (Marshall Hall's hydrocephaloid Disease). 
Nicht selten geschieht es, dass solche Kinder noch ziem- 
lich lange ihr elendes Leben fristen, ja sogar von der 
schlimmsten Prognose, die durch alle Symptome gerecht- 
fertigt scheint , vollkommen sich erholen und erstarken. 
Meist aber rafft sie vollends eine Kleinigkeit hin. Alle acuten 
Krankheiten, obwohl sie nie zu rechter Entwiklung bei ihnen 
kommen — wie z. B. die acuten Ausschläge — geben die 
schlechteste Aussicht. Irrthümlich ist es, dass solche Kinder 
leicht scrophulös oder tuberculös werden: ja sie bleiben von 
diesen Krankheiten eher verschont, während dagegen Er- 
weichungen des Knochensystems bei ihnen sehr gewöhn- 
lich sind. 

Auch ältere Kinder verfallen zuweilen in einen ähnlichen 



75 



Zustand von Marasmus, jedoch meist nur nach vorausge- 
gangenen schweren Erkrankungen, namentlich kann man diess 
beobachten nach fibrinösen Infiltrationen des Lungenparen- 
chyms, oder nach sonstigen reichlichen Exsudaten und bei 
Krankheiten des Darms und der meseraischen Drüsen. Der 
Zustand wird von der symptomatischen Medicin bald mit 
dem Namen eines hectischen Fiebers in diesem Alter, bald 
als febris meseraica bezeichnet. 

Der Marasmus während der Pubertät kommt besonders 
bei Mädchen vor und characterisirt sich durch dürftige all- 
gemeine und geschlechtliche Entwiklung, zurükgebliebenes 
Wachsthum, grosse Magerkeit und unendliche Kraftlosigkeit» 
Eine Reihe chlorotischer Erscheinungen , welche damit häufig 
verbunden sind, haben diesen Zustand mit der eigentlichen 
Chlorose verwechseln lassen. Aber der Unterschied zeigt 
sich bei ausgesprochenen Fällen auf den ersten Blik an der 
Dürftigkeit der ganzen Erscheinung. Sehr gewöhnlich sind bei 
solchen Individuen Krampfzufälle : es sind aber nun meist 
nicht mehr jene einfachen und charakterlosen Zukungen des 
kindlichen Alters, sondern sie sind gleichsam nach einem 
Plane, nach einer Idee geformt und geordnet und jene son- 
derbaren Erscheinungen, denen man den Namen Veitstanz, 
Catalepsie und ähnliche gegeben hat, sind eben bei derarti- 
gen Individuen am häufigsten. Nicht selten bieten solche 
Mädchen zum Schlüsse alle Symptome eines typhösen Fie- 
bers dar, ohne dass im Darmkanale oder an den festen 
Theilen Veränderungen gefunden werden könnten ; bemerkens- 
werth ist es , dass solche secundäre pseudotyphöse Erschei- 
nungen oft ziemlich plözlich , nach zuvor leidlichem Befin- 
den, und ohne alle sichtbare Veranlassungen auftreten. 

Ganz ausgezeichnet beobachtet man die Anämie und den 
davon abhängigen Marasmus wieder in der spätem Zeit des 
Mannesalters. Engel hat vortrefflich, wenn auch nur mit 
wenigen Worten hinweisend, auf diesen Zustand aufmerksam 
gemacht, und ihn vorzeitigen Marasmus genannt. Man kann 



76 



ihn in allen Classen der Gesellschaft beobachten, in der 
höhern besonders hei nervösen , sogenannten hysterischen 
Weibern, und bei blasirten, verweichlichten Männern; am 
häufigsten aber in der armen arbeitenden Classe und unter dem 
Landvolk. Schon um die dreissiger Jahre, selbst früher, begegnet 
man einzelnen Individuen dieser Art. Ungemein häufig werden 
sie ums 50ste. Oft haben Krankheiten, Kindbetten, langes 
Säugen, Entbehrungen diesen Zustand herbeigeführt , oft aber 
scheint er ein angeborener oder anerzogener zu sein. 
Diese Leute sind äusserst mager und dürftig genährt, ihre 
Haut ist zart, aber welk. Sie klagen über alle möglichen 
Schmerzen und Beschwerden, ohne dass ein örtliches Leiden 
an ihnen aufgefunden werden könnte. Sie fühlen sich das 
halbe Jahr hindurch krank ; jede unbedeutende Krankheits- 
ursache wirkt auf sie, an jeder Seuche nehmen sie Theil, 
jeden Tag sind ihre Klagen anders und steht ihnen ihrer 
Meinung nach eine neue schwere Krankheit bevor. Von 
Neuralgieen der verschiedensten Art, bald fix bald vorüber- 
gehend, werden sie gepeinigt; zu Krämpfen und Unmachten 
sind sie jeden Augenblik geneigt und aus jedem noch so gerin- 
gen Unwohlsein erholen sie sich äuserst langsam; besonders 
häufig leiden sie an Herzklopfen und oft kann die Meinung 
einer organischen Herzkrankheit bei ihnen entstehen. Sie 
siechen hin , und doch zeigt die objective Untersuchung und 
die Obduction der Leiche nirgends in den festen Theilen 
einen genügenden Grund ihrer Leiden. Dabei nimmt ihr 
psychischer Charakter häufig einen eigenen Anstrich von 
Kleinlichkeit und Beschränktheit, von Launenhaftigkeit und 
Egoismus an, der ihrer ursprünglichen Geistesbildung fremd, 
anfangs noch von ihnen , wiewohl vergeblich bekämpft wird, 
und worauf meist Hypochondrie und Melancholie , nicht sel- 
ten auch höhere Grade von Geistesverwirrung folgen. Ihr 
Aussehen ist oft um 10 und 20 Jahre älter , und ihr Beneh- 
men dessgleichen. In der Ungeduld hat man häufig ihre 
Leiden für erdichtet oder exagerirt gehalten : sie sind es nicht, 



77 



sie leiden wirklich, was sie sagen, oft mehr als sie sagen: 
aber es sind nicht grobe materielle Veränderungen in den 
Organen , wodurch ihre Schmerzen bedingt sind. Man hat 
vielfach diese Leiden zur Spinalirritation geschlagen und es 
ist keine Frage , dass sie direct von den Centren des Nerven- 
systems und zwar dem Gehirn wie dem Mark abhängen. 
Aber der Grund des Nervenleidens ist bei ihnen im Blute, 
in der Dürftigkeit und Armuth dieser ernährenden Flüssig- 
keit. Sie sind die Qual der Aerzte; denn wenn man eben 
meint, ihr Befinden fange an, sich zu bessern, so wirft eine 
Bagatelle sie in den alten Zustand zurük. Die ängstliche 
Besorgniss für ihre Gesundheit lässt sie die Verzärtelung 
immer weiter treiben und so vertiefen sie sich selbst immer- 
mehr in ihren unseligen Zustand. Oft sind sie nach weni- 
gen Tagen Unwohlsein am Rande des Grabes, ohne dass 
man^ örtliche Diagnosen machen könnte, aber sie können sich 
von der Gefahr gegen alles Erwarten wieder erholen. Oft 
aber tritt auch überraschend schnell, in der jähesten Weise 
der Tod ein, und die Leiche weist nichts auf, als eine ge- 
ringe Menge dünnflüssigen Blutes, das zuweilen in die Ge- 
webe imbibirt ist und sie etwas roth gefärbt hat. 

Obgleich man es a priori nicht erwarten sollte, sind 
Blutungen bei anämischen Individuen nicht so selten, und 
wenn sie auch gewöhnlich eben nicht reichlich sind, so wie- 
derholen sie sich doch oft mit grösster Hartnäkigkeit und 
werden zulezt — durch immer weitere Steigerung der Anä- 
mie 4ht die Ursache des Todes. Die Blutungen erfolgen 
bald unter der Haut, und petechiale Unterlaufungen kann 
man gar häufig bei diesen Individuen beobachten, bald aus 
Lunge, Darm, Nieren und weiblichen Genitalien. Der Grund 
davon scheint einerseits die Dünnflüssigkeit des Blutes , die 
so häufig mit der Quantitätsabnahme desselben coincidirt, 
andrerseits die Erschlaffung und Tonlosigkeit der Gewebe 
und Gefässwandungen zu sein. 

Die Anämie ist gemeiniglich das lezte Glied, wenn ver- 



78 



schiedene Blulalterationen aufeinanderfolgen, und ist daher 
auch der Schluss vieler chronischen und mancher acuten 
Krankheiten. Indessen kommt es doch auch bei ihr vor, 
dass sie in seröse Cachexie und scorbutische Diathese über- 
geht; dass sogar bei der Anämie mit Eindikung der Blut- 
masse fibrinöse und albuminöse Blutmischung folgen könne, 
wurde schon angedeutet. Weit in der Mehrzahl der Fälle 
jedoch stirbt der Kranke in der Anämie ab. 

Die Anämie — mit Ausnahme der Fälle, welche rasch 
aus einer vorübergehenden Ursache entstanden sind und 
deren natürliche Abhilfe in kräftiger Diät besteht — ist eine 
der am schwersten zu bekämpfenden Blutalterationen. Radi- 
cale Heilung wird fast nie erzielt und auch ein leidlicher 
Zustand oft nur schwer und nach langen Curversuchen herbei- 
geführt. Einführung von reichlichen und kräftigen Nahrungs- 
mitteln wirkt fast nichts, als dass dem Weiterschreiten der 
Anämie dadurch etwas vorgebeugt wird. Das nüzlichste Ver- 
fahren besteht in psychischer Beruhigung und massiger An- 
regung der Muskel- und Hautfunctionen. Reisen ohne Ver- 
zicht auf Bequemlichkeit, Bäder von stärkenden und reizen- 
den Stoffen, am meisten Seebäder scheinen hier hilfreich 
zu sein. Medicamente nüzen nur ausnahmsweise, und na- 
mentlich wird man das Eisen , das in verwandten Zuständen 
so vorlheilhaft wirkt, meist nur von geringem Einfluss finden. 
Der Grund davon scheint darin zu liegen, dass nicht ein einzel- 
ner Blutbestandtheil mangelt, sondern dass aus einer unerklär- 
lichen und kaum tilgbaren Disposition die gesammte Regenera- 
tion des Blutes dauernd nur unvollkommen zu Stande kommt. 



II. Abnorme Verhältnisse der einzelnen 
organischen Bestandteile des Bluts. 

JUbumim 

Wir betrachten hier nur das Eiweiss des Serums und 
sehen ganz von dem in den Blutkügelchen etwa enthaltenen 
ab, um die Verhältnisse nicht unheilbar zu verwikeln. 

Die einfache klinische Beobachtung verlässt uns hier: 
denn während die Kennzeichen des anämischen und pletho- 
rischen Blutes so offen sind, dass sie ohne weitere chemische 
Analyse und Messung diagnoslicirt werden können, verhält sich 
diess für die Proportionen des Eiweissgehalts ganz anders. 
Wir sind noch lange nicht so weit, nach dem äussern Habitus 
auf die Menge an Eiweiss schliessen zu können und sind 
daher hier um so ernster aufgefordert, die sicheren Facta 
von den nur möglichen Vermuthungen scharf zu unter- 
scheiden. 

Die einzige ganz sichere Grundlage für die Pathologie 
des Eiweises wären directe chemische Untersuchungen über 
seine Proportion im Blute bei verschiedenen Krankheiten. 
Allein in diesem Punkte sind die Arbeiten noch viel zu ver- 
einzelt, als dass sie allgemeine Schlüsse erlaubten. Man 
fand das Eiweiss zuweilen vermindert in den verschiedenen 
Fällen von Colliquation und Marasmus : über seine Vermeh- 
rung lässt sich dagegen gar keine bestimmte Regel aufstellen, 



80 



da der Eiweissgehalt in sehr verschiedenen, chronischen wie 
acuten Krankheiten (Bronchitis , Pneumonie , Peritonitis, Me- 
trophlebitis , Typhus, Tuberculose , Diabetes mellitus) ver- 
mehrt gefunden wurde. 

Das andere nächst gelegene Mittel , dem pathologischen 
Verhalten des Eiweisses näher zu kommen , wäre der Schluss 
aus seiner physiologischen Bedeutung. Obgleich noch nicht 
gewiss, so ist doch in hohem Grade wahrscheinlich 
und auch von Zimmermann (Analyse und Synthese der 
pseudoplastischen Processe) neuerdings mit guten Grün- 
den unterstüzt, dass das Albumen der eigentliche Nähr- und 
Bildungssloff sei. In der Form des Eiweisses werden ohne 
Zweifel die Proteinverbindungen, welche in den Nahrungs- 
mitteln enthalten sind, dem Blute zugeführt und als Eiweiss 
circulirt der Stoff zu den Organen, zu deren Reproduction 
er dienen soll. Diese Bestimmung gibt jedoch noch keinen 
sichern Ausgangspunkt für die Einsicht in das pathologische 
Verhallen des Eiweisses. Man kann sich hienach die Ver- 
mehrung des Eiweisses als zu starke Zufuhr, oder als eine 
verminderte Abgabe und Umsezung des Stoffes denken: und 
möglich ist es , dass beides in verschiedenen Fällen statt 
findet Eine glükliche Vermulhung scheint es mir zu sein, 
die Zimmermann ausspricht, dass entsprechend dem phy- 
siologischen Zweke des Eiweisses, dessen Fehler in Qualität 
und Quantität vorwiegend die Grundlage der Krankheiten 
mit chronischem Verlauf, „der eigentlichen vegetativen Krank- 
heilen" bilden , wodurch natürlich nicht ausgeschlossen ist, 
dass auch in acuten Krankheiten neben andern Veränderun- 
gen das Eiweiss Abweichungen zeigen kann. 

Endlich wäre es vielleicht möglich , die Beschaffenheit 
der Secretionen und der Exsudate in Krankheiten zu einem 
Schluss auf das Eiweissverhalten des Blutes zu benüzen. 
Ausser den hydropischen Exsudationen , die aber meist eine 
andere Ursache als die Blutmischung haben , finden wir das 
Eiweiss als abnormes Secret vornehmlich im Harne bei der 



81 



sogenannten Bright' sehen Krankheit. Positive Resultate exi- 
stiren aber darüber, dass in dieser Krankheit der Eiweiss- 
gehalt des Blutes nur abnimmt, und sie lassen daher eher 
schliessen, dass die Ursache der Albuminurie in den Nieren 
und ihren Gefässen , als in einem Ueberschuss des Stoffes 
im Blute liegt. Doch ist es sicher, dass unter der Benen- 
nung der Bright'schen Krankheit verschiedene Zustände zu- 
sammen geworfen werden , und es wäre vielleicht nicht ganz 
unmöglich, dass einzelne Formen der Albuminurie, die acute 
namentlich, die unter pseudotyphösen Erscheinungen zuwei- 
len tödlet, wirklich ihren Grund im Blute und in der ge- 
steigerten Proportion des Eiweiss desselben hätte. Indessen 
fehlen darüber alle näheren , directen Untersuchungen. — 
Bei manchen Hautausschlägen ferner erscheint eine vermehrte 
Serum- und Eiweissabsezung , indessen ist auch hier der 
Schluss auf eine desshalb vorhandene gesteigerte Albuminose 
des Bluts nur eine Hypothese, die überdiess wenig fördert. 

Noch weniger lassen die festen Exsudate aus ihrer Be- 
schaffenheit errathen, ob sie aus Eiweiss oder Fibrine stam- 
men. Es kann sein, dass das Cytoblasiem, das ihr Ur- 
sprung ist, vom Eiweisse stammt, und die nicht selten 
gefundene Weichheit und Halbflüssigkeit der Tuberkel und 
Krebsgranulationen scheint dafür zu sprechen. Aber ohne 
alle Berechtigung geschieht es, wenn man die einen dieser 
Exsudate dem Albumin, die andern dem Faserstoff zutheilt: 
ja es ist diess Verfahren sogar höchst verwirrend und hem- 
mend, indem leicht die Meinung sich bildet, die behauptete 
albuminose Natur des Krebses , der Typhusexsudationen, und 
die fibrinöse der Tuberkel und der Entzündungsprodukte 
drüken ihr wirkliches Wesen aus. Es ist vielmehr wahr- 
scheinlich, dass das Albumin an allen Exsudaten Theil nimmt. 
Die sogenannten entzündlichen und tuberkulösen Produkte 
können — wenn man nur ihre Beschaffenheit berüksichligt 
— ganz mit demselben Rechte von Albumin abgeleitet wer- 
den, wie Krebs- und Typhusexsudat, und ebenso diese von 

Wunderlich, Path, d. Bluts. 6 



82 



Fibrin. In dem Exsudate ist die Eiweiss - oder Faserstoff- 
natur nicht zu unterscheiden, und directe Untersuchungen über 
den Eiweissgehalt des Bluts in den besagten Krankheiten 
haben, wie es scheint, bei der Yertheilung nicht geleitet. 
Die neue Humoralpalhologie sollte sich doch sehr hüten, 
nicht in jene Fehler zu fallen , welche die alte in Misscredit 
gebracht hat, und sich erinnern, dass ein solches Aburthei- 
len nach ungefährer Schäzung nicht mehr im Geiste der 
heuligen Zeit ist. 

So können wir denn auch die Aufstellung der albumi- 
nösen Krasis von Engel nicht billigen, so glüklich zum Theil 
die darunter begriffenen Verhältnisse gezeichnet sind. Engel 
nimmt den Ausdruk — wir wissen nicht recht, ob im Ernste 
oder als Accommodation an frühere Betrachtungsweisen — als 
gleichbedeutend mit Venosität; wir halten diess für einen 
zweiten Missgriff: denn wenn auch die directen Untersuchun- 
gen gezeigt haben, dass das Venenblut gewöhnlich mehr Ei- 
weiss und weniger Faserstoff enthält, als das Arterienblut, 
so sind doch die Unterschiede ungemein gering und ist 
überdiess das Verhältniss nicht selten auch das umgekehrte. 
Es verrükt gänzlich den Gesichtspunkt, wenn man die Veno- 
sität als Repräsentant für Eiweissreichthum und Faserstoff- 
armuth sezt. Wirkliche venöse Blutbeschaffenheit ist ein 
von den dortigen Verhältnissen ganz verschiedenes: es ist 
die Cyanose, die Anhematose Piorry's. Auch die Identifici- 
rung der Albuminose des Bluts mit Hypinose (nach Simon's 
Ausdruk), die sich bei Engel findet, können wir nicht für 
eine glükliche halten; denn wenn allerdings in manchen 
Fällen mit der Zunahme des Fibrins der Albumingehalt ab- 
nimmt, so verhält es sich aus begreiflichen Gründen nicht 
umgekehrt. Sicher jedenfalls fallen viele , jedoch nicht 
sämmtliche dort bei Engel zusammengestellte Verhältnisse 
unter die Hypinose: und überhaupt will uns bedünken, es 
habe Engel zunächst diese im Auge gehabt und gewisser 
anatomischer Aehnlichkeiten wegen auch andere Krankheiten 



83 



mit untergebracht, wodurch es denn kam, dass des äussern 
Scheines wegen ziemlich Heterogenes vereinigt wurde, wie 
wir später noch sehen werden. 

Nach dem jezigen Stand des Wissens steht das Vor- 
handensein von eigentlich und wesentlich albuminösen Krasen 
noch in Frage , ihre Erscheinungen und Folgen sind nicht 
zu bestimmen, und ebenso wenig ist die Erklärung der be- 
kannten Exsudate aus einer Annahme von Albuminüberschuss 
zulässig. Das Vorkommen von Qualitätsabweichungen des 
Eiweisses endlich, liegt vor der Hand noch gänzlich im Be- 
reiche der Vermuthungen. 



jFibritu 

Ueber das quantitative Verhalten des Faserstoffs in Krank- 
heiten, haben die bekannten Untersuchungen von Andral 
und Gavarret ein reiches Material von Thatsachen gelie- 
fert und sie sind von den spätem Forschern fast durchaus 
bestätigt, nur wenig modificirt worden. 

Man hat vielfach dem so ingeniösen und einfachen Ver- 
fahren der genannten Männer den Vorwurf der Ungenauig- 
keit und Unbrauchbarkeit gemacht. Ich halte lezteren für 
Unrecht. Allerdings darf man die Resultate , die nach ihrer 
Methode erhalten werden , nicht als absolute betrachten, und 
sie nicht mit andern, durch genauere Analysen gefundenen 
Resultaten vergleichen. Den praktischen Zweken aber ist ein ein- 
faches Verfahren, auch wenn es nur approximative Auskunft 
gibt, von grösserem Werthe, als die schärfste aber schwer- 
fällige Methode. Und die Fehler, zu welchen die Gavar- 
ret* sehe Procedur Anlass geben, verschwinden , sobald man 
den Zahlen nur den relativen Werth gibt und nur Resultate 

6* 



84 



derselben Methode vergleicht. Praktisch ist es ganz gleich- 
gültig , wie gross der absolute Gehalt von Faserstoff ist , ob 
er zwei oder zehen Tausendtheile beträgt. Aber das ist von 
Werth zu wissen , ob — die Menge des normalen Faser- 
stoffs gesezt — in einem bestimmten Falle derselbe um's 
zwei- oder dreifache zugenommen hat. 

Um die Bedeutung der krankhaften Fibrinabänderungen 
physiologisch würdigen zu können , sollte man die Bedeutung 
der Fibrine selber kennen. Leider muss man aber gestehen, 
dass man dazu noch weit hat. Dass der Faserstoff nicht 
als solcher durch die Nahrungsmittel in das Blut gelangt, 
ist ziemlich ausser Frage. Er muss daher erst im Körper 
entstehen , was auch ein Experiment von H. Nasse (bei 
Unterbindung der Aorta und Einsprizung von geschlagenem 
Ochsenblute in die Arterien der unteren Extremitäten kam 
aus den Schenkelvenen gerinnbares Blut zum Vorschein) 
direct bewiesen hat. Zimmermann hat viele Gründe 
dafür vorgebracht, dass der Faserstoff nicht zur Ernährung 
diene, sondern als ein excrementieller Stoff, als ein Produkt 
der regressiven Metamorphose zu betrachten sei. So viel 
wenigstens machen manche Thatsachen — wie das schnelle 
Faulen des Faserstoffs, die Beschleunigung der Blutgerinnung 
durch Zusaz von schon geronnenem Faserstoff, seine Wirkung 
auf Zersezung des Wasserstoffhyperoxids — wahrscheinlich, 
dass die Fibrine eine in einer Zersezung, in einer inneren 
chemischen Bewegung begriffene Substanz sei. Zimmer- 
mann sieht nun aber den Faserstoff als die Muskelmauser 
an, d. h. doch wohl, als die zersezte, verbrauchte, abge- 
nüzte Muskelsubstanz. Die Gründe für diese Ansicht, wie 
z. B. die Vermehrung des Faserstoffs nach einem starken 
Marsche, lassen auch eine andere Deutung zu. Vielmehr hat 
es sehr viel missliches, Albumin und Fibrin, Substanzen, 
die chemisch fast identisch sind , geradezu einander als Nähr- 
stoff und verbrauchten Stoff entgegenzusezen. Es ist bekannt, 
dass die elementarische Zusammensezung beider so ähnlich 



85 



ist, dass zwei Analysen von Albumin, oder von Faserstoff 
grössere Verschiedenheiten zeigen können , als beim Vergleich 
zwischen Albumin und Faserstoff gefunden werden , dass der 
ganze Unterschied zwischen beiden Substanzen nur in einem 
Mehr oder Weniger von Schwefel liegt ; dass aber von diesem 
Verhältniss die Verschiedenheit nicht abhängen kann , beweist 
die Zusammensezung des Eiereiweisses, das wie der Faserstoff 
nur ein Atom Schwefel enthält. Es ist bekannt ferner, dass 
Eiweiss sowohl, als Faserstoff zuweilen grosse Verschieden- 
heiten in ihren Reactionen zeigen, dass der Faserstoff na- 
mentlich in Raschheit und Vollständigkeit seiner freiwilligen 
Gerinnung sich durchaus nicht immer gleich ist, dass der 
geronnene Faserstoff zuweilen auf Zusaz von Salzen mit 
Leichtigkeit gelöst bleibt oder sich wieder löst , während diess 
unter andern Umständen schwieriger oder nicht geschieht. 
Und so dringt sich die Vermuthung auf, dass entweder beide 
Substanzen als Eine anzusehen, oder dass noch viel mehr 
Unterschiede zu machen sind, als durch die Categorieen 
Albumin und Faserstoff ausgedrükt werden. Eine Reihenfolge 
könnte ungefähr in dieser Art aufgestellt werden : Eierweiss, 
gelöstes Eiweiss des Serum, Eiweiss des Gehirns, spontan 
geronnenes Eiweiss, venöser Faserstoff, arterieller Faserstoff, 
Faserstoff der Crusta phlogistica. Will man diese Stoffe als 
identisch ansehen, so mag diess in Beziehung auf die elemen- 
tare Zusammensezung geschehen, nicht aber auf die Anordnung 
der Molecüle. Die leztere muss bei dem verschiedenen che- 
mischen Verhalten eine verschiedene sein, und es ist kaum 
anders möglich, als dass zwischen dem vollkommenen Eiweiss 
und dem vollkommenen Faserstoff viele Mittelstufen existiren, 
auf welchen die Substanz bald jenem, bald diesem näher 
steht (Vergl. auch Lehmann in unserem Archiv I. pag. 237). 
Bereits hat auch die chemische Untersuchung Andeutungen 
geliefert, dass dem verschieden physicalischen und reacti- 
ven Verhalten nicht nur eine verschiedene Anordnung der 
Molecüle, sondern selbst eine differente Zusammensezung 



86 



entspreche , und hat namentlich wahrscheinlich gemacht, 
dass in den vorgerükteren Stufen grössere Sauerstoffmen- 
gen, und geringere Schwefelproportionen vorhanden sind. 

Wir haben nun freilich keine direkten Data für eine Um- 
wandlung von Eiweiss in den isomeren oder doch ähnlich 
zusammengesezten Faserstoff (wenn wir nicht anders die 
nicht selten zu beobachtende Trübung eiweissiger Flüssigkei- 
ten an der Luft und Ausscheidung eines unlöslichen, dem 
Fibrin analogen Körpers als ein solches vielleicht ansehen 
dürfen) : wir haben sie jedenfalls ebenso wenig über die Ent- 
stehung des leztern aus den Kernen der zerfallenen Blut- 
kügelchen, wie Simon sich die Genese des Faserstoffs erklärt. 
Wenn wir aber denselben nicht aus den Geweben entstehen 
lassen wollen , so bleibt , da er im Chymus fehlt , nichts 
anderes übrig, als seine Bildung aus Blutkügelchen oder 
Albumin anzunehmen. Der Hauptgrund Simons für erstere 
Hypothese: nemlich dass die Menge Fibrin „immer" im 
umgekehrten Yerhältniss zur Menge der Blutkügelchen stehe, 
ist nicht erfahrungsmässig ; sogar er selbst stellt in Wi- 
derspruch mit seinen frühern Angaben eine Krankheitsform 
auf, wo beide vermindert seien : die Spanämie. Die Menge 
des Faserstoffs nimmt in der That bei Bleichsüchtigen nicht 
in der Proportion zu, als der Cruor ab, sondern zeigt im 
Gegentheil von lezterer ganz unabhängige Quantitätsverhält- 
nisse. Dass innerhalb der Blulbahn der Faserstoff aus Eiweiss 
sich bilde, ist allerdings gleichfalls nur eine Hypothese, aber 
wenigstens keine unmögliche und aus ihr lässt sich das ver- 
schiedene Verhalten des Faserstoffs, seine verschiedene Nei- 
gung zum Gerinnen, die verschiedene Einwirkung von Salzen 
und anderen Stoffen auf ihn je nach der Stufe seiner Aus- 
bildung, es lässt sich ferner die rasche Zu- und Abnahme 
des Faserstoffs im Blut am besten begreifen. 

Die Annahme, dass der Faserstoff zwar aus dem Eiweiss, 
aber nur durch eine Fällung aus dem Natrumalbuminate 
mittelst einer Säure entstehe, eine Annahme, die mehrere 



8T 



Vertheidiger gefunden hat, oder dass der Stoff aus der Auf- 
lösung des Albumin im kohlensauren Natron des Bluts durch 
Verbrennung des Schwefels des Albumins und Bildung von 
Schwefelsäure ausgeschieden werden, wie Hoffmann will, 
genügt nicht, um das diverse Verhalten des Faserstoffs zu 
erklären. 

Uns scheint daher die Umwandlung in Faserstoff als 
eine allmälig vor sich gehende Veränderung in der molecü- 
laren Anordnung des Albumin zu betrachten zu sein, wobei 
die Substanz, obgleich in den elementarischen Proportionen 
sich gleich bleibend, doch immer mehr und mehr von ihren 
ursprünglichen Eigenschaften und Reactionen sich entfernt, 
und wobei zugleich allmälig dem Sauerstoff eine Einwirkung 
möglich und so die Beimischung von Oxvproteinen herbeige- 
führt wird. Wodurch diese Umsezung , die ausserhalb des 
Körpers nur sich zu vollenden (in der Gerinnung), nicht aber 
zu beginnen vermag , herbeigeführt wird , ob hiezu von An- 
fang an der Sauerstoff der Luft, wirklich durch Entziehung 
von Schwefel oder nur anregend durch den Vorgang der 
Oxydation anderer Bestandtheile wirke, zu welchem Ende 
ein Theil des Faserstoffs — und es scheint nach den Pro- 
portionen des Faserstoffs zum Eiweiss nur ein kleiner Theil 
von diesem zu sein — diese Verwandlung eingehe, ob die 
zu Fibrin umgewandelte Substanz noch Zweke im Organis- 
mus erfülle, zur Ernährung wenigstens einzelner Gewebe 
diene, oder sofort direct durch den Sauerstoff zersezt werde, 
ist nicht zu entscheiden ; vielleicht ist hierüber von den pa- 
thologischen Erfahrungen eher einiger Aufschluss zu erwarten, 
als vom directen physiologischen Experiment. Jedenfalls 
ist es jezt schon ein höchst merkwürdiges Verhalten, dass 
unter allen Bestandteilen des Bluts der freiwillig gerinnende 
Theil, also derjenige , den man Faserstoff zu nennen überein- 
gekommen ist, weit die grössten Abweichungen in Krank- 
heiten darbietet, indem er bald eine Verminderung an Ge- 
rinnbarkeit zeigt und an Quantität bedeutend abnimmt, selbst 



ganz aus dem Blute verschwindet — bald eine erhöhte festere 
Gerinnung zu erkennen gibt, und im Venenblute schon die 
Charaktere des arteriellen Faserstoffs (Unlöslichkeit in Nitrum 
und andern Salzen nach der Gerinnung) aufweist, und zu- 
gleich eine quantitative Zunahme bis zum Vierfachen seiner 
Normalmenge zeigt — bald endlich , wie es scheint im Blute 
selbst im geronnenen Zustande suspendirt ist. 

Gehen wir nun zur Betrachtung dieser einzelnen Ver- 
hältnisse über. 



A. Die Verminderung des Faserstoffs. 
(Hypinose Simon's). 

Engel charakterisirt diesen Zustand den er, wie schon 
angeführt , als gleichbedeutend mit albuminoser Krase oder 
mit Venosität nimmt, folgendermaassen : 

„Bei der acuten Albuminosis zeigen die allgemeinen 
„Decken der Leiche ein eigenthümlich dunkles Colorit 
„mit dunklen Leichenfleken ; sie fühlen sich straff an und 
„sind troken. Die Muskeln erscheinen dunkel -rothbraun, 
„straff, die serösen und mucösen Häute häufig injicirt. Das 
„Gehirn ist resistent und brüchig, blendend weiss, ohne 
„Serumgehalt, Die Lungen, in den abhängigen Theilen häufig 
„dunkelroth, enthalten in ihren Gefässen viel eingediktes 
„dunkles Blut. Die Leber ist ohne Elasticität und blutleer, 
„die Milz meist von dunkelrothem Blute geschwollen, nicht 
„selten venöse Stasen im Magenblindsake ; die Nieren von 
„dunkelrothem, dünnflüssigem Blute erfüllt; das Blut ist 
„besonders im peripherischen Gefässapparate und zunächst 
„in den Venen angehäuft, es ist desto dikflüssiger, je weiter 
„es vom Centro der Cirkulation entfernt ist, ohne jedoch 
„Coagulationen zu bilden. Nur im Herzen finden sich einige 
„Gerinnungen, zuweilen von bedeutendem Umfange, jedoch 
„nur von sehr geringer Cohaesion. Von flüssigem Blute durch- 



89 



„tränkte Faserstoffgerinnungen erscheinen in der Regel nur 
„dann, wenn «ich Cirkulationshemmungen von Seite des 
„Lungenkreislaufes ergeben. Eine dunkle schwarzrothe Farbe 
„ist diesem Blute allenthalben eigen, sein Glanz ist er- 
„höht, albuminös. Bei seiner Dikflüssigkeit ist es wenig in- 
„jectibel in die feinern Capillargefässe, aber geneigt zu Stasen 
„in den grössern Venen." 

Diese meisterhafte Zeichnung, die jeden in pathologische 
Anatomie Erfahrenen an zahlreiche Einzelfälle erinnern muss, 
passt, wie ich meine, vortrefflich für die Fälle von massiger 
Verminderung des Faserstoffs , wie man sie am gewöhnlich- 
sten bei typhösen Kranken , auch bei manchen Herzkranken 
(Dilatationen der rechten Herzhälfte) beobachtet. Das Blut, 
das während des Lebens aus der Vene gelassen wird, zeigt 
bei solchen eine unvollkommene Gerinnung, einen weichen, 
grossen, dunkeln Blutkuchen, ein röthliches , scheinbar (der 
unvollkommenen Zusammenziehung der Placenta wegen) spar- 
sames Serum. Sehr häufig finden sich in diesen Fällen 
spontane Blutungen der verschiedensten Art. 

Als Produkte linden wir bei solchen Individuen seröse, 
eitrige (z. B. Pokenpusteln), ferner Infiltrationen und Exsuda- 
tionen von besonderer Weichheit und geringer Neigung zur 
Organisation, vielmehr eher zu baldigem Zerfallen und Ver- 
jauchen. Engel scheint aus diesen Eigenschaften die An- 
nahme einer albuminösen Natur dieser Exsudate für gerecht- 
fertigt zu halten und subsumirt den Typhus, den medullären 
Krebs, die Miliartuberculose, die acuten Exantheme, die acute 
Brightsche Krankheit, den acuten Rheumatismus und von 
chronischen Krankheiten Hypertrophieen des rechten Herzens, 
Fettsucht und das erste Stadium der Säufercachexie , unter 
die Zustände mit albuminöser oder hypinotischer Krasis. 
Vorerst ist diess etwas zu categorisch verfahren : und schwer- 
lich wird Jemand — ehe Engel uns nähere Erklärungen 
gibt — begreifen, wie z. B. der Rheumatismus acutus, der 
doch bekanntlich durch die bedeutend fibrinöse Blutmischung 



90 



sich auszeichnet, zu dieser Stellung kommt. Ueberhaupt 
möchte es klüger sein, durch eine scheinbare Uebereinstim- 
mung im Ansehen des Blutes sich nicht verführen zu las- 
sen , Affectionen von beträchtlicher Verschiedenheit einander 
zu nähren, sondern lieber aus lezterer auch auf eine Ver- 
schiedenheit in der Krasis rükzuschliessen. Engel verfährt 
— glaube ich — in seinen Untersuchungen „über das Blut 
in pathologisch -anatomischer Beziehung," viel zu sympto- 
matisch-anatomisch (er nennt diess „rein anatomisch") und 
manchmal fast im Sinne der alten Humoralpathologie, von 
der er freilich den Scharfsinn und die Objectivität voraus 
hat. Die Benüzung der oberflächlichen Erscheinungen und 
des Aussehens von Blut und Exsudaten kann nur dann von 
wahrem Nuzen sein, wenn sie sich auf die chemische Be- 
schaffenheit stüzt, und wenn das Coincidiren jenes physi- 
calischen Verhaltens mit einer bestimmten chemischen Zu- 
sammensezung schon ausgemacht ist. 

In dem höhern Grade der Hypinose finden wir das 
Blut ohne alle Gerinnungen, zum Austreten durch die Gefässe 
in hohem Grade geneigt, das Blut imbibirt stark in die Ge- 
webe. Die Organe daher dunkel gefärbt, schlaff und weich; 
besonders die tiefliegenden Theile mit Blut überfüllt und 
brüchig: oft die Menge des Bluts vermindert, und bei Leb- 
zeiten das Blut der Aderlässe nicht oder kaum gerinnend, 
schmierig. — 

Da wir die Bedingungen der Genese des Faserstoffs nicht 
kennen, so lassen sich die Ursachen und Umstände seiner 
Verminderung nicht exact ermitteln. Es bleibt nichts übrig, 
als empirisch zu ermitteln, unter welchen Zufällen und bei 
welchen Affectionen das hypinotische Blut gefunden wurde 
und zuzusehen, ob dadurch einiger Aufschluss über den 
Process und die wesentlichen Verhältnisse der Faserstoffver- 
minderung zu erlangen ist. 

Nicht ganz selten kommen jähe Todesfälle vor, wo die 
Leichenöffnung,, keine hinreichende causa mortis aufzufinden 



91 



vermag , wo man aber durch die vollständige Flüssigkeit des 
Blutes überrascht wird. Es kann sein, dass hier die Blut- 
beschaffenheit getödtet hat. Allein dann bleibt es ganz räth- 
selhaft, wie so •plözlich ohne alle bemerkliche Ursache die 
Gerinnbarkeit eines Theils des Bluls aufgehoben werden sollte; 
denn wenn der plözliche , mitten in scheinbarer Gesundheit 
oder wenigstens ohne Anzeichen erfolgende Tod die Folge 
der Blutveränderung sein soll , so muss fast angenommen 
w r erden, dass auch diese Blutveränderung eben so rasch 
entstanden sei. Es könnte aber auch sein, dass das Flüssig- 
bleiben des Bluts die Folge des jähen Todes ist. Wenig- 
stens will man ein ähnliches Flüssigbleiben beim Tode durch 
Electricität und bei zu todt gehezten Thieren wahrgenommen 
haben. Auch kann man andrerseits sehr häufig bemerken, 
dass bei lang dauernden Agonieen fast immer die reichlichsten 
und festesten Faserstoffcoagula sich vorfinden. Wir sind weit 
entfernt, erklären zu wollen, warum bei plözlichem Stillstand 
der Nervenfunktion der Faserstoff in den Gefässen nicht mehr 
gerinnen soll, sondern wir wollten nur die Möglichkeit nicht 
ausschliessen, dass das Phänomen der Flüssigkeit des Blutes 
in den Leichen jähen Todes Verstorbener vielleicht nur ein 
untergeordneles und consecutives sei. — 

Ueberraschend und willkommen war der Fund von 
Andral und Gavarret, dass das Fibrin im typhösen Fie- 
ber nie vermehrt, oft vermindert sei. Man hoffte an ver- 
schiedenen Orten, durch diese Thatsachen sei die Frage nach 
der Blutkrankheit in Typhus zur endlichen Lösung gebracht. 
Aber diese Hoffnungen waren viel zu sanguinisch. Im Ge- 
gentheii haben diese Untersuchungen das Vorhandensein 
einer wesentlichen Blutveränderung aufs Neue in Zweifel 
gesezt. Allerdings wurde das Blut nie sehr reich an Fibrin 
gefunden , aber es wurde der Fibringehalt oft auch normal, 
nicht wenige mal selbst (18 mal unter 51) über das normale 
Mittel gefunden und nur in einer kleinen Mehrzahl von Fällen, 
war er unter der Mittelproportion des Gesunden. Ferner 



92 



zeigt die Verminderung der Fibrin bei andern acuten Krank- 
heiten , dass in ihr nicht das Wesen des Typhus liegen kann. 

Diese andern acuten Krankheiten sind vornehmlich die 
schweren Fälle von acuten Exanthemen, übrigens auch die 
früher zu den putriden Fiebern gerechneten Krankheitsfor- 
men. Wegen der Uebereinstimmung zwischen Typhus und 
Exanthemen ist bekanntlich Andral zu der alten Classe der 
Pyrexieen zurükgekehrt. Mit Unrecht wie mich dünkt. Die 
Aehnlichkeit ist eigentlich doch nur eine negative, nämlich 
die , dass bei diesen Affektionen nie , oder doch höchst sel- 
ten der Faserstoff hoch über das Normale steigt. Dass bei 
schweren Fällen er unter dasselbe sinkt, beweist nichts für 
die Natur dieser Krankheiten, sondern gehört vielleicht zu den 
Folgen , vielleicht zu den Ursachen der Prostration in Fiebern. 

Gerade die Differenz der Erscheinungen bei derselben 
Blutbeschaffenheit zeigen an, dass das Wesen der typhösen, 
morbillösen, variolösen Fieber in etwas anderem liegen muss„ 
als in der Hypinose ; ja das Fehlen dieser Hypinose bei vielen 
Fällen von Variola, Typhus, etc. beweist hinreichend, dass 
diese Abnormität des Bluts nur ein untergeordnetes und so 
zu sagen zufälliges Moment ist. 

Die Art des Produkts in den sogenannten Pyrexieen aus 
der Hypinose erklären zu wollen, geht aus vielen Gründen 
nicht: weil dieselben Produkte zu Stande kommen können 
ohne Hypinose , weil ähnliche Produkte (Eiter) auch bei hy- 
perinotischem Blute sich bilden können , weil die Produkte 
bei derselben Faserstoffverminderung und zugleich bei der- 
selben Constitution und sonstigen individuellen Verhältnissen 
doch so höchst verschieden sind, weil endlich gar keine Be- 
ziehung zwischen der Beschaffenheit der Produkte und dem 
Mangel an Faserstoff vorliegt. 

Zugegeben also, dass es von grossem Interesse ist, zu 
wissen, dass die typhöse Plaque und die variolöse Pustel 
nicht wie die pneumonische oder peritonitische Exsudation 
im Stande sind , die Menge der Fibrin im Blute zu vermehren, 



93 



so erklärt doch die Hypinose nichts für die wesentlichen 
Symptome der Krankheiten, in denen sie vorkommt, und 
kann keinenfalls als die wahre und einzige Ursache der 
typhösen oder variolösen Erscheinungen, Fieber und Exsu- 
dalionen angesehen werden. Lassen wir die Hypothese zu, 
dass bei den jähen Todes Verstorbenen das Flüssigbleiben 
des Blutes Folge der Todesart und der plözlich sistirten 
Nervenfunction ist, so liegt der Gedanke nahe, es möchte 
auch in den Fiebern mit Prostration vielleicht die Ver- 
minderung des gerinnbaren Stoffes in dem Blute seinen lezten 
Grund in dem Verhalten des Nervensystems haben, obgleich 
der innere Zusammenhang dabei und der Einfluss der Nerven- 
thätigkeit auf die Blutflüssigkeit gänzlich undurchsichtig ist. — * 

Der weiche Krebs wird von Engel mit zu den hypino» 
tischen oder albuminösen Affectionen gerechnet, es ist uns 
unbekannt , ob wegen vermeintlicher Verminderung der Fibrin 
oder wegen Eiweissvermehrung, und auch Rokitansky analo- 
gisirt ihn mit dem Typhus. Wir wissen nicht, ob directe 
Untersuchungen über das Blut von Krebskranken ihm diese 
Stellung verschafft haben, und finden solche wenigstens nir- 
gends angeführt. Eine von Simon gemachte Blutanalyse bei 
einem Markschwamm der Leber und des Pylorus stimmt je- 
denfalls nicht mit der Engel' sehen Ansicht überein, indem 
das Resultat 1 Tausendtheil Fibrin mehr und 20 Tausend- 
theile Albumin weniger als gesundes ergab. In gleicher 
Weise gibt A n d r a 1 an , dass bei Krebs das Fibrin in nor- 
maler Menge oder sogar vermehrt vorhanden sei. Wir müs- 
sen daher vorläufig jene Betrachtungsweise als willkürlich 
gewählt annehmen, halten aber nähere Nachforschungen nach 
der Blutbeschaffenheit namentlich bei acutem Krebs für eine 
höchst wichtige Aufgabe. 

Anders verhält es sich mit gewissen chronischen Zu- 
ständen, die sich durch unvollkommene Gerinnung des Bluts, 
leicht entstehende Blutungen, unvollkommene Ernährung und 
chronische Prostration charakterisiren , und die man unter 



94 



dem Namen Scorbut zu bezeichnen pflegt. Die Beschaffen- 
heit des Bluts bei habituellen und namentlich alten Säufern 
scheint der oberflächlichen Betrachtung nach eine ähnliche 
zu sein. Auch hier lässt sich die nächste Ursache der Ver- 
minderung der Fibrine nicht deutlich durchschauen und 
der Grund mag zu grossem Theil darin liegen, dass ver- 
schiedene, in ihren Ursachen und ihren Wesen völlig zu 
trennende Zustände unter dem Ausdruke Scorbut vereinigt 
werden, nur desshalb , weil eine chronische Neigung zu 
Blutungen und eine grosse Muskelmattigkeit vorhanden ist. 
In manchen dieser Fälle mag die Gerinnbarkeit durch über- 
reichliche Mengen von Salzen im Blut aufgehoben sein; in 
andern ist aus Mangel an Nahrung die Blutbildung so gering 
und unvollkommen, dass vielleicht desshalb es zu keiner 
Fibrinbildung kommt; in noch andern Fällen kann vielleicht 
eine Art Vergiftung (chronische Alcoolvergiftung) des Bluts 
stattgefunden haben; und in einigen endlich scheint der so- 
genannte scorbutische Zustand durch ganz übermässige An- 
strengungen zu entstehen , ähnlich wie die Blutauflösung beim 
gehezten Thiere. 

Ganz in derselben Weise scheint in den Fällen, die 
man putride Fieber und septische Affectionen nennt, noch 
gar zu Vielerlei vereinigt zu sein , die Ursachen sind noch 
gar zu wenig getrennt. Ohne Zweifel ist auch bei diesen 
Verhältnissen Hypinose vorhanden , aber man wird ihrer 
Entstehung und deren Bedingungen erst dann nachgehen 
können, wenn erst die Thatsachen aus dem Wirrwar, der sie 
jezt noch unkenntlich macht und an dem das unglükliche 
Wort Miasma seine grosse Schuld trägt, sich losgelöst haben. 
Heut zu Tage kann man über das Wesen dieser Verhältnisse 
nur Vermuthungen auf Vermuthungen häufen. Es kann sein, 
dass auch bei ihnen durch die Affection der Nervencentra 
die Gerinnbarkeit des Bluts aufgehoben wird: es ist aber, 
wenigstens für manche dieser Affectionen eher wahrscheinlich, 
dass bei ihnen die chemische Bewegung und Umwandlung 



95 



im Blute durch äussere Ursachen eine andere Richtung er- 
halten hat , dass demselben eine Gährung besonderer Art 
mitgetheilt wurde, durch welche die normale Metamorphose 
des Albumins in Faserstoff gestört und aufgehoben wird. 

Es zeigt ferner das Blut von Herzkranken, namentlich 
solchen, die an Erweiterung des rechten Herzventrikels und 
an Insuffizienz der dreizipfligen Klappe leiden, so wie das 
Blut der neugebornen Kinder eine hypinotische Beschaffen- 
heit, unvollständige Gerinnung, Mangel an Faserstoff. Auch 
finden sich bei diesen sogenannte fibrinöse Exsudate nicht 
oder selten. Diese Thatsachen scheinen darauf hinzudeuten, 
dass der eingeathmete Sauerstoff von einigem Momente für 
die Bildung von Faserstoff, also nach der hier angenommenen 
Hypothese bei der Metamorphose des Eiweisses ist. Denn 
jene beiden Verhältnisse haben das Gemeinschaftliche, dass 
bei ihnen die Oxydation des Bluts nur unvollkommen ge- 
schieht, während sonst bei ihnen kein Grund für unvollkom- 
mene Blutbildung zu finden ist. Wenn der Sauerstoff jedoch 
als Moment bei der Umwandlung des Albumins in Faserstoff 
wirkt, so ist diess nicht nothwendig als Oxydation zu verstehen, 
sondern vielleicht in der Art, dass durch die chemische Zer- 
sezung der Gewebstheile mittelst des Sauerstoffs auch in dem 
Eiweiss eine innere Umsezung angeregt wird. Auch die 
Erfahrung Andrals, dass bei Gehirncongestionen und 
Apoplexieen die Faserstoffmenge gewöhnlich geringer wird, 
stimmt gut damit überein; denn wir wissen, dass bei Ge- 
hirnkrankheiten Respiration und Circulation erlangsamt sind, 
und es ist daher vielleicht anzunehmen, dass in Folge der 
geringern Sauerstoffaufnahme die Umsezung von Albumin in 
Fibrin unvollständiger wird. Es reihen sich diese Fälle aber 
zugleich andererseits an jene an, bei welchen durch plöz- 
liches Erlöschen der Nervenfunctionen das Blut seine Ge- 
rinnbarkeit verliert. — 

So lange wir die physiologische Bedeutung des Faser» 
Stoffs nicht kennen , so lange ist auch der innere Zusammen- 



96 



hang der Hypinose mit gewissen Symptomen und Erschei- 
nungen, die gemeiniglich als ihre Folgen angesehen werden, 
nicht mit Bestimmtheit nachzuweisen. 

Die sicherste Folge der Hypinose scheint die Neigung 
zu Blutungen und die schwere Stillbarkeit schon eingetretener 
zu sein. Sie treten um so gewisser, um so reichlicher und 
hartnäkiger und um so verbreiteter ein, je verminderter die 
Menge des Faserstoffs ist. Dass kleine Wunden (Blutegel- 
stiche etc.) hei hypinotischem Blute sehr hartnäkig fortbluten, 
erklärt sich leicht aus dem fehlenden Stopfmittel, dem gerinn- 
baren Faserstoff. Für spontane Blutungen dagegen kann Mangel 
an Fibrin nicht die unmittelbare Ursache sein , selbst wenn 
man annehmen wollte, dass das fibrinlose Blut leichter in 
den Capillargefässen stokte. Das Zerreissen der Gefässwan- 
dungen und der Durchtritt der Blutkügelchem durch sie, ge- 
schieht unzweifelhaft beim fibrinlosen Blut viel leichter, als 
wenn die normale Menge Faserstoff vorhanden ist. Wir 
können uns dieses Verhalten kaum anders erklären, als dass 
beim fibrinlosen Blut eine Erschlaffung, Tonlosigkeit und Con- 
traktilitätsverminderung der Capillarien vorhanden ist, in 
deren Folge nicht nur die Fortbewegung des Bluts schwie- 
riger wird , und die Gefässe sich passiv ausdehnen lassen, 
sondern auch mit grösserer Leichtigkeit ein Bruch in ihnen 
entsteht, so dass das Blut in die Zwischengewebe sich er- 
giessen kann. Sobald diess geschehen ist, so lässt die ge- 
ringe Fähigkeit des ausgetretenen Bluts zum Gerinnen eine 
Verstopfung des entstandenen Risses nur schwierig zu und 
der Bluterguss dauert fort, während er bei normalem Blute 
in kurzem wieder sistirt würde. Woher die Tonlosigkeit der 
Capillarien rührt, ist nicht mit absoluter Gewissheit auszu- 
machen. Sie kann von Verhältnissen abhängen , die mit der 
Hypinose direct nichts zu schaffen haben. Mit weit grösserer 
Wahrscheinlichkeit aber ist anzunehmen, dass wirklich ihre 
nächste Ursache in der Hypinose selbst liege und diess lässt 
in hohem Grade vermutheri, dass der Faserstoff im Blute 



97 



nicht blos eine excrementielle und zur Ernährung unnüze 
Substanz sei, sondern dass er vielmehr zu dieser wesentlich 
beilrage, und für die vollkommene Ausbildung und den Tonus 
der Gewebe unumgänglich sei. Kleinere Blutungen wie 
Petechien können noch weiter darin ihren Grund haben, dass 
auch ohne Riss die im Serum suspendirten Blutkügelchen 
durch die porösen Gefässwandungen durchdringen. 

Ausser den Blutungen hängt ohne allen Zweifel die Neigung 
zu Hypostasen bei den Affectionen mit Hypinose von lezterer 
ab. Der Grund derselben ist auch hier wieder der unvollkom- 
mene Tonus der Capillarien, welche die Schwere des Bluts 
in den tiefst gelegenen Parthieen nicht überwinden können. 

Eine allen Krankheiten mit FaserstoiTverminderung ge- 
meinschaftliche Eigenthümlichkeit ist die Häufigkeit von Mor- 
tification einzelner oder mehrerer Gewebstheile , und zwar 
nicht allein derer, die ursprünglich die erkrankten waren. Die 
Mortification stellt sich als Erweichung, Yerschwärung, Brand 
dar. Der Decubitus, die Magen- und Darmerweichungen, 
die Verschwärungen der Därme und viele andere ähnliche 
Ereignisse können zum Beispiele dienen. Auch hat Magen- 
die durch Einsprizen von fibrinlosem Blute in die Adern 
eines Hundes Darmgeschwüre hervorgebracht, und es ist 
nur Schade, dass er sie — gewiss mit Unrecht — ohne 
Weiteres für typhöse erklärt hat. Nicht typhöses Produkt 
bringt die Hypinose hervor, sondern nur Zerfallen der Organe, 
Mortification, ob nun daneben in dem erkrankten Individuum 
eine typhöse Affection besteht oder nicht. Leztere künstlich 
hervorzurufen, ist noch niemand gelungen, so wenig als 
Poken oder Scharlach, wenn man auch pokenartige Pusteln 
und scharlachartige Hyperämieen auf der Haut zu erregen 
weiss. — Eben in dieser Gefahr der Mortification liegt ein 
Moment für die deletäre Natur dieser Krankheiten. Auch 
dieses Verhalten scheint direct von dem Mangel an Faser- 
stoff und der desshalb ungenügenden Ernährung der Gewebs- 
theile abzuhängen, wobei denn eine zufällige Blutüberfüllung, 

Wunderlich, Path. d. Bluts. 7 



98 



Infiltration, ein Druk und Aehnliches vollends den Ausschlag 
für das Untergehen der organischen Textur geben kann. 

Dagegen scheint die Art der Exsudationen bei solchen 
Erkrankungen aus schon angegebenen Gründen in keiner Ab- 
hängigkeit von der Hypinose zu stehen; wohl aber vielleicht 
die Weichheit , die Neigung zum Zerfallen und Verjauchen, 
die geringe Organisationsfähigkeit der Exsudate, welcher Art 
sie auch an sich sein mögen. Es kommen sehr verschiedene 
Exsudate bei diesen Affectionen vor, aber nie ein höher 
organisirtes , nie ein anderes , als solche , die den Keim bal- 
diger Zerstörung und frühen Zerfallens in sich tragen. 

Auffallend ist ferner , dass in allen Fällen von Hypinose 
der Kranke rasch vom Fleische kommt und ungemein lang- 
sam sich wieder erholt : die lange Reconvalescenz von einer 
acuten Krankheit lässt oft allein noch nachträglich die Dia- 
gnose einer vorhanden gewesenen hypinolischen Krankheit 
machen. Auch diess spricht wieder in hohem Grade dafür, 
dass der Faserstoff wirklich zur Ernährung beitrage. 

In Beziehung endlich auf die Prostration haben wir 
schon die Ansicht geäussert, dass nach Analogie einiger 
andern Thatsachen der Zustand des Bluts vielleicht zuweilen 
nur die Folge der Erkrankung des Nervensystems sein könne, 
wenn auch andererseits die Hypinose, mag sie entstanden 
sein wie sie will , selbst einen unvollkommenen Ersaz der 
Nervensubstanz und dadurch eine Suppression der Functionen 
der Nervencentra bedingen kann. Ursache und Wirkung ist 
hier nicht immer mit Bestimmtheit zu unterscheiden, und 
es ist wohl möglich, dass verschiedene Fälle in dieser Be- 
ziehung sich entgegengesezt verhalten. 

Was die Verhältnisse der Combination und Ausschliessung 
der hypinotischen Krase und die Uebergänge derselben in 
andere Krasen anbelangt, so steht zunächst nur die Hype- 
rinose im Gegensaz zu jener, und es versteht sich, dass sie 
sich ausschliessen. Es fragt sich aber, ob nicht die Ver- 
minderung des Faserstoffs in abnorme Vermehrung desselben 



99 



umschlagen könne. Die klinische Erfahrung zeigt die 
fibrinöse Krasis wirklich als Folgekrankheit wenigstens der 
acuten Hyperinose sehr häufig. So sehen wir nach Ty- 
phus und acuten Exanthemen eine wirklich vermehrte Dis- 
position zu fibrinösen Infiltrationen, Entzündungen und Tu- 
berkeln. Nicht nur entstehen entzündliche Affectionen, 
Pneumonieen , Pleuritiden , Pericarditen, Peritoniten etc. 
ausserordentlich häufig gegen das Ende des Verlaufs jener 
Pyrexieen und das Blut der Aderlässe weist dann sicher 
eine Fibrinvermehrung und Crusta phlogistica nach, sondern 
auch entwikeln sich nach jenen Krankheiten bekanntlich sehr 
häufig schnell und tumultuarisch verlaufende Tuberculosen — 
nicht nur sogenannte acute Tuberculosen, Miliargranulationen, 
sondern gemeine tuberculose Phthisen mit voluminösen Kno- 
ten und Infiltrationen. — Bei chronisch - hypinotischen Fällen 
mangeln uns bestimmte Erfahrungen , obwohl das häufige 
Auftreten von Pneumonieen bei Säufern nicht ganz für 
Engel 's Angabe zu sprechen scheint, dass die Hyperinose 
als Nachfolgekrankheit (der chronischen Hypinose) nie er- 
scheine. 

Dagegen finden wir En g el 's Bezeichnung des vorzeiti- 
gen Marasmus als einer nicht seltenen Nachkrankheit der 
Hypinose vollständig gerechtfertigt. Derselbe tritt sowohl 
nach acuter, als nach chronischer Faserstoffverminderung ein, 
bald vorübergehend, wie z. B. in den langen Reconvalescenzen 
von manchen Typhusfällen , bald dauernd. 

Oft stellt sich zugleich mit dem Marasmus oder neben 
diesem eine seröse Cachexie und Hydrops nach Hypinose 
ein, ohne dass die Läsion eines Eingeweides einen hinrei- 
chenden Grund für den Hydrops abgäbe. Engel gibt an, 
dass dieser Ausgang besonders nach Exsudatbildungen häu- 
fig sei. 

Mit manchen Blutzuständen ist die Hypinose häufiger 
combinirt , als mit andern ; dahin gehören namentlich das 
cyanotische Blut, die Zersezungsprocesse im Blute, und 

7* 



100 



fremde Stoffe, mit denen es verunreinigt ist, theils metal- 
lische Gifte, theils auch jene unbekannten Agentien, die wir 
als Ursachen mancher specifischen Krankheitsformen, wie 
der Poken, des Scharlach, vielleicht auch des Typhus etc. 
annehmen müssen. — 

Eine rationelle directe Therapie für die Hypinose gibt 
es nicht. Es sind uns die nächsten Bedingungen der Bildung 
wie der Verminderung des Faserstoffs im Blute unbekannt, 
wir können daher ebenso wenig auf jene fördernd, als auf 
leztere hemmend einwirken. Vielleicht tragen die Mineral- 
säuren , die man so allgemein in diesen Fällen nüzlich fin- 
det, etwas Wesentliches bei. Sicheres wissen wir nicht! Alle 
Mittel , die man in diesen Affectionen reicht , sind entweder 
empirisch oder haben eine Beziehung auf andere, zugleich 
vorhandene Verhältnisse und nicht auf die Hypinose. 

B. Vermehrung des Faserstoffs. 
(Hyperinose.) 

Dieser Zustand, bei dem gewöhnlich zugleich eine Ver- 
mehrung der auch in normalem Blute (nach Mul der) schon 
vorkommenden höheren Oxyproteinstufen statt zu finden scheint, 
wird an der vollkommeneren , derberen und compacteren 
Gerinnung des Bluts erkannt, wobei sehr häufig zugleich ein 
Theil des Faserstoffs rein, ohne Blutkögelchen einzuschliessen 
sich ausscheidet (Crusta phlogistica) , was nach Engel be- 
sonders bei Combination mit Lungenkrankheiten und bei 
Beeinträchtigung der Lungencirculation vorkommen soll. Das 
Serum ist meist hell und hat keinen röthlichen Schein. 

Vortrefflich ist Engel's Auseinandersezung der Leichen- 
erscheinungen bei fibrinösem Blute und wir begnügen uns 
daher , sie geradezu zu excerpiren , da wirklich die Na- 
turbeobachtung nicht feiner und exacter sein kann, als in 
diesem Passus : vermehrte Trokenheit und Contraction der 
Faser, daher anhaltende Todtenstarre, feste, trokene Muskel, 



101 



straffe Hautdeken , und geringe , helle Todtenfleken. Fast 
alle Organe, Gehirn, Lungen, Leber, Milz sind fesler, zäher, 
trokener und das Blut imbibirt nicht und färbt daher die 
Gewebe nicht. Auch das Endocardium und die innern Ge- 
fässhäute sind frei von Röthung. In den grössern Gefässen 
bilden sich Blutcoagula, die je näher dem Herzen um so 
voluminöser und fester werden. Im rechten Herzen neben 
Blutgerinnung oft Faserstoffcoagulum. Auffallend und bemer- 
kenswerth istEngel's Angabe, dass „dessen Quantum in 
selbem Grade wachse als jenes der Blutgerinnung abnehme" 
und dass „bei hochgradiger inflammatorischer Krase die Faser- 
stoffgerinnung gänzlich fehle." 

Eine nicht zu übersehende Eigenthümlichkeit ist das von 
Andral gefundene Gesez, dass bei Affectionen mit fibrinöser 
Krase, so lange der Krankheitsprocess in der Zunahme ist, 
troz mehrfachen Aderlässen die relative Menge des Faserstoffs 
im Verhältniss zu den übrigen Blutbestandtheilen fortwährend 
im Steigen ist und erst mit der Abnahme der örtlichen 
Krankheitserscheinungen gegen das Normalverhältniss hin 
zurükkehrt. — 

Ich glaube nicht, dass sich die Pathogenie der fibrinösen 
Krasis auf dem heutigen Standpunkt des Wissens schon 
vollständig entscheiden lässt. 

Simon sagt, er könne die Vermehrung des Fibrins nur 
als Produkt des Fiebers oder des veränderten Blutkreislaufs 
ansehen, durch welchen die Wechselwirkung zwischen Blut 
und atmosphärischem Sauerstoff vermehrt und in Folge dessen 
eine grössere Menge Fibrin aus den Blutkügelchen erzeugt 
werde , während zugleich durch die gehinderte Ernährung 
eine verhältnissmässige Vermehrung der Blutkügelchen un- 
möglich gemacht sei. Diese Ansicht ist leicht zu wider- 
legen, indem es Fieber gibt mit gleichfalls gehinderter 
Ernährung , wo der Faserstoff statt zuzunehmen abnimmt. 
Das Fieber kann also nicht die wahre Ursache der Faser- 
stoffvermehrung sein. 



102 



Auch Mulder nimmt an, dass das Fieber die Ursache 
der Enlzündungshaut sei, indem durch die Beschleunigung 
des Athmens eine reichere Bildung von Oxyprotein herbei- 
geführt werde. Auch hiegegen ist einzuwenden , dass Fie- 
ber an und für sich keine Crusle und keine Hyperinose 
hervorbringt. 

H o f f in ann' s Theorie der Vermehrung der Fibrine nimmt 
gleichfalls als Ursache grössere. SauerstofTaufnahme an, wo- 
durch aber nicht die Blutscheiben, sondern das Albumin in 
Fibrin umgewandelt werden (durch Oxydation des Schwefels 
im Albumin ; Verwandlung des kohlensauren Natrons in 
ein Sulphat und dadurch Fällung des bisher im Carbonate 
gelösten Albumins). Hoffmann nimmt an, dass bei der 
Verminderung der Blutkörperchen der Sauerstoff um so mehr 
sich auf das Albumin werfe , woraus die Zunahme des Faser- 
stoffs nach Aderlässen sich erklären lasse. Wir haben jedoch 
manches Bedenken gegen diese Vorstellungsweise. Erstens 
müssten hienach die Bleichsüchtigen fast immer einen vermehr- 
ten Faserstoff zeigen , was allerdings zuweilen, aber durchaus 
nicht häufig vorkommt. Ferner können wir unmöglich an- 
nehmen, dass in der zur Hälfte oder noch mehr hepatisirlen 
Lunge des Pneumonikers oder in der eomprimirten Lunge 
durch pleuritisches Exsudat, oder in der mit Tuberkeln in- 
filtrirten und mit Höhlen durchsezten Lunge des Phthisikers 
— selbst bei vermehrten Athemzügen — eine reichlichere 
Sauerstoffaufnahme statt finde, als bei den raschen Athem- 
zügen eines fiebernden scharlachkranken Kindes. Dennoch 
findet bei dem leztern keine Faserstoffzunahme statt, die als- 
bald eintritt, so wie ein Lungenstük desselben Kindes sich 
mit Exsudat infiltrirt und dem Sauerstoffe unzugänglich wird. 
Eine andere direcle Erfahrung macht endlich noch weiter die 
Annahme einer vermehrten Sauerstoffzufuhr als Ursache der 
Faserstoffvermehrung ganz unzulässig. Beim Typhus ist der 
Faserstoff nicht vermehrt, vielmehr sogar vermindert , troz des 
häufigen Athmens und des lebhaften Fiebers. Tritt nun aber 



103 



im Verlaufe eine Bronchitis auf, durch welche das Eindringen 
des Sauerstoffs unzweifelhaft äusserst erschwert, wird , so 
steigt der Faserstoff sofort aufs doppelte des Normalgehalts. 

Plausibler sind schon jene Ansichten, welche die Faser- 
stoffvermehrung der örtlichen Krankheit vorausgehen lassen 
und die leztere als Folge der allgemeinen Krasis ansehen. 
Diess ist wie mir scheint auch Engel's Ansicht, der 
jedoch auf das Zustandekommen dieser Art von Blut- 
mischung nicht näher eingeht. Hieher gehört auch Zim- 
mermann's Theorie, dass die Hyperinose auf der durch die 
concentrirtere und reinere Luft im Winter bewirkten stärkern 
Zufuhr von Sauerstoff, und auf der lebhafteren „regressiven 
Metamorphose" beruhe. Indessen müssen wir uns gegen 
diese Ansicht erklären, indem es constatirt ist, dass die Ent- 
zündungen, namentlich die Lungenentzündung überwiegend 
häufig im Frühling und in den Sommermonaten vorkommen. 
Auch hierin scheint sich Zimmermann' s Ansicht zu wider- 
sprechen , dass wenn der Faserstoff von den Muskeln her- 
rühre, nach entzündlichen Fiebern die Muskulatur ungleich 
rascher abgenommen haben müsste , als nach Fiebern mit 
Hypinose, während doch die tägliche Erfahrung es anders 
lehrt. 

Eine andere Theorie (Henle) erklärt die Vermehrung des 
Faserstoffs — wenigstens zum Theil — daraus, dass durch 
reichliche Exsudirung von Wasser, Salzen, und auch noch 
durch relativen Ueberschuss des Exsudats an Eiweiss das 
Ueberwiegen des Faserstoffs im Blute zu Stande komme. 
Manche Gründe sprechen für diese im ersten Augenblik be- 
stechende Annahme: die bedeutendere Zunahme der Fibrine 
bei Entzündungen ohne grosses Exsudat im Gegensaz zu den 
reichlich exsudirenden Affectionen (wie Peritonitis, Pleuritis), 
die geringe relative Menge von Wasser im hyperinoti sehen 
Blutplasma , das stärkere Aneinanderkleben der Blutkörperchen 
in dem sogenannten entzündlichen Blute. Auch die fort- 
währende Zunahme der Hyperinose bei zunehmenden Exsu- 



104 



daten Hesse sich schön daraus erklären. — Allein diese 
Theorie erscheint denn doch nicht ausreichend: denn erstens 
nimmt auch, wenn die Exsudation gering ist, bei den spätem 
Aderlässen die Fibrinmenge zu, zweitens steht die ausser- 
ordentliche Zunahme der Fibrine in gar keinem Verhältnisse 
zu der geringen Wasserabnahme. Während gesundes Plasma 
auf 1000 Theile ungefähr 893 Wasser und 2% Faserstoff 
(Simon) enthält, sinkt die Wasserabnahme im äussersten 
Falle kaum unter 850, also nicht um den 19ten Theil, wäh- 
rend der Fibringehalt bis aufs Vierfache steigen kann. Neh- 
men wir an, dass 400 Unzen Blut im Menschen circuliren, 
so vertheilt sich diess nach den Simon 'sehen Analysen 
ungefähr in 318 Unzen Wasser, 44 Unzen Cruor, 30 Unzen 
Eiweiss, 5 Unzen Extractivstoff und Salze, 84 /ioo Unzen Faser- 
stoff und 9 /io Unzen Fett. Sind davon 40 Unzen Wasser 
durch Exsudation in die Pleura ausgetreten, so bleibt — die 
exsudirte Faserstoffmenge gar nicht abgezogen — das Ver- 
hältniss des Wassers zur Fibrine == 278 : 0,8; d. h. auf 
893 Wasser im Plasma kommen , statt 2,4 Faserstoff wie im 
Normalzustande, erst ungefähr 2,7. Die gleichzeitig verstärkte 
Haultranspiration kann zwar das Verhältniss des Faserstoffs 
noch steigern , doch immer nicht in dem Grade, dass er der 
empirischen Ziffer im hyperinotischen Blute nahe kommt. — 
H e n 1 e selbst gibt zu , dass jener Theorie von der Ursache 
der Faserstoffvermehrung naheliegende Einwürfe entgegenge- 
stellt werden können und sucht diesen zuvorzukommen. Er 
weist mit Recht den Einwurf zurük, dass bei blos hydropi-, 
scher Exsudation die Hyperinose fehle, denn jene beruhe 
auf primärer seröser Cachexie. Dagegen ist diess nicht der 
Fall bei manchen profusen Diarrhöen, typhösen, cholerischen 
und andern, und doch nimmt die Faserstoffmenge bei ihnen nicht 
zu, obgleich der Wasserverlust des Blutes sehr beträchtlich 
werden kann. — Auch fühlt , wie mir scheint, H e n 1 e selbst, 
dass seine Theorie nicht ausreiche, wenn er anführt, dass 
allerdings die phlogistische Beschaffenheit des Bluts auch in 



105 



Fällen vorkomme, wo die örtliche Exsudation unbedeutend 
erscheint und wenn er für diese Fälle eine phlogistische 
Diathese des Blutes vor dem Beginn der örtlichen Krankheit, 
also ohne Einfluss des Wasserverlustes entstanden, zulässt. 
Sobald diess zugegeben wird , so kann auch der Annahme 
nichts entgegenstehen , dass überhaupt die Fibrinvermehrung 
im hyperinotischen Blute ihren Hauptursprung einem andern 
Verhältnisse verdanke, als dem Ueberwiegen des Wassers in 
den Exsudaten, und dass lezteres nur ein Moment, und wie 
wir gezeigt zu haben glauben , ein untergeordnetes Moment 
in der Zunahme des Faserstoffs abgebe. — 

Diese Erscheinung, die Vermehrung des Fibrins in den 
Krankheiten, die man Entzündungen nennt, gehört nach allem 
Angeführten zu den rätselhaftesten der Pathologie. Es sind 
mehrere Verhältnisse , die hier auffallen : 

1. Der Faserstoff und meist zugleich mit ihm, jedoch 
in geringerem Grade das Albumin, sind vermehrt, während 
die Zufuhr proteinhaltiger Stoffe doch vermindert ist. 

2. Der Faserstoff der Venen zeigt Eigenthümlichkeiten, 
die sonst nur dem der Arterien zukommen. 

3. Der Faserstoff gerinnt langsamer, während die Blut- 
kügelchen schneller sich zu Säulchen vereinigen und nieder- 
fallen. 

4. Der Sauerstoffgehalt des Faserstoffs scheint vermehrt 
zu sein, wenigstens scheint er von den auch im normalen 
Zustande vorkommenden Oxyden des Protein ungleich 
mehr zu enthalten (Mulde r) — während die Zufuhr von 
Sauerstoff nicht als grösser angenommen werden kann, wie 
in andern fieberhaften Krankheiten. 

5. Der Gehalt an spontan gerinnendem Faserstoff nimmt 
zu, so lange der krankhafte Process nicht rükgängig wird. 

Wenn es richtig ist, dass der Faserstoff aus Eiweiss 
entsteht, so liegt am nächsten, bei hyperinotischen Verhältnissen 
eine raschere und reichlichere Metamorphose anzunehmen. 
Am meisten scheint jedoch diesem der Umstand entgegen- 



106 



zustehen, dass viele Beobachter auch den Eiweissgehalt ver- 
mehrt gefunden haben, der doch sich mindern sollte, wenn 
auf seine Kosten Faserstoff gebildet würde. Diese Schwie- 
rigkeit hat auch Lotze vermocht, sich gegen jene Annahme 
auszusprechen (Pathol. p. 359). Indessen ist die Vermehrung 
des Albumins sehr unbedeutend und wurde bei manchen 
Analysen gar nicht, sondern im Gegentheil Verminderung 
gefunden , Widersprüche in den Resultaten , die vielleicht 
daher rühren, dass die Fälle bald jugendlich kräftige und 
vollsäftige, bald armselige Individuen betrafen, und dass diese 
Verschiedenheiten nicht gehörig vorgemerkt wurden. Ueber- 
dem kann die unbedeutende Vermehrung des Eiweisses eher 
von dem überwiegenden Verluste an Wasser durch die Ex- 
sudation und Hauttranspiration herrühren , als diess für die 
Vermehrung des Fibrins anzunehmen wäre, um so mehr da 
auch die andern Fälle von Albuminsvermehrung, bei denen 
keine Hyperinose besteht, solche sind, wo reichliche wässrige 
Ausscheidungen stattgefunden hatten (Typhus, Diabetes mel- 
litus). Allein dennoch bleibt die Vermehrung des Faserstoffs, 
der doch unter andern Umständen in weiterer Zersezung 
ohne Zweifel als Harnstoff so entfernt wird , dass er nicht 
leicht über 74 Procent der Blutmasse beträgt, ein Räthsel. 
Wir wissen keine Mittel diess zu lösen , als indem wir an- 
nehmen , seine Ausscheidung sei gehemmt , und er häufe 
sich daher in dem Blute an. Auch ist der Harn bekanntlich 
in Entzündungen während der Periode der Zunahme spar- 
sam, ist arm an Harnstoff und Harnsäure (Sc her er) und 
die Zersezung erreicht häufig nicht die Stufe des Harnstoffes, 
sondern nur die der Harnsäure. Der nicht zersezte Faser- 
stoff muss im Blute bleiben , veranlasst Stasen an dazu 
geeigneten Gewebsstellen und Exsudat erst von Wasser, dann 
von Eiweiss und zulezt von Faserstoff selbst. Aber wie 
kommt es, dass die normale Ausscheidung durch die Nieren 
aufgehoben oder vermindert ist? ist eine billige Frage. Die 
Antwort ist nur eine Vermuthung» Vielleicht geht in diesen 



107 



Krankheiten die Umwandlung des Albumins in Fibrin zu tu- 
multuarisch vor sich , in der Weise , dass nicht nur Schwefel 
austritt und die innere Anordnung der Molecüle geändert 
wird, sondern dass eine gewisse Menge von Sauerstoff mit 
dem Protein sich verbindet — Mulder's Experimente spre- 
chen dafür — und vielleicht ist das durch diese Hyperoxy- 
dation nun reichlicher gebildete Bi- oder Tritoxyd des Pro- 
teins schwieriger weiter umzusezen, widersteht dem zer- 
sezenden Sauerstoff mehr, als das gemeine Fibrin, das durch 
ihn in Harnstoff und Kohlensäure umgewandelt wird. Eine solche 
Vorstellung kann sich wenigstens auf chemische Analogieen 
stüzen. So kann z. B. die Fäulniss , die Verwesung eines 
Körpers dadurch unterbrochen werden , dass ihm rasch eine 
gewisse Menge Wasser entzogen wird, oder rasch eine reich- 
lichere Verbindung mit Sauerstoff erfolgt. In dieser Weise 
kann man begreifen, dass der Faserstoff der Venen schon 
Eigenschaften darbietet wie sonst nur der der Arterien. 
Immer aber würde noch die Schwierigkeit bleiben, wie es 
zu einer solchen tumultuarischen Umsezung und Verbrennung 
komme. Da wir aber die Bedingungen nicht kennen, unter 
denen die gewöhnliche und ruhige Umsezung zu geschehen 
pflegt, so würden von jezt an die Vermuthungen bodenlos. 
Nur so viel kann man aus klinischen Thatsachen annehmen, 
dass dieser Zustand des Bluts in den meisten Fällen der 
örtlichen Affection vorangeht, schwerlich aber langsam sich 
vorbereitet ; denn die meisten Fälle von Entzündungskrankheit 
beginnen sehr entschieden ohne vorausgehende Anzeichen mit 
einem heftigen Frostparoxysmus. Dieser würde zunächst die 
vorangegangene Veränderung in der Blutmasse anzeigen, und 
von da an würde die einmal begonnene Richtung in der 
Umsezung des Albumins fortdauern, bis es wieder auf irgend 
Art gelungen ist, die weitere Zersezung des überschüssigen 
und oxydirten Faserstoffs zu bewirken und ihn in ausscheid- 
bare Stoffe zu zerlegen. 

In den Fällen , wo sichtlich die Krankheit örtlich beginnt, 



108 



ist vielleicht eine von mir früher geäusserte Ansicht zulässig, 
dass die Gerinnungen am Orte der Stase , fortgerissen in 
dem Blutstrom, die Umwandlung des Eiweisses in Faserstoff 
begünstigen und so als Erreger für eine Art von fibrinöser 
Gährung wirken. Die Gerinnungen um entzündete Herzklap- 
pen, die augenbliklichen Gerinnungen im Blutstrome, sobald 
er mit dem Exsudate einer entzündeten Vene in Berührung 
kommt, weit über die entzündete Stelle hinaus, die Gerin- 
nungen des Bluts in der entzündeten Arterie lassen diese 
Erklärung nicht ohne Analogieen. Das aber versäume ich 
nicht , ausdrüklich zu bemerken , dass vielleicht in verschie- 
denen Fällen die Vermehrung der Fibrine von verschiedenen 
Combinationen abhängt, wie man sich denn auch eine zu 
geringe zersezende Einwirkung des Sauerstoffs auf den vor- 
handenen Faserstoff als eine mögliche Ursache seiner An- 
häufung denken kann. Die plözliche Verminderung des 
Athmens durch Blutüberfüllung der Lunge bei vorher vor- 
handenen reichlichen Proteinverbindungen im Blute , könnte 
so eine Hemmung der weiteren Zersezung des Faserstoffs 
bewirken : eine Erklärungsweise , die jedoch dann unzulässig 
wäre, wenn die Anwesenheit höherer Oxydationsstufen von 
Protein im hyperinotischen Blute sich als constant erwiese. — 

Zu dieser Krasis gehören und sind von ihr bedingt 
vornehmlich jene Krankheiten die man entzündliche genannt 
hat, jedoch, wie später auseinander gesezt werden wird, 
ohne Zweifel nicht alle. Die Untersuchungen haben darauf 
noch zu wenig Rüksicht genommen, aber es ist sicher, dass 
bei mancher Erkrankung , die als Pneumonie , Bronchitis, 
Meningitis diagnosticirt wird , vergeblich ein fibrinöses Blut 
erwartet werden würde. 

Weiter aber zeigt sich dieselbe Krasis bei Schwangeren. 
Zimmermann erklärt diess sehr gut aus der unvollkom- 
menen Umsezung des Faserstoffs zu Harnstoff in Folge der 
durch die Ausdehnung des Uterus comprimirten und im Ath- 
men gehinderten Lunge. Jedoch scheint die Bildung einer 



109 



Crusta phlogistica bei den Schwangern — so weit ich nach 
eigenen Erfahrungen urtheilen kann — doch unendlich viel 
seltener zu sein, als gemeiniglich angenommen wird, und 
nie sehr vollkommen zu werden. Dass aber Schwangere 
und namentlich Wöchnerinnen zu Entzündungskrankheiten in 
hoher Disposition sind, ist bekannt. 

Ferner findet sich ein relatives Uebergewicht von Faser- 
stoff sehr oft bei Phlhisischen, vielleicht aus demselben Grunde 
wie bei Schwangern, und es scheinen die fortdauernden Tu- 
berkelabsezungen hievon abzuhängen. 

Endlich sind die Erfahrungen von Lehmann zu er- 
wähnen, dass auch bei Hämorrhoidarien und Arthritikern ein 
Ueberschuss von Faserstoff entsand, und dass, als er und 
Hasse durch animalische Kost ihren Faserstoff bis aufs 
doppelte steigerten, sie Drüken und Brennen im After be- 
kamen , wie bei Hämorrhoiden. Diese künstliche Art der 
Faserstoffvermehrung so wie die Zunahme bei Hämorrhoida- 
rien beruht wohl darauf, dass der Sauerstoff zur Umsezung 
des reichlich aufgenommenen Proteins nicht ausreicht. 

Immer aber scheint sich die entzündliche Faserstoffver- 
mehrung von den andern Arten der Fibrinzunahme dadurch 
zu unterscheiden, dass die Oxyproteine in jener in reich- 
licher Menge vorhanden sind. — 

Wir haben nun die Folgen zu betrachten, welche bei 
fibrinöser Blutmischung und namentlich der acuten und ent- 
zündlichen erfahrungsmässig oder nothwendig eintreten. 

Fast in allen Fällen sind sie in einem Organ überwie- 
gend. Man bezeichnet diess als den Siz der Krankheit, der 
Entzündung. Hier ist Erlangsamung des Blutlaufs, Erweite- 
rung der Gefässe, Stase und bald schon Austritt von Thei- 
len des Bluts, zuerst meist von Wasser, später gemischt 
mit festen und gerinnbaren Bestandlheilen. Man hat diese 
Exsudate, weil sie meist spontane Gerinnungen zeigen und 
sich durch eine Neigung zur Organisation auszeichnen, plas- 
tische, auch croupöse, oder weil man annahm, dass sie 



110 



aus Faserstoff gebildet sind, fibrinöse genannt. Oder es 
wird ein in Eiter sich umwandelnder Stoff exsudirt, d. h. 
eine Substanz, die in nicht geringer Menge Pyin (Mulder's 
Proteintritoxyd , das in der Crusta phlogistica reichlicher 
als im normalen Blutkuchen vorkommt) enthält. Die serösen 
Membranen und die diesen vielleicht ähnlich construirte 
innere Lungenfläche sind zunächst am häufigsten der Siz 
dieser Exsudate. Auf Schleimhäuten sind sie seltener, und 
ebenso in parenchymatösen Organen. Je nach diesem Size, 
nach dem Bau und der Textur des Organs, aber auch nach 
der Acuität der Exsudation nehmen jene Exsudate verschie- 
dene Formen an, immer aber zeigen sie eine Neigung zur 
Organisation, zur Zellenbildung, die entweder auf frühen 
Stufen durch besondere Umstände, wie z. B. zu tumultuari- 
sche Absezung oder baldige Vertroknung des Abgesezten, 
unterbrochen werden kann (Eiter, Tuberkel), oder mehr und 
mehr fortschreitet und das Exsudat eine Aehnlichkeit mit 
normalen Gewebstheilen erreichen lässt. Während die bei 
hypinotischem Blute entstehenden Exsudate eine grosse Nei- 
gung zur Verjauchung haben , fehlt diese den Exsudaten der 
fibrinösen Krase ganz. Dagegen fällt immer, wo Exsudate 
bei acuter fibrinöser Krasis entstehen , eine ganz ungewöhn- 
liche Erweichung und Brüchigkeit des Gewebs an der Stelle 
der Absezung oder auch noch in ihrer Nachbarschaft auf. 
So werden die hepatisirten Lungen brüchig, ihr Gewebe hat 
alle Widerstandsfähigkeit verloren, so werden die Mus- 
keln des Darms bei Peritonitis brüchig , missfarbig und 
gelähmt und auch die übrigen Häute erweicht u. s. w. Es 
kann diess nicht von bioser Serumimbibition herrühren, denn 
der höchste Grad von Oedem der Lunge bringt diese Brüchig- 
keit nicht hervor und der wassersüchtige Körper hat ebenso 
wenig brüchige Muskeln. Wo dagegen das Exsudat allmälig 
sich organisirt, da verschrumpfen die Gewebe um dasselbe, 
werden derb und zäh , aber blutleer und leblos. — Wo das 
Exsudat in den Blutstrom gelangt (Endocarditis) da ruft es 



111 



in andern Parenchymen, die ursprünglich nicht der Siz der 
Affection gewesen waren , secundäre Ablagerungen ähnlicher 
Art hervor. 

Nach diesen Eigentümlichkeiten der Exsudate bei fibri- 
nöser Krasis , entsteht die Frage , ob man berechtigt ist, sie 
wirklich als faserstoffige Bildungen anzusehen. Die Krasis 
selbst verführt dazu ; die grössere Dauerhaftigkeit und Or- 
ganisationsfähigkeit im Vergleich mit den Exsudaten bei 
Hypinose lässt gleichfalls einen Gehalt an einem andern , in 
lezterem nicht vorhandenen Stoffe vermuthen , und es liegt 
am nächsten, hiebei an Fibrin zu denken. Auch die raschere 
Consolidation und Gerinnung der entzündlichen Exsudate 
weist auf fibrinöse Natur hin. Ganz sicher jedoch können 
wir nur solche Exsudate als fibrinöse annehmen , die ohne 
Organisation gerinnen. — 

Die fibrinöse Krasis, sobald sie einige Höhe erreicht, 
bringt eine Irritation des Rükenmarks und Gehirns — Fieber 
— hervor, die in den meisten Fällen sich massig verhält, 
zuweilen aber auch in die höheren Grade — Delirien — 
übergeht, oder selbst in Paralyse und Erschöpfung — Sopor, 
Adynamie — endet. 

Eine sehr bestimmte Wirkung hat die fibrinöse Krasis 
auf die Secretionen , namentlich die des Harns. So lange 
sie besteht und zunimmt, ist dieser arm an Bestandtheilen 
jeder Art und sparsam. Zuweilen wird er trüb und molkig : 
es kann diess zuweilen von Schleimsecretion der Harnwege, 
vielleicht auch von durchgepresstem und coagulirtem Faser- 
stoff abhängen. Sobald aber die Krankheit eine Wendung 
zum Bessern nimmt , so erscheint reichliche Harnsäureab- 
scheidung als Sediment in dem Urin. Die Genesung aber 
tritt erst mit dem Wiederhellwerden des Urins ein. Nach 
unsrer Theorie lässt sich alles diess sehr gut begreifen. 
So lange der überschüssige Faserstoff dem Sauerstoffe wi- 
dersteht, kann die Krasis sich nicht heben: Blutstokung 
und Exsudation muss fortdauern ; die Zersezungsprodukte 



112 



im Harn müssen sparsam sein. Erst dann, wenn der Fa- 
serstoff anfängt durch Oxydation zersezt und daraus Harn- 
säure gebildet zu werden , kann die Hyperfibrination all- 
mälig zum normalen Yerhältniss zurükkehren. Es wird aber 
in diesen Fällen Harnsäure und nicht Harnstoff producirt, 
weil die Sauerstoffmenge noch nicht zur vollständigen Um- 
sezung hinreicht. Solange aber die Harnsäure im Urin noch 
vermehrt wird, ist diess zwar ein Zeichen der rükgängig 
werdenden Krase, aber auch ein Zeichen, dass der Faser- 
stoffüberschuss noch nicht vollständig gehoben ist, und erst 
wenn die normalen Verhältnisse der Zersezungsprodukte im 
Harn sich wieder herstellen, kann man auch rükwärts auf 
eine normale Blutbeschaffenheit schliessen. 

Sehr häufig treten bei fibrinöser Krasis sogenannte gal- 
lige Symptome auf, bald Störungen in der Gallensecretion, 
bald besonders gegen die Genesung hin reichliche gallige Ent- 
leerungen. Diess darf nicht verwundern, wenn man bedenkt, 
dass bei der Umsezung der Proteinverbindung nicht nur 
Harnsäure und Harnstoff, sondern auch Choleinsäure gebildet 
wird ; und es erklärt sich vielleicht hieraus der Nuzen der 
Emetica, des Calomels und anderer Laxantien bei fibrinöser 
Krasis und den davon abhängigen Localaffectionen (Croup, 
Pneumonie, etc.). — 

Als Folgezustände der fibrinösen Beschaffenheit des Bluts 
treten nach Engel Marasmus und seröse Cachexie in dem 
Falle ein, wenn das in seiner Masse verminderte Blut noch ge- 
rinnfähig aber für den Organismus quantitativ unzureichend 
ist. Hypinose und ein „dem Scorbut ähnlicher Zustand" ent- 
wikeln sich nur unter besonderen Umständen, namentlich 
wenn Eiter in Substanz mit dem Blute in Contact komme. 

Auch eine cyanotische Beschaffenheit kann bei Hyperi- 
nose und nach ihr eintreten wie bei Pneumonieen oft genug 
beobachtet werden kann ; doch scheint die Cyanose ihrerseits 
der Entwiklung des hyperinotischen Blutes wenig günstig 
zu sein, indem bei jener — wenigstens wo sie langsam sich 



113 



entwikelt und habituell wird (Herzkrankheiten) — die Fibrin- 
bildung meist unter dem Normalen sich hält. 

Die Therapie der fibrinösen Krasis. Man hat die 
von Alters her angewandte Blutenlziehung neuester Zeit bei die- 
ser Blutbeschaffenheit verwerfen wollen, weil man die Zunahme 
des Faserstoffs nach jeder Venaesection bemerkte. Allein 
es wäre ganz irrig , wenn man diese Vermehrung der Ader- 
lässe zuschreiben wollte, vielmehr liegt die Ursache davon 
in dem Processe selbst, und die Blutentziehung ist nur das 
Mittel, jene Zunahme zu erkennen. Vielmehr müssen wir, 
so weit die Thatsachen vorliegen , die Entfernung von Blut, 
also auch von Faserstoff für theoretisch ganz gerechtfertigt 
erklären, so ferne nur die Blutentziehung einerseits nicht 
zu gering ist, andrerseits aber auch nicht in zu grossem 
Maasse angewandt, das Blut in den Zustand von schwer zu 
heilendem Marasmus versezt. Entschieden schädlich aber 
scheint die Aderlässe zu sein, so bald das Blut übermässig 
serös geworden ist, so bald ein bedeutender Collapsus einen 
AYiederersaz nicht mehr hoffen lässt, so bald endlich die 
Zersezung des Faserstoffs im Gange ist, die Cruste sich 
verkleinert und der Harn reichlich sedimentirl.' Die örtliche 
Blutentziehung kann, wenn sie reichlich ist, der allgemeinen 
analog wirken, sonst aber entweder durch Erleichterung des 
Ortes der Stase von einem Theil des stokenden Blutes, durch 
Beschleunigung des örtlichen Rükflusses und der Absorption 
wirken — oder aber wird sie , wo sie nicht aus dem 
hyperämischen Theil selbst Blut wegnimmt, als eine Art 
revulsorischer Nervenreiz zu betrachten sein. 

Das Nitrum und einige andere Salze wirken vielleicht 
dadurch, dass sie die Umsezung von Albumin in Faserstoff 
und namentlich in die Form des entzündlichen Faserstoffs 
verhindern — Nitrum löst ja geronnenen Faserstoff wieder 
auf, freilich nicht den entzündlichen , aber vielleicht verhin- 
dert es dessen Bildung. — Vielleicht wirken sie auch, indem 

Wunderlich, Path. d. Bluts. 8 



114 



sie die Diurese und damit die Ausscheidung von zersezten 
Materien , ja selbst die Auspressung von Faserstoff aus den 
Nieren befördern. 

Auch vom Tartarus emelicus hat man eine directe Wirkung 
auf die Blutkrasis angenommen : es ist möglich , dass eine 
solche existirt, nur kennen wir sie nicht. Scherer (Un- 
tersuchungen p. 79.) hat neulichst die Erklärung versucht, 
dass der Tart. emet. durch seinen Gehalt an weinsaurem Kali 
wirke, das bei der Umwandlung in kohlensaures den Sauer- 
stoff in Anspruch nehme, zugleich das Blut alkalisch mache 
und so der Coagulation entgegentrete. Diese Theorie be- 
ruht auf einer von Scherer gemachten Erfahrung, wo bei 
einer biliösen Pneumonie das früher saure Serum nach der 
vierten Aderlässe und nach dem Gebrauch von Brechwein- 
stein in mittlerer (?) Dose (5 Gran : pro dosi oder für einen 
Tag ?) , starke alkalinische Reaction zeigte. Diese einzige 
Erfahrung lässt kaum einen Schluss zu, da hier die Verhältnisse 
complicirt waren und Gallenstoffe im Blute sich befanden. Allein 
die angegebene Erklärung der Brechweinsteinwirkung wird 
schwerlich irgend einen Arzt befriedigen , der den raschen 
und frappanten Einfluss dieses Mittels auf die Pneumonie 
kennen gelernt hat. Auch müssten , wenn Scherer's 
Erklärung nur halbwegs richtig wäre, einige Drachmen Cremor 
tartari unfehlbar und noch sicherer, als die paar Grane des 
Antimonpräparates die fibrinöse Krasis und die Entzündung 
zu heben vermögen. Endlich hat Sc her er übersehen, dass 
andere Antimonmittel ganz ähnlich wie der Tartarus emeticus 
in Pneumonieen wirken, nur ihrer Unlöslichkeit wegen un- 
gleich weniger sicher und nicht in so kleinen Dosen ; — Wir 
leugnen einen Einfluss des Brechweinsteins auf die Blut- 
mischung nicht, wir sagen nur, dass er unbekannt ist und 
glauben, dass ein grosser Theil der Wirkung wohl auf die 
Nerven und das Contractilitätsvermögen der Lungenzelle geht, 
wie He nie so schön auseinandergesezt hat. Wir glauben 
auch, dass hier ein Punkt ist, wo wir einen pharmacodvna- 



115 



mischen Grundsaz von der Homöopathie leihen können, und 
dass vielleicht gerade das Zustandekommen von Pneumonieen 
bei Antimonvergiflung am ehesten einen Anhaltspunkt für die 
günstige Wirkung des Antimons in der Pneumonie geben 
könnte. — Einen Antheil an der Wirkung könnte vielleicht 
auch das oft dabei entstehende und, wie ich mich mehrmals 
überzeugte, gar nicht unnüze Brechen und Laxieren beim 
Brechweinstein haben. 

Die Wirkung der Emetica und Laxantien bei der Hy- 
perinose wird wohl so anzusehen sein , dass dadurch Galle 
entleert und so für eine raschere Umsezung des Fibrins zu 
Choleinsäure (neben Harnsäure) beigetragen wird. 

C. Die Ausscheidung von Faserstoff in geronne- 
nem Zustand innerhalb der Blutbahn nach 
Zimmermann M ole cularfib rin. 
Wir reden hier nicht von jenen Gerinnungen , die sich 
während der Agonie an den Herzwandungen und den Klappen 
und Sehnen absezen, noch auch von jenen, die bei manchen 
Herzkrankheiten auf der entzündeten Fläche sich nieder- 
schlagen. 

Vielmehr haben wir jenen fein vertheilten und im Plasma 
ohne Zweifel suspendirten Faserstoff im Auge , der auch nach 
Scheidung von Kuchen und Serum das leztere trüb und 
milchig erscheinen lässt. Simon war der Erste, der die 
kleinen Kügelchen , die man in solchem Serum findet und 
die sich von den daneben vorhandenen Blutkügelchen merk- 
lich unterscheiden , chemisch als Fibrin erkannte. 

Am meisten hat auf dieses Verhalten Zimmermann 
hingewiesen. Indessen scheinen uns die Umstände dieser 
FaserstofTausscheidung doch noch nicht hinreichend eruirt , um 
die Verschiedenheiten von der eigentlichen Hyperinose nachzu- 
weisen. Wir glauben Zimmermann's Erklärung als nicht 
unwahrscheinlich bezeichnen zu dürfen, wenn er das Er- 
scheinen dieses Fibrins als ein Zeichen und eine Folge un- 

8* 



116 



vollkommener Zersezung des Faserstoffs wegen geringen 
Zutritts von Sauerstoff ansieht, und als Veranlassung oft sich 
wiederholende Erkältungen , Aufenthalt in schlechter Luft 
und Aehnliches annimmt. Sehr wahrscheinlich ist auch im 
normalen Zustand der Faserstoff nicht in vollkommen gelös- 
tem Zustand vorhanden. Doch könnte vielleicht die Trübung 
auch das von Mulder entdekte unlösliche Proteindeutoxyd 
sein , in welchem Falle die Annahme einer unvollkommenen 
Ausscheidung durch die Nieren (wie das Vorkommen dessel- 
ben bei Diabetes mellitus anzudeuten scheint) die höhere Oxy- 
dation einer grössern Menge von Fibrin erklären könnte. 
Wohl kann es sein , dass auch dieses Phänomen , wie so 
manche andere , unter verschiedenen Umständen aufzutreten 
vermag. 

Auch scheint uns das Vorhandensein dieses suspendirten 
Fibrins sehr gut zur Erklärung der chronischen fibrinösen 
Exsudate, der chronischen Tuberkelabsezung, der Scropheln, 
der kalten Abscesse, der Panaritien und Furunkeln benüzt 
werden zu können. 

Zimmermann' s Molecularfibrin kann zu einem wich- 
tigen Gliede in der neuen Humoralpathologie werden, wenn 
die Aufmerksamkeit sich darauf richtet und die näheren Ver- 
hältnisse von verschiedenen Seiten aus betrachtet werden. 



€tuov. 

Auch über das Verhalten der Blutkügelchen in Krank- 
heiten ist erst durch die Arbeiten von Andral und Gavarret 
einiges Licht verbreitet worden. 

Drei Ansichten über die Bedeutung der Blutkügelchen 
stehen sich gegenüber. 



117 



Von den Einen werden sie für das Nahrungsmaterial 
erklärt. (Nebst vielen Früheren Burdach.) 

Von Andern für die Erreger der Nervenfunction. (Mül- 
ler und die meisten neueren Physiologen.) 

Nach einer dritten Ansicht (Hünefeld, Liebig u. A.) 
sind sie Respirationsmittel , Träger des Sauerstoffs zu den 
Organen und der Kohlensäure zu den Lungen. 

Da die Blutkügelchen selbst wieder aus mehreren Stof- 
fen bestehen, so erwachsen daraus noch weitere Verschie- 
denheiten in der Vorstellung, 

Die wesentlichen Bestandtheile der Blutkügelchen sind 
die Kerne, die wahrscheinlich aus Fett vielleicht mit Faser- 
stoff bestehen, und das Globulin nebst dem in ihm verbun- 
denen oder gelösten Hämatin. — Das Globulin, die Haupt- 
masse des Blutkörperchens (nach Berzelius im Verhältniss 
zum Hämatin = 19 : 1) unterscheidet sich in der Zusammen- 
sezung vom Albumin nur durch eine geringere Menge von 
Schwefel und den Mangel an Phosphor. Wir können daher 
ganz gut mit vielen Andern annehmen , dass das Globulin 
aus Eiweiss entstehe, indem ihm der Phosphor und 1 Theil 
Schwefel durch den eingeathmeten Sauerstoff entrissen wer- 
den. Es ist diess also die zweite Metamorphose des 
Eaweisses und es lässt sich demnach begreifen , wie die 
Mengen von Blutkügelchen und von Faserstoff einigermaas- 
sen in umgekehrtem Verhältniss zu einander stehen kön- 
nen, indem eine excessive Faserstoffbildung das Zustande- 
kommen von Globulin verhindern kann und umgekehrt. — 
Woher der rothe Farbstoff stamme, ist gänzlich dunkel, dass 
durch denselben die Uebertragung des eingeathmeten Sauer- 
stoffs auf die Organe (durch Umwandlung des kohlensauren 
Eisenoxyduls in Eisenoxyd in den Lungen und umgekehrt in 
den Geweben nach Arnold, Liebig) vermittelt werde, 
ziemlich wahrscheinlich (Lehmann jedoch hat mehrere be- 
achtenswerthe Gründe dagegen vorgebracht und betrachtet 
das Hämatin als einen Material liefernden Stoff). Indessen 



118 



ist damit noch nicht ausgemacht, oh dieses Hin- und Her- 
führen von Sauerstoff und Kohlensäure der einzige Zwek 
der Blulkügeichen sei. Dass die Blutkügelchen zugleich ein 
Reiz fürs Nervensystem sind , geht vielmehr mit ziemlicher 
Wahrscheinlichkeit aus jenen Versuchen hervor , wo durch 
Blutverlust in Scheintod versezte Hunde durch Einsprizen 
ihres eigenen oder fremden geschlagenen Blutes wieder be- 
lebt wurden. Dass die Blulkügeichen zur Ernährung nichts 
beitragen, ist wenigstens wahrscheinlich. Eine Beobachtung 
von Bruns (allgem. Anatomie pag. 45) könnte, wie es von 
ihm auch geschieht , als ein directer Beweis dafür angesehen 
werden. Er fand nämlich bei lange hungernden Fröschen 
die Blulkügeichen grösser, als bei gut genährten. Indessen 
kommt diess vielleicht nur von Wasserimbibilion her in Folge 
des durch Hungern dünner gewordenen Blutes, wie denn 
auch Blutkügelchen aus todten Fröschen noch ums doppelte 
grösser sind, als (\i^ von hungernden. 

Nach solchen gegenwärtig unmöglich schon zur Ent- 
scheidung zu bringenden Widersprüchen über die Bedeu- 
tung der Blutkügelchen und der sie constituirenden Substan- 
zen ist nicht zu erwarten , dass die Abweichungen vom Nor- 
malzusland und ihre Folgen theoretisch begriffen werden 
können. Man muss bis jezt mit den empirischen Erfunden 
sich begnügen. 

A. Die Vermehrung der Blutkügelchen. 

Sie wurde von Andrai vielfach in den Fällen gefun- 
den, wo man einen plethorischen Zustand anzunehmen pflegt. 
Es waren Leute , die über Schwindel , Ohrensausen , Palpi- 
tationen und grosse Beklemmung klagten, injicirte Conjunc- 
tiva hatten. Das Blut zeigte nicht nur einen grössern Reich- 
thum an Cruor , sondern war auch dunkler gefärbt , so dass 
vielleicht gleichzeitig eine unvollkommene Decarbonisation 
der Blutkügelchen angenommen werden kann. Der Blutkuchen 
war gross und weich, denn der Faserstoff war eher unter 



119 



dem Normal und war jedenfalls im Verhältniss zu den 
Blutkügelchen nicht genügend, daher Neigung zu Blutungen. 
Solche Individuen waren leicht zu Excitationen der Gehirn- 
thäligkeit und zu Emotionen geneigt, auch zeigte sich hin 
und wieder eine fieberartige Aufregung bei ihnen, ohne dass 
Localstörungen vorhanden waren. In seinem ersten Memoire 
über die Alteration des Bluts war Andral sogar geneigt, 
das Uebermaass von Blutkügelchen als einen wesentlichen 
Charakter der „Pyrexieen" zu erklären. Im Essai d'hemato- 
logie pathologique nahm er diess jedoch wieder zurük , und 
betrachtete das Vorkommen von Cruorreichthum bei typhösen 
Kranken nur als etwas Zufälliges, davon abhängend, dass jugend- 
liche und vollsäftige Individuen am häufigsten von Typhus 
befallen werden, während jedoch der entgegengesezte Blut- 
zustand, die Chlorose den Typhus nichts weniger als aus- 
schliesst. 

So viel jedoch scheint sicher zu sein, dass Reichthum 
an Cruor eher zu Congestionen , zu Blutungen , und zu 
typhösen Affectionen disponirt, als zu denen, die man Ent- 
zündungen nennt. 

Vielleicht : — wenn anders Sr-hulz's Ansicht vom Un- 
tergang der Blutkügelchen in der Leber und der Entstehung 
der Galle aus ihnen gegründet ist — kann daraus die Dis- 
position zu Gallen- und Leberkrankheiten bei cruorreichen 
Individuen abgeleitet werden. 

Diät und Aderlässe scheinen die Mittel zu sein, durch 
welche am schnellsten dem Cruorreichthum abgeholfen wer- 
den kann. — Uebrigens können wir zugleich auf das bei 
der Plethora angegebene uns beziehen, um so mehr, da beide 
Zustände nicht streng auseinander zu halten sind, und ohne 
allen Zweifel die ächte Plethora bald durch Austreten von 
Wasser und Abscheidung von Harnsäure in einseitigen Cruor- 
reichthum umschlägt. 



120 



B. Die Verminderung der Blutküg eichen. 

Cruorarmuth ist eher von Anämie getrennt zu halten, 
als Cruorreichthum von Plethora. Wenigstens zeigt die Ab- 
nahme der Blutkiigelchen in der Bleichsucht ganz andere 
Zufälle, als die wirkliche Anämie. Der Eiweissgehalt scheint 
bei der eigentlichen Chlorose sich nicht zu vermindern, der 
Fibringehalt sogar zuzunehmen. Fast scheint es , als ob eine 
Art von Plethora bei Chlorose vorhanden sei, eine absolute 
Zunahme von Blut , aber mit relativer Abnahme des Cruors. 
Daher vielleicht kommt es , dass Chlorotische nicht vom 
Fleisch fallen, oft sogar voll und gedunsen aussehen. Nur 
die rothe Farbe verliert sich bei ihnen. Gleichzeitig werden 
alle Bewegungen matt und energielos, die Herzcontractionen 
wiewohl oft tumultuarisch , doch unvollkommen , jede kleine 
Anstrengung sezt Erschöpfung. Die hinreichende Erregung 
der Nervencentra scheint zu fehlen , und dieses Verhältniss 
nebst der Unvollkommenheil des röthenden Blutbestandtheils 
liefert die wesentlichsten Symptome. Man kann daraus einen 
Rükschluss auf die Bedeutung der Blutkügelchen sich erlau- 
ben ; doch bleibt dennoch immer ungewiss , ob die Blut- 
kügelchen als solche, oder durch ihren Hämatingehalt * 
oder nur durch das Eisen in ihm, oder endlich durch den 
Sauerstoff, den sie zu den Geweben tragen, als Reiz des 
Nervensystems anzusehen sind. 

Nicht selten combinirt sich die Chlorose mit Cyanose ; 
in fibrinöse, wie in hypinotische Krase kann sie übergehen; 
Anämie und Marasmus oder seröse Cachexie sind ihre Folgen, 
sobald sie lange besteht und einen hohen Grad erreicht. 

Die Wirkung des Eisens in der Cruorarmuth ist ein 
Gegenstand vielfacher Discussionen gewesen. Auch heute 
noch kann keine Entscheidung gewagt werden, ob das Mittel 
als Ersaz wirkt oder nur auf den Darm, und wenn ersteres 
der Fall wäre, wie es zugeht, dass bei vermehrtem Eisen- 
gehalt die Blutkügelchen in grösserer Menge sich bilden ; dass 



121 



lezteres aber geschieht, hat die Analyse aufs bestimmteste 
nachgewiesen. 

C. Die Veränderung der Blutkü gelchen. 

Die Beobachtungen über diese Verhältnisse sind noch 
viel zu isolirt und erlauben noch keinen allgemeinen Schluss. 
Veränderungen in der Grösse , in der Form , in der Farbe 
wurden bei manchen Krankheiten , bei Anämie , Chlorose, 
Typhus, Scorbut, Eitervergiftung, etc. gefunden. Allein die 
Angaben stimmen nirgends' mit einander überein und es 
lässt sich denken, dass diese Veränderungen bei Krankheiten, 
bei welchen ohne diess die Norm des Blutes manchfache 
Abweichungen erlitten hat , nur secundär und von unter- 
geordnetem Werthe sind. 



£s\U untr (fortrörttustoflV. 

Manche Punkte machen es wahrscheinlich , dass diese 
Stoffe für die künftige Humoralpathologie vom höchsten 
Interesse zu werden versprechen. Allein gegenwärtig sind 
ihre Verhältnisse noch viel zu wenig erforscht, und jedes 
Urtheil über sie und ihr Verhalten in Krankheiten wäre ein 
voreiliges. Was namentlich das Fett anbelangt, so wird das-,, 
selbe heut zu Tage noeh bald als Nahrungsbestandtheil und 
Reservemittel, bald als Excrement, bald als Respirationsstoff, 
bald seine Anwesenheit als Bedingung der Metamorphose 
azotfreier Nahrungsmittel im Körper angesehen , und wenn 
wir jene unzweifelhaft falsche Anschauungsweise, dass das 
Fett für künftige schlechte Zeiten im Körper angehäuft sei, 
ausnehmen , so gestehen wir , uns weder für noch gegen eine 
der angegebenen Ansichten entscheiden zu können. So viel 



122 



scheint jedoch sicher zu sein, dass die Quelle des Fetts 
nicht in eingeführten fetten Nahrungsmitteln zu suchen ist, 
wie Dumas, Boussingault und Payen annehmen, son- 
dern dass auch andere Stoffe sich innerhalb des Thierkörpers 
in Fett umwandeln können. Demnach wird auch eine Um- 
wandlung thierischer Substanzen selbst in Fett nicht mehr 
als unmöglich erscheinen dürfen. 

Drei Verhältnisse namentlich sind es , die bei den Ab- 
normitäten des Fetts in Betracht kommen. 

1. Die abnorm vermehrte oder verminderte Ablagerung 
von Fett im gesammten Körper. Wir kennen die Aetiologie 
dieser Verhältnisse nicht. Wir wissen nur, dass jene bei 
vollsäftigen ein träges Leben führenden Individuen , und na- 
mentlich im mittleren Lebensalter vorzugsweise vorkommt 
— Engel rechnet sie zur chronischen Albuminose — und 
dass die abnorme Fettabnahme bei Consumtionskrankheiten 
verschiedener Art , acuten und chronischen Verlaufs , sich 
einstellt. 

2. Die örtlichen Fettablagerungen , die gemeiniglich in 
der Nähe von Muskeln geschehen und die Muskelsubstanz 
theilweise verdrängen. Meist erscheint diese zugleich brüchig, 
missfarbig. Diese sogenannte Umwandlung wurde häufig 
der Ruhe und Unthätigkeif des Muskels' zugeschrieben; 
doch kommt sie ja gerade an einem nimmer ruhenden 
Muskel, dem Herzen, am häufigsten vor. — Ob auch die 
Fetllebern hierher gehören, die so oft bei Tuberculosis ge- 
funden wird, ist nicht sicher. Schlossberger's Erklä- 
rung, dass sie der Ausdruk einer secundären Krasis nach 
Verarmung des Bluts durch albuminose und fibrinöse Exsu- 
dationen sei, erschiene plausibel, wenn sich nur das gänz- 
liche Verschwinden des Fetts im ganzen Körper mit einziger 
Ausnahme der Leber , damit vereinigen liesse. — Mehremale 
ist mir das Entstehen zahlreicher Fettbälge bei Krankheiten 
verschiedener Art (Neurosen, Ausschläge, chronische Ca- 



123 



tarrhe und andere) aufgefallen, wobei das früher hartnäkige 
Leiden rasch sich hob. 

3. Das reichlichere Erscheinen von Fett im Blute 
wurde von verschiedenen Beobachtern in verschiedenen Krank- 
heiten, namentlich aber von Simon in der Pneumonie , von 
Heller neulichst in sehr grosser Menge bei einer Peri- 
tonitis bemerkt. Auch ist die Crusta phlogistica bekanntlich 
reich an Fett. Ich glaube nicht, dass diese Thatsachen vor- 
läufig theoretisch benuzbar sind , um so mehr da Entgegen- 
gesezte vorhanden sind , die jede scheinbare Consequenz 
wieder anulliren. 

Ueber die Extractivstoffe , diese wahrscheinlich lezte Stufe 
organischer Zusammensezung vor dem endlichen Zerfallen, 
die bis dahin chemisch noch zu wenig untersucht sind, 
glaube ich mich jeder Bemerkung enthalten zu dürfen. 



III. Abnorme Umsezimg der Blutbestand- 
theile in einfachere Verbindungen. 

Sauerstoff. 

Die Wirkung des Sauerstoffs auf den Körper hat durch 
die neuere Chemie eine weit bestimmtere und umfassendere 
Bedeutung gewonnen. Dass die „Lebensluft" nur sehr be- 
dingt diesen Namen verdiene, hat die neuere Chemie über 
allen Zweifel gesezt. Der Sauerstoff ist kein Nahrungsmittel 
des Körpers , wie man früher geglaubt hatte , sondern er 
ist sein Zerstörungsmittel. Die organischen Verbindungen 
im Körper haben keinen schlimmeren Feind als ihn. Er 
erhält einen fortdauernden Verbrennungs - oder Verwesungs- 
process im Körper, durch den alle Bestandtheile allmälig 
zersezt werden. Wenn er auch nicht, wie Liebig meint, 
die Ursache des Verbrauchs ist, so ist er doch sicher 
das Hauptmittel, das Verbrauchte in solche Verbindungen 
zu zersezen , in welchen seine Entfernung aus dem Leibe 
möglich wird. Dass diese beständige Zersezung nüzlich und 
nothwendig sei, erhellt aus den tödllichen Folgen des auf- 
gehobenen Sauerstoffzutritts. Wir sind noch nicht so weit, 
den Grund dieser Notwendigkeit einsehen zu können. Wir 
haben keine Vorstellung von der Art, wie die organischen 



125 



Verbindungen, welche die Gewebe constituiren, durch den 
Gebrauch, durch das Functioniren abgenuzt, chemisch ver- 
ändert und dem Sauerstoff zugänglich gemacht werden ; wir 
wissen nur, dass es geschieht. Liebig, der den Verbrauch 
selbst mit der Oxydation als identisch nimmt und verwech- 
selt, sagt, dass die Verzehrung durch den Sauerstoff da 
stattfinde, wo „der Widerstand, welchen die Lebenskraft be- 
lebter Körpertheile der chemischen Action des Sauerstoffs 
entgegensezt, kleiner ist, als diese chemische Action selbst." 
Allein es erhellt, dass diess keine Erklärung ist. Ueberdem 
überschreitet aber die neuere Chemie das Gebiet der bewie- 
senen Thatsachen und sogar der Wahrscheinlichkeit, wenn 
sie annimmt, dass die Sauerstoffzersezung der Gebilde die 
einzige Art ihrer Umwandlung sei , und ebenso , dass die 
Action des Sauerstoffs die einzige Quelle der thierischen 
Warme sei. Indessen können wir den Saz, dass Umwandlung 
und Wärme von der Lebhaftigkeit der Sauerstoffeinwirkung 
abhänge , doch bei hinreichender Vorsicht benüzen , sobald 
wir nur seine einseitige Richtigkeit erkennen und uns erin- 
nern , dass es auch noch andere Zersezungen (deren Pro- 
dukte z. B. die Galle) und andere Quellen der thierischen 
W T ärme geben kann. 

A. Vermehrung der Sauerstoffeinwirkung. 
Man hat von chemischer Seite aus manche Krankheits- 
verhältnisse durch Uebermaass des eingeathmeten Sauerstoffs 
erklären wollen , namentlich das Fieber und die Phthisis. W r as 
ersteres anbelangt , so ist durch das scheinbar vermehrte 
Athmen ein grösserer Zutritt von Sauerstoff noch nicht be- 
wiesen , denn das Athmen geschieht in^ diesen Zuständen 
meist nur oberflächlich, und es ist eine Frage, ob damit mehr 
oder ob nicht im Gegentheile weniger Sauerstoff consumirt wird, 
als bei gesunder und ruhiger Respiration. Wenn überdem 
richtig ist , dass die Sauerstoffzufuhr zu den Geweben darauf 
beruht, dass das kohlensaure Eisenoxydal der Blulkügelchen 



126 



seine Kohlensäure verliert und höher sich oxydirt, * so wird 
eben nur so viel Sauerstoff aufgenommen werden , als das 
vorhandene Eisensalz fassen kann , und alle übrige Zufuhr 
ist vergeblich: sie kann sich nur auf das Eiweiss und den 
Faserstoff des Bluts selbst und nicht auf die Gewebe beziehen. 
Es könnte zwar gesagt werden, dass durch die schnellen 
Bewegungen des Pulses ein rascherer Austausch an Kohlen- 
säure und Sauerstoff bewirkt wird. Aber mit der Zunahme der 
Frequenz nimmt bei den meisten Fiebern die Völle des Pulses, 
also die Grösse der Blutwelle ab, und man verliert daher, was 
an Geschwindigkeit gewonnen wird, an der Menge des umwan- 
delbaren Eisensalzes. Nur im Anfange mancher Fieber ist 
der Puls voll und frequent, aber gerade zu einer Zeit, wo 
die Producte der Umsezung in den Excretionen sparsam 
erscheinen. 

Noch weniger ist eine vermehrte Sauersloffeinwirkung 
als Ursache der Phthisis zulässig. Wenn die Chemiker, welche 
diese Ansicht hatten, zuvor mit den Anfangsgründen der pa- 
thologischen Anatomie sich hätten bekannt machen wollen, 
so hätten sie erfahren, dass der Zutritt des Sauerstoffs in 
eine tuberculose Lunge nicht vermehrt sein kann , dass nicht 
nur das respirirende Lungengewebe durch Knoten und Höhlen 
verdrängt, sondern auch das Pulmonararteriensystem zum 



* Mulder, der das Eisen als metallisch mit dem Hämatin verbun- 
den betrachtet, nimmt an, dass der Sauerstoff in der Lunge Pro- 
teintritoxyd bilde, das sich um die Blutkügelchen als festen Kör- 
pern in einer Schichte anschlage , welche demnach aus derselben 
Substanz bestehe, wie die sogenannte Entzündungshaut und zu- 
gleich als weisser Ueberzug um die Blutkügelchen dem Blute die 
heller rothe Farbe verleihe. Hienach könnte allerdings eine ver- 
mehrte Sauerstoffzufuhr gedacht werden und weiteres Protein in 
Tritoxyd verwandeln. Nur ist es auffallend, dass dann nicht durch 
jedes angestrengte Athmen die Crusta phlogistica entsteht und dass 
deren Bildung gar nicht vom Fieber, sondern von den örtlichen 
Processen abhängt. 



127 



grossen Theile untergegangen ist, also weniger Blut in die 
Lunge tritt. Sie hätten überdem bemerkt, dass ein hinrei- 
chender Grund für die Abzehrung im Zustande der Lunge, 
des Darmes , der Mesenterialdrüsen liegt und dass es daher 
der excessiven Sauerstoffeinwirkung zur Erklärung nicht 
mehr bedarf. 

Es fehlen alle Thatsachen über eine vermehrte Sauer- 
stoffeinwirkung auf die Gewebe, es ist sogar nach dem Ge- 
sagten wahrscheinlich, dass sie nie statt findet und unmög- 
lich ist. 

B. Verminderung der Sau erstoff einwirkung. 
(Cyanose, Anhematose Piorry's). 

Der Ausdruk abnorme Venosität wäre hier der geeig- 
netste: wir vermeiden ihn aber, weil er durch verschiedene 
Schriftsteller bereits einen anderweitigen Sinn erhalten hat. 

Die im Körper selbst gelegenen Ursachen sind vor allem 
alle Hindernisse in der Wegsamkeit der Luftwege. In der 
Lunge selbst: mangelhafte ursprüngliche Entwiklung, Infiltration 
und Zerstörung der Lunge oder eines grossen Theils , Ueber- 
ziehung ihrer Innenfläche mit Secret, Atrophie der Lunge, 
Respirationskrämpfe und Paralysen. Von der Pleura aus feste 
Verwachsung der Pleura oder Entwiklung der Lunge auf irgend 
eine Art. Vom Herzen aus : Abnormität im Ursprung der Ar- 
terien, Hindernisse in der Herzcirculation , vor allem beträcht- 
liche Erweiterung des rechten Ventrikels, energieloser Herz- 
schlag. Vom Bauch aus: Heraufdrängen des Zwerchfells 
durch Exudate im Peritoneum, Geschwülste, Schwanger- 
schaft, Tympanilis. 

Eine Menge Menschen gehen an Cyanose zu Grunde 
und zwar bei den verschiedensten Krankheiten, acuten, wie 
chronischen. Sie ist das wesentliche tödtliche Element vieler 
Krankheitsformen und in zahlreichen andern tritt sie zufällig 
dazu und beschleunigt oder vollbringt den tödtlichen Ausgang. 
Besonders Säuglinge und Greise werden oft durch die Ver- 



128 



hinderung des Sauerstoffzutritts getödtet, aber auch im Typhus, 
in Consumtionskrankheiten , in der Wassersucht und in vielen 
Andern , wo die sonstigen Veränderungen im Körper unge- 
fährlich waren, oder sogar geheilt sind, tritt aus irgend einem 
der angegebenen Umstände Cyanose ein und der Kranke 
stirbt. Lange kämpfen solche Kranke oft mit dem Secrete 
in Lungen und Bronchien, bis ihre Kraft erschöpft ist, und 
der Luftzutritt nicht mehr erzwungen werden kann. In der 
Leiche findet man in solchen Fällen oft in der Heilung be- 
griffene oder unbedeutende Läsionen. 

Der Nachtheil , den die Cyanose bringt , kann nur darauf 
beruhen , dass in den Lungen unverändertes Blut wieder in 
den grossen Kreislauf zurükkehrt. Die Grösse des Nach- 
theils scheint davon abzuhängen , in welchen Proportionen 
die Veränderung des Bluts in der Lunge verhindert ist, und 
ob noch eine gewisse Menge mit Sauerstoff beladenes Blut 
zu den Organen geführt wird. 

Danach gestallen sich denn auch die Folgen verschie- 
den. Eine totale Verhinderung der Oxydation ist schon in 
wenigen Minuten tödtlich. Wo dagegen die Anhematose 
weniger vollkommen ist, treffen wir je nach dem Grade und 
der Plözlichkeit ihres Eintritts verschieden entwikelte Zustände. 
Zuweilen ist sie so gering, dass sich ein ganz leidlicher 
Gesundheitszusland damit verträgt. Man bemerkt nur einen 
eigenen, bei zarter Haut leichenhaften Schein des Gesichts. 
Die Augenlider, die Lippen sind bläulich, die Zunge blau- 
roth. Die Wärme des Körpers ist vermindert, besonders 
an den Extremitäten. Die Venen am Hals und zuweilen auch 
an andern Theilen sind aufgetrieben und durchscheinend, die 
Respirationsbewegungen sind beschleunigt bei acutem Verlauf, 
erlangsaml bei chronischem. Bei höhern Graden sind alle 
angegebenen Zeichen verstärkt. Das Gesicht zeigt eine blau- 
rothe Farbe. Das Athmen geschieht angestrengt und die 
Respirationsmuskeln sind stärker entwikelt. Es tritt nun oft 
dauernd, öfter periodisch und paroxysmenweise Athmungsnoth 



129 



ein. Auch Neigung zu Blutungen wird sehr häufig bemerkt. In 
acuten Fällen und in den Paroxysmen chronischer, schlägt 
das Herz ausserordentlich frequent und tumultuarisch , ausser- 
dem zuweilen aussezend und unordentlich. Das Gehirn, die 
Sinne werden stumpf in acuten Fällen: es stellt sich eine 
gewisse Stupidität, Kopfweh, Sinnestäuschung, Schwarzwer- 
den vor den Augen , Schwindel, Unmacht ein , zuweilen auch 
Delirium. In chronischen Fällen leidet dagegen das Gehirn 
nicht oder wenig. Die Muskelkraft ist sehr gesunken, die 
Kranken fühlen die äusserste Kraftlosigkeit. Besonders zeigt 
sich nach asthmatischen Anfällen bei Cyanose die tiefste Er- 
schöpfung. Bei chronischem Verlauf sind die Muskeln dünn, 
schlecht genährt und schlaff. Bisweilen findet man bei lang- 
sam verlaufender Anhematose eine eigenthümliche Erstarrung 
der Muskeln mit Fixirung der Extremitäten in einer leichten 
Flexion; bei acuter Hemmung des Sauerstoffzutritts dagegen 
sind Muskelkrämpfe der verschiedensten Art und Stärke nichts 
seltenes. Sie kommen am häufigsten jedoch bei cyano- 
tischen Kindern vor. Bei langsamem Verlauf vergrössert sich 
zuweilen die Leber und die Milz ; auch wird hin und wieder 
eine verstärkte Gallensecretion bemerkt. Das Blut in der 
Leiche , die Durchschnittsfläche blutreicher Organe, namentlich 
der Milz pflegt sich auch bei leichten Graden von Cyanose 
an der Luft in wenigen Sekunden zu röthen. 

Die Cyanose kann zu allen Blutalterationen hinzutreten. 
Sie selbst combinirt sich jedoch mit der einen eher als mit 
der andern. Cruorreichthum ist besonders häufig neben 
Cyanose vorhanden; vielleicht rührt diess daher, dass die 
Blulkügelchen, die nicht der Siz der normalen chemischen 
Umwandlung in der Lunge werden, ihre Integrität weniger 
schnell einbüssen und länger der Zerstörung entgehen. Indem 
so die alten Blutkügelchen noch vorhanden bleiben, während 
neue sich nachbilden , muss ihre Zahl im Ganzen zunehmen. 
Doch kann diess Verhältniss ohne Zweifel nur bei massiger 
Cyanose bestehen, denn die Bildung neuer Blutkügelchen 

"Wunderlich, Path. d. Bluts. 9 



130 



und die Verwandlung von Albumin in Globulin kommt ja 
wahrscheinlich selbst nur unter dem Einflüsse des Sauer- 
stoffs zu Stande. — Weniger häufig finden wir Cyanose neben 
Faserstoffvermehrung. Zwar kann zu Hyperinose wie wir 
gesehen haben jene gar wohl hinzutreten; aber umgekehrt 
scheint die cyanotische Beschaffenheit des Bluts, wenigstens 
wenn sie in höherem Grade besteht, der Vermehrung des 
Faserstoffs ungünstig zu sein. Es begreift sich diess leicht, 
da die Verbindung von Sauerstoff mit den Blutbestandtheilen 
wohl die Anregung zur Umsezung des Eiweiss in Fibrin gibt, 
und da bei Abhaltung des Oxygens das Zustandekommen 
von Oxyproteinen gehindert ist. — Wo die Cyanose lange 
besteht, da kann es nicht fehlen, dass ein seröser und hypi- 
notischer Zustand des Blutes sich ausbildet , der sich durch 
Wassersucht und scorbutische Zufälle kund gibt. 

Die therapeutischen Indicationen für die Cyanose be- 
stehen vorzüglich in Berüksichligung und Entfernung der 
ursächlichen Verhältnisse , wegen derer der Zutritt des Sauer- 
stoffs zum Blute verhindert ist. Zunächst ferner in Einführung 
einer guten und concentrirten Luft in die Lungen; endlich 
unter manchen Umständen in Hervorbringung gewaltsamer 
Ausdehnungen und Contractionen der Lungenzellen , wie man 
sie durch den Brechakt, durch Husten, Niessen und so fort 
hervorbringen kann. 



tUaflVr. 

Das Uebermaass von Wasser im Blute kann nur mit 
gleichzeitigem Zurüktreten seiner festen Bestandtheile vor- 
kommen , es bedingt die seröse Cachexie. 

Diese Blutmischung entsteht theils aus Krankheiten fester 
Theile: der Nieren, der Haut, auch des Herzens. Häufig 



131 



aber ist sie der Schluss vorangegangener Blutalterationen, 
besonders wenn sie reichliche Exsudationen zur Folge gehabt 
hatten. Engel unterscheidet eine seröse Krasis nach Hy- 
perinose und eine nach Albuminose. Bei ersterer bestehen 
„Blutmangel in den meisten Organen mit bedeutender Blässe 
und Collapsus derselben, Infiltrationen mit theils farblosem, 
theils Mass -gelblichem oder grünlich -gelbem Serum. Nir- 
gends Blutcoagula oder eigentliches Blut, sondern nur blutig 
gefärbtes Wasser ; Faserstoffcoagula im Herzen ; Durch- 
schwizungen des Serum in alle seröse Cavitäten. Bei auf- 
tretenden Entzündungen bildet sich ein serös -eitriges Exsudat 
von sehr dünner Beschaffenheit." — Bei Hydrops nach 
Albuminose seien „die Leichen aufgedunsen, missfärbig, allent- 
halben serös infiltrirt, mit ausgebreiteten Leichenfleken; die 
inneren Organe von missfärbigem , blutigem Serum infiltrirt ; 
in den grossen serösen Cavis blutiges Serum angesammelt. 
Nach der Dauer der Krankheit trage das Blut noch die Zei- 
chen der Venosität, oder leztere haben sich bereits verloren 
und es finden sich geringe Mengen dünnflüssigen , nicht 
coagulablen , . blassgefärbten Blutes." Diese Unterscheidung 
ist wie wir glauben ganz naturgemäss; nur haben wir uns 
schon früher darüber erklärt, dass der Begriff der Eng ei- 
schen Albuminosis weder scharf noch richtig sei, und wir 
sind der Meinung, dass die beschriebene Form theils dem 
seeundären Hydrops nach Hypinose , theils nach Blutzer- 
sezung, theils nach Cyanose, theils nach Cruorreichthum 
zukomme , und dass es vielleicht bei weiterer genauerer 
Beobachtung möglich wäre, diese verschiedenen Ursachen auch 
noch in der hydropischen Nachkrankheit zu unterscheiden. — 
Ebenso scheint uns Engel's erste Gattung des Hydrops 
nicht nur im Gefolge der Fibrinöse, sondern auch nach all- 
gemeiner Verarmung des Blutes, nach allmälig entstandener 
Anämie und habituellem Marasmus vorzukommen. 

Die Folgen der serösen Krasis, mag sie entstanden sein 
wie sie will, sind: Languor aller Functionen, Trägheit aller 

9* 



132 



Actionen des Gehirns, Schlafsucht, Trägheit der Muskeln, 
langsame Blutbewegung durch die Venen , Catarrhe der 
Schleimhäute mit wässriger Ausscheidung. Anfangs ist nicht 
selten Neigung zur Fettablagerung vorhanden. Später be- 
ginnen Wasseransammlungen, erst an laxen Stellen des Zell- 
gewebs und an Theilen, die lange eine tiefe Lage hatten. 
Die Haut ist welk und kalt, der Kranke fröstelt viel, die 
Epidermis schuppt sich nur unvollkommen ab ; oft lagern sich 
Pigmente in der Haut nieder. Kommt irgend eine acute 
Krankheit dazwischen, so entsteht kein rechtes Fieber; die 
Krankheit schleppt sich lange hinaus, wenn sie nicht rasch 
durch eine Wasserinfiltration der Lunge tödtet. Nach allen 
örtlichen Reizungen und Hyperämieen bleibt eine Neigung 
zur serösen Infiltration oder wirkliches Oedem zurük. Endlich 
treten wassersüchtige Anschwellungen im Zellgewebe und in 
den serösen Häuten auf, diese Exsudationen sind, wenn das 
Blut noch genügend Faserstoff besizt, klar, bei hypinotischer 
Beschaffenheit des Bluts hingegen trüb und röthlich. 

Bei der Behandlung der serösen Krasis ist es zwar 
häufig leicht , die Exsudate zu entfernen und durch eine starke 
Nieren- oder Darmsecretion das Blut zu verbessern. Aber 
meist ist diess nur eine vorübergehende Erleichterung. Denn 
wenn die Ursachen der serösen Cachexie nicht weggeräumt 
werden können, so kehrt das Uebermaass an Wasser in 
kurzem wieder zurük, und oft ist die Schwäche, welche auf 
Anwendung starker Diuretica und Laxantia folgt, ein weiteres 
Moment zur späteren Steigerung der serösen Cachexie. Daher 
der Nuzen der früher vielfach im Gebrauch gewesenen Ver- 
bindung von tonischen mit diuretischen Mitteln. 



133 



^arnfUff tmfc $arnfäure. 

Der Harn eines gesunden erwachsenen Mannes enthält 
bei einer regelmässigen Kost ungefähr einen Theil Harnsäure 
und dreissig Harnstoff auf tausend Theile Harn , oder fast 
eben so viel Gramme in vier und zwanzig Stunden. Bei 
Kindern, Greisen und Frauen ist die Proportion etwas anders 
und es ist namentlich der Harnstoff und in noch grösserem 
Verhältnisse die Harnsäure vermindert. 

Offenbar sind Harnstoff und Harnsäure die Produkte der 
Umsezung der thierischen stikstoffhaltigen Gewebe und der 
verbrauchten nicht weiter zur Ernährung verwandten Blut- 
bestandtheile ; und Liebig hat durch eine Formel anschau- 
lich gemacht, wie durch Hinzutreten von Wasser und Sauer- 
stoff zu einer Proteinverbindung Choleinsäure , Kohlensäure, 
Harnstoff und Harnsäure also die Excretionsstoffe der Lunge, 
der Leber und der Niere entstehen könne. Er hat noch 
ferner mittelst Formeln gezeigt, wie die Harnsäure durch 
weiteren Sauerstoff- und Wasserzutritt selbst in Harnstoff und 
Kohlensäure umgewandelt werden kann. 

Da nun überdiess bei einer Reihe von Thieren nur 
Harnsäure, bei andern nur Harnstoff in dem Urin erscheint, 
in der menschlichen Species dagegen beide Stoffe gemischt 
sind, doch der Harnstoff weit im Uebergewicht , so liegt die 
Annahme nahe, dass beide excrementielle Stoffe Produkte 
derselben Zersezung sind, die nur das eine Mal vollkommen, 
das andere Mal unvollständig zu Stande kommt; und mit 
Berüksichtigung der chemischen Formeln müssen wir die 
Harnsäure als die frühere, unvollständige Stufe der Umsezung, 
den Harnstoff als das spätere Produkt ansehen. 

Die Art der Zersezung der Gewebe, als deren Produkt 
Harnsäure oder Harnstoff erscheinen, ist, da sie nur unter 
Einwirkung von und durch Verbindung der Gewebe mit 
Oxygen und Wasser geschieht, eine Art von stiller Verbren- 



134 



nung, oder besser von Verwesung. Die Analogie wird mit 
dieser dadurch noch grösser , dass auch bei dem eigentlichen 
Processe der Verwesung je nach dem vollkommenen oder 
unvollkommenen Luftzutritt verschiedene Produkte entstehen 
(eigentliche Verwesung und Vermoderung). 

Diese genauere Bekanntschaft mit dem wesentlichen 
Vorgange der Harnsäurebildung erleichtert es, die abnormen 
Verhältnisse in ihrem Werthe und ihrer Bedeutung aufzufassen. 

Von den oben angegebenen Proportionen sind nämlich 
Abweichungen in Krankheiten äusserst häufig. Der Harn- 
stoff zeigt selten eine Zunahme, sehr oft unter den ver- 
schiedensten Verhältnissen eine Abnahme. Der Harnsäure- 
gehalt nimmt zuweilen mehr oder weniger bedeutend zu und 
kann sich beim Erkalten des Harns oder noch innerhalb der 
Urinwerkzeuge (Gries , harnsaure Steine) rein oder in Ver- 
bindung mit Salzbasen ausscheiden , und die Bedingungen 
unter welchen diess geschieht können mit ziemlicher Schärfe 
festgestellt werden. 

In der empirischen Bestimmung des Gehalts dieser 
Stoffe wird übrigens sehr häufig der Fehler begangen, dass 
man nur die relative Menge derselben in einer willkürlichen 
Quantität von Harn misst, statt die ganze Summe der in 
einer bestimmten Zeit excernirten Menge von Harnstoff und 
Harnsäure anzugeben. Wenn dann in einem solchen Falle 
der Wassergehalt abgenommen hat , so erscheinen Harnstoff 
und Harnsäure vermehrt, während in Wirklichkeit ihre Aus- 
scheidung absolut vermindert sein kann. Durch dieses Ueber- 
sehen sind nicht nur die Folgerungen aus vielen Analysen 
gänzlich irrig, sondern die Analysen selbst nur von äusserst 
geringem W'erthe. Hieher gehören z. B. sämmtliche von 
Franz Simon angestellte Harnuntersuchungen. Derselbe 
hält sogar unbegreiflicher Weise die procentische Zusam- 
mensezung allein für zwekmässig, weil bei dem Versuche, 
die absolute Menge zu berechnen leicht durch Harnverluste 
Ungenauigkeit entstehen könne. Wenn lezteres auch aller- 



135 



dings eine oft schwer zu überwindende Schwierigkeit ist, und 
wenn gleich ich gerne zugebe , dass alle bis jezt vorhandenen 
Bestimmungen über die absolute Menge der Harnbestandtheile 
nur eine approximative Wahrheit enthalten , und dass nament- 
lich gegen die Bec quere 1' sehen Untersuchungen manches 
einzuwenden ist, so bleibt doch gewiss, dass nur die Be- 
stimmung der absoluten Menge der Harnbestandtheile uns 
eine richtige Vorstellung von der Ausdehnung der inneren 
Metamorphose gibt, und die Consequenzen, die Simon aus 
seinen Analysen gezogen hat, zeigen hinreichend das Trü- 
gerische seiner Methode. 

Wir müssen nun die einzelnen möglichen Verhältnisse, 
welche in der Absonderung der in Frage stehenden Harn- 
bestandtheile in abnormer Weise vorkommen können, be- 
trachten. 

1. Der Harnstoff und die Harnsäure sind 
absolut vermehrt. Es deutet diess mit Bestimmtheit eine 
vermehrte Umsezung der thierischen Bestandtheile an. Eine 
solche vermehrte Umsezung kann nur von zwei Verhältnissen 
abhängen, entweder ist dem zersezenden Sauerstoff mehr 
zersezungsfähige Substanz dargeboten, oder bemächtigt sich 
der Sauerstoff solcher Theile des Organismus, die unter 
anderen Umständen ihm noch nicht verfallen wären. Das 
leztere Verhältniss scheint die chemische Schule bei der 
Phthisis anzunehmen: allein die Beobachtung widerspricht 
diesem und zeigt bei dieser Krankheit, so viel bis jezt be- 
kannt, niemals eine wirklich absolute Vermehrung von Harn- 
stoff und Harnsäure. Es sind überhaupt nur sehr wenige 
Fälle constatirt, wo eine solche Vermehrung statt fände, ausser 
wenn dem Körper Stoffe , die leicht der Zersezung verfallen, 
dargeboten werden. Prout versichert, dass bei der reich- 
lichen Nahrung, die in England gewöhnlich ist, der Harn- 
stoff zuweilen in solcher Menge vorhanden sei , dass er durch 
Zusaz von Salpetersäure ohne weiteres sich ausscheide; und 
Lehmann hat Versuche mitgetheilt, nach welchen bei reiner 



136 



animalischer Kost der Harnstoffgehalt in vier und zwanzig 
Stunden um zwei Drittheil steigt, während die Harnsäure 
in derselben Zeit nur um ein Geringes zunimmt. Prout 
spricht jedoch auch von einem wirklichen krankhaften Harn- 
stoffdiabetes. Obgleich er jedoch zwei Fälle erzählt, bei 
denen Harnstoff und Harnsäure im Uebermaass vorhanden 
waren, und solche Beispiele auch andrerorts sich finden, so 
sind doch alle Umstände, durch welche dieses Verhalten her- 
beigeführt, durchaus unklar. Die Annahme, zu der die Eng- 
länder geneigt sind, die vermehrte Harnstoffausscheidung als 
eine Irritation der Nieren anzusehen (daher die Behandlung 
mit Opium nüzen soll) widerspricht den gegenwärtigen An- 
sichten von dem Mechanismus der Secretionen. — Fast alle 
anderen Beispiele von Zunahme des Harnstoffs und der 
Harnsäure in Krankheiten beziehen sich nicht auf deren ab- 
solute Menge, sondern sind nur aus Nichtberüksichtigung der 
grösseren Concentration des Harns angenommen worden. 
Soweit also bis jezt die Erfahrungen vorliegen, erscheint 
gleichzeitige Zunahme von Harnstoff und Harnsäure fast immer 
nur als Folge einer übermässigen Zufuhr leicht zersezbarer 
Substanzen. 

2. Die Harnsäure ist absolut vermehrt, der 
Harnstoff dagegen vermindert, und wenn man den 
Stikstoff aus beiden berechnet, so wird dieser eher in 
geringerem Maasse als im No r malzustand ausge- 
schieden. — Diess ist ein äusserst häufiges Vorkommen 
und wenn gleichzeitig der Wassergehalt verringert ist, so 
sind diess jene Fälle, bei denen man eine vermehrte Um- 
sezung und vermehrte Ausscheidung und daher auch eine 
lebhaftere Oxydation anzunehmen pflegt. Dieses Vorkommen 
ist entweder nur vorübergehend, wie in fieberhaften Zustän- 
den, in Entzündungen und auch noch in manchen anderen 
Verhältnissen, und es stellt sich dann die Ordnung mit der 
Genesung wieder her. Oder es bleibt die Proportion zwischen 
Harnstoff- und Harnsäureabsonderung dauernder gestört. Diess 



137 



ist das Verhältniss , dem man den Ausdruk harnsaure 
Diathese beigelegt, und das man als eine neue Krank- 
heitsspecies in das System einzuführen suchte. Wir können 
diess auf keinen Fall für eine glükliche Neuerung halten. 
Die Aufgabe der heutigen Wissenschaft ist es nicht, neue 
Krankheiten zu entdeken, sondern durch genaue Eruirung 
der Verhältnisse das Gemeinschaftliche in verschiedenen 
Fällen und die Unterschiede in ähnlichen zu erkennen. Nur 
so nähert man sich einem wirklichen Verständniss der pa- 
thologischen Thatsachen, während alle Versuche, die neuen 
Entdekungen nach alter ontologischer Weise zu handhaben, 
immer Confusion und Missgriffe zur Folge haben. Ich erin- 
nere hiebei nur an die Species der sogenannten Bright'schen 
Krankheit, an die Spinalirrifation, das Lungenemphysem und es 
Hessen sich die Beispiele noch sehr vervielfachen , wo man ein 
neu entdektes pathologisches Vorkommen, statt es in seinen 
physiologischen und ätiologischen Verhältnissen zu betrachten, 
statt es in Relation mit seinen nächsten Bedingungen und 
Folgen zu bringen, zu einer Krankheitsspecies zu machen 
versuchte und dadurch fast allen Gewinn von der Entdekung, 
alle Lichtung der Verhältnisse auf mehrere Jahre in Frage 
stellte. Ganz in derselben Weise hat man grosse Neigung 
gezeigt, auch aus den Diathesen Krankheitsspecies zu machen, 
und namentlich scheint die harnsaure Diathese gegenwärtig 
Aussicht zu haben , in die Mode zu kommen , wie es in den 
lezten Jahren der Morbus Brightii und die Spinalirritation 
gewesen. Aber gerade bei den Diathesen zeigt es sich, wie 
eine und dieselbe Wirkung, dieselbe chemische Zusammen- 
sezung im Grunde höchst verschiedenen Umständen ihre 
Entstehung verdanken kann. 

Es ist daher nicht die Aufgabe, die harnsaure Diathese 
und das Erscheinen von zu viel Harnsäure überhaupt noso- 
logisch festzustellen, sondern nach den Verhältnissen zu 
forschen, unter denen sie sich ausbilden kann, und diese 



138 



gewissermaassen apriorisch gefundenen Verhältnisse^mit dem 
empirischen Vorkommen derselben zusammen zu halten. 

Wenn wir berüksichtigen , dass bei dieser Art von Fäl- 
len nicht nur weniger StikstotF, als im Normalzustande durch 
die Nieren entfernt wird, sondern dass auch die Stufe, bis 
zu welcher die Zersezung gedeiht, zum Theil noch jene ist, 
auf der die Proteinverbindung noch nicht den ganzen Einfluss 
des Sauerstoffs erlitten hat, nämlich nur die Harnsäurestufe, 
so sind wir genöthigt , in solchen Fällen nicht eine erhöhte 
und vermehrte Verbrennung, sondern im Gegentheil eine 
verminderte und unvollkommenere anzunehmen. Eine starke 
Sauerstoffwirkung muss nothwendig den Erfolg haben, dass 
mehr Substanz und diese vollständiger zersezt wird. Hier da- 
gegen sehen wir absolut weniger Stoff und diesen in unvoll- 
kommener Zersezung ausgeschieden. 

Eine unvollkommene Zersezung der thierischen Stoffe 
durch den Sauerstoff wird nun schon da geschehen können, 
wo dem Organismus zu reichlicher Stoff zugeführt wird, für 
den die Menge des aufgenommenen Sauerstoffs nicht aus- 
reicht. Der Sauerstoff, namentlich wenn er in etwas zu ge- 
ringer Menge aufgenommen wird, vermag, indem er sich 
auf mehr Stoffe vertheilen muss, diese nicht bis zu den 
lezten Produkten zu verbrennen und die Zersezung bleibt 
daher auf der Stufe der Harnsäure stehen. Desshalb sehen 
wir in ausgezeichneter Weise die harnsaure Diathese zu 
Stande kommen bei fortgesezter reichlicher Fleischnahrung, 
und zwar natürlich um so viel eher, wenn durch andere 
Umstände, die nachher zu besprechen sind, die Oxydation 
noch weiter beschränkt wird. 

Aber auch der Genuss einer grossen Menge wenig 
oder nicht nährender Stoffe , so ferne sie nur oxydabel sind, 
und daher die Einwirkung des Sauerstoffs auf die Protein- 
verbindung vermindern, muss denselben Erfolg für Bildung 
von Harnsäure haben , so namentlich die alcooligen Getränke, 
die amylumhaltigen Nahrungsstoffe. Der grosse Unterschied 



139 



zwischen beiden Verhältnissen ist der, dass bei der Fleisch- 
nahrung neben dem unvollkommenen Zersezungsprodukt der 
Ersaz nicht gemindert wird , und die Masse des Körpers eher 
zu- als abnimmt, bei der andern Art der Nahrung dagegen 
unvollkommene Zersezung neben Mangel an Ersaz besteht. 

Ganz dasselbe Resultat muss erhalten werden, wenn der 
Zutritt von Sauerstoff zum Blute aus irgend einem Grunde 
gehemmt ist. Seine geringe Menge vermag die Stoffe nicht 
vollkommen umzusezen und das Produkt der Zersezung er- 
scheint als Harnsäure, nicht als Harnstoff. Daher sehen wir 
Harnsäureabsezung in allen Fällen , wo die Aufnahme von 
Sauerstoff der Menge des zur Zersezung gebotenen nicht 
entspricht, mag die Aufnahme gehemmt sein, durch was sie 
will: bei Phthisis, wie bei Herzkrankheit, bei Compression 
der Lunge, wie bei heisser verdünnter Luft. Daher ist auch 
bei zu geringer Bewegung, die meist auch eine unvollkom- 
mene, träge Respiration zur Folge hat, die Harnsäureabsezung 
vermehrt, und dieses Verhältniss, das so häufig mit zu 
luxuriöser Diät zusammen fällt, steigert daher die Disposition 
der einem trägen Wohlleben sich Ergebenden zur harnsau- 
ren Diathese. 

In derselben Weise ist vielleicht auch die oft zu be- 
merkende Ausscheidung von Harnsäure bei Schwangern zu 
erklären , indem durch Hinaufdrüken des Zwergfells die Res- 
piration behindert wird. 

Ein drittes Verhältniss, in Folge dessen unvollkommen 
zersezte Substanz, also Harnsäure in grösserer Menge als 
gewöhnlich durch den Harn abgeführt werden kann, ohne 
dass desshalb die Quantität des zersezten Stoffs selbst zunimmt, 
muss die beschleunigte Circulalion sein. Die Harnsäure wird 
hier schon entfernt, ehe durch Einwirkung von weiterem 
Sauerstoff ihre Umwandlung in Harnstoff gelungen ist. Es 
kann dieses Verhältniss natürlich noch mit verminderter 
Sauerstoffaufnahme zusammenfallen, wodurch die Menge des 
gebildeten Harnstoffs noch mehr verringert wird. Diess ist 



140 



nun das Verhalten im sogenannten Fieber, so lange die 
Herzbewegungen stürmisch sind , mögen ihm organische 
Störungen zu Grunde liegen, welche da wollen. Wir 
sehen daher ganz dasselbe Verhalten des Harns beim 
Typhus , wie beim Wechselfieber , bei Phlegmasieen , wie 
bei acuten Exanthemen. Man hat vielfach gemeint , dass 
bei Fiebern und Entzündungen eine vermehrte Zersezung 
und eine vermehrte Sauerstoffaufnahme statt finde. Beide 
Annahmen haben einander gegenseitig gehalten und beide 
sind irrig. Nicht eine zu grosse, sondern eine zu geringe 
Sauerstoffzufuhr ist hier vorhanden ; denn das Athmen ist 
zwar häufiger aber oberflächlicher, und bei Pneumonieen 
und bei Pleuritiden, wo man immer vorzugsweise eine Ver- 
mehrung der Zersezungsprodukte im Harn annahm, ist es 
ohnediess klar, dass die Zufuhr von Sauerstoff nicht ver- 
grössert sein kann. Aber auch die allgemein angenommene 
Vermehrung der Zersezungsprodukte im Harn widerspricht 
der directen Beobachtung und beruht auf dem doppelten 
Irrthum, dass man einerseits nur die procentische Zusam- 
mensezung des Harns im Auge hatte und seine grössere 
Concentration aus Wasserverlust nicht berüksichtigte , und 
dass man andererseits die allerdings auch oft absolute Ver- 
mehrung der Harnsäure einseitig betrachtete und vergass, 
dass die Summe der gesammten Zersezungsprodukte durch 
die stets vorhandene Abnahme des Harnstoffs in diesen 
Krankheiten eine wesentliche Verminderung erleidet. Es 
kommt hiezu noch , dass der Harnstoff verhältnissmässig mehr 
Stikstoff enthält: auf 100 Harnstoff kommen ungefähr 46 
Stikstoff, auf Harnsäure nur 34. Eine Vermehrung der lez- 
tern kann also selbst wenn sie so viel betrüge, als die Ab- 
nahme des Harnstoff, doch noch kein Aequivalent für leztere 
in Beziehung auf die Stikstoffausfuhr sein. Nehmen wir z. B. 
die höchste Menge der in Entzündungen ausgeschiedenen 
Harnsäure unter Becquerel's Fällen. Ein Mann mit acutem 
Gelenksrheumatismus entleert in vier und zwanzig Stunden 



141 



1,713 Grammes Harnsäure = 0,57 G. Stikstoff und 12,356 G. 
Harnstoff = 5,67 G. Stikstoff, also in Summe 6,24 G. 
Stikstoff. Nach desselben Beobachters Annahmen wird aber 
im gesunden Zustand im Mittel 7,78 G. Stikstoff in Harnstoff 
und Harnsäure ausgeführt: und dabei ist noch zu bemerken, 
dass dieser Beobachter den normalen Gehalt an Harnsäure 
und Harnstoff um die Hälfte geringer annimmt, als Berze- 
lius und die deutschen Chemiker. Die genauen Beobach- 
tungen von Becquerel lehren, dass immer in allen 
jenen Krankheiten die Summe der slikstoffhaltigen Zersezungs- 
produkte vermindert sind, und zwar um so mehr, je näher 
der Kranke der Periode der Acme sich befindet. Die Fälle, 
wo beim Fieber ein besonderer Zustand von Schwäche vor- 
handen ist (stat. nervosus) , zeichnen sich nur dadurch aus, 
dass sämmiliche Secretionsprodukte des Harns in ihrer Quan- 
tität noch tiefer gesunken sind, als sie es in den Fiebern 
sind, bei denen sich der Zustand der Kräfte leidlich erhal- 
ten hat (den sogenannten entzündlichen exanthematischen, 
rheumatischen Fiebern, etc.). Der Umsaz ist also im 
Fieber geringer als im Normalzu stände, im status 
nervosus geringer, als bei einem massigeren 
Fieber. Es muss jedoch hiezu bemerkt werden, dass so 
lange wir die Natur und die Stikstoffverhältnisse der Extrac- 
tivstoffe des Harns nicht kennen, dieser Saz nur wahrschein- 
lich, nicht vollkommen zu beweisen ist. 

Ferner wird die Menge der Harnsäure vermehrt durch 
die übermässige Einführung von Wasser (Wassercuren), wie 
wenigstens Becquerel angibt. Ohne Zweifel wird dadurch 
der Umsaz der Gewebe durch Begünstigung der Lösung 
beschleunigt und man sieht daran, wie ausser dem Sauerstoff 
auch das Wasser als Zersezungsmittel dient. 

Bence Jones (über Gries, Gicht und Stein) nimmt 
nach der Liebig'schen Theorie an, dass die Harnsäure bei 
Verminderung des Widerstandes der Lebenskraft vermehrt 
werden könne, und will daraus die Harnsäurebildung bei 



142 



Muskelanslrengung und bei niederer Temperatur erklären. 
Diese Ansicht ist, um mit Li ebig'schen Worten zu reden, 
keiner Discussion fähig! Das Factum steht noch in Frage 
und die Theorie enthält keine Erklärung, sondern ist nur für 
die dunkle Sache ein noch dunklerer Ausdruk. 

Auch bei Leberkrankheiten und Milzkrankheiten soll 
häufig die Harnsäureproduction vermehrt sein. Bei der gänz- 
lichen Unbekanntschaft mit der Bedeutung der Milz und bei 
der noch im höchsten Grade zweifelhaften Physiologie der 
Leber und ihres Secrets darf man kaum wagen , hierüber 
eine Erklärung zu versuchen. Indessen ist diese Harnsäure- 
vermehrung bei den ebengenannten Verhältnissen nichts we- 
niger als constant, und da die nähern Umstände und Bedin- 
gungen, bei denen sie als Begleiter von Leber- und Milz- 
krankheiten vorkommt oder fehlt, nicht bekannt sind, so kann 
auch die physiologische Beziehung zu diesen Krankheiten nicht 
ausgemittelt werden. Das Vorkommen der excessiven Harn- 
säure bei Pfortaderleiden , das besonders Golding Bird pre- 
mirt, und für welches er eine besondere Varietät der Harn- 
säureausscheidung vorbehält, wobei der Urin eine dunkle 
Kupferfarbe eines eigenen Pigments wegen annehme, kann 
gleichfalls gegenwärtig noch nicht physiologisch begriffen wer- 
den, obwohl vielleicht die in solchen Fällen meist verminderte 
Respiration einen hypothetischen Erklärungsgrund abgeben 
könnte. 

Ebenso verhält es sich bei der übermässigen Harnsäure- 
production , die zuweilen bei leichten acuten dyspeptischen 
Zuständen, bei Ortsveränderung, ohne alle Störung des 
Wohlbefindens und nicht selten selbst plözlich ohne irgend 
eine bekannte Ursache eintritt. Manche Individuen zeigen 
eine auffallende Neigung zu harnsauren Sedimenten, die zwar 
nicht immer in ihrem Urine vorhanden sind, aber ausseror- 
dentlich leicht, bei jeder noch so unbedeutenden Gelegenheit, 
einem leichten Diätfehler, einer Erkältung etc. sogleich auf- 
treten. Nach dem, was über die Aetiologie der Harnsäure- 



143 



abscheidung vorliegt, kann jener Zustand nicht näher bezeich- 
net werden, als dass er eine gewisse Unordentlichkeit in 
der Umsezung andeutet. Es ist derselbe jedenfalls von gros- 
ser practischer Wichtigkeit, indem er, wenn auch noch keine 
Krankheit, doch Kränklichkeit und die Aussicht auf Harnstein- 
bildung anzeigt. 

Der Abgang von sehr viel crystallisirter Harnsäure (Gries), 
der in den zur chronischen harnsauren Diathese gerechneten 
Fällen oft beobachtet wird, kann noch nicht als eine wirkliche 
Vermehrung angesehen werden, da solche Griesmassen ohne 
Zweifel manchmal in den Harnwegen liegen bleiben und erst 
nach einiger Zeit auf einmal ausgeleert werden. 

3} Die Harnsäure ist nur relativ vermehrt, 
d. h. sie wird in 24 Stunden in geringerer Menge ausge- 
schieden als im Normalzustande, scheint aber wegen der 
geringen Menge des Urins und namentlich seines Wasser- 
gehalts vermehrt zu sein, und kann sich bei dem Erkalten 
des Harns ausscheiden. Dieses Verhältniss, das ausser in 
fieberhaften Krankheiten noch in allen möglichen anderen 
Zuständen sich zeigen kann, wo absolut wenig Urin secernirt 
wird, gibt durchaus keine Auskunft über die inneren Vorgänge 
der Zersezung, obwohl man in der Praxis sehr häufig ein 
grosses Gewicht darauf gelegt und kritische Ausscheidungen 
daraus diagnosticirt hat. Es kann hiabei aber allerdings die 
relative Zunahme der Harnsäure grösser sein, als die des 
Harnstoffs und dann gehören solche Fälle vollkommen in die 
obige zweite Categorie. 

4) Eine andere Art der scheinbaren Harnsäurevermeh- 
rung hängt davon ab, dass die Harnsäure aus einer 
löslichen Salzverbindung (ohne Zweifel nicht harn- 
saurem Ammoniak, wie viele glauben, da dieses Salz so un- 
löslich ist, als die Harnsäure selbst) durch eine andere 
Säure ausgeschieden wird, die entweder schon zuvor 
im Harne ist oder erst beim Stehenbleiben desselben sich 
bildet. Lehmann hat es wahrscheinlich gemacht, dass diese 



144 



Säure in lezteren, sicher den häufigsten Fällen Milchsäure 
ist und es kann deren Entstehung bei einer starken Schleim- 
secretion der Urinwerkzeuge, oder auch durch eine Umse- 
zung der Extractivstoffe zu Stande kommen. Die Harnsäure, 
aus ihrer Salzverbindung ausgetrieben, schlägt sich, da sie 
(nach Prout) nur in ihrem 10,000fachen Gewicht Wasser 
löslich ist, als Sediment nieder. Da man überdem gefunden 
hat, dass das Vorhandensein von Extractivstoffen die Harn- 
säure löslicher erhält, so kann eine Verminderung jener im 
Harne, oder eine Zerstörung derselben im stehengebliebenen 
Urine ein Ausfallen der Harnsäure und somit eine scheinbare 
Vermehrung derselben bedingen. Scherer namentlich hat 
verschiedene Umstände, unter denen die Ausscheidung der 
Harnsäure, abgesehen von ihrer Quantität, geschieht oder 
nicht«, genau verfolgt und die Hypothese vertheidigt, dass 
die durch die gährungsartige allmälige Umsezung der Extrac- 
tivstoffe entstandene Milchsäure die Harnsäure vornehmlich 
ausscheide, und dass eben darum das Auftreten kohlensaurer 
Salze bei der Secrelion oder im excernirten Harne die Aus- 
scheidung der Harnsäure verhindere, oder die Wiederauf- 
lösung bewirke. 

5) Verminderung des Harnstoffs und der Harn- 
säure zugleich. Das Resultat, welches Lehmann aus 
seinen Versuchen mi^ Slikstofffreier Kost erhielt und wobei 
er in wenigen Tagen den Harnstoff um die Hälfte und die 
Harnsäure in einer etwas geringeren Portion vermindert fand, 
liess sich nicht anders erwarten. Ausserdem hat er aber, 
auch bei vegetabilischer Kost diese Stoffe und namentlich 
den Harnstoff um zwei Dritttheil vermindert gefunden. Es 
lässt sich vermuthen, dass überall da, wo der Umsaz eben- 
sowohl gering als langsam ist, diese Stikstoffhaltigen Sub- 
stanzen in verminderter Quantität ausgeschieden werden. 
Uebrigens ist in dieser Beziehung die Untersuchung des Harns 
noch wenig zur Diagnose benüzt worden. In noch höherem 
Grade muss die Harnstoff- und Harnsäure-Absonderung ver- 



145 



mindert sein, wenn eine Umsezung anderer Art im Blute 
statt findet , wie bei Diabetes mellitus und in manchen putriden 
Zuständen, oder wenn in Folge einer Nierendegeneralion die 
dortige Abscheidung gehemmt ist. 

6) Das lezte Verhältniss endlich ist die Vermehrung der 
slikstoffhaltigen Harnbestandtheile, nachdem sie zuvor vermin- 
dert gewesen waren. Die Lehre von dem critischen Harne 
beruht auf der Yoraussezung, dass ein Verhältniss der Art statt 
finden könne. Immer hat man aber auch hiebei nur den rela- 
tiven Gehalt der Harnsäure zum Wasser ohne Berüksichti- 
gung der Harnstoffmenge und ohne Beachtung der absoluten 
innerhalb einer bestimmten Zeit abgesonderten Quantität im 
Auge gehabt. Es fehlen also Anhaltspunkte aus der Beo- 
bachtung, und neue umfassende Erfahrungen sind nöthig, um 
zu bestimmen , ob bei den sogenannten Krisen wirklich eine 
grössere Menge zersezter Bestandtheile ausgeschieden wird, 
oder ob nicht die vermehrte Ausscheidung nur eine schein- 
bare ist. — Am ehesten scheinen noch jene Erfahrungen von 
reichlichen harnsauren Sedimenten bei Entzündungen (Pneu- 
monie, Pleuritis) Glauben zu verdienen. Wie sie wohl zu 
deuten sind, davon war schon bei der fibrinösen Krasis 
die Rede. — 

Die Zuversicht, mit der man in neuerer Zeit vorzüglich 
von England aus von einer harnsauren Diathese gesprochen 
und sie als eine eigenthümliche Krankheitsform aufgestellt 
hat, sollten vermuthen lassen, dass die Symptome, welche 
die abnormen Verhältnisse in der Ausscheidung der stikstoff- 
haltigen Harnbestandtheile begleiten, sehr genau bekannt wären. 
Dem ist aber nicht so. In den wenigen Fällen, wo der Harn- 
stoff übermässig vermehrt gefunden wurde, zeigte sieh zwar 
ein Zustand von Marasmus, aber nicht anders, als wie er 
allen profusen Ausleerungen eigen ist und namentlich im 
Diabetes mellitus so ausgezeichnet vorkommt. Ferner hat 
man bei acuter oder vollständiger Retention des Harnstoffs 
mehr oder weniger heftige Vergiflungssymptome beobachtet. 

Wunderlich, Path. d. Bluts. 10 



146 



Allein diess scheint fast alles zu sein, was die medicinische 
Beobachtung über die Symptomatik dieser Verhältnisse ge- 
lehrt hat. Alle übrigen hier und dort angegebenen Erschei- 
nungen sind theils mehr apriorisch aufgestellt, theils stehen 
sie in keinem directen Zusammenhang mit der veränderten 
Ausscheidung. Wir müssen vielmehr nach allem die Aende- 
rungen in den Absonderungen jener Stoffe nicht als eine 
besondere Krankheit , sondern als die Finalresultate sehr ver- 
schiedenartiger Störungen und Combinationen von Störungen 
ansehen ; Resultate , die zwar theilweis sehr gut aus jenen 
Störungen begriffen werden können, aber aus denen man, 
eben weil sie nur die lezten Resultate sind , im einzelnen Fall 
auf keinerlei Weise rükwärts einen diagnostischen Schluss 
sich erlauben kann. — Eben so wenig können sie — mit 
Ausnahme jener Fälle wo mechanisches Zurükbleiben von 
Theilen des unlöslichen Präcipitats droht — irgend einen 
Anhaltspunkt für eine rationelle Therapie geben: es wäre 
diess vielmehr ein symptomatisches Verfahren der aller- 
schlimmsten Art. 



Wu f)l)00j)l)at*. 

Noch mehr als bei den beiden eben betrachteten Stof- 
fen verlassen uns hier chemische Analysen und physiologische 
Thatsachen. Es ist nicht ausgemacht, woher die Phosphate 
im Harne stammen ; ohne Zweifel rührt wenigstens ein Theil 
derselben von den aufgenommenen Nahrungsmitteln her, und 
Lehmann hat gezeigt, dass die Menge des ausgeschiede- 
nen Phosphors ziemlich der Quantität des aufgenommenen 
entspricht. Allein ob diese Quelle die ausreichende sei, ob 
nicht die durch die Nahrung aufgenommenen Phosphate zum 
grösten Theil wieder mit den Faeces abgehen, und ob und 



147 



wie viel der Stoffwandel in Knochen und Gehirn zum Phos- 
phorgehalte des Harnes beiträgt, ist bis jezt nicht ermittelt. 

Bei diesem Stande der Dinge müssen uns also auch die 
chemischen und physiologischen Thatsachen zur Erklärung 
einer krankhaften Vermehrung oder Verminderung der Phos- 
phate im Harne im Stich lassen. Nur in Einem Punkte — 
und er ist wichtig genug — kann uns hier die Chemie Auf- 
klärung geben. Die Ausscheidung von Phosphaten aus dem 
Urin , geschehe sie innerhalb der Blase oder erst beim Er- 
kalten, ist ein Phänomen das durchaus nicht mit einer 
absoluten Zunahme jener Salze zusammen fallen muss. Viel- 
mehr kann es herrühren und rührt wenigstens sehr häufig 
von einem Alkalinischwerden des Harnes her. Und der 
Grund dieser Alkalität kann in Einführung von Carbonaten 
in den Kreislauf oder auch von pflanzensauren Salzen liegen, 
die , wie W ö h I e r zeigte , in kohlensaure umgewandelt im 
Harne wieder erscheinen. Oder es kann der Harn durch 
eine Zersezung des Harnstoffs in kohlensaures Ammoniak 
alkalisch werden, eine Zersezung, die durch Beimischung von 
fermentartig wirkenden Stoffen, wie Schleim, ungemein be- 
fördert und beschleunigt wird. So stimmen alle Beobachter 
darin überein, dass bei Blasencatarrhen phosphalische Sedi- 
mente sehr gewöhnlich sind. Dass der Harnstoff auch ohne 
diese äussere Anregung, durch eine von seiner Bildung her- 
rührenden Disposition zum Zerfallen , frühzeitiger als gewöhn- 
lich sich in das Ammoniaksalz umwandeln kann , ist zwar 
nicht direct erwiesen, aber doch in hohem Grade wahrschein- 
lich. Nach diesen von der Chemie gelieferten Aufschlüssen 
muss bei jedem Vorkommen von phosphatischem Sedimente 
nothwendig die Frage sich aufwerfen, ob dasselbe seinen Ur- 
sprung einer wirklichen Zunahme der Phosphorsecretion oder 
nur einer zufälligen Präcipitation der in normaler Menge 
vorhandenen phosphorsauren Salze verdanke. 

Man hat in neuerer Zeit, besonders in England seit 
Prout, viel von einer „phosphorsauren Diathese," von einem 

10 * 



148 



„Morbus phosphaticus" gesprochen , und dieselbe als eine 
eigentümliche Krankheitsspecies hinzustellen versucht, welche 
als Hauptcharakter reichliche Sedimente von phosphorsaurem 
Talkammoniak oder von phosphorsaurem Kalk , oder auch 
von beiden gemischt sich zeigen solle , die aber auch noch 
weiter durch einen ganz bestimmten eigenthümlichen Symp- 
tomencomplex sich verrathe. Die Prädisposition dazu soll 
nach den Angaben der englischen Beobachter oft erblich, 
angeboren sein, oft auch auf einer Cachexie beruhen, deren 
„Elemente Gicht und Scrophulose" häufig auch Syphilis seien. 
Uebler Gesundheitszustand in Folge körperlicher Gebrechen, 
niederdrükende Gemüthsbewegungen besonders Angst oder 
Furcht sollen die Disposition steigern , und bei praedisponir- 
ten Individuen ohne weiteres ein phosphatisches Sediment 
zu Stande bringen. Anstrengungen jeder Art, des Geistes 
wie des Körpers, sollen dasselbe Resultat haben und auch bei 
abgejagten Pferden und Jagdhunden will man gleichfalls 
solche Sedimente beobachtet haben. 

Golding Bird erzählt einen Fall von einem beliebten 
Prediger, den er behandelte, der in Folge der sonntäglichen 
Anstrengungen jedesmals unter Symptomen von Müdigkeit 
und Lendenschmerzen anderthalb Tage lang reichliche Phos- 
phatsedimente ausschied, während sein Urin von Dienstag 
bis Sonntag früh frei davon war oder sogar harnsaures 
Ammoniak fallen liess. Bei verschiedenen schwereren oder 
leichteren Verlezungen des Rükenmarks werden oft solche 
Sedimente beobachtet, und ich selbst habe sie häufig theils 
unter den angegebenen Umständen , theils überhaupt bei In- 
dividuen von nervösem Temperament und schwächlicher, 
heruntergekommener Constitution, namentlich aber in aus- 
gezeichneter Weise bei jener Art von Hypochondrie bemerkt, 
die von Samenverlusten abhängt, oder wenigstens stets von 
solchen träumt. 

Die Symptome, welche bei der ausgebildeten Diathese 
vorkommen sollen, sind ausser der nervösen Irritabilität bald 



149 



Krämpfe der Respirationsorgane, bald krampfhafte Bewegungen 
der Gedärme mit Flatulenz und Neigung zu Verstopfung und 
Diarrhoe, besonders aber ein Gefühl von Schwäche, Ermat- 
tung und dumpfem Schmerz im Rükrath, häufig mit gichti- 
schen Beschwerden. In höheren Graden sollen nach Prout 
Traurigkeit, Kälte der Extremitäten, Anaphrodisie und andere 
Zeichen von ausserordentlicher Schwäche nebst schweren 
Verdauungsstörungen eintreten , ja sogar der Tod erfolgen 
können. Willis macht darauf aufmerksam, dass im Anfange 
des Leidens die phosphatischen Niederschläge noch mit den 
harnsauren abwechseln, dass aber je mehr die Constitution 
untergraben werde, die lezteren seltener erscheinen und zu- 
lezt ganz verschwinden. 

Krankhafte Zustände, wie sie eben beschrieben wurden, 
bieten sich sicher oft genug der Beobachtung dar und ganz 
gewiss ist es, dass bei solchen heruntergekommenen decre- 
piden Subjecten phoshporsaure Sedimente und Blasensteine sehr 
häufig sich finden. Es musste sehr nahe liegen , mit Rük- 
sichtsnahme auf die nervösen Symptome solcher Leute einen 
Zusammenhang zwischen der Phosphorausscheidung im Harne 
und dem bekannten Phosphorgehalte der Nervensubstanz zu 
suchen, und man könnte in solchen Fällen die Sedimente 
als ein Zeichen einer rascheren Zersezung der lezteren an- 
sehen, die entweder durch die eigenthümliche Anlage, die 
Schwäche, die häufigen Reizungen, den verlezten Zustand 
des Nervensystems oder eines Theils desselben bedingt wäre, 
oder davon rührte, dass bei allgemeinem Marasmus zulezt 
auch Nerven- und Knochensubstanz erläge. 

Allein es entsteht die grosse Frage: ist denn in allen 
diesen Fällen auch wirklich eine absolute Vermehrung 
des Phosphorgehaltes der Ausscheidungen vorhanden. Leider 
fehlen darüber die chemischen Untersuchungen und man hat 
fast nirgends die absolute Zunahme der Phosphate von deren 
Ausfallen aus der alkalinisch gewordenen Flüssigkeit unter- 
schieden. Bei dem Falle von Seh er er, wo Marasmus 



150 



senilis , Arterien-Verknöcherung und Gangrän vorhanden war, 
ergab zwar die Analyse 4,67 phosphorsaure Salze auf 1000 
Harn. Allein diese jedenfalls nicht übermässige Zunahme 
verliert vollends alle Bedeutung, da nicht die in vier und 
zwanzig Stunden entfernte Quantität von Phosphorsäure, son- 
dern nur deren relative Menge in einem gewissen Quantum 
Harne bestimmt ist. Die Ungewissheit, ob bei der sogenannten 
phosphorsauren Diathese die phosphorsauren Sedimente von 
einem wirklichen Ueberschuss dieser Verbindungen oder nur 
vom Ausfallen derselben aus dem alkalinischen Harne her- 
rühren, wird zur Wahrscheinlichkeit für das leztere Verhält- 
niss, wenn wir bedenken, dass in den meisten der genannten 
Zustände Blasencatarrhe nicht nur sehr häufig, sondern fast 
constant sind , und dass vielleicht in manchen der Fälle 
eine Disposition des Harnstoffs zur frühzeitigen Zersezung 
angenommen werden darf. In der That habe ich in mehre- 
ren Fällen , wo phosphorsaure Niederschläge bei Nerven- 
schwäche und Lähmungen vorkamen, ein starkes Aufbrausen 
des Harnes bei Zusaz von Säuren beobachtet. Allerdings 
hat man die phosphatischen Sedimente zuweilen auch bei 
saurer Reaction des Harns entstehen sehen ; aber die eng- 
lischen Beobachter, welche die phosphorsaure Diathese be- 
schreiben, geben selbst an, dass die Röthung des Lakmus- 
papieres noch keineswegs eine freie Säure im Harne anzeige, 
sondern schon durch den Salmiakgehalt desselben hervor- 
gebracht werden könne. 

So lange also die absolute Zunahme der phosphorsauren 
Ausscheidungen von dem blos zufälligen Präcipitiren dersel- 
ben nicht unterschieden wird, so lange ist die Annahme einer 
phosphorsauren Diathese eine voreilige. Aber auch wenn 
das erstere Verhältnis^ ausgemacht wäre, so müssen wir, so 
lange der directe Zusammenhang der Secretion mit den 
Symptomen nicht physiologisch nachgewiesen werden kann, 
den Morbus phosphalicus für eine symptomatische Species 
von der schlechtesten Sorte erklären. 



151 



In der Seh önlein' sehen Klinik soll die Bemerkung 
gemacht worden sein , dass in Fällen von fieberhaften Krank- 
heiten, von Pneumonieen mit dem Eintritt der Besserung 
der Harn alkalinisch werde und Phosphate fallen lasse. Diese 
Beobachtung, selbst wenn sie sich in einiger Allgemeinheit 
bestättigte, woran wir Grund haben zu zweifeln, ist, so lange 
die näheren Verhältnisse , der Einfluss der Krankenkost 
und der Medikamente , so wie die absolute Menge der Be- 
standtheile nicht näher angegeben werden, für die Theorie nicht 
zu benüzen. 



©raljaur*. 



Nach der Lieb ig' sehen Schule ist nichts leichter, als 
die Bildung der Oxalsäure bei der Zersezung der Protein- 
verbindung nachzuweisen (siehe Paradigmata Aier Abschnitt). 
Wenn die Harnsäure in Harnstoff sich umwandelt, so soll 
bei gehörigem Sauerstoffzutritt Kohlensäure gebildet werden: 
sie geht durch die Lunge ab; mangelt es an Sauerstoff, so 
ist alsbald Kleesäure vorhanden. Es ist hienach nur zu ver- 
wundern, dass die Oxalsäuren Abscheidungen nicht alltäglich 
sind , da doch gewiss die Menge des zutretenden Sauerstoffs 
oft genug nicht ganz ausreicht. Die Theorie ist so ungemein 
einfach , dass gar nichts mit ihr anzufangen ist , und die An- 
hänger Liebig's für das Auftreten oxalsaurer Niederschläge 
keine anderen Ursachen auffinden können, als für das der 
Harnsäureabscheidung, nämlich verminderte Oxydation. Die 
constitutionelle Krankheit mit Oxalsäurebildung ist nach die- 
sen Theoretikern nur der gelindere Grad der harnsauren 
Diathese, eine Anschauungsweise, die kein Arzt der Wider- 
legung werth halten wird. 



152 



Sehen wir uns bei den praktischen Schriftstellern, welche 
die „Kleesaure Diathese" behandeln, um, so finden wir zwar 
angegeben, dass kleesaure Kalk-Niederschläge zwar viel häu- 
figer vorkommen , als man gemeinhin glaubt und als Steine 
sich bilden, wir finden aber weder die Aetiologie , noch die 
Symptome dieser Krankheit so erörtert , dass die Theorie 
daraus Nuzen ziehen kann. 

Bei der Entstehung der Kleesäure als Proidukt einer 
constitutionellen Krankheit, müssen wir von den Fällen vor- 
übergehenden Auftretens derselben absehen, wie es nach 
dem Genüsse mancher Stoffe (z. B. des Champagners nach 
D o n n e) beobachtet wird. Für die Aetiologie der eigent- 
lichen kleesauren Diathese hat Prout die meisten praktischen 
Thatsachen beigebracht, und die andern wie Willis, Bird 
haben ihn, wie so oft in der Aetiologie der Diathesen, fast 
nur copirt. Allein auch die von Prout angegebenen Ur- 
sachen sind äusserst vag, und im Sinne der alten empiri- 
schen Aetiologie angegeben , die nicht nach dem nothwendigen 
Zusammenhange zwischen Ursache und Wirkung zu fragen 
pflegte. Erblichkeit, männliches Geschlecht, Syphilis, sumpfige 
Gegenden, niederdrükende Gemüthsaffecte, schwacher Magen 
sind nach ihm der kleesauren Niederschläge Ursachen , denen 
G. Bird noch Reizungen der Harnorgane, Samenverluste, 
Mercurvergiflung und Erkältung der untern Rükengegend 
beifügt. Man sieht, die Aetiologie dieser modernen Krank- 
heit, der kleesauren Diathese ist um nichts besser, als dje 
der alten ontologischen Species. 

Nehmen wir dazu noch, dass wenigstens in unsern Ge- 
genden oxalsaure Steine ohne vorangegangene constitutionelie 
Beschwerden bei scheinbar ganz gesunden und kräftigen Kin- 
dern gar nichts seltenes sind , so fällt vollends jeder An- 
haltspunkt für die Pathogenie der Kleesäure im Körper weg. 
Vielleicht Hesse sich ein solcher in der Beschaffenheit des 
Bodens und des Trinkwassers finden und überhaupt anneh- 
men, dass nicht, wie Lieb ig glaubt, eine verminderte 



153 



Oxydation, sondern die Gegenwart von grössern Mengen 
Kalks die Bildung der Oxalsäure bei der organischen Meta- 
morphose im Körper begünstige. 

Von allen Folgen der Kleesäurebildung für den Orga- 
nismus ist nur eine eben so begreiflich, als unzweifelhaft: 
die Ablagerung der Kleesäure in Verbindung mit Kalk in 
den Harnorganen. Prout und die andern Engländer geben 
zwar noch manche Symptome der Oxalsäuren Diathese an, 
aber sichtlich hängen diese Symptome von begleitenden 
Affectionen ab. Prout erzählt von der Flatulenz, den Ma- 
genschmerzen , der schwierigen Verdauung , den schleimigen 
und sauren Faeces , der schmuzig aussehenden Haut , von 
den irritablen Zufällen im Nervensystem und der Neigung 
dieser Kranken, viel Zuker zu essen. G. Bird gibt überdem 
noch Lendenschmerzen und Impotenz an und sagt, dass in 
einigen , jedoch seltnen Fällen solche Kranke für phthisisch 
gehalten worden seien, obwohl eine wirkliche Phthisis bei 
ihnen nicht einzutreten pflege. 

Es ist nicht möglich , aus Erfahrungen dieser Art Schlüsse 
zu ziehen. 



Mit Absicht übergehe ich die Bildung von Milchsäure, 
über welche die Theorie so lange zu schweigen hat , bis 
das Factum constatirt ist, die ammoniakalischen Abscheidungen, 
über welche alle sicheren Erfahrungen fehlen, die galligen 
Abscheidungen , die mich in ein fremdes Gebiet führen 
würden, die Fettausleerungen, die zu den pathologischen 
Raritäten gehören , und die Zukerexcretion , deren Be- 
sprechung ich als derzeit noch gar zu unreif vermeide. 



IV. Gährungsvorgäiige im Blute. 



Man darf nicht besorgen, dass durch die Wiederein- 
führung des Wortes Gährung in die Sprache der Blut- 
pathologie ein Rükfall zu antiquirten, mittelalterlichen Vor- 
stellungen drohe. Am Worte selbst liegt am Ende nichts, 
wir gebrauchen es so lange, bis ein besseres für den frag- 
lichen Vorgang gefunden ist. 

Es ist nöthig, den Begriff, den man mit dem Worte 
nach dem jezigen Stande des Wissens zu verbinden hat , zu 
erörtern, ehe untersucht werden kann, ob jener Begriff auf 
gewisse Vorgänge im Organismus passt, und auf welche er 
anzuwenden ist. 

Es ist eine durch die neuere Chemie erkannte allge- 
meine Thalsache, dass eine zuvor in chemischer Ruhe 
befindliche Verbindung , Flüssigkeit dadurch zuweilen zu einer 
inneren Umsezung ihrer Elemente angeregt werden kann, 
dass eine andere in chemischer Action begriffene Substanz 
in ihre unmittelbarste Nähe gebracht wird. Die Stoffe der 
leztern brauchen dabei in keinerlei chemische Beziehung zu 
den Elementen der Ersteren zu treten. Es ist nur die che- 
mische Action, die chemische Bewegung, die auf die Elemente 
der Erstem wirkt und sich diesen mittheilt. Auch braucht 
die chemische Ruhe der erstem Verbindung keine absolute 



155 



zu sein, sie ist nur beziehungsweise gemeint. Nur die an- 
geregte Art der Umsezung der Elemente war zuvor ruhend; 
eine andersartige Umsezung dagegen konnte schon vorher 
im Gange sein und wird nun durch die angeregte neue 
Bewegung entweder überwunden und sistirt, oder geht sie auch 
in einem Theile der Flüssigkeit für sich fort. Nicht jede 
chemische Action hat jene Eigenschaft, andere ruhende in 
Bewegung zu sezen , und für manche Umsezungen sind nur 
wenige und eigenthümliche chemische Processe im Stande, 
Erreger zu werden, während für andere (z. B. die Zersezung 
des Wasserstoffsuperoxyds, der Knallsäure, etc.) der anre- 
gende Process fast ein beliebiger sein kann. 

Diese durch äussere Anregung bewirkte chemische Be- 
wegungen heissen noch nicht Gährung. Wohl aber scheint 
es, dass jeder Process, den man Gährung heisst, in solcher 
W r eise durch einen passenden Erreger angefacht oder be- 
schleunigt werden kann, wenn gleich zu seinem Zustande- 
kommen überhaupt die äussere Erregung nicht unumgänglich 
nothwendig ist. 

Die Substanzen, welche der Gährung fähig sind, sind 
immer complicirtere Verbindungen , zum wenigsten aus Sauer- 
stoff, Kohlenstoff und Wasserstoff zusammengesezt , meist 
auch noch Stikstoff und zuweilen auch weitere Elemente ent- 
haltend. Solche complexere Verbindungen sind nicht nur 
einer verschiedenen Anordnung der Elemente viel fähiger, 
sondern es kann die Aenderung auch durch einen viel ge- 
ringeren Impuls hervorgerufen werden. 

Die inneren Umsezungen solcher Verbindungen, wenn 
man sie Gährungen nennen soll, müssen aber noch einige 
weitere Eigenthümlichkeiten zeigen, wodurch sie sich von 
Zersezungen der Knallsäure und anderer leicht trennbarer 
Combinationen unterscheiden. Erstens wird bei jenen Um- 
wandlungen keines der Elemente der Substanz einzeln in 
Freiheit gesezt, wesshalb sie Lieb ig mit dem Namen „che- 
mische Metamorphosen" bezeichnet hat. Zweitens aber, 



156 



und es scheint mir diess von ganz besonderem Interesse für 
die Pathologie , zeigt sich bei solchen inneren Umsezungen, 
dass die Aenderung in der Anordnung der Elemente eine 
allmälige ist, nur nach und nach, langsamer oder schneller 
die ganze Masse der Substanz , die ganze Flüssigkeit über- 
zieht. 

Die Resultate des Processes können sehr verschieden 
sein, denn nicht, wie die Elemente sich anordnen, sondern 
nur dass sie in allmäliger Ausdehnung sich anders ordnen, 
gehört zum Begriffe. 

Die chemischen Metamorphosen können nun entweder 
ganz ausschliesslich in der ursprünglichen Substanz vor sich 
gehen , so dass zu den Bestandteilen kein weiteres Element 
hinzutritt, oder es kann geschehen, dass die Metamorphose 
erst durch Hinzutreten eines weitern Stoffes, namentlich des 
Sauerstoffs zu Stande kommt, der in Verbindung mit einem 
oder mehreren Elementen der ursprünglichen Substanz ein- 
geht. Es ist rein conventioneil ob man beide Verhältnisse 
zur Gährung rechnen soll. 

Wir glauben Behufs einer grösseren Bestimmtheit des 
Begriffs besser zu thun , wenn wir mit L i e b i g die lezten 
Vorgänge von dem Begriff der Gährung ausschliessen und 
diese wie die Verwesung, die Vermoderung, die fortdauernde 
Oxydation der thierischen Gewebe innerhalb des lebenden 
Organismus gänzlich von der Gährung abtrennen und das 
Wort nur da gebrauchen , wo eine allmälig fortschrei- 
tende chemische Metamorphose complexer Ver- 
bin düng en ohne wesentlichen Zutritt fremder 
Elemente statt findet. 

Die Wiederbildung des Stoffes, der den Process einlei- 
tete, des Erregers also und das Zurükbleiben desselben, nach- 
dem der Process vollendet ist, gehört nicht in den Begriff; 
es verlöre sonst dieser von seiner Einfacheit und Allgemein- 
heit. Vielmehr hängt diese Wiederbildung, wo sie vorkömmt 
(Hefebildung bei der Biergährung), von ausserwesentlichen 



157 



Umständen ab; und es war der erste Fehler Liebig's, diese 
Wiederbildung, als dem Begriffe selbst inhärirend, bei der 
Anwendung jener allgemeinen Thatsache auf Vorgänge im 
Organismus ohne Weiteres mit zu übertragen. Denn wenn 
auch das eine Verhältniss im Organismus realisirt ist, so 
folgt daraus nicht, dass auch das Zweite vorkommt, und wenn 
bewiesen werden kann, dass gährungsartige Vorgänge im 
kranken Körper sich ereignen, so ist noch weit hin bis zur 
Nachweisung, dass die Thatsache der Reproduction der spe- 
cifischen Krankheitsursachen auf einem der Hefenbildung und 
Abscheidung analogen Processe beruhe. Hier zeigt sich eben, 
wie nothwendig bei den verwikelten Verhältnissen des Orga- 
nismus es ist, zu analysiren , die Phänomencomplexe zu 
spalten und zu zerlegen, und erst nach dieser physiologi- 
schen Analyse nachzuforschen , was von den erhaltenen Ele- 
mentarphänomenen auf chemischen Actionen beruhen kann 
und muss, und was nicht. Es ist keine Frage, dass inner- 
halb des Organismus eine fortwährende Zersezung vorgeht, 
dass ohne diesselbe das Leben selbst aufhört. Das Leben 
des höheren Organismus ist unmöglich ohne fortwährende 
Neubildung, und diese Neubildung sezt den Untergang des 
Vorhergewesenen voraus, das auf keine andere Weise, als 
in chemisch verändertem Zustand, also umgewandelt, zersezt* 
aus dem Organismus ausgeschieden werden kann. 



* Ich muss nochmals auf Herrn Scherer's Beurtheilung meines 
frühern Aufsazes zuriikkommen. Herr Sc her er sieht den „offen- 
baren Beweis," dass ich „den Geist der Liebig'schen Lehren 
nicht erkannt" haben soll, darin, dass ich frage, woher Liebig 
wisse, dass die contagiösen Secrete in Zersezung begriffene Sub- 
stanzen seien, und will mich nun belehren, dass „nicht allein diese 
Secrete, sondern alle im Organismus befindlichen, organischen Stoffe 
in einer Zersezung begriffen" seien. Vor allem muss ich mich 
hiebei darüber beklagen, dass Herr S. den Sinn meiner Worte 
durch Auslassung wesentlich verändert hat. Denn das habe ich 
„namentlich" gefragt, (und Herrn S c h e r e r konnte dieser Theil 



158 



Allein die Frage entsteht: passen diese Vorgänge, oder 
passen einzelne Stüke davon auf den Begriff der Gährung? 
und, mögen wir im gesunden Organismus für die Gährung 
entschiedene Beispiele finden oder nicht: gibt es krankhafte 
Vorgänge, welche jenem Begriffe entsprechen? 

Der ganze grosse Process der normalen Umsezung der 
Gewebe kann nicht zur Gährung gerechnet werden, denn bei 
dieser tritt unzweifelhaft ein fremder Stoff, der Sauerstoff der 
Atmosphäre, thätig hinzu, und entführt den durch ihn zer- 
sezten thierischen Substanzen Kohlenstoff und wohl auch 
Wasserstoff. Es ist diess ein Verbrennungsprocess, eine 
Verwesung, wie Liebig selbst so schön auseinandergesezt 
hat, aber keine Gährung. 

Wohl aber ist damit nicht ausgeschlossen, dass einzelne 



meiner Frage nicht entgehen): woher Liebig schliesse, dass „der 
Pokeneiter, der Stuhl eines Ruhrkranken, der Schweiss eines Ma- 
sernkranken mehr in Zersezung begriffen sein soll, als jeder 
andere Eiter, Stuhl und Schweiss, der nicht anstekt." (Archiv 
II. 328.) Ich hoffe, es kann Niemanden der grosse Unterschied 
zwischen diesen beiden Fassungen entgehen. Indessen widerspre- 
chen auch dem Saz, dass alle Produkte, gesunde oder krankhafte, 
in Zersezung begriffen seien, mag er nun im Geiste Lieb ig' s sein 
oder nicht, wenigstens die Thatsachen. Wenn der Eiter eine in 
innerer Umwandlung begriffene Substanz ist, warum bleibt er 
sich gleich, so lange er von den Wandungen des Abscesses zurük- 
gehalten wird, mag diess Tage oder Monate dauern? Erst wenn 
ein neues Motiv hinzukommt, der Sauerstoff der Luft, erst wenn 
der Eiter an die Oberfläche tritt, so fängt er an sich zu zersezen. 
Was soll Herrn Scherer's Frage: „enthält syphilitischer Eiter viel- 
leicht kein Albumin ?" Wer zweifelt denn daran ? Wer leugnet denn 
die Zersezungsfähigkeit des Albumins? Aber, wenn es auch 
innerhalb der Blutbahn einer normalen Umwandlung unterliegt: ist 
denn diess ein Beweis, dass auch im Secrete die Zersezuug fort- 
gehen müsse? und ist die direkte Beobachtung, dass dies ohne Hin- 
zutreten eines neuen Motivs unterbleibt, nicht mehr werth, als jedes 
apriorische chemische Raisonnement ? — 



159 



beschränkte Vorgänge bei der normalen organischen Bildung 
und Umsezung als gährungsartige Processe zu betrachten sind. 
Vielleicht gehört dahin der Process der Verdauung, vielleicht 
dahin die Verwandlung des Albumin in Fibrin, vielleicht da- 
hin die Verwandlungen der Extractivstoffe , die Bildung der 
Milchsäure, vielleicht noch manches Andre. Aber überall 
müssen wir sagen vielleicht, denn überall ist es nicht aus- 
gemacht, ob bei diesen Vorgängen wirklich blos innere Meta- 
morphose der Substanzen statt finde, und nicht fremde Stoffe, 
vor allen der Sauerstoff, einen wesentlichen Antheil daran 
nehmen. — Aber auch angenommen, dass auf jene Vorgänge 
wirklich der Begriff der Gährung anwendbar sei, so zeigt es 
sich, dass sie wesentlich durchaus beschränkte sind, dass 
sich die Zersezung nicht auf weitere Substanzen ausbreitet, 
und dass diese daneben in ihrer eigenen Zersezung, der all« 
mäligen Oxydation ungestört bleiben. Es ist nicht die Lebens- 
kraft, wie die Chemiker meinen, welche die anderen Sub- 
stanzen vor der Theilnahme schüzt. Vielmehr scheint es 
auf natürlichen und weniger mysteriösen Vorrichtungen zu 
beruhen, dass jene Gährungen im Körper beschränkt sind. 

Wenigstens so lange bei jenen Vorgängen Produkte ge- 
bildet werden, die unter den Verhältnissen, in denen sie sich 
im Körper befinden, keiner weiteren, selbständigen Umwand- 
lung fähig sind, wie die normalen Produkte der Verdauung, 
oder sobald die Produkte der gährungsartigen Processe in 
rechter Weise in die Excretionskanäle treten und isolirt blei- 
ben, wie die Extractivstoffe, oder gar erst ausserhalb des 
Epitheliums - Walls des Organismus entstehen, wie die Milch- 
säure, ist für die übrigen Substanzen des Organismus keine 
Gefahr. — 

Nun aber entsteht die weitre, die Pathologie directer 
interessirende Frage: kommen auch abnorme Vorgänge vor, 
welche als gährungsartig zu bezeichnen sind und namentlich 
nicht nur locale, beschränkte, in einem abnormen Harne z. B., 
in einem Geschwüre oder verjauchenden Abscesse, sondern 



160 



vielmehr gährungsartige Processe, welche die Flüssigkeiten 
in den Circulationswegen durchziehen und die normale Um- 
wandlung störend, das Blut in ihre Zersezung hineinreissen. 

Wir wollen den Fehler Liebig's und seiner Schüler 
vermeiden, und nicht eine entfernte aus Analogieen gezogene 
Möglichkeit für eine „auf Experimente und allgemeine Natur- 
geseze gegründete Erklärungsweise" ausgeben. Wir wollen 
vielmehr absichtlich uns mit „theoretischem Raisonnement 
begnügen" und vorerst so weit als möglich vernunftmassig 
untersuchen, welche Gründe überhaupt als Motive für die 
Annahme einer Gährung gelten dürfen. 

Das bekannte äussere Zersezungsmittel der thierischen 
Substanz ist der Sauerstoff der Luft. Seine Wirkungen dauern 
im gesunden, wie im kranken Zustande fort, und die Stoffe, 
die der Körper ausscheidet, können als Produkte seiner Ein- 
wirkung angesehen werden. So lange diese Produkte nur 
vermehrt oder vermindert sind, haben wir keinen Grund, ein 
andres Motiv für die Zersezung anzunehmen, als eben den 
Sauerstoff. 

Sobald aber anderartige Produkte zu Stande kommen, 
oder das Blut selbst eine Veränderung zeigt, die nicht als 
eine vermehrte Oxydation desselben angesehen werden kann, 
so entsteht , namentlich wenn der Sauerstoff nach wie 
vor zu demselben treten könnte, die Frage, ob nicht ein 
neues Motiv der Umwandlung hinzugekommen sei. Und zwar 
wird die Annahme eines solchen um so dringender , je 
rascher nach einem zuvor ruhigen und normalen Gang der 
Umwandlung eine solche Abnormität eingetreten ist. Die 
andersartigen Produkte können nun aber auch von einem ganz 
localen Processe abhängen und nur wenn in den örtlichen 
Verhältnissen nicht der ausreichende Grund für ihr Entstehen 
liegt oder liegen kann, müssen wir vermuthen, dass derselbe 
in den allgemeinen Verhältnissen, im Blute, zu suchen ist. 
Wenn auf eine starke Hauthyperämie eine Pusteleruption 
erfolgt, so ist diess ebensowenig zu verwundern, als wenn in 



161 



einem Theile, dessen Gefässe strangulirt sind, der Brand ein- 
tritt. Wenn dagegen auf jede kleine Blutüberfüllung ein 
Eiterabsaz eintritt, oder leichte Blutstokung von brandigem 
Absterben gefolgt ist, so liegt darin ein hoher Grad von 
Wahrscheinlichkeit, dass das Blut, was in den Gefässen ge- 
stokt hatte, die Schuld daran trägt. 

Noch aber sind wir dadurch nicht berechtigt, eine Gäh- 
rung anzunehmen. Vielmehr kann der Grund in einem frem- 
den Stoffe liegen, der in das Blut gelangt ist, und einfach 
wieder abgesezt wurde. Wenn Cruveilhier Queksilber 
oder D'Arcet Gold in die Venen einsprizte, so entstanden 
ebenso disseminirte Eiterdepols in den Lungen , wie wir sie 
auf der Haut bei den Poken sehen ; und wenn Arsenik in 
die Circulation gelangt, so können in gleicher Weise mit 
Brand endende Hyperaemieen entstehen, wie solche bei der 
Pustula maligna beobachtet werden. Oder es könnte mög- 
licherweise ein parasitischer Organismus in den Körper ein- 
gedrungen sein, dessen Sprösslinge, wo sie hin sich verirren, 
die Gewebe reizen und zur Exsudaüon veranlassen. Dass 
diess geschehen kann, sehen wir an der Kräze. 

Es gibt vielfache pathologische Vorgänge, für deren ver- 
breitete Produkte weder jene mechanische noch diese orga- 
nische Ursache nachgewiesen ist: die Poken, der Scharlach, 
die Masern, der Typhus, die Pest etc. etc. Und es ist ein 
nie zu billigendes Verfahren, obigen Analogieen zu lieb sofort 
die eine oder andere der genannten Ursachen als muthmass- 
lich anzunehmen. Aber es ist ein eben so übles und unwis- 
senschaftliches Verfahren, solchen Vorgängen den Process der 
Gährung substituiren zu wollen, so lange nichts für eine 
solche Hypothese vorliegt, als das Auftreten vervielfältigter 
Localerkrankungen. Die mechanische , organische und che- 
mische Hypothese stehen hier in ganz gleichem Rechte oder 
Unrechte. Die mechanische dürfen wir nicht annehmen, bis 
uns der Stoff nachgewiesen ist, der die krankhafte Local- 

W und er li c h, Path. d. Bluts. 11 



162 



processe hervorruft, die organische muss die Aufzeigung der 
Parasiten abwarten, und die chemische kann bei Nüchternen 
nicht früher auf Anerkennung Anspruch machen, als bis man 
uns gezeigt hat, dass die Ursache und die Veranlassung des 
ganzen Processes eine chemische Bewegung sei, dass die 
Disposition zu dem Processe, wenn sie nicht eine allgemeine 
ist, nur auf der Gegenwart einer bestimmten, nachweislich 
nur in disponirten Individuen vorhandenen Substanz beruhe, 
dass bei dem Processe selbst gewisse Theile des Körpers in 
gänzlich andrer Weise zerfallen, als diess bei einfachen loca- 
len Vorgängen zu geschehen pflegt, und dass namentlich bei 
dem Zerfallen nicht blosse Oxydation, also Verbindung mit 
einem fremden Körper stattfinde, sondern vielmehr die nor- 
male Oxydation beschränkt werde. Von allem dem hat Lie- 
b i g nichts nachgewiesen oder nachzuweisen versucht und 
auch nicht Einen hörbaren Grund als Ersaz dafür geboten; 
denn es ist fast comisch, wenn Scherer auf jenen Li ebig- 
schen Beweis für die chemische Natur der Contagion gegen 
mich pocht, dass Siedhize, Alcool, Chlor die Wirkung der 
Contagien aufhebe. Er siede doch einmal eineKräzmilbe, sperre 
sie in Chlorgas oder schweflige Säure, oder ersäufe sie in Al- 
cool, und ich zweifle kaum, dass deren Wirkung dadurch nicht 
minder aufgehoben wird, als die Anslekungsfähigkeit des 
Pokeneiters. Was soll also durch jenen Beweis die Gäh- 
rungshypothese vor der Parasitenhypothese voraus bekommen? 
Die leztere ist sogar viel besser daran: Ihr fehlt nur eine 
Kleinigkeit, um wahr zu sein: ein winziges Parasitchen. Die 
Gährungshypothese dagegen braucht eine Gährung in der Luft 
und im Eiter, und zwar eine besondere im Pokeneiter, eine be- 
sondere im Chankereiter, Trippereiter, Pesteiter und in vielen 
andern Auswurfsstoffen, ferner einen Blutbestandtheil, der die 
Gährung durchmacht, der bei den einen Krankheiten nur von 
Geburt an vorhanden ist, nachher nicht mehr zum Vorschein 
kommt (und doch manchmal noch zum Vorschein kommt), bei 
den andern zwar immer aufs neue gebildet wird, aber doch nicht 



163 



sogleich wieder in Gährung gerathen kann : denn sonst müsste 
ja der Syphilitische zeitlebens seine Krankheit behalten. Herr 
Scherer hält zwar nicht für jede Krankheit einen beson- 
deren zur Gährung disponirten Stoff für nöthig, aber son- 
derbar ist es, dass man dann nach den Poken unmittelbar 
die Masern, aber nicht wieder die Poken bekommen kann. 
Ist's für Poken und Masern der gleiche Stoff, der nach der 
einen Gährung sich nur wieder neu bildet, um die andre 
durchzumachen, so kann er auch bei den gleichen Erregern 
wieder die gleiche Gährung durchmachen, und wenn die 
Epidemie noch herrscht, so muss die Krankheit in dem Indi- 
viduum aufs neue beginnen. Muss es ein andrer sein, so 
kommt es doch darauf hinaus, dass für jede besondre conta- 
giöse Krankheit eine eigenthümliche Materie praeformirl anzu- 
nehmen sei, eine Zumuthung von mir anLiebig's Theorie, 
die Herr Scherer so sehr perhorrescirt hat. Herr Sche- 
rer meint auch, dass wegen Unthätigkeit der Lunge, Niere, 
Leber eine grosse Menge beliebiger Stoffe im Blute zurük- 
bleiben können. Aber warum und abermal warum hängt 
denn die Disposition nicht von dieser Zufälligkeit ab, sondern 
ist für die meisten contagiösen Krankheiten angeboren, und 
nur bis zur Durchseuchung vorhanden? Aber ich vergesse 
mich, Herr Seh er er erlaubt nicht dass man an „diese auf 
Experimente (??) und allgemeine Naturgeseze gegründete" 
übrigens „erst im Entstehen begriffene Lehre" difficile Fra- 
gen stelle. 

Doch lassen wir die Liebig'sche Contagientheorie , die 
ich als einen schönen und genialen Einfall anerkenne, dessen 
geringe Begründbarkeit ich desshalb nur bedauern kann. — 

Wir sind berechtigt, einen abnormen und allgemeinen 
Gährungsvorgang im Körper oder vielmehr im Blute anzu- 
nehmen, wenn eine Substanz, die sichtlich in einer Umwand- 
lung begriffen oder in hohem Grade umwandlungsfähig ist, dem 
Blute sich beimischt und wenn in Folge davon eine solche 
Beschaffenheit des Bluts, der Excretionen und Produkte eintritt, 

11 * 



164 



dass ein Abweichen von dem normalen Entwiklungs - und 
Zersezungsgange innerhalb des Körpers unzweifelhaft ist, 
wenn namentlich diese Substanzen eine der gemeinen Fäul- 
niss derselben wenigstens annähernde Zersezung zeigen. 

Es braucht kaum gesagt zu werden, dass in einem Fall 
die Wahrscheinlichkeit für die Annahme eines gährungsartigen 
Vorgangs dringender, im andern problematischer sein kann. 



flutriii* ßnftcüon. 

Gaspard (Magendie's Journal, Tom. II. Versuch 14) 
sprizte in die Iugularvene eines kleinen Hundes eine halbe 
Unze Jauche von faulendem Fleisch und Blut: im Momente 
der Einsprizung zeigte das Thier mehrere Deglutitionsbewe- 
gungen, bald darauf Dyspnoe und Mattigkeit. Es legte sich 
auf den Rüken, wiess jede Nahrung zurük, gab Excremente 
und Urin von sich. Eine Stunde darauf: Prostration, oft 
wiederholte gelatinöse und blutige Stühle, rothe Conjunctiva; 
sodann Bauch und Brust schmerzhaft bei Berührung, erstrer 
hart, grösste Schwäche, galliges, gelatinöses und blutiges 
Erbrechen. Tod nach 3 Stunden. Die Lungen zeigten sich vio- 
lett oder schwärzlich infiltrirt, (enflammes d'une maniere par- 
ticuliere ou plutot engorges) mit vielen Ecchymosen und Pete- 
chien besezt. Dergleichen fanden sich im linken Herzventrikel, 
in der Milz, den Mesenterialdrüsen, der Gallenblase, dem sub- 
cutanen Zellgewebe. Das Peritoneum enthielt einige röth- 
liche Serositaet. Die Schleimhaut des Magens war leicht 
entzündet, die des übrigen Darms, namentlich des Duodenums 
und Rectums etwas geschwollen, livid gefärbt mit schwarzer 
Punctirung und gelatinösem und blutigem Ueberzuge. — Ein 
zweiter Versuch mit einer ähnlichen Flüssigkeit gab dieselben 
Resultate und bei einem dritten (Vers. 16.) mit einer faulen, 



165 



von Krautblättern erhaltenen Flüssigkeit zogen sich die Symp- 
tome , zu denen noch starke und unordentliche Herzcontrac- 
tionen und Fieber sich gesellten , bis zum 5ten Tage in 
steter Zunahme hinaus. Bei der Section zeigten sich, sagt 
Gaspard, die Haut, das subcutane Zellgewebe , die Muskel 
wie bei Asphyxie aus Luftmangel, die Conjunctiva, 
die Schleimhaut des Mundes violettroth und dik mit Schleim 
belegt , die Lungen leicht entzündet, der linke Ventrikel mit 
Ecchymosen bedekt, im rechten ein festes Fibrincoa- 
gulum. Das Duodenum und Rectum livid roth wie in 
den andern Fällen; im Rectum geschwollene Follikel. Der 
Darm angefüllt mit einem schmuzig-schleimigen zum Theil 
eiterartigen Secrete. Ein viertes Experiment, fast auf glei- 
che Weise angestellt (Vers. 17) gab ähnliche Resultate 
und zeichnete zieh nur durch reichliche, blutige Dejec- 
tionen aus. 

Wir sehen in diesen Fällen, die. eine entschiedene 
Uebereinstimmung zeigen , dass der unmittelbare Eindruk der 
Beimischung von putrider Jauche noch massig ist, dass die 
Zufälle aber hernach, trozdem dass reichliche Ausscheidun- 
gen erfolgen , sich fortwährend steigern , dass das gesammte 
Blut allmälig eine Veränderung erleidet und grosse Neigung 
zeigt , aus den Gefässen zu treten , dass endlich mehrere 
Erscheinungen, wie die Athmungsnoth , die livide Farbe des 
infiltrirten Bluts, die ausdrükliche Bemerkung der Haut- und 
Muskelbeschaffenheit in dem sechzehnten Experiment darauf 
hindeuten, dass der Sauerstoff aufgehört hatte, auf das Blut 
einzuwirken. Die Quantität der krankmachenden Flüssigkeit 
ist in diesen Experimenten schon klein. Nach Magen die 
(Joural de physiol. III. 83) sind aber verschiedene faule 
Fleischarten verschieden in der Intensität der Wirkung , und 
von der Jauche , die von faulenden Fischen erhalten wird, 
genügen schon einige Tropfen, um alle Symptome eines 
Typhus, den Tod in vier und zwanzig Stunden und die 
deutlichsten Zeichen einer Blutveränderung hervorzurufen. 



166 



Wir haben also ein Minimum einer faulen Flüssigkeit als 
Ursache , eine veränderte Umsezung des Bluts nebst Hem- 
mung seiner normalen Umsezung als Folgen , und es ist 
dabei unleugbar, dass sich diese Folgen allmälig , bald mehr 
bald weniger schnell über die gesammte Blutmasse ausge- 
breitet haben. Wir nehmen keinen Anstand hier zu behaup- 
ten, dass die Fäulniss , die Gährung der eingesprizten Flüs- 
sigkeit das Blut in seine Umsezung hineingerissen habe. 

Sehr bemerkenswerth ist , worauf wir später noch zu- 
rükkommen , dass in dem langsamer sich entwikelnden Falle 
Eiterproduction im Darme und fibrinöse Gerinnungen im 
Herzen stattfanden, nichts der Art dagegen in den schnell 
t ödtlichen Fällen bemerkt wurde. — 

Pathologische Beobachtungen , welche in der Hauptsache 
mit diesen Experimenten übereinstimmen, bieten sich genug 
dar. Ruft ein kleiner kaum sichtbarer Stich bei einer Sec- 
tion schlaflose Nächte , Fieberbewegungen mit Darmaffection 
und Oedem des subcutanen Zellgewebs , mit Prostration 
und stinkenden Ausleerungen , mit Betäubung und Delirien 
hervor und tritt unter diesen Erscheinungen zulezt der Tod 
ein, der ein flüssiges Blut und einen zur Fäulniss rasch 
geneigten Leichnam liefert, so ist kein Ausweg, als die An- 
nahme , dass ein deletärer Stoff, und zwar ein Minimum 
eines solchen in den Körper eingetreten ist, und es kann 
dieses Minimum kaum anders gewirkt haben , als dass es 
einen Zersezungsprocess im Blute veranlasste , verschieden 
von dem der gemeinen Umwandlung des Bluts und der Ge- 
webe im gesunden Zustande. 

Beim Hospitalbrande ändert sich unter dem Einfluss 
einer schädlichen Atmosphäre das Aussehen , die Secre- 
tion, die Schmerzhaftigkeit einer Wunde , eines Geschwürs. 
Aber schon nach wenigen Tagen fängt der Organismus unter 
diesen örtlichen Veränderungen an zu leiden. Der Appetit 
verliert sich, Durst stellt sich ein , die Nächte werden schlaflos, 
die Physiognomie zerfällt, der Puls wird klein und höchst 



167 



frequent, die Haut heiss, die Zunge wird troken und braun, 
der Bauch treibt sich auf, Erbrechen, Diarrhoe und abun- 
dante Schweisse stellen sich ein, und unter zunehmender 
Prostration tritt der Tod ein. In ziemlich gleicher Weise 
erfolgt der Untergang in allen jenen Fallen, wo aus irgend 
einem Grunde ein Theil brandig abstirbt, wenn nicht eine scharfe 
Grenze zwischen brandigem und belebtem sich bildet. Der 
spontane Brand an einer Extremität, ein brandiges Chancre- 
Geschwür, eine brandige Diphtheritis haben denselben Ein- 
fluss auf die allgemeine Constitution : Symptome entstehen, 
die man längst sich gewöhnt hat, unter den Namen septi- 
sches, putrides Fieber zu generalisiren. Dieselben Symptome 
fehlen, wenn der brandige Theil in keinem Circulationszu- 
sammenhange mit dem Körper mehr ist, oder wenn die 
Modification in langsamer Weise durch allmälige Vertroknung 
und Schwund vor sich geht. 

Wo in geöffneten Abscessen oder auf Wunden die Ei- 
terabsonderung ans irgend einer Ursache schlecht, fötid 
wird, treten ähnliche Erscheinungen , nur langsamer und 
weniger intens auf und drohen weniger in der Form eines 
heftigen tumultuarischen Fiebers, als vielmehr in der Weise 
der Hectik zu tödten , und nicht selten kann man beobachten, 
dass die Zufälle sogleich sich steigern, sobald der Abfluss 
des fötiden Eiters Hindernisse findet. 

Oertliche Affectionen haben in allen diesen Fällen eine 
entschiedene Wirkung auf den Gesammtorganismus ausgeübt. 
Die Ausdehnung der örtlichen Affection, die Acuität, Heftig- 
keit oder Schmerzhaftigkeit derselben reicht nicht hin, den 
Effect auf den allgemeinen Zustand zu erklären. Es ist das 
Blut, was ohne Zweifel verändert ist, es wird nicht mehr in 
den Gefässen zurükgehalten , es gerinnt weniger, es scheint 
in geringerem Maase oxydirt zu werden, es sezt abnorme, 
der Fäulniss nahe , zerfliessende , selbst stinkende Produkte. 
Wie kann diess anders begriffen werden, als durch Aufnahme 
eines schädlichen Stoffs von der kranken Stelle, der das 



168 



Blut vergiftet, es zur Zersezung geneigt macht und zwar 
zu einer solchen Zersezung, die dem Einfluss des Sauer- 
stoffs entgegentritt. Directe Beobachtungen unterstüzen diese 
fast mit Notwendigkeit sich aufdringende Annahme : wird 
durch Druk der Rükfluss gehemmt, so kommen die schlim- 
men septischen Zufälle nicht zu Stande , grenzte sich der 
Organismus durch einen hyperämischen und eiternden Wall 
von dem brandigen ab, so hört die Gefahr auf, und selbst 
beim Durchschneiden der Venen, die aus einem fötiden Jauche 
absondernden Theile kommen, bei der Amputation , will man 
(z.B. der ältere Berard Diction. en XXX. Tom. XXVI. 497.) 
den stinkenden Geruch wie aus einer geöffneten Jauche- 
ansammlung wahrgenommen haben. 

Zuweilen entstehen in epidemischer, selbst contagiöser 
Verbreitung fieberhafte Zustände, die mit den angegebenen 
Erscheinungen ganz ähnlichen Symptomen auftreten. Die 
frühere Medicin hat sie als sogenannte essentielle putride 
Fieber bezeichnet. Wahrscheinlich aber hat sie über den auffal- 
lendsten Erscheinungen die wesentlichen übersehen. Wahr- 
scheinlich sind diess nicht einfache faule Gährungen des 
Bluts gewesen , sondern andere Erkrankungen , Typhen , Va- 
riolen , Dysenterieen etc. mit — um mich der Redeweise 
der alten Schule zu bedienen — fauliger Complication. Das 
heisst: die Symptome und Läsionen in solchen septischen 
Epidemieen sind theils jene, wie sie bei örtlichen acuten 
Mortificationsprocessen und bei experimenteller putrider In- 
fection beobachtet werden , theils aber sind noch besondere 
Erscheinungen vorhanden , die besonderen Exsudate, Produkte, 
Verlaufe, Symptome, welche diesen septischen Krankheiten 
mit den nicht septischen Variolen, Ruhren, etc. gemein- 
schaftlich zukommen , wenn gleich sie aber gerade durch den 
Fäulnissprocess eigenthümliche Modificationen erleiden. Freilich 
ist es ein Gesammtcomplex von Erscheinungen , freilich wird 
dem Individuum , das in die betreffenden Verhältnisse kommt, 
die Dysenterie mitsammt der faulen Gährung mitgetheilt; 



169 



aber doch sind es zwei wesentlich verschiedene Processe, 
von denen es befallen wird, Processe, die ohne einander be- 
stehen können, die, wenn ich so sagen darf, auch getrennt 
sich fortzupflanzen vermögen. In einer Epidemie von septi- 
scher Dysenterie werden manche Individuen , die unter gün- 
stigeren Umständen leben, nur von einfacher Ruhr befallen, 
während andrerseits das faulige Princip, die Gährung, in 
einem Saale voll putrider Ruhr- oder Typhuskranken Wunden 
und Geschwüre inficiren kann , ohne die Ruhr oder den 
Typhus mitzutheilen. Darum sind es aber nicht zweierlei 
Arten von Gährung, welche in solchen Fällen den Körper 
durchseuchen: sondern eben diese Fälle zeigen, dass der 
eigentlich contagiöse Process, dass das Contagium der Ruhr, 
des Typhus , der Poken nicht auf Gährung beruht , dass viel- 
mehr Gährung neben ihm bestehen kann, und dass durch 
diese Complication die Erkrankung nicht nur modificirt, son- 
dern ungemein erschwert ist. Bei diesen septischen Proces- 
sen allein ist volle Analogie mit der Gährung ausserhalb des 
Körpers. Wie bei einer solchen die gährende Flüssigkeit 
gänzlich verändert wird, und ihre ordinären chemischen Be- 
ziehungen verliert, so geht das Blut, das in Gährung hinein- 
gerissen ist, unter, es zersezt sich in andere Bestandteile 
und der gewöhnliche Ausgang , sobald die Gährung eine 
grössere Ausbreitung erreicht, ohne dass sie gehemmt wird, 
ist der Tod des Individuums. Hier bedarf es keiner Annahme 
besonderer imaginärer Stoffe, die im durchseuchten Körper 
fehlen, während sie vor der Durchseuchung vorhanden wären. 
Die bekannten Bestandteile des Bluts selbst sind es, die 
die Umwandlung eingehen, und diese Umwandlung wird 
immer von neuem beginnen können, wenn, ohne dass der 
Organismus zu Grunde ging , frisches Blut wieder in ihm 
circulirt. 

Die Gährung erscheint hiebei durchaus nicht als das 
eigentlich contagiöse, eher möchte ich sagen als das mias- 
matische Princip, das allen jenen septischen Affectionen ge- 



170 



meinschaftlich, von jetler aus entstehend , jede complicirend, 
in den inficirten Räumen verbreitet ist; es sind die faulenden 
Excremente, die mephitische Luft, die als Erreger aufs Blut 
wirken, und sie müssen es so gut, wie es die putride Jauche 
vermag, die man den Thieren in die Vene sprizt. Aber es 
wirken diese verbreiteten gährenden Substanzen auf den Ge- 
sunden nicht: er ist durch seinen Epidermis- und Epithelium- 
überzug, der sich stets erneuert, vielleicht auch durch den 
normalen Umsezungsprocess seines Blutes vor ihnen geschüzt. 
Es bedarf einer Wunde, eines Geschwürs, einer andern zu- 
fälligen Krankheit, wenn die Infection haften soll, d. h. 
wenn die Gährung sich übertragen soll. Sie überträgt sich 
in die offene Wunde, auf das Geschwür, sie überträgt sich 
auf die freie Wand des Uterus der Wöchnerin , sie über- 
trägt sich vielleicht auch durch die Lungen, aber wie es 
scheint nur unter begünstigenden Umständen, wenn eine 
zufällige Schwächung oder Erkrankung entstanden, oder wenn 
durch contagiöse Infection die Ruhr , der Typhus , die Va- 
riolen , etc. mitgetheilt worden waren. So werden leztere 
Krankheiten erst in der Mephitis septisch, während sie ohne 
diese einen gutartigen einfachen Verlauf nehmen. 

Wenn wir also in diesen Krankheiten einen der Gäh- 
rung analogen Process sehen, so soll ausdrüklich weder das 
Contagiöse noch das Specifische an ihnen damit verglichen 
werden : dieses Contagiöse und Specifische ist — mögen die 
Krankheiten septisch sein oder nicht — nach dem gegen- 
wärtigen Stande des Wissens auf keinerlei Weise zu begrei- 
fen. Es ist eine Art und Eigenthümlichkeit, die sich nirgends 
in der Natur wieder findet , und die bis jezt durch keine 
Analogie und Vergleichung noch gefördert worden ist. 

Die septischen Processe sind die stürmischste Art von 
Gährung im Körper, die wir kennen. Sie lieben den Einfluss 
des Sauerstoffs auf, oder beschränken ihn wenigstens ausser- 
ordentlich , sie liefern Produkte die nie im gesunden Zustand 
und nie durch einfache Blutüberfüllung zu Stande kommen, 



171 



sie heben alle Ernährung des Körpers auf, und tragen den 
Tod zu allen Theilen, die einer lebhaften Erneuerung be- 
dürfen , sie rufen tumultuarische Explosionen in den Nerven- 
apparaten hervor oder bewirken das Erlöschen ihrer Func- 
tionen, sie führen, bis zu einem gewissen Grade gediehen, 
unfehlbar zum Untergang. 

Sobald ein in lebhafter chemischer Umwandlung begrif- 
fener Stoff vollständig in die Circulation gelangt, so muss 
dieser septische Process entstehen , und es liegt nichts 
daran, von welcher Art jener Stoff sei, und auf welchem 
Wege er dahin gelange. Am häufigsten scheinen von aussen 
her die gährenden Substanzen durch die Lungen und durch 
Wunden aufgenommen zu werden. Von den dichteren Schleim- 
häuten aus ist die Aufnahme der septischen Stoffe erschwerter, 
als von offenen Wunden, und am schwierigsten vom Magen 
aus, wo eine chemisch -zerstörende Flüssigkeit der Gährung 
noch Einhalt thun kann. Aber auch von innen aus sehen 
wir zuweilen dieselben septischen Folgen entstehen , so bei 
Retention von Harnstoff, jedoch darum seltener weil ohne 
Zweifel der Harnstoff selbst nicht immer in gleicher Weise 
zur raschen Zersezung geneigt ist. Dasselbe Verhältniss ist 
bei den Gallenstoffen , deren Retention meist nur massige 
Symptome, zuweilen aber auch Erscheinungen einer allge- 
meinen Zersezung, eines putriden Fiebers zur Folge hat. — 
Auch weiterhin hat der Organismus noch manche Schuz- 
mitlel gegen die gährenden Substanzen : diess sind Gerin- 
nungen des Blutes in den Gefässen, Gerinnungen der Lymphe 
in den Drüsen, die Einwirkung des Sauerstoffs auf die im 
Blute vertheilte Substanz. Es wird aber die Gährung um so 
weniger aufgehalten werden, je grösser die Masse der ein- 
getretenen Substanz ist , je intenser und dauerhafter in ihr 
die Umwandlung ist, und je mehr sonstige zufällige Ver- 
hältnisse das Zustandekommen der Gährung fördern. 

Wenig kann die Kunst dazu beitragen, die Gährung 
aufzuhalten, wenn nicht der Eintritt der Substanz direct zu 



172 



verhindern oder sie zu zerstören ist: Amputation, Aez- 
mittel, Erregung einer Entzündung im Umkreis. Von Mineral- 
säuren hofft man, dass sie der Gährung direct Einhalt thun, 
von Ausleerungen und Blutentziehungen , dass sie von der 
deletären Substanz Etwas zu entfernen im Stande seien, ehe 
sie angefangen hat zu wirken ; von den sogenannten Nerven- 
mitteln kann nur so viel erwartet werden, dass sie die 
Thätigkeit des Nervensystems und damit das Leben so lange 
erhalten , bis der Process im Blute beendet und die Gefahr 
überstanden ist. 



<£itri0* %nftct\on. 

Der Erste, der mit Bestimmtheit von Eiter in den Venen 
sprach, war Ribes (Memoire presente en 1814 ä la societe 
d'emulation). Deutlicher und unabhängig von ihm spricht 
Ho dg so n (on diseases of arteries and veins 1815) von den 
Folgen der Gefässentzündung , die einem typhösen Fieber 
gleichen. Mit noch mehr Entschiedenheit, und im Gegensaz 
gegen den damals herrschenden exclusiven Solidismus Brous- 
sais, vertheidigte Velpeau in mehreren Thesen und Jour- 
nalaufsäzen von 1823 an die Entstehung der disseminirten 
Abscesse durch Aufnahme von Eiter in das Blut, und machte 
im Jahr 1827 in einer Note sur quelques observations re- 
cueillies ä la Clinique de Cloquet (Archives gen. XIV. 520) 
auf die Folgen einer unglüklichen Aderlässe aufmerksam und 
leitete die Symptome der Krankheit und den Tod nicht etwa 
von der Venenentzündung im Sinne der anatomischen Soli- 
darpathologie, sondern von der Fortführung des in der Vene 
gebildeten Eiters und der allgemeinen Infection ab. „Le pus, 
continuellement entraine vers le coeur et distribue dans tous 



173 



les organes avec le sang a determine l'infection generale de 
l'economie, d'oü s'en sont suivis les symptömes observes 
puis la mort." Sechszehn Monate darauf erschien Dance's 
berühmte Abhandlung de la phebite uterine et de la phebite 
en general (Arch. gen. XVIII) , während fast um dieselbe 
Zeit Arn ott in England seine Untersuchungen über die 
secundären Wirkungen der Venenentzündung veröffentlichte. 
Seither hat die Pyämie nicht aufgehört , das regste Interesse 
aller denkenden Aerzte und Beobachter in Anspruch zu 
nehmen. 

Sie hat es auch in mehr als einer Hinsicht verdient. 
Nicht nur hat die Kennlniss von der Pyämie Licht auf früher 
unverständliche und misskannte Krankheitsformen geworfen, 
die Pyämie war überdem noch für die Geschichte der wissen- 
schaftlichen Heilkunde von ganz besonderer Wichtigkeit, indem 
von den zu ihr gehörigen Thatsachen der Umstoss der aus- 
schliesslichen Solidarpathologie ausgieng und eine rationellere 
Betrachtung der Verhältnisse begann. Und eben in neuester 
Zeit scheint es , als ob an diesem Beispiel vorzugsweise die 
Einseitigkeit der allenthalben localisirenden Methode aufge- 
wiesen und zugleich auf einen wichtigen, im Blute selbst 
verlaufenden Process die Aufmerksamkeit geleitet werden 
könnte. 

Es kann nicht meine Absicht sein, die Jedermann be- 
kannten Erscheinungen bei Pyämie hier aufzuzählen. Nur 
als Anhaltspunkt für die theoretische Auseinandersezung mag 
daran erinnert werden* wie nach Operationen , besonders an 
Knochen und Venen, nach Kopfverlezungen, bei Wöchnerinnen, 
und zuweilen auch unter andern Umständen oft unerwartet 
und ohne vorausgegangene Vorläufer sich heftige, wieder- 
holte Frostanfälle einstellen , die bald von ungemeiner Be- 
klemmung , nicht selten von Icterus und von baldigem 
Collapsus und Prostration, Erbrechen, zulezt gewöhnlich von 
einem Symptomencomplexe gefolgt sind , welcher der grossen 
Aehnlichkeit wegen jedem Unkundigen die Diagnose eines 



174 



typhösen Fiebers (daher Puerperaltyphus , Wundtyphus etc.) 
oder perniciösen Wechselfiebers aufdringt, und dass man 
nach dem fast nie ausbleibenden Tode viele kleinere und 
grössere Abscesse und Infiltrationen in Lunge und Leber, 
eitrige Ergüsse in serösen Höhlen und Gelenken, eitrige Infil- 
trationen verschiedener Theile, Eiter in einer oder mehreren 
Venen und das Blut meist verändert, zuweilen aufgelöst, 
zuweilen geronnen, meist aber von dem Eiter in den Venen 
durch fibrinöse Gerinnungen getrennt findet, und dass die 
Leichen an solcher Krankheit zu Grundegegangener meist 
rasch in Fäulniss übergehen. 

Indessen müssen wir hiebei, ehe wir auf die theoreti- 
sche Erörterung eingehen, auf manche Puncte der Erfahrung 
noch besonders hinweisen, welche mehr oder weniger ver- 
nachlässigt zu werden pflegen. 

Nicht immer ist der Verlauf der gewöhnliche und ange- 
gebene: vielmehr kommen hier wie bei allen Krankheiten 
Variationen der Intensität und Acuität vor. Während zuwei- 
len die Fälle mit einer ganz ausserordentlichen Raschheit 
zum Tode führen, sieht man andremale örtliche Symptome 
von Venenentzündung lang den allgemeinen Erscheinungen 
vorangehen, leztere langsam und unvollständig eintreten, 
Schwankungen machen; es kommt statt zu den lebhafteren 
Frostanfällen nur zum Frösteln, und nicht selten erholt sich 
der Kranke, bei dem man bereits einen Anfang der pseudo- 
typhösen Symptome wahrgenommen hatte und daher mit 
allem Rechte Pyämie diagnosticiren dörfte, wider alles Erwar- 
ten, während andremale nach einem sehr protrahirten Anfange 
die Fröste und alle übrigen Symptome in äusserster Heftig- 
keit ausbrechen und den Tod zur Folge haben. Fälle, wo 
die Frostparoxysmen in langen Zwischenräumen erfolgen, oder 
wo die Herstellung auch nach den drohendsten Erscheinungen 
noch gelingt, kommen vor. 

Die icterische Hautfärbung bei der Pyämie fällt durchaus 
nicht nothwendig mit Leberabscessen zusammen, und es exi- 



175 



stiren manche ganz entschiedene Beispiele, dass jene in der 
grössten Intensität bestehen kann ohne die Leztem. 

Die Beschaffenheit des Blutes wird von verschiedenen 
Beobachtern sehr verschieden angegeben: es rührt diess we- 
niger von falscher Wahrnehmung, als vielmehr davon her, 
dass das Blut sehr verschieden sein kann, Gerinnungen zeigen, 
oder gelöst bleiben, von schmuziger, dunkler Farbe, schmie- 
riger Beschaffenheit, oder gar jaucharligem Aussehen sein 
kann. Demgemäss sind auch die Veränderungen in den Fest- 
theilen sehr verschieden: bald geronnene Exsudationen , bald 
reine Eiterabsezungen, bald Infiltration einer jauchigen Brühe, 
bald auch keinerlei Exsudate, daneben bald nur Blulüberfüllungen 
und Extravasate, bald Erweichungen der Schleimhäute und an- 
derer Festtheile. Aber diese Variationen sind nicht zufällig, sie 
hängen vielmehr zusammen mit der Heftigkeit und Acuität 
des Falls, und dass sie zuweilen in einem sehr geregelten 
Gange auf einander folgen, hat Engel an der Pyämie der 
Wöchnerinnen in der schon citirten Stelle sehr schön gezeigt. 

Woher nun diese Zufälle ? woher diese Abscesse ? diese 
Veränderung des Bluts? die gewöhnlichste Antwort darauf 
ist: es hat sich Eiter dem Blute zugemischt, es hat der Eiter 
dieses inficirt. 

Allein im Laufe der lezten 15 Jahren sind diese That- 
sachen so vielfach besprochen und debattirt worden, dass die 
theoretischen Fragen selbst sich mannigfaltig gespalten haben, 
und nur eine vorsichtige und umsichtige Erörterung der 
Gründe für die verschiedenen Ansichten in dieser nach der 
Meinung Vieler schon abgeschlossenen, in der That aber in 
lebhaftester Discussion befindlichen Frage kann den Gegen- 
stand wenn auch nur zu einem vorläufigen Abschlüsse bringen. 

Vor allem müssen wir die Fragen analysiren und ihre 
einzelnen Bestandteile scharf aufstellen : 

I. Was ist die Bedingung und die lezte Ursache des 
Symptomencomplexes der Pyämie? Sie spaltet sich in drei 
untergeordnete Fragen. 



176 



1. Ist die Conditio sine qua non Beimischung von Eiter 
zum Blute, auf welchem Wege und durch welche Umstände 
dieselbe auch geschehen mag? — Die Bejahung dieser Frage ist 
die fast allgemeine recipirle Annahme, in Frankreich besonders 
von Velpeau, Dance, Cruveilhier und Blandin ver- 
theidigt. Dagegen hat man aber mit einigem Recht einge- 
wendet, dass der objective Nachweis der Gegenwart von Eiter 
im Blute fehle. Zwar gibt es einzelne Fälle, wo der Eiter 
in einer Vene mit dem Blute frei communicirte und sich 
mischte, (z. B. der Fall von Velpeau, Archives gener. tom. 
XIV. pag. 504) aliein diese Fälle sind selten. Wo man Eiter 
im Blute in grösserer Menge fand, war es von einem Coa- 
gulum umschlossen. Die Beihilfe des Microscops wurde selten 
benüzt, um vereinzelte Eiterkörperchen im Blute zu finden, 
und sogar für vergeblich erklärt, weil die Eiterkügelchen der 
Verdünnung wegen schwer zu finden, und überdiess mit den 
Lymphkügelchen leicht zu verwechseln seien. Ich habe mich 
jedoch überzeugt, dass bei Zumischung einer so kleinen 
Menge von Eiter, als an der Spize eines dünnen Glasstabs 
anhängt, zu einer Quantität von 3 Drachmen Blut, also viel- 
leicht in 400facher Verdünnung, einzelne Eiterkörperchen fast 
nie im Gesichtsfelde einet 205fachen Vergrösserung gefehlt 
haben. Auch kann ich schwer glauben, dass wirklich die 
Eiterkörperchen, so fern sie noch gut erhalten sind, mit den 
sog. Lymphkügelchen des Bluts verwechselt werden könnten. 
Wirklich zeigen die drei von Andral erzählten Fälle (Essai 
d'hematologie p. 113 — 116), dass die Eiterkügelchen zu fin- 
den sind, wenn man sie sucht. Jedenfalls kann der Mangel 
des objectiven Nachweises von Eiter im Blute nie ein posi- 
tiver Beweis für das wirkliche Fehlen des Eiters im Blute 
sein. — Weiter hat man behauptet , wir werden noch sehen 
mit welchem Rechte, dass der Eiter, ausser durch Injection 
gar nicht in die Circulation gelangen könne. Und endlich 
meint Te ssier (Experience II. p. 11), dass, selbst den Ein- 
tritt von Eiter in den Kreislauf zugegeben, dieser doch nicht 



177 



die Erscheinungen hervorrufen und erklären könnte, die man 
bei Pyämie und den secundären Abscessen beobachtet. Aller- 
dings haben die Versuche mit Eitereinsprizung in die Venen, 
wie sie schon Gaspard vorgenommen, nicht die gewöhn- 
lichen Symptome und Folgen der Pyämie bewirkt. Vielmehr 
fehlten sowohl die Fröste, als die multiplen Abscesse ; der 
Tod erfolgte rasch nach einigen Stunden oder gar nicht. Die 
Fälle, wo die Thiere sich wieder erholten (Experim. 1 u. 3) 
zeigen mit Bestimmtheit, dass der Eiter aus den Gefässen 
wieder weggeschafft werden kann, ohne mehr als vorüberge- 
hende Zufälle hervorzurufen. Mit einigem Schein von Recht 
lehnt sich daher M algaigne (Journal de chirurg. 1844 p. 245) 
gegen den ganzen Begriff der Pyämie auf: denn da in den 
Fällen, wo unzweifelhaft Eiter sich dem Blute beimischte, 
die Erscheinungen fehlten, und wo diese gegenwärtig waren, 
-der Eiter im Blute nicht gefunden werden konnte, wie könne 
man bei einem solchen Stande der Thatsachen Pyämie und 
purulente Infection für identisch nehmen ? 

Indessen muss man bei der Benüzung solcher Experi- 
mente stets im Auge behalten, dass die Verhältnisse nie ganz 
die gleichen wie bei wirklichen Krankheiten sind und dass 
sie nur eine positive, nie eine negative Beweiskraft haben 
können. — 

Man mag Tessier noch so viel einräumen, so muss man 
doch bekennen , dass er zu weit geht , wenn er die Mög- 
lichkeit des Eintretens von Eiter in das Blut und des Ent- 
stehens der Krankheitssymptome daraus unter allen Umständen 
leugnen und an die Stelle dieses Processes eine stets primäre 
Allgemeinkrankheit, das purulente Fieber, sezen will. Nicht 
wenige Fälle sind vorhanden, wo eine Aderlässe die Ursache 
der Pyämie wurde, ohne dass ein weiterer Grund zum Ent- 
stehen, der Lezteren irgend vorhanden gewesen wäre, und wo 
der Verlauf der Krankheit vom ersten Auftreten der Venen- 
entzündung bis zum Eintritt der allgemeinen pyämischen Symp- 
tome aufs Genaueste den örtlichen Veränderungen entsprach. 

Wunderlich, Path. d. Bluts. 12 



178 



— Wir müssen darum wenigstens sagen : der Krankheits- 
complex der Prämie kann in manchen Fällen von Eiterauf- 
nahme in das Blut herrühren. 

2) Bedarf es der Aufnahme von Eiter in Masse oder 
ist schon einer der Bestandtheile des Eiters: das Serum, die 
Eiterkügelchen, hinreichend, die Erscheinungen von Pyämie 
hervorzurufen : diese Frage, die von der grössten Wichtigkeit 
für die ganze Lehre der secundären Abscesse wird, ist durch 
die Untersuchungen von Felix d'Arcet (in seiner These vom 
11. Mai 1842) angeregt worden. D'Arcet hatte den glük- 
lichen Einfall, den Eiter unter dem Einfluss der Atmosphäre 
sich zersezen zu lassen, wobei er sich in einen granulösen, 
unlöslichen und in einen flüssigen, übelriechenden, saniösen 
Theil trennt; und diese beiden Bestandtheile sprizte er jeden 
für sich in die Venen eines Thiers. Bei der Einsprizung des 
granulösen Theils sah er bald das Thier plözlich zusammen- 
stürzen, wie vom Bliz getroffen, bald erholte es sich nach 
einigen Aügenbliken Unmacht allmählig wieder, bald dauerte 
die Erschöpfung fort und nahm zu, der Puls beschleunigte 
sich und wurde hart, die Respiration wurde häufiger und 
nach längstens 50 Stunden ging das Thier ohne grosse Zu- 
fälle zu Grunde. Bei der Section fanden sich Phlyctänen in 
der Lunge und subpleuritische Ecchymosen die bis ins Paren- 
chym sich erstreklen und einen hepatisirten Kern zeigten, aber 
keine Veränderung des Blutes. Bei der Einsprizung des fau- 
ligen Eiterserums aber traten Symptome auf, wie sie Gas- 
pard bei fölidem Eiter oder putriden Flüssigkeiten beobach- 
tete : ein typhöser, oder vielmehr pseudotyphöser Zustand, der 
rasch nach circa 5 Stunden unter Schluchzen, zunehmender 
Dyspnee, stinkender und blutiger Ausleerung, Erbrechen, Zittern 
und Schauderanfällen tödtete. Die Leiche zeigte Oedem und 
Ecchymosen der Lunge, der Leber, des Darmes, ein flüssiges 
schwarzes Blut ohne Fibrincoagula. 

Diese Experimente sind werthvoll, wenn gleich sie unvoll- 
ständig sind. Einmal ist es gewiss ein Uebelstand, dass der 



179 



Tod sobald eintrat, indem bei längerer Dauer immerhin andre 
Veränderungen noch hätten entstehen können. Zweitens ist 
wohl zu bemerken, dass das eingesprizte Eiterserum in fau- 
lem Zustande war, also die Analogie nur auf die Prämie 
mit septischer Phlebitis und von Aufnahme verdorbenen Eiters 
passt. Immerhin jedoch können wir aus diesen Versuchen 
schliessen , dass die Eiterkügelchen für sich bald secundäre 
und multiple Entzündungen veranlassen, bald nicht, dass aber 
die Aufnahme einer in Fäulniss befindlichen eitrigen Flüssigkeit 
Erscheinungen hervorruft, die gerade den schwersten der zur 
Pyämie gerechneten Fällen ähnlich sind , nämlich jenen , wo 
der Tod früher erfolgt, als secundäre Abscesse gebildet wurden. 

Die Entscheidung, ob auch die Aufnahme von Eiterserum, 
ehe es zu faulen anfängt, schädliche Folgen haben kann, bleibt 
dagegen weiteren Experimenten überlassen. Die klinische Beo- 
bachtung jedoch, die unleugbare Thatsache nämlich, dass oft 
gebildete Abscesse ohne Eintritt schlimmer Zufälle vollstän- 
dig und sogar rasch verschwinden, was doch kaum anders 
als durch Aufnahme des Eiterserums in die Circulation ge- 
dacht werden kann, scheint nachdrüklich dahin zu stimmen, 
dass das frische Eiterserum nicht im Stande ist, die Erschei- 
nungen der Pyämie zu veranlassen. 

3) Gibt es eine primäre Diathese zum eitrigen Zerfallen, 
eine „Diathese purulente" wie sie Bretonneau zuerst be- 
nannte, und können als Folge einer solchen die vielfältigen 
Abscesse und der Symptomencomplex der Pyämie angesehen 
werden ? 

Tessier, der diese Frage im ganzen Umfang bejaht, 
und diese Art der Genese der Pyämie als einzig mögliche 
vertheidigt, lehrt in der Experience: die purulente Diathese 
ist eine Modificaiion des Organismus, characterisirt durch die 
Neigung, in festen und flüssigen Theilen Eiter zu produciren. 
Sie gibt sich unter 3 Formen kund: als purulentes Fieber, 
als purulente Phlegmasieen und als Status purulentus, drei in der 
Acuität verschiedene Grade, die in einander übergehen, und die 

12* 



180 



das Wesen der tödtlichen Epidemieen unter Verwundeten, Ope- 
rirten und Wöchnerinen sind. — Allein die Beweismittel für 
diese Behauptungen sind nur negative. Die Fälle, die er 
zur Stüze seiner Ansicht bringt, sind auf keinerlei Weise 
positive Beweise (z. B. Exper. VIII. 178) vielmehr steht und 
fällt mit den Säzen, dass der Uebertritt des Eiters in das 
Blut unmöglich sei, und dass der Eiter auch dem Blute bei- 
gemischt nicht das Bild der Krankheit hervorbringen könne, 
die ganze Argumentation Tessier's. 

Sie wäre haltbarer, wenn sie weniger exclusiv wäre. 
Es wird von der andern Seite wenig dagegen zu erwidern 
sein, wenn man anstatt der Behauptung, dass die Pyämie 
nur von primärer Diathese entstehen könne, sagt, dass sie 
auch primär, ohne Beihilfe einer vorhergegangenen Eiterbil- 
dung sich zu entwikeln vermöge, als eine Diathese, die bald 
ihren Grund in constitutionellen , bald in epidemischen und 
miasmatischen Verhältnissen haben kann. Die Möglichkeit 
eines solchen Vorgangs ist nicht zu leugnen, aber die Frage 
entsteht nur : in welchen Fällen und in welcher Ausdehnung 
von Fällen ist derselbe anzunehmen. Ist er die Regel? ist 
er die Ausnahme? Gehört er nur der Höhe der pyämischen 
Epidemie an? Jene Fälle vor allem können Gegenstand des 
Streits sein, wo bei Verlezten mit pyämischen Symptomen 
und secundären Abscessen nirgends eine Phlebitis oder eine 
ursprüngliche Eiterung vorgefunden wird. Soll hier die nahe- 
liegende Ausflucht benüzt werden: man habe nicht recht 
gesucht, oder dürfen sie als primäre Pyämie angesehen wer- 
den. Jene Fälle ferner , wo der Eiter in der Vene durch 
einen fibrinösen Pfropf isolirt ist: sollen wir bei diesen ein 
Durchdringen des Eiters durch den Pfropf, oder eine schon 
vor der Pfropfbildung durch den Eiter geschehene Infection 
annehmen, oder auch diese Fälle der primären Diathese zu- 
schieben? Jene Fälle endlich, wo der Tod eintritt, ehe Pro- 
ducte gebildet sind, weder in der Vene noch in den Einge- 
weiden: Sie wenigstens lassen fast keine andre Deutung zu, 



181 



als die einer primären, allgemeinen Infection. Man muss 
gestehen, dass die Debatte über diesen Gegenstand noch 
keineswegs schlussreif ist. Dass die pyämischen Zufälle so 
überwiegend häufig unter epidemischen Constellationen auf- 
treten , eine sporadische Phlebitis aber fast immer ohne 
allgemeine Folgen bleibt, scheint mir eine hohe Wahrschein- 
lichkeit dafür zu geben, dass die purulente Diathese eher die 
Regel, als die Ausnahme ist. Es versteht sich dass auch 
diese primäre Diathese nicht ohne Weiteres entsteht, son- 
dern ihre Ursachen hat; und wenn diese auch in einzelnen 
Fällen individual-constitutionell sein mögen, nämlich wo ohne 
bekannte Veranlassung spontane Eiterungen, eine um die Andre 
auftreten, bis sich die Neigung wieder verliert oder aber 
durch Eiterung an einer ungeschikten Stelle der Tod erfolgt, 
wo jede Hyperämie und Entzündung also gleich von Eiter- 
produclion gefolgt ist, (ich citire statt aller einen neulichst 
publicirten interessanten Fall von Tanquerel des Planches 
Journal de Medecine 1844, 261) so sind sie dagegen in der 
Mehrzahl der Fälle sicher äussere: die Luftconstitution , in 
der sich die Kranken aufhalten, die Atmosphäre, die sie ath- 
men und die auf ihre Wunden wirkt. Auch die primäre 
Diathese sezt in diesen Fällen eine Infection voraus, nur mit 
dem Unterschiede dass die inficirende Substanz nicht in dem 
Körper erst gebildet werden muss , nicht der Eiter des eige- 
nen Körpers zu sein braucht, sondern von Aussen aufge- 
nommen werden kann und erst secundär das Zustandekom- 
men von suppurativen Entzündungen der Venen wie andrer 
Theile bewerkstelligt. 

II. Auf welche Weise tritt der inficirende Bestandtheil 
in das Blut? 

1) Es ist keine Frage, dass eine directe, mechanische 
Beimischung von Eiter in die Gefässkanäle vorkommen kann, 
z. B. bei Oeffnung eines Abscesses in eine Ader, dass eine 
solche schwere Zufälle hervorrufen muss wie die Experimente 



182 



mit Thieren zeigen, aber auch dass diese Art der Infecüon 
zu den Seltenheiten gehört. 

2) Die frühste Ansicht, namentlich die von Velpeau war, 
dass der Eiter resorbirt werden könne und zwar entweder 
einfach aufgesogen werde, wie ein andres Exsudat, oder, wie 
Marechal will, durch offenstehende Venen angeschlukt 
werde. Für erstere Version schien besonders die Beobachtung 
schnell resorbirter Abscesse, für leztere die Fälle von Pyämie 
nach Amputationswunden und andern Verlezungen zu spre- 
chen. Und beide schienen auch in neuerer Zeit noch noth- 
wendig in den Fällen, wo nirgends innerhalb der Circulations- 
organe Eiter gefunden und doch metastatische Abscesse 
vorhanden waren. Allein mit Recht hat man gegen das 
Anschluken offener Venen eingewendet, dass ein solches nur 
in den dem Herzen nahegelegenen Venen stattfinden könne. 
Aber es existiren mehrere directe Beobachtungen , wo Eiter 
in Venen und Lymphgefässen, die mit Wunden und Abscessen 
zusammen hängen, gefunden wurden, ohne dass die Gefässe 
entzündet waren (Legallois Journal hebd, Ser. 1, Tom. III. 
p. 171 — 182.) Wurde hier der Eiter resorbirt? Dagegen spricht 
freilich die microscopische Grösse der Eiterkügelchen, die ein 
Zurüklreten in den Kreislauf unmöglich zu machen scheint. In- 
dessen existiren zwei merkwürdige Fälle von Eiter ohne Eiter- 
kügelchen, der eine von P. Berard (Dictionn. en XXX vol. 
Art. Pus. p. 468), der andre von Gavarret (Privatmitthei- 
lung anFIeury: der Eiter eines pleuritischen Exsudates, 
durch die Parazentese entleert, zeigte am ersten Tag kein 
einziges Eiterkörperchen , am zweiten dagegen die gewöhn- 
liche Zusammensezung , ohne dass das äussere Ansehen im 
Mindesten sich geändert hatte , Essai d'infection purulente 
p. 146), und es steht der Resorption eines solchen, der 
vielleicht häufiger vorkommt als man glaubt, nichts entgegen. 
Ueberdem ist es nach den Versuchen von d'Arcet in hohem 
Grade wahrscheinlich, dass schon das Serum des Eiters so- 
bald es anfängt, sich zu zersezen, im Stande ist, durch seine 



183 



Beimischung zum Blufe heftige Vergiftungszufälle hervorzu- 
rufen, wenn gleich in seinen Experimenten die secundären 
Abscesse fehlten. Endlich kann vielleicht auch der von 
Gruby angenommene Mechanismus der Resorption vor- 
kommen, dass die Eiterkörperchen bersten, die Körnchen in 
die Gefässe übergehen und erst in der Circulation oder in 
den Organen sich wieder zu Klümpchen sammeln. Hienach 
ist wenigstens die Möglichkeit einer Inficirung durch Absorp- 
tion nicht zu leugnen , wenn gleich vor der Hand als wahr- 
scheinlich anzunehmen sein mag, dass dieser Weg ein 
seltener ist. 

3) Der Eiter gelangte direct durch die Entzündung der 
Innenseite des Gefässkanals in die Circulation. Zuerst kommt 
hier die Entzündung der Venen in Betracht, deren ätiologi- 
scher Antheil längere Zeit besonders durch die Autorität von 
Dance und Cruveilhier die allein herrschende Erklärung 
selbst für alle Fälle geworden war. Aus irgend einem Grunde, 
nimmt man an, entsteht in Folge einer Verlezung, Operation, 
einer Geburt eine Venenentzündung in dem betheiligten Or- 
gane ; die nächste Folge davon ist die Coagulation des Bluts 
in der entzündeten Vene. Bleibt es bei der Verschliessung 
durch Coagula (adhäsive Phlebitis), so hat die Sache keine 
weitere Folgen. Wird aber nun später Eiter secernirt, durch- 
dringt dieser das Gerinsel und fängt er an, dieses los- und 
aufzulösen, wegzuspülen und sich dem Blute beizumischen, 
so entstehen die Symptome der Pyämie und der Eintritt se- 
cundärer Abscesse ist die Folge davon (Cruveilhier, Anato- 
mie patholog. Livr. XI.). 

Zuvörderst gibt diese Theorie durchaus keine Rechen- 
schaft darüber, warum zu gewissen Zeiten und in manchen 
Orten fast alle Verwundeten und Operirten von Phlebitis 
befallen werden, und warum diese das Einemal massig, gut- 
artig und adhäsiv, das andremal in epidemischer Ausbreitung 
bösartig und suppurativ wird. Sind es äussere Ursachen, 
welche diesen Unterschied bedingen, so kann nicht eingesehen 



184 



werden, warum und wie diese auf die im Innern der Organe 
verborgenen, z. B. in die Knochen eingeschlossenen Venen 
wirken sollen und können. 

Ferner ist es ganz entschieden, dass gar nicht selten bei 
an Pyämie Verstorbenen nirgends, auch beim scrupulösesten 
Examen nirgends, eine Entzündung der Venen sich zeigt. Solche 
Fälle sind nicht nur die sehr tumultuarisch verlaufenden und 
tödtlichen in Wochenfteberepidemieen , bei denen es über- 
haupt gar nicht zu Entzündungen kommt, sondern auch in mas- 
siger Acuität verlaufende Fälle, so ein von Gaudin in sei- 
ner Inauguralthese 1833 beschriebener und im Decemberheft 
der Arch. generales von 1834 mitgetheilter, ferner ein Fall 
von Jobert, von diesem durch Fleury (Obs. VIII.) der 
Oeffentlichkeit übergeben. In andern Fällen werden zwar 
Venenentzündungen gefunden, sie -entstehen aber nicht in 
dem betheiligten Organe, sie erscheinen erst im Verlaufe der 
Krankheit und müssen als secundär angesehen werden, wie 
ich selbst einen Fall der Art gesehen. 

Den Hauptangriff aber hat Tessier auf die bis dahin 
für unumstösslich gehaltene Lehre von der Phlebitis gemacht. 
Wie schon angeführt erklärt er den Uebertritt des Eiters von 
der Vene in den Blutstrom für unmöglich, denn der Eiter 
in der entzündeten Vene sei beständig durch Fibringerinnun- 
gen sequestrirt: es sei ja die erste Wirkung der Phlebitis 
nach Cruveilhier, dass das Blut coagulire, und das Coagulum 
versperre dem Eiter den Weg zum Herzen. Mit vielem 
Talent hat Tessier zur Verteidigung seiner Ansichten die 
Beobachtungen von Dance einer scharfen Prüfung unter- 
worfen (Exper. II, p. 2 ff.) und gezeigt, dass dieser Arzt zur 
Annahme des Eiterübertritts nirgends berechtigt war. Mit 
sophistischer Dialektik hat er weiter einen Widerspruch zwi- 
schen den Ansichten von Dance und Cruveilhier über den 
Moment des Uebertretens benüzt. Von grösserem Gewicht 
ist es aber, wenn Malgaigne (Journ. de Chirurgie 1843, 
p. 133) eine Privatäusserung von Cruveilhier, dem bedeutend- 



185 



sten der Vertheidiger der Phlebitis mittheilt, wonach dieser 
sich aussprach : eine Communication des Eiters mit dem 
Blute gesehen zu haben wage er weder zu behaupten noch 
zu verneinen, eine Erinnerung daran habe er aber nicht. 
Zwar hat neuerdings Bland in (Gazette des höp. 1842. 
p. 269) eine directe Beobachtung gegen Tessier geltend 
zu machen gesucht, die aber dieser eher für seine Theorie 
zu benüzen wusste (Gaz. medicale 1842. p. 386 ). 

Jedoch geht offenbar Tessier zu weit, wenn er von 
der Unmöglichkeit des Uebertritts von Eiter aus der ent- 
zündeten Vene in das Blut spricht. Es ist klar, dass die 
Gerinnungen sich auflokern können, dass wenn auch nicht der 
Eiter in Masse, so doch Bestandteile desselben in die Cir- 
culation gelangen können, dass die Entzündung bis in Venen 
sich erstreken kann, wo keine Verschliessung mehr möglich 
ist. Wirklich hat auch Fleury (Essai d'infection purulente 
p. 115 — 122) sechs Beobachtungen verschiedener Aerzte 
ihm entgegen gehalten, zwei von Ribes und Bouillaud, 
in welchen die Spuren der Entzündung sich bis in die grös- 
sern Gefässe erstrekten, und vier von Nivet, Lahorie, 
Hunter undMazet, wo die Fibringerinnungen loker, theil- 
weise oder gar nicht an den Wandungen des Gefässes fest- 
hingen und dem Eiter auf keinerlei Weise den Weg versperren 
konnten. 

Somit ist wenigstens die Möglichkeit eines directen 
Uebertritts des Eiters aus der entzündeten Vene in den 
Kreislauf erhalten und das Vorkommen eines solchen unleug- 
bar und es bleibt nur die Frage nach der Häufigkeit dieses 
Vorgangs. 

Geben wir aber auch nach dem bisherigen zu, dass 
Tessier in seiner Opposition gegen die geläufigen Ansichten 
sich zu weit hat reissen lassen, so scheint uns doch aus der 
ganzen auseinandergesezten Sachlage zu folgen: 

a) dass man viel zu freigebig mit der Annahme einer 
Phlebitis- als Ursache der purulenten Infection war, 



186 



b) dass, wo sie wirklich Ursache ist, vielleicht in 
vielen Fällen nur die serösen Theile des Eiters aufgenommen 
werden, die aber ohne Zweifel nur dann schädlich sind, 
wenn sie bereits im Zustande der Zersezung sich befinden. 

Die Aufnahme des Eiters aus entzündeten Lymphgefäs- 
sen hat weniger Debatten veranlasst. Es scheint sehr selten 
zu sein , dass die Lymphangeitis secundäre Abscesse ver- 
anlasst: jedoch theilt Fleury einen ihm von Job er t über- 
gebenen Fall dieser Art mit (Obs. X. Erysipel des Arms, 
Anschwellung der Achseldrüsen, Eiterung des subcutanen 
Zellgewebs, später Fröste, Tod. In der Leiche Eiter in 
den lymphatischen Gefässen der Glieder [„des membres," 
also auch an andern Stellen, als an dem von Erysipel be- 
fallenen Arm?], in den Achseldrüsen, metastatische Abscesse 
in Lunge und Leber , die Venen , die mit grösster Genauigkeit 
untersucht wurden, gesund). Velpeau spricht von ähn- 
lichen Fällen (Arch. gen. 1835. Juin pag. 146) ohne sie 
einzeln zu erzählen, sagt aber (ibid Juillet p. 320), dass secun- 
däre Abscesse in Leber und Lunge sehr selten seien. 

Bei diesen Entzündungen der Lymphgefässe taucht aber 
ein neuer Punkt auf, der im Stande sein könnte, die ge- 
läufige Lehre von der Pyämie von andrer Seite aus in Frage 
zu stellen. In manchen Fällen von Lymphangeitis werden 
nämlich alle Erscheinungen von purulenter Infection beobach- 
tet : Fröste, Dyspnee , heftiges Fieber, Erbrechen, Delirium, 
Somnolenz etc. , der Kranke stirbt und doch wird kein 
Abscess in den Eingeweiden gefunden. Sollte daraus nicht 
mit Sicherheit geschlossen werden können , dass überhaupt 
die Gegenwart und das Entstehen von innern Abscessen so 
wohl für das Vorhandensein der eigentlichen Blutalteration, 
als für das Auftreten der Symptome ohne Moment sei? 

4) In allen den Fällen, wo keine ursprüngliche Eiterung 
vorhanden ist, oder von dem gebildeten Eiter nichts ins 
Blut treten konnte, oder die Symptome dem etwaigen Ein- 
tritt vorangehen , in allen Fällen endlich , wo nieht eine 



187 



individuell constitutionale Diathese zur Eiterung angenommen 
werden kann , muss eine inficirende Schädlichkeit von aussen 
eingewirkt haben, in Folge deren das Blut acut verändert 
und zu rasch suppurirenden Entzündungen disponirt ist. 
Zu dieser Einwirkung können nur Stellen geeignet sein, wo 
Resorption leicht statt finden kann : Wunden , die Fläche des 
Uterus nach der Geburt , die Lungen. Die Art dieser Stel- 
len schon, aber noch mehr der Umstand, dass die inficirende 
Substanz auf sie meist oder oft nicht in palpabler Masse 
wirkt, schliesst jeden Gedanken an Aufnahme von wirklichem 
Eiter aus. Es kann nur ein verflüchtigbarer Stoff sein, und 
da nachweisbar diese Krankheiten in Spitälern mit Verwun- 
deten und Operirten und in Gebäranstalten epidemisch zu 
werden pflegen, so ist es wahrscheinlich, dass durch den 
Eiter und die Secretionen derselben , sobald sie in grösserer 
Menge in Zersezung gerathen , die Luft verpestet und dadurch 
der Träger der Infection, der Träger einer Art von Conta- 
gium oder Miasma wird, 

So werden wir annehmen dürfen , dass eine allgemeine 
Infection durch die Lungen namentlich eintreten kann , ehe 
die Wunde Veränderungen zeigt , und dass die topischen 
Zufälle: Erysipelas, Phlebitis, Lymphangeitis ebenso gut als 
Folgen der allgemeinen Infection angesehen werden müssen, 
wie die Abscesse und eitrigen Infiltrationen. Es stimmt diese 
Anschauungsweise in vielen Fällen mehr mit dem Verlaufe 
der Erscheinungen überein, als jene, welche die Phlebitis 
als das Primäre und den Ausgangspunkt der Krankheit an- 
sieht; und sie macht überdiess begreiflich, wie auch bei un- 
bedeutenden Verlezungen unter begünstigenden Umständen 
eine ungewöhnliche Bösartigkeit , Phlebitis tiefliegender Venen 
und der Tod zu befürchten steht, 

III. Wie verändert der inficirende Bestandtheil das Blut ? 

So lange man als die Conditio sine qua non der puru- 
lenten Infection den Eintritt von Eiter in den Kreislauf all- 
gemein annahm, war die Frage nur die, wie verändert der 



188 



Eiter das Blut? Und je nachdem die Erstwirkung und die 
spätere Wirkung, je nachdem man frischen oder faulenden 
Eiter in Betracht zog, konnte die Antwort verschieden aus- 
fallen. So sollte der Eiter bald als bloses mechanisches Hin- 
derniss dienen, bald das Blut in Eiterkügelchen umwandeln, 
bald gerinnen machen, bald verflüssigen, und Te ssier 
spottet mit einigem Schein von Rechte über die contradic- 
torischen Kräfte des Eiters, seine vertu liqu£fiante (vermöge 
deren das Blut in der Leiche flüssig gefunden werde) und 
die vertu coagulante (vermöge deren das Blut in der Nähe 
des Eilers gerinne). Allein der Widerspruch lässt sich lösen. 
Serum von frischem Eiter scheint gar keine Wirkung, wenig- 
stens in der Mehrzahl der Fälle auf das Blut zu haben , wie 
die Erfahrungen bei Resorption der Abscesse beweisen. 
Frischer guter Eiter im Ganzen dem Blute beigemischt, scheint 
die Gerinnung des Blutes zu befördern (H.Nasse); das Blut 
bleibt geronnen und verändert sich nicht weiter und nament- 
lich zeigt der Faserstoff in demselben weder eine Vermehrung 
noch Verminderung (Andral Hematologie p. 119). Dünner 
Eiter soll durch seinen Wassergehalt die Blutkügelchen lösen 
können (Magendie). Faulender Eiter dagegen dem Blute bei- 
gemischt hinderte die Coagulation des Blutes nicht, schien 
sie sogar zu fördern , indem keine Grusta phlogistica sich 
bildete, obwohl der Faserstoff im Uebermaas vorhanden war. 
Allein nach vier und zwanzig Stunden war das vollständig 
geronnen gewesene Blut in eine röthliche Flüssigkeit fast 
ohne alles Gerinsel verwandelt, und es waren weder Blut- 
kügelchen noch Faserstoff in ihr zu finden , die Eiterkörper- 
chen aber vollständig erhalten (Andral}. Der Eiter an der 
Luft sich selbst überlassen absorbirt Sauerstoff und kommt 
dadurch in den Zustand der Umsezung, Gährung, die vor- 
nehmlich in seinen flüssigen Bestandtheilen vor sich zu gehen 
scheint, und dass diese, sobald sie putreficirt sind, auch 
nach Entfernung der Eiterkügelchen die Infection bewirken 
können, haben, wie schon angeführt, die Experimente d'Arcets 



189 



bewiesen. Die Eiterkügelchen für sich dagegen scheinen 
keinen verändernden Einfluss auf das Blut üben zu können, 
und nur demselben mechanisch beigemischt zu bleiben. 

Es wirkt also der Eiter, oder können wir jezt sagen 
die inficirende Substanz überhaupt, nur im Zustand der Zer- 
sezung und daher wahrscheinlich durch die Zersezung. 
Diese Folgerung aus den Thatsachen gibt der Lehre von der 
primären Phlebitis einen neuen Stoss , indem hienach der 
Eiter in der Vene, der doch noch keine Zersezung erfahren 
haben kann , auch ohne Einwirkung auf das Blut sein müsste, 
wie auch Mal gaigne gegen Fleury geltend macht. Jedoch 
ist dieser Einwurf ohne grosses Gewicht, indem die Zer- 
sezung des in den Kreislauf getretenen Eiters auch inner- 
halb der Circulation selbst beginnen könnte. 

Dass die inficirende Substanz, welche durch die Luft 
auf die Lungen wirkt und von hier aus in den Kreislauf 
aufgenommen wird, in Zersezung begriffen ist, kann, wenn 
auch nicht als bewiesen, doch als wahrscheinlich angenom- 
men werden. Es ist ja eine Atmosphäre, die mit den ver- 
flüchtigten Theilen sich zersezender Excretionen und Eiters 
geschwängert ist, eine Atmosphäre, die meist schon durch 
den Geruch ihre üble Beschaffenheit zu erkennen gibt 

Wenn es nun aber der Zustand der Zersezung ist, der 
als wesentlich für die Wirksamkeit der inficirenden Substanz 
erscheint, so liegt nahe, anzunehmen, dass die Zersezung 
selbst das Wirksame ist, und dass die Wirkung eben auf 
einer Mittheilung der Zersezung an das Blut beruht. 

Es kann daneben in manchen Fällen noch eine blos 
mechanische Beimischung der Eiterkügelchen gedacht werden: 
aber diese kann nicht die wesentliche sein, da sie ohne 
Zweifel auch fehlen kann , ohne dass die Symptome sich 
verändern. D'Arcet war der Erste, der die mechanische 
Wirkung der Eiterkügelchen von der eigentlich inficirenden 
der sich zersezenden Eiterflüssigkeit trennte. 

Engel dagegen war der Erste, der die Art der Meta- 



190 



morphose des Bluts durch den inficirenden Eiter unter den 
Begriff der Gährung subsurnirte. Derselbe sagt (Archiv für 
phys. Heilk. 1841 p. 527): „Es gibt eine eigentümliche, 
durch unmittelbare Eiteraufnahme erzeugte Umänderung der 
Blutmasse, die darin besteht, dass das Blut seine Neigung 
zur Gerinnung verliert, seine Farbe allenthalben in das 
schmuzig dunkelrothe umändert, im Conlacte mit der Atmo- 
sphäre sich nicht mehr hellröthet , dünnflüssiger wird , dass 
es Neigung bekommt, einen Theil seiner festen Bestandtheile 
in Form einer eitrigen Exsudation auszuscheiden. — Die 
Cadaver unterliegen rasch der Fäulniss. — Nur der unmittel- 
bare Contact mit Eiter kann diese Metamorphose bedingen. 
— Von den beiden Substanzen des Eiters, der formlosen 
Flüssigkeit und den Eiterzellen scheinen es vorzüglich die 
leztern zu sein , denen man diese umändernde Kraft zuzu- 
schreiben hat." Diese Darstellung ist die erste , welche die 
Liebig' sehe Idee von der Gährung medicinischer Seits ac- 
ceptirt hat. Es enthält aber diese Theorie verschiedene 
Stüke, heterogene Bestandtheile , die wir einzeln einer Be- 
trachtung unterwerfen müssen. 

1) Die Darstellung des objeetiven Thatbestands wird 
zwar im Allgemeinen jeder naturgemäss finden, allein doch 
gewissermaassen nur für die mittleren und höheren Grade, 
nicht für die niedern und höchsten passend, wie später 
Engel selbst in weiterer Auseinandersezung durchsehen 
lässt , indem in den niederen Graden plastische Gerinnungen 
und Exsudationen die Norm sind, in den höchsten die Pro- 
duktbildung fast gänzlich ausbleibt. Mit Recht stellt Engel 
selbst diese Verschiedenheiten als verschiedene Stufen des- 
selben Processes dar und sagt namentlich — im Widerspruch 
mit dem ersten Passus — pag. 531: „Die Blutgerinnungen 
scheinen, wenn sie vorhanden sind, das erste Symptom der 
Einwirkung des Eiters zu sein" und pag. 530 : „Im Beginne 
einer puerperalen Epidemie zeigen sich plastische Exsudalio- 



191 



nen von bedeutender Quantität, das Blut trägt durchaus den 
inflammatorischen Charakter." 

Wir dürften demnach als eine zusammengehörige Reihe 
des wesentlich gleichen Processes: die vermehrte Gerinnung 
des Bluts mit plastischen Produkten, dann die eitrigen Pro- 
dukte mit allmäligem Verlust der Gerinnungsfähigkeit des 
Bluts, zulezt das vollständige Gelöstbleiben desselben ohne 
Produkte ansehen, eine Stufenreihe, die um so mehr als 
zusammengehörig betrachtet werden kann, als sie in dersel- 
ben Epidemie allmälig und in steten Uebergängen durchlaufen 
wird, und als auch in den Gaspard' sehen Experimenlen 
je nach der Acuität des Verlaufs bei putriden Injectionen 
bald nur dissolutes Blut gefunden ward, bald aber eitrige 
Produkte mit fibrinösen Gerinnungen zu Stande kamen. 

2) Dürfen diese Veränderungen als Gährung bezeichnet 
werden ? — Zieht man die ausgezeichnetsten Fälle, namentlich 
jene in Betracht, wo in wenigen Tagen der Tod ohne Pro- 
duktbildung eintritt, so muss man nicht nur die Wahrheit 
eines Vergleiches mit Gährung zugeben, sondern man muss 
sogar anerkennen, dass die Thatsachen auf keine andere 
W T eise begriffen werden können, unter keinen andern Vor- 
gang passen als unter den der Gährung. Eine der Masse 
nach geringfügige Ursache, von der mehr als wahrscheinlich 
ist, dass sie eine in Zersezung begriffene Substanz ist, reisst 
die gesammle Blutmasse in eine Umwandlung hinein, die der 
normalen entgegengesezt ist (das Blut gerinnt nicht mehr), 
hebt die Einwirkung des Sauerstoffs auf (das Blut röthet sich 
nicht mehr an der Luft), vernichtet die wesentlichen Eigen- 
schaften des Bluts und führt den Tod, die Auflösung des 
Organismus herbei , nach welchem der Leichnam rasch in 
weiterem Zerfall fortschreitet. Es ist diess eine offenbar 
chemische Umsezung in einer complexen Flüssigkeit, ange- 
regt durch eine äussere Ursache, verschieden von den nor- 
malen Umwandlungen und nicht früher endend, als bis das 
ganze Blut die Zersezung erlitten hat. Das Leiden des Ner- 



192 



vensystems erscheint deutlich als ein Secundäres, gibt sich 
anfangs nur durch paroxysmenartige Fröste kund, bis end- 
lich erst bei weiter fortschreitender Blutdissolulion seine 
Functionen dauernd zerrüttet und unmöglich werden. Wenn 
irgend je im Blute abnorme chemische Umsezung und Gäh- 
rung angenommen werden soll, so sind es solche Fälle, die 
dahin zu rechnen sind. 

Wenn diess nun aber in jenen höchst gesteigerten Fäl- 
len von purulenter Infection, bei welchen es der Acuität 
wegen gar nicht mehr zur Produktabsezung kommt, erlaubt und 
nothwendig, so können von demselben Process die unmittel- 
bar sich anreihenden Fälle, wo zwar dissolutes Blut, aber 
an vielen Stellen des Körpers Eiter als Produkt erscheint, 
nicht ausgeschlossen werden. Auch hier ist dieselbe Gäh- 
rung, nur scheint es, dass sie weniger tumultuarisch vor 
sich gehe, so dass das Blut noch Produkte in der Form 
isolirter Zellen in den Geweben zu Stande bringt, ganz wie 
in dem sechszehnten Experimente von Gaspard. 

In den Fällen endlich, wo, plastische Gerinnungen theils 
noch im Blute und neben eitrigen Absezungen, theils aber 
als Produkte, die vielleicht noch in ihrer Mitte zu Eiter 
schmelzen, oder aber auch gar keinen Eiter enthalten, sich 
finden, ist allerdings die Analogie mit der Gährung weniger 
naheliegend, und es erscheinen sogar diese Fälle den erst- 
genannten geradezu entgegengesezt. Wenn wir aber darauf 
Rüksicht nehmen, dass von den höchstgradigen Fällen mit 
entschiedener Dissolution bis zu den mit einfachen Gerin- 
nungen in einer und derselben Epidemie eine ununterbro- 
chene Reihenfolge mit unmerklichen, ganz allmäligen Ueber- 
gängen existirt, so werden wir daraus auch für die lezteren, 
leichtesten Grade denselben Process und dieselbe Erklärung 
in Anspruch nehmen dürfen , um so mehr , da auch bei ein- 
zelnen Experimenten mit Eiter oder Jaucheeinsprizung plasti- 
sche Gerinnungen erzielt wurden , und zwar um so mehr, je 
langsamer, müder der Verlauf war. Diese Anschauungsweise 



193 



— wenn gleich nur eine wahrscheinliche Hypothese — wird 
durch unsre Theorie, dass die Vermehrung des gerinnfähi- 
gen Faserstoffs gleichfalls auf einer innern chemischen Meta- 
morphose beruht , gestüzt und stüzt sie selbst ihrerseits 
wieder. 

Wir sehen daher die Verhältnisse folgendermaassen an : 
In den leichtern Fällen beschleunigt das Ferment — sei es 
im Körper entstanden oder von aussen zugekommen — nur 
die normale chemische Metamorphose des Bluts und lässt 
Faserstoff im Uebermaass sich bilden , der sofort in den 
Organen ausschwizt und geronnene Exsudate bildet, die je 
nach den Umständen ihrer Entstehung sich erhalten oder 
eitrig zu schmelzen anfangen. Es entstehen Peritoniten, 
Pleuriten, Pericarditen, auch wohl Pneumonieen und He- 
patiten zum Theil schon mit eitrigen Absezungen. — Je 
intenser dagegen das Ferment wirkt , um so mehr wird das 
Blut in eine andere, raschere, tumultuarische Umwandlung 
hineingerissen, die kein Analogon mehr mit den Metamor- 
phosen des gesunden Lebens hat, bei der kein Faserstoff 
gebildet wird; das Blut vielmehr innerhalb des Kreislaufes zu 
zerfallen anfängt, wie es sonst nur bei der Fäulniss geschieht. 
Je stürmischer dieser Vorgang ist, um so weniger kommt 
es zu Exsudationen, und wo solche stattfinden, sind sie 
wenigstens nicht fibrinös , sondern bleiben auf der niedersten 
Stufe acuter Organisation stehen, auf der Stufe des Eiters. 

3) Engel gibt an, es sei zur Infection der unmittel- 
bare Contact mit Eiter nöthig. Ein unmittelbarer Contact 
des Blutes mit der inficirenden Substanz ist zweifelsohne 
unerlässlich. Dagegen können wir nach den sub I. und II. 
besprochenen Thatsachen unmöglich annehmen, dass der 
Zutritt von Eiter als ganzes die Bedingung der Infection sei. 

4) Ebenso wenig können wir dem Ausspruche Enge Fs 
beipflichten, dass es die Eiterkügelchen sind, welche die 
Umwandlung bewirken. — Nicht nur ist es a priori unwahr- 
scheinlich, dass von festen Körpern eine chemische Umwand- 

Wunderlich, Path. d. Bluts. 13 



194 



lung ausgehe, sondern es zeigt auch einerseits das Experiment, 
dass die Eiterküg eichen selbst durchaus nicht nothwendig 
eine Umwandlung im Blute hervorbringen, andrerseits, dass 
die saniöse und putride Flüssigkeit diess allein und für sich 
vermag. Es zeigen ferner die Fälle, wo unabweisbar eine 
Infection früher eintrat, ehe an irgend einer Stelle die Eiter- 
produclion begann , und wo wir also eine Uebertragung durch 
die Luft und die Lunge anzunehmen fast gezwungen sind — 
diese Erfahrungen zeigen, dass die Eiterkörperchen unwesent- 
lich für das Zustandekommen der Infection sein müssen. 
Wir sind daher geneigt anzunehmen : 

a) dass allerdings durch eine Phlebitis oder einen 
Abscess, der in den Kreislauf sich öffnet , die „Eitergährung" 
des Blutes bewirkt werden kann, dass diess aber selten ge- 
schieht, so lange der Eiter ein „guter" ist, und wenn es je ge- 
schieht, so müsste angenommen werden, es habe die Zersezung 
der inficirenden Flüssigkeit selbst erst innerhalb des Kreis- 
laufes begonnen. 

b) Dass putrescirende Abscess- oder andere Jauche, 
wenn sie in den Kreislauf durch Resorption , Phlebitis oder 
andere Weise gelangt ist, die Infection um so sicherer be- 
wirkt , je reichlicher und je vorgeschrittener in der Zersezung 
sie ist. 

c) Dass in den Fällen epidemischer und endemischer 
Pyämie die Infection am wenigsten durch die vorhandenen 
Phlebiten und Abscesse geschieht, sondern vielmehr diese 
selbst eine Folge schon stattgehabter Inficirung sind, als 
deren Träger die Luft und als deren Atrium mit Wahrschein- 
lichkeit die Lungen bezeichnet werden dürfen. 

d) Dass es von der Intensität des Ferments und der 
Acuität des Verlaufs, ohne Zweifel aber auch von individuellen 
Verhältnissen abhängt, ob nur vermehrte Gerinnbarkeit des 
Blutes und geronnene Exsudate, oder eitrige Produkte, oder 
endlich ein allenthalben dissolutes Blut zu Stande kommen. 

IV. Wie entstehen die multiplen sogenannten metasta- 



195 



tischen Abscesse in den Eingeweiden bei der purulenten 
Infeetion ? 

1) Die erste und nächstliegende Ansicht war : der Eiter 
in den Kreislauf gerissen sezt sich wieder in den Organen 
ab , die er seiner Körner wegen nicht passiren kann. Die 
Thatsache, dass die secundären Abscesse oft unendlich viel 
reicher an Eiter sind, als aufgenommen werden konnte, schlägt 
diese Erklärung, wenn auch nicht noch viele andere Gründe 
gegen sie stünden. 

2) Die Eiterkörperchen in die feinsten Gefässe gelangt, 
stoken in ihnen, veranlassen mechanisch umschriebene Ent- 
zündungen, capilläre Phlebiten, deren Folge eine kleine 
fibrinöse Infiltration, oder wenn es weiter kommt ein neuer 
Abscess ist. Diese Ansicht, von Cruveilhier vertheidigt 
und durch das berühmte Experiment mit den Queksilber- 
injecüonen unterstüzt, hat wenigstens die Möglichkeit für 
sich. Auch hat d'Arcet theils durch Einsprizung von Gold- 
staub, theils durch Injection von Eiterkügelchen ohne Serum 
gezeigt, dass wirklich diese Genese der Lungenabscesse 
stattfinden kann. Aber es geräth diese Theorie mit manchen 
Thatsachen in Widerspruch. Es hat nämlich in vielen Fällen 
gar keine Eiterkügelchen-Aufnahme stattgenommen und doch 
entsteht der ganze Symptomencomplex , entstehen selbst die 
secundären Abscesse. Es wird ferner die so gewöhnliche 
eitrige Exsudation in seröse Höhlen durch dieselben nicht 
erklärt. Es bleibt ganz undeutbar , warum in manchen Fällen 
der ganze Körper überall wo man einschneidet wie getränkt 
mit Eiter ist. Man begreift nicht ,. wie in der Leber und in 
den übrigen Organen des grossen Kreislaufs Eilerungen ent- 
stehen können , da doch schon in der Lunge alle Eiterkügel- 
chen aufgehalten werden sollten; endlieh, warum, wie auch 
He nie (Pathol. Untersuchungen pag. 273) richtig einwendet, 
die Lungenabscesse zuweilen fehlen, die doch, wenn die 
mechanische Ansieht die richtige wäre, nie ausbleiben dürften. 

D'Arcet nimmt daher bei Eitervergiftung eine doppelte 

13* 



196 



Art des schädlichen Einflusses an: eine Zersezung des Blutes 
durch das putride Serum und eine Bildung von disseminirten 
Entzündungsheerden durch die mechanische Wirkung der 
Eiterkörperchen. — Auch diese Ansicht ist nicht ganz 
vereinbar mit obigen Thatsachen, obwohl sie der Wahrheit 
näher rükt. 

Noch mehr scheint Tessier eine Ahnung von dem 
wirklichen Vorgang zu haben, der durch die Diathese, mag 
sie nun entstanden sein wie sie will, oder sagen wir besser 
durch die eingeleitete Blutumwandlung eine Neigung des 
Bluts zu eitrigen Produktionen annimmt. Nur wollen wir 
gegen seinen Irrthum protestirt haben, als ob das Blut selbst 
in Eiter sich umwandle, und ebenso müssen wir es bei ihm 
tadeln, wenn er die Aufnahme der Eiterkügelchen , wo sie 
geschieht, für nichts achtet oder leugnet. 

Der wahre Hergang scheint uns vielmehr folgender 
zu sein: 

Durch die Infection erleidet das Blut eine solche Um- 
wandlung, dass es in den leichtesten Fällen zur Abtretung 
seines überflüssigen Faserstoffs, in mittlem und höhern Gra- 
den zu Ausschwizungen disponirt ist, die rasch aber unvoll- 
kommen sich organisiren, auf der Stufe des Eiters verbleiben, 
in den höchsten Graden aber keiner organischen Produktbil- 
dung mehr fähig sich zeigt. Diese Produkte , zu denen es 
durch die Infection und durch die eigene Umwandlung nur 
disponirt ist, werden erst zu Stande kommen, wenn örtliche 
Veranlassungen zu einer Stase an irgend einem Orte des Kör- 
pers eintreten, und es wird um so geringerer Veranlassung 
bedürfen, je grösser die Disposition ist. Die Veranlassungen 
aber können unzählige sein, sind z. B. bei Wöchnerinnen 
im Bauchfelle der Zustand der Erschlaffung , in andern Thei- 
len vielleicht die Lage , ein Druk , eine zufällige Blulüber- 
füllung. Eine höchst sichere Veranlassung aber zu solchen 
Produktbildungen muss es sein, wenn voluminöse Eiterkör- 
perchen im Blute circuliren , deren Stekenbleiben unter 



197 



anderen Umständen vielleicht ohne Folgen bliebe , die zer- 
fallen und wieder weiter geführt werden könnten, die aber 
nun, bei der vorhandenen Disposition zur Ausschwizung, fast 
unfehlhar eine solche erregen. Daher denn die Häufigkeit 
der secundären Abscesse in dichten Geweben mit reicher 
Capillarität. 

V. In welchem Verhältnisse steht die pyämische Gäh- 
rung zu den andern Blutalterationen ? 

Es scheint, dass keine Art von Blutmischung das Ent- 
stehen der Pyämie ausschliesse , dass dieselbe aber in rei- 
chem Blute leichter zu Stande komme, als in armem. Hype- 
rinose ist Begleiter der massigsten Grade von Pyämie, in 
den höhern Graden verschwindet der weitergehenden Blut- 
zersezung wegen der Faserstoff vollkommen oder doch beinahe. 
Länger scheinen die Blutkügelchen zu widerstehen , doch auch 
diese zeigen bei hochgradiger Pyämie Veränderungen und 
mögen theilweise verschwinden. Constant ist bei Pyämie 
der Einfluss des Sauerstoffs auf das Blut gemindert, daher 
immer zugleich eine cyanotische Beschaffenheit des Blutes 
und ein entsprechendes Aussehen der Kranken. Vielleicht 
kann auch die icterische Hautfärbung, die so häufig bei Pyämie 
ist, als Folge der verminderten Oxydation des Blutes ange- 
sehen werden. 

Bei sehr langsamem Verlauf der Pyämie , bei sehr 
geringer Aufnahme des inficirenden Stoffes kann es ge- 
schehen , dass die Lungenoxydation die beginnende Gährung 
überwindet; dauert aber eine massige Aufnahme inficirter 
Substanz anhaltend fort, so kann die auf solche Weise 
schleichend gewordene Pyämie in der Form der Hectik tödten, 
wie in vielen Fällen von nicht heilenden Abscessen , von 
Amputationen und so fort beobachtet werden kann. 

Wir haben die putride Infection gleichfalls als eine ab- 
norme Gährung des Blutes betrachtet: welches ist nun das 
Verhältniss dieser zur Pyämie ? Offenbar kommen die höchsten 
Grade der Pyämie mit den acuten Fällen von putrider 



198 



Infection vollkommen überein und die Experimente haben 
gezeigt, dass putride Injectionen, sobald sie langsam wirken, 
eitrige Produkte zur Folge haben. Die schlimmsten , aber 
auch seltensten Falle von Vergiftung durch Leichenjauche 
tödten in der Form der putriden Infection ohne dass Pro- 
dukte entstehen. In den gemässigten Graden entsteht eine 
Lymphangeitis oder Phlebitis, und aus ihnen zuweilen Pyämie. 
Diese Verhältnisse lassen schliessen, dass die putride Infec- 
tion der höchste Grad, die tumultuarischste Art der Gährung 
sei , von der sich die Pyämie nicht im Wesen , sondern nur 
in der Intensität und Raschheit des Verlaufs unterscheidet. 
Allein täuschen wir uns nicht ! Ganz allein kann der Unterschied 
doch nicht ein blos quantitativer sein. Denn es gibt langsam 
verlaufende Fälle von putrider Infection, bei denen keine 
Eiterproduktion zu Stande kommt. Vielleicht liegt der Grund 
dieser Abweichungen in den individuellen Verhältnissen des 
Befallenen. 

Ist die putride Infection der höchste Grad der abnormen 
Gährung im Blute, und die Pyämie ein massigerer Grad 
desselben Hergangs, so dürfen wir ohne Zweifel jene Fälle, 
wo in Folge einer örtlichen Faserstoffgerinnung eine ver- 
mehrte Fibrinbildung im gesammten Blute angeregt wird, als 
dritten und leichtesten Grad dieses Processes ansehen. 
Faulige Affection , suppurative und plastische Entzündungen 
sind damit als die verschiedenen Stufen einer gährungsartigen 
Umwandlung des Blutes bezeichnet , und die Erfahrung lehrt, 
dass diese Affectionen ohne Grenze in einander übergehen. 
Wie sehr diess geschieht , kann an den Affectionen fast aller 
Organe, am besten aber an jenen der Beobachtung mehr 
zugänglichen Entzündungen nachgewiesen werden, die die Ra- 
chenschleimhaut befallen , und die man in derselben Epidemie 
bald als membranöse, bald als suppurirende , bald als gan- 
gränöse Angine, je nach der Steigerung der Epidemie oder 
nach den Verhältnissen des einzeln Befallenen beobachten 
kann. 



199 



VI. Es bleibt noch übrig zu betrachten, welchen Ein- 
fluss die Therapie auf die purulente Gährung haben kann. 
Erfahrungsmässig ist die Pyämie eine der directen Behand- 
lung unzugängliche und fast immer tödtliche Krankheit. Wir 
besizen kein Mittel, durch das wir mit einiger Wahrschein- 
lichkeit auf Erfolg der begonnenen Gährung Einhalt thun 
könnten. Es muss daher alles daran liegen, den Zutritt der 
inficirenden Substanz zu verhindern. Die Sorge für reine 
Luft in den Zimmern von Verwundeten, Operirten und 
Wöchnerinnen, und der Versuch, eine beginnende Eiterung 
in einer Vene zu isoliren, oder aufgenommene schädliche 
Substanzen wieder zu zerstören oder doch vom Eintritt in 
den Kreislauf abzuhalten, ist die Prophylaxis und das sicherste 
Mittel gegen die Pyämie. 

Ist dagegen Grund zur Annahme vorhanden , dass die 
Umwandlung des Blutes schon begonnen hat, so ist kein 
andrer Weg der Rettung, als diese Umwandlung auf dem 
niedersten Grad zu erhalten und möglichst chronisch zu 
machen. Dadurch allein kann es gelingen, dass der Orga- 
nismus den Process übersteht , während er bei tumultuari- 
schem Fortgange unfehlbar zu Grunde geht. Starke Aderlässe 
scheinen das Hauptmittel zu sein, den Process zu schwächen 
und chronisch zu machen. Nächstdem wirkt vielleicht in 
ähnlicher Weise das Opium, das wenigstens die Empfindlich- 
keit des Nervensystems für die veränderte Blutmischung ver- 
mindert Auch das Chinin ist vielleicht nicht ganz ohne 
Nuzen : zwar wurde es ursprünglich in der falschen Voraus- 
sezung in Gebrauch gezogen , dass die Fälle von Pyämie ein 
perniciöses Wechselfieber seien, und man hat es daher, als 
eine bessere Einsicht in die Natur dieser Zustände erlangt 
wurde , wieder bei Seite gesezt. Aber das Chinin wirkt ohne 
Zweifel in der Intermittens wie in allen Fällen nur durch 
seinen tonischen Einfluss auf das Mark, und warum sollte 
es durch diese Wirkung bei massigen Graden von Pyämie 
nicht das Rükenmark in Stand sezen , der deletären Influenz 



200 



zu widerstehen und auszudauern, bis die Veränderung des 
Bluts gehoben ist und die örtlichen Störungen sich gelöst 
haben? Vom Queksilber in ausgedehnter Anwendung hat 
man gleichfalls günstigen Erfolg gesehen, vielleicht dass durch 
dasselbe eine künstliche Blutveränderung bewirkt wird, die 
dem Fortschreiten der Gährung hinderlich ist, obwohl die 
Beobachtungen Andral's bei einer mercuriellen Stomatitis 
nicht dieser Ansicht zur Stüze dienen können, indem dabei 
nichts weiter als die gewöhnliche entzündliche Faserstonver- 
mehrung gefunden wurde. 



Nachdem wir die einzelnen Veränderungen des Bluts, 
wis sie sich empirisch darbieten und durch die Analyse der 
Fälle erkannt werden , der Erörterung unterworfen, muss es 
auffallen, dass von wichtigen Krankheiten , die allgemein und 
ohne Zweifel mit Recht als wesentliche Blutalterationen an- 
gesehen werden, nur beiläufig und zum Theil gar nicht die 
Rede war. 

Der Typhus, das gelbe Fieber, die Exantheme, die 
Dysenterie unter den acuten Krankheiten, der Scorbut, die 
Gicht, die Syphilis, die Scropheln, die Tuberkeln, der Krebs, 
die Chlorose, die Rhachitis , die Flechten sollte man denken, 
haben vor Allem das Recht und den Anspruch, in einer 
Blutpathologie abgehandelt zu werden. 

Wohl existiren über das Verhalten des Blutes in diesen 
Krankheiten Untersuchungen: aber theils haben sie keine 
constanten, sogar unvereinbare Resultate geliefert, theils hat 
man bei ihnen nur solche Veränderungen im Blute gefunden, 
welche auch in anderartigen Krankheiten vorkommen und 
welche daher nicht als der ausreichende und wesentliche 
Grund der Symptome angesehen werden können. Wir müs- 
sen daraus schliessen, dass in jenen Krankheiten theils noch 



201 



ganz unbekannte Verhältnisse stattfinden, von deren Natur 
die heutige Medicin nicht einmal eine Ahnung hat, theils, 
dass es combinirte Verhältnisse sind, die bei ihnen zusam- 
menwirken. Vergeblich würde man hier Theorieen und Hypo- 
thesen machen und hat sie gemacht: man muss zusammen- 
gesezte Verhältnisse nicht erkennen wollen , so lange die 
Elemente nicht gefunden sind, aus denen sie bestehen. 

Es war der Unsegen der alten Humoralpathologie , dass 
sie diess übersah , und dass sie Antworten für möglich 
erachtete, wo selbst das Fragen noch nicht erlaubt war. 
Gar zu gerne geht man in der Medicin zu weit in den 
Fragen ; auch sie haben eine Grenze, und man erkennt die 
Unwissenschaftlichkeit nur zu oft an der ausschweifenden 
Ungebundenheit, mit der sie ihre Fragen thut. Und die 
Medicin darf hier wohl die Methode der physicalischen Wis- 
senschaften beherzigen und nachahmen, welche nie über 
einen Complex von Erscheinungen speculiren , sondern ihn 
in seine Elemente aufzulösen und deren Natur zu bestim- 
men suchen. 

Die angeführten Krankheiten haben für den jezigen Stand 
der Wissenschaft nur den Werth empirischer Symptomen- 
complexe, deren wahre und nächste Ursache wir so wenig 
kennen, als wir deren wesentliche Natur, den eigentlichen 
Mechanismus des Processes zu durchschauen vermögen, an 
denen wir vielmehr nur hin und wieder ein und das andere 
Verhältniss ermitteln können. Damit müssen wir uns vor 
der Hand und — wenn nicht Alles trügt — noch lange 
begnügen. 

Manche Verhältnisse bei jenen Krankheiten sind aufs 
genaueste bekannt und begreiflich: die anatomischen Läsionen, 
die Störungen der Nervenfunction sind durch die neuesten 
Untersuchungen dem Verständnisse durchaus zugänglich ge- 
worden. Aber noch fehlt das Glied, welches diese Verhält- 
nisse nicht nur unter sich, sondern auch mit jenen vagen 
Umständen, die man als Ursachen anzusehen pflegt, zusam- 



202 



men hält. Alles weist darauf hin, dass das Glied im Blute 
zu suchen ist: aber wenig ist damit gefördert, so lange diese 
Vermuthung aus dieser abstracten und precären Fassung nicht 
hinauszukommen vermag. 

Bei dieser Lage der Sache hat man vielfach versucht, 
durch Analogieen sich zu helfen: und wenn auch nicht zu 
leugnen ist , dass damit mancher gute Gedanke in die Me- 
dicin eingeführt wurde, so ist und bleibt dieses Verfahren 
ein trügerisches und gefährliches. Es ist unendlich klüger, 
die Luken des Wissens zu zeigen und anzuerkennen , als sie 
durch Theorieen , die nicht in der Sache selbst ihre Berech- 
tigung und ihre Motive haben, zuzudeken. — Darum wurde 
eine specielle Betrachtung der genannten specifischen und 
complexen Krankheitsverhältnisse hier vermieden. 



-^Ö^O" 



Wvittev 3lbf$nitt 



Es ist ein irriger Wahn, dass Theorieen von Theorieen 
gestürzt werden. Neue Thatsachen sind es, mit welchen die alten 
Theorieen nicht mehr zu vereinigen sind, welche diese unmög- 
lich und neue Theorieen nothwendig machen. Die Vergänglich- 
keit der Systeme ist kein Spiel des Zufalls, sie ist begründet 
in dem Wachsthume des positiven Inhalts der Wissenschaft, 
Die Theorie ist nur der geistige Ausdruk für diesen, und 
der Ausdruk muss wechseln, sobald sein Substrat eine andere 
Gestalt annimmt oder eine grössere Ausdehnung gewinnt. 
Darum sind die alten Theorieen antiquirt und überwunden, 
weil die Welt von Thatsachen, in der wir uns bewegen, eine 
andere, weitere geworden ist. Wer diese Thatsachen begreifen 
will, darf nicht den alten Maassstab an sie anlegen, der für 
sie nicht geschaffen ist: er wird mit ihm stets nur falsche 
Werthe erhalten. Man hört heuligen Tages noch darüber 
streiten, ob ein krankhafter Process eine Entzündung sei 
oder nicht, und man sieht, wie man dabei immer nur den 
alten Entzündungsbegriff zum Criterium nimmt, und doch ist 
dieser Begriff der Entzündung, wie er der alten Medicin ge- 
läufig war, für die derzeitigen Verhältnisse unanwendbar. 
Er hängt an vier Symptomen und an der Vorstellung, dass 
Blutentziehungen und Mittelsalze gegen sie nüzlich seien. 

Jeder neue grosse Erwerb an positivem Material in der 
Medicin, führt eine Umgestaltung der Begriffe und Anschau- 



206 



ungen herbei, und die alten Ausdrüke büssen dabei ihre 
Werlhe ein und verlieren ihre Verständlichkeit. Die Wen- 
dung, die die Wissenschaft in der lezten Zeit genommen hat, 
mnsste mehr als irgend eine andre Periode diese reformato- 
rische Consequenz haben, und die Nervenpathologie, wie der 
neue Humorismus haben daran ihren gleichen Theit. Unendlich 
vieles ist dadurch klarer und durchsichtiger geworden, aber dem 
Drausenstehenden freilich erscheint alles als eine bunte Con- 
fusion. Die Gegenwart in unserer Wissenschaft hat eben 
das Eigenthümliche, dass sie keine halbe Theilnahme, kein 
oberflächliches Mitthun zulässt. Wer nicht mitten in der 
Gegenwart steht, dem ist sie verschlossen. Der Ecclektiker 
ist heutzutag schlimmer daran, als je: er hat durch sein 
Hinschielen auf die Fragen der Zeit nur bis zu den Zweifeln 
Einsicht bekommen ; die Mittel zur Lösung hat er nicht 
erreicht. 

Ein scizzirter Hinblik auf die mit den humoralen Ver- 
hältnissen in Beziehung stehenden Veränderungen der patholo- 
gischen Anschauungen mag daher hier versucht werden, und 
ich hoffe, hiebei auf manche bis jezt noch vernachlässigte und 
übersehene Momente aufmerksam machen zu können. 



Die Hyperämie, die Ueberfüllung eines Theils mit Blut 
ist der Ausgangspunkt der meisten organischen Veränderun- 
gen, Es ist vor der Hand gleichgiltig , wie sich der Streit 
über den wesentlichen Zustand der Capillargefässe bei der 
Entstehung der Hyperämie schlichte. Aber das ist ausser 
Frage , dass Erweiterung wie einseitige und unordentliche 
Verengerung der Capillarien das gleiche Resultat: Verlangsa- 
mung des Blutlaufs, Stokung desselben an der befallenen 
Stelle haben muss. 

Der nächste Grund der Hyperämie ist ein Missverhält- 
niss des Widerstandsvermögens der Gefässwände gegen den 



207 



hydrostatischen Druk des Blutes , und es ist klar, dass dieses 
Missverhällniss durch verschiedene Umstände kann herbeige- 
führt werden. Darum glauben wir kann die Hyperämie auch 
auf verschiedenen Wegen entstehen und so gewiss Lähmung 
der Capillargefässe durch Druk oder Nervenparalyse not- 
wendig Hyperämie zur Folge haben muss, so kann diese doch 
wahrscheinlich auch durch den entgegengesezten Zustand, durch 
stärkere Contractionen, namentlich einzelner Capillarien hervor- 
gerufen werden , um so mehr als auf diese Erschlaffung folgen 
muss. Die neueren Forschungen, welche den Einfluss des 
Zustands der Nervencentra auf Entstehung örtlicher Hyperä- 
mieen ausser Zweifel gesezt haben, sind wichtig genug, aber 
wir zweifeln, ob dadurch die Categorie der Reize aufgelöst 
wird und möchten vor der Hand manche Hyperämieen noch 
als Folge von eines reizenden Einflusses wegen verstärkten 
tumultuarischen und eben dadurch unordentlichen Contractio- 
nen der Capillarien ansehen, durch welche der Blutstrom 
ins Stoken und in Unordnung geräth. 

Es kann aber die Hyperämie auch die Folge der verän- 
derten Blutbeschaffenheit sein, und zwar kann die leztre wohl 
auf dreierlei Art zu Hyperämieen Veranlassung geben: 1) me- 
chanisch, indem das Blut Stoffe führt, welche ihrer Grösse 
wegen die Capillargefässe verstopfen (Eiterzellen) oder der 
Massen wegen zu Stokungen Anlass geben (grosser Reich- 
thum an Cruor), oder indem es dem Gesez der Schwere 
gemäss in einzelnen tief liegenden Theilen sich anhäuft, 
woran sich die Hyperämieen aus Hindernissen in den weiteren 
Circulationswegen anschliessen ; 2) indem ein verändertes 
Blut eine reizende oder lähmende Wirkung auf die Capillar- 
gefässe ausübt (Gifte, vielleicht auch manche miasmatische 
Krankheitsursachen) ; 3) indem das Blut seinen normalen Grad 
von Viscosität eingebüsst hat, der ohne Zweifel von dem Ge- 
halt an Faserstoff und Albumin abhängt. Durch Zunahme 
oder Verminderung der Viscosität entsteht Unordnung in dem 



208 



Strome durch die Capillarien, und Stokung — Hyperämie — 
ist die Folge davon. 

Jede abnorme Beschaffenheit des Blutes kann Hyperämie 
hervorbringen oder doch zulassen, wenn gleich diese bei ge- 
wissen Veränderungen ungleich häufiger ist, als bei andern. 
Ganz unrecht würde man haben, diese Hyperämieen als iden- 
tisch mit dem geläufigen Begriffe der Entzündung zu be- 
trachten. Obwohl die 4 Symptome, durch welche die alte 
Medicin die Entzündung ursprünglich characterisirte, vollständig 
bei der Hyperämie vereinigt sind, so hat sich doch dem Be- 
griffe Entzündung im Laufe der Zeit so manches Moment 
noch beigeschlichen, dass derselbe stillschweigend sich viel 
enger beschränkte, und dass es gegen alle eingewurzelten 
Vorstellungen gesündigt wäre, wenn man jenen Ausdruk auf 
sämmtliche Hyperämieen ausdehnen wollte. Freilich kann 
man es mit den Ausdrüken am Ende halten, wie man will, 
und Broussais z. B. hat wirklich das Wort Entzündung mehr 
in seinem ursprünglichen, als in dem gewohnten Sinne, 
nämlich fast gleichbedeutend mit Hyperämie genommen. Da- 
gegen kann nicht viel erinnert werden, als dass es leicht 
zum Missverständniss führen muss. Wie sehr diess gesche- 
hen ist , davon haben zahlreiche deutsche Gegner Broussais 
den Beweis geliefert, die nicht genug über die französische 
Oberflächlichkeit, die überall Entzündung wittere, sich verbrei- 
ten konnten, und dabei ganz die eigene Oberflächlichkeit 
übersahen, welche ohne Einsicht in den veränderten Begriff 
mit ihrem alten Maassstabe ihn messen wollte. Aber dess- 
wegen thut man auch besser, wenn man den Ausdruk Ent- 
zündung, will man ihn ja beibehalten, den geläufigen Vor- 
stellungen sich accomodirend an einen engern Begriff knüpft. 

Sobald die Hyperämie eingetreten ist, so ist die Mög- 
lichkeit zu jeder Gewebsveränderung und organischen Störung 
gegeben. Wenn allerdings auch vielleicht manche Störungen 
ohne alle Hyperämie sich, jedoch meist nur sehr langsam, 
ausbilden können, so ist doch gewiss, dass die Hyperämie 



209 



der einleitende Process für jede Art organischer Läsion sein 
kann, und ihr Zustandekommen und die Raschheit ihrer Aus- 
bildung zu befördern im Stande ist. 

Ob aber die Hyperämie in weitere Gewebsstörungen über- 
gehe und welcher Art diese sind, das hängt von zahlreichen 
Umständen ab, von denen hier nur einige der wichligeren 
namhaft gemacht werden sollen. 

1. Die Plötzlichkeit, Raschheit oder Langsamkeit des 
Entstehens. Bei plözlichen Hyperämieen wird, wenn zugleich 
die Blutüberfüllung stark ist, am ehesten Riss der Gefässe 
und Hämorrhagie eintreten; wo sie massig ist, werden dagegen 
die Capillarwände am wenigsten beeinträchtigt und wird am 
leichtesten der normale Zustand sich wieder herstellen 
(Schamröthe). — Eine nicht übermässige Raschheit muss 
am sichersten zu gehaltvoller Exsudation führen, indem der 
Druk stark genug ist, auch die organischen Bestandtheile des 
Bluts auszupressen, und doch nicht so heftig, um das Reissen 
der Wandungen zu bedingen. — Bei der langsamen Entste- 
hung der Hyperämie wird sich das Gefässsystem am ehesten 
accommodiren, werden allmälig die Canäle eine gewisse Weite 
annehmen , während andere obliteriren : es wird eben dadurch 
die Herstellung des normalen Zustands erschwert werden, 
und das Produkt bei dem geringen Druk nur in massiger 
Wasserabsezung bestehen. 

2. Die Intensität der Hyperämie muss ähnliche Modi- 
ficationen bedingen. Jede intensive Hyperämie wird , da der 
hydrostatische Druk grösser , die Herstellung der ordentlichen 
Circulation schwieriger ist, ceteris paribus eine grössere 
Wahrscheinlichkeit für Austritt concentrirten Blutliquors oder 
gar für den Riss der Gefässe geben. 

3. Die Ursachen der Hyperämie wirken modificirend 
ein, indem sie die Intensität und die Raschheit, mit der die 
Hyperämie auftritt, und die Dauer derselben grössten Theils 
bedingen , ferner aber , in sofern das weitere Schiksal der 
Hyperämie nothwendig davon abhängen muss, ob das Ner- 

Wunderlich, Path, d. Bluts. . 14 



210 



vensystem und die Widerstandsfähigkeit der Gefässwände 
durch die Ursachen schon paralysirt sind , oder ob sie nur 
vorübergehend überwunden wurden , nach der Entfernung der 
Ursache wieder wirksam werden und den normalen Zustand 
wieder herstellen können. Daher gibt der Decubitus so lange 
eine gute Prognose, als nicht ein schweres allgemeines Leiden 
ihn veranlasst hat, daher sind die Hyperämieen und Ver- 
schwörungen bei Rükenmarksverlezungen die hartnäkigsten 
die es gibt, daher heilt im Gegentheile eine durch äussere 
Verlezung entstandene Hyperämie bei einem sonst Gesunden 
so leicht. 

4. Ein Verhältniss , das bis jezt kaum je in Anschlag 
gebracht wurde und dennoch von hoher Wichtigkeit ist, ist 
die Art der Capillargefässanordnung in dem hyperämischen 
Theile. Bekanntlich hat Berres zuerst gründliche Unter- 
suchungen über die Verschiedenheit der Capillargefässe in 
den verschiedenen Organen gemacht. Diese anatomischen 
Forschungen sind für die Pathologie noch unbenüzt geblieben, 
und doch lassen sie manche dunkle Verhältnisse klar durch- 
schauen. 

a) Das lineale Gefässgeflecht, bestehend aus parallelen 
äusserst zarten Canälchen, die nur sparsame Verbindungsäste 
bilden , kommt vorzugsweise in den Muskeln vor , disponirt 
äusserst wenig zu Hyperämieen und lässt ein rasches Verschwin- 
den derselben zu , disponirt auch nicht zu Ausschwizung. 

b) Das Longitudinale in Nerven und Nervenhäuten: gleich- 
falls der Länge nach verlaufende capilläre Canäle , die aber 
diker sind, ist fast noch weniger zu Hyperämieen geneigt. 

c) Das dentritische Gefässnez, baumzweigartig sich ver- 
theilend, kommt in serösen Häuten vor und lässt leicht eine 
Stokung zu, die jedoch weniger intens ist, als vielmehr leicht 
in Ausschwizung übergeht. 

d) das strahlige Geflechte ist den drüsigen Organen 
eigen. Ein grösseres Gefäss geht geschlängelt durch die 
Drüsenmasse und verzweigt sich nun plözlich, in viele Radien 



211 



ausstrahlend, auf den lezten Endigungen von diesen Canälen. 
Durch diese Anordnung, wo zahlreiche Gefässchen aus einem 
entspringen und in eines zurükkehren , ist die Stokung und 
also die Hyperämie im höchsten Grade begünstigt. Zugleich 
wird aus diesem anatomischen Verhalten das Vorkommen 
mehrer kleiner beschränkter hyperämischen und Entzündungs- 
heerden in solchen Geweben erklärlich. 

e) Die Maschen- und Schlingengeflechte. Neze mit mehr 
oder weniger zahlreichen Verbindungen unter einander, mit 
Schlingen und Verzweigungen kommen besonders auf den 
secernirenden und empfindenden Flächen und im Zellgewebe 
vor. Dieses Geflecht wird, weil es reichlich ist , sehr leicht 
der Siz von Hyperämieen, die aber, wenn sie nicht zu heftig 
und zu ausgebreitet sind, der vielen Verbindungen und 
Schlingen wegen auch leicht sich wieder lösen können. 

f) Das erectile Geflecht. Dike weite Aederchen, die 
sich spalten, aber parallel und wellenförmig neben einander 
fortlaufen , und endlich ohne viele nezförmige Ausbreitung 
durch einfache Umbiegung in Venen übergehen. Durch diese 
Struktur, wegen der Weite der zuführenden Gefässe , ist die 
Möglichkeit zu rasch entstehender Hyperämie gegeben, da- 
gegen ist aber auch, sobald nur die Ursache aufhört, ein 
rascher Abfluss durch die Venen ermöglicht, und hierdurch 
eine rasche Lösung der Hyperämie. Die Hyperämieen treten 
rasch auf, vergrössern das Organ bedeutend, verlieren sich 
aber eben so schnell. Diese Gefässbildung bemerkt man 
in Penis, Clitoris, Milz, Iris, Corpus ciliare. 

5. Auch der Bau der Capillarwandungen selbst, der 
jedoch noch zu wenig verglichen ist, muss ebenso wohl das 
Widerstandsvermögen modificiren , als auch die Exosmose 
und das Reissen der Gefässe erschweren oder erleichtern. 
(z. B. leichtes Eintreten der Apoplexieen bei Ablagerungen 
in den Gefässhäuten.) 

6. Von der Beschaffenheit des Blutes muss die Dauer 
der Hyperämie, die Geneigtheit zur Exsudation oder zum 

14 * 



212 



Extravasat und die Art des Exsudates abhängen , Verhältnisse, 
auf die, nach dem im ersten und zweiten Abschnitt Aus- 
einandergesezten näher einzugehen kaum nöthig sein wird. 

7. Von der Art des Produkts und der Menge desselben 
wird es endlich abhängen , ob die Hyperämie durch die Pro- 
duktbildung gehoben und erschöpft wird. Eine Störung der 
Produktion, ehe sie vollendet ist, hat meist protrahirte Hype- 
rämie und lentescirende Produktabsezung zur Folge, eine 
Thatsache, die von der Chirurgie, wie von der Medicin 
praktisch reichlich benüzt werden kann. 



Die Produkte der Hyperämie sind es , nach welchen die 
Krankheitsprocesse vorzugsweise benannt werden. Und mit 
Recht; denn an diesen Produkten erkennt man am augen- 
fälligsten die Verschiedenheit des Processes; hier scheiden 
sich die Processe , die in der Hyperämie ihren gemeinschaft- 
lichen Anfang hatten, erst deutlich von einander. Man hat 
diess bei der Benennung der Krankheiten geahnt, aber das 
Verhältniss sich nicht klar gemacht. Darum hat man den 
Benennungen einen viel zu grossen Werth und eine Aus- 
schliesslichkeit beigelegt, die sie nicht haben, und hat Be- 
nennungen unterschieden , die nur auf Zufälligkeiten sich 
stüzten. Der entzündliche Process, der typhöse, tuberkulöse, 
krebsige, das Erysipelas , die septischen und Erweichungs- 
processe, sie alle werden vorzüglich an ihren Produkten 
erkannt: in diesen liegt die empirische Berechtigung zur 
Specificirung : aber ehe sich die Begriffe klärten und solange man 
nur nach Instinct entschied, konnte es nicht fehlen, dass die 
Entscheidungen oft confus und verkehrt ausfielen. Ich habe 
einmal von Brustwassersucht ohne Wasser sprechen hören, 
die man so getrost hinstellte, wie man von der Febris mor- 
billosa sine morbillis zu sprechen gewohnt ist : man hat dabei 
nicht daran gedacht, dass in der Brustwassersucht eben das 



213 



eigentliche, wesentliche, einzige Moment nur das Wasser in 
der Brust ist , während ein Fall von epidemischem Morbillen- 
fieber recht wohl seine Hyperämieen in andern Organen, als 
in der Haut hervorbringen kann. Die Bedeutung örtlicher 
Krankheitsprocesse ist nur in der Oertlichkeit, und weniger 
an der schwer zu entziffernden Hyperämie , als an den deut- 
licher charakterisirten Produkten zu begreifen. 

Allein man macht sich eine falsche Vorstellung , wenn 
man wähnt, die Produkte zeigen wirklich innere und überall 
scharfe Charaktere und seien in bestimmt getrennte Arten 
zu bringen. Die Benennungen passen nur auf gewisse ein- 
fache Verhältnisse, und jeder Ausdruk lässt im Stich wo 
diese complicirt und verwikelt sind. Rokitansky hatte eine 
höchst glükliche Idee, die gegenseitige Ausschliessung von 
tuberkulösen und krebsigen Produkten auszusprechen: aber 
dennoch muss man gestehen , dass die Fälle nicht ganz selten 
sind , wo mitten , in und neben weichen krebsigen Pro- 
dukten Ablagerungen sich befinden, die man durch kein 
Merkmal von Tuberkeln unterscheiden kann. Rokitansky' s 
Gesez büsst dadurch nichts ein: nur muss man sich stets 
erinnern , dass die Benennungen Krebs , Tuberkel etc. immer 
nur einen relativen Sinn haben, dass es allerdings zunächst 
auf die Beschaffenheit der Krase ankömmt, ob sie abgesezt 
werden, weiterhin aber auch auf manche zufällige Verhält- 
nisse, die ihre Form und Beschaffenheit abzuändern vermögen, 
Mittelformen hervorrufen und die Art und Umänderung 
der Produkte bestimmen können. Die Untersuchungen 
J. Mülle r's über die Geschwülste, so verdienstlich sie sind, 
hatten doch den grossen Nachtheil zur Folge , dass von Unbe- 
sonnenen die von ihm aufgestellte Formen als scharf getrennte, 
specifisch verschiedene angesehen , als Species im Sinne der 
ontologischen Medicin behandelt wurden, und wir gestehen, 
dass wir Müllern selbst von der Schuld an diesen Conse- 
quenzen nicht ganz frei sprechen können. 

Das Produkt stammt überall von dem aus den Gefässen 



214 



exosmirten Blutliquor her: seine Beschaffenheit, die Zusam- 
mensezung des Exosmirten muss also das erste Moment für 
die Bestimmung des Produkts geben. Der exosmirte Stoff 
ist das Cytoblastem , das den Keim zu allen weitern Verän- 
derungen abgibt, aber die Umstände, wesentliche und zu- 
fällige , sind es oft genug , welche die Entwiklung hemmen, 
fördern oder modificiren. 

Die Produkte gehen, sofern sie nicht ohne weiteres 
ausgeleert werden , dem chemischen Zerfallen oder der fort- 
schreitenden Organisation entgegen. Der Weg zur Organi- 
sation aber hat viele Stufen, auf deren jeder ein Stillstand, 
eine Umkehr und der Beginn des Zerfallens möglich ist. 

Je reicher das Exsudat an organischen Stoffen ist, je 
„plastischer" es ist, um so mehr Chancen hat es für die 
Organisirung. Die Organisation geschieht , wie alle organische 
Bildung, durch Entstehen von Körnern, und wenn die Or- 
ganisation fortschreiten soll, durch Niederschlagen einer 
dünnen Membran um sie. Wir nennen diese Bildungen, 
ohne damit irgend ihre Natur näher bezeichnen zu wollen, 
der Kürze wegen , wie neuerdings allgemein gebräuchlich, 
Zellen. Es hängt von den Umständen ab, ob die Körner 
und Zellen sich weiter vereinigen , und an die schon vor- 
handenen Gewebe sich anschliessen, was die Bedingung jeder 
weitergehenden Organisation ist, oder ob sie isolirt bleiben, 
keine weitere organische Metamorphose erreichen, und das 
Ende der Organisirung somit auf dieser frühesten Stufe schon 
eintritt. Der Eiter ist ein Produkt dieser Art , er hat auf der 
Stufe der isolirlen, unvereinigten Zellen das Ende der Or- 
ganisation erreicht und kann von da an fast nur noch 
chemisch zerfallen. Der Grund dieses frühzeitigen Abortirens 
der Organisirung liegt ohne Zweifel zum Theil wenigstens in 
dem gleichzeitig ausgeschiedenen Serum, das die Eiterzellen 
suspendirt erhält, und ihre Vereinigung unmittelbar nach 
ihrer Bildung verhindert. Vielleicht trägt auch die Schnellig- 
keit der Bildung der Zellen dazu bei, diese so bald schon 



215 



in einen zur weitern Organisation untauglichen Grad von Aus- 
bildung zu versezen. Es ist ein alter Brauch, zwischen 
gutem und schlechtem Eiter zu unterscheiden ; der leztre 
enthält nur wenige Eiterzellen im Serum suspendirt, ist dünn 
und gänzlich unverwendbar für die Organisation. Der gute 
Eiter hat nicht nur durch die Menge seiner Eiterzellen die 
Consistenz einer Emulsion, wonach er zum Schuze für die 
unter ihm vor sich gehende Bildung dienen kann ; sondern 
der Reichthum an zu isolirten Zellen abortirtem organisablem 
Stoff lässt immer erwarten, dass daneben wenigstens Theile 
des Produkts zu den höheren Stufen der Organisation gedeihen 
werden. So sehen wir denn auch überall , wo diker Eiter 
sich bildet , entweder Membrane sich niederschlagen oder 
Substanzverlust sich ersezen, Narbensubstanz entstehen, Ver- 
bindungen und Verklebungen sich bilden, während bei schlech- 
tem Eiter die ganze Produktmasse entfernt wird, und die 
Zerstörung immer weiter um sich greift. Obwohl der gute 
Eiter so wenig als der schlechte zur Organisation weiter 
dienen kann , denn eineiv wie der Andere besteht aus abor- 
tiven und schon in Isolation versezten Zellen , so zeigt der 
erstere doch wenigstens eine so gehaltvolle Production an, 
dass auf den nöthigen organisablen Absaz aus ihr fast mit 
Sicherheit gerechnet werden kann. 

Ich unterlasse nicht hiebei zu bemerken, dass auch die 
Eiterzellen selbst vielleicht noch unter Umständen sich wieder 
vereinigen , und ein Gefüge von wenn auch nur lokerer 
Consistenz bilden können, wie die Reste alter, resorbirter 
Abscesse vermuthen lassen und d' Are et 's Versuche ziem- 
lich wahrscheinlich machen. 

Es begreift sich , dass die Produktion um so gehaltvoller 
sein muss , je reicher das Blut selbst an organischen trans- 
sudablen (d. h. Eiweiss und Fibrin) Stoffen ist, daher denn 
die reichen Eiterungen, d. h. der gute Eiter bei einer 
fibrinösen Blutmischung oder doch bei normalem Gehalte des 
Fibrins vorkommt, bei armem Blute, herunter gekommenen 



216 



Subjecten , schlechter Nahrung nur ein dünner, gehaltloser, 
d. h. schlechter Eiter producirt wird. Es begreift sich ferner, 
dass je stärker der hydrostatische Druk ist, um so mehr ein 
gleichmässiges Austreten des Blutliquors zu erwarten steht; 
daher bei starker Hyperämie vorzugsweise der gute Eiter, bei 
sehr unbedeutender oder fehlender Hyperämie, wie bei den 
sogenannten kalten Abscessen, bei Anämie des Theils nur 
ein schlechter Eiter zum Vorschein kommt. Es begreift sich 
weiter, dass in geschlossenen engen Räumen, in welche die 
Bestandtheile des Blutplasmas ausgedrükt werden, durch ein 
Wiederaufsaugen eines Theils des Serums der Eiter consi- 
stenter, reicher werden kann, und das Produkt überhaupt 
weniger zum Abortiren auf einer niedern Organisationsstufe 
geneigt ist, als wo dem Eiter zu frühe ein Abfluss gestattet 
wird, und er in einer Menge Serum weggespült wird, ehe 
sich die organisablen Theile so angelagert haben, dass sie 
mit den Geweben in Verbindung treten können. Daher die 
richtige Regel, Abscesse nicht ohne Noth zu früh, „vor der 
Zeitigung" zu öffnen. 

Die Art, wie ein Exsudat von plastischer Anlage, statt 
sich weiter zu enlwikeln, zum Tuberkel werden kann, und 
die Umstände, unter denen diess geschieht, hat Engel un- 
vergleichlich geschildert. Es ist hier vornehmlich die Troken- 
heit des Produkts, welche seinen Untergang herbeiführt und 
seine Weiterentwiklung hemmt, eine Trokenheit, die von 
den verschiedensten Umständen bei der Exsudation, ohne 
Zweifel aber auch und vornehmlich von dem Siz der Produkt- 
ablagerung bedingt sein mag. In leztrer Weise ist vielleicht 
die empirische Bemerkung Engel's zu begreifen, wenn er 
sagt: das tuberkulöse Exsudat vermeide gemeinhin jene Stel- 
len, wo sich leicht gutgeartete plastische Exsudate ablagern 
(die Exsudate in diagnostischer Beziehung Archiv II. 68). 
Die Umwandlung des plastischen Exsudats in tuberkulöse 
Masse beschreibt Engel (Einiges über die Metamorphosen 
der Exsudate Archiv II. 270) vortrefflich folgendermaassen : 



217 



„Diejenige Lungentuberkulose , die als Entzündungsprodukt 
auftritt, ist von einer gewöhnlichen Hepatisation anfangs wohl 
nicht zu unterscheiden. Uehergeht sie aber in das Stadium 
der grauen Hepatisation, so gibt sie sich als tuberkulöse 
Exsudation zuerst dadurch zu erkennen, dass sie in einer 
Zeit, wo eine gewöhnliche Hepatisation feucht wird erblasst 
und eitrig zerfliesst, zwar eine Erblassung zeigt, aber wo 
möglich ihren frühem Trokenheitsgrad vermehrt. Lange 
Zeit bleibt sie in dieser Form unverändert stehen , darauf 
treten mitten in der blassen trokenen Hepatisation einzelne 
umschriebene Stellen durch ihr kreidenweisses Ansehen deut- 
licher hervor, werden erst nach einer ziemlich langen Zeit 
weicher und schmierig." Eine ungewöhnliche Trokenheit ver- 
hindert demnach die Organisation des exsudirten Plasmas, 
macht dass es einige Zeit ruhig sich verhält, zulezt aber 
diejenige Umwandlung eingeht, die unter dem Namen des 
rohen Tuberkels bekannt ist. Hienach lässt sich begreifen, 
wie die tuberkulösen Produkte so vorzugsweise bei den so- 
genannten trokenen Constitutionen vorkommen. Es lässt 
sich ferner leicht einsehen , wie mitten in andersartigen, 
weiter organisirten Produkten Massen von tuberkulösem 
Aussehen entstehen können. 

Eine ganz andere Beschaffenheit bieten jene Produkte 
dar, die sich beim typhösen Fieber in den Pey er' sehen 
Drüsen abgelagert rinden. Sie erreichen einigen Zusammenhang 
und bilden durch Entstehung von gestrekten Zellen und Fasern 
eine halborganisirte , aber weiche und meist hygroskopische 
Masse, die ein Lager darstellt, in welchem noch unent- 
wikelte Elementarkörner und isolirte Zellen eingeschlossen 
sind. Es kommt nur zu halber Verfestigung und zu höchst 
unvollkommenem Zusammenhang mit den Gewebstheilen, 
wovon der Grund ohne Zweifel vornemlich in der Beschaf- 
fenheit des Bluts, aus dem diese Produkte stammen und 
seiner Armuth an gerinnbarem Faserstoff liegt. 

Die Exsudate, die einer höhern Organisation fähig sind, 



218 



gerinnen bald , und bilden Pfropfe oder Schichten je nach 
dem Bau des Theils, der sie abgesezt hat. Die pneumonische 
Infiltration unterscheidet sich von den Pseudomembranen, die 
sich auf serösen Häuten und zuweilen auf Schleimhäuten (Croup) 
bilden, wesentlich nicht, sondern ihre Form wird nur durch 
die Structur des Organs, in dem sie sich befindet, modifi- 
cirt. Die weitere vollkommenere Organisation hängt nun von 
der geregelten, stetigen und ungestörten Entwiklung der Zel- 
len ab , die mit den benachbarten Gewebstheilen verklebt sind. 
Die pneumonische Infiltration wird in den meisten Fällen zu 
früh entleert, ehe sie sich zur Organisation anschiken kann. 
Bedingung der weitern Entwiklung ist Vereinigung zu Fa- 
sern und Bündeln. Aber diese dürfen eben so wenig zu 
dicht als zu loker werden. Das Erstere scheint das ungleich 
häufigere zu sein, und auf einem zu hohen Grade dieser 
Verdichtung scheint das Knorplichtwerden der Exsudate, das 
Calloswerden der Narbensubstanz , die Callosität um Ge- 
schwüre zu beruhen. Eigen ist es , dass diese übermässige 
Derbheit bei manchen cachectischen Zuständen besonders 
gerne vorkommt. Es scheint übrigens weniger eine besondere 
Mischung des Bluts diesen Callositäten zu Grunde zu liegen, 
als vielmehr andauernde massige Hyperämie der Theile um 
das Produkt, wodurch immer neue Produkte abgesezt und 
die alten erdrükt werden. Die knorplichen Schwarten, die 
sich als Reste hämorrhagischer Exsudate in serösen Säken 
finden, sind dagegen wohl vertroknete Niederschläge aus dem 
extravasirten Blute. 

Die Bedingungen und die Umstände, durch welche ein 
Exsudat krebsige, markschwammige Natur annimmt, sind 
noch dunkel. Fast scheint es, als ob hier mehr als in irgend 
einem andern Produkte, die Cysten und Fettbälge etwa aus- 
genommen , das Exsudat eine gewisse Selbständigkeit er- 
langte, und ohne einen Zusammenhang mit den benachbarten 
Theilen sich weiter zu entwikeln im Stande wäre. Worauf 
diess aber beruht, ist derzeit nicht zu entziffern. 



219 



Auf der höchsten Stufe der Organisation, wo das Pro- 
dukt der Siz eines mit den übrigen Theilen eommunicirenden 
Kreislaufs geworden ist, nimmt es mehr und mehr, jedoch 
wohl nie ganz vollständig die Natur der normalen Gewebe, 
namentlich des Zellgewebs, der Cutis, serösen Häute, Gefäss- 
Wandungen, Knochen, Schleimhäute, Nerven (?) an. Schill 
hat für diese lezte Ausbildung auf ein interessantes und noch 
zu wenig beachtetes Gesez aufmerksam gemacht. Die Art 
des neuen Gewebs richtet sich nämlich stets nach den Ein- 
flüssen und Verhältnissen, welche die Stelle, wo es sich 
befindet, zu treffen pflegen, und die Umbildung formirt sich 
immer demjenigen Gewebe analog, welches im normalen 
Körper jenen Einflüssen und Verhältnissen entspricht. Schill, 
der das Gesez der zwekmässigen Accommodation zur Basis 
der gesammten Pathologie machte, wandte es besonders auf 
die Transformationen an (s. dessen Irritation p. 87 ff. und 
die allgemeine Pathologie p. 189 ff.) und wenn wir , was 
ohne Schaden geschehen kann , die teleologische Beimischung 
streichen , so erscheint dieses Gesez der allmäligen Accom- 
modation der Gewebe an die gegebenen Verhältnisse nament- 
lich auch zur Erklärung der Gestaltung der sich organisirenden 
Produkte eine überaus glükliche Conception. Ohne sie würde 
es ein Räthsel sein, warum die Narbe auf der Haut Epider- 
mis absondert, die auf der Schleimhaut oft kaum mehr als 
Narbe zu erkennen ist und vollkommene Schleimhautstructur 
angenommen hat, die Knochennarbe zum Knochen wird, und 
die Auskleidung einer serösen Membran selber die Glätte 
und Natur der leztern annimmt. Alle stammen ja aus dem- 
selben Blute und der Bildungsstoff, aus dem die neue Textur 
sich enlwikelte, war durch nichts verschieden. Es braucht 
kaum erinnert zu werden, dass die endliche Accommodation 
immer nur da gelingen wird , wo der Process , der zu ihr 
führt, die Gestaltung der Zellen und Fasern und des ge- 
sammten Gefüges nirgends eine Störung erleidet. 

Auf jeder Stufe der Entwiklung , auf den frühern natür- 



220 



lieh leichter, als auf den spätem, kann ein Stillstand ein- 
treten, die angefangene Vereinigung sich lösen, die noch 
nicht zu sehr veränderten Zellen isolirt und zur weitern 
Organisirung untauglich werden. Es ist diess das sogenannte 
eitrige Zerfliessen,,das auf den frühern Stufen der geron- 
nenen Exsudate, des Tuberkels, des Typhusprodukts so 
häufig eintritt, beim Krebse schon seltener, aber auch noch 
in der consolidirten Narbensubstanz stattfinden kann. Bei 
dieser nachträglichen Vereiterung kann aber nur ein schlechter 
Eiter entstehen, und zwar ein um so schlechterer je später 
sie eintritt; denn es ist keine neue stoffreiche Produktion, 
sondern nur ein Zerfallen schon gebildeten Stoffs, dessen 
halbveränderte Zellen und eingeschlossene unvollkommene 
Körner nun im Serum von den Nachbartheilen aufgespült 
und suspendirt werden. Diese rükgängige Eiterung ist daher 
immer deletär, und lässt, wenn nicht durch günstige Umstände 
von dem umgebenden Gewebe eine reichlichere Produktion 
nachfolgt, nur Zerfallen und Untergang der Substanz erwarten. 
Ebenso kann in jedem Momente der Produktbildung 
ein unorganisches Zerfallen des Produkts, sei es eine flüssige 
Zersezung oder durch Resorption der flüssigen Bestandtheile 
eine unorganische Consolidation (Verkreidung , Verkalkung), 
eintreten ; und während erstre meist zum Untergang des 
Theils oder des ganzen Individuums führt, ist leztere oft das 
geeignetste Mittel , die Produkte fortzuschaffen oder doch un- 
schädlich zu machen. 



Unsere Wissenschaft hat ihre Ausdrüke aus einer Zeit, 
wo man es mit den Begriffen wenig genau nahm. Und wo 
Begriffe ihnen zu Grunde lagen , haben sie sich geändert. 
Es ist darum ein vergebliches Bestreben, durch die Worte 
unserer Terminologie ganz bestimmte Verhältnisse deken 
lassen zu wollen. Die Sprache unsrer Medicin, die aus 



221 



einem populären Ursprung stammt, lässt diese Consequenz, 
die man sonst von der wissenschaftlichen Terminologie zu 
fordern das Recht hat, nicht zu. Allein diese alten Worte 
lassen sich , so ungenau sie sind , und so sehr sie der 
Schärfe entbehren, doch nicht so ohne Weiteres ausrotten. 
Es ist als ob man sie wie ein nothwendiges Uebel dul- 
den und ertragen müsste. Am Ende ist aber auch der 
Schaden nicht so gross. Wenn man sich nur die Verhält- 
nisse klar gemacht hat, wenn man weiss, dass unsere Kunst- 
ausdrüke nur einen Conventionellen und ungefähren Sinn 
haben, wenn man einsehen gelernt hat, dass überhaupt die 
verwikelten Processe der kranken Natur keine scharf abge- 
grenzten Begriffe gestatten, so wird man sich auch mit den 
altherkömmlichen Wörtern versöhnen und namentlich für um- 
fassende Vorgänge, die immer eine gewisse Unbeständigkeit 
des Inhalts und der Weite zeigen, ohne Nachtheil sie ge- 
brauchen können. Es nüzt nichts, für solche neue und 
exactere Namen schaffen zu wollen. Bei dem immer breiter 
werdenden Zufluss von neuen Thatsachen in unserer Wissen- 
schaft müssen sich die Ansichten immer wieder neu gestalten, 
die Begriffe immer wieder modificiren , und wollte man dieser 
Bewegung stets mit adäquaten Kunstausdrüken folgen, so 
müssten wir in jedem Jahrzehend mit neuen Zungen reden. 
Die einzigen neuen Ausdrüke , deren Schaffung bei der 
lezten Entwiklung der Medicin nöthig war, und welche auch 
fast allein Glük gemacht haben, sind solche, welche sich 
auf die durch die analytische Methode gefundenen Elementar- 
vorgänge und Elementarzustände bezogen. Alle andern kann 
man aus dem vorhandenen Sprachschaze leihen und es ist 
nur nöthig, dass man sie so versteht, wie es nach dem 
gegenwärtigen Kreise von Thatsachen zulässig ist, und dass 
man sie diesem angemessen gebraucht. 

Wir haben schon auseinandergesezt , dass das Wort 
Entzündung nicht mehr in dem alten symptomatischen Sinne 
gehandhabt , und nicht mehr an die vier äusserlichen 



222 



Erscheinungen: rubor, tumor, calor, dolor geknüpft werden 
kann. Wir müssen einen innern organischen Vorgang oder 
einen Complex von Vorgängen damit bezeichnen , und da wir 
das bessere Wort Hyperämie für die einfache Blutüberfüllung, 
die jenen Symptomen am meisten entspricht , besizen , so ist 
es zwekmässiger , mit dem Worte Entzündung, bei dem die 
herkömmliche Praxis troz jener symptomatischen Definition 
doch stillschweigend etwas anderes, bestimmteres, als die 
Hyperämie sich denkt, einen engeren Vorgang zu verbinden. 
Am meisten entspricht es den geläufigen Vorstellungen — 
und es ist immer gut, wenn die Wissenschaft, wo es thun- 
lich ist, sich ihnen anzuschliessen sucht — wenn man die 
Hyperämieen mit ausgezeichnet organisablem Exsudate oder 
mit diker Eiterproduction unter Entzündung oder Phlegmasie 
versteht. Wir haben gesehen , dass der dike Eiter einen 
Reichthum an organisablem Stoffe im Exsudate anzeigt , wenn 
davon auch viel, ohne verwendet zu werden, abortirt. Wir 
haben ferner gesehen , dass diese Art des Products nur bei 
normalem oder erhöhtem Fibringehalte vorzukommen pflegt, 
und auch dieses entspricht wieder gut den geläufigen Vor- 
stellungen von wahrer Entzündung. Wo der Eiter ohne Hy- 
perämie entsteht, wo der Eiter dünn und arm ist, wo die 
Exsudate der Organisabililät entbehren, da pflegt man sie 
entweder gar nicht Entzündungen , oder unreine und falsche 
Entzündungen zu nennen. Lezteres ist ein durchans ent- 
behrlicher Begriff, den man getrost fallen lassen kann. Man 
hat auch den Ausdruk Subinflammation eingeführt für einzelne 
solcher Verhältnisse. Er gibt weder eine Vorstellung von 
dem Processe, noch ist man sicher darüber eingekommen, 
wo er anzuwenden sei. Er ist überdem mehr von den 
Symptomen abstrahirt und trifft am meisten mit latenten, 
oder wenige Symptome gebenden Productabsezungen, welcher 
Art sie sein mögen, zusammen. Dieser Ausdruk ist also 
vag, schlecht und neu genug, um ihn wieder verbannen 
zu können. 



223 



Viele Aerzte sprechen von „entzündlichen Symptomen" 
von einer entzündlichen Ruhr, einem entzündlichen Catarrh. 
Diess ist Confusion der Begriffe. Denn man hat dabei 
weniger das örtliche Verhalten, von dem doch allein die 
Feststellung des Entzündungsbegriffs abhängig gemacht wer- 
den kann, im Auge, als vielmehr einen gewissen Allgemein- 
zustand, eine besondere Art des Schmerzens, einen gewissen 
Grad von Fieber, von Pulsstärke, von Hize der Haut; und 
man lässt sich durch diese allgemeinen Erscheinungen ver- 
führen , auf das Vorhandensein einer direct unzugänglichen 
Entzündung zu schliessen. Man wird hiedurch oft genug 
irre geführt, und wenn zuweilen auch die Vermuthung ein- 
traf, so sind doch die Motive falsch gewesen. Was man in 
diesem Sinne entzündliche Symptome nennt, sind nichts 
anders, als Erscheinungen, die bei einer gewissen Acuität 
jedes organischen Krankheitsprocesses aufzutreten pflegen; 
und die typhöse Ablagerung wie die eitrige Schmelzung, das 
plastische Product wie die acute Fettinflltration , eine Hype- 
rämie wie eine Atrophie können — sobald sie mit einem 
gewissen Maase von Acuität auftrelten, das aber freilich für 
jene verschiedenen Vorgänge, wie für die verschiedenen Or- 
gane nicht das Gleiche ist — in einem geeigneten Indivi- 
duum von jenen sogenannt entzündlichen Symptomen be- 
gleitet sein. 

Man hat auch von neuroparalytischen, rheumatischen, 
erysipelatösen Entzündungen gesprochen ; und es ist ein son- 
derbares Schiksal, dass manche neue und richtige That- 
sachen , so wenig sie sich dazu schikten , benüzt wurden, 
jene aus dunklen Begriffen hervorgegangene Categorieen plau- 
sibel zu machen. Das Unglük und das Ungeschik war aber 
nicht, dass jene besondere Formen aufgestellt wurden — 
denn dem dunklen Begriffe lag doch eine ungeahnte Wahr- 
heit zum Grunde — sondern dass dabei ätiologische, symp- 
tomatische , organische , primäre und secundäre Verhältnisse 
vermischt und verwechselt, dass aus oberflächlicher Aehn- 



224 



lichkeit die verschiedensten Affectionen zusammengeworfen 
wurden (Schönlein 's Neurophlogosen), deren eigentlicher 
Hergang eben dadurch in Vergessenheit und in Unklarheit 
kam, und dass dieser Missbrauch den Gebrauch so sehr 
überwog , dass heutzutage jene Begriffe für unrettbar erklärt 
werden müssen. Es ist hier nicht der Ort, auf die Menge 
von Missverständnissen , die sich in Betreff jener Lehren 
gegenseitig stüzten und erzeugten, einzugehen. Wir müssen 
uns auf Andeutungen beschränken : 

Unter neuroparalytischen Entzündungen ist man dahin 
gekommen solche acute Affectionen zu betrachten, bei wel- 
chen in kurzer Zeit eine grosse Schwäche sich kund gibt, 
ganz abgesehen von der Art des Processes, ganz ohne Rük- 
sicht, ob diese Schwäche die Folge der Zerstörung eines 
wichtigen Organs , oder nur die Folge des Nervenreichthums 
der befallenen Stellen , oder die Folge der Art des Processes 
selbst oder der ihm zu Grunde liegenden Blutmischung sein mag, 
ob die Paralyse das primäre und die Ursache der örtlichen 
Affection oder die Consequenz derselben, oder der durch 
die Umstände beigegebene Begleiter ist. So hat man Ent- 
zündungen (Croup) , septische Processe (Putrescenz des Ute- 
rus), Tuberculosen (Hydrocephalus acutus), Erweichungen 
(Gastromalacie), tumultuarische Irritationen des Nervensystems 
(Trismus neonatorum) in ein Reich vereinigt, und dadurch 
die Einsicht in die Einzelnen nichts weniger als gefördert. 

Bei der Bestimmung der rheumatischen Entzündungen 
hat man sich theils durch die Ursache (Erkältung), theils 
durch die Art des Schmerzens, theils durch die Art der 
Productbildung, theils durch die geringe Intensität der Hype- 
rämie, theils durch den Siz, theils durch die Weise der 
Theilnahme des Gesammtorganismus leiten lassen , und immer 
von dem möglichst abgesehen, was man im Einzelfall nicht 
gerade brauchen konnte. Den Gonorrhealrheumatismus 
nannte man so, weil er seinen Siz im Gelenke hat, und 
man sagte: Krankheiten der Schleimhäute compliciren sich 



225 



mit rheumatischen Entzündungen. Die secundäre Nephritis 
mit ihrem fibrinösen Exsudate nannte man eine rheumatische, 
weil sie neben Gelenksaffection vorkommt ; die Schmerzen 
im Wechselfieber, die in den Schenkeln zu sein scheinen, 
nannte man rheumatische, der Heftigkeit wegen. Eine fest- 
sizende Prosopalgie , eine fixirte Periostitis nannte man rheu- 
matische, weil sie mit Erkältungen zusamenzuhängen schie- 
nen und durch sie verschlimmert werden; ein Reissen in 
den, Gliedern bei einer Herzhypertrophie nennt man rheu- 
matisch, weil es nicht fix, sondern flüchtig ist. Es besieht 
dieser Begriff aus Elementen, die alle mit Ausnahme eines 
einzigen, beliebigen abwesend sein dürfen, und was in dem 
einen Fall das einzige Moment für die Diagnose einer rheu- 
matischen Entzündung ist, wird in zehen andern Fällen ohne 
Sorgen vermisst, oder ist vielleicht selbst sein Gegentheil 
vorhanden. 

Kaum etwas besser steht es mit dem Begriff des Ery- 
sipels. Man hat dabei zwei Momente vermischt: das ana- 
tomische: die Hauthyperämie und das sympathische, vielleicht 
zuweilen ätiologische: die Darm- und Leberaffection. Es war 
eine unpassende Vermischung , weil beide Momente nur zu- 
weilen und nicht wesentlich zusammentreffen. Je nachdem 
man das eine oder das andere Moment mehr hervorhob, 
und nun nach der einen, oder der andern Seite Fälle von 
oberflächlicher Aehnlichkeit anreihte, bekam man verschie- 
dene Verhältnisse zusammen , die nicht nur unter sich nichts 
gemein , sondern auch mit dem ursprünglichen Begriff nichts 
zu schaffen haben. In ersterer Beziehung fing man an , die 
Röthe , die sich um verlezte Stellen auf vulnerabler Haut zu 
bilden pflegt, erysipelatos zu nennen, liess man ferner die 
Hauthyperaemieen bei Phlebitis dem Erysipelas sich anreihen, 
und da bei leztern die Prognose schlecht ist, so unterschied 
man sie als bösartige Erysipele. Man ging sogar so weit, 
das Erysipelas überhaupt als Venenentzündung zu charac- 
terisiren. So gewiss es ist , dass eine Entzündung der kleinen 

Wunderlich, Path. d. Bluts. 15 



226 



Venen der Haut, oder auch nur eine Verschliessung der- 
selben Hyperämie der Cutis zur Folge haben muss, so sicher 
ist diese Phlebitistheorie nicht im Sinne des ursprünglichen 
Ersipelasbegriffs , und passt auf viele, herkömmlich damit 
vereinigte Fälle nicht. Man schloss ferner die Hauthyperä- 
mie an, die durch Ausbreitung des Processes von tiefer- 
liegenden Affectionen, der Knochen z. B., entsteht, und weil 
denn doch eine erklekliche Verschiedenheit zwischen ihr und 
dem Erysipelas faciei .besteht, so characterisirte man jene 
als Pseudoerysipelas, ein unglüklicher Ausweg, der die wahren 
Verhältnisse noch mehr verwirrte. — Andrerseits hielt man 
sich an die Darm- und Leberafteclion , und sprach — ab- 
sehend von dem anatomischen Momente — von Erysipelas 
des Gehirns, der Lunge, der Pleura, nannte die Ruhr ein 
Erysipelas des Mastdarms, stellte ein erysipelatöses Fieber 
und eine erysipelatöse Diathese auf, immer nur das sympa- 
thische Moment , die gestörte Gallensecretion im Auge behal- 
tend und den ursprünglichen Sinn der „Rose" gänzlich ver- 
gessend. So ist für den Practiker, der nicht nachdenkt, 
oder dem der Entwiklungsgang der Ansichten unbekannt ge- 
blieben ist, die Lehre vom Erysipelas ein Unglük gewor- 
den, das auch für seine Patienten sehr empfindlich werden 
mag, wenn, wie so häufig, bei dem Wort Erysipelas sofort 
die Ideenassociation von Vomitiven und Purganzen eintritt. 

Der Begriff „Tuberkel" ist als ein anatomischer Begriff 
beim Verdrängen des symptomatischen Standpunkts durch 
den descriptiv anatomischen, so ziemlich an die Stelle der 
symptomatisch aufgefassten „Phthisis" getreten. Aber auch 
der Begriff Tuberkel ist nur nach dem äussern Ansehen, eben 
descriptiv anatomisch, abstrahirt, und es konnte nicht fehlen, 
dass die Betrachtung in der Nähe seine Unvollkommenheit, 
seinen Mangel an Schärfe aufdeken musste. Schon sind die 
acuten Miliargranulationen als etwas wesentlich verschiedenes 
davon abgefallen, und Engel hat durch seine Auseinander- 
sezung vollends klar gemacht, dass es nur gewisser Um- 



227 



stände und rein zufälliger Verhältnisse bedarf, damit eine 
Exsudalmasse ein tuberculöses Ansehen erhalte, Umstände 
und Verhältnisse freilich , die hei gewissen Constitutionen, 
bei gewisser Mischung des Bluts leichter eintreten , als bei 
allen Andern. Jedenfalls hat aber dadurch der Tuberkel die 
Auszeichnung eines specifischen Products verloren, und die 
Uebergänge zu andern Productformen sind dadurch deutlich 
und natürlich erschienen. Sollen wir darum nicht mehr von 
Tuberkel sprechen? das Wort als unscharf verbannen? Ge- 
wiss nicht! Jeder weiss, was man mit dem Ausdruk will, 
und wenn man nur die Mängel an Schärfe dieses Worts 
im Auge behält, so ist schon jeder Missbrauch desselben, 
und jede Begriffsverwirrung beseitigt und unmöglich gemacht. 

Bei solchen Verhältnissen ist auch der Streit, ob Scro- 
pheln und Tuberkeln identisch seien , ein unnüzer und eitler. 
Niemand wird der Ansicht sein , dass eine einfache Drüsen- 
anschwellung eines Scrophulosen aus abgesezter Tuberkelmasse 
besiehe. Aber das ist ohne allen Zweifel , dass die lange 
zurükgehaltenen Exsudate in den Lymphdrüsengeschwülsten sol- 
cher Leute ■ — mag diess nun von den Verhältnissen der 
Cachexie oder von localen abhängen — sehr gewöhnlich tu- 
berculöses Aussehen annehmen. 

In vielen Fällen zeigt sich eine ungewöhnliche Neigung 
der Exsudate zu frühem flüssigem Zerfallen, ebenso gehen 
oft mit oder ohne vorausgegangene Hyperämie, mit oder 
ohne deutliche Productbildung Gewebstheile sehr rasch unter. 
Man hat solche Fälle als Erweichungen, Brand, septische 
Entzündungen, verschwärende Entzündungen bezeichnet, und 
zum Theil unterschieden, und lebhaft z. B. bei der Magen- 
erweichung darüber gestritten, ob sie von Entzündung ab- 
hängen oder nicht, und ob die Entzündung eine reine oder 
unreine sei. Es hat diese Frage wenig Sinn und Werth. 
Vielmehr ist klar, dass sehr verschiedene Verhältnisse, locale 
und allgemeine, dasselbe Resultat, nämlich den Untergang 
des Gewebs, und das chemische Zerfallen der Producte zur 

15* 



228 



Folge haben können. Das Erlöschen der Innervation, sei es 
vollständig oder nur annähernd, die gänzliche Stokung der 
Blutabfuhr, oder das Aufhören der Zufuhr, örtlich zerstö- 
rende und chemisch auflösende Agentien, die Ueberladung 
des Bluts mit in Zersezung begriffenen Stoffen — alles das 
muss jenes Resultat zur Folge haben, und es ist nur für 
den einzelnen Fall näher zu ermitteln, welche dieser Mo- 
mente gewirkt haben, und wodurch sie herbeigeführt wurden. 
Unter welchen Formen dann der örtliche Tod eintritt, hängt 
theils von der Art und den Verhältnissen des Organs, theils 
von der Acuität, theils von den oft zufälligen Umständen 
ab. Die genannten Ausdriike beziehen sich nur auf das 
lezte Phänomen: die Ursache selbst lassen sie nicht durch- 
bliken, und darum kann denn auch die Erweichung, der 
Brand ebensowohl mit Entzündung, oder besser Hyperämie 
beginnen, als nicht, wird aber wohl meist durch eine vor- 
ausgegangene Hyperämie an der Stelle ungemein gefördert 
und beschleunigt werden. 



Zu allen Zeiten hat man die Ursachen des sogenannten 
Allgemeinwerdens einer örtlichen Krankheit, d. h. des Auf- 
tretens verbreiteter Symptome bei localen Störungen, und 
das Wesen allgemeiner Störungen im Blut oder in den Ner- 
ven gesucht. Aber erst in der neuern Zeit konnte es gelingen, 
die früher nur ganz abstract aufgefassten Verhältnisse in ihrem 
eigentlichen Hergang zu verfolgen, und aus den verwikellen 
einzelnen Erfahrungen die allgemeinen Elementarthatsachen, 
die Geseze zu analysiren, oder doch wenigstens — mit 
Schärfe die Fragen zu stellen. 

Wenn die örtliche Störung nicht bloss der Ausdruk und 
die Folge der Blutveränderung, die leztere also das Primäre 
ist, sondern die allgemeine Krankheit von einem l^cau?« 



229 



Ursprung durch Vermittlung des Bluts entstehen soll, so kann 
diess nur auf drei Weisen geschehen. 

Es erleidet das Blut durch die örtliche Exsudation einen 
Verlust eines oder mehrerer seiner Bestandtheile , der sofort 
nicht durch Wiedererzeugung desselben Stoffes ausgeglichen 
wird. Offenbar ist diess ein im ganzen seltenes Verhalten. 
Der Marasmus des Bluts und seine hydropische Beschaffen- 
heit nach grossen Exsudationen, die Neigung zu gerinnenden 
Produkten nach reichlichen cholerischen Ausleerungen, und 
das Umschlagen einer Blutdyscrasie durch entsprechende 
Productbildung gehören vorzugsweise hieher. — Oder kann 
die örtliche Störung dadurch eine allgemeine Blutveränderung 
hervorrufen, dass Theile des örtlich abgesezten Products 
in das Blut aufgenommen , oder die normalen Secrete 
des Theils der gehemmten Absonderung wegen im Blute 
zurükgehalten werden. — Oder endlich es ruft, wie wir 
in dem Capitel von den Gährungen auseinandergesezt 
haben, der örtliche Process nicht durch die Summe des dem 
Blute etwa beigemischten Products, die Veränderung der 
Blutmasse hervor, sondern nur durch seine Gegenwart, d. h. 
wie die Chemie in analogen Verhältnissen sich ausdrükt, durch 
Contact. — 

Die unmittelbare Verbreitung Örtlicher Störungen durch 
das Nervensystem kann nur nach den Gesezen der Sympathie 
und des Antagonismus , der Irradiation und der Reflexe 
erfolgen, Verhältnisse, die zunächst nicht in unser Thema 
gehören. — 

Die Art, wie die örtliche Störung zur allgemeinen wird, 
ist dem Angeführten nach mindestens mannigfach und viel- 
deutig, und noch viel weniger sicher, als im Allgemeinen, 
lässt sich diese Frage in concreten Fällen entscheiden. 



230 



Von der Frage nach der Art des Entstehens der All- 
gemeinkrankheiten ganz unabhängig ist die Untersuchung, 
worauf die Erscheinungen, die man als Kriterium eines 
Allgemeinleidens ansieht, beruhen, und wovon sie abhängen. 

Auch hier können wiederum nur zwei Bestandteile des 
Körpers in Betracht kommen , das Blut und das Nervensy- 
stem. Mag der Weg, den die Localstörung zur Generali- 
sirung eingeschlagen hat, sein welcher er will, ist einmal 
die Störung allgemein, so kann diese nur in einem abnor- 
men Verhältnisse im Blute oder in veränderter Functionirung 
der Nerven, namentlich der Nervencentraltheile bestehen. 

Was zuerst das Blut anbetrifft, so äussert sieh seine 
Anomalilät, wie wir schon im ersten Abschnitt besprochen 
haben , nur durch wenige directe Erscheinungen : die Er- 
nährung, die Entstehung von Stasen, die Exsudation, die 
veränderten Secretionen, den Austritt von Blut als Ganzem 
aus den Gefässen , und die objectiven Temperaturverhältnisse 
des Körpers ; diess sind die Verhältnisse , welche im leben- 
den Körper vom Blute unmittelbar und zwar von ihm zu- 
nächst abhängen, ob nun sein anomales Verhältniss ein 
chemisches ist, oder nur in einem den Contractionen des 
Herzens entsprechenden raschen oder gehemmten Laufen 
durch die Capillarien beruht. 

Alle andern als Zeichen eines Allgemeinleidens ange- 
sehenen Erscheinungen hängen zunächst vom Nervensy- 
steme ab , und es ist klar , dass es für den nächsten Erfolg 
gleichgültig sein muss , woher das Nervensystem in seinen 
Functionen eine Störung erlitten hat, sondern nur wichtig, wie 
gross diese Störung ist. Denn die Abweichungen in den 
Functionen des Nervensystems können nur innerhalb der 
eigenthümlichen Energie stattfinden , sie können nur in der 
Quantität, nicht in der Qualität Verschiedenheiten zeigen, und 
die Ursachen, welche sie hervorrufen, haben auf die Art 
der Störung keinen Einfluss, sondern nur auf den Grad, auf 
die Dauer, auf die Combination. Am vollkommensten gilt 



231 



diess bei den Störungen des Rükenmarks, während bei dem 
des Gehirns eher eine specifische Störung nach der beson- 
dern Ursache wenigstens scheinbar (die Art der Delirien z. B. 
bei Säuferwahnsinn, bei Typhösen, im Kindbettfieber etc.) 
zuweilen stattfindet. 

Es ist nöthig zur näheren Sichtung mancher vom Blute 
selbst fälschlich abhängig gemachten Erscheinungen, dass wir 
die Art der Nervenstörung, die sich als Allgemeinleiden zu 
erkennen gibt und die man häufig unpassender Weise mit 
dem Namen der allgemeinen Reaction belegt , näher be- 
trachten. 

Jede Funktionsstörung im Nervensystem, im Gehirn, im 
sensoriellen wie im motorischen Theile gibt sich kund ent- 
weder durch zu lebhafte Aeusserungen oder durch Schwäche, 
Stumpfheit und Unthätigkeit. 

Die zu lebhaften Aeusserungen bestehen aber genau 
betrachtet nicht in einer wirklichen Erhöhung; einer ver- 
mehrten Kraftäusserung. Sie treten nur leichter ein, die 
Ruhe wird leichter aufgestört, die Bewegung folgt rascher, 
stürmischer, mehr in Explosionen , sie ist dem Willen weniger 
unterworfen, sie ist weniger dauernd und nachhaltig, es folgt 
früher und in höherem Grade Erschöpfung auf sie ; die 
scheinbar vermehrte sensorielle Thätigkeit besteht nicht in 
einem schärferen Auffassen , einem feineren Unterscheiden, 
sondern nur in leichlerem Angeregtwerden der Sinne, die 
Eindrüke werden früher lästig , früher schmerzhaft und auch 
in dieser Sphäre folgt früher Ermattung und Stumpfheit. 
Es ist daher bei allen diesen scheinbar erhöhten Functions- 
ausübungen eine gewisse Mangelhaftigkeit, die der gemeine 
Sprachgebrauch als Schwäche bezeichnet. Eben in der leich- 
ten Erregbarkeit der Sinne, wie der motorischen Functionen 
liegt eine gewisse Schwäche und sie wird noch unzweifel- 
hafter durch die Unfähigkeit zur Andauer der Erregungen 
und durch die unverhältnissmässige Erschöpfung , die auf sie 
folgt. Man kann daher diesen Zustand, den der geläufige 



232 



Ausdruk Irritation nicht ganz genau dekt , und wirklich eher 
missverstehen lässt , durch das Wort reizbare Schwäche 
oder krankhafte Impr es sio na bili tat sehr gut bezeichnen. 
Es sind diese Zustände nicht mit dem gemeinen Maas von 
gross und klein, von weniger oder mehr zu messen und es 
scheint mir darum z. B. der Streit, ob der Schmerz eine 
Erhöhung oder Verminderung der Function sei, ein eitler zu 
sein. So wenig man von Zittern und am Ende selbst von 
den Convulsionen sagen kann, sie seien eine erhöhte Func- 
tion , obwohl die Functionsäusserung mehr in die Augen fällt, 
als wenn der Theii durch den Willen im Gleichgewicht er- 
halten wird, so wenig berechtigt ist man dazu bei der über- 
mässigen Empfindlichkeit und beim Schmerze. Die Stärke, 
die Kraft der Nervenfunctionen liegt nicht in der Lebhaftig- 
keit ihrer Aeusserungen, sondern in ihrem normalmässigen 
Verhältniss zu den Anregungen , durch welche sie in Bewe- 
gung gesezt werden. Als Abweichungen gibt es hier nur 
einerseits eine übermässige Empfindlichkeit und andrerseits 
die Stumpfheit, und erstere ist so wenig eine wirkliche Er- 
höhung, dass sie vielmehr unmittelbar, unmerklich und fast 
ohne Grenzen in die leztere übergehen kann. Diess be- 
obachtet man am deutlichsten in vielen Fällen von allmälig 
entstehender Amaurose, wo die Lichtscheue und Empfind- 
lichkeit des Auges , das Farbensehen sehr bald mit Unfähigkeit 
zum deutlichen Unterscheiden sich combinirt, und beim Fort- 
schreiten des Uebels die leztere immer mehr überwiegt; man 
bemerkt aber das Gleiche auch beim Schmerz, der ohne 
Grenzen in Empfindungslosigkeit, so wie bei convulsivischen 
Zuständen, die ebenso unmerklich in Paralyse übergehen 
können. Dieses Verhältniss wurde wohl desshalb so gewöhn- 
lich missverstanden und verkannt , weil man für dasselbe 
nirgends in der übrigen Natur ein Analogon fand. Aber das 
Nervensystem ist auch eine Anordnung ohne irgend eine 
Anologie in der übrigen Welt und man kann daher nicht er- 
warten, seine Verhältnisse aus fremdartigen begreifen zu können. 



233 



Die Störungen der Nervenfunction , mögen sie primär 
sein , oder in Folge andrer Lässionen entstehen , können 
alle Stufen von den leisesten Graden einer vermehrten Em- 
pfindlichkeit , ausgebreiteterer Irradiation , vervielfältigterer 
Reflexe — denn diese Verhältnisse beruhen auf demselben 
Princip : der leichteren Impressionabilität — verbunden mit 
etwas früherer Ermattung bis zu den tumultuarischsten Ex- 
plosionen oder dem Tod ähnlicher Lähmung zeigen : immer 
ist es nur ein gradueller Unterschied. Durch die Dauer, die 
Allgemeinheit oder Beschränktheit der Zufälle , durch die 
Combination unter einander können wieder mannigfaltige 
Modificationen entstehen, die so verschieden sie auch beim 
oberflächlichen Betrachten sind, doch ihrer Natur nach nur im 
Grade und in der Ordnung differiren. 

Die ältere und theilweise noch die neuere Medicin hat 
diese Verhältnisse besonders dadurch verhüllt, dass sie solche 
nur dem Grade, der Dauer, der Ordnung der Symptome 
verschiedene nach Functionsstörungen durch ganz verschiedene 
Benennungen unterschied, denen, wie man wähnte, auch 
allenthalben verschiedene Zustände zu Grunde liegen sollten. 

Wenn wir nur die allgemeinen die über den grössten 
Theil des Nervensystems verbreiteten Zustände von reizbarer 
Schwäche ins Auge fassen , so erhalten wir ungefähr folgende 
Grade : 

1. Lähmung und Stupor. 

2. Convulsionen und Status nervosus. 

3. Fieber. 

4. Hectik 

5. Chronische Spinalirritation. 

6. Leichte vorübergehende Reizungen. 

Es versteht sich , dass diese Grade keine grosse Schärfe 
haben, denn die Natur hat keine Stufenleitern, dass vielmehr 
jeder in seinen Nachbar ohne Grenzen sich verliert, und dass 
ohne Mühe diese Grade noch vermehrt werden könnten. 

Wir nehmen als ungefähr den mittleren Grad das Fieber 



334 



heraus , und werden an die Betrachtung desselben die andern 
Zustände anreihen. 

Schon an einem andern Ort (Archiv für physiol. Heil- 
kunde. II.) haben wir den Versuch zu einer Physiologie des 
Fiebers gemacht und wenn wir auch gerne zugeben, dass 
einzelne Punkte in diesen Verhältnissen noch dunkel und 
hypothetisch sind, so kann doch darüber keine Frage mehr 
sein, dass der nächste Grund der Fiebererscheinungen im 
Nervensystem, und namentlich im Spinalmarke liegt. Die 
Beschwerden, welche dem eigentlichen Anfalle voranzugehen 
pflegen , zeigen zum grössten Theil eine unvollkommene Func- 
tionirung des Markes an: Frösteln, Schaudern, Mattigkeit, 
Gefühl von Schwere, Gähnen, Schmerzen in den Gliedern. 
Dieser Zustand steigert sich auf seinen höchsten Grad im 
ausgesprochenen Fieberfroste, oder vielmehr er explodirt in 
diesem convulsivisch. Hier erreicht die Kränkung des Mar- 
kes durch die krankmachende Ursache ihre Höhe. Dauert 
die Apache in gleicher Intensität fort , oder nimmt sie sogar 
zu, so sehen wir mehrere Froslanfälle in Zwischenräumen 
auf einander folgen. In den gewöhnlichen Fällen aber geht 
das Froststadium in das sogenannte Hizestadium über, es ist 
diess eine Mässigung der spinalen Affection ; das Athmen, 
die Bewegungen des Blutes gehen wieder vollkommener von 
Statten, als während des Frostparoxysmus, die Oxydation 
des Bluts und der chemische Process in den Capillarien 
kommt wieder zu Stande, und ist der rascheren Cirkulation, 
der häufigen durch die Rükenmarksirritation angeregten Herz- 
contractionen wegen beschleunigter, die thierische Wärme 
daher etwas höher, und das lädirte und im Zustand ver- 
mehrter Impressionabilität befindliche Mark empfindet alles 
diess in noch heftigerer, lästiger Weise. Nur wenn die 
Fieberursache aufhört zu wirken und keine Lokalstörungen 
von Belang sich gebildet haben , so verliert sich allmälig der 
Zustand lästiger Hize , die Funktionen kehren wieder in den 
normalen, ruhigen Gang zurük; wo dagegen Lokalstörungen 



235 



vorhanden sind, da kann die spinale Affection sich aufs neue 
steigern und höhere Grade von acutem Rükenmarksleiden 
können in weiterem Verlaufe auflreten. 

Das Fieber zeigt, je nach der Intensität der Ursache, 
dem Zustand des Bluts, der Schnellheit mit der die Abnor- 
mität entsteht, den Lokalstörungen, der individuellen Impres- 
sionabilität verschiedener Grade, welche die symptomatische 
Medicin allerdings gekannt und unterschieden , aber , ohne 
das blos graduelle Verhältniss zu ahnen, als ebenso viele 
Arten des Fiebers bezeichnet hat, während die anatomische 
Schule diese Unterschiede gänzlich vernachlässigte. 

Die Ausdrüke, mit welcher die symptomatische Medicin^ 
verschiedene Arten des Fiebers unterscheiden will: Reiz- 
fieber, entzündliches Fieber, Nerven fieber be- 
zeichnen nur die Grade der Spinalläsion, die ohne Grenzen 
in den verschiedenen Fällen wie in jedem einzelnen in einan- 
der übergehen , die auf keinerlei Weise auf einen bestimm- 
ten Localprocess hindeuten. Es ist ein grosser praktischer 
Irrthum, die Symptome des entzündlichen Fiebers als Maas- 
stab für die Diagnose eines örtlichen Processes anzusehen. 
Sie können jede Art von Process begleiten und zeigen nur 
einen mittleren Grad von Fieberheftigkeit an. Ebenso kann 
das „Nervenfieber" mit jeder Art von örtlichem Process zu- 
sammen vorkommen und selbst ohne einen solchen bestehen, 
wie nicht selten bei schwächlichen und reizbaren Individuen, 
bei lang säugenden Frauen. Allerdings haben manche ört- 
liche Erkrankungen (z. B. Mortificationsprocesse) und manche 
Blutalterationen (wie namentlich jene dunklen Veränderungen 
die nicht auf einem einfachen Plus oder Minus der Bestandtheile 
beruhen: der Typhus , die Exantheme etc.) die vorzugsweise 
Eigenschaft, die nervöse Form des Fiebers zu veranlassen, d. h. 
denjenigen Grad der Spinallässion , bei welchem die Im- 
pressionabilität höchst gesteigert, die Reactionen in den moto- 
rischen Apparaten äusserst energielos sind, die Schwäche 
aber bald die Reizbarkeit ungleich überwiegt und verdrängt. 



236 



Da man nun gefunden hatte, dass die meisten Fälle, bei denen 
die nervöse Form des Fiebers dauernd besteht und tödtlich 
endet , die typhöse Veränderung des Darms aufweisen , so 
kam man zur Zeit der Herrschaft der anatomischen Schule 
dahin , den Begriff des Nervenfiebers mit dem des Typhus 
für identisch zu halten , zu verwechseln und jenen von diesem 
verdrängen zu lassen. Beide gehören aber einem durchaus 
andern Standpunkte und daher auch Verhältnissen an, die 
sich nicht deken. Nervenfieber ist ein symptomatischer Be- 
griff, der physiologisch haltbar werden kann als Ausdruk für 
eine besondere Form, einen gewissen Grad der acuten 
Spinallässion ; Typhus ist ein anatomischer oder humoral- 
pathologischer Begriff geworden, bezieht sich auf einen be- 
stimmten Process, auf bestimmte Veränderungen im Körper, 
die ihrerseits mit den verschiedensten Aeusserungen im 
Nervensystem einhergehen, d. h. von einfachem Reizfieber, 
entzündlichem oder nervösem Fieber begleitet sein können. 
— Weil man das Nichtcongruenle dieser Begriffe einsah, 
so wandte man später zu weiterer Verwirrung den Ausdruk 
Typhus überall da an, wo man sonst Nervenfieber gesagt 
hatte: Puerperaltyphus, Wundtyphus, Ruhrtyphus etc., ein 
Missverständniss , das von niemand weiter getrieben wurde, 
als von Eisenmann. Ich habe an einem andern Orte 
(Archiv für physiol. Heilk. I. 621. Die pseudotyphösen Er- 
krankungen) eine namhafte Reihe von Krankheiten aufgezählt, 
die gänzlich die äussere Erscheinung des Typhus annehmen 
können, obgleich sie auf andern anatomischen wesentlichen 
Verhältnissen beruhen. Denn das ist eben die grosse Schwie- 
rigkeit der diagnostischen Untersuchung , dass die Symptome 
der Krankheiten in keinem Vergleiche weniger von den 
eigentlichen wesentlichen Läsionen , als von der consecuti- 
ven Abnormität in der Nervenfunctionirung abhängen , einer 
Abnormität , die bei den verschiedensten Processen die 
gleiche sein kann. 

Unter den Ausdrüken gastrisches und rheumati- 



237 



sches Fieber hat die symptomatische Medicin weitere Arten 
besonderer Fieber aufgestellt , die noch schlimmer ausgefallen 
sind, insofern sie zwei Anschauungsweisen vermischen, und 
namentlich einen Anfang von anatomischer Ansicht höchst 
verkehrt herein führen. Diese gastrischen Fieber bezeichnen 
nichts anderes, als leichte Fiebererscheinungen, bei denen 
der Catarrh der Darmschleimhaut etwas mehr entwikelt ist ; 
ob er aber das Wesentliche ist, ob die Krankheit wirklich 
nichts anderes ist, als fieberhafter Intestinalcatarrh , darauf 
nimmt die symptomatische Medicin keine Rüksicht, und oft 
habe ich typhöse Affectionen , acute Herzkrankheiten , Pneu- 
monieen, Endometriten als gastrische Fieber diagnosticiren 
und behandeln sehen. — Das rheumatische Fieber der symp- 
tomatischen Medicin ist kaum etwas anderes, als eine be- 
liebige fieberhafte Affection, bei der die centrale Empfindlich- 
keit sich vorzugsweise als Schmerzhaftigkeit , wechselnd in 
verschiedenen Parthieen des Körpers kund gibt, eine Eigen- 
thümlichkeit , die sehr häufig von der individuellen Constitu- 
tion des Kranken und nicht von dem bestehenden Processe 
abhängen mag. 

An das Fieber und namentlich an seine höchstgradige 
Form, das Nervenfieber, reiht sich unmittelbar jener Zustand 
an, den man mit dem Namen Status nervosus be- 
zeichnet hat. In ihm tritt neben der Spinalläsion , die über- 
diess mehr und mehr den Charakter des Torpors angenommen 
hat, eine mehr oder weniger schwere Gehirnaffection hervor, 
anfangs sich in der Art vermehrter Empfänglichkeit und leb- 
hafter tumultuarischer Functionirung , später als Sopor und 
Stumpfsinn sich kund gebend. 

Convulsionen und maniakalische Ausbrüche endlich 
müssen als die höchst gesteigerten Explosionen im Nerven- 
system angesehen werden , die aber eben darum nur in der 
Form, nicht wesentlich vom Fieber sich unterscheiden. 

Die niederem Grade der Rükenmarksaffection entstehen 
entweder nur durch eine vorübergehende und massige 



238 



Ursache, und sind demgemäss selbst nur vorübergehende Er- 
scheinungen. Hieher gehören die augenbliklichen, flüchtigen 
Reizungen, die je nach der Individualität vom leichtesten 
Zittern bis zu heftigen Krämpfen gehen können. Oder aber 
sie sind die Wirkung einer dauernden, aber schleichenden 
Ursache, die zwar nur leise, aber um so sicherer den Kör- 
per zerrüttet, dann sind es sehr protrahirte , unter Schwan- 
kungen verlaufende Affectionen , die zeilweise vielleicht alle 
Charaktere des Fiebers selbst von dessen heftigster Form, 
dem Nervenfieber annehmen, gewöhnlich aber nur als lästige, 
unbesiegbare Nervenreizbarkeit bestehen. Zwei verschiedene 
Zustände gehören zu dieser Categorie: die Hectik und die 
eigentliche und im engen Sinn sogenannte chronische Spinal- 
irritation. 

Die Hectik hat schon die ältere Medicin zum Fieber als 
besondere Art gerechnet , ohne das wahre Verhältniss , das 
Bedingtsein der protrahirten Spinalläsion durch die dauernde 
und wachsende Ursache einzusehen. Auch hier besizt man drei 
Ausdrüke , die in dem gleichen Fall gebraucht werden , und 
doch nicht die gleiche Bedeutung haben. Während Hectik 
als der Ausdruk für die eigenthümliche protrahirte Spinal- 
läsion angenommen werden kann, bezeichnet Phthisis rein 
symptomatisch die Erscheinung des Abzehrens und ist Tu- 
berculose der anatomische Begriff für die jenen beiden Ver- 
hältnisse oft zu Grunde liegende organische Veränderung. — 
Man wundert sich über die am Schluss der Tuberculose oft 
eintretenden typhusartigen Erscheinungen. Sie sind sehr 
leicht zu begreifen, wenn wir bedenken, dass Hectik, Fieber 
und Status nervosus nur die der Acuität und Intensität nach 
verschiedenen Formen einer und derselben Art von Mark- 
läsion sind. 

Die chronische Spinalirritation endlich ist nichts anders 
als die verzettelte und den meisten Schwankungen unter- 
worfene Form derselben Centralaffection und es begreift sich 
daraus ebensowohl die unendliche Variabilität ihrer Symp- 



239 



tome , als auch die Thatsache , dass sie jede Art von extra- 
spinaler Erkrankung , wenn diese nur chronisch ist , begleiten 
und von ihr entstanden sein kann. 



Billig fragt man bei jeder Theorie nach ihrer Recht- 
fertigung ; und da bei vielen Fragen in den Naturwissenschaften 
die Antwort nur ein gewisses Wahrscheinlichkeil smaass für 
sich geltend machen kann, so ist man misstrauisch beson- 
ders gegen Theorieen über solche Verhältnisse geworden, 
über welche im Lauf der Jahrhunderte eine Ansicht die 
andere verdrängte. Wenn gegen irgend eine diess Misstrauen 
sich geltend machte , so war es gegen die Theorie vom Fieber, 
und für viele ist jener Ausspruch des Charlatans vor der ihn 
examinirenden Commission: „Was Fieber ist, wissen weder 
Sie noch ich, aber der Unterschied ist, dass ich es heile 
und Sie nicht" zur Parole geworden, um das Streben der 
wissenschaftlichen Medicin nach Einsicht in die Thatsachen zu 
verhöhnen. Ich gebe die Hypothesennatur vieler unserer ge- 
priesenen Theorieen gerne zu, aber es gibt doch auch solche, 
die sich jeder physicalischen und physiologischen Theorie an 
die Seite stellen können. Hieher gehört wenigstens ein Theil 
der neuern Fiebertheorie. Dass das Organ , von welchem die 
zum Fieber gerechneten Erscheinungen zunächst abhängen, 
das Rükenmark und in etwas geringerem Maasse das Gehirn 
ist, dass also das Fieber, wenn man so sagen will, eine 
Spinalneurose ist, kann nur dem zweifelhaft sein, der an 
allem zweifelt. Er zweifle dann auch daran , dass der Opticus 
der Sehnerve ist, und er ist in demselben Rechte. Freilich 
ist mit jener Entdekung — einer der schönsten der neueren 
wissenschaftlichen Medicin, die wie fast alle grosse Wahr- 
heiten nicht der Einfall eines Einzelnen, sondern das Ergebniss 
der allmälich durch den Gang des Wissens sich aufdringenden 



240 



inneren Notwendigkeit war — nur ein Punkt gegeben, um 
den sich tausend neue Fragen anlegen. Denn immer ist es 
die Art des Fortschrittes in unserer Wissenschaft, dass durch 
einen positiven Gewinn nicht das Feld des Unbekannten und 
Zweifelhaften kleiner wird, sondern dass sich nur die Aus- 
sicht auf die Unendlichkeit von Fragen erweitert. Wer da 
glaubt, dass es je einst zu einer Abschliessung in den phy- 
siologischen Wissenschaften kommen könne , der hat in seiner 
kindlichen Naivetät selbst von den Elementen noch nichts 
begriffen. 



■*$8©*~ 



i e r t e t %bfd)nxtt 



Wunderlich, Path. d, Bluts. 



Formeln, analytische Belege und 
Paradigmata. 

IjfXWltt. 



Protein = C 48 H 72 N 12 u 

Fibrin = Pr C 10 + P + S) ? 

Albumin = p r f 10 _j_ p _j_ 2 S) 

Cascin = Pr ( 10 -f S) 

Blut (empirische Formel) = C 48 H ,8 N 12 15 

Harnsäure = C 10 H 8 N 8 6 

Harnstoff = C 2 H 8 N 4 2 

Choleinsäure . , . . = C < 6 H 132 N 4 22 



Protei nverbindungen. 



Mulder. 


Fibrin aus 


Albumin aus 


Albumin aus 


Käsestoff aus 


Ochsenblut. 


Eier. 


Serum. 


Kuhmilch. 


C = 


54,56 


54,48 


54,84 


54,96 


H = 


6,90 


7,01 


7,09 


7,15 


N = 


15,72 


15,70 


15,83 


15,80 


= 


22,13 


22,00 


21,23 


21,73 


P = 


0,33 


0,43 


0,33 




s = 


0,36 


0,38 


0,68 


0,36 
ia * 



244 









x y p r 


o t e i n e. 






Mulder. 


Proteindeutoxy 


d. 


Proteintritoxyd. 


C. 


53,69 


53,64 


53,44 


51,47 


51.69 


51,38 


H. 


6,90 


6,88 


7,04 


6,60 


6^4 


6,78 


N 


15,63 


15,85 


14,51 


15,37 


15,09 


15,09 


0. 


23,71 


23,64 


25,01 


26,56 


26,58 


26,82 



P r o t e 





Mulder. 
C. 55,299 
H. 7,022 
N. 15,976 
0. 21,703 


Scherer. 

55,102 

6,985 

16,010 

21,903 




Art 


erienhaut, H 


orngewebe. 


Chon dr 


Scherer. 

C. 
H. 

N. 
0. 


53,571 

7,026 

15,360 

24,043 


51,067 

6,814 

17,411 

24,708 


50,208 

7,030 

14,653 

28,109 




H a r n s t o f f. 


Harnsäure. 






Lielbig und Wöhler. 
C. 20,02 
H. 6,71 

N. 46,73 
O. 26,54 


Mitscherlich. 

35,82 

2,38 

34,60 

27,20 





Choleinsäure. 



Demar9ay und Dumas 


5. 


O, 


63.604 


H. 


9,060 


N. 


3,278 


O. 


24,058 


Fett. 


C holeste arin, 


Chevreul. 


Marchand. 


C. 79,000 


84,90 


H. 11,416 


12,00 


0. 9,584 


3,10 



245 



tätfanbe* Ifctitnblut, 



Simon. 


I. 


II. Mittel au 


Wasser 


791,900 


798,656 


Fibrin 


2,011 


2,208 


Fett 


1,978 


2,713 


Albumin 


75,590 


77,610 


Globulin 


105,165 


100,890 l 
5,237 > 


Hämatin 


7,181 


Extr. u. Salze 


14,174 


9,950 



Mittel aus Lecanu's Untersuchungen. 
790,0 
3,0 

80,0 

127,0 

8,0 



Skquml untr Webtet. Jttittelrifultatt fcer amtnaratinett 
J&twlnfjm vibex Im* lUut briter <&t\§UfyUx. 





Mann. 


Weib. 


Wasser 


779 


792,6 


Blutkügelchen 


141,1 


127,2 


Eiweiss 


69,4 


70,6 


Faserstoff 


2,2 


2,2 


Extractivstoff 


6,7 


7,5 


Fett 


1,6 


1,6 


Chlornatrium 


3,1 


3,9 


lösliche Salze 


2,8 


2,9 


unlösliche Phosphate 


0,3 


0,3 


Eisen 


0,5 


0,5 



^ntrrdl utrtr (&\XMVXtV$ UHutatwlnf*«. 

Mittel der Bestandtheile im gesunden Blut nach Lecanu angenommen: 
Fibrin = 3, Blutkügelchen == 127, feste Bestandtheile des Serum = 80, 
Unorganische Stoffe desselben = 8, Wasser 790. 

Maxima und Minima der Blutbestandtheile in Krankheiten. 

Auf tausend Theile Blut: Maximum. Minimum. 

Fibrin 10,5 0,9 

Blutkügelchen 185 21 

Feste Theile des Serum 114 57 

Unorgan. Theile dess. 8 5 

Wasser 915 725 



246 



A. Vermehrung der Blutkügelchen, Verminderung oder 
geringe Zunahme des Fibrin als Regel» 





c' 


i 

:p C 

s 


'S aj 
fci\2 2 


11 s 


u 

93 
m 

XIX 

CS 


Zona, 59jähr.Mann, sehr kräftig: 
G e s i ch t s so hm e r z, 55jähriger 

Mann, kräftig .... 
Zweite Aderlässe (8 Tage 

nachher) 

Icterus ohne Fieber .... 


2,5 
2,3 

2,4 

2,0 


146,4 

147,9 

144,1 
135,0 


77,0 

92,3 

84,3 
77,0 


6,0 

7,8 

6,8 
6,6 


768,1 
749,7 

762,4 

779,4 



2. „ 


8 


3. , 


8 


4. , 


15 


5. , 





Vorläufer von continuirl. 
1. Fall. 7ter Tag. lste Venaes 

:, i „ 

<i i // 

i „ 

2 „ 

3 „ 

6. ,, 1 r, 

(n. d. Genesung) 2 „ 

Einfaches nicht typhöse 

1. Fall. '7ter Tag lste Venaes 

9 „ 2 \, 

4 „ 1 „ 

Genesung) 2 „ 

5tcr Tag lste Venaes. 

(m.chr. Herzkrankh.) 2 „ 

4. Fall. 8 „ 1 
(m.Chloros.) 11 „ 2 „ 
(Sympt.v.Colitis)17T.3 ,, 

5. Fall. 15 „ 1 „ 
Typhus. 

1. Fall. SterTag. lste Venaes. 
7 



Fieber 
3,0 

1,8 
2,9 
3,2 
2,3 
2,2 
2,1 
1,6 
2,1. 
s Fiebe 



3,0 


143,5 


1,8 


136,4 


2,9 


142,7 


3,2 


137,9 


2,3 


125,4 


2,2 


124,0 


2,1 


123,0 


1,6 


157,7 


2,1. 


129,3 



80,3 



81,5 
86,7 
85,5 
84,1 
96,5 
88,9 



7,0 
7,1 
6,4 
6,6 



2. „ 
(n. d. 

3. Fall. 



4,6 


103,6 


83,9 1 


7,1 


5,6 


97,8 


83,9 1 7,4 


3,3 


185,1 


86,0 


3,3 


128,3 


79,1 


2,2 


120,7 


80,8 ' 6,3 


2,8 


90,2 


83,1 


7,9 


3,2 


82,5 


80,8 


8,6 


3,1 


77,2 


77,6 


8,4 


4,2 


62,4 


74,5 1 7,0 


1 3,3 


117,4 


98 


,7 



8 
10 
15 

2. „ 5 

3. „ 7 

9 

4. „ 7 

9 
12 

5. „ 8 
(Andral 10 

vermuthet a a 
eine acute , 
Bronchit.) 14 



2,3 


145,3 


2.1 


135,8 


1,8 


126,2 


1,3 


116,2 


1,0 


91,7 


2,4 


146,7 


3,3 


136,2 


3,0 


130,9 


2,5 


143,6 


3,7 


136,2 


3,6 


134,5 


5,0 


139.3 


5,4 


129,7 


5,0 


127,1 


4,0 


123,6 



96,1 
92,4 
86,8 
83,9 
79,9 

91,2 1 
90,2 
90,1 

80,7 

76,4 

73,3 

82,9 

81,6 

78,9 



6,7 
6,1 
6,5 
5,2 
6,0 
6,6 
5,6 



247 















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in 


6. Fall. 


8. 


Tag 


.1. 


Venaes. 


3,3 


142,2 


77,3 


7,2 


770,0 


7. „ 


9 


w 


1 


it 


3,6 


149,6 


77,3 


769,5 




10 


It 


2 


ii 


2.9 


125,3 


87,1 


784,7 




12 


tt 


3 


it 


2j3 


123.7 


69,7 


804,3 




15 


II 


4 


n 


1,9 


103,0 


64,0 


831,1 


(Convalescenz.) 


33 


It 


5 


n 


3,7 


79,6 


71,2 


845,5 


8. Fall. 


9 


It 


1 


it 


1,7 


100,7 


92,4 


805,2 


(Compl. mit tu- 


















bercul. Peritonit.) 10 


tt 


2 


„ 


1,4 


92,0 


92,6 


814,0 


9. Fall. 


9 


„ 


1 


tt 


3,4 


102,4 


76,8 


7,1 


810,3 




10 


tt 


2 


„ 


3,5 


100,5 


72,6 


7,2 


816,2 




12 


tt 


3 


tt 


2,3 


93,9 


70,9 


7,3 


825,6 




17 


tt 


4 


it 


1,7 


86,3 


69,1 


6,1 


836,8 


10. „ 

(m. Chlorose.) 


24 


It 


5 


tt 


2,1 


76,0 


67,2 


6,9 


847,8 


9 


It 


1 


it 


3,3 


77,4 


75,5 


7,6 


836,2 


11. Fall. 


10 


It 


1 


tt 


2,2 


139,2 


67,1 


6,9 


784,6 




12 


It 


2 


ii 


1,9 


136,7 


68,6 


7,2 


785,6 


12. „ 


10 


II 


1 


ii 


2,9 


134,6 


90,0 


772,5 




12 


It 


2 


n 


2,8 


122,0 


97,9 


777,3 


13. „ 


10 


It 


1 


tt 


3,0 


132,3 


86,7 


778,0 




13 


II 


2 


ii 


3,0 


124,0 


90,2 


782,8 




14 


II 


3 


it 


2,6 


120,5 


82,7 


794,2 




21 


It 


4 


tt 


1,6 


88,9 


83,1 


826,4 


14. „ 


12 


II 


1 


it 


3,2 


110,6 


81,6 


804,6 


15. „ 


12 


11 


1 


ii 


2,5 


133,1 


76,9 


787,5 




13 


It 


2 


it 


1,6 


129,8 


73,5 


795,1 




14 


tt 


3 


tt 


1,3 


111,7 


71,7 


815,3 




15 


II 


4 


n 


1,0 


93,5 


79,5 


826,0 


16. „ 


15 


It 


1 


it 


1,2 


117,3 


67,8 


813,7 


17. „ 


15 


II 


1 


it 


2,7 


108,6 


79,5 


809,2 


18. „ 


16 


II 


1 


tt 


2,6 


114,0 


83,3 


800,1 


19. „ 


21 


II 


1 


„ 


3,5 


125,8 


83,2 


787,5 


20. „ 


— 


II 


1 


n 


3,8 


102,7 


66,3 1 5,3 


821,9 




— 


II 


2 


it 


3,7 


94,7 


64,4 | 5,4 


831,8 




— 


II 


3 


it 


2,9 


68,5 


71,2 


857,4 


(Genesung vonTyphu 


3 














grosse Ulceration am .. 


4 












Sacrum.) 




ir 




n 


4,2 


66,7 


66,8 


862,3 


21. Fall. 




It 


1 


ii 


0,9 


93,1 


# 86 


3 


819,7 



Variola und Varioloid. 

Maximum des Fibringehalts: 

Minimum „ „ 

Mittel des Fibrins aus 14 Venaes. 



4,4 I 120,6 
1,1 I 126,5 

= 2,8 



76,4 



771,5 
796,0 



248 





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B 


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Morbillen und Scharlach. 

Maximum des Fibrins (Masernfall) [ 3,6 I 116,1 | 79,5 I 800,8 

Minimum „ „ „ 2,4 \ „ „ . 1 „ 

Mittel des Fibrins aus 9 Venaes. bei Masern und 2 bei Scharlach =2,9. 

Wechse 1 fieb e r. 



Maximum des Fibrins=3,8, Minimum = 3,0, Mittelaus 7 Venaes. = 3,45. 



Hi rncon 


gestion. 




1. 


Fall. 


lste Venaesection. 


2. 


» 


1 


» 






2 „ 


tr 






3 


„ 


3. 


tr 


1 


ff 


4. 


It 


1 


f/ 


5. 


„ 


1 


„ 


6. 


tr 


1 r, 


tr 






2 


„ 


7. 


„ 


1 


ff 


8. 


tr 


1 


f/ 






2 


„ 


9. 


„ 


1 


„ 






2 


„ 


10. 


tr 


1 


„ 


11. 


tr 


1 


f/ 


12. 


tr 


1 


„ 






2 


„ 


13. 


tr 


1 


ff 


14. 


„ 


1 


ff 


15. 


„ 


1 


ff 



3,7 


119,2 


90,4 


7,9 


3,7 


119,5 


82,9 


6,1 


3,2 


111,3 


79„7 


7,1 


3,0 


113,6 


84,8 


7.3 


3,5 


88,6 


87,4 


3,0 


132,4 


87,6 | 6,9 


3,0 


120,9 


80,2 


2,7 


131,0 


78,1 


7,0 


2,6 


121,6 


71,8 


7,3 


2,7 


152,3 


104 


ß 


2,4 


138,6 


87,2 


6,8 


2,7 


101,1 


68,3 


7,6 


2,3 


129,5 


81,9 


7,9 


2,5 


125,3 


86,5 


7,1 


2,9 


88,3 


86,9 


8,0 


2,4 


104,5 


82,9 


8,4 


2,1 


115,2 


87,1 


1,9 


109,2 


88,3 


1,6 


132,9 


92,9 


1,6 


114,8 


85,4 


2,7 


140,3 


9' 


M> 



778,8 
787,8 
798,7 
791,3 
820,5 
770,1 
795,9 
781.2 
796,7 
740,2 
765,0 
820,3 
778,4 
778,6 
813,9 
801,8 
795,6 
800,6 
772,6 
798,2 
763,0 



Hirnhaemorrhagie: 

I.Fall. Ister Tag. lste Venaes. 

2. „ 3 „ 1 

Rückkehr d. n 9 

Bewussts. D " *..-•" 

O. it O 11 1 ff 



keinVerl 



d. Bew 



4 „ 1 

8 ,1 1 

nach 3 Wochen 1 



7. 



keinVerl. 
d, Bew. 



2,2 

1,9 


135,9 | 
175,5 


3,5 


137,7 j 


2,6 
3,9 


140,6 
126,5 


2,0 
2,1 


120,8 
122,4 


3,2 


123,4 



71,0 
80,3 
79,6 

79,7 | 
77,8 
70,3 

76,4 

92,2 



6,3 



7,8 

7,2 



790,9 
742,3 
779,2 
770,8 
791,8 
806,9 
791,3 

774,o 



249 



B. Vermehrung der Fibrin, Verminderung oder normale 
Menge der Blutkügelchen, 











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o 


o 


IP 


Frau durch mehrfache Blutverluste 












in Folge eines Uteruskrebses er- 












schöpft , lebhaftes Fieber 




5,6 


43,3 


80,3 


7,8 


863,0 


Cancer d. Magens mitordentl. Verd. 


4,8 


76,7 


83,3 


835,2 


Acuter Gelenksrheumatismus. 












l.Fall. 3. Tag. l.V 


enaes. 


4,9 


101,3 


78,4 


8,1 


807.3 


5 „ 2 


// 


6,6 


95,5 


78,1 


7,9 


811,9 


7 „ 3 


„ 


6,5 


85,2 


90,5 


7,8 


810,0 


15 „ 4 


it 


5,0 


68,1 


96,6 


6,2 


824,1 


■v* it 3 ti 1 


it 


6,9 


106,7 


92,0 


7,1 


787,3 


6 „ 2 


ii 


7,7 


101,8 


86,9 


7,2 


796,4 


3. „ 4 „ 4 


it 


8,9 


109,3 


84,7 " 


797,1 


5 „ 2 


it 


9,8 


107,5 


85,8 


796,9 


6 ,, 3 


„ 


8,5 


95,4 


83,6 


872,5 


10 „ 4 


w 


6,4 


93,5 


79,5 


820,6 


(Convalesc.) 25 » 5 


w 


2,8 


117,9 


89,6 


789,7 


4. „ 4 f, 1 




6,2 


111,9 


86,9 


795,0 


(kein Fieber.) 19 v 2 


ff 


3,7 


102,0 


82,8 


801,5 


(Rückfall.) 24 n 3 


ff 


5,5 


95,7 


83,9 


814,9 


(fortd. Fieber.) 34 , ( 4 




5,8 


81,5 


78,9 


833,8 


5. Fall. 4 „ 1 


„ 


6.5 


114,8 


82,7 


769,0 


5 „ 2 


II 


6,2 


111,0 


82,1 


800,7 


7 „ 3 


„ 


7,0 


102,8 


76,9 


813,3 


10 r, 4 


„ 


6,9 


88,7 


80,5 


823,9 


13 „ 5 


„ 


6,5 


88,0 


79,9 


825,6 


15 i, 6 


It 


6,8 


76,6 


79,1 


837,5 


6. „ 4 „ 1 


II 


6,0 


118,4 


79,5 


796,1 


7. „ 6,1 


„ 


6,3 


130,0 


87,7 


6,4 


771,6 


(starke Constit.) 7 „ 2 


„ 


8,2 


112,5 


80,8 


6,8 


791,7 


10 „ 3 


II 


7,7 


106,5 


78,0 


7,7 


800,1 


8. „ 7 „ 1 


It 


9,3 


103,4 


79,0 


7,5 


800,8 


9- it 8,1 


II 


5,4 


125,3 


80,7 


7,2 


781,4 


9 „ 2 


II 


7,0 


124,9 


78,7 


7,1 


782,3 


10 „ 3 


II 


6,1 


121,4 


78,9 


6,8 


786,8 


14 „ 4 


„ 


5,4 


99,6 


76,0 


6,1 


872,9 


21 „ 5 


„ 


4,1 


88,2 


73,3 


6,0 


828.4 


10. „ 8 „ 1 


II 


6,1 


123,1 


84,2 


7.8 


778,8 


9 „ 2 


II 


7,2 


120,7 


91,2 


780,9 


10 „ 3 


II 


7,8 


112,8 


91,4 


788,0 


13 „ 4 


II 


10,2 


101,0 


81,8 


8,0 


799,0 


17 „ 5 


„ 


9,0 


89,2 


81,4 


6,5 


813,9 


28 „ 6 


II 


7,0 


83,8 


77,3 


5,7 


826,2 


H. i, 8 „ i 


II 


6,8 


95,9 


81 


,6 


815,7 



250 













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2g 












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71 © 








1 

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© 

Hl 


12. Fall. 


9. Tag. 1. Venaes. 


7,3 


112,8 


77,4 


802,6 


13. „ 


o lf 1 , t 


6,2 


97,6 


85,0 1 7,6 


803,6 


(mit Chlorose.) 


17 „ 2 „ 


7,0 


81,9 


83,8 6,7 


i 820,6 




3 „ 


7,4 


70,1 


77,0 1 5,9 


839,6 


14. „ 


1 „ 


7,5 


91,9 


84,5 


816,1 



Subacuter und ehr 
Maxiraum des Fibrins 
Minimum des Fibrins 
Mittel des Fibrins aus 
Pneumonie. 

1. Fall. 2. Tag. 
Tagn.d.Niederkunft3 n 

5 „ 

7 n 

2. Fall. 3 ,, 

4 „ 

5 „ 



onischer Rheumatismus. 

. I 5,1 I 106,1 I 99,1 
. I 2,6 I 154,3 I 102,0 

10 Analysen = 3,9. 



4. „ 



5. 



6. „ 



7. „ 

8. „ 



10. 



11. » 

12. „ 



7 „ 
10 „ 
H „ 



789,7 
741,1 



l.Venaes. 


4,0 


111,3 


60,2 


6,5 


818,0 


2 n 


5,5 


107,7 


61,6 


6,7 


818,5 


3 „ 


6,5 


101,1 


64,9 


6,6 


820,9 


4 „ 


9,0 


83,2 


66,8 


6,6 


834,4 


1 


5,2 


137,8 


79,6 


4,4 


773,0 


2 „ 


7,3 


125,5 


79,8 


5,1 


782,3 


3 n 


6,9 


117,4 


73,2 


7,5 


795,0 


4 „ 


7,5 


111,5 


75,7 


4,9 


800,4 


1 


8,0 


132,0 


78,8 


5,6 


775,6 


2 „ 


8,0 


125,6 


81,0 


785,4 


3 „ 


8,5 


118,7 


70,1 


7,0 


795,7 


4 » 


8,4 


110,5 


67,7 


7,4 


806,0 


1 


5,6 


133,7 


83,2 


777,5 


2 „ 


6,5 


131,2 


82,3 


780,0 


3 „ 


9,1 


128,2 


83,2 


779,5 


4 „ 


9,4 


102,7 


91,4 


796,5 


1 w 


5,8 


124,8 


79.2 


6,2 


784,0 


2 „ 


8,2 


113,7 


81,5 


6,5 


790,1 


3 „ 


8,8 


99,1 


76,7 


6,6 


808,8 


4 r, 


8,4 


91,7 


80,5 


7,3 


812,1 


1 


8,0 


107,6 


84,3 


5,7 


794,4 


2 „ 


8,4 


99,1 


87,8 


7,4 


797,3 


3 „ 


8,6 


97,9 


83,7 


7,0 


802,8 


4 „ 


9,0 


95,9 


77,5 


6,4 


811,2 


1 „ 


6,8 


118,7 


78,3 


8,0 


788,2 


1 „ 


5,5 


129.8 


77,1 


6,1 


781,5 


2 „ 


6,8 


116,3 


82,4 


6,2 


788,3 


3 „ 


6,4 


95,7 


67,5 


6,5 


823,9 


1 


7,0 


112,0 


64,8 


7,1 


809,1 


2 „ 


6,5 


105,4 


60,8 


7,0 


820,3 


1 


6,5 


134,2 


80,4 


778,9 


2 „ 


9,1 


128,2 


83,2 


779,5 


3 „ 


9,4 


102,7 


91,4 


796,5 


1 w 


8,1 


129,7 


78,6 


1 5,4 


778,2 


1 „ 


8,9 


115,2 


! 79,5 


1 8,2 


788,2 



251 













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12. Tag 


. 2.Venaes. 


; 10,2 


113,4 


77,3 


8,3 


790,8 


Convalesc. 


seit 13 " 


3 „ 


10,0 


102,8 


77,9 


8,8 


800,5 


8 Tagen 


25 „ 


4 „ 


5,1 


89,0 


68,2 


7,9 


829,8 


13. Fall. 


3 „ 


1 


7,2 


129,9 


81,8 


6,1 


775,0 




4 „ 


2 „ 


9,0 


115,9 


80,0 


6,8 


788,3 




6 „ 


3 „ 


10,5 


110,4 


78,3 


5,4 


795,4 


14. „ 


4 „ 


1 


7,4 


117,0 


69,1 


6,5 


800,0 




5 „ 


2 „ 


7,5 


96,2 


66,9 


6,2 


823,2 


15. „ 


4 „ 


1 


6,2 


125,1 


76,4 


6,1 


786,2 




5 ,, 


2 „ 


7,0 


118,4 


78,8 


6,4 


789,4 


16. „ 


4 „ 


1 


7,1 


118,9 


77,8 


6,3 


789,9 




5 t , 


2 „ 


8,2 


113,7 


77,7 7,4 


793,0 




7 „ 


3 „ 


9,0 


108,0 


81,0 


802,0 




8 „ 


4 „ 


10,0 


101,1 


83,9 j 7,8 


797,2 


17. „ 


8 „ 


1 * 


9,1 


100,8 


72,0 1 6,5 


811,6 


18. „ 


5 „ 


1 „ 


6,7 


136,1 


86,7 


770,5 




7 „ 


2 „ 


8,9 


118,8 


78,3 


794,0 


19. „ 




1 r, 


9,3 


112,5 


78,3 | 8,1 


791,8 


20. „ 




1 r, 


6,0 


119,4 


71,0 


803,6 






2 


7,5 


116,8 


72,5 


803,2 






3 „ 


8,8 


97,6 


67,6 


826,0 


21. „ 




1 „ 


4,3 


108,5 


73,7 


813,5 






2 „ 


4,8 


97,3 


'84,3 


813,6 



Acute Bronchitis. 

1. „ 1 

2 

2. „ 1 

3. „ 1 

2 

4. „ (albuminos. Harn.) 1 

5. „ (albuminos. Harn.) 1 

2 

6. „ (Schwangersch.) 1 



7,3 


148,8 


80,6 


9,3 


110,2 


80,9 


6,3 


117,6 


78,0 


8,5 


5,9 


139,6 


76,7 


8,3 


5,9 


129,4 


76,3 


6,2 


5,8 


114,3 


58,1 


6,0 


131,3 


62,5 


7,1 


125,5 


59,3 


5,7 


98,2 


8? 


,8 



763,3 
793,6 

789,6 
769,5 
582,2 
821,8 
800,2 
808,1 
808,3 



Chronische Bronchitis mit Lungenemphysem. 

Maximum des Fibrins: 3,5, der Blutkügelchen : 139,7. 
Minimum „ „ 2,4, „ „ 101,9. 

Im dritten Fall war bei der zweiten Aderlässe das Fibrin von 2,9 auf 
3,5 gestiegen, die Blutkügelchen von 124,9 auf 109,2 gefallen. 



Pleuresie. 

Im Maximum des Fibrins: I 5,9 [ 127,7 

Im Minimum des Fibrins: | 3,9 | 128,8 

Mittel des Fibrins aus 15 Venaesectionen =4,7. 



92,2 



7,1 



774,2 
783,5 



252 









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.5 

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6 


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CS 



Acute Peritonitis. 
Im Maximum des Fibrins. I 7,2 [ 117,0 

Im Minimum des F. (Marasmus). | 3,6 | 60,5 
Mittel des Fibrins aus 8 Venaesectionen =5,2. 

Acute Amygdalitis. 

Im Maximum des Fibrins. ] 7,2 I 105,3 

Im Minimum des Fibrins. | 4,4 | 90,0 

Mittel des Fibrins aus 5 Venaesectionen = 5,9. 

Er ysip elas. 

1 . Fall.(Gesicht) 2. Tag. 1 . Venaes. 

3 

2. „ (Gesicht.) 2 

3 



,, (Gesicht.) 
„ (Bein.) 



7,0 


75,9 


6,1 


64,4 


6,7 


108,4 


7,3 


101,9 


5,0 


73,6 


4,7 


119,1 


5,0 


110,7 


3,6 


139,4 


5,4 


111,4 


5,9 


89,7 


2,1 


87,0 


2,9 


122,1 



5. n (Gesicht.) 

Blasenentzündung. 
Tub er culosis. 
Im Maximum des Fibrins. 
Im Minimum des F. (Marasmus.) 
Zweites Min. bei der 1. Aderlässe. 
Mittel des Fibrins aus 22 Venaesectionen = 4,4. 

Continuirliche Fieber complicirt 
durch eine Phlegmasia 

l.Pall.(Compli- 9 
cation mit intenser 12 
Angine.) ^g 

2. Fall. (Gompl.ll 
m. couennos. Ang.13 

3.F.(m. leichtem^ 
Gesichtserysipel.)' 

5. F. (mit acuter 
Bronchitis.) 

6. F. (Wochenb. 
seit 3 Monaten.) 
Eintret. Mening. 



'15 



4,3 

3,6 
5,0 
2,2 
2,3 


114,7 
109,8 
95,9 
148,0 
125,4 


3,8 


160,7 


5,4 


94,1 


3,1 


118,6 


4,0 
3,7 


101,8 
86,9 



77,7 



87,4 
78,7 



83,2 

87,3 
78,9 
78,2 
83,0 
80,7 
80,5 
80,2 



82,9 
58,3 

75,8 



7,7 
7,2 



6,5 

7,4 



7,3 

6,2 
6,8 
6,4 
7,2 
6,8 
6,9 
7,2 



B,< 



786,4 
851,0 



793,6 

819,5 



826,6 
836,0 
799,2 
806,2 
831,2 
788,7 
796,9 
769,6 

785,8 

815,2 

845,8 
792,6 



n ihrem Verlauf 



Nach einer neuerlichen Mittheilung an die 
(compte rendu vom 18. Nov. 1844) wurden von A 
Jahres 1844 Untersuchungen über das Blut von 



78,8 ] 8,4 
76,7 8,3 
81,6 I 7,5 

89,4 

91,4 


793,8 
801,6 
810,0 
760,4 
780,9 


76,6 


758,9 


88,8 j 6,9 


804,8 


86,9 


791,4 


77,1 | 7,0 
85,1 


810,1 
824,3 


Academie des s 

und G. im La 

4 Meningitis - Ii 


ciences 
ufe des 
[ranken 



253 



angestellt. In allen 4 Fällen war die Diagnose während des Lebens 
gemacht und nach dem Tode bestätigt und keine andere Veränderung 
in andern Organen gefunden worden. Bei 9 Aderlässen zeigte sich die 
Proportion des Faserstoffs = 3,4 ; 4,3 ; 5,0; 5,2; 5,3 ; 5,5 ; 6,0; 6,6; 
7,0 : 1000. Der eine Kranke trat mit Symptomen eines einfachen Fie- 
bers ohne sichtbare Localaffection in Behandlung, und die um diese 
Zeit gemachte Aderlässe ergab die Zahl 2,8; als später Cerebralsymp- 
tome auftraten, welche zuerst an einen Typhus denken Hessen und 
eine zweite Aderlässe gemacht wurde, war die Proportion des Faser- 
stoffs statt zu sinken auf 3,4 gestiegen. Und als noch später die Ce- 
rebralerscheinungen in noch höherem Grad sich ausbreiteten, so fand 
sich auch das Fibrin bei einer dritten Aderlässe noch mehr erhöht bis 
auf 5,4. — Man wird begreifen, dass nach dieser Erfahrung die Ader- 
lässe und die Untersuchung des Blutes ein diagnostisches Hilfsmittel 
sein kann, um die oft so schwierige Unterscheidung zwischen einer Ce- 
rebrospinalmeningitis und einem Typhus zu machen. 



C. Verminderung der Blutkü gelchen. 





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Chlorose. 

1 . Fall. (Complic. in. Bron- 1 . Venaes. 
chitis, beginnendeGhlorose) 
4. Fall. 



2 
1 
2 
1 
2 
ausgebild. Chlorose. 1 
1 
2 
1 
2 
1 
1 

1 



8. „ (mit Phthisis.) 

9. f , (mit acutem Ge- 

lenksrheumatism.) 
1, Fall von Chlor, b. Mann 



5,3 


99,7 


4,4 


97,7 ! 


3,6 


112,2 i 


3,1 


104,1 1 


3,3 


113,7 I 


3,4 


109,6 j 


3,5 


38,7 ! 


3,0 


46,6 


2,5 


95,7 


3,5 


49,7 i 


3,3 


64,3 1 


3,6 


54,6 


5,8 


77,5 


7,4 


70,1 


3,6 


87,9 


3,4 


77,2 


3,7 


86,9 



87,4 



87,4 
88, 
*81, 



83,1 
76,5 



7,2 
7,7 



83,9 
83,3 
94,0 



5,6 
5,8 
7,3 



75,4 



79,4 
77,0 



6,7 
5,9 



98,4 

87,9 

83,1 | 6,9 



803,6 
802,8 
801,1 
816,3 
790,0 
792,9 
868,7 
866,5 
818,5 
852,8 
831,5 
866,4 
830,6 

839,6 

810,1 

831,5 
819,4 



254 



D. Verminderung der Fibrin und der Blutkügelchen. 



Frau , erschöpft durch reichliche 
u. habituelle Blutungen in Folge 
eines Cancer uteri. 
Cancer des Magens, beständiges 

Erbrechen ohne Blutverlust. 
Marasm. in Folge v. Diabet. mell. 
Hydropiseher Zustand in Folge 

von Herzdilatation. 
Bleimarasmus. 
Einige Fälle von Chlorose. 
Anfangende Chlorose. 

ebenso. 

Ausgebildete Chlorose. 

ebenso. 

ebenso. l.Venaes. 

2 „. 



1,8 


21,4 


2,0 


49,1 


2,8 


86,3 


2,6 


68,3 


2,8 


83,8 


2,5 


104,7 


2,4 


112,7 


2,8 


49,6 


2,6 


56,9 


2,6 


62,8 


2,1 


49,0 



61,1 



67,2 | 6,9 

80,2 


874,8 
830,7 


84,9 
78,1 


844,2 
835,3 


91,0 


801,8 


85,2 


799,7 


87,5 


860,1 


88,9 
85,6 
81,0 


881,6 
848,8 
830,6 



915,7 



$wi SUutrtttalnjVtt ntm hintan. 



Blut bei Morb, Macul, aus dem Mund entleert enthielt: 

Wasser 949; Fibrin 0; Fett 1; Albumin und Schleim 34; Globulin und 
Haematin 5,7; Extracte und Salze 7,2; Biliverdin 0,3. 

Markschwamm der Leber und des Pylorus mit Atrophie der Milz : 

Wasser 880,0; Fibrin 3,0; Albumin 55,1; Blutkörperchen 45,8; Ex- 
tracte und Salze 8,9. 



3ufatmn?tt|>|uttß °* normalen ^urns. 



Berzelius: 




Wasser 


933,00 


Harnstoff 


30,00 


Harnsäure .„...,, 


1,00 


Milchsäure, milchs. Amnion, und Extracte . 


17,14 


Schleim ..♦...♦ 


0,32 


Unorganische Salze 


17,44 



255 



Lehmann: 

Wasser . 

Harnstoff . 

Harnsäure 

Milchsäure 

Wasserextract 

Spiritus und Alcoolextract 

Milchsaures Ammoniak 

Chlorverbindungen . 

Schwefelsaure Salze 

Phosphorsaure Salze 



1 

936,76 
31,45 
1,02 
1,49 
0,62 
10,06 
1,89 
3,64 

7,31 ; 

4,89 



931,42 
32,91 
1,07 
1,55 
0,59 
9,81 
1,96 
3,60 
7,29 
4,74 



932,41 
32,90 
1,09 
1,51 
0,63 
10,87 
1,73 
3,71 
7,32 



Lecanu (nach Simons Mittheilung); 




8 jähr. 
Knabe. 



Wasser 


930,00 953,00 '953,00 


Harnstoff 


30,00 


8,10 13,10 


Harnsäure ♦ 


1,12 


0,43 


0,24 


Kochsalz . . ♦ 


4,60 


0,70 


0,17 


Sulphate . . 


4,42 


2,92 


2,25 


Phosphate . . - , 


0,80 


1,43 


1,61 



948,00 

19,20 

0,23 

3,80 

3,21 



£&ittdxtf\iitaie fax Wntexfud)un$?n $e\)tnann r $ übet tfie iföbitfl* 

fax tu 24 &tunteK ab$z ffyitfa n*it ^axnbifianfctyiii* fax vex- 

ffyufawx UtaljrMtjj Qxn €*rnt.)« 





gemischte 


animal. 


vegetab. 
Kost. 


stikstoff- 




Kost. 


Kost 


lose Kost. 


Feste Bestandtheile überhaupt . 


67,82 


87,44 


59,24 


41,68 Gr. 


Harnstoff 


32,50 


53,20 


22,48 


15,41 „ 


Harnsäure 


1,18 


1,48 


1,02 


0,73 „ 


Milchsäure und deren Salze 


2,62 


2,17 


2,67 


5,27 „ 


Extractivstoffe . 


10,50 


5,14 


16,50 


11,85 „ 


Menge des Harns 


1057,80 


1202,50 


909,00 


1045 „ 



256 



$arnattaln|Vtt tum tfoctmml. 
Normaler Harn. 

Menge des in 24 Stunden entleerten normalen 

Harns, im Mittel . . . . = 1319,8 Gr. 

Menge des Wassers = 1282,63 „ 

„ der festen Bestandteile . . = 36,866 „ 

„ des Harnstoffs = 16,555 „ 

„ der Harnsäure . " . . = 0,526 „ 

„ der unorganischen Salze . .. = 9,089 „ 

„ der übrigen organ. Bestandtheile = 11,696 „ 

Dass in Becquerel's Analyse Harnstoff und Harnsäure in ge- 
ringern Quantitäten sich finden, beruht vielleicht auf der analytischen 
Procedur , vielleicht auch auf nationalen Verschiedenheiten. 



Mittel von 11 Analysen von Fieberharn, der in 24 Stun 
den gelassen wurde. 



Menge ..... 


685,030 Gr. 


Wasser 


660,364 „ 


Harnstoff .... 


8,996 „ 


Harnsäure .... 


0,999 „ 


Unorganische Salze 


4,849 „ 


Organische Materien 


9,842 „ 



Mittel aus mehreren Analysen von Harn, der in Fiebern, 

wo ein Scliwächezustand vorhanden war, in 24 Stunden 

gelassen wurde. 

([Solche Fälle waren 1 Tuberculose mit massigem Fieber, 1 Tuberc. 
mit Marasmus undSchweissen, 1 Icterus mit atactisch-adynamischen Symp- 
tomen, 1 chronische Pleuritis, 1 Pneumonie auf dem Wege zur Besse- 
rung, 2 acute Rheumatismen, 1 Typhus, 1 Puerperalfieber, 1 Frau 
den Tag nach der Entbindung, 1 Milchfieber bei einer zu früh Ent- 
bundenen, 1 Lungenemphysem mit Chlorose.) 

Menge 608,916 Gr. 

Wasser 643,147 „ 

Harnstoff 4,456 ,, 

Harnsäure .... 
Unorganische Salze 
Organische Materien 

Anaemischer Harn. 



Menge in 24 Stunden 
Wasser . 
Harnstoff 
Harnsäure 
Unorganische Salze 
Organische Materien 



0,497 


n 


4,392 


ii 


6,424 


tr 


122,910 


n 


102,874 


n 


7,211 


„ 


0,281 


n 


4,648 


it 


6,896 


II 



257 



Concentrirter anaemischer Harn. 
Mittel aus 4 Beobachtungen : 

907,370 



Menge in 24 Stunden 
Wasser . 
Harnstoff 
Harnsäure 
Unorganische Salze 
Organische Materien 



Gr. 



882,072 

6,245 

0,342 

7,900 

10,811 



Menge der innerhalb 24 Stunden in verschiedenen Krank- 
heiten entleerten H arnbestandtheile. 

(Es ist zu bemerken, dass in der Analyse von Becquerel's 
Werk , welche Fr. Simon in Schmidt's Jahrbüchern Band 36 ge- 
liefert, diese Tabellen unrichtig wiedergegeben sind, und namentlich 
der Wassergehalt des Harns mit der ganzen Menge desselben durch- 
gängig verwechselt ist.) 

A. Fälle, in denen Wasser und Harnstoff vermindert, die Harnsäure 
absolut vermehrt ist. 





Wasser- 
gehalt. 


Harn- Harn- 
säure. Stoff. 


Unorga- 
nische 
Salze. 


Organ. 

Ma- 
terien. 


Weib, 3terTag derVarioloiden. 


450,565 


0,967 


? 


5,791 


2 


Mann, öterTag derVarioloiden. 


828,553 


0,938 


10,032 


6,621 


11,006 


Weib, SterTag derVarioloiden. 


611,207 


1,328 


9,156 


3,226 


8,623 


Mann, Erysipelas faciei. 


763,109 


0,964 


9,925 


2 


? 


Mann , dessgl. 


856,693 


1,185 


11,373 


7,208 


14,181 


Weib , dessgl. 


512,710 


0,725 


6,260 


4,917 


8,408 


Mann, acuter Gelenksrheum. 


978,455 


1,713 


12,356 


? 


? 


Mann, dessgl. 


858,124 


0,919 


7,940 


4,940 


12,557 


Mann, acute Bronchitis. 


560,741 


0,806 


6,122 


5,796 


9,759 


Weib, Milchfieber. 


437,688 


1,270 


8,647 


5,239 


8,424 


Weib, Herz- u. Leberkrankh. 


350,566 


0,638 


4,767 


1,515 


4,314 



B. Fälle , wo das Wasser und der Harnstoff vermindert , die 
Harnsäure wenig oder nicht vermehrt ist. 



Mann, Gehirnapoplexie. 

Weib , Tuberkeln, hect. Fieber. 

Weib, Tuberkeln, hect. Fieber. 

Mann , chron. Pleurit. m. Fieber 
nach Anwendung von mehr als 
200 Blutegeln in 14 Tagen. 

Mann, Icterus mit atact. adyn.S. 

Weib, Milchfieber. 

Weib,Schwangersch. m. Icterus. 

Pneumonie des ersten Grades. 

Wunderlich. Path. d. Bluts. 



723,578 
471,236 
206,976 


0,472 
0,595 
0,460 


12,377 
4,335 
5,144 


7,225 


750,881 
620,683 
727,650 
632,149 
1031,372 


0,502 
0,726 
0,450 
0,709 
0,464 


4,727 
4,037 
5,850 
7,923 
7,761 


5,015 

3,261 

5,545 

? 

2,871 



8,598 

2 



5,603 

7,989 



17 



258 



C. Fälle mit verminderter Harnsäureabsonderung. 



Weib, Chlorose. ! 680,577 j 0,142 ] 5,840 

Weib, Chlorose. 1 1337,988, 0,117 ! 8,770 

Weib, Chlor, m. Lungenemphys. 1 1484,552; 0,391 jll,181 
Weib, Chlorose. 1 1123,820, 0,238 '< 7,200 

Weib, Tag nach d. Niederkunft. !1173,138i 0,255 7,617 
Weib, reconvalesc. von calcul. [ 

hephrit. 1034,568' 0,154 3,269 

Mann, reconvalesc. v. Typhus. 1207,627 0,269 8,763 
Lungenemphysem. 840,886 0,324 11,196 



3,312 

6,552 

12,122 

9,996 



2,712 

3,748 



7,129 
10,073 

8,804 
14,606 

7,786 

4,068 
5,229 
8,706 



D. Analoge Fälle aber mit durch Fieberbewegung vorübergehend 
vermindertem Wassergehalt» 

Weib, reconval. v. Kindbettfbr. I 809,6441 0,640 I 5,037 i ? I 6,184 
Weib, Chlor. Nachts etvv. Fieber. | 718,462| 0,605 I 5,745 | 6,725 I 7,418 

Einige Fälle von geringerer Bedeutung, oder solche, die durch 
Drukfehler unsicher gemacht sind , wurden weggelassen. 



^aritanalt)|>n im ^tjpijuö. 



Scherer in 1000 Theilen Urin, 














o 

a 


C 


11 


<u 


2 c 

OVO 

f. - 


a 

's 

a 


3 <1> 

11 S 


Vi 

w 




a 


CO 

a 


« 


-2 Ol- 
CO ^3" 

xfx 1 Ph 


< 


5 » 


CS 


Weib von 39 Jahren. 


















9. Tag der Nervosa lenta. 


8,6 


0,6 


7,4 


6,2 


2,3 


1,8 


27,5 


945,48 


12 

±Ä " II II II M 


10,4 


0,7 


7,9 


5,3 


1,2 


1,0 


21,8 


951,26 


*0« " II II II 


11,4 


0,8 


6,2 


4,5 


0,6 


0,9 


15,7 


959,28 


Unter Zunahme des Harnstoffs 


















U.Verminderung d.Extractiv- 


















stoffe ohne Krisen, Genesung. 


















Mann von 66 Jahren , robust, 


















Säufer , rapider Verlauf. 


















4. Tag. 


22,84 


V 


7,2 


4,0 


0,72 


— 


20,73 


939,30 


; 6. ri 


34,52 


1,62 


8,5 




1,02 


— 


20,20 


934,60 


Weib von 14 Jahren gestorben. 


4,3 


3,7» 


12,3 


4,4 


— 


— 


? 


933,38 


Typhöses Individ. mit Epilepsie 


















behaftet und mit septischen 


















Symptomen 5 im Anfang 


1,2 


0,5 


6,2 


1,8 


0,2 


0,5 


6,5 


983,5 


Später nach Besserung der 


















septischen Symptome auf den 


















Gebrauch von Phosphorsäure 


5,3 


1,5 


6,9 


3,6 


0,4 


0,7 


15,8 


965,3 



Nebst phosphorsaurem Kalk und Albumin. 



259 



Sie sind alle desshalb wenig brauchbar, weil immer nur die pro- 
centische Menge der Bestandteile, und nicht die absolute Quantität der 
in einem gewissen Zeitraum secernirten Stoffe angegeben ist. Ganz 
uninteressante Analysen und solche , wo die angeführte Diagnose gar 
keine Auskunft über den Zustand gibt, sind weggelassen. 

In 1000 Theilen Urin. 



1,47 
0,5 



18,0 



Heftige Pericarditis 36jähriger 
Mann ; im Anfang. 

36 St. nachher nach 4 Aderlässen. 

Pneumonie 35jähr. Mann. 

Pneumonie 40jähr. Mann. 

Pleuropneumonie Recon valesc. 

Hepatitis 36jähr. Mann. 

Peritonitis puerperalis. 

Nephritis album. 21 jähr. M. 

Typhus 30jähr. Mann, krank seit 
3 Wochen , 2 Tage später Tod. 

Typhus tiefes Coma, lange nach- 
her Genesung. 

Typhus seit mehreren Wochen 
sehr schwerer Fall. 

Typhus 33jähr. Mann krank seit 
14 Tagen, Coma. 

Diabetes ÖOjähr. Mann: Zuker 
1. Analyse. 39,80 

nach geregelter Diät. 25,00 

8 Tage später. Spur. 

Diabetes Mann v. 52 J. 86,30 

Entzündl. Icterus (?) 

Gallenstoff 2,53 — 



29,30: 1,50 
17,50' 0,99 
15,79, 0,71 
19,35; 1,5 
20,80 



22,50 
20,10 



1,48 
0.83 



4,77| 0,77 



9,47 

7,30 

10,50 

22,50 

Spur. 
7,99 
4,99 
0,26 



0,62 

1,50 

1,47 

Spur. 
Spur. 
Spur. 
Spur. 

2,90 



22,70 
15,0 
16,28 
19,23 
13,5 
16 

16,36 
2,40 



2,10 
6,50 
8,60 
2,10 

14,78 



7,5 
3,65 

7,40 



937,50 
960,10 
959,60 



7,30 947,90 

10,2 951,10 

18,8 939,70 

9,2 1951,80 

8,04 966,10 



2,5 
1,0 
5,2 
2,9 

0,52 

0,80 
1,00 
1,50 

9,65 



960,0 

971,0 

953,5 

930,0 

957,0 
960,0 
982,0 
969,6 

954,5 



JJaraotömata für fc« Kmfejttttg nan SUut mto fUifd) bdjufs 



2 Blut oder Fleisch 
4 Wasser . 
8 Sauerstoff 



= C 96 H 156 N 24 O 30 
= H 8 4 

= 0^ 

C96 H164 ]^24 0« = 



Sinnentstellende Drukfehler. 



Seite 69. Z. 4 von unten: Qualitätsabweichung statt Quantitätsabweichung. 
„ 90. Z. 10 von oben: vor statt von. 
„ 167. Z. 15 von oben: Mortificatio!! statt Modification. 



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COUNTWAY LIBRARY OF MEDICINE 

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