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Full text of "Grundriss der Geschichtswissenschaft zur Einführung in das Studium der Deutschen Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit"

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;^ GRUNDRISS DER GESCHICHTSWISSENSCHAFT 

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FRITZ HÄRTUNG 

DEUTSCHE 
VERFASSUNGSGESCHICHTE 

VOM 15. JAHRHUNDERT BIS ZUR 
GEGENWART 




VERLAG VON aatEUBNER IN LEIPZIG IR© BEKUN 



'■:0H0UTC3. 



Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 



Grundriß der Geschichtswissenschaft 

Zur Einführung in das Studium der deutschen Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit 

Herausgegeben von Aloys Meister 

Inhaltsübersicht des Gesamtwerkes. 

I.Reihe: Historische Hilfswissenschaften und Propädeutik. 

Abteilung 4 a. 



Genealogie. 



Abteilung l. „«2.40. Jt 3.— 

* Lateinische Paläographie. Von Archivdir. 
Prof. Dr. Berthold Bretholz 

Abteilung 2. M 2.40. J{ 3.— 

*Urkundenlehre. I.Teil: Grundbegriffe, 
Königs- n. Kaiserurkunden. Von 
Prof. Dr. Rud. Thommen. U. Teil: 
Papsturkundeu. Von Prof. Dr. Lud w. 

Schmitz -Kallenberg. 

Abteilung Sa. ca. „« 1.60. ca. Jl 2.20. 

*t Urkundenlehre. III. Teil. Privaturkun- 
de n.VonProf.Dr.H arold Stein ack er. 

Abteilung :i. „// 1.50. J( 2.10. 

'Chronologie des deutschen Mittelalters und 
der Neuzeit. Von Geh. Archivrat Dr. 
Hermann Grotefend. 

Abteilung 4. M 2.80 Jl 3.40. 

*Sphragistik. Von Archivdirektor Geh. Ar- 
chivrat Dr. Theodor Ilgen. 

'Heraldik. Von Archivar a. D., Reg. -Rat 
Dr. Erich Gritzner. 

Numismatik. Von Geh. Reg.-Rat ür Fer- 
dinand Friedensburg. 

II. Reihe: Historische Sonderwissenschaften 

Abteilung 1. .(^2.80. .</ 3.40. 

Deutsche Wirtschaftsgeschichte b. z. 17. Jahrh. 

Von Prof. Dr. Rudolf Kötzschke. 

Abteilung 2. <;a. .«1.80. ca. J/ 2.40. 

•tGrundziiged. neueren Wirtschaftsgeschichte 
(vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart). 
Von Prof. Dr. Heinrich Sieveking. 

Abteilung 3. .« 3 20 M 3.80. 

* Deutsche Verfassungsgeschichte v. d. An- 
fängen bis ins 14. Jahrhundert. Von Prof. 
ur. Aloys Meister. 
Abteilung 4. 

t Deutsche Verfassungsgeschichte v. 15. Jahr- 
hundert bis zur Gegenwart. Von Privat- 
dozent Dr. Fritz Härtung. 



n 1.80 J( 2.40. 
Von Otto Forst-Battaglia. 



Abteilung S. M 1.40. Jt 2.— 

Quellen und Grundbegriffe der historischen 
Geographie Deutschlands und seiner Nach- 
barländer. Von Professor Dr. Rudolf 
Kötzschke. 

Abteilung 6. .« 1.50 „H 2.10. 

'Grundzüge der historischen Methode. Von 

Prof. Dr. Aloys Meister. 

Geschichtsphilosophie. Von Privatdozent 
Dr. Otto Braun. 

.AbteUung 7. „« X~ Jl 3.60. 

'Quellen und Historiographie der deutschen 
Geschichte bis 1500. Von weil. Prof. Dr. 
Max Jansen. Fortgeführt von Prof. 
Dr. Schmitz-Kallenberg. 

Abteilung 8. 

t Quellen und Historiographie der Neuzeit. 

Von Prof. Dr. Hermann Üncken. 



Abteilung 5, JC 3.— Jl 3.60. 

Deutsche Rechtsgeschichte. Von Privatdoz. 
Dr. Claudius Frh. v. Schwerin. 

Abteilung 6. Jl 5.— Jl 5.60. 

* Verfassungsgeschichte der deutschen Kirche 
im Mittelalter. Von Prof. Dr. Albert 
Werminghoff. 

Abteilung 7. 

t Verfassungsgeschichte d. kathol. Kirche in 
d. Neuzeit. Von Prof. Dr. Jos. Preisen. 

AbteUung 8. « 1.80. M 1.80. 

' Geschichte d. protestantischen Kirchenver- 
fassung. Von Prof. Dr. Emil Sehling. 
* 2. Auflage, f In Vorbereitung. Die Preise der gebundenen Exemplare sind fett gedruckt. 

Der „Grundriß" soll in gedrängter Zusammentassung una knapper Daxstellung 
Studierenden wie Lehrern zur Einführung, Wiederholung und Vertiefung des histo- 
rischen Studiums dienen. 

Der „Grundriß" soll den augenblicklichen Stand der Geschichtswissenschaft in 
den behandelten Einzeldisziplinen wiedergeben. Nicht Ergebnisse allein, auch uou auf- 
geworfene und zur Diskussion stehende Fragen werden erörtert. 

Der „Grundriß" soll anspornen zur Mitarbeit, zum Vergleichen und Beobachten 
sowie zum Sammeln entlegener Merkmale und Zeugnisse. Durch reiche Literaturangaben, 
besonders in Kontroversfragen, wird der Leser in die Lage gesetzt, dag Gebotene weiter 
zn verfolgen und die Begründung des ausgesprochenen Urteils zu prüfen. 

Der „Grundriß" eignet sich auch vortrefflich als Nachschlagewerk. Als solches 
wird er weder in den Bibliotheken der höheren Schulen noch in denen der historischen 
Vereine fehlen dürfen. 

Prn^nPkt ^^^ Vorwort des Herausgebers, ausführlichen' Resümees, Inhalts- 
" Verzeichnissen und Besprechungen) umsonst and postfrei vom Verlag. 



Or.d.». 1.14. 



vxiiuiMJKiSS DER GESCHICHTSWISSENSCHAFT 

ZUR EINFOHRUNG in das STUDIUM DER DEUTSCHEN 
GESCHICHTE DES MITTELALTERS UND DER NEUZEIT 

HERAUSGEGEBEN VON ALOYS MEISTER 

=^^^=zz=izz:^^=^= REIHE II ■ ABTEILUNG 4 - 



DEUTSCHE VERFASSUN&SGESCHICHTE 

VOM 15. JAHRHINDEKT BIS ZUR GEGENWART 



VON 

Dr. PHIL. FRITZ HÄRTUNG 

PSIVATDOZENT AN DER UNIVEBSITÄT HALLE 




DRUCK UND VERLAG VON B.G.TEUBNER LEIPZIG BERLIN 1914 



VERZEICHNIS DER ABKÜRZUNGEN 
IM GRUNDRISS DER GESCHICHTSWISSENSCHAFT 



A. 

Abh. 

Abh.BAk. 

AdB. 
Ak. 

AkathKR. 
ALitKgMA. 

Ann. 

AU. 

AZ. 

B. 

BfiCh. 
ßer. 
El. 

Cbl. 
Chr. 
CIL. 

D. 

DG. 

DLbl. 

DLZ. 

DWG. 

DWL. 

DZG. 

DZKR. 

F. 
FDG. 

FßPrG. 

G. 

GBU. 

GGA. 

GVer. 

Gw. 

H. 

Hb. (Hdb.) 

HdWbStW. 

HJb. (HJ.) 
HTb. 
HVSchr. 
HZ. 

Jb. 
JB. 
JBG. 

JbGesVV. 

JbbNSt. 

Kbl. 
KblGV. 



Archiv 

Abhandlung 

Abhandlungen der Bayerischen 

Akademie 

Allg. deutsche Bibliographie 

Akademie 

Archiv f. kath. Kirchenrecht 

Archiv f. Literatur und Kirchen- 

gesch. d. Mittelaltei's 

Annalen 

Archiv f. Urkundenforschung 

Archivalische Zeitschrift 

Bibliothek 

Bibliothfeque de l'ficole de Chartes 

Bericht 

Blatt (Bll.: Blätter) 

Centralblatt 

Chronik 

Corpus Inscriptionum Latinarum 

Deutsch 

Deutsche Geschichtsquellen 
Deutsches Literaturblatt 
Deutsche Literaturzeitung 
Deutsche Wirtschaftsgeschichte 
Deutsches Wirtschaftsleben 
Deutsche Zeitschrift f. Geschichts- 
wissenschaft 
Deutsche Zeitschrift f.Kirchenrecht 

Forschungen 

Forschungen zur Deutschen Ge- 
schichte 

Forschungen zur Brandenburg. 
Preußisch. Gesch. 

Geschichte 

Geschichtsblätter 

Göttinger Gelehrte Anzeigen 

Geschichtsvereiu 

Geschichtswissenscb aft 

Historisch 
Handbuch 

Handwörterbuch der Staats- 
wissenschaften 
Historisches Jahrbuch 
Historisches Taschenbuch 
Historische Vierteljahrsschrift 
Historische Zeitschrift 

Jahrbuch 
Jahresbericht 

Jahresbericht der Geschichts- 
wissenschaft 

Jahrbuch für Gesetzgebung, Ver- 
waltung und Volkswirtschaft 
Jahrbücher der Nationalökonomie 
u. Statistik 

Korrespondenzblatt 
Korrespondenzblatt des Gesamt- 
vereins 



KG. lürchengeschichte 

KR. Kirchenrecht 

KüiA. Kaiserurkunden in Abbildungen 

Lbl. Literaturblatt 

LCbl. (LZbl.) Literarisches Centralblatt 

LR. Literarische Rundschau 

M. Mitteilungen 

MHL. Mitteilungen aus d. Hist. Literatur 

MIÖG. Mitteilungen des Instituts für 

österreichische Geschichtswissen- 
schaft 
MA. Mittelalter 

MGH. (MG.) Monumenta Germaniae historica 
MHV. Mitteilungen des Histor. Vereins 

NA. Neues Archiv 

NF. Neue Folge 

PrJbb. Preußische Jahrbücher 

QE. Quellen und Erörterungen 

QF. Quellen und Forschungen 

R. Revue, Rivista 

RE. Realenzyklopädie 

Rg. Rechtsgeschichte 

RH. Revue historique 

RQH. Revue des questions historiques 

RQSchr. Römische Quaitalschrift 

SB. Sitzungsberichte 

SBAk. Sitzungsberichte der Akademie 

St. Studien 

ThJb. Theologisches Jahrbuch 

ThJB. Theologischer Jahresbericht 

ThQ. Theologische Quartalschrift 

ThZ. Theologische Zeitschrift 

üb. Urkundenbuch 

VSozWG. Vierteljahrsschrift f. Sozial- und 

Wirtschaftsgesch. 
Vfg. Verfassungsgeschichte 

WbVW. Wörterbuch der Volkswirtschaft 

WZ. Westdeutsche Zeitschrift 

Z. Zeitschrift 

ZA. Zeitalter 

Zbl. Zentralblatt 

ZblB. Zentralblatt für Bibliothekswesen 

ZDA. Zeitschrift für deutsches Altertum 

ZGORh. Zeitschrift für Geschichte des 

Oberrheins 

Zeitschrift für Kirchengeschichte 
Zeitschrift für Kirchenrecht 

ZSavStRgGA. Zeitschrift der Savigny - Stiftung 
für Reohtsgeschichte, Germa- 
nistische Abteilung 
Zeitschrift für Sozial- und Wirt- 
schaftsgeschichte 
Zeitschrift des Vereins für Ge- 
schichte 



ZKG. 
ZKR. 



ZSozWU. 
ZVerG 



COPYRIGHT 1914 BY B. G TEUBNKR IN LEIPZIG 
ALliK RECHTE, EINSCHLIESSLICH DBS ÜBER8ETZUHGSRECHT8, VORBEHALTEN 



Vorwort 

Der „Deutschen Yerfassiuigsgeschichto vom 15. Jahrhundert bis zur Gegen- 
wart" brauche ich niu wenige Worte vorauszuscliicken. Sie stellt einen ersten Ver- 
such dar, die ganze deutsche Yerfassungsentwicklung der neueren Zeit, sowohl die 
des Reiches wie die der Einzelstaaten, kurz zusammenzufassen. Daß sie nicht mehr- 
sein kann und will als ein erster Versuch, das liegt nicht nur an den sachlichen 
Schwierigkeiten der Aufgabe, sondern auch an persönlichen Verhältnissen, an der 
Notwendigkeit, vor die ich vor etwa einem Jahre gestellt wurde, die Arbeit rasch 
abzuschließen, werm ich nicht gezwungen sein wollte, sie auf Jahie hinaus liegen 
zu lassen. Daß das unter diesen Umständen entstandene Buch Mängel aufweist, 
dessen bin ich mii wohl bewußt. Immerhin hoffe ich eine brauchbare Grundlage 
geschaffen zu haben sowohl für die Orientierung über den gegenwärtigen Stand der 
Forschung wie füi die Weiterarbeit. 

Die Literaturangaben smd mit Absicht nicht ganz einheitlich gemacht worden. 
Von den in der neuesten (8.) Auflage des Dahhnann-Waitz verzeichneten Arbeiten 
habe ich nur die wichtigeren aufgenommen, wähi-eud ich für die neuesten Er- 
scheinungen (auch Dissertationen) möglichste Vollständigkeit erstrebt habe, da mit 
einer neuen Auflage des Dahlmann-Waitz wohl zunächst nicht gerechnet werden kann. 

Halle, den 21. Mai 1914 

Fritz Härtung 



luhaltsverzeichnis. 



Seite 

Vorbemerkung über die Literatur und die 

Hilfsmittel 1 

Erster Teil: Die Zeit des alten Reiches 

Erstes Kapitel: DaB Reicb im 15. Jahr- 
hundert 3 

§ 1. Die kaiserliche Gewalt. ... 3 
§ 2. Der Reichstag und der Kurverein 6 
§ 3. Die Reichsreformversnche vor 

1486 7 

Zweites Kapitel : Das Zeitalter der Reichs- 
reform 1486 bis 1555 9 

§ 4. Die ständische Reichsreform 1486 

bis 1500 9 

§ 5. Das zweite Reichsregiment . . 12 
§ 6. Der Ausgang der Reichsreform 
auf dem Augsburger Reichstage 

des Jahres 1555 14 

§ 7. Die Behörden des Kaisers und 

des Reiches 17 

Drittes Kapitel: Die Territorien des Mittel- 
alters 20 

§ 8. Die Anfänge der Territorial- 
bildung 20 

§ 9 Die Landeshoheit 22 

§ 10. Die Verwaltungsorganisation 25 

§ 11. Die Finanzen. ..... 28 

§ 12. Die Entstehung der Landstände 30 
Viertes Kapitel: Der Territorialstaat von 
der Mitte des 15. bis zur Mitte des 

17. Jahrhunderts 33 

§ 13. Die Begründung der fürstlichen 

Gewaltund dieStaatsaufCassung 33 
§ 14. Die Landes- und Polizeiord- 
nungen 37 

§ 16. Das landesherrliche Kirchen- 
regiment 41 

§ 16 Die Behördenorganisation . . 43 
§ 17. Die landsfändische Verfassung 50 
Fünftes Kapitel: Der Absolutismus in 
Brandenburg- Preußen von 1640 bis 

1806 56 

§ 18. Die Auseinandersetzung mit den 

Ständen 57 

§ 19 Die Neuorganisation der Ver- 
waltung 61 

§ 20. Die Tätigkeit des Staates . . 69 
§ 21. Der aufgeklärte Despotismus 

Friedrichs des Großen ... 74 
§ 22. Der Niedergang Preußens von 

1786 bis 1806 78 

Sechstes Kapitel: Die deutsche Staaten 

weit von 1648 bis 1806 80 

§ 23. Der Absolutismus in den deat- 

schen Staaten 80 



Seite 

§ 24. Die Staaten mit landständischeu 

Verfassungen 84 

§ 25. Österreich unter Maria Theresia 

und Joseph II 87 

§ 26. Die Zeit des aufgeklärten Des- 
potismus in den deutschen 
Mittel- und Kleinstaaten . . 89 

§ 27. Die geistlichen Staaten des alten 

Reiches 91 

Siebentes Kapitel: Das Reich von 1555 

bis 1806 95 

§ 28. Bis zum Westfälischen Frieden 95 

§ 29 Die Zeit der Assoziationen . . 99 

8 30. Das Ende des alten Reiches . 106 

Zweiter Teil: Das neunzehnte Jahrhundert 

Achtes Kapitel: Rheinbund und Deutscher 

Bund 109 

§ 31. Der Rheinbund 109 

§32 Die Bundesakte 110 

§ 33. Der Deutsche Bund von 1815 

bis 1848 113 

§ 34. Der erste Versuch der Reichs- 
gründung 1848 bis 1850. . . 116 

§35. Das Ende des Deutschen Bundes 

1851 bis 1866 122 

Neuntes Kapitel: Die Mittel- und Klein- 
staaten von 1806 bis 1871 .... 124 

§ 36. Die Zeit des Rheinbundes . . 124 

§ 37. Die konstitutionelle Entwick- 
lung der süddeutschen Staaten 
bis 1848 !28 

§ 38. Die norddeutschen Staaten bis 

1848 132 

§ 39. Die Bewegung des Jahres 1848 

und ihre Folgen 137 

Zehntes Kapitel: Preußen seit 1806 . . 142 

§ 40. Die Stein - Hardenbergischen 

Reformen 142 

§ 41. Die Neuorganisation des Staates 

nach 1815 148 

§ 42. Die Verfassungsfrage bis 1847 150 

§ 43. Der Übergang zum Verfassunge- 
staat 1848 bis 1850 .... 153 

§ 44. Der Verfassungskonflikt und 

seine Lösung 156 

Elftes Kapitel: Das neue Reich. ... 162 

§ 45. Die Verfassung des Norddeut- 
schen Bundes und des Deutschen 
Reiches 162 

§ 46. Die Entwicklung der Reichs- 

verfassung seit 1871 .... 167 

§ 47. Die Entwicklung der Einzelstaa- 
ten und die elsaß- lothringische 
Verfassung 170 



DEUTSCHE VEßFASSMGSGESCHICHTE 
VOM 15. JAMHUNDERT BIS ZUR GEGENWART 

Von Fritz Härtung 

Yorbenierkung über die Literatur und die Hilfsmittel 

Eine zusammenfassende Darstellung der deutschen Verfassungsgeschichte der neueren Zeit 
gibt es noch nicht. Die verschiedenen „Staats- und Rechtsgeschichten" (vgl. A. Meistek, Grund- 
riß, Bd. II, 3. Abt. 2. Aufl. S. 1), auch die neuesten Rechtsgeschichten von R. Schköder (Lehrbuch 
der deutschen Rg., 5. Aufl. 1907) und H. Britn-ner (Grundzüge der deutschen Rg., 5. Aufl. 
1912) können dafür keinen Ersatz bieten, denn abgesehen davon, daß sie in der Regel bei 
der Schilderung der zu verschiedenen Perioden gültigen Rechtszustände stehen bleiben und die 
Entwicklung der Verfassungsformen im Zusammenhang mit der Gesamtentwicklung des staat- 
lichen Lebens außer acht lassen, behandeln sie die neuere Zeit nur ganz knapp. Auch bei A. Hetjsler, 
D. Vfg. (1905) und in dem verfassungsgesehichtUchen Teü von R. Schsodts Allgemeiner Staats- 
lehre (1903; in Betracht kommt die 2. llälfte des II. Bandes) wird die neuere deutsche Verfassungs- 
geschichte nur flüchtig gestreift. Die vorliegende Arbeit stellt also den ersten Versuch einer 
Zusammenfassung dar. 

Es liegt in der Natur des Stoffes, der durch die Scheidung von Reich und Territorien und durch 
den Einschnitt des Jahres 1806 zwiefach geteilt ist, daß es keine allgemeinen Quellensammlungen 
für die ganze Zeit gibt. Eine Auswahl für die Reichsgeschichte bietet K. Zetjmee, Quellensamm- 
lung zur G. der deutschen Reichsverfassung in MA. und Xeuzeit, 2. Aufl. 1913. 

Eine von der Geschichte der Einzelstaaten losgelöste besondere Darstellung der Verfas- 
sungsgeschichte des alten und neuen Reiches gibt es nicht und kann es auch nicht geben, da das 
neue Reich auf den Einzelstaaten beruht. Jedoch können einige vergleichende Betrachtungen ge- 
nannt werden: W. W. Rauee, Der deutsche Kaiser, seine rechthche Stellung im alten und im neuen 
Reich und nach der Verfassung der Paulskirche (Erlanger jur. Diss. 1912, vollst. 1913). H. Redjcke, 
Der alte Reichstag und der neue Bundestag (1906). F. Saarbourg, Die Stellung des Kaisers zur 
Gesetzgebung im neuen und im alten deutschen Reich (Würzburger jur. Diss. 1911). K. Voigt, 
Die Verfassung des alten umd des neuen deutschen Reichs (Vergangenheit und Gegenwart, Bd. 
n, 1912). 

Zur Geschichte der Einzelstaaten im allgemeinen ist als Quelle zu nennen: H. Schulze, 
Die Hausgesetze der regierenden deutschen Fürstenhäuser (3 Bde. 1862/83), als Darstellung: 
H. Schulze, Das Recht der Erstgeburt in den deutschen Fürstenhäusern und seine Bedeutung 
für die deutsche Staatsentwicklung (1851). 

Neuere BibUographien besitzen: Baden: Badische BibUothek, Systematische Zusammen- 
stellung selbständiger Druckschriften über die Markgrafschaft, das Kurfürstentujn und Großherzog- 
tum Baden, 1. Bd., 1897. Staats- und Rechtskunde, 2. Bd., 1901, Landes- und Volkskunde. Han- 
nover: V^. LoEWE, Bibliographie d. hannov. u. braunschweig. G. (2. Aiifl. 1910). Österreich: 
R. C^harsiatz, Wegweiser durch die Literatur d. Österreich. G. (1912). Württemberg: BibHographie 
■d. Württemberg. G., bearb. von W. Heyd u. Th. Schön (4 Bde. 1895/1908). Die neuen Erscheinungen 
werden in der Regel in den Zeitschriften zur Landesgeschichte verzeichnet. Besonders sind hier 
zu nermen das NA. f. sächs. G., die FBPrG., die ZGORh., die Z\''er. f. thür. G., die thür.-sächs. Z. 
f. G. u. Kunst (seit 1911), die Württemb. Viertel] ahrshefte f. Landesg. 

An Darstellungen sind allgemein die Neujahrsblätter zu erwähnen, die von mehreren Kommis- 
sionen und Gesellschaften (Baden, Franken, Provinz Sachsen, Württemberg) herausgegeben werden 
und oft gute Übersichten der inneren Zustände enthalten. Von den Bearbeitungen der Geschichte 
der einzelnen Länder können nur diejenigen hier genannt werden, die für die Verfassungsgeschichte 
besonderen Wert haben: 

Für Bayern: M. Döberl, Entwicklungsgeschichte Bayerns (bis jetzt 2 Bde. bis 1825; 1906/12). 
S. RiEZLER, G. Baiems (bis jetzt 8 Bde. bis 1726; 1878/1914). E. Rosenthal, G. d. Gerichts- 
wesens und der Verwaltungsorganisation Baiems (bis jetzt 2 Bde. bis 1745; 1889/1906). 

Für Brandenburg - Preußen: W. Altmann. Ausgewählte Urkunden z. Brandenb. - preuß. 
Vfg. u. Verwaltungsg. (2 Bde. 1897; Bd. I in 2. Aufl. 1914). C.Bornhak, Preuß. Staats- u.Rg.(1903). 
0. HiNTZE, Geist und Epochen der preuß. G. (HohenzoUem-Jb., Bd. VII, 1903, auch in den Hist. 
u. polit. Aufs. Bd. I). F. Holtze, G. der Mark Brandenburg (1912) und G. des Kammergerichts 
in Brandenburg-Preußen (4 Bde., 1890/1904). S. Isaacsohn, G. des preuß. Beamtentums vom 
Anfang des 15. Jhs. bis auf die Gegenwart (3 Bde. bis ins 18. Jh., 1874/84). E. Loening, Gericht« 

Grundriß der GeschichtawiesenBchaft 11,4 1 



2 F. Härtung: Deutsche VerfassnngBgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

und Verwaltungsbehörden in Brandenburg-Preußen (zuerst im Verwaltungsarchiv, Bd. II und III, 
1894/95; erweitert in den Abh. u. Aufs. Bd. I, 1914). G. Schmollek, Umrisse und Untersuchungen 
zur Vfg., Verwaltungs- u. Wirtschaf tsg. besonders d. preuß. Staates im 17. und 18. Jh. (1898). 
A. Stölzel, Brandenburg - Preußens Reohtsverwaltung und Rechtsverfassung (2 Bde. 1888). 
A. Waddington, Histoire de Prusse (bis jetzt 1 Bd. bis 1688, 1911). 

Für Hannover: E. von Meier, Hannov. Vfg. u. Verwaltungsg. 1680 — 1866 (2 Bde., 
1898/99). 

Für Österreich, dessen einzelne Länder und dessen Entwicklung im 19. Jh. hier unberück- 
sichtigt bleiben, liegen dank der auch von den Juristen eine gewisse Kenntnis der Staats- und Ver- 
fassungsentwickliing fordernden Studienordnung mehrere brauchbare Grundrisse vor, von denen 
genannt seien: A. Hubeb, Österreichische Reichsgeschichte (2. Aufl. von A. DopSCH, 1901). A. Lu- 
SCHIN VON Ebengretjth, Österreichische Reichsgeschichte (2 Bde., 1895/96). Femer A. Hubeb, 
G. Österreichs (5 Bde. bis 1648; 1885/95). Österreichisches Staatswörterbuch (mit bist. Artikeln), 
hersg. von E. Mischler und J. Ulbbich (2. Aufl., 4 Bde., 1905/09). 

Für Württemberg: QueUensammlung : A. L. Reyschee, Sammlung der württembergischen 
Gesetze (19 Bde. bis 1848; 1828/51). Darstellungen: C. V. Fricker und Th. v. Gessler, G. der 
Verfassung Württembergs (1869). F. Wintterlin, G. der Behördenorganisation in Württemberg 
(2 Bde., 1904/06). 

Allgemeine Literatur zur Verfassungsgeschichte: Als Nachschlagewerk ist auch für den 
Historiker brauchbar das HdWbStW. (3. Aufl., 8 Bde., 1909/11). Sammlungen von Abhandlungen: 
Deutsohrechtliche Beiträge, hersg. von K. Beyeele (seit 1906). Untersuchungen zur deutschen 
Staats- und Rg., hersg. von O. v. Giebke (seit 1878). Staats- und sozialwissenschaftliche Forschun- 
gen, hersg. von G. Schmollek und M. Seeinq (seit 1878). QueDen und Studien z. Vfg. des Deut- 
schen Reichs in MA. und Neuzeit, hersg. von K. Zeumbr (seit 1905). 

Zeitschriften (außer den allgemeinen liistorischen wie HVSchr., HZ., MIÖG.): JbGesVV. 
(seit 1877; seit 1881 hersg. von G. v. Schmoller). VSozWG. (seit 1903). ZSavStR. (seit 1880, in 
Betracht kommen die Germanistische und die seit 1911 bestehende Kanonistische AbteOung). 
Tübinger Z. für die gesamte Staatswissenschaft (seit 1844). 

Einzelne Werke: 0. v. Giebke, Das deutsche Genossenschaftsrecht (Bd. 1- — 3, 1868/81, 
anastat. Neudruck 1914; Bd. 4, 1914). O. Hintze, Historische und politische Aufsätze (4 Bde., 
1908); Die Entstehung der modernen Staatsministerien (HZ. Bd. 100, 1908); Der Commissarius 
und seine Bedeutung in der allgemeinen Verwaltungsgeschichte (in den Historischen Aufsätzen 
K. Zeumerzum 60. Geburtstag dargebracht, 1910). A. LoTZ, G. des deutschen Beamtentums (1909). 
G. ScHMOLLEB, Über Behördenorganisation, Amtswesen und Beamtentum im allgemeinen und speziell 
in Deutschland und Preußen bis zum Jahre 1713 (Acta Borussica, Behördenorganisation, Bd. I, 1894, 
Einleitung). 

Erster Teil: Die Zeit des alten Reiches 

Quellen zur Geschichte des alten Reiches bis 1806: 

Unentbehrlich als Nachschlagewerk ist noch heute J. S. Pütteb, Literatur des Teutschen 
Staatsrechts (3 Bde., Göttingen 1776/83; 4. Bd., bearb. von J. L. Klüber, Erlangen 1792). 

Eine amthche Sammlung der Reichsgesetze gibt es nicht; wohl aber wurden die einzelnen 
Reichsabschiede offiziell gedruckt. Gesamtausgaben der Reichsabschiede sind oft veranstaltet 
worden, vgl. J. Weizsäckers Einleitung zum I. Bande der deutschen Reichstagsakten (1867), 
S. Ilff. ; am bekanntesten und brauchbarsten ist die „Neue und vollständigere Sammlung der 
Reichsabschiede" (Frankfurt 1747, 4 Teile, häufig nach dem Verleger Koch genannt). Als Er- 
gänzung sind zu nennen J. J. Pachnee v. Eggenstobff, VoUständige Sammlung aller von An- 
fang des noch fortwährenden Reichstags de anno 1663 bis anhero abgefaßten Reichsschlüsse (4 Teile, 
Regensburg 1740/77), J. 0. Lünig, Teutsches Reichsarchiv (24 Teile, Leipzig 1710/22) und 
C. F. Geestlachee, Hb. der teutschen Reichsgesetze in systematischer Ordnung (11 Teile, Karls- 
ruhe u. Stuttgart 1786/93). Eine neue Ausgabe der Reichsgesetze wird von der Historischen 
Kommission bei der bayr. Ak. d. Wiss. in München geplant. 

Die älteren Wahlkapitulationen sind gesammelt von Chr. Zieglee, Wahlkapitulationes, 
welche mit denen röm. Kaisem und Königen, dann des heil. Reichs Churfürsten . . . seit Carolo V. 
her bis auf Ferdinand IV. vor sich und folghch bis auf Josephum I. zugleich vor sämthche . . . Stände 
vergbohen (Frankfurt 1711). Weniger geschickt ist die Ausgabe aller Kapitulationen bis 1764 von 
J. A. V. Riegger, Harmonische Wahlkapitulation Josephs II. (Prag 1781/82). Die letzten Kapitu- 
lationen von 1790 und 1792 hegen nur in Einzeldrucken vor. 

Die Reichstagsakten von 1378 — 1555 werden, einer Anregung Rankes zufolge, von der 
Historischen Kommission in München seit 1867 herausgegeben. Davon sind bis jetzt erschienen: 
von der älteren Reibe Bd. 1—13, 1. Hälfte [1378—1438] und 15, 1. Hälfte [1440—1441], von der 
jüngeren Reihe (seit 1893) Bd. 1—4 [1519—1524]. Für die Jahre 1438—1519 bietet die von 
J. Janssen herausgegebene Reichskorrespondenz Frankfurts (Freiburg 1863/72) vielfach einen 
Ersatz. Für die Reichstage der Jahre 1546—1555 sind zahlreiche Akten und Korrespondenzen 
mitgeteilt von A. v. Dbhfpel und K. Brandi in den Briefen und Akten zur G. des 16. Jhs., Bd. 
1_4 (1873/1896), für die Reichstage von 1603—1613 von F. Stieve und A. Chboust in den 
Briefen und Akten zur G. des Dreißigjährigen Krieges Bd. V, VI und XI (1883, 1895 und 1908). 



Das Reich im 15. Jahrhundert 3 

Unentbehrlich sind aber immer noch die freilich mangelhaften älteren Sammlungen, J. J. Mtillers 
Reichstagstheatrum Friedrichs V. (III.) für 1440 — 1493 (3 Bde., Jena 1713), desselben Reichs- 
tagstheatrum Maximilians I. für 1486 — 1500 (2 Bde., Jena 1718/19) und sein Reichstagsstaat 
unter Maximilian I. für 1500- — 1508 (Jena 1709). Für die Reichstage des 17. Jhs. und den ewigen 
Reichstag kommen in Betracht M. C. Ltjndorp (auch Londorp), Acta publica (von 1608 — 1640, 
4 Bde., Frankfurt 1668; Fortsetzung bis 1690, 13 Bde., ebenda 1668/1719). Cassandee Thtjcelius 
Reichsstaatsacta (von 1700 — 1718, 1716 ff.) und Anton Fabee, Europäische Staats-Cantzley 
(seit 1697, mit Fortsetzung bis 1781), ferner J. C. Reuss, Teutsche Staatskanzley (1783— 1801). 

Zur Geschäftsordnung des Reichstags vgl. den „Traktat über den Reichstag im 16. Jh.", 
hersg. von K. Rauch (Zeumers Quellen und Studien I, 1905). Über die Zusammensetzung des- 
Reichstags vgl. die von F. Salomon bearbeitete Liste in Zeumers Quellensammlung- Nr. 220 (Ver- 
besserungen FBPrG. Bd. XXVI, S. 309). 

Zur Gesclüchte der Reichskreise vgl. die neue Veröffentlichung: G. d. fränk. Kreises, 
Darstellung und Akten (bis jetzt 1 Bd. für 1521 — 1659; 1910), ferner F. C. Mosers Sammlungen 
„Sammlung sämtlicher Crays-Abschiede" (3 Bde., Leipzig 1747/48), ,,Des fränkischen Crayses Ab- 
schide und Schlüsse vom Jahr 1600 — 1748" (2 Bde., Nürnberg 1752) und „Des obersächsischen 
Crayses Abschide" (1 Bd., für 1601—1681, Jena 1752). 

Darstellungen: Eine brauchbare neuere Geschichte der Reichsverfassung gibt es nicht. 
A. LuscHiN V. Ebekgeeüth „Verfassung und Verwaltung der Germanen und des deutschen Rei- 
ches bis 1806" (Teil der in der „Kultur der Gegenwart" erschienenen „Allgemeinen Verfassungs- 
und Verwaltungsgeschichte", 1911) ist unzulänglich. Wir sind deshalb noch heute auf die staats- 
rechtliche Literatur des 18. Jhs. angewiesen, von der genannt seien: J. J. Moser, Teutsches Staats- 
recht (50 TeUe, dazu Zusätze und Register, Leipzig 1738/54). J. F. Pfeffingek, Vitriarius- 
illustratus (4 Teile, 2. Aufl. Gotha 1739/54). J. S. Püttee, Historische Entwickelung der heutigen 
Staatsverfassung des Teutschen Reichs (3 Teile, Göttingen 1786/87; 3. Aufl. 1798/99). 

Von neueren Einzeluntersuchungen sind zu nennen: 

AUgemem: F. Frensdorff, Das Reich und die Hansestädte (ZSavStRGGA., Bd. XX, 1899); 
Reich und Reickstag, ein Beitrag z. G. der deutschen Reehtssprache (Hansische GBU., 1910). 
A. Werminghofp, Deutsches Reich und Deutsche Nation (Königsberger Univ.-Rede, 1909). 
K. Zetjmer, Heihges römisches Reich deutscher Nation (1910). 

Einzelne Gebiete: Reichsacht: J. Poetsch, Die Reichsacht im MA. und besonders in der 
neueren Zeit (1911). Bündnisrecht: F. v. Bbzold, Das Bündnisrecht der deutschen Fürsten bis zum 
Westfälischen Frieden (1904). Kreisverfassung: R. Festee, Franken und die Kreisverfassung (1906). 
F. Härtung, G. d. fränk. Kreises, Bd. I (für 1521 — 1559 mit allgemeiner Einleitung, 1910). 
A. Neukirch, Der niedersächsische Kreis und die Kreisverfassung bis 1542 (1909). Wahlkapitula- 
tionen: F. Haetung, Die Wahlkapitulationen der deutschen Kaiser und Könige (HZ., Bd. 105, 1911). 

Erstes Kapitel: Das Keich im 15. Jahrhundert 

Literatur: Die Entwicklung der Reichsverfassung im 16. Jh. ißt monographisch nicht behan- 
delt worden und kommt auch in den zusammenfassenden Darstellungen von V. v. Kraus (Deut- 
sche G. im Ausgange des MA., Bd. I [1438—1486], 1905) und A. Bachmann (Deutsche Reichs- 
geschichte im Zeitalter Friedrichs III. und Maximilians L, 1884/94) zu kurz. C. Höflees Rede 
über die poUtische Reformbewegung in Deutschland im 15. Jh. und den Anteil Bayerns an der- 
selben (München 1850) hat durch das mitgeteilte Aktenmaterial auch heute noch Wert. 

Über die Reichsfinanzen vgl. 0. Schmidt, Die Reichseiimahmen Ruprechts von der Pfalz 
(Leipziger Diss. 1912) und A. Nuglisch, Das Finanzwesen des deutschen Reiches unter Kaiser 
Sigmund (JbbNSt. Bd. 76, 1901). 

Über die Reichsgerichtsbarkeit im 15. Jh. vgl. J. A. Tomaschek, Die höchste Gerichtsbar- 
keit des deutschen Königs und Reichs im 15. Jh. (SBAk. Wien 1865); O. Frankun, Das Königliche 
Kammergericht vor dem Jahre 1495 (1871) und J. Lechner, Reiohshofgericht und kgl. Kammer- 
gericht im 15. Jh. (MIÖG., Ergbd. VII, 1904). 

§ 1. Die kaiserliche Gewalt 

Literatur: F. Kern, Die Reichsgewalt des deutschen Königs nach dem Interregnum, zeit- 
genössische Theorien, HZ. Bd. 106 (1911). 

Es ist nicht leicht, in kurzen Zügen ein Bild von dem Stande der deutschen 
Eeichsverfassung im 15. Jh. zu zeichnen. Denn das deutsche Staatsrecht ist nach 
Hegels ,, Kritik der Verfassung Deutschlands'^) nicht eine Wissenschaft von Grund- 
sätzen, sondern ein Urbarium der verschiedensten Eechte. Die systematische Dar- 
stellung, wie sie 1460 zum erstenmal durch den Baseler Professor Hermann Peter 
aus Andlau^) versucht worden ist, versagt also; aber der Historiker darf hoffen, durch 

1) Geschrieben etwa 1801, zuerst veröffentlicht von G. Mollat (1893), neu hersg. unter 
dem Titel ,,Die Verfassung Deutschlands" in den Sämtl. Werken, hersg. von G. Lässon, Bd. VII 
(1913), S. Iff. 

2) Libellus de Cesarea monarchia, hersg. von J. Hüeben^, ZSavStRGGA., Bd. XII und XIU 
(1891/92). 



4 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

die Schilderung der Entstehung den Zustand des 15. Jhs. verständUch zu machen: die 
Eeichsverfassung des 15. Jhs. ist das Ergebnis eines lange dauernden Zersetzungspro- 
zesses, den keine allgemeine Eeichsgesetzgebung aufgehalten hat. Die Goldene Bulle, 
das einzige nicht zeitlich begrenzte Eeichsgesetz jener Zeit, regelt nur eine einzelne 
Frage, die Königswahl ; nirgends ist der Versuch gemacht worden, den neuen Zustän- 
den die Gesetzgebung anzupassen. Noch blieb in der Theorie der deutsche König ein 
so gut wie unumschränkter Herr; ja je mehr das römische Recht in die Staatstheorie 
eindrang, desto mehr wurden dem Könige alle Rechte des römischen Imperator zuer- 
kannt. Aber in der Wirklichkeit war der königliehen Gewalt die Grundlage entzogen 
worden durch die Territorien. Sie haben das alte Reich zersetzt. Sie sind so selbstän- 
dige Gewalten geworden und haben eine solche Bedeutung namentlich für die Ent- 
stehimg des modernen Staates erlangt, daß ihre innere Struktur in besonderen Kapi- 
teln (3 — 6) zusammenhängend betrachtet werden muß. Hier soll nur die Wirkung 
festgestellt werden, die das Aufkommen der Territorien auf die Reichsverfassung aus- 
geübt hat. Die Territorien sind auf Kosten des Reiches, der königUchen Gewalt so- 
wohl wie besond ers des Reichsgutes und der Reichsfinanzen, entstanden. Was J. J. Moser 
vom 18. Jh. sagt, daß der deutsche Kaiser „keines Schuhes breit Land und Leute hat, 
noch ein Land in seinem Namen regieret wird, noch er die Einkünfte daraus ziehet", 
das gilt schon seit etwa 1400. Und da auch die übrigen Einnahmequellen des Reiches 
fast ganz versiegt oder verpfändet waren, so konnte Sigmund mit Recht sagen, daß 
er nicht mehr als 13 000 fl. jährlich aus dem Reiche ziehe. Nun wurde zwar seit dem 
15. Jh. gelegenthch versucht, dem Mangel der Reichsfinanzen durch allgemeine Reichs- 
steuem, durch „gemeine Pfennige", abzuhelfen. Aber mit Ausnahme weniger rein 
theoretischer Reformschriften waren alle diese Pläne nur auf kurze Zeit zur Abwehr 
vorübergehender Gefahren berechnet, und sie wurden nur selten und nur mit kümmer- 
lichem Erfolg verwirklicht. Das Reich war nach den treffenden Worten des Hans von 
Hermannsgrün*) verarmt und mußte im Kriege betteln gehen. Denn auch die Verfü- 
gung über den Heerbann des Reiches war dem Könige nicht unbestritten geblieben, 
auch hier hatten sich die Territorien eingedrängt, die überall darauf ausgingen, den 
König von der unmittelbaren Berührung mit den Steuer- und wehrfähigen Schichten 
der Bevölkerung abzusperren. Die große Masse der Einwohner des Reiches war zu 
mittelbaren Untertanen geworden; mit wenigen Ausnahmen — die Stellung der 
Reichsritterschaft ist im 15. Jh. noch unklar — waren nur noch die Territorien, zu 
denen in diesem Zusammenhang außer den Fürstentümern auch die Gebiete der Reichs- 
grafen, der Reichsprälaten und der Reichsstädte zu rechnen sind, reichsunmittelbar, 
und nur mit ihnen, den Reichsständen, nicht mit dem deutschen Volke hat es die Ge- 
schichte der Reichsverfassung bis 1806 zu tun. 

Wohl besaß der König trotz dieser Entwicklung der Territorien noch aUerhand 
■wertvolle Rechte. Er war oberster Richter und oberster Lehnsherr, und daß diese 
Rechte auch in der Praxis noch Bedeutung hatten, das zeigen die territorialen Er- 
werbungen, die fast jeder König von Rudolf v. Habsburg bis zu Friedrich III. gemacht 
hat. Aber diese Rechte haben dem Reiche und der könighchen Gewalt nicht zum Vor- 
teil gereicht. Sowohl die allgemeine Anschauung, daß der König erledigte Reichs- 
lehen nicht über Jahr und Tag für sich behalten dürfe, sondern wieder verleihen und 
damit der unmittelbaren Nutzung für das Reich entziehen müsse, wie auch der Mangel 
einer festen Erblichkeit der Krone haben bewirkt, daß keine der Erwerbungen dem 
Reiche zugefallen ist ; sie alle haben vielmehr dazu gedient, die Hausmacht der Dyna- 

1) Vgl. H. Ulmann, Der Traum des Hans v. Hermansgrün, eine politische Denkschrift aus 
dem Jahre 1495 (FDG., Bd. XX, 1880), S. 83: „privatim potenciam et opulenciam, publice egestatem 
habetis; esanguis respubUca, si in quem vis belli metum incidat, pro viris, equis, armis, pecunia ad 
vos [ordines imperii] mendicatum veniat, necesse est." 



Die kaiserliche Gewalt 5 

stie, aus der der König stammte, zu vermehi'en oder auch erst zu begründen. So ist die 
königliche Gewalt immer mehr ihrer materiellen Unterlage beraubt worden; schon im 
15. Jh. war es ganz deutheh, daß sie nur noch durch die Verbindung mit einer starken 
Hausmacht haltbar war, daß nur noch mächtige Territorialfürsten zu Königen gewählt 
werden konnten. Der Gegensatz zwischen Eeichs- und Hausmachtinteresse hat nicht 
etwa dadurch aufgehört, daß das Königtum im Hause der Habsburger tatsächlich 
erbhch wurde ; die Nachteüe sind sogar immer schärfer hervorgetreten : das Königtum 
ist in territoriale Interessen verstrickt worden und hat auch seine Befugnisse im Eeich 
diesen Interessen dienstbar gemacht. Das hat auffallend klar der Abschluß der kir- 
chenpoütischen Streitigkeiten der vierziger Jahre des 15. Jhs. gezeigt: das Eeich ist 
dabei leer ausgegangen, aber König Friedlich III. hat für seine Erblande wertvoUe 
Eechte davon getragen, die die Geisthchkeit seiner landesherrlichen Gewalt unterord- 
neten. Es sind nicht etwa moderne Begriffe, die wir in jene Zeit hineintragen, wenn wir 
Eeichsinteresse und Hausinteresse unterscheiden. Auch die Zeitgenossen waren sich 
des Unterschiedes, ja des Gegensatzes bevraßt. Schon 1379 vdid z. B. in einem Bünd- 
nisvertrag zwischen Frankreich und dem Herzog von Jühch scharf getrennt zwischen 
dem König als Inhaber einer Hausmacht mit territorialen und em'opäischen Interessen 
und dem König als solchem „in hiis, quae concernunt Imperium". So verändert die 
Formel „Kaiser und Eeich" allmählich ihre Bedeutung. i) Während die beiden Be- 
griffe ursprünglich identisch gewesen sind, nur daß der Kaiser das individuelle Ober- 
haupt, das Eeich die allgemeine und dauernde Organisation ist, tut sich im 15. Jh. ein 
Gegensatz auf, der später zur vollen Trennung des Kaisers und des Eeiches als der 
Gesamtheit der Stände ohne den Kaiser geführt hat. 

Natürlich sind Eeichspolitik xmd Hausmachtpohtik nicht etwa absolute Gegen- 
sätze. Karl IV. hat bewiesen, daß eine kluge und erfolgreiche Vertretung des Fami- 
lieninteresses einer energischen Wahrnehmung der kaiserHchen Pflichten gegen das 
Eeich nach außen und im Innern keineswegs entgegenstand. Gerade die ungeregelten 
deutschen Verhältnisse und die Eivalitäten unter den Temtorialfürsten machten es 
einer tatkräftigen und zielbe-wußten Persönlichkeit leicht, Einfluß und Macht zu ge- 
winnen. Die Landfriedenseinungen, wie sie Karl IV. in ganz Deutschland zustande 
brachte, waren nicht bloß Mittel, um den inneren Frieden zu sichern, sondern auch um 
die könighche Gewalt zur Geltung zu bringen. Daß es an solchen Persönhchkeiten auf 
dem deutschen Königsthron während des 15. Jhs. fehlte, daß Friedrich III., dessen 
Eegierung mehr als die Hälfte des Jahrhunderts erfüllte, eine durchaus passive Natur 
war, die Dinge an sich herankommen Heß, statt sie zu leiten, hat den Gang der deut- 
schen Verfassungsgeschichte stark beeinflußt. Ferner muß auf die Gestaltung der 
Machtverhältnisse im Osten des Eeiches, auf die tschechische Eeaktion gegen die 
deutsche OberheiTschaft in Böhmen, auf das Entstehen der magyarischen Großmacht 
unter Matthias Corvinus, auf das Wachsen der osmanischen Macht wenigstens hinge- 
wiesen werden, denn diese Ereignisse haben die Kaiser und Könige des 15. Jhs. stärker 
als ihre Vorgänger von den deutschen Verhältnissen abgelenkt und dadurch deren Ent- 
wicklung mitbestimmt. 

Persönliches und Allgemeines wirkte also dahin zusammen, daß es während des 
15. Jhs. an einer kräftigen königlichen Gewalt im Eeiche fast dauernd fehlte. Schon 
die ersten Jahrzehnte zeigten als Folge eine wachsende Zerrüttung des Eeiches, die im 
Innern in dem Verfall der Eechtspflege und der Zunahme der Fehde, nach außen hin 
in der beschämenden Wehrlosigkeit gegenüber den Hussiten zutage trrt. 

1) Vgl. R. Smend, Zur G. der Formel Kaiser und Reich in den letzten Jahrhunderten des 
alten Reiches (Histor. Aufsätze für Zeumer, 1910, S. 439 ff.), ivo aber der Bedeutungswandel des 
15. Jhs. nicht erkannt ist (vgl. meine Bemerk. HVSchr. 1913, S. 52, Amn. 1). 



Q F. Härtung: Deutsche Verfassungsgescliichte vom 15. Jahrhundert bia zur Gegenwart 

§ 2. Der Reichstag und der Kurverein 

Literatur: Zum Reiclistag: E. Zickel, Der deutsche Reichstag unter König Ruprecht von der 
Pfalz (Straßburger Diss. 1908). H. Wendt, Der deutsche Reichstag unter König Sigmund (bis 
1431; 1889). R. Bemmaito, Zur G. des deutschen Reichstags im 15. Jh. (1431—1497; 1907). 

Zum Kurverein: Th. Lindnek, Der Binger Kurverein (MIÖG., Bd. XIII, 1892). E. Bran- 
DENBtJEG, Der Binger Kurverein in seiner verfassungsgeschichtlichen Bedeutung (DZG., Bd. XI, 
1894). W. Auener, Die Kurvereine unter der Regierung Sigmunds (MIÖG., Bd. XXX, 1909). 

Das Versagen der königlichen Gewalt wurde für das Reich deshalb verhängnis- 
voll, weU es nirgends ein Organ gab, das sie hätte ersetzen können. Wohl bestand eine 
Vertretung aller Eeiehsstände im Eeichstag, aber ihm fehlte die feste Geschlossenheit, 
ohne die er zur dauernden Ausübung der Eegierungsgewalt nicht fähig sein konnte. 
Der Reichstag des 15. Jhs. ist mit seiner lockeren Verfassung bezeichnend für die Un- 
sicherheit der deutschen Verfassungszustände überhaupt. Er ist allmählich entstanden 
als eine Organisation der neuen territorialen Gewalten im Reiche ; aber seine Rechte 
und Pflichten, seine Zusammensetzung, seine Zuständigkeit, sein Verfahren sind nie 
fest geregelt worden. So vermögen wir die Fragen, die der Systematiker naturgemäß an 
einen derartigen Organismus stellt, nicht zu beantworten. Wir wissen weder genau, 
wer im 15. Jh. berechtigt war zu erscheinen, noch ob der Berechtigung auch eine Pflicht 
zum Erscheinen entsprach, ob der König verpflichtet war, alle Berechtigten zu berufen, 
oder ob er die Freiheit besaß, nur die einzuladen, deren Beteiligung er für wünschens- 
wert hielt, endlich ob der Reichstag sich auch ohne könighche Berufung versammehi 
durfte; auch über das Verfahren, namentlich die Abstimmung, über die Verbindhch- 
keit der Reichstagsbeschlüsse für die nicht anwesenden Stände, die der König behaup- 
tete, aber in der Regel nicht durchsetzen konnte, sind wir nicht ausreichend unter- 
richtet. Es ist zu hoffen, daß die weitere Forschung, wenn sie einmal lernt, andere 
Fragen an die Reichstagsakten zu stellen als die nach der Trennung der drei Kurien 
und nach der Reichsstandschaft der Städte, hier noch manches aufklären wird. Aber 
in der Hauptsache wird sie wohl nur die leidige Tatsache bestätigen können, daß es 
dem Reichstag im 15. Jh. an jedem festen System fehlte. Nur für die Äußerlichkeiten 
des Verfahrens hatten sich einige Gewohnheiten herausgebildet; die Proposition des 
Königs wird von allen Anwesenden gemeinsam angehört; daim beraten die einzelnen 
Kiu"ien — meistens sind die Kurfürsten und die Fürsten vereinigt — für sich, aber die 
dem Könige zu erteilende Antwort wird häufig in gemeinsamer Sitzung festgestellt 
und dann durch den Kurfürsten von Mainz als den Sprecher des Reichstags dem Kö- 
nige übermittelt. Aber der Einfluß des Reichstags auf die Geschicke des Reichs, seine 
Stellung gegenüber dem Könige wechselte je nach den poUtischen Verhältnissen, hing 
namentlich von der Einigkeit unter den Ständen selbst ab, und diese ging in der Regel 
über die Abwehr von königlichen Forderungen nicht hinaus, brach bei allen Versuchen 
zu positiven Leistungen rasch auseinander. In den zwanziger Jahren war der Reichs- 
tag gegenüber Sigmund der selbständige Vertreter der Reicbsinteressen, forderte Friede 
und Recht im Reiche und energische Wehr nach außen, überließ es freilich in der 
Hauptsache dem Könige, diese Forderungen auszuführen. Dagegen versagte der 
Reichstag mater Friedrich HI. vollständig. Friedrich konnte mit dem Reichstage ma- 
chen, was er wollte, er berief ihn jahrelang überhaupt nicht, er schloß die Gegner seiner 
Poütik vom Reichstage überhaupt aus, und endlich störte er die Freiheit der Bera- 
tungen und Abstimmungen, indem er persönlich an den Verhandlungen teilnahm und 
jeden einzelnen Stand selbst nach seiner Stellung fragte. 

Aber auch der engere Kreis der Kurfürsten war trotz der Praeeminenz, die sie 
als die Grundsäulen des heihgen Reiches für sich in Anspruch nahmen, nicht imstande, 
das Reich zu leiten. Sie hatten wohl gelegentlich (1338, 1399, 1424) Anläufe gemacht, 
um sich als „Kurverein" zusammen zu schließen und die Regierung des Reiches an 



Die Reichsreformveisuche vor 1486 7 

Stelle eines tatsächlich oder vermeinthch unfähigen Herrschers selbst zu übernehmen. 
Aber die Sonderinteressen der einzelnen Kurfürsten waren stets größer gewesen als die 
Gesamtinteressen des Kollegiums und fanden ihren Vorteü weit eher im Zusammen- 
gehen mit dem Könige als im Festhalten am Kurverein. Deshalb sind alle diese Kur- 
vereine jeweils nach kurzer Zeit auseinandergefaUen, und kein besseres Schicksal hatten 
die Erneuerung des Kurvereins im Jahre 1446 und die Versuche der Kurfürsten wäh- 
rend der fünfziger Jahre, den Kaiser, der seit 1444 überhaupt nicht mehr ins Eeich ge- 
kommen war, zur Verantwortung zu ziehen oder gar abzusetzen. Auch Friedrich III. 
ist es trotz seiner Passivität sehr leicht gewesen, die EinheitHchkeit des kui fürstlichen 
Kollegiums zu sprengen. An eine Durchführung der Bestimmung der Goldenen Bulle, 
daß die Kurfürsten regelmäßige Tagungen abhalten sollten, ist überhaupt nie gedacht 
worden. 

§ 3. Die ReiohBreformversuohe vor 1486 

Reformschriften: Avisamentum pro reformatione sacri imperii (aus der Zeit des Konstanzer 
Konzils), hersg. von C. Höfler (A. f. Kunde österr. GQuellen, Bd. XII, 1854, S. 363f.). Nicolatts 
DE CtrsA, De concordantia catholica libri tres (aus der Zeit des Baseler Konzils; oft gedruckt, z. B. 
bei S. ScHARDius, De iurisdictione imperii, Basileae 1566, die für das Reich wichtigsten Stellen 
im Auszug bei Zeumeb, Quellenaammlung-, Nr. 162, S. 246ff.). Wegen der Schriften H. Tokes 
vgl. R. Smend, Ein Reichsreformprojekt aus dem Schriftenkreise des Baseler Konzils (NA., Bd. 
XXXII, 1907, S. 746ff.; Auszug bei Zeumeb a. a. O., S. 265f., Nr. 167) und meine M. in der G. 
des Fränkischen Kreises, Bd. I, S. 38. Eine Zwischenstellung zwischen Theorie und Praxis nimm t 
eine Trierische Denkschrift um 1454 ein (gedruckt als Abschied zwischen GeistHchen Kurfürsten 
bei L. V. Rakke, Deutsche G. im Zeitalter der Reformation, Bd. VI', S. 9ff., Auszug bei Zeumer, Nr. 
169, S. 269f.). 

Darstellung: Th. Stumpf, Die pohtischen Ideen des Nikolaus von Cues, ein Beitrag zur G. 
der deutschen Reformbestrebungen im 15. Jh. (1865). Im übrigen sind die aUgemeinen Bearbei- 
tungen der Zeit und die G. des fränkischen Kreises I, S. 35ff. heranzuziehen. 

Es ist wohl eine Folge der konziliaren Bewegung, daß während des Konstanzer 
und während des Baseler Konzils das Verlangen nach einer umfassenden Eeichsreform 
laut geworden ist. Es fehlt noch an einer vollständigen Sammlung der einschlägigen 
Schrif ten^) ; wir kennen nui' einzelne, ohne zu ahnen, wie viele noch in Archiven und 
Bibhotheken ruhen. Aber schon das, was wir heute haben, genügt, um die Eichtung 
zu erkennen, in der sich die Gedanken der Zeit bewegen. Selbstverständhch gehen die 
Vorschläge der Eeformschriften sehr viel weiter als die gleichzeitigen Versuche der 
Eeichstage, Friede und Eecht herzustellen; sie greifen den Kern der Eeichsverfassung, 
die Organisation der königlichen Eegierung an. Es sind Geisthche, die hier zu Wort 
kommen, zum Teil schreiben sie unter dem Eindruck der kirchhchen Verfassungs- 
kämpfe; daraus erklärt es sich, daß sie die Eegierung des Eeiches mit der der Kirche 
vergleichen und den aristokratischen Elementen im Eeiche eine ähnliche Stellmig zu 
verschaffen suchen, wie sie die entsprechenden Ki'äfte in der Kli'che für sich bean- 
spruchten. Wie der Papst mit den Kardinälen regieren sollte, so sollte auch der Kaiser 
an ein Eatskollegium gebunden werden, dessen Zusammensetzung zwar verschieden 
vorgesehlagen wird, aber doch immer eine Eepräsentation der territorialen Gewalten 
darstellen soll. Das ausführhchste Eeformprogramm, die Concordantia catholica des 
Nicolaus von Cues wül den Einfluß der Eeichsstände auf die Eegierung des Eeichs 
noch weiter sichern diu-ch jährhche Eeichstage, die zur Vermeidung von Unkosten 
aber nur in besonders wichtigen Fällen von allen Eeichsständen, in der Eegel nur von 
den Kurfürsten und einem Ausschuß der übrigen Stände besucht werden sollen; man 
sieht, hier ist der Plan der ständischen Eeichsreform von 1495, die GUederung von Ee- 
giment, großem Eegimentstag und Eeichstag, vorgebildet. Ebenso einstimmig sind 
die Eeformselmften in der Forderung, dem Hauptgebrechen des Eeichs, dem Mangel 
der Eechtspflege, durch die Errichtung eines ständigen Gerichts mit einem 

1) Auf Anregung G. Beckmanns wird eine Sammlung der Schriften von der Historischen 
Kommission in München vorbereitet. 



8 F. Härtung: Deutsche Verfassungegeschichte vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

festen Sitz im Eeiche abzuhelfen und diesem Gericht ausreichende Handhaben zur 
Vollstreckung seiner UrteUe zur Verfügung zu stellen, endlich die Durchführung aller 
Keformen durch die Bewilligung der erforderhchen Geldmittel für alle Zeit zu sichern. 

Unmittelbaren Einfluß auf die Praxis hat keine dieser Reformschriften gewon- 
nen. Die deutschen Reichstage mußten sich auf das Nächstliegende beschränken. 
Lange Zeit beschäftigten sie sich bloß mit der unmittelbar dringenden Frage, wie Frie- 
de und Recht im Reiche zu schützen wäre, ohne daß an eine Änderung der Regierungs- 
weise im Reich gedacht wurde. Und niemals wurde versucht, die Regierungsrechte 
über Itahen im alten Umfange wieder herzustellen. Die Reichsreformbewegung wie 
überhaupt die Eeichsverfassungsgeschiehte seit dem 15. Jh. hat es nur mit dem „Reich 
deutscher Nation" in dem Sinne, wie ihn neuerdings Weeminghoff und Zeumeb 
festgestellt haben, mit den deutschen Ländern des Reiches zu tun. Aber eine mittel- 
bare Einwirkung der Eeformideen, die selbst zum Teil durch die Gestaltung der Be- 
hörden in den besser verwalteten, gerade damals reformierten Staaten wie Savoyen, 
Frankreich und England bestimmt waren, läßt sich doch bei den Reichstagsverhand- 
lungen der Jahre 1434 bis 1438, besonders zu Eger 1437 und zu Nürnberg 1438, spü- 
ren. *) Die alten Bestrebungen nach einem Landfrieden wurden hier von den Fürsten 
wieder aufgenommen und mit dem Versuch einer Neuordnung des Gerichtswesens 
verbunden. Die Grundgedanken der Vorschläge, wie sie zuletzt auf dem Nürnberger 
Reichstag vom Juh 1438 von den kurfürstlichen Räten aufgestellt worden waren, waren gut 
und brauchbar: vollständige Beseitigung der Fehde, feste Ordnung der Gerichte, De- 
zentralisierung der Rechtsprechung, der Urteilsvollstreckung und der Landfriedens- 
hegung durch eine Teüung des Reiches in vier Kreise; aber alle diese Bestimmungen, 
die nichts schlechthin Neues bedeuteten, sondern alte Projekte wiederholten und wei- 
terbildeten, waren einseitig darauf zugeschnitten, die Autorität der großen Fürsten- 
tümer über den niederen Adel und die Städte zu verstärken und den Einfluß des Kö- 
nigs auf die kleineren Reichsstände möghchst auszuschalten. Deshalb gestalteten die 
Vertreter des Königs den kurfürstlichen Entwurf unter voller Wahrung seiner Grund- 
lagen doch soweit um, daß die Gewalt des Königs und die Selbständigkeit des niederen 
Reichsadels und der Reichsstädte bestehen blieb. Aber den Kurfürsten lag nichts an 
einer Reichsreform, die der Entwicklung ihrer Territorialmacht Schranken setzte; und 
gegen den Willen der Kurfürsten und Fürsten konnte der König eine so einschneidende 
Reform umso weniger durchsetzen, als diejenigen Kräfte, zu deren Gunsten der neue 
könighche Entwurf in erster Linie berechnet war, die Reichsstädte, sich ganz versagten. 
Der erste Versuch einer gründhchen Neuordnung des Reiches ist bereits auf dem Nürn- 
berger Reichstag vom Oktober 1438 vollständig gescheitert. Es ist zwar in den folgen- 
den Jahren noch weiter darüber verhandelt worden, und Friedrich III. hat am 
14. August 1442 ein Landfriedensgesetz*) erlassen, aber dieses bheb trotz dem voll- 
tönenden Namen „Reformation König Friedrichs" weit hinter den Plänen der Jahre 
1437 und 1488 zurück, indem es weder eine neue Ordnung der Gerichtsverfassung noch 
eine gesicherte Exekutive schuf, ja nicht einmal die Fehde beseitigte. 

In den beiden folgenden Jahrzehnten ist von einer Reichsreform, überhaupt von 
Friede und Recht nicht die Rede gewesen. Es sind die Jahre, in denen sich Fried- 
rich III. überhaupt kaum um das Reich kümmerte. Und die mächtigeren Fürsten 

1) Vgl. Reichstagaakten ältere Reihe, Bd. XI und XII; die wichtigsten Akten des Reichstags 
vom Juli 1438 sind, aus dem bis jetzt nicht ausgegebenen Bd. XIII, 2 von K. Zeumeb in der 2. Aufl. 
der Quellensammlung, Nr. 165, S. 252f£., gedruckt worden. 

2) Der großen Schätzung entsprechend, der sich das Gesetz als das für lange Zeit letzte Land- 
friedensgesetz erfreute, gibt es Drucke bereits seit 1474 in Verbindung mit der Goldenen Bulle 
(Hain Nr. 4077 f.), neuere Drucke bei Altmann und Beenheim, Ausg. Urk. z. Vfg. Deutschlands 
im MA. (4. Aufl. 1909), Nr. 130, S. 277ff. und bei Zbumeh, Quellensammlung, Nr. 166, S.260ff. 



Daa Zeitalter der Reichsreform 1486 — 1555 9 

benutzten diese Zeit, um das mit Gewalt durchzusetzen, was sie 1437 und 1438 auf ge- 
setzlichem Wege nicht hatten erreichen können, die Unterordnung von Adel und 
Städten unter ihre Oberhoheit. Damals wurden, wie im 4. Kapitel näher auszuführen 
sein wird, die Grundlagen für die neuere staatliche Ordnung in Deutschland geschaffen. 
Für das Reich brachten diese Jahre viel Unruhe und Kampf; es fehlte eine überragende, 
die vielen Einzelkräfte bindende Gewalt, mit Eecht spricht Ranke von einem Chaos. 
Die Folgen waren Verluste von Grenzländern und zahlreiche Fehden; in Süddeutsch- 
land kam es sogar zu großen allgemeinen Kriegen, 1449/50 zwischen den Fürsten 
und den Reichsstädten, 1461/62 zwischen den Hohenzollern und den Witteisbachern. 
Aber das Ergebnis war doch eine Klärung und Beruhigung der Machtverhältnisse. 
Die Reichsstädte hatten sich zwar fast in ihrem vollen Bestände behauptet, aber ihre 
pohtische Rolle war ausgespielt ; das Territorialfürstentum ist seit der Mitte des 15. Jhs. / 
der ausschlaggebende Faktor in der Reichsgeschichte. Unter den Territorien selbst 
aber war keines zur Vormacht aufgestiegen, keines war stark genug, um sich ganz allein 
in der Welt zu behaupten, die meisten, zumal die geistlichen, waren sogar auf eine ge- 
sicherte Rechtsordnung im Reiche angewiesen. Deshalb erneuerte sich der Ruf nach 
Herstellung von Friede und Recht, sobald Friedrich III. auf den Reichstagen von 1466 
und 1467 um eine Reichshilfe gegen die Türken und Ungarn warb. Friedrich versuchte 
es ungefähr zwanzig Jahre mit Halbheiten, mit Verkündigung von Landfrieden, um 
deren Handhabung er sich nicht kümmerte, mit der Bestellung eines Kammergerichts, 
das der Mehrzahl der Reichsstände und ihrer Untertanen räumlich viel zu fern lag ; er 
verzichtete lieber auf ausgiebige Reichshilfen, als daß er sich auf Verhandlungen über 
eine Reichsreform einließ. Aber er erreichte damit nichts anderes, als daß er seine Erb- 
lande an die Ungarn verlor und doch alle Reichsstände gegen sich aufbrachte, daß auch 
seine Anhänger die Notwendigkeit einer festen und dauernden Reichsordnung ein- 
sahen. Daraus entstand um die Mitte der achtziger Jahi'e eine neue Reichsreform- 
bewegung. 

Zweites Kapitel: Das Zeitalter der Reichsreform 14:86 — 1555 

Literatur: G. v. Below, Die Reichsreform (in dem Sammelwerk „Im Morgenrot der Re- 
formation" von J. V. PFLTjQK-HABTTcrNG, 1912). F. v. Bezold, G. der deutschen Reformation 
(1890) und Staat und Gesellschaft des Reformationszeitalters (in der Kultur der Gegenwart, Teil II, 
Abt. V, 1, 1908). H. v. Schubert, Reich und Reformation (Heidelberger Prorektoratsrede 1911). 

§ 4. Die ständische Reichsreform 1486 — 1500 

Quelle: Außer den oben S. 3 genannten Reichstagstheatren ist für den Reichstag des Jahres 
1495 unentbehrlich J. B. Datt, Volumen rerum Germanicarum novnm sive de pace publica (Ulm 
1698). Die Gesetze sind oft gedruckt worden und in allen Quellensammlungen zur Reichsgeschichte, 
auch bei Zeumbr zu finden. 

Literatur: E. Gothein, Der gemeine Pfennig auf dem Reichstag zu Worms (Breslauer Diss. 
1877). F. Härtung, Die Reichsreform von 1485—1495 (HVSchr. Bd. XVI, 1913). K. Kasee, 
Deutsche G. im Ausgange des MA., Bd. II (1912). V. v. Kkatjs, Das Nürnberger Reichsregiment 
(1883). J. PoETSCH, Die Reichsjustizreform von 1495, insbesondere ihre Bedeutung für die Reohts- 
entwicklung (1912). H. Ulmann, Kaiser MaximUian I. (2 Bde., 1884/91). 

Die Gleichgültigkeit Friedrichs III. gegen das Reich, an das er sich nur dann er- 
innerte, wenn er zum Schutz seiner Hausmacht Geld oder Truppen brauchte, und sein 
hartnäckiger Widerstand gegen alle Reformen haben bewirkt, daß die Reichsreform- 
bewegung der Jahre 1486 — 1500 sich von Anfang an gegen den Kaiser richtete. Sie 
begann damit, daß sich die Stände zu gemeinsamem Widerstand gegen die kaiser- 
lichen Forderungen imd zum Schutz gegen die Gefahren, die ihnen aus der Unter- 
stützung des Kaisers erwachsen konnten, verbanden. Die Führung der Reichsstände 
lag dabei in den Händen des Mainzer Kurfürsten Berthold v. Henneberg (1484 bis 
1504). Der erste Schritt zur Organisation der Stände gegenüber dem Kaiser war der 
sich in den Jahren 1485 — 1497 vollziehende Ausbau der Reichstagsverfassung, die 



10 F. Härtung: Deutsche VerfaeBungsgescliiclite vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Aufstellung fester Formen, an die auch der Kaiser gebunden war. Der Kaiser wurde 
gezwungen, zu den Reichstagen stets alle Stände, nicht bloß die ihm genehmen, zu 
berufen; die Freiheit der Beratungen wiu-de dadurch gesichert, daß der Kaiser von 
allen Verhandlungen ausgeschlossen wurde und „vor der Türe stehen" mußte; die Be- 
ratungen selbst geschahen nach festen Eegeln in drei getrennten „Räten", dem Kur- 
fürsten-, Fürsten- und Städterat. Seit 1497 wurden die Beschlüsse in m-kundlicher 
Form ausgefertigt, und die Form dieser „Eeichsabschiede", die als Verträge zwischen 
dem Kaiser auf der einen und den gesamten Ständen auf der anderen Seite erscheinen, 
kennzeichnet die feste Stellung des Reichstags als einer Vertretung der Reichsstände 
neben dem Kaiser. Vieles bheb freilich auch jetzt noch zweifelhaft. Eine feste Grund- 
lage für das Stimmrecht der Reichsfürsten wurde nicht gefunden. i) Ursprünglich war 
jeder vom Kaiser unmittelbar belehnte Reichsfürst für seine Person stimmberechtigt; 
deshalb wurden bei Landesteilungeu die Stimmen vermehrt, während die Stimmen 
ausgestorbener Linien wegfielen. Je wichtiger aber die Reichstage wurden, desto mehr 
Wert wurde auf den Besitz des Stimmrechts gelegt; so kam in der ersten Hälfte des 
16. Jhs. der Brauch auf, die Stimmen ausgestorbener Linien, als ob sie zum Lande ge- 
hörten, an die Erben zu übertragen. Zu einer festen Regel ist diese Übung aber nicht 
geworden ; namentlich wurde die Konsequenz, daß nun umgekehrt bei einer Landes- 
teilung keine neue Stimme entstehen köime, nicht immer gezogen. Lange Zeit um- 
stritten war auch das Stimmrecht der Städte; erst der Westfälische Friede entschied 
die Frage zugunsten der Städte. Dauernd unklar büeb endlich die Frage, ob Mehr- 
heitsbeschlüsse für alle Reichsstände verbindliche Kraft hätten. Selbst in der Zeit der 
Reichsreform war die unbedingte Gültigkeit der Mehrheitsbeschlüsse nicht durchge- 
setzt worden'); die Versuche des Kaisers und der katholischen Reichsstände während 
der Reformationszeit, die Glaubensfrage durch Mehrheitsbeschluß zu entscheiden, 
führte zm- grundsätzlichen Bekämpfung des Mehrheitsprinzips, zur offenen Protesta- 
tion. Aber auch nachdem im Westfälischen Frieden endgültig festgesetzt worden war, 
in allen die Religion berührenden Fragen nur güthche Vereinbarung gelten zu lassen, 
war eine Entscheidung nicht zu erzielen. Der auf dem Regensburger Reichstag von 
1653/54 gemachte Vorschlag, für „notwendige" Leistungen Mehrheitsbeschlüsse als 
ausreichend zu erklären und nur für ,,freiwilhge" an der Forderung der Einstimmig- 
keit festzuhalten, drang nicht durch. Die Frage blieb unentschieden, und in der 
Prajcis heßen sich Mehrheitsbeschlüsse wenigstens gegen bedeutende Eeichsstände 
nicht durchführen. 

Der Zusammenschluß der Reichsstände im Reichstag bewährte sich zum ersten- 
mal in den Jahren 1486 und 1487 bei der Ablehnung der vom Kaiser erbetenen Reichs- 
hilfen ; schon damals trat aber die Tendenz zutage, auch positive Erfolge zu erzielen, 
namenthch den Kaiser zur Errichtung eines ständigen Gerichts im Reiche zu zwin- 
gen. Unter Maximilian I. steigerte sich diese Tendenz bis zum Streben, eine gründ- 
liche Reform des Reiches durch die Errichtung einer zentralen Reichsgewalt, die so- 
wohl dem Kaiser wie den Reichsständen übergeordnet sein sollte, zu sichern. Maxi- 
mihan versuchte vergebens, sich dieser ständischen Neuordnung des Reiches, die ihn 
nicht nur an der Verwendung der Kräfte der Reichsstände für seine Hausmachtpolitik 
verhindern, sondern ihm überhaupt jede selbständige auswärtige Pohtik xmmöglich 
machen sollte, zu widersetzen. Gleich auf seinem ersten Reichstage, zu Worms im 
Jahre 1495, mußte er wesentliche Zugeständnisse machen. 

Das bekannteste Gesetz des Wormser Reichstags, der ewige Landfi'iede, bildet die 
Grundlage der geplanten Reichsreform. Indem er das Fehderecht gänzhch aufhebt 

1) Vgl. W. DoMKE, Die Virilstimmen im Reichsfürstenrate von 1495 — 1654 (1882). 

2) Vgl. darüber HVSchr. 1913, S. 35f. 



Die ständische Reichsieform 1486 — 1500 11 

und nicht nur dem einzelnen Bewohner, sondern auch jedem Eeichsstand jede Selbst- 
hilfe verbietet und nur das ordentliche Gerichtsverfahi-en offen läßt, macht er das 
Eeich zu einer Eechtsgemeinschaft, schafft er die Voraussetzungen einer staathchen 
Entwicklung auch für die Gesamtheit. 

Seine Dui-chführung war freilich in erster Linie davon abhängig, daß für eine 
sichere Rechtspflege gesorgt wurde. Zu diesem Zweck zwangen die Stände den König, 
die bisher an seinem Hof ausgeübte höchste Gerichtsbarkeit einem im Reiche, zunächst 
in Frankfurt, ständig tagenden Kammergericht zu übertragen, über dessen Bedeutung 
für die Rechtsentwicklung im Reiche unten (§ 7) im Zusammenhang gehandelt 
werden wird. 

Zur Deckung der Unkosten des Gerichtes und der Maximilian bewilligten Reichs- 
hilfe sollte eine dauernde allgemeine Reichssteuer, ein gemeiner Pfennig, erhoben 
werden. Aber sie wurde von vornherein wegen des Widerstandes der Reichsstände, 
zumal der Reichsstädte, auf vier Jahre beschränkt, und ihre Durchführung glückte 
nicht. Es fehlte dem Reich an eigenen Beamten, die die Steuer hätten erheben kön- 
nen; die Territorien erwiesen sich fast ohne Ausnahme als widerwiUig. An dem Mangel 
einer eigenen Verwaltungsorganisation scheiterte auch das 1500 beschlossene allge- 
meine Volksaufgebot. Deshalb kehrte der Reichstag zuerst 1505, dauernd seit 1521 
zu dem seit dem 15. Jh. üblichen System der Matrikularbeiträge zm-ück. Auch dieses 
hatte freilich schwere Mängel; die Matrikel, die 1521 für den geplanten Romzug 
Karls V. aufgestellt imd dann aus Bequemlichkeit als Grundlage ständig beibehalten 
wurde, war ungenau und vielfach ungerecht, ihre Neuordnung wurde oft versucht, 
aber nie erreicht. i) Erträghch wm-de das für die Reichsstände nur dadurch, daß es 
ständige Beiträge für die Aufgaben des Reiches nicht gab. Nur das Reichskammer- 
gericht wurde aus einer dauernden Steuer der Stände, den sogenannten Kammerzie- 
lern, unterhalten ; denn an ihm als einer vom Kaiser unabhängigen Gerichtsinstanz 
waren die Stände selbst interessiert. 

Ihren Abschluß sollte die Reichsreform bereits 1495 in einer ständigen Reichs- 
regierung, einem „Regiment", finden. Aber Maximilian weigerte sich, die Regierung 
dauernd aus der Hand zu geben. Statt dessen kam es zunächst zu einem Kompromiß, 
der Handhabung Friedens und Rechts. Diese ist ein Vertrag zwischen Maximiüan 
und den Ständen und enthält zweierlei, ein Versprechen des Königs, die beschlossenen 
Ordnungen im Reiche und in seinen Erblanden durchzuführen, und eine entsprechende 
Zusage der Stände, ferner die Verpfhchtung, jährhch einen Reichstag zu halten und 
mindestens einen Monat lang tagen zu lassen. Auf diese Weise dachten die Stände 
ihren Einfluß auf die Durchführung der neuen Reichsgesetze genügend gesichert zu 
haben. Aber der Besuch der vielen langwierigen Reichstage wurde den Ständen sehr 
bald lästig; auch war die Reichstagsverfassung zu schwerfällig, als daß der Reichstag 
die Regierung wii-khch hätte übernehmen können. Deshalb benutzten die Stände 
auf dem Augsburger Reichstag des Jahres 1500 die pohtische Notlage Maximilians, 
um die bereits 1495 vorgeschlagene Regimentsordnung mit wenigen, vor allem den 
Anteil der Fürsten gegenüber den Kurfürsten verstärkenden Änderungen durch- 
zusetzen. 

Nach der Regimentsordnung vom 2. Juli 1500 bestand das Reichsregiment zu Nürnberg 
unter dem Vorsitz Maximilians oder eines von ihm zu ernennenden Stellvertreters aus zwanzig Mit- 
gliedern, und zwar soOte nach bestimmtem Turnus stets ein Kurfürst persönlich anwesend sein, 
während die übrigen durch Räte vertreten wurden. Dazu kamen ein geistlicher und ein weltlicher 
Fürst, die ebenfalls vierteljährlich abgelöst -mirden, je ein Abgeordneter der österreichischen und 
der burgundischen Lande, der Prälaten, der Grafen, zwei Abgeordnete der Reichsstädte und je ein 

1) Vgl. J. Sieber, Zur G. des Reichsmatrikelwesens im ausgehenden MA. (1910). J. Müller, 
Veränderungen im Reichsmatrikelwesen um die Mitte des 16. Jhs. (Z. d. bist. Ver. f. Schwaben, 

Bd. xxni). 



12 F. Härtung: Deutsche Verfassnngsgeschichte vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Vertreter der neu geschaffenen sechs Kreise, in die das Reich, soweit es nicht kurfürstlicher oder 
habsburgischer Besitz war, damals eingeteilt wurde. Diesem Regiment hatte Maximilian die gesamte 
Regierungsgewalt übertragen müssen; was er ohne dessen Zustimmung verfügte, wurde von vorn- 
herein für ungültig erklärt; das Regiment dagegen konnte alle Angelegenheiten des Reiches nach 
innen und außen ohne Zuziehung des Königs erledigen. Für wichtige FäUe war die Mitwirkung 
aller Kurfürsten und der zwölf Fürsten, die abwechselnd am Regiment teilnehmen sollten, vorgesehen; 
auch hatte das Regiment das Recht, einen Reichstag einzuberufen. Maximilian mußte in diesem 
Fall benachrichtigt werden, aber seine Beteiligung an dem Reichstag war nicht erforderlich. 

Damit war also an die Stelle der monarchischen eine ständische Eeichsregierung 
getreten, aber sie war ebenso unzulänglich wie jene und wie die jährhchen Eeichstage 
der Jahre 1496 — 1499. Das Eeichsregiment litt unter der Gleichgültigkeit der grö- 
ßeren Territorien gegenüber dem Eeiche; nicht einmal seine regelmäßige Besetzung 
ließ sich erreichen. Es Utt aber noch mehr unter dem Fehlen jeder realen Macht. Es 
hatte kein Geld, um seine Mitglieder und die des Kammergerichts ausreichend zu be- 
solden; es hatte keine eigenen Beamten, um die ihm übertragenen Aufgaben, die Aus- 
hebung des 400. Mannes und die Wahrung des Landfriedens, auszuführen. Deshalb 
war es auch nach außen hin machtlos ; es konnte nicht einmal Maximilian daran hin- 
dern, eine selbständige auswärtige Pohtik zu treiben. Unter dem Eindruck der Er- 
folglosigkeit aller seiner Bemühungen löste sich das Eegiment zu Anfang des Jahres 
1502 auf. 

Aber wenn auch Maximilian die ständischen Organisationen hatte zu FaU brin- 
gen können, so hatte er doch mit seinen Versuchen einer monarchischen Eeichsreform 
kein Glück. Weder die Gegenorganisationen, die er 1498 im Hofrat und der Hof- 
kanzlei gegen die vom Kurfüi-sten von Mainz geleitete Eeichskanzlei, dann wieder 1501 
und 1502 in einem königlichen Eegiment und Kammergericht gegen das Eeichsregi- 
ment und das Eeichskammergericht schuf, noch die 1505 und von 1510/12 auf Eeichs- 
tagen zu Köln, Augsburg und Trier versuchte Umbildung der ständischen Eeformge- 
danken im habsburgischen und kaiserlichen Interesse hatte Erfolg. Zwar ist es auf 
dem zuerst in Trier, daim in Köln gehaltenen Eeichstage von 1512 zu einer wesentlich 
auf Vorschlägen Maximilians aufgebauten, zunächst auf sechs Jahre berechneten 
Eeichsordnung gekommen. Danach sollten zu den bereits bestehenden sechs Kreisen, 
die 1500 als Grundlage für die Besetzung der Stellen im Eeichsregiment geschaffen 
und 1507 mit dem dauernden Eecht zur Präsentation der Assessoren des Kammerge- 
richts ausgestattet worden waren, vier neue aus den kurfürstlichen und habsburgischen 
Gebieten, die im Eegiment und Kammergericht ihre eigene Vertretung hatten, gebildet 
werden. Für jeden dieser zehn Kreise sollten ein Hauptmann und mehrere Zugeord- 
nete ernannt werden, die die Wahrung des Landfriedens und die Verteidigung nach 
außen zu übernehmen hatten. Aber diese ganze Ordnung blieb unausgeführt. Maxi- 
milian kam über den Sorgen seiner auswärtigen Politik in den Jahren nach 1512 kaum 
dazu, sich um das Eeich zu kümmern, geschweige denn eine monarchische Eeichsre- 
form durchzusetzen. So erscheint der Ausgang seiner Eegierung wenig anders als die 
letzten Jahre Friedrichs III.; zahlreiche Fehden erfüllten das Eeich, der Kaiser und 
die Eeichsgerichtsbarkeit versagten. Nicht durch die kaiserhche Gewalt oder richter- 
lichen Spruch, sondern durch gütliches Abkommen wurde die dem Landfrieden wider- 
sprechende Fehde Sickingens gegen Worms beigelegt, und den Überfall Eeutlingens 
durch den Herzog Ulrich von Württemberg strafte nicht das Eeich, sondern ein freies 
Bündnis von Eeichsständen, der schwäbische Bimd. 

§ 5. Das zweite Eeichsregiment 

Quelle: Außer der bereits S. 2 genannten jüngeren Reilie der Deutschen Reichstagsakten vgl. 
die Berichte des Hans von der Planitz aus dem Reichsregiment in Nürnberg 1521/23, hersg. von 
E. WüLCKER und H. Vikok (1898). 

Literatur: E. F. Wyueken, Die Regimentsordnung von 1521 in ihrem Zusammenhang mit 



Das zweite Reichsregiment 13 

dem Kurverein (FDG. Bd. VIII, 1868). A. Grabner, Zur G. des zweiten Nürnberger Reichsregiments 
1521/23 (1903). A. Teicke, Reichssteuerbestrebungen unter Karl V. bis zxaa Sturze des zweiten 
Nürnberger Reichsregiments (Leipziger Diss. 1910). 

So -wenig also die in den Jahren von 1495 — 1500 geschaffene neue Ordnung des 
Eeiches dauernden Bestand gehabt und unmittelbare Erfolge gezeitigt hat, so gilt sie 
doch mit Eecht als die eigentliche Reichsreform. Denn von ihr ist ein starker Impuls 
ausgegangen ; sie hat die Notwendigkeit einer festen Abgrenzung der Bechte zwischen 
Kaiser und Ständen, das Bedürfnis nach engerem Zusanunenschluß der Stände unter- 
einander erst zum Bewußtsein gebracht, sie hat die Idee der Zusammengehörigkeit 
•der Stände, des ewigen Landfriedens, im Reiche geweckt. So konnten die neuen Be- 
strebungen nach einer Reichsreform, welche die ersten Jahre Karls V. erfüllen, un- 
mittelbar an die Pläne von 1495 und 1500 anknüpfen. Zeitlich und sachlich ist an 
erster Stehe die Wahlkapitulation Karls V. zu nennen. Den Hauptanlaß dieser ersten 
Wahlkapitulation eines deutschen Kaisers bildeten freilich die besonderen Umstände, 
■unter denen die Kaiserwahl stattfand, sowohl die günstige Stellung der Kmrfürsten 
zwischen den beiden Kandidaten, die auf die ihnen vorgelegten Bedingungen eingehen 
mußten, wie auch die gewaltige Hausmacht Karls V., deren Interessen von denen des 
Reichs vielfach abwichen. Deshalb ist auch ein großer Teil der Wahlkapitulation dazu 
bestimmt, den Kaiser an der Verwendung seiner Hausmacht zur Unterdrückung der 
deutschen Libertät zu verhindern, andererseits ihm die Ausnutzung der Kräfte des 
Reiches für die besonderen Aufgaben seiner Erblande zu erschweren. Gegenüber den 
Versuchen der ersten Reichsreform, auch die Erblande des Kaisers und dessen gesamte 
Politik unter die Reichsgesetze zu stellen, bedeuten diese Bestimmungen schon ein ge- 
wisses Zurückweichen der Stände, das für die unaufhaltsam fortschreitende Trennung 
■der kaiserlichen Hausmacht vom , .Reiche" im engeren Sinn bezeichnend ist. Aber für 
dieses „Reich" nimmt die Wahlkapitulation die Forderungen der Reichsreform wieder 
auf; ähnHch wie die Handhabung des Jahres 1495 setzt sie fest, daß der Kaiser das 
Reich nach den Reichsgesetzen regieren, daß er wichtige Beschlüsse nur unter Zustim- 
mung der Stände fassen soll. Und wie die erste Reichsreform gipfelt die Kapitulation 
in der vom Kaiser zugestandenen Errichtung eines Reichsregiments, dem die Ab- 
istellung aller Gebrechen, die Herstellung einer dauerhaften Ordnung im Reiche über- 
tragen wird. 

Mit der Ausführung der in der Wahlkapitulation als erforderlich bezeichneten 
Reichsreform befaßte sich zunächst der Wormser Reichstag des Jahres 1521.^) Er 
■erneuerte die beiden wichtigsten Schöpfungen des Jahres 1495, den ewigen Landfrieden 
und das Kammergericht, mit unerhebhchen Änderungen. Ferner wurde hier das ver- 
heißene Reichsregiment errichtet. Seine Zusammensetzung entsprach ganz der Ord- 
nung von 1500 ; zu den bisherigen Mitgliedern traten bloß zwei Vertreter des Kaisers 
hinzu. Schon darin zeigte sich die im Vergleich zu Maximilian stärkere Stellung 
Karls V. gegenüber den Ständen. Noch deutlicher aber prägte sich die Zurückdräu- 
gung der alten Bestrebungen nach dauernder Umwandlung der kaiserhchen Reichs- 
regierung in eine ständische darin aus, daß das neue Reichsregiment auf die Stellver- 
tretung des Kaisers während seiner Abwesenheit aus dem Reiche beschränkt wurde. 
Praktisch wurde dieser Unterschied zunächst freilich nicht bemerkbar, da der Kaiser 
von 1521 — 1530 nicht in Deutschland weilte. Das Regiment fühlte sich auch durch- 
aus berufen zu einer ständischen Reichsreform im alten Sinne, es trat als Reichsgewalt 
über den Ständen auf. Es unternahm auch ernsthafte Reformversuche, es entwarf 
eine Exekutionsordnung, die nach dem Vorbild der unausgeführten Ordnung von 1512 
•die Wahrung des Landfriedens den Kreisen übertrug, es Ueß eine Münzordnung ab- 
fassen, es erwog eine finanzielle Sicherstellung des Reiches zuerst auf direktem Wege 

1) Die wichtigsten Gesetze finden sich im Auszug bei Zeumer, Quellensammlung', S. 313ff. 



14 F. Härtung: Deutsche VeifasBungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

durch eine Erneuerung des gemeinen Pfennigs, dann auf indirektem Wege durch die 
Errichtung eines Eeichszollwesens, es plante endlich eine dauernde Kriegsverfassung 
des Reiches.*) 

Aber mit allen diesen Projekten hat das zweite Eeichsregiment ebensowenig 
Erfolg gehabt wie das erste. Denn es litt unter dem gleichen Mangel an realer Macht. 
Es konnte sich den Territorien gegenüber nicht durchsetzen, keine der von ihm aufge- 
stellten Ordnungen ist in Kraft getreten. Noch viel weniger war das Regiment im- 
stande, die großen allgemeinen Bewegungen der Zeit, die Erhebung Sickingens und 
der Ritterschaft überhaupt, den Bauernkrieg, endhch die religiöse Bewegung zu mei- 
stern ; auf allen Gebieten mußte es die Herstellung der Ordnung den Territorien über- 
lassen. Damit war der Versuch einer vom Kaiser unabhängigen, über den Territorien 
stehenden Eeichsgewalt endgültig gescheitert. Nachdem das Regiment auf dem 
Reichstage zu Speier 1526 auch die Ordnung der religiösen Frage aus seiner Hand ge- 
geben hatte, war es ganz bedeutungslos; sein Aufhören im Jahre 1530 bei der Rück- 
kehr des Kaisers vollzog sich daher ohne Aufsehen. 

§ 6. Der Ausgang der Eeichsreform auf dem Augsburger Beichstage 

des Jahres 1555 

Quellen: F. Hortledkr, Handlungen und Aussclireiben von Rechtmäßigkeit . . . des teut- 
schen Krieges (2. Ausg. 1645); für den Reichstag von 1555 vgl. außer den S. 2 genannten Briefen und 
Akten zur G. des 16. Jhs. Chr. Lehekmaiw, Acta publica de pace religionis (1631, auch später 
aufgelegt) und V. Ernst, Der Briefwechsel des Herzogs Christoph von Wirtemberg, Bd. III (1902). 

Literatur: F. Härtung, Karl V. und die deutschen Reichsstände von 1546 — 1555 (1910). 
0. A. Hecker, Karls V. Plan zur Gründung eines Reichsbundes (1906). M. RrrTBB, Der Augsburger 
ReUgionsfriede (H.Taschenbuch 1882). G. Wolf, Der Augsburger Rehgionsfriede (1890). 

Die Reformation hat auf den Zusammenbruch der ständisch-zentralistischen 
Reichsreform keinen Einfluß gehabt; sie wirkt vielmehr erst seit dem Jahre 1529 auf 
die Entwicklung der Reichsverfassung ein. Der von der katholischen Mehrheit der 
Reichsstände unterstützte Versuch Karls V., auf dem zweiten Speierer Reichstage die 
evangelische Bewegung unter Aufhebung des ihr günstigen ersten Speierer Reichsab- 
schieds durch ein Reichsgesetz zu unterdrücken, hatte nicht nur zur Folge, daß einige 
evangelische Stände gegen die Verbindhchkeit dieses durch die Mehrheit beschlossenen 
Gesetzes formell protestierten, sondern führte darüber hinaus zu grundsätzlichen Er- 
wägungen über das Wesen und die Grenzen der kaiserlichen Macht. Recht im Gegen- 
satz zu der tatsächlichen Entstehung der deutschen Territorialherrschaft, aber ganz 
im Geiste der ständischen Libertät begannen die Protestanten, die erbliche fürstliche 
Gewalt gegenüber der durch freie Wahl übertragenen kaiserhchen Gewalt auszu- 
spielen. Auf diese Weise glaubten sie die dauernde Gehorsamsverweigerung gegen- 
über dem Kaiser und dem Reichstag, die bald auch auf das Kammergericht ausge- 
dehnt wurde, rechtfertigen zu können. Aber wenn auch dadurch die alte ständische 
Opposition gegen das Kaisertum verschärft und vertieft wurde und sich schließlich 
im schmalkaldischen Bunde förmlich gegen die Reichsgewalt organisierte, so führte 
die Reformation doch zugleich zur Spaltung und damit zur Schwächung der Stände 
gegenüber dem Kaiser. Sie zwang die katholischen Stände zum engen Anschluß an 
den Kaiser, und dadurch wurde es diesem möghch, die Schmalkaldener niederzuwer- 
fen. Aber als der Kaiser auf dem Augsburger Reichstag der Jahre 1547 und 1548 ver- 
suchte, den Sieg über die Protestanten zu einer Stärkung der kaiserhchen Gewalt gegen- 

1) Von diesen Entwürfen sind gedruckt die Exekutionsordnung (Auszug bei Zeumee S. 326ff.) 
und die Münzordnung häufig, z. B. in der Neuen Sammlung der Reichsabschiede Bd. II (1747), 
S. 229 und S. 261, die Zollordnung bei Ranke, Deutsche G. im Zeitalter der Reformation, Bd. VI 
(7. Aufl. 1894), S. 26ff., der Entwurf zur beharrlichen Türkenhilfe bei A. Neukirch, Der niedersächs. 
Kreis und die Kreisverfassung bis 1542 (1909), S. 197 ff. Wegen der Steuerprojekte vgl. die oben 
angeführte Arbeit von Teicke. 



Der AuBgang der Beichsreform. Augsburger Reichstag 1555 15 

Über allen Ständen auszunutzen, da bildete sich sofort die alte geschlossene Grup- 
pierung der Eeichsstände gegenüber dem Kaiser wieder aus, und an ihr scheiterte die 
kaiserliche Keaktion. Die geplante neue Organisation des Eeiches in einem Bund 
mußte unterbleiben; nur vorübergehende Erfolge wie die einmalige Besetzung des 
Kammergerichts und die Erlegung eines Eeichskriegsschatzes konnte der Kaiser er- 
reichen. Auch als sich die Protestanten zu Beginn des Jahres 1552 unter der Führung 
des Kurfürsten Moritz von Sachsen erhoben, bheb der Kaiser allein; aus Furcht vor 
seinen absolutistischen Neigungen ließen ihn die Bundesgenossen von 1546 im Stich, 
keiner ging über eine unsichere Neutralität hinaus. So errangen die protestantischen 
Fürsten den entscheidenden Sieg über Karl V. und seine mittelalterlich-imperialisti- 
schen Ideen. Aber darüber hinaus das Gefüge des Eeiches zu zerstören gelang ihnen 
nicht. Die überwiegende Mehrzahl der Eeichsstände, sowohl der kathohschen wie der 
protestantischen, trat im Gefühl der eigenen Schwäche für die Erhaltung der alten 
Verfassung und des alten Eechtszustandes im Eeiche ein, in denen allein sie eine Ge- 
währ der eigenen Existenz sahen. Schon bei den Verhandlungen, die zum Passauer 
Vertrage vom 2. August 1552 führten, waren sie um einen Ausgleich bemüht, der sie 
sowohl vor dem Druck der kaiserlichen Gewalt wie vor Angriffen der Fürstenpartei 
sichern sollte; zwischen Karl V. und Moritz vermochten sie freilich keine entscheidende 
Eolle zu spielen. Aber nachdem Karl infolge der Niederlage vor Metz das Eeich auf- 
gegeben hatte • — der förmliche Verzicht zog sich noch bis 1556 hinaus — und die Für- 
stenpartei durch den Tod Moritzens und die Niederlage Albrechts von Brandenburg- 
Kulmbach aufgelöst worden war, hatten diese fiiedens- und ruheseligen Stände die 
Entscheidung in ihrer Hand. Sie gaben den Verhandlungen des Augsburger Eeichs- 
tages vom Jahre 1555 ihr Gepräge, sie verschuldeten mit ihrer Tatenscheu auf der einen, 
ihrer Begehrlichkeit auf der andern Seite die vielen Unklarheiten und bewi;ßten Halb- 
heiten des Augsburger Eeichsabschieds vom 25. September 1555^), aber sie haben doch 
mit den beiden Hauptteilen dieses Abschieds, dem Eehgionsfrieden und der Exekutions- 
ordnung, dem Eeiche die dauernde Ordnung verlieben. 

Die Grundlage dieser Ordnung bildet der ewige Landfi'iede vom Jahre 1495 in 
seiner zuletzt 1548 erweiterten Fassung. Denn der Eehgionsfriede bedeutet nichts an- 
deres als die ausdräckhche Ausdehnung des Landfi-iedens auf die religiösen Streitig- 
keiten; auch im Wortlaut lehnt er sich an diesen an. Wie der Land- oder Profan- 
friede den welthchen Besitzstand aller Eeichsstände gegen jede gewalttätige Anfech- 
tung sichert, und alle wirkhchen oder vermeintlichen Ansprüche auf den Eechtsweg 
verweist, so schützt der Eehgionsfriede nicht nur das rehgiöse Bekeimtnis der Eeichs- 
stände und der reichsunmittelbaren Eitterschaft — die mittelbaren Eeichsuntertanen 
blieben auch hier fast ganz unbeachtet — sondern auch deren Besitz an kirchlichen 
Gütern und Eechten, und zwar in dem Umfange, wie er zur Zeit des Passauer Vertrages 
gewesen war. Ein unüberwindlicher Mangel freihch war das Fehlen einer unpartei- 
ischen Instanz zur Schlichtung von Streitigkeiten über die kirchhchen Gerechtsame, 
wie sie für die profanen Dinge im Kammergericht bestand ; das bildete für das folgende 
Jahrhundert eine stetige Quelle von Um'uhe und Zwist. 

Auch die neue Exekutionsordnung-j war bloß eine Ergänzung des Landfriedens. 
Sie betraute mit der Aufsicht über die Erhaltung des Landfinedens, der Unterdrückung 
und Bestrafung aller Friedensbrüche und der Vollstreckung der Urteile des Kammer- 
gerichts die zehn Eeichskreise, die in der 1512 geplanten Gestalt durch die wiederholte 

1) Gedruckt bei Zetjmee, Quellensammlung' Nr. 189, S. 341ff. ; der Religionsfriede auch in den 
Briefen und Akten zur G. des 16. Jhs., Bd. IV (1896), S. 722ff. 

2) Vgl. dazu V. Eenst, Die Entstehung der, Exekutionsordnung von 1555, erster (einziger) 
Teil, die Entstehung der Frankfurter Ordnung von 1554 (Württ. Vierteljahrshefte f. Landeseesch. 
NF., Bd. X, 1901). 



IQ F. Härtung: Dentscbe Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Ausrüstung von Türkenhilfen und durch die Durchführung der Acht gegen Albrecht 
Alcibiades allmählich zu dauernden Organen des Reiches geworden waren. Sie nahm 
damit den Grundgedanken der nicht ausgeführten Ordnungen von 1512 und 1522 wie- 
der auf, aber in vielen Einzelheiten blieb sie in einer für die Entwicklung des Eeiches 
bezeichnenden Weise hinter diesen zurück. Während gemäß den alten Ordnungen die 
Kreishauptleute nach der Analogie des Eeichsregiments über den Kreisständen stehen 
und unmittelbar über Reichstruppen verfügen sollten, wurde jetzt das neu gegründete 
Amt des Kreisobersten durch ausdrückliche Empfehlung dem vornehmsten welthchen 
Kreisstand übertragen, imd die Kreishilfe wurde lediglich auf die in jedem Falle be- 
sonders einzuberufenden Kontingente der Stände gegründet. Noch deuthcher zeigte 
sich die Tendenz, die Stände unter Ausschaltung des Kaisers zu Trägern der Exeku- 
tive im Reich zu machen, bei der Festsetzung des Verfahrens für die Aufbietung aller 
Kreise : bei großen Friedensbrüchen, denen selbst fünf Kreise vereint nicht gewachsen 
zu sein glaubten, sollte der Kurfürst von Mainz einen Deputationstag nach Frankfurt 
berufen, zu dessen Mitgliedern die Kurfürsten, sechs Fürsten, ein Prälat, ein Graf und 
zwei Vertreter der Reichsstädte bestimmt wurden; der Kaiser hatte nur das Recht, 
Kommissare zu schicken. 

Im Vergleich mit den Zielen, welche die reichsständische Reformpartei in den 
Jahren 1495 — 1500 verfolgt hatte, scheint der Augsburger Reichsabschied von 1555 
ein sehr kümmerhches Ergebnis zu sein. Das Reich war arm und schwach wie zuvor ; 
es besaß weder eigene Einkünfte noch ein eigenes Heer, und nur die Kreise, nicht das 
Reich, waren berechtigt, sich einen Kriegsschatz, einen „A^orrat" anzulegen. Deshalb 
war auch die Schwäche des Reiches gegenüber dem Ausland unverändert gebheben; 
immer weiüger war es imstande, seine Grenzgebiete festzuhalten, Italien, die Schweiz, 
die lothringischen Bistümer, die Niederlande machten sich unabhängig oder wurden 
von den Fremden verschluckt. An eine tatkräftige Unterstützung der Deutschen im 
Auslande, der Hanse oder des Schwertordens in Livland, war erst recht nicht zu den- 
ken. Aber auch wenn man nur das Reich deutscher Nation betrachtet, kann man sa- 
gen, daß das Ziel der Reichsreforra, eine feste Eeichsgewalt zu schaffen, überhaupt ver- 
fehlt worden war. Nicht nur die Unterordnung des Kaisertums unter eine Organisa- 
tion der Stände, sondern auch die Unterordnung des einzelnen Reichsstands unter die 
Gesamtheit war gescheitert. Auch war es nicht geglückt, ein leistungsfähiges Organ 
der Stände auszubilden. Seit dem Scheitern des zweiten Reichsregiments hatten sie 
keine andere Vertretung als den Reichstag, aber dieser war, abgesehen von der Um- 
ständlichkeit seiner Beratungsformen, schon dadurch, daß er nicht regelmäßig tagte, 
außerstande, die laufenden Geschäfte der Gesamtheit zu erledigen. Und der religiöse 
Zwiespalt, die Anerkennung des Protestantismus als einer gleichberechtigten Partei, 
machte auch für die Zukunft eine starke Zentralgewalt unmöglich. 

Aber wenn man nicht die Ziele von 1495 mit dem Ergebnis von 1555, sondern die 
Zustände vor 1495 mit denen nach 1555 vergleicht, so muß doch anerkannt werden, 
daß die Verfassungsentwicklung des Reiches in jenen Jahrzehnten Fortschritte ge- 
macht hat. Der Auflösung, der das Reich im 15. Jh. anheimzufallen drohte, ist durch 
die Aufstellung von Grundgesetzen Halt geboten worden. Die Bezeichnung Grund- 
gesetz findet sich zwar erst im Westfähschen Frieden (Instr. Pacis Osnabrug. Art. XVII 
§ 2), die Sache selbst aber ist in der Zeit von 1495 — 1555 entstanden. Es sind die 
iDereits in der Wahlkapitulation Karls V. namentlich genannten Gesetze, die Goldene 
Bulle und der Landfriede, die wir als die ersten Grundgesetze des Reiches bezeichnen 
dürfen ; zu ihnen treten dann die beiden Hauptgesetze des Jahres 1555, der Rehgions- 
friede und die Exekutionsordnung. Diese Friedensordnungen bilden auch den Ersatz für 
die zu Beginn der Reichsreform geplante, aber nicht zustandegekommene Einung der 



Die Behörden des Kaisers und des Reichs 17 

Reichsstände untereinander. Daß die Stände miteinander in Frieden leben und sich 
gegenseitig zu schützen hätten, setzte bereits der ewige Landfriede von 1495 fest; nun 
bestimmte die Exekutionsordnung noch ausdrückhch, daß die VerpfUchtung zum 
Schutze auch gegenüber Angriffen fremder Mächte bestehe, und sicherte jedem vom 
Auslande angegriffenen Eeichsstand, sofern er vor dem Kammergericht Recht nehme, 
die volle Unterstützung der Ivi'eise zu. Der Kaiser blieb freilich auch hier außerhalb 
der ständischen Organisation, sowohl weil er seine eigenen Lande ihr nicht unterstel- 
len wollte und bei der Bedingung der Unterordnung unter das Kammergericht auch 
nicht konnte, als auch weil die Stände fürchteten, daß der Kaiser ihre PfHcht zur 
Unterstützung gegen Landfriedensbrüche für seine Kriege ausnutzen werde. 

Unter die Grundgesetze des Reiches wird der Historiker auch die Wahlkapitu- 
lation rechnen, obwohl sie kein Gesetz im formellen Sinne ist und jeweils nur für die 
Regierungszeit eines Kaisers ausgestellt wurde. Er darf es tun nicht bloß wegen der 
Wichtigkeit der Kapitulationen für die Reichsverfassung, sondern vor allem deswegen, 
weil die erste Kapitulation, die Karls V., die Grundlage aller späteren ist. Bis zum 
Jahre 1690 begnügten sich die Kurfürsten damit, die einzelnen Bestimmungen der 
Entwicklung des Reiches imd den während der Regierungen der verschiedenen Herr- 
scher gemachten Erfahrungen gemäß abzuändern und zu erweitem. Bei der Wahl 
Karls VI. im Jahre 1711 diente nun freihch ein neuer Entwurf, die auf dem Reichstage 
aufgestellte sogenannte beständige Wahlkapitulation^), zum Vorbild; aber auch diese 
fußte auf der Kapitulation Karls V., und an deren Wesen wurde nichts geändert. Das 
Ergebnis der Kaiserwahl von 1519 war un widerruf heb. Seither waren die Rechte des 
Kaisers im Reiche fest umschrieben, der Anspruch der Stände auf Mitwirkung bei 
allein wichtigen Regierungshandlungen anerkannt. Damit war trotz den entgegen- 
stehenden Theorien einzelner Staatsrechtslehrer, von denen hier nur Th. Reinkingk 
mit seinem Tractatus de regimine seculari et ecclesiastico (Basel 1619) genannt sei, der 
Übergang von der plenitudo potestatis, die die Kaiser m'sprünglich besessen hatten, 
zu den iura reservata vollzogen. 

§ 7. Die Behörden des Kaisers und des Keiches 

Literatur: Allgemeines: A. H. Loebl, Beiträge zur G. der kaiserlichen Zentralverwaltung im 
ausgehenden 16. Jh. (MIÖG., Bd. XXVII, 1906). Zur Reichskanzlei: H. Kretschmayr, Das deutsche 
Reichsvizekanzleramt (A. f. österr. G., Bd. 84, 1898). G. Seeugee, Erzkanzler und Reichskanzleien 
(1889), vgl. auch A. Walther, AU., Bd. II (1909). Zum Reichshofrat: J. G. Herchenhahn, G. 
des Reichshofrats (3 Bde., Mannheim 1792/93). Zum Reichskammergericht: R. Smend, Das Kammer- 
gericht (bis jetzt nur Bd. I, G. und Verfassung, 1911). 

Im Zusammenhang mit dem Abschluß des Ringens zwischen dem Kaiser und 
den Ständen steht die endgültige Organisation der Behörden am kaiserhchen Hof, 
denen die Ausübung der dem Kaiser noch zustehenden Rechte im Reiche übertragen 
war, der Reichs(hof)kanzlei und des Reichshofrats; sie ist fast gleichzeitig im Jahre 
1559 erfolgt. In der Reichskanzleiordnung vom 1. Juni 1559 wirkt die mainzische 
Tradition nach, einen diu:ch den Gebührenanteil auch finanziell vorteilhaften Einfluß 
auf die Besetzung der Kanzlei zu erlangen und durch die Beherrschung der Kanzlei 
zugleich die kaiserliche Pohtik, mindestens soweit sie sich auf das Reich bezog und 
durch die Reichskanzlei besorgt werden mußte, zu überwachen. Da die noch von 
Berthold v. Henneberg versuchte persönhche Leitung der Reichskanzlei durch den 
Erzkanzler immer weniger möglich wurde, je seltener der Kaiser im Reich seinen Auf- 
enthalt nahm, lag es nahe, einen Vertrauensmann des Erzkanzlers au den kaiserhchen 
Hof abzuordnen. Schon im Jahre 1519 war es dem Kurfürsten von Mainz einmal ge- 
lungen, die Ernennung eines ständigen Vertreters, eines Vizekanzlers, in seine Hand 

1) Gedruckt bei Zbumer, Quellensammlung" Nr. 205, S. 474ff. 

Gnindri£ der Geschichtswiasenachaft II 4 O 



18 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

ZU bekommen. Dami aber hatte Karl V. den mainzischen Einfluß auf seine Kanzlei 
so gut wie ganz ausgeschaltet. Erst nach dem Siege der Stände über den Kaiser und 
nach dem Passauer Vertrag, der die Abstellung der unter anderm auch die Besetzung 
der Eeichskanzlei mit Ausländem lügenden Gravamina der Stände verhieß, setzte der 
Kurfürst von Mainz seinen Anspruch von neuem durch und erlangte als ein dauerndes 
Recht die Ernennung des Eeichsvizekanzlers ; in der Praxis schwächte sich diese Be- 
fugnis zu einer bloßen Zustimmung zu einem Vorschlag des Kaisers ab. Der Einfluß 
des Reichsvizekanzlers auf die PoUtik der Kaiser hing zum guten Teil natürlich von 
den Persönlichkeiten ab, über die wii' fi'eilich noch nicht viel wissen, war aber bis auf 
Ferdinand II. im allgemeinen recht bedeutend. Seit der im Jahre 1620 erfolgten Er- 
richtung einer besonderen österreichischen Hofkanzlei war jedoch der österreichische 
Hofkanzler ein wichtiger, zeitweise überragender Rival des Reichsvizekanzlers, weil 
die erbländischen Interessen für den Kaiser wichtiger waren als die des Reiches. 

Im Gegensatz zur Reichshofkanzlei ist der Reichshofrat stets eine ausschließlich 
kaiserliche Behörde geblieben. Eine feste Organisation hat er zum erstenmal im Jahre 
1498 im Gegensatz gegen die Bestrebungen der ständischen Reformpartei durch Maxi- 
milian I. erhalten ; aber erst Ferdinand I. hat ihn durch die Ordnung vom 3. April 1559 
zu einer ständigen Reichsbehörde gemacht. Die Ernennung der Reichshofräte blieb 
dauernd dem Kaiser allein vorbehalten ; nur mußten sie Deutsche sein, und seit dem 
Westfähschen Frieden war der Kaiser auch verpflichtet, einige evangehsche Räte an- 
zustellen. Die Zuständigkeit des Reichshof rats erstreckte sich unter Maximihan unter- 
schiedslos auf alle Angelegenheiten des Reiches und der Erblande, seit Ferdinand I. 
fast nur noch auf Reichssachen, zumal auf die Verleihung der Lehen und die Erteilung 
von Privilegien. Die Wichtigkeit des Reichshofrats beruhte aber je länger je mehr auf 
seiner ausgedehnten Gerichtsbarkeit, die er zum Teil, in Lehens- und Privilegien- 
sachen, in Kriminalklagen gegen Reichsunniittelbare mad in den Angelegenheiten der 
kaiserlichen Reservatrechte ausschließlich, im übrigen in Konkurrenz mit dem Kam- 
mergericht ausübte. Bei der völligen Abhängigkeit des Reichshofrats vom Kaiser be- 
saß diese Rechtsprechung über die Lehen der Stände große pohtische Bedeutung, und 
seit dem Donauwörther Handel versuchten die protestantischen Stände, diese kaiser- 
liche Gerichtsbarkeit einzuschränken. Aber mit allen Bestimmungen von Reichsab- 
schieden, der Wahlkapitulationen und des Westfälischen Friedens, daß der Reichshof- 
rat sich nach der Prozeßordnung des Kammergerichts zu richten habe, daß die Reichs- 
hofratsordnung nur mit Zustimmung der Stände erlassen werden dürfe, daß dem 
Kurfürsten von Mainz das Recht zur Visitation zustehe, wurde doch nichts erreicht. 
Der Reichshofrat hing nach wie vor allein vom Kaiser ab, und auch die letzte, bis zum 
Ende des Reiches gültige Reichshofratsordnung vom 16. März 1654^) war vom Kaiser 
ohne Befragung der Reichsstände gegeben worden. 

Die Gerichtsbarkeit des Reichshofrats, die übrigens erst seit den achtziger Jah- 
ren des 16. Jhß. einen nennenswerten Umfang annahm, war ein Rückschlag gegen die 
Tendenz der Reichsreform, die unmittelbare Einwirkung des Kaisers auf die Recht- 
sprechung zu beseitigen und die höchste Gerichtsbarkeit einem wesentUch ständischen 
Reichskammergericht zu übertragen. Denn obwohl das Reichskammergericht im Na- 
men des Kaisers Recht sprach und obwohl der Kaiser den Präsidenten ernannte, war 
es doch ein überwiegend ständisches Gericht. Es war räumlich vom kaiserhchen Hof 
dauernd getrennt, hatte seinen Sitz nach mehrfachem Wechsel von 1527 — 1688 in 
Speier, seit 1693 in Wetzlar. Die Beisitzer wurden ähnlich wie die Räte des Reicha- 
regiments fast ganz von den Ständen ernannt; seit 1507 war das Verfahren der Prä- 

1) Gedruckt in der Neuen Sammlung der Reichsabachiede, Bd. IV, Zugabe S. 44ff.; Auszug 
bei Zeumer, Quellensammlung' Nr. 199, S. 443. 



I 



Die Behörden des Kaisers und des Reichs 19 

sentation, zu der die Kurfüi-sten, die habsburgischen Erblande und die sechs 1500 
errichteten I-ireise berechtigt waren, fest geregelt. Auch bei den Visitationen des 
Kammergerichts gaben die Eeichsstände den Ausschlag. 

Nach der ersten Kammergerichtsordnung, der vom 7. August 1495, war das 
Kammergericht in erster Instanz nur für Eeichsunmittelbare und bei Kechtsverweige- 
rung zuständig ; die Gerichtshoheit der Territorien sollte wenigstens in der ersten In- 
stanz unangetastet bleiben. Die großen welthchen Territorien behielten sich sogar ihre 
Appellationsprivilegien vor. Auch weigerten sich die Fürsten, vor dem Kammergericht 
Recht zu nehmen, und verwiesen auf ihre besonderen Austräge. Wegen des materiellen 
Eechtes wurde festgesetzt, daß die Hälfte der Beisitzer „der recht gelert und gewir- 
diget", d. h. des römischen Rechtes kundig sein müsse und daß das Kammergericht 
,,nach des reichs gemainen rechten", unter denen ebenfalls das römische Recht ver- 
standen wurde, zu urteilen habe. Auf diese Weise ist das römische Recht als gemeines 
deutsches Recht offiziell rezipiert worden ; imd vom Kammergericht aus ist es, ob- 
wohl neben ihm die Geltung der territorialen Ordnungen und Gewohnheitsrechte aus- 
gesprochen worden war, in die Rechtsprechung und die Gesetzgebung der Territorien 
eingedrungen. 

Diese Grundlagen des Kammergerichts sind in den späteren Ordnungen von 
1521, 1548 und 1555, in dem zwar nicht als Gesetz veröffentlichten, aber doch dauernd 
beachteten Entwurf von 1603 und im jüngsten Reichsabschied von 1654 zwar weiter 
entwickelt, aber nicht wesentlich verändert worden. Freihch haben alle diese Bestim- 
mungen auch daran nichts geändert, daß die Umständhchkeit des Verfahrens und die 
Zahl der Prozesse zu der Zahl der Beisitzer in einem Mißverhältnis stand, dem weder 
durch die 1521 erfolgte Einführung einer allmählich bis auf 400 Taler gesteigerten 
Appellationssumme noch durch die Erhöhung der Beisitzerzahl von 16 auf 50 abge- 
holfen wurde. Von Anfang an war das Kammergericht außerstande, alle Prozesse zu 
erledigen, und die Dauer der Prozesse wie die Zahl der überhaupt nicht erledigten Pro- 
zesse wuchs rasch. Besonders schlimm stand es, seitdem gegen das Ende des 16. Jhs. 
unter der Einwii-kung der Verschärfung des rehgiösen Zwiespalts die regelmäßigen 
Visitationen aufhörten und der Brauch aufkam, gegen mißhebige Urteile beim Reichs- 
tag Revision einzulegen. Eine Beseitigung dieser Mängel ist nicht mehr erreicht wor- 
den, und wie so manche Einrichtung des alten Reiches verfiel auch das Kammerge- 
richt dem Spott. Aber über diesen Gebrechen darf die große Bedeutung, die es für die 
Rechtseinheit im Reiche gehabt hat, nicht vergessen werden. Durch seine bloße Exi- 
stenz wie durch die an seine Rechtsprechung anknüpfende territoriale Gesetzgebung 
und wissenschaftliche Literatur hat es für die Einheithchkeit des Zivil- und Prozeß- 
rechts gewirkt, die das alte Reich nicht mehr hatte herstellen können. Dagegen ist die 
Einheitlichkeit des Strafrechts durch ein Reichsgesetz, die peinhche Halsgerichts- 
ordnung Karls V. vom Jahre 1532, geschaffen worden. 

Anhangsweise sei hier wenigstens kurz hingewiesen auf die ausgedehnte Gesetzgebung'), 
die das Reich seit 1495 und besonders lebhaft seit 1555 auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik und 
der Polizei im weitesten Umfang entwickelt hat; genannt seien die nach vielen Anläufen 1559 zu- 
standegekommene Münzordnung, die zahlreichen, in der Regel nicht in die Reichsabscliiede aufge- 
nommenen, daher nur schwer auffindbaren Edikte über die Wollausfuhr und ähnliche Dinge, endlich 
die aus einzelnen Bestimmungen der Reichsabschiede allmählich entstandenen großen Reichspolizei- 
ordnungen von 1530, 1548 und 1577. Freilich mußte sich das Reich auf allen diesen Gebieten mit der 
A\if Stellung von Grundsätzen begnügen; deren Durchführung hing von dem guten Willen der Reichs- 
stände ab. Diese irnd ihre Libertät sind aus dem langen Ringen der Jahre von 1495 — 1555 als die 
eigentlichen Sieger hervorgegangen, und bevor die weitere Ent\vicklung der Reichsverfassung 
betrachtet werden kann, muß daher die Entstehung und Ausbildung der Territorien dargestellt 
werden. 



1) Vgl. dazu F. Fbensdobff, Das Reich und die Hansestadt« (ZSavStRGGA., Bd. XX, 1899). 

2' 



20 F. Hartuug: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Drittes Kapitel: Die Territorien des Mittelalters 

Die wichtigsten Quellen zur Entst<3hungsgesoliichte der Territorien sind die Urkunden und 
die Urbarien; jedoch können die Urkundenbücher, Regestenwerke und Veröffentlichungen von Ur- 
barien wegen ihrer Masse hier nicht aufgezählt werden. An kurzen Zusammenstellungen der wich- 
tigsten Quellen seien genannt: für die Gesamtentwioklung W. Altmann und B. Beenheim, Ausge- 
wählte Urkunden zur Erläuterung der Vfg. Deutschlands im MA., Abschnitt VI, Territorien und 
Städte (4. Aufl. 1909); für Bayern G. v. Leechbnfeld, Die altbayer. landständischen Freibriefe 
mit den Landesfreüieitserklärungen (1853); für Brandenburg W. Altmajtn, Ausgewälilte Urkunden 
zur brandenb.-preuß. Vfg. u. Verwaltungsg. Bd. I (2. Aufl. 1914); für Österreich E. v. Schwind 
u. A. DopsCH, Ausgewählte Urkunden zur Vfg. der deutsch-österreich. Erblande im MA. (1895); für 
Württemberg E. Schneideii, Ausgewählte Urkunden zur württemb. G. (1911). 

Literatur: G. v. Below, Territorium und Stadt (1900); Der deutsche Staat des MA. Bd. I 
(1914; vgl. auch Internat. Monatsschrift f. Wissenschaft, Jahrg. VIII, 1914.') H. Spangenbero, 
Landesherrliche Verwaltung, Feudalismus und Ständetum in den deutschen Territorien des 13. 
bis 15. Jhs. (HZ. Bd. 103, 1909); Vom Lehnstaat zum Ständestaat (1912, mit vielen Literatur- 
angaben). H. WoPFNEK, Landeshoheit und landesherrliche Verwaltung in Brandenburg und 
Österreich (MIÖG., Bd. XXXII, 1911). 

§ 8. Die Anfänge der Territorialbildung 

Da Untersuchungen über die Entstehung der Landesherrlichkeit und Landeshoheit seit langem 
ein behebtes Thema für Dissertationen sind, so ist die Zahl der Arbeiten sehr groß. Ich führe sie 
hier nicht an, sondern verweise auf den Dahlmann-Waitz (8. Aufl. Nr. 2031 ff., 5611ff. u. 6651ff.). 
Hervorgehoben seien nur: J. Beechtold, Die Entwicklung der Laudeshoheit in Deutschland, 

1. (einziger) Teil (bis 1220), 1863. J. Blondel, llltude sur la politique de l'empereur Fr^deric II en 
AUemagne et sur les transformations de la Constitution AUemande (These, Paris 1892). H. Brunnee, 
Das gerichtliche Exemtionsrecht der Babenberger (SBAk. Wien 1864). H. Fehe, Die Entstehung 
der Landeshoheit im Breisgau (1904). A. Hauck, Die Entstehung der geistlichen Territorien (Abh. 
d. Sachs. Ges. d. Wiss., phil.-hist. Kl., Bd. XXVII, 1909). U. Stutz, Das habsburg. Urbar und die 
Anfänge der Landeshoheit (ZSavStRGGA., Bd. XXV, 1904). Femer die neueren Arbeiten von W. FiN- 
KENWIETH, Die Entwicklung der Landeshoheit der Vorfahren des Fürstenhauses Reuß 1122 — 1329 
(1912), G. GOETZ, Niedere Gerichtsherrschaft und Grafengewalt im badisohen Linzgau während 
des ausgehenden MA. (1913) und F. Kienee, Studien zur Vfg. des Territoriums der Bischöfe von 
Straßburg, I: Die Entstehung der Gebietsherrschaft (1912). 

Die zahlreichen Arbeiten, die sich im Laufe der letzten Jahrzehnte mit der Frage 
der Entstehung der Landeshoheit befaßt haben, sind übereinstimmend zu dem Ergeb- 
nis gelangt, daß der Versuch Lampkechts, die Landeshoheit aus der Grundherrlichkeit 
abzuleiten, mit dem wirklichen Verlauf der Dinge nicht zu vereinigen ist. Wenn auch 
geringe Verschiedenheiten in der Auffassung bestehen geblieben sind und wenn auch 
zu betonen ist 2), daß die Entwicklung nicht in allen Territorien gleichmäßig verlaufen 
sein muß und daß die Aufgabe der weiteren Forschung nunmehr sein müßte, den land- 
schafthchen Besonderheiten nachzugehen, so besteht doch darüber kein Zweifel mehr, 
daß die Landeshoheit aus der Gerichtsbarkeit, und zwar in der Eegel aus der hohen 
Grafengerichtsbarkeit entstanden ist. Es ist also zu erklären, wie aus dem Grafen, der 
in der karolingischen Zeit als ernannter Beamter des Königs die Gerichtsbarkeit 
in dessen Namen verwaltet hat (vgl. A. Meister, Grundriß, Bd. II, Abschn, 3, 

2. Aufl., S. 55 f.), ein erblicher Landesherr geworden ist, der in eigenem Namen und zu 
eigenem Nutzen die Gerichtsbarkeit ausübt und sich dazu auch fast alle anderen Eechte 
des Königs angeeignet hat. 

Diese Entwicklung ist bedingt durch den beherrschenden Einfluß, den das Lehns- 
wesen seit dem 9. Jh. erlangt hat. Der Unterschied zwischen dem Amt, d. h. der 
Pflicht zur Ausübung der königlichen Hoheitsrechte, und dem als Lehen übertragenen 
Amtsgut, das die Entschädigung für die Erfüllung dieser Pflicht darstellte, verschwand 
(vgl. Meister, a. a. 0., S. 102 f.); auch das Amt galt als zu Lehen übertragen und 
wurde erblich. Gleichzeitig lösten sich viele alte Grafschaften durch Exemtionen und 

1) Zu dieseru erst während des Druckes erschienenen Buch kann ich hier leider keine 
Stellung mehr nehmen. 

2) Vgl. die Bemerkungen von A. Schulte, MIÖG., Bd. VII (1886), S. 181 und von H. Fehe 
in den Geisteswissenschaften, I. Jahrg. (1913/14), S. 510. 



Anfänge der Territorialbildung 21 

Teilungen auf, andererseits verschmolzen sie auch mit den Besitzungen, die der Graf 
auf Grund anderer Eechtstitel als Eigen oder Lehen innehatte, so entstanden neue 
Grafschaften, die ihre Namen nicht vom Gau, sondern von der Burg des zum Dynasten 
gewordenen Grafen erhielten. Trug so der Lehnscharakter zm- festeren Verbindimg 
zwischen dem Grafen und seiner Grafschaft bei, so beschränkte er andererseits die 
Eechte des Königs in den Grafschaften; wähi-end der König das Becht gehabt hatte, 
sich in die Verwaltung des Amtes einzumischen und z. B. einzelne Bezirke, namenthch 
geisthche, durch Verleihung der Immunität zu eximieren, stand ihm dem Lehen 
gegenüber dieses Becht nicht mein- zu. 

Die Möghehkeit, das Königtum immer mehr von der Verwaltung auszuschheßen, 
andererseits aber immer neue Befugnisse in die eigene Hand zu bekommen und scMieß- 
lich auch die könighchen Begaben zu erlangen, ist den deutschen Fürsten vor allem 
durch die pohtische Schwächung des Königtums gegeben worden, wie sie seit dem 
Livestitm'streit immer wieder eintrat. Natürhch voDzog sich die Entwicklimg nicht 
überall gleichmäßig; die besonderen Verhältnisse z.B., die 1156 zur Giündung des 
Herzogtums Österreich führten, haben auch bewirkt, daß der neue Herzog besonders 
unabhängig gesteht wmrde. Aber die Tendenz zm- Selbständigkeit bestand bei allen 
Fürsten und eiTeichte neue Erfolge, indem dm-ch die Auflösung der Stammesherzog- 
tümer eine steUenweise, z. B. im Bayern und Sachsen Heinrichs des Löwen starke 
Zwischengewalt wegfiel. Es ist sehr bezeichnend, daß gerade um die Zeit des Sturzes 
Heinrichs des Löwen die Umwandlung des älteren, auf dem Grafenamt beruhenden 
Eeichsfürstenstandes in den jüngeren, auf dem Lehnswesen beruhenden zutage tritt. 

Die weitere Ausbildung des Lehens zur Landesherrhchkeit fällt in die ersten 
Jahrzehnte des 13. Jhs., in die Zeit der Kämpfe zwischen den Staufem vmd den Weifen 
um das Königtum und des sich fast unmittelbar anschheßenden Bingens zwischen 
Kaisertum imd Papsttum. Die bekarmtesten Marksteine sind neben dem Eeichsspi-uch 
vom 15. Mai 1216^), der dem Kaiser die Mediatisierung von Keichsfürstentümern 
untersagt und damit das eigene Becht der Beichsfüi-sten an dem ihnen übertragenen 
Eeichsgut festsetzt, die confoederatio cum principibus ecclesiasticis vom 26. Aprü 
1220^) und das statutum in favorem principum vom Mai 1232^). Li diesen Privilegien 
verzichtete der Kaiser auf die freie Verfügung über die Begahen, die ZöUe, die Münze, 
das Becht des Bm-genbaus, in den Fürstentümern. Während bisher der Fürst nur so- 
weit über sie hatte verfügen dürfen, wie er vom Kaiser beauftragt oder ermächtigt 
war, so verpfhchtete sich jetzt der Kaiser, keine neuen Zölle usw. ohne Zustimmung 
der Fürsten zu errichten. Außerdem aber bestätigte er ihnen den freien Genuß aller 
bereits erworbenen Eechte im weitesten Umfang, ja er imterstützte sie auch in ihrer 
Tendenz, diese gegen alle konkun-ierenden Gewalten zu bewahren und möghchst zu 
erweitern, sowohl gegen die Städte -wie gegen die Vögte der geisthchen Fm-stentümer 
und gegen die Zentgrafen, die niederen Bichter, die sich kraft Lehnrechts von den 
Füi-sten ä hnli ch unabhängig zu machen schienen, -nie es diese vom Kaiser geworden 
waren. 

Durch diese reiche Ausstattung mit Bechten und dm-ch den gleichzeitigen Ver- 
zicht des Kaisers auf Einmischung in die fürsthche Verwaltung sind die Fürsten nun 
aus Lehnsträgem zu Landesherm geworden. Die Bezeichnung dominus terrae, die ver- 
einzelt schon gegen das Ende des 12. Jhs. begegnet, whd im statutum in favorem prin- 
cipum auch von Eeichswegen anerkannt. Das ehemahge Amt ist jetzt ein Besitz, über 
den de r Herr nach Beheben verfügen, den er auch teilen kann, was seit der Jlitte des 

1) MG. Constitutiones II Nr. 57, S. TOff.; auch bei Altmaun-Bessheim, 4. Aufl. Nr. 155, 
S. 31 9 ff. und bei Zetjmek, Quellensammlung' Nr. 33. S. 37 f. 

2) MGConst. II Nr. 73, S. 89ff.; Altiia>t,'-B. Nr. 9, S. 21ff. und Zetjmek Nr. 39, S. 42ff. 

3) MGConst. II Nr. 171, S. 211ff.; Altmann-B. Nr. 10, S. 23£f. und ZEUMEKNr. 53, S. 55f. 



22 F. Härtung: Denteche Verfassungageschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

13. Jhs. häufig geschieht. Mit dieser Auffassung des Eechtes am Lande steht auch die 
seit dem Ende des 12. Jhs. aufkommende Bezeichnung der Gerichtsinsassen als Unter- 
tanen in Zusammenhang. 

Freilieh wird darunter niemals die Gesamtheit aller von dem Landesherrn ab- 
hängigen Personen verstanden. Die Landesherrlichkeit des 13. Jhs. bedeutet keines- 
wegs eine allgemeine Hoheit über alle in dem Lande wohnenden Personen, über Unter- 
tanen im Sinne des modernen Staates. Sie ist vielmehr nach der Definition Gierkes^) 
„ein Aggregat ungleichförmiger Rechte über Personen und Gebiete, von denen jedes 
auf einem besonderen Bechtsgrund beruhte". Die Einheit dieser Rechte bestand ledig- 
lich in der Person des Landesherrn. Räumüch war die Landesherrschaft nicht etwa 
abgeschlossen. Der Landesherr besaß in einem oder mehreren Bezirken die hohe Ge- 
richtsbarkeit, mit der an vielen Orten die niedere verbunden war, während diese in 
andern bereits weiter verliehen war; an andern Orten wieder stand ihm nur die niedere, 
nicht die hohe Gerichtsbarkeit zu. Der Grundbesitz und die grundherrhchen Rechte 
konnten innerhalb dieser Gerichtsbezirke liegen, waren aber vielfach weit entlegen. 
Rechnet man dazu noch die vielen andern Gerechtsame wie Lehn-, Geleit-, Pischerei- 
und ähnliche Rechte, die in den verschiedensten Händen sein konnten und auch häufig 
waren ^), so ergibt sich für die Landesherrschaften des 13. Jhs. ein merkwürdiges Durch- 
einander von Rechten, das kartographisch überhaupt nicht dargestellt werden kann, 
dessen begriffliche Erfassung nach Heusleb (Vfg., S. 201) selbst einem juristisch ge- 
übten Bhck schwer fällt, das eben nur historisch erklärt werden kann. Ausschlag- 
gebend aber ist, wie noch eiumal bemerkt sei, die „iurisdictio sive territorium", die allein 
auch einen einigermaßen geschlossenen Bezirk ausmacht. Li dieser Natur der Landes- 
herrüchkeit war zugleich die Aufgabe für die Zukunft vorgezeichnet; es galt, nach 
oben hin vom Reiche möglichst unabhängig zu werden, gegenüber den Nachbarn das 
Gebiet abzurunden und abzuschheßen, nach unten hia die einzelnen Befugnisse zu 
einer allgemeinen Hoheit über alle Insassen des Landes auszugestalten. 

§ 9. Die Landeshoheit 

Literatur: A. Dopsch, Die Bedeutung Albrechts I. für die Ausbildung der Landeshoheit in 
Österreich (BIl. d. Ver. f. Landeskunde von Niederösterreich NF. Bd. XXVII, 1893). R. Fester, 
Markgraf Bernhard I. und die Anfänge des bad. Territorialstaats (1896). R. Fülle, Markgraf 
Wilhelms I. landesherrliche Tätigkeit in der Mark Meißen 1382 — 1406, ein Beitr. z. Entwicklungs- 
geschichte der wettinischen Landeshoheit (Leipziger Diss. 1912). 

Für die weitere Verselbständigung der Territorien gegenüber dem Reiche war 
es natürlich von Vorteil, daß auf die Privilegien von 1232 nach kurzer Anwesenheit des 
Kaisers im Reiche die Zeit des Kampfes zwischen Kaiser und Papst, dann das Inter- 
regnum folgte, ein Menschenalter ohne starke Königsgewalt, das eine Bereicherung der 
Territorien auf Kosten der königUchen Rechte und des Reichsgutes überall erlaubte. 
Durch das Sehwinden der königUchen Bannleihe wurden die Fürsten vollkommen 
Herren ihrer Gerichte. Zwar begann mit Rudolf I. v. Habsburg das deutsche König- 
tum wieder eine selbständige RoUe zu spielen, und Rudolf versuchte auch, das wider- 
rechthch entzogene Reichsgut wieder ans Reich zu bringen ; aber die Territorien bhe- 
ben im wesentlichen unangefochten. Zu sehr war das Königtum auf ihren guten Wil- 
len angewiesen, als daß es ihnen die erworbenen Rechte hätte entziehen können; es 
mußte ihnen sogar immer mehr Rechte hingeben. Das Streben der Fürsten ging nicht 
nur dahüi, finanziell nutzbare Rechte wie die Zölle, das Bergregal, den Judenschutz 
zu erwerben, sondern vor allem dahin, jede unmittelbare Einwirkung des Reiches auf 

1) Genossenschaftsrecht, Bd. I (1868), S. 535; ähnlich v. Below, Z. bergisoh. GVer. Bd. 
XXI (1885), S. 175. 

2) Vgl. die anschauliche Schilderung der Verhältnisse im Breisgau bei O. Redlich, Rudolf 
V. Habsburg (1903), S. 34f. 



Die Landeshoheit 33 

üu'e Untertanen auszuschalten. Durch Privilegien de non evocando wurde die Be- 
fugnis des Königs, Prozesse von den territorialen Gerichten abzufordern und vor sein 
Hofgericht zu ziehen, aufgehoben; durch Privilegien de non appellando wurden viele 
Territorien von der Gerichtsbarkeit des Kelches, von den Fällen der Eechtsverweigerung 
abgesehen, überhaupt ausgenommen. Auch hier ist die Entwicklung natürhch nicht 
in allen Territorien gleichmäßig verlaufen. Nur die Kurfürsten gelangten dm'ch die 
Goldene Bulle (Kap. 9 — -11) in den Besitz aller dieser Rechte; bei den andern Fürsten 
bestand wohl, wie die damals gefälschten österreichischen Privilegien beweisen, die 
Tendenz, eine ähnhche Stellung zu erringen, aber sie erzielten damit nur allmählich 
und teilweise Erfolge, sodaß ihr Verhältnis zum Reiche und namentüch zur Reichs- 
gerichtsbarkeit im einzelnen unendlich verschieden ist. Aber die unbedingte Unter- 
ordnung ihrer Untertanen unter die eigene Gerichtsbarkeit durch Privilegien de non 
evocando erreichten wohl alle gi'ößeren Territorien, die unbeschränkte Appellations- 
freiheit bheb ihnen dagegen versagt. Es bestanden also Unterschiede, aber sie sind 
nicht erhebhch genug, um hier verzeichnet zu werden; im ganzen betrachtet sind die 
Territorien im Laufe des 13. und 14. Jhs. vom Reiche so unabhängig geworden, daß 
sie den Ausbau nach unten ohne jeden Eingriff seitens des Reiches und des Königs voll- 
ziehen konnten. Auch in dieser Periode ist die Erweiterung der territorialen Macht 
gegenüber dem Reiche verbunden mit einer Änderung des Fürstenbegriffs. Die strenge 
lehnrechthche Scheidung vonFüi'sten und Grafen wird für das Reichsrecht bedeutungs- 
los. Den Ausschlag gibt allein die tatsächhche Macht, und wer die entsprechende 
Macht besitzt, läßt sich in den Füi'stenstand erheben. 

Es hegt in der Natm- der LandesherrUchkeit als eines unsystematischen Kom- 
plexes von verschiedenartigen Rechten, daß ihre Ausgestaltung nach außen und nach 
innen nicht getrennt betrachtet werden kann. Es ist ein einheitUcher Gedanke, der 
die Landesherrn etwa von der Mitte des 13. bis gegen das Ende des 14. Jhs. beherrscht 
hat : die Herstellung eines geschlossenen, möghchst abgenmdeten Herrschaftsbezirkes, 
in dem kein anderer selbständiger HeiT Hoheitsrechte ausüben darf. Dieses Ziel wü'd 
auf mannigfache Weise erreicht, teils indem der Landesherr die fi'emden Landesherrn 
in seinem Bereiche zustehenden Rechte wie hohe und niedere Gerichtsbarkeit von 
ihnen erwirbt, teüs indem er bisher unabhängige Dynasten von sich abhängig macht, 
zugleich aber auch dadm'ch, daß weitentfernte Gebiete und der außerhalb des eigenen 
Gerichtssprengeis gelegene Grundbesitz aufgegeben wird. Die Älittel sind teils fi'ied- 
liche gewesen wie Kauf, Tausch, Pfanderwerbung, Heirat und, was namenthch in 
Baj-ern vom Glück auffallend begünstigt worden ist, die Einziehung heimgefaUener 
Lehen, die die Landesherrn ebenso konsequent als ihr Recht beanspruchten, wie sie 
vom deutschen König die Wiederverleihung der Lehen binnen Jahr und Tag forderten ; 
zum guten Teil haben die Landesherrn aber auch Gewalt anwenden müssen, um zum 
Ziele zu kommen. Daraus erklären sich die vielen Kämpfe und Fehden, die der deut- 
schen Geschichte des 18. und 14. Jhs., ja des ausgehenden MA. überhaupt den Stempel 
aufdrücken ; aber je mehr die Forschung in die Entstehungsgeschichte der Territorien 
eindringt, desto mehr lernt sie diese um-uhevolle Zeit verstehen nicht bloß als die Zer- 
setzung des alten Reiches, sondern zugleich als die Entstehung neuer, zukunftsreicher 
Gewalten. 

Je weiter nun diese Entwicklung der Territorien fortschi-eitet, desto schwieriger 
wird es, sie einheitlich zu schildern. Gewiß sind es allgemeine Ursachen, die das Auf- 
kommen der Territorien bestimmt haben; aber in jedem einzelnen Territorium wirken 
besondere Umstände, die Persönhchkeiten der Fürsten, das wechselnde Kjiegsglück, 
die ganz unberechenbaren Schicksale der Famihen, von denen viele im 13. und 14. Jh. 
ganz ausstarben, andere durch Kinderreichtum zur Zersphtterung ihres Besitzes ver- 



y 



24 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhuntlert bis zur Gegenwart 

anlaßt wurden oder verarmten und ihre Unabhängigkeit verloren, wieder andere 
durch Vormundschaftsregierungen in der konsequenten Durchführung ihrer Terri- 
torialpoütik behindert wurden, überhaupt eben der Zufall derart auf die Entwicklung 
ein, daß sie unmöglich auf eine einheitliche Formel gebracht werden karm. Die Bunt- 
scheckigkeit der Territorialkarte des Reichs seit dem 14. Jh. widerstrebt jeder Syste- 
matik. Nur ganz im allgemeinen lassen sich einige gemeinsame Züge der Territorial- 
geschichte angeben : große Territorien haben sich vor allem aus den alten Marken des 
Reiches entwickelt, außer Österreich, auf dessen besondere Verhältnisse bereits hinge- 
wiesen worden ist, aus Brandenburg, Meißen und der Steiermark; Bayern dagegen 
verdankt seinen festen Zusammenhalt der Grundlage des Stammesherzogtums. Die 
kleinen und kleinsten Territorien endhch bis herab zu denen, die überhaupt den Na- 
men Territorien nicht verdienen, finden sich in Franken und Schwaben, den Land- 
schaften, die am längsten im unmittelbaren Besitz des Königtums geblieben waren ; 
infolgedessen hatte sich hier lange Zeit keine große Territorialherrschaft ausbilden 
können, und als das staufische Königtum zusammenbrach, nahmen auch die Inliaber 
der niederen Gerichtsbarkeit hier häufig landesherrliche Rechte in Anspruch. 

Alle diese Unterschiede der territorialen Gestaltung machen aber eine gemein- 
same Betrachtung der Entwicklung nicht unmöglich. Es sind Unterschiede des Grades, 
nicht der Art, und wie alle diese gi-oßen und kleinen Territorien den Nachbarn und dem 
Reiche gegenüber bestrebt waren, sich möghchst abzuschheßen, so beherrschte sie 
auch den Insassen ihres Territoriums gegenüber die gleiche Tendenz, die verschieden- 
artigen Rechte, die ihnen auf Grund verschiedenartiger Rechtstitel zustanden, zu 
einer einheitlichen obrigkeitlichen Gewalt zu verschmelzen und diese auf alle Insassen 
gleichmäßig auszudehnen. Der lehnsabhängige Adel wird zur Anerkeimung der lan- 
desfürstüchen Gerichtsbarkeit gebracht, der freie Adel wird lehnsabhängig oder gar 
ministerial gemacht, das Recht des Burgenbaus behält sich der Landesherr vor, in den 
bereits errichteten Burgen erwirbt er das Öffnungsrecht, die Kirchengüter werden 
durch die Vogtei dem Landesherrn Untertan, die Städte mit einheithchem Recht aus- 
gestattet, einem inländischen Oberhof unterstellt und von jeder Verbindung mit 
Städten und Oberhöfen außerhalb des eigenen Territoriums möglichst losgelöst. Auch 
hier werden friedliche Mittel wie Kauf, Tausch, Erheiratung und Einziehung von heim- 
gefallenen Lehen ebenso angewendet wie Zwang und Rechtsbruch. 

Das Maß der Durchsetzung dieser überall bestehenden Absichten ist natürhch sehr 
verschieden und steht mit dem Maß der territorialen Ausgestaltung nach außen in eng- 
stem Zusammenhang. Die großen Territorien haben die selbständigen kleinen Dyna- 
sten und Städte in ihrem Bereich fast ausnahmslos unter ihre Botmäßigkeit gebracht ; 
in Südwestdeutschland sind umgekehrt diese selbst zu Landesherrn geworden, in mitt- 
leren Territorien nehmen sie vielfach eine Mittelstellung eua wie die Eigenherrn m Jü- 
lich. Auch viele Städte haben lange Zeit zwischen Landsässigkeit imd Reichsunmittel- 
barkeit geschwankt. Zur vollen Geschlossenheit sind im MA. aber nur wenige Territo- 
rien gelangt ; in den meisten gab es mehr oder weniger ausgedehnte, zumal kirchhche 
Bezirke, die ganz unabhängig waren oder nur im Lehnsverhältnis standen oder auch 
wie die Bistümer in Brandenburg und Meißen in ihrer Rechtsstellung umstritten waren. 

Aber diese Ausnahmen vermochten doch die Konsolidierung der Territorien 
nicht zu verhindern. Durch die Abschließung nach außen, die Vereinigung aller Rechte 
im Innern ist in der Zeit bis etwa 1350 überall die Landesherrhchkeit zu einer Landes- 
hoheit geworden. Das Land wird zur Grundlage aller Rechte und Pflichten ; durch die 
Zugehörigkeit zum Lande ist jeder, mag er ursprünglich Vasall oder Ministeriale oder 
Vogteimann gewesen sein, dem Landesherrn untergeordnet. Und wie der Besitz des 
Landes die Quelle der landesherrlichen Hoheit ist, so schließt sich auch das Land als 



Die Verwaltangsorganisation der Territorien 25 

ein Ganzes mit eigenen Gewohnheiten und Rechten gegenüber den andern Territorien 
ab. Die Stammesrechte des früherenMA. werden abgelöst durch die Landrechte. Mit der 
Kodifikation dieser Landrechte, die am frühesten, schon im 13. Jh., iu den besonders 
weit vorgeschiittenen Grenzterritorien, in Österreich und in Westdeutschland, in den 
meisten andern deutschen Ländern (Bayern 1336/46, Berg um 1350) aber erst im zwei- 
ten Drittel des 14. Jhs. erfolgt ist, endet auch äußerhch diese erste Periode der terri- 
torialen Entwicklung. 

§ 10. Die Verwaltungsorganisation 
Literatur: Die gesamte Behördenorganisation behandeln: O. Heekeet, Das landesherrliche 
Beamtentum der Markgrafschaft Baden im MA. (Freiburger Diss. 1910). W. Eadloft, Das landes- 
fürstliche Beamtentum Mecklenburgs im MA. (Kieler Diss. 1910). Für die Zentralverwaltung im 
allgemeinen: G. Seeligek, Das deutsche Hofmeisteramt im späteren MA. (188.5); für einzelne Ter- 
ritorien: H. B. Meyek, Hof- und Zentralvervvaltung der Wettiner 1248 — 1379 (1902). H. Spangen- 
BEKG, Hof- und Zentralverwaltung der Mark Brandenburg im MA. (1908). Für die Finanzverwaltung: 
A. DOPSCH, Beiträge zur G. der Finanzverwaltung Österreichs im 13. Jh. (MIÖG. Bd. XIV und XVIII, 
1893/97). E. LöBE, Die oberste Finanzkontrolle des Königreichs Sachsen in ihrer organischen Ent- 
wicklung von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart (Finanzarchiv Bd. II, 1885). Für die Lo- 
kalverwaltung: A. GÜNDEL, Landesverwaltung und Finanzwesen in der Pflege Groitzsch-Pegau 
von der Mitte des 14. bis zur Mitte des 16. Jhs. (1911). R. Ihde, Amt Schwerin, G. seiner Steuern, 
Abgaben u. Verwaltung bis 1655 (Jbb. Ver. mecklenburg. G., Bd. 77, Beiheft, 1913). A. Köknicke, 
Entstehung und Entwicklung der bergischen Amtsverfassung bis zur Mitte des 14. Jhs. (Bonner 
Diss. 1892). M. Liebegott, Der brandenb. Land vogt bis zum 16. Jh. (1906). V. Pauls, Die holstein. 
Lokalverwaltung im 15. Jh. (Z. d. Ges. f. Schleswig - holstein. G., Bd. 38 und 43, 1908/13). 
A. V. Wretschko, Das Österreich. Marschallamt im MA. (1897). 

Die Verwaltungsorganisation der Territorien vom 13. — 15. Jh. entspricht in 
ihrer Einfachheit den Anfangsstadien der Territorialbildung überhaupt. Der Mittel- 
punkt der gesamten Verwaltung ist der Fürst und sein Hof; imd wie der Begriff des 
Fürsten sich früher ausgebildet hat als der des Landes, so kennt das mittelalterliche 
Territorium ursprüngKch wohl eine Hofverwaltung, nicht aber eine besondere Landes- 
vei-sv-altung. Die Hofverwaltung liegt in den Händen der vier vom Köm'gshofe her 
bekannten Hofbeamten, des Marschalls, Truchseß, Kämmerers und Schenks ; wo diese 
Ämter wie am Königshofe als erbhches Lehen in den Besitz einzelner Famihen gelangt 
waren, wurden die Funktionen meist durch Miuisteriale ausgeübt. In den kleinen Ter- 
ritorien smd sie schwerlieh jemals alle besetzt gewesen; aber auch in den großen Ter- 
ritorien haben der Truchseß, der Kämmerer tmd der Schenk keine Bedeutung für die 
ten-itoriale Vei-waltimg erlangt. Auch der Marschall spielt keine EoUe in der Verwal- 
tung; nur in der Mark Brandenbm-g ist er wenigstens zeitweise, um die Wende des 15. 
und zu Anfang des 16. Jhs., als der Führer des reisigen Gefolges und allgemeiner als 
der Leiter des Kriegswesens der wichtigste Beamte des Hofes gewesen; in Österreich 
und Braunschweig ist er durch die Beaufsichtigung des Lehnsaufgebots in enge Be- 
ziehungen zur Eitterschaft getreten und der Vorsitzende des Lehnsgerichts und des 
Landtags geworden, aber gerade dadurch dem Hofe entfi'emdet worden. Das wichtigste 
Amt der territorialen Verwaltung ist vielmehr das seit der Mitte des 13. Jhs. neu auf- 
kommende Hofmeisteramt geworden. Die Aufgaben des Hofmeisters sind schwer anzu- 
geben, denn zu einer festen Umschreibung seiner Funktionen ist es nirgends gekom- 
men. Er hat eben den Fürsten überall zu vertreten, in der Beaufsichtigung des Hof- 
halts wie in dem Vorsitz im Gericht. 

Wegen der großen im Sprachgebrauch noch heute nachwirkenden Wichtigkeit der fürst- 
lichen „Kammer" sei wenigstens kurz erwähnt, daß sich aus der Kammer, unter der ursprünglich 
vielfach der fürstUche Hof überhaupt verstanden wurde, zwei ganz verschiedene Geschäftszweige 
entwickelt haben, die persönliche Bedienung des Fürsten, die den Kämmerern (Kammerherm) oblag, 
und eine Geldverwaltung, die einem Kammermeister unterstellt war. Aus der letzteren ist dann der 
engere Begriff der Kammer als einer Finanzbehörde entstanden. Es ist aber dabei zu beachten, daß 
die fürstUche Kammerkasse in der Regel nicht die Zentralkasse des Territoriums oder auch nur des 
später sogenannten Kammerstaats bildete, sondern nur für die besonderen persönlichen Eiimahmen 
und Ausgaben des Fürsten etwa im Siime der späteren Schatullen zuständig war. 



26 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Neben der Hofverwaltung finden sich aber schon in den ersten Zeiten der Territo- 
rialbildung Ansätze von Behörden für die Landesverwaltung. Die früheste ist überall 
die Kanzlei ; es bestand natürlich von Anfang an das Bedürfnis nach schriftlicher Auf- 
zeichnung der wichtigsten ßegierungshandlungen, namenthch der Belehnungen. Daß 
die Stellen des „scriptor" oder ,,notarius" zunächst mit Geistlichen besetzt wurden, 
erklärt sich ohne weiteres aus den Bildungsverhältnissen des MA., die sich auch in dem 
Bedeutungswandel des Wortes „clerc" im Französischen und Englischen widerspie- 
geln. Mit der wachsenden Arbeitslast, die mit der Erweiterung der landesherrlichen 
Gewalt gegeben war, wuchs auch die Zahl der in der Kanzlei beschäftigten Personen, 
und seit dem Ende des 13. Jhs. war die Kanzlei in der Eegel eine förmliche Behörde, 
an deren Spitze ein, seit dem 14. Jh. meist als Kanzler bezeichneter Protonotarius 
stand. Dessen Aufgabe ging natürlich über die bloße Leitung und Beaufsichtigung des 
schriftlichen Verkehrs am Hofe, zu dem auch die Anlegung von Registerbüchern, 
Lehensverzeichnissen, Urbarien und dergl. gehörte, weit hinaus. Da er das Siegel ver- 
wahrte und alle Willenserklärungen des Landesherrn in urkundlicher Form auszu- 
fertigen hatte, nahm er an der gesamten Regierung lebhaften Anteil. Zu seinem Ge- 
schäftskreis gehörte auch die Kontrolle des Rechnungswesens. Die laufende Geldver- 
waltung dagegen war bereits früh von der Kanzlei abgezweigt und einer besonderen 
Behörde, derRentei, übertragen worden, deren erster Beamter in der Regel als Land- 
schreiber bezeichnet wird und so im Titel noch den alten Zusammenliang mit der 
Kanzlei andeutet. 

Endlich fällt schon in diese Zeit die Entstehung desjenigen Organes, das sich 
im 16. Jh. zur eigenthchen Regierungsbehörde der Territorien ausgebildet hat, des 
fürstlichen Rates. Ursprünglich war wie im Reiche so auch in den Territorien jeder 
Vasall verpflichtet, seinem Lehnsherrn auf Erfordern seinen Rat zu erteilen; aber 
schon im 13. Jh. erschien diese Verpflichtung als nicht mehr ausreichend, und die Für- 
sten begannen damit, einzelne Persönlichkeiten zu Räten (consiliarii) zu ernennen, die 
ihnen einen besonderen Diensteid zu leisten hatten und für die befristete oder unbe- 
schränkte Dauer ihres Amtes ein bestimmtes Entgelt erhielten. Neben „wesentlichen", 
d. h. ständig am Hofe anwesenden Räten, zu denen natürlich in erster Reihe die Hof- 
beamten gehörten, gab es auch „Räte von Haus aus", d. h. VasaUen, die auf ihren 
Gütern wohnten und nur auf besondere Aufforderung, namentlich dann, wenn der 
Fürst in ihrer Nähe weilte, am Hofe erschienen. Diese Räte von Haus aus stellten eine 
Verbindung dar zwischen dem Landesherrn und dem Lande ; aber sie als Vertreter des 
Landes oder gar bestimmter Bezirke aufzufassen, wie Spangenbeeg geneigt ist^), 
dürfte zu weit gehen. Überhaupt wird man den Einfluß der Stände des Landes auf den 
fürstlichen Rat nicht überschätzen düi'fen. Sie sind wohl bemüht gewesen, auf dessen 
Zusammensetzung bestimmend einzuwirken und alle Fremden von ihm fernzuhalten ; 
aber sie sind damit auf die Dauer nirgends durchgedrungen. Daß die Fürsten bei der 
Wahl ihrer Räte den politisch wichtigsten Stand ihrer Territorien, die Ritterschaft, 
stark berücksichtigten, ist selbstverständlich ; aber Vorschriften über den Kreis ihrer 
Berater Ueßen sie sich nicht machen oder sie umgingen sie wie Albrecht I. von Öster- 
reich, der sich von dem ständischen Rat der Landherrn völlig frei machte und mit 
einem frei ernannten Rat von „Heimlichen", von Männern seines Vertrauens, zu denen 
auch Landfremde gehörten, regierte. Auch darf die Bedeutung des Rates für die Zeit 
vom 13. bis zum Ende des 15. Jhs. nicht übertrieben werden; selbst da, wo von einem 
consilium iuratum gesprochen wird, ist der Rat noch keine Behörde im technischen 

1) Hof- und Zentralverwaltung der Mark Brandenburg S. 31 ff. und S. 69; auch in dem Buche 
„Vom Lehnstaat zum Ständestaat" S. 64. Spangenberg vertritt hier auch die im Text bekämpfte 
Ansicht von dem überwiegend ständischen Charakter des Rates. 



Die Verwaltungsorganisation der Territorien 27 

Sinn mit fest übertragenem Wirkungskreis, sondern er ist die Vereioigung der jeweils 
anwesenden Räte des Landesherrn, berät diesen in den Dingen, nach denen er fragt, 
und führt die ihm jeweils übertragenen Aufgaben aus. 

Diese lockere Organisation hängt mit der geringen Ausbildung der Zentralver- 
waltung imd mit dem Fehlen einer festen Residenz zusammen, und ihr entspricht die 
wenig entwickelte Tätigkeit des mittelalterhchen Territoriums. Wohl finden sich in 
einzelnen Territorien während des 13. Jhs. Ansätze zu einer obrigkeitlichen Ordnung 
des ganzen wirtschafthchen Lebens^), aber im Zusammenhang betrachtet überwiegt doch 
die Regelung einzehier Verhältnisse durch besondere Privilegien bei weitem über diese 
Versuche allgemeiner Ordnungen. Auch lag der Gedanke einer staathchen Leitung 
und Bevormundung des individuellen Lebens dem MA. noch fern; die Aufgabe des 
Territoriums beschränkte sich in der Hauptsache auf die Erhaltung des Landfriedens 
und der Rechtsprechung als der Voraussetzimgen für die gedeihhche Entwicklung des 
Lebens, und das war naturgemäß in erster Reihe die Sache der lokalen Behörden. 
Li ihnen ruht deshalb der Schwerpunkt der mittelalterhchen Verwaltungsorganisation. 

Auf dem Gebiete der Lokalverwaltung ist das mittelalterliche Territorium nach 
zwei Richtungen hin schöpferisch gewesen, in der Schaffung einer neuen Gebietsein- 
teilung imd in der Ausbildung eines nicht auf dem Lehnrecht ruhenden Beamtentums. 
Die neue Einteilung, die an die Stelle der alten, durch vielfältige Exemtionen dm'ch- 
löcherten Grafschafts- und Hundertschaftsteüung trat, knüpfte an die von den Landes- 
herrn erworbenen oder neu gegründeten Burgen an. An der Spitze einer Burg und der 
mit ihrer Bewachung betrauten Burgmannschaft stand ein Burgvogt, der aber nicht 
bloß mihtärischer Befehlshaber war, sondern zugleich mit der Sorge für den Land- 
frieden, d. h. der Handhabimg der PoUzeigewalt, und der Verwaltung der übrigen 
Rechte des Landesherrn, auch der Einkünfte beauftragt war. So entstand eine geo- 
graphisch geschlossene Bezirkseinteüung, in die auch spätere Erwerbungen eingeglie- 
dert wurden; sie hat sich in vielen Gegenden Deutschlands bis ins 19. Jh. gehalten. 
Die Bezeichnungen für den Bezirk und seinen Vorsteher wechseln nach Zeit imd Ort ; 
im 14. Jh. überwiegt aber bereits Amt und Amtmann, ein Beweis für das Zurücktreten 
der militärischen hinter die verwaltende Tätigkeit. In der Regel wurden auch die ur- 
sprünglich vom Amte unabhängigen Beamten der grundherrlichen Verwaltung, die 
Kastner, Kellner usw., dem Amte ein- vmd untergeordnet. Auch die Gerichtsverwal- 
tung, die wenigstens in Altdeutschland lange Zeit den Zusammenhang mit den alten 
Grafschaftsgerichten festhielt, wurde allmähhch mit den Ämtern verbunden, je mehr 
sich die alte Unterscheidung der Gerichte nach Sachen in die nach Personen umwan- 
delte; das niedere Gericht für die nicht privilegierten lüeise wurde entweder dem Amt- 
mann oder einem von ihm abhängigen Richter übertragen. 

Die Vereinigung aller landesherrUchen Rechte in der Hand eines einzigen Beam- 
ten, die für die Lokalverwaltung wenigstens Altdeutschlands bis ins 19. Jh. charakte- 
ristisch gebhebeu ist, war aber nur dadurch mögUeh, daß es in dem kleineren Rahmen 
-der Territorien gelang, die Feudalisierung des Beamtentums, an der das Reich zu- 
grunde gegangen war, hintanzuhalten oder, wo sie begami, rechtzeitig rückgängig zu 
machen. Das Werkzeug war die Ministeriahtät (vgl. Meister, Grundriß, Bd. II, 3. Abt., 
2. Aufl., S. 116ff.) ; sie gab dem Landesherrn das Mittel, ein Amt auf Widerruf zu über- 
tragen und auf diese Weise die Erbhchkeit der Amtsnutzung zu verhindern. Und das 
Vorbüd des s izihschen Beamtenstaates, wie ihn Friedrich II. straff organisiert hatte^), 

1) Vgl. die ZuaanunensteUung in Spanoenbekgs Aufsatz über die landesherrl. Verwaltung, 
HZ. Bd. 103, S. 490 ff. 

2) Das bestreitet H. NiESB, Die Verwaltung des Reichsgutes im 13. Jh. (Innsbruck 1906) 
S. 152f., wie mir scheint nicht ganz mit Recht, aber auch er gibt zu, daß die schärfere Ausbildung 
-des Beamtenwesens erst ins 13. Jh. fällt. Vgl. auch A. Schulte, IVUÖG., Bd. VII (1886), S. 513ff. 



28 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

mag dazu beigetragen haben, daß das deutsche Fürstentum an diesem sich am 
schärfsten in der Absetzbarkeit ausprägenden Amtsbegriff festgehalten hat, auch 
als das Ministerialenverhältnis sich lockerte und schheßüch ganz verschwand. Aller- 
dings handelt es sich zunächst nur um Anfänge moderner Verwaltung. Lange Zeit 
hindurch wirkten noch privatrechtliche Anschauungen stark ein. Das Amt wurde vor 
allem als eine nutzbare Einnahmequelle betrachtet; vielfach wurde es ja auch durch 
Verpfändung übertragen, und die Unsicherheit der rechthchen Stellung des Beamten 
brachte es mit sich, daß er sein Hauptstreben dahin richtete, rasch zu seinem Gelde 
zu kommen. Unredlichkeiten gegenüber dem Landesherrn und Übergriffe gegenüber 
den Amtsuntertanen ereigneten sich umso leichter, als die von den Landesherrn auf 
ihren Eeisen ausgeübte Kontrolle wenig wirksam war. Besondere Zwischenbehörden 
zwischen den Landesherrn und den Ämtern gab es nur in wenigen Territorien, in Bayern 
die Vitztumämter, in Brandenburg die Landvogteien*), in Österreich seit dem 15. Jh. 
die Viertel. Aber trotz allen Mängeln der Amtsverwaltung ist doch der große Fort- 
schritt gegenüber dem Lehnswesen unverkennbar: der Amtmann der deutschen Ter- 
ritorien übt offen tlich-rechthche Funktionen kraft Auftrags aus; mit Eecht nemit 
Schmoller dieses ministeriale Beamtentum „Vorläufer des modernen Beamten- und 
Offizierstandes' ' .') 

§ 11. Die Finanzen 

Literatur: Baden: E. Chkistophel, Die direkten Staatsateuern in Baden bis zum 16. Jh. 
(Preiburger Diss. 1911). Bayern: E. Baasch, Die Steuer im Herzogtum Bayern bis zum ersten land- 
ständischen Freiheitsbrief 1311 (Marburger Diss. 1888). L. Hoffmann, G. der direkten Steuern in 
Bayern bis zum Beginn des 19. Jhs. (1883). Brandenburg-Preußen: G. Schmoller, Die Epochen 
der preußischen Finanzpolitik (in den Umrissen und Untersuchungen). Jühch-Berg: G. v. Below, 
G. der direkten Staatssteuem in Jülich und Berg (Z. berg. GVer. Bd. XXVI, XXVIII u. XXIX, 
1890/93). Pfalz: A. Thoelke, Die Bede in Kurpfalz bis ins 16. Jh. (Freiburger Diss. 1912, auch 
Neue Heidelberger Jbb. Bd. XVII, 1912). Sachsen: J.Fajlke, Bete, Zins und Ungeld im Kurfürsten- 
tum Sachsen bis 1485 (M. d. sächs. Ver. f. Erforschung . . . d. vaterl. G., Bd. XIX, 1860). Württem- 
berg: V. Ernst, Die direkten Steuern in der Grafschaft Wirtemberg (Württ. Jbb. f. Statistik, 1904). 

Wie die Entwicklung der landesherrlichen Gewalt, der Verwaltung und des Be- 
amtentums, so zeigt auch die des territorialen Finanzwesens bereits die Keime moder- 
ner Staatsbildung. Das Finanzsystem entspricht der Zusammensetzimg des Territo- 
riums aus gerichtsherrlichen und grundherrlichen Rechten. Überall spielen die grund- 
herrHchen Einkünfte des Landesherrn, die Erträge des landwirtschaftlichen Betriebs 
der in seinem Besitz befindlichen Güter wie die verschiedenen Abgaben der grund- 
hörigen oder leibeigenen Bauern eine große Bolle im landesherrHchen Hofhalt ; sie wer- 
den zum Teü bis ins 19.|Jh. in Natui-ahen erhoben und in der älteren Zeit unmittelbar 
zur Deckung des Bedarfs des umherziehenden fürsthchen Hofes verwendet. 

Dazu treten dann die öffenthch-rechtlichen Einnahmen des Landesherrn, die 
Erträge der Begaben und Gebühren, die er aus ausdrücklicher Verleihung oder durch 
Usurpation vom Eeich hatte, der Zölle, der Münze, des Salz- und Bergregals, des 
Judenschutzes und endhch der Gerichtsbarkeit und der Kanzlei. Sie alle werden durch- 
aus als Geldquelle betrachtet und rein fiskahsch ohne jede Rücksicht auf die Bedürf- 
nisse des Handels etwa verwaltet. 

Außerdem sind die Untertanen von Anfang an zu gewissen Leistungen für den 
Landesherrn verpflichtet gewesen. Auch diese werden zunächst in natura, durch per- 
sönlichen Dienst im Kriege, im Gericht, dmrch Bau- und Wegefronden, dmrch Stellung 
von Vorspann usw. erfüllt. Aber frühzeitig ist zu ihnen eine Steuerpfhcht hinzuge- 

1) Spangenberg (FBPrG., Bd. XXII, 1909, S. 262f.) denkt hier an bayrische Einflüsse, da 
die Landvogteien erst zur Zeit der wittelsbachischen Herrschaft erwähnt werden und den bajTischen 
Vitztumämtem entsprechen. 

2) G. ScHMOLLEB. Straßburgs Blüte und die volkswirtschaftliche Revolution im 13. Jh. 

(1875) S. 28. 



Die Finanzen der Territorien 29 

kommen; in allen Territorien wird im 13. Jh. eine Steuer, die Bede, erhoben (vgl. 
Meister a. a. 0. S. 131). Aber die starke Ausnutzung dieses Bederechts führt schon 
im 13. Jh. zu einem Rückschlag seitens der Stände; überall müssen die Landes- 
herrn gegen eine einmalige Abfindung oder gegen eine mäßige Jahresabgabe auf 
das Eecht, Beden nach Belieben zu erheben, verzichten. Nur in Ausnahmefällen, wie 
bei der Vermählung einer Tochter, bei Kriegsgefangenschaft oder bei schwerer Lan- 
desnot, über deren Vorhandensein die Stände sich häufig die Entscheidung vorbehal- 
ten, bleibt dem Landesherm das Recht, seine Untertanen um eine Steuer anzugehen. 
Diese Beschränkung des landesherrlichen Besteuerungsrechtes ist für die Ent- 
wicklung der deutschen Territorien verhängnisvoll geworden, hat sie nicht nur ge- 
hemmt, sondern sogar zu einer Rückbildung geführt. Deim der Geldbedarf, der die 
Steigerung der Bedeforderungen und dann die Reaktion der Stände hervorgerufen 
hatte, ließ sich nicht zurückdrängen, ja er nahm sogar zu. Die Ausgaben des Landes- 
herrn wuchsen, nicht nur die privaten wie die für die fürstliche Familie und den Hof- 
halt, sondern auch die öffentlichen für die Verwaltung und zumal für das Heerwesen, 
da infolge des Verfalls des Lehnswesens Kj-iege nur noch mit Hilfe von Söldnern ge- 
führt werden kormten. NamentHch stieg der Bedarf an barem Geld. Die Einnahmen 
dagegen stagnierten, weil die grundherrhchen Abgaben nicht gesteigert und auch nicht 
leicht in Geldabgaben umgewandelt werden koimten, die RegaHen und Gebühren auch 
nicht über ein gewisses Maß zu erhöhen waren und seit der Regulierung der Bede auch 
die Steuerkraft des Landes den Landesherrn verschlossen war. So bUeb zur Deckung 
des wachsenden Bedarfs nur die Ausnutzung des Kredits übrig, aber sie war ein kost- 
spiehges Aushilfsmittel, derm sie mußte meistens mit der Verpfändung einer Einnahme- 
quelle verbunden werden, schmälerte so die Einnahmen dauernd und führte oft ge- 
nug zum dauernden Verlust des Pfandes. Und diese Entwicklung wirkte besonders da- 
durch schädlich, daß sie sich nicht auf die privatrechthchen Einnahmen beschränkte, 
sondern auch nutzbare Hoheitsrechte in starkem Umfang berührte. Die Verpfändung 
und Veräußerung von Hoheitsrechten, namentlich von Gerichten, aber auch von 
Steuern, von Münzstätten, den Ansprüchen auf Frondienste der Untertanen und ähn- 
Hchem geschah fast in allen Territorien des 14. und 15. Jhs. Der Grad der Ausdehnung 
ist natürlich im einzelnen sehr verschieden gewesen; am weitesten ist wohl der deut- 
sche Osten, zumal die Mark Brandenburg in dieser Hinsicht gegangen. Hier ist die alte 
Vogteiverfassung, die der Amtsverfassung im übrigen Deutschland entsprach, durch 
die Exemtion der Ritterschaft dauernd aufgelöst und die ganze Lokalverwaltung pa- 
trimonialisiert worden; das Rittergut als Gerichts- und Polizeibezirk für die ritter- 
schaftlichen Hintersassen ist dem landesherrhchen Amt seither gleichgeordnet. Auf 
diese umfassenden Verpfändungen im Osten mag die im Vergleich zu den altdeutschen 
Gebieten geringere Kulturentwicklung des Koloniallandes eingewirkt haben. Aber die 
viel günstigere Gestaltung der Dinge in Preußen, wo infolge der unpersönlichen Or- 
ganisation des deutschen Ordens eine solche privatrechthche Auffassung und Ver- 
wendung der Hoheitsrechte nicht aufgekommen ist, zeigt doch, daß das ausschlag- 
gebende Moment der Mangel eines festen staatlichen Bewußtseins gewesen ist. Das deut- 
sche Fürstentum des 14. Jhs. hatte vergessen, daß seine Herrschaft aus dem gräfhchen 
Amt herausgewachsen war. Es sah in ihr nur ein Eigentum des eigenen Hauses und 
schaltete damit nach privatrechtlichen Gesichtspunkten. Aus diesem Grunde ist auch 
auf dem alten deutschen Boden die Ausbildung der Territorien durch weitgehende 
Teilungen, durch Verkäufe und Verpfändimgen und durch Schenkungen namentlich 
zugunsten der Kirche aufs schwerste geschädigt worden, sind auch hier nicht nur lan- 
desherrliche Grundstücke, sondern auch die Hoheitsrechte über sie, als ob sie Bestand- 
teile von Grund und Boden gewesen wären, vielfach an Untertanen veräußert worden. 



30 ^- Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Und wenn sich auch einzekie Ausnahmen fmden, so bleibt doch als allgemeine Er- 
scheinung für das 14. Jh. ein Rückgang der landesherrhchen Gewalt; er gab sich nicht 
nur in der Patrimonialisierung der Rechts^iflege, sondern auch in dem Aufhören der 
Bestrebungen nach einheitUcher Ordnung des wirtschaftlichen Lebens in den Territorien 
kund.i) 

§ 12. Die Entstehung der Landstände 

Literatur: Als aUgemeine Darstellung ist vor allem H. Spangbnberg, Vom Lehnstaat zum 
Ständestaat (1912) zu nennen, femer A. Luschin v. Ebbkgebuth, Die Anfänge der Landstände 
(HZ. Bd. 78, 1897). Für einzelne Territorien: G. v. Below, Die landständische Verfassung in Jülich 
und Berg bis zum Jahre 1611 (Z. berg. GVer. Bd. XXI u. XXII, 1885/86). C. Hegel, G. d. meck- 
lenb. Landstände bis 1555 (1856). A. Jäger, G. d. landständischen Verfassung Tirols (2 Bde. bis 
1519; 1881/85). 

Die Schwächung der landesherrhchen Gewalt wurde gesteigert durch die sich 
innerhalb des Landes vollziehende, in dem Unabhängigkeitsdrang des MA. begründete 
Emanzipation von Eitterschaft, Städten und GeistUchkeit. Sie versuchten sich in 
ähnlicher Weise von den Landesherrn frei zu machen, wie diese sich vom Könige frei 
gemacht hatten. Die Ritterschaft ist zum größten Teil aus der Ministeriahtät hervor- 
gegangen. Der altfreie Adel in den Territorien war wenig zahlreich gewesen, die Ivreuz- 
züge hatten ihn in seinem Bestände noch mehr geschwächt, der Rest trat im Laufe des 

13. Jhs. fast ausnahmslos in die Ministeriahtät ein. Sowohl durch diese Verbindung 
mit Freien wie durch die Wichtigkeit ihrer Dienste im Ivriege und in der territorialen 
Verwaltung hob sich aber die Stellung der Ministerialen ; vor der ritterhchen Beschäf- 
tigung verschwand der Makel der unfreien Geburt, so bildete sich in der Ritterschaft 
ein Berufsadel aus, der sich freihch bald wieder als Geburtsstand nach unten abschloß. 
Je mehr sich nun diese Ritterschaft korporativ zusammenschloß, desto lockerer wurde 
ihre Verbindung mit dem früheren Dienstherrn; schon 1237 sind in Österreich und 
Steiermark die ministeriales ducis zu müiisteriales terrae geworden. Und im Laufe des 

14. Jhs. wurden die letzten Reste der Unfreiheit abgestreift; aiich die alten Bezeich- 
nungen verschwanden, der ministerialis wurde zum miles, der Dienstmann zum freien 
Herrn. 

Von Anfang an hat der territoriale Adel einen gewissen Einfluß auf die territo- 
riale Regierung ausgeübt. Schon ein Reichsspruch vom Jahre 1231 bestimmt, daß es 
den Landesherrn nur mit der Zustimmung „meliorum et maiorum terrae" gestattet 
sei, „constitutiones vel nova iura facere".^) Und ähnlich erlaubt das Landfriedens- 
gesetz des Reiches vom Jahre 1287 den Landesherrn nur unter Zuziehung der ,, Land- 
herrn" Änderungen vorzunehmen. Der neue ritterschaftliche Adel ist in diese Rechte 
und Ansprüche des Lehnsadels ohne weiteres eingerückt. Es ist bereits darauf hinge- 
wiesen worden (S. 26), wie er versuchte, den landesherrlichen Rat zu beherrschen. Und 
wenn auch auf diesem Gebiete der Erfolg in der Hauptsache ausblieb, so wuchs doch 
die Bedeutung der Ritterschaft, je mehr infolge der geschickten Benutzung der finan- 
ziellen Verlegenheiten der Landesherrn oder anderer, namentlich kriegerischer Notlagen 
oder von Vormundschaftsregierungen und Thronstreitigkeiten die einzelnen Ritter 
oder die gesamte Ritterschaft die landesherrhchen Gerechtsame, zumal die Gerichts- 
barkeit über die Hantersassen in ihre Hand brachten ; auf diese Weise wurden in vielen 

1) Einzelheiten in dem genannten Aufsatz Spangenbekqs, HZ. Bd. 103, S. 506 ff. 

2) Gedruckt MGConst. II Nr. 305. S. 420; auch bei Altmann-Bernheim, 4. Aufl. Nr. 157, 
S. 321f. und Zeumee, Quellensammlung- Nr. 48, S. 52. Die übliche Auslegung, daß unter den 
nova iura Steuern zu verstehen seien, hat Spangenbbro (Vom Lehnstaat zum Ständestaat, S. 13 
Anm. 2) mit guten Gründen angefochten. Eine befriedigende Erklärung hat er aber nicht zu geben 
vermocht, denn die Übersetzung der iura mit Rechtssatzungen ergibt gegenüber den constitutiones 
nichts Neues. Die Vermutung von H. Rachel (FBPrG. Bd. XXVI, 1913, S. 318), daß mit den nova 
iura neue Zölle gemeint seien, kann ich nicht für zutreffend halten, weil ein Recht zur Einführung 
neuer ZöUe den Landesherm nicht zustand. 



Die Entstehung der Landstände 31 

Territorien die Landesherm von der unmittelbaren Berührung mit der breiten Masse 
der ländlichen Bevölkerung überhaupt abgeschnitten. Dagegen stieg der Einfluß der 
Ritterschaft auf die lokale Verwaltung; viele Ämter gelangten durch Verpfändung in 
die Hand des Adels, auch beanspruchte dieser eine Mitwirkung bei der Ernennung der 
Amtmänner, schloß Fremde von diesen Stellen grundsätzlich aus, zwang den Fürsten, 
sie mit Adligen zu besetzen. Auf diese Weise wurde die Ritterschaft im Laufe des 14. Jhs. 
fast unabhängig von den Landesherm und schuf sich eine selbständige Herrschaft 
auf dem Lande. 

Ganz ähnlich entwickelte sich die Autonomie der Städte. Der Stadtrat (vgl. 
Meistee a. a. 0. S. 152) erwarb allmählich die meisten Rechte, die ursprüngUch dem 
Landesherrn als dem Stadthen-n zugestanden hatten, das Marktrecht, oft auch das 
Münzrecht, das Recht Steuern zu erheben, während der Landesherr auf die Besteue- 
rung des einzelnen Bürgers verzichten mußte, das Recht, Polizeiordnungen zu erlassen. 
Am wichtigsten für das A'erhältnis der Stadt zum Territorium wurde es, daß auch die 
Gerichtsbarkeit, in manchen Städten sogar die hohe Gerichtsbarkeit auf den Stadtrat 
überging. Diu-ch alle diese Rechte wurde der Stadtrat zur alleinigen Obrigkeit über die 
Bürgerschaft wie der Ritter über seine Hintersassen imd stand dem LandesheiTn fast 
unabhängig gegenüber. Und besonders auf dem Gebiete der Wirtschaftspohtik, in der 
einseitig auf den Nutzen der Stadt zugeschnittenen Ordnimg der Stadtwirtschaft (vgl. 
KöTzscHKE, Grundriß, Bd. II, Abt. 1, S. 94 ff.) haben die Städte diese Autonomie 
rücksichtslos ausgenutzt. 

Endhch hat auch die Geistlichkeit sich früh eine SondersteUimg innerhalb der 
Territorien erworben und die Einmischung der laudesherrHchen Beamten in die geist- 
lichen Besitzungen durch Erlangimg von Immunitäts- und Exemtionsprivüegien ver- 
hindert. Aber als die Träger der Wehiwerfassung und der Geldwirtschaft, im Osten 
Deutschlands auch als die lokalen Obrigkeiten sind die Ritterschaft imd die Städte 
überall die ausschlaggebenden Faktoren für die Ausbildung der landständischen Ver- 
fassung geworden, deren Grundlagen eben damals im 14. Jh. dm-ch die Erweiterung 
der Selbständigkeit der Ritter und Städte gelegt worden sind. Dagegen möchte ich 
von dem Vorhandensein eines Ständestaats in dieser Zeit noch nicht sprechen. Es ha- 
ben sich zwar die Elemente des Ständestaats damals gebildet, aber zu einer landstän- 
dischen Verfassung, die nach F. Rachfahls zutreffender Definition^) ein ,, dauerndes 
Verfassungsinstitut zur Vertretung des Landes" darstellt, haben sie sich noch nicht 
zusammengefügt. Wohl schlössen sich schon seit dem Ende des 13. Jhs. in vielen Ter- 
ritorien, am häufigsten in Bayern, die Stände in Einungen zusammen, um sich gemein- 
sam gegen die Steuerforderungen des Landesherrn, gegen Münzverschlechterungen 
oder gegen die Schädigungen durch Thronstreitigkeiten zu schützen. Sie haben sich 
durch ihr energisches Auftreten gegenüber der häufig nur die Interessen des fürsthchen 
Hauses oder einzelner seiner MitgUeder berücksichtigenden Pohtik der Füi'sten viele 
Verdienste um das ganze Land erworben; sie haben überhaupt erst den Begriff des 
Landes als eines Gemeinwesens mit selbständigen Interessen gegenüber dem privat- 
rechthchen Eigentumsbegriff des Füi'stenhauses gefunden. Trotzdem darf man den 
Einfluß, den diese Anfänge der ständischen Bewegung auf die spätere Entwicklung des 
Territorialstaats und der landständischen Verfassung gewonnen haben, nicht allzu 
hoch anschlagen. Es hat sich dauernd fühlbar gemacht, daß die Territorialbildung 
vom Fürstentum, nicht vom Lande und seinen Vertretern ausgegangen ist ; gerade da, 
wo es wie in der Mark Brandenburg lange Zeit an einer starken oder auch nur aUge- 
gemein anerkannten fürstlichen Gewalt fehlte, versagten auch die Stände. Auch in den 

1) In seinem Aufsatz über „Alte und neue Landesvertretung in Deutschland" in Schmollees 
JbGesW., Bd. XXXIII, 1909, S. 92. 



32 F. Härtung: Deutsche VerfassungsgeBcliichte vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Territorien, die wie Bayern sich ruliiger entwickelt haben, ist die Bedeutung der 
Stände mehr negativ als positiv gewesen. Sie haben sich gegen Belastungen und Be- 
nachteiligungen seitens des Fürstentums gewehrt, aber sie haben nichts Neues ge- 
schaffen. Es hat ihnen in der Eegel genügt, wenn sie keine Steuern zu zahlen brauch- 
ten, wenn die Beamten des Landesherrn sich nicht in ihre Gebiete eindrängen durften, 
überhaupt fest verpflichtet wurden, die Freiheiten des Landes zu beachten; auch das 
gelegentUch erlangte Recht zum Widerstände gegen jede Verletzung der Landesfrei- 
heiten durch den Landesherrn geht darüber nicht hinaus. Selbst da, wo die Stände 
höhere Forderungen erhoben xmd durch Bestimmung der fiü'stlichen Räte oder 
sonst Anteil an der Regierung erstrebten, blieb ihr Ziel mehr negativ als positiv. Sie 
wollten den Landesherrn beschränken, ihn an ]\Iaßregeln verhindern, die das eigene 
Lateresse schädigen könnten; deshalb beanspruchten sie, vor dem Abschluß von Bünd- 
nissen und vor der Erklärung von Kriegen gefragt zu werden. An eine ständige Beein- 
flussung der Regierung dachten sie nicht; sie standen durchaus auf dem Boden der 
mittelalterhchen Autonomie. 

Aber das Ständetum litt nicht mu- unter dem Fehlen positiver Ziele. Noch mehr 
wm-de seine Bedeutung dadurch abgeschwächt, daß ihm die innere Geschlossenheit 
abging, die es befähigt hätte, seine Stellung im Lande konsequent weiter zu bauen. 
Der Begriff des Landes als der Gesamtheit aller Stände wurde dem Landesherrn wohl 
gelegentlich entgegen gehalten, aber lebendig empfunden wurde diese Gemeinschaft 
nicht. Die Einungen, die die Stände unter sich abschlössen, brachen immer wieder 
rasch auseinander; jeder Stand fülilte sich eben in erster Reihe berufen, die eigenen 
Literessen zu wahren, fühlte sich mit den Standesgenossen der Nachbarterritorien sehr 
viel enger verbunden als mit den andern Ständen des eigenen Landes. 

So ist das Ständetum in doppelter Weise der Entwicklung der Territorien ge- 
fährlich geworden. Es hat einmal den Gedanken der Autonomie, namentlich die Aus- 
schaltung der landesherrlichen Gerichtsbarkeit übertrieben und damit zuletzt alle 
staatliche Ordnung aufgelöst. Nicht nur für das Reich als Ganzes, sondern auch für 
die einzelnen Territorien ist das ausgehende MA. eine Zeit der Friedlosigkeit. An die 
Stelle eines unbedingten Landfriedens und einer obrigkeithchen Rechtsprechung sind 
vereinbarte und befristete Landfrieden imd ein privates Austragsverfahren getreten, 
und im Fehdewesen war das Recht auf Selbsthilfe ausdrückhch anerkaimt. Auf die 
Auswüchse des Fehdewesens in dem Raubrittertum sei hier bloß hmgewiesen. Und 
zweitens hat der Selbständigkeitsdrang der Stände zu einer Überspannung der Gegen- 
sätze unter ihnen geführt, die schließlich die Einheit der Territorien zu sprengen drohte. 
Um sich gegen die wachsende Geldmacht der Städte zu verteidigen, schlössen sich die 
Ritterschaften ohne alle Rücksicht auf die Landesgrenzen in großen Standesgenossen- 
Bchaften zusammen; imd das gleiche taten die Städte, um ihre Stadtwirtschaft zu be- 
haupten und zu erweitern. Auch den Landesherrn traten diese Standeseinungen oft 
feindselig gegenüber. Das Emungswesen koimte den Territorien auch gefährlich wer- 
den; strebten diese Einungen doch oftmals offen nach vollständiger Lösung aus dem 
Territorialverbande, nach Erringung der Reichsunmittelbarkeit. Aber nicht auf die- 
sem Wege, nicht durch Steigerung der Autonomie der Stände war eine Lösung der 
Konfhkte zu finden, sondern nur dadurch, daß das Fürstentum den Niedergang des 
14. Jlis. überwand und als überragende Gewalt den Adel und die Städte in eine feste 
staathche Ordnung hhiemzwang, daß es das Territorium des MA. zum Territorialstaat 
fortbildete. 



Der Territorialstaat. Begründung der fürstlichen Gewalt 33 

Yiertes Kapitel: Der Territorialstaat 
Yon der Mitte des 15. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts 

Die Quellenpublikationen zur mittelalterlichen Geschichte, die Urkundenbücher und Rege- 
Btenwerke, brechen wegen der Massenhaftigkeit des Stoffes in der Regel schon vor dem Jahre 1500 
ab. Für den Territorialstaat der neueren Zeit sind zwei Gruppen von Quellenveröffentlichungen 
zu nennen: 

1. Zur Behördenorganisation: die freUich weder zuverlässige noch ergiebige, von A. Kern 
veranstaltete Ausgabe der Deutschen Hofordnungen des 16. und 17. Jhs. (2 Teile, 1905/07). Th. Fell- 
ner und H. Kretschmayr, Die Österreich. Zentralverwaltung, 1. Abt. (1498 — 1749; 3 Teile, 1907). 
Für Brandenburg vgl. ALTJLiira, oben S. 1. 

2. Landtagsakten: Baierische Landtagshandlungen 1429 — 1513, hersg. von F. Krenner 
(18 Teile, 1803/05). Brandenburg: Kurmärkische Ständeakten aus der Regierungszeit Kurfürst 
Joachims IL, hersg. von W. Friedensbukg, I. Bd. (1535 — 1550; 1913). Hessische Landtagsakten, 
hersg. von H. Glagau, I. Bd. (1508—1521 ; 1901). Landtagsakten von Jülich-Berg 1400—1610, hersg. 
von G. V. Below (vorläufig 2 Teile bis 1589; 1895/1907). Sachsen: Emestinische Landtagsakten, 
bearb. von C. A. H. Bürkhardt, I. Bd. (1487 — 1532; 1902). Württembergische Landtagsakten, 
1. Reihe bearb. von W. Ohr und E. Kober (bis jetzt ein Band für 1498 — 1515; 1913), 2. Reihe bearb. 
von A. E. Adam (bis jetzt 2 Bde. für 1593—1608; 1910/12). 

Als Quelle kommen ferner in Betracht die staatstheoretischen Schriften, Fürstenspiegol und 
ähnliche. Aus dieser bereits ziemlich stark vertretenen Gattung seien genannt: Melchior v. Osse, 
Testamentum gegen Hertzog Augusto (geschrieben 1555, hersg. von Chr. Thomasius, Halle 1717; 
eine neue Ausgabe ist von 0. A. Hecker zu erwarten). G. Lauterbeck, Regentenbuch (1557). 
V. L. V. Seckendorff, Teutscher Fürstenstaat (1656; oft aufgelegt). Vgl. dazu K. Zielenziobr, 
Die alten deutschen Kameralisten (1914; mit ausführlichen Inhaltsangaben) und F. Fries, Die 
Lehre vom Staat bei den protestantischen Gottesgelehrten Deutschlands und der Niederlande in 
der zweiten Hälfte des 17. Jhs. (Berliner Diss. 1912). 

Literatur: E. Gothein, Die bad. Markgrafschaften im 16. Jh. (1910). F. Rachfahl, Die 
Organisation der Gesamtstaatsverwaltung Schlesiens vor dem Dreißigjährigen Kriege (1894). S. RlEZ- 
ler. Zur Würdigung Herzog Albrechts V. von Bayern und seiner inneren Regierung (Abh.BAk. 
München 1894). M. Spahn, Vfg. und Wirtschaftsgeschichte des Herzogtums Po mm ern 1478 — 1625 
(1896). F. Tezner, Landesfürstliche Verwaltungsrechtspflege in Österreich vom Ausgang des 15. 
bis zum Ausgang des 18. Jhs. (Grünhuts Z. f. d. Privat- u. öffentl. Recht, Bd. XXIV u. XXIX, 
1897 u. 1902). 

§ 13. Die Begründung der fürstlichen Gewalt und die Staatsauffassung 

An Literatur sind außer den allgemeinen Darstellungen und den neueren Biographien von 
einzelnen Fürsten (z. B. E. Brandenburg, Moritz von Sachsen, Bd. I, 1898; G. SIentz, Johann 
Friedrich der Großmütige, 3 Teile, 1903/08) zu nennen: H. Glagau, Anna von Hessen, eine Vor- 
kämpferin landesherrlicher Macht (1899). F. Härtung, Der deutsche Territorialstaat des 16. und 
17. Jhs. nach den fürstlichen Testamenten (DGBD., Bd. XIII, 1912). F. Pkiebatsch, Die deutschen 
Städte im Kampfe mit der Fürstengewalt, Untersuchungen zur G. der Entwicklung der fürstlichen 
Landeshoheit, 1. (einziger) Band 1892. 

Während die Entstehung und Entwickktng der deutschen Territorien im spä- 
teren MA. wenigstens in ihren Hauptzügen noch einheithch betrachtet werden konnte, 
muß für die neuere Zeit darauf von vornhereia verzichtet werden. Ein für allemal sei 
hier auf die große und entscheidende Trennung hingewiesen, die dadiu'ch eingetreten 
ist, daß nicht alle mittelalterhchen Ten-itorien den Fortschritt zum Territorialstaat 
mitgemacht haben. Die kleineren und kleinsten reichsunmittelbaren Herrschaften, die 
große Mehrzahl der Grafen und Herren, die Reichsstädte und die Reichsritterschaft 
sind im allgemeinen in den mittelalterhchen Zuständen stecken gebheben und immer mehr 
verkümmert, bis die Revolutionszeit ihnen gewaltsam ein Ende machte. Sie waren na- 
mentlich im Süden und Südwesten zahlreich und stark genug, um sich der Einordnung 
in die größeren Territorien zu widersetzen, zeigten sich auch, wie die wirtschaftUche 
Blüte der Reichsstädte beweist, noch im 16. Jh. lebenski'äftig, aber sie waren doch zu 
klein, zu ohnmächtig, um auf die Dauer mit der steigenden Entwicklung der modernen 
Staaten Schritt halten zu können. 

Aber auch in den größeren Territorien ist der Gang der Dinge nicht überall gleich- 
mäßig gewesen. Nur selten ist die Grenze zwischen MA. und Neuzeit, zwischen Ter- 
ritorium und Territorialstaat so scharf ausgeprägt wie m der Mark Brandenburg, wo 
die Zollern auf den Trümmern der mittelalterlichen Verfassung ihren neuen Staat er- 

Grnudriß der GeachichtBwisseuschaft II, 4 3 



34 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

richteten. Aber der Unterschied ist doch überall deutlieh. Das MA. war die Zeit der 
Sonderrechte, der Zurückdrängung der Obrigkeit, der Autonomie ; der Territorialstaat 
der Neuzeit suchte demgegenüber dem gemeinen Eeclit, der Obrigkeit Geltung zu ver- 
schaffen, alle autonomen Gewalten sich unterzuordnen. Die treibende Ivraft bei dieser 
Umwälzung war das Fürstentum, im besonderen die großen Fürstenhäuser, die sich 
durch die Selbständigkeit der Ritterschaften und Städte am meisten beengt fühlten. 
Für ihr Streben nach Beherrschung aller kleineren Stände ist es bezeichnend, daß sie 
sowohl 1437 wie 1438 versucht haben, mit der ersehnten Herstellung einer geordneten 
Rechtspflege im Reiche deren Unterordnung unter ibre Gerichtsbarkeit zu erreichen 
(vgl. oben S. 8). Auch in den folgenden Jahrzehnten haben die Fürsten gelegentlich 
Kaiser und Reich für die Durchsetzung ihrer Gewalt gegenüber ihren Untertanen in 
AnsjDruch genommen; es sei an die Bestimmungen über das Recht der Besteuerung 
der Untertanen bei Reichshüfen und an die in den Wahlkapitulationen enthaltenen 
Verbote von unziemhchen Bündnissen der Untertanen gegen die Landesherrn eriimert. 
Aber diese, im 17. Jh. noch einmal aufgenommenen Bemühungen der Fürsten um ein 
Eingreifen des Reiches zugunsten ihrer Macht sind bloß für ihre Tendenzen charakteri- 
stisch ; praktischen Erfolg hatten sie kaum. Der Kaiser hatte kein Interesse daran, die 
Stellung der Fürsten, die ihm gegenüber weitgehende ständische Forderungen erhoben, 
gegen alle Angriffe ihrer Stände zu sichern. Auch fehlte es, wie oben bemerkt, gerade 
in den für die Zukunft der Territorien entscheidenden Jahrzehnten des 15. Jhs. an 
einer starken Reichsgewalt vollständig. Aus eigener Kraft mußten die deutschen Für- 
sten ihre Oberhoheit über die Ritterschaften und Städte durchsetzen. Es gelang ihnen 
erst nach langen und heftigen Kämpfen. Kriege gegen die Städte erfüllten die ganze 
Zeit von 1442 an, wo Kurfürst Friedrich IL von Brandenburg seine Hauptstädte 
Berlin und Cölhi unterworfen und alle seine Städte aus dem Städtebund der Hanse 
gelöst hat, über den gi'oßen Kxieg der Jahre 1449 und 1450 hinaus bis zum Ende des 
Jahrhunderts, bis zur endgültigen Besiegung der märkischen Städte und zu dem Ver- 
such Albrechts IV. von Bayern, der Reichsstadt Regensburg das Schicksal von Donau- 
wörth und Mainz zu bereiten imd sie zur Landstadt zu machen (1488), bis zur Unter- 
werfung von Rostock (1491) und zur großen Braunschweiger Stadtfehde (1492). Es 
waren grimdsätzUche Kämpfe zwischen der fürstUchen Gewalt und dem mittelalter- 
Uchen Gedanken der pohtischen Autonomie der Städte ; dagegen wurde die wirtschaft- 
hche Stellung der Städte nicht angefochten. Nicht überall siegten die Füi'sten ; abge- 
sehen von den süddeutschen Reichsstädten behaupteten auch einzelne norddeutsche 
Fürstenstädte, darunter Braunschweig, bis ins 17. Jh. eine wenn auch bestrittene 
Selbständigkeit. Aber im ganzen betrachtet sind doch die Fürsten Sieger geblieben; 
sie sind miütärisch stärker, sie sind vor allem aber pohtisch überlegen gewesen und 
haben wenigstens in den wichtigsten Kämpfen zusammengehalten, während die Städte 
einander oft engherzig im Stich gelassen haben. 

Wie die Städte, so ist auch der Adel durch die aufstrebende Fürstengewalt im 
15. Jh. gezwungen worden, auf seine politische Unabhängigkeit zu verzichten. Nicht 
nur die Auswüchse, das Unwesen der Raubritter, sind gewaltsam unterdrückt worden, 
sondern der gesamte Adel hat das Fehderecht aufgeben und seinem unbeschränkten, 
oft auch gegen den eigenen Landesherrn benutzten Bündnisrecht entsagen, kurz sich 
der fürstUchen Oberhoheit und deren sichtbarstem Merkmal, der fürstlichen Gerichts- 
barkeit, unterordnen müssen. Auch hier ist das Ergebnis keineswegs einheitUch ge- 
wesen. Während in den meisten Territorien der Adel sich ohne Kampf in den Staat 
fest eingefügt hat, hat in Süd- und Südwestdeutschland, wo die landesherrhche Ge- 
walt von Anfang an schwächer gewesen ist (vgl. S. 24), in Trier, Pfalz, Baden, Würt- 
temberg, Ansbach, die Steigerung der landesherrlichen Ansprüche ledighch dazu ge- 



Der Territorialstaat. Begründung der füretlichen Gewalt 35 

führt, daß der Adel den Zusammenhang mit den Territorien imd jede über das bloße 
Lehnsverhältnis hinausgehende Verpflichtung gegen den Landesherrn bestritt und unter- 
stützt von den Kaisern, die durch freiwiUige Steuern (subsidia charitativa), eine 
von der Bewilligung des Keichstags unabhängige Einnahme, gewormen wurden, sich 
als freie und unmittelbare Reichsritterschaft zusammenschloß. i) 

Da das Verhältnis von Staat und Kirche weiter unten (§ 15) im Zusammenhang besprochen 
werden soll, so muß liier ein kurzer Hinweis darauf genügen, daß die weltlichen Landesherrn um die 
gleiche Zeit wie gegenüber dem Adel und den Städten auch gegenüber der Geistlichkeit ihre Befug- 
nisse, vor allem die Gerichtshoheit und Steuerhoheit wieder durchgesetzt haben. Am weitesten 
drangen auch hier die großen Territorien des Ostens, Österreich, Sachsen und Brandenburg, vor, die 
ihre Bistümer ganz oder so gut wie ganz zur Landsässigkeit herabdrückten; im Süden und Südwesten 
blieben dagegen nicht nur die Bistümer sondern auch eine große Zahl von Abteien reichsunmittelbar. 

Li dem Kampf um die Durchsetzung ihrer Gewalt gegenüber den Städten, dem 
Adel und den Kü'chen haben sich die Fürsten häufig auf das römische Recht und die in 
ihm enthaltene Auffassung vom Staate und den Hoheitsrechten berufen. Aber das 
römische Recht ist schwerhch das Motiv dieser Umbildung der füi'stlichen Stellung ge- 
wesen, sondern nur ein Mittel, ein Yorwand.-) Ausschlaggebend war vielmehr das prak- 
tische Bedürfnis nach möglichst fi-eier imd umfassender Verwendung aller Ki'äfte des 
Landes; die theoretische Begründung der Ansprüche stand erst in zweiter Linie. Der 
politische Ehrgeiz der großen Fürstenhäuser war das Entscheidende bei der ganzen 
Bewegung, und er hörte nicht auf an der Grenze des Landes. Im Gegenteil, gerade 
die kräftigsten Fürsten des 15. Jhs., Friedrich der Siegreiche von der Pfalz, Ludwig 
der Reiche von Bayern -Landshut, Friedrich IL und Albrecht Achilles von Branden- 
burg strebten unablässig danach, ihren Machtbereich über die Nachbarlande auszu- 
dehnen; eine große Anzahl von Fehden und KJriegen ist daraus entstanden. All diese 
Kämpfe haben fi'eihch die Machtverhältnisse der deutschen Territorien nicht mehr we- 
sentUch verändert. Aber wenn sie auch zumeist aus dynastischem Ehrgeiz entstanden 
waren und die Macht der Territorien unmittelbar nicht vermehrten, so sind sie doch für 
die Territorien nicht vergeblich geblieben, denn sie haben mittelbar auf die Staatsbil- 
dung bedeutend eingewirkt. Sie haben einmal zu einer allseitigen Anerkennung des 
Besitzstandes, zu einem Verzicht auf weitere kriegerische Versuche geführt; auf das 
Geschlecht der kühnen Kriegshelden des 15. Jhs. folgten friedhche Fürsten, die von 
Krieg und Fehden nichts wissen wollten, sich statt dessen dem inneren Ausbau ihrer 
Territorien widmeten und die Macht der Djmastie lieber durch günstige Heh-aten und 
durch Ausstattung der jüngeren Brüder und Söhne mit Bistümern förderten. Vor 
allem aber haben diese Kämpfe den deutschen Fürsten die Notwendigkeit einer straffen 
Zusammenhaltung der Hoheitsrechte gelehrt und so den entscheidenden Schritt von 
der privatrechtlichen Auffassung der Herrschaft, die in den letzten Jahrhunderten des 
MA. gegolten hatte, zur öffentlich-rechtlichen Anschauung vorbereitet. Die endgültige 
Übernahme des Begriffes eines unveräußerhchen Hoheitsrechtes in die Regierungs- 
praxis erfolgte gegen das Ende des 15. Jhs. unter dem wesentlichen Einfluß der Juri- 
sten, die bereits zahlreich in den fürstlichen Räten saßen. Die Umwandhmg beschränkt 
sich lücht etwa auf einzelne Befugnisse, sondern sie erfaßt die Gesamtheit der fürst- 

1) Die Geschichte der Reichsritterschaft kann hier nicht behandelt werden. Hauptwerk ist noch 
immer K. H. Roth v. Schrkckenstein, G. der ehemahgen freien Reichsritterschaft (2 Bde., 1859/71) 
Die neueren Arbeiten behandeln namentUch die Anfänge und das Ende. Genannt seien: O. Eberbach, 
Die deutsche Reichsritterschaft in ihrer staatsrechtlich-politischen Entwicklung bis 1495 (191.3), 
R. Fellnee, Die fränkische Ritterschaft von 1495 — 1524 (1905); G. Weickek, Die Haltung Kur 
Sachsens im Streite um die unmittelbare Reichsritterschaft (1906, mit statistischem Anhang) 
H. Müller, Der letzte Kampf der Reichsritterschaft um ihre Selbständigkeit, 1790^ — 1815 (1910) 
Eine knappe tjbersicht bietet F. Schnepp, Die Reichsritterschaft (DGbll., Bd. XIV, 1913). 

2) Vgl. G. V. Below, Die Ursachen der Rezeption des römischen Rechts in Deutschland 
(1906), S. 54ff. gegen P. Laband, Die Bedeutung der Rezeption des römischen Rechts für das deut- 
sche Staatsrecht (Straßburger Univ. -Rede, 1880). 



36 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

liehen Rechte; diese werden als eine einheitliche obrigkeitliche Gewalt, als Staatsge- 
walt, empfunden und durchgesetzt. Dieser Staatsgewalt gegenüber ist jeder, sowohl 
die einzelne Stadt wie der adlige Vasall Untertan und zum Gehorsam verpflichtet; nie- 
mand hat, das wird in den letzten großen Kämpfen zwischen Fürstentum und Ständen 
in Bayern, Brandenburg und Mecklenburg zwischen 1488 und 1492 dmchgesetzt, das 
Recht, sich mit Berufung auf besondere Rechte und Freiheiten den allgemeinen Auf- 
gaben zu entziehen. 

Der Staatsgedanke ist das Neue, das im 15. Jh. allmählich aufkommt und das 
Wesen der alten fürstlichen Regierung umgestaltet, das uns berechtigt, vom Territo- 
rialstaat zu sprechen. Wohl wurde die Staatsauffassung noch durch Nachwirkungen 
der älteren Zeit beeinträchtigt ; am deutlichsten lebte die alte patrimoniale Anschauung 
in den Landesteilungen nach. Die Regierungsnachfolge galt noch nicht als eine staat- 
liche Thronfolge, zu der nur einer berufen sein kann, sondern noch durchaus als private 
Erbfolge, an der allen Söhnen des Fürsten ein gleiches Recht zugestanden wurde; sie 
führte daher, sobald mehrere Erben vorhanden waren, in der Regel sofort oder nach 
dem Scheitern von gemeinschaftlichen Regierungen zur Landesteilung. Nur in wenigen 
Staaten ist die für die Kurlande bereits durch die Goldene Bulle angeordnete Unteil- 
barkeit oder wenigstens eine Beschränkung der Teilbarkeit schon vor 1500 durch 
Hausgesetze festgelegt worden, in Baden bereits 1380, in den hohenzoUernschen Lan- 
den durch die Dispositio Achillea^) 1473, in Württemberg 1482, im albertinischen 
Sachsen 1499; ihnen ist 1506 Bayern gefolgt. Diese Bestimmungen waren aber noch 
verfrüht; sie blieben nicht nur vereinzelt, sondern sie wurden auch in allen Territorien 
mit Erfolg angefochten. Erst gegen das Ende des 16. Jhs. ist die Primogeniturthron- 
folge in Bayern (1578) und in Brandenburg (Hausvertrag von Gera 1598, bestätigt 
1603) endgültig angenommen worden. Im 17. Jh. sLad daim die Schäden der fortge- 
setzten Landesteilungen so deutlich geworden, daß die meisten Füi'stenhäuser die Un- 
teilbarkeit und die Primogeniturfolge eingeführt haben (1621 Österreich, nachdem die 
steirische Linie, die für ihr Gebiet schon 1584 zur Unteilbarkeit übergegangen war, 
zur Regierung gelangt war, 1652 Sachsen, albertiiüsche Linie, Bestätigung der gleich- 
zeitig verletzten Bestimmung von 1499, 1680 Hannover) ; eine Reihe von Kleinstaaten 
hat mit dieser Festsetzung freilich bis ins 18. Jli., Sachsen-Meiningen sogar bis 
1802 gewartet.2) 

Trotzdem ist der' Fortschritt in der Staatsauf fassung schon im 15. und 16. Jh. 
unverkennbar. Die Hen-schaft wird nicht mehr als ein i>rivatrechthcher Besitz ange- 
sehen, sondern als ein von Gott übertragenes Amt, das Pflichten auferlegt. Das war 
freihch schon früher aus der Bibel, die (Weisheit Salomonis 6, 5) die Fürsten als Gottes 
Amtleute bezeichnet, gefolgert und gelegentlich auch von den Fürsten selbst aner- 
kaimt worden'); aber erst jetzt übt diese Anschauung einen Einfluß auf die Regie- 
rungstätigkeit aus. Die Fürsten selbst empfinden, während sie üire Rechte steigern, 

1) Zur hohenzoUernschen Hausgesetzgebung vgl. jetzt vor allem V. Meyee, Zur Entwicklung 
der Hausverfassung der hohenzollerischen Burggrafen von Nürnberg und ersten Markgrafen von 
Brandenburg (Königsberger Diss. 1911). 

2) Wegen der Einzelheiten vgl. H. Schulze, Das Recht der Erstgeburt in den deutschen 
Fürstenliäusern (1851). 

3) Am bekanntesten ist die Äußerung des Kurfürsten Friedrich I. von Brandenburg, daß er 
Gottes schlichter Amtmann am Fürstentum sei. Aber die betreffende Urkunde (für das Karthäuser- 
kloster zu Frankfurt, vom 7. Nov. 1420, bei A. F. Riedel, Cod. dipl. Brandenburg., Abt. 1, Bd. XX, 
S. 18 ff.) ist so erfüllt von biblischen Zitaten, daß ich sie eher für ein Erzeugnis des KJosters als der 
f ürsthchen Kanzlei halten, keinesfalls aber als ein Zeugnis für den Geist des weltlichen Fürstentums 
ansehen möcht«. Auch die Urkunde der Herzöge von Lüneburg vom Jahre 1392 (bei Sttdekdokf, 
Üb. z. G. der Herzöge von Braunschweig u. Lüneburg, Bd. VII, S. 96 f.), daß Gott die Fürsten darum 
über andere gesetzt habe, damit sie die Guten in Frieden halten imd in ihren Rechten schützen, 
spricht nach ihrem ganzen Inhalt und ihrer Entstehungsgeschichte mehr eine Forderung der Stände 
als die Überzeugung der F'ürsten aus. 



Landes- und Polizeiordnungen 37 

zugleich immer stärker ihre Pflicht, „gemeines landes nutz und notdurft" zu fördern; 
und weim sie einmal ihre Pflichten vernachlässigen, so -sverden sie wohl von ihren 
Landständen oder auch ihren Eäten an ihre „Schuldigkeit" erinnert, Friede, Eecht 
und Gerechtigkeit zu erhalten. i) 

Eine besondere Vertiefung hat dieser Gedanke des fürstlichen Amtes durch die 
Reformation erfahren und zwar nicht allein bei den Protestanten, sondern auch bei den 
KathoHken; die Steigerung des religiösen Lebens, des Gefühls der Verantwortüchkeit 
gegenüber Gott, die Anerkennung des sitthchen Wertes der weltlichen Berufsarbeit, 
vor allem aber die Verantwortxmg für das Seelenheil der Untertanen, welche die pro- 
testantischen Fürsten mit dem Ivirchem-egiment unmittelbar, die katholischen mittel- 
bar mit ihren Bemühungen um die Erhaltung und Wiederbelebung ihrer Kirche über- 
nommen hatten, das alles hat dazu beigetragen, das Pflichtbewußtsein der Fürsten zu 
verstärken. Ohne Unterschied des Glaubens haben die deutschen Fürsten des 16. und 
17. Jhs. ihre Regierung aufgefaßt als ein von Gott übertragenes Amt, das sie in seinem 
Namen und zu seiner Ehre zu führen hätten ; in der Beförderung der zeitÜchen und 
ewigen Wohlfahrt der ihnen von Gott anvertrauten Untertanen, nicht im Glanz der 
Dynastie haben sie das höchste Ziel ihi'er Tätigkeit gesehen. 

§ 14. Die Landes- und Polizeiordnungen 

Die (Gesetzgebung der deutschen Temtorialstaaten während des 15. und 16. Jhs., soweit 
sie nicht rechtlichen Inhalts ist, ist bisher kaum gewürdigt worden. Einige Bemerkiingen über sie 
finden sich bei M. RriTEK, Deutsche G. im Zeitalter der Gegenreformation und des Dreißigjährigen 
Krieges, Bd. I (1889), S. 40f. und bei G. Schmollek, Zur G. der na,tionalökonomischen Ansichten 
in Deutschland während der Reformationsperiode, Z. f. d. ges. Staatswissenschaft, Bd. XVI (1860), 
S. 461ff., bes. S. 514ff. u. 535 ff.; dagegen berücksichtigt der Artikel „Landesordnungen und Land- 
handfesten" von MoTLOCH (Österreich. Staatswörterbuch lU', 1907, S. 331 ff. ) nur die Rechts- 
satzvingen. Dieser Stand der Forschung erklärt es, daß keine neuere allgemeine Sammlung vorliegt; 
die folgenden Angaben machen daher auf Vollständigkeit keinen Anspruch, sondern wollen nur auf 
ein bisher nicht genügend bearbeitetes Gebiet hinweisen. 

Sehr viel Material steckt in den Landtagsakten. Die Landesordnungen selbst sind meist 
gleichzeitig gedruckt worden; sie auch nur einigermaßen vollständig aufzuzählen, ist hier nicht 
möglich. Für Baden: R. Carleb.ich, Bad. Rechtsgeschichte (2 Bde., 1906/09). Für Bayern: 
Krexnek, Landtagshandlungen. Für Hannover: Die churbraunschweig-lüneburg. Landesord- 
nungen und Gesetze (für Celle, 5 Bde., Lüneburg 1741/45), Desgl. für Calenberg und Grubenhagen, 
hersg. von F. VViluch (3 Bde., 1780/1801). Für Hessen: C. Kxetnschmidt, Sammlung fürstlich 
hessischer Landesordnungen und Ausschreiben (8 Bde., 1776/1816) und A. Schmidt, Gerichtsord- 
nungen und Reformationen der Landgrafen Wilhelm 11. und Wilhelm III., A. hess. G., KF., Bd. VU 
(1910). Für Österreich: F. v. Kroses, Die landesfürstHchen und landschafthchen Patente der 
Herrscherzeit Maximilians I. und Ferdinands I. (149.3 — -1564) mit bes. Rücksicht auf die Steiermark 
als Quelle der inneren G. (Regesten; Beitr. z. Kunde Steiermark. GqueUen, Bd. XVIII u. XIX, 
1882/83). Für Sachsen: Codex Augusteus oder Xeuvermehrtes Corpus iuris Saxonici, hersg. von 
J. C. LüiaG (Dresden 1724; mit Fortsetzungen seit 1772). Für Württemberg; Reyschek (oben S. 2) 
Bd. XIL 

Für die Rechtsordnungen ist unentbehrlich 0. Stobbe, G. der deutschen Rechtsquellen, 
Bd. II (1864); vgl. femer H. Schletter, Die Constitutionen Kurfürst Augusts von Sachsen von 
1572 (1857). Die wichtigsten alten Ordnungen sind abgedruckt bei A. Säur, Fasciculus judiciarii 
ordinis singularis (Frankfurt 1588). 

Zur Wirtschaftspolitik: G. v. Below, Der Untergang der mittelalterlichen Stadtwirtschaft 
(über den Begriff der Territorialwirtschaft), JbbXSt., Bd. 76 (1901). K. Bücher, Die Entstehung 
der Volkswirtschaft (1893; 9. .Aufl. 1914). G. Schmollee, Das Merkantilsystem in seiner historischen 
Bedeutung, städtische, territoriale und staatliche Wirtschaftspolitik (JbGes\'V., Bd. VTII, 1884; 
auch Umrisse und Untersuchungen). J. Schtjltze, Zur Getreidepolitik in Hessen unter Landgraf 
Philipp 1518—1567 (VSozWG., Bd. XI, 1913). 

Der neue Staatsgedanke bewirkte durch seinen doppelten Lihalt, durch die Stei- 
gerung der fürsthchen Rechte wie durch die stärkere Betonung der fürsthchen PfUch- 

1) Hinweise der Räte auf die ,, Schuldigkeit" der Fürsten finden sich z. B. in Bayern-Landshut 
im Jahre 1501 (bei Krennek, Landtagshandlungen, Bd. XIII, S. 193f.), in Ansbach- Kuknbach im 
Jahre 1531 (bei K. H. Laxo, Xeuere G. des Fürstentums Baireuth, Bd. II. 1801, S. 61 [2. Ausg. von 
A. Bayer, 1911, Bd. I, S. 183]), in Bayern im Jahre 1557 (in den Abh.BAk. München, Bd. XXI. 
1898, S. 114ff.). 



38 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeecliichte vom 15, Jabrliundert bis zur Gegenwart 

ten eine Umgestaltung des gesamten staatlichen Lebens, die sich äußerlich in der Wie- 
deraufnahme der seit der Mitte des 14. Jhs. ganz ins Stocken geratenen landesherr- 
lichen Gesetzgebung kundgab. Die territorialen Gesetze seit dem Ende des 15. Jhs. 
stehen zum TeU unter dem Einfluß der gleichzeitigen Eeichsgesetze, aber viele sind 
auch ganz unabhängig von ihnen gebheben, ja manche Eeichsgesetze, namentlich 
eines der bekanntesten, die Halsgerichtsordnung des Jahres 1532, sind von den Terri- 
torien auf das Eeich übergegangen. Die Eeichs- und die Landesgesetzgebung haben eben 
eine gemeinsame Grundlage, das Streben der oft genug mit den mannigfaltigen Landes- 
gewohnheiten nicht vertrauten Juristen, allgemein gültige Ordnungen zu schaffen. 
Der Wunsch nach fest bestimmten, schrifthch aufgezeichneten Ordnungen wurde zum 
Teil auch von der Bevölkerung vertreten und fand in den Landtagsakten seinen Wider- 
hall; aber zum guten Teil richtete sich die Gesetzgebung auch gegen die von den Stän- 
den eifrig festgehaltenen besonderen Gebräuche und Freiheiten; das gemeine Eecht 
suchte sich gegenüber der mittelalterhchen Privilegierung durchzusetzen. 

Der leitende Gedanke dieser Gesetzgebung ist es nicht, etwas schlechthin Neues 
zu schaffen, sondern das Bestehende zu kodifizieren und zu vereinheithchen, die ge- 
samten Gewohnheiten und Gesetze in großen „Landesordnungen" schriftlich festzu- 
legen. Diese Landesordmuigen^), die im letzten Drittel des 15. Jhs. aufgekommen sind, 
im 16. Jh. in den meisten Territorien erlassen, im 17. Jh. in der Eegel durch einzelne 
Gesetze überholt, aber in den Kleinstaaten bis ins 18. Jh. noch neu aufgelegt worden 
sind, haben eine genaue Untersuchung noch nicht erfahren. Viele von ihnen sind unter- 
einander verwandt oder auch einfach voneinander abgeschrieben; aber eine einheit- 
liche Gruppe bilden sie nicht. Gemeinsam ist ihnen zwar die Absicht, alle für die Unter- 
tanen verbindhchen Gesetze und Verordnungen, zum Teil auch die ihnen zustehen- 
den Eechte, z. B. das der Beschwerde über die Lokalbeamten öffentlich bekannt zu 
machen ; sie sind daher frühzeitig durch den Druck verbreitet worden, gelegentlich soll- 
ten sie auch durch regelmäßige öffentliche Verlesung auch den des Lesens nicht kun- 
digen Bevölkerungskreisen zur Kermtnis gebracht werden, eine Bestimmung, deren 
praktische Durchführung man sich bei dem oft recht großen Umfang der Landesord- 
nungen nicht recht vorstellen kaim. Aber diesen Übereinstimmungen stehen so viele 
Unterschiede sowohl hinsichtUch der Entstehung wie im Inhalt gegenüber, daß eine 
einheithche Betrachtung zurzeit wenigstens noch nicht möglich ist. Ich bespreche da- 
her die einzelnen Zweige der landesherrlichen Gesetzgebung für sich ohne Eücksicht 
darauf, ob es sich um Landesordnungen oder Emzelvorschriften handelt. 

Einen wichtigen Teil nehmen in der Gesetzgebung aller Territorien, in Landesordnungen 
und zahlreichen Gerichts- und Rechtsordnungen, die Bestimmungen über das materielle Recht 
ein. Namentlich ist eine Vereinheitlichung des Erbrechts und des ehelichen Güterrechts als not- 
wendig empfunden worden. Die Abfassung der Ordnungen wurde den juristisch geschulten Räten 
der Landesherrn auch da übertragen, wo die Anregung von den Landständen ausging; und schon 
damit hängt es zusammen, daß die meisten Rechtssatzungen von römisch-rechtlichem Geiste beein- 
flußt sind. Die Juristen waren mit dem alten deutschen Gewohnheitsrecht nicht bekannt; und auch 
da, wo vrie in Württemberg ihnen dieses Gewohnheitsrecht schriitlich aufgezeichnet als Material für 
die neue Gesetzgebung vorgelegt wurde, wußten sie damit nichts anzufangen. Auf diese Weise ist 
das römische Recht, schon bevor die Rücksicht auf die Rechtsprechung des Reichskammergerichts 
wirksam wurde (vgl. oben S. 19), in der Gesetzgebung und in der Praxis der Territorien als das maß- 
gebende „gemeine Recht" anerkannt worden, entweder mit ausschließlicher Geltung (z. B. in Baden 
seit 1511) oder mit subsidiärer Geltung neben dem alten Gewohnheitsrecht.') 

Neben den Eechtssatzungeu pflegen bereits die frühesten Landesordnungen auch 
pohzeiliche Vorschriften zu enthalten. Mit dieser Fürsorge für die ,,Pohzei", die im 

1) Die älteren sogenaimten Landesordnungen für Kärnten von 1338 und für Tirol von 1352 
(ScHWiND-DoPSCH, Ausg. Urk. z. Vfg. d. deutsch-österr. Erbl. im MA., Nr. 94, S. 175 ff. und Nr. 100, 
S. 184 ff.) bezeichnen sich selbst lüeht als Landesordnungen, enthalten auch überwiegend Rechts- 
satzungen nach Analogie der gleichzeitigen Landrechte anderer Territorien. 

2) Wegen des Details der Gesetzgebung und wegen der Geschichte der Rezeption des römischen 
Rechts muß auf die rechtsgesch. Literatur ver\viesen werden. 



Landes- und Polizeiordnungen 39 

eigentlichen Sinne des Wortes das gesamte büi'gerliche Leben umfaßte, übernahm der 
Territorialstaat eine neue Aufgabe; er fühlte daher hin imd wieder das Bedürfnis, sein 
Eingi-eifen in diese Dinge mit dem Hinweis auf die Unvernunft des gemeinen Mannes, 
der ohne besondere fürstliche Verbote die Sünde nicht vermeide, zu rechtfertigen.^) 
Die Städte waren darin fi-eihch schon vorangegangen, aber der Territorialstaat dehnte 
seine Gesetzgebung auf das ganze Land aus. Die steigende Bedeutung dieser neuen 
fürstlichen Aufgabe läßt sich an dem wachsenden Umfang der pohzeüichen Vorschrif- 
ten, die schheßUch die Geschlossenheit der Landesordnungen durchbrachen und in be- 
sonderen Pohzeiordnungen zusammengefaßt wurden, erkennen. In der Aufstellung 
der einzelnen Bestimmungen ist das Eeich in den Reichsabschieden seit 1495 und in 
den Eeichspohzeiordnungen seit 1530 (vgl. oben S. 19) vielfach vorbildhch gewesen. 
Der Schwerpunkt Hegt aber auch hier in den Territorien, denn ihnen ist nicht nur die 
Durchführung der Vorschriften übertragen worden, sondern sie haben diese auch viel- 
fach selbständig ausgestaltet; z. B. hat Württemberg die Sanitätspohzei, die Fürsorge 
für Wundärzte, Hebammen imd Apotheken übernommen, bevor das Reich sich darum 
kümmerte. 

Der leitende Gedanke aUer Ordnungen ist, das Bestehende zu erhalten. Die Klei- 
derordnungen sollen den althergebrachten Unterschied der Stände auch äußerHch her- 
vortreten lassen, sie sollen zugleich auch dem überhandnehmenden Luxus steuern. 
Überhaupt soll die alte christhche Zucht und Ehrbarkeit gewahrt bleiben; Gottes- 
lästerimg, Trunksucht, Spiel, unsittHche Tänze, der übertriebene Aufn^and bei Hoch- 
zeiten und den andern freudigen und traurigen Familienereignissen, die Verfälschung 
der Lebensmittel, der Wucher, alle diese der guten alten Zeit vermeintUch unbekann- 
ten Laster des modernen Lebens werden in den Ordnungen bekämpft. In dem Streben, 
das Leben der Bevölkerung, zumal der unteren Schichten mögHchst in den Schranken 
der alten Sitte zu halten, greift die Obrigkeit tief in das Privatleben ein ; nicht einmal 
die schwäbischen Fastnachtsküchlein entgehen dem scharfen Auge des bevormunden- 
den Pohzeistaates im 16. Jh. 

Aus der gleichen Tendenz heraus, für die allgemeine Wohlfahrt zu sorgen, wird 
auch das wirtschaftliche Leben von oben her reglementiert. Für den Handel mit Le- 
bensmitteln werden genaue Vorschriften erlassen, um jeden preissteigernden Vor kauf 
zu verhindern ; er wird, so weit es angeht, nm* auf offenen, allen zugänghchen und leicht 
zu kontrolUerenden Märkten gestattet, die Ausfuhr von Lebensmitteln ins Ausland 
darf, wenn überhaupt, nm- imter Beschränkungen stattfinden. Die Handwerker werden 
scharfer staathcher Aufsicht unterstellt, teilweise werden sogar die Zünfte ganz auf- 
gehoben, um allen Verabredungen über eine Erhöhung der Preise vorzubeugen. Auch 
hier zeigt sieh eine weitgehende Bevormundung. Vielfach wird von der Obrigkeit das 
Maß der zu leistenden Arbeit und die Höhe des zu gewährenden Lohnes genau vorge- 
schrieben, jede Abänderung bei Strafe verboten. Gegen das Faulenzen schreitet der 
Staat gleichfalls ein; um den Klagen über den Mangel an Dienstboten und an Tage- 
löhnern abzuhelfen, zwüagt er die Müßiggänger zum Dienst ; er sorgt auch dafür, daß 
die Kinder von Bettlern zur Arbeit erzogen werden. Wirtschafthche Motive sind auch 
bei den Luxusgesetzen wnksam; es soll die Ausfuhr von Geld verhindert werden, es 
soll im Interesse der einheimischen Tuchindustrie der Verbrauch inländischer Tuche 
bevorzugt werden, der Preis der Wolle wh'd durch Ausfuhrverbote niedrig gehalten. 
Trotzdem scheint es mir übertrieben zu sein, weim Gothetn^) von einer merkantüisti- 
ßchen Praxis spricht, die sich vor der merkantihstischen Doktrin ausgebildet habe. 

1) Vgl. den Entwurf einer knraäohsischen Landesordnung vom Jahre 1498, Emestin. Land- 
tegsakten, Bd. I, S. 35 ff. 

2) Die bad. Markgrafschaften im 16. Jh., S. 67. 



40 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Nur scheinbar stimmt die Praxis des Territorialstaates mit der Doktrin imd der Praxis 
des Merkantilismus überein; es bestehen äußere Anklänge, aber der Geist ist ganz ver- 
schieden. Der Territorialstaat des 16. und 17. Jhs. verpönt den Handel überhaupt, 
weil er die Waren verteure, nicht nur den Handel der Fremden; ebenso mißbilligt er 
den Luxus als solchen, selbst den mit Landeserzeugnissen, nicht allein dami, wenn er 
zum Ankauf ausländischer Waren und damit zur Ausfuhr von Edelmetall führt. Und 
das Ziel seiner gesamten Wirtschaftspolitik ist nicht etwa wie beim Merkantilis- 
mus Steigerung der wirtschaftlichen und damit finanziellen Macht des Staates, son- 
dern es ist die ,, Erhaltung eines jeden Standes Gebühr, Herkommen, Nahrung und 
Notdurft"'), ein gerechter Preis, bei dem die Erzeuger und die Verbraucher ihr Aus- 
kommen finden können, bei dem vor allem der gemeine arme Mann nicht überteuert 
wird, sondern wie die bayrische Landesordnung von 1553 sagt, „sein zimliche Narung 
dester baß gewirmen, auch Weib und Kind mit Gott und Ehren underhalten mög". 
Und ein solcher billiger Ausgleich aller Interessen wird auch zwischen Stadt und Land 
gesucht ; das platte Land soll den Städten ihre Nahrung, zumal Brauerei, Handel und 
Handwerk nicht wegnehmen, aber die Städte sollen auch das platte Land nicht über- 
vorteilen, sondern dafür sorgen, daß der Bauer alles, was er in der Stadt zu kaufen ge- 
zwungen ist, zu billigem Preise und in guter Beschaffenheit finde. Einzelne Gewerbe, 
die Leineweber, die Schmiede, werden auch auf dem Lande geduldet, der Kornhandel 
wird ümerhalb des ganzen Territoriums in der Regel freigegeben, der Adel darf wenig- 
stens das auf seinem Grund und Boden gewachsene Getreide auch außerhalb des Lan- 
des, unter Umständen sogar ohne Ausfuhrzoll bezahlen zu müssen, verkaufen. Diese 
Erlaubnis ist freihch mehr aus pohtischen als aus wirtschafthchen Erwägungen erteilt 
worden. Das starke Vorwiegen der Rücksichten auf den Adel als den politisch 
wichtigsten Stand bei allen die Landwirtschaft berührenden Gesetzen wird nament- 
lich dadurch bewiesen, daß für den politisch rechtlosen Bauernstand fast nichts ge- 
schehen ist. 

Aber trotz diesen Unterschieden gegen den Merkantihsmus bedeutet die terri- 
toriale Wirtschaftspolitik doch etwa Neues gegenüber der früheren Zeit ; sie ist wie die 
gesamte Politik des Territorialstaats beherrscht von der Auffassung des Staates als 
einer Einheit, der sich der Einzelne, auch die einzelne Stadt zu fügen hat. Mehr wird 
man aber kaum sagen dürfen ; eine grundsätzlich neue Wirtschaftsperiode, eine Terri- 
torialwirtschaft, wie sie Sohmoller als Zwischenstufe zwischen der Stadt- und der Volks- 
whtschaft glaubte annehmen zu können, ist nicht begründet worden. Wohl bahnt sich 
eine solche an ; mit Recht verweist H. Rachel*) auf den Übergang, auf die noch we- 
sentlich im Banne städtischer Lateressen und stadtpolitischer Anschauungen stehende 
territoriale Handelspolitik des 16. Jhs. Aber gerade deren Erfolglosigkeit beweist, daß 
der Territorialstaat in der Regel zu klein war zu selbständigem Eingreifen in das neue, 
sich rasch ausdehnende Whtschaf tsleben ; das Reich und die Kreise mußten erst die 
Grundlagen für eine Ordnung des Münzwesens, für- die Durchführung der Wollausfuhr- 
verbote usw. schaffen. Und mcht in den Territorialstaaten, sondern in den Reichs- 
städten ist die moderne Wirtschaftsform des Kapitalismus entstanden. Soweit die 
Territorialfürsten sich mit ihr befaßt haben, haben sie ihr durchaus feindselig gegen- 
über gestanden, freilich ohne ihr Herr werden zu können. 

1) Nach einem kurbrandenburgischen Mandat von 1572, bei Mylius, Corpus Constit. Marchi- 
carum, Bd. V, Abt. 2, S. 7 ff. 

2) Die Handels-, Zoll- und Akzisepolitik Brandenburg-Preußens bis 1713 (Acta Borussica, 
Handels-, ZoU- und Akzisepohtik, Bd. I, 1911), S. 90. 



Das landesherrliche Kirchenregiment 41 

§ 15. Das landesherrliche Kirchenregiment 

Da die Kirchen Verfassung in besonderen Abteilungen ( II, 6 — b) dieses Grundrisses eingehend 
behandelt wird, habe ich in diesem Paragraphen nur so viel gesagt, wie mir unerläßlich schien, um 
ein Bild des TerritoriaLstaats zu geben; auch die Literaturangaben habe ich möglichst beschränkt. 

Für die Kirchen vor der Reformation: P. Gess, Akten und Briefe zur Kirchenpolitik des Her- 
zogs Georg von Sachsen (Bd. I für 1517^1524; 1905). B. Henitig, Die Kirchenpolitik der Hohen- 
zoUern in der Mark Brandenburg und die päpstlichen Privilegien des Jahres 1447 (1906). R. LossEN, 
Staat und Kirche in der Pfalz im Ausgang des MA. (1907). O. R. Redlich, Jülich-bergische Kirchen- 
politik am Ausgange des MA. und in der Reformationszeit (2 Bde. 1400 — 1589; 1907/11). H. v. Srbik, 
Die Beziehungen von Staat und Kirche in Österreich während des MA.'( 1 904). J. Wülk und H. Funk, 
Die Kirchenpolitik der Grafen von Württemberg bis zur Erhebung Württembergs zum Herzogtum 
1495 (1912). 

Für die protestantischen Landeskirchen. Quellensammlungen : A. L. Richter, Die evange- 
lischen Kirchenordnungen des 16. Jhs. (2 Bde., 1846). E. Sehltsg, Die evangelischen Kirchenord- 
nungen des 16. Jhs. (seit 1902, bis jetzt 5 Bde.; vgl. dazu M. Wehksiaioj in den Monatsbll. d. Ges. f. 
Pomm. G. u. Altert., Bd. 26, 1912, S. 82ff.). DarsteUungen: auf die RE. f. protest. Theologie und 
die zahlreichen Bearbeitungen des KR. sei nur allgemein venviesen. O. Mejer, Die Grundlagen des 
lutherischen Kirchenregiments (1864). K. Müller, Kirche, Gemeinde und Obrigkeit nach Luther 
(1910; vgl. dazu K. Holl, Luther und das landesherrl. Kirchenreg., Z. f. Theol. u. Kirche, 1911 
Ergheft). K. Rieker, Die rechtliche Stellung der evangel. Kirche Deutschlands in ihrer geschicht- 
lichen Entwicklung (1893). Territoriales: E. Brandenburg, Zur Entstehung des landesherrl. Kir- 
chenregiments im albert. Sachsen (HTV^Schr.. Bd. IV, 1901). O. HrNTZE, Die Epochen des evang. 
Kirchenregiments in Preußen (HZ., Bd. 97, 1906; auch Histor. und polit. Aufsätze, Bd. III). 

Bei der Begründung des landesherrlichen Kirchenregiments spielen dogmatische 
Fl-agen keine Kolle, es handelt sich vielmehr um die Durchsetzung der Staatsgewalt 
gegenüber der pohtischen Unabhängigkeit der Kirche. Den Stein des Anstoßes bildet 
überall die geistliche Gerichtsbarkeit, zumal da sie bei der Eeichsimmittelbarkeit der 
meisten deutschen Bischöfe ihren Schwerpunkt außerhalb der Territorien hatte. Schon 
im 12. und 13. Jh. versuchten daher einzehie Fürsten, die Gerichtsbarkeit der fremden 
Bischöfe durch die Gründung von Landesbistümern auszuschalten, i) Die andauernden 
und schheßhch erfolgreichen Bemühungen der großen welthchen Territorien wie 
Österreich, Brandenburg und Sachsen, ihre Bistümer landsässig zu machen, büden die 
Fortsetzung jener Versuche. Diese großen Territorien benutzten auch die kirchlichen 
Verfassungskämpfe des 15. Jhs., um durch Vereinbarungen mit dem Papste ihre lan- 
desherrhchen Rechte über die Kirche auszudehnen; aber auch kleinere Territorien wie 
Cleve nahmen an der Erweiterung der fürstlichen Gewalt über die Kh-che teil. Die 
geistliche Gerichtsbarkeit, die sich in der Zeit des Darniederhegens der weltlichen Ge- 
richte auch auf rein welthche Fi'agen wie Schuldsachen ausgedehnt hatte, wurde auf die 
geistlichen Angelegenheiten und das Gebiet der Kirchenzucht, zu der auch die Ehe- 
sachen gerechnet wm-den, beschränkt ; wo die Bischöfe nicht landsässig waren, wm-de 
wohl auch gefordert und durchgesetzt, daß die Ausübimg der Gerichtsbarkeit einem 
im Territorium ansässigen bischöfhchen Beamten übertragen werde. Die Verleihung 
der wichtigsten Pfründen suchten die Landesherrn in ihre Hand zu bekommen. Der 
neubegründete Vorrang des Staates vor der Kü-che fand auch darin seinen Ausdruck, 
daß die Landesherm den Bischöfen das Recht ziir Besteuerung der Geistlichkeit be- 
stritten und sich vorbehielten, den Klerus ihrerseits zu den Landessteuern heranzu- 
ziehen. 

Aber über diese Durchsetzimg der Ku'chenhoheit des Staates ging das Fürstentum 
schon während des 15. Jhs. hinaus. Es fühlte sich auch der Kirche gegenüber als Obrig- 
keit, deren Pflicht imd Recht es sei, für das Wohl der Ivirche zu sorgen, und leitete dar- 
aus ein umfassendes Aufsichtsrecht ab. Es kontrolherte nicht nur die Verwaltung des 
kirchhchen Vermögens, sondern es traf auch Anordnungen über Gottesdienste, Pro- 
zessionen und andere kirchhche Veranstaltungen, ja es übernahm bereits die Sorge für 

1) Vgl. H. Krabbo, Die Versuche der Babpnberger zur Gründumg einer Landeskirche (A. f. 
östcrr. G., Bd. 93, 1904). 



42 I"- Härtung: Deutsche Verfassuugsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwai-t 

die kirchliche Zucht, den Laien gegenüber in den Pohzeiordnungen, dem Klerus gegen- 
über in den Visitationen. Schon vor der Beformation übten also die deutschen Landes- 
herrn ein ausgedehntes Kirchenregiment aus; aber von Landeskirchen vor der Befor- 
mation zu sprechen ist, wie H. v. Sebik mit Becht bemerkt hat, übertrieben. Denn 
keiner der Fürsten hat an eine Trennung von der allgemeinen Kkche auch nur im ent- 
ferntesten gedacht ; und die gelegentlich auftauchende Bezeichnung eines Fürsten als 
des „Papstes" seines Territoriums*) geht viel zu weit. 

Die Landeskirchen sind vielmehr erst durch die Beformation geschaffen und vom 
Eeiche im Augsburger Beligionsfi'ieden anerkannt worden. Bei ihnen handelt es sich 
nicht mehr um eine einheitliche Kirche, die sich über mehrere Länder erstreckt, son- 
dern jedes Territorium hat seine besondere Kirche, deren Machtbereich an der Landes- 
grenze aufhört, die aber iimerhalb des Landes völlig autonom ist. An der Spitze der 
Landeskirche steht der Landesherr als summus episcopus. Darin verrät sich der Zu- 
sammenhang mit dem bereits im 15. Jh. begründeten Kirchenregiment der weltlichen 
Obrigkeit. Deshalb braucht hier avif die in den letzten Jahren viel erörterte Frage nach 
Luthers Anschauungen über das landesherrliche Kirchenregiment 2) nicht eingegangen 
zu werden ; es war von vornherein unmöglich, eine Kirchenverfassung ohne Bücksicht 
auf die weltlichen Obrigkeiten zu schaffen. Aber das Landeskirchentum ist nicht bloß 
eine Verstärkimg der alten landesherrlichen Aufsicht über die Kirche, indem die kon- 
kurrierende Gewalt der Bischöfe beseitigt ist, sondern es bedeutet eine grundsätzliche 
Erweiterung. Der Landesherr übernimmt die gesamten Aufgaben der geistlichen Ge- 
walt, die Feststellung der Lehre und des Kultus, die Ausübung der geistlichen Gerichts- 
barkeit. Für die Durchführung dieser Aufgaben werden besondere Organe in den Kon- 
sistorien geschaffen; ihrem zwiefachen Wirkungskreis, dem Aufsichtsrecht der welt- 
lichen Obrigkeit und der Handhabung der geistlichen Gewalt entspricht ihre Zusam- 
mensetzung aus weltlichen und geistlichen Bäten.') 

In katholischen Ländern konnten Landeskirchen natürlich nicht begründet werden; hierblieb 
die geistliche Gewalt nicht nur in der Lehre, sondern auch in der Gerichtsbarkeit dauernd selbständig. 
Aber in der Praxis war der Unterschied zwischen dem protestantischen Landeskirchentum und dem 
Kirchenregiment der katholischen weltlichen Fürsten nicht allzu groß. Die Erhaltung des Katho - 
lizismus war nicht das Verdienst der Kirche und ilirer Organe, sondern der weltlichen Obrigkeiten. 
Sie führten in ihren Territorien bei den Untertanen und vor allem beim Kletus die Gegenreformation 
durch, sie sorgten unbekümmert um die Rechte der Bischöfe für Sitte und Zucht bei der Geistlichkeit, 
sie herrschten tatsächlich fast unumschränkt über die Kirchen ihrer Territorien. In Bayern wurde 
zur Ausübung dieses strengen Kirchenregiments eine eigene Behörde, ein Geistlicher Rat, eingesetzt, 
der in seinen Befugnissen, in seiner Zusammensetzung aus geistlichen und weltlichen Mitgliedern 
und in seiner engen Verbindung mit dem fürstlichen Rat viele Analogien zu den protestantischen 
Konsistorien aufweist.*) 

Gemeinsam ist den katholischen und protestantischen Territorien des 16. und 
17. Jhs. auch die Durchdringung des ganzen Staatslebens mit religiösem Geist. Welt- 
liches und geistliches Begiment läßt sich nicht trennen ; wie die württembergische Visi- 
tationsordnung für die evangelische Lehre, christliche Zucht und gute Polizei sorgen 
will und ausdrücklich vorschreibt, daß bei den Visitationen nicht nur die Lehre und 
der Wandel der Geistliehen, sondern auch die Amtsführung der Beamten zu unter- 
suchen sei, so gibt umgekehrt die Landesordnung nicht nur Bestimmungen über das 
bürgerliche Leben, sondern auch über den Besuch des Gottesdienstes. Als das letzte 
Ziel des Staates erscheint überall die Ehre Gottes, die in der Erhaltimg der reinen 
Lehre gesucht wird. 

1) Die Stellen sind verzeichnet bei Weemdighoff a. a. O. S. 89 Amn. 2. 

2) Vgl. die oben angeführten Arbeiten von K. Müixer und Holl und die bei ihnen verzeich- 
neten Schriften. 

3) Wegen alles weiteren, namentlich wegen der verschiedenen Theorien sei auf Sehiing 
(Gmndriß II, Abt. 8) verwiesen. 

4) Vgl. RiEZLER, G. Baierns, Bd. VI, S. 26 6 ff. und P. Stieve, Das kirchliche Poüzeiregiment 
in Bayern unter MaximiUan I. (1876). 



Die Behördenorganisation 43 

Damit erwächst nun dem deutschen Staate jener Zeit noch eine weitere Aufgabe. 
Er begnügt sich nicht mit der Vertreibimg der Andersgläubigen, er sorgt vielmehr 
auch positiv für die reine Lehre, indem er sich des Schulwesens annimmt. In den vier- 
ziger und fünfziger Jahren des 16. Jhs. entstehen die ersten staathchen Schulordnun- 
gen auf protestantischer und auf kathohscher Seite; der leitende Gedanke ist dabei, 
die Jugend in der reinen und wahren Lehre zu unterrichten. Und die Staaten, die es 
sich einigermaßen leisten konnten, gründeten auch Landesuniversitäten, deren Pro- 
fessoren ohne Unterschied der Fakultäten auf das Bekenntnis des Landes verpfhchtet 
wurden, damit auch die künftigen welthchen Beamten im rechten Glauben zu ihi-em 
Berufe herangebildet würden. 

§ 16. Die Behördenorganisation 

Allgemeine Literatur: G. v. Below, Die städtische Verwaltung des MA. als Vorbild der 
späteren Territorialverwaltung (HZ., Bd. 75, 1895); Ders., Die Neuorganisation der Verwaltung in 
den deutschen Territorien des'ie. Jhs. (HTb. 1887; auch in Territorium und Stadt). G. Schmollee, 
Der deutsche Beamtenstaat vom 16. — 18. JTh. ( JbGe3\'V^., Bd. X\TII, 1894; auch Umrisse und 
Untersuchungen). A. Stölzel, Die Entwicklung des gelehrten Eichtertums in deutschen Territo- 
rien (2 Bde., 1872); Ders., Die Entwicklung der gelehrten Rechtsprechung, Bd. 1(1901), Der Branden- 
burger Schöppenstuhl, Bd. II (1910), Bilhgkeits- und Rechtspflege der Rezeptionszeit in JüUch- 
Berg, Bayern, Sachsen und Brandenburg (zur Kritik vgl. E. Rosenthal, ZSavStRGGA., Bd. XXXI, 
1910, S. 522ff.; Stölzel, Geding und Appellation, Hof, Hofgericht und Räte. Abschied und Urteil, 
1911; HiNTZE, FBPrG., Bd. XXIV, 1911, S. Iff.; Rosenthal, VSozWG., Bd. XI, 1913, S. 415ff.). 

Zur Frage nach den burgundischen Einflüssen auf Österreich und die deutschen Territorien: 
S. Adlee, Die Organisation der Zentralverwaltung imter Kaiser Maxi mil ian I. (1886), bes. S. 3ff. 
F. Rache AHL, Die niederländische Verwaltung des 15./16. Jhs. und ihr Einfluß auf die Verwaltungs- 
reformen Maximihans I. in Österreich und Deutschland (HZ., Bd. 110, 1913, S. Iff.). E. Rosenthal, 
Die Behördenorganisation Kaiser Ferdinands I. als Vorbild der Verwaltungsorganisation in den deut - 
sehen Territorien (A. f. österr. G., Bd. 69,1887). A. Walthee, Die burgund. Zentralbehörden unter 
Maximilian I. und Karl V. (1908), Anhang S. 168ff. ; Ders., Die Ursprünge der deutschen Behörden- 
organisation im Zeitalter Maximilians I. (1913; vgl. dazu die Besprechungen von A. DOPSCH, DLZ., 
1914, S. 821ff. und R. HoLTZMANN, ZSavStRGGA., Bd. XXXTV, 1913, S. 591ff.). 

Einzelne Territorien: Bayern vgl. Rosenthal (oben S. 1} und Riezler. Für Brandenburg 
(ich gebe hier nur die Spezialliteratur für die Organisation des 16. Jhs. an; die aUg. Lit. s. bei Kap. 5) : 
M. Hass, Die Hofordnung Kurfürst Joachims U. von Brandenburg (1910). O. Hintze, Hof- und 
Landesverwaltung in der Mark Brandenburg unter Joachim IL (HohenzoUem-Jb., Bd. X, 1906 ; 
auch Hist. u. pol. Aufs., Bd. II); Ders., Ratstube und Kammergericht in Brandenburg während 
des 16. Jhs. (FBPrG., Bd. XXIV, 1911, S. Iff.). M. Klinkenborg, Ratstube und Kanzlei in Bran- 
denburg im 16. Jb. (FBPrG., Bd. XXVI, 1913, S. 413ff.). G. Schappee, Die Hofordnung von 1470 
und die Verwaltung am Berliner Hofe zur Zeit Kurfürst Albrechts (1912). Für Braunschweig: 
B. Keusch, Die Entwicklung der herzoglich braunschweig. Zentralbehörden (Z. d. HVer. f. Nieder- 
sachsen, 1893 u. 1894). Für Cleve: K. Schottmüller, Die Organisation der Zentralverwaltung in 
Cleve-Mark vor der brandenb. Besitzergreifung im Jahre 1609 (1897). Für Hessen: O. Beckee, Der 
Geheime Rat in Hessen (Kieler Diss. 1911; Teil einer bis jetzt freüich noch nicht erschienenen Ar- 
beit über die hessischen Zentralbehörden). Für Jülich: K. Sallmann, Die Organisation der Zentral - 
Verwaltung von Jülich-Berg im 16. Jh. (Beitr. z. G. d. Niederrheins, Bd. XVUu. XVIH, 1902/03). 
Für Österreich: außer den oben genannten Arbeiten von Adler und Rosenthal sei nur noch auf 
den (darstellenden) ersten Band der oben S. 33 angeführten VeröffentHchung Fellnees und Keetsch - 
MAYEs über die Österreich. Zentralverwaltung hingewiesen. Für Saciisen: H. Hatjo, Die oberste 
Sachs. Finanzbehörde (Finanzarchiv, Bd. XIV, 1897). A. Lobe, Ursprung und Entwicklung der 
höchsten sächs. Gerichte (1905). A. Pitff, Die Finanzen Albrechts des Beherzten (Leipziger Diss. 
1911). Für Württemberg vgl. Wütteelin (oben S. 2). 

Die in den vorhergehenden Abschnitten betrachtete gewaltige Ausdehnung der 
Staatstätigkeit hatte naturgemäß eine Erweiterung der Behördenorganisation zur 
Folge, und zwar berührte diese vor aUem die Zentrale, den fürsthchen Bat. Zwei we- 
senthche Neuerungen wm'den gegen das Ende des 15. und in dem ersten Drittel des 
16. Jhs. durchgeführt, die Besetzung des Rates mit einer Anzahl von juristisch ge- 
schulten Berufsbeamten und die Umbildung des Eates zu einem festen Kollegium, zu 
einer Behörde im technischen Sinn. Die Anstellung von Juristen als täghchen oder 
wesentUchen, d. h. dauernd am Hofe tätigen Bäten begann im 15. Jh. und war im 16. 
eine ganz allgemein verbreitete Sitte. Der Yorteü für den Fürsten bestand neben den 
juristischen Kenntnissen und der Regelmäßigkeit der Tätigkeit namenthch in der Un- 



44 f- Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

abhängigkeit dieser in der Eegel bürgerlichen, meist auch landfremden Doktoren von 
dem heimischen Adel; deshalb fochten die Stände die Verwendung von Freniden 
grundsätzlich an, ohne sie jedoch ganz verhindern zu können. Freilich waren mit diesen 
Vorteilen auch Nachteile verknüpft; die Juristen waren ein heimatloses Geschlecht 
ohne Anhänglichkeit an den Fürsten oder das Land, dem sie dienten, sie arbeiteten um 
des Gewinnes willen, nutzten ihre Befugnisse zum eigenen Vorteil aus, verpflichteten 
sich häufig nebenher noch anderen Fürsten und verheßen ihren Dienst, sobald sich ein 
besserer Posten bot. 

Der Charakter des Eates als eines bloß beratenden, nur auf besonderen Auftrag 
des Fürsten in oftmals wechselnder Zusammensetzung tagenden Organs wurde dadurch 
nicht geändert ; seine Tätigkeit hing also im wesentUchen von der Persönlichkeit des 
Fürsten ab. Und wo dieser versagte, aus Lässigkeit oder auch wegen Thronstreitig- 
keiten, da versagte auch der Bat und die durch die Räte geübte Eechtsprechung. Da 
traten dann wohl, z. B. in Tirol 1487, in Bayern und Gleve 1488, in Württemberg 
1498, die Stände auf und sorgten dafür, daß die „geordneten Räte" nach bestimmten 
Formen unabhängig vom Fürsten die wichtigen Regiernngsaufgaben erledigten. 
Aber die Regel war das nicht. Vielmehr wünschten die Stände, daß der Landesherr 
persönlich regiere, füi' Klagen und Beschwerden seiner Untertanen zugänglich sei 
imd sie selbst, wenn auch unter Zuziehung seiner Räte, erledige. Auch der Festlegung 
der Residenz, die zwar die regelmäßige Tätigkeit der Zentralbehörden förderte, aber 
für die Mehrzahl der Untertanen den Zutritt zum Landesherrn erschwerte, widersetz- 
ten sich die Stände. 

Wenn wir also von einzelnen, durch besondere Umstände bestimmten Ausnah- 
men absehen, so darf behauptet werden: der entscheidende Fortschritt in der Regie- 
rungsverfassung, die Errichtung ständiger kollegialer Zentralbehörden, ist durch die 
Fürsten und ihr Beamtentum vollzogen worden. Er ist lange Zeit auf die Einwirkung 
des von Frankreich und Burgund gegebenen Vorbildes der Behördenorganisation, der 
hier längst verwirklichten Prinzipien der Ständigkeit, der Kollegialität und der Ar- 
beitsteilung zm'ückgeführt worden. Diese Ansicht gründet sich vor allem auf die Tat- 
sache, daß Maximilian L, der erste gemeinsame Herrscher der österreichischen und 
burgmidischen Erblande, der erste gewesen ist, der ähnliche Eimuchtungen in seinen 
deutschen Besitzungen durchgeführt hat, und daß um die gleiche Zeit eine Reihe von 
französisch- bm-gundischen Amtsbezeichnungen als Fremdworte oder in Übersetzung 
in die deutsche Amtssprache eingedrungen sind. Daß die deutschen Territorien ihre 
Behördenverfassung von Österreich, also mittelbar von Burgund übernommen haben, 
hat E. Rosenthal nachzuweisen versucht. 

Gegen diese allgemein angenommene Anschauung ist A. Waltheb aufgetreten, zuerst in seinem 
Buch über die burgundischen Zentralbehörden, dann, nachdem Rosenthal (VSozWG., Bd. IX, 1911, 
S. 406ff.) und Rachfahl (HZ., Bd. 110) die frühere Auffassung verteidigt hatten, in der Schrift 
über die Ursprünge der deutschen Behördenorganisation. ') Er bestreitet zunächst, daß die fran- 
zösisch-burgundischen Einrichtungen auf Deutschland Einfluß gehabt hätten; detm die angeblich 
von Burgund entlehnten Behörden, wie die Hofkammern, unterschieden sich in sehr wesentlichen 
Zügen von den französisch-burgundischen Chambres des ccmj^tes, indem sie nicht bloß Rechnungs-, 
sondern zugleich Verwaltungsbehörden gewesen seien. Er bestreitet ferner den entscheidenden Ein- 
fluß der monarchischen Reformen in der deutschen Behördenorganisation, behauptet vielmehr, daß 
dank der Einwirkung der Landstände die Organisation der Behörden bereits im 15. Jh. einen relativ 
hohen Grad erreicht, namentlich das Prinzip der Kollegialität gekannt habe. 

Eine endgültige Entscheidung der Kontroverse wird also erst möglich sein, wenn wir die deut- 
sche Behördenverfassung des 15. Jhs. besser kennen als zur Zeit, wo Walthek und Rachfahl auf 
Grund des gleichen Materials im Innsbrucker Archiv ganz entgegengesetzte Urteile gefällt haben. 
Aber schon jetzt glaube ich folgendes zur Verteidigung der alten Ansicht sagen zu dürfen: Was 
auch das Resultat der weiteren Forschungen über die Behördenorganisationen des 15. Jhs. sein 
möge, so bleibt doch die Tatsache bestehen, daß deren weitere Ausbildung während des 16. Jhs. sehr 
stark durch die Einrichtungen anderer Staaten beeinflußt worden ist. Es ist keine bloße Redensart, 

1) Die genauen Titelangaben s. oben. 



Die Behördenorganisation 45 

wenn die brandenburgische Geheimratsordnung von 1604 sich auf das „exempel anderer wohlbe- 
stellten politien und regimenten" beruft. Denn auf allen Gebieten des staatlichen Lebens können wir 
einen lebhaften geistigen Austausch quellenmäßig feststellen. Wir finden ihn in der Gesetzgebung, 
selbst in den alle Landesgesetze und -gewohnheiten zusammenfassenden Landesordnungen, femer 
in den landständischen Verhandlungen, endlich aber und zwar besonders stark auf dem Gebiet der 
monarchischen Behördenorganisation, in den Hof- und in den Hofrats- und vielen andern Ordnungen ; 
und direkt oder indirekt führen die Spuren häufig auf Österreich zurück. Das erscheint mir also als 
unzweifelhaft, daß Österreich von den Tagen Maximilians I. bis ins 17. Jh. für die Einrichtung 
der territorialen Behörden vielfach maßgebend gewesen ist. ') 

So bleibt noch zu untersuchen, inwiefern Walthees Ablehnung der französisch-burgun- 
dischen Einflüsse auf Österreich berechtigt ist. Hier ist aus dem oben angegebenen Grunde Zurück- 
haltung noch nötig, aber mir scheint doch, als ob der Gegensatz Walthers gegen die alte Auf- 
fassung weniger in einer verschiedenen Beurteilung der österreichischen und besonders der tirolischen 
Einrichtungen des 1.5. Jhs., als vielmehr darauf beruhe, daß er sich von der von ihm sogenannten 
,, Rezeptionstheorie" eine übertriebene Vorstellung gemacht hat. An eine Rezeption, -nie er sie ablehnt, 
nämhch eine einfache Übertragung der französisch-burgundischen Einrichtungen auf die deutschen 
Verhältnisse hat wohl kein Forscher gedacht, wenn sich auch mancher, wie Waxther zuzugeben ist, 
unvorsichtig ausgedrückt hat. Richtig verstanden bedeutet die ,, Rezeptionstheorie" nichts anderes, 
als daß Maximilian aus der Kenntnis der burgundischen Einrichtungen, namentlich der Gliederimg 
von Kollegialbehörden, Anregungen für Reformen und Neubildungen in den deutschen Erblanden 
geschöpft habe und daß die endgültige Organisation der deutsch-österreichischen Behörden auf den 
Versuchen Maximilians Ijeruhe. L^nd in dieser Form kann die Rezeptionstheorie meiner Ansicht 
nach nicht bestritten werden. Auch Walther tut das nicht, aber er leugnet den burgundisch-fran- 
zösischen Einfluß und verweist auf die allgemein-europäische Renaissancebewegung. Das ist inso- 
fern dankenswert, als wir uns des größeren geistigen Zusammenhanges der Rezeption bewußt werden, 
sie nicht bloß als eine Folge der zufälligen Personalunion Österreichs und Burgunds, sondern als einen 
Teil einer großen Bewegung erfassen lernen; aber es erscheint mir allzu gekünstelt, die französisch- 
burgundische Einwirkung zu bestreiten und die auch in Einzelheiten, namentlich in der Termino- 
logie deutlich die französische Herkunft verratenden Neuerungen in der österreichischen Behörden- 
verfassung auf einen allgemeinen europäischen Brauch und auf italienische Einflüsse zurückzuführen. 

Die alte Auffassung scheint niii- also durch Waltheks Angriffe keineswegs er- 
schüttert zu sein. Xnnmebr gilt es, die Organisation selbst kennen zu lernen. Ich be- 
giime mit Österreich, weil es nicht nur zeithch die erste Stelle einnimmt, sondern auch 
ganz besondere Verhältnisse aufweist. Es setzt sich aus mehreren selbständigen Län- 
dergruppen zusammen, der gemeinsame Herrscher ist zugleich Kaiser imd wenigstens 
unter Maximilian I. Herr von Burgund, er ist ferner seit dem Tode Friedrichs III. 
nur selten im Lande. Das macht zimächst einmal nötig, daß in jeder der beiden deut- 
schen Ländergruppen Niederösterreich und Oberösterreich') die vom Landesfürsten 
und seinen Bäten ausgeübten Funktionen der Landesregierung durch eigene Behörden 
verwaltet werden. In jeder Gruppe sind zwei KoUegien errichtet worden, ein Regi- 
ment (lange Zeit auch als Hofi-at bezeichnet) für die allgemeine Verwaltung und die 
-Justizpflege und eine Schatz- oder Eaitkammer für Finanzverwaltung und Rechnungs- 
kontrolle ; sie sollten zuerst nm- vorübergehend die Vertretimg des abwesenden Landes- 
herrn übernehmen, sind aber zu dauernden Eim-ichtungen geworden. Auch am könig- 
lichen Hofe, im königlichen Rat stellte sich bald das Bedürfnis nach besserer Organi- 
sation, nach Entlastimg des Herrschers, nach Sicherimg des Geschäftsgangs auch wäh- 
rend seiner Reisen heraus ; doch ist Maximilian trotz mancherlei Anläufen, zumal im 
.Jahre 1498, wo er euien ständigen Hofi-at und eine in Innsbruck dauernd tätige, für 
alle seine Besitzungen zuständige Hofkammer einsetzte, zu einer bleibenden Organi- 
sation nicht gelangt. Diese ist vielmehr erst das Werk Ferdinands I.; er übernahm 
nicht nur die dauernden Schöpfungen Maximihans, die kollegialen Behörden der Län- 

1) Die Quellen können hier nicht verzeichnet werden, ich verweise daher auf die schon von 
Adler, Mentz (Job. Friedrich, Bd. m). Rachfahl und Rosesthal u. a. beigebrachten Belege 
und mache nur auf zwei erst neuerdings bekannt gewordene Stellen aus brandenburgischen Akten 
aufmerksam: auf das Gutachten Schliebens (um das Jahr 1544; von M. Hass, FBPrG., Bd. XXIV, 
1911 veröffentlicht), das S. 102 auf das Beispiel Braunschweigs und Sachsens Bezug nimmt (vgl. 
auch S. 93 Anm. 2), und auf die von W. Koch (ebd. XXVT:, 1913, S. 65ff.) mitgeteilte Denkschrift 
vom Jahre 1613, die sich auf Österreich beruft. 

2) Es sei darauf aufmerksam gemacht, daß diese Gruppen mit den heutigen Kronländem 
Ober- und Niederösterreich nicht übereinstimmen. 



46 ^- Härtung: Deutsche VerfassnngsgeBcliichte vom 15. Jahrhundert big zur Gegenwart 

dergruppen, sondern folgte auch in der Organisation der Zentrale im wesentlichen den 
Bahnen, die schon Maximilian befahren hatte. Er sicherte eine regelmäßige Tätigkeit 
durch die Errichtung ständiger Kollegien, eines Hofrats, der die oberste Instanz für 
die Rechtsprechung der deutschen Erblande und seit der Übernahme der Reichsregie- 
rung auch als Reichshofrat (s. oben S. 18) das für die Reichssachen zuständige Organ 
war, und einer Hofkammer, die nicht bloß die Kammern der Ländergruppen kontrol- 
lierte, sondern auch die für die Zentrale bestimmten Gelder verwaltete. Indem so ein 
Teil der fürstlichen Befugnisse dauernd an Behörden delegiert wurde, die sich immer 
stärker von der Person des Fürsten loslösten und ihre eigenen Präsidenten erhielten, 
indem andererseits das Staatsgebiet durch Böhmen und Ungarn erweitert wurde, 
wuchs auch die Notwendigkeit, Dinge vertraulicher Natur in einem kleineren Kreise 
zu behandeln. Deshalb ist über den alten Behörden ein besonderer Geheimer Rat ge- 
gründet worden. Das Jahr seiner Entstehung kann für Österreich so wenig wie für- die 
meisten deutschen Territorien genau angegeben werden. Wenn Maximilian sich 1518 
vorbehielt, „geheime und große Sachen" nicht in dem damals geplanten, von den Stän- 
den beherrschten Hofrat abzuhandeln, so leitete ihn wohl der Wunsch, diese vor den 
Ständen geheim zu halten; aber zur Errichtung eines besonderen Geheimrats ist es 
schwerUch gekommen, da auch der Hofrat unterblieb. 1527 wird dagegen der Geheime 
Rat als eine Behörde genannt. i) 

Wesentlicher einfacher als in dem zusammengesetzten Gebilde der habsburgi- 
schen Erblande, aber doch in der gleichen Richtung nach Ausbildung fester Kollegien 
und nach Arbeitsteilung verlief die Entwicklung in den andern deutschen Territorien. 
Auch in ihnen wuchsen die vom Landesherrn zu erledigenden Geschäfte, auch in ihnen 
stellte sich das Bedürfnis heraus, die Erledigung von der Anwesenheit des Herrschers 
unabhängig zu machen. Überall wurde daher der Rat aus einem nach Belieben des 
Fürsten zusammentretenden Organ zu einer täghch oder doch regelmäßig tagenden 
Behörde, die nach Stimmenmehrheit Beschlüsse faßte und ein eigenes, wenn auch 
meist auf die unbedeutenden und bloß vorbereitenden Sachen beschränktes Verfü- 
gungsrecht hatte. Die Fürsten behielten sich in der Regel das Recht vor, an den Sit- 
zungen des Rates teilzunehmen; in den meisten Territorien galt der Landesherr bis 
zum Beginn des 19. Jhs. als der Präsident des Rates, bheb ein Stuhl für ihn frei; die 
Verfügungen des Rates ergingen im Namen des Fürsten. Aber in der Regel blieben die 
Fürsten den Sitzungen des Rates fern und übertragen die Leitung der Verhandlungen 
dauernd an einen der vornehmsten Beamten, den Kanzler oder den Marschall oder den 
Hofmeister. Feste Ordnungen der Umfrage und der Abstimmung sicherten die Gründ- 
lichkeit der Beratungen. Einen festen Zeitpunkt für die Durchführung dieser Refor- 
men können wir für die wenigsten Territorien angeben ; die ersten Erwähnungen, die 
für Brandenburg z. B. aus dem Jahre 1537 stammen, fallen durchaus nicht immer mit 
der Entstehung selbst zusammen, andererseits ist bei den durch die Landstände im 
15. Jh. „geordneten Räten" oft ein Rückschlag eingetreten. Im allgemeinen läßt sich 
sagen, daß eine feste kollegiale Verfassung des Rates bis gegen das Ende des 15. Jhs. 
selten war, dann aber, in Sachsen 1499, in Bayern 1501 unter deuthcher Einwirkung 
der von Maximilian 1498 erlassenen Ordnungen, seit der Wende des Jahrhunderts all- 
mählich eingeführt und noch in der ersten Hälfte des 16. Jhs. überall üblich wurde. 
Damit war die Entwicklung beendet, die mit dem Eintreten der Juristen in den Rat 
begonnen hatte: er ist ein Kollegium von ständig tätigen Berufsbeamten geworden, 
das feudale Element, die Räte von Haus aus, ist ausgeschieden. Das bedeutete zugleich 

1) Auf die weitere Entwicklung der österreichischen Zentralverwaltung bin ich nicht einge- 
gangen, weil sie unter wesentlich anderen Voraussetzungen erfolgte als die der Territorien und sich 
von dieser immer mehr entfernte, auch in den oben S. 2 genamiten Grundrissen der österreichischen 
Beichsgeschichte ausreichend dargestellt wird. 



Die Behördenorganiaation 47 

eine Verselbständigimg des Rates gegenüber dem Fürsten und dem fürstlichen Hofe, 
und wir köimen in vielen Territorien verfolgen, wie sich die Hofbeamten von den Lan- 
desbeamten loslösten. In Süddeutschland wurde das alte Amt des Hofmeisters in ein 
Haus- und ein Landhofmeisteramt geteilt, auch in Norddeutschland traten die eigent- 
lichen Hofbeamten in der Regel nicht in den neu organisierten Rat ein; in den meisten 
der uns bekannten Hofordnungen des 16. Jhs. ist die Trennung des Rates vom Hofe 
bereits vollzogen. 

Die Zuständigkeit des Rates erstreckte sich anfangs unbeschränkt auf alle An- 
gelegenheiten des Fürsten und des Landes; dazu gehört, wie gelegenthch ausdrücklich 
angegeben wü-d, die auswärtige Politik, soweit sie einem deutschen Territorium möglich 
war, also vor allem die Reichspolitik, die Justiz, die Aufsicht über die Finanzen, über 
das Lehn- und Ivriegswesen und die gesamte innere Verwaltung. Der Schwerpunkt 
verlegt sich aber früh auf die Rechtsprechung, die ja auch in den großen außerdeut- 
schen Staaten einen wesenthchen Teil der Geschäfte des Rates gebildet hatte. Das gilt 
auch für die Territorien, La denen neben dem Rat noch ein besonderes Hofgericht ge- 
nannt wii'd. Derm einmal waren die Hofgerichte häufig nichts anderes als der zu förm- 
licher Gerichtssitzimg versammelte Rat. Und dann lag selbst da, wo das Hofgericht 
vom Rate ganz getrennt war, dem Rate ebenso wie in den andern Territorien noch das 
ausgedehnte Gebiet der Bilhgkeitsrechtspflege, d. h. einer summarischen, nicht an die 
Formen und Fristen des ordentlichen Prozesses gebimdenen Rechtsprechung ob; zu 
ihr sind auch die Supphkationen zu rechnen, die von den in Prozessen unterlegenen 
Parteien gegen die Gerichtsm-teile häufig eingelegt und ebenfalls nach Billigkeit be- 
schieden wurden. 1) 

Neben diesen Aufgaben der Rechtsprechung führte der Rat zugleich die allge- 
meine Landesverwaltung, zu der nicht bloß die Pohzei im Umfang des 16. Jhs., sondern 
auch die Vorbereitung der Gesetzgebung und der Verkehr mit den Landständen gehör- 
te. Diese Funktion erschien in manchen Territorien so wichtig, daß der Rat den Na- 
men der Landesregierung erhielt ; in Brandenburg dagegen überwogen die gerichtlichen 
Geschäfte so sehr, daß die alte Ratstube ihren Namen zugunsten des Kammergerichts 
verlor. 

Die Finanzverwaltung ist dagegen vom Rate noch im 16. Jli. losgelöst imd beson- 
deren Hof-, Amts- oder Rentkammern übertragen worden. Diese sind entweder, wie 
sich für Bayern deuthch erweisen läßt^), unter Nachahmung der östen-eichischen Hof- 
kammer geschaffen worden oder sie sind wie in Brandenburg allmählich entstanden, 
da mit der Überwachung der Finanzverwaltung imd der Prüfung der Rechnungen in 
der Regel von Anfang an nicht der ganze Rat, sondern nur ein Teil der Räte, die be- 
sonders bestimmten Kammerräte beauftragt wm-den. Daß solche Deputationen bald den 
Zusammenhang mit dem Ratskollegium verloren und daim xmter eigenen Präsidenten 
zu selbständigen Kollegialbehörden erhoben wiurden, erklärt sich leicht; die FLuanz- 

1) Auf die Kontroverse zwischen Stölzel und Rosexthal über die Bedeutung der Billig- 
keitsrechtspflege glaube ich hier nicht eingehen zu sollen, da es sich vor allem um juristische Fragen 
handelt. Ebensowenig kann ich hier meine Ansicht über die in den letzten Jahren viel behandelte 
Frage nach dem Verhältnis von Ratstube und Kammergericht in Brandenburg begründen. Die 
Tatsache scheint mir fest zu stehen, daß der Rat im 16. Jh. auch gerichtliche Funktionen ausgeübt 
hat. Das von RLDfKENBORG jüngst (FBPrG., Bd. XXVI, Januar 1914) veröffentUcht« Material 
zwingt gewißzueinerRevisionderAuffassungfürdasausgehende 16. Jh., dagegen kannich seiner Inter- 
pretation der Hofordnung von 1537 nicht beistimmen, verstehe vielmehr unter „unsem Sachen", in 
denen auch Briefe einkommen und Antworten erfolgen, mehr als bloß Rechtshändel des Kurfürsten, 
entsprechend der jüUchschen Hofordnung von 1.534 (A. f. G. d. Niederrheins, Bd. V, 1866, S. 112), die 
die Zuständigkeit des Rates auf „alle unsers gn, heren und der lande Sachen und anligen" erstreckt. 

2) Vielleicht auch für Württemberg, da die seit 1534 nachweisbare Rentkammer (vgl. WrsT- 
TERLTN, G. d. Beh.org. in Württ., I, S. 34) mögUcherweise auf eine Einrichtung der österreichischen 
Herrschaft zurückgeht. 



48 F. Härtung: Deutsche Verfaaaungsgeacbichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Verwaltung brauchte weniger Eechtsgelehrte als Fachmänner, die auch die wirtschaft- 
lichen Fragen zu beurteilen verstanden. 

Auf diese Weise sind in den deutschen Staaten im 16. Jh. selbständige Zentral- 
behörden entstanden. Sie bedeuteten gewiß einen großen Fortschritt in der Verwal- 
tung, aber doch zugleich eine Beschränkung der Selbständigkeit des Fürsten, die in 
vielen Ländern dadurch besonders empfindhch wurde, daß die Stände auf die Beset- 
zung der Stellen in den Kollegien einen gewissen Einfluß erlangten, namentUch die 
Ausschließung von Fremden erzwangen. Das führte nun in den meisten Territorien 
dazu, daß wie in Österreich die Aufgaben, die ihrer Natur nach eine besondere Ver- 
schwiegenheit erforderten oder das persönliche Interesse des Fürsten betrafen, also 
zumal die auswärtige Politik und die Angelegenheiten des fürstlichen Hauses, in der 
Regel nicht im vollen Rat, sondern vom Fürsten und einigen wenigen Räten behandelt 
wurden. Ob das bereits seit dem 14. Jh. üblich war und ob der Titel „Heimlicher" 
schon damals einen besonders vertrauten Rat zum Unterschiede von den andern Rä- 
ten bezeichnete, ist nicht mit Sicherheit festgestellt. i) Im 16. Jh. aber wurden nach- 
weisbar einzelne Räte als Geheime Räte vor der Menge der übrigen ausgezeichnet ; sie 
waren die Vertrauensleute des Landesherrn, begleiteten ihn auf seinen Reisen, wäh- 
rend die Kollegialräte bei ihren Behörden blieben, sie nahmen an den Sitzungen der 
Ratstube oder der Kollegien nur dann Teil, weim ihr Dienst beim Landesherrn es er- 
laubte; meist war ihnen auch ein besonderer Geheimer Sekretär zugeordnet. Daß es 
sich dabei um einen weit verbreiteten Brauch handelt, beweist außer den vielen einzelnen 
Erwähnungen auch das Testament Melchiors v. Osse, in dem (S. 170 der Ausgabe von 
Thomasius) ganz allgemeui empfohlen wird, aus dem weiten Rat drei bis vier Perso- 
nen auszuwählen. Mit der Zunahme der von den Geheimen Räten zu bearbeitenden 
Geschäfte stellte sich natürlich die Notwendigkeit heraus, feste Geschäftsordnungen 
zu geben und wie vormals die Räte zum Rat, so jetzt die Geheimen Räte zum Gehei- 
men Rat zusammenzuschließen; namentlich die Verwicklungen der auswärtigen Po- 
litik trugen dazu bei. Die Errichtung des Geheimen Rats als einer Kollegialbehörde 
erfolgte in Sachsen 1574, in Bayern 1582, in Brandenburg 1604, in Hessen-Cassel 
1609, in Württemberg nach einer vorübergehenden Einrichtung unter Herzog Chri- 
stoph im Jahre 1628. An dem persönlichen Verhältnis zwischen dem Fürsten und den 
Geheimen Räten wurde dadurch aber nichts geändert; auch als Collegium formatum 
war der Geheime Rat stets bloß ein beratendes Organ des Fürsten.^) 

Die Lokalverwaltung blieb in ihrem Wesen unverändert. Ihre Grundlage bildete nach wie vor 
das Amt, dessen Vorsteher, der Amtmami, zugleich Richter und Verwaltungsbeamter war. Eine 
Neuerung erfolgte in vielen Landschaften dadurch, daß die adligen Amtshauptleute (Droste usw.) 
entweder ganz beseitigt oder auf ein Ehrenamt beschränkt wurden, wälirend ihre amtlichen Funk- 
tionen von bürgerlichen Verwaltern oder Pflegern ausgeübt wurden. Das war billiger und dank der 
größeren Abhängigkeit des bürgerlichen Beamten vom Fürsten und seiner größeren Selbständigkeit 
in seinem Bezirk auch vorteilhafter für den Staat. Die Versuche, die Zugeständnisse des 14. und 
15. Jhs. rückgängig zu machen und die privilegierten adligen Güter der Oberhoheit der Ämter wieder 
unterzuordnen, glückten nirgends ganz. Die patrimoniale Gerichtsbarkeit und die damit verbundene 
Polizeigewalt des Adels und der Städte blieb bestehen; in Bayern wurde die Gerichtsbarkeit des 
Adels 1.557 sogar noch ausgedehnt. Auch in Sachsen blieb ein Teü des Adels von der Gewalt der 
Ämter befreit und unterstand lediglich den Zentralbehörden; er wurde zum Unterscliied von dem 
„amtssässigen" Adel als ,,sclirift-" oder „kanzleisässig" bezeichnet. Ganz neu geordnet wurde die 
Lokalverwaltung in Brandenburg; liier war durch die Vergabungen des 14. und 15. Jhs. die alte 

1) Vgl. darüber Rosenthal, G. des Gerichtswesens ... Baierns,Bd.I, S. 258undZSavStRGGA., 
Bd. XXIX, 1908, S. 341f. ; Spanoenberg, Hof- und Zentralverwaltung der Mark Brandenburg, 
S. 28, Anm. 4; Schapper, Hofordnung von 1470, S. 176 Anm. 1. 

2) Auf die Stellung der Geheimen Räte vor der Gründung von Geheimratskollegien hat die 
oben genannte Arbeit von Klinkenborg (FBPrG., Bd. XXVI) neues Licht geworfen. O. Becker 
versucht in seiner ebenfalls oben erwähnten Arbeit über den Geh. Rat in Hessen-Cassel die bisherige 
Ansicht von der allmählichen Herauslösung der Geh. Räte aus dem Rat zu widerlegen, aber mir 
scheint seine DarsteUung gerade das Gegenteil, nämlich die Richtigkeit der alten Ansicht auch für 
Hessen zu beweisen. 



Die Behördenorganisation 49 

Vogteiverfassung derart zerstört, daß die Reste des landesherrlichen Besitzes und der landesherr- 
lichen Befugnisse in neuen Ämtern zusammengefaßt wurden. In ihnen überwog das privatwirtschaft- 
liche Moment, die Verwaltung des landesherrlichen Grundbesitzes, so sehr über die Ausübung der 
staatlichen Gerichts- und Polizeihoheit, daß diese ähnhch der patrimonialen Gerichtsbarkeit des 
Rittergutes als ein bloßes Zubehör des Gutes erschien; das Amt war in Brandenburg seit dem 16. Jh. 
vor allem fürstliche Gutswirtschaft, Domänenamt. Dieser Unterschied wirkt im Sprachgebrauch 
bis auf den heutigen Tag nach. Während in Süddeutschland der Amtmann auch heute noch der 
staatUche Lokal Verwaltungsbeamte ist, wird in Preußen der Titel (Obor-)Amtmann und Amtsrat 
an Domänenpächter verliehen. 

In engstem Zusammenhang mit den Eeformen im Behördenwesen und mit 
dem allgemeinen Aufschwung der landesherrhchen Gewalt überhaupt steht der Aus- 
bau der landesherrlichen Finanzverwaltimg. Die Erkenntnis der Nachteile der unge- 
regelten Pinanzwirtschaft des MA., der Wunsch, die gesamten verfügbaren Mittel je- 
derzeit zu übersehen, führt zum Bruch mit dem bisher geübten System, die Ausgaben 
auf die Erträge der Amter anzuweisen, und zu dessen Ersetzung dm-ch eine Zentrah- 
sierung der Einnahmen und Ausgaben in der landesherrlichen Kasse, der Eentei oder 
Landschreiberei. Besondere Verdienste um die Verbessenmg des Kassen- und Eech- 
nungswesens haben sich die kaufmärmischen Unternehmer erworben, die zeitweise 
(um die Wende des 15. Jhs.) in Österreich und im albertinischen Sachsen die Leitung 
der Finanzen gehabt haben, und ihre Eeformen sind beibehalten worden, auch nach- 
dem die Verwaltung meder an landesherrhche Beamte gelangt war. Neben der Haupt- 
kasse bestand in mehreren Territorien, z. B. in Brandenburg und in Sachsen, noch eine 
besondere Kammerkasse (später als SchatuUe bezeichnet) fiu- den persönhchen Bedarf 
des Landesherrn. Sie bedeutete noch nicht etwa eine grundsätzhche Trennung zwi- 
schen dem privaten Aufwand des Landesherrn und den Staatsfinanzen, überhaupt 
weniger eine Beschränkung des landesherrhchen Ausgaberechts als vielmehr eine 
Sicherstellung des Hofhalts gegen die Schwankungen der Finanzverwaltung, vieUeicht 
auch eine Befreiung der persönhchen Ausgaben der Fürsten (z. B. Spielverluste) von 
der Kontrolle durch die Eechnungsbehörden. 

Denn gei'ade auf diesem Gebiet der Kontrolle ist durch den Eat und später durch 
die Kammern am meisten geleistet worden. Die Prüfung der Eechnungen wurde zu 
einer regelmäßigen Eun-ichtung, und sie erweiterte sich sehr bald zu einer ständigen 
Beaufsichtigung der ^'erwaltung der Einnahmequellen, zumal des landesherrhchen 
Gitmdbesitzes. Die Bewirtschafttmg der Ämter, der Forsten, der Bergwerke wm-de in 
großen Ordnimgen geregelt; am bekanntesten sind die Anweisungen, die Kurfürst 
August L von Sachsen und Markgraf Hans v. Küstrin gegeben haben. Auch die Aus- 
gaben wurden von den Kammern geprüft, und aus der rechnerischen Untersuchung 
entwickelte sich rasch eine Untersuchung der Zweckmäßigkeit, ein Streben nach Spar- 
samkeit, ferner nach Beschränkung der die KontroUe erschwerenden Naturalwu't- 
schaft am Hofe. Vor aUen Dingen wurde ein Gleichgewicht zwischen den Einnahmen 
und den Ausgaben erstrebt und zu diesem Zweck versucht, dm'ch AufsteUung von 
Voranschlägen, von Etats, die Finanzverwaltung in feste Bahnen zu leiten. Zum 
Schutz gegen die nachteüige Schuldenwirtschaft wurde auch die Ansammlung eines 
Staatsschatzes, eines „Vorrats", von der Theorie empfohlen^) und hin und wieder in 
der Praxis unternommen. 

Die Durchführung aller dieser Grundsätze und Absichten üi der Praxis war frei- 
lich sehr viel schwerer als die Abfassung schöner Ordnungen, xmd es ist gerade auf die- 
sem Gebiete vor einer Überschätzung der Vorschriften zu warnen. Die Landesherrn 
hielten sich zum guten Teil selbst nicht an die von ihnen erlassenen Bestimmungen, 
sondern zogen über den Etat hinaus Leute an ihren Hof und durchbrachen immer wie- 
der die in den Ordnungen geforderte Einheit der Kassenverwaltung durch besondere 

1) Vgl. Ludwigs v. Eyb Ratschläge (hersg. von F. Wagnek, FDG., Bd. XXV, 1885, S. 342 ff.). 

Grundriß der GeBclliclltswisseiischaft n, 4 ^ 



50 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichto vom 15. Jahrbundert bis zur Gegenwart 

Anweisungen. Das Nachwirken der mittelalterlichen privatrechtlichen Anschauungen 
des Fürstentums tritt hier wie bei den Erbteilungen deutlich zutage; die Finanzen 
galten als Eigentum des Fürsten und wurden demgemäß verwendet, der Aufwand für 
den Hof war häufig viel zu hoch. Aber daß die meisten deutschen Territorien im 16. Jh. 
in große finanzielle Nöte kamen, hegt doch vor allem in dem durch die Erweiterung der 
staathchen Aufgaben und durch die Kostspieligkeit der modernen Söldnerheere be- 
dingten Wachsen des staatlichen Bedarfs, dem die Einnahmen nicht entsprachen. In 
einzelnen Territorien (Bayern, Brandenburg, Brandenburg- Franken, Baden) versuch- 
ten die Landesherrn, ihre Einnahmen dadmxh zu erhöhen, daß sie auf Grund kaiser- 
hcher Privilegien neue Zölle oder indirekte Steuern (Ungeld) einführten ; aber sie stie- 
ßen dabei in der Eegel auf einen unüberwindHchen Widerstand der Stände, zumal der 
für ihren Handel füi'chtenden Städte, und auch da, wo sie sich schUeßlich durchsetzten, 
genügte die auf diese Weise erzielte Steigerung der Einnahmen nur auf kurze Zeit. 
Für alle Territorien erhob sich im 16. Jh. die Gefahr, der sie um die Wende des 14. Jhs. 
erlegen waren, einer Auflösung des Staates durch die Finanznot, durch Schulden mid 
Verpfändungen ; die Verpfändung von Ämtern nahm in Brandenburg und Bayern um 
die Mitte des Jahrhunderts schon einen großen Umfang an. Daß der Staat des 16. Jhs. 
diese Gefahr überwand, verdankt er vor allem der Ausbildung eines Staatssteuer- und 
Staatsschuldenwesens. Diese aber hängt eng mit der landständischen Verfassung zu- 
sammen. 

§ n. Die landständisehe Verfassung 

Allgemeine Literatur: G. v. Below, System und Bedeutung der landständischen Verfassung 
(Territorium und Stadt, 1900). O. Gierke, Genossenschaftsrecht, Bd. I, bes. S. 534ff. F. Rach- 
fahl, Der dualistische Ständestaat in Deutschland, JbGesW., Bd. XXVI (1902); Alte und neue 
Landesvertretung in Deutschland, ebd. Bd. XXXIII (1909). F. Tezneb, Technik und Geist des 
ständisch-monarchischen Staatsrechts (1901). 

Einzelne Territorien: Für Brandenburg: M. Hass, Die kurmärkischen Stände im letzten 
Drittel des 16. Jhs. (1913). S. Isaacsohn, Die Finanzen Joachims II. und das ständische Kredit- 
werk (Z. pr. G. u. Landeskunde, Bd. XVI, 1879). G. A. v. Mülverstedt, Die ältere Verfassung der 
Landstände in der Mark Brandenburg, vornehmlich im 16. und 17. Jh. (1858). Für Hannover: 
E. V. Meiek, Hannoversche Vfg. u. Verwaltungsg., Bd. I (1898). Für Jülich-Berg: G. v. Below, 
Die landständische Verfassung in Jülich und Berg bis zum Jahre 1511 (Z. berg. GVer., Bd. XXI 
u. XXII, 1885/86); Die Landtagsverfassung in Jülich und Berg von 1400—1538 (Einl. der Land- 
tagsakten von Jülich-Berg, Bd. I, 1895). Für Mecklenburg: C. Hegel, G. d. mecklenb. Land- 
stände bis 1555 (1856). Für die Pfalz: E. Gothemt, Die Landstände der Kurpfalz (ZGORh., NF., 
Bd. in, 1888). Für Sachsen (Kurfürstentum): J.Falke, Die Steuerbewilligungen der Landstände 
im Kurfürstentum Sachsen bis zu Anfang des 17. Jhs. (Z. f. d. ges. Staatswiss., Bd. XXX u. XXXI, 
1874/75). H. Haug, Das sächsische ObersteuerkoUegium (NA. f. sächs. G., Bd. XXI, 1900). Für 
Schlesien: G. Croon, Die landständische Verfassung von Schweidnitz-Jauer (Codex dinl. Silesiae, 
Bd. XXVII, 1912). 

Die Zusammenfügung der im mittelalterhchen Territorium vorhandenen stän- 
dischen Elemente zu einer dauernden Verfassungseinrichtung ist eine Folge der Aus- 
gestaltung des Territoriums zum Territorialstaat. Es erscheint mü- als ein wesentliches 
Verdienst Spangenbergs^), daß er den bedeutenden Anteil, den das Fürstentum an 
dieser Entwicklung genommen hat, gegenüber der lange üblichen Überschätzung der 
ständischen Initiative hervorgehoben hat. Wie das Fürstentum allgemein den Gedan- 
ken des Staates, dem alle Untertanen verpflichtet sind, vertrat, so verlangte es im be- 
sonderen von den Landständen, daß sie gemeinsam tagten und für das ganze Land ver- 
bindliche Beschlüsse faßten. Die Geschichte der Landstände in der Kurpfalz zeigt auf- 
fallend deuthch, wie gerade im eigenen Interesse, zur leichteren Durchführung großer 
politischer Aufgaben die Fürsten eine allgemeine Landesvertretung zu schaffen such- 
ten. Nicht überall fügten sich die Stände dieser neuen Form der fürstlichen Ansprüche 
gutwilhg; sie verteidigten den letzten Rest ihrer mittelalterlichen Autonomie, wenn 
sie sich gegen die Anerkennung der Mehrheitsbeschlüsse der Landstände wehrten. 

1) Vom Lehnstaat zum Ständestaat, S. 116ff. 



Die landständische Verfassung 51 

Diese Frage bildet darum auch den Gegenstand der letzten großen Kämpfe zwischen 
Landesherrschaft und Landständen, die fast gleichzeitig in den Jahren 1488 — 1492 in 
Bayern, in Brandenbm-g vmd in Mecklenburg ausgefochten worden sind. 

Der ausschlaggebende Einfluß der fürsthchen Gewalt auf die Ausbildimg der 
landständischen Verfassung tritt klar zutage bei den sächsischen und brandenburgi- 
schen Ständen, die sich im 15. und selbst im 16. Jh. in ihrer Organisation ganz den von 
den Fürsten vorgenommenen Landesteilimgen anpaßten. Freihch warnt gerade das 
Verhalten der Stände gegenüber den Teüungen vor einer allzu starken Verallgemeine- 
rung des von Spangenberg gewonnenen Ergebnisses. In Mecklenburg z.B. wider- 
setzten sich die Stände mit Erfolg den Teüungsplänen ihrer Landesherm und schlössen 
1523 eine eigene Union. Und wie im Eeiche der Zusammenschluß der Stände von die- 
sen ins Werk gesetzt wmde, weil sie gemeinsam sowohl den Anforderungen des Kaisers 
wie den aus der Schwäche der Zentralgewalt entstehenden Gefahren besser entgegen- 
treten konnten, so ging auch in vielen Territorien der Gedanke der Vereinigung der 
Stände zur Landschaft von den Ständen aus. 

So zeigt die Entstehung der landständischen Verfassung das gleiche Bild wie die 
des Territorialstaats und semer Behördenorganisation. Überall wirkte die gleiche all- 
gemeine Strömung nach fester politischer Ordnung; der Verlauf im einzelnen ist ver- 
schieden je nach den individuellen Momenten, die ihn bestimmten; aber das Ergebnis 
ist doch auch hier eine im wesenthchen gleichförmige Verfassung, ein Landtag mit fest 
abgegrenztem Teilnehmerkreis, geregeltem Geschäftsgang und bestimmten Kompe- 
tenzen. Die Organisation des Landtags kann hier mit Eücksicht auf die gi'undlegende 
Darstellung Belows (System imd Bedeutung der landständischen Verfassxmg, 
S. 183 ff.) ganz kurz behandelt werden. Von den einzelnen Kurien bedürfen die der 
Prälaten, der Grafen und Herrn und die nur sehr selten vorhandene der Bauern keiner 
Besprechung, da sie nicht überall bestanden und nirgends eine selbständige Bedeutung 
erlangten. Der Schwerpunkt der landständischen Verfassung niht in den beiden Kurien 
der Eitterschaft und der Städte; in wenigen Territorien, z. B.in Ansbach, Württem- 
berg, Trier, hat sich freilich die Eitterschaft im Laufe des 16. Jhs. reichsunmittelbar 
gemacht und fehlt seitdem auf dem Landtage. Li den übrigen Territorien ist da- 
gegen die Eitterschaft der wichtigste Stand des Landtags. Wer zur landtagsfähigen 
Eitterschaft gehört, ist in den verschiedenen Territorien verschieden geregelt; wäh- 
rend in Jülich-Berg und in einigen benachbarten Territorien nach Belows Forschun- 
gen die Burgenbesitzer das Eecht besaßen, auf den Landtagen zu erscheinen, haftete 
in Bayern die Landstandschaft am Eittergut, dessen entscheidendes Kennzeichen 
neben dem adhgen Stand des Besitzers doch wohl die patrimoniale Gerichtsbarkeit, 
nicht die Burg war ; in der Mark Brandenbm-g wm'den dagegen alle Lehnsmannen des 
Landesherrn zum Landtag berufen.^) Daß sich über die Landstandschaft Streit er- 
hoben habe, ist nicht überhefert; um alle Zweifel auszuschheßen, kam im 16. Jh. der 
Brauch auf, die landtagsfähigen Güter in Tafeln oder Matrikeln zu verzeichnen. Eine 
Besonderheit weist das — hier im allgemeinen freihch nicht berücksichtigte — Her- 
zogtum Preußen auf ; hier erschien der amtssässige Adel nicht persönhch auf den Land- 
tagen, sondern schickte gewählte Deputierte. 

Neben der Eitterschaft standen überall die Städtekurien, die ursprünghch wegen 
ihrer finanziellen Mittel stark ins Gewicht gefallen waren, seit dem 16. Jh. aber an poli- 
tischer Bedeutung immer mehr hinter dem Adel zmlickbUeben. Auch ihre Landstand- 
schaft war gewohnheitsrechthch entstanden; sie kam in der Eegel nur den gi'ößeren 
Städten zu, die oft als Hauptstädte besonders bezeichnet wurden. Der Träger der 

1) Gegen die Verallgemeinerung der von Bklow gewonnenen Ergebnisse vgl. besonders 
Hass, Die kurmärk. Stände, S. 32 Anm. 2. 



r 



52 F- Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Landstandschaft war der Eat, die Obrigkeit; die Bürgerschaft hatte keinen Einfkiß 
auf die Ernennung und Instruierung der städtischen Abgeordneten. 

Es besteht also ein wichtiger Unterschied zwischen den alten Landständen und 
den modernen Volksvertretungen. Die Landstandschaft ist ein eigenes Eecht, das in 
der Eegel nicht durch Wahl übertragen wird ; und wo statt des einzelnen Landstands 
gewählte Vertreter erscheinen, z. B. aus den Städten und aus dem preußischen Adel 
oder auf Ausschußtagen, da gelten diese nicht als Repräseiitanten der Gesamtheit, son- 
dern als die ihrer Auftraggeber und sind an deren Instruktionen gebunden. Und jeder 
Landstand fühlt sich auch vor allem berufen, die eigenen Interessen und die seiner so- 
zialen Klasse zu wahren. Aber nicht nur rechthch finden sich Ansätze zu einer Reprä- 
sentation des ganzen Landes durch die Landstände, z. B. in Jülich-Berg, wo ein Teil 
des Landes, die freien Bauern und die Güter des Klerus, auf dem Landtage nicht ver- 
treten sind und doch dessen Beschlüsse anerkermen müssen; auch tatsächlich sind die 
Landstände oft für das Interesse des ganzen Landes eingetreten. 

Die Beratungsformen der Landtage entsprachen in vielen Punkten denen des 
deutschen Reichstags. Die Berufung des Landtags war in der Regel ein ausschließ- 
liches Recht des Landesherrn ; nur in wenigen Territorien hatten die Stände das Recht, 
sich auch ohne Aufforderung des Fürsten zu versammehi.i) Daß dem Recht auch eine 
Pflicht zum Erscheinen entspreche, wurde zwar von den Fürsten behauptet, aber nicht 
durchgesetzt; doch war der Landtag auch ohne Anwesenheit aller Mitglieder beschluß- 
fähig. Ziu: Eröffnung des Landtags traten alle Kurien in gemeinsamer Sitzimg zu- 
sammen und hörten die landesherrliche Proposition an; deren Beratung erfolgte aber 
wie auf dem Reichstage abgesondert in den einzelnen Kurien und zwar geheim und 
unter Ausschluß des Landesherrn und seiner Beamten. Irmerhalb der einzelnen Kurien 
entschied die Stimmenmehrheit. Dagegen bestanden über die Ausgleichung zwie- 
spältiger Meinungen unter den Kurien keine festen Regeln; eine Überstimmung war 
auch da, wo sie durch das Vorhandensein von mehr als zwei Kurien möghch gewesen 
wäre, meist ausgeschlossen. Es war Aufgabe des Landesherrn und seiner Räte, die 
Ansichten der Kurien einander anzugleichen, damit em einhelliger Beschluß zustande 
kommen konnte. Eine volle Übereinstimmung, wie sie auf dem Reichstage nötig 
war, koimte in den meisten Territorien entbehrt werden, da formelle Landtagsabschiede 
nicht überall üblich waren, die Beschlüsse der einzelnen Kurien vielmehr in landes- 
herrlichen Patenten und die Gegenbewilhgungen des Fürsten in Reversen an die 
Kurien ausgefertigt wm'den. 

Die in der Regel dem Landesherrn zur Last fallenden erheblichen Kosten und die 
Umständlichkeit der Beratungen eines ganzen Landtags führte namentlich seit dem 
Ende des 16. Jhs. in vielen Territorien dazu, daß die Landesherrn statt dessen nur noch 
Ausschüsse beriefen. Die Landstände widersetzten sich dem häufig, weil die wenigen 
Mitglieder der Ausschüsse nicht immer gleich unabhängig vom Fürsten waren wie die 
Gesamtheit der Landstände. Li vielen Staaten, z. B. m Bayern und Brandenburg, ist 
in der Tat die Verdrängung des Landtags durch den Ausschuß der Anfang vom Ende 
der landständischen Verfassung geworden. Aber auch diese Regel erleidet ihre Aus- 
nahme; die württembergische Landschaft hat gerade im Ausschuß ein geeignetes 
Organ zm* dauernden Überwachung des Landesherrn gefunden. 

Über die Kompetenzen der Landtage läßt sich noch weniger etwas Einheitliches 
sagen, abgesehen vielleicht von der einen Tatsache, daß sie nirgends fest umschrieben 
waren. Verfassungsurkunden, die alle Rechte und Pflichten der Landesvertretung regeln, 

1) Vgl. darüber den Aufsatz von J. J. Moser, Von der teutschen Landstände Conventen 
ohne landesherrhche Bewilligung (in seinen ,, Nebenstunden", Heft 6, 1768, S. 876ff., fortgesetzt 
in der Sammlung einiger neuer Abhandlungen von Staatssachen, Bd. II, 1765). 



Die landständische Verfassung 53 

waren noch unbekannt. Die einzelnen Privilegien, Eechte und Freiheiten, die in 
Bayern seit 1514 nicht bloß in einem ständischen Archiv gesammelt, sondern auch 
dm-ch den Druck allen Beteiligten zugänglich gemacht wm'den, bedüi'fen überall der 
Ergänzung dm'ch das Herkommen, und dieses änderte sich nicht nur von Land zu 
Land, sondern auch von Regent zu Regent. Im allgemeinen läßt sich sagen, daß das 
Recht der Beschwerde so gut wie unbegi'enzt war ; nicht einmal vor dem persönhchen 
Verhalten der Fürsten machte die Ki'itik der getreuen Landstände Halt. Femer muß- 
ten die Stände gefragt werden bei Angelegenheiten, die in ihre eigene Rechtssphäre 
eingriffen, zumal bei der Besteuermig, meist auch bei dem Erlaß neuer Gesetze und 
Rechtssatzungen. 

Was darüber hinausgeht, wie das Streben der Stände nach Einfluß auf die ge- 
samte innere und äußere Regierung, das wechselte nach Zeit und Umständen und 
kann hier natürhch nicht im einzelnen betrachtet werden. Nur auf die allgemeinen 
Strömungen, von denen die landständische Pohtik getragen wurde, sei hingewie- 
sen: wie bei der Organisation der Behörden -narkt auch hier neben der Gleichartigkeit 
der Verhältnisse bewußte Nachahmung ein, denn anders kaim die fast wörthche Über- 
einstimmung wichtiger Forderimgen in den sächsischen und brandenbui'gischen Land- 
tagsverhandlungen der Jahre 1539 und 1540 nicht erklärt werden.*) Eine allgemein 
europäische Erscheinung ist es, daß die Stände am Indigenat festhalten, d. h. nur 
Landeskmder, mit Vorliebe solche vom Adel, in dem füi'stlichen Rat und in der Lan- 
desverwaltung angestellt wissen wollen. Sie streben ferner nach Einfluß auf die Re- 
gierung, indem sie neben den Hofräten noch besondere Landräte verlangen, die bei 
wichtigen Beschlüssen zm- besseren Wahrung der Interessen des Landes und der Stände 
zugezogen werden sollen; die Entscheidung über die Lebensfragen des Staates, von 
denen Gedeihen und Verderben der Lande abliLng, über Ki'ieg imd Frieden und über 
den Abschluß von Bündnissen, woUen sie sogar dem gesamten Landtag vorbehalten. 

Mit aUem dem haben die Landstände wohl zeitweise Erfolg gehabt ; ihre Forde- 
rungen sind nicht bloß in vielen Reversen anerkannt worden, sondern mehrmals ist 
deren Durchführung in der Form m die Wege geleitet worden, daß die Stände die alten 
Beamten absetzten und dem Landesherm neue Männer ihres Gefallens aufdrängten 
(1514 in Bayern; 1609 in Brandenburg nach dem Tode Joachim Friedrichs). Aber mit 
ganz wenigen Ausnahmen, die auf besondere Verhältnisse (z. B. die polnische Lehns- 
hoheit imd die lange andauernde Geistesschwäche der Herzöge in Preußen) zmiick- 
geführt werden müssen, haben aUe derartigen ständischen Einrichtungen nm- ein kurzes 
Leben gehabt; auf die Dauer ist die landesherrliche Regierung in ihrem Ki-eise, in 
Rechtsprechimg und auswärtiger Politik, doch unbehelligt geblieben, auch die Refor- 
mation imd die Gegem-eformation ist von den Fürsten, oft sogar gegen den Wülen der 
Landstände dm-chgeführt worden. Wie im Reiche war eben auch in den Territorien 
das Ständetum wohl fähig, vorübergehend Erfolge zu erringen, z.B. eine Landestei- 
lung zu verhmdern oder einen Wechsel der Räte zu erzwingen, aber einem bleibenden 
ständischen Regiment stand im Wege, daß die Stände für die Übernahme politischer 
Pfhchten wenig Neigung und Verständnis zeigten, daß sie auch jetzt noch die mittel- 

1) Die sächsischen Landtagsverhandlungen des Jahres 1539 sind einstweilen nur im Auszug 
bekannt (vgl. J. Fai.ke, Die landständischen Verhandlungen unter dem Herzog Heinrich von 
Sachsen 1539 — 1541, A. f.sächs. G., Bd. X,1872). Doch genügt auch die moderne Übertragung, um zu 
erkennen, daß die Eingabe der sächsischen Ritterschaft S. 44ff. die Vorlage für die Eingabe der 
brandenburgischen Oberstände beim Landtag des Frühjahrs 1540 (Kurmärkische Ständeakten aus 
der Regieningszeit Kurfürst Joachims IL, Bd. I, S. 85ff.) gebildet hat. Fast wörtlich entsprechen 
die sächsischen Punkte 1 (Bitte imi Bestätigung der Privilegien), 4 (keine wichtige Sache, daran der 
Lande Gedeihen oder Verderb gelegen, oline die Landstände anfangen), 5 (sich in kein Bündnis, 
zu dem die Untertanen gebraucht werden, begeben ohne Rat und Willen der Stände) und 9 (Erhal- 
tung der Klöster zugunsten des Adels) den brandenburgischen Punkten 1, 3, 4 und 5. 



54 i''- Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

alterliche Freiheit von staatlichen Pflichten höher schätzten als einen dauernden Anteil 
an der Regierung. Auch waren die Stände innerlich zu uneins; Adel und Städte stan- 
den sich in ihren wirtschaftspolitischen Ansichten und Zielen schroff gegenüber und 
hielten nur in der Negation, in der Abwehr aller Lasten und Gefahren, die die landes- 
herrliche Politik bringen konnte, zusammen. 

Wenn wir von der Gesetzgebung absehen, die von den Landständen oft angeregt 
worden ist, während sie die Abfassung der einzelnen Bestimmungen aus Mangel an 
Sachkunde in der Regel den landesherrlichen Räten überlassen mußten, haben die 
Stände nur auf einem Gebiet nachhaltige Erfolge erzielt, in der Steuerverfassung und 
-Verwaltung. Grundsätzlich war der Landesherr verpflichtet, die gesamten Kosten 
des Hofhalts und der Regierung aus den Erträgen des Kammergutes, der Domänen 
mid der Regahen zu bestreiten. Reichte er damit nicht aus, so konnte er Steuern nur 
mit Zustimmung der Stände erheben. Diese aber machten ihre Bewilligungen nur ge- 
gen politische Zugeständnisse, die zwar nicht so bedenklich waren wie die dauernden 
Steuerbefreiungen des MA., aber den Landesherrn doch lästig fielen. Denn die Stände 
waren zu Bewilligungen auf lange Zeit nicht zu haben ; die Notwendigkeit, zu verhan- 
deln und neue Konzessionen einzuräumen, trat also sehr häufig ein. Das Steuerbewilli- 
gungsrecht offen zu verletzen, war nur wenigen Fürsten, z. B. Philipp von Hessen, 
möglich ; aber man konnte es umgehen, wemi man Schulden aufnahm, statt die Stände 
um Hilfe zu ersuchen. Auch dieses Verfahren fand freilich früher oder später sein 
Ende, wenn der Kredit erschöpft war od er der Fürst starb und dem Nachfolger ein über- 
schuldetes Kammergut hinterließ. Dami mußten doch die Stände berufen und um 
Hilfe gebeten werden. Die Landstände haben sich in dieser Lage ein unbestreitbares 
Verdienst erworben, indem sie ihre Hilfe nie versagten, vielmehr die Notwendigkeit 
einsahen, für die Erhaltung des fürsthchen Kredits, für die geregelte Portführung der 
Verwaltung mit ihren Mittehi einzutreten, und die Schulden des Fürsten als eine 
dauernde Verpflichtung des ganzen Landes, als Staatsschuld anerkannten. Ihre Hilfe 
war zunächst freilich selten mehr als eine Halbheit, eine befristete Beisteuer zur Schul- 
dentilgung, kein dauernder Beitrag zur Deckung der notwendigen Ausgaben. Sie konnte 
daher ehie neue Verschuldung trotz allen Vorsichtsmaßregeln wie dem Verbot, Do- 
mänen zu verpfänden, oder der Bedingung, die bewilligte Steuer nur zu dem bestimm- 
ten Zweck zu verwenden, nicht verhindern. Fast in allen Territorien gingen die Stände 
im Lauf des 16. Jhs. deshalb noch einen Schritt weiter; sie nahmen die Schulden des 
Landesherrn zur Verzinsung und Tilgung auf sich. Das brachte wieder die Einführung 
ständiger Steuern mit sich, die in der Regel den Adel selbst freiließen, die übrigen Un- 
tertanen aber sowohl direkt durch Vermögenssteuern wie indirekt durch Verbrauchs- 
abgaben zumal vom Bier zu treffen suchten. Außerdem wurde dadurch die Errich- 
tung besonderer Behörden und besonderer Kassen zur Verwaltung der Schulden und 
dieser Steuern (Landschaft in Bayern, Kjreditwerk in Brandenburg, Landkasten in 
Mecklenburg und Württemberg, Obersteuerkollegium in Sachsen usw.) nötig. 

Die Finanzverwaltung des deutschen Territorialstaats bietet demnach etwa seit 
der Mitte des 16. Jhs. ein eigentümliches Bild dar: sie ist zwiespältig. Auf der einen 
Seite steht eine landesherrliche Verwaltung, die in der Hofrentei und der Hofkammer 
gipfelt und der die alten Eiimahmezweige, die Domänen und Regalien und die vor Er- 
richtung der ständischen Steuerverwaltung bereits dauernd gewordenen Steuern, das 
Ungeld in Ansbach, das „alte Biergeld" in Brandenburg unterstellt sind, auf der an- 
dern Seite eine landständische Verwaltung, deren oberste Behörde meist schon durch 
den Namen die Zugehörigkeit zum Lande im Gegensatz zum Hofe ausdrückt. Und da 
dieser Zwiespalt zwischen Herrschaft und Landschaft sich auch sonst noch findet, im 
.\mtsstil sowohl der Fürsten wie der Stände als etwas ganz Selbstverständhches er- 



Die landständische Verfassung 55 

scheint, namentlich in dem auf der Huldigung des Landes und dem Eevers des Landes- 
hen-n beruhenden Vertragsverhältnis zum Ausdruck kommt, so ist es namentlich seit 
GiERKE üblich geworden, den deutschen Territorialstaat als dualistisch zu bezeichnen. 
Landesherr und Land sind, so drückt Below die herrschende Lehre aus'), zwei ver- 
schiedene Eechtssubjekte. Diese Auffassung ist von Tezner^) angefochten worden; 
er hat vor allem aus dem unsicheren Anspruch der Stände auf Mitwirkung bei der Ge- 
setzgebung auf eine rechtliche Unumschränktheit des Landesherrn geschlossen. Aber 
seine Beweisführung leidet besonders darunter, daß er sie vorwiegend auf außerdeut- 
sche Beispiele stützt ; deshalb muß auch sein Ergebnis für die Mehrzahl der deutschen 
Territorien abgelehnt werden. Freiüch bedarf die herrschende Lehre vom Dualismus 
des Ständestaats einer Einschi'änkung. Es fehlen nicht nur in vielen kleinen Terri- 
torien alle Voraussetzungen für den Dualismus, starke, vom Fürstentum unabhängige 
ständische Gewalten. Sondern auch in den größeren Tenitorien, selbst in den klassi- 
schen Ländern des Dualismus darf von einer vollen Gleichberechtigung zwischen Herr- 
schaft und Landschaft nicht gesprochen werden. Auch ist der Duahsmus nicht etwa 
von vornherein im Wesen des Territorialstaats begi'ündet gewesen, er ist vielmehr eine 
Eückbüdung. Das erstarkte Fürstentum des 15. Jhs. ist durchaus auf eine einheitUche 
Staatsgewalt ausgegangen ; es ist in der Gesetzgebung und in der Rechtsprechung als 
die allgemeine Obrigkeit aufgetreten. Aber es ist damit nicht ganz diu'chgedrungen. 
Die Reste von patrimonialer Staatsauf fassung, auf die bereits (S. 36 und 50) hinzu- 
weisen war, sind darauf gewiß von Einfluß gewesen, aber entscheidend ist doch die 
Tatsache, daß dem Fürstentum die Macht gefehlt hat, den Gedanken von der Einheit 
der Obrigkeit ganz durchzusetzen. Die finanziellen Schwierigkeiten, deren es aus 
eigener Kraft lücht Herr werden koimte, haben es seit dem 16. Jh. gezwungen, sich an 
die Stände zu wenden ; und diese sind trotz allen Verlusten an Freiheiten, trotz der Un- 
terordnung unter die fürsthche Gewalt, noch stark genug gewesen, um das Fürstentum 
zu Zugeständnissen zu zwingen und eine gewisse poUtische Selbständigkeit zu erringen, 
die wohl so weit gehen mochte, daß die Stände wie em gleichberechtigter Faktor er- 
schienen und sich sogar in die auswärtige Pohtik des Fürsten einmischen konnten. Der 
Dualismus ist ein Kompromiß zwischen Fürstentum und Ständen. Er ist zur dauern- 
den Einrichtung geworden und hat sich immer stärker ausprägen körmen, weil die 
deutschen Fürsten seit der Mitte des 16. Jhs. die großen poUtischen Ziele ganz aus den 
Augen verloren und gar kein Bedürfnis mehr empfanden, den Duahsmus zu überwin- 
den und alle Kräfte ihres Staates der eigenen Verfügung zu unterstellen. Im Gegen- 
teil, der Verengerimg des politischen Gesichtskreises folgt eine Verengerung des Staats- 
begriffs, die den Dualismus noch verschärft. Nur das gilt den Fürsten noch als Staat, 
was sich in ihrem unmittelbaren Besitz befindet, was als Eigentum, als Patrimonium 
der Dynastie bezeichnet werden kann ; Staat und Kammerstaat, d. h. das Domanium, 
werden identische Begriffe. Trotzdem ist der Gedanke der einheithchen und allge- 
meinen Obrigkeit nicht ganz aufgegeben worden. Wohl hat der Sprachgebrauch jener 
Zeit den Fürsten und das Land als zwei selbständige Faktoren einander gegenüber- 
gestellt, wohl hat auch das Fürstentum selbst es jelänger je mehr als überflüssig emp- 
funden, daß es mit seinen Kammereinkünften Eimichtungen unterstütze, die vor allem 
dem Lande zugute kämen, aber es hat doch daran festgehalten, daß die Landschaft zu 
seinen Untertanen gehörte, daß auch die landständischen Steuern nur auf Grund fürst- 
licher Befehle erhoben würden, und es hat sich auch, wie wir aus den neueren, nicht 
bloß die Organisation, sondern auch die Tätigkeit der Behörden untersuchenden For- 

1) System und Bedeutung der landständischen Verfassung (Territorium und Stadt), 
S. 248. 

2) Technik und Geist des ständisch-monarchischen Staatsrechts (1901). 



56 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschiclite TOm 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

schungen^) erkennen, einen starken, weit über die herkömmliche Auffassung vom Dua- 
hsmus hinausgehenden Einfluß auf die landständische Steuerverwaltung gewahrt. 

Der entscheidende Faktor ist also auch im dualistischen Territorialstaat das Für- 
stentum gebUeben ; die viel gebrauchte Bezeichnung als Ständestaat trifft daher auf die 
politische Verfassung nicht zu. Die Stände sind nur eine Beschränkung der fürstlichen 
Gewalt ; sie wehren neue Belastungen, soweit es die allgememe Lage zuläßt, vom Volke 
ab, sie ermahnen den Fürsten zur treuen Erfüllung seiner Eegentenpflichten, sie wa- 
chen über die Landesrechte, sie führen Beschwerde über Übergriffe der fürstlichen Be- 
amten und sichern so auch dem gemeinen Mann den Rechtsschutz gegen Willkür 
der Beamten, sie sorgen für die Erhaltung der reinen Lehi-e ; sie wirken endlich aus- 
drüekhch auf den Landtagen, aber auch stillschweigend durch ilire bloße Existenz zur 
Sparsamkeit, zur Zurückhaltung in der auswärtigen Pohtik, zur Friedfertigkeit. Sie 
haben damit ihren großen Anteil an den Verdiensten des deutschen Territorialstaats 
im 16. und 17. Jh. genommen, an dem Amtsbegriff des Fürstentums, an der Pflege des 
geisthchen und welthchen Wohles der Untertanen, an der Erhaltimg der alten christ- 
lichen Zucht und Ehrbarkeit. Aber sie tragen auch die Mitschuld an den großen 
Unterlassungen jener Staaten, an dem Verfall der kostspieligen, aber'unentbehrlichen 
miütärischen Macht, an der schwächlichen auswärtigen Politik, die allen Gefahren 
durch Passivität begegnen zu können vermeinte. Das hat sich nicht allein im Dreißig- 
jährigen Kriege gerächt, wo die deutschen Territorien fast ohne Ausnahme wehrlos 
den großen Mächten und ihren Heerführern preisgegeben waren, sondern es hat über- 
haupt zur Erstarrung des politischen Lebens geführt. Das Urteil, das Gothein über 
die badischen Markgrafschaften fäUt^), daß den hoffnungsfreudigen Anfängen des 
16. Jhs. die ängsthche Vorsicht am Ausgange recht wenig gleiche, daß die Enkel nur 
hätten erhalten woUen, wo der Vorfahr schaffen wollte, das gilt allgemein für die deut- 
schen Territorien, zumal für die protestantischen Staaten. Gerade in ihnen hat sich 
unter dem Einfluß der Lehre vom leidenden Gehorsam der kleinstaatliche Typus ent- 
wickelt, wie er bei den Staatstheoretikern jener Zeiten von Melchior v. Osse bis zu 
Veit Ludwig v. Seckendorff geschildert wird, wie er in den fürsthchen Testamenten als 
Ideal erscheint, wie er sich aber auch in der gesamten Politik von Fürsten und Land- 
ständen ausgeprägt hat, jener Staat, der kein höheres Ziel kannte als den lieben Frie- 
den, als ein stilles und geruhsames Leben in Gottseligkeit und Ehrbarkeit. Diese klein- 
staatliche Verkümmerrmg und Selbstbescheidung, dieser Verzicht auf allen kräfte- 
beanspruchenden aber auch ki-äfteentwickelnden Ehrgeiz hat auf lange Zeit hinaus 
große Gebiete Deutschlands politisch und wirtschaftlich gelähmt. 

Fünftes Kapitel: Der Absolutismus in Brandenburg-Preußen von 1640—1806 

Quellen: C. O. Myliüs, Corpus Constitutionum Marchicanim (6 Bde. u. 4 Forts., bis 1750, 
Berlin 1737 — 1755); fortgesetzt für 1751 — 1806 in dem Novum Corpus Constitutionum Prussico- 
Brandenburgensium, hersg. von der Ak. d. Wiss. Berlin (1753 — 1807), mit Nachtrag für 1807 — 1810 
(1822). Urkunden und Aktenstücke zur G. des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg 
(seit 1864; für die iimere Entwicklung kommt nur die Abteilung „Ständische Verhandlungen" mit 
vier Bänden, V für Cleve-Mark. X für Brandenburg, XV und XVI für Preußen in Betracht). Urkun- 
den und Aktenstücke zur G. der inneren Politik des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg 
(seit 1895; bis jetzt zwei Abteilungen, 1. K. Breysig, G. d. Brandenb. Finanzen Inder Zeit 
von 1640 — 1697, 1. Bd. Kammerverwaltung, 1895. 2. 0. Hötzsch, Stände und Verwaltung von 
Cleve und Mark, in der Zeit von 1666 — 1697, 1908). Acta Borussica, Denkmäler der Preuß. Staats- 
verwaltung im 18. Jh., hersg. von der Ak. d. Wiss. (unter der Leitung von G. v. Schmoller), seit 
1892; 1. Abteilung, Behördenorganisation und allgemeine Staatsverwaltung, bis jetzt 10 Bde. 
(z. T. Doppelbände) für 1713 — 1756; 2. Abteilung, Die einzehien Gebiete der Verwaltung, davon 

1) Ich erinnere besonders an die Arbeit von M. Hass über die kurmärkischen Stände im letz- 
ten Drittel des 16. Jhs., die das Urteil über die Bedeutung des Ständetums unter Johann Georg 
wesentUch verändert hat. 

2) Die bad. Markgrafschaften im 16. Jh. (1910), S. 91. 



Die Auseinandersetziing mit den Ständen 57 

sind erschienen 3 Bde. über die Seidenindustrie, 3 Bde. über die Getreidehandelspolitik (bis 1756), 
4 Bde. über das Münzwesen (bis 1806, dazu 3 Hefte Münzbesclireibungen), 1 Bd. für die Handels-, 
Zoll- und Akzisepolitik (bis 1713); endlich ein Ergbd., die Briefe König Friedrich WiDiehns I. an 
den Fürsten Leopold zu Anhalt-Dessau. Die politischen Testamente der HohenzoUem, hersg. von 
G. KtJNTZEL und M. Hass (1911). Preußen und die katholische Kirche seit 1640, bearb. von M. Leh- 
mann und H. Granier (9 Bde., 1878—1902). 

Darstellungen (vgl. auch die oben S. If. angegebene Literatur): F. Harttotg, Die politischen 
Testamente der HohenzoUem (FBPrG. Bd. XXV, 1913). O. Hintzb, Der Staat des Großen Kur- 
fürsten (Internat. Monatsschr. f. Wissenschaft, Jahrg. VIII, 1914); Der preuß. Militär- und Beamten- 
staat des 18. Jhs. (Hist. u. pol. Aufs. Bd. I). A. F. Riedel, Der Brandenb.-preuß. Staatshaushalt 
in den beiden letzten Jahrhunderten (1866). G. Schmoixer, Studien über die wirtschaftUche Politik 
Friedrichs des Großen und Preußens überhaupt von 1680—1786 ( JbGes"W., Bd. VIII, X, XI, 1884, 
1886, 1887); Die Epochen der preuß. Finanzpolitik bis zur Gründung des Deutschen Reiches (Umrisse 
und L'ntersuchungen S. 104ff., auch .JbGesW., Bd. I, 1877). 

Außerdem wird die innere Entwicklung Brandenburg-Preußens auch in den meisten allgemeinen 
Darstellungen der preußischen und deutschen Geschichte mehr oder weniger eingehend behandelt. 
Ich nenne von diesen über den eigentlichen Bereich der Vfg. hinausgehenden Arbeiten; für den 
Großen Kurfürsten B. Erdmannsdörffers noch nicht überholte Deutsche G. vom Westfäl. Frieden 
bis zum Regierungsantritt Friedrichs des Großen (Bd. I, 1892, bes. S. 410ff. u. 450ff.); für Fried- 
rich I. 0. Hentze, Staat und Gesellschaft unter dem ersten König (HohenzoUem- Jb., Bd. IV, 1900; 
auch Hist. u. pol. Aufs. Bd. I); für Friedrich Wühelm I., der noch keinen modernen Biographen ge- 
funden hat, Ekdmanxsdörffer a. a. O. Bd. II (1893). S. 477ff. und G. Scemoller. Die üinere 
Verwaltung des Preuß. Staates unter Friedrich Wühehn I. (PrJbb., Bd. XXV u. XX\^, 1870) 
und das Städtewesen unter Friedrich Wühelm I. (Z. f. Preuß. G. u. Landeskunde, Bd. VIII, X — XII, 
1871. 1873/7.5): für Friedrich II. R. Koser, G. Friedrichs des Großen (3 Bde., 4. u. 5. Aufl., 1912/13; 
der Schlußband mit Register und Anmerkungen steht einstweilen noch aus). Die Literatuf über den 
Niedergang Preußens vor 1806 s. unten bei § 22. 

§ 18. Die Auseinandersetzung mit den Ständen 

G. KÜNTZEL, Über Ständetum und Fürstentum vornehmlich Preußens im 17. Jh. (Beitr. 
z. brand. u. preuß. G., Festschrift zu G. Schmollers 70. Geburtstag, hersg. vom Ver. f. G. d. Mark 
Brandenburg, 1908, S. 101 ff.). Für Brandenburg fehlt eine besondere Untersuchung, für Cleve vgl. 
HÖTZSCH (oben S. 56); für Preußen: H. Racbel, Der große Kurfürst und die ostpreuß. Stände 
1640—1688 (1905). R. Bergmann, G. d. ostpreuß. Stände und Steuern von 1688—1704 (1901). 
Für Friedrich Wilhelm I.: V. Loewe, Die AUodifjkation der Lehen unter Friedrich Wilhelm I. 
(FBPrG., Bd. XI, 1898). 

Bis in die Mitte des 17. Jhs. unterschied sich das Staatswesen der märkischen 
HohenzoUem kaum von den normalen deutschen Territorialstaaten. Zwar hatten 
glückliche Erbschaften den Besitz der Dynastie wesentlich erweitert, 1609 um die jü- 
lich-clevischen Lande, von denen freilich nur der clevisch-märkische Teil dauernd be- 
hauptet werden konnte, 1618 um das imter pohlischer Lehnshoheit stehende Herzog- 
tum Preußen. Aber ein einheitliches Staatswesen war damit noch nicht geschaffen 
worden, vielmehr behielt jedes Temtorium seine getrennte Regierung, imd die in der 
Gemeinsamkeit des LandesheiTn gegebene Verbindung kam in der Politik umso we- 
niger zum Ausdruck, als der bestimmende Faktor nicht der Landesherr, sondern in al- 
len Territorien, vor allem in Cleve und Preußen, die Stände waren. Wähi'end des gan- 
zen Dreißigjährigen Ki'ieges führte jedes einzelne Territorium ein Sonderdaseia, an ge- 
meinsames Auftreten, an Unterstützimg etwa der am härtesten vom Kriege mitge- 
nommenen Kurmark winde mi'gends gedacht. Ob Schwarzenberg wirklich, wie ein 
neuerer Porscher^) meint, ein grundsätzlicher Gegner dieser ständisch-territorialen 
Eegierungsweise gewesen ist und eine absolutistische Machtpohtik hat einschlagen 
wollen, mag hier dahingestellt bleiben. Deim dauernde Erfolge hat er damit nicht er- 
zielt, vmd die Regierung des Großen Kurfürsten begarm noch einmal ganz im Geiste der 
ständischen Forderungen; die eingeborenen Adligen berieten den Kurfürsten, ihr 
Wunsch nach Auflösung des Heeres wurde erfüllt, die tatenlose Neutralität galt noch 
einmal als die beste Politik inmitten der kämpfenden gi-oßen Mächte. 

Aber noch während des &ieges hat Kurfürst Friedrich Wilhelm erkannt, daß 

1) O. Meinardus, Die Legende vom Grafen Schwarzenberg (PrJbb., Bd. 88, 1897); Xeue 
Beitr. z. G. des Großen Kurfürsten (FBPrG., Bd. X\T u. XVII, 1903/04). 



58 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

ein Fürst seine Länder nicht behaupten, seine Ansprüche nicht durchsetzen könne, 
wenn er nicht ständig eine reale Macht einzusetzen habe mit einem Heer. Mit der 
Gründung des stehenden Heeres, das 1644 zum erstenmal aufgestellt und nach den 
Friedensschlüssen wohl in seiner Stärke vermindert, aber niemals ganz aufgelöst wor- 
den ist, beginnt der Bau des brandenburgisch-preußischen Gesamtstaats. Deim dieses 
Heer gehört allein dem Kurfürsten, der Dynastie ; es dient ihm in allen seinen Territo- 
rien, deren Stände und Behörden grundsätzlich nichts mit dem Heere zu tun haben. 
An den Fragen des stehenden Heeres, der gemeinsamen Büstung gegen das Ausland 
entsteht zum erstenmal ein die rein zufällige Verbindimg der Personalunion überwin- 
dendes Bewußtsein der Zusammengehörigkeit aller kurfürstlichen Lande, die der Kur- 
fürst als ,,membra miius capitis" auffaßt. 

Bei dem schroffen Gegensatz, in dem diese einheitliche MachtpoHtik zu allen 
Tendenzen der Stände, der territorialen Abgeschlossenheit sowohl wie der Friedfertig- 
keit der auswärtigen PoUtik, stand, ist es begreiflich, daß sie sich überall gegen die Er- 
richtung des Heeres und zumal gegen seine dauernde Beibehaltung gewehrt haben ; sie 
wollten weder die mit dem stehenden Heere verknüpfte dauernde Steuerbelastung 
übernehmen, noch dem Kurfürsten eine über ihren Gesichtskreis und ihre Interessen 
hinausgehende und „ausländische Provinzien" berührende Politik gestatten. Am leich- 
testen setzte sich Friedrich Wilhelm den Ständen der Mark Brandenburg gegenüber 
durch. Sie fühlten sich mit ikrem Herrscherhaus doch wohl fester verbunden als die 
erst neuerdings erworbenen Lande; ihre unbedingte Treue whd in allen politischen 
Testamenten der Hohenzollern rühmend hervorgehoben. Aber auch sie unterwarfen 
sich nicht bedingungslos. Der nach langen Verhandlungen zustande gekommene Land- 
tagsrezeß vom 26. Juli 1653^) bedeutet sogar einen erneuten Sieg der Stände. Er be- 
willigt die Steuer für den Unterhalt des Heeres nur auf sechs Jahre und er wiederholt 
alle alten politischen und ku'chlichen Zugeständnisse des 16. Jhs., die in der Bestim- 
mung gipfeln, daß in wichtigen Dingen, „doran des Landes Gedeien oder Verderb ge- 
legen", nichts ohne Zustimmung der Stände geschehen dürfe. Aber beide Beschrän- 
kungen sind durch die Entwicklung der Dinge bald hinfällig geworden; die Steuer, die 
sogenannte Kontribution, die freilich den Adel freiheß, ist mit dem Heere eine dauern- 
de Eim-ichtung geworden, und auf die kurfürstliche Eegierung haben die Stände auch 
jetzt keinen Einfluß gewonnen. Die praktische Bedeutung des Rezesses beruht ledig- 
lich in der Festigung, nicht etwa Begründung des Abhängigkeitsverhältnisses der 
Bauern gegenüber den Rittergutsbesitzern, namentlich in der Bestätigung der Leib- 
eigenschaft überall da, wo sie bereits üblich sei, und in der Erschwerung der Beweisfüh- 
rung für die Bauern, die frei zu sein behaupteten. Gegen wirtschafthche Zugeständ- 
nisse haben die märkischen Stände ihre poütischen Ansprüche fallen lassen. 

Wesentlich schwieriger gestaltete sich die Auseinandersetzung mit den Ständen 
in Cleve und der Grafschaft Mark. Sie hatten schon infolge der Schwäche der letzten 
Herzöge eine starke Stellung irme, der Erbstreit war ihren Ansprüchen auch günstig, 
und bei der staatischen, d. h. ständischen Partei in den Niederlanden fanden sie stets 
Rückhalt gegen ihren Landesherrn. Gleich den ersten Versuchen des Kurfürsten, sich 
durch eine „eigene Armatur" in den Besitz der Festungen beider Länder zu bringen, 
setzten sie lebhaften Widerstand entgegen, weil sie darin den Keim eines „absoluten 
Dominats" erblickten. Der Kurfürst mußte ihnen in der Tat nachgeben und in dem 
Landtagsabschied vom 9. Oktober 1649 die für den Ständestaat charakteristischen Zu- 
sicherungen, wie die Anerkennung des Indigenats, die Verpflichtung der Beamten auf 
die ständischen Privilegien und ähnliche erteilen. Li den folgenden Jahren gingen die 

1) Bei Mylius, Bd. VI, 1, S. 425ff., im Auszug auch bei W. Ai,tmann, Ausgew. Urkunden 
zur Brandenb.-Preuß. Vfg. u. Verwaltungsg., Bd. I (nur in der 2. Aufl. 1914), S. 81ff. 



Die Auseinandersetzung mit den Ständen 59 

Stände, gestützt auf das Übergewicht der Staaten in Holland, noch weiter und trieben 
während des jülichschen Kiieges von 1651 luid des Eegensburger Beichstags von 1653 
und 1654 offen eine selbständige, dem Landesherrn entgegengesetzte Politik. Aber ge- 
rade auf dem Reichstag war die Stimmung den Landständen nicht günstig, wie schon 
der weiter imten anzuführende § 180 des Reichsabschieds (vgl. § 23) beweist, und die 
Stände hatten mit ihren Bestrebungen kein Glück. Dagegen schritt der Kurfürst jetzt 
energisch em, er heß den Fühi'er der Stände, v. Wilich, verhaften, er veranstaltete 
während des nordischen lü'ieges auch in Cleve und Mark große Rüstungen ohne alle 
Rücksicht auf die Stände und den Landtagsabsclüed von 1649. Nach dem Frieden von 
Oliva, der ihm freie Hand Heß, machte er der MachtsteUimg der Stände überhaupt ein 
Ende. Er kassierte den Landtagsabschied von 1649, da er ein unzulässiges „condomi- 
nium" der Stände eingeführt hätte, und diktierte ihnen einen neuen Rezeß, der zwar 
das Lidigenat für die Stellen der Landesregienmg bestehen ließ, aber das Steuerver- 
weigerungsrecht beseitigte, die Ernennung eines Statthalters ausschließhch ins 
Beheben des Km-fürsten stellte, die Vereidigung der Beamten auf die Landtags- 
abschiede strich und dem Kurfürsten das unbeschränkte Recht, Truppen zu werben, 
zuerkannte. Vor der Drohung, den Rezeß mit Waffengewalt durchzusetzen, wichen die 
Stände zurück und nahmen am 3. November 1660 den kurfürstlichen Entwm-f an. 
Nachdem der Km-fürst auf diese Weise die landesherrliche Gewalt neu begründet hatte, 
konnte er getrost den Ständen wieder einen Schritt entgegenkommen; am 19. März 
1661 erheß er einen weiteren Abschied, der den Ständen das Recht der Steuerbewilh- 
gung und die Befugnis, sich gegen vorherige Anzeige zu versammeln, zusprach.^) 

Am hartnäckigsten kämpften die preußischen Stände gegen das Wachstum der 
fürstlichen Gewalt. Sie waren noch günstiger gesteht als die clevischen, da die Landes- 
herrschaft von Polen lehnsabhängig war und Polen das Verhältnis zwischen ihr und den 
Ständen in einer ,, Balance" hielt, die die Stände mit gutem Grund als „gewünscht" be- 
zeichneten; denn tatsächlich unterstützte Polen die Ansprüche der Stände auf alle 
Weise. Diese vorteilhafte Zwischenstellung zwischen Polen und dem eigenen Landes- 
herrn hatte der preußische Adel dazu benutzt, um über den übUchen Dualismus hinaus 
zm- Beherrschung der gesamten Verwaltung, auch des Kammerstaates vorzudringen. 
Die Städte, von denen freilich nur die drei selbständigen Teile von Königsberg (Alt- 
stadt, Neustadt und Löbenicht) politisch ins Gewicht fielen, erfreuten sich einer fast 
mittelalterlichen Autonomie. 

Erst nachdem die während des nordischen Krieges geschlossenen, im Frieden 
von Oliva bestätigten Verträge die Lehnshoheit Polens aufgehoben hatten, konnte der 
Kurfürst gegen die preußischen Stände vorgehen. Zwar war durch die Souveränität 
an deren Rechtsstellung wenig geändert worden ; ihre Privilegien hatte der Friede von 
Oliva ausdrücklich anerkannt, das „absolutum dominium" des Kurfürsten galt nur 
für die auswärtige Politik. Aber die polnische Gerichtsbarkeit über den Kurfürsten 
war doch beseitigt worden, und in der Praxis machte sich der Wegfall der bisher not- 
wendigen Rücksichten auf Polen in den gesteigerten Ansprüchen des Kiufürsten, in der 
Ernennung eines von den Ständen unabhängigen Statthalters, in der Errichtimg eines 
fürstlichen Oberappellationsgerichtes, in der Aufstellimg eines Heeres und in den 
Steuerforderungen schon während des nordischen Krieges bemerkbar. 

Es ist daher begreiflich, daß die Stände sich auf dem großen Königsberger Land- 
tag, der mit einigen Unterbrechungen vom Sommer 1661 bis ins Frühjahr 1663 wähi'te, 
grundsätzhch gegen die Anerkennung der ohne ihr Zutun geschaffenen neuen Lage 

1) Die Rezesse sind (z. T. nur im Auszug) gedruckt bei Scotti, Sammlung der Gesetze und 
Verordnungen für Cleve und Mark, Bd. I (1826), S. 269ff. u. 365ff., kurze Auszüge auch in den Urk. 
u. Aktenstücken, Bd. V, S. 390 ff. und 972 ft. 



60 F- Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

wehrten, daß sie zum mindesten auch dem souveränen Landesherm gegenüber ihre 
Eechts- imd Machtstehung durch periodische Landtage, durch Entlassung des kur- 
fürsthchen Heeres, durch Unterordnung der unentbehrhchen Besatzungen unter einen 
ständischen Landobersten und durch die Verweigerimg der Steuern zu sichern bemüht 
waren. Der Versuch des Kurfürsten, ähnUch wie er es in Cleve getan hatte, auch in 
Preußen die neue Verfassung^) zu oktroyieren, scMug fehl; auch die Weitererhebung 
der Steuern ließ sich nicht durchsetzen. Man begreift es, daß Otto v. Schwerin, der 
den abwesenden Kurfürsten vertrat, zur Nachgiebigkeit riet. Aber dieser blieb in dem, 
was er für die Zukunft seines Hauses und Staates als unentbehrlich erkarmt hatte, 
unbedingt fest. Da Schwerin mit den Ständen nicht fertig wurde, erschien er persön- 
lich im Herbst 1662 mit Truppen in Königsberg und ließ den Führer der Opposition, 
Hieronymus Roth, verhaften. Trotz dieser Energie drang er nicht ganz durch ; er konnte 
auch jetzt noch nicht den Ständen die Bedingungen diktieren, sondern mußte ein 
Kompromiß mit ihnen eingehen und in einer förmhchen Assekuration (vom 23. März 
1663) ihre Rechte, auch die Regelmäßigkeit der Landtage, anerkennen. Aber die Stände 
mußten zugeben, daß ihre Privilegien nm- so weit Bestand haben sollten, als sie der 
Souveränität nicht im Wege ständen, und sie mußten im Landtagsabschied vom 
1. Mai 1663 die Steuern bewilligen, mit denen der Kurfürst den Unterhalt des Heeres 
bestritt.^) 

Damit waren in allen Territorien die Stände so weit gebracht, daß sie sich dem 
neuen Staate des Kurfürsten, wie er sich im Heere verkörperte, nicht mehr widersetz- 
ten. Mit diesem Ergebnis hat sich Kurfürst Friedrich Wilhelm begnügt. Der Abso- 
lutismus ist erst im Werden ; aus der altterritorialen Auffassung des Fürstenberufs als 
eines von Gott übertragenen Amtes für die Gesamtheit folgert der Kurfürst, daß das 
Interesse des Landes, die salus publica höher stehe als das Privilegium eines einzelnen 
Standes, daß er zumal im Falle der ,,extrema necessitas" über die ständischen Vorrechte 
hinweggehen dürfe. Eine grundsätzliche Beseitigung der Stände hat ihm ferngelegen. 

Die ständische Verfassung wurde also nirgends ganz aufgehoben, aber sie verlor 
allmählich ihre Bedeutung und ihre Lebensfähigkeit. Nur in den rheinischen Landen, 
die dem Kern des altpreußischen Staates fernlagen und niemals ganz in sem Gefüge 
eingeordnet wurden, bheb sie wirklich in Kraft, aber auch hier war sie bloß eine Art 
Selbstverwaltung der eigenen Angelegenheiten, nicht eine Mitregierung im alten Sinn, 
die dem Landesherrn etwa für die auswärtige Politik oder die Organisation des Heeres 
Maß und Ziel hätte setzen können.^) In den übrigen Territorien dagegen starb die 
ständische Verfassung rasch ab. Da die Steuern tatsächlich dauernd geworden waren, 
ohne daß die Stände sie immer von neuem zu bewilligen hatten, wurden die Landtage 
überflüssig. In der Kurmark ist seit 1653 keiner mehr abgehalten worden; auch in 
Preußen wurde die 1663 gemachte Zusage, daß alle drei Jahre ein Landtag berufen 
werden müsse, seit 1671 nicht mehr beachtet. Die ständische Selbstverwaltung wurde 
gleichfalls allmähhch beseitigt. Das märkische Kreditwerk war seit 1664 der Kontrolle 
d-er kurfürstlichen Beamten unterstellt; der weitergehende Plan des Kurfürsten, die 
ständische Verwaltung ganz aufzuheben, ist dagegen nicht ausgeführt worden.*) Der 

1) Die zuerst von Th. Wickert (Z. f. pr. G. u. Landeskde., Bd. XI, 1874, S. 33ff.) mit- 
geteilte, auch bei Altmann'' (a. a. 0. S. 118) im Auszug gedruckte sogenannte Verfassungsurkunde 
des Herzogtums Preußen vom 14. November 1661; sie ist nichts anderes als ein kurfürstlicher Ent- 
wurf und nie in Kraft getreten. 

2) Gedruckt in den Urkunden und Aktenstücken zur G. des Kurfürsten Friedrich Wilhelm 
von Brandenburg, Bd. XVI, S. 418ff. 

3) Vgl. J. Hashagen, Die preuß. Herrschaft und die Stände amNiederrhein (WZ., Bd. XXVIII, 
1909). 

4) Vgl. darüber Huttzes Einleitung zum VI. Bd. der Acta Borussica, Behördenorganisation 
1. Hälfte, S. 349. 



Die Neuorganisation der Verwaltung 61 

ostpreußische Landkasten wurde seit 1684 durch das kurfürstliche Kommissariat vöUig 
zur Seite geschoben und verschwand nach kurzem Rückschlag im ersten Jahrzehnt 
Priedrichs III. nach dem Jahre 1706 ganz. 

König Friedrich Wilhelm I. bheb aber bei dieser Verdrängung des Adels aus seiner 
poHtischen Machtstellung nicht stehen, sondern versuchte ihn zu neuen Leistungen 
für den Staat zu gewinnen. Zwar hütete sich auch dieser selbstherrhche imd gewalt- 
tätige Monarch vor einem dii'ekten Eingriff m die Privatrechte des Adels. Die Durchfüh- 
rung des Generalhubenschoßes, eine Grundsteuerregulierung, die auch den Adel traf, 
von ihm deshalb bekämpft wurde vmd die den König zu dem berühmten Worte von der 
Stabilierung der Souveränität und dem „rocher von bronce" veranlaßt hat, beschränkte 
sich von vornherein auf Ostpreußen, wo die Steuerpfhcht des Adels längst üblich 
war; in den übrigen Provinzen bheb der Adel steuerfrei. i) Aber auch hier gelang es 
Friedrich Wilhelm, den Adel zu einer Zahlung zu zwingen, indem er die Lehen allodifi- 
zierte, d. h. den Adhgen das volle Eigentum an den Lehnsgütern verheb, ihnen aber 
an Stehe der längst hinfälhg gewordenen Ritterdienste einen jährlichen „Kanon" von 
40 Talern für jedes Lehnspferd auferlegte. Außerdem beanspruchte der König auch 
persönhche Dienste von seinem Adel. Das Yasallenverhältnis, das er in bezug auf den 
Grimdbesitz aufgegeben hatte, suchte er auf dem mili tärischen Gebiet zu erneuem, in- 
dem er die Adhgen zum Dienst als Offiziere zwang. Gegen beide Maßregeln wehi-te sich 
der Adel hartnäckig, die magdeburgische Ritterschaft rief sogar den Reichshofi'at an ; 
die Erbitterung des Königs über diesen Ungehorsam zittert noch in seinem pohtischen 
Testament von 1722 nach. Aber er setzte seinen Wihen doch durch, und eine Wieder- 
holvmg dieser Kämpfe für die Zukunft -«"urde dadiuxh unmöghch gemacht, daß die 
jüngeren Adhgen im Kadettenkorps erzogen und gleich von vornherein für den preu- 
ßischen Staat gewonnen wm'den. So ist seit Friedrich Wilhelm I. der Adel nicht allein 
als pohtischer Rival der füisthchen Gewalt ausgeschaltet, sondern sogar zu positiver 
Arbeit für den Staat gezwungen. Deshalb konnte Friedrich der Große ohne Gefahr für 
den Staat und den monarchischen Absolutismus eine andere SteUung zum Adel ein- 
nehmen als seine Vorgänger.^) Er brauchte ihn nicht mehr zu bekämpfen, sondern 
kormte ihm Entgegenkommen beweisen in dem Schutz des adhgen Gutsbesitzes, in der 
Erhaltung der gutsheiThchen Verfassung auf dem Lande ; er konnte ihm auch getrost 
gewisse pohtische Rechte wie die Präsentation zu den LandratssteUen wieder eim'äu- 
men. Das Allgemeine Landi-echt ist mit seiner Anerkeimung des Adels als des ersten 
Standes und dessen vorzüghcher Berechtigung zu den Ehrenstellen im Staate charak- 
teristisch für- dieses veränderte Verhältnis der Staatsgewalt zum Adel. 

§ 19. Die Neuorganisation der Verwaltung 

An Quellen sind außer der oben bereits erwähnten Abteilung Behördenorganisation der Acta 
Borussica vor allem zu nennen die Protokolle und Relationen des Brandenburgischen Geheimen 
Rats aus der Zeit des Kurfürsten Friedrich WUhehn, hersg. von O. JIeesAEDUS (seit 1889; bis jetzt 
5 Bde. für 1640—1659). 

Allgemeine Literatur: 0. Hintze, Behördenorganisation und allgemeine Verwaltung in Preu- 
ßen um 1740 (Acta Borussica, Behördenorganisation Bd. VI, 1. Hälfte, 1901). G. Schmoixee, Über 
Behördenorganisation, Amtswesen und Beamtentum im allgemeinen und speziell in Deutschland 
und Preußen bis zum Jahre 1713 (Acta Borussica, Behördenorganisation, Bd. I, 1894, Einleitxmg) ; 
Der preuß. Beamtenstand unter Friedrich Wilhehn I. (PrJbb., Bd. XXVI, 1870). 

Zentralverwaltung im allgemeinen: 0. Htn-tze, Die Entstehung der modernen Staatsministe- 
rien (HZ., Bd. 100, 1908); Ch. A. L. Klapboth und C. W. Cosmae, Der kgl. Preuß. u. kurfürstl. 
Brandenb. geheime Staatsrat (1805). R. Koser, Die Gründung des auswärtigen Amtes durch 
Friedrich Wilhelm I, im Jahre 1728 (FBPrG., Bd. ü, 1889). 51. Lehma>'N, Der Ursprung des preuß. 
Kabinetts (HZ., Bd. 63, 1889). 

1) Vgl. C. A. Zakbzewski, Die wichtigeren Preuß. Reformen der direkten ländlichen Steuern 
im 18. Jh. (1887). 

2) Vgl. E. Schwenke, Friedrich der Große und der Adel, Berliner Diss. 1911. 



62 ^^- Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Generaldirektorium: Die Instruktionen von 1722 und 1748 in den Acta Borussioa, Behörden- 
organisation, Bd. III, S. 575 ff. (hier S. 532ff. auch die ältere Literatur) und Bd. VII, S. 572 ff., die 
von 1786 bei M. Philippson, G. d. preuß. Staatswesens vom Tode Friedrichs des Gr. bis zu den 
Freiheitskriegen, Bd. II (1882), S. 309 ff.; das Wichtigste auch bei Altmann, Ausg. Urk., Bd. I^ 
Nr. 64, 76 u. 80. Über die noch nicht veröffentlichte provisorische Instruktion von 1768 vgl. 
O. Hentze, Preuß. Reformbestrebungen vor 1806 (HZ., Bd. 76, S. 433f., auch Hist. u. pol. Aufs., 
Bd. III, S. 49) und E. v. Meier, Die Reform der Verwaltungsorganisation unter Stein und Harden- 
berg (2. Aufl. bearb. von F. Thimme, 1912), S. 419 Anm. 13. 

Kommissariat: August Wilhelm, Prinz von Preußen, Die Entwicklung der Kommissariats- 
behörden in Brandenburg-Preußen bis zum Regierungsantritt Friedrich Wilhelms I. (Straßburger iur. 
Diss. 1908). K. Beeysig, Die Organisation der brandenb. Kommissariate in der Zeit von 1660—1697 
(FBPrG., Bd. V, 1892). O. Hlntze, Der Commissarius und seine Bedeutung in der allgemeinen 
Verwaltungsg. (in den Hist. Aufs., K. Zeumer zum 60. Geburtstag dargebracht, 1910, S. 493ff.). 

Landrat: F. Gelpke, Die geseliichtliche Entwicklung des Landratsamtes der preuß. Mon- 
archie (Verwaltungsarchiv, Bd. X, 1902). 0. Kutznek, Das Landratsamt in Schlesien 1740 — ^1806 
(Breslauer Diss. 1911; nur TeUdruck). A. Schill, Die Einführung des Landratsamtes in Cleve- 
Mark (FBPrG., Bd. XXII, 1909). 

Stadtverwaltung: Schmolleb, Städtewesen (oben S. 57) und W. Brinckweeth, Beitr. z. G. 
der Reorganisation des Städtewesens in der Kurmark Brandenburg und im Herzogtum Magdeburg 
in den Jahren 1680—1713 (GBll. f. Magdeburg, Bd. 48, 1913). 

1. Die Zentralverwaltung. 
Die Entwicklung der Verwaltungsorganisation seit dem Eegierungsantritt des 
Großen Kurfürsten entspricht der Gestaltung des Verhältnisses zwischen der fürst- 
lichen Gewalt und den Ständen insofern, als auch auf dem Gebiete der Verwaltung die 
neuen Behörden nicht grundsätzlich an Stelle der alten geschaffen wurden, sondern 
langsam die alten territorialen Kollegien beiseite drängten. Bis in die ersten Jahre des 
Großen Kurfürsten war die Eegierungsweise noch überall die alte der territorialen Zeit. 
Jedes Territorium hatte seine besondere oberste Behörde, ein kollegiales Eatskolle- 
gium, das in der Kurmark als Geheimer Bat, in Cleve als Geheime Landesregierung, 
in Preußen als Oberratsstube bezeichnet wurde. Auf alle diese Kollegien hatten die 
Stände einen gewissen Einfluß ; nur Landeskinder, zum Teil nur solche vom Adel durf- 
ten in sie aufgenommen werden, und die Landtagsabschiede bildeten eine wichtige 
Norm für die Behandlung der Geschäfte. Auch mit dem brandenburgischen Geheimen 
Bat stand es lücht viel anders ; wohl hatte sein Begründer, Kurfürst Joachim Friedrich, 
eine Eeihe von „Ausländern" in ihn berufen und sich überhaupt von dem vorwiegen- 
den Einfluß der Landstände befreien wollen^), aber nach seinem Tode hatten sich die 
Stände dagegen mit Erfolg verwahrt, und auch die Wiederherstellung des kollegialen 
Geheimen Eats, mit der Friedrich Wilhelm zu Begiim des Jahres 1641 sein Vorgehen 
gegen Schwarzenberg einleitete, war durchaus im Sinn des einheimischen Adels. Auch 
war der Geheime Bat keineswegs eine Zentralbehörde für den Gesamtstaat ; zwar war 
er 1604 eingerichtet worden, um den Kurfürsten in der Durchsetzung seiner Anwart- 
schaften auf Jühch und Preußen zu unterstützen, imd beriet ihn auch nach 1640 häufig 
in clevischen und preußischen Angelegenheiten. Aber wenn der Kurfürst nicht in Ber- 

1) Über die Bedeutung der Gründung des Geheimen Rats gehen die Ansichten auseinander. 
Deoysen (G. d. preuß. Pol., Bd. II, 2, S. 392 f.), Isaacsohn (G. d. preuß. Beamtentums, Bd. II, 1878, 
S. 24) und BoRNHAK (G. d. preuß. Verwaltungsrechts, Bd. I, 1884, S. 247 und Preuß. Staats- und 
Rechtsg., 1903, S. 85) wollen darin einen bewußten Bruch mit dem ständischen System, eine Be- 
freiung von den Ständen als den geborenen Räten des Landesherrn sehen. Sie gehen aber von der 
irrigen Voraussetzung aus, daß Brandenburg im 16. Jh. überhaupt keinen organisierten Rat gehabt 
habe. Insofern sind Stölzel (Brandenburg-Preußens Rechtsverfassung und Bechtsverwaltung, 
Bd. I, 1888, S. 295 Anm. 1 und FBPrG., Bd. VI, 1893, S. 83) und Holtze (FBPrG., Bd. V, 1892, 
S. 575), denen sich auch Koser (Die Anfänge des brandenb. Geheimen Rates von 1604, HZ., Bd. 109, 
1912, S. 88) angeschlossen hat, mit ihrem Einsprach durchaus im Recht. Aber neben dem Formalen 
ist doch auch, wie Schmoller, Acta Borassica, Beh.-Org., Bd. I, S. (76) Anm. 1 mit Recht betont 
hat, das persönliche Moment zu beachten; und die Wahl der Persönlichkeiten, die unverkennbare 
Bevorzugung der Ausländer, verrät doch einen gewissen Gegensatz zwischen Joachim Friedrich und 
den märkischen Ständen. Ganz haltlos ist die Behauptung von O. Meinardus (Protokolle und 
Relationen, Bd. II, S. CXXXIX), der Geheime Rat sei der Schlußstein im Gebäude der ständischen 
Reaktion gewesen. 



I. Die Zentral Verwaltung 63 

lin weilte, blieben dem Geheimen Rat alle nicht märkischen Geschäfte fremd. Die Ein- 
heit der Regierung lag deshalb allein in der Persönlichkeit des Fürsten ; an ihn gingen 
alle Berichte der Ratskollegien der Territorien, und er erledigte sie unter Zuziehung der 
Räte, die ihm jeweils zur Hand waren. 

Dieses System erwies sich aber auf die Dauer bei den häufigen Reisen des Kur- 
fürsten, bei der Ausdehnung des Staatsgebiets und bei der Steigerung der Staatstätig- 
keit als unzulänglich. Deshalb versuchte die in der Hauptsache wohl von dem Grafen 
Georg Friedrich v. Waldeck*), dem zu jener Zeit einflußreichsten Berater des Großen 
Kurfüi-sten, verfaßte Geheinu^atsordnung vom 19. Dezember 165P) eine neue Organi- 
sation des Geheimen Rats durchzuführen, indem sie ihn ausdrückhch zur Zentralbe- 
hörde füi' alle Lande des Kurfürsten machte und für die verschiedenen Zweige der Staats- 
verwaltung feste Referate (im ganzen 19) schuf. Aber diese Ordnimg htt an mehreren Ge- 
brechen. Die Anzahl der Räte war im Verhältnis zur Zahl der Referate zu gering ; %'iele 
Geheimräte wurden außerdem durch Verschickungen in diplomatischen und andern 
Aufgaben häufig der regelmäßigen Arbeit entzogen ; ferner war der Geheime Rat auch 
jetzt nur eine beratende, nicht eine beschließende Behörde, sodaß jede Abwesenheit 
des Kurfürsten die rasche Erledigung der Geschäfte verhinderte. Die Ernennung 
Joachim Friedrichs v. Blumenthal zum Direktor (1652), die Ottos v. Schwerin zum 
Oberpräsidenten (1658) komite diesen Mängeln nicht abhelfen; so verfiel der Geheime 
Rat bald wieder in den alten Zustand der Desorganisation, und die Ordnung von 1651 
war nach wenigen Jahren ganz vergessen. 

Die altterritoriale Form der Regierung im Rate begann zu versagen. Die Neu- 
bildung vollzog sich in zwei Richtungen, einmal in der Entstehung neuer Behörden, 
zweitens in dem Ausscheiden des Fürsten aus dem Rate. Zunächst sei hier die Ent- 
wicklung der Zentralbehörden betrachtet. Wie füi* die deutschen Territorien der Rat, i 
so wurde fiü- den brandenburgisch-preußischen Gesamtstaat der Geheime Rat die ' 
Wiege der Zentralbehörden. Schon die Geheimratsordnimg vom Jahre 1651 schuf eine 
besondere Kommission für die Finanzverwaltung, indem sie vier „Staatskammerräte" 
mit der Reform der Domänenverwaltung in allen kurfürstlichen Ländern beauftragte. 
Deren Tätigkeit ist freilich weder von Erfolg noch von Dauer gewesen, aber der gesunde 
Gedanke einer einheitlichen obersten Verwaltung der Domäneneinkünfte behauptete 
sich. Eine feste Organisation erhielt die Domänenverwaltung durch Dodo v. Knyp- 
hausen') in der 1689 gegründeten Geheimen Hofkammer, die nach kurzem Verfall 
wähi-end der letzten Jahi-e Friedrichs I. im Jahre 1713 unter dem Titel Generalfinanz- 
du'ektorium wiederhergestellt -«Tirde ; sie war eine kollegiale Behörde und stand über allen 
provmzialen Amtskammern.*) Seit 1696 war ihr eine einheitliche Zentralkasse, die 
Hofi^entei, später Generaldomänenkasse genannt, beigeordnet. 

Neben der Hofkammer entstand eine weitere Finanzbehörde in dem General- 
kriegskommissariat. Schon der Name deutet auf den engen Zusammenhang mit dem 
Heere hin. Die Kommissarien waren in Brandenburg wie in andern Staaten zunächst 
die Vertrauensleute des Landesherrn bei den Heeren, sie überwachten die Musterungen, 
sie verwalteten die Gelder, sie nahmen auch die Erhebung der für- den Unterhalt des 
Heeres bestimmten Steuer, der Kontribution, vor und sorgten, daß die Untertanen 
nicht überlastet, aber auch das Heer nicht verkürzt würden. Seitdem Brandenburg 

1) Vgl. über ihn B. Eedmannsdökffee, Graf Georg PViedrich v. Waldeok (1869). 

2) Gedruckt bei Isaacsohn, G. d. preuß. Beamtentums, Bd. II (1878), S. 359ff. und daraus 
bei Altma:<n, Ausg. Urk., Bd. I^ S. 73ff. 

3) Vgl. außer Breysigs G. d. brandenb. Finanzen auch A. Stokch, Der brande nb. -preuß. 
Kammerstaat unter Leitung Dodos v. Inn- und Knyphausen (Göttinger Diss. 1912). 

4) Die Instruktion der Hofkammer von 1689 und für das Generalfinanzdirektorium vom 
27. März 1713 bei Altmann l\ S. 170ff. u. S. 190ff. 



64 F- Härtung: Deutsche VerfaBsangsgeschichte vom 16. Jahrhundert bia zur Gegenwart 

ein stehendes Heer hatte, war auch das Amt der Kommissarien ständig geworden. 
Während noch 1655 bei jeder Armee ein besonderer Oberkriegskommissar ernannt 
worden war, gab es seit 1660 nur noch einen Generalkriegskommissar fiu" die gesamten 
brandenburgisch-preußischen Lande, seit 1674 auch eine einheitliche Feldkriegskasse. 
Allmählich lockerte sich der Zusammenhang zwischen der Armee und dem Kriegskom- 
missariat; je fester das Heer mit dem Staate verwuchs, je selbstverständhcher es wurde, 
daß ihm alle zustehenden Gelder und Naturahen ausgehefert würden, desto weniger 
bedurfte es dafür einer besonderen landesherrlichen Behörde. Während noch dem 
1678 ernannten Generalkriegskommissar J. E. v. Grumbkow als vornehmste Aufgabe 
die Konservation der Armee bezeichnet wurde, stand für seinen 1691 ins Amt gelang- 
ten Nachfolger D. Danckelmann die Sorge für die Untertanen und die Kontrolle der 
Finanzen in erster Reihe. Das Generalkriegskommissariat wurde so eme Verwaltungs- 
und Finanzbehörde ; es übernahm die wichtige Aufgabe, die Steuerquellen des Landes 
zu pflegen und zu entwickeln, es wurde dadurch zum eigentlichen Träger der gesamten 
merkantihstischen Wirtschaftspohtik, von der später die Rede sein whd. Zum Kolle- 
gium ist es erst spät, im Jahre 1713, ausgestaltet worden. 

So stehen sich im Preußen Friedrich Wilhelms I. zwei landesherrhche Finanz- 
behörden gegenüber, die eine, das Generalfinanzdirektorium, zwar eine neue Schöp- 
fung, aber doch die Repräsentantin der alten territorialen Zeit, mit der Verwaltung der 
zur Generaldomänenkasse fließenden alten Eiimahmezweige, der Domänen, Regalien 
und des alten Biergelds betraut, die andere das Generalkilegskommissariat mit der 
Generalkriegskasse, die charakteristische Behörde des neuen militärischen und bureau- 
kratischen Staates. Auch in ihren wirtschaftspohtischen Anschauungen standen beide 
Kollegien im Gegensatz ; das Generalfinanzdirektorium vertrat die agrarischen Inter- 
essen, das Kommissariat die der modernen industriellen Entwicklung. Dieser Gegen- 
satz wurde schärfer, je mehr Friedrich Wilhelm I. seine Beamten anspornte, die ihnen 
übertragenen Einnahmen zu vermehren. In dem Streben, überall ein Plus herauszu- 
wirtschaften, gerieten die Kollegien in Konflikte, die schließlich sogar zu Prozessen 
führten. Um dieser Konkurrenz ein Ende zu machen, beschloß Friedrich Wilhelm I. 
im Dezember 1722 vermutlich auf Am-egung des alten Dessauers^) die beiden streiten- 
den Kollegien zu einer einheitlichen Behörde, dem General-ober-finanz-krieges-und- 
domänen-direktorium, zusammenzulegen. 

Das Generaldirektorium, wie es abgekürzt bezeichnet wurde, wurde die oberste 
Verwaltungsbehörde Preußens im 18. Jh. In ihm war der alte Gegensatz zwischen 
Kammer und Kommissariat überwunden; er zeigte sich nur noch in der Trennung der 
beiden Generalstaatskassen, ohne auf den Gang der Verwaltung Einfluß zu gewinnen. 
Die Verteilung der Geschäfte unter die Departements ist sehr charakteristisch für den 
Übergangszustand von der Personalunion zum Einheitsstaat, in dem sich Preußen da- 
mals befand. Die alte Selbständigkeit der Territorien lebte in den vier Provinzial- 
departements fort ; sie waren für die wichtigsten Aufgaben der Verwaltung, für die ganze 
staatliche Wirtschaftspohtik zuständig. Aber der Einheitsstaat begann schon, diese 

1) Das spärliche Material, das wir für die Vorgeschichte des Generaldirektoi iums haben, ge- 
nügt nicht, um die Absichten Friedrich Williehns genau zu erkennen, sondern läßt für allerhand 
Vermutungen Spielraum. W. Stolze {Die Gründung des Generaldirektoriums, Beitr. z. brandenb. u. 
preuß. G., zu Schniollers 70. Geburtstag, hersg. vom Ver. f. G. der Mark Brandenburg, 1908, S. 49ff.) 
vertritt die Ansicht, daß Schwierigkeiten bei der Einführung der Domänenverpaohtung in Minden, 
überhaupt der latente Gegensatz zwischen den westlichen und östlichen Provinzen Preußens den 
Anstoß gegeben haben. Aber die „Mindische Sache" ist doch nur eines der Motive, die der König 
selbst angeführt hat, und der Schwerpunkt des preußischen Staates ruhte so sehr in den östhchen 
Provinzen, daß die Rücksicht auf den Westen schwerlich eine so wichtige Reform bestimmen konnte. 
— Den AnteU des alten Dessauers bestreitet Kkaijske (Einleitung zu den Briefen Friedrich Wil- 
helms an diesen, S. 27 ff.); aber seine Bemerkungen erscheinen mir nicht zwingend genug, um eines 
der wenigen unmittelbaren Zeiignisse Friedrich Willielms beiseite zu schieben. 



Die ZentralTerwaltong 65 

territoriale Geschäftsverteilung zu überholen; jedes Provinzialdepartement bearbei- 
tete zugleich einige Axigelegenheiten (Grenzsachen, Armeeverpflegung, Post- und 
Münzwesen) einheitUch füi' den ganzen Staat. Und diesem Realsj^stem gehörte die Zu- 
kunft. Friedrich der Große hat den Provinzialdepartements einen Teil ihi-er Geschäfte 
entzogen und sie an die von ihm neu eingerichteten Fachdepartements (1740 das 5. 
für Handel imd Gewerbe, 1746 das 6. für Mihtärverwaltung, 1766 Akzise- und Zoll- 
departement, 1768 Bergwerks- und Hüttendepartement, 1771 Forstdepartement) über- 
tragen. 

Wie im Territorialstaat nach der Finanzverwaltung auch die auswärtigen Ange- 
legenheiten dem Rate entzogen wurden, so geschah es auch im brandenburgisch-preu- 
ßischen Gesamtstaat. Die Fragen der auswärtigen Pohtik wurden wahrscheinhch schon 
unter dem Großen Kurfürsten, sicher seit Friedrich I. nicht mehr im Plenum des Ge- 
heimen Rates, sondern von einem oder einigen besonders beauftragten Geheimen Räten 
verhandelt. Deshalb bedeutet es nicht eigenthch eine Neuerung, sondern eher die 
Anerkennung einer längst feststehenden Tatsache, den formellen Abschluß einer 
allmähhchen Entwicklung, weim Friedrich Wilhelm I. durch eine Instruktion vom 
8. Dezember 1728 ein besonderes Departement der auswärtigen Affären, für 
das bald der Name Kabinettsministerium aufkam, schuf. Auch dieses Departement 
war koUegiahsch organisiert, es zählte in der Regel zwei, zeitweise auch drei 
Minister. 

Demnach bheben dem Geheimen Rat schheßlich nur noch die geisthchen und 
die Justizangelegenheiten. Und wie die alte Ratstube sich einst zum Kammergericht 
umgewandelt hatte, so wurde auch der Rest des Geheimen Rats ein Fachdepartement 
für die Justiz und den Kultus; mit der 1737 erfolgten Ernennung Coccejis zum Chef 
de justice, der 1747 die Verleihung des Titels Großkanzler folgte, ist diese Entwicklung 
abgeschlossen. Daneben bestand freilich der Geheime Staatsrat noch weiter als die 
Vereinigung aller Minister der Zentralbehörden, und bis in die dreißiger Jahre des 
18. Jhs. fanden noch Gesamtsitzungen statt, aber sie waren nur formeller Natur. Tat- 
sächlich standen die drei Zentralbehörden voUständig unabhängig nebeneinander, die 
EinheitUchkeit der Regierung wurde nicht durch den allgemeinen Rahmen des Staats- 
rats gegeben, sondern durch die Persönlichkeit des Herrschers, der nun nicht mehr in 
den Behörden selbst zu sitzen versuchte, sondern über ilmen stand. 

Diese Umwandlimg des Verhältnisses des Fürsten zu den Räten ist bereits in der 
Geheimratsordnung des Jahres 1651 angedeutet. Hier behält sich der Kurfürst näm- 
lich vor, über wichtige Dinge nicht im Rat, sondern „in geheim" zu beschließen; da- 
mit beginnt die monarchische Selbstregierung in Brandenburg-Preußen. Der Nach- 
folger des Großen Kurfürsten, Friedrich III. /L, war aber nicht der Mann, um selbstän 
dig alle großen und kleinen Fragen der inneren und äußeren Verwaltung zu entschei- 
den imd dauernd zwischen allen seinen Ministern imd Zentralbehörden die Einheit- 
hchkeit aufrecht zu erhalten. So fiel unter ihm die Leitung der Regierung anfangs 
an Eberhard Danckelmann, der zvmächst als Wirklicher Geheimer Rat tatsächlich, 
seit 1695 als Oberpräsident aller Kollegien imd erster Etatsminister auch formell an 
der Spitze des Geheimen Rates stand, nach Danckelmanns Sturz unter wechselnden 
Formen an höfische Günstlinge, vor allem an Kolbe v. Wartenberg. 

Die besondere Form der monarchischen Selbstregierung in Preußen, die Regierung 
aus dem Kabinett, ist erst von Friedi'ich Wilhelm I. begründet worden, wenn sich auch 
Ansätze dazu imd die Bezeichnung ,,Kabmett" schon unter Kurfürst Friedrich Wil- 
helm und unter Friedrich I. finden. Ihr- Wesen besteht m dem grundsätzlichen Aus- 
scheiden des Königs aus allen Kollegien ; diese berichten schriftlich an ihn, und er er- 
teilt ihnen aus seinem ,, Kabinett" heraus schriftlichen Bescheid, und zwar in der zwang- 

Grundriß der Geschichtawissenschaft II, 4 5 



66 F. Härtung: Deutsche Verfassungegeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

losen Form der Kabinettsorder^), die nach der mündlichen Weisung oder nach schrift- 
licher Marginalbemerkung des Königs ein besonderer Geheimer Sekretär, der seit 1717 
den Titel Geheimer Kabinettssekretär führt, ausfertigt. So bildete der König im alten 
Preußen in der Tat den Mittelpunkt der gesamten Staatstätigkeit; nur durch ihn 
wiu'de eine Übereinstimmung der Eegierungsgrundsätze der verschiedenen Kollegien 
hergestellt, von seiner Persönlichkeit hing, solange dieses System in Kjraft bheb, das 
Schicksal des ganzen Staates ab. 

IL Provinzial- und Lokalverwaltung 

Schon allein durch die Ausbildung einer einheitKchen und energisch durchgreifenden Zentrai- 
verwaltung wurde die Stellung der KegierungskoDegien der ehemals selbständigen Territorien stark 
berührt. Soweit sie nicht wie der brandenburgische Geheime Rat selbst zu Zentralbehörden wurden, 
sanken sie von dem Rang oberster, unmittelbar dem Landesherrn untergeordneter Behörden in die 
Stellung von Provinzialbehörden herab, die von den zentralen Behörden in Berlin Weisungen er- 
hielten. Daran vermochte auch der vornehme Titel Etatsministerium, der der ehemaligen Oberrats- 
stube des Herzogtums Preußen beigelegt wurde, oder die Bezeichnung der clevischen Regierung 
als Geheimer Landesregierung nichts zu ändern. 

Wichtiger noch für die Provinzialverwaltung wurde die der Verkümmerung des Geheimen . 
Rates entsprechende Beschränkung der Befugnisse dieser Regierungen. Als oberste Behörde des 
Territoriums hatte jede Regierung ursprünghch eine fast unbeschränkte Kompetenz besessen, und 
je mehr Einfluß die Stände auf die Besetzung der Stellen in ilir gehabt hatten, desto stärker hatten 
sie sich gegen die Errichtung neuer, den Geschäftskreis der Regierung beeinträchtigender Behörden, 
etwa für die Domänenverwaltung, gewehrt. Auch nach der Unterordnung unter die Zentralbehörden 
des Gesamtstaates versuchten die Regierungen, ihre alte Kompetenz zu behaupten. Sie waren über- 
haupt bestrebt, die besondere Stellung des ihnen anvertrauten Territoriums und die besonderen 
Rechte der Landstände zu wahren; mit Landeskindern, zumeist vom Adel, besetzt, vertraten sie 
gegenüber dem vordringenden bureaukratischen Absolutismus den alten territorialen und ständischen 
Geist. Aber immer mehr wurden sie zurückgedrängt. Die Domänenverwaltung, auch die Auf- 
sicht über die Amtskammem, wurde ihnen entzogen, die Verwaltung des Heeres und der für das 
Heer bestimmten Steuern wurde ihnen von vornherein nicht anvertraut; so blieb ihnen schließlich 
wie dem Geheimen Rat neben den sogenannten Hoheitssachen (Grenzsachen, Korrespondenz mit 
auswärtigen Behörden und ähnl.) nur noch die Rechtsprechung. Die Regierungen im Preußen 
des 18. Jhs. waren Appellationsgerichte über den Stadt- und Patrimouialgeriohten und Gerichte 
erster Instanz für die privilegierten Klassen; als solche wurden sie durch die Justizreform Coccejia 
neu organisiert. *) Sie waren dem Range nach die vornehmsten Provinzialbehörden, aber zu regieren 
hatten sie nichts mehr, und für die Ausbildung des modernen Staates haben sie keine Bedeutung er- 
langt. Deshalb bedurfte der Landesherr auch keines besonderen Vertreters mehr in den Regierungen ; 
der Statthalterposten, durch den Kurfürst Friedrich Wilhelm seine Autorität in den Provinzen hatte 
zur Geltung bringen wollen, ist — abgesehen von Pommern, wo er aber auch bloß eine Ehrenstelle 
geworden ist — überall früh verschwunden. 

Je geringer die Wichtigkeit der Kegierungen für die Verwaltung wurde, desto 
mehr stieg die der Kriegs- und Domänenkammern. Diese entsprechen sowohl in dem 
Umfang der ihnen übertragenen Aufgaben wie in der Entwicklung dem Generaldirek- 
torium. Wie dieses haben sie zwei Wurzeln, die Kammerverwaltung und das Kriegs- 
kommissariat. Die koUegiaHschen Amtskammern zur Beaufsichtigung und Verwal- 
tung der dem Landesherrn zustehenden alten Einnahmen stammen in den meisten 
Provinzen aus der territorialen Zeit ; in einzelnen, z. B. in Cleve und in Preußen, hatten 
aber die Stände deren Treimung von den Eegierungen lange Zeit verhindert, sodaß sie 
erst durch den Großen Kurfürsten vollzogen wm'de. Neben den Kammern entstanden 
während der zweiten Hälfte des 17. Jhs. in allen Provinzen außer der Kurmark, die 
bis 1723 unmittelbar dem Generalkriegskommissariat imterstellt war, Kommissariate 
zur Verwaltung der für das Heer bestimmten Kontributionen, mit der bald die Ver- 
waltung der ständischen Steuern verknüpft wurde. Noch im Laufe des 17. Jhs. wur- 
den die Kommissariate zu Kollegialbehörden ausgestaltet. Die Zusammenlegung der 
Kammern und Kommissariate zu den Kriegs- und Domänenkammern erfolgte überall 

1) Über die Formen des schriftlichen Verkehrs der Behörden, deren Kenntnis für jede Be- 
nutzung gedruckter oder ungedruckter Akten unentbehrlich ist, vgl. M. Hass, Über das Aktenwesen 
und den Kanzleistil im alten Preußen (FBPrG., Bd. XXII, 1909). 

2) Auf die Hofgerichte und Konsistorien glaube ich in diesem Zusammenhang nicht ein- 
gehen zu sollen. 



Provinzial- und Lokalvervvaltung g7 

im Jahre 1723 im Zusammenhang mit der Vereinigung von Generalfinanzdirektorium 
und Generalkriegskommissariat zum Generaldirektorium. 

Die Ivi'iegs- und Domänenkammern, die schon im Namen den militärischen Cha- 
rakter des preußischen Staates verraten, bildeten für das Preußen des 18. Jhs. die 
eigentlichen Verwaltungsbehörden. Ihre Aufgabe war nicht allein die Verwaltung der 
landesherrHchen Eüikünfte, sondern folgte der Erweiterung des Geschäftskreises des 
Generalkriegskommissariats (vgl. oben S. 64) und erstreckte sich auf die Ausübung der 
Polizei in dem ausgedehnten Siime, den der Merkantilismus diesem Begriff beilegte^), 
auf die Pflege des gesamten wirtschaftlichen Lebens im Staate zugunsten der könig- 
lichen Emkünfte. Aus dem fiskalischen Interesse entwickelte sich die Tätigkeit der 
Kammern, es bildete die Eichtschnur für sie. Unter Friedrich Wilhelm I. wurde es noch 
als durchaus entgegengesetzt dem Interesse des Landes empfunden. Deshalb herrschte 
anders als bei den Eegierungen der Grundsatz, daß Landeskinder in den Kammern 
nicht sitzen düi'ften. Damit die Kammern unbehindert von den am alten Landesrecht 
festhaltenden Eegierungen die Verwaltung gemäß den neuen königlichen Edikten und 
Instruktionen führen könnten, wurde ihnen eine ausgedehnte eigene Gerichtsbarkeit 
zugelegt. Der Umfang dieser sogenannten Kammerjustiz blieb bis in die Zeit Friedrichs 
des Großen hinein strittig. Die Kammern suchten aUe Eechtsstreitigkeiten, bei denen 
das fiskahsche oder polizeiliche Interesse berührt wurde, namenthch aUe Fragen, die 
mit der Akzise und dadurch mit dem Wirtschaftsleben zusammenhingen, vor ihr 
Forum zu ziehen; denn hier wm'de ohne die Weitläufigkeiten des ordentlichen Ge- 
richtsverfahrens summarisch verhandelt, und das Interesse des Königs wurde auf aus- 
drückliche Anweisung, die ,,in dubio pro fisco" zu entscheiden befahl, bei ihnen besser 
gewahrt als bei den Justizkollegien. Ebendeswegen aber sträubten sich diese gegen die 
Ausdehnung der Kammerjustiz, und trotz allen Versuchen, eine feste Abgrenzung zu 
erreichen, hörten die KxjmpetenzkonfUkte nicht auf. 

Die Lokalverwaltung kann wegen der großen Verschiedenheiten, die sie in den 
einzelnen Landschaften aufweist, in einer kurzen Übersicht nicht wohl besprochen wer- 
den; sie braucht es aber auch nicht, weil der preußische Absolutismus vor ihr in der 
Hauptsache haltgemacht und den patrimonialen Charakter, den die lokale Obrigkeit 
des Stadtrats, des Eittergutsbesitzers und des Domänenamtmanns besaß, nicht an- 
getastet hat. Nur auf die eigentümlichen Zwischeninstauzen, die Landräte imd die 
Steuerräte, sei hier noch kurz hingewiesen. Auch sie verdanken ihre Entstehung dem 
Aufkommen der modernen Heere. Das Landratsamt ist aus der kurmärkischen Kreis- 
verfassung herausgewachsen. Der Ursprung der märkischen Kreise ist nicht ganz klar, 
wahrscheinhch*) sind sie alte landschaftUche Bezirke; weim die Beritte der kurfürst- 
lichen Landreiter sich vielfach mit den ICreisen deckten, so ist doch wohl der 
Ivreis das firühere, nicht wie behauptet worden ist'), der Landreiterbezu-k. Diese Kreise 
wurden nun seit dem 16. Jh. im Zusammenhang mit der Ausbildung einer besonderen 
ständischen Steuerverwaltung die Grundlage des landständischen Lebens ; sie schufen 
sich auch eigene Organe in einem Kieisdirektor, im Kreiseinnehmer usw. Sie über- 
nahmen dann auch, zumal da es zwischen den lokalen Obrigkeiten und den Behörden 
in Berlin keine Zwischeninstanz gab, seit den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges die 
Eegulierung der militärischen Lasten, der Steuern, der Einquartierungen, der Fuhren, 
der Durchmärsche. Zur Wahrung des landesherrlichen Interesses stand in allen diesen 

1) Über den Umfang des Begriffs der Polizei vgl. außer der im HdWbStW.», Bd. VI, S. 1058ff. 
angegebenen Literatur vor allem F. X. Fitnk, Die Auffassung des Begriffes der Polizei im vorigen 
Jahrhundert (Z. f. d. ges. Staatswiss., Bd. XIX u. XX, 1863/64). 

2) Vgl. darüber besond. M. Hass, Die kurmärk. Stände im letzt. Drittel des 16. Jhs. (1913), S.62 ff. 

3) Von Gelpke, Entwicklung des Landratsamtes (Verwaltungsarchiv, Bd. X, 1902), dem sich 
BoBNHAK, Preuß. Staats- u. Rechtsg., S. 118 angeschlossen hat. 

6* 



68 F- Härtung: Deutsche Verfasaungsgeschichte vom 16. Jahrhundert big zur Gegenwart 

Funktionen neben dem ständischen Kreisdirektor anfangs ein kurfürstlicher Land- 
oder Marschkommissar ; aber noch im Laufe des 17. Jhs. verschwand er wieder, und der 
Kreisdirektor oder, wie er seit 1701 hieß, der Landrat sorgte allein sowohl für das 
Interesse des Kreises wie für das des Landesherrn. Seine ursprüngliche Aufgabe, Über- 
griffe des Militärs gegen die Bevölkerung zu verhüten und für eine gerechte Verteilung 
der Lasten zu sorgen, wurde bald, analog der Entwicklung der Kommissariatsbehörden 
überhaupt, wesentlich erweitert. In landesherrlichem Auftrag übernahmen die Land- 
räte auch die Polizei, zunächst die Aufsicht über die Brücken und Wege, dann allge- 
mein die Pflicht, die Durchführung der Verordnungen des Landesherrn und seiner Be- 
hörden zu überwachen. Sie wurden so zu den Vollstreckungsbeamten des Landesherrn 
in ihren Kreisen, besaßen aber im Gegensatz zu der Verquickung von Pohzei und Ge- 
richtsbarkeit bei den Kriegs- und Domänenkammern, denen sie unmittelbar unter- 
stellt waren, und bei den lokalen Obrigkeiten keinerlei richterhche Befugnisse. Die 
Doppelstellung des Landrats, der Vertrauensmann der Kreisstände und zugleich Be- 
amter des Landesherrn war, blieb dauernd erhalten. Der besondere Charakter sprach 
sich auch in der geringen Besoldung (in der Eegel 300 Taler) aus, die das Amt zu einem 
Ehrenamt für die Rittergutsbesitzer machte. Das Wahlrecht der Kreisstände, das in 
der Entstehung des Amtes begründet war, wurde von Friedrich Wilhelm I. während 
seines Kampfes gegen den Adel vielfach mißachtet, von Friedrich dem Großen aber 
wieder uneingeschränkt hergestellt. Von der Kurmark aus wurde das Landratsamt 
allmähhch auf die andern Provinzen übertragen, 1716 auf Magdeburg und Pommern, 
1734 auf Mmden, 1752 auf Ostpreußen, 1753 auf Cleve; in Schlesien und Westpreußen 
wurde es bei der Neueinrichtung der preußischen Verwaltung miteingeführt. 

Was der Landrat auf dem platten Lande, das wurde der Steuerrat oder Commis- 
sarius loci in den Städten, von denen stets mehrere zu einem steuerrätlichen Kreis zu- 
sammengelegt wurden. Nm- in einem Punkte unterschied er sich vom Landrat, ihm 
fehlte jede Verbindung mit der kommunalen Selbstverwaltung der Städte, er war ledig- 
lich landesherrlicher Kommissar, zunächst für die Kontrolle der Akziseverwaltung, 
dami seit der durchgreifenden Reform der städtischen Verwaltung durch Friedrich 
Wilhelm I. ganz allgemein für die Beaufsichtigung der Städte. Er wurde das ausfüh- 
rende Organ des preußischen Staates in den Städten, der eigentliche Träger der 
staatlichen Bevormundung des wirtschaftlichen Lebens. Wie für das Kommissariat 
überhaupt, so bildete auch für ihn die Vermehrung der Einkünfte des Königs die 
Richtschnur seiner Tätigkeit. 

In allen Instanzen weist also die Verwaltungsorganisation Preußens im 18. Jh. 
einen ausgeprägten Dualismus auf: die alten Behörden der territorialen Zeit, der Ge- 
heime Rat, die Regierungen, die patrimonialen Obrigkeiten sind bestehen geblieben, 
aber sie sind durch die aus dem Kriegskomraissariat herausgewachsenen neuen Ver- 
waltungsbehörden zur Seite gedrängt worden und verlieren immer mehr an Bedeutung, 
nicht sowohl durch Beschränkungen ihrer Befugnisse als durch die steigende Ausdeh- 
nung der vom Kommissariat verwalteten Polizei, die sich nicht mehr wie in der guten 
alten Zeit mit der negativen Aufgabe begnügt, alles zu verbieten, was die öffentliche 
Zucht und Ehrbarkeit verletzen oder den gememen Nutzen beeinträchtigen könnte, 
sondern die sich das positive Ziel setzt, das ganze wirtschaftliche Leben in neue Bah- 
nen zu lenken, um auf diese Weise die Einnahmen des Staates zu vermehren. 

III. Das Beamtentum 

Die Träger der neuen Entwicklung sind also die Beamten der Kommissariats- 
verwaltung, des Generaldirektoriums, der Ivi'iegs- und Domänenkammern und die 
Steuerräte. Das Wesen dieses Beamtentums ist nicht leicht einheitlich zu erfas- 



Das Beamtentam 69 

sen, weil — abgesehen von den selbstverständlichen Einschränkungen, die für jeden 
Versuch einer allgemeinen Charakterisierung einer mehrere Generationen umfassenden 
Entwicklung gelten müssen — das preußische Beamtentum des 18. Jhs. nicht ganz 
einheithch ist. Nur ein im Laufe der Zeit wachsender Teü der höheren Beamten besaß 
eine wissenschaftliche Vorbildung ; besondere Lehrstühle für die neue Kameralwissen- 
schaft gab es an den preußischen Universitäten seit 1727. Neben ihnen verwendete 
Friedrich der Große gerade für die leitenden Stellen eines dirigierenden Ministers im 
Generaldirektorium und eines Kammerpräsidenten mit Vorhebe ehemalige Offiziere, 
denen er mehr als den Zivilbeamten die Fähigkeit zutraute, sich in ihren Kollegien Ge- 
horsam zu verschaffen und damit die Nachteile der umständhchen Kollegialverfassung 
zu überwinden. Endlich stieg aber auch eine große Anzahl von Subalternbeamten, wie 
wir heute sagen würden, von wisseuschaftUch nicht vorgebildeten, aber in der prakti- 
schen Arbeit als expedierende Sekretäre id den Kammern oder als Steuerräte und Do- 
mänenpächter erprobten Beamten auch in die höheren Stellen bis zum Minister auf; 
besonders Friedrich Wilhelm L schätzte die Praktiker mehr- als die Stubengelehrten und 
Federfuchser. Von ihnen waren ebenfalls viele aus dem Müitärstande hervorgegangen ; 
der Posten eines ßegimentsquartiermeisters schien die geeignete Vorbereitung für den 
Steuerrat zu sein. Die unteren Stellen, zumal der Akziseverwaltung, die Einnehmer, 
Torschreiber und dergl. waren fast ganz den ehemahgen Unteroffizieren und Mann- 
schaften des Heeres vorbehalten. Durch diese Kreise ist der rauhe militärische Ton 
auch in das zivile Beamtentum und in dessen Verkehr mit dem PubHkum hineingetra- 
gen worden; freüich haben auch die könighchen Kabinettsordern die Neigung ziu: 
Schroffheit nicht eben gemildert. 

Einheitlich war aber dieses Beamtentum in dem Ziel seiner Tätigkeit, das Liter- 
esse des Königs zu fördern. Es arbeitete nicht mehr für den eigenen Vorteil, sondern 
„pour le roi de Prusse". Es ist das Verdienst Friedrich Wühelms L, daß er dmxh sein 
Vorbild, seine unermüdliche Wachsamkeit und endlich durch seine unerbittUche Stren- 
ge den alten Miethngsgeist, der in dem Amt nur ein Recht, nur eine Erwerbsquelle sah, 
ausgerottet und seinen Beamten den Begriff der Pflicht eingeimpft hat. Er hat damit 
eine ganz neue Auffassung des Beamtentums begi-ündet; es handelt sich nicht mehr 
um ein Vertragsverhältnis, m dem sich jeder Teil zu bestimmten Leistungen verpflich- 
tet, sondern der Beamte dient mit unbedingter Hingabe, ,,mit Leib und Leben, mit 
Hab und Gut, mit Ehre und Gewissen", wie der König selbst verlangt hat. Der Beamte 
dient aus PfUcht, für die Ehre; sein Gehalt ist nur gering. Es ist ein Treuverhältnis, 
das der König mit seinen Beamten eingegangen ist, ähnlich dem, das z-«-ischen dem 
König und dem Offizierkorps besteht ; deshalb werden auch im Heer und im Beamten- 
tum die Landeskinder mit Vorliebe angestellt. Das ist kein Rückfall in die alte Zeit 
der ständischen Forderung des Lidigenats; denn die Beamten sind verpflichtet, dem 
Könige in allen seinen Ländern zu dienen, und gerade in ihrer Heimatprovinz werden 
sie nicht angestellt. So überwindet der Gesamtstaat den alten landschaftlichen Sonder- 
geist. Freilich wird er noch durchaus persönHch aufgefaßt; für Friedrich Wilhelm I. 
gab es keinen „Staatsdienst", sondern allein den persönhchen Dienst für den König 
und Herrn. 

§ 20. Die Tätigkeit des Staates 

Grundlegend sind natürlich die auf vollständiger Durcharbeitung der Akten beruhenden 
einzelnen Werke der Acta Borussica, 2. Abteilung (vgl. oben S. 57). Daneben seien genannt für die 
Wirtschaftspolitik: H. Fech>'EK, Wirtschaftsg. d. preuß. Provinz Schlesien 1741 — 1806 (1907). 
G. F. Knapp, Die Bauernbefreiung und der Ursprung der Landarbeiter in den älteren Teilen Preu- 
ßens (2 Bde., 1887). M. Meyer, G. d. preuß. HandwerkerpoHtik (2 Bde., 1884/88). W. >Jaude, 
Die merkantiUstische Wirtschaftspolitik Friedrich Wilhelms I. und der Küstriner Kamnierdirektor 
HiUe (HZ., Bd. 90, 1903). G. Sckmollee. Das Merkantilsystem in seiner hist. Bedeutving; D. bran- 
denb. -preuß. Innungsweaen von 1640 — 1800, hauptsächlich die Reform unter Friedrich Wilhelm I.; 



D. russ. Compagnie in Berlin 1724 — 1738; D. preuß. Einwanderung und ländliche Kolonisation 
des 17. und 18. Jha. (sämtlich in den oben S. 2 genannten Umrissen und Untersuchungen). R. Sta- 
delmann, Preußens Könige in ihrer Tätigkeit für die Landeskultur Preußens (4 Bde., 1878/87; 
vgl. dazu W. Naüde, FBPrG., Bd. XV, 1902, S. Iff.). 

Über die Heeres Verfassung: M. Lehmann, Werbung, Wehrpflicht und Beurlaubung im Heere 
Friedrich Wilhelms I. (HZ., Bd. 67, 1891, wieder abgedruckt in seinen Hist. Aufsätzen und Reden, 
1911). O. Fkhe. von der Osten-Sacken und vom Rhein, Preußens Heer von seinen Anfängen 
bis zur Gegenwart, Bd. I (1911) bis 1807. G. Schmolleb, Die Entstehung d. preuß. Heeres von 
1640 — 1740 (Umr. u. Unters.). F. Frhb. v. Scheötter, D. brandenb. -preuß. Heeresverfassung 
unter dem Großen Kurfürsten (1892). R. Fkhb. \ . Schböttbb, Die Ergänzung d. preuß. Heeres unter 
dem ersten Könige (FBPrG., Bd. XXIII, 1910); D. preuß. Offizierkorps unter dem ersten Könige 
von Preußen (erste Hälfte, FBPrG., Bd. XXVI, 1913,. 

ka seiner militärischen Schwäche, nicht etwa an seiner sozialen Ungerechtigkeit 
war der Territorialstaat gescheitert. Und Rücksichten auf die Machtmittel des Staates, 
das Bedürfnis, Menschen und Geld für die Armee zu gewinnen, nicht soziale Gesichts- 
l^vmkte sind dauernd die Richtschnur für die Verwaltungstätigkeit des preußischen 
Absolutismus gewesen. Da der Adel sich ohne bewaffneten Widerstand zu versuchen 
ihm fügte, koimten die Rittergüter ihre Vorrechte behalten, auch ihre Steuerfreiheit 
wurde da, wo sie hergebracht war, nicht angetastet. Auch das gutsherrlich-bäuerliche 
Verhältnis auf dem platten Lande blieb bestehen; die im Lauf des 16. und 17. Jhs. 
allmähhch eingetretene Verschlechterung der Rechtslage der Bauern, die der märki- 
sche Landtagsabschied von 1653 bestätigt hatte, wurde vom Staate dauernd aner- 
kannt. Wenn Friedrich Wilhelm I. Rittergüter aufkaufte und altes Domänenland, das 
sich der Adel widerrechtlich angeeignet hatte, zm-ückforderte, so leitete ihn kein Gegen- 
satz gegen den Großgrundbesitz, sondern die Rücksicht auf die Vermehrung der 
Domäneneinkünfte. Auch der monarchische Bauernschutz, den Friedrich der Große 
mit dem Edikt vom 12. August 1749 einleitete, das Verbot, Bauernhöfe einzuziehen 
und ihre Äcker mit dem herrschaftlichen Betriebe zu verschmelzen, war aus staatlichen 
und militärischen, nicht aus sozialen Erwägungen hervorgegangen und schützte nicht 
den einzelnen Bauer gegen Entsetzung vom Hofe, sondern den Staat gegen eine Ver- 
minderung der fiu- die Wehrkraft des Landes wichtigen Gesamtzahl der Bauern. Erst 
in der zweiten Hälfte des 18. Jhs. gewann der humane, vom individuellen Recht des 
Menschen ausgehende Zeitgeist Einfluß auf die preußische Agrarpolitik. Auf den Do- 
mänen wurde 1777 der imerbliche Besitz in erblichen umgewandelt, der Gesinde- 
zwangsdienst, das bezeichnendste Merkmal der Erbuntertänigkeit wurde in den Jah- 
ren von 1799 — 1805 aufgehoben, gleichzeitig wurden die Frondienste dmch Dienst- 
geld abgelöst oder wenigstens ihre Ablösbarkeit anerkannt, sodaß im Jahre 1806 die 
Mehrzahl der Domänenbauern rechtlich oder tatsächlich freie und erbliche Eigen- 
tümer eines freilich noch mit Reallasten behafteten Hofes waren. An der Rechtsstellung 
der ritterschaftlichen Bauern wurde dagegen trotz einigen Anläufen, deren bekann- 
tester Friedrichs des Großen strenges Gebot, „absolut und ohne das geringste Raison- 
nieren" die Leibeigenschaft in Pommern abzuschaffen, ist, gar nichts geändert, soweit 
nicht die Rittergutsbesitzer freiwilhg dem Beispiel des Staates auf den Domänen folg- 
ten ; ein Eingriff in das Eigentum des Adels erschien umso weniger zulässig, als auf dem 
Adel das Offizierkorps beruhte. 

Während der Staat auf dem Gebiete der Landwirtschaft die überkommenen Zu- 
stände im wesenthchen unverändert ließ und sich darauf beschränkte, Verschiebungen, 
die zum Nachteil der staatlichen Anforderungen an Adel und Bauernstand ausfallen 
konnten, zu verhindern und innerhalb des Rahmens der bestehenden Wirtschaftsord- 
nung neue Ansiedler auf die durch Krieg und Seuchen verödeten oder durch Meliora- 
tionen neu für den Anbau gewonnenen Landstriche heranzuziehen, wurde in der Han- 
dels- und Gewerbepolitik grundsätzhch Neues geschaffen. Dabei ist in der Hauptsache 
die Entwicklung des Auslandes vorbildhch gewesen. Die großen Mächte, Frankreich, 



Die Tätigkeit des Staates 7J 

England, Holland, waren ja den deutschen Territorien nicht bloß politisch, sondern auch 
wirtschaftlich überlegen und bemühten sich dauernd, diese Überlegenheit noch zu ver- 
stärken, sowohl indem sie fremde Erzeugnisse von dem eigenen Gebiet fernhielten und 
damit den Abfluß des Geldes ins Ausland verhinderten, wie auch indem sie ihre Indu- 
strie und ihren Handel auf Kosten der anderen Staaten ausdehnten und so Geld aus 
dem Auslande hereinzogen. Indem diese (hier nicht näher auszufühi'ende, vgl. Sieve- 
KiNG, Grundriß, Bd. II, Abt. 2) merkantilistische Wirtschaftspolitik den Staat zu 
einem einheitlichen Wirtschaftsgebiet zusammenschloß imd zugleich dessen finanzielle 
Mittel vermehrte, entsprach sie besonders den Bedürfnissen des werdenden branden- 
burgisch-preußischen Staates und setzte daher hier gleichzeitig mit dem Übergang aus 
der territorialen Stufe der Staatsbildung zum Gesamtstaat unter dem Großen Kur- 
fürsten ein. 

Auch auf diesem Gebiete gab das stehende Heer mit seinem ständigen und stei- 
genden Geldbedarf den Anstoß zu Neuenmgen. Die für das Heer bestimmte Kontri- 
bution war als Grund- und Häusersteuer gerade nach dem Dreißigjährigen Kriege wirt- 
schafthch unvorteilhaft, weil sie den Wiederaufbau erschwerte. Kurfürst Friedrich 
Wilhelm trat daher vom Beginn seiner Eegierung an dafür ein, diese direkte Steuer, 
deren Ertrag auch noch durch viele Exemtionen geschmälert wm-de, dm'ch indirekte 
Steuern zu ersetzen, wie er sie in Holland kennen gelernt hatte, wie sie aber auch füi" 
die deutschen Territorien nichts Neues waren und gerade damals von der Theorie als 
„Generalmittel" besonders lebhaft empfohlen wurden. Aber er drang mit seinem Vor- 
schlag, eme Akzise statt der Kontribution einzuführen, beim Adel der meisten Land- 
schaften nicht durch ; überdies erwies sich in den wenigen Gebieten, die die allgemeine Ak- 
zise für Stadt und Land angenommen hatten, diese sehr bald als unzweckmäßig. Des- 
halb bheb auf dem Lande die direkte Kontribution, im wesentlichen, weim auch nicht 
ausschheßlich eine Grundsteuer, unverändert bestehen. Dagegen bewähi'te sich die 
Akzise in den Städten der Mark Brandenburg, denen es seit 1667 freigestellt war, ihre 
Steuersumme dm-ch indii-ekte Steuern aufzubringen, und wurde zu Beginn der acht- 
ziger Jahre endgültig eingeführt. Den märkischen Städten folgten die pommerschen 
im Jahre 1682, die magdebm-gischen 1686, die preußischen zwischen 1688 rmd 1690, 
dann nach langer Pause 1714 die clevischen und (gräfhch-) märkischen Städte. 

So wenig wie die Kontribution eine reine Grundsteuer, ist die Akzise eine reine 
indirekte Steuer ; sie enthält vielmehr auch einige direkte Abgaben vom Grundbesitz 
und von einzelnen Bevölkerungsklassen wie den Künstlern, den Handwerkern und den 
Tagelöhnern.^) Aber ihr Schwerpunkt ruht in der indirekten Besteuerung. Sie trifft 
den Verbrauch von Fleisch, Brot und Getränken teils durch Belastung des gewerb- 
lichen Betriebs der Schlächter, Bäcker, Brauer und Brenner, teils durch Belastung der 
Einfuhr ; auch vom Handel wird eme Abgabe erhoben. Überhaupt bestand bei der Ak- 
zise die Tendenz, möglichst viele Waren und Betriebe zu besteuern, um trotz niedrigen 
Einzelsätzen, die örtlich verschieden waren, den erforderhchen Ertrag herauszuziehen. 
Da das platte Land der Akzise nicht unterworfen war, machte ihi-e Durchführimg eine 
scharfe Trennung von Stadt und Land notwendig; die Städte mußten wegen der Kon- 
trolle der Einfuhr ummauert sein, und die Errichtung von Betrieben, die in den Städten 
der Akzise unterworfen waren, wurde für das platte Land untersagt. 

Der Ertrag der Akzise war im Gegensatz zu dem der Kontribution nicht von 
vornherein festgelegt, sondern stieg mit der Zunahme des Verbrauchs akzisepfhchtiger 
Waren und des akzisepflichtigen Handels. Deshalb war der Staat an dieser Zunahme 
interessiert und übernahm zum eigenen Vorteü die Aufgabe, das wirtschaftUche Leben 

1) Vgl. die kurmärkische General- Steuer- und Konsumptionsordnung vom 2. Januar 1684 
bei Mylius, Corp. Const. Marcli., Bd. IV, 3, S. 133ff. und bei Altmann I (nur 2. AufL), S. 141ff. 



72 ^- Härtung: Deutsche Verfassungegeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

in den Städten zu befördern. Darin fand, wie bereits bemerkt worden ist, seit den Ta- 
gen des Großen Kurfürsten die Kommissariatsverwaltung das eigentliche Feld ihrer 
Tätigkeit. Als das geeignetste Mittel, um die Städte in die Höhe zu bringen, erschienen 
dem Kurfürsten, den auch hier die holländischen Jugendeindrücke bestimmten, die 
,,Kommerzien", d. h. der Überseehandel. Allerdings wurden die andern Zweige der 
Volkswirtschaft darüber nicht ganz vernachlässigt. Wie für das platte Land so er- 
leichterte der Kurfürst auch für die Städte nach Kräften die Ansiedlung neuer Be- 
wohner, heß sich die Hebung des Handwerks durch Beseitigung der Zunftmißbräuche, 
die der Tuchindustrie im besonderen durch Beschränkung der Wollausfuhr und durch 
Überwachung der Betriebe angelegen sein, fing auch eigene gewerbliche Unternehmun- 
gen an und förderte den Binnenhandel durch Anlegimg von Straßen und Kanälen, von 
denen wenigstens der Friedrich-Wilhelms-Kanal erwähnt sei, der die Oder mit der 
Spree und dadurch mit der Elbe verband und Berlin zu einem wichtigen Handelsplatz 
in Norddeutschland machte. Aber als die „vornehmsten Säulen" des Wohlstandes sah 
er doch „Handlung und Seefahrt" an.i) Der Wunsch, einen brauchbaren Hafen zu er- 
langen, leitete sein Streben nach dem Besitz Stettins. Das Fehlschlagen seiner Hoff- 
nungen auf die Odermündung entmutigte ihn nicht; gerade in den achtziger Jahren 
versuchte er, selbständig an der Kolonialpolitik der großen Mächte Anteil zu nehmen, 
eine Flotte zu bauen, eine afrikanische Handelskompanie zu gründen und Landbesitz 
in Afrika zu erwerben. Aber trotz einigen Erfolgen zu Anfang konnten sich diese Unter- 
nehmungen auf die Dauer nicht halten. Sie waren verfrüht, es fehlte an Unterneh- 
mungslust, an Kapital, an einem wirtschafthch genügend entwickelten Hinterland, 
endlich an einer ausreichenden politischen Macht, ohne die die Konkurrenz der älteren 
Staaten, zumal Hollands, nicht zu überwinden war. 

So ist erst Friedrich Wilhelm I. der Begründer der preußischen Volkswirtschaft 
geworden. Seinem allen „windigen Projekten" abgeneigten persönlichen Wesen ent- 
sprach es, daß er den Überseehandel aufgab und sich der solideren, freihch auch unend- 
lich mühsameren Arbeit zuwendete, durch die Entwicklimg der Industrie Preußen reich 
zu machen. In den französischen Eefugies besaß er wohl eine geeignete Grundlage für 
die Einführung von neuen Industrien, aber das meiste taten doch der König und sein 
Beamtentum. Die Zünfte wurden reformiert ; ganz besondere Pflege erfuhren aber die 
Manufakturen, die über den engen Rahmen eines nur für den lokalen Absatz arbeiten- 
den Handwerks hinausgewachsenen gewerblichen Betriebe, zumal die für das damalige 
Preußen wichtigste Gruppe, die Tuchindustrie. Alle Mittel wurden angewendet, um 
sie zur Blüte zu bringen ; durch ein strenges Verbot der Wollausfuhr sollten die Preise 
der Rohstoffe billig erhalten, durch Erhöhtmg der Akzisesätze die fremde Konkurrenz 
abgewehrt, durch eingehende von Staats wegen erlassene Vorschriften der Betrieb ver- 
bessert, endlich auch der Absatz im Inlande und ins Ausland möglichst gesteigert 
werden. 

Die Bedeutung dieser ganzen hier nicht ausführlich zu besprechenden Wii'tschaf ts- 
politik hegt nicht allein in dem, was sich in Geld ausdrücken läßt, daß sie die Akziseein- 
künfte gesteigert, den Abfluß von Geld ins Ausland verhindert oder doch vermindert, 
ja sogar durch den zunehmenden Absatz von Fabrikaten Geld aus der Fremde ins 
Land gezogen hat. Wichtiger noch ist ihre staatsbildende Wirkung. Sie hat wenig- 
stens den Kern des preußischen Staates, die territorial zusammenhängenden Gebiete 
der Mark, Pommerns rmd Magdeburgs zu einem einheithchen Wirtschaftsgebiet zusam- 
mengeschlossen und sie vom Ausland möglichst unabhängig gemacht. Und am tief- 
sten vielleicht hat sie auf den Charakter des Volkes gewirkt. König Friedrich Wil- 
helrn I. hat durch die rmerbittliche Strenge seiner Forderungen, durch die oft brutale 

1> Edikt vom 1. .Januar 1686, Mtliur. Bd. IV, 5, S. 133. 



Die Tätigkeit des Staates 73 

Härte, mit der er Müßiggänger — und dazu rechnete er alle, die keine praktisch nütz- 
liche Arbeit verrichteten — verfolgte, sein Volk zur Arbeit erzogen und ihm den rast- 
losen Drang zum Erwerb eingepflanzt, der bis auf den heutigen Tag den Norddeutschen 
vom Süddeutschen unterscheidet. Und im Gegensatz zum Territorialstaat, der im in- 
dividuellen Behagen das Ziel sah und jede staatliche Leistung der Untertanen durch 
besondere Privilegien erkaufen mußte, hat er praktisch den Grundsatz verwirklicht, 
daß die ganze angespannte Tätigkeit des einzelnen nicht Selbstzweck, sondern ein 
pflichtgemäßer, ohne Lohn und Dank zu erfüllender Dienst für die Gesamtheit, eine 
„verfluchte PfUcht mid Schuldigkeit" sei. 

Denn darauf war die ganze Tätigkeit des Staates seit dem Großen Kurfürsten 
eingesteht, die Macht des Ganzen, wie sie sich im Heere und in den Finanzen verkör- 
perte, zu vermehren und den Staat in seiner Politik von den großen Mächten unab- 
hängig zu machen. Es würde hier zu weit führen, die allmähhche Entwicklung von 
Heer und Finanzen zu verfolgen. Die dauernde Ordnung hat auch auf diesen Gebieten 
erst Friedrich Wilhelm I. geschaffen. Durch die Tilgung der ererbten Staatsschulden 
und durch die Ansammlung eines Staatsschatzes, durch die Erfüllung der bereits von 
Ludwig V. Eyb (vgl. oben S. 49) fi"eilich vergeblich erhobenen Forderung, daß ein 
Staat in normalen Jahren regelmäßig einen Überschuß erzielen müsse, hat er Preußen 
instand gesetzt, auch Kriegszeiten ohne ausländische Hilfsgelder zu überstehen. Das 
Heer in entsprechender Weise aUein auf die Mittel des eigenen Landes zu begründen, 
verboten volkswirtschaftliche Erwägungen. Das Offizierkorps freilich wurde fast aus- 
schließlich aus dem inländischen Adel zusammengesetzt, aber bei den Mannschaften 
mußte auf die geringe Bevölkerungszahl und auf den mit der Entwicklung der Indu- 
strie steigenden Bedarf an Arbeitskräften Rücksicht genommen werden. Deshalb 
wurde die Werbung im Ausland trotz den hohen Kosten, die sie verursachte, beibehal- 
ten. Aber sie genügte nie, ein Teil des Heeres mußte stets aus dem Inlande genommen 
werden, und zwar geschah dies zeitweise durch RekrutensteUung seitens der einzelnen 
Landschaften, in der Regel durch Werbung. Da der Dienst im stehenden Heere all- 
gemein verhaßt war, so hielt es schwer, die erforderliche Rekrutenzahl im Lande zu ge- 
winnen, und die Anwendung von Zwang ließ sich kaum vermeiden. Sie war zwar ver- 
boten, wurde aber stillschweigend geduldet, zumal da Friedrich Wilhelm L den nie- 
mals aufgegebenen Grundsatz, daß jeder Untertan zur Verteidigung des Vaterlandes 
verpfhchtet sei, ohne weiteres auf das stehende Heer übertrug und ausdrücklich er- 
klärte^), daß die gesamte junge Mannschaft in Stadt und Land ihm „nach ihrer na- 
türhchen Geburt und des höchsten Gottes eigener Ordnung und Befehl mit Gut und 
Blut zu dienen schuldig und verpfhchtet" sei. Bei der erzwungenen Einstellung von 
Rekruten waren nun diejenigen Offiziere im Vorteil, die zugleich Gutsherrn waren und 
ihre Erbuntertanen zu Rekruten machen komiten. Aus diesem vielfach geübten 
Brauch entwickelte sich allmählich das sogenannte Kantonsystem, das durch zwei 
Kabinettsordern vom I.Mai und 15. September 1733 nicht etwa geschaffen, sondern 
nur geregelt worden ist. Danach erhielt jedes Regiment einen „Kanton", d. h. eine 
Anzahl von FeuersteUen zugewiesen, aus dem es seine Rekruten auszuheben hatte. 
Aber wenn auch damit nichts Neues eingeführt, sondern mu" ein durch die Praxis ent- 
standener Brauch anerkannt worden ist, so besitzt diese erste Regelung des Kanton- 
wesens doch eine große Bedeutung für die Ausbildung des Staates : bisher war der Mili- 
tärdienst des Erbuntertanen eine Pflicht gegen den Gutsherrn gewesen, jetzt wm-de 
er eine Pfhcht gegen den König, den Staat. Die grundsätzlich ausgesprochene all- 
gemeine WehrpfUcht erlitt von Anfang an Ausnahmen zugunsten des Adels, der freilich 
als Offizier dienen mußte, der reichen Leute, denen man den Kriegsdienst ebensowenig 

1) Edikt vom 9. Mai 1714 bei Myliüs, Corpus Const. March., Bd. III, 1, S. 360. 



74 ^- Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bia zur Gegenwart 

aufzuerlegen wagte wie den neuen Einwanderern und ihren Kindern, ferner der für 
die Volkswirtschaft unentbehrlichen Arbeitskräfte, sowohl der angesessenen Bauern 
und ihrer einzigen Söhne wie der Wollarbeiter und der Manufaktui'iers. Unter Fried- 
rich dem Großen wiu-den diese Befi'eiungen noch weiter ausgedehnt, besonders auf die 
städtische, in der Industrie tätige Bevölkerung ; ferner wiu'den Cleve, die Grafschaft Mark 
und Ostfriesland gegen jährliche Zahlungen vom Kantonsystem ausgenommen, das sich 
hier in der Nähe der Grenzen auch schwerhch hätte durchführen lassen. So ruhte die 
Wehrpfhcht in der Hauptsache auf den Bauernsöhnen; ihre zwanzigjährige Dienstzeit 
wurde durch das ausgedehnte Beurlaubungssystem, das den einmal ausgebildeten Sol- 
daten nur zwei Monate jährlich zum Dienst bei der Fahne zwang, wesentlich gemildert. 

§ 21. Der aufgeklärte Despotismus Friedrichs des Großen 

Zur Frage nach den Epochen des Absolutismus: R. Koser, Die Epochen der absoluten 
Monarchie in der neueren G. (HZ., Bd. 61, 1889). W. Röscher, Umrisse zur Naturlehre der drei 
Staatsformen {Allg. Z. f. G., Bd. VII, 1847), S. 451f., ähnlich in seiner Politik (1. Aufl. 1892, S. 250ff., 
3. Aufl. 1908). R. ScmnDT, AUgemeine Staatslehre, Bd. II (1903), S. 620 ff. 

Zur Rechtsverfassung vgl. außer den oben S. If. genannten Arbeiten von Loentng und 
Stölzel: Acta Borussica, Behördenorganisation, Bd. VII u. VIII. V. Grabinski, Die Coccejische 
Justizreform in den Jahren 1746 — 1748 (Breslauer Diss. 1912). H. Neuteld, Die friderizianische 
Justizreform bis zum Jahre 1780 (Göttinger Diss. 1910). A. Stölzel, C. G. Svarez (1885). 

Der Bau des absoluten preußischen Staates war in der Hauptsache im Jahre 1740 
vollendet. Friedrich der Große hat an seinen wesentlichen Zügen nichts mehr geändert. 
Seine (oben S. 65 bereits genannten) Reformen in der Verfassung des Generaldhek- 
toriums, die Errichtung besonderer Fachdepartements neben den Provinzialdeparte- 
ments, sind bloß die Weiterbildung einer bereits in der ursprünglichen Einrichtung lie- 
genden Tendenz ; auch die neue Instruktion für das Generaldirektorium vom 20. Mai 
1748 gab der Verwaltung keine neue Richtung. Friedrich ließ das Werk des Vaters, die 
neue Verwaltungsorganisation, bestehen und brachte es durch die Reform der Justiz- 
verwaltung zum Abschluß. Diese war vor allem das Werk des Großkanzlers Samuel 
von Cocceji und bestand zunächst in der Vereinfachung der Verwaltung, indem die 
noch vielfach neben den Regierungen stehenden Hofgerichte mit diesen verschmol- 
zen wurden; seither besaß jede Landschaft nur ein kollegiales Gericht. Auch in der 
Centrale konnte die Organisation vereinfacht werden, nachdem der König für alle seine 
iimerhalb des Reiches gelegenen Besitzungen ein unbeschränktes Privilegium de non 
iippellando erlangt hatte, wie es die Kurmark seit der Goldenen Bulle hatte. Nun ver- 
schwanden die verschiedenen Oberappellationsgerichte der emzelnen Tenitorien und 
machten einem einheitlichen Tribunal Platz; nur (Ost-)Preußen behielt sein beson- 
deres Tribunal. Zweitens handelte es sich bei der Justizreform Coccejis um eine durch- 
greifende Verbesserung im Personal der Gerichte. Die Zahl der Richter wurde be- 
schränkt, die untauglichen wurden entlassen, die übrigbleibenden aber wurden mit 
festen und ausreichenden Gehältern versehen und von den Sportein, die in eine ge- 
meinsame Sportelkasse flössen, unabhängig gemacht ; für die Zukunft wurde bestimmt, 
daß nur solche Richter, die sich einer Prüfung unterzogen hätten, angestellt werden 
sollten. Wie bei den Kollegialgerichten in der Reform des Sportelwesens und in dem 
Verbot der Aktenversendung an Juristenfakultäten, so wurde auch bei den patrimo- 
nialen Untergerichten der staatliche Charakter der Rechtsprechung schärfer ausge- 
prägt ; die Gerichtsherrn dui'ften ihre Gerichtsbarkeit nur noch dui'ch staatUch geprüfte 
Justitiare ausüben lassen. EndHch wurde durch eine neue Prozeßordnung, den Codex 
Fridericianus, ein besseres und rascheres Verfahren eingeführt. 

Mit der Justizreform wurde die Regelung der Grenzen zwischen der ordentlichen 
Gerichtsbarkeit und der Kammerjustiz verbunden. Cocceji wollte freihch die Kammer- 
justiz ganz abschaffen, da hier die Kammer zugleich Partei und Richter war, also jede 



Der aufgeklärte Despotiamna 75 

Garantie für eine unparteiische Eechtspflege fehlte ; aber dieser Plan, für den er auch 
den König gewann, scheiterte am Widerstand der Finanzverwaltung. Es gelang ledig- 
lich, im Bessortreglement vom 19. Juni 1749^) eine Begi'enzung der Kammerjustiz 
durchzusetzen. Als allgemeiner Grundsatz wurde aufgestellt, daß alle Prozesse, die 
private Interessen berührten, vor die Justizkollegien gehören, diejenigen dagegen, die 
die Domänen und Einkünfte des Königs oder den ,,statum oeconomicum et poUticum" 
und ganz allgemein das ,, Interesse publicum" angingen, vor den Kammern verhandelt 
werden sollten. Bei der Dehnbarkeit dieser Begriffe, den vielfachen Berührungen zwi- 
schen privaten und polizeihchen Interessen, überhaupt der weiten Ausdehnung, die der 
merkantilistische Staat dem „Status pohticus" und dem „Interesse pubhcum" gab, 
blieben natürUch Kompetenzkonfhkte auch nach dem Kessortreglement nicht aus; 
zu ihrer Entscheidung wurde 1756 eine eigene, aus Juristen und Bäten des General- 
direktoriums gebildete Jurisdiktionskommission eingesetzt. 

Die Tätigkeit der Verwaltung beharrte unter Friedrich dem Großen im wesent- 
lichen in den Bahnen Friedrich Wilhelms I. Sie behielt das gleiche Ziel, divrch An- 
sparmung aller Kräfte des Landes die Macht des Staates zu steigern, und sie behielt die 
gleichen Mittel, den bevormundenden Merkantihsmus. Wenn auch Friedrich mehr als 
der Vater auf die Entfaltimg des Handels Wert legte, so wollte doch auch er nicht etwa 
nach holländischem Vorbild den Wohlstand Preußens auf den Zwischenhandel grün- 
den, sondern der Schwerpunkt ruhte nach wie vor auf der eigenen Industrie, den 
Manufakturen. Nach der Eroberung Schlesiens stand das Leinengewerbe ebenbürtig 
neben der märkischen Tuchfabrikation ; besonders gepflegt wurde ferner die Seidenindu- 
strie. In der zweiten Hälfte der Regierungszeit Friedrichs gewann auch der Abbau der 
Bodenschätze, der Bergbau namentlich in Oberschlesien, einen großen Aufschwung. 
Die Landwirtschaft hatte im Interesse dieser industriellen Entwicklung zwar manches 
Opfer zu bringen, aber der König sorgte doch für ein gewisses Gleichgewicht zwischen 
Stadt und Land; seine Magazinpolitik sicherte dem wichtigsten landwirtschaftUchen 
Erzeugnis, dem Getreide, einen auskömmlichen Preis. Daß Friedrich für die Erhaltung 
des Bauernstandes gegenüber dem Rittergutsbesitz eintrat, ist bereits oben (S. 70) 
l^emerkt worden. Aber wenn er im Interesse des Staates eine Ausdehnung des adligen 
Besitzes verhinderte, so schützte er diesen doch in seinem Bestände ; er untersagte eine 
Erweiterung der Domänen auf Kosten der Rittergüter, er verbot aber auch den Ver- 
kauf von Rittergütern an Bürgerliche, um deren Kapital für Handel und Industrie zu 
erhalten. Dem durch diesen Ausschluß des bürgerlichen Kapitals geschwächten Kredit 
des Adels suchte er durch die Errichtung von adhgen Kreditinstituten, den sogenaim- 
ten Landschaften, aufzuhelfen. Der leitende Gesichtspunkt war überall der, jeden 
Stand in der Sphäre festzuhalten, in der er das Interesse des Staates am nützhchsten 
fördern zu köimen schien. 

Aber so wenig Friedrich auch an dem Regierungssystem des Vaters änderte, so 
bedeutet seine Regierung doch eine besondere Stufe der Staatsbildung für Preußen. 
Friedrich ist der Vertreter des aufgeklärten Despotismus. Zwar hat R. Schmidt (AUg. 
Staatslehre II, S. 620 f.) beachtenswerte Einwendungen gegen die herkömmhche Ein- 
teilung des Absolutismus überhaupt wie im besonderen gegen die übliche Bezeichnung 
des aufgeklärten Despotismus als einer eigenen Periode erhoben; und ich möchte ihm 
insofern zustimmen, als ich eine alle Erscheinungsformen gleichmäßig berücksichtigen- 
de einheithche Gliederung von Epochen der absoluten Monarchie in der neueren Ge- 
schichte wegen der großen Verschiedenheiten der Staaten imd der Persönlichkeiten 
überhaupt für unmöglich halte. Aber die preußische Verfassungsgeschichte kaim auf 

1) Gedruckt bei Mylius, Corp. Const. March., Contin. BA IV, S. 163ff. und bei Altmann 
Bd. I», S. 415ff. 



76 F. Härtung: Deutsche Verfasenngsgeschichte vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

die begriffliche Unterscheidung des grundsätzhchen Absolutismus Friedrich Wilhelms I. 
vom aufgeklärten Despotismus Friedrichs des Großen nicht verzichten ; dabei ist frei- 
lich zuzugeben, daß die Bezeichnungen nicht eben glücklich sind, weil sie den Anschein 
erwecken, als sei Friedrich der Große nicht auch grundsätzlich absoluter Herrscher ge- 
wesen, und weil sie das unterscheidende Merkmal, die Auffassung vom Staate, nicht 
zum Ausdruck bringen. i) Der Große Kurfürst war von der altterritorialen Auffassung 
des dualistischen Staates ausgegangen und hatte an ihr festgehalten, werm auch die 
Erbansprüche seines Hauses und die Notwendigkeit, sie mit Waffengewalt durchzu- 
setzen und zu behaupten, ihn in seiner Kegierungspraxis darüber hinausführten. Fried- 
rich Wilhelm I. hatte den Dualismus überwunden durch den Begriff der Souveränität, 
in der er nicht bloß die Unabhängigkeit nach außen, sondern auch eine unumschränkte 
Gewalt im Innern sah. Aber er faßte sie rein persönlich und dynastisch auf; sein poli- 
tisches Testament keimt keinen Staat, sondern nur den König, die Krone, und das 
Domänenedikt vom 13. August 1713-) bedeutet nicht einen Bruch mit der patrimonia- 
len Staatsauffassung, sondern ihren Höhepunkt, die Umwandlung des ganzen Staates 
in ein Familienfideikommiß des Hauses HohenzoUem. Erst Friedrich der Große hat 
den Staat mit vollem Bewußtsein über die Dynastie gestellt. Das ist in doppelter Hin- 
sicht etwas Neues. Erst durch diesen Staatsbegriff verliert Preußen den Charakter 
emer willkürhchen, bloß durch dynastische Beziehungen zusammengehaltenen^Ver- 
bindung von selbständigen Territorien, wird zu einer lebendigen Emheit zusammenge- 
schweißt. Das gilt für die auswärtige Politik, die jetzt allein durch die Bedürfnisse des 
Staates, nicht mehr durch die Ansprüche der Dynastie bestimmt wu'd, das gilt aber 
auch für die iimere Pohtik. Gewiß bleiben hier Reste der alten föderativen Staatsver- 
fassung noch über Friedrich den Großen hinaus erhalten, nicht bloß in der Bezeich- 
nung der „Kgl. preußischen Staaten", die sich im Titel der amtlichen preußischen Ge- 
setzsammlung bis zum Ende des Jahres 1906 gehalten hat, sondern auch in der Rechts- 
verfassung und, wie am deutlichsten die Provinzialdepartements des Generaldirekto- 
riums erkennen lassen, selbst in der allgemeinen Staatsverwaltung. Aber man darf 
diese Reste nicht überschätzen.') Das stärkere, das vorwärtsdrängende Element ist 
doch die Einheit gewesen ; und diese hat nicht mehr ausschließlich im Könige, im Heere 
und im Beamtentum gelebt, sondern ist zumal durch die Siege Friedrichs des Großen 
und durch die gemeinsame Not des Siebenjährigen Krieges auch dem Volke bewußt 
geworden. Für das preußische Volk des ausgehenden 18. Jhs. gilt die Goethische For- 
mulierung von der fritzischen Gesinnung nicht ; auch die Kreise, die mit der Politik des 
alternden Königs nicht einverstanden waren, waren preußisch gesinnt. Mit vollem 
Recht durfte schon Friedrich der Große von einer preußischen Nation sprechen. 

Zweitens begründet dieser Staatsbegriff Friedrichs eine neue Auffassung des 
Verhältnisses zwischen dem Könige und seinen Untertanen. Der König ist nicht ihr 
Eigentümer, sondern der erste Diener des Staates, er hat die Pfhcht, das ihm anver- 
traute Amt zum Besten der Gesamtheit zu verwalten. Das ist freilich in der Haupt- 
sache nur eme neue Formuherung der schon vom älteren deutschen Territorialfürsten- 
tum theoretisch vertretenen und meist auch lebendig empfundenen Verantworthchkeit 
des Fürsten gegenüber Gott und gibt den Untertanen keine größere Sicherheit. Denn 
auch für Friedrich hat die Gesamtheit kein Organ, um ihre Rechte und Interessen 
gegenüber der Allgewalt des Fürsten zu vertreten; die einzige Gewähr ist das Pflicht- 

1) Zum folgenden darf ich auf meine Bemerkungen FBPrG., Bd. XXV(1913), S. 359f. verweisen. 

2) Gedruckt bei Mylius, Corp. Const. March., Bd. IV, 2. S. 161 ff. und bei H. Schulze, 
Hausgesetze, Bd. III, S. 737 ff.; zur Beurteilung vgl. Hintzes Bemerkungen, FBPrG., Bd. XVIII 
(1906), S. 298. 

3) Das scheint mir in der Darstellung, die M. Lehmann von dem „Alten Preußen" in seinem 
Freiherrn vom Stein, Bd. II (1903), S. 11 ff. (auch HZ., Bd. 90, 1903) gegeben hat, der Fall zu sein. 



Der aufgeklärte Despotismus 77 

bewußtsein des Herrschers. Und doch führt dieser neue, rein welthch begründete Begriff 
des Fürstenamts auf allen Gebieten über die bisherige Politik hinaus. In der Kirchen- 
politik verschwindet die alte konfessionelle Engherzigkeit nicht nur notgedrungen, auf 
Grund besonderer Verträge, sondern grundsätzlich ; der Staat ist weltlich, allen Kon- 
fessionen gegenüber neutral, läßt jeden, der seine PfHchten gegen den Staat erfüDt, 
nach seiner Fasson selig werden. In der Finanz- und Whtschaftspolitik macht der 
einseitig fiskahsche Geist Friedrich Wilhelms I. höheren staathchen Erwägungen, na- 
mentlich auch Rücksichten auf die Erhaltung des Adels gegenüber dem Domäneninter- 
esse, auf die Lage der ärmeren Bevölkerungsschichten Platz. Friedrich Wilhelm I. 
hatte sich damit begnügt, seinen Behörden einzuschärfen, daß die Bereicherung der einen 
Staatskasse auf Kosten der andern kein wahrer Vorteil für den König sei, hatte sie aber 
angewiesen, das könighche Interesse gegenüber der Bevölkerung aufs strengste zu wah- 
ren ; Friedrich der Große sieht im Vorteil des Landes das wahre Interesse des Königs 
und des Staates und verbietet es grundsätzlich, die Einkünfte des Staates auf Kosten 
des Landes zu steigern. Vor allem in der Eechtsprechung tritt die Persönlichkeit des 
Fürsten hinter dem in den Gesetzen verkörperten Staat zurück; mit vollem Bewußt- 
sein hat Friedrich auf Machtsprüche m privatrechtUchen Fragen verzichtet. 

Diese neue Staatsauffassung, auf deren Zusammenhang mit der geistigen Be- 
wegung der Zeit, mit der Staatslehre der Aufklärung hier wenigstens hingewiesen sei, 
wurde nun nicht allein von Friedrich dem Großen vertreten, sondern fand in steigen- 
dem Maße Eingang beim hohen Beamtentum des preußischen Staates. Unter dem 
Einfluß der Doktrinen Montesquieus versuchten im letzten Jahrzehnt Friedrichs die 
Beamten der Justizverwaltung, der Großkanzler Carmer und sein Bat Svarez, die Ge- 
richte nach dem Muster der französischen Parlamente zu unabhängigen Zwischen- 
instanzen zwischen dem absoluten Könige und der Privatrechtssphäre der Individuen 
auszugestalten und dadurch, wie Svarez sich ausdrückte, in einem Staat ohne Grund- 
verfassung die letztere gewissermaßen zu ersetzen. Deshalb wurde die Eechtsprechung 
der Verwaltungsbehörden immer mehr beschränkt. Die Kammerjustiz wurde durch 
eine Verordnung vom 12. Februar 1782^) an besondere, zu unparteiischer Rechtspre- 
chung vereidigte Kammerjustizdeputationen übertragen, durch die Errichtimg eines 
Oberrevisionskollegiums und einer aus Richtern und Verwaltungsbeamten zusammen- 
gesetzten Oberrevisionsdeputation in Berlin wurde ein fester Instanzenzug geschaffen. 
Das am 3. März 1797 erlassene Ressortreglement für die 1795 erworbene Provinz Neu- 
ostpreußen kannte überhaupt keine Kammerjustiz mehr, sondern Überheß die gesamte 
Rechtsprechung den ordentlichen Gerichten. Diese Geschäftsverteilimg wurde auch 
in den 1802 an Preußen gefallenen Entschädigungslanden eingeführt; von den älteren 
Provinzen wurde sie aber nur auf Franken (Reglement vom 10. Dezember 1798) und 
auf Ostpreußen (Regl. vom 21. Juni 1804) ausgedehnt. Den Höhepunkt dieser Ent- 
wicklung vom absoluten Staat zum Rechtsstaat bildet das Allgemeine Gesetzbuch, das 
zwar erst am 20. März 1791 veröffentlicht worden ist, das aber um so unbedenkhchor 
für die Charakterisierung des friderizianischen Staates verwendet werden darf, als 
mit der Bekanntmachung des Entwm-fs schon 1784 begonnen worden ist. Es steht 
noch ganz auf dem Boden des Absolutismus : alle Rechte und Pflichten des Staates ver- 
einigen sich im Oberhaupte, es gibt keinerlei pohtische Befugnisse der Stände. Und 
doch wird dieses absolute Königtum ganz im Geiste Friedrichs des Großen bewußt 
dem Staate untergeordnet; die Domänen werden ausdrückhch zum Staatseigentum 
erklärt, dem Könige sind nur „gewisse Einkünfte und Nutzungen" beigelegt, Macht- 
sprüche werden als imgültig bezeichnet, die Befugiüs zur allgemein verbindhchen Ge- 

1) Gedruckt bei Fischbach, Hist. Beitr., Bd. III, 2 (1785), S. 580ff., im Novum Corpus 
Const., Bd. VII, S. 838 f. nur im Auszug. 



78 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

setzgebung wird an die Mitwirkung der unter dem Vorsitz des Großkanzlers stehendi-n 
Gesetzkommission geknüpft. Endlich wird auch das Beamtentum der Willkür des 
Herrschers entzogen und allein dem Staate unterstellt ; nur durch Mehrheitsbeschluß 
des Staatsrats, der Gesamtheit der Minister, sollte in Zukunft die Absetzung eines Be- 
amten verfügt werden können, aus den königlichen Bedienten, die vom König jeder- 
zeit entlassen werden konnten, sind damit Diener des Staates geworden. 

§ 22. Der Niedergang Preußens von 1786 — 1806 

Die Gesetze sind gedruckt im Novum Corpus Constitutionum Prussico-Brandenburgensium, 
Bd. VIII — XII. Eine systematische Veröffentlichung von Akten nach Art der Acta Borussica 
fehlt noch; einiges findet sich bei G. Küktzel, Die politischen Testamente der Hohenzollem, Bd. II 
(1911), S. 99ff. Außerdem kommen bereits für diese Zeit die Denkwürdigkeiten der Männer der 
Reformzeit in Betracht; von ihnen seien wegen der wichtigen Akten über den Kampf gegen die 
Kabinettsregierung bereits hier die von L. v. Rauke hersg. Denkwürdigkeiten des Staatskanzlers 
Fürsten v. Hardenberg (5 Bde., 1877) genannt. 

Wegen der Literatur ist auf die unten bei § 40 zu nennenden Werke über die Reformzeit zu 
verweisen, in denen die Zeit vor 1806 einleitend behandelt wird. Hervorgehoben seien aber wegen der 
gegensätzlichen Gesamtansohauung über das alte Preußen M. Lehmann, Freiherr vom Stein, Bd. I 
und II (1902/03) und E. v. Meieb, Fi'anz. Einflüsse auf die Staats- und Rechtsentwicklung Preußens 
im 19. Jh., Bd. II, 1908, S. 1—202. 

Einzelliteratur für die Zeit von 1786 — 1806: O. Hintze, Preuß. Reformbestrebungen vor 
1806 (HZ., Bd. 76, 1896; auch Hist. u. pol. Aufs., Bd. III). H. Hüffee, Die Kabinettsregierung in 
Preußen und J. W. Lombard, ein Beitrag z. G. d. Preuß. Staates vornehmlich in den Jahren 
1797—1810 (1891). H. Petzold, Die Verhandlungen der 1798 von König Friedrich Wilhelm III. 
eingesetzten Immediatfinanzkommission (1912). M. PHTT.TprsoN, G. d. Preuß. Staatswesens vom 
Tode Friedrichs d. Gr. bis zu den Freiheitskriegen (2 Bde. bis 1797; 1880 u. 1882, unbefriedigend 
vgl. H. Delbrück, Z. preuß. G. u. Landeskunde, Bd. XVIII, 1881, S. 63, aber noch nicht ersetzt). 
J. ZlEKUESCH, Beitr. z. Charakteristik d. preuß. Verwaltungsbeamten in Schlesien bis zum Unter- 
gange des friderizianischen Staates (1907; vgl. dazu M. Hass, FBPrG., Bd. XX, 1907, S. 568ff. 
und ZiEKUKSCH, ebd. Bd. XXI, 1908, S. 326 ff.); Das Ergebnis der friderizianischen Städteverwal- 
tung und die Städteordnung Steins, am Beispiel der schlesischen Städte dargestellt (1908; vgl. 
dazu Hintze, FBPrG., Bd. XXII, 1909, S. 283ff. u. S. 693ff., Ziekuesch, ebd. S. 692f.). 

Neben den im vorhergehenden Paragraphen behandelten Keimen zu einer neuen 
Entwicklung zeigen sich aber auch Ansätze zu der Erstarrung, die den preußischen 
Staat schon in den letzten Jahren Friedrichs des Großen ergriffen und bis 1806 be- 
herrscht hat. Wie die 1781 erlassene neue Zivilprozeßordmmg (Corpus juris Frideri- 
cianum, 1. Buch, Prozeßordnung) mit der Ersetzung der fi'eien Advokatur durch 
staatliche Assistenzräte, so atmet auch das Allgemeine Gesetzbuch und das aus ihm 
hervorgegangene Allgemeine Landrecht durchaus den Geist des bevormundenden Poh- 
zeistaats : der Staat ist nach ihm berechtigt, die äußeren Handlungen aller Einwohner 
dem Endzweck gemäß zu leiten, er hält die ständische Gliederung, die wirtschaftliche 
Gebundenheit aller Ivlassen streng aufrecht. Aber diese staatliche Reglementierung 
des individuellen Lebens rief damals in ganz Europa den Widerspruch gerade der 
geistig imd wirtschaftUch kräftigsten und selbständigsten Kreise der Bevölkerung wach. 
MiRABEAU hat in seinem Buche „De la monarchie Prussienne sous Frederic le Grand" 
(1788) diesen Stimmungen Ausdruck verliehen, und neben vielen andern beweist Wil- 
helm V. Humboldts Schrift „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit 
des Staates zu bestimmen" (geschrieben 1792, veröffentlicht erst 1851), daß auch in 
Preußen nicht bloß die Lumpenhunde über ihren König räsonuierten, sondern daß der 
Staat die besten persönHchen Kräfte nicht mehr zu nutzen verstand. 

So erklärt sich die entgegengesetzte Beurteilung, die das Lebenswerk Friedrichs 
des Großen bei so gründlichen und kenntnisreichen Forschern wie M. Lehmann und 
E. V. Meier erfahren hat, aus der Doppelnatur des alten preußischen Staates, der eine 
einseitige Betrachtung nicht gerecht werden kann. Er hat eine unendhch viel größere 
Lebenskraft gehabt, als M. Lehmann zugibt, ist durch die Reformen nach 1807 wohl 
fortgebildet, aber nicht von Grund aus umgestaltet worden. Aber schon unter Fried- 
rich dem Großen hat es sich gezeigt, daß seine Organisation dem Wachstum des 



Der Niedergang Preußens 79 

Staatsgebiets nicht mehr recht angepaßt war. Denn Friedrich hat die von Friedrich 
Wilhelm I. geschaffene Verwaltimgsorganisation nicht niur nicht weitergebildet, son- 
dern zum Teil mit Bewußtsein zersetzt. Eine Zentralstelle für die innere Verwaltung 
gab es unter dem Könige nicht mehr, seitdem der Provinzialminister für Schlesien, 
statt in das Generaldirektorium einzutreten, unabhängig neben ihm stand ; auch sonst 
liebte es Friedrich, unter Umgehung des kollegialen Geschäftsgangs und des bureau- 
ki-atischen Instanzenzugs eiazelne Maßregeln dm-ch außerordentUche Kommissionen 
durchführen zu lassen. Die Übersichthchkeit der Finanzen war dahin, da Friedrich 
neben die beiden alten Staatskassen, die Generaldomänenkasse und die Generalkriegs- 
kasse noch eine besondere, jeder Kontrolle entzogene Königliche Dispositionskasse ge- 
steht hatte und dieser alle neuen Eümahmen des Staates zuwendete. Auch die Kegie 
muß hier genannt werden; sie bedeutete zwar technisch einen Fortschritt^), aber die 
Loslösung der indhekten Steuern aus der allgemeinen Finanz- und Staatsverwaltung 
war eine weitere Zerstörung der Einheitlichkeit der Zentralbehörden. 

Die Persönhchkeit des großen Königs hatte diese Mängel zum guten Teil aufge- 
hoben. Fi-iedi-ich besaß die Energie und die Fähigkeit, um über all den einzelnen Be- 
hörden die Ehiheit der Verwaltung aufiecht zu erhalten, aus seinem Kabinett heraus 
ihnen allen die leitenden Gesichtspunkte zu diktieren. Aber die Nachfolger waren dazu 
nicht imstande, und ihre wohlgemeinten Versuche, durch Eeformen des Generaldii-ek- 
toriums, dmxh neue definitive und provisorische Instruktionen (1786 und 1798, s. oben 
S. 62) wieder eine einheithche oberste Verwaltungsbehörde herzustellen, bheben er- 
folglos, weil sie nicht weiter-, sondern zurückzubilden suchten und das Ziel in der 
Wiederbelebung der durch die Entwicklung Preußens überholten KoUegialverfassung 
Fi-iedrich Wilhelms I. erbUckten. Das 1798 geschaffene Amt des Generalkontrolleurs der 
Fmanzen-) hätte vieUeicht die Grundlage für die SteUimg eines leitenden Ministers 
werden können, aber der dazu ausersehene Graf Schulenbm-g-Kehnert, der Vater des 
geflügelten Wortes „Kühe ist die erste Bürgerpfhcht", war nicht die geeignete Per- 
sönlichkeit. So fehlte es in Preußen seit 1786 an einem Mittelpunkt füi- die Staats- 
verwaltung; die Könige erledigten zwar in alter Weise die laufenden Geschäfte, aber 
sie übersahen sie nicht mehr, sie waren in ihren Entschließungen abhängig von frem- 
dem Kat. Diesen Rat erteilten unter Friedrich Wilhelm II. die Günstlinge, in der 
inneren Politik vor allem Wöllner ; imter Friedrich Wilhelm III. wurden die Geheimen 
Kabmettsräte, die Nachfolger der subalternen Schi-eiber im Kabinett Friedrich Wil- 
helms I. und Friedrichs des Großen, die eigentlichen Leiter der preußischen Politik. Nun 
bestand freilich ein Widerspruch zwischen ihi-er rechthch subalternen Stellung zumal 
gegenüber den Ministern und ihrem tatsächhch unbeschränkten Einfluß auf den König, 
durch den sie auch den Ministern Befehle erteilen konnten, und eine gründhche Um- 
gestaltung der Verwaltungsorganisation mag dadm-ch in der Tat erschwert worden 
sein. Aber der entscheidende Mangel war das doch nicht, denn bis ins Frühjahr 1806 
sind die Minister, auch Stein, mit den Kabinettsräten gut ausgekommen, und ein hem- 
mender Einfluß des Kabinetts ist in der inneren Politik nicht zu spüren. Das Ge- 
brechen lag vielmehr an den Persönhchkeiten, denen die Energie zm: Durchführung 
tiefgreifender Eeformen fehlte. 

Und das wird man ganz allgemein sagen dürfen : nicht durch Mängel in der Be- 
hördenverfassung ist Preußen nach Jena und Auerstädt geführt worden, auch nicht 
durch die sittHche Laxheit am Hofe Friedrich Wilhelms IL imd in der Berliner Gesell- 

1) Über die Regie vgl. J. Pbitze, Beitr. z. G. d. preuß. Regieverwaltung 1766/86 (Teildruck, 
Berliner Diss. 1911). G. Schmoixer, Die Einführung d. franz. Regie durch Friedrich den Großen 
1766 (SBAk. Berlin, 1888). W. Schultze, G. d. preuß. Regieverwaltimg von 1766—1786 (1., ein- 
ziger Teil, 1887). 

2) Vgl. die Instruktion bei Hertel, D. preuß. Oberrechnungskammer, Ergheft. (1890), S. 3ff. 



80 ^- Härtung: Deutsche Verfasaungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Schaft oder durch die kurzlebige Reaktion gegen die Aufklärung, die in dem Eeligions- 
edikt vom 9. Juli 1788 und in der bekannten Kabinettsorder an Kant vom 1. Oktober 
1794 gipfelt, sondern durch das Nachlassen der alten Energie, durch die Friedrich 
Wilhelm I. und Friedrich der Große die Macht ihres Staates aufs äußerste gesteigert 
hatten, durch die allzu gi'oße Nachgiebigkeit gegen den humanen Zeitgeist, durch die 
Furcht, Opfer zu verlangen. Die fiskalische Strenge Friedrichs des Großen hörte auf, 
aber für die verhaßten und deshalb aufgehobenen Einnahmequellen, wie das Tabak- 
monopol mid die Kaffeeregie, wurde kein ausreichender Ersatz beschafft ; noch weniger 
wurden Mittel aufgebracht für notwendige neue Ausgaben wie für die Erhöhung des 
Soldes der Soldaten. Auch die neuen Provinzen, selbst das reiche Franken, wurden 
nicht genügend zur Deckung des Staatsbedarfs herangezogen. So kam es, daß nach 
zwei Kriegsjahren Preußen nicht mehr imstande war, ohne Subsidien am Kampfe 
gegen die französische Revolution teilzunehmen. Friedrich Wilhelm III. stellte einzelne 
Mängel in der Finanzverwaltung ab und drang überhaupt auf größere Ordnung und 
Sparsamkeit; aber er sparte auch am Notwendigen. Überzeugt davon, daß der wahre 
Ruhm eines Herrschers darin bestehe, seine Untertanen glücklich zu machen, und daß 
das größte Glück eines Landes in einem fortdauernden Fiieden bestehe, unterließ er es, 
die Machtmittel des Staates zu vermehren ; weder die Einkünfte noch die Truppenzahl 
wurden so erhöht, wie es die Zeit erforderte. Die alte Heeresverfassung wurde nicht ge- 
ändert ; obwohl durch die politischen Umwälzungen der Welt die Werbung fast unmög- 
lich wurde, blieb das Kantonwesen mit allen, im Reglement vom 12. Februar 1792"^) 
ausführUch aufgezählten Befreiungen in Kraft, und während die großen Mächte um 
Europa kämpften, wurde im preußischen Heere das Beurlaubungssystem, das die Offi- 
ziere und die Maimschaften finanziell an der Erhaltung des Friedens interessierte, 
dauernd aufrecht erhalten. 

Gewiß ist das Leben im Preußen Friedrich Wilhelms III. weitaus bequemer ge- 
wesen als in den Zeiten Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs des Großen. Deshalb 
herrschte auch bis in die höchsten Kreise des Beamtentums hinauf eine durchaus zu- 
friedene Stimmung. Aber die ganze Staatsverfassung hing davon ab, daß der Friede 
erhalten blieb, sie war einem Kriege nicht mehr gewachsen. Das führte zu den Nieder- 
lagen des Heeres bei Jena und Auerstädt, und diese Niederlagen des Heeres wurden 
zugleich zu Katastrophen für den Staat. 

Sechstes Kapitel: Die deutsche Staatenwelt von 1648 — 1806 

Literatur: K. Biedermann, Deutschland im 18. Jh. (4 Bde., 1854/80; Bd. I u. II in 2. Aufl. 
1880). B. Erdmannsdörffer, Deutsche G. vom Westfälischen Frieden bis zum Regierungsantritt 
Friedrichs des Großen (2 Bde., 1892/93). G. Marchet, Studien über die Entwicklung der Verwal- 
tungslehre in Deutschland von der zweiten Hälfte des 17. bis zum Ende des 18. Jhs. (1885). J. J. 
Moser, Von der teutschen Reichsstände Landen (Frankfurt und Leipzig 1769). C. Th. Perthes, 
Das deutsche Staatsleben vor der Revolution (1845). 

§ 23. Der Absolatismus in den deutschen Staaten 

Allgemeine Literatur: K. Lohmann, Das Reichsgesetz vom Jahre 1654 über die Steuer- 
pflichtigkeit der Landstände (Bonner Diss. 1893). J. J. Moser, G. d. § 180 Reichsabschieds vom 
Jahr 1654 (Nebenstunden, Frankfurt 1757, S. 727ff.). 

Für die einzelnen Territorien: Für Bayern vgl. außer Döberl und Riezler (oben S. 1) be- 
sonders M. Döberl, Innere Regierung Bayerns nach dem Dreißigjährigen Kriege (F. z. G. Bayerns, 
Bd. XII, 1904). H. Soimelzle. Der Staatshaushalt des Herzogtums Bayern im 18. Jh. mit Be- 
rücksichtigung der wirtschaftUchen, politischen und sozialen Verhältnisse (1900). O. Steinwachs, 
Der Ausgang der landschaftlichen Verordnung in Bayern (Oberbayr. A., Bd. 5& — 57, 1910/1913). 
Für Jülich-Berg: E. Baumgarten, Der Kampf des Pfalzgrafen Philipp Wilhelm mit den jülich- 
bergischen Ständen von 1669—1672 (Beitr. z. G. d. Niederrheins, Bd. XVIII, XIX u. XXII, 



.^t.tmann 



1) Im Novum Corpus Constitutionum Prussico-Brandenburg., Bd. IX, S. 777ff., Auszug bei 
NN I', S. 497 ff. 



Der Absolutismus in den deutschen Staaten 81 

1903/09). Für die Pfalz: E. (Jothein, Bilder aus der Kulturgeschichte der Pfalz nach dem Dreißig- 
jährigen Kriege (1895). K. Hauck, Karl Ludwig, Kurfürst von der Pfalz (1903). Für Sachsen: 
G. Wagner, Die Beziehungen Augusts des Starken zu seinen Ständen während der ersten Jahre 
seiner Regierung 1694 — 1700 (Leipziger Diss. 1902). 

Wenn im Gegensatz zu der im vierten Kapitel versuchten Darstellung des deut- 
schen Territorialstaats des 16. xuid 17. Jhs. als eines trotz allen individuellen Abwei- 
chungen im wesentlichen einheitlichen Typus die brandenburgisch-preußische Ent- 
wicklung seit 1640 als etwas Besonderes getrennt von der der übrigen deutschen Staa- 
ten behandelt werden muß, so beruht das nicht auf einer Verschiedenheit der Staats- 
formen, sondern auf dem Unterschied der poUtischen Energie. Nur in Brandenburg- 
Preußen hat das Fürstentum, getragen von gewaltigem dynastischen und staatUchen 
Ehrgeiz, anderthalb Jahrhunderte lang fast ununterbrochen eine starke schöpferische 
Tätigkeit entfaltet und aus mehi-eren einzelnen Territorien eine trotz allen Eesten der 
Sonderverfassungen doch in der Hauptsache einheitliche Großmacht geschaffen. In 
den andern deutschen Staaten dagegen herrschte zu der gleichen Zeit fast ebenso un- 
unterbrochen eine politische Apathie. Aber die Staatsform war auch in ihnen fast überall 
der Absolutismus. Vorangegangen waren darin die kathohschen Landesherrn, die Habs- 
burger in den deutschen vmd böhmischen Erblanden, die Witteisbacher in Bayern ; sie 
hatten schon vor dem Dreißigjährigen Ki'iege die pohtische Selbständigkeit ihrer Stände 
aus religiösen Gründen gebrochen oder zu brechen versucht, die Erfolge des I'Crieges 
hatten diese Entwicklung vollendet. Seither bedeuteten die Stände hier nichts mehr, 
selbst die äußeren Formen der ständischen Verfassung wurden nicht immer gewahrt ; 
auch in Bayern, wo es nicht zu einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Für- 
stentum und Landständen gekommen ist, •mirde die Selbständigkeit der ständischen 
Steuerverwaltung bestritten und nur ,,aus Gnade" schließlich anerkannt. 

Seit dem Westfähschen Frieden aber fand der Absolutismus immer mehr An- 
hänger in der Theorie und in der Praxis. Die Gesetzgebimg des Eeiches läßt das deut- 
Hch erkennen. Zwar waren die deutschen Reichstage gemäß ihrer Zusanamensetzung 
aus territorialen Obrigkeiten von Anfang an den landständischen Freiheiten ungünstig 
gewesen. Schon 1486 hatten die Eeichsstände die Hilfe des Kaisers für die Abwälzung 
der bewiUigten Reichssteuern auf die Landstände in Anspruch genonunen. Aber es 
dauerte noch lange, bis das Reich eine Pflicht der Landstände ziu: Übernahme der den 
Reichsständen auferlegten Reichssteuem anerkannte. Denn die Bestimmung des Frei- 
burger Reichsabschieds von 1498 (§ 16), daß der Kaiser und der Reichstag den Reichs- 
ständen gegen diejenigen Untertanen beistehen wollten, die sich dem gemeinen Pfennig 
widersetzten, galt nur für diese vom Reich den Landsassen unmittelbar auferlegte 
Steuer imd hörte mit ihr auf.^) Die Wahlkapitulation Karls V. beschränkte sich dar- 
auf, im 8. Artikel imziemliche Bündnisse imd Empörimgen der Untertanen zu verbieten, 
sagte aber über die Pflichten der Landstände bei Reichssteuern gar nichts. Erst bei 
den 1530 und 1544 bewühgten großen Türkenhilfen wm-de imter ausdrückhcher Be- 
tonung des gemeinnützigen und frommen Zwecks den Obrigkeiten das Recht zu- 
gesprochen, ihre Untertanen um Hilfe und Steuern zu ersuchen. Etwas weiter ging 
bereits der Reichsabschied von 1543 (§§ 24 und 25), der die Oorigkeiten ohne weiteres 
ermächtigte, auf alle ihre Untertanen eine Steuer ziu* Deckung der Türkenhilfe aus- 
zuschlagen, sie aber ernsthch auf die Innehaltung des Rechts und des ruhigen alten 
Brauches hinwies. Noch deutlicher ergriff der Reichsabschied von 1548 (§ 102) die 
Partei der Landesherrschaften; er erteilte ihnen das Recht, zur Aufbringung des dem 
Kaiser bewilligten Vorrats alle Untertanen „geisthch und welthch, exempt und nicht 

1) Die Bestimmung der Reichsabschiede von 1507 (§ 8) und 1510 (§ 6), daß den Reichs- 
Btänden die, ,,so ihnen von alters und nit dem reich gedient und dem reich nit on mittel zustendig 
oder verwandt", steuerpflichtig sein soUen, richtet sich wohl gegen Maximüians Versuche, Land- 
stände (namentlich Städte) als reichsunmittelbar anzusprechen, nicht gegen die Landstände. 

Grundriß der Geschiohtswisseuscliaft II, 4 6 



82 F. Härtung: Deutsche VerfasaungsgeBohichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

exempt, gefreit und nicht gefreit, niemand ausgenommen" zu besteuern, und betonte 
noch ausdrückHch die Gehorsamspflicht der Untertanen. In dieser Form, aber erwei- 
tert durch den Zusatz, daß den Ständen die Höhe des Bedarfes mitzuteilen sei, wurde 
das Besteuerungsrecht der Landesherrn durch die Exekutionsordnung von 1555 (§ 82) 
für alle zur Verteidigimg der Kreise bestimmten Hilfen anerkannt. Bei den eigentlichen 
Reichshilfen aber wurde auch fernerhin jedesmal eine erneute Feststellung des Rechtes 
für nötig gehalten ; sie erfolgte in der 1555 gewählten Form, ergänzte diese aber durch die 
Drohung, widerspenstige Landstände mit doppelter Steuer zu belegen, und durch den 
Ausschluß des Rechtsweges. 

Alle diese Festsetzungen wurden nach 1648 charakteristisch erweitert. Der § 180 
des jüngsten Reichsabschieds von 1654 dehnte die Steuerpfhcht der Landstände über 
den Bereich der Reichs- und Kreishilfen auch auf die bisher den Landesherrn allein ob- 
liegende Aufgabe aus, die nötigen Festungen und deren Besatzungen zu erhalten. Aber 
die Landesherrn waren damit noch nicht zufrieden und versuchten immer mehr, mit 
Hilfe des Reiches ihre eigene Macht gegenüber den Landständen zu verstärken. Die 
Wahlkapitulation Leopolds I. vom Jahre 1658 machte es dem Kaiser zur Pfhcht, nicht 
nur wie bisher die Rechte der Landesherrn im allgemeinen zu schützen, sondern auch 
zu verhindern, daß die Landstände die Verfügung über die Steuern ganz an sich zögen 
und ohne Genehmigung der Landesfürsten Landtage abhielten ; Magen der LanJ.stände 
gegen die Landesherrn sollte der Reichshofrat ohne weiteres abweisen, und während 
das Bündnisrecht der Reichsstände ausdrücklich dahin anerkaimt wurde, daß sie auch 
gegen ihre eigenen Stände Bündnisse abschließen dürften, sollte diesen das Bündnis- 
recht ganz versagt sein. Noch weiter gingen die Kurfürsten und Fürsten auf dem 
Reichstage im Jahre 1670.^) Sie wollten das Recht, das ihnen der § 180 des jüngsten 
Reichsabschieds verlieh, auf alle ihre militärischen Unternehmungen erstrecken und 
den Landständen nicht bloß den Weg der Klage beim Reichshofrat und Reichskam- 
mergericht abschneiden, sondern auch alle Privilegien und Freiheiten, die diesen 
neuen Forderungen entgegenstünden, aufheben. Diesem Verlangen widersetzte sich 
aber der Kaiser. Er ließ zu, daß auch die Legationskosten, d. h. die Kosten d#r Be- 
schickung der Reichs-, Kreis- und Deputationstage als eine von den Landständen zu 
tragende Reichslast erklärt wurden, bestätigte ferner den § 180 von neuem, ja er war 
selbst dazu bereit, diejenigen Reichsstände, die schon weitergehende Rechte ihren 
Landständen gegenüber besaßen, dabei zu schützen, aber die beantragte Erweiterung 
der landesherrlichen Befugnisse lehnte er rundweg ab. 

Da das Reich versagte, betraten einige besonders absolutistisch gesinnte Fürsten, 
die Km-fürsten von Köln, Bayern und Brandenburg, der gerade damals mit seinen 
Ständen kämpfende Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg und der Herzog von Mecklenburg- 
Schwerin, den Weg des Sonderbündnisses, um die gewünschte Ausdehnung ihrer Be- 
fugnisse den Ständen gegenüber weim nötig mit Gewalt durchzusetzen.^) Aber da» 
Bündnis brauchte nicht in Kraft zu treten. Die praktische Bedeutung der Reichsgesetz- 
gebung war überhaupt nicht aUzu groß. Sie kennzeichnet die Tendenzen des Landes- 
fürstentums, aber das Schicksal der Landstände hing nicht von den Beschlüssen des 
Regensburger Reichstags ab, sondern von dem jeweiligen Kräfteverhältnis zwischen 
Landesherrschaft und Landständen; es ist daher auch nicht überall das gleiche ge- 
wesen. Aber im allgemeinen war das Schicksal der landständischen Verfassung be- 

1) Das (übrigens nicht einstimmig angenommene) Reichsgutachten vom 29. Oktober 1670 
ist gedruckt bei J. J. Pachner v. Egqenstorff, Sammlung aller Reichsschlüase (s. oben S. 2), Bd. I, 
S. 495 f.; kaiserl. Kommissionsdekret vom 12. Februar 1671 ebd. S. 518, aucli soiLst häufig, z. B. 
in der Neuen Sammlung der Keichsabschiede, Bd. IV, S. 83 f. 

2) Vgl. das Bündnis vom 6. Juni 1671 bei Th. v. Möeneb, Kurbrandenburgs Staatsverträg» 
von 1601—1700 (1867), S. 696. 



Der Absolutismus in den deutschen Staaten 33 

siegelt ; der Dualismus hörte auf, weil der eine Faktor, die Landstände, innerlich morsch 
war. Kuhig heßen sich die Stände in Bayern die Ersetzung durch einen Ausschuß, in 
Baden die volle Beseitigung gefallen; und selbst da, wo die äußeren Formen der land- 
ständischen Verfassung, sogar die Landtage, bestehen bheben wie in den meisten Klein- 
staaten, da fehlte ihr alles Leben. Nur vereinzelt, z. B. in Jühch-Berg kam es zu schar- 
fen Auseinandersetzungen zwischen Fürst und Ständen; in der Regel brauchte das 
Ständetum nicht etwa niedergerungen zu werden, sondern es starb ab, ohne daß die 
Fürsten viel dazu taten. Darum änderte auch der Absolutismus am Wesen des deut- 
schen Fürstentums zunächst kaum etwas. Gerade die Zeit unmittelbar nach dem 
großen Ki-iege weist einige Fürsten auf, die in altvaterischer Frömmigkeit und pfhcht- 
getreuer Ai-beit für ihr Volk lebhaft an die eigentUche Blütezeit des deutschen Terri- 
torialstaats erinnern, Ernst den Frommen von Sachsen-Gotha, Karl Ludwig von der 
Pfalz, Christian Ernst von Bayreuth. 

Sie waren die letzten Vertreter eines aussterbenden Fürstentypus. So segens- 
reich auch ihi-e Tätigkeit nach den Verheerungen des Krieges auf die Wiederherstel- 
lung von büi'gerhchem Wohlstand und christlicher Zucht wirkte, so htt sie doch nicht 
nur unter der Enge des Gesichtskreises, der Beschränktheit der Ziele, die dem alten 
Territorialstaat überhaupt eigentümhch war, sondern vor allem an der Kleinheit des 
Raumes, der Geringfügigkeit der Mittel ; es sei nur an das tragikomische Schicksal der 
von Ernst dem Fro mm en unternommenen Werraschiffahi't erinnert. In dieser drük- 
kenden Enge erstickte die alte Tüchtigkeit des deutschen Fürstentums. Es folgte seit 
dem letzten Drittel des 17. Jhs. dem sehr viel welthcher werdenden Geiste der Zeit, das 
Gefühl der VerantwortUchkeit gegen Gott, der Verpfhchtung gegen das Volk starb ab ; 
und da diesen Fürsten in ihren kleinen Staaten keine pohtischen Aufgaben gi'oßen 
Stiles gestellt waren, so erblickten sie ihre Aufgabe vor allem darin, den „Lustre" und 
die „Splendeur" der eigenen Persönlichkeit und der hochfürsthchen Djmastie möglichst 
zu pflegen. Unter dem Einfluß französischer Bildung, des französischen Hoflebens, 
von dem sie meist nur die Außenseite kennen lernten, glaubten sie den Glanz des fürst- 
lichen Hauses nicht besser erhöhen zu können, als wenn sie Maitressen hielten, große 
Jagden veranstalteten, Schlösser bauten und ein stehendes Heer aufstellten. So weit 
die Kosten nicht dm-ch französische Pensionen oder durch die Vermietung der Truppen 
an fremde Mächte, den berüchtigten Soldatenhandel, gedeckt wurden, mußte das Volk 
sie tragen. Es sind die Füi'sten, über die Fi'iedrich der Große schon als Ki-onprinz im 
Antimachiavell seinen ganzen Spott ausgegossen hat. 

Wenn auch diese Fürsten uns viele reizvolle Bauten hinterlassen haben und 
wenn auch mancher von diesem Serenissimustypus abwich und ein mildes imd behag- 
liches patriarchahsches Regiment führte, so ändert das doch nichts an dem Gesamt- 
urteil : es ist das Verhängnis der deutschen Kleinstaaten geworden, daß ihre Fürsten 
seit dem Ende des 17. Jhs. kein anderes Ziel mehr hatten, als es an äußerem Glanz den 
großen Füx'stenhöfen bis hinauf zu dem Ludwigs XIV. gleichzutun, ohne doch die Mittel 
dazu zu haben. Charakteristisch für diese Tendenz ist der gemeinsame Beschluß der 
altfüi-stlichen Häuser (sächsische Herzöge, Pfalzgraf von Sulzbach, Braunschweig, 
Württemberg, Ansbach, Bayreuth, Baden u. a.) vom Jahre 1700, die gleichen Chargen 
und Titel einzuführen wie die Kurfürsten, also den Premierministem und den Wnk- 
lichen Geheimen Räten — dem Kanzler und den Hofräten des 16. Jhs. — das Prädikat 
Exzellenz zu geben und die Kammerjimker zu Kammerherrn zu ernennen, eine Neue- 
rung, bei der noch als besonders vorteilhaft der Umstand hervorgehoben wurde, daß 
sie „keine weitere Spesen oder Unkosten verursache".*) Je kleiner ein Fürstentum 
war, desto grotesker wirkte natürhch diese Nachahmung der Großen, desto schwerer 

1) Vgl. den Beschluß bei J. J. Moser, Staatsrecht, Bd. XXXV, S. 484. 



<^ 



84 F. Härtung: Deutsche VerfaseungsgeacMchte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

lastete sie aber auch auf dem Lande und desto leichter artete sie in grobe Eechts- 
verletzung gegenüber den Untertanen aus. Die Kabinettsjustiz griff mit ihren Macht- 
sprüchen unbedenküch auch in die Privatrechte ein. Sie ist in der Form freilich nichts 
Neues, sondern der alte, von der Theorie gebilligte, in der Praxis allgemein geübte 
Brauch des 16. Jhs., daß zum Ausgleich von Härten und zur Vermeidung der Umständ- 
Hchkeiten der ordentlichen Gerichte der Fürst durch seine Räte auch in privatrecht- 
lichen Streitigkeiten Bescheide erteilte ; aber sie wurde zum Mißbrauch durch den ver- 
änderten Geist des Fürstentums, durch den Mangel an Pflichtbewußtsein. 

In den größeren Staaten wie Bayern und Kursachsen bestand zwar zwischen den 
Mitteln des Landes und dem Aufwand des Hofes kein so auffallendes Mißverhältnis, 
und die großen Verdienste beider Höfe um die Pflege der Kunst, um die Verfeinerung 
des Geschmackes in Deutschland müssen uneingeschränkt anerkaimt werden. Aber 
auch sie mußten durch inneren Stillstand erkauft werden. Denn dem äußeren Auf- 
schwung des höfischen Lebens entsprach die wirtschafthche Lage der Länder keines- 
wegs. Und weder die Fürsten noch die Beamten hatten Verständnis oder Neigung zu 
gründUcher und zäher politischer Arbeit. Statt nachhaltiger Pflege der wirtschaft- 
lichen ICräfte warfen sie sich lieber auf kaufmännische Spekulationen, die rascheren 
Ertrag versprachen, beteiligten sich direkt oder indhekt an Monopolen und ließen sich 
sogar, verleitet durch den Eeichtum der Holländer, auf ganz uferlose kolonialpoliti- 
sche Pläne ein. Das wirtschaftliche Leben im Lande wurde dadurch eher gehemmt als 
gefördert, und so war es nur von Vorteil, daß im 18. Jh. die Projektenmacherei auf- 
hörte und die Länder sich selbst überlassen wurden. Aber wenn so der Absolutismus 
in diesen größeren Territorien nicht verhängnisvoll wirkte wie in den Kleinstaaten, so 
hat er doch keinerlei staatsbildende Tätigkeit entfaltet. 

§ 24. Die Staaten mit landständischen Verfassungen 

Literatur: Für Hannover: E. v. Meier, Hannov. Vfg. u. Verwaltungsg. 1680 — 1866 
(2 Bde. 1898/99). Für Mecklenburg: R. Hübner, Die ordentliche Kontribution Mecklenburgs in 
ihrer geschichtHchen Entwicklung und rechtUchen Bedeutung (Festschrift für Gierke, 1911). C. Ma- 
thias, Die Mecklenb. Frage in der ersten Hälfte des 18. Jhs. und das Dekret des Kaisers Karl VI. 
(Hallische Diss. 1885). Für Sachsen: H. Gössel, Die kursächs. Landtagsordnung von 1728 (Leipziger 
Diss. 1911). Für Württemberg: Herzog Karl Eugen von Württemberg und seine Zeit, hersg. vom 
Württemberg. G. u. Altertums-Verein (2 Bde., 1902/09). F. Wditterlin, Die altwürttembergisohe 
Verfassung am Ende des 18. Jhs. (Württemb. Vierteljahrshefte f. Landesgesoh. NF., Bd. XXIII 
1914). 

Nicht in allen deutschen Territorien ist freilich der Absolutismus durchgedrun- 
gen. Die Gerichtsbarkeit des Kaisers über die Fürsten war doch nicht bloß ein leeres 
Wort; bis zum Ende des Reiches vermochte sie sich wenigstens klemeren Territorien 
gegenüber geltend zu machen. 1775 wurde durch kaiserlichen Spruch der Wild- und 
Rheingraf Carl Magnus wegen Mißbrauchs seiner landesherrlichen Gewalt zu zehn- 
jährigem Gefängnis verurteilt, kaiserhche Debitkommissionen nahmen überschuldeten 
Reichsfürsten und -grafen die Landesverwaltung ab, und selbst in größeren Staaten 
bildete die kaiserliche Gewalt eine Schranke für die Macht des Landesherrn, eine Stütze 
für das Recht der Landstände. Das mußte namenthch Herzog Karl Leopold von Meck- 
lenburg-Schwerin (1713 — 1728) erfahren, als er gestützt auf russische Hilfe die Rechte 
seiner Landstände aufheben wollte. Die Stände riefen den Kaiser um Schutz an, und 
dieser erblickte na der Behauptung des Herzogs, daß er eine unumschränkte Gewalt 
besitze, eine Verletzung nicht nur der ständischen Privilegien, sondern zugleich der 
ihm gebührenden Achtung, verhängte die Reichsexekution gegen Karl Leopold und 
setzte ihn nach langen Verhandlungen und vielen Deduktionen endlich im Jahre 1728 
auf Grund eines Gutachtens des Reichshofrats ab. Karl Leopolds Bruder und Nach- 
folger, Christian Ludwig (1728 — 1756), versuchte lange Zeit, seme landesherrlichen 



Die Staaten mit landständischen Verfassungen 35 

Eechte festzuhalten, mußte sich aber endhch in dem noch heute gültigen landesgrund- 
gesetzlichen Erbvergleich vom 18. April 1755^) mit seinen Ständen vertragen. 

Darin wurden alle „Eechte, Gerechtigkeiten, Freiheiten, Vorzüge, Gebräuche und Gewohn- 
heiten, wie solche unsere Ritter- und Landschaft überhaupt oder ein jeder Stand für sich alleine 
und ein jeghcher derselben insonderheit rechtsbeständig erworben und hergebracht hat", femer 
die wirtschaftliche und politische Stellung der Ritterschaft gegenüber den leibeigenen Bauern und 
die wirtschaftlichen Vorrechte der Städte gegenüber dem platten Lande ausdrücklich anerkannt 
und ihre Pfhchten auf ewige Zeiten festgelegt. Außer Beiträgen zu Reichs- und Kreissteuem und 
der Prinzessinnensteuer übernahmen die Stände nur eine Kontribution, die zur Deckung der seit 
1654 und 1670 auf sie abwälzbaren Kosten für Festungen und deren Besatzungen, für die Beschickung 
von Reichs- und Kreistagen und für die Kammerzieler bestimmt wurde. Damit die Herzöge sich 
selbst bei sparsamster Wirtschaft nicht von ihrer Landschaft befreien und die landständLsche Ver- 
fassung allmählich absterben lassen könnten, sollte die Kontribution jeweils nur auf ein Jahr be- 
wüligt werden. Femer wurden dem landesherrlichen Gesetzgebungsrecht im Interesse des Wohl- 
stands und der Ruhe feste Grenzen gezogen. Soweit die Rechte der Stände nicht berührt wurden, 
waren die Landesherren unumschränkt; sie konnten nicht allein für das Domanium nach WiUkür 
Gesetze erlassen, sondern auch wenn sie ein „gleichgültiges, jedoch ziir Wohlfahrt und zum Vorteü 
des ganzen Landes absichtliches und diensames" Gesetz für das ganze Land geben wollten, ge- 
nügte es, die Stande oder den engeren Ausschuß um ein Gutachten anzugehen. Aber sobald ein 
Gesetz in die Rechte der Landstände eingriff, durfte es nur mit der Zastimmung des Landtags er- 
lassen werden. Gegen jede Verletzung ihrer Rechte stand der Landschaft die Klage beim Reichs- 
hofrat frei. So bestand die „Glückseligkeit des Friedens und der Ruhe", die nach der Einleitung 
das Ziel des Erbvergleichs war, in der gesicherten Stellung von Ritterschaft und Städten, die aber 
poUtisch und wirtschaftUch zum Stillstand in der Entwicklung führte. 

Auch die Ostfriesen behaupteten ihre landständische Verfassung gegen ihre Fürsten mit 
solcher Energie, daß sie sogar nach der 1744 erfolgten Einverleibung in Preußen in Kraft blieb. 

Einen langen und erfolgreichen Kampf um ihre Rechte führte auch die württem- 
bergische Landschaft. Ihre Stärke beruhte neben den ausgedehnten Privilegien, deren 
wichtigstes der während der Mißregierung Herzog Uhichs abgetrotzte Tübinger Ver- 
trag von 1514 war, auf ihrer inneren Geschlossenheit, ihrem ausschließUch bürgerhchen 
Charakter ; der Adel war lieber reichsfrei geworden und gehörte ihr nicht an. Seit dem 
Ende des 17. Jhs. war für Württemberg das behagliche StiUeben, das auf der beschei- 
denen Zurückhaltung der Fürsten beruht hatte, dahin. Die Herzöge Eberhard Ludwig 
(1693—1733) und Karl Alexander (1738—1737) suchten es an höfischem Glanz und 
Prunk ihren fürsthchen Zeitgenossen gleichzutun und Heßen sich darin durch die Land- 
stände nicht stören ; sie regierten ohne Landtage zu berufen, sie schoben die alten, auf 
die Privilegien des Landes verpflichteten Behörden beiseite, schrieben ohne Rücksicht 
auf den landständischen Ausschuß Steuern aus, und als dieser sich zu wehren begann, 
umgmg Karl Alexander seine Rechte durch allerhand Finanzkunststücke, deren Spi- 
ritus rector der Hofjude Süß Oppenheimer war. Karl Eugen (1737, selbständig seit 
1744 — 1793) heß zwar Oppenheimer beseitigen, setzte aber im übrigen das alte Regi- 
ment fort. Es unterhegt keinem Zweifel, daß dieses absolutistische Streben, die Beru- 
fung auf die veränderte Zeit, auf die Salus publica, die ein Abweichen von dem Buch- 
staben der alten Verträge erfordere, berechtigt war; die Landschaft vertrat mit ihrem 
engherzigen und kleinhchen Festhalten an ihren Vorrechten nicht das Interesse des 
ganzen Landes, sondern nur das einer bürgerhchen Ohgarchie. Auch waren viele, na- 
mentHch volkswirtschaftliche Anordnimgen der Herzöge der Landeswohlfahrt sicher- 
lich vorteilhafter als die Beachtung des alten Brauchs. Und doch fehlte dieser fürst- 
lichen WiUkürherrschaft, die nicht bloß die Rechte imd das Vermögen der landstän- 
dischen Korporation verletzte, sondern auch in Privatrechte der einzelnen Untertanen 
rücksichtslos eingriff, die Rechtfertigung dm-ch einen höheren Staatszweck. Das dem 
französischen Absolutismus nachgesprochene Wort Karl Eugens, „das Vaterland bin 
ich", drückt wirklich die Gesiimungen des Herzogs aus; das persönhche Interesse, ja 
die Launen des Herzogs und seiner Maitressen gaben nur allzuoft den Ausschlag, das 
Jagdvergnü gen Serenissimi war wichtiger als das Gedeihen der Landwhtschaft, die 

1) Gedmckt z. B. in A. Fabeks Europ. Staatskanzlei, Bd. 109 (1756), S. 169—375. 



36 !"• Härtung: Deutsche Verfassungegeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

drückende Militärlast diente nur zur Befriedigung einer fürstlichen Liebhaberei, be- 
deutete für den Staat nichts. 

Deshalb führte der Absolutismus in Württemberg, zumal als seit 1733 katholi- 
sche Kegenten an der Spitze des durchaus protestantischen Landes standen, zu einem 
offenen Gegensatz zwischen dem Herzog und seinen Landständen, der teils als Macht- 
kampf, teils als Zivilprozeß ausgetragen wurde. Die Landstände versuchten, beraten 
von ihren Konsulenten, deren bekanntester der Staatsrechtslehrer Johann Jakob Mo- 
ser ist, ihre verbrieften Eechte zu wahren, sie traten wie eine selbständige Macht mit 
fremden Staaten, Preußen, Hannover und Dänemark in Verbindung und riefen endlich 
im Jahre 1764 den Keichshofrat um Rechtsschutz an. Dieser arbeitete hier rascher als 
in Mecklenburg ; sein bereits 1765 gefällter vorläufiger Schluß gab ihnen in der Haupt- 
sache Recht und betraute eine kaiserliche Hofkommission mit der Herstellung eines 
endgültigen Abkommens zwischen Herzog und Landschaft. Nun mußte der Herzog, 
zumal da er ohne Steuern nicht weiter wirtschaften konnte, nachgeben, und am 27. Fe- 
bruar 1770 kam unter kaiserlicher Vermittlung ein Erbvergleich zustande.^) Er be- 
stätigte in der Hauptsache den alten Rechtszustand, wie er im 17. Jh. in Kraft ge- 
wesen war, stellte den Geheimen Rat als oberste, zm- Erhaltung der Landesfreiheiten 
mitverpflichtete Behörde wieder her, legte die Beiträge fest, die die Landschaft dem 
Herzog jährlich zu gewähren hatte, und verbot dem Herzog ausdrücklich jede einseitige 
Erhöhung der Steuern selbst in Kjriegszeiten. 

Ein dauernder Friede wurde aber auch durch diesen Vergleich trotz seinen vielen 
und ausführlichen Bestimmungen nicht erzielt. Der anerkannte Dualismus von Herr- 
schaft und Landschaft führte bei dem gegenseitigen Mißtrauen stetig zu Reibungen. 
Der Herzog gab das alte Treiben nicht auf und machte Schulden auf sein Kammergut, 
für die zuletzt doch die Stände eintreten mußten; diese suchten besonders während 
der Revolutionszeit eine selbständige, dem Herzog entgegengesetzte auswärtige Politik 
zu treiben. Aber die Verfassungsform stand unangefochten da; durch die harten 
Kämpfe war sie in aller Welt so berühmt, daß der enghsche Minister Fox sagen konnte, 
neben der englischen Verfassung verdiene nur die württembergische den Namen Ver- 
fassung. Das Fehlen des Adels gab ihr ein besonders volkstümliches Aussehen, ihr oli- 
garchischer Charakter war in der Welt nicht bekannt. Aber auch die Württemberger 
waren stolz auf ihre Verfassung und bhckten mit Genugtuung zu dem landständischen 
Ausschuß in Stuttgart als dem Vertreter und Hüter des Landesrechts auf. 

Ohne aufregende Kämpfe erhielt sich m Kursachsen die landständisohe Verfassung. Seit 
1697 besaß sie noch eine besondere Bedeutung, da die Landstände gegenüber dem kathoUsch gewor- 
denen Landesherm die Bürgschaft für die Wahrung des protestantischen Charakters des Landes 
übernahmen. Aber die lebendige Kraft fehlte diesem Ständetum mit seinem starken Übergewichte 
des alten Adels, mit der mangelnden Vertretung der rasch zunehmenden bürgerUchen Kreise. Es 
verhinderte darum auch die Mißwirtschaft der beiden zugleich über Polen herrschenden Auguste 
nicht; diese regierten tatsächlich völlig absolut (vgl. S. 84), aber sie wahrten die Form und ließen 
sich die Steuern durch Landtage bewilligen. Die Rolle der Stände beschränkte sich darauf, die eigene 
Steuerfreiheit zu verteidigen. 

In Hannover dagegen ist der Adel der wirklich regierende Stand geworden. Die 
haimoversche Verfassungsgeschichte des 18. Jhs. ist durch die Tatsache bestimmt wor- 
den, daß auf die Vereinigung der drei jüngeren weifischen Linien (Lüneburg, Celle und 
Grubenhagen) in dem kurhannoverschen Hause die Verbindung der Dynastie mit 
England folgte, daß also das ganze 18. Jh. hindurch eine kräftige monarchische Ge- 
walt im Lande fehlte. Das führte, während die äußeren Formen des DuaHsmus, die 
landesherrliche Verwaltung auf der einen Poite, die landständischen Verfassungen und 
Steuerverwaltungen m den verschiedenen Territorien auf der andern bestehen blieben, 

1) Gedruckt bei A. L. Reyscher, Sammlung der württemb. Gesetze, Bd. II (1829), S 
550—609. 



Österreich unter Maria Theresia und Joseph II. 87 

ZU einem einseitig ständischen Eegiment, zu einer Besetzxmg der wichtigsten Beamten- 
steilen mit den Angehörigen weniger adhger FamiMen. Dm-ch die Geringfügigkeit der 
finanziellen Ansprüche des Hen-scherhauses unterscheidet sich die hannoversche Ge- 
schichte des 18. Jhs. vorteilhaft von der der meisten andern deutschen Staaten; aber 
sie zeigt doch auch die dunkeln Schatten, die überall mit der ständischen Vorherrschaft 
verbunden waren, die einseitige Ausnutzung des Staates und seiner Mittel zum Vorteil 
der herrschenden Klasse, die engherzige Aufrechterhaltung der bestehenden sozialen 
Unterschiede und der gesamten wirtschaftlichen Gebundenheit, endUch auch sowohl 
1757 wie 1803 die vollständige Unfähigkeit, die staatUche Existenz gegenüber äußeren 
Feinden sicher zu stellen oder auch nur zu verteidigen. 

Trotz aUen Verschiedenheiten in den staatUcben Formen weist demnach das Le- 
ben in den deutschen Mittel- und Kleinstaaten während des Jahrhunderts nach dem 
WestfäUschen Frieden doch einen gemeinsamen Zug auf : die ganze Entwicklung stag- 
niert. Weder die höfische Kultur der absoluten Staaten noch das behagUche Stilleben 
des Ständetums haben das pohtische und wirtschafthche Leben zu fördern verstanden. 

§ 25. Österreicli unter Maria Theresia und Joseph n. 

Wegen der Quellen und der Literatur vgl. im allgemeinen: R. Ghaematz, Wegweiser durch die 
Literatur d. Österreich. G. (1912), S. 42ff. Ferner sei auf die oben S. 2 genannten Grundrisse ver- 
wiesen. Im einzelnen seien genannt: A. v. Arueth, G. Maria Theresias (10 Bde., 1863/79). G. Doe- 
SCHEL, Maria Theresias Staats- und Lebensanschauung (Leipziger Diss., Gotha 1908). O. Hintze, 
D. Österreich, u. preuß. Beamtenstaat im 17. u. 18. Jh. (HZ., Bd. 86, 1901). Th. v. Kekn, Die Re- 
formen der Kaiserin Maria Theresia (HTb. 4. Folge, Bd. X, 1869, S. 95ff.). P. v Miteofanov, 
Josephll., seine politische undkulturelle Tätigkeit (aus dem Russischen übersetzt von V. v. Dembuc, 
2 Bde., 1910). A. Wou und H. v. ZwiEDUtECK-SÜDENHOEST, Österreich unter Maria Theresia, 
Josef II. und Leopold IL, 1740—1792 (1884). 

In der zweiten Hälfte des 18. Jhs. verändert sich der Geist, der das deutsche 
Fürstentum bis dahin beherrscht hatte. Der am Vorbild von Versailles orientierte Ab- 
solutismus verschwindet, nachdem die Siege des preußischen Staates das Verständnis 
für den Wert der staatUchen Arbeit geweckt hatten. Unmittelbar unter dem Eindruck 
der Niederlagen des Erbfolgekrieges begann in Österreich eine tiefgreifende Keform- 
tätigkeit, um die sich neben Maria Theresia vor allem der Hof- und Staatskanzler 
Kaunitz, der Obersthofkanzler Graf Haug^vitz imd die Hofkammerpräsidenten Grafen 
Chotek und Hatzfeld verdient gemacht haben. Sie hatte sowohl eine leistungsfähigere 
Behördenorganisation wie eine intensivere Staatstätigkeit zum Ziele; dabei bUeben 
aber Ungarn mid die italienischen und niederländischen Besitzungen außer Betracht. 
Für die deutschen und böhmischen Erblande wui'de eine einheitliche, nach dem Fach- 
prinzip gegliederte Zentralverwaltung eingerichtet. An die Stelle der Geheimen Kon- 
ferenz, die seit der Mitte des 17. Jhs. als engerer Ausschuß aus dem alten Geheimrat die 
oberste Behörde im Staate war, und der österreichischen sowie der böhmischen Hof- 
kanzlei traten die Geheime Haus-, Hof- und Staatskanzlei für die Angelegenheiten des 
Erzhauses und die gesamte auswärtige Politik, eine oberste Justizstelle für die Justiz- 
verwaltung und Rechtsprechung und die vereinigte österreichisch-böhmische Hof- 
kanzlei (von 1748 — 1761 auch als Directorium in publicis et camerahbus bezeichnet) 
für die mnere Verwaltung, zeitweise auch für die sonst der Hofkammer belassene 
Finanzverwaltung; zur besseren Pflege der WLrtschaftspohtik wurde femer 1753 ein 
besonderes Commerzdirektorium errichtet. Alle diese ,,HofsteUen" waren unmittelbar 
der Kaiserin untergeordnet. Um eine gewisse Einheithchkeit in den Gnmdsätzen der 
inneren Verwaltung herzustellen, wui-de 1760 ein besonderer Staatsrat als beratendes 
Organ zwischen die Hofstellen und die Kaiserin eingeschoben ; außer persönlichen Grün- 
den mag auch der größere Umfang der Erblande dazu geführt haben, daß die Vereini- 
gung der gesamten Regierung in der Person des Herrschers, die im damahgen Preußen 



88 F. Härtung: Deutsche VerfaBsungsgeBchichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

bestand, in Österreich sich nicht halten konnte. Auch die Provinzialverwaltung wurde 
vereinfacht, indem die gesamte innere Verwaltung mit Einschluß der bisher den Stän- 
den überlassenen Steuerverwaltung an landesfürstliche Behörden, die Gubemien (zu- 
erst Repräsentationen genannt) übertragen wurde. Unter diese wurden Kreisämter 
gestellt, rein staatliche, bureaukra tisch organisierte Behörden, die ähnlich wie die preu- 
ßischen Commissarii loci, aber zugleich in Stadt und Land, die Durchführung der lan- 
desherrlichen Verordnimgen zu überwachen und den patrimonialen Obrigkeiten gegen- 
über die landesherrhche Aufsichtsgewalt zu vertreten hatten. So kamen die Stände 
wie in Brandenburg-Preußen auch in Österreich um ihre Stellung in der Verwaltung; 
an der landständischen Verfassung selbst wurde dagegen nichts geändert, auch die 
Landtage fanden da, wo es üblich war, noch regelmäßig statt, waren freilich seit lan- 
gem nur inhaltlose Formalitäten, da die Regierung ihre „Postulate" regelmäßig durch- 
setzte. Überhaupt griff schon Maria Theresia energischer als der preußische Absolutis- 
mus in die Rechte der privilegierten Klassen ein. Klerus und Adel mußten auf die 
Steuerfreiheit ihrer Güter verzichten, die Rechte der grundherrlichen Bauern wurden 
vom Staate gegen die Grundherrn in jeder Weise geschützt, die Dienste durch Robot- 
patente fest geregelt, auch eine Ordnung der Besitzrechte vorbereitet. Der humane 
Zeitgeist, die Gedanken des Naturrechts von der natürlichen Freiheit und Gleichheit 
aller Menschen wirkten darauf deutlich ein, aber ebensosehr wurde die Agrarpolitik 
Maria Theresias doch auch durch die Tendenz geleitet, durch die Befreiung der allzu 
starken Gebundenheit der Bauern den landwirtschaftlichen Betrieb zu befördern. Auf 
die wirtschaftspolitischen Maßregeln der Regierung, auf die Bestrebungen nach Ver- 
mehrung der Produktion, nach Verminderung der Feiertage, nach Einschränkung des 
wirtschafthch nicht genügend ausgenutzten Besitzes der toten Hand, nach Entfaltung 
der Industrie und des Handels im Geiste des Merkantilismus kann hier nur hingewiesen, 
nicht eingegangen werden. i) 

Der ruhige Portgang dieser Reformtätigkeit wurde durch Joseph IL unterbro- 
chen. Während Maria Theresia imd ihre Ratgeber von den praktischen Bedürfnissen 
der Staatsmacht ausgingen und die Unterschiede zwischen der deutschen und der böh- 
mischen Ländergruppe auf der einen und den Ländern der ungarischen Krone und den 
Nebenländern auf der andern Seite beachteten, auch die Stände nur so weit zurück- 
drängten, wie es die Rücksicht auf die Staatsverwaltung erforderte, setzte sich Joseph 
über alle historisch gegebenen Unterschiede und Rechte hinweg und suchte sein ratio- 
naUstisches Ideal eines über einer nivellierten, der vermeintlichen natürlichen Gleich- 
heit aller Menschen entsprechenden Gesellschaftsordnung einheithch und allmächtig 
sich aufbauenden Staates zu verwirklichen. Er führte das Deutsche als die einzige 
Amtssprache überall durch, erkarmte die besonderen Verfassungen der Länder nicht 
mehr an, ließ sich nirgends huldigen, beschwor nirgends die Landesfreiheiten; er hob 
die letzten Reste der ständischen Selbstverwaltung auf, änderte auch die historisch ge- 
wordenen Provinzialverwaltungen nach dem Gesichtspunkt der Gleichförmigkeit, ei 
verstaatlichte endhch auch die Lokalverwaltung. In vielem erinnert die Regierung 
Josephs an den aufgeklärten Despotismus Friediichs des Großen, unter dessen Einfluß 
sie ja auch stand, nicht allein in der absolutistischen Form, sondern auch in dem nicht 
ganz zum Abschluß gediehenen Streben nach Vereinheitlichung des materiellen Rechts 

1) Vgl. dazu namentlich die Arbeiten von A. Bebe, Die Zollpolitik und die Schaffung eines 
einheitlichen Zollgebiets unter Maria Theresia (MIÖG., Bd. XIV, 1893); Studien z. G. d. Österreich. 
Volkswirtschaft unter Maria Theresia, die Österreich. IndustriepoUtik (A. f. österr. G., Bd. 81, 1894); 
D. Österreich. HandelspoUtik unter Maria Theresia und Joseph II. (A. f. österr. G., Bd. 86, 1898). Fer- 
ner K. Grünbeeo, Die Bauernbefreiung und die Auflösung des gutsherrlich-bäuerlichen Verhält- 
nisses in Böhmen, Mähren und Schlesien (2 Bde., 1894). A. Meix, Die Anfänge der Bauernbefreiung 
in Steiermark unter Maria Theresia und Joseph II. (1901). 



Die Zeit des aufgeklärten Despotismus 89 

und in der Wirtschaftspolitik. Sie ging aber weit über das hinaus, was der alternde 
Friedrich gleichzeitig erstrebte und erreichte. Ihr gelang durch das Patent vom 1. Sep- 
tember 1781 die Regulierung des gutsherrhch-bäuerlichen Verhältnisses, die Auf- 
bebung der Leibeigenschaft, die Ablösbarkeit der Grundlasten, Errungenschaften, die 
Preußen erst nach der Schlacht von Jena erlangte. Aber sie brachte sich auch selbst 
um den Erfolg durch die Überhastung der Eeformen, die alle auf einmal durchzufüh- 
ren das Beamtentum außerstande war, durch die Übersparmung der staatlichen All- 
macht, die allzu tief in die nicht allein durch vernünftige und aufgeklärte Grimdsätze 
beherrschten Lebensgewohnheiten des Volkes eingriff, die sich selbst in die Gebiete 
einmischte, die wie die Leichenbestattung durch die Sitte, nicht durch staatliche Ge- 
setzgebung bestimmt werden, endhch auch dui-ch die über die wü-klichen Bedürfnisse 
des Gesamtstaats hinausgehende Zentralisierung, die Ungarn und die Niederlande zum 
offenen Aufruhr trieb. Während die Grundgedanken der josephinischen Reformen, die 
Befreiung imd die Entwicklung der individuellen Ivräfte unter staathcher Leitung den 
Verhältnissen der deutschen und böhmischen Erblande entsprachen und bei maßvol- 
ler Diu-chführung sich hätten behaupten können — die hier nicht zu behandelnde 
Kirchenpolitik hat sich auch bis über das Jahr 1848 hinaus behauptet — , ist von Un- 
garn und den Niederlanden die Reaktion ausgegangen, die außer dem Übertriebenen 
auch das Berechtigte der josephinischen Eeformen vernichtet hat. 

§ 26. Die Zeit des aufgeklärten Despotismus 
in den deutschen Mittel- und Kleinstaaten 

Allgemeine Literatiir: K. Th. Heigel, Deutsche G. vom Tode Friedrichs d. Gr. bis zur Auf- 
lösung des alten Reiches (2 Bde., 1899/1911; bes. Bd. I, S. 79ff.). F. Kapp, Der Soldatenhandel deut- 
scher Fürsten nach Amerika, 1775 — 1783 (2. Aufl. 1874). H. v. Volteltni, Die naturrechtHchen 
Lehren und die Reformen des 18. Jhs. (HZ., Bd. 105, 1910). W. Wenck, Deutschland vor 100 
Jahren (2 Bde., 1887/90). G. Zöpfl, Frank. Handelspolitik im Zeitalter der Aufklärung (1894). 

Für die einzelnen Territorien: Baden: P. Lenel, Badens Rechtsverwaltung und Rechtsver- 
fassung unter Markgraf Karl Friedrich 1738—1803 (1913). O. Moewcke, Die Agrarpohtik des Mark- 
grafen Karl Friedrich von Baden (1905). W. Windelbänd, Staat und katholische Kirche in der 
Markgrafschaft Baden zur Zeit Karl Friedrichs (1912). Für Hessen-Darmstadt: B. Riegek, Die 
hessen-darmstädtischen Landstände und der Absolutismas 1768 — 1806 (Giei3ener Jurist. Diss. 1894). 
Für Hessen-Kassel: A. Lichtner, Landesherr und Stände in Hessen-Cassel, 1797- — 1821 (1913). 
Für Sachsen fehlt eine neuere Darstellung, vgl. außer C. W. Böttiger \ind Th. Flathe, G. v. Sach- 
sen, Bd. II (2. Aufl. 1870), S. 661 ff. und K. H. L. Pöurz, Die Regierung Friedrich Augusts, Königs 
von Sachsen (1830), auch das Politische Testament des Kurfürsten Friedrich August von Sach- 
sen vom 6. Dezember 1787 im A. f. sächs. G., Bd. X (1872), S. 337ff. 

Auch füi' eine große Zahl von Mittel- und Ivleinstaaten ist die zweite Hälfte des 
18. Jhs., zumal die lange Friedenszeit seit dem Ende des Siebenjährigen Krieges, eine 
Zeit innerer Reformen geworden. Deren Träger waren in ihren zum Teil ungewöhnlich 
langen Regierungen^) vor allem Kurfürst Friedrich August IlL, der „Gerechte", von 
Sachsen (1768—1827), Markgraf Karl Friedrich von Baden (1746—1811), Herzog 
Carl August von Weimar (1775 — 1828), Fürst Leopold Friedrich Franz von Anhalt- 
Dessau, der „Vater Franz" (1758 — 1817); die Bedeutung ihrer Reformen w\u:de da- 
durch noch größer, daß auch zahlreiche geistHche Fürsten jener Zeit ernstlich für das 
Wohl ihrer Staaten sorgten. In ihnen allen wurde der Gedanke der Füi'stenpfHcht wie- 
der lebendig, nicht allein durch den Eindruck der preußischen Erfolge und der Persön- 
lichkeit Friedrichs des Großen, sondern vor allem durch die geistige Strömung der Zeit, 
Natmrecht, Aufklärung und Humanität. Man darf ihi-e Regierungsweise als aufge- 
klärten Despotismus bezeichnen, denn sie dekretierten ihre Reformen von oben herab 
oft gegen den Willen der Stände und der Bevölkerungen, und auch der Inhalt ihrer 
Verordnungen, die Maßregeln zur Hebung der Landeskultur und ähnliches entsprach 

1) Bei den Zahlen ist im folgenden stets das Jahr des wirklichen Regierungsantritts, nicht 
das der formellen Thronbesteigung angegeben. 



90 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

ganz den Zielen des aufgeklärten Despotismus. Aber man muß sich dabei bewußt blei- 
ben, daß der Geist der Kleinstaaterei doch dauernd ein anderer war als der des preußi- 
schen und österreichischen Staates. Es fehlte der kleinstaathchen Politik jede Bezie- 
hung auf einen großen Staatszweck, auf die Macht. Sie ging vielmehr unmittelbar 
darauf aus, das Behagen der Untertanen zu fördern, sie im Sinne der eudämonistischen 
Staatslehre glücklich zu machen. Nicht die Steuerkraft, sondern der Wohlstand der 
Bevölkerung, des einzelnen war das Ziel der Wirtschaftspohtik, der Förderung des 
Handels, der Hebung der Arbeitsleistung durch Aufhebung der vielen Wochenfeiertage, 
der Beschränkung des Luxus, der Pflege der Landwirtschaft. Die Rechtspflege erfuhr 
überall eine Eeform, wurde namentlich durch die Aufhebung der Folter humaner ge- 
staltet, die Rechtslage der Bauern wm'de in Baden 1783 durch die Aufhebung der 
Leibeigenschaft dem Gedanken der natürlichen Freiheit angepaßt, während die Be- 
lastungen des Bodens noch bestehen blieben. Die Sorge für eine Verbesserung des 
Schulwesens verfolgte unmittelbar den Zweck, die Bevölkerung aufgeklärter und da- 
mit glücklicher zu machen. Dem humanen Zuge dieser Reformtätigkeit entspricht es, 
daß überall Wohlfahrtsanstalten, Zucht- und Arbeitshäuser, Armen- und lü-anken- 
anstalten, Versicherungen aller Art errichtet wurden, daß ferner die Ausdehnung der 
Medizinalpolizei überall eine große Rolle spielte. 

Die kleinstaatliche Reformpolitik in der Zeit der Aufklärung schließt sich also ganz 
an die patriarchaUsche Regierungsweise des Jahrhunderts der Reformation an, in ihrem 
Ziel, das Behagen der Untertanen zu erhöhen, sie nach den Worten Karl Friedrichs „frei, 
opulent und gesittet" zu machen, wie in ihrem Mittel, der Bevormundung des Volkes, die 
ihren klassischen Ausdruck in der badischen Ho fkammerordnung von 1766 gefunden hat : 
danach sollte die Hofkammer die „natürHche Vormünderin" der Untertanen sein und 
diese „auch gegen ihren Willen belehren, wie sie ihre eigene Haushaltung einrichten" 
sollen.') Aber trotz diesem oft recht kleinlichen Eingreifen in das private Leben, z. B. 
mit den Verboten des Kaffeetrinkens, wohnte man nicht nur unter dem Krummstab, 
sondern auch in den gut regierten weltlichen Kleinstaaten bequem und behaghch, 
fühlte sich im allgemeinen recht wohl und pries das Glück, nicht in dem rauhen Mihtär- 
staat Preußen leben zu müssen. Daß diese lOeinstaaterei, ,,jene glückliche Mittelgröße, 
bei welcher der Unterthan ebensosehr gewinnt als Ruhe und Freiheit des teutschen 
Staatensystems aufs neue da durcbgesichert wurde"^), möghch war, das wurde immer 
wieder als ein ganz besonderer Vorzug der deutschen Verfassung gepriesen, tröstete 
die aufgeklärten Weltbürger über die mangelnde Geltung Deutschlands als pohtischer 
Macht ; auch aus Goethes Dichtung und Wahrheit spricht ein frohes Behagen über die 
gesicherte Ruhe des deutschen Staatslebens. Daß immittelbar neben den Ländern, 
deren Fürsten ,,am stiUen einheimischen Regimente Wohlgefallen" fanden, auch recht 
schlecht regierte lagen, deren Bewohner von ihren Landesvätern an Engländer und 
Holländer vermietet wurden'), das koimte den Stolz über die deutsche Verfassung 
nicht beeinträchtigen. Und es war auch in der Tat nicht die eigenthche Schwäche der 
Kleinstaaterei. Diese bestand vielmehr in der Unfähigkeit der Kleinstaaten, ihre Exi- 
stenz aus eigener Kraft zu behaupten, sie hingen von dem Schicksal des Reiches ab. 
Deshalb sind die Kleinstaaten die letzten Träger des Reiches geworden und dessen 
Untergang ist auch für die meisten von ihnen zum Verhängnis geworden. 

1) Mitgeteilt in F. C. v. Mosers patriotischem Archiv, Bd. V, S. 527. 

2) Vgl. L. T. Spittlek, G. d. Fürstentums Hannover seit den Zeiten der Reformation bis 
zum Ende des 17. Jhs. (Göttingen 1786), Bd. I, S. 147; ähnlich J. S. Püttek, Hist. Entwicklung 
der heutigen Staatsverfassung des Teutschen Reichs (3. Aufl. 1799), Bd. III, S. 295ff. (unverändert 
aus der 1. Ausgabe von 1786). Goethe. Dichtung und Wahrheit, 4. Teil, 17. Buch. 

3) Darauf macht E. M. Arndt im Geist der Zeit, 3. Teil, aufmerksam. 



Die geistlichen Staaten 91 

§ 27. Die geistlichen Staaten des alten Kelches 

Literatur für die mittelalterlichen Territorien im allgemeinen: A. Baeth, Das bischöfliche 
Beamtentum im MA. (Göttinger Diss. 1900, auch Z. Harzverein, Bd. XXXIII, 1900). A. Hauck, 
KG. Deutschlands, Bd. V, 1 (1911), S. 66ff. und die Entstehung der geistlichen Territorien (Abh, 
Sachs. G. d. Wiss., Bd. XX^^I, 1909). A. Webminghoff, Grundriß Bd. U, 6^ S. 67ff. u. 143ff, 

Für die Neuzeit im allgemeinen: J. J. Moser, Staatsrecht, Bd. XI u. XU. C. Th. Perthes. 
Das deutsehe Staatsleben vor der Revolution (1845), S. 102 ff. J. v. Sartori, Geistliches und weit 
liches Staatsrecht der deutschen kathoHsch-geistUclien Erz-, Hoch- und Ritterstifter, 4 Bde. (Nüm 
berg 1788/91). 

Über die Domkapitel im allgemeinen: G. v. Below, Die Entstehung des ausschließlichen 
Wahlrechts der Domkapitel mit besonderer Rücksicht auf Deutschland (1883). P. Schneider, 
Die bischöflichen Domkapitel (1885). Spezialarbeiten : O. Leuze, Das Augsburger Domkapitel im 
MA. (Tübinger Diss. 1909, auch Z. bist. Ver. f. Schwaben, Bd. XXXV, 1909). A. Brackmami, 
Urkundliche G. des Halberstädter Domkapitels im JIA. (Göttinger Diss. 1898, auch Z. Harzverein, 
Bd. XXXII, 1900). E. Weber, Das Domkapitel von Magdeburg bis zum Jahre 1567 (Hall. Diss. 
1912). H. Bastgen. G. des Trierer Domkapitels im MA. (1910) 

Über die Wahlkapitulationen: G. Weigel, Die Wahlkapitulationen der Bamberger Bischöfe 
1328 — 1693 (Würzburger Diss. 1909). K. Brünnee, Die Wahlkapitulationen der Bischöfe von Kon- 
stanz 1294—1496 (ZGORh., NF. Bd. XI, Mitt. S. Iff.). M. Steujong, Die Wahlkapitulationen der 
Erzbischöfe und Kurfürsten von Mainz 1233 — -1788 (1909). J. Kremer, Studien z. G. der Trierer 
Wahlkapitulationen (WZ., Erg.heft XVI, 1911). J. F. Abert, Die Wahlkapitulationen der Würz- 
burger Bischöfe bis zum Ende des 17. Jhs., 1225—1698 (Würzburger Diss. 1904, auch A. bist. Ver. 
f. Unterfranken, Bd. 46, 1904). 

Für die einzelnen Territorien: Bamberg: W. Altmaiw, Der Staat der Bischöfe von Bam- 
berg (KblGV. 1906); vgl. auch die bei Mainz und Würzburg aufgeführten Arbeiten von K. Wild. 
Eiohstätt: .1. Sax, Die Bischöfe und Reichsfürsten von Eichstätt (1884/85). Köln: F. Gordes, 
Die direkten Steuern im kurkölnischen Herzogtum Westfalen (Münsterische Diss. 1912). W. Hückee, 
Entstehung der Amtsverfassung im Herzogtum Westfalen (Leipziger Diss. 1909). A. Schmitz, 
Die Bede in Kurköln (Freiburger Diss. 1912). K. Schulz, Der kurkölnische Hofrat von 1724 bis 
zum Ausgange des Kurstaats (Bonner Diss. 1911). F. Walter, Das alte Erzstift und die Reichsstadt 
Köln (1866). Mainz: H. Goldschmidt, Zentralbehörden und Beamtentum im Kurfürstentum Mainz 
vom 16. — 18. Jh. (1908). E. Hensler, Verfassung und Verwaltung von Kurmainz um 1600 (1909). 
M. Stimming, Die Entstehung des weltl. Territoriums des Erzbistums Mainz (Breslauische Habil. 
Sehr. 1913). K. Wild, Johann Philipp v. Schönbom (1896); Lothar Franz v. Schönbom, BLschof 
von Bamberg und Erzbischof von Mainz 1693 — 1729 (1904). Münster: Th. Bading, Die innere 
Politik Christoph Bernhards v. Galen, Fürstbischofs von llünster (Jlünsterische Diss. 1912, auch 
Z. vaterl. G. u. Alt., Bd. 69, 1911). H. J. Brühl, Die Tätigkeit des Ministers F. v. Fürstenberg 
auf dem Gebiet der inneren Politik des Fürstbistums Münster 1763 — 1780 (Münsterische Diss. 1906. 
auch Z. vaterl. G. u. Alt., Bd. 63, 1905). G. Erler, Denkschrift des Frhr. v. Kerkerink überfden 
Zustand des Fürstbistums Münster 1780 (Z. vaterl. G. u. Alt., Bd. 69, 1911). R. Lüdicke, Landesherr- 
liche Zentralbehörden im Bistum Münster bis 1650 (Z. vaterl. G. u. Alt., Bd. 59, 1901). Osnabrück: 
M. Bär, Abriß einer Verwaltungsg. des Regierungsbezirks Osnabrück (Qu. u. Darst. z. G. Nieder- 
sachsens, Bd. V, 1901). F. Philippi, Zur Osnabrücker Vfg. (M. Ver. f. G. u. Landeskunde von Osna- 
brück, Bd. XXII, 1898). H. Rehker, Die landesherrlichen Verwaltungsbehörden im Bistum Osna- 
brück 1553—1661 (ebd. Bd. XXX, 1906, auch Münsterische Diss. 1905). H. Spangenberg, Beitr. z. 
älteren Vfg. u. Verwaltungsg. des Fürstentums Osnabrück (M. Ver. f. G. u. Landeskunde von Osna- 
brück, Bd. XXV, 1900). C. Stüve, Landstände, Kapitulationen und Landesverträge von Osnabrück 
vor 1532 (M. bist. Ver. f. Osnabrück, Bd. II, 1850). Paderborn: H. Atjbin, Die Verwaltungs- 
organisation des Fürstbistums Paderborn im MA. (1911). A. Knape, Die wichtigsten industriellen 
Unternehmungen des Paderborner Landes in fürstbischöflicher Zeit (Z. vaterl. G. u. Alt., Bd. 70, 
1912). Salzburg: L. Bittner, G. der direkten Staatssteuem im Erzstift Salzburg (A. f. österr. 
G., Bd. 92, 1903; vgl. dazu G. v. Below, fflÖG. Bd. XXV, 1904). H. Widmakk, G. Salzburgs 
bis jetzt 2 Bde., bis 1519, 1907'9; vgl. dazu: Die Regierung des geistl. Staates Salzburg im 16. Jli. 
(D. Gbll. Bd. XV, 1914). Speier: M. Buchner, Die innere weltliche Regierung des Bischofs Ramung 
von Speier 1464—1478 (Münchener Diss. 1907, auchM. bist. Ver. d. Pfalz, Bd. XXIX u. XXX, 1907). 
J. Wille, Bruchsal. Bilder aus einem geistlichen Staat im 18. Jh.* (1900); August Graf 
V. Limburg- Stirum, Fürstbischof von Speier (1913). Straßburg: J. Fritz, Das Territorium des 
Bistums Straßburg um die Mitte des 14. Jhs. (Straßburger Diss. 1885). F. Kiener, Studien zur Ver- 
fassung des Territoriums der Bischöfe von Straßburg, Bd. I (1912). Trier: G. Knetsch, Die land- 
ständische Verfassung und reiohsritterschaftliche Bewegung im Kurstaate Trier vornehmlich im 
16. Jh. (1909). F. Liesenfeld, Klemens Wenzeslaus, der letzte Kurfürst von Trier, seine Land- 
stände und die franz. Revolution 1789— 1794 (WZ., Erg.heft XVH, 1912). Würzburg: S.Merkle, 
Würzburg im Zeitalter der Aufklärung (A. f. Kulturg., Bd. XI, 1914). K. Wild, Staat und Wirtschaft 
in den Bistümern Würzburg und Bamberg 1729 — -1746 (1906). 

Die geistlichen Staaten sind eigentümliche Bildungen der deutschen Eeichsver- 

fassung und sollen deshalb hier im Zusammenhange kurz betrachtet werden; dabei 

müssen freOich die des staatlichen Charakters entbehrenden Zwergbildungen der 



92 F. Hartnng: Deutsche Verfasaungsgeachichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Eeichsabteien ebenso unberücksichtigt bleiben wie die kleinen weltlichen Herrschaf- 
ten, nur auf die den welthchen Kur- und Fürstentümern an Macht und Rang gleich- 
stehenden Erzbistümer und Bistümer soll eingegangen werden. Mit der kirchlichen 
Verfassung und den Diözesangrenzen hat die Entstehung der geistlichen Territorien 
nichts zu tun, auch der Eigenbesitz der Kirchen spielt ähnlich wie der Grundbesitz 
der welthchen Fürsten nur eine untergeordnete Rolle, den Ausschlag auch bei der Bil- 
dung der geistlichen Staaten hat vielmehr die hohe Grafengerichtsbarkeit gegeben, die 
den Erzbischöfen und Bischöfen vielfach übertragen worden war. Seit dem Investitur- 
streit ging der Amtscharakter dieser Gerichtsbarkeit allmählich verloren, sie galt bald 
als Lehen und machte zur gleichen Zeit die gleiche Entwicklung durch wie die welt- 
lichen Grafschaften, sie ging immer mehr in den Besitz der geisthchen Fürsten über, 
während die Rechte des Königs immer mehr beschränkt wurden. Auch für die geist- 
lichen Territorien wurde dann die Zeit Friedrichs II., vor allem durch die Confoederatio 
cum principibus ecclesiasticis vom Jahre 1220 (vgl. oben S. 21) entscheidend. Seither 
waren sie Landesherrschaften, die sich vom weltlichen Territorium niu: durch die 
gleichzeitige kirchliche Stellung des Landesherrn unterschieden. Auch der weitere 
Ausbau dieser bischöflichen Landesherrlichkeit entsprach der oben geschilderten Ent- 
wicklung der weltlichen Territorien sowohl in den Mitteln, unter denen die friedlichen 
wie Schenkungen, Einziehung von Lehen, Kauf (namenthch Rückkauf von Vogteien) 
überwogen, aber auch kriegerische nicht verschmäht wurden, wie in dem Ergebnis, der 
Abrundung und Abschließung der Territorien nach außen, der Verschmelzung der ein- 
zelnen landesherrlichen Befugnisse zu einer allgemeinen Landeshoheit. Auch die iimere 
Eimrichtung war der der weltlichen Territorien ährüich; die oberste Verwaltung wurde 
vom Bischof und den Beamten seines Hofes geleitet, die Lokalverwaltung war Ämtern 
übertragen. 

Aber in einem Punkte bestand ein gnmdlegender Unterschied zwischen den geist- 
lichen und welthchen Territorien: die Landesherrschaft war im geisthchen Staate 
nicht erbhch, sondern wiirde durch Wahl — von den vereinzelten Fällen der päpst- 
lichen Provision kann hier abgesehen werden — übertragen. Darauf beruhen manche 
Vorzüge der geistlichen Staaten, das Fehlen des dynastischen Ehrgeizes und der dar- 
aus entstehenden kriegerischen Verwicklungen, der Wegfall der Erbteilungen und Erb- 
streitigkeiten, das stärkere Hervortreten des öffentlich-rechtlichen Charakters der Re- 
gierung, die niemals als Patrimonium, als Privatbesitz des Regenten angesehen werden 
konnte. Freilich werden diese Vorzüge aufgewogen durch den Mangel des persöidichen 
Interesses des Bischofs an der Stetigkeit der Regierung, da diese seinen Erben in der 
Regel doch nicht zugute kam. In der Verfassung prägt sich die Wählbarkeit besonders 
in der bevorzugten Stellung der wählenden Körperschaft, des Domkapitels, aus. Die- 
ses besaß die Rechte, die im welthchen Territorium der Rat hatte oder beanspruchte, 
vor allem das Recht, bei allen wichtigen Regierungshandlungen zugezogen zu werden. 
Aber durch das Wahlrecht war die Macht der Domkapitel weit größer, als die der welt- 
lichen Räte je werden konnte; sie führte seit dem Beginn des 13. Jhs. (zuerst 1209 in 
Verden) dazu, daß die Kapitel dem neu zu wählenden Bischof feste Bedingungen für 
seine geisthche und weltliche Regiermig in der Form von Wahlkapitulationen vorlegten. 
Unter den Wahlkapitulationen der vei;schiedenen Territorien herrscht eine weitgehende 
Übereinstimmung des Inhalts ; sie läßt sich wie ährüiche Erscheinungen in der deut- 
schen Verfassungsgeschichte zum Teil durch die gleichartigen Verhältnisse, durch das 
überall gleiche Interesse der Korporation, zum Teil aber auch durch wörthche Über- 
nahme erklären. Der Inhalt der Kapitulationen kann in vielen Einzelheiten mit den 
Forderungen der Landstände in weltlichen Territorien verglichen werden, wie denn 
auch die Domkapitel in manchen Territorien an der Spitze der Landstände standen, 



Die geistlichen Staaten 93 

in anderen (z. B. Mainz, Bamberg, Würzburg u. a.) überhaupt die Landstände ver- 
traten : er betrifft vor allen Dingen die eigene Bechtssphäre des Kapitels, stellt dessen 
Besitz an Gütern und Rechten gegen alle Einmischungen des Landesherm und seiner 
Beamten sicher, wahrt alle Freiheiten des Kapitels und seiner Mitgheder, namentlich 
die Befreiung von allen Abgaben. Weiter nehmen die Kapitel ein Kontrollrecht gegen 
die landesherrliche Finanzverwaltung in Anspruch, fordern Garantien gegen Verschul- 
dung imd Münz Verschlechterung, deren Kosten schheßlich doch sie und die Länder, 
nicht der Bischof hätte tragen müssen, verlangen ordenthche Rechtspflege und einen 
ihrer Bedeutung entsprechenden Anteil an der Regierung, zumal die Besetzung der 
wichtigsten Beamtenposten mit ihren Mitghedem. Aber je länger je mehr gingen die 
Kapitulationen über diese mit den ständischen Tendenzen übereinstimmenden For- 
derungen hinaus. Die Kapitel waren eben nicht bloß Stände, sondern wenigstens wäh- 
rend der Sedisvakanzen die Herrschaft selbst, auch waren sie dank der geringeren Mit- 
gliederzahl und der Gemeinschaft der Herkunft imd der Literessen viel stärker ge- 
schlossen als die Landstände, so konnten sie den neu zu wählenden Landesherrn sehr 
viel engere Grenzen ziehen als die Stände in den Landtagsverhandlungen, konnten sich 
selbst in die Kammerverwaltung einmischen, die Verfügung über das Heerwesen an 
sich reißen, sich durch den Huldigungseid den Gehorsam der Beamten sichern und so 
auch äußerhch als Mitregenten neben den Landesherrn auftreten. 

Aber es wäre falsch, aus den Bestimmungen der Wahlkapitulationen allzu weit- 
gehende Schlüsse auf die Regierungsweise der geistlichen Staaten zu ziehen. Tatkräf- 
tige Fürsten waren zu allen Zeiten bestrebt, sich den Fesseln der Kapitulationen zu 
entziehen, und fanden dabei stets die Unterstützung der Kvirie, setzten hier nament- 
lich die Entbindung von dem auf die Kapitulation geleisteten Eide durch. Und wie die 
Stände in weltlichen Territorien, so waren auch die Domkapitel zu einem dauernden 
Kampf gegen die Landesherrschaft weder geneigt noch fähig. Auch ihr Streben war 
vor allem negativ, mehr auf Freiheiten und Sondervorteile gerichtet als auf poHtische 
Rechte, deren Ausübung mit Pflichten verknüpft war. Und je mehr sie im Laufe der 
Zeit ihre Privatinteressen zumal in finanzieller Hinsicht zu fördern unternahmen, desto 
weniger Rückhalt fanden sie im Lande; in einigen Territorien (Köln, Münster, Osna- 
brück) stießen die Kapitel bei ihrer egoistischen Politik sogar auf Widerstand der Land- 
stände und mußten diesen wenigstens zeitweise eine Mitwirkung beim Abschluß der 
Kapitulationen gestatten. 

So ist auch im geisthchen Territorium die Landesherrschaft die ausschlaggebende 
Gewalt gebheben, und die Entwicklung verlief ähnhch wie in den weltlichen Staaten. 
Das 16. Jh. war hier wie dort die Zeit der Behördenorganisation, der Eini-ichtung 
fester kollegialer Hofräte, der Errichtung eigener koUegialer Behörden für die Recht- 
sprechung und Finanzvei-waltimg ; die größeren Territorien folgten auch dem weiteren 
Vorbild der weltlichen Staaten und schufen aUmähhch besondere Geheime Räte (in 
Mainz im 18. Jh. nach österreichischem Muster als Geheime Staatskonferenz bezeich- 
net). Das Verhältnis zwischen Landesfürst und Domkapitel war im einzelnen zu ver- 
schieden, als daß es hier in einer kurzen Übersicht besprochen werden könnte; auch die 
Gegenreformation wirkte darauf nicht einheithch ein. Aber seit dem Ende des 17. Jhs. 
war im Zusammenhang mit der allgemeinen Strömung der Zeit der fürsthche Absolu- 
tismus unverkennbar im Wachsen. Die Domkapitel versuchten dem durch Verschär- 
fmig der Wahlkapitulationen Einhalt zu tun, aber gerade das wurde ihnen zum Ver- 
hängnis. Der entscheidende Kampf wurde während der Jahre 1685 — -1695 im Bistum 
Würzburg durch Bischof Johann Gottfried IL von Guttenberg durchgekämpft. Jo- 
hann Gottfried rief Papst und Kaiser gegen sein Kapitel zu Hilfe, und beide traten auf 
seine Seite. Durch die sogenamite „Innocentiana" vom 22. September 1695 verbot 



94 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Papst Innocenz XII. überhaupt alle Kapitulationen und Verpflichtungen vor der Wahl 
und machte auch spätere Abreden von der Bestätigung durch die Kurie abhängig, der 
Kaiser schloß sich 1698 dieser Verordnung an. 

Damit war das Schicksal der Wahlkapitulationen und der Ansprüche der Dom- 
kapitel auf Mitregierung besiegelt. Zwar verzichteten die Kapitel nicht in allen Terri- 
torien auf das Becht, bindende Wahlkapitulationen aufzustellen, und es kam in man- 
chen Staaten (z. B. Eichstätt, Speier, Trier) auch während des 18. Jhs. zu Konflikten 
zwischen Bischöfen und Kapiteln; aber da Papst und Kaiser stets bereit waren, die 
Bischöfe von lästigen Verpfhchtungen zu befreien und die Kapitel zum Gehorsam 
gegen die Herrschaft zu ermahnen, so war eine wirksame Beschränkung der Bischöfe 
nicht mehr zu erreichen. Auch für die meisten geisthchen Staaten wurde das 18. Jh. 
die Zeit des fürsthchen Absolutismus. Dieser prägte sich natürlich je nach den Persön- 
hchkeiten verschieden aus. Neben prachtliebenden Bischöfen, die ihre Aufgabe wie 
mancher weltliche Serenissimus in der Nachahmung des französischen Absolutismus 
erblickten oder die Mittel ihrer Staaten vor allem im Interesse ihrer Verwandten ver- 
wendeten, gab es auch tüchtige Fürsten, die sich die besser verwalteten und weiter ent- 
wickelten ,,ohnkathohschen" Staaten zum Muster nahmen und die Macht ihrer Länder 
dm'ch Eeformen auf allen Gebieten, zumal in der Behördenorganisation und durch 
Entwicklung der wu'tschafthchen Kräfte zu steigern versuchten. Namenthch die Bi- 
schöfe aus dem Hause Schönborn, Lothar Franz von Bamberg und Mainz, Friedrich 
Karl von Bamberg und Würzbm'g, Damian Hugo von Speier, sind hier zu nennen. Daß 
trotz allen Anstrengungen der Erfolg nicht ganz den Hoffnungen entsprach, lag vor 
allem an der Kleinheit der Länder, die eine selbständige merkantilistische Wirtschafts- 
pohtik unmögHch machte, und an den Macht- oder Ohnmachtverhältnissen, die den 
Geist der Eeformtätigkeit notwendig umgestalteten : statt der Stärkung der Macht des 
Staates wurde sehr bald die Erhöhimg des individuellen Behagens zum Ziel. So stan- 
den die Beformen in den geisthchen Staaten des 18. Jhs. weniger mit dem preußischen 
Absolutismus als mit den kleinstaatlichen Eeformen im Zusammenhang und erreich- 
ten zu gleicher Zeit wie diese im letzten Drittel des 18. Jhs. ihren Höhepunkt. Den 
reformfreundhchen welthchen Fürsten jener Zeit stehen zahlreiche geistliche Fürsten, 
Adam Friedrich v. Seinsheim und Franz Ludwig v. Erthal in Bamberg und Würzburg, 
Emmerich Joseph von Mamz imd sein Statthalter Dalberg in Erfm-t, der Minister 
V. Fürstenberg in Münster u. a. zur Seite, alle bestrebt, durch eindringende Wirt- 
schafts- und Wohlfahrtspohtik den Wohlstand imd die Bildung und damit die Glück- 
seUgkeit ihrer Untertanen zu vermehren. Aber trotz allen ihren wohlgemeinten und in 
vielem erfolgreichen und vorbildlichen Bemühungen war der allgemeine Eindruck doch 
der, daß diese ganze Eeformtätigkeit vergeblich sei, daß die geistlichen Staaten mit den 
welthchen nicht mehr konkurrieren könnten ; er fand seinen klassischen Ausdruck in 
der Preisfi-age des Fuldaischen Eegierungspräsidenten und Domkapitulars Freiherrn 
V. Bibra vom Jahre 1785: „Da die Staaten der geistlichen Eeichsfürsten Wahlstaaten 
und über dieses größtenteils die gesegnetsten Provinzen von ganz Deutschland sind, 
so sollten sie von Eechts wegen auch der weisesten und glücklichsten Eegierung ge- 
nießen; sind sie nun nicht so glückhch als sie sein sollten, so hegt die Schuld nicht so- 
wohl an den Eegenten als an der inneren Grundverfassung. Welches sind also die 
eigenthchen Mängel und wie sind solche zu heben?" i) 

Aber wie die weltliche Kleinstaaterei, so sind auch die geisthchen Staaten nicht 
an inneren Gebrechen zugrunde gegangen, sondern an ihrer militärisch-politischen 

1) Die darauf eingegangenen Scliriften, deren bekannteste die Abh. F. C. v. Mosers „Über 
die Regierung der geistlichen Staaten in Deutschland" (Frankfurt und Leipzig 1787) ist, sind bei 
P. A. V. Frank, Etwas über die Wahlkapitulationen in den geistlichen Wahlstaaten (1788), S. 2 
Anm. a verzeichnet. 



Das Reich nach 1555 95 

Ohnmacht. Sie besaßen, das hatte schon die Eeformationszeit mit ihren Säkularisa- 
tionen bewiesen, nicht die Kraft sich selbst zu behaupten, nur die Eifersucht der Kon- 
fessionen ließ sie noch weiter bestehen, ihre Existenz hing von der Fortdauer der alten 
Reichsverfassung und von den poUtischen Konjunkturen ab ; der Zusammenbruch des 
Reiches in der Revolutionszeit machte auch ihnen ein Ende. 

Siebentes Kapitel: Das Reich von 1555 — 1806 

Die Verfassungsgesohichte des Reiches nach 1555 ist in der neueren Zeit kaum bearbeitet 
worden. Es kann daher hier nur auf die staatsrechtliche Literatur des 18. Jhs., besonders J. J. 
Moser (Staatsrecht s. oben S. 3; Grundriß der heutigen Staatsverfassung des deutschen Reiches, 
Tübingen 1731, oft aufgelegt) und J. S. Püttee (Hist. Entwicklung der heutigen Staatsverfassung 
des Teutschen Reichs, Bd. II u. III, 1786) verwiesen werden. Viel Material ist auch bei F. D. 
Häberlin, Neueste Teutsche Reichsg. (28 Bde. für 1546—1660, Halle 1774—1804) zu finden. Was 
in der neueren rechtsgeschichtlichen Literatur und in den Einleitungen zu den Arbeiten über das 
moderne deutsche Staatsrecht von dem alten Reich gesagt wird, beruht meistens auf diesen alten 
Darstellungen. 

§ 28. Bis zum "Westfälischen Frieden 

In der Literatur wird die Zeit von 1555 — 1648 vorwiegend unter dem Gesichtspunkt des 
Kampfes der Religionsparteien betrachtet, das verfassungsgeschichtUche Moment bleibt im Hinter- 
grund. Deshalb brauchen hier die einzelneu Arbeiten, z. B. über KaiserwahJen und Reichstage, nicht 
verzeichnet zu werden; es genügt ein Hinweis auf die Gesamtdarstellung von M. Ritter, Deutsche 
G. im Zeitalter der Gegenreformation und des Dreißigjährigen Krieges 1555 — 1648 (3 Bde., 1889/1908). 

Der Text des Westfälischen Friedens ist gedruckt bei K. Zettmee, Quellensammlung', Nr. 
197/198, S. 395 ff. Zur Vorgeschichte J. G. v. Meiern, Acta pacis Westphalicae publica (6 Bde., 
Hannover 1734/36). Eine noch heute brauchbare Übersicht des Inhalts gibt J. S. Pütter, Geist 
des WestphäUschen Friedens (Göttingen 1795). 

Wie die politische, so ist auch die Verfassimgsgeschichte des Reiches seit dem 
Jahre 1555 durch die Tatsache bestimmt worden, daß der Augsburger Rehgionsfiiede 
nicht aus der Überwindung der Gegensätze hervorgegangen war, sondern daß die Par- 
teien ihn aus Erschöpfung und mit dem Vorbehalt geschlossen hatten, späterhin das 
Verlorene wieder zu gewinnen oder das Aufgegebene doch noch zu erobern. Das uni- 
versale Kaisertum freilich, wie es Karl V. noch einmal hatte herstellen wollen, war 
dauernd beseitigt; die kirchliche Emheit, die seine Voraussetzung bildete, war zer- 
stört, auch hatte das Reich rechtlich oder auch nur tatsächlich seine außerdeutschen 
Besitzungen und Rechte aufgegeben, war wu-khch zum „Reich deutscher Nation" ge- 
worden. Der neue rein deutsche und welthch autonome Charakter des Reiches gab 
sich in dem dauernden Verzicht auf die Kaiserkrömmg durch den Papst kund. Trotz- 
dem behielt das Kaisertum eine gewisse Bedeutung für das Reich ; es war wie in den 
Zeiten Friedrichs III. ein wichtiges Attribut der habsburgischen Hausmacht. So wenig 
auch die Nachfolger Karls V. versuchten, eine oberste Gewalt im Reiche über die Terri- 
torien auszuüben, so nutzten sie doch ihre Stellung als Kaiser zugunsten ihi'er Haus- 
macht aus; namentlich die Türkenki'iege gaben häufig Anlaß zu militärischen und fi- 
nanziellen Anforderungen an die Stände, die nicht allein auf dem veifassungsgemäßen 
Wege des Reichstags, sondern auch durch unmittelbare Bitte an den einzelnen Stand 
gestellt wurden. 1) 

Mit dieser Pohtik erzielten die Kaiser lange Zeit gute Erfolge, weil die reichsstän- 
dische Opposition wie in den Jahren von 1529 — 1546 so auch jetzt durch den konfes- 
sionellen Gegensatz gespalten war. Der Augsburger Religionsfrieden setzte der Aus- 
breitung der Konfessionen wohl rechtlich gewisse Schranken, tatsächlich konnte er 
sie natürlich nicht hindern. So drangen trotz dem geisthchen Vorbehalt die Protestan- 
ten zunächst siegreich vor und gewannen die norddeutschen Stifter fast ohne Ausnah- 
me. Seit dem letzten Viertel des 16. Jhs. setzte sich aber der durch die Gegem-eforma- 
tion innerlich erneute Katholizismus zur Wehr und giog bald dazu über, seine Verluste 

1) Vgl. A. H. LoEBL, Eine außerordentUche Reichshilfe und ihre Ergebnisse in reichstags- 
loser Zeit 1592/93 (SBAk. Wien, Bd. 15.3, 1906). 



96 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

wieder einzubringen. Da sich die katholischen Stände dabei auf den Wortlaut der 
Eeichsgesetze berufen konnten, durch ihre Mehrheit zugleich die Organe des Eeichs, 
den Eeichstag und das Reichskammergericht beherrschten und den katholischen Kai- 
ser für sich hatten, blieb den Protestanten zur Verteidigung ihres Besitzstandes nichts 
anderes übrig, als wie in den Zeiten des Schmalkaldischen Bundes die gesamte Reichs- 
verfassung lahmzulegen. Das erkannten namentlich die Pfälzer früh, und sie setzten 
diese Erkenntnis in die Tat um. Zunächst begnügten sie sich damit, die vom Kaiser 
geforderten Türkenhilfen nur bei Entgegenkommen in der religiösen Frage zu bewiUi- 
gen imd die Verbindlichkeit von Mehrheitsbeschlüssen auch in den Steuerfragen zu be- 
streiten; seit 1601 machten sie aber schon jede Rechtsprechung des Kammergerichta 
in den Angelegenheiten der geistlichen Güter unmöghch, und als die Katholiken auf 
dem Regensburger Reichstage des Jahres 1608 die Erneuerung des Rehgionsfriedens 
von der Rückgabe aller seit 1555 in den Besitz von Protestanten übergegangenen geist- 
lichen Güter abhängig machen wollten, sprengten sie den Reichstag xmd schlössen sich 
mit ihren Anhängern in einer „Union" nach der Art des Schmalkaldischen Bundes zu- 
sammen. Durch die im folgenden Jahre erfolgte Gründung eines kathohschen Gegen- 
bundes, der Liga, wurde die konfessioneUe Spaltung im Reiche ganz offenbar. 

So wenig wie unter Karl V. gelang es jetzt, diese Spaltung durch ein Mittel der 
Verfassung zu überbrücken; vielmehr kam es auch jetzt zum Kriege. Der Dreißigjäh- 
rige Krieg büdet, freihch in einem zeitlich wie räumhch sehr viel größeren Rahmen 
und mit sehr viel stärkerer Einmischung fremder Mächte, eine Wiederholung der Ge- 
schichte der Jahre 1546 — 1555. Auch er begann damit, daß der Kaiser mit Hilfe der 
kathohschen Stände die Protestanten besiegte ; und wie damals versuchte der Kaiser 
den Sieg nicht bloß zur Unterdrückung der Protestanten, denen im Restitutionsedikt 
vom 6. März 1629^) die Rückgabe aller seit 1552 eingezogenen geisthchen Güter anbe- 
fohlen wurde, und zur Verhinderung einer Lahmlegung der Reichsverfassung, sondern 
ganz allgemein zur Stärkung der kaiserlichen Stellung gegenüber den Reichsständen 
überhaupt auszunutzen. 

Die kaiserhche Reaktion drückte sich nicht nur in einzelnen Handlungen aus, 
wie in der Umgehung der nach dem Wortlaut der Reichsgesetze und der Wahlkapitu- 
lation erforderlichen Zustimmung der Kurfürsten zur Ächtung des Kurfürsten von der 
Pfalz imd zu der weiteren Ausdehnung des Krieges über die Pfalz hinaus ; sie ging auch 
grundsätzlich auf eine Herabdrückung der Stände aus. Ihnen allen, auch den Katho- 
Hken, sollte eine selbständige Politik für die Zukunft unmöglich gemacht werden ; des- 
halb verbot der Kaiser ihnen mibediagt, Bündnisse untereinander zu schUeßen, und 
bestritt sogar, daß sie ohne seine Genehmigung das „lus armorum", das längst geübte 
Recht, eigene Truppen zu halten, besäßen.^) Noch einmal unternahm es der Kaiser, 
allein das Reich zu repräsentieren, die Reichsstände in die Stellung von Untertanen 
zu versetzen. Er nahm für die von ihm ohne Befragen des Reichstags eingeschlagene 
Politik ihre Mittel an Geld und Mannschaften in Anspruch, er verletzte sogar ihre terri- 
torialen Rechte, indem er ohne Rücksicht auf die landesherrhchen Obrigkeiten wie 
einst Karl V. während des Schmalkaldischen Krieges Gebote und Verbote unmittelbar 
an die landsässigen Ritterschaften und Städte richtete und mit ihnen über die Auf- 
bringung der von dem Landesherm geschuldeten Reichssteuern verhandeln ließ.') 

l)^Gedruokt bei Londorp, Acta publica, Bd. III (Ausgabe von 1668), S. 1048 ff. 

2) Vgl. besonders die kaiserliche Instruktion für Hegemnüller vom 6. Mai 1631 bei Londorp, 
Bd. IV, S. 147ff. 

3) Vgl. den bei J. H. Gebauer, Kurbrandenburg in der Krisis des Jahres 1627 (1896), S. 103 
erwähnten Bericht der brandenburgischen Geheimen Räte über die Verhandlungen eines kaiserl. 
Gesandten mit der Ritterschaft; über Arnims Verhandlungen mit pommerschen Landständen 
vgl. J. 0. Opel, der niedersächs.-dän. Krieg, Bd. III (1894), S. 429; vgl. ferner das kaiserl. Mandat 
vom 24. Juni 1631 bei Londorp, Bd. IV, S. 159. 



Bis zum Westfälischen Frieden 97 

Aber wie 1547 waren auch jetzt die Stände ohne Eücksicht auf den konfessio- 
nellen Gegensatz darin einig, der Gefahr eines kaiserhchen Absolutismus entgegen- 
zutreten. Die Protestanten, die schon im Jahre 1623 im niedersächsischen Kreis die Be- 
hauptung der Neutraütät dm'ch eigene Rüstung versucht hatten, schlössen am 12. (2.) 
April 1631 ein Bündnis zur Verteidigung ihi'es Besitzes; aber auch die katholischen 
Bundesgenossen des Kaisers wendeten sich je länger je mehr gegen dessen Bestrebun- 
gen, die Stände „zu Sklaven zu machen".') Der ßegensburger Kurfüi-stentag des Jah- 
res 1630 bildet den Höhepunkt der kathohschen und kurfürsthchen Opposition gegen 
den Kaiser. Angelehnt an Franki-eich, das auch jetzt wieder die Eeichsstände gegen 
das habsburgische Kaisertum stützte, redete sie dem Kaiser nicht allein in die Leitung 
der auswärtigen Pohtik hinein, sondern sie versuchte ihm auch die freie Verfügung 
über seine im Reiche stehenden Truppen zu entziehen und ihn in der Ernennung des 
Feldherrn und in der Festsetzung der Heeresstärke an die Zustimmung des kurfürst- 
lichen Kollegiums zu binden; indem die Kmfürsten dem Kaiser zugleich die Aufstel- 
lung eines von ihrem Einfluß ganz imabhängigen Heeres ha den Erblanden anheim- 
gaben, wurde der Zwiespalt zwischen Kaiser und Reich wieder scharf betont. 2) 

Die Absetzung WaUensteins war ein deuthch sichtbarer Erfolg dieser Opposition. 
Ihn weiter zu benutzen, wurde dm'ch den Wiederausbruch des Kiieges nach dem Ein- 
greifeia der Schweden zunächst ujimöghch. Die Protestanten schlössen sich den Schwe- 
den an, die Kathohken waren mehr als je zuvor auf ein Zusammengehen mit dem Kai- 
ser angewiesen. So bedeutete der Sieg von Nördhngen abermals einen Sieg des Kai- 
sers nicht bloß über seine Feinde mid deren Verbündete, sondern zugleich über die 
eigenen Bundesgenossen, die Reichsstände. Der Prager Friede vom 80. Mai 1635^) 
versuchte das neu hergestellte Übergewicht des Kaisers gerade in den Fi'agen der 
Reichsverfassung dauernd festzulegen; wälu^end der Kaiser in der Frage des Besitzes 
der geisthchen Güter den Protestanten wenigstens auf die Zeit von vierzig Jahren Zu- 
geständnisse machte, hielt er das für alle Stände erlassene Verbot von Bündnissen imd 
selbständigen Rüstungen uneingeschränkt aufrecht und nahm für den weiteren Ver- 
lauf des Krieges die Verfügung über die gesamten Kräfte des Reiches für sich und sein 
Heer in Anspruch. 

Aber je länger der Krieg dauerte imd je mehr er allgemein em'opäischen Charak- 
ter aimahm, desto tiefer wurde die Ivluft zwischen dem Kaiser und dem Reich. Der 
Reichstag, der vom September 1640 bis zum Oktober 1641 zu Regensbmrg tagte*), 
nahm die Pohtik des Kurfüistentags von 1630 wieder auf, er erneuerte die Beschwerden 
über die Mißachtung, die den Ständen von selten des kaiserhchen Heeres widerfahre, 
über die unerschwinghchen Lasten, die den Ständen, als ob sie „tributarii" wären, auf- 
erlegt wüi'den ; er schlug zm* Abhilfe wiederum vor, das ausschheßlich kaiserHche Heer 
dm-ch die Verwendung bloß reichsdeutscher Offiziere und dm-ch die Bindung des Ober- 
feldherrn an einen aus den Reichskreisen zu bestellenden Kiiegsrat in ein Reichsheer 
umzuwandeln. Und als all diese Wünsche des Reichstags und der Km-füi-stentage 
nichts fi'uchteten, gingen die Stände zur Selbsthilfe über. Wie in den Kämpfen der 
Jahre 1552/54 bildete sich eine dritte Partei aus den Ständen, die keiner der krieg- 
führenden Mächte, weder dem Kaiser, dessen Kiieg auch die kathohschen Stände im- 
mer mehr als einen den Interessen des Reiches fernhegenden „spanischen Partikular- 

1) Aus einem bayrischen Memorandum von 1629 bei M. Doebebl, Bayern und Frankreich. 
Bd. I (1900), S. 21. 

2) Zum Regensburger Kurfürstentag vgl. O. Heyne. Der Kurfürstentag zu Regensburg 
1630 (1866), M. Rittee a. a. O., Bd. III, S. 449ff., femer die Akten bei Londorp, IV, S. 45 ff., 
besonders die kurfürstl. Erklärung vom 16. JuU, S. 52 ff. 

3) Gedruckt bei Londorp, Acta publica, Bd. IV, S. 458ff., auch in der Neuen Sammlung der 
R«ichsabschiede, Bd. III. S. 534 ff. 

4) Die Akten bei Londorp, Bd. IV, S. 863 ff. u. V, S. Iff. 

Grundriß der GeBchichtawiBseiiBchaft II, 4 7 



98 F. Härtung: Deutsche Verfaesungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

krieg" ansahen, noch den verbündeten Schweden und Franzosen folgen wollten, son- 
dern Friede und Euhe ersehnten. Sie lernten allmähhch, daß ohne eigene Truppen die 
Neutrahtät nicht behauptet werden köime. Mit dem Ende der dreißiger Jahre be- 
gannen, zuerst in Niedersachsen, wo sich die Stände schon 1623 die Verwicklung in den 
Krieg nicht ohne Widerstand hatten gefallen lassen, dann auch in Franken, Bayern 
und am Bhein, die Versuche dieser Stände, sich zu förmlichen Verteidigungsbünd- 
nissen zusammenzuschließen und „Defensionen" zum Schutz gegen die dauernden 
Einquartierungen und Geld- und Proviantforderungen der Armeen aufzustellen. Das 
einzelne ist noch nicht genügend erforscht i), aber die Hauptsache ist klar. Der Zweck 
war überall, sich gegen die Hineinziehung in den Krieg zu wehren ; das Mittel war die 
Ki'eisverfassung, weü die Exekutionsordnung von 1555 den Kreisen erlaubte, zm- Er- 
haltung des Landfriedens Truppen aufzustellen und untereinander in Verbindimg zu 
treten, und damit gegenüber den kaiserlichen Warnungen und Verboten von Eüstun- 
gen und Bündnissen eine unanfechtbare Rechtsgrundlage darbot. 

Im Zusammenhang mit diesem Streben nach „Defensionen" in den Kreisen und 
nach „Conjunktion" der Kreise standen die Bemühungen der Stände, für das „Reich" 
bei den Friedensverhandlungen eine besondere Vertretung dui'chzusetzen. In beiden 
Richtungen war Johann Philipp von Schönborn, seit 1642 Bischof von Würzburg, seit 
1647 auch Erzbischof und Kurfürst von Mainz, ihr Führer. Freihch überschätzte er 
die Bedeutung, die seiner friedliebenden „dritten Partei" inmitten der großen Mächte 
zukam. Noch weniger als die Neutralen der Jahre 1552 — 1554 konnte sie das Zünglein 
an der W^age bilden. Ihr fehlte die Macht; und Mangel an Mut, an Opferbereitschaft, 
an gegenseitigem Vertrauen brachte auch die schwachen Anfänge von Defensionen 
zum Scheitern. So gewann diese Gruppe weder auf den Verlauf des Krieges noch auf 
die Friedensverhandlungen Einfluß; gerade ihr ist vielmehr die Zahlung der für die 
„Satisfaktion" der schwedischen Soldaten bestimmten Gelder aufgelegt worden. 

Aber nicht nur die einzelnen Stände, auch das Reich als Gesamtheit hatte beim 
Abschluß des Friedens unter seiner militärischen und pohtischen Ohnmacht zu leiden. 
Während es 1552 und 1555 gelungen war, den Einfluß fremder Mächte von den Frie- 
densverhandlungen fernzuhalten, und die Ordnungen des Augsburger Reichstags allein 
dem freien Entschluß der deutschen Stände und des Königs Ferdinand entsprungen 
waren, war das Reich als Ganzes bei den Beratungen zu Münster und Osnabrück über- 
haupt nicht vertreten und nahm auch am Friedensschluß nicht teil. Das Schicksal 
Deutschlands wurde vielmehr durch die großen Mächte, Frankreich und Schweden, 
■ bestimmt. Deshalb bedeutete der WestfäHsche Friede vom 24. Oktober 1648 vor allem 
^ eine Schwächung des Kaisertums. Um die Habsburger zu verhindern, auch in Zu- 
kunft die Mittel des Reiches und der einzelnen Reichsstände zugunsten ihrer Haus- 
macht zu verwenden, wurde der Kaiser in aUen Angelegenheiten des Reiches, in der 
Gesetzgebung, in der Kriegführung und allem, was mit dem Heerwesen zusammenhing, 
imd im Abschluß von Friedens- und Bündnisverträgen an die Zustimmung des Reichs- 
tags gebunden. Und damit diese Bestimmung nicht bloß auf dem Papier stehe, son- 
dern eine kraftvolle Opposition gegen den Kaiser möglich sei, wurde die Libertät der 
Reichsstände, die schon 1555 die eigentlichen Sieger gewesen waren, noch einmal ver- 
stärkt. Ihre Staatsgewalt gegenüber ihren Untertanen, ihr „ius territoriale" oder wie 
der französische Text sagte, ihr „droit de souverainete" wurde unbeschränkt aner- 
kannt, aber auch nach oben hin, gegen Kaiser imd Reich wurden sie fast imabhängig, 
indem ihnen das bisher vom Kaiser bestrittene Bündnisrecht mit alleiniger Ausnahme 

1) W. Langenbeck, Die Politik des Hauses Braunschweig-Lüneburg in den Jahren 1640 
und 1641 (1904). Für Süddeutsohland G. Mentz, Johann Philipp v. Schönbom, Kurfürst von Mainz, 
Bd. I (1896), S. 24 ff. und C. Wild, Johann Philipp v. Schönbom (1896), S. SOff. 



Die Zeit der Assoziationen 99 

der förmlich gegen Kaiser und Eeich gerichteten Bündnisse gewährt wurde. In bezug 
auf die Eeichsverfassung dagegen war der Friede im wesenthchen negativ. Er heß 
zwar das Eeich imd seine Verfassung m den Grundzügen unverändert, das Wahlkaiser- 
tum, die Kurfürsten, deren Zahl auf acht erhöht wurde, um dem Pfalzgrafen einen Er- 
satz für die an Bayern übertragene altpfälzische Km- zu geben, den Eeichstag. Aber 
die Schwächen der Eeichsverfassung wurden nicht gehoben. Die längst notwendigen, 
aber bei dem Mangel einer die Einzelwillen der Territorien zwingenden Gewalt stets 
gescheiterten Eeformen der Eeichsmatrikel, des Eeichsjustizwesens, der Kreisverfas- 
sung, die Entscheidung der Frage nach der Verbindhchkeit von Mehrheitsbeschlüssen 
des Eeichstags wurde dem nächsten Eeichstage zugewiesen. Nur eine Frage wurde 
durch den Frieden selbst gelöst, die rehgiöse. Die Idee der Protestation von 1529 siegte, 
Kathohken und Protestanten woirden als gleichberechtigt anerkannt, und jede Uber- 
stimmung der einen Eehgionspartei durch die andere auf dem Eeichstage wurde da- 
dm-ch unmögüch gemacht, daß in aUen die Eehgion berührenden Fragen der Eeichstag 
in zwei Kurien, das Corpus Cathohcorum und^das Corpus Evangelicorum, auseiuan- 
dertreten und zwischen diesen nur die güthche Vereinbarung zulässig sein solle. 

§ 29. Die Zeit der Assoziationen 

Allgemeine Literatur: B. EKDMAimsDöBFrEB, Deutsche G. 1648—1740 (1892/93). K. Kob- 
MANN, Die Landeshoheit in ihrem Verhältnis zur Reichsgewalt im alten deutschen Reich seit dem 
Westfälischen Frieden (Z. f. Politik, Bd. VII, 1914). O. Weber, Deutsche G. vom westfälischen 
Frieden biszumUntergangdesaltenReiches(1913). Biedermann, Perthes, WENCKs.obenS.80u.89. 

Zur Staatstheorie: L. Hugo, De statu regionum Germaniae (Helmstädt 1661). Hippolithus 
A LAPmE. Dissertatio de ratione status in imperio nostro Romano-Giermanico (1. Ausg. 1640; vgl. 
über ihn F. Weber, HZ., Bd. XXIX, 1873). SsvEEnnis de Monzambano {= Samuel v. Puten- 
dorf). De statu imperii Germanici (1. Ausg. Genevae 1667, beste Ausgabe von F. Salomon, 1910; 
hier auch Angaben über die Literatur). 

Zur Geschichte der Bündnisse und der Assoziationen: R. Fester, Die Augsburger Allianz 
von 1686 (1893). E. Joachim, Die Entwicklung des Rheinbundes vom Jahr 1658, acht Jahre reichs- 
ständischer PoUtik 1651 — 1658 (1886). A. Köcher, G. von Hannover und Braunschweig 1648— 1714 
(2 Bde. bis 1674, 1884/95). J. A. Kopp, Gründliche Abh. von der Association derer vordem Reichs- 
Crayße (Frankfurt 1739). 

Zxir Reichskriegsverfassung: P. Derb, Zur G. der Reichskriegsveriassung und der Laxenburger 
Allianz (Erlanger Diss. 1901, Teüdruck). R. Fester, Die armierten Stände und die Reichskriegs- 
verfassung 1681—1697 (Straßburger Diss. 1886). M. Jahns, Zur G. der Kriegsverfassung des deut- 
schen Reichs (PrJbb., Bd. 39, 1877). A. Schitlte, Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden und der 
Reichskrieg gegen Frankreich 1693 — 1697 (2 Bde., 1892). H. Weigel, Die Kriegsverfassung des 
alten deutschen Reichs von der Wormser Matrikel bis zur Auflösung (Erlanger jur. Diss. 1912). 

Zum Fürstenbund: Über die offizielle und private Publizistik vgl. J. C. Retjss, Teutsche 
Staatskanzley, Bd. XII — XTV, 1786. Darstellungen: P. Bailletj, Der Ursprung des deutschen 
Fürstenbundes (BZ., Bd. 41, 1879); Kari August, Goethe und der Fürstenbund (ebd. Bd. 73, 1894). 
B. Erdmannsdörffer, Aus den Zeiten des deutschen Fürstenbundes (Akad. Rede Heidelberg 1885). 
L. V. Rankb, Die deutschen Mächte und der Fürstenbund, Deutsche G. von 1780 — 1790 (2 Bde., 
1871/72, = SW., Bd. 31 u. 32). W. A. Schmidt, G. der preußisch - deutschen ünionsbestrebungen 
seit der Zeit Friedrichs d. Großen (1851); Preußens deutsche Politik 1785, 1806, 1849, 1866 (1. Aufl. 
1850, 3. Aufl. 1867). 

So wenig wie das Zeitalter der Eeichsreform hatte der Westfähsche Friede das 
Problem gelöst, vor das die Eeichsverfassung seit dem Aufkommen der Territorien ge- 
stellt war, emen Ausgleich zwischen ihrer tatsächlichen Bedeutung imd ihrer recht- 
lichen Stellung im Eeiche zu schaffen. Er zerstörte bloß, aber er schuf keine Grund- 
lagen für ein gedeihhches Zusaromenleben von Kaiser und Eeich, ja er übertrieb den 
Gedanken der Libertät so sehr, daß selbst das Eeich, die Gesamtheit der Stände für 
sich, keine befiiedigende Verfassung mehr schaffen koimte. Schon war es mit dem Eei- 
che so weit gekommen, daß es allen staatsrechtlichen Theorien Hohn sprach. Daß die 
aristotelischen Kategorien der Monarchie, Aristoki-atie und Demokratie nicht auf das 
Eeich anwendbar seien, das wies mit überlegenem Spott Samuel Pufendorf in seinem 
Monzambano nach ; aber sein Ergebnis war bloß negativ, eine Widerlegung der alten 

7* 



100 5". Härtung: Deutsche Verfassmigsgeschiclite vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Theorien, nicht die Begründung einer haltbaren neuen, und auch für die praktische 
Politik war sein Buch unfruchtbar, wußte nichts anderes vorzuschlagen, als abzuwar- 
ten, bis das Haus Habsburg aussterbe. Die feinen Gedanken Ludolf Hugos von einem 
zusammengesetzten Staatswesen bheben unbeachtet; Pütter^) scheint sie zwar ge- 
kannt zu haben oder durch eigene Arbeit auf ähnliche Ideen geführt worden zu sein, 
aber er wußte damit nichts Eechtes anzufangen. 

Aber bedenklicher als die Tatsache, daß die Theorie mit dem ledighch historisch 
erklärbaren ,, monströsen" Gebilde des Reichs nichts anzufangen wußte, war die Le- 
bensunfähigkeit der Reichsverfassung. Ihre Entwicklung ist mit dem Jahre 1648 be- 
endet. Der durch den Westfälischen Frieden vorgeschriebene Reichstag, der mit der 
üblichen Verspätung nach Regensburg berufen und am 17. Mai 1654 mit dem „jüng- 
sten Reichsabschied" ^) geschlossen wurde, schuf zwar noch manches für die Reichs- 
justiz und das Gerichtsverfahren überhaupt Wichtige, vermochte aber die ihm zuge- 
wiesenen großen Aufgaben (s. S. 99) nicht zu lösen. Wemi der nächste Reichstag, 
1663 ebenfalls zu Regensburg eröffnet, überhaupt nicht mehr verabschiedet werden 
konnte, sondern als „ewiger Reichstag" bis zum Zusammenbruch des Reiches tagte, 
so liegt das zwar nicht allein an seiner Unfähigkeit und Unfruchtbarkeit, sondern ist 
zugleich ein Zeichen der seit dem Dreißigjährigen Kiieg gesteigerten Bedeutung der 
Reichsstände, die, gewarnt durch die Erfahrungen der Kriegszeit, nun einen dauernden 
Einfluß auf die Reichspolitik des Kaisers ausüben, sie zum mindesten dauernd kontrol- 
lieren wollten. Aber eine Belebung des Reiches ging vom Reichstage nicht mehr aus, 
seine schwerfälhge Verfassung ermöglichte es selbst wenigen machtlosen Ständen, je- 
den ihnen nicht genehmen Beschluß, z. B. die Anerkennung der für Hannover ge- 
schaffenen neunten Kur, lange Zeit oder auch wie die Abfassung einer beständigen 
Wahlkapitulation dauernd zu verhindern. So vertrödelte der Reichstag seine Zeit, 
von wenigen Leistungen wie der Ordnung des Zimftwesens im Jahre 1731 abgesehen, 
nutzlos und wurde allmählich zum Gespött. Auch das_Kammergericht war aus Mangel 
an Beisitzern und wegen der Umständlichkeit des Verfahrens seiner Aufgabe immer 
weniger gewachsen imd verknöcherte langsam. Daß beide sich trotzdem bis ins Jahr 
1806 hielten, ist kein Zeichen von Lebenskraft, sondern von der Unfähigkeit, Abge- 
storbenes zu beseitigen und durch Neues zu ersetzen. Deshalb pflegt sich die geschicht- 
liche Betrachtung dieser letzten anderthalb Jahrhunderte der deutschen Reichsge- 
schichte auf die mehr oder minder ausführhche Erzählung der humoristischen Züge 
des Erstarrungsprozesses zu beschränken und sich im übrigen vom Reiche hinweg zu 
den einzelnen Staaten, zumal Österreich und Preußen, zu wenden. Und gewiß ist deren 
Geschichte interessanter, lebendiger und für die Entwicklung Deutschlands wichtiger ; 
sie bildet gegenüber dem Absterben der Reichsverfassimg das bewegende Element. 

Trotzdem kann auch für die Zeit nach 1648 noch von einer gewissen Weiterbil- 
dimg der Reichsverfassung gesprochen werden. Nur muß man sich dabei bewußt blei- 
ben, daß diese Entwicklung sich nicht an dem monströsen Gesamtkörper des Reiches 
vollzog, sondern nur an den Teilen, die nicht wie das habsburgische Kaisertum mit der 
territorialen Grundlage in Österreich, wie Brandenburg-Preußen, Hannover-England 
und Sachsen-Polen als selbständige europäische Mächte aus dem Reiche herausgewach- 
sen waren. Vielmehr beruht sie ausschheßhch auf den mittleren und kleinen geisthchen 
und weltUchen Fürstentümern, wie sie zumal im Süden und Westen des Reiches lagen, 
also auf dem Gebiet, das man im 18. Jh. deshalb kurzweg als das „Reich" bezeich- 



1) Hist. Entwicklung der heutigen Staatsverfassung des Teutschen Reiches, Bd. II (3. Aufl. 
1799), S. 159f. 

2) Vollständig in der Neuen Sammlung der Reichsabschiede, Bd. III, S. 640ff.; im Auszug 
bei Zeitmer, Quellensammlung', Nr. 200, S. 446ff. 



Die Zeit der Assoziationen 101 

nete, während der anspruchsvollere Partikularismus des 19. Jhs. die Bezeichnung 
„das reine Deutschland" anzuwenden hebte. 

Daß diese Stände am Eeiche festhielten, erklärt sich aus ihrer geringen staat- 
lichen Ent'wicklung. Nicht bloß für die Kiufürsten am Ehein mit ihrem lächerhchen 
Mißverhältnis von Anspruch und Macht galt es, daß sie ohne das Eeich nichts bedeu- 
teten^), auch all den andern Staaten und Stätchen fehlten die Mittel, um sich trotz 
den ausgedehnten Hoheitsrechten, die ihnen der Westfähsche Friede zuerkannte, neben 
den großen Militärmächten behaupten zu können. Sie alle waren darauf angewiesen 
nicht allein, daß das Eeich als die Grundlage ihrer eigenen Existenz bestehen blieb, 
sondern auch, daß ihnen ein gi-ößerer Verband Schutz gegen die vom Ausland drohen- 
den Gefahren gewählte. Daraus entstand die letzte Belebung der Eeichsverfassimg, 
der Versuch, auf dem Wege der Sonderbündnisse dem Eeiche die Leistimgsfähigkeit 
zu geben, an der die eigentlichen Eeichsorgane sich vergebUch abmühten; der födera- 
tive Gedanke wm'de der Träger des Eeiches. Er bedeutet fi-eilich nicht schlechthin 
etwas Neues.-) Seit dem Interregnum, seit dem Eheinischen Bund von 1254 hatten 
die deutschen Eeichsstände immer wieder den Weg des zeithch und örtlich begi-enzten 
Bündnisses, der Einung in der Sprache der Zeit, betreten, um in ihrem engeren Ki-eise 
die Aufgaben zu erfüllen, die allgemein zu lösen Kaiser und Eeichstag nicht imstande 
waren ; namenthch die Wahnmg des Landfriedens hatte fast das ganze 14. und 15. Jh. 
auf solchen Einungen beruht. Dann hatte die Eeichsreformbewegung versucht, eine 
allgemeine Eeichseinimg zu schaffen und auf ihr- die neue Eeichsgewalt aufzubauen. 
Sie war damit gescheitert, weil sie ihr Ziel zu hoch gesteckt hatte und selbst den König 
sich imterordnen wollte, aber auch, weil die Einsieht in die Notwendigkeit einer allge- 
meinen Organisation noch fehlte. UnterdemEindruckder wüsten Kiiege von 1552 — 1554 
war es dann auf dem Augsburger Eeichstag 1555 geglückt, die auf dem Einungs- 
gedanken sich aufbauende Exekutionsordnung als Eeichsgesetz einzuführen, aber 
der rehgiöse Hader ließ sie in den folgenden Jahrzehnten nicht recht Wiu-zel fassen, 
und in der Form des konfessionellen Bimdes und Gegenbundes wui-de das Einungs- 
wesen sogar zu einer Gefahr füi- die Eeichseinheit. Erst die gemeinsame Not des Dreißig- 
jährigen Krieges führte KathoHken und Protestanten wieder zusammen, erweckte die 
Idee des gemeinsamen Schutzes von neuem. 

An die oben kurz gestreiften Bestrebungen nach Kreisdefensionen und -bünd- 
nissen knüpfte die Entwicklung des Bündniswesens nach 1648 an. Der Westfähsche 
Friede machte Anstalten zu gemeinsamer Verteidigimg keineswegs überflüssig, denn 
außer der allgemeinen Gefahr, daß der Kaiser sich imd das Eeich doch noch einmal 
in den spanisch-französischen Krieg verwickle, gab es noch mehrere lokale Unruhen. 
Das rief zu Beginn der fünfziger Jahre allerhand Pläne zu Verteidigimgsbündnissen 
hervor; sie hatten ihre Mittelpunkte im niedersächsischen Kreis, wo die Weifen sich 
eine Machtstellimg schaffen wollten, und am Ehein, der dem Kriegsschauplatz am 
nächsten lag. Freilich hatten alle Projekte und Beschlüsse auch jetzt kein praktisches 
Ergebnis, da die Stände immer noch darauf ausgingen, eine selbständige, wenn nicht 
gar entscheidende EoUe zwischen Frankreich und dem Hause Habsburg zu spielen. 
Dazu waren sie selbst mit Km-brandenbm-g, dem Georg Friedrich v. Waldeck in seinem 
berühmten Unionsplan vom 31. Dezember 1653 (a. St.)^) die Fükrung übertragen 
wollte, zu schwach. Sie konnten nicht über den Parteien stehen, sondern mußten zwi- 

1) Vgl. die hübsche Anekdote bei Pctendokf, De statu imperii (ed. posthuma, Kap. VII 
§ 6; S. 139, Z. 38ff. der Ausgabe von F. Salomox). 

2) Zu diesen Bemerkungen über das Einungswesen vgl. O. Gieeke, Genossenschaftsrecht, 
Bd. I (1868). S. 501 ff. und R. Fester, Franken und die Kreisverfassung (1906), S. 9ff. 

3) Gedruckt in den Urkunden und Aktenstücken z. G. des Kurfürsten Friedrich Wilhelm 
von Brandenburg, Bd. VI, S. 488 ff. 



102 F- Härtung: Deutsche VerfasBungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

sehen ihnen wählen. Daß sie sich für Prankreich entschieden und am 14. August 1658 
den ersten Kheinbund^) abschlössen, das erklärt sich nicht bloß aus der Geschichte, 
der altgewohnten Verbindung der reichsständischen Partei mit Frankreich, sondern 
auch aus den Machtverhältnissen ; noch immer erschien die habsburgische Macht als 
die größere Gefahr für die deutsche Libertät. Trotz diesem Bündnis hielten die Stände 
aber am Reiche unbedingt fest; wenn sie gleichzeitig mit dem Abschluß des Rhein- 
bundes gegen Mazarins ausgesprochenen Willen den Habsburger Leopold I. zum Kai- 
ser wählten, so beweist das ihre Abneigimg gegen jede Erschütterung der Zustände im 
Reiche, eine bewußte Wahrung der Kontinuität. 

Eine besondere Bedeutung für die Reichsgeschichte vermochte der Rheinbund, 
dem die drei geisthchen Kurfürsten, Schweden mit dem durch den nordischen Krieg 
nicht berührten Teil seiner deutschen Besitzungen, Pfalz-Neuburg (zugleich im Besitz 
von Jühch und Berg), die weifischen Herzöge und Hessen-Kassel angehörten und spä- 
ter noch andere Fürsten, darunter der Km-fürst von Brandenburg beitraten, nicht zu 
erlangen. Er trat zwar bei der Türkenhilfe des Jahres 1664 geschlossen auf und doku- 
mentierte so recht sinnfällig den Gegensatz zwischen einem TeU der Reichsstände und 
dem Kaiser, aber als ein Verband zum Schutz der Libertät der Stände gegen den Kai- 
ser und der Neutralität des Reichs gegenüber Franki-eich war er überflüssig, da sich 
der Kaiser in seiner Reichspohtik und das Haus Habsburg in seiner Politik gegen Frank- 
reich dauernd defensiv verhielten. Zm Förderung der französischen Literessen im 
Reiche waren die Stände des Rheinbundes nicht zu haben; als Frankreich seit der Mitte 
der sechziger Jahre zur Offensive überging, da löste sich der Rheinbund auf und hörte 
— von einzelnen, teils aus französischen Pensionszahlungen, teils aus besonderen terri- 
torialen Rücksichten erklärhchen Verbindungen deutscher Fürsten mit Frankreich 
abgesehen — ■ überhaupt die AUianz der Reichsstände mit Frankreich auf. Daraus 
schöpfte Johann Philipp v. Mainz noch einmal die Hoffnung auf ein zwischen den 
Mächten stehendes neutrales Bündnis der deutschen Stände. Aus diesen Ideen ging 
1670 Leibnizens berühmtes Gutachten über die Erhaltung der Sicherheit des Reiches 
hervor.') Was Leibniz sagte, namenthch über die Notwendigkeit eines stehenden Hee- 
res und dessen finanzieller Sicherstellung traf durchaus den Kern der Sache, aber auch 
jetzt fehlte die Macht, um den Zwang auf die Stände auszuüben, ohne den sie nicht 
unter einen Hut zu bringen waren. Der bald darauf ausbrechende Krieg zwischen 
Frankreich und dem Kaiser zerstörte auf lange Zeit hinaus die Möghchkeit einer neu- 
tralen dritten Partei, zwang die Stände -vielmehr zum engen Anschluß an den Kaiser, 
zum Reichskrieg gegen Frankreich. 

Die rechtliche Stellung der Stände bei diesem Reichskrieg war der Entwicklung 
der Reichsverfassung in den letzten Jahrzehnten entsprechend sehr viel günstiger als 
während des Dreißigjährigen Krieges; der Kaiser mußte ihnen sowohl das Recht, 
eigene Truppen zu halten, zugestehen, wie auch ihren Anspruch auf Anteil an den Frie- 
densverhandlungen anerkennen. Der Verlauf des Krieges aber bewies die Nutzlosig- 
keit von Ansprüchen, hinter denen keine ausreichende Macht steht. Nicht nur von der 
hohen Pohtik wurden die Stände ausgeschlossen, wie denn auch der Friede allein vom 
Kaiser geschlossen wurde, sondern die schwächeren Stände, die im Gegensatz zu den 
mi t eigenen Truppen auftretenden „armierten" Ständen als die „nicht armierten" be- 
zeichnet wm-den, hatten sogar ähnliche Lasten für Quartiere und Verpflegung der 

1) Der Bündnisvertrag der deutsehen Stände unter sich vom 14. August 1658 ist gedruckt 
u. a. bei Londokp, Bd. VIII, S. 417ff. ; der Vertrag mit Frankreich vom 15. August ebenda, ferner bei 
H. Vast, Les grands traites du regne de Louis XIV. (Paris 1893), 1. TeU, S. 72ff. 

2) „Weichergestalt seciu'itas publica interna et externa und Status praesens im Reich jetzigen 
Um bständen nach auf festen Fuß zu stellen" (abgedruckt in den Werken, hersg. vonO. Klopp, 1. Reihe, 
Hist.-poUt. u. staatswiss. Schriften, Bd. I, 1864, S. 179ff.). 



Die Zeit der Aasoziationen 103 

fremden Truppen zu übernehmen wie während des Dreißigjährigen Krieges. Diese Er- 
fahrimgen gaben den entscheidenden Anstoß zur letzten großen Eeform im Rsiche, zu 
der Reichskriegsverfassung vom Jahre 1681.^) 

Ihr leitender Gedanke ist es, das gesamte Mihtärwesen der freien Verfügung des 
Kaisers und der Willkür der armierten Stände zu entziehen und es in die Hände des 
ganzen Reichs zu bringen. Sie verzichtet dabei in richtiger Erkenntnis der Unbeholfen- 
heit des Reiches auf die Aufstellung einer einheithchen Reichsarmee, sucht aber an- 
dererseits die Mängel, die mit der Überlassung der Werbung, Ausbildung und Ver- 
pflegung der Truppen an die einzelnen Stände verbunden zu sein pflegten, dadurch zu 
vermeiden, daß sie die Reichskreise zu Trägern der Organisation macht. Als „Sim- 
plum", als die einfache Stärke des Reichsheers wurden 40 000 Mann, darunter 12 000 
Berittene festgesetzt; wieviel davon auf jeden einzelnen Kreis entfiel, war genau be- 
stimmt, alles weitere aber wurde den Kreisen anheimgestellt. 

Im voUen Umfange war diese Kriegsverfassvmg mcht durchführbar. Denn vom 
Kaiser, als dem Besitzer des österreichischen Kreises, und von dem bm-gundischen 
I\jeis, den spanischen Niederlanden, auf die fast ein Drittel des Heeres entfiel, konnte 
nicht erwartet werden, daß sie sich in eine Reichsorgaiüsation einfügten. Aber auch 
die andern großen Mächte im Reiche, wie Brandenburg, deren Gebiet sich über meh- 
rere Kreise erstreckte, waren nicht mehr dahin zu bringen, daß sie ihre selbständigen 
Heere auflösten und in einzelnen Kontingenten zu den Kreistruppen stellten. So wurde 
die^Reichskriegsverfassung ledigüch die militärische Organisation der kleineren Reichs- 
stände, des „Reiches" im engsten Sinn. Für diese war sie der Abschluß der Bündnis- 
pläne, mit denen sie sich seit den dreißiger Jahren getragen hatten. Auf dem Boden 
der Reichsverfassung, in den Kreisen, hatten diese Stände nunmehr den lange gesuch- 
ten Verband gefunden, der ihre vereinzelt zu geringen lüäfte zu gemeinsamem Schutz 
vereinigte. Damit rückt die Kreisverfassung in den Mittelpimkt der Reichsverfassungs- 
geschichte jener Zeit. 

Die Kjeisverfassung'), die Vereinigung einer Gruppe von landschaftlich zusammengehörigen 
Reichsständen zur Durchführung von Aufgaben, die das Reich aus Mangel an einer eigenen Ver- 
waltungsorganisation, der einzelne Stand aus Mangel an Macht nicht übernehmen konnte, ist nur 
eine besondere Form des Einungswesens, wie es im Reiche seit dem Interregnum herrschte, ein Ver- 
such, die Sonderbünde organisch in das Reich einzugliedern. Ihre wichtigste Grundlage sind Land- 
friedensbündnisse, wie sie im 14. \ind beginnenden 15. Jh. fast in allen Landschaften mit oder ohne 
Zuziehung des Kaisers geschlossen wurden; an diese knüpften auch die ersten Versuche an, durch 
Reichsgesetz eine Kreisverfassung zur Handhabung des Landfriedens zu schaffen (1383, 1415, 1438). 
Die Reichsreform, beherrscht von dem Gedanken der allgemeinen Reichseinung, der einheitlichen 
Reichsregierung, lehnte es wohl bewußt ab, derartige Teil Organisationen zu errichten. Denn die 
sechs Kreise (Franken, Bayern, Schwaben, Oberrhein, Westfalen, Niedersachsen), die durch die 
Regimentsordnung von 1500 (s. oben S. 11) gebildet wurden, hatten überhaupt keine Aufgabe, 
sie waren bloß geographische Bezirke, aus denen ein TeU der Regimentsräte ernannt werden sollte; 
erst 1507 wurde den Ständen der Kreise das Recht verliehen, die Beisitzer des Kammergerichts 
zu wählen. Maximilians Versuch vom Jahre 1512 (oben S. 12), die Kreise zu Trägem der Exeku- 
tive des Landfriedens zu machen, scheiterte an der Abneigung der Stände, auf dem Umwege des 
Landfriedens und der Kreis Verfassung die auswärtige Politik Maximilians zu unterstützen; seine 
einzige bleibende Folge war, daß auch die 1500 nicht in die Kreis Verfassung einbezogenen Gebiete der 
Habsburger und der Kurfürsten nunmehr in vier Kreise, den österreichischen, burgundischen, 
kurrheinischen und obersächsischen, eingeteilt wurden. Von den Ländern, die auch jetzt noch außer- 
halb der Kreiseinteilung standen, z. B. außer Italien, der Schweiz, Schlesien, Böhmen, Preußen, 
kann man sagen, daß sie am deutschen Staatsleben keinen Anteil mehr hatten. Das Mißtrauen 
gegen den Kaiser verhinderte auch nach Maximilians Tode lange Zeit eine Ausgestaltung der Kreis- 
verfassung; nur in einzelnen Fällen wurde den Kreisen die Ausrüstung von Türkenhilfen (1530, 
1532, 1542) übertragen. Erst nach der Niederlage Karls V. und nach den Wirren der Jahre 1653/54, 
die die Notwendigkeit einer festen Ordnung bewiesen hatten, gelang es auf dem Augsburger Reichs- 

1) Ein genaues Datum kann eigenthch nicht angegeben werden, denn das oft genannte Reichs- 
gutachten vom 30. August 1681 (Pachner v. Eogenstobff, Bd. II, S.325) bildet nur das letzte Glied 
einer großen Zahl von Gutachten über den ,, punctum securitatis pubHcae". 

2) Literatur vgl. oben S. 3. 



104: F. Hartang: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

tag des Jahres 1555, in der Exekutionsordnung die Kreise mit der Wahrung des Landfriedens zu 
betrauen (oben S. 15f.). 

Damit begann das selbständige Leben der Kreise; weitere Aufgaben, z. B. die Aufsicht über 
das Münzwesen, wurden ihnen bald durch das Reich zugewiesen, andere, wie die Aufsicht über das 
Wirtschaftsleben und die Durchführung der Poüzeiordnungen, übernahmen sie aus eigener Initia- 
tive. Wie sie sich im einzelnen damit abgefunden haben, ist noch nicht erforscht; so kann über die 
Bedeutung der Kreise für die landschaftliche Geschichte noch nichts gesagt werden. Aber das kann 
von den Kreisen der Jahre 1555 — 1681 behauptet werden, daß ihre Bedeutung über den Bezirk 
ihrer Landschaften nicht hinausgeht; nur gelegentlich spielten sie eine Rolle in der allgemeinen 
deutschen Geschichte, in den Jahren nach 1594, wo sie dem Kaiser in Geld und Mannschaften viele 
TürkenhiUen leisteten, dann vereinzelt während des Dreißigjährigen Krieges. 

Die Organisation der Kreise war der des Reiches nachgebildet. Das Organ des Kreises war der 
Kreistag, eine dem Reichstag entsprechende Versammlung von Gesandten aller Kreisstände; er 
unterschied sich vom Reichstag dadurch, daß auch die kleinen Herrschaften, die Grafen, Herren 
und Reichsstädte, je eine eigene Stimme hatten, femer daß die Gültigkeit der Mehrheitsbeschlüsse 
unbedingt feststand. Der oder die (meist zwei) kreisausschreibenden Fürsten führten die gesamte 
Korrespondenz und beriefen auch die Kreistage, waren aber ebensowenig eine Obrigkeit für die 
Kreisstände wie der Kreisoberst, der für die Erhaltung des Landfriedens und für die Verfolgung 
aller Eriedensbrecher zu sorgen hatte. 

In dem Wesen der Kreisverfassung als einer Verbindung vieler einzelner Stände 
zu einer Einheit lag es begründet, daß sie nur dort Leben gewonnen hatte, wo kein 
übermächtiger Stand war, der die den Kreisen gestellten Aufgaben selbst durchführen 
konnte imd in der Verbindung mit den kleineren Ständen nur eine Hemmung empfand. 
Nur in den „vorderen Eeichskreisen" hatte sich die Kreisverfassung entwickelt; in 
ihnen aber nahm sie jetzt durch die Eeichskriegsverfassung einen großen Aufschwung. 

Die Mängel der Eeichsverfassung waren treilich auch in dem engeren Kahmen 
der Kreise nicht ganz zu überwinden. Die allzu ausgedehnte Libertät, die den Reichs- 
tag lähmte, machte sich auch auf den Ivreistagen fühlbar. Der schon von Leibniz ge- 
machte Vorschlag, daß die kleineren und kleinsten Kreisstände die nach der Matrikel 
auf sie entfallenden Truppen nicht selbst stehen, sondern durch eine Zahlung an den 
Kreis ablösen sollten, wurde nicht ausgeführt ; so kamen im schwäbischen Kreise selbst 
Kontingente von 1% Infanteristen vor. Und dann htt die Politik der Kreise unter 
dem Vorwiegen kleinstaathcher Gesichtspunkte, dem fast allgemeinen Mangel an Ver- 
ständnis für das Wesen der Macht, für die Notwendigkeit militärischer Anstrengungen. 
Für den „miles perpetuus" waren die Kreise nicht zu haben; darum war die West-' 
grenze des Reiches wehrlos, als 1688 Ludwig XIV. wieder den Krieg begann, und aber- 
mals mußten die Armierten helfen. Aber die Kreise hatten davon mehr Lasten als Vor- 
teile. So hat dann die Not der Ki'iegszeit mehr als alle Reichsschlüsse dahin geführt, 
daß die Reichskriegsverfassung in den vorderen Reichskreisen Boden gewann; mit 
schwäbischen und fränkischen Ivreistruppen verteidigte Markgraf Ludwig Wilhelm 
von Baden, der Türkenlouis, jahrelang die Rheinlinie. Nochmals versuchten die Kreise, 
das ganze Reich in die Kriegsverfassung hineinzuzwingen ; erst als sie auch dieses Mal 
gescheitert waren, entschlossen sie sich, ein besonderes Bündnis, eine ,, Assoziation" 
zu schheßen, um nicht nm- während des Krieges zusammenzustehen, sondern auch 
nachher gemeinsam ihre Truppen unter den Waffen zu halten, kurz um während und 
nach dem Kriege es den großen Militärmächten gleich zu tun. 

Die Assoziation, die am 23. Januar 1697 zu Frankfurt von dem kurrheinischen, 
fränkischen, bayrischen, schwäbischen und westfäUschen Kreise abgeschlossen i) und 
zu Begiim des spanischen Erbfolgekriegs erneuert worden ist, war natürhch nicht im- 
stande, irgendwelchen Einfluß auf die hohe Politik auszuüben. Der Ryswicker Friede 
nahm auf sie keine Rücksicht, Straßburg bheb französisch, damit war der Südwesten 
des Reiches dauernd gefährdet. Aber sie war auch nicht in der Lage, den Geist der 
Kleinstaaterei zu überwinden, ihren Entschluß, daß „tempore pacis contra quosvis 

1) Der Vertrag ist oft gedruckt worden, z. B. bei Kopp a. a. O., Beilage XVII, S. 74ff., femer 
bei F. C. Moser, Abschiede des fränk. Kreises, Bd. II, S. 883ff. 



Die Zeit der Assoziationen 105 

turbatores et contraventores ein miles perpetuus . . . formiret" werde, genügend durch- 
zuführen. Es wui-de doch wieder abgerüstet. Auch ihr rein defensiver Charakter war 
ein Zeichen von Schwäche, so notwendig er auch war; es steckte kein staathcher Ehr- 
geiz, kein Machtgedanke hinter ihr. Jeder Vergleich mit den großen Staaten muß not- 
wendig zuungimsten der Assoziation ausfallen, die nur ein Notbehelf sein konnte. 
Und als solcher leistete sie dem Reiche gute Dienste. Sie deckte mit ihren Truppen 
während des spanischen Erbfolgekiiegs die Eheiohnie, sie übernahm nach 1714 die Be- 
setzung der Eeichsfestungen Kehl und Philippsburg, sie trat damit überhaupt an die 
Stelle des Eeichs, sie hielt den Eeichsgedanken aufrecht, im Gegensatz zum Kaiser und 
den großen Ständen, die nur ihre Sonderinteressen verfolgten und in den gemeinsamen 
Aufgaben des Eeichs versagten. 

Haltbar war aber diese Assoziation nur, solange die verhältnismäßig einfache 
poHtische Lage bheb, wie sie seit 1673 bestand, die gemeinsame Gegnerschaft von Kai- 
ser, Armierten und Kreisen gegen die bedrohliche Übermacht Frankreichs. Schon das 
Nachlassen des von Franki'eich ausgegangenen Drucks nach 1715 lockerte das Gefüge, 
fühi-te zu einem Verfall der militärischen Einrichtungen. Der „mües perpetuus", das 
stehende Heer wurde zwar auch in dieser Friedenszeit beibehalten. Die Kreise be- 
stimmten die Eüiteüung der von ihnen aufzubringenden Mannschaften in Eegimenter 
und ernannten die Generale und Stabsoffiziere; der Chef der Kreistruppen bheb der 
alte Kreisoberst, der jetzt aber meist den dem Geist der Zeit besser entsprechenden 
Titel des Kreisgeneralfeldmarschalls annahm. AUes weitere bheb den Ständen über- 
lassen, und diese zeigten sich während des Friedens recht wenig geneigt, ihre Pfhchten 
zu erfüllen. Überall bheb der ,,Usualfuß", d. h. die gewöhnhch vorhandene Truppen- 
zahl sehr wesentlich hinter dem „Idealfuß", der Sollstärke, wie sie durch die Eeichs- 
kriegsverfassung festgesetzt war, zurück. Auch fehlte es sehr an der Ausrüstung, an 
den Pferden für die Kavallerie und Artillerie; Train und Verpflegungswesen mußten 
sogar erst beim Beginn eines Krieges improvisiert werden.*) 

Während sich so die militärische Verfassung der Assoziation lockerte und das 
Heer des Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden in die Eeichsarmee von Eoßbach 
umwandelte, brach die pohtische Organisation der Eeichskreise vöUig auseinander. 
Der österreichische Erbfolgekrieg, der die Kreise zwang, zwischen dem neuen, mit 
Frankreich verbündeten Kaiser und der alten Kaisermacht Habsburg zu wählen, 
sprengte die Assoziation. Der Bruch in der Entwicklimg des Eeiches, den die Kaiser- 
wahl des Jahres 1742 herbeiführte, zerstörte auch die auf dem Boden der Eeichs- 
verfassung entstandene Assoziation der Kreise. Und sie Heß sich nicht mehr herstellen, 
auch als 1745 die alte Verbindimg von Kaisertum und habsburgischer Hausmacht er- 
neuert wurde. '■■■' '^ ■ '' i's'W^' f^'' 

Seit der Mitte des 18. Jhs. fehlte es also an jeder haltbaren Organisation auch des 
Eeiches im engsten Sinn. Gerade das erweckte die alten Bündnispläne der kleineren 
Eeichsstände von neuem. Aber die Unsicherheit der Existenz, die rmlitärisch-pohti- 
sche Schwäche, durch die der Wunsch nach einem schützenden Verband hervorgerufen 
wurde, verurteilte alle diese Projekte der Kleinstaaten zum Scheitern, nicht nur in den 
Zeiten großer Krisen, etwa des Siebenjähi-igen Krieges, sondern auch in den Friedens- 
jahren. Erst als Preußen mit seiner Macht an die Spitze dieser Bündiüsbewegung trat, 
kam ein neuer Bund zustande, der deutsche Fürstenbimd, der am 23. Juh 1785 als 
„Assoziation" von den Kurfürsten von Sachsen, Brandenburg und Braunschweig, wie 
korrekt nach dem Stil und der Eangordnung des Eeiches gesagt wurde, nämlich von 
Preußen, Sachsen und Hannover abgeschlossen und in den folgenden Monaten durch 

1) Zur G. der Kreistruppen im 18. Jh. vgl. Ä. Brabant, Das heUige Römische Reich Teutscher 
Nation im Kampfe mit Friedrich dem Großen, Bd. I (1904). 



106 ^- Härtung: Deutsche Verfassungageachicbte vom 15. Jahrhundert bia zur Gegenwart 

den Beitritt der meisten mitteldeutschen und einiger süddeutschen Staaten, darunter 
Kurmainz, erweitert wurde. Der Fürstenbund knüpfte bewußt an die früheren Bünde 
im Eeiche, zumal den schmalkaldischen und den rheinischen des Jahres 1658 an') und 
verfolgte unter dem Vorgeben, die Reichsverfassung ungekränkt aufrechterhalten zu 
wollen, den gleichen Zweck wie der alte Rheinbund, den Kaiser an der Ausnutzung 
seiner kaiserhchen Gerechtsame zur Verstärkung der eigenen Hausmacht zu verhin- 
dern. Aber über dieses negative Ziel ging die Absicht des Bundes nicht hinaus. Man 
darf sich dadurch, daß die Einigung Deutschlands im 19. Jh. durch eine ähnhche Ver- 
bindung Preußens mit den deutschen Mittel- und Kleinstaaten unter Ausschluß Öster- 
reichs erfolgt ist, nicht über die geringe Bedeutung des Fürstenbundes täuschen lassen. 
Für Preußen war der Abschluß des Bundes nur ein Akt der auswärtigen Politik, ein 
Mittel, um der Machterweiterimg Österreichs entgegenzutreten; es spielte die gleiche 
Rolle wie Frankreich im Rheinbunde von 1658, es wollte den Bund im eigenen, nicht 
im deutschen Interesse leiten. An eine dauernde Verbindung mit der deutschen Klein- 
staaterei dachte Friedrich der Große nicht ; er sah in ihr nichts als einen Notbehelf. Die 
Kleinstaaten wollten freilich den Bund als Hebel für eine Reform der Reichsverfas- 
sung benutzen und waren enttäuscht, als Friedrich Wilhelm II. ihn bald nach seiner 
Thronbesteigung infolge der neuen Orientierung seiner auswärtigen Pohtik aufgab. 
Aber all der Glanz, den die Namen Carl Augusts von Weimar und Karl Friedrichs von 
Baden, Goethes und Herders auf diese Bemühungen der deutschen Kleinfürsten um 
die Hebung des politischen Geistes, um die politische Nutzbarmachung des literari- 
schen Aufschwungs in Deutschland ausstrahlen, kann doch an dem Urteil nichts än- 
dern, daß diese Bestrebungen unfruchtbar bleiben mußten, denn sie gingen von der 
gleichen Verkennung des Wesens staathcher Macht aus, die die deutsche Einheitsbe- 
wegung des 19. Jhs. auf falsche Wege geleitet hat, sie erkannten nicht, daß der Dualis- 
mus zwischen Österreich und Preußen ein Machtgegensatz war, der sich nicht durch 
friedliche Organisationen und Reformen aus der Welt schaffen ließ. 

§ 30. Das Ende des alten Beiohes 

Literatur: Von den allgemeinen Darstellungen der deutschen G. jener Zeit seien genannt: 
L. Häusser, Deutsche G. vom Tode Friedrichs d. Gr. bis zur Gründung des Deutschen Bundes 
(4 Bde., 1854/57; 4. Aufl. 1869). K. Th. Heiqel, Deutsche G. vom Tode Friedrichs d. Gr. bis zur 
Auflösung des alt«n Reiches (2 Bde., 1899/1911). H. v. Teeitschke, Deutsche G. im 19. Jh., Bd. I 
(bis 1815; 1879 und öfter). 

H. Berohaus, Deutschland seit 100 Jahren, Abt. II, Deutschland vor 50 Jahren, 2 Bde., 
1861. Th. BiTTERATTF, G. des Rheinbundes, 1. (bis jetzt einziger) Bd., Gründung des Rheinbundes 
und Untergang des alten Reiches (1905). A. C. Gaspari, Der Deputations-Rezeß mit historischen, 
geographischen und statistischen Erläuterungen (2 Bde., 1803). C. Th. Perthes, Das deutsche 
Staatsleben vor der Revolution (1845); Politische Zustände und Personen in Deutschland zur 
Zeit der Franz. Herrschaft, Bd. I, 1862: Das südliche und westliche Deutschland. W. Wenck, 
Deutschland vor 100 Jahren (2 Bde., 1887/90; hier finden sich namentlich Angaben über die Pu- 
blizistik der Zeit). 

Vergleicht man den Fürstenbund mit dem Rheinbund des Jahres 1658 mid ähn- 
lichen Bünden, so zeigt sich zwar bereits ein gewisser Aufstieg Deutschlands ; die deut- 
schen Reichsstände brauchten ihren Rückhalt, den ihnen das Reich nicht gewähren 
koimte, nicht mehr beim Ausland zu suchen, sondern fanden ihn bei einem reindeut- 
schen Staate, bei Preußen. Aber in seiner ganzen Verfassung und Tendenz büdet der 
Fürstenbimd doch nicht den Anfang einer neuen Entwicklung, sondern den Abschluß 
der gegen die Habsburger gerichteten Bündnisbewegung im Reich. Und weit davon 

1) Auf den Schmalkaldischen Bund wies Friedrich d. Gr. selbst hin (an Finckenstein, 6. März 
1784, bei W. A. Schmidt, G. d. preuß. -deutschen Unionsbestrebungen, S. 50f.). Daß der Kurfürst 
von Mainz den Vertrag von 1658 wieder hervorgeholt habe und daß ähnliches auch an andern Hö- 
fen geschehen sei, erzählt ohne weitere Quellenangabe Th. Bfiteraup, G. des Rheinbundes, Bd. I 
(1905), S. 8f. 



Das Ende des alten Reiches 107 

entfernt, auch nur seinen bescheidenen Zweck der Erhaltung der Eeichsverfassung zu 
erreichen, vermehrte er vielmehr die Zerfahrenheit im Eeiche, lenkte er namenthch 
die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Gebrechen der Eeichsverfassung, mit deren 
Kritik sich die PubHzistik so sehr befaßte, daß die Erfurter Akademie 1791 die Preis- 
fi-age stellte : wie man „dem deutschen Bürger den Wert und die Vorteile der deutschen 
Eeichskonstitution recht fühlbar imd ihn derselben recht anhänglich" machen könne. 
Innerhch zerklüftet und wehrlos trat das Eeich so in das Zeitalter der Eevolutions- 
kriege ein. Der erste Ansturm des von Custine geführten Eevolutionsheeres warf 1792 
die ganze Kleinstaaterei Südwestdeutschlands über den Haufen; nur die Waffen der 
beiden deutschen Großmächte stellten sie zum Teil wieder her und schützten die übri- 
gen. Das Eeich als Ganzes versagte auch in den folgenden Jahren. Der Sonderfriede, 
den Preußen 1795 zu Basel schloß und bald auch auf den größten Teil von Nord- und 
Mitteldeutschland ausdehnte, ist nicht der einzige, wenn auch der bekannteste und 
deutlichste Beweis für- die Gleichgültigkeit der Eeichsstände gegen das Eeich. Als 
auch Österreich den Kampf aufgab, erlebte Deutschland das Schicksal Polens, eine 
Auflösung des Eeiches nach den Interessen und Weisxmgen der großen Mächte Eiu"opas. 

Diese Auflösimg vollzog sich in zwei Abschnitten. Der erste umfaßt die Zeit 
vom Eastatter Kongi'eß bis zum Eeichsdeputationshauptschluß vom 25. Februar 
1803.^) Um die durch die Abtretung des linken Eheinufers in erblichen Besitzrechten 
geschädigten Eeichsstände zu entschädigen, wurden die geistUchen Füi'stentümer und 
die Eeichsstädte ihrer Selbständigkeit beraubt. Ausgenommen wurden nur der Erz- 
bischof von Mainz, dem als dem Erzkanzler des Eeiches in Aschaffenburg und Eegens- 
burg ein neues Fürstentum angewiesen vrarde, der Deutsche und der Malteser Orden 
als Versorgungsstätten für den durch die Säkularisation schwer geschädigten katho- 
lischen Adel und sechs Eeichsstädte, Bremen, Hamburg, Lübeck im Norden, Augsburg, 
Nürnberg und Frankfm-t im Süden. Alles andere geistliche und reichsstädtische Gut 
wurde an die welthchen Fürstenhäuser verteilt, und zwar weniger nach Eecht und 
BiUigkeit oder nach Eücksichten auf die Stammeszusammengehörigkeit als vielmehr 
nach der Gunst der Mächte, zumal Frankreichs. Und das repubhkanische und bona- 
partistische Frankreich hatte das gleiche Interesse wie das bourbonische, zu verhüten, 
daß die Ivräfte Deutschlands den Habsburgem zinr Verfügung ständen. Deshalb wur- 
den außer Preußen besonders die süddeutschen Staaten verstärkt. Aus der Masse der 
kleinen Herrschaften erhob sich nunmehr eine Eeihe von Mittelstaaten, Bayern, Würt- 
temberg, Baden, Hessen ; sie aUe waren groß genug, um den alten Ehrgeiz der deutschen 
Eeichsstände, neben dem Kaisertum eine selbständige Pohtik zu treiben, auch ferner 
pflegen zu können, und waren doch nicht gi'oß, auch in ihrer Existenz nicht gesichert 
genug, um den Eückhalt bei Frankreich entbehren zu können. 

Mit dieser neuen Gebietsverteilung war das alte Eeich tatsächhch schon zerstört 
worden. Der kaiserhchen Gewalt war der letzte Eückhalt im Eeiche, die geistUchen 
Stände und die Eeichsstädte entzogen worden, die Protestanten besaßen jetzt das 
Übergewicht auf dem Eeichstag, vor aUem aber hatte das Eeich seine eigenen Glieder 
nicht vor der Vernichtung retten köimen und damit selbst die Daseinsberechtigung 
verloren. Trotzdem versuchte der Eeichsdeputationshauptschluß, die alten Formen 
der Eeichsverfassimg in dieser verwandelten Welt aufi'echtzuerhalten, er heß das 
Kaisertum bestehen, er ergänzte das kurfürstHche Kollegium, das Trier und Köln ver- 
loren hatte, durch die Erhebung des säkularisierten Fürstentums Salzburg, Württem- 
bergs, Badens imd Hessen-Cassels zu Kurfürstentümern, er paßte auch die Eeichstags- 
verfassung der Veränderung der Territorialgestaltung an imd regelte die Stimmver- 
teilung im Fürstenrate bis ins einzelne. 

1) Gedruckt bei K. Zeumer, Quellensammlung^, Nr. 212, S. 509£f. 



108 ^- Härtung: Deutscbe Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Aber trotz allen diesen Vorschriften war das neue Gebilde nicht lebensfähig, und so 
folgte dem Keichsdeputationshauptschluß rasch der zweite Abschnitt des Auflösungs- 
prozesses, der formelle Untergang des Eeiches. Während nach dem Westfälischen 
Frieden die Offensive Frankreichs zur Abwendung der Eeichsstände vom französischen 
Bündnis, zur Belebung des Eeichsgedankens geführt hatte, war eine Eeichspolitik 
jetzt nicht mehr möghch, bheb den Ständen nur die Wahl zwischen Frankreich und 
Österreich. Die Eücksicht auf das eigene Interesse trieb die süddeutschen Mittelstaaten 
während des Krieges von 1805 auf die französische Seite. Ihr Lohn war die Vollendung 
der 1803 begonnenen Vernichtung der kleinen, eines staathchen Lebens unfähigen Ge- 
walten; die letzten süddeutschen Eeichsstädte, die Eeichsritterschatt und eine freilich 
ganz willkürhch bestimmte Zahl von Grafen wurden mediatisiert, die dadurch von 
neuem verstärkten Mittelstaaten wurden für souverän erklärt. War die Souveränität 
rechtlich mit dem Eeiche unvereinbar, so war es der am 12. Juü 1806 abg^chlossene 
Eheinbund, die Unterordnung all dieser Staaten unter das französische Protektorat, 
auch tatsächlich. Die Eheinbundstaaten zogen dann auch ehrlich die Konsequenzen 
ihrer PoHtik. Sie gaben spätestens mit dem Abschluß der Eheinbundsakte ihre vom 
Eeiche abgeleiteten Titel als Kurfürsten oder Landgrafen zugunsten der könighchen 
oder großherzoghehen Würde auf, und am I.August erklärten sie förmlich ihren Aus- 
tritt aus dem Eeiche, das wirklich nur noch ein ,,Wort ohne Schall" war, nur noch den 
,, Schein einer erloschenen Verfassung" besaß. ^) Wenige Tage darauf legte Kaiser 
Franz IL mit einer vom 6. August datierten Erklärung die lu-one des Eeiches nieder. 2) 

Noch waren freilich Preußen und die norddeutschen Staaten selbständig, und 
Preußen versuchte auch während des Sommers 1806, diesen Eest des Eeiches in einem 
norddeutschen Bunde zu einigen und sogar die Kaiserwürde weiterzuführen. Aber es 
gedieh nicht über Ansätze imd Besprechungen hinaus, und die Schlacht von Jena 
machte allen norddeutschen Bundesplänen ein Ende. So war mit dem 6. August 1806 
das heüige Eömische Eeich erloschen. 

Zweiter Teil: Das neunzehnte Jahrhundert 

Durch die gesteigerte Öffentlichkeit des Staatslebens und durch das starke, bis in die sieb- 
ziger Jahre vorherrschende Interesse für Verfassungsfragen erweitert sich für die Verfassungs- 
geschichte der Kreis der ihr zugänglichen Quellen. Sie ist nicht mehr in erster Linie auf die Archive 
angewiesen. Die Parlamente sind im Laufe des 19. Jhs. zur Veröffentlichung ihrer Verhandlungen 
in der Form stenographischer Berichte übergegangen; dazu kommt die ausgedehnte Publizistik 
in Broschüren, Zeitschriften und Zeitungen, femer eine reichhaltige Memoirenliteratur. Aus dieser 
Fülle des Materials eine Auswahl zu treffen, wäre überaus schwierig, wenn nicht der im 19. Jh. 
überall (außer in Mecklenburg, das aber im Erbvergleich von 1755 [oben S. 85] etwas ähnliches be- 
sitzt) durchgedrungene Brauch, die Verfassung in besonderen Verfassungsurkunden schriftlich fest- 
zulegen, eine strenge Scheidung ermöglichte. Die Verfassungen und die regelmäßig in amtlichen 
Gesetz- oder Regierungsblättern veröffentlichten, sie abändernden oder ergänzenden Gesetze sind 
die wichtigste QueOe für die Verfassungsgeschichte des 19. Jhs. 

Sammlungen der wichtigsten Verfassungsgesetze: W. Altmanh, Ausgewählte Urkunden 
zur deutschen Vfg. seit 1806 (2 Bde., 1898, 1. Bd. für Bund und Einzelstaaten von 1806—1866, 
2. Bd. nur für die gesamtdeutsche Entwicklung von 1867—1898). K. Bindeng, Deutsche Staats- 
grundgesetze in diplomatisch genauem Abdrucke (seit 1893, in einzelnen, bis jetzt 10 Heften). 
C. H. L. PöLlTZ, Die Verfassungen des Teutschen Staatenbundes seit dem Jahre 1789 (zuerst ano- 
nym 1817 als 1. Bd. der ,, Europäischen Verfassungen seit dem Jahre 1789"; 2. Aufl. 1833, 3. Aufl. 
von F. BüIjAU in 3 Bdn., 1847; noch heute brauchbar für die älteren Verfassungsurkunden der 
KJeinstaaten). F. Stoerk, Hb. der deutschen Verfassungen (1. Aufl. 1884, 2. Aufl. 1913; gibt 
nur den jeweils gültigen Text). H. Tkiepel, Quellensammlungen zum Staats-, Verwaltungs- und 
Völkerrecht (1. Teiepel, Qu. z. Deutschen Reichsstaatsrecht, 2. Aufl. mit Ergänzungen 1911; 
2. K. Zetjmer, Qu. z. G. der Deutschen Reichsverfassung in MA. und Neuzeit, 2. Aufl. 1913; 3. K. 
V. Stengel, Qu. z. Verwaltungsrecht des Deutschen Reiches, 1902; 4. W. Schücking, Qu. z. preuß. 
Staatsrecht, 1906; 6. H. Rehm, Qu. z. Staats- und Verwaltungsrecht des Königreichs Bayern, mit 
Ergänzungen 1907). 

1) Vgl. die Erklärung vom 1. August 1806 bei ZeumerS Nr. 216, S. 537f. 

2) Vgl. die Erklärung vom 6. August 1806 ebd., Nr. 217, S. 538f. 



Der Rheinbund 109 

Literatur: Bei der großen Wichtigkeit der Verfassungsbewegung überhaupt und der Einheits- 
bewegung im besonderen wird die Verfassungsgeschichte in allen „Deutschen Geschichten" des 
19. Jhs. mehr oder minder ausführlich behandelt. Die folgenden Angaben beschränken sich daher 
wie die der Queüen auf das im engsten Sinne VerfassungsgeschichtUche. Doch sei an H. v. Teeitsch- 
KE, Deutsche G. im 19. Jh. (5 Bde. bis 1848, von 1879 an erschienen) wenigstens erinnert. 

C. Bornhak, Ständetum und KonstitutionaUsmus (Z. f. PoUtik, Bd. VII, 1914). E. Eck- 
hardt, Die Grundrechte vom Wiener Kongreß bis zur Gegenwart (1913). O. Hejtze, Das monar- 
chische Prinzip und die konstitutionelle Verfassung, PrJbb., Bd. 144, 1911. G. Jellinek, Verfas- 
sungsänderung und Vertassungswandlung (1906). C. v. KALTEsraoRN, G. der deutschen Bundes- 
verhältnisse und Einheitsbestrebungen 1806 — 1856 unter Berücksichtigung der Entwicklung der 
Landesverfassungen (2 Bde., 1857). H. O. Meisner, Die Lehre vom monarchischen Prinzip im Zeit- 
alter der Restauration und des deutschen Bundes (1913). H. W. Ptnkow, Der literarische und par- 
lamentarische Kampf gegen die Institution des stehenden Heeres in Deutschland 1815 — 1848 (Ber- 
liner Diss. 1912). H. v. Treitschke, Bundesstaat und Einheitsstaat (Hist. u. pol. Aufs., Bd. II; 
geschr. 1864); Das konstitutionelle Königtum in Deutschland (ebd., Bd. III; geschr. 1869/71). 

Zur Gieschichte des parlamentarischen Wahlrechts im allgemeinen: G. v. Below, Das parla- 
mentarische Wahlrecht in Deutschland (1909). G. Meyer, Das parlamentarische Wahlrecht (hersg. 
von G. Jelldtek, 1901). J. Pheuppson, Über den Ursprung und die Einführung des allgemeinen 
gleichen Wahlrechts in Deutschland mit besonderer Berücksichtigung der Wahlen zum Frankfurter 
Parlament im Großherzogtum Baden (1913). R. Smend, Maßstäbe des parlamentarischen Wahlrechts 
in der deutschen Staatstheoriedes 19. Jhs. (1912). Für die Einzelstaaten: L. Hubbauer, Die geschicht- 
liche Entwicklung d. bayer. Landtagswahlrechts (Erlanger jur. Diss. 1908). W. Kissel, Die geschicht- 
liche Entwicklung d. hess. Landtagswahlrechts (1911). L. Landau, Die geschichtliche Entwick- 
lung [des Wahlrechts z. preuß. Abgeordnetenhause (Greifswalder Diss. 1913). H. Hofmann, Die 
Entwicklung des Wahlrechts z. sächs. 2. Kammer unter Berücksichtigung d. poht. Zustände 
(Leipziger jur. Diss. 1911). A. Fache, G. d. sächs. Landtagswahlrechts von 1831 — 1907 (1907). 

Auf die Parteigeschichte sei ebenfaUs kurz hingewiesen, weil die Parteibewegung ein wesent- 
licher TeU der Verfassungsbewegung ist; freihch wird die Parteigeschichte von den Parteien selbst 
nicht bloß einseitig, sondern auch unhistorisch betrieben, um die Richtigkeit und LTnentwegtheit 
der Prinzipien zu beweisen (vgl. darüber W. Andreas, HZ., Bd. 107, S. 92ff.). Deshalb werden hier 
nur wenige, auf wissenschaftlicher Grundlage stehende Arbeiten verzeichnet. Quellensammlung: 
F. Salomon, Die deutschen Parteiprogramme (2. Aufl. 1912). AOgemeine Bearbeitungen: L. Berg- 
strässbr, St. z. Vorg. der Zentrumspartei (1910). H. Rehm, Die politischen Parteien (1912, 
erweiterter Sonderabdruck aus dem WbVW'.). A. Wahl, Beiträge zur deutschen Parteig. (HZ., 
Bd. 104, 1910); Beiträge zur Parteig. (Sammlung von einzelnen Abhandlungen). Biographisches: 
H. Oncken, R. V. Bemügsen (2 Bde., 1910; vgl. auch dessen Aiifsatz Beimigsen und die Epochen 
des parlamentarischen Liberalismus in Deutschland und Preußen (HZ., Bd. 104, 1910). P. Wentzke, 
Z. G. Heinrich v. Gagerns (Quellen u. Darstell, z. G. der Burschenschaft und der deutschen Ein- 
heitsbewegung, Bd. 1, 1910). H. V. Petersdorff, Kleist-Retzow(1907). K. Wn-D.K.Th. Welcker(1913). 

Achtes Kapitel: Rheinbund und Deutscher Bund 

Quellen: G. v. Metes, Corpus iuris confoederationis Germanica« (1. Aufl. 1822, 3. Aufl. 
Titel „Staatsakten f. G. u. öffentl. Recht des Deutschen Bundes" vonH. Zöpfl in 3 Bdn., 1858/69). 
Protokolle der Deutschen Bundesversammlung (für die Öffentlichkeit gedruckt bis 1828). 

Darstellungen: Eine Übersicht über die Verfassungsentwicklung Deutschlands von 1806 
bis 1867 oder 1871 enthalten die meisten Darstellungen des Reichsstaatsrechts, z. B. G. Meyee, 
Lehrbuch des deutschen Staatsrechts (6. Aufl., von G. Anschütz, 1905). Eine befriedigende Ge- 
schichte des Bundes gibt es aber noch nicht; L. F. Ilse, G. der Deutschen Bundesversammlung 
(3 Bde. bis 1824, 1861/62) ist unvollendet, K. Fischer, Die Nation und der Bundestag genügt nicht. 

§ 31. Der Rheinbund 

K. Beck, Z. Vfg. des Rheinbundes (Gießener Diss. 1890). J. L. Klübeei, Staatsrecht des 
Rheinbundes (1808). 

Nach den Ereignissen des Sommers 1806 befand sich Deutschland in der Tat, 
wie es die bekannte, Pabn zum Verderben gewordene Flugschrift aussprach, „in seiner 
tiefen Erniedrigung". Nicht bloß das Eeich war zerstört, sondern für fast ein Jahr- 
zehnt war überhaupt jede pohtische Organisation Gesamtdeutschlands beseitigt. Preu- 
ßen und Österreich waren nach dem Osten abgedrängt, große Teile selbst des rechts- 
rheinischen Deutschland standen mittelbar oder unmittelbar unter französischer HeiT- 
scbaft. Aber auch der Eest Deutschlands besaß im ßheinbvmd nur scheinbar eine 
pohtische Organisation. Denn von den vierzig Artikeln der Eheinbundsakte gelangten 
nur die zur- Wuksamkeit, die sich auf die einzelnen Staaten und auf die mihtärische 
Unterstützung des Protektors Napoleon bezogen; die zui- Wahrung der gemeinsamen 



110 ^- Härtung: Deutsche VerfasanngsgescMchte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Interessen bestimmten Einrichtungen vnirden nicht ausgebildet, ja es wurde überhaupt 
nicht ernsthaft versucht, sie ins Leben zu rufen, so daß der Eheinbund als Ganzes über- 
haupt keine Geschichte hat. 

Trotzdem darf ihn die Verfassungsgeschichte nicht ganz übergehen. Er knüpft 
nicht bloß, wie schon der Name sagt, an alte Bestrebungen der deutschen Mittel- 
und Kleinstaaten an, sich zu einer zwischen den großen Mächten stehenden Partei 
zusammenzuschüeßen, sondern er behält auch die Formen der alten Beichsverfassung 
bei, soweit sie sich der neuen Zeit anpassen ließen. Der Bundestag zu Frankfurt, der 
sich unter dem Vorsitz des Fürstprimas, des Nachfolgers des ehemaligen Kurfürsten 
von Mainz, aus einem Rat der Könige, der einstigen Kurfürsten, und einem Fürstenrat 
zusammensetzen sollte, ist die unmittelbare Fortbildmig des Reichstags. Indem der 
Bund aber auf eine oberste kaiserliche Gewalt verzichtet und nur aus gleichberechtig- 
ten GHedern besteht, die sich dem im Bundestag verkörperten Gesamtwillen unter- 
ordnen, leitet er zugleich hinüber zu den neuen Verfassungsformen des 19. Jhs., zu der 
Souveränität der Verbündeten Regierungen, auf der das neue Reich beruht. 

§ 32. Die Bundesakte 

Ausgabe von K. BrnDruG, Deutsche Staatagrundgesetze, Heft 3; femer in den oben S. 108 
genannten Sammlungen. Zur Vorgeschichte vgl. J. L. Klübee, Akten des Wiener Kongresses 
(8 Bde., 1815/19) und W. A. Schmidt, G. der deutschen Verfassungsfrage während der Befreiungs- 
kriege und des Wiener Kongresses 1812 — 1815, aus dem Nachlaß hersg. von A. Stekn (1890). 

Vgl. femer: J. L. KLtJBER, Öffentliches Recht des Teutschen Bundes (1. Aufl. 1817, 4. Aufl. 
1840) und G. Meyer, Lehrbuch des deutschen Staatsrechts {6. Aufl.), S. 104ff. 

Als es sich nach den Befreiungskriegen darum handelte, wieder eine gesamtdeut- 
sche Verfassung zu schaffen, wurde freüich nicht an den Rheinbund angeknüpft ; viel- 
mehr erfolgte die Neubildung des Bundes in bewußtem Gegensatz gegen ihn. Aber die 
Form des Bundes wurde beibehalten. Wohl begeisterten sich gerade seit der Zerstö- 
rung des alten Reiches die Romantiker für die alte Kaiserherrhchkeit ; auch für die 
Nation verkörperte sich der Einheitsdrang in Kaiser und Reich. Aber für die praktische 
PoUtik kamen diese Stimmen nicht in Betracht; sie hatte das alte Reich und sein 
machtloses Kaisertum schon aufgegeben. Die Reichsverfassung galt seit dem Lune- 
viUer Frieden als tot.^) Auch Stein gab zu, daß ihre Herstellung weder mögUch noch 
wünschenswert sei. Waren doch die letzten Stützen des Kaisertums, die geistlichen 
Staaten, die Grafen und Herrn, die Reichsritter und Reichsstädte, in den Stürmen der 
Revolutionszeit untergegangen, ihre Wiederbelebung war mit verschwindenden Aus- 
nahmen ausgeschlossen. Seit 1803 und zumal seit den großen Mediatisierungen von 
1806 war Deutschland fast ganz aus erbUchen weltlichen Fürstentümern zusammen- 
gesetzt, und diese Staaten waren, wie sich im Jahre 1813 gezeigt hatte, innerhch fest 
gefügt, so kurze Zeit auch die meisten von ihnen erst bestanden. Ob es nicht doch 
noch möglich gewesen wäre, durch eine starke nationale Bewegung diese Staaten und 
ihre Dynastien zu vernichten, kann dahingestellt bleiben, denn diese Bewegung durfte 
von den Führern der Erhebung von 1813 nicht entfacht werden, weil sie die Staaten 
gar nicht entbehren konnten. Daß Napoleon 1813 nicht ohne die Mitwirkung Öster- 
reichs, dieser durch ihre Zusammensetzung aller nationalen Selbstbestimmung natur- 
gemäß feindhch gegenüberstehenden Macht, hat besiegt werden können, ist für die 
Verfassungsentwicklung Deutschlands während der nächsten Jahrzehnte von beherr- 
schendem Emfluß gewesen. 

Der Gedanke eines poUtischen Zusammenschlusses der deutschen Staatenwelt 
blieb trotzdem erhalten. Dafür sprach nicht bloß die Erinnerung an die gemeinsame 

1) Nach einer schwedischen Denkschrift vom Dezember 1812 bei W. A. Schmidt, S. 41; 
ähnlich lehnt der Bartensteiner Vertrag vom 26. April 1807, Art. 5, die Herstellung der Reichs- 
verfassung ab. Vgl. femer Steins Denkschrift vom 18. September 1812 bei Schmidt, S. 5ff. 



Die Bundesakte \\\ 

Vergangenheit, sondern ebenso stark nüchterne Env'ägungen der praktischen Pohtik. 
Es galt die Wiederkehr der Vorgänge der Jahre 1792 — 1806, der Zeiten der Neutrahtät 
und der Sonderfrieden, ja der Verbindung mit dem erklärten Feinde des Eeiches zu 
verhindern. So nahm schon der Bartensteiner Vertrag vom 26. April 1807 in Aussicht, 
die deutschen Staaten durch ein föderatives Band zu vereinigen, der Kahscher Aufruf 
vom 25. März 1813, mit dem Eußland und Preußen den Kampf um die Unabhängig- 
keit Deutschlands aufnahmen, verhieß mit unklaren Worten sogar die „Wiedergeburt 
eines ehrwürdigen Eeiches". Auch Österreich Heß sich leicht überzeugen, daß Bünd- 
nisse mit den einzelnen Staaten nicht genügten, daß vielmehr eine feste Verfassung 
für Deutschland unerläßlich sei. Und so setzte denn der erste Pariser Friede fest, daß 
die deutschen Staaten zwar unabhängig, aber doch durch ein föderatives Band ver- 
bunden sein soUten. 

Diese Verbindung im einzelnen auszugestalten, blieb dem Wiener Kongreß oder 
richtiger den auf dem Wiener Kongreß vertretenen deutschen Mächten überlassen. 
Das Ausland war, in erfreuüchem Gegensatz gegen die großen, Deutschland berühren- 
den Friedensschlüsse der letzten Jahrhunderte, fast gar nicht beteihgt ; auch die Ga- 
rantie, welche die Großmächte schließlich für die Bundesakte übernahmen, führte nicht 
mehr zu einer Einmischung des Auslands in die deutschen Verhältnisse. Trotzdem 
zogen sich die Verhandlungen — auch wenn man die Hemmungen durch die Eegelung 
der territorialen Fragen dabei berücksichtigt — lange hin und waren mehr als einmal 
dem Scheitern nahe. Denn die objektiven Schwierigkeiten des Verfassungswerks wa- 
ren überaus groß. Sie bestanden nicht etwa in dem Vorhandensein von kräftigen Mit- 
telstaaten, so laut sich auch Bayern und Württemberg bis zum Schluß gebärdeten und 
so energisch sie auch ihre Souveränität bis in die letzten Konsequenzen verteidigten, 
so viel Eücksicht auch Hannover beanspruchen dm'fte; noch weniger kamen die Klein- 
staaten und die Mediatisierten trotz einfluß- oder wortreichen Helfern wie Stein und 
Hans V. Gagern emsthch in Betracht. Der Kernpunkt aller Schwierigkeiten war viel- 
mehr das Bestehen zweier Großmächte in Deutschland, der DuaUsmus zwischen Öster- 
reich und Preußen, den Friedrich der Große begründet hatte. Dieser bildete vor allem 
deswegen die Khppe der Verhandlungen, weil er gar keine Verfassungsfrage, sondern 
eine Machtfi-age war, sich deshalb selbst durch die künstüchsten Vorschläge, an denen 
namentlich Stein reich war, nicht beseitigen, sondern nur durch Blut und Eisen lösen 
Heß. Das konnte jene Zeit noch nicht einsehen, sie stand noch zu unmittelbar imter 
dem Eindruck der letzten Jahrzehnte, in denen Österreich und Preußen vereinzelt ge- 
schlagen worden waren, aber vereint gesiegt hatten. Die Zeit mußte erst reifer werden, 
erst verstehen lernen, daß die deutsche Einigung nur durch Opfer, durch den Verzicht 
auf die deutschösterreichischen Lande zu erkaufen sei. Aber selbst werm diese Einsicht 
schon verbreitet gewesen wäre, so wäre Preußen doch kaum imstande gewesen, schon 
damals Österreich zum Verzicht zu zwingen. 

Em Bund aber, dem zwei Großmächte angehören soUten, konnte nur locker or- 
ganisiert werden, damit er jeder von ihnen die für eine Großmacht unentbehrliche 
Selbständigkeit der imieren Entwicklung und auswärtigen Politik lassen konnte und 
es auch einer jeden unmöghch machte, die andere mit Hilfe der übrigen Bundesgenos- 
sen in wesenthchen Dingen zu überstimmen und sich dienstbar zu machen. Und wenn 
auch nicht geleugnet werden soll, daß Preußen durch eine geschicktere und energi- 
schere Diplomatie in einzelnen Punkten vielleicht mehr hätte durchsetzen können, so 
darf doch gesagt werden: die Wiener Verhandlungen nahmen den Verlauf, der durch 
die Verhältnisse vorgezeichnet war. Von dem ersten preußischen Entwiurf, der einen 
starken Bund hatte schaffen wollen, bröckelte immer mehr ab, selbst die „Minimal- 
punkte", die Preußen im Januar 1815 aufstellte, einheitUche Kriegsverfassung, Bun- 



112 F. Härtung: Deutsche Verfaeaungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

desgericht, Garantie der einzelstaatlichen Verfassiingen, konnten nicht durchgesetzt 
werden, zuletzt mußte sich Deutschland mit „Grundzügen" einer Bundesverfassung 
begnügen, die am 8. Juni 1815 als ,, Bundesakte" festgestellt wurden. 

Danach schlössen ,,die souveränen Fürsten und freien Städte Deutschlands", 
unter denen sich auch europäische Mächte, nämhch außer Österreich und Preußen, die 
nur mit ihrem alten Reichsgebiet zum Bunde gehörten, auch Dänemark mit Holstein 
und die Niederlande mit Luxemburg, ferner bis zur Auflösung der Personalunion im 
Jahre 1837 auch England mit Hannover befanden, einen beständigen Bund, den 
„Deutschen Bund". Als dessen Zweck bezeichnete der zweite Artikel die ,, Erhaltung 
der äußeren und hmeren Sicherheit Deutschlands mid der Unabhängigkeit imd Un- 
verletzbarkeit der einzelnen deutschen Staaten"; der elfte Artikel erläuterte das noch 
durch die Festsetzung, daß die Bundesstaaten einander gegen jeden Angriff beistehen 
und sich ihren Besitzstand gegenseitig garantieren sollten. Als Organ des Bundes 
wurde eine beständige Bundesversammlung, der Bundestag, zu Frankfurt begründet. 
Sie ghederte sich in zwei Bäte, das Plenum und den engeren Rat, die aber mit der alten 
Kurieneinteilung des Reichstages oder des Rheinbundes nichts zu tun haben. Vielmehr 
hatte jeder Bundesstaat in jeder Versammlung Stimmrecht, und zwar im Plenum jeder 
Staat müidestens eine Stimme, die größten, Österreich und die Königreiche, je vier. Im 
engeren Rat hatten die elf größten Staaten je eine Stimme, aUe übrigen in besonders 
festgelegten Kurien zusammen sechs. Den Vorsitz führte Österreich. Das Plenum, in 
dem mit Zweidrittelmehrheit abgestimmt wurde, sollte nur zu besonders wichtigen 
Beschlüssen wie über Abfassung oder Abänderung von Grundgesetzen des Bundes, 
über organische Bundeseinrichtungen oder über gemeinnützige Anordnungen zusam- 
mentreten und ist gemäß der geringen Entwicklung der Bundesverfassung und der or- 
ganischen und gemeinnützigen Einrichtungen nur sehr selten zur Wirksamkeit gekom- 
men (im ganzen sechzehnmal; von 1822 — 1833, 1835 — 1847 und von 1851 — 1866 hat 
es überhaupt nicht getagt). Alle anderen Angelegenheiten komite der engere Rat, und 
zwar mit einfacher Mehrheit, bei Stimmengleichheit mit Entscheidung der Präsidial- 
stimme erledigen. Von der Entscheidung durch die Mehrheit nahm der siebente Ai-- 
tikel jede Änderung der Grundgesetze, die Bestimmungen über organische Einrich- 
tungen und im'a singulorum und in Erinnerung an die itio in partes des alten Reiches 
die Rehgionsangelegenheiten aus. In die Souveränitätsrechte der Einzelstaaten einzu- 
greifen, vermied die Bundesakte soweit wie möghch. Sie heß jedem die volle Gerichts- 
hoheit und stellte nur in Aussicht, daß sich die ganz kleinen Staaten wegen der Bil- 
dung von obersten Gerichten untereinander vereinigen würden. Ebenso beschränkte 
sie sich gegenüber der Verfassungsentwicklung der Einzelstaaten auf die bekannte 
Verheißung des Artikels 13 : in allen Bundesstaaten wird eine landständische Verfas- 
sung stattfinden. Auch die den Bewohnern der Staaten zu gewährenden Rechte (Art. 
16 und 18), die Gleichberechtigung der christUchen Konfessionen, das Recht zum Er- 
werb von Grundeigentum, zum Wegziehen in einen andern Bundesstaat, der sie er- 
weislich annehmen wollte, zum Zivil- und Militärdienst in allen Staaten, die Aufhebung 
der Nachsteuerpfücht wurden nicht eigenthch als Vorschriften der Bundesakte, sondern 
als freie Vereinbarungen der Bimdesstaaten ausgesprochen. 

Verghchen mit den großen Hoffnungen, mit denen die deutsche Nation den Be- 
ratimgen des Wiener Kongresses über ihre Verfassung entgegengesehen hatte, war die 
Bundesakte gewiß ein dürftiges Ergebnis, und der Spott über diese ,, Zangen- und Not- 
geburt" ist durchaus begreifhch. Aber dieser Vergleichungsmaßstab ist falsch. Ge- 
messen an der Verfassung des alten Reiches bedeutet die Bundesakte entschieden einen 
Schritt zur Besserung. Nicht bloß war die Grenzlinie des Bundes gegenüber dem Aus- 
land klar und deutlich gezogen, sondern der Bund trat überhaupt nach außen hin viel 



Der deutsche Bund vou 1815 bis 1848 113 

fester geschlossen auf als das Eeich. Alle BundesgUeder waren verpflichtet, einander 
gegen jeden Angriff beizustehen, und die Wiener Schlußakte vom 15. Mai 1820 setzte 
im 41. Artikel noch ausdrücklich fest, daß zur Erklärung eines Bundeskrieges die Zwei- 
drittelmehrheit des Plenums genüge ; NeutraMtät und Sonderfrieden einzelner Stände 
waren nicht mehr möghch. Auch gelang es verhältnismäßig rasch, diese Bestinunun- 
gen dm-ch eine Bundeskriegsverfassung zu ergänzen. Die Bundesbeschlüsse vom 
9. Aprü 1821 und 11. Juli 1822 setzten die Höhe des Bundesheers auf zehn Armee- 
korps mit rund 300 000 Mann fest, von denen Österreich und Preußen annähernd zwei 
Drittel, nämlich 95000 und 80000 Mann in je drei Armeekorps geghedert, die übrigen 
Bundesstaaten den Best stellten; als Bundesfestungen wurden Mamz, Luxemburg 
und Landau, zu denen 1841 noch Eastatt und Ulm kamen, anerkannt. Diese Ej-iegs- 
verfassung war freüich mangelhaft; die Treimuug der österreichischen und preußi- 
schen Bundeskorps aus ihren Verbänden, deren Hilfe im Kriegsfall doch nicht zu ent- 
behren war, die alle Entschlüsse lähmende Organisation des Oberbefehls im Kriege, 
das allzu lockere Gefüge der aus Kontingenten mehrerer Bundesstaaten zusammenge- 
setzten gemischten Korps, das bereits 1831 zum Ausscheiden der kleinstaathchen Trup- 
pen aus dem neunten Korps und zu ihrer Zusammenlegung zu einer ßeservedivision 
führte, die allzu große und zunächst dui'ch keine Kontrolle beschränkte Freiheit der 
Einzelstaaten in der Ausbildung und Ausrüstung ihrer Truppen, das alles mußte sich 
im Kiiege rächen. Aber es war doch wenigstens der Anteil jedes Bundesghedes an der 
gemeinsamen Verteidigung dm-ch eine Matrikel recht im Gegensatz zum alten Eeich 
unanfechtbar festgestellt. Und weim die Bundesakte auch nur von den Staaten abge- 
schlossen war und der Nation keinerlei Gesamtvertretung zubühgte, so sicherte sie 
doch wenigstens dem Deutschen zum Unterschiede von den Fremden einige Eechte 
in ganz Deutschland zu, die man immerhin als ein ,, allgemeines teutsches Bürger- 
recht" bezeichnen dmite, und der Bundestag behielt sich das Eecht, „der bedrängten 
Untertanen sich anzunehmen" ausdrücklich vor.^) Endlich war der deutsche Bund 
trotz der üi der Wiener Schlußakte noch einmal betonten Souveränität der Einzel- 
staaten mehr als ein bloß völkerrechthches, kündbares Verhältnis, er war eine Gesamt- 
heit, eine dauernde Lebensgemeinschaft, den Einzelstaaten übergeordnet, er besaß das 
Eecht, die von der Mehrheit gefaßten Beschlüsse auch mit Zwang auszuführen. 

§ 33. Der deutsche Bund von 1815 bis 1848 

Quellen: J. L. Kxübee und C. Welckeb, Wichtige Urkunden für den Rechtszustand der 
deutschen Nation mit eigenhändig. Anmerkungen (1844). Qu. u. Darst. z. G. der Burschenschaft 
und der deutschen Einheitsbewegung, hersg. von H. Haupt (seit 1910). F. v. Weech, Correspondenzen 
und Aktenstücke z. G. der Ministerkonferenzen von Carlsbad und Wien 1819, 1820 und 1834 (186.5). 

Literatur: L. K. ÄoiDi, Aus dem Jahre 1819 (1861). K. Hagen, Über die öffentliche Mei- 
nung in Deutschland von den Freiheitskriegen bis zu den Karlsbader Beschlüssen (HTb., 1846 
und 1847). L. F. Ilse, G. der politischen Untersuchungen, welche durch die neben der Bundes- 
versammlung errichteten Kommissionen geführt worden sind (1860). 

Wenn auch betont werden muß, daß die Verfassung des deutschen Bundes ge- 
genüber der Vergangenheit, dem alten Eeiche, Vorzüge aufweist, so läßt sich doch an- 
dererseits nicht verkennen, daß er den Aufgaben der neuen Zeit nicht gewachsen war. 
Er war nicht entwicklungsfähig, formell weü die Ausgestaltung der „Grundzüge" der 
Bundesverfassung an die Einstimmigkeit aller Staaten gebunden war, materiell wegen 
des Dualismus der Großmächte im Bunde. Deshalb kormte der Bund auch auf dem 
ihm zugewiesenen Gebiet der Sorge für- Handel und Verkehr nichts leisten ; was hier ge- 



1) Vom „teutschen Bürgerrecht" sjjrach der Präsidialgesandte v. Buol bei der Eröffnung 
des Bundestags am 5. November 1816, vom allgemeinen teutschen Bürgerrecht Gagern am 27. Fe- 
bruar 1817 (ProtokoOe, Bd. II, S. 61). Vgl. femer den Bundesbeschluß vom 17. März 1817 in den 
ProtokoUen, Bd. II, S. 130. 

Grundriß der Geschichtswissenschaft 11, 4 8 



114 F. Härtung: Deutsche Vorfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

schah, die Ordnung der Schiffahrt auf den großen deutschen Strömen, die Zolleinigung 
eines großen Teiles von Deutschland im Zollverein, das erfolgte ohne oder gar gegen 
den Bund durch besondere Vereinbarungen der beteiligten Staaten. Dieses Versagen 
gegenüber den allgemeinen Interessen Gesamtdeutschlands wurde dem Bunde nun 
zum Verhängnis. Denn die Verfassungsentwicklung Deutschlands im 19. Jh. wurde 
im Gegensatz zu den Zeiten des alten Reiches nicht aUein dm'ch die einzelnen Staaten, 
die Regierungen, bestimmt, au ihr nahm vielmehr auch die deutsche Nation einen leb- 
haften Anteil. 

Es kann hier nicht geschildert werden, wie das deutsche Nationalbewoißtsein alhnählich 
erwacht ist und sich mit politischen Elementen durchsetzt hat.') Auch seine Schwächen und Un- 
klarheiten, der Zwiespalt zwischen dem Gedanken der nationalen Einheit und einem starken Par- 
tikularismus, die Hilflosigkeit gegenüber dem eigentlichen Problem der deutschen Geschichte jener 
Zeit, dem Dualismus, brauchen hier nicht auseinandergesetzt zu werden. Es genügt hier die Tat- 
sache, daß seit den Tagen der Freiheitskriege ein Verlangen der deutschen Nation nach politischer 
Einheit bestand, das seine Wurzel nicht allein in der romantischen Versenkung in die glorreiche 
Vergangenheit des Kaisertums hatte, sondern ebenso sehr in der modernen Idee der Volkssouve- 
ränität, des Rechtes der Nationen, ihre Geschicke selbst zu bestimmen. Dieses Nationalbewußt- 
sein war auch von den Staaten als ein berechtigter Faktor anerkannt, seitdem der KaUscher Auf- 
fuf vom 25. März 1813 jeden Deutschen zum Kampfe aufgerufen und die Wiederaufrichtung Deutsch- 
lands in einer „den Fürsten und Völkern Deutschlands" anheimzustellenden Gestaltung verhei- 
ßen hatte. Aber die Bundesakte befriedigte die hochgespannten Erwartungen der Nation nicht. 
Die Enttäuschung fand lauten Ausdruck bei der studentischen Jugend, die sich in der deutschen 
Burschenschaft eine die Grenzen der Einzelstaaten überschreitende Orgarusation zur Pflege der 
nationalen Einheitsgedanken gab. Als in diesen KLreisen auch radikale Tendenzen autfkamen, die 
sogar das Recht zum poütischen Mord vertraten, und als infolgedessen im Frühjahr 1819 rasch 
hintereinander zwei Attentate (gegen Kotzebue und Ibell) stattfanden, glaubte Metternich, der Lei- 
ter der österreichischen Politik, gegen die ganze nationale Bewegung vorgehen zu soUen. 

Daß Österreich die Führung beim Kampf gegen die Euiheitsidee übernahm, ist 
verständlich; für dieses national gemischte Staatswesen bedeutete die nationale Be- 
wegung eine Gefährdung der Stellung in Deutschland, sogar eine Gefährdung des staat- 
lichen Bestandes. Aber auch die meisten andern deutschen Regierungen waren von der 
Notwendigkeit energischer Maßregeln überzeugt. Da der Bundestag nicht als zuver- 
lässig genug erschien imd seiner ganzen Verfassung nach auch nicht recht geeignet 
war zu raschen Beschlüssen, so berief Metternich zuerst Vertreter der größeren Staa- 
ten nach Karlsbad. Das Ergebnis ihrer im August 1819 abgehaltenen Konferenzen 
wurde dem Bundestag vorgelegt und von diesem mit geschäftsordnungswidriger Eile 
am 20. September angenommen. Es zeigte sich dabei, daß gegenüber dem geeinigten 
Willen der beiden Großmächte des Bundes für die mittleren und kleineren Staaten trotz 
allen KJauseln der Verfassimg und Geschäftsordnung ein Widerstand nicht möglich war ; 
nur in einer geheimen Registrande konnten sie ihre abweichende Meinung niederlegen. 

Die Karlsbader Beschlüsse verjjfUchten zunächst die Einzelstaaten zu scharfer Überwachung 
der Universitäten, und zwar nicht nur der Studierenden, deren geheime Verbindungen samt der 
Burschenschaft verboten werden, sondern auch der Universitätslehrer und ihrer Lehrtätigkeit. 
Sie bestimmen femer in Widerspruch gegen den die Preßfreiheit in Aussicht stellenden Artikel 18 
der Bundesakte und in beabsichtigtem Gegensatz gegen einige schon bestehende Landesgesetze 
über die Preßfreiheit, daß vorläufig auf fünf Jahre in allen Staaten eine präventive Zensur für alle 
Schriften im Umfang von weniger als zwanzig Bogen eingerichtet werden müsse. Sie setzen weiter 
eine Zentraluntersuchungskommission in Mainz lüeder, die mit der Untersuchung der vermeintlich 
vorhandenen revolutionären Verschwörung in allen Bundesstaaten beauftragt wird. Um die Durch- 
führung der Beschlüsse zu sichern, wird endlich auch das Exekutionsverfahren gegen säumige 
Bundesstaaten geregelt. 

Um weitere Maßregeln zur Unterdrückung aller gefährhchen Umtriebe zu be- 
schheßen, traten während des Winters von 1819 auf 1820 Vertreter aller im engeren 
Rat des Bundestags stimmführenden Bundesstaaten in Wien zu Konferenzen zusam- 
men. Deren Ergebnis liegt in der Wiener Schlußakte vom 15. Mai 1820*) vor. Diese 

1) Vgl. darüber F. Meinecke, Weltbürgertum und Nationalstaat (2. Aufl. 1911). 

2) Ausgabe von K. Blndikg, Deutsche Staatsgrundgesetze, Heft 3; femer in den oben S. 108 
genaimten Quellensammlungen. 



Der deutsche Bund tod 1815 bis 1848 115 

bringt in vielen Bestimmungen eine Verstärkung der Bundesgewalt gegenüber den 
Einzelstaaten und ist wohl aus diesem Grunde in den süddeutschen Staaten gar nicht 
oder nur mit Vorbehalt veröffentlicht worden ; sie enthält Anordnungen zur Ausübung 
des dem Bunde zustehenden Bechtes, Streitigkeiten zwischen den Bundesstaaten zu 
entscheiden imd Unruhen innerhalb der Staaten zu unterdrücken, und unterstellt das 
konstitutionelle Leben der Einzelstaaten der Kompetenz des Bundes, indem sie in den 
Artikeln 53 — 61 dem Bundestag die Aufsicht über die Ausführung des Artikels 13 der 
Bundesakte überträgt und festsetzt, daß die Staatsgewalt in den Bundesstaaten durch 
eine Verfassung nicht etwa zwischen Füi'st und Volksvertretung geteilt werden dürfe, 
vielmehr der Fürst stets der alleinige Träger der Souveränität bleiben und in der Er- 
füllung seiner Pfhchten gegenüber dem Bunde ungehindert sein müsse. Mit dieser Ver- 
mehrung der Eechte des Bundes steht es nicht ganz im Einklang, daß gleichzeitig die 
Souveränität der Einzelstaaten und die unbedingte Abhängigkeit der Bundestagsge- 
sandteu von ihren Kegierungen ausgesprochen wü'd. Darin prägt sich der innere Wi- 
derspruch der Metternichschen Bundespohtik aus: sie woUte keine feste politische 
Organisation der deutschen Staaten, keine Zentralgewalt über ihnen, und versuchte 
trotzdem, die Staaten und ihre innere Entwicklung zu beherrschen. 

Dieses letzte Ziel erreichte sie nicht. Es gelang nicht, das konstitutionelle Leben 
der süddeutschen Staaten zu erdrücken ; und der Gegensatz, in dem diese dadurch zu 
den übrigen deutschen Staaten, zumal den beiden Großmächten standen, führte nicht 
nur bei der Bevölkerung, sondern auch bei den Eegierungen zu einem starken An- 
wachsen des Partikularismus, der seinen lautesten Ausdruck in dem Manuscript aus 
Süddeutschland 1) gefunden hat. Dieses, von F. L.Lindnee auf Veranlassung des Kö- 
nigs von Württemberg verfaßt, ging von einer angebhchen, ganz geheim vorgenom- 
menen „polnischen Teilung" Deutschlands, die Deutschland mehr als zwei Drittel 
seines Gebietes entzogen habe, aus, nämhch von der Tatsache, daß große Teile Deutsch- 
lands mit ausländischen Mächten verbunden waren. Diesen stellt es die „unvermisch- 
ten deutschen Staaten" entgegen und sucht nachzuweisen, daß die natürhchen Un- 
terschiede zwischen Nord- und Süddeutschland füi- das kommende Jahrhundert we- 
nigstens eine Einheit ausschlössen, daß aber auch die Bundesverfassung dem Süden, 
der nicht wie das offene Norddeutschland große Heere zur Verteidigung brauche, son- 
dern bei seinem Eeichtum an natürlichen Stützpunkten sich mit Landwehren begnügen 
könne, unverhältnismäßige Opfer auferlege; deshalb fordere das wahre Interesse des 
„reinen Deutschland", daß es sich zu einem engeren Bunde zusammenschließe; dessen 
Führung müsse den alten Hauptstämmen, den Bayern und den Schwaben, den Kö- 
nigreichen Bayern und Württemberg, die „durch ihre AUianz mit der öffentlichen 
Meinung", durch ihre konstitutionellen Verfassungen Achtung forderten, zufallen. Der 
alte Gedanke der „dritten Partei", der Trias, der Verbindung der deutschen Mittel- 
und Kleinstaaten im Gegensatz zu den in europäische Interessen verflochtenen Groß- 
mächten feierte hier in neuer Form seine Auferstehung. 

Dagegen ist Metternich die Unterdrückung der nationalen Einheitsbewegung zu- 
nächst wenigstens durchaus gelungen. Der Bundestag, von allen hberaler Neigimgen ver- 
dächtigen Gesandten gereinigt, und die Eegierungen machten von den ihnen verliehe- 
nen Eechten eifrig Gebrauch, die Karlsbader Beschlüsse vrarden 1824 bei Ablauf ihi'er 
Gültigkeit erneuert. Allerdings ergab die Untersuchimg der Zentraluntersuchungs- 
kommission über die Verschwörung so gut wie nichts, deim die Ermattung nach den 
vielen Kriegen war doch zu groß gewesen, als daß revolutionäre Bewegungen sich hät- 
ten ausbreiten können ; die Kommission löste sich daher 1829 auf. Auch der Bundes- 
tag fand lange Zeit nichts Eechtes zu tun, seine Protokohe wurden immer inhaltloser, 

1) Maniiscript aus Süddeutscliland, hersg. von G. Erichson, London 1820. 

8* 



J16 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

sodaß ihre Veröffentlichung 1828 eingestellt wurde. Erst nach der Julirevolution 
wurde die pohtische Erregung in Deutschland, zumal in Süd Westdeutschland, wieder 
größer, und die verschiedenen geräuschvollen Ausbrüche wie das Hambacher Fest von 
1832 und der Frankfurter Wachensturm von 1833 gaben dem Bundestag und den 
Einzelstaaten Anlaß, die alten Waffen, Zensur, Verfolgung der Studenten durch eine 
Untersuchungskommission und Beschränkung des konstitutionellen Lebens in den 
Einzelstaaten von neuem zu schärfen. ^) Aber mit dieser ganzen, ledighch repressiven 
Tätigkeit erreichte der Bundestag nichts anderes, als daß zwischen ihm, dem gesetz- 
lichen Organ Deutschlands, und der deutschen Nation die Entfremdung wuchs. Sie 
wurde vertieft durch den Widerspruch zwischen der konstitutionellen Freiheit, die seit 
den dreißiger Jahren fast in allen Mittel- und Kleinstaaten bestand, und dem Absolu- 
tismus des Bundes, vor allem aber durch das Versagen des Bundes in allen großen Fra- 
gen des nationalen und staatlichen Lebens, bei der Ausführung der für das moderne 
Wirtschaftsleben unentbehrlichen Einheit des Handels- und Zollwesens, beim hanno- 
verschen Verfassungsbruch von 1837, in der luxemburgischen und endlich in der schles- 
wig-holsteinischen Frage. Da jede Möglichkeit fehlte, auf gesetzlichem Wege eine Än- 
derung der Bundesverfassung zu erreichen, da der Bundestag es durch Beschluß vom 
27. Oktober 1831 überhaupt für unstatthaft erklärte, daß sich Deutsche in öffentlichen 
Angelegenheiten des Bundes an ihn wendeten, so wurde die nationale Bewegung, wie 
Eotteck schon 1832 bemerkte, notwendig auf den Weg des gewaltsamen Umsturzes 
der Bundesverfassung gedrängt. Es waren nicht bloß wie in den Jahren 1817 — 1819 
wenige jugendliche Köpfe, die mit revolutionären Gedanken spielten, auch das ruhige 
seßhafte und gebildete Bürgertum machte sich mit diesem Gedanken langsam vertraut. 
Auch die Regierungen koimten sich auf die Dauer der Ehisicht in die Notwendig- 
keit einer Reform des Bundes nicht verschUeßen. Auf den Rat von Radowitz regte 
König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, der schon unter dem Eindruck der Kriegs- 
gefahr des Jahres 1840 für eine Reform der Kriegsverfassung des Bundes eingetreten 
war und einige Verbesserungen, namentlich die Einrichtung regelmäßiger Inspektio- 
nen durchgesetzt hatte, im Spätherbst 1847 bei Österreich an, die auffahendsten Ge- 
brechen der Bundesverfassung, die ungenügende Wehrkraft, den mangelnden Rechts- 
schutz und die mangelnde Rechtseinheit und die unzulängliche Sorge für die materielle 
Wohlfahrt der Nation durch freie Vereinbarungen der Regierungen zu beheben. Aber 
der Versuch scheiterte ; er setzte eine Interessengemeinschaft zwischen Österreich und 
Preußen voraus, die tatsächhch nicht vorhanden war, und er griff, wie F. Meinecke^) 
bemerkt, nur die Symptome, nicht die Wurzel des Übels, die Souveränität der Staaten 
an. Als Friedrich Wilhelm im Februar 1848 seinen Plan wieder aufnahm, war es für 
eine Reform durch die Regierungen oder auch nur mit ihnen zu spät. Unter dem Ein- 
druck der Februarrevolution zu Paris und der raschen und leichten Siege über die 
Einzelstaaten, zumal des Zusammenbruchs des Absolutismus in Österreich und Preu- 
ßen fühlte sich die deutsche Nation souverän und wagte es, die Reform ihrer Verfas- 
sung ohne, ja gegen die Regierungen ins Werk zu setzen, 

§ 34. Der erste Versuch der Eeichsgründung 1848 bis 1850 
Quellen: Allgemeine Sammlung von P. Roth und M. Merck, Quellensammlung zum deut- 
schen öffentlichen Recht seit 1848 (bis 26. Mai 1849, 2 Bde., 1850/52). P. Wentzke, Kritische 
Bibliographie der Flugschriften zur deutschen Verfassungsfrage 1848^1851 (1911). 

Zur Geschieht« des Parlaments: Stenographischer Berieht über die Verhandlungen der deut- 
schen konstituierenden Nationalversammlung zu Frankfurt a. M., hersg. von F. Wigard (9 Bde., 
1848/49); Auszug bei G. Mollat, Reden und Redner der Paulskirche (1895). Die Verhandlungen 

1) Vgl. die Bundesbeschlüsse vom 28. Juni 1832 und das Schlußprotokoll der Wiener Kon- 
ferenzen vom 12. Juni 1834 bei Altmann, Ausgew. Urk. z. deutschen Vfg., Bd. I, S. 176ff. 

2) F. Meinecke, Radowitz und die deutsche Revolution (1913), S. 52. 



Der erste Versuch der Reichsgründting 1848 bis 1850 H7 

des Verfassungsausschusses der Deutschen NationalversammluDg, hersg. von J. G. Droysen, 1. 
(einziger) TeU (1849). F. SALOMo:>f, Die deutschen Parteiprogramme, Bd. 1^. 

Ausgabe der Verfassung vom 28. März 1849 bei K. Besdestg, Deutsche Staatsgrundgesetze, 
Heft 2 (1905). Eine Zusammenstellung der Verfassung und der verschiedenen vorhergegangenen 
Entwürfe versucht L. Beegsträsser, Die Verfassung des deutschen Reichs vom Jahre 1849 mit 
Vorentwürfen, Gegenvorschlägen und Modifikationen bis zum Erfurter Parlament (1913). 

Literatur. Allgemein: K. Bdtding, Der Versuch der Reichsgründung durch die Paulskirche 
1848/1849 (1892). K. Klüpfel, G. der deutschen Einheitsbestrebungen bis zu ihrer Erfüllung 
1848—1871, Bd. I (bis 1865), 1872. W. Six. Die deutsche Einheitsfrage 1848/49 und die öffentliche 
Meinung in der Rheinprovinz (Teildruck; Bonner Diss. 1913). 

Zur Geschichte des Parlaments: R. Lempp, Die Frage der Trennung von Kirche und Staat 
im Frankfurter Parlament (1913). W. Schüsslee, Die nationale PoKtik der österreichischen Ab- 
geordneten im Frankfurter Parlament (1913). V. Valekttn, Fürst Karl Leiningen und das deutsche 
Einheitsproblera (1910). P. Wentzke, Z. G. Heinrich v. Gagems (Qu. u. Darst. z. G. der Burschen- 
schaft, Bd. I, 1910). 

Zur Verfassung: L. Bergsteässee, Der erste Entwurf des Verfassungsausschusses des Frank- 
furter Parlaments über die Abschnitte Reichsoberhaupt utnd Reichsrat (HVSchr., Bd. XVI, 1913); 
Die parteipolitische Lage beim Zusammentritt des Vorparlaments (Z. f. Politik, Bd. VI, 1913). A. 
Scholl, Einfluß der nordamerikanischen Unionsverfassung auf die Verfassung des deutschen 
Reichs vom 28. März 1849 (Tübinger Diss. 1913). O. v. Völdeendoeff, Deutsche Verfassungen 
und Verfassungsentwürfe (Arm. d. D. Reiches, 1890). Über das Verhältnis zur Reichsverfassung 
vgl. unten § 45). 

Die Geschichte der Union jetzt bei F. Meinecke, Radowitz und die deutsche Revolution (1913). 

Als äußeres Zeichen der Souveränität, die die deutsche Nation im Frühjahr 1848 
errungen zu haben glaubte, wurde allenthalben ein deutsches Parlament zur Ord- 
nung der Verfassimg gefordert. Daß neben den Staaten auch die Nation eine Vertre- 
tung am Bundestag haben solle, hatte E. M. Arndt schon im Jahre 1814 gefordert, 
und der Gedanke war seither immer wieder in der Pubhzistik, gelegentlich auch in 
Kammerdebatten geäußert worden. In den Märzrevolutionen der Einzelstaaten bildete 
der Ruf nach einem deutschen Parlament eine stehende Forderung. Eine Reihe von 
vo^w^egend südwestdeutschen Politikern, die am 5. März zu Heidelberg versammelt 
waren, übernahm es, die Forderimg durchzuführen, und beschloß, ein Vorparlament 
einzuberufen. Dieses Vorparlament, das vom 31. März bis zum 3. April zu Frankfurt 
tagte, bestand aus rund 500 Abgeordneten der Einzellandtage und andern Pohtikern, 
hatte also keine andere Befugnis als ein liberaler Parteitag oder einer der Gelehrtentage, 
auf denen sich in den vierziger Jahren die wissenschaftlichen und politischen Führer 
des deutschen Büi-gertums zusammengefunden hatten. Aber so stand es damals in 
Deutschland, daß diese Versammlung ein Parlament nach Frankfint berufen, die 
Grundsätze für die in den Einzelheiten den Staaten überlassene Dm-chführung der Ab- 
geordnetenwahlen (Wahlberechtigung der Volljährigen, Wahl eines Abgeordneten auf 
je 50 000 Seelen) feststellen und die Ausarbeitung der neuen deutschen Verfassung 
„einzig und allein" dieser Nationalversammlimg übertragen konnte. 

Denn es war vergebhch, wenn der Bundestag, sein altes System rasch ändernd 
und alle Ausnahmegesetze preisgebend, seit dem 1. März versuchte, an die Spitze der 
nationalen Bewegimg zu treten, Vertrauensmänner berief, um mit ihnen über eine 
Revision der Bundesverfassung zu beraten, und am 30. März die Regierungen auffor- 
derte, Wahlen für em deutsches Parlament anzuordnen. Indem er am 7. April seinen 
Beschluß, daß auf je 70 000 Bewohner ein Abgeordneter zu wählen sei, fallen Heß und 
sich der Bestimmung des Vorparlamentes fügte, bewies er schlagend, daß er die Dinge 
nicht mehr selbst leitete, sondern sich von ihnen, von den liberalen Politikern, die hin- 
ter den Märzereignissen standen, treiben Heß. Er vermochte sich darum auch neben 
dem Parlament nicht mehr zur Geltung zu bringen und gab sich selbst auf, als er am 
12. Jiüi seine Befugnisse dem vom Parlament gewählten Reichsverweser übertrug. 

Da auch die Einzelstaaten ohne Ausnahme den Beschluß des Vorparlaments an- 
erkannten, kamen die Wahlen zum Parlament fast überall zustande, und so durfte sich 
die am 18. Mai zu Frankfurt eröffnete „deutsche verfassunggebende Nationalver- 



118 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgescliichte vom 15. Jahrhundert bis zui Gegenwart 

sammluiig" (so lautete die amtliche Bezeichnung) wohl, wie ihr erster Präsident Hein- 
rich V. Gagern rühmend hervorhob, als die berufene und bevollmächtigte Vertretung 
des souveränen deutschen Volkes fühlen. Daß das Parlament in seiner persönlichen 
Zusammensetzung eine glänzende Repräsentation des damaligen Deutschland war, ist 
oft hervorgehoben worden. Von einer Aufzählung der berühmtesten Mitglieder kann 
hier abgesehen werden. Daß trotz dem radikalen Wahlrecht das besitzende und ge- 
bildete Bürgertum bei weitem das Übergewicht hatte, gestattet einen Rückschluß auf 
das Wesen der deutschen Revolution des Jahres 1848. Sie war eine durchaus politische 
Bewegung; das Bürgertum drängte gewaltsam nach dem Einfluß auf den Staat, den 
es durch seine Einsicht und seinen Wohlstand längst beanspruchen zu können glaubte. 
Sozialistische Regungen spielten nirgends eine erhebliche Rolle; auch die Republika- 
ner erwiesen sich überall, im Vorparlament, im Parlament und bei ihrer Erhebung in 
Baden während des Frühjahrs 1848 als eine Minderheit. Eine geschlossene Partei mit 
einheitlichem Programm war freilich weder das hberale Biu'gertum noch seine Ver- 
tretung im Parlament. Das lag zum Teil an dem Überreichtum von Individuahtäten, 
die sich in die Parteiorganisationen nicht einfügen wollten, zum Teil auch an dem 
Mangel an parlamentarischer Schulung, vor allem aber daran, daß die Parteien und 
Pohtiker ihre praktischen Erfahrungen im konstitutionellen Leben nur in den Mittel- 
und Kleinstaaten hatten sammeln können. Das bedeutete von Anfang an eine Gefahr 
für die Frankfurter Versammlung, und sie wurde vermehrt durch das Fehlen eines 
festen Verfassungsplanes, der den Beratungen hätte zugrunde gelegt werden können. 
Diese Gefahr war freilich von Anfang an erkannt worden. Schon im März hatte Ga- 
gern eine Verfassung entworfen, das Vorparlament hatte sich mit der gleichen Aufgabe 
beschäftigt, Dahlmann hatte im Namen der Vertrauensmänner des Bundestags einen 
Entwurf aufgestellt, aber alle diese Vorarbeiten waren an den großen objektiven 
Schwierigkeiten gescheitert, die jeder einheitlichen Verfassung Deutschlands im Wege 
standen, an dem Gegensatz zwischen der Idee der nationalen Einheit und dem Beste- 
hen der Einzelstaaten, die ja nicht bloß von den Regierungen, sondern zugleich von 
starken partikularistischen Stimmungen der Bevölkerung getragen wurden, und an 
dem Gegensatz zwischen der ersehnten machtvollen Zentralgewalt und den vorhan- 
denen beiden Großmächten mit ihrem Dualismus. 

Und man wird sagen dürfen: diese objektiven Schwierigkeiten waren so groß, 
daß sie eine Lösung der dem Parlament gestellten Aufgabe von vornherein unmöglich 
machten. Daß das Parlament die Beratungen der Verfassung durch große Reden 
lange hinausgezögert hat, bis die hoffnungsfrohe Stimmung des „Völkerfrühlings" und 
die opferbereite Revolutionsfurcht der Regierungen vorbei waren, ist nicht das Ent- 
scheidende gewesen. 

Die erste Frage, die das Parlament beschäftigte, war die nach dem Verhältnis zu 
den Einzelstaaten ; sollte das Parlament allein aus eigener Machtvollkommenheit die 
Verfassung geben oder sollte es sie mit den Staaten, den legitimen Gewalten Deutsch- 
lands, vereinbaren? Diese Frage bildete auch das früheste Kriterium für die Schei- 
dung der Parteien. Aber nur die Extremen rechts und links nahmen eine ganz klare 
und entschiedene Stellung ein; die überwiegende Mehrheit, die beiden Zentren, ge- 
dachten beides zu vereinigen, ähnhch wie auch Gagern in seiner ersten Rede dem als 
souverän und konstituierend bezeichneten Parlament die Aufgabe zugewiesen hatte, 
eine ,, Mitwirkung" am Verfassungswerk „auch den Staatenregierungen zu erwirken", 
und Gagerns die Gegensätze vertuschende Taktik behauptete sich noch bei der ersten 
großen Tat des Parlaments, bei der Einsetzung einer provisorischen Zentralgewalt; 
durch Gagerns berühmten ,, kühnen Griff" wurde Erzherzog Johann von Österreich 
ohne vorhergehende Vereinbarung mit den Einzelstaaten und dem noch zu Recht be- 



Der erste Versuch der ReichBgründung 1848 bis 1850 119 

stehenden Bundestag zum Reichsverweser gewählt, ein Mann, populär genug, daß ihm 
auch die demoki-atische Linke zustimmen konnte, und doch zugleich ein Fürst, den 
sich trotz der Form der Berufung auch die Eegierungen gefallen lassen konnten. Daß 
freüich hinter dieser vom Parlament geschaffenen Zentralgewalt keine reale Macht 
stand, das wurde von Anfang an deuthch. Der Reichsverweser und das ihm nach der 
konstitutionellen Doktrin beigeordnete verantworthche Eeichsministerium, an dessen 
Spitze zuerst Fürst Karl v. Leiningen, dann der Österreicher Schmerling, schheßhch 
Gagern stand, waren noch ohnmächtiger als der Bundestag, denn sie hatten wie dieser 
weder Soldaten noch Beamte noch Geld, und sie entbehrten außerdem des Rückhalts 
bei den Einzelstaaten. Gerade die großen Staaten weigerten sich, ihre Truppen dem 
Reichsverweser huldigen zu lassen, und das Ausland erkannte die neue Zentralgewalt 
überhaupt nicht an. 

Die Verfassungsberatung begann mit der Feststellung der „Grundrechte des 
deutschen Volkes", die noch vor dem Abschluß des ganzen Werkes am 27. Dezember 
1848 als besonderes Gesetz erlassen worden sind. Sie sollten ähnlich wie die berühm- 
ten Erklärungen der Menschenrechte in Amerika und Frankreich die unveräußerhchen 
Rechte des Lidividuums auf Freiheit und Gleichheit gegenüber jedem staathchen Ein- 
griff sichern. Sie bestimmen daher ein einheithches Eeichsbüi'gerrecht, die Aufhe- 
brmg aller Standesvorrechte, die Gleichheit aller vor dem Gesetz, den Schutz gegen 
willkürliche Verhaftung und gegen Verletzung des Briefgeheimnisses, die Freiheit der 
Presse, der Meinungsäußerung, des rehgiösen Bekenntnisses für den einzelnen wie der 
Rehgionsübung für die Kirchen, die Vereinsfreiheit u. a. Es ist natürlich leicht, an 
ihnen Kritik zu üben, sowohl im einzelnen an der Verquickung von Großem und Klei- 
nem wie im allgemeinen an der vorsichtigen Begrenzung der Befugnisse des Staates, 
■der noch gar nicht geschaffen worden war.i) Aber die Grundrechte bilden doch eine 
begreifhche und in vielem auch berechtigte Reaktion gegen die Pohzeiwülkür der Jahre 
von 1819 — 1848; und daß sie vor der eigentUchen Verfassung beraten wurden, geschah 
mehr aus praktischen als aus theoretischen Gi-ünden, Man hoffte, daß in der dadurch 
gewonnenen Zeit eine Klärung der Ansichten über die wichtigsten Verfassungsfi'agen er- 
Teicht werden könne. 

Das schien ja auch der FaU zu sein. Verhältnismäßig leicht gelang bei der ersten 
Lesung der Verfassung zu Ende Oktober die Annahme der grundlegenden Paragraphen 
2 und 3, die die Verbindung von deutschem Land mit nichtdeutschen Staaten nm- in 
der lockeren Form der Personalunion gestatteten und die unbedingte VerbindHchkeit 
der Reichsverfassung in allen deutschen Ländern aussprachen. Damit schien das Ver- 
hältnis zu Österreich geordnet zu sein. Dann ging die Verfassungsberatung weiter. 
Da an eine Abschaffung oder Verminderung der Einzelstaaten, wie sie namentlich die 
im Jahre 1806 mediatisierten Herren anregten, nicht zu denken war, mußte ein Bun- 
desstaat konstruiert werden, für den die amerikanische Union ein Vorbild darbot. 
GlückUch geregelt — und deshalb in der Hauptsache in den Verfassungen des nord- 
deutschen Bundes und des deutschen Reiches nachgeahmt — wurde die Verteilung der 
Kompetenzen zwischen der Gesamtheit und den Einzelstaaten. Das Reich erhielt die 
ausschheßhche Vertretung gegenüber dem Ausland, das Recht über Krieg und Frieden, 
die Verfügung über die Wehrkraft, von der das Heerwesen wenigstens den größeren 
Einzelstaaten unter der Aufsicht des Reiches belassen wurde, während die Begründung 
einer Kriegsmarine allein dem Reiche vorbehalten bheb. Das Reich übernahm ferner 
die Oberaufsicht über das Verkehrswesen (Schiffahrt, Eisenbahn, Post), die Gesetz- 
gebung über das ZoUwesen, Handel, Münze, Maß- und Gewichtssystem, endUch die 

1) Vgl. G. Jelltnek, Die Entstehung der modernen Staatsidee (Schriften und Reden, 
Bd. II, 1911), S. 52f. 



120 ^- Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte Tom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Herstellung der Eechtseinheit in Deutschland. Es sollte die Kosten aller dieser Auf- 
gaben aus eigenen Mitteln decken und bekam zu diesem Zweck die Erträge der Zölle 
und der gemeinsamen Verbrauchssteuern zugewiesen; wenn diese Eimiahmen nicht 
ausreichten, sollten Matrikularbeiträge erhoben werden, während Reichssteuern und 
Anleihen nur in außerordentlichen Fällen zulässig sein sollten.^) Die Entwicklungsfähig- 
keit des Reiches wurde durch den § 63 gesichert, der die Reichsgewalt ermächtigte, auf dem 
Wege der Verfassungsgesetzgebung den Kreis der gemeinsamen Einrichtungen zu erwei- 
tern.^) Weniger Beifall verdient die Organisation, die demReiche gegeben wtirde ; sie war 
eine rein theoretische Konstruktion. Das Reich erhielt eine Zentralgewalt , an deren Spitze 
ein Fürst mit dem Titel Kaiser stehen sollte. Bei der Ausübung seiner Funktionen war 
dieser Kaiser streng konstitutionell an die Mitwirkung verantwortlicher Reichsminister 
gebunden. Der Schwerpunkt der Reichsgewalt ruhte nach der Absicht der Verfassung 
bei dem Parlament, dem Reichstag, und hier bei dem Volkshaus, das nach allgemeinem, 
gleichem und direktem Wahlrecht gewählt werden und dessen Mitgliederzahl nach dem 
Muster des amerikanischen Repräsentantenhauses der jeweiligen Bevölkerungszahl 
entsprechen soUte. Die Staaten erhielten ihre Vertretung im Staatenhaus ; dessen Or- 
ganisation unterschied sich von der des amerikanischen Senats dadurch, daß auf die 
großen Machtunterschiede der deutschen Staaten in der Stimmenverteilung Rück- 
sicht genommen wurde und von den 192 Mitgliedern Preußen 40, Österreich 38, die 
kleinen Staaten aber nur je eines zu wählen hatten, ferner dadurch, daß der Selbstän- 
digkeit der deutschen Regierungen gegenüber ihren Untertanen entsprechend die Ab- 
geordneten des Staatenhauses nicht einheitlich vom Volke, sondern zur Hälfte von den 
Regierungen, zur Hälfte von den einzelstaathchen Parlamenten gewählt werden sollten. 

Die schwersten Mängel dieser Konstruktion sind erstens die Stellung der Zen- 
tralgewalt, die von den realen Mächten Deutschlands, den Staaten, völlig abgelöst 
wurde, da der Kaiser durch die konstitutionelle Bindung im Reich und seinem beson- 
deren Staate verhindert wurde, seiner kaiserlichen Gewalt in den Mitteln seines Staa- 
tes eine feste Grundlage zu geben, zweitens die geflissentliche Beiseiteschiebung der 
einzelstaatlichen Regierungen; ein beratender Reichsrat, der in der zweiten Lesung 
noch gestrichen wurde, imd die Ernennung der Hälfte der Mitglieder des Staatenhauses 
ohne das Recht, diese dauernd zu instruieren, das war der einzige Anteil an der Reichs- 
regierung, der den Einzelstaaten zugebilhgt wurde. 

Es ist darum begreiflich, daß die Staaten gegen den Verfassungsentwurf des Par- 
laments Einspruch erhoben, sobald im Januar 1849 die erste Lesung beendet war. 
Aber nur Preußen, dem sich 27 Kleinstaaten anschlössen, nahm in einer Note vom 
23. Februar 1849 den Entwurf des Parlaments zur Grundlage und begnügte sich mit 
dem Verlangen nach Abänderung einzelner Bestimmungen. Die Mittelstaaten fühlten 
sich zu groß und zu selbständig, als daß sie sich einem Kaiser hätten unterordnen wol- 
len; sie verwahrten sich gegen den Grundgedanken der Frankfurter Verfassung, die 
Übertragung der Zentralgewalt an eine einzige Dynastie, und forderten ein Dii-ekto- 
rium. Aber die Entscheidung lag nicht bei ihnen, sondern bei Österreich. Es hatte 
schon zu Beginn des Jahres 1849 gegen die Errichtung eines Einheitsstaates protestiert, 
da ihm auf diese Weise die Beteiligung am deutschen Leben unmöglich gemacht werde. 
Es fand damit Anklang bei den Mittelstaaten, die in der Fortdauer des Duahsmus eine 
Garantie der eigenen Selbständigkeit sahen, und bei einem großen Teile des Parla- 

1) Diese Fassung ist erst in der zweiten Lesung festgestellt worden (§§ 50/51); die entspre- 
chenden §§ 49/50 der ersten Lesung geben der Reichsgewalt das Recht, soweit die Eink ü n f te nicht 
ausreichen, Reichssteuem aufzulegen und Matrikularbeiträge aufzunehmen, in außerordenthchen 
Fällen auch Anleihen zu machen. 

2) Auch diese Bestimmung lautet in der ersten Lesung (§ 58) insofern anders, als statt der 
Verfassungsgesetzgebung die Zweidrittelmehrheit gefordert wird. 



Der erste Versuch der ReichegründuBg 1848 bis 1850 121 

ments. Die Frage des Verhältnisses zu Österreich wurde in den ersten Monaten des 
Jahres 1849 zur eigenthch entscheidenden für die Parteibildung. Während die Erb- 
kaiserlichen oder, wie die Gegner sie nannten, die Kleindeutschen, für einen Einheits- 
staat mit einem erblichen, dem preußischen Könige zustehenden Kaisertum eintraten, 
verlangten die Großdeutschen eine Umgestaltung der Verfassung, damit Österreich 
in Deutschland verbleiben könne. Auf ihrer Seite standen nicht allein die Österreicher 
und die Katholiken, die ein preußisches und protestantisches Kaisertum nicht wünsch- 
ten, sondern auch Männer wie Uhland und Welcker, die sich mehr von romantischen 
Erinnerungen und gefühlvollen Erwägungen als von politischer Einsicht leiten heßen, 
die noch immer Arndts Formel „Das ganze Deutschland soll es sein" für eine Lösung 
der deutschen Frage ansahen. Aber Österreich selbst machte einen Sieg der Groß- 
deutscheu unmöghch, da sein Ministerpräsident Fürst Schwarzenberg am 4. März 1849 
den konstituierenden österreichischen Eeichstag auflöste, eine einheithche Verfassung 
für ganz Österreich mit Einschluß der ungarischen und itahenischen Besitzungen ok- 
troyierte und unter Verwerfung des Frankfurter Verfassimgsentwurfs für dieses ganze 
Österreich Raum in Deutschland beanspruchte. Nunmehr ging unter Welckers Füh- 
rung ein Teil der Großdeutschen auf die Seite der Erbkaiserhchen über. Aber diese 
konnten auch jetzt nur dann durchdringen, wenn sie die demokratische Linke für sich 
gewannen, und die Linke machte ihre Zustimmung zu dem Erbkaisertum, über das in 
der ersten Lesung keine Einigung erzielt worden war, von konstitutionellen Zugeständ- 
nissen, der Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts zum Volks- 
hause und der Beseitigung des absoluten Vetos des Kaisers selbst bei Verfassungs- 
änderungen abhängig. Die Forderungen der Regierungen, auch Preußens und seiner Ge- 
folgschaft, wurden nicht berücksichtigt; ja ein Teil der Erbkaiserlichen mußte sich 
schriftlich verpflichten, auch künftig gegen jede Änderung der Verfassung im Sume 
der Regierungen zu stimmen. Auch so war die Mehrheit, mit der am 27. März das Erb- 
kaisertum angenommen wm'de, verschwindend klein, 267 gegen 263 Stimmen; am 
folgenden Tage wurde Friedrich Wilhelm IV. einstimmig mit 290 Stimmen zum deut- 
schen Kaiser gewählt, 248 Gegner des preußischen Erbkaisertums enthielten sich der 
Wahl. 

Aber König Friedrich Wilhelm versagte sich der Aufforderimg, die das Parlament 
an ihn ergehen heß, weü er die Grundlage des Parlaments und seiner Verfassung, die 
Volkssouveränität, verabscheute.^) Die Nationalversammlung besaß, wie sie seit dem 
Sommer 1848 immer wieder hatte fühlen müssen und auch jetzt zu fühlen bekam, kei- 
nerlei Macht, Preußen oder einen andern Staat zm- Unterwerfung unter die Verfassung 
zu zwingen, wenn sie nicht alle revolutionären Gewalten aufrufen wollte. Die über- 
wiegende Mehrzahl der Abgeordneten lehnte diese Gewaltmittel ab und schied, manche 
auch auf Aufforderung ihrer Regierungen, resigniert aus dem Parlament aus. Nur et- 
wa hundert versuchten es, das Prinzip der Volkssouveränität gegen die Regierungen 
durchzusetzen und als ,, Rumpfparlament" von Stuttgart aus eine Volksbewaffnung 
zu organisieren, bis auch sie am 18. Juni 1849 durch das energische Einschreiten der 
württembergischen Regierung gezwungen wurden, ihre Sitzungen einzustellen. Auch 
die Aufstände, die im Mai in Sachsen, Baden und der Pfalz ausgebrochen waren, konn- 
ten an dem Ergebnis nichts mehr ändern, daß die deutsche Nation bei ihrem Versuch, 
allein aus eigener Kraft sich einen Staat zu schaffen, an den realen Mächten, den Ein- 
zelstaaten, gescheitert war. 

Es schien freihch im Sommer 1849, als sei noch nicht alles verloren. Das Recht 
des deutschen Volkes auf eine Verbesserung seiner Verfassung hatte König Friedrich 
Wilhelm IV. von Preußen schon vor der Revolution anerkannt, und er unternahm es 

1) Zum einzelnen vgl. jetzt Meinecke, Radowitz, S. 218. 



122 F- Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

jetzt nach dem Zusammenbruch des Frankfurter Werkes, beraten wiederum von Ea- 
dowitz, das legitime Eecht des Bundes und der Staaten mit den Wünschen der Nation 
auszugleichen und die deutsche Einheit mit einer sowohl die populären Stimmungen 
befriedigenden wie den monarchischen und einzelstaatlichen Interessen entsprechen- 
den Verfassung durch eine freiwillige Vereinigung der deutschen Staaten herzustellen. 
Deshalb wurde den Verhandlungen die Frankfiu-ter Verfassung zugrunde gelegt. Ge- 
ändert wurde nur, was allzu radikal oder allzu unitarisch erschien. An die Stelle des 
allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts sollte ein indirektes Klassenwahlrecht 
unter Ausschluß aller nicht selbständigen, d. h. keine direkte Steuer zahlenden Be- 
wohner treten. Auch das unbedingte Gesetzgebungsrecht des Reichstags wurde durch 
ein absolutes Veto der Reichsgewalt beschränkt. Die Reichsgewalt wurde nicht einem 
Erbkaiser, sondern der Krone Preußen als Reichsvorstand in Gemeinschaft mit 
einem Fürstenkollegium übertragen. Eine stärkere Abhängigkeit des Reiches von den 
Einzelstaaten lag auch darin, daß das Reich keine eigenen Einnahmen erhielt, viel- 
mehr auf Matrikularbeiträge der Eiuzelstaaten, für außerordentliche Fälle auf An- 
leihen angewiesen wurde; ferner wurde ihm das Recht, den Kreis seiner eigenen Ein- 
richtungen zu erweitern, versagt. 

Die öffentliche Meinung nahm den preußischen Plan sehr kühl auf ; nur ein Teü 
der alten erbkaiserliehen Partei, im Juni 1849 zu Gotha versammelt und seither als 
,, Gothaer" bezeichnet, beschloß dafür einzutreten. Auch die Staaten schlössen sich 
nur ungern an Preußen an, Bayern blieb dauernd fern, Hannover und Sachsen mach- 
ten Vorbehalte. Trotzdem wäre Preußen in der Lage gewesen, seinen Plan durchzu- 
setzen, solange Österreich mühsam um seine Existenz gegen die Revolution kämpfte. 
Daß diese Zeit nicht benutzt wurde, um das Reich herzustellen und die widerstrebenden 
Einzelstaaten zum Anschluß zu zwingen, ist das Verhängnis für die preußische Unions- 
politik geworden. Sobald Österreich die Hände frei hatte, erhob es Widerspruch, und 
vor diesem Widerspruch wich Preußen in der Olmützer Konvention vom 28. Novem- 
ber 1850 zurück. Damit war auch dieser Einigungsversuch gescheitert. Er hatte den 
einen Fehler des Frankfurter Parlaments, die Vernachlässigung der Einzelstaaten, 
vermieden, aber er hatte die Machtverhältnisse, nicht allein die Unerläßlichkeit des 
Zwangs gegen die Staaten, sondern auch den Duahsmus und ganz allgemein die Hal- 
tung der großen Mächte übersehen. Diese alle standen hinter Österreich gegen Preu- 
ßen, gegen die Union, gegen die deutsche Einigung, die eben nicht bloß eine Frage des 
deutschen Verfassungsrechts, sondern zugleich im höchsten Maße eine Frage der euro- 
päischen Politik war. Daß sie das verkannt hat, ist der Fehler der ganzen deutschen 
Einheitsbewegung der Jahre 1848 und 1849 ; sie war ideologisch, statt mit den realen 
Mächten zu rechnen. 

§ 35. Das Ende des deutschen Bundes 1851 bis 1866 

Quelle: Preußen im Bundestag 1851 — 1859, Dokumente der kgl. preuß. Bundestagsge- 
sandtschaft, hersg. von H. v. Poschinoee (4 Bde., 1882/84). Mit dem Jahre 1860 beginnt die über- 
siohtUche jährliche Zusammenstellung der wichtigsten Ereignisse usw. im Europäischen Geschichts- 
kalender, hersg. von H. Schulthess, mit 1861 die Sammlung der wichtigsten amtlichen Aktenstücke 
im Staatsarchiv, hersg. von L. K. Äqidi und A. Kladhold. 

Literatur: P. Baillett, Der Prinzregent und die Reform der deutschen Kriegsverfassung 
(HZ., Bd. 78, 1897). H. Fkiedjuno, Der Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland 1859—1866 
(Bd. I, 1897, 9. Aufl. 1913). K. Klüpfel s. oben S. 117. H. v. Sybel, Die Begründung des deutschen 
Reichs durch WOhelm I., Bd. II— IV. 

Nachdem die Errichtung eines deutschen Bundesstaates nicht geglückt war, ver- 
suchten die deutschen Regiermigen unter Österreichs Leitung auf den Dresdener Kon- 
ferenzen des Winters 1850/51 wenigstens die Bundesverfassung zu verbessern. Aber 
jede Reform scheiterte auch jetzt am Dualismus, so bheb nichts anderes übrig, als zum 



Das Ende des deutschen Bundes J23 

alten Bundestag zurückzukehren. Dieser nahm im Sommer 1851 seine Tätigkeit in 
der alten Weise wieder auf. Zwar hütete er sich vor allzu gehässigen Maßregeln nach 
Art der Karlsbader Beschlüsse, aber den Errungenschaften des Jahres 1848, den Grund- 
rechten, der Preßfreiheit und der Flotte machte er, soweit es in seiner Macht stand, ein 
Ende, auch setzte er einen besonderen „Eeaktionsausschuß" ein, um das konstitutio- 
nelle Loben der Einzelstaaten wieder in die engen Grenzen einzuschließen, die allein 
mit den „Grundsätzen des Bundes" vereinbar sein sollten. Aber zu positiven Leistun- 
gen, zu einer Ausgestaltung der Bundesverfassung war er noch weniger als früher im- 
stande, seitdem der Dualismus allenthalben als ein Machtgegensatz erkannt war, seit- 
dem Preußen in Bismarck einen Vertreter gefunden hatte, der jede Erweiterung der 
Präsidialgewalt Österreichs und der Bundesgewalt überhaupt, zumal jede Majorisie- 
rung Preußens energisch zurückwies. Diese Konstellation, durch die die ganze Bun- 
desverfassung zu einem Objekt in dem pohtischen Ringen zwischen Österreich und 
Preußen gemacht wurde, erschien den leitenden Ministern von Bayern und Sachsen, 
v. d. Pfordten und v. Beust, geeignet zu einem neuen Versuche, die Mittel- und Klein- 
staaten, das reine Deutschland, als eine dritte Partei zu organisieren und mit ihnen 
zwischen den Großmächten selbständige Pohtik zu treiben. Aber auch die Triaspohtik 
des 19. Jhs. litt unter dem alten Verhängnis der deutschen Kleinstaaterei und ihrer 
Organisationsbestrebungen, an der Überschätzung der Stimmenzahl, durch die sie frei- 
lich das Zünglein an der Wage zwischen Österreich und Preußen bilden konnte, an der 
Unterschätzung des entscheidenden Gewichtes der realen Machtverhältnisse. So ver- 
mochten die „Bamberger" und ,, Würzburger", wie sie nach dem Orte ihrer gelegent- 
lichen Konferenzen genannt wurden, niemals eine Rolle zu spielen. Während des Krim- 
krieges läßt sich von einer österreichischen und einer j^reußischen, nicht aber von einer 
deutschen Politik sprechen. Und noch deutlicher lehrte das Jahr 1859, daß die Bun- 
desverfassung, indem sie die beiden deutschen Großmächte zu umschließen versuchte, 
Deutschlands Ki'äfte nicht einigte, sondern lähmte. 

Die während des Krieges von 1859 von neuem erwiesene Unhaltbarkeit der be- 
stehenden Verfassung, die Gefahr, daß Deutschland wehrlos jeder europäischen Krisis 
preisgegeben sei, bewog noch einmal die Nation und die Einzelstaaten, sich um eine 
Reform der Bundesverfassung zu bemühen. Von neuem nahm sich die öffentliche Mei- 
nung, die liberale Partei, der deutschen Einigung an ; nach itahenischem Muster wurde 
im Herbst 1859 zu Frankfurt ein Nationalverein i) gegründet, um mit allen gesetz- 
hchen Mitteln auf die Herstellung einer einheitlichen Zentralgewalt und eines deutschen 
Parlamentes zu wirken. Aber er übernahm die Erbschaft der Jahre 1848 und 1849 lei- 
der vollständig mit allen ihren Unklarheiten ; gerade die entscheidende Frage, welche 
der beiden Großmächte an die Spitze Deutschlands treten soUe, ließ er offen, um die 
Süddeutschen nicht vor den Kopf zu stoßen. So erwarb sich der Verein mit seinen Pro- 
grammen, Versammlungen und Reden ebenso wie die vielen Turner-, Schützen- und 
Sängerfeste der sechziger Jahre wohl das Verdienst, die nationale Bewegung von 
neuem zu beleben ; aber er vermochte nicht, das Problem der deutschen Einigung sei- 
ner Lösung näher zu bringen. 

Auch die Regierungen erneuerten die Versuche, die Bundesverfassung den An- 
forderungen der Zeit gemäß umzugestalten. Aber alle ihre Vorschläge, mochten sie 
sich bloß auf die Bundeskriegsverfassung beziehen oder allgemeiner darauf ausgehen, 
den Bundestag durch Angliederung von Delegationen aus den Landtagen der Einzel- 
staaten populärer und leistungsfähiger zu machen, mußten fruchtlos bleiben, weil auch 
sie die alten Fehler wiederholten und an der längst als unverbesserlich erkannten 
Grrmdlage d es Bundes, der Souveränität aller Staaten und der gleichmäßigen Zuge- 

1) Z. G. des Nationalvereins vgl. H. Oncken, Rudolf v. Bennigsen (Bd. I, 1910). 



124 ^- Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

hörigkeit Österreichs und Preußens zum Bunde festhielten. Preußens Vorschlag vom 
20. Dezember 1861, innerhalb des Bundes einen engeren, jene Mängel vermeidenden 
Bundesstaat zu errichten, wurde von der überwiegenden Mehrheit abgelehnt; aber 
ebenso wenig gelang es Österreich, auf dem Frankfurter Fürstentag des Jahres 1863 
eine Reform gegen den Willen Preußens durchzusetzen. 

Das alles bewies, daß der deutsche Bund von innen heraus, aus der Idee der Ein- 
heit, überhaupt nicht reformiert werden koimte. Er hielt zusammen, solange Öster- 
reich und Preußen im Frieden lebten ; aber er war, wie der Verlauf der schleswig-hol- 
steinischen Frage von neuem zeigte, zu jeder selbständigen Politik unfähig. Als der 
Dualismus sich zum offenen Konflikt zwischen Österreich und Preußen erweiterte, 
brach der Bund auseinander. Er mußte hüflos zusehen, wie seine mächtigsten Glieder 
gegeneinander rüsteten und die Bundesverfassung gegeneinander ausspielten, wie 
Preußen am 9. April 1866 die Einberufung eines deutschen Parlamentes beantragte, um 
dadurch Österreich aus dem Bunde zu drängen, wie Österreich am 11. Juni die Mobil- 
machung des Bundesheeres gegen Preußen forderte. So war der Bund tatsächlich 
schon tot, als die Annahme des Mobilmachungsantrags am 14. Juni Preußen zu der 
Erklärung veranlaßte, daß der Bund erloschen sei. Der Ivrieg bestätigte dieses Ergeb- 
nis. Im Prager Frieden erkannte Österreich die Auflösung des Bundes an, am 24. Au- 
gust hielt der Rest des Bundestags, der sich nach Augsburg begeben hatte, seine letzte 
Sitzung. Damit war Raum geschaffen für ein neues Bundes Verhältnis. 

Neuntes Kapitel: Die Mittel- und Kleinstaaten von 1806 bis 1871 

Die Quellensammlungen zur Verfassungsgesohichte der Einzelstaaten s. oben S. 108. An 
Darstellungen sind wenigstens für die größeren Territorien die allgemeinen „Deutschen Geschich- 
ten", insbesondere Trbitschke zu nennen. Femer sei auf die für das 19. Jh. meist ausreichenden 
historischen Ülöersichten in den Bearbeitungen des Staatsrechts verwiesen, z. B. H. Marqtjardsen, 
Hb. des öffentlichen Rechts der Gegenwart in Monographien (1883 ff., für alle Staaten vollständig); 
von der unter dem Titel „Das öffentliche Recht der Gegenwart" von G. Jellikek, P. Laband und 
R. PiLOTYseit 1907 herausgegebenen neuen Ausgabe liegen vor: Baden von E. Walz (1909), Braun- 
schweig von A. Rhamm (1908), Bayern von R. Piloty (1913), Hessen von W. van Calkbe (1913), 
Oldenburg von W. Schückxng (1911), Sachsen von O. Mayer (1909), Württemberg von K.Göz (1908). 

Vergleichende Betrachtungen über die Verfassungen bieten mehrere Greifswalder Disser- 
tationen: E. Elsholz, Die Menschen- und Bürgerrechte in den deutschen Verfassungen von 1832 
bis 1841 (1913). R. Franke, Die gesetzgebenden Körperschaften in den Verfassungen der Rhein- 
bundstaaten und der deutschen Bundesstaaten von 1806 — -1820 (1912). G. Thimm, Die Menschen- 
und Bürgerrechte in ihrem Übergang von den franz. Verfassungen zu den deutschen bis 1831 
(1905). K. UsEE, Der Einfluß der franz. Verfassungen auf die deutschen Verfassungsurkunden 
der Jahre 1806 — 1820 (1910). H. Vincent, Die Entstehung und Bedeutung der ersten Kammer in 
modernen europäischen Verfassungen bis zur JuUrevolution von 1830 (1911). R. Weigel, Entwicklung 
und Wesen des Militärhoheitsrechts in europäischen Verfassungen von 1791- — 1850 (1911). 

An Bearbeitungen der Verfassungsgeschichte einzelner Staaten sind zu nennen: Für Baden: 
F. V. Weech, G. d. bad. Verfassung (1868). Für Bayern: H. Schneider, Die Verfassungsgesetze 
und verfassungändernden Gesetze in Bayern seit 1818 (Erlanger jur. Diss. 1903). Für Braunschweig: 
A. Rhamm, Umriß d. Braunschweig. Vfg. (1906; Sonderabdruck der Einleitung seiner „Verfassungs- 
gesetze des Herzogtums Braunschweig"). Für Hannover außer E. v. Meier (oben S. 2) auch W. 
V. Hassell, G. des Königreichs Hannover 1813—1866 (3 Bde., 1898/1901). Für Sachsen- Weimar: 
H. Ortloff, Die Verfassungsentwicklung im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenaeh (1907). 
Für Württemberg: Fbicker-Gessler und Wentteblin (oben S. 2). 

§ 36. Die Zeit des Rheinbundes 

Hauptquelle: A. Winkopp, D. rhein. Bund (Z., 23 Bde., 1806/13). 

Allgemeine Literatur: C. Th. Perthes, Politische Zustände und Personen in Deutschland 
zur Zeit der franz. Herrschaft (1861). J. Hashaoen, Das Rheinland und d. franz. Herrschaft, 
Beiträge zur Charakteristik ihres Gegensatzes (1908). Für die einzelnen Staaten: Baden: W. An- 
dreas, G. d. bad. Verwaltungsorganisation, Bd. I, 1913, der Aufbau des Staates im Zusammenhang 
der allgemeinen Politik (vgl. auch seine Aufsätze ZGORh., NF., Bd. XXIVff.). Bayern: M. Doeberi., 
Entwicklungsg. Bayerns, Bd. II (1912), S. 381ff. Graf M. J. v. Montqelas, Denkwürdigkeiten 
über die Innere Staatsverwaltung Bayerns 1799 — 1817, hersg. von G. Lattbmann und M. Doeberl 
(mit Einleitung über die Entstehung des modernen Staates in Bayern), 1908. Berg: Ch. Schmidt, 
Le Grand-Duche de Berg 1806 — 1813 (1906). Frankfurt: P. Dabmstaedter, Das Großherzogtum 



Die Mittel- und Kleinstaaten. Zeit des Rheinbundes 125 

Frankfurt (1901). Mainz: F. Uslnger, Das Bistum Mainz unter franz. Herrschaft (1912). Nassau: 
A. Merker, Die Steuerreform im Herzogtum Nassau 1806 — 1814 (Ann. d. Ver. f. nassauische Alter- 
tumskunde Bd. 37, 1908). Sachsen: R. Meyer, D. Sachs. Landtag von 1811 (1912). Salm: H. Dicke, 
Die Gesetzgebung und Verwaltung im Fürstentum Sakn 1802- — 1810 (1912). Westfalen: R. Goecke, 
Das Königreich Westfalen (1888). F. Thimme, Die inneren Zustände des Kurfürstentums Haimover 
1806 — 1813 (2 Bde., 1893/95). Württemberg: A. Pfister, König Friedrich von Württemberg und 
seine Zeit (1888). 

Der äußeren Umgestaltung der deutschen Staatenwelt in der Revolutionszeit 
entspricht eine Umbildung der inneren Staatsverfassung. Von ihr bUeben die Staaten 
im wesentlichen unberührt, die in ihrem territorialen Bestände keine Veränderungen 
erhtten, das Kurfürstentum, nunmehr Königreich Sachsen, ilecklenbm-g, die nord- 
deutschen Kleinstaaten. Zwar stagnierte auch bei ihnen die Entwicklung nicht ganz ; 
außer in Anhalt-Köthen, wo Füi'st August Christian Friedrich glaubte, nichts Besseres 
tun zu können, als die napoleonischen Eimichtungen einzuführen, war auch in den 
andern Staaten eine Anpassung der alten, mit dem Heihgen Eeiche und seinen Insti- 
tutionen rechnenden Verfassungen notwendig, aber zu einer Umwälzung der ganzen 
bisherigen Organisation war nu'gends Anlaß. Das übrige deutsche Gebiet zerfällt — • 
von Preußen und dem während des 19. Jhs. auch in der inneren Entwicklung aus 
Deutschland herauswachsenden Österreich abgesehen — in drei deuthch geschie- 
dene Gruppen. 

Die eine umfaßt das Gebiet der unmittelbaren fi-auzösischen Herrschaft; hier 
sind die französischen Gesetze und die französische Verwaltungsordnung wie in Frank- 
reich eingeführt worden und, wo sie lange genug in Ivi'aft geblieben sind wie auf dem 
bereits während der neunziger Jahre französisch organisierten linken Eheinufer, haben 
sie so festen Fuß gefaßt, daß sie nach 1815 nicht mehr beseitigt werden konnten. Die 
soziale Ordnung, zumal die Aufhebimg der Vorrechte des Adels, die Gemeindeverwal- 
tung, die Gerichtsverfassung mit dem öffenthchen und mündhchen Verfahren und den 
Schwurgerichten behauptete sich dauernd; auch der Code Napoleon bheb bis zum 
1. Januar 1900 das gültige Eecht. 

Die zweite Gruppe besteht aus den vorübergehenden Staatsbüdungen Napo- 
leons, dem Königreich Westfalen und den Großherzogtümern Berg und Frankfurt. 
Deren iimere Entwicklung kann hier nicht besprochen werden, so interessant sie auch 
ist und so große Bedeutung namentHch Westfalen für die Vermittlung der fi-anzösi- 
schen Gedanken an die andern deutschen Staaten, auch Preußen, gehabt hat. Denn 
bleibende Whkungen haben diese stets als Fremdherrschaft empfundenen Eegierun- 
gen nicht erzielt, weil ilire ganze Eeformtätigkeit sich in der Hauptsache mit der Fest- 
setzung allgemeiner Normen begnügen mußte, zur- Durchführung im einzelnen aber 
schon wegen der Kurzlebigkeit dieser napoleonischen Schöpfungen und wegen der 
vielen Störungen durch die Iviiege nicht mehr gelangte ; deshalb ist hier im Gegensatz 
zu dem Gebiet der ersten Gruppe nach 1815 eine Eeaktion noch durchaus möghch 
gewesen. 

Umso folgenreicher war die Eeformtätigkeit in den rein deutschen Staaten in 
Süd- und Südwestdeutschland, m Bayern, Württemberg, Baden, Hessen-Darmstadt 
und Nassau. Alle diese Länder hatten bis zum Ende des 18. Jhs. noch dm-chaus den 
Charakter des deutschen Territorialstaats der guten alten Zeit getragen ; auch die Ee- 
volutionszeit hatte das behaghche Stilleben zunächst keineswegs erschüttert. Aber 
die große Umwälzung Deutschlands m den Jahren 1803 und 1806 fügte überall den 
namengebenden Territorien eine Eeihe neuer und meist wesensfremder Gebiete hinzu. 
Das katholische Bayern erhielt Franken, die protestantische Eeichsstadt Nüi-nberg, 
die althohenzollernschen Markgrafschaften Ansbach und BajTeuth, die nicht nach der 
Donau, sondern nach dem Main und Rhein gravitierenden Bistümer Bamberg und 
Würzbm-g. Zu dem bürgerUch-protestantischen Württemberg trat altadhges und in 



126 ^- Härtung: Deutsche Verfasaungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Oberschwaben auch viel kathohsches, ehemals geistliches oder habsburgisches Gebiet. 
Ähnhch ging es auch den andern Staaten. Und zwar waren fast überall infolge der 
willkürlichen Länderverteilung des Beichsdeputationshauptschlusses die alten Terri- 
torialzusammenhänge derart auseinander gerissen worden, daß die früher übhche Art 
der Anghederung neuer Erwerbungen in der Form der Personalunion unter Erhaltung 
der alten Behörden- und Landesverfassungen nicht möglich war. In dieser Länderge- 
staltung lag für alle diese Staaten ein unabweisbarer Zwang zur gründhchen Reform, 
die fast einem Neuaufbau des Staates gleichkam. Als Vorbild diente allenthalben das 
napoleonische Frankreich, und zwar mit Hecht. Demi es entsprach nicht bloß der po- 
htischen Abhängigkeit, sondern für diese trotz ihren alten Namen und alten Dyna- 
stien doch durchaus unhistorischen Gebilde, die aus Trümmern mannigfaltiger Herr- 
schaften verschiedensten Charakters erst zu einheitlichen Staaten zusammengefügt 
werden sollten, paßte der unhistorische Zug des revolutionären Frankreich, die rück- 
sichtslose Vernichtung aller alten Sonderrechte, der Neuaufbau nach allgemeinen 
Grundsätzen der Einheithchkeit und Gleichförmigkeit. Auch die unbedingte Befehls- 
gewalt, mit der nach napoleonischem Muster alles von oben herab dekretiert wurde, 
war unerläßlich, um die Widerstände zu überwinden, die von den ihrer Selbständigkeit 
beraubten, aber trotz aller Lebensunfähigkeit doch sich daran klammernden Zwerg- 
staaten, den Grafen, Herren, Rittern und Städten und von den vielen alten Korpora- 
tionen ausgingen. Mit gutem Grund sahen alle diese Staaten von der Einrichtung einer 
Volksvertretung selbst in der bescheidenen Form der napoleonischen Körperschaften 
ab; auch in Bayern trat die Nationalrepräsentation, die in der Verfassung vom 1. Mai 
1808 verheißen worden war, nicht ins Leben. Die Regierungsweise war über- 
all ganz absolutistisch, und zwar bestand in Württemberg ein monarchischer Absolu- 
tismus unter König Friedrich, in den andern Staaten dagegen traten die Persönlich- 
keiten der Herrscher in den Hintergrund vor ihren leitenden Ministem, Montgelas in 
Bayern, Brauer in Baden, Marschall in Nassau. Der Rechtstitel, auf den sich dieser 
Absolutismus berief, war die Souveränität; sie wurde wie einst im Preußen Friedrich 
Wilhelms I. nicht allein als die Beseitigung einer fremden Oberhoheit, hier der des 
Reiches, sondern zugleich als das unbedingte Herrschaftsrecht im Innern des Staates 
aufgefaßt und, je weniger sie in der auswärtigen Politik bei dem Übergewicht Frank- 
reichs zur Geltung gebracht werden komite, desto energischer den Untertanen gegen- 
über angewendet. 

So wurde allenthalben auf Grund „der erlangten Souveränität" oder „aus un- 
umschränkter Machtvollkommenheit" im Interesse der Gleichförmigkeit die „gotisch 
überladene Burg" der alten territorialen Staatsverfassungen, die Vielheit von be- 
sonderen Ordnungen und Rechten der einzelnen Landesteile beseitigt und die letzten 
Reste von ständischen Eüirichtungen, auch die altehrwürdige kampferprobte württem- 
bergische Landschaft aufgehoben; und überall wurden die alten und neuen Gebiete 
ohne Rücksicht auf ihre bisherige Rechtsstellmig zur Dynastie zu einem einheithchen 
Staate zusammengefaßt. Damit war der Boden frei gemacht für eine gründhche Re- 
form an Haupt und Gliedern. Dem neuen Souveränitätsbegriff entsprechend wurde 
mit der patrimonialen Staatsauffassung grundsätzHch gebrochen. Der Staat mit seiner 
Verwaltung wurde getrennt vom Hofe und dessen Verwaltung ; zur deuthchen Unter- 
scheidung der fürstlichen Regierungsakte von den Handlungen, die der Fürst als Pri- 
vatmann oder Famihenoberhaupt vollzog, wurde für jene die Gegenzeichnung durch 
einen Minister übhch. In Bayern wurde bereits eine von den Hausgesetzen durchaus 
unterschiedene Staatsverfassung erlassen. Auch die ganze Regierungsweise änderte 
sich. An die Stelle der aus dem alten Rate herausgewachsenen Kollegialbehörden trat 
das fi-anzösisch-westfälische System der Regierung durch die Minister. Denn der 



Die Mittel- und Kleinstaaten. Zeit des Rheinbundes 127 

Staatsrat, der in fast allen diesen Staaten eingerichtet wurde, war keine Verwaltungs- 
behörde, überhaupt keine Weiterbildung des alten Geheimen Kates, sondern eine neu- 
modische Schöpfung nach französischem Muster; er bestand aus den Ministern und 
besonders ernannten Staatsräten und hatte sich nur mit der Gesetzgebimg, der An- 
ordnung allgemeiner Grundsätze für die Verwaltung und mit den Verwaltungsstreit- 
sachen zu befassen. Die laufende Verwaltung dagegen besorgten Fachministerien, die 
ganz biureaukratisch organisiert waren. Auch die Lokalverwaltung wm-de von Grund 
aus neu gestaltet ; die alten Bezirke wurden beseitigt und durch neue ersetzt, die unter 
absichtUcher Verwischung der alten landschafthchen Grenzen bloß nach geographi- 
schen Gesichtspunkten eingeteilt und wie in Frankreich nur nach geographischen, 
nicht nach historischen Bezeichnungen imterschieden wm-den und vielfach bis auf den 
heutigen Tag unterschieden werden. In der Kegel wm-de auch die übliche koUegiale 
Verfassung der Mittelbehörden durch eine der französischen Präfektm-organisation 
entsprechende Eim'ichtimg verdrängt. Bis in die untersten Instanzen drangen die Re- 
formen freihch nicht überall vor ; hier unterbheb nicht nur die sonst dui-chgeführte und 
von der Staatstheorie seit Locke imd Montesquieu geforderte Trennung von Justiz und 
Verwaltung, sondern es erhielt sich auch vielfach die patrimoniale Vei-waltung der 
Grundherren. 

Das geschah nicht bloß aus notgedrungener Sparsamkeit, sondern hing allgemein 
damit zusammen, daß die gesamte Eeformtätigkeit der Rheinbundstaaten doch nicht 
so rücksichtslos wie die französische Revolution seit 1789 die althergebrachte Rechts-, 
GeseUschafts- und Whtschaftsordnung umstürzen konnte. Zwar war auch auf diesen 
Gebieten das Vorbild Frankreichs maßgebend; die Einführung des fi'anzösischen Zi- 
vilrechts, des Code Napoleon, ist in Baden mit unwesentlichen Veränderungen erfolgt i), 
in Hessen und Nassau wenigstens angeordnet und auch in Bayern ernsthaft erwogen 
worden. Der Grundgedanke der neuen fi'anzösischen Rechtsordnung, die unbedingte 
Gleichheit aUer vor dem Gesetz, empfahl sich ja auch in diesen Staaten, deren wichtig- 
ste Aufgabe es war, den alten, ehemals reichsunmittelbaren, zum Teil sogar reichsstän- 
dischen Adel der neuen staatUchen Gewalt unterzuordnen. Aber sie kamen mit der 
Verwirkhchung dieses Grimdsatzes nicht ganz zu Ende. Der neue Staat setzte sich 
nur so weit durch, wie es für die Regierung notwendig war. Er erzwang die Gleich- 
berechtigimg aller christlichen Konfessionen, ohne die ein Zusammenleben dieser zu- 
sammengewüi-felten, konfessionell stark gemischten Länder gar nicht möghch war, er 
untei-warf alle Einwohner der Wehrpflicht, bei der fi'eihch nach französischem Muster 
die SteUvertretung gestattet war, er schuf ein ganz neues Steuersj'stem, das unter 
Aufhebung aller Befreiimgen ohne jede Rücksicht auf geburtsständische unterschiede 
den einzelnen nach seiner Leistungsfähigkeit zu belasten suchte, dieses Ziel freilich 
nicht in der damals noch verpönten Form der Besteuerung des individuellen Einkom- 
mens, sondern durch Ertrags- und Objektsteuern zu erreichen gedachte; wo dem Adel 
Von-echte eingeräumt wurden, geschah es dm-ch staatliche Gesetze und Verordnungen, 
die jederzeit durch den Staat wieder geändert werden konnten, nicht durch Verein- 
barungen mit dem Adel, die nur in gegenseitigem Einverständnis hätten beseitigt wer- 
den köimen. Ferner entfernte der Staat die letzten territorialen Schranken des Wirt- 
schaftslebens, indem er zur politischen die wirtschafthche Einheit des Staatsgebiets 
hinzufügte, die Binnenzölle aufhob und ein einheitliches Maß- und Gewichtssystem 
schuf ; er begann auch mit der Befreiung des Individuums aus seiner rechthchen und 
wirtschafthchen Gebundenheit. Die Leibeigenschaft wurde überall beseitigt. Aber ge- 
rade auf diesem Gebiete, das die Ausübung der Staatsgewalt nur mittelbar berühi-te, 

1) Vgl. darüber W. Andreas, Die Einfülirung des Code Napoleon in Baden (ZSavStRGGA., 
Bd. XXXI, 1910). 



128 F- Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

blieben die Eheinbundstaaten auf halbem Wege stehen. Sie hielten im Gegensatz zu 
den volkswirtschaftlichen, auch viele Regierungen, z. B. die preußische beherrschen- 
den Theorien der Zeit, aber im Einklang mit den wirtschaftlichen Verhältnissen Süd- 
deutschlands, am Schutzzoll und an einer Beschränkung der Gewerbefreiheit fest; sie 
ließen ferner auf dem platten Lande die Grundherrlichkeit nicht bloß als patrimoniale 
Gerichtsbarkeit, sondern auch als Wirtschaftsverfassung mit den alten dinglichen 
Lasten, den Zinsen und Zehnten, vielfach auch mit den Diensten des Bauern bestehen. 
Diese Lasten wurden zwar für ablösbar erklärt, wie es die moderne, jede ewige Be- 
schränkung der persönüchen Freiheit verabscheuende Doktrin forderte; aber das half 
den Bauern nichts, solange der Staat ihnen nicht die Beschaffung der zur Ablösung 
notwendigen Mittel erleichterte. 

Damit wird aber die Schwäche der ganzen Eeformtätigkeit in den Rheinbund- 
staaten berührt. Den guten Absichten der leitenden Behörden entsprach die Durch- 
führung im einzelnen nicht überall und nicht immer. Ein großer Teil des alten Beam- 
tentums war den neuen Aufgaben nicht gewachsen; aber auch die tüchtigen Kräfte 
standen oft der berechtigten Eigenart des Alten, das sie nun nach rein theoretisch und 
das hieß häufig unpraktisch ersonnenen Plänen reformieren sollten, verständnislos 
gegenüber. Der unhistorische Zug, der den ganzen Reformen anhaftet, erwies sich, so 
unentbehrlich er auch war, doch zugleich als schädlich. Es fehlte an Stetigkeit; man 
experimentierte zu viel und zu gern und schuf immer wieder Neues, statt die einmal ge- 
troffenen Einrichtungen sich einleben zu lassen; der rasche Wechsel der badischen 
Organisationsedikte ist ein klassisches Beispiel. Freilich brachten die unaufhörlichen 
Gebietsveränderungen, die Napoleon verfügte, auch eine dauernde Unruhe in die Ver- 
waltung, und manche Härte im einzelnen wird außerdem durch die gewaltigen finan- 
ziellen und militärischen Anforderungen erklärt, die die napoleonische Politik an 
diese Staaten steUte. Das Gesamturteil über die Reformen in den Rheinbundstaaten 
kann jedenfalls trotz allen ihren Fehlern und Schwächen nur günstig lauten. Es 
ist Großes und Bleibendes geschaffen worden. Mit einem Schlage ist nachgeholt 
worden, was der Absolutismus anderswo, z. B. in Brandenburg-Preußen, m langsamer 
Arbeit geleistet hatte. Vor allen Dingen: es ist die besondere Aufgabe gelöst worden, 
die diesen Staaten gestellt war, die Bruchstücke der alten deutschen Staatenwelt zu 
neuen einheithchen Staatswesen zusammenzuschweißen und sie mit staatlichem Be- 
wußtsein zu erfüllen. Daß dieses Bewußtsein nicht deutsch war und sein konnte, ist 
selbstverständhch; aber es war doch schon ein Fortschritt, daß ein pohtisches Bewußt- 
sein entstand. Es lebte nicht allein bei den Offizieren und Soldaten der Rheinbund- 
truppen als berechtigter Stolz auf die unter der Führung Napoleons erfochtenen Siege, 
sondern es erfüUte die große Masse der Bevölkerung. So konnten diese süddeutschen 
Staaten die große ICrisis des Jahres 1813 überstehen; nirgends ist die nationale Be- 
wegung ihrem Bestand gefährhch geworden. 

§ 37. Die konstitutionelle Entwicklung der süddeutschen Staaten bis 1848 

Literatur: Für Baden: L. Müller, Bad. Landtagsg. (4 Bde., für 1819—1840, 1900/02; Fort- 
setzung für 1840 — 1850 unter dem Titel: Die politische Sturm- und Drangperiode Badens, 2 Bde., 
1907). K. RircKSTUHL, Der bad. Liberalismus und die Verfassungskämpfe 1841/43 (1911). Für 
Bayern: W. Lempfried, Die Anfänge des parteipolitischen Lebens und der politischen Presse in 
Bayern unter Ludwig I. 1825 — 1831 (1912). G. v. Lerchenfeld, G. Bayerns unter König Maxi- 
milian Joseph I. mit besonderer Beziehung auf die Entstehung der Verfassungsurkunde (1854). 
R. Oeschey, D. bayer. Verfassungsurkunde vom 26. Mai 1818 und die Charte Ludwig XVIII. vom 
4. Juni 1814, ein Beitrag zur Lehre vom monarchischen Prinzip (1914); Einige gleichzeitige Stimmen 
zur bayer. Verfassungsurkunde von 1818 (Oberbayr. A., Bd. 57, 1913). Für Hessen: H. Andres, 
Die Einführung des konstitutionellen Systems im Großherzogtum Hessen (1908). Für Nassau: 
W. Sauer, Nassau unter dem Minister v. Marschall (Ann. Ver. f. nassauische Altertumskunde und 
Geschichtsforschung, Bd. XXII, 1890). Für Württemberg: A. List, Der Kampf ums gute alte Recht 



Die BÜddeutachen Staaten bis 1848 129 

(1815 — 1819) nach seiner ideen- und parteigeschichtlichen Seite (1913). A. Rapp, Die Ausbildung 
der württemb. Eigenart (A. f. Kulturgeschichte, Bd. XI, 1914). P. Wintteblin, D. württemb. Ver- 
fassung 1815—1819 (Württemb. Jbb. f. Statistik und Landeskunde, 1912). 

Die durch die verschiedenartige innere Entwicklung während der ßheinbundzeit 
bedingte Trennung der süddeutschen und norddeutschen Staaten bheb auch für die 
ersten Jahrzehnte nach 1815 noch bestehen; in Norddeutschland dauerte entweder das 
alte Stilleben unverändert fort oder es setzte eine Eeaktion gegen die französische 
Herrschaft und deren Errungenschaften ein, während der Süden sich in den einmal 
eingeschlagenen Bahnen weiter entwickelte. Die Führung behielten auch nach 1815 
die Regierungen; sie beendeten jetzt freiwillig das Zeitalter des Absolutismus und lei- 
teten die konstitutionelle Periode ein. Dadurch wurde zugleich der Charakter der ersten 
süddeutschen Verfassungen, der nassauischen vom 1. und 2. September 1814, der 
bayerischen vom 26. Mai 1818, der badischen vom 22. August 1818 und der darmhes- 
sischen vom 17. Dezember 1820 bestimmt. Sie waren keine notgedrungenen Zuge- 
ständnisse an eine Opposition, sie wollten darum auch nicht etwa die poütische Frei- 
heit des Volkes begründen oder vermehren, sondern sie sollten durch die Anteilnahme 
des Volkes am Staatsleben das Staatsbewußtsein kräftigen. Am deuthchsten trat diese 
Tendenz in Bayern und Baden hervor ; hier bildeten die Verfassungen Waffen in dem 
Kampf um das Erbrecht an der seit 1803 badischen, nunmehr aber seit dem Ausster- 
ben der vollebenbürtigen badischen Linie von Bayern beanspruchten Pfalz, sollten die 
Anziehungskraft des bayerischen, die Festigkeit des badischen Staates erhöhen. Mit 
dieser Vorgeschichte und diesen Absichten der Verfassungen hängt auch die Tatsache 
zusammen, daß sie ohne alle Rücksicht auf die früheren landständischen Verfassungen 
als Gnadengeschenke der Monarchen aus souveräner Machtvollkommenheit oktroyiert 
worden sind ; das gilt auch füi* Hessen, wo die erste Verfassung vom 18. März 1820 auf 
den Wunsch der durch sie geschaffenen Kammern durch eine neue Verfassung vom 
17. Dezember 1820 ersetzt worden ist. Das Übergewicht der Monarchie kam endhch 
auch darin zum Ausdruck, daß die neue bureaukratische Ordnung der Verwaltung über- 
all aufrechterhalten blieb; nirgends wurde an eine Verbindung- von Repräsentation 
und lokaler Selbstverwaltung gedacht. 

Die Gleichartigkeit dieser süddeutschen Verfassungen, die in der Gleichartigkeit 
der allgemeinen Verhältnisse begründet liegt, wurde nun noch dadurch verstärkt, daß 
sie alle sich an ein gemeinsames Vorbild anlehnten, an die fi'anzösische Charte des Jah- 
res 1814; diese war ja auch mit ihrem Streben, den monarchischen Charakter des 
Staates festzusetzen, für die süddeutschen Staaten angemessen. Daneben wirkte in 
einzelnen Bestimmungen, z. B. in der Beibehaltung der Landeshuldigung, in dem for- 
mellen Landtagsabschied, in der Errichtung eines landständischen Ausschusses in Ba- 
den oder in der Entfernung der landesherrhcheu Kommissare während der Abstim- 
mungen in Nassau, der altständische deutsche Brauch noch nach. Es ist darum mög- 
hch, den wesentlichen Lihalt der Verfassungen zusammenfassend zu betrachten. Sie 
bestätigen noch einmal das Ergebnis der vorhergegangenen Reformen, den Bruch mit 
der patrimonialen Staatsauffassung, und bezeichnen sämthche Bestandteile des Staa- 
tes als ein unteilbares und unveräußerhches Ganze, sie regeln die Thronfolge von 
Staats wegen, wenn auch in Übereinstimmung mit den altfürsthchen Hausgesetzen, 
sie trennen das Staatsgut von dem Privatbesitz des fürsthchen Hauses. Der mon- 
archische Charakter der Regierung wird überall betont ; unter Ablehnimg der für revo- 
lutionär geltenden Lehren von der Volkssouveränität imd der Gewaltenteilung wird 
der Monarch als das Oberhaupt des Staates, das alle Rechte der Staatsgewalt in seiner 
Person vereinige, bezeichnet. In der Ausübmig dieser Hoheitsrechte bindet sich der 
Herrscher an die Mitwü-kung verantwortlicher I\Imister. Die Vertretung des Landes, 
die in alter Weise als Landstände bezeichnet werden, besteht überall, auch in dem 

Grundriß der Geachichtswissenscliaft II, 4 9 



130 !'• Härtung: Deutsche VerfaBsungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

kleinen Herzogtum Nassau, aus zwei Kammern. Diese werden fast gleichmäßig zu- 
sammengesetzt. Die erste Kammer wird aus den Prinzen des fürstlichen Hauses, dem 
hohen Adel, Vertretern der Kirche imd der Universitäten und aus Männern des aller- 
höchsten Vertrauens gebildet. Die zweite Kammer ist die eigenthche Volksvertretimg, 
sie besteht aus Abgeordneten, die in der Eegel nach einem ständischen Wahlrecht ge- 
wählt werden; nur in Baden werden die Wahlen rein örthch in Städten und Ämtern 
ohne besondere Bevorzugung des niederen Adels oder des Großgrundbesitzes vorge- 
nommen. Die Rechte der Stände sind genau umgrenzt, damit sie, wie die bayerische 
Verfassung sagt, die Weisheit der Beratung verstärkten, „ohne die KJraft der Regierung 
zu schwächen". Ihre Zustimmung ist erforderhch zum Erlaß neuer Gesetze, zur Er- 
hebimg der dnekten Steuern, zur Erhöhung der bereits bestehenden und zur Einfüh- 
rung von neuen indirekten Steuern und zur Aufnahme von Staatsschulden. Bei den 
Pinanzgesetzen hat die zweite Kammer gemäß der vom enghschen Beispiel abgeleite- 
ten konstitutionellen Doktrin den Vorzug vor der ersten. Ein Budgetrecht, d. h. ein 
Ausgabebewühgungsrecht besitzt aber auch sie nicht, die Landtage haben ledighch 
die Einnahmen in der Höhe zu bewiUigen, die ihnen die Regierung als erforderlich 
glaubhaft machen koimte, und es ist ihnen ausdrückUch verboten, an diese Bewilhgung 
irgendwelche Bedingungen zu knüpfen. Die Bewegungsfreiheit der Stände ist eng be- 
schränkt ; sie dürfen keinerlei Anträge selbst stellen, sondern höchstens die Regierung 
um die Vorlegung von Anträgen bitten. Die Regierung behält sich das Recht vor, die 
Kammern jederzeit zu vertagen und, soweit sie gewählt sind, aufzulösen, aber sie ist 
verpflichtet, sie in regelmäßigen Abständen, längstens aUe drei Jahre, in Nassau sogar 
alljährhch, zu berufen. Außer diesen Bestimmungen über die Verteilung der poli- 
tischen Macht im Staate enthalten alle Verfassungen noch eine Reihe von Sätzen über 
die Rechte und Pflichten der Staatsbürger, abgeblaßte Nachbildungen der einst so be- 
rühmten Menschenrechte : sie handeln von der Gleichheit aller vor dem Gesetz im all- 
gemeinen und im Bezug auf die Steuer- und Wehrpfhcht im besonderen, von der Frei- 
heit der Person gegenüber jeder Leibeigenschaft, von der Ablösbarkeit der Fronden, 
von der Freiheit des Gewissens, der Gleichberechtigung der drei chiisthchen Konfes- 
sionen, der Sicherheit des Eigentums, dem Verbot willkürlicher Verhaftung und ähn- 
lichem. 

Einen etwas abweichenden Typus stellt die württembergische Verfassung vom 
25. September 1819 dar. Sie ist kehi Gnadengeschenk des Königs, das aus dessen 
freier Machtvollkommenheit erflossen ist, sondern sie ist ein Vertrag, der zwischen der 
Regierung und den Ständen durch Entschließung und Gegenerklärung vereinbart und 
von beiden Kontrahenten, dem König und den Landständen, unterzeichnet worden 
ist. Die alte württembergische Landschaft war zwar nicht stark genug gewesen, um 
ihre Aufhebung im Jahre 1805 zu verhindern, aber sie hatte durch ihren langen Kampf 
gegen die Regierung doch so viel Rückhalt bei der Bevölkerung, daß der Versuch Kö- 
nig Friedrichs I., eine Verfassung zu oktroyieren, sofort die altständische Partei zu 
neuem Leben erweckte. Sie bestritt dem Könige das Recht, einseitig eine Verfassung 
zu geben, sie versteifte sich auf das „alte gute Recht", die Erbverträge und Abschiede, 
die nur durch Vertrag, durch gegenseitiges Einverständnis geändert werden dürften. 
Und obwohl die Verfassungspläne des Königs hberaler waren als das oligarchische alte 
Recht, war diese Partei so stark, daß weder Friedrich noch sein Sohn und Nachfolger 
Wilhelm I. (1816 — 1864) durchdrangen. Vielmehr mußte Wilhelm L den Rechtsboden 
anerkennen imd in die Vertragsform der württembergischen Verfassimg einwilligen. 
Das führte zu einigen altständischen Besonderheiten in ihr, zu der Errichtung eines 
Staatsgerichtshofes, der über Verletzungen der Verfassung zu befinden hat und in sei- 
ner Zusammensetzimg aus sechs vom Könige und sechs von den Ständen gewählten 



Die süddeutBchen Staaten bis 1848 131 

Mitgliedern unter einem vom Könige ernannten, nicht stimmberechtigten Präsiden- 
ten dem alten Dualismus von Herrschaft und Landschaft entspricht, zu der Wieder- 
herstellung des alten Geheimen Eates als der obersten kollegialen Staatsbehörde, die 
namenthch den Verkehr zwischen dem König und den Landständen zu vermitteln 
hatte, natürlich auch zur Errichtung eines landständischen Ausschusses. Aber obwohl 
die württembergische Verfassung auf einer ganz andern Grundlage ruht als die andern 
süddeutschen, so stimmt sie doch in den wesentUchen Zügen mit ihnen überein; sie 
überwindet den altständischen Dualismus und vereinigt alle Rechte der Staatsgewalt 
allein im Könige, sie verteilt die Befugnisse zwischen Regierung und Kammern ganz 
ähnlich wie jene, sie entspricht ihnen auch in der Organisation der Kammern und in 
der Feststellung der staatsbürgerhchen Rechte. In der verschiedenen äußeren Form 
der Verfassungen wirkten die Verschiedenheiten der Vergangenheit zwischen Württem- 
berg mit seiner lebendigen landständischen Verfassung und den andern längst absolut 
regierten Staaten nach ; aber der Inlialt wurde durch die Gleichartigkeit der modernen 
Entwicklung seit 1806 und der für die Zukunft gestellten Aufgaben bestimmt. 

Deshalb verUef auch die weitere Entwicklung des konstitutionellen Lebens in 
Süddeutschland im allgemeinen gleichartig. Überall entstand ein Gegensatz zwischen 
der Regierung, die an der alten absolutistischen Regierungsweise trotz der Verbrä- 
mung mit Volksvertretungen möghchst festzuhalten und sie durch alle Mittel der Po- 
hzei zu stützen suchte, und der Hberalen Partei, die die öffenthche Meinung beherrschte, 
in den Kammern freihch wegen des ständischen Wahlrechts und des Einflusses der Re- 
gierungen bei den Wahlen meist nur eine Minderheit darstellte. Der bekannteste Wort- 
führer des süddeutschen vormärzhchen Liberahsmus war Karl v. Rotteck, dessen ge- 
meinsam mit K. Th. Welcker herausgegebenes Staatslexikon (1. Aufl. in 15 Bdn., 
1834 — 1843) auch die beste Quelle für die Kenntnis der Ansichten und Ziele der Partei 
ist. Zwei verschiedenartige Strömungen vereinigten sich in ihr. Die eine ging von der 
Aufklärung des 18. Jhs. aus, von dem Natm-recht und der Theorie des Staatsvertrags 
in der radikalen Formulierung Rousseaus, von dem Gedanken der Volkssouveränität, 
der natürlichen Freiheit und Gleichheit aller Menschen. Diese Grundsätze, die dmxh 
die innere Entwicklung Prankreichs zumal nach 1830 immer neue Nahrung erhielten, 
bestimmten das Programm der Partei : sie verlangte im Gegensatz zu dem in den Ver- 
fassungen und der Regierungspraxis stark ausgeprägten monarchischen Charakter des 
Staates ein „echtes konstitutionelles System", eine Herrschaft des Gesamtwillens, 
die durch Abschaffimg der ersten Kammern und durch VerantwortHchkeit der Mini- 
ster gegenüber den gewählten Volksvertretern erreicht werden sollte. Daß Rotteck 
als die beste Grundlage des WaUrechts das Grundeigentum bezeichnete, charakteri- 
siert die hinter ihm stehenden Schichten ; es war das besitzende und gebildete Bürger- 
tum, das dem Adel und der Bureaukratie gegenüber zu politischer Macht gelangen wollte. 
Die Haltung der Partei in der Praxis wurde aber vor allem durch die andere in ihr he- 
gende Strömung bestimmt, durch die altständischen Erinnerungen, die in Regierung 
und Volk zwei einander feindlich gegenüberstehende Organe sahen, und zwar die Re- 
gierung als das künstHche, das Volk und seine Vertreter als das natürliche Organ der 
Gesellschaft auffaßten. Auch die altständische Abneigung gegen jede mihtärische 
Ivraftanstrengung, gegen den miles perpetuus lebte wieder auf, da die Regierungen 
schon mit Rücksicht auf den Bund ihre Heere aufrechterhalten mußten. Die Enge 
der kleinstaatUchen Verhältnisse, das Fehlen großer Aufgaben des Staates, die das ge- 
meinsame Literesse von Regierung und Volk hätten hervortreten lassen, und die Ge- 
bundenheit der Regierungen an das vom Deutschen Bunde vorgeschriebene reaktionäre 
System trugen dazu bei, daß sich diese altmodischen Ansichten behaupteten und sogar 
vertieften. So sahen die süddeutschen Liberalen ihre Aufgabe vor allem darin, Männer- 



132 T- HartuEg: Deutsche Verfaasungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

stolz vor Königsthronen zu beweisen, den Eegierungen feindlich gegenüberzutreten, 
sie namenthch finanziell möglichst knapp zu halten. 

Aber bedeutungslos ist das frühe konstitutionelle Leben für die süddeutschen 
Staaten doch nicht gebheben. Die Erwartungen der Herrscher, daß die Verfassungen 
das Staatsbewußtsein der Bevölkerung ki'äftigen würden, haben sich überall erfüllt.^) 
Dabei kam ihnen zustatten, daß die norddeutschen Mittelstaaten — und von den 
Kleinstaaten sprach niemand — bis zur Julirevolution von 1830, die beiden Groß- 
mächte bis 1848 diese Errungenschaft der neuen Zeit entbehren mußten. In dem parti- 
kularistischen Stolz auf das eigene bessere Wesen, wie er sich in dem oben erwähnten 
Manuscript aus Süddeutschland kundgab, waren sich die Eegierungen und die Bevöl- 
kerungen durchaus einig. Auch wirkten die Landtage in der aufgeregten Zeit nach der 
Julirevolution als Ventile und verhinderten gewaltsame Erschütterungen, wie sie da- 
mals die norddeutschen Staaten erfuhren. Sie setzten ferner manche nützliche Ke- 
form diu-ch; namenthch kam nach 1830 die Ablösung der Fronden und Reallasten 
durch Gewährung von staathchen Zuschüssen und Gründung von Tilgungskassen 
in Gang, Baden erhielt damals auch ein freieres Gemeindegesetz, eine verbesserte 
Zivil- und Strafprozeßordnung und ein neues Strafgesetzbuch. Auf die Dauer barg 
aber das konstitutionelle Wesen doch eme Gefahr in sich. Es lag ein innerer Wider- 
spruch in diesen Regierimgen, die in ihrem Lande konstitutionell und am Bundes- 
tag reaktionär und absolut auftraten; er wurde immer stärker empfunden, je mehr 
das parlamentarische ßegienxngssystem der Juhmonarchie in Deutschland als das ei- 
gentliche Ideal emer wahrhaft freien Eegierung gepriesen wurde. Auch enthob die 
Machtlosigkeit dieser Mittelstaaten, deren Existenz durch den Deutschen Bund und 
seine Großmächte gestützt wurde, die hberale Partei jeder Verantwortung für ihre Ee- 
den imd Beschlüsse. So konnte seit den dreißiger Jahren ein staatsfeindlicher Eadi- 
kalismus aufkommen, am meisten in Baden, das der Einwirkung Frankreichs am stärk- 
sten ausgesetzt war. Die weitere Entwicklung hing aber nicht bloß von den inneren 
Zuständen Süddeutschlands ab, sondern wurde bedingt durch den Gesamtverlauf der 
deutschen Geschichte. Bevor sie betrachtet werden kann, muß deshalb die Geschichte 
Norddeutschlands nachgeholt werden. 

§ 38. Die norddeutschen Staaten bis 1848 
Die Texte der Verfassungen finden sich bei Pölitz (oben S. 108) und H. A. Zachabiae, Die 
Deutschen Verfassungsgesetze der Gegenwart (1855), d. sächs. auch bei Bdjdino. Zum Hannover- 
schen Verfassungsbruch ist femer das „Hannoversche Portfoho, Sammlung von Aktenstücken 
z. G. des Hannov. Verfassungskampts" (4 Bde., 1839/41), ferner die von F. C. Dahlmann hersg. 
,, Verteidigung des Staatsgnmdgesetzes für das Königreich Hannover" (1838) heranzuziehen, Dahl- 
manns Vorwort und seine Schrift „Zur Verständigung" sind wieder abgedruckt in seinen „Kleinen 
Schriften und Reden" (1886), S. 243ff. 

An Darstellungen sind außer den bereits erwähnten allgemeinen Schriften zu vergleichen: 
Für Kurhessen: J. Iselek, Entwicklung eines öffentUchen poütischen Lebens in Kurhessen 1815 
bis 1848 (1913). A. Lichtneb, Landesherr und Stände in Hessen-Cassel 1797—1821 (1913). A. Lotz, 
Die Behördenorganisation im ehemaligen Kurhessen nach den Reformen von 1821 und ihre Ent- 
wicklung in vorpreußischer Zeit ( JbGesW., Bd. XXVIII, 1904). B. W. PrEHTER, G. der landstän- 
dischen Verfassung in Kurhessen (1834). Für Sachsen: H. Göpner, Beitr. z. Entwicklungsgesch. der 
Parteien in den sächsischen Kammern (1913). C. D. v. Witzleben, Die Entstehung der kon- 
stitutionellen Verfassung des Königreichs Sachsen (1881; offiziöse Darstallung „im Auftrage der 
kgl. Staatsregierung"). 

1) Vgl. Rottecks ,,Wort über Landständo" (Rede vom 1. Juli 1818, Ges. Schriften, Bd. II, 
1841. S. 412): „Wir waren Baden-Badener, Durlacher, Breisgauer, Pfälzer, Nellenburger . . . Fort- 
an [d. h. durch die Verfassung] sind wir Ein Volk, haben einen Gesamtwillen und ... ein Gesamt- 
leben." Ähnlich äußert sich A. v. Feubebach in einem Brief aus Ansbach vom 27. März 1819 über 
die Wirkung der bayerischen Verfassung: „Erst mit dieser Verfassung hat sich unser König Ansbach 
und Bayreuth, Würzburg und Bamberg usw. erobert. Jetzt sollte man einmal kommen und uns 
zumuthen, eine andere Farbe als blau und weiß zu tragen" (A. v. Feuerbachs biograph. Nachlaß, 
veröff. von L. v. Feubrbach, 2. Ausg., Bd. II, 1853, S. 113). 



Die norddeutschen Staaten bis 1848 133 

Die innere Entwicklung der norddeutschen Mittel- und Kleinstaaten während 
der ersten Jahrzehnte des 19. Jhs. ist durch die Tatsache bestimmt worden, daß die 
großen Säkularisationen imd Mediatisierungen, die in den Jahren 1803 und 1806 die 
politische Landkarte Süddeutschlands von Grund aus verändert haben, hier kaum ein- 
gewirkt haben, daß diese Staaten überhaupt weder damals noch 1815 nennenswerte 
Vergrößerungen des Gebiets erfahren haben. Deshalb hat hier der Zwang, neu erwor- 
bene, heterogene Bestandteile durch eine eindringende Eeformtätigkeit mit dem alten 
Staate zusammenzuschweißen, gefehlt. Und was das westfälische Königreich in Han- 
nover, Braunschweig und Kurhessen politisch, wirtschaftlich und sozial an Neuem ge- 
schaffen hatte, das ist nach 1813 fast ohne Ausnahme dem Haß gegen die Fremdherr- 
schaft zum Opfer gefallen. Deshalb hat sich auch die alte landständische Verfassung 
in diesen Staaten behauptet oder ist nach 1815 wieder hergestellt worden. 

Ganz ohne Reformen ist es freilich nicht einmal in Mecklenburg abgegangen. Durch daa 
Erlöschen des Reiches wurden überall die Fürsten souverän, der Wegfall der Garantie der Landes- 
verfassung durch Kaiser und Reich, die Aufhebung der Reichsgerichtsbarkeit nötigte zu Änderungen 
der Landesverfassungen. Die innere Geschichte der Kleinstaaten in der napoleonischen Zeit ist des- 
halb von Bestrebungen nach einer Anpassung der alten Verfassungen an die neuen Verhältnisse 
erfüllt. Wir keimen sie noch nicht genug, um schon jetzt sagen zu können, inwiefern diese Reform- 
versuche allgemein auf eine L^mgestaltung der Staaten ausgingen. Sehr viel erreicht wurde jedenfalls 
nicht. Auch die Verfassungsbewegung blieb auf dem Boden der alten ständischen Verfassungen 
stehen; aus ihr gingen die verschiedenen kleinstaathchen Verfassungen der Jahre 1814 — 1816 hervor, 
von denen die weimarische vom 5. Mai 1816 zwar die berühmteste, ja sogar die einzige allgemein 
bekaimte, aber rucht etwa die erste ist (Waldeek, oktroyierte Verfassutng vom 28. Januar 1814, von 
den Ständen abgelehnt, neue Verfassung vom 19. April 1816. Weitere Verfassungen: für Rudol- 
stadt vom 8. Januar 1816, für Schaumburg-Lippe vom 15. Januar 1816, für Hildburghausen [wo 
die alten Stände am 5. August 1807 ausdrückhch anerkannt worden waren] vom 19. März 1818). 

Wie die meisten Fürsten der Kleinstaaten hatte auch König Friedrich August 
von Sachsen es unterlassen, dem Beispiele der süddeutschen Monarchen zu folgen und 
die neue Souveränität zur Aufhebung der alten Landesverfassung zu benutzen; er 
hatte vielmehr am 10. Mai 1807 ,,die bisherige Landesverfassung und die in selbiger 
gegründeten Rechte" feierlich bestätigt und war während der Eheinbundszeit ängsthch 
bemüht gewesen, den Staat des 18., ja man möchte fast sagen des 16. Jhs. möglichst zu 
erhalten. Nur die allerdringendsten Neuerungen, die Beseitigung der fremden Lehns- 
herrlichkeiten und auf ausdrücklichen Befehl Napoleons die Gleichberechtigimg der 
Kathohken, waren durchgeführt worden. Nach 1815 zwang freilich der Gebietsverlust 
zu einer Vereinigung der Beste der alten Landschaft der sogenannten „incorporierten 
Lande" mit den Ständen der übrigen bei Sachsen verbliebenen Gebietsteile, der Lau- 
sitzen und der ehemaligen Stifter Merseburg und Naumburg, die alle bisher ihre selb- 
ständige landständische Organisation gehabt hatten. Auch mußte der veränderten 
wirtschaftHchen und sozialen Lage, dem Übergang zahlreicher Eittergüter in den Be- 
sitz von wohlhabenden Bürgerhchen oder von solchen Adhgen, die die zur Landtags- 
fähigkeit erforderliche strenge Ahnenprobe nicht bestehen konnten, durch eine beson- 
dere Vertretung dieser Besitzer Rechnung getragen werden. Aber im übrigen bheb 
sowohl die Verfassung des Landtags wie die des Landes, namenthch die jeden wirt- 
schaftlichen Aufschwung hemmende ohgarchische Stadtverfassung unverändert, so daß 
Sachsen beim Tode Friedrich Augusts I. 1827 in der Tat noch auf dem gleichen Stand- 
punkt stand wie fast zwei Menschenalter zuvor bei dessen Regierungsantritt.*) 

In Hannover wurden gleich nach der Wiederherstellung des Staates im Jahre 
1814 die alten landständischen Verfassungen der einzehien Landesteile, in die der Staat 
zerfiel, wieder in Kraft gesetzt. Daneben schuf aber die Eegierung noch aus eigener 
Machtvollkommenheit etwas Neues, eine allgemeine, den nunmehr zu Provinzialland- 
tagen degradierten alten Ständen übergeordnete Ständeversammlung, die 1819 in 

1) Plathe in der 2. AufL von Böttigees G. des Kurstaats Sachsen, Bd. III, S. 414. 



134 F. Härtung: Deutsche Verfassungageschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

zwei Kammern geteilt wurde. Die erste Kammer bestand im Gegensatz zu den süd- 
deutschen Verhältnissen überwiegend aus Gewählten, aus den Abgeordneten der Rit- 
terschaften der Provinziallandtage, daneben aus einigen vom Könige erblich oder auf 
Lebenszeit berufenen Mitgliedern. In der zweiten Kammer sollten die Vertreter der 
Städte und Flecken und achtzehn Deputierte der freien Bauern sitzen; aber diese soll- 
ten erst dann erscheinen dürfen, wenn sie auf den Provinziallandtagen zugelassen sein 
würden, und da die Provinziallandtage darauf freiwühg nicht eingingen und die Re- 
gierung die Sache verschleppte, bheb der Bauernstand unvertreten. Die ganze Reform 
bedeutete überhaupt nur eine Vereinfachung für die Regierung, die nur noch mit einem 
allgemeinen statt mit vielen provinziellen Landtagen zu verhandeln hatte ; aber an dem 
Übergewicht des Adels in der Verfassung und Verwaltung Hannovers änderte sie gar 
nichts. 

Ähnlich ging es in Braunschweig, wo die „erneuerte Landschaftsordnung" vom 25. April 1820 
die bisher getrennten Landtage von Braunschweig und Blankenburg vereinigte und nach dem Vor- 
bild Hannovers den neuen Gesamtlandtag in zwei Sektionen (1. Ritterschaft und die Hälfte der 
Prälaten; 2. andere Hälfte der Prälaten, Städte und Vertreter der bisher nicht landtagsfähigen 
freien Bauern) teilte, aber im übrigen die Zustände im Lande in der alten Verfassung beließ. 

Aber diese ganze Wiederherstellung oder Erhaltung des Ständestaates des 18. Jhs. 
stand im Widerspruch zu den Bedürfnissen der Zeit, zu dem Wandel der Verhältnisse, 
der auch diese Gegenden ergriffen hatte. Es ist bezeichnend für den historischen Siim, 
der sich in der festgefügten alten Staatenwelt Norddeutschlands entwickelt hatte, daß 
der geschichtslose Liberalismus Süddeutschlands, der das Bestehende nach abstrakten 
Prinzipien kritisierte, hier so gut wie keinen Boden fand. Aber die Unhaltbarkeit des 
Alten, die sich in dem wirtschaftlichen Stillstand greifbar ausprägte, wurde doch stark 
empfunden. Die bürgerUchen und bäuerhchen Kieise strebten aus der Enge der alten 
Verfassungen heraus. Zu diesen allgemeinen Ursachen einer sich weit ausbreitenden 
Mißstimmung kamen noch die besonderen Verhältnisse in Braunschweig und Km'hes- 
sen. In Braunschweig erkarmte der junge, 1823 zur Regierung gelangte Herzog Karl 
die von der vormundschaftlichen Regierung erlassene erneuerte Landschaftsordnung 
nicht an und kam in Konfhkt mit seinen Ständen, der bis zum Bundestag gelangte. 
Noch größeres Aufsehen erregten die kurhessischen Kämpfe. Kurhessen war im 18. Jh. 
das klassische Land des Soldatenhandels gewesen ; die landständische Verfassung war 
zwar in Kraft gebheben, es fanden auch Landtage statt, aber das Übergewicht war 
beim Landesherrn, er bezog auch allein die Einnahmen aus dem Soldatenhandel, das 
Land hatte nur den Unsegen der Kleinstaaterei zu fühlen, die hier im engen Kreise be- 
sonders drückende fürsthche Willkür. Trotzdem war Kurfürst Wilhelm I. nach der 
Vertreibung Jeromes mit Freude aufgenommen worden. Aber seine Regierung brachte 
ihn bald um alle Sympathien. Er begann mit einer sinnlosen und rechtswidrigen Reak- 
tion gegen die Fremdherrschaft, mit der Nichtanerkemiung aller von der westf absehen 
Regierung übernommenen Verpflichtungen, mit der Wiederherstellung aller alten La- 
sten, mit der Beseitigung aller Reformen. Nur diejenigen Neuerungen wurden beibe- 
halten, die für das Fürstentum, namenthch die fürstlichen Finanzen vorteilhaft waren, 
die Aufhebung der Patrimonialgerichtsbarkeit, die Unterordnung des Adels unter die 
Steuerpflicht, die Personalsteuer. Es bestand überhaupt eine gewisse Wesensverwandt- 
Bchaft zwischen dem Kurfürsten und der bonapartistischen Regierungsweise; auch 
er strebte nach einem starken monarchischen Regiment, das nur zum Scheine mit einer 
unbedingt abhängigen, praktisch bedeutungslosen ständischen Vertretung umgeben 
sein, das sich über einer ohne wesentliche Standesunterschiede einheitlich und gleich- 
mäßig unter den Staat gebeugten Gesellschaft erheben sollte. Deshalb ergänzte er, als 
er 1814 dem den Großmächten gegebenen Versprechen zufolge die alte ständische Ver- 
fassung wiederherstellte, den Landtag durch eine Vertretung der Bauern, deshalb 



Die norddeutschen Staaten bis 1848 135 

wollte er in seinem Verfassungsentwurf von 1816 den Landtag nur aus einer einheit- 
lichen, zwar von Prälaten, Adel, Städten und Bauern gewählten, aber nach Kopfzahl 
und ohne Bindung an Instruktionen abstimmenden Kurie zusammensetzen. Aber stets 
war er bemüht, die Befugnisse des Landtags so karg wie mögUch zu bemessen, dessen 
Steuerbewilligungsrecht in eine Pflicht umzuwandeln und die eigene Finanzgebarung 
vor der Kontrolle der Stände zu bewahren. Unsere Keimtnis von den Konflikten zwi- 
schen dem Kurfürsten und seinen Ständen in den Jahren 1815 und 1816 beruhte bisher 
auf den durchaus tendenziösen Nachrichten, die von den Ständen selbst darüber ver- 
breitet wurden. Die neueste Untersuchung von A. Lichtner hat versucht, Licht und 
Schatten gerechter zu verteilen, hat nachgewiesen, daß auch hier wie in Württemberg 
das Verlangen der Landstände, deren Wortführer die Eitterschaft war, nach imbeding- 
ter HersteUxmg des alten Eechts die Herstellung der alten Privilegien bedeutete und 
gar nicht von der breiten Masse geteilt wurde. Aber die Grundlinien der alten Auffas- 
sung sind durch diesen Nachweis reaktionärer Gesinmmg des Adels lücht verwischt 
worden. Eine Verständigung zwischen Kurfürst und Ständen war auf der von jenem 
gebotenen Grundlage nicht möglich. Gerade diesem Kurfürsten gegenüber, der mit 
dem Ertrag des Soldatenhandels Geldgeschäfte auf eigene Kechnung getrieben hatte 
und trotzdem vom Lande Ersatz der militärischen Aufwendungen verlangte, konnten 
die Stände nicht auf eine Kontrolle der Finanzverwaltimg verzichten, mußten sie fest- 
halten an der Forderung, daß wenigstens ein Teil des aus Landesmitteln gewonnenen 
fürstlichen Vermögens für die allgemeinen Staatszwecke gesichert werde. An der 
gegensätzhchen Auffassung über die Finanzfragen scheiterte die Verständigung ; der 
Landtag wurde 1816 ohne Abschied entlassen, seither regierte der alte Km-fürst, dann 
seit 1821 sein Sohn Wilhelm IL absolut. Seinen modernen bonapartistischen Zug be- 
hielt dieses fürsthche Kegiment ; die auf der Trennung von Rechtsprechung und Ver- 
waltung beruhende Behördenorganisation des Jahres 1821, die Aufhebung des per- 
sönhchen Sportelbezugs der Beamten waren unbestreitbare Verbesserungen. Aber die 
Härte und Willkür des Fürsten, die häufigen, bei dem Reichtum des Fürsten beson- 
ders gehässigen Steuererhöhungen und der durch die handelspohtische Absperrung 
gegen Preußen noch vergi-ößerte wirtschaftUche Notstand des Landes erzeugten eine 
allgemeine Verbitterung. 

Die Pariser Julirevolution des Jahres 1830 brachte nun diese ganze, äußerhch 
ruhige, aber irmerhch gärende Welt in Bewegung. Zuerst erhoben sich die Braun- 
schweiger. Da der Bundestag noch weniger als einstens Kaiser und Reich Mut und 
Kraft besaß, um zugunsten des von dem Herzog bedrohten Verfassungsrechts einzu- 
treten, griffen sie im September 1830 zur Selbsthilfe und vertrieben Karl. Dem rein 
persönHchen Anlaß dieser Revolution entsprechend fand Karls Bruder Wilhelm keiner- 
lei Schwierigkeit bei der Übernahme der Regierung; die legitimistischen Skrupel be- 
kümmerten ihn nicht, er nannte sich Herzog, obwohl Karl nicht abdankte. Er Heß 
zunächst durch die Stände die erneuerte Landschaftsordnung von 1820 wiederher- 
stellen. Nachdem auf diese Weise der Rechtsboden gefestigt war, vrarde diese ständi- 
sche Ordnung in eine moderne Verfassimg umgewandelt. Diese „Neue Landschaftsord- 
nung" (vom 12. Oktober 1832) entsprach im Wesen den süddeutschen Verfassungen, 
sie setzte die Unteilbarkeit und Unveräußerlichkeit des Staates fest, sie ordnete das 
Verhältiüs zwischen Regierung imd Landtag, sie sprach auch einige Rechte der Indi- 
viduen in der übhchen Weise aus. Nur in einem Punkte wich sie von dem Schema ab ; 
wohl wegen der Kleinheit des Gebietes bestand der Landtag nur aus einer Kammer, die 
nach ständischem Wahhecht gewählt -mirde. 

Wenige Tage nach der Braunschweiger Erhebimg gab der Kurfürst von Hessen den 
durch die drohende Haltung der Bevölkerung unterstützten Bitten des Magistrats der 



136 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Stadt Kassel nach und berief die hessischen Stände und Abgeordnete der seit 1803 er- 
worbenen Landesteile zu einem Landtag. Diesem ließ er Vorschläge wegen einer neuen 
Verfassung und wegen einer Teilung des Kabinettsvermögens zwischen dem Staat und 
dem Hofe zugehen. Aber nur diese Teilung nahm der Landtag ohne weiteres an ; den 
Verfassungsentwurf arbeitete er unter Leitung des Marburger Professors Sylvester 
Jordan^) nach den Grundsätzen der Eotteck-Welckerschen Staatslehre um. Die end- 
gültige Verfassung vom 5. Januar 1831 geht daher in vielem über die süddeutschen hin- 
aus. Sie betont zwar die monarchische Eegierungsform, aber sie erwähnt unmittelbar 
darauf das Bestehen der landständischen Verfassung neben der Monarchie, als ob es 
sich um zwei gleichberechtigte Faktoren handle, sie verlangt ferner die Vereidigung 
selbst des Militärs auf die Verfassung und entspricht den liberalen Doktrinen in der 
Einführung des Einkammersystems, das freilich auf die Vergangenheit insofern Kück- 
sicht nimmt, als neben den gewählten Vertretern von Stadt und Land auch Abgeord- 
nete der Eitterschaften und sogar die Prinzen und die Standesherren Sitz und Stimme 
haben sollten. Ein besonderes Kennzeichen dieser Verfassung ist endlich das Mißtrauen 
gegen die Eegierung, welches das dem süddeutschen Liberalismus und dem alten Stände- 
tum gewöhnliche Maß noch übertrifft; sie bildet nicht .nur einen dauernden land- 
ständischen Ausschuß für die "Überwachung der Eegierung bei der Vollziehung des 
Landtagsabschieds und ein Kompromißgericht für die Schlichtung von Zweifeln über 
die Auslegung der Verfassung, sondern sie gibt den Landständen auch das Eecht und 
die Pflicht, die Minister bei jeder Verfassungsverletzung vor dem Oberappellations- 
gericht zu verklagen. Dieser Verfassung gegenüber ist Treitschkes Spott über die deut- 
sche Neigung, politische Fragen auf dem Wege des Zivilprozesses auszutragen, durch- 
aus berechtigt. 

Im Gegensatz zu den wesentlich durch die Persönhchkeiten der Herrscher be- 
dingten „Eevolutionen" in Braunschweig und Kurhessen fehlte im Königreich Sach- 
sen jeder persönliche Anlaß. Die ersten Unruhen richteten sich hier deshalb auch nicht 
gegen den König oder die Staatsregierung, sondern gegen die oligarchischen Stadträte 
in Leipzig und Dresden; erst in zweiter Linie stand das Verlangen nach einer den mo- 
dernen Bedürfnissen angepaßten Staatsverfassung. Sich gewaltsam durchzusetzen, 
war die Volksbewegung auch nicht stark genug. Entscheidend war vielmehr die Tat- 
sache, daß innerhalb der Eegierung selbst eine von dem Geheimen Eat v. Lindenau 
geführte Partei die Berechtigiing dieser Eeformforderung anerkannte und unter dem 
Eindruck der Unruhen den Sieg über den alten König Anton davontrug, der bis jetzt 
geglaubt hatte, es genüge, die von seinem Bruder Friedrich August I. über ein halbes 
Jahrhundert lang beobachteten Grundsätze auch ferner zu beobachten. Der Neffe des 
Königs, Friedrich August (IL, 1836 — 1854), wurde zum Mitregenten, Lindenau zum 
Kabinettsminister ernannt, ein Patent vom 5. Oktober 1830 erkannte die Notwendig- 
keit von Eeformen der Verfassung und Verwaltung an. Die Eeform geschah in den ge- 
setzlichen Bahnen, der altständische Landtag selbst beschloß die neue Verfassung, die 
am 4. September 1831 erlassen wurde. Sie entspricht durchaus den süddeutschen Ver- 
fassungen ; nur daß vieles, was in diesen das Ergebnis der vorhergegangenen Eeform- 
zeit gewesen war, wie die Überwindung des Dualismus durch die Einheit der Staats- 
finanzen, die Gleichheit vor dem Gesetz und vor allem in den Steuern hier erst durch- 
zuführen war, und daß die im agrarischen Süden berechtigte starke Berücksichtigung 
des Grundbesitzes in den Kammern den Bedürfnissen der sächsischen Industrie schon 
damals nicht entsprach. 

Auch im Königreich Hamiover sind infolge der allgemein verbreiteten Erregung 
Unruhen ausgebrochen. Auch sie waren freilich so unbedeutend, daß sie keine blei- 
1) Vgl. W. WiEBEE, Die parteipolitischen Ideen von S. Jordan (1913). 



Die norddeutschen Staaten bis 1848 137 

benden Folgen hinterlassen hätten, wenn nicht ein Teil der Regierung sie zum Anlaß 
genommen hätte, auf Reformen zu dringen. Der erste Erfolg war die Erschütterung 
des bisher ganz unabhängigen Adelsregiments durch die Einsetzung eines in Han- 
nover residierenden Yizekönigs. Seine Befugnisse waren zwar bescheiden, aber er war 
doch eine Regierung über dem Adel ; während bisher der König auf die Informationen 
durch den adUgen Minister in London angewiesen war, so hatte er jetzt einen unab- 
hängigen Vertreter im Lande. Daher leitete die Errichtung des Vizekönigtums auch 
eine Reihe von Reformen ein, die ihren Abschluß in dem Grundgesetz vom 26. Sep- 
tember 1833 fanden. Dieses Grundgesetz war eine moderne Verfassung, sie schuf aus 
Hannover einen modernen Staat mit einheithcher Staatskasse, mit einheitlichem, vor 
dem Gesetze gleichberechtigtem Staatsbürgertum, überhaupt roit den in den übrigen 
Mittelstaaten üblichen Formen. Die Zusammensetzung der beiden Kammern blieb un- 
gefähr so, wie sie bereits 1819 angeordnet worden war, nm' daß die Vertretung des 
Bauernstandes jetzt zur Wirklichkeit wm'de. 

Damit waren die wichtigsten Mittelstaaten Norddeutschlands zu Verfassungs- 
staaten geworden, und in allen begann eine rege Reformtätigkeit, um die Verheißungen 
der Verfassungsurkunden von der Fi'eiheit der Personen, namentlich des Bauernstan- 
des, von der Gleichheit im Abgabensystem in die Wirkhchkeit umzusetzen. La Kur- 
hessen freilich kam es nicht zu einer ruhigen Entwicklung, denn das dem Kurfürsten 
wie seinem zum Mitregenten erhobenen Sohne Friedrich Wilhelm gegenüber allerdings 
berechtigte Mißtrauen des Landes gegen den Herrscher, durch das schon die Verfas- 
sung mit einer Reihe von schwer durchführbaren Bestimmungen belastet worden war, 
rief dauernd Konflikte hervor. Zu einer schweren Erschütterung des Staatslebens kam 
es in Hamiover, als der 1887 zur Regierung gelangte König Ernst August, seit 1714 
der erste hannoversche Herrscher, der nicht zugleich England besaß und darum in 
England wohnte, die Verbindlichkeit der neuen Verfassung bestritt, das Grundgesetz 
von 1833 aufhob und die alte Ordnung von 1819 wieder in Kraft setzte. Sowohl ein- 
zelne Maßnahmen, z. B. die Ersetzimg der Bezeichnung Staatsdiener durch königHche 
Diener, wie ganz besonders die Begi-ündung des Schrittes, die Berufung auf den im 
Fideikommißrecht gültigen Grundsatz, daß der Besitzer wesentliche Veränderungen 
nur mit Zustimmung aller Agnaten vornehmen dürfe, zeigten, daß der neue König 
grundsätzlich auf einem ganz andern Boden stand als die öffentliche Meinung der Zeit ; 
dem Staatsgedanken gegenüber vertrat er die alte patrimoniale Auffassung der Herr- 
schaft als eines Famihengutes. Er drang in Hannover damit durch, zumal da er die 
Aufhebung der Verfassung geschickt mit einem Steuernachlaß verband; auch der 
Bundestag üeß den Staatsstreich ruhig geschehen, obwohl nach der Wiener Schluß- 
akte von 1820 „die in anerkannter Wirksamkeit bestehenden landständischen Ver- 
fassungen nur auf verfassimgsmäßigem Wege wieder abgeändert werden" durften. 
Aber gerade durch diesen Sieg des Fürstentums über die Verfassung, dux'ch das Vor- 
gehen gegen die sieben Göttinger Professoren, die sich auf ihren Verfassungseid berufen 
hatten und abgesetzt wurden, wurde das Interesse des süddeutschen Liberahsmus für 
die norddeutschen Dinge geweckt. Die Trennung zwischen Nord- und Süddeutschland, 
die seit den Zeiten des Rheinbundes bestand, begann zu verschwinden; der Liberahsmus 
wurde zu einer gesamtdeutschen Bewegung. 

§ 39. Die Bewegung des Jahres 1848 und ihre Folgen 

Die vielen durch die Reaktion nach 1851 wieder beseitigten Verfassungsgesetze der Jahre 
1848/50 sind in den Quellensammlungen leider nicht abgedruckt worden, so daß man gezwungen 
ist, sie in den amthchen Regierungsblättern zusammenzusuchen. 

An besonderen Arbeiten über die Einzelstaaten seit dem Jahre 1848 sind zu nennen: Für 
Baden das Buch des damahgen Ministers J. B. Beke, Die Bewegung in Baden von Ende des Fe- 
bruar 1848 bis zur Mitte des Mai 1849 (1850). Für Mecklenburg: Schmaltz, Die Verhandlungen 



138 F' Härtung: Deutsche Verfasaungageschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

zwischen Regierung und Ständen über eine Änderung der mecklenburgischen Verfassung seit 1851 
(bis 1880; Mecklenburg. Z. f. Rechtspflege und Rechtswissenschaft, Bd. XXVI, 1908). A. Weenee, 
Die politische Bewegung in Mecklenburg und der außerordentliche Landtag von 1848 (1907). Für 
Württemberg: J. v. Pfluok-Haettung, Das württemb. Ministerium Linden (HTb. 1888). 

Trotz vielen Unterschieden in Einzelheiten bieten die deutschen Mittelstaaten 
während der vierziger Jahre des 19. Jhs. doch ein einheitliches Bild dar. Überall be- 
standen konstitutionelle Regierungen, aber sie waren überall gleich ängsthch bemüht, 
weitere Zugeständnisse an die Kammern zu vermeiden. Sie hatten dabei den Adel auf 
ihrer Seite, auch in Süddeutschland, wo er den Verlust der Reichsunmittelbarkeit noch 
nicht verschmerzt hatte, wo namenthch die mediatisierten Standesherrn sich in die 
Stellung von Untertanen nicht hineinfinden wollten. Denn der Adel war auf die Unter- 
stützung der Regierung, auf ihre Abwehr des Liberalismus angewiesen, wenn er die 
Reste seiner grundherrlichen Stellung, namenthch die Patrimonialgerichtsbarkeit, wo 
sie noch bestand, behaupten wollte. Freilich der Widerstand gegen den Liberahsmus 
wurde immer aussichtsloser. Die Bedeutung des Bürgertums stieg ; es übernahm in den 
Ländern des Zollvereins unbestritten die wh-tschaftUche Führung, aber auch die geistige 
behauptete es, die bürgerhchen Juristen und Professoren waren zugleich die pohtischen 
Führer. Daraus entstand ohne weiteres die Forderung nach einem dieser Bedeutung 
entsprechenden Anteü am pohtischen Leben, nach einem gerechteren Wahlsystem, 
nach größerer Bewegungsfreiheit der Kammern, nach einer Beschränkung der über- 
wiegend adhg-agrarisch zusammengesetzten ersten Kammern. Der Widerstand der 
Regierungen gegen die Erfüllung dieser Forderungen rief eine wachsende Verbitterung 
hervor ; die bestehenden Verfassungen wurden als Widerspruch gegen die wirkhchen 
Zustände, gegen die berechtigten Ansprüche des Volkes — mit dem sich diese oberen 
Schichten des Bürgertums unbedenkhch gleichsteUten — empfunden und befehdet. 
Die Regierungen erwehrten sich der Bewegung, so gut sie konnten, auch mit allerhand 
kleinen Mitteln der poUzeiUchen Schikane ; aber wie die preußische, so zweifelten auch 
die meisten mittelstaatUchen Regierungen an der MögUchkeit, das Bestehende noch 
lange erhalten zu können. Und besondere Ereignisse wie die ärgerUchen Kämpfe um 
Lola Montez in Bayern bewiesen auch eine gewisse Unsicherheit bei den Regierungen. 

Li diesem Zustand trafen die Nachrichten von den itaUenischen Unruhen seit 
dem Januar, dann zu Ende Februar 1848 die Nachricht vom Siege der Revolution in 
Frankreich die deutsche Staatenwelt. Allenthalben, zuerst in Süddeutschland, bald 
aber auch in den andern Staaten, faßte das Bürgertum den Mut, Volksversammlungen 
abzuhalten und seine Forderungen laut werden zu lassen. Sie bezogen sich einmal auf 
die deutsche Einheit, die Reform der Bundesverfassung, und gaben so den Anstoß zu 
der bereits geschilderten deutschen Bewegung der Jahre 1848 und 1849. Zweitens aber 
berührten sie, und zwar, wie das gelegentlich geäußerte Verlangen, daß nur Landeskin- 
der in einem Staate als Beamte angestellt werden dürften, verrät, in einem manchmal 
komischen Gegensatz zu der laut gepriesenen deutschen Einheitsidee, die inneren Zu- 
stände der Einzelstaaten. Wie die Wahlen zum deutschen Parlament, so beweisen 
auch diese Forderungen den überwiegend politischen Charakter der Bewegung des 
Jahres 1848 ; sie handeln von politischer Freiheit, von 'Freiheit der Presse, von Schwur- 
gerichten, von Volksbewaffnung mit freier Offizierswahl. Ein sozialistischer Einschlag, 
wie er in Frankreich die Revolution bestimmte, fehlt üi Deutschland fast ganz. 

Die Regierungen gaben dieser Bewegung ohne Widerstand zu versuchen nach. 
Überall traten die alten Ministerien ab und machten den „Märzministern", den Füh- 
rern der bisherigen parlamentarischen Opposition Platz. Die besonderen Ereignisse in 
Bayern führten ferner zur Abdankung Ludwigs L Dieses haltlose Zusammenbrechen 
der vormärzhchen Regierungen war gewiß nicht heroisch, aber es bheb den Fürsten 
der Mittel- und Kleinstaaten nichts anderes übrig, nachdem der Bundestag sich der 



Die Bewegung des Jahres 1848 139 

Volksbewegung gefügt hatte und selbst in Wien und Berlin der Absolutismus ge- 
stürzt worden war. Und den Erfolg hatte diese Nachgiebigkeit wenigstens, daß gewalt- 
same Erschütterungen vermieden wurden, daß das gebildete und besitzende Bürger- 
tum die Führung behielt, ohne den Kadikalismus zum Bundesgenossen aufrufen zu 
müssen. Nur in Baden kam es schon während des Fi-ühjahrs 1848 zu Kämpfen; hier 
unternahmen die von Frankreich und der Schweiz her verstärkten Eadikalen und Ke- 
pubhkaner einen Vorstoß, den aber eine Bundesexekution rasch niederwarf. 

Dem Siege der bisherigen Opposition und der Erfüllung der ersten Forderungen, 
den eigentlichen „Märzerrungenschaften", folgte nun allenthalben eine ßeformgesetz- 
gebung, die zwar in gesetzUchen Formen vorgenommen wurde, aber um so gewaltiger 
das Bestehende umwälzte, je mehr- die Eegierungen und die Kammern xmter dem 
Druck der aufgeregten öffenthchen Meinung standen. Die Kleinstaaten wurden erst 
jetzt zu modernen Verfassungsstaaten, sei es, daß sie wie Oldenburg, die drei anhaltini- 
schen Herzogtümer und die beiden Fürstentümer Reuß überhaupt keine geschriebenen 
Verfassungen besessen oder die alte landständische Verfassung in mehr oder minder 
modernisierter Form bisher beibehalten hatten. Den neu erlassenen Verfassungen, von 
denen die mecklenbm-g-schwerinische vom 10. Oktober 1849 genannt sei, weil sie bis 
heute die einzige moderne Verfassungsurkunde Mecklenbm-gs gebHeben ist, xmd den 
neuen Bestimmungen, die in die alten eingefügt wurden, ist es gemeinsam, daß sie 
das fürsthche Domanium entweder zum Staatsgut erklärten oder wenigstens der Ver- 
waltung imd Verwendung des Staates unterordneten und die Fürsten auf ZiviUisten 
anwiesen; ferner wurden an Stelle der ständischen Vertretimgen Volksvertretungen im 
Siime der konstitutionellen Doktrin geschaffen. Während selbst die nach der Juli- 
revolution erlassenenVerfassungen durchaus auf monarchischem Boden standen und die 
Volkssouveränität und Gewaltenteüung meist ausdrücküch verwarfen, ist in den Ver- 
fassungen des Jahres 1848 (auch in der preußischen) der Einfluß der belgischen Ver- 
fassung von 1831 unverkennbar. Die Verfassung von Anhalt-Dessau vom 29. Oktober 
1849 bezeichnete die Regierungsform als „demokratisch-monarchisch". Aber auch die 
größeren, schon vor 1848 zur konstitutionellen Regierung übergegangenen Staaten 
erhtten tiefgreifende Neuerungen. Der Geist der vom Frankfiu-ter Parlament aufge- 
stellten Grundrechte des deutschen Volkes, die Ideen der Freiheit und der Gleichheit 
beherrschten ihre Gesetzgebung während der Jahre 1848 und 1849. Die letzten Reste 
der Vorrechte des Adels und des bureaukratisch-absolutistischen Regierungssystems 
wurden beseitigt. In Hannover wurde erst jetzt die besondere adlige Bank in den Kol- 
legien und die Steuerfreiheit der Rittergüter aufgehoben, überall fielen die Privilegien 
des Gerichtsstandes, die patrimoniale Gerichtsbarkeit und Polizei, die Jagdgerechtig- 
keiten auf fremdem Boden; die Grundentlastung der Bauern wurde mit staathcher 
Unterstützung fortgeführt und fast überall dem Abschluß nahegebracht. Die Rechts- 
gleichheit der Staatsbüi'ger wurde konsequent auch auf die Sekten und die Juden aus- 
gedehnt und die Ausübung der bürgerhchen und politischen Rechte vom Glaubensbe- 
kenntnis unabhängig gemacht. Von diesem Standpunkt aus wurde auch versucht, die 
poütische Vertretung des Volkes durch Beseitigung der ständischen GHederung umzu- 
gestalten. Deshalb wurden nicht allein die Vertreter des adhgen oder großen Grund- 
besitzes und die andern Privilegierten, die in den zweiten Kammern Bayerns, Sachsens, 
Württembergs, Hannovers und Hessens saßen, aus diesen verdrängt, sondern es wurde 
durch eine demokratische Gestaltung des Wahlrechts der Charakter der zweiten Kam- 
mern als der Vertretung des Volkes noch stärker betont ; der moderne Gedanke, daß das 
Wahlrecht nicht ein korporatives, den Angehörigen eines bestimmten Standes oder Be- 
rufes zukommendes, sondern ein individuelles Recht sei imd daher jedem Volljährigen 
und Unbescholtenen zustehen müsse, wurde mit ganz geringen Kautelen (z. B. höheres 



140 T- Härtung: Deutsche VerfasBungsgeschiclite vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Alter und Vorschrift der direkten Steuerzahlung) verwirklicht. Auch die ersten Kam- 
mern wurden in diese Eeformgesetzgebung hineingezogen, in Sachsen und Hannover 
aus Vertretungen der privilegierten Geburtsstände in gewählte Körperschaften umge- 
wandelt, während Württemberg seine Kammer der Standesherrn ganz beseitigte. In 
unmittelbarem Zusammenhang mit diesen Änderungen in der Organisation der Land- 
tage steht die Erweiterung ihrer Kompetenz. Die in den früheren Verfassungen ent- 
haltenen Beschränkungen der ständischen Initiative, die Vorbehalte der Eegierungen 
hinsichtUch der Beantragung neuer Gesetze fielen der Bewegung von 1848 zum Opfer. 
Noch mehr soUte der Schwerpunkt des Staates von der Regierung auf die Volksver- 
tretung dadurch verlegt werden, daß die gesetzliche Feststellung der Ministerverant- 
wortlichkeit gefordert wurde; ein solches Gesetz, das einen besonderen Staatsgerichts- 
hof schuf, ist z. B. für Bayern erlassen worden (4. Juni 1848). Die Rechtssicherheit 
des einzelnen wurde durch die Trennung der Justiz von der Verwaltung und durch 
Sicherung der Unabhängigkeit der Richter, durch Öffenthchkeit und MündUchkeit 
des gerichtlichen Verfahrens, durch die Errichtung von Schwurgerichten, endlich 
durch die Eröffnung des Rechtsweges gegenüber den Verfügungen der Verwaltungsbe- 
hörden erhöht. Und hier, auf dem Gebiete der A^erwaltvmgsgerichtsbarkeit drang auch 
ein neuer politischer Gedanke in die Mittelstaaten ein, die Beteiligung der Laien an der 
Verwaltung neben den Beamten; er wurde zuerst in Hessen nach dem belgisch-fran- 
zösischen Vorbild in der Form von Bezirksräten verwirkHcht. Aber auch der germani- 
sche Gedanke der kommunalen Selbstverwaltung der Gemeinden, den Stein in der 
preußischen Städteordnung von 1808 zu neuem Leben erweckt hatte, fand jetzt Ein- 
gang in das politische Leben der Mittelstaaten; überall wurde eine Neuordmmg der 
Gemeindeverwaltung im Geiste der Autonomie gefordert. 

Die FüUe von neuen Ideen und Gesetzen ließ sich natürlich nicht von heute auf 
morgen in die Wirklichkeit umsetzen, und das wurde dieser Reformbewegung zum 
Verhängnis. Es war die innere Schwäche der Märzministerien und der hinter ihnen 
stehenden Kreise des liberalen Bürgertums, daß die von ihnen erkämpfte Erweiterung 
der politischen Rechte radikalen Schichten das Übergewicht verschaffte. In den auf 
Grund der neuen Wahlgesetze gewählten Kammern saß die hberale Partei als Minder- 
heit auf der rechten Seite, die Mehrheit besaß die radikale Linke, eine Demokratie, die 
zum guten Teil aus Kleinbürgern ohne pohtische Bildung und ohne parlamentarische 
Erfahrung bestand und durch die Maßlosigkeit ihrer Forderungen den Märzministerien 
das Regieren unmögUch machte. Und eine weitere Schwäche war es, daß die alten Re- 
gierungen, die Fürsten, das Beamtentum, doch innerlich sehr viel mehr Kraft und Halt 
hatten, als die Märzereignisse hatten vermuten lassen. Im Zusammenhang mit der 
großen europäischen Reaktionsbewegung, mit der seit der Pariser Junischlacht des 
Jahres 1848 begiimenden allmähUchen Kräftigung der Staaten faßten sie wieder Mut. 
Daß die größeren Mittelstaaten die Anerkennung der Eeichsverfassung des Frankfur- 
ter Parlamentes verweigerten, war die erste Tat der auch hier erwachenden Reaktion 
gegen die Revolution. Sie führte zwar in einzelnen Ländern, in Sachsen, Baden und 
der Pfalz zur offenen Revolution, zum Abfall des Militärs, zur Erklänmg der Republik. 
Aber Preußen warf mit geringer Anstrengung diese Aufstände während des Sommers 
1849 nieder. 

Damit war für alle diese Staaten die revolutionäre Periode beendet. Mochten 
auch in einzelnen Staaten die demokratischen Kammern weiter tagen und gerade jetzt 
ihre Gesetzgebung abschließen, die Reaktion war nicht mehr aufzuhalten. Ihre Träger 
waren die Dynastien, die die Selbständigkeit ihrer Staaten und damit die eigene Sou- 
veränität nicht zugunsten der deutschen Einheit aufgeben wollten, die Bureaukratie, 
die an der altgewohnten obrigkeitlichen Regelung des Lebens und an der eigenen Un- 



Die Bewegung des Jahres 1848 und ihre Folgen J4l 

abhängigkeit von den Parlamenten festhielt, endlich der Adel, der den Verlust seiner 
Sonderrechte nicht ohne Kampf hinnehmen wollte. Der Verlauf der Reaktion ist na- 
türlich in den einzelnen Staaten je nach dem Kräfteverhältnis dieser Faktoren ver- 
schieden gewesen. Während in Baden die alte Ordnung unter dem Schutz der preu- 
ßischen Truppen wieder hergestellt wiurde, konnte sich in Bayern, wo die ultramon- 
tane Partei stets ein Gegengewicht gegen die Liberalen und Demokraten gebildet hatte, 
der Übergang ruhig und ohne Bruch mit der Gesetzgebung von 1848 vollziehen. Dagegen 
wurden in Sachsen, Württemberg und Hessen im Laufe des Jahres 1850 durch könig- 
liche Verordnungen die neuen Kammern aufgelöst und die radikalen Wahlgesetze auf- 
gehoben, an ihre Stelle traten die alten, 1848 beseitigten Einrichtungen ; die Regierun- 
gen waren überaU stark genug, um ihre rechtheh sehr anfechtbaren Verordnungen 
durchzuführen. Nur in Kurhessen kam es zu Unruhen, als im Herbst 1850 das Mi- 
nisterium Hassenpflug die freihch besonders radikale Verfassung in dem der Allge- 
meinheit sehr fühlbaren Punkte der Steuererhebung verletzte und zur Durchführung 
seiner Absichten unter Berufung auf die im Jahre 1848 vom Bundestag selbst aufge- 
hobenen Ausnahmegesetze des Deutschen Bundes den Kriegszustand über das Land 
verhängte. Da sich die Zivübehörden und das auf die Verfassung vereidigte Militär 
weigerten, die verfassungswidrigen Anordnungen zu vollziehen, rief das Ministerium 
den inzwischen von Österreich wiederhergestellten Bundestag an. Nachdem die po- 
litischen Schwierigkeiten dieser Aufgabe durch die Olmützer Konvention zwischen 
Österreich und Preußen behoben waren, schufen Kommissare des Bundes Ordnung; 
durch Beschluß des Bundestags vom 27. März 1852 wurde die Verfassung des Jahres 
1831 außer Kraft gesetzt und eine neue^) erlassen, die den monarchischen Charakter 
des Staates ausdrücklich betonte, das Zweikammersystem einführte und der die Regie- 
rung zu sehr einengenden Bestimmungen der früheren Verfassung entbehrte, aber keinen 
Teil, weder den absolutistisch gesinnten Kurfürsten und seinen Minister Hassenpflug 
noch das Land befriedigte und noch weniger das Grundübel des kurhessischen Ver- 
fassungslebens, das Mißtrauen zwischen Fürst und Volk, beseitigte, sodaß die Verfas- 
sungskämpfe hier erst mit dem Aufhören des kurhessischen Staates ein Ende fanden. 

Die Kleinstaaten warteten ausdrückliche Beschlüsse des Bundestags ab, bis sie zu Beginn der 
fünfziger Jahre erst die Grundrechte des deutschen Volkes aufhoben, dann auf gesetzhehem Wege 
oder durch einseitige landesherrUche Verordnungen die Gesetze der Jahre 1848-— 1850 abänderten. 
Besonderes Gewicht wurde überaU darauf gelegt, die Domänen wieder in das ausschheßliche Eigen- 
tum des Fürsten zurückzuverwandeln und die Zivillisten abzuschaffen, femer den Einfluß der 
breiten Masse durch Wiederherstellung der alten ständischen Vertretungen oder durch Einrichtung 
besonderer Kurien der Höchstbesteuerten (in Braunschweig, Weimar, Nassau, Schwarzburg- Son- 
dershaxisen) abzuschwächen. 

Während in allen diesen Staaten die Reaktion eine Erhebung der Monarchie und 
des Beamtentums gegen das Bürgertum bedeutete, ging sie in Hannover und Meck- 
lenburg, den klassischen Ländern der Adelsherrschaft, vom Adel aus. Die in ihren 
Rechten gekränkten Ritterschaften wendeten sich beschwerdeführend an den Bundes- 
tag und erhielten Recht. Durch den Spruch eines Schiedsgerichtes vom 11. Septem- 
ber 1850 wurde die allein für Schwerin erlassene mecklenburgische Verfassung vom 
10. Oktober 1849 wieder aufgehoben, imd der alte landesgrundgesetzhche Erbvergleich 
von 1755 wurde mit allen seinen Anomahen, selbst der, daß er nicht che beiden Bun- 
desstaaten Schwerin und StreHtz, sondern nur die Herzogtümer Schwerin und Gü- 
strow und den Stargardischen Kreis kennt, wieder in Kraft gesetzt. Auch die neue 
hannoversche Verfassung vom 5. September 1848 wurde vom Bimdestag in einzelnen 
Punkten als bundeswidrig bezeichnet ; aber die Ivrone war hier doch mächtig genug, um 
die Änderungen von sich aus zu verfügen. In der Hauptsache wm-de auch hier die alte 
Verfassung i n der Form, die sie nach dem Staatsstreich vom Jahre 1837 durch das 

1) Vom 13. AprU 1852, bei Altmakn, Urk. z. d. Vfg., Bd. I, S. 290 ff. 



142 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Landesverfassungsgesetz vom 6. August 1840 erhalten hatte, wiederhergestellt. Sie 
war zwar moderner als die mecklenburgische, stand aber grundsätzlich, in der Ableh- 
nung des modernen einheithchen Staatsbegriffs, in der Erhaltung des Dualismus von 
Fürst und Land, die auch jetzt durch die Eückverwandlung der Staatsdiener und der 
Staatsanwälte in königliche Diener und Kronanwälte und durch die Erneuerung der 
Kassentrennung noch besonders betont wurde, auf dem gleichen altständischen Boden 
wie jene. 

Trotz dieser allgemeinen Herrschaft der Reaktion in den deutschen Staaten, die 
in den einzelnen Handlungen der Verwaltungen natürlich noch deutlicher zum Aus- 
druck kam als in der Gesetzgebung, waren die „vormärzlichen" Zustände doch end- 
gültig vorbei. Die soziale Befreiung und die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Ge- 
setz ist in den maßgebenden Staaten nicht mehr angetastet worden, auch die Patrimo- 
nialgerichte blieben aufgehoben; der moderne Staat hatte gesiegt. Ein dauerndes Er- 
gebnis der Bevolutionsjahre ist auch der größere Zuschnitt des politischen Lebens ; die 
Zensur wurde nicht mehr eingeführt. Und vor allen Dingen: Preußen war seit 1848 
Verfassungsstaat, und damit war das unnatürUebe Übergewicht, das der süddeutsche 
Liberalismus in den letzten Jahrzehnten erlangt hatte, gebrochen. Das pohtische Le- 
ben der Mittel- und Kleinstaaten war, wie die Jahre der Reaktion von neuem be- 
wiesen, abhängig nicht von der Kraft ihrer Regierungen und Parteien, sondern vom 
Bunde und seinen Großmächten. Nur Preußen besaß die Macht, seine innere und äu- 
ßere Politik selbständig zu bestimmen; die Entwicklung Preußens in den fünfziger 
und sechziger Jahren ist der entscheidende Faktor auch für die innere Geschichte der 
Mittel- und Kleinstaaten geworden. 

Zehntes Kapitel: Preussen seit 1806 

Die für das 17. und 18. Jh. reichlich fließenden Veröffentlichungen von Akten hören spätestens 
mit dem Jahre 1806 auf. Abgesehen von gelegentlichen Mitteilungen sind wir daher in der Haupt- 
sache auf die Gesetze angewiesen, die seit 1810 in der Gesetzsammlung für die kgl. preußischen 
Staaten (seit 1907: Preußische Gesetzsammlung) amtlich veröffentlicht werden. Die Gesetze der 
Jahre 1806 — 1810 finden sich sowohl in einem Nachtragsbande zum Novum Corpus Gonstitutionum 
wie in einem Einleitungsbande zur Gesetzsammlung. Eine Auswahl des Wichtigsten bieten W. Alt- 
MAi«r, Ausgewählte Urkunden z. brandenb.-preuß. Vfg. u. Verwaltungsg., Teil 11 (1897, 2. Aufl. 
noch nicht erschienen), das neunzehnte Jahrhundert, und W. SchÜcking, Quellensammlung z. preuß. 
Staatsrecht (1906). 

An Gesamtdarstellungen kommen die oben S. If. genannten zusammenfassenden Arbeiten 
von BoKNHAK, LoENiNQ und Stölzel in Betracht, für die Zeit bis 1848 ferner die auf Aktenstu- 
dium aufgebaute grundlegende Darstellung bei H. v. Teeitschke, Deutsche G. im 19. Jh., zu der 
A. Stekn, G. Europas seit den Verträgen von 1815 (bis jetzt 6 Bde. bis 1818, 1894/1911, davon Bd. I 
und II in 2. Aufl. 1913) Ergänzungen enthält. Einzeluntersuchungen bieten O. Hintzb, D. preuß. 
Staatsministerium im 19. Jh. (Festschrift zu G. Schmollers 70. Geburtstag, Beitr. zur brandenb. u. 
preuß. G., hersg. vom Ver. f. G. der Mark Brandenburg 1908; vgl. auch dessen Aufsatz, Die Ent- 
stehung der modernen Staatsministerien, HZ., Bd. 100, 1908) und G. Schmollbe, Die Epochen der 
preuß. Finanzpolitik bis zur Gründung des Deutschen Reiches (Umr. u. Untersuch.). 

Übersichten über die Verfaasungsentwicklung enthalten auch die einleitenden Abschnitte der 
Bearbeitungen des preußischen Staatsrechts, z. B. C. Boenhak, Preuß. Staatsrecht (2. Aufl. 1911), 
L. V. Rönne, Staatsrecht d. preuß. Monarchie (5. Aufl. von Th. Zoen 1899/1906), Graf Hue de 
Gbais, Hb. der Verfassung und Verwaltung in Preußen und im Deutschen Reich (sehr oft aufgelegt). 

§ 40. Die Stein - Hardenbergischen Reformen 

Als Quellen sind neben den Gesetzen an erster Stelle die Papiere der leitenden Staatsmänner 
zu nennen; die des Freiherm vom Stein sind aufgenommen in die etwas ungefüge Biographie von 
G. H. Pebtz, Das Leben des Ministers Frhrn. vom Stein (6 Bde., 1849/55), die Denkwürdigkeiten 
Hardenbergs (nur bis 1806), hersg. von L. v. Ranke, die Rigaer Denkschrift ist außerdem auch in 
Rankes Hardenberg, Bd. III (sämtl. Werke, Bd. 48) abgedruckt (vgl. dazu E. Speangee, Alten- 
steins Denksclirift von 1807 und ihre Beziehungen zur Philosophie, FBPrG., Bd. XVIII, 1905). 
Femer sind zu nennen: W. v. Humboldt, Politische Denkschriften, hersg. von B. Gebhaedt (in 
den Gesammelten Schriften hersg. von der Ak. Berlin, Bd. X — XII, 1903/04). Aus den Papieren 
des Ministers und Burggrafen von Marienburg Th. v. Schön (7 Bde., 1877/83; über die Glaubwiirdig- 



Die Stein -Hardenbergischen Reformen 143 

keit vgl. M. Lehmäitn, Knesebeck und Schön 1875, femer die neueren, für Schön wesentlich gün- 
stigeren Arbeiten von M. Baitmann, Th. v. Schön, seine Geschichtsschreibung und seine Glaub- 
würdigkeit, 1910, und Schöns Urteil über Stein als Finanzmann, HVSchr., Bd. XVI, 1913). Briefe 
und Aktenstücke z. G. Preußens unter Friedrich Wilhelm III., vorzugsweise aus dem Nachlaß von 
F. A. Stägemann, hersg. von F. Rühl (3 Bde., 1899/1902). Für die Gegner der Reformen ist der 
Wortführer F. A. L. v. d. Marwitz, hersg. von F. Meusel (Bd. I, Lebensbeschreibung 1908; Bd. 11, 
Tagebücher, politische Schriften und Briefe 1913). 

Allgemeine Darstellungen: G. Cavaignac, La formation de la Prusse contemporaine (2 Bde. 
bis 1813; 1891/98). R. Koseb, D. preuß. Reformgesetzgebung in ihrem Verhältnis z. franz. Re- 
volution (HZ., Bd. 73, 1894). E. v. Meieb, Franz. Einflüsse auf die Staats- und Rechtsentwick- 
lung Preußens im XIX. Jh., Bd. I, Prolegomena, 1907; Bd. II, Preußen und d. franz. Revolution, 
1908 [vgl. dazu M. Lehmakus Kritik, D. preuß. Reform von 1808 und d. franz. Revolution, PrJbb, 
1908, Bd. 132; femer Meiers Erwiderung, Der Minister vom Stein, die franz. Revolution und d. 
preuß. Adel, eine Streitschrift gegen M. LehmaMt, 1908; vgl. dazu die Besprechungen FBPrG.. 
Bd. XXI, 1908, S. 313ff. und 625ff. (O. Hlntze), Int. Wochenschrift f. Wiss., Kunst und Technik, 
Bd. in, 1909, S. 263ff. und S. 308ff. (G. KAurjiAiiN), HZ., Bd. 103, 1909, S. 359ff. (A. Wahl), 
JbGesW., Bd. XXXn^ 1910, S. 69ff. (G. Ktotzel), PrJbb. 1908, Bd. 134, S. 448 (H. Delbrück)]. 
F. Meinecke, Das Zeitalter der deutschen Erhebung^ (1913). E. Spraisiger, Philosophie und Pä- 
dagogik d. preuß. Reformzeit (HZ., Bd. 104, 1910). A. Stern, Abh. und Aktenstücke z. G. d. Preuß. 
Reformzeit (1885). 

Einzelne Gebiete: Bauernbefreiung: l. F. Knapp, Die Bauernbefreiung und der Ursprung 
der Landarbeiter in den älteren Teilen Preußens (2 Bde., 1887). Heeresreform: außer den Biogra- 
phien Schamhorsts, Gneisenaus und Boyens ( s. unten) vor allem A. Herrmann, Friedlich WUhelmlll. 
und sein Anteil an der Heeresreform bis 1813 (HVSchr., Bd. XI, 1908); O. v. d. Osten-Sacken, 
Preußens Heer von seinen Anfängen bis zur Gegenwart, Bd. II (1912); D. preuß. Heer der Befreiungs- 
kriege, hersg. vom Gr. Generalstab, Bd. I (1912). Städteordnung: M. Lehmann, Der Ursprung der 
Städteordnung von 1808 (PrJbb., Bd. 93, 1898); O. v. Gierke, Die Städteordnung von 1808 und die 
Stadt Berlin (JbGesW., Bd. XXXVT, 1912); die wichtigste Literatur des Jubiläumsjahrs 1908 s. 
Dahlmann-Waitz^, Nr. 1227. Steuem: K. Dieteeici, Z. G. der Steuerreform in Preußen 1810 
bis 1820 (1875); K. Mameoth, G. d. preuß. Staatsbesteuerung im 19. Jh., 1. (einziger) Teil von 1806 
bis 1816 (1890). Verfassung: A. Stern, G. d. preuß. Verfassungsfrage 1807 — 1815 (in den Abh. u. 
Akt.). Verwaltung: E. v. Meier, Die Reform der Verwaltungsorganisation unter Stein und Har- 
denberg, 2. Aufl. von F. Thimme, 1912. 

Biographien (alphabetisch): Boyen; F. Meinecke, Das Leben des Generalfeldmarschalls 
H. V. Boyen (2 Bde., 1896/99). Gneisenau: H. Delbrück, Das Leben des Feldmarschalls Grafen 
N. V. Gneisenau (3. Aufl. 1908). Hardenberg: L. v. Ranke, Hardenberg und d. G. d. preuß. Staates 
von 1793 — 1813 (3 Bde., 1879/81, Einleitung der Denkwürdigkeiten, auch in den Sämtl. Werken, 
Bd. 46—48). W. V. Humboldt: B. Gebhardt, W. v. Humboldt als Staatsmann (2 Bde., 1896/99). 
Soharnhorst: M. Lehmann, Schamhorst (2 Bde., 1886/87). Stein: M. Lehmann, Frhr. vom Stein 
3 Bde., 1902/05). 

Es ist oben (S. 80) darauf hingewiesen worden, wie in Preußen unter Friedrich 
Wilhelm II. und Friedrich Wilhelm III. die staatliche Energie nachheß und wie der 
Staat dadurch von seiner Höhe herabsank. Aber bei Jena und Auerstädt wurde doch 
nicht bloß das System Friedrich Wilhelms III. geschlagen, sondern auch das Friedrichs 
des Großen. So vernichtend konnten diese Niederlagen nur dadurch werden, daß der 
aufgeklärte Despotismus gi-undsätzlich auf die lebendige und freie Anteilnahme seiner 
Untertanen am Staatsleben verzichtete, daß er vielmehr alles von oben her zu bestim- 
men unternahm, jedem den Wirkungskreis genau vorschrieb und ihn darin festhielt, 
daß er auch die Pfhchten gegen den Staat nach dem Grundsatz der Arbeitsteilung regu- 
lierte und eine aktive Betätigung für den Staat nur vom Beamtentum und vom Heere 
forderte, die breite Masse aber auf das Steuerzahlen beschränkte und selbst in Kriegs- 
zeiten für sie die Euhe als die erste BürgerpfUcht proklamierte. Aber auch das Be- 
amtentum und die Militärbehörden erwarteten jeden Antrieb von oben her und fielen 
fast widerstandslos dem Eroberer anheim, als unter dem lähmenden Eindruck der Nie- 
derlage die oberste Leitung versagte. Die Festungen kapituherten, die Zivilbehörden 
arbeiteten in der gewohnten Weise füi- die neue Zentralgewalt, die Napoleon organi- 
sierte. Auch die Bevölkerung nahm während der ganzen Dauer des Krieges kaum An- 
teil an dem Schicksal des Staates ; so ist er bis zum Ende recht eigentlich ein Krieg des 
alten Staates gewesen, in dem der friedliche Bürger es gar nicht merken sollte, wenn 
der Soldat sich schlug. 

Dieser alte Staat hatte nun der neuen Zeit gegenüber versagt. Damit war die 



144 ^- Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Notwendigkeit einer gründlichen Eeform erwiesen, zugleich waren auch die Hinder- 
nisse aus dem Wege geräumt, die bisher emer Reform im Wege gestanden hatten, die 
Macht der Tradition, die namentlich in dem Generalkontrolleur der Finanzen Grafen 
Schulenburg-Kehnert verkörpert gewesen war, und die Scheu vor energischen Maß- 
regeln, die dem Könige und seinen Geheimen Kabinettsräten eigentümlich gewesen war. 

Über das Wesen der preußischen Reformen ist vor einigen Jahren ein lebhafter Streit ent- 
brannt. In seiner Biographie des Freiherrn vom Stein hatte M. Lehmann zunächst ein sehr ungün- 
stiges Bild von den Zuständen des alten Preußen vor 1806, von seiner mangelhaften staatlichen 
Organisation und seinen unbefriedigenden sozialen Verhältnissen, der ungerechten Bevorzugung des 
Junkertums gezeichnet und nachzuweisen versucht, daß die Reform ein vollständiger Neubau 
gewesen sei und daß Stein bei diesem Neubau sich bewußt nach dem Vorbild des revolutionären 
Frankreich gerichtet habe. Diese Darstellung focht E. v. Meier in dem Buch über die französischen 
Einflüsse auf die Staats- und Rechtsentwicklung Preußens in allen ihren Punkten an. Er bestritt, 
daß die preußischen Zustände vor 1806 unhaltbar gewesen seien, es habe eine allgemeine Zufrie- 
denheit geherrscht, er bestritt ferner, daß Stein eine VorUebe für die Ideen der französischen Revo- 
lution gehabt habe, und er bestritt endlich jeden fremden Einfluß auf die Reform; man habe in 
Preußen „nicht vom Gegner gelernt", Steins Reform sei „aus dem ureigenen deutschen Geiste" 
hervorgegangen, Preußen habe ,,sich gleich dem Großen Kurfürsten im Prinzen von Homburg auf 
märkische Weise fassen" wollen. 

Meiers Einspruch scheint mir (im Einklang mit den meisten Kritikern) in zwei Punkten 
berechtigt zu sein, nämhch in der hier nicht näher zu erörternden Frage nach der persönlichen 
Stellung Steins zur französischen Revolution, ferner in der Beurteilung des alten Preußen vor 1806 
(vgl. auch oben S. 78). Nicht an seiner sozialen Ungerechtigkeit, an der Aufrechterhaltung der stän- 
dischen Gliederung der Gesellschaft ist das alte Preußen zugrunde gegangen, sondern an seiner mi- 
htärisch-politischen Schwäche; die Reform ist deshalb auch nicht ein Werk der bisher unterdrückten 
Klassen, sondern findet ihre Träger in der bisher herrschenden Schicht, im König und im hohen 
Beamtentum. 

Aber für das Wesen der eigentlichen Reform ist damit noch gar nichts bewiesen. 
Hier ist Meiee mit seiner schroffen Ablehnung aller fremden Einflüsse sicher im Irr- 
tum. Freilich geht auch Lehmann zu weit, indem er, verleitet durch die unbestreit- 
baren und sehr fruchtbaren Ergebnisse seiner vergleichenden Betrachtung der Gesetze 
der französischen Revolution und der preußischen Reform, euaseitig den französischen 
Einschlag betont hat. Durch die Kontroverse ist die Frage viel zu schroff formuliert 
worden, es handelt sich nicht um ein Entweder-Oder, sondern um eine Synthese von 
Altpreußischem und Neuem. Das Neue sind nicht schlechthin die Ideen von 1789, 
sondern allgemeiner die Ideen des 18. Jhs., der IndividuaHsmus der Zeit, die Kraft der 
auf sich selbst gestellten Persönlichkeit. Es ist etwas Unpreußisches, Deutsches, ja 
Weltbürgerhches, das nach 1807 in den preußischen Staat aufgenommen worden ist 
und sich bis auf den heutigen Tag ihm noch nicht ganz assimiliert hat ; es ist kein Zu- 
fall, daß die führenden Männer der Reformzeit, Stern und Hardenberg, Scharnhorst 
und Gneisenau, nicht geborene Preußen waren. Aber neben diesem Neuen bestand doch 
trotz allen Niederlagen der altpreußische Staat noch weiter, mit seiner Organisation, 
die auch für die Reformen die Grundlage gebildet hat, mit seinen starken persönlichen 
und allgemeinen Kräften, mit Königtum, Beamtentum, Heer imd mit seinem Adel, 
der — mag man das billigen oder nicht — eine starke reale Gewalt war, endlich auch 
mit einem lebendigen Staatsbewußtsein. Daraus erklärt sich das Besondere der preu- 
ßischen Reform im Gegensatz zu den Rheinbundstaaten und zur französischen 
Revolution: hier ist nicht ein Staat künstlich geschaffen, sondern das historisch ge- 
wordene alte Preußen, der Staat Friedrichs des Großen, ist dm-ch neue Kräfte belebt 
und verstärkt, ist fort- aber nicht eigentlich umgebildet worden ; und dieser Staat war 
zugleich das Ziel imd die Schranke der Reform; trotz allem Individualismus ist die 
Freiheit der Persönlichkeit niemals Selbstzweck geworden, die Reform hat sich nie gegen 
den Staat gerichtet, sondern ist stets darauf ausgegangen, dessen Macht zu steigern. 
Die Reform begann mit dem trotz seinem unscheinbaren Titel berühmten Edikt 
vom 9. Oktober 1807, betreffend den erleichterten Besitz des Grimdeigentums sowie 
die persönlichen Verhältnisse der Landbewohner. Dieses änderte freilich an den Zustän- 



Die Stein -Hardenbergischen Reformen 145 

den in Preußen nicht allzuviel, da es die Eigentumsverhältnisse und die dinglichen 
Lasten der Bauerngüter überhaupt nicht berührte. Seine Bedeutung liegt vielmehr 
darin, daß es ein neues Prinzip für die gesamte Tätigkeit des Staates aufstellte: es 
bricht mit der polizeistaatUchen Fürsorge für das Wohl und Wehe des einzelnen, es 
stellt diesen auf sich selbst und überläßt es ihm, sich durchzusetzen; der Staat be- 
gnügt sich damit, „alles zu entfernen, was den Einzelnen bisher hinderte, den Wohl- 
stand zu erlangen, den er nach dem Maße seiner Kräfte zu erreichen fähig war". Dar- 
um hebt das Edikt zwei Schranken auf, erstens die Erbuntertänigkeit der Bauern, d. h. 
die persönliche Abhängigkeit der Bauern von den Gutsherrn, vor allem Gesinde- 
zwangsdienst und Schollenpflichtigkeit, zweitens die Gebundenheit des Grundstücks- 
verkehrs und der Benifswahl; auch dem Adligen werden die bürgerUchen Berufe er- 
öffnet, wie andererseits der Bürgerliche nun auch adligen Grundbesitz sollte erwerben 
können. Die alte Gliederung der Gesellschaft nach Gebvurtsständen war damit gefallen. 

Die Aufhebung der Vorrechte der Geburtsstände wirkte unmittelbar auf die 
Heeresverfassung ein. Das Vorrecht des Adels auf die Offizierstellen — denn als solches 
wurde die von Friedrich Wilhelm I. einst mit Mühe durchgesetzte PfHcht seit Friedrich 
dem Großen empfunden — fiel mit der rechtHchen Gleichstellung der Stände. Statt 
adhger Geburt war seit dem Reglement vom 6. August 1808 in Friedenszeiten ein durch 
Prüfungen festzustellendes Maß von Kenntnissen die Vorbedingung für die Ernennung 
zum Offizier. Auch für die Mannschaften die Konsequenz der Bechtsgleichheit zu 
ziehen und die WehrpfHcht allen gleichmäßig aufzulegen, hinderten sowohl die Beden- 
ken des Königs und der an den alten Traditionen festhaltenden Offiziere wie die prak- 
tische Unmöglichkeit, alle Wehrfähigen in das seit der Konvention vom 8. September 
1808 auf 42 000 Mann beschränkte Heer einzustellen. So bheb das alte Kantonregle- 
ment mit seinen vielen Befreiungen namenthch aller Gebildeten und Besitzenden — 
die sich auch in Frankreich und in den Rheinbundstaaten infolge der Stellvertretung 
dem Dienst entzogen — zunächst in Kraft; erst zu Beginn des Befreiungskrieges, am 
9. Februar 1813, wurde vorläufig für die Dauer des Krieges der Grundsatz der allge- 
meinen Wehrpflicht ausgesprochen. Dagegen hat auf dem Gebiete der militärischen 
Disziplin, in der Neuordmmg der mihtärischen Strafen der Geist der Reform, die neue 
Schätzung auch des gemeinen Mannes als einer PersönHchkeit sich gleich im Jahre 1808 
durchgesetzt. 

Von der hier nicht weiter zu besprechenden Reorganisation des Heeres abgesehen 
waren der Reform drei Aufgaben gestellt : Verbesserung der Organisation der Staats- 
behörden, Befreiung der individuellen Kräfte im Staate, endhch Verbindung von 
Staat und Individuum. Die organisatorischen Veränderungen betrafen vor allem die 
Zentrale, suchten hier eine größere Eüiheithchkeit und Straffheit durchzuführen. An 
die Stelle der drei tatsächhch ohne Fühlung unabhängig nebeneinander stehenden 
KoUegialbehörden, des Kabinettsministeriums (Auswärt. Depart.), des Geisthchen und 
Justizdepartements und des Generaldirektoriums mit seiner unorganischen Verbin- 
dung von Fach- und Provinzialdepartements trat dmxh die Verordnung vom 24. No- 
vember 1808 ein einheitliches Ministerium, das ledigUch Fachministerien, und zwar 
zunächst nach französischem Muster fünf (Inneres, Finanzen, Auswärtiges, Krieg und 
Justiz) zählte. Diese Fachministerien sind, wenn auch ihre Zahl und ihi-e Abgrenzung 
oft gewechselt hat, eine dauernde Einrichtung geworden. Dagegen ist es lange Zeit 
nicht gelungen, für das Zusammenwirken der Minister untereinander imd mit dem Kö- 
rüge eine geeignete Form zu finden. Der von Stein geplante und in dem Pubhkandum 
betreffend die veränderte Verfassung der obersten Staatsbehörden vom 16. Dezem- 
ber 1808 auch angekündigte Staatsrat, in dem unter dem Vorsitz des Königs gemein- 
same Sitzungen der Minister und besonderer Geheimer Staatsräte stattfinden sollten, 

Grundriß der Gcechicbtswiasenschaft II, 4 10 



146 F. Härtung; Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

ist nicht zustande gekommen, vor allem "weil der König seiner Natm: nach nicht für die 
Leitung solcher Sitzungen geeignet war. 1810 schuf dann Hardenberg in dem Amt des 
Staatskanzlers, der den Fachministem vorgesetzt war und deren Verkehr mit dem Kö- 
nig vermittelte oder doch kontrolherte, für eine Eeihe von Jahren einen festen Mittel- 
punkt für die gesamte Staatsverwaltung. Die Provinzialverwaltung beharrte in der 
Hauptsache in den gewohnten Bahnen. Unter dem neuen Namen der Eegierungen 
führten die alten Kriegs- und Domänenkammern die Verwaltung weiter; soweit es 
nicht schon früher geschehen war (vgl. oben S. 77), gaben sie ihre Befugnisse in der 
Verwaltungsgerichtsbarkeit an die Justizkollegien, die jetzt als Oberlandesgerichte 
bezeichneten ehemahgen Regierungen ab. Ihre kollegiale Verfassung widerstand so- 
wohl den Versuchen Steins, neben die Beamten gewählte Repräsentanten zu stellen, 
wie Hardenbergs Experimenten mit dem französisch-westfähschen Präfektensystem. 
Auch das Landratsamt behielt seinen alten Charakter einer Verbindung von Staats- 
amt und kreisständischer Selbstverwaltung ; auch hier scheiterte Hardenberg, als er das 
französisch-westfähsche Beispiel befolgen und im Gendarmerieedikt vom 30. JuU 1812 
den Landrat zu einem ledigHch von der vorgesetzten Behörde abhängigen Beamten 
machen wollte. 

Die mit dem Edikt vom 9. Oktober 1807 eingeleitete wirtschafthche Befreiung 
der Individuen wurde unter den Nachfolgern Steins in einer Weise weitergeführt, die 
zwar dem Wortlaut des Edikts entsprach, aber mit Steins Absichten in Widerspruch 
stand. Denn Stein war, so sehr er auch für die sitthche Selbstverantwortung des ein- 
zelnen eintrat, doch ein Gegner der schrankenlosen Freiheit der Individuen; wie er 
überhaupt von dem etwas unklaren romantischen Ideale einer altgermanischen, kor- 
porativ gebundenen Freiheit erfüllt war, so wollte er auch auf diesem Gebiete zwar die 
staathche Bevormundung preisgeben, aber an einer Beschränkung durch autonome, 
von freien Mitgliedern gebildeten Körperschaften festhalten. Aber schon sein Mit- 
arbeiter Schön, der jenes Edikt zum größten Teil verfaßt hat, und nach ihm Altenstein 
und Hardenberg standen grundsätzhch auf dem Boden der imbedingten individuellen 
Freiheit, huldigten den Theorien von Adam Smith. In fast wörthchem Anklang an 
dessen Buch über den Reichtum der Nationen bezeichnete die Regierungsinstruktion 
vom 26. Dezember 1808^) als die Aufgabe der staathchen Behörden, alles dem natür- 
lichen Gange zu überlassen und überall die volle Freiheit herzustellen. Die Gesetz- 
gebung Hardenbergs führte diese Grundzüge im einzelnen durch. Sie hob die gesamte 
Zunftverfassung auf und verheb nach dem Vorbild von Frankreich und Westfalen am 
28. Oktober 1810 unbeschränkte Gewerbefreiheit für Stadt und Land; sie beseitigte da- 
mit zugleich die seit der Einführung der Akzise in den Städten bestehende wirtschaft- 
liche Trennung von Stadt und Land in Preußen und versuchte konsequent auch eine 
einheithche Steuerverfassung durchzuführen, ohne dabei zu bleibenden Ergebnissen 
zu kommen. Auch die agrarischen Verhältnisse wurden im Geiste der vollen Freiheit 
umgestaltet. Der Aufhebung der Erbuntertänigkeit dm'ch das Edikt vom 9. Oktober 
1807 folgte am 14. September 1811 die Eeguherung der Besitzrechte; je nach dem 
Grade seines bisherigen Besitzrechtes erlangte der Bauer gegen Abtretung eines Drit- 
tels oder der Hälfte seines Landes das voUe Eigentumsrecht an seinem Besitz mit un- 
beschi-änkter Verfügungstreiheit, aber er verlor damit auch den Anspruch auf Unter- 
stützung durch den Gutsherrn, und voll Vertrauen auf den Segen der freien Konkm-- 
renz gab der Staat auch den Bauernschutz auf. Und diese Maßregel, die ganz im Geiste 
von A. Smith war und keineswegs aus Nachgiebigkeit gegen den Adel verfügt wm'de, 
hat mehr noch als die anfechtbaren Einzelbestimmimgen und die am 29. Mai 1816 er- 

1) Vgl. die §§ 34 und 50; vgl. dazu A. Zimmermakn, G. der preußisch-deutschen Handels- 
pohtik (1892), S. 3f. 



Die Stein -Hardenbergiachen Reformen 147 

folgte Beschränkung der Regulierung auf die spannfähigen Güter den ostelbischen 
Bauernstand dem Auskauf durch den kapitalkräftigeren Adel preisgegeben. 

Die verschiedene Stellung Steins und Hardenbergs zum Individuum hat auch 
die Gestaltung des Verhältnisses von Staat und Individuum entscheidend beeinflußt. 
Stein ging auch hier von der Korporation als der natürhchen Grundlage des Gemein- 
wesens, nicht vom Individuum aus; er wollte den einzelnen nicht unmittelbar mit 
dem höchsten Verbände, dem Staate, in Beziehung setzen, sondern ihn durch die ab- 
gestufte Selbstverwaltung von den lokalen Verbänden an über die Ivreise und Provin- 
zen hinaus zur Mitarbeit am Staate heranziehen. Nur ein Teil dieser Absichten ist von 
Stein selbst verwirklicht worden, die Neuordnung der Stadtverwaltimg durch die 
Städteordmmg vom 19. November 1808. Die Städteordnung hebt die alte patrimo- 
niale Stadtverfassung auf und nimmt die staatlichen Funktionen der Bechtsprechung 
und der Polizei den städtischen Behörden ab, dafür aber überträgt sie die gesamte kom- 
munale Verwaltimg ohne die stete Beaufsichtigung dirrch einen Steuerrat der Stadtge- 
meinde. Ziu" praktischen Durchführung dieser Selbstvei-waltung wählt die Bürger- 
schaft eine Stadtverordnetenversammlung, die ihrerseits wieder einen Magistrat als 
ausführendes Organ wählt. Ein weiterer Ausbau der Selbstverwaltung durch Erlaß 
entsprechender Ordnungen iüx das platte Land war geplant, ist aber weder Stein noch 
Hardenberg geglückt. Deshalb bheb die patrimoniale Gerichtsbarkeit und Poüzei der 
Gutsherrn bestehen ; die eben erst aus der Erbuntertänigkeit befreiten Bauern waren 
auch — das hat Stein, dem der preußische Osten fremd war, verkannt — zur Selbst- 
verwaltung noch nicht geeignet. Auch die regelmäßige Zuziehung von ständischen De- 
putierten zu den RegienmgskoUegien und die in der Verordmmg vom 24. Novem- 
ber 1808 hl Aussicht gestellte Errichtimg von Reichsständen ist unterbheben. Harden- 
berg ging von ganz anderen Gesichtspimkten aus als Stein ; er kannte nur den Staat 
und das Individuum und glaubte nicht an die altgermanische Freiheit, er war aller 
korporativen Selbstverwaltung und jeder Beschränkung der Bureaukratie durch Depu- 
tierte abhold, sein yorbild war die von der Zentrale unbedingt beherrschte, nach unten 
ebenso unbedingt herrschende Verwaltungsordnung, wie sie von Napoleon in der Prä- 
fekturverfassung in Frankreich eingeführt und dann in Westfalen und den süddeut- 
schen Rheinbundstaaten nachgeahmt worden war. Auch er war freilich davon über- 
zeugt, daß eine engere Verbindung zwischen dem Staat und der Bevölkerung geschaf- 
fen werden müßte, und verhieß daher gleich in seinen ersten Reformgesetzen vom 
Oktober 1810 die Errichtung einer Repräsentation. Aber er verstand darunter nicht 
ein unabhängiges, die Regierung kontrollierendes Organ, sondern eine die öffentliche 
j\Ieinung günstig beeinflussende Stütze der Regierung. Deshalb versuchte er es im 
Jahre 1811 mit einer Versammlimg von ernannten ,, Notabein". Deren Verlauf war 
freihch nicht geeignet, ihn einer unabhängigen reichsständischen Versammlung gün- 
stig zu stimmen. Denn seine Reformgesetze stießen auf eine überaus lebhafte Oppo- 
sition seitens des gutsherrlichen Adels ; und zwar richtete sich diese Opposition nicht 
bloß gegen Einzelheiten, sondern gegen die gesamte Tendenz der Stein-Hardenbergi- 
schen Reformen, ja gegen den seit den Tagen des Großen Kurfürsten vordringenden 
modernen Staat überhaupt, gegen den monarchischen Absolutismus, gegen den die 
Rezesse von 1540 und 1653 ausgespielt wurden, gegen den Einheitsstaat, dem gegenüber 
die Sonderrechte der Provinzen verteidigt wirrden, gegen die Rechtsgleichheit der 
Stände, gegen die neue, vorwiegend bürgerhche Volkswirtschaft. i) Trotzdem wurde 
im Jahre 1812 eine sogenannte „interimistische Nationalrepräseutation" eingerichtet, 
die bis 1815 tagte; aber sie erlangte keinerlei Einfluß auf den Fortgang der Reformen; 

1) Wegen der Einzelheiten vgl. W. Steffens, Hardenberg und die ständische Opposition 
1810/1811 (1907). 

10» 



148 F- Härtung: Deutsche Verfassungageachichte vom 15. Jahrhundert bia zur Gegenwart 

alle großen Beformgesetze sind ohne Befragung der Notabein oder der Nationalreprä- 
sentation erlassen worden. Und man wird sagen dürfen : es war unbedingt notwendig, 
daß der König und sein Beamtentum die Eeform des Staates allein durchführten; jede 
Heranziehung der Bevölkerung, deren stärkster Teil damals immer noch der Adel 
war, mußte die Eeform und damit die Wiedererhebung des Staates gefährden. Nicht 
darum konnte es sich handeln, die Träger der bisherigen staatlichen Organisation zu 
ersetzen, sondern sie zu verstärken. Auch aus dem Verlauf des Befreiungskrieges sind 
diese organisierten Gewalten des Staates nicht hinwegzudenken ; so groß auch die frei- 
willigen Leistungen der Bevölkerung waren, es bedurfte der festen Organisation, wie 
sie der alte Staat in Königtum, Beamtentum und stehendem Heer geschaffen hatte, 
um alle die einzelnen Kräfte zusammenzufassen und zum Siege zu führen. 

§ 41. Die Neuorganisation des Staates nach 1815 

Literatur: W. E. Lindner, Das Zollgesetz von 1818 und Handel und Industrie am Nieder- 
rhein (WZ., Bd. XXX, 1911). G. Schmoller, D. preuß. Handels- und Zollgesetz vom 26. Mai 1818 
im Zusammenhange mit d. G. der Zeit (Berliner Rektoratsrede 1898). Im übrigen ist auf die oben 
S. 142 angegebene Literatur, namentlich auf Treitschke zu verweisen. Für die hier nicht zu be- 
handelnde Tätigkeit der Verwaltung sei wenigstens die neu erschienene Biographie des Finanzmini- 
sters V. Motz genannt (H. v. Petbrsdoeff, Friedrich v. Motz, 2 Bde., 1913). 

In dem großen Bingen des Befreiungskrieges hatten sich die Stein- Hardenber- 
gischen Reformen bewährt. Die Neuorganisation des Staates nach 1815 bedeutet dar- 
um nicht eine Änderung, sondern den Abschluß der Beformen und zugleich ihre Aus- 
dehnung auf die wiedergewonnenen oder neu erworbenen Landesteile. 

Nicht nur zeitlich, sondern auch sachhch ist hier an erster Stelle das von dem 
neuen Kriegsminister H. v. Boyen verfaßte Wehrgesetz vom 3. September 1814 zu 
nennen. Indem es die allgemeine Wehrpfhcht ohne jede Ausnahme und ohne Stellver- 
tretung für alle Zeiten grundsätzlich festlegt, hält es den Grundgedanken der Stein- 
Hardenbergischen Eeform fest, daß jeder Bewohner des Staates diesem mit allen Kräf- 
ten, auch dem Leben zu dienen habe. Auf dieser festen Grundlage ruhte von nun an 
die europäische Stellung des Staates, die auch jetzt noch bei dessen relativer Kleinheit 
und bei der ungünstigen geographischen Gestaltung besondere Anstrengungen erfor- 
derte. Aber auch für die iimere Verfassung des Staates war damit der Kern der Ee- 
formzeit, der Bruch mit der ständischen Ghederung und mit der poUzeistaathchen Be- 
vormundung gesichert. 

An den Grundzügen der in den Jahren 1808^1812 geschaffenen Organisation 
der Behörden wurde nichts geändert. Die Ministerialverfassung blieb bestehen; die 
Abgrenzung der einzelnen Ministerien wechselte freilich noch sehr häufig, weniger aus 
sachlichen als aus persönhchen Eücksichten. Über den Ministern stand bis zu seinem 
Tode im November 1822 Hardenberg als Staatskanzler. Nach dem raschen Tode sei- 
ner in Aussicht genommenen Nachfolger Voß und Kleist wurde die Stelle nicht mehr 
besetzt, den Verkehr zwischen dem Könige und den einzelnen Ministern vermittelten 
ein oder zwei Kabinettsminister. Wenn trotzdem die Einheithchkeit der obersten 
Staatsregierung besser gewahrt wurde als in den Zeiten der Kabinettsregierung vor 
1806, so lag das zum Teil daran, daß auf die großen Eeformen nun eine ruhigere Pe- 
riode folgte, die neue grundsätzliche Entscheidungen nicht erforderte, vor allen Dingen 
aber daran, daß die neue Behördenverfassimg nicht wie die frühere vor 1806 auf die 
stete, unmittelbare Einwirkung des Königs aufgebaut war. An die Stelle des monar- 
chischen Absolutismus war ein bureaukratischer Absolutismus getreten ; er fand seine 
Spitze in dem schon von Stein geplanten und am 20. März 1817 freilich in etwas ande- 
rer Form endgültig eingerichteten Staatsrat. Zu diesem gehörten die Prinzen des kö- 
niglichen Hauses, die Minister und die Chefs der obersten Staatsbehörden, die Feld- 



Die Neuorganisation des Staates nach 1815 149 

marschälle, femer eine nicht begrenzte Zahl von Staatsräten, die aus besonderem Ver- 
trauen berufen waren, endlich, jedoch nur auf ausdrückliche Berufung, die komman- 
dierenden Generale und Oberpräsidenten der Provinzen. Er hatte mit der laufenden 
Verwaltung nichts zu tun, sondern war zuständig für die Gesetzgebung, für die Fest- 
stellung allgemeiner Grundsätze für die Verwaltung, für die Schlichtung von Kompe- 
tenzstreitigkeiten zwischen den Ministerien und für die Entscheidung von Beschwerden 
über die Minister. Er hat, bis er durch die Parlamente des Verfassungsstaates in den 
Hintergnmd gedrängt worden ist, eine segensreiche, der Öffentlichkeit freilich nicht 
bekannte Tätigkeit entfaltet. 

Unter den Ministerien standen als Provinzialverwaltungsbehörden nach wie vor 
die Regierungen; sie wurden nach dem bewährten altpreußischen Muster auch in den 
neuen Landesteilen eingerichtet, auch da, wo bisher das französisch-westfälische Prä- 
fektensystem geherrscht hatte. Auch die Kreisverfassung, der jetzt auch die Städte 
mit Ausnahme der großen untergeordnet waren, wurde auf ganz Preußen ausgedehnt. 
Dagegen war die lokale Verwaltimg je nach den einzelnen Landschaften verschieden; 
auch die Städteordnung von 1808 galt nur in den Landesteilen, die zur Zeit des Er- 
lasses zu Preußen gehört hatten. 

Nicht eingegliedert in diesen Listanzenzug waren die Oberpräsidenten, ein Po- 
sten, der nach gelegentlichen Anläufen in der Eeformzeit im Jahre 1817 endgültig ge- 
schaffen wurde. In ihnen lebten die früheren Provinzialminister des Generaldirek- 
toriums wieder auf, nur daß die Oberpräsidenten ihren Wohnsitz nicht in Berlin, son- 
dern in den ihnen anvertrauten Provinzen, die 1815 unter möglichster Anlehnung an 
alte landschaftliche Zusammenhänge eingerichtet worden waren, zu nehmen hatten. 
Sie sollten als beständige Kommissare eine Art Gegengewicht gegen den schleppenden 
Geschäftsgang der Regierungskollegien bilden und vor allem kontrollierend und an- 
regend wirken. Durch die Einrichtvmg der Provinzialstände und die Ausgestaltung des 
kommunalen Lebens der Provinzen wurde ihr Wirkungskreis wesentlich erweitert. 

Der Einheitlichkeit der Verwaltungsorganisation, die nur in der Gerichtsver- 
fassung wegen der Besonderheit des materiellen Rechts und der Prozeßordnungen in 
den Rheinlanden eine Ausnahme erfuhr, entsprach auch die neue Ordnung der Steuer- 
verfassung des Staates. Sie erhielt eine feste Grundlage in dem ZoUgesetz vom 26. Mai 
1818. Dieses bestimmte die voUe wirtschaftliche Einheit des Staates, hob alle Binnen- 
zölle und die gesamte Akzise auf und schuf als Ersatz ein Grenzzollsystem. Nicht bloß 
wegen der erleichterten Dm-chführung des Gesetzes wurde die bisherige Schutzzollpohtik 
aufgegeben und wm-den an Stelle der verwackelten Wertzölle mäßige Gewichtszölle ge- 
setzt, die seit dem Jahre 1821 in beiden Hälften des Staates gleich waren; vielmehr 
wirkte dabei auch die schon während der Reformzeit hervorgetretene Tendenz des 
hohen Beamtentums mit, im Sinne der Doktrin von A. Smith jede unmittelbare Be- 
einflussimg des Wirtschaftslebens durch den Staat aufzugeben und alles dem freien 
Spiel der individuellen Kräfte zu überlassen. Eine Ausnahme wurde nur mit der Durch- 
fuhr gemacht, mit deren hoher Belastung ein Druck auf die innerhalb der preußischen 
Zollinie Hegenden Staaten ausgeübt werden sollte, damit sie sich dem preußischen 
System anschließen sollten. Eine Folge des ZoUgesetzes war es, daß 1819 die indirek- 
ten Steuern auf einheimische Erzeugnisse (Salz, Branntwein, Bier usw.) gleichfalls ein- 
heithch für den Staat neu geordnet wurden. Durch das Gesetz vom 30. Mai 1820 wur- 
den auch die direkten Steuern endgültig festgesetzt; auch hier herrschte, abgesehen 
von der Grundsteuer, die in den alten Formen und mit den alten Privilegien weiter be- 
stand, Einheitlichkeit im ganzen Staat, und nur insofern lebte die alte Trennung von 
Stadt und Land noch fort, als in einer Anzahl von größeren Städten statt der sonst 
übhchen direkten Klassensteuer eine indirekte Mahl- und Schlachtsteuer erhoben wurde. 



150 ^- Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Diese Besonderheiten waren aber nicht erhebhch, zumal da sie nicht eine besondere 
Klasse der Bevölkerung oder eine ganze Provinz betrafen. In der Hauptsache waren 
durch die Neuorganisationen seit 1815 die beiden großen Ergebnisse der Beformzeit ge- 
sichert worden: die Einheit des Staates in politischer und wirtschaftlicher Beziehung 
und die rechtliche und wh-tschafthche Befreiung des Individuums ; und sie bewährten 
sich in den folgenden Jahrzehnten in der raschen Assimilierung der neuen Landesteile 
und in der günstigen wirtschaftUchen Entwicklung. 

§ 42. Die Verfassungsfrage bis 1847 

Von Quellen sind außer den Gesetzen und Verordnungen vor allem die Verhandlungen des 
ersten Vereinigten Landtags zu nennen, die E. Bleich unter dem Titel „Der erste Vereinigte Landtag 
in Berlin 1847" in 4 Bdn. (1847) herausgegeben hat. Von den vielen Broschüren seien nur die wichtig- 
sten erwähnt: Für die Hardenbergischea Versuche: J. F. Benzenberos anonym erschienene Schrift: 
Die Verwaltung des Staatskanzlers Fürsten v. Hardenberg (Sonderabdruck, aus den „Zeitgenossen", 
1821) und die Gegenschriften von Geävell: Änti-B-z-b-g oder Beurteilung der Schrift: Die Ver- 
waltung usw. (1820) und E. v. Bülow-Cummerow: Punkt aiif's I und Über die Verwaltung usw. 
(1821). Für die Zeit Friedrich Wilhelms IV.: (J. Jacoby) Vier Fragen beantwortet von einem Ost- 
preußen (1841). Th. V. Schön, Woher und wohin? (1841). G. G. Gervtstts, Die preuß. Verfassung 
und das Patent vom 3. Februar 1847 (1847). H. Simon, Annehmen oder ablehnen? (1847). 

Darstellungen: Zu der Verordnung vom 22. April 1815 vgl. E. Richter, F. A. v. Staegemann 
und das kgl. Verfassungsversprechen vom 22. Mai 1815 (Greifswalder Diss. 1913). Für die Harden- 
bergsohen Pläne: P. Haake, König Friedrich Wilhelm III., Hardenberg und d. preuß. Verfassungs- 
frage (FBPrG., Bd. XXVI, 1913; vorläufig nur der 1. Teil bis zur Verordnung von 1815 erschienen). 
H. V. Treitschke, Der erste Verfassungskampf in Preußen 1815—1823 (PrJbb., Bd. XXIX, 1872; 
vgl. auch Deutsche G., Bd. II und III). Für Friedrich Wilhehn IV.: P. Dbvinat, Le mouvement 
constitutione! en Pnisse de 1840 ä 1847, Fred^ric-Guillaume IV et les diätes provinciales (RH., Bd. 
108 und 109, 1911/12); F. Meinecke, Weltbürgertum und Nationalstaat' (1911), 1. Buch, 10. Kap. 
Für den Vereinigten Landtag: K. Biedermann, G. des ersten Preuß. Reichstags (1847); E. Hem- 
merle, Die Rheinländer und d. preuß. Verfassimgsfrage auf dem ersten Vereinigten Landtag 1847 
(1912); R. Koser, Zur Charakteristik des Vereinigten Landtags von 1847 (Festschrift zu G. Schmol- 
lers 70. Geburtstag, Beitr. z. brandenb. und preuß. G., hersg. vom Ver. G. der Mark Brandenburg, 
1908); L. KuLENKAMPFF, Der erste Vereinigte preuß. Landtag 1847 und die öffentliche Meinung 
Südwestdeutschlands (1912/13); ferner die Biographien: E. Marcks, Bismarck, Bd. I (1909), S. 
391ff.; A. Caspary, Ludolf Camphausens Leben (1902); A. Berqengrün, David Hansemann 
(1901); J. Hansen, G. v. Mevissen (2 Bde., 1906). 

Wie während der Reformzeit, so bestand auch während der Neuorganisation 
nach 1815 die Absicht, den Neubau des Staates durch eine Verfassung, durch die Ein- 
führung einer die Verbindung von Staat und Volk befestigenden Repräsentation abzu- 
schließen. Bei der Besitzergreifung der neuen Landesteile versprach König Friedrich 
Wilhelm III. überall, daß eine ständische Vertretung geschaffen werden soUe, und m 
einer Verordnung vom 22. Mai 1815 verhieß er der „preußischen Nation", es solle ihr 
als ein Pfand seines Vertrauens eine schrifthche Verfassungsurkunde verliehen und 
aus den wiederherzustellenden oder neu zu errichtenden Provinzialständen eine 
Repräsentation des Volkes mit beratenden Befugnissen gebildet werden. Dieses Ver- 
sprechen wurde erneuert in dem Staatsschuldenedikt vom 17. Januar 1820, in dem 
die Staatsschuld für geschlossen erklärt, die Aufnahme neuer Schulden von der Zu- 
ziehung und der Mitgarantie der künftigen reichsständischen Versammlung abhängig 
gemacht und die Verwaltung der Staatsschulden zu jährhcherRechnungsablegung vor 
den Ständen verpflichtet wurde. Trotzdem ist es Hardenberg nicht gelungen, den 
wachsenden Widerstand des Königs gegen die Erfüllung dieser Versprechungen zu 
überwinden. Ihr stand nicht nur das aller Öffenthchkeit abgeneigte Wesen des Königs, 
die absolutistische Tradition des Beamtentums, der Einfluß Metternichs, der im Inter- 
esse Österreichs die Einführung von Reichsständen in Preußen zu verhüidern suchte, 
endhch seit den Attentaten des Frühjahrs 1819 die Furcht vor revolutionären Umtrie- 
ben im Wege, sondern vor allem eine altständische Partei, die im Kronprmzen ihr 
Haupt hatte. Diese Partei hat zwei Wurzeln. Die eine ist das Interesse des grundbe- 
sitzenden Adels an der Erhaltung seiner wirtschaftlichen und pohtischen Stellung, so- 



Die Verfassungsfrage bis 1847 151 

weit sie ihm noch verbUeben war, an einer Verhinderung von weiteren, auf die völlige 
Verwischung der Standesunterschiede ausgehenden Reformen; die Opposition gegen 
die Stein-Hardenbergischen Reformen lebt hier fort. Die andere ist die Hallersche 
Doktrin^) von dem natürHchen Recht des Mächtigen zur Herrschaft, von dem Grund- 
besitz als der Grundlage aller Herrschaft, fi-eilich in romantisch-idealisierter Form, die 
sich mit dem SteLnschen Ideal der altgermanischen Freiheit berührte. Aus eigenem 
Interesse und aus romantischer Schwärmerei für die bunte Vielgestaltigkeit der frü- 
heren Zeit bekämpfte diese altständische Partei die nivelherende Gesetzgebung und die 
moderne Staatseinheit und Staatsallmacht überhaupt. Indem sie sich die von F. 
Gentz'^) aufgestellte Unterscheidung von landständischen und repräsentativen Ver- 
fassungen zu eigen machte und die alten nur die eigenen Interessen vertretenden und 
auf den eigenen Wirkungskreis sich beschränkenden Landstände den modernen auf 
der Volkssouveränität beruhenden und auf die Teilung der Gewalt mit der Regierung 
ausgehenden Repräsentationen gegenüber ausspielte, gewann sie auch den von aller 
Romantik freien König und das den Ständen im Grunde durchaus abgeneigte, abso- 
lutistische Beamtentum. So gelang es ihr, den Erlaß der Verfassung zu verzögern und 
schließhch durch die Kabinettsordre vom 11. Juni 1821 auf unbestimmte Zeit zu ver- 
tagen. Der Sieg der altständischen Partei schien vollständig, als der König am 5. Juni 
1823 die Errichtung von Provinzialständen „im Geiste der älteren deutschen Verfas- 
sungen" befahl. Diesen Provinzialständen wurde die Beratung der Gesetze, die allein 
eine Provinz angingen, das Recht, in Angelegenheiten der einzelnen Provinzen Bitten 
und Beschwerden an den König zu richten und die Verwaltung der Kommunalange- 
legenheiten überwiesen, ferner bis zur Errichtung einer reichsständischen Versarum- 
lung auch die Beratung allgemeiner Gesetze über Personen- und Eigentumsrechte und 
Steuern. Aber da diese Befugnisse an sich schon eng begrenzt waren und der König 
die gesamte Reformgesetzgebung für unantastbar erklärte, so konnten die Provinzial- 
stände keinen Einfluß auf den Gang der Verwaltung und die Gesetzgebung erlangen; 
und die einseitig den Grundbesitz bevorzugende Zusammensetzung und der Ausschluß 
der Öffentlichkeit bei ihren Beratungen verhinderte sie auch, Mittelpunkte für eine 
Erweckung von provmzialen Sonderbestrebungen zu werden. 

Die Frage, ob die Verzögerung der Verfassung für Preußen von Nutzen gewesen 
ist oder nicht, ob eine wie auch immer gestaltete Repräsentation des Volkes den Aus- 
bau des Staates und die Verschmelzung der alten und neuen, östhchen und westlichen 
Provinzen analog den süddeutschen Staaten erleichtert oder im Gegenteil erschwert 
und ob sie Preußen verfrüht zur Aufrollung der deutschen Frage gezwungen hätte*), 
wird sich kaum jemals fest entscheiden lassen. So wie die Dinge seit dem Staats- 
schuldengesetz vom 17. Januar 1820 lagen, bedeutete das Ausbleiben der Verfassung 
— ganz abgesehen von dem ungünstigen Eindruck, der bei der eigenen Bevölkerung 
und bei den süddeutschen konstitutionellen Staaten erweckt wurde — auf alle Fälle 
eme bedenkliche Lähmung der auswärtigen Pohtik des Staates. Möglich war dieses 
lange Beharren in der Reaktion, der Verzicht auf neue Staatsanleihen nur dadurch, 
daß die europäische Lage in der Zeit der Abspamiung nach den großen Ki'iegen, in der 
Periode der heiligen Allianz verhältnismäßig ruhig war und Preußen nicht aus seiner 
stillen Zurückhaltung herausdrängte. Auch die Erschütterung der Julirevolution und 

1) C. L. Halles, Restauration der Staatswissenachaften (6 Bde., 1816/25); vgl. außer Mei- 
NECKE a.'a. O. auch W. Röscher, Die romantische Schule der Nationalökonomik (Z. f. d. ges. 
Staatswissenschaft, Bd. XXVI, 1870). 

2) F. Gentz, Über den Unterschied zwischen den landständischen und repräsentativen Ver- 
fassungen (den Karlsbader Konferenzen vorgelegt, gedruckt bei Klübeb-Welcker, Wichtige Urk. 
für den Reohtszustand der DeutschenNation [1844], S. 220ff . ). Vgl. dazu F. Rachfahl, Alte und neue 
Landesvertretung in Deutschland ( JbGesW., Bd. XXXIII, 1909). 

3) Vgl. dazu M. Lenz, G. Bismarcks^ (1911), S. 11. 



152 ^- Härtung: Deutsche VerfassungsgeBchichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

die ihr folgenden Aufstände in Belgien und Polen ließen nicht bloß die inneren Zu- 
stände Preußens so gut wie unberührt, sondern sie gingen auch vorüber, ohne daß der 
Staat zu großen mihtärischen Vorkehrungen gezwungen worden wäre, die eine Anleihe 
und damit die Berufung von Reichsständen notwendig gemacht hätten. 

Erst nach dem Tode Friedrich Wilhelms III. (7. Juni 1840) kam die Verfassungs- 
bewegung in Preußen wieder in Gang. Ihr wichtigster Träger war das von Männern 
wie Beckerath, Camphausen und Hansemann geführte rheinische Bürgertum, das in 
jenen Jahren dank der liberalen Gesetzgebung von 1818 immer mehr erstarkte und den 
Gegensatz zwischen seiner wirtschaftlichen und seiner politischen Bedeutung und das 
pohtische Übergewicht des Adels um so lebhafter empfand, als in Frankreich die Bour- 
geoisie seit 1830 poHtisch und wirtschafthch fast ungehindert herrschte imd auch in den 
benachbarten deutschen Ländern der bürgerliche Liberahsmus im Vordringen war. 
Neben diesem vorwiegend wirtschaftlichen Liberalismus der Rheinländer vertrat den 
Verfassungsgedanken auch der ethisch gerichtete ostpreußische Liberalismus, der wie 
in der Reformzeit von dem Kantischen Gedanken der Autonomie der Persönhchkeit 
und von den durch den Königsberger Professor Kraus vermittelten Ideen des Adam 
Smith ausging ; in seinen Reihen standen auch viele Adüge, sein Wortführer war der 
alte Mitarbeiter Steins, Theodor v. Schön. Die Hoffnungen, die in diesen hberalen Krei- 
sen auf den Thronwechsel gesetzt worden waren und die Schön zur Abfassung einer 
für den neuen König bestimmten Broschüre veranlaßt hatten, wurden freihch bald 
enttäuscht. König Friedrich Wilhelm IV. war zwar ein Gegner des Absolutismus und 
der Bureaukratie und war zur Weiterentwicklung der provinzialständischen Verfassung 
entschlossen; aber er beeinträchtigte die Wirkung seiner Reformen, indem er sie 
stückweise und unvollständig gewährte und im Gegensatz zu den konstitutionellen 
Tendenzen der Zeit an dem altständischen Charakter festhielt. So genügten weder die 
ersten Neuerungen, die Verleihung einer beschränkten Öffenthchkeit an die Provinzial- 
landtage, die Errichtung von Ausschüssen imd die Berufung der vereinigten Aus- 
schüsse der Provinziallandtage, noch auch die Zugeständnisse des Patentes vom 3. Fe- 
bruar 1847, in denen der Prinz von Preußen den Tod des alten Preußen sehen wollte. 
Denn auch dieses Patent, das die Provinziallandtage zu einem Vereinigten Landtage 
nach Berlin berief, war keine Erfüllung der früheren Verheißungen; es erwähnte mit 
Absicht die Verordnung vom 22. Mai 1815 überhaupt nicht und büeb hinter den An- 
forderungen des Gesetzes vom 17. Januar 1820 zurück, indem es weder eine jährhche 
noch auch überhaupt eine regelmäßige Wiederkehr des Landtags in Aussicht stellte. 
Daß es durch die Verleihung des Rechtes der Steuerbewilligung über die Versprechun- 
gen Friedrich Wilhelms III. hinausging, machte keinen Eindruck gegenüber diesen 
Mängeln und dem schon in der ständischen Zusammensetzung des Landtags erkenn- 
baren und in der Thronrede des Königs bei dessen Eröffnung noch ausdrückhch be- 
tonten Widerstand gegen jede konstitutionelle Entwicklung, gegen jede geschriebene 
Verfassung. Zwar fand die von den Radikalen wie H. Simon in der Broschüre: An- 
nehmen oder Ablehnen? vertretene Ansicht, daß das preußische Volk den Vereinigten 
Landtag überhaupt nicht anerkennen soUe, keinen Widerhall ; aber darin stimmte die 
Mehrheit des Landtags doch überein, daß der Vereinigte Landtag ohne vollständige 
Erfüllung der Vorschriften des Staatsschuldengesetzes, zumal der Forderung der Perio- 
dizität, nicht die Befugnisse einer reichsständischen Versammlung ausüben könne, 
und lehnte deshalb die Genehmigung zur Aufnahme einer Anleihe für den Bau der 
Ostbahn aus Rechtsbedenken ab. Auch in Preußen war der Zwiespalt zwischen dem 
Könige und der Mehrheit der Bevölkerung offen am Tage. 



Der Übergang zum Verfasaungsstaat 153 

§ 43. Der Übergang zum Verfassungsataat 1848 bis 1850 

Für die Verfassungsgeschichte Preußens in den Jahren von 1848 — 1850, die ja nur ein Teil 
der preußischen Geschichte jener Zeit ist, bilden die wichtigste Quelle die Parlamentsverhandlungen, 
nämlich: E. Bleich, Die Verhandlungen des zum 2. April 18'18 zusammenberufenen Vereinigten 
Landtags (1848) und Verhandlungen der Versammlung zur Vereinbarung der preußischen Staats- 
verfassung (2 Bde., 1848/49); K. G. Ratjee, Protokolle der von der Versammlung zur Vereinbarung 
der preußischen Verfassung ernannt gewesenen Verfassungs-Kommission (1849). Für die Haltung 
des Königs: Friedrich Wilhelms IV. Briefwechsel mit Ludolf Camphausen 1848 — 1850, hersg. von 

E. Brandenburg (1906) und die Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold v. Gerlachs (Bd. I, 
1891). Viele Flugschriften usw. finden sich in der Berhner Revolutionschronik von A. Wolfe (nur 
in der 1. Ausgabe, 1849/54). Für die spätere Zeit: Unter Friedrich Wilhelm IV., Denkwürdigkeiten 
des Ministers Otto v. Manteuffel (1848—1858), hersg. von H. v. Poschinoer (3 Bde., 1900/01). 

Darstellungen. Im allgemeinen ist Sybel, Die Begründung des deutschen Reichs, Bd. I, 
und die andern „Deutschen Geschichten", ferner die S. 150 genannten Biographien, zu denen noch 

F. Mbinecke, Radowitz und die deutsche Eevolution (1913) hinzutritt, zu benutzen. Außerdem 
für die Zeit von 1848 — 1850: J. Hansen, König Friedrich Wilhelm IV. und das hberale Märzmini- 
sterium der Rheinländer Camphausen und Hansemann im Jahre 1848 (WZ., Bd. XXXII, 1913); 
B. Kettner, Anerkennung der Revolution, ein Beitr. z. G. d. preuß. Nationalversammlung im Jahre 
1848 (Greifswalder Diss. 1912); H. Mahl, Die Überleitung Preußens in das konstitutionelle System 
durch den zweiten vereinigten Landtag (1909); F. Meinecke, W^eltbürgertum und Nationalstaat-, 
1911; H. Nathan, Preußens Verfassung und Verwaltung im Urteile rheinischer Achtundvierziger 
(1912). Zur Verfassung: H. Anschtjtz, Die Verfaasungsurkunde für den preuß. Staat (vorläufig 
1 Bd., 1912); A. Hugemann, Die Entwicklung der ersten Kammer in der preuß. Verfassung (Greifs- 
walder Diss. 1912); J. Seitz, Entstehung und Entwicklung d. preuß. Verfassungsurkunde im Jahr 
1848 mit dem bisher ungedruckten Urentwurf (Greifswalder Diss. 1909); R. Smend, D. preuß. 
Verfassungsurkunde im Vergleich mit d. bälg. (Göttinger jur. Diss. 1904). Für die Reaktionszeit: 
E. Jordan, Friedrich Wilhelm IV. und d. preuß. Adel bei Umwandlung der ersten Kammer in das 
Herrenhaus 1850 — 1854 (1909); W. Schmidt, Die Partei Bethmann Hollweg und die Reaktion in 
Preußen 1850 — 1858 (1910). H. Walter, Die innere PoHtik des Ministers v. Manteuffel und der 
Ursprung der Reaktion in Preußen (Berhner Diss. 1910). 

Die Nachricht von der Pariser Februarrevolution des Jahres 1848 traf Preußen 
in ähnlicher Lage wie die andern deutschen Staaten. Die Bevölkerung, in erster Linie 
das Bürgertum, war verbittert durch den hartnäckigen Widerstand der Eegierung 
gegen eine zeitgemäße Ausgestaltung der Verfassung, und die Eegierung war von der 
Unhaltbarkeit der bestehenden Zustände innerUch überzeugt. Es mag hier dahin- 
gestellt bleiben, inwiefern Friedrich Wilhelms IV. Haltung in der preußischen Verfas- 
sungsfrage während des Jahres 1848 durch den latenten deutschen Gedanken seiner 
auswärtigen Politik beeinflußt worden ist. Tatsache ist, daß er trotz der entschiedenen 
Absage gegen den modernen KonstitutionaUsmus und trotz der Nichtgewährung der 
Periodizität schon während des ersten Vereinigten Landtags von der Unerläßüchkeit 
weiterer Zugeständnisse überzeugt gewesen ist und sie nur deshalb nicht gemacht hat, 
weil er sie sich nicht abtrotzen lassen wollte. Der Verlauf der Ereignisse war daher in 
Preußen ähnlich wie in den Mittel- und Kleinstaaten. Auf die Nachricht von dem 
Siege der Revolution in Frankreich fanden in Berlin Volksversammlungen statt, die 
Regierung suchte die steigende Aufregung durch Konzessionen zu beschwichtigen und 
ließ sich auf der schiefen Bahn der Nachgiebigkeit allmähUch immer weiter drängen. 
Schon vor dem 18. März gestand der König die Einberufung eines neuen Vereinigten 
Landtags, ferner den Erlaß einer Konstitution und die Einsetzung eines populären 
„Märzministeriums" zu. Der Straßenkampf des 18. März hat zu diesem Ergebnis 
nichts beigetragen. Aber den weiteren Verlauf auch der Verfassungsfrage hat er doch 
stark beeinflußt. Die persönliche Demütigung des Königs am 19. März war zugleich 
eine Demütigung des Königtums überhaupt und führte zunächst zu einer fast voll- 
ständigen Ausschaltung des Königs und der altständischen Partei. Die Hberale Oppo- 
sition vom ersten Vereinigten Landtage trat mit ihren Führern L. Camphausen und 
D. Hansemann an die Spitze der Regierung. Der zweite Vereinigte Landtag war bei 
seinem Zusammentritt am 2. April 1848 schon so sehr von den Ereignissen überholt, 
daß er sich auf die Berufung einer konstituierenden Nationalversammlung beschränkte. 



154 r. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Die ständischen Ideale des Königs schienen aufgegeben zu sein; die Nationalversamm- 
lung sollte nur aus einer Kammer bestehen, und das Wahlrecht sollte ohne jeden Zen- 
sus allgemein und gleich sein. 

Die Aufgabe, eine den modernen Wünschen und Bedürfnissen gemäße Verfas- 
sung festzustellen, schien für die am 22. Mai eröffnete, ,,zur Vereinbarung der Verfas- 
sung berufene Versammlung" leichter zu sein als für das Frankfurter Parlament, da 
für den konstitutionellen Einheitsstaat in der belgischen Verfassung vom 7. Februar 
1831 bereits ein von der liberalen Welt für unübertrefflich gehaltenes Vorbild bestand. 
Auch das Ministerium Camphausen hatte seinem Verfassungsentwurf die belgische Ver- 
fassung zugrunde gelegt. Aber wie für die Stein-Hardenbergischen Reformen, so gut 
es auch für diese Nationalversammlung : sie hatte nicht einen neuen Staat künstlich zu 
schaffen, sondern einen alten Staat zu reformieren, dessen künftige Verfassung, wie 
in ihrer amtlichen Bezeichnung zum Ausdruck kam, mit den alten Gewalten zu verein- 
baren. Die Dinge lagen also in Preußen im Jahre 1848 wesentUch anders als in Belgien 
1831. Königtum, Beamtentum, Armee und Adel, das waren auch jetzt noch Faktoren, 
die sich nicht ignorieren ließen, und sie erholteia sich rasch von der betäubenden Nie- 
derlage der Märztage. Ende Mai wurde der Prinz von Preußen, der als einer der be- 
kanntesten Gegner der Verfassung nach dem 18. März hatte außer Landes gehen müs- 
sen, zurückberufen, seit dem Jmii drang die Reaktion langsam aber sicher vor. Der 
von der Bürgerwehr nicht ausreichend bekämpften Anarchie in BerUn wurde durch die 
Errichtung einer königlichen Schutzmannschaft ein Ende gemacht. In der konserva- 
tiven Partei sammelten sich die Anhänger des Königtums, des Preußentums und der 
alten feudal-patrimonialen Ordnung im Gegensatz zu den vom Ausland her entlehnten 
überalen und demokratischen Idealen einer parlamentarischen Herrschaft, die zugleich 
auch den letzten Rest der adligen Vorzugsstellung auf dem Lande bedrohten ; seit dem 
1. JuU 1848 besaßen sie m der Neuen Preußischen (KJreuz-) Zeitung ein eigenes Organ. 
Die Verbindung zwischen dem König und der konservativen Partei wurde durch die 
„Kamarilla" hergestellt, durch die zu der persönhchen Umgebung des Königs gehö- 
renden Mitglieder der Partei, zumal den Generaladjutanten Leopold v. Gerlach. Die 
Kamarilla bildete ein Gegengewicht gegen die konstitutionellen Minister, mit denen 
sich der König notgedrungen umgeben hatte, ein notwendiges, wie sie selbst sagte und 
wie man ihr zugeben kann, denn sie rettete den König vor seiner eigenen Schwäche; 
freilich hat sie auch schädlich gewirkt, besonders auf dem Gebiete der auswärtigen Po- 
litik, da sie die Einheitlichkeit der staatlichen Politik oft durchkreuzte. Die Armee 
brauchte in diesen Kampf der Parteien nicht hineingezogen werden, denn der König 
war ihrer Treue unbedmgt sicher; ein Versuch der Nationalversammlung, auch die 
Armee für die „Verwirklichung eines konstitutionellen Rechtszustandes" zu gewinnen 
und alle ihr feindlich gesinnten Offiziere zum Ausscheiden zu veranlassen, schlug ihr 
selbst zum Verderben aus. Denn er vertiefte die lOuft zwischen ihr und dem König, 
der sich die Verfügung über das Heer nicht entziehen lassen wollte. Nach mehreren 
Ministerwechseln geschah am 9. November 1848 durch das Ministerium Brandenburg 
die „rettende Tat", die Vertagung und Verlegung der Versammlung, am 5. Dezem- 
ber folgte die Auflösung. 

Aber auch für Preußen war die vormärzliche Zeit endgültig vorbei. Die Ver- 
sammlung war aufgelöst worden, weil sie in doktrinärer Überhebung einen Staat kon- 
struieren zu können glaubte, ohne auf die bestehenden Gewalten Rücksicht zu nehmen, 
weil sie vermeinte, die historisch gewordene Stellung des Königtums in Preußen dm-ch 
einen Mehrheitsbeschluß wie über die Streichung der Worte „von Gottes Gnaden" zu 
ändern. Aber der Gedanke, das absolute Königtum durch eine geschriebene Verfas- 
sung zu beschränken, auch der breiten Masse der Bevölkerung Einfluß auf die Leitung 



Der Übergang zum Verfassungsstaat 155 

des Staates zu geben, blieb siegreich ; seine Notwendigkeit wurde auch von den Mini- 
stern der „rettenden Tat" anerkannt. Deshalb wurde am Tage der Auflösung eine 
Verfassung oktroyiert, die in der Hauptsache mit dem von der Nationalversammlung 
aufgestellten Entwurf übereinstimmte. Sie entsprach zwar nicht den Wünschen des 
Königs, aber er erließ sie trotzdem, weil ein solches Entgegenkommen an die öffentliche 
Meinung als das geeignetste Mittel erschien, um Preußen zu konsohdieren, weiüger 
gegenüber den inneren Gefahren als vielmehr gegenüber der deutschen Bewegung, dem 
Frankfurter Parlament, das dem bisher der geschriebenen Verfassung entbehrenden 
preußischen Staat keine innere Geschlossenheit zutraute und den Anspruch erhob, 
Preußen müsse sich der erst zu schaffenden deutschen Reichsverfassung anpassen. 

In der oktroyierten Verfassung vom 5. Dezember 1848 war vorbehalten worden, 
daß sie sofort nach dem ersten Zusammentritt der neu geschaffenen Kammern revi- 
diert werden solle. Von den daraufhin berufenen Kammern wurde die zweite am 
27. April 1849 aufgelöst, als sie versuchte, die Regierung zur Anerkennung der Frank- 
furter Reichsversammlung zu verpflichten. Um für die Zukunft den besitzenden Klas- 
sen einen stärkeren Anteil als der breiten Masse zu gewähren, wurde durch königliche 
Verordnung vom 30. Mai 1849 das allgemeine gleiche Wahlrecht, das der Stimmung 
des Jahres 1848 entsprechend auch in Preußen eingeführt worden war, aufgehoben und 
durch das noch heute bestehende, übrigens bereits in der oktroyierten Verfassung als 
der Erwägung wert bezeichnete Wahlgesetz ersetzt, das die Wähler je nach üirer 
Steuerleistung in drei Klassen einteilt imd die öffentüche Stimmabgabe anordnet. Die 
nach diesem Wahlrecht neu gewählte Kammer hatte eine Mehrheit der konservativen 
Partei, zumal da die Demokraten die Rechtsgültigkeit der Verordnung anfochten und 
sich der Wahl enthielten. Trotzdem hat die Revision an der oktroyierten Verfassung 
nicht viel verändert. Die Märzerrungenschaften wie die Bürgerwehr und die unbe- 
dingte Preßfreiheit wurden gestrichen, das neue Wahlrecht für die zweite Kammer 
wurde berücksichtigt. Wesentlich umgestaltet wurde nur die erste Kammer. Während 
die oktroyierte Verfassung hier, wenn auch mit innerem Widerstreben des Königs und 
dem ausdrückhchen Wunsch nach Abänderung, dem belgischen Muster folgte und sie 
aus 180 von den Provinzial-, Bezirks- und Kreisvertretungen zu wählenden Mitgliedern 
zusammensetzen woUte, erinnert die neue Ordnung schon mehr an die ersten Kammern 
der süddeutschen Verfassungen und an das ständische Ideal des Königs ; sie macht die 
Prinzen des könighchen Hauses, die Standesherren und die Häupter besonders zu be- 
stimmender Famihen des Großgrundbesitzes zu geborenen Mitgliedern und gesteht 
dem Könige das Recht zu, eine kleine Anzahl von MitgHedern auf Lebenszeit zu ernen- 
nen, aber neben diese von jeder Wahl unabhängige Gruppe stellt sie eine mindestens 
ebenso starke Gruppe von gewählten Mitgliedern, Vertretern der Höchstbesteuerten 
und der großen Städte. Im ganzen betrachtet entspricht die preußische Verfassung 
auch in ihrer endgültigen Gestalt vom 31. Januar 1850 noch durchaus dem belgischen 
Vorbild. So behandelt sie nach der Festlegung des Staatsgebietes zunächst die indi- 
viduellen Rechte, die Gleichheit vor dem Gesetz, die Freiheit der Personen, der Kir- 
chen und der Wissenschaft und geht erst dann auf die Regierungsform des Staates 
ein. Die den preußischen Verhältnissen widersprechende belgische Bestimmung, daß 
der König nur die ilim ausdrücklich übertragenen Befugnisse besitze, ist zwar in die 
preußische Verfassung nicht übergegangen, aber es fehlt doch die in den süd- und mittel- 
deutschen Verfassungen übHche Hervorhebung des monarchischen Charakters der Re- 
gierung, die Ablehnimg der Gewaltenteilung. Sekie Rechte übt der König in der überall 
gewöhnlichen konstitutionellen Form vinter der Mitwirkung verantworthcher Minister 
aus ; die gesetzgebende Gewalt steht ihm und den Kammern gemeinschaftlich zu, das 
Recht der AusgabebewilHgung ist deii Kammern zugestanden, da nach Artikel 99 der 



156 F- Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Staatshaushalts-Etat, der alle Einnahmen und Ausgaben enthalten muß, durch Gesetz 
festzustellen ist. 

Aber die Verfassung eines Staates wird weniger durch den Wortlaut seiner Ver- 
fassungsurkunde als durch seine Geschichte, seine innere Struktur, seine realen Ge- 
walten bestimmt. Während Belgien das Mutterland für die hberale konstitutionelle 
Doktrin geworden ist, während sich hier wie in England, Frankreich und vielen andern 
Staaten ein parlamentarisches Kegierungssystem entwickelt hat, hat sich in Preußen 
trotz der ähnlichen Verfassungsurkunde eine eigentümhche Form des Verfassungs- 
staates, die konstitutionelle Monarchie ausgebildet. Das ist freihch erst das Ergebnis 
langer Kämpfe gewesen. Unter dem Druck der Bewegung von 1848 hatte die preußi- 
sche Regierung begonnen, auch die Struktur des Staates im Sinne der liberalen For- 
derungen umzugestalten. Wie in den andern deutschen Staaten mit Einschluß Öster- 
reichs waren teils durch besondere Gesetze, teils durch Bestimmungen der Verfassung 
die letzten Beste der feudalen und gutsherrlichen Eechte, die Lehen und Fideikommisse, 
das Jagdrecht auf fremdem Grund und Boden, vor allem die Patrimonialgerichts- 
barkeit und die gutsherrhche Polizei aufgehoben worden; die seit 1816 stockende Re- 
guherung der bäuerhchen Verhältnisse war durch Gesetze vom 2. März 1850 beendet 
worden. Endlich aber war die Regierung mit den Gesetzen vom 11. März 1850 dazu 
übergegangen, die Stellung der Bureaukratie in der allgemeinen Verwaltmag, die des 
Adels in der ländlichen Verwaltung durch eine gründUche Umgestaltung der Provin- 
zial-, Kreis- und Gemeindeverwaltung zu brechen. 

Bevor diese Gesetze jedoch wirkhch durchgeführt werden konnten, setzte in 
Preußen der von der Regierung offen angekündigte Bruch mit der Revolution, die 
Reaktion ein. Seinen Hauptwunsch, die ganze konstitutionelle Verfassung aufzuhe- 
ben und durch einen königlichen Freibrief zu ersetzen, konnte Friedrich Wilhelm IV. 
freilich nicht durchführen, weil die Minister die Mitwirkung verweigerten; nur in ei- 
nem Punkte koimte er seine altständischen Ideale verwu-khchen, in der Umwandlung 
der ersten Kammer in ein Herrenhaus, dessen Zusammensetzung er auf Grund gesetz- 
hcher Ermächtigung (Gesetz vom 7. Mai 1853) durch königüche Verordnung vom 
12. Oktober 1854 regelte: danach schieden alle gewählten Mitgheder aus, und das Her- 
renhaus besteht bis heute nur aus Mitghedem, die ihm durch Geburt oder durch könig- 
hche Berufung angehören ; auch die gi-oßen Städte haben bloß ein Präsentations-, kein 
Wahlrecht. Aber weim auch die Verfassung bestehen bUeb, so ging doch das gemein- 
same Bestreben der Regierung und der die Landtage beherrschenden konservativen Par- 
tei dahin, durch Nichtausführung ihrer Verheißungen oder auch durch ausdrückliche 
Aufhebung einzelner Bestimmungen die alte Ordnung, die die Bewegung von 1848 hatte 
zerstören woUen, möghchst aufrecht zu erhalten. Die alten, auf dem Ü bergewicht der 
Rittergutsbesitzer beruhenden Kreis- und Provinzialordnungen büeben entgegen den 
Gesetzen vom 11. März 1850 in Kraft, die gutsherrliche Pohzei wurde wieder herge- 
stellt, die Fideikommisse wieder zugelassen, die politischen Verbrechen und die Preß- 
vergehen von der Zuständigkeit der Schwurgerichte ausgenommen, das in der Ver- 
fassung gewährte Vereins- und Versammlungsrecht durch ein besonderes Vereins- 
gesetz wesentlich beschränkt. Und der Gesetzgebung entsprach die Tätigkeit der Ver- 
waltung, die einseitig im Interesse der altständischen Partei, im bewußten Gegensatz 
gegen die hberalen und konstitutionellen Bestrebungen geführt wurde. 

§ 44. Der Verfassungskonflikt und seine Lösung 
Als Quellen sind neben den Parlamentsverhandlungen die Reden und Schriften der handeln- 
den Persönlichkeiten zu nennen, und zwar: Für WUhelm I.: Militärische Schriften Kaiser Wilhelms 
d. Gr., hersg. vom Kriegsministerium (2 Bde. für 1821—1865; 1897); Wilhehns d. Gr. Briefe, Reden 
und Schriften, hersg. von E. Berneb (2 Bde., 1906); Briefe Kaiser Wilhehns I. nebst Denkschriften 
und anderen Aufzeichnungen in Auswahl hersg. von E. Brandenbubg (1911). FürBismarck seien 



Der Verfassnngskonflikt 157 

nur die politischen Reden, historisch-kritische Gesamtausg. von H. Kohl (14 Bde., 1892/1904; 
davon für 1862 — 1866 Bd. 11 und III) genannt. Für Roon: Denkwürdigkeiten aus dem Leben (zu- 
erst 1892, 5. Aufl. in 3 Bdn., 1905); Kriegsminister v. Roon als Redner (3 Bde., 1895/96). Die wich- 
tigsten Parteierklärungen bei F. Salomon, Die deutschen Parteiprogramme, Bd. I- (1912). Auf 
die Publizistik der Zeit karm hier nicht eingegangen werden. 

Allgemeine Darstellungen bei Sybel, Kautmann. E. Mabcks, Kaiser Wilhelm I. (1897, 
6./7. Aufl. 1910). M. Lenz, G. Bismarcks (1902, 3. Aufl. 1911). H. Oncken. LassaUe (1904, 2. Aufl. 
1912). 

Zur Heeresreform: A. Wabl, D. preuß. Heeresreorganisation vom Jahre 1860 (Neue Jbb. f. 
d. klass. Altertum, G. und Literatur, Bd. XV, 1905). H. Witte, Die Reorganisation d. preuß. Heeres 
durch Wilhehn I. (1910). 

Zum Verfassungskonflikt: O. Nerrnheim, Das erste Jahr des Ministeriums Bismarck und die 
öffeutUche Meinung (1908). H. Oncken, Bismarck, Lassalle und die Oktroyierung des gleichen und 
direkten Wahlrechts in Preußen während des Verfassungskonflikts (PrJbb., Bd. 146, 1911). K. Si- 
mon, Beiträge zur Entstehung und G. des Verfassungskonflikts in Preußen 1860—1862 (Heidel- 
berger jur. Diss. 1908). 

Zur modernen Verwaltungsorganisation: P. Schmitz, Die Entstehung d. preuß. Kreisord- 
nung vom 13. Dezember 1872 (Berliner Diss. 1910); femer die neueren Darstellungen des preuß. 
Staats- imd Verwaltungsrechts (oben S. 142). 

Die reaktionäre Politik der Jahre von 1850 — 1858 hat zwar versucht, die Ergeb- 
nisse des Jahres 1848 für Preußen wieder rückgängig zu machen, und hat das auch 
in vielen Einzelheiten vollbracht. Aber wie sie das bezeichnendste Ergebnis der Be- 
volution, die konstitutionelle Verfassung, trotz aUem inneren Widerstreben hat aner- 
kennen müssen, so hat sie auch die Entwicklung nicht unterbinden können, aus der die 
Bewegung von 1848 und die Verfassung hervorgegangen waren, das unaufhaltsame 
Vordringen des Bürgertums, das einst aus wirtschaftspoHtischen Rücksichten vom 
Absolutismus gepflegt, jetzt einen seiner wirtschafthchen und sozialen Unabhängigkeit 
entsprechenden Anteil am Staate forderte. Und dieses Bürgertum war dem Adel an 
Zahl ungeheuer überlegen, die Zahl aber bedeutete für den modernen Staat mit seinen 
Massen beeren, für das moderne Wirtschaftsleben weit mehr als für den alten ständisch 
gegliederten Staat. Mochte auch die Regierung in den Kammern dank der starken Be- 
einflussung der Wahlen stets die Mehrheit besitzen, das änderte an der Tatsache nichts, 
daß die Reaktion nur von einer „kleinen aber mächtigen Partei" getragen wurde. 

Diese brach denn auch zusammen, als der 1858 eingetretene Regierungswechsel 
ihr die Unterstützung der staatHchen Behörden entzog, als der Prinzregent das Mini- 
sterium Manteuffel entheß und mit der Benifung des zum Teil aus hberalen Partei- 
mäimem bestehenden Ministeriums Hohenzollem-Auerswald die ,,Neue Ära" einlei- 
tete. Nach der Absicht des Regenten sollte das nicht einen Wechsel der herrschenden 
Partei bedeuten, sondern einen Wechsel des Regierungssystems; nicht die Partei- 
gesiimimg, vielmehr der Staatsgedanke gab bei ihm den Ausschlag. 

Aufgewachsen im alten absolutistischen Preußen, als Offizier den Traditionen Friedrichs des 
Großen nahestehend, war er lange Zeit ein Gegner jeder konstitutionellen Entwicklung in Preußen, 
ein Gegner auch der ständischen Pläne Friedrich Wühelms IV. gewesen. Nach den Märztagen des 
Jahres 1848 hatte er sich aber ehrlich auf den Boden des konstitutionellen Staates gestellt; er bUeb 
sich auch dabei treu in seinem vorwiegend militärischen Empfinden, der Staat und seine Macht 
standen ihm höher als die Frage der Regierungsform. Dadurch war er, zuerst in den Tagen der 
Olmützer Konvention, dann wieder während des Krimkriegs in Gegensatz zu der Kamarilla geraten, 
die aus ihrem Parteiinteresse heraus auch die auswärtige Politik bestimmen wollte und die Macht- 
entfaltung des Staates hinderte. Dieser Gegensatz hatte ihn zuzeiten liberalen Einwirkungen, 
die zumal durch die Gemahlin vermittelt wurden, zugänglich gemacht, aber er war ihnen nicht er- 
legen. Er wurde auch jetzt nicht Parteimann ; die Rücksicht auf die Ehre und die Macht des Staates 
war die feste Grundlage seiner politischen Anschauungen, die Grenze seines Liberahsmus, die er auch 
am 8. November 1858 in der programmatischen Ansprache an das neue Staatsministerium deutlich 
betonte. 

Darin lag von Anfang an der Keim des Gegensatzes zwischen dem König und 
der hberalen Partei, der aus der ,, Neuen Ära" bald die Zeit des Verfassungskonflikts 
heraufbeschwor. Denn die Liberalen erhofften von der neuen Ära, daß sie die Erset- 
zung der konservativen dm-ch eine liberale Parteiherrschaft sein werde. Darin wurden 
sie freiüch von Anfang an enttäuscht ; sie trösteten sich damit, daß nur ein schroffer 



158 F- Härtung: Deutsche Verfassungsgeschicbte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Bruch vermieden -werden solle, daß sie aber durch eine PoHt.ik des Abwartens, des 
„Nur-nicht-drängens" doch noch zum Ziele gelangen würden. Daß es sich jedoch 
nicht um eine verschiedene Beurteilung des Zeitmaßes, sondern um einen grundsätz- 
lichen Gegensatz handelte, wurde durch die Frage der Heeresreform klargestellt. Die 
Grundlage der preußischen Heeresverfassung, das Wehrgesetz von 1814 (vgl. oben 
S. 148) war um das Jahr 1860 insofern durch die Entwicklung der Zeit überholt wor- 
den, als die jährliche Bekrutenzahl nicht gestiegen war, während sich die Bevölkerung 
fast verdoppelt hatte; die allgemeine Wehrpflicht war praktisch dadurch bereits be- 
seitigt worden, und das wurde besonders deshalb als ungerecht empfunden, weil im 
Kriege das erste Aufgebot der Landwehr, die Leute vom 26. bis zum 32. Jahr, zur Feld- 
armee herangezogen wurden. Auch hatten die Mobilmachungen der Jahre 1849, 1850 
und 1859 Mängel in der militärischen Ausbildung der Landwehren ergeben. Der Be- 
gent schlug nun eine gründliche Umgestaltung des Heeres vor, eine der Zunahme der 
Bevölkerung entsprechende Steigerung der jähilichen Bekrutenzahl von 40 000 auf 
63 000 Marm und zur Unterbrmgung dieser Mannschaften eine Vermehrung des ste- 
henden Heeres, die fast zur Verdopplung der Zahl der Eegimenter führte, für den 
Kriegsfall ferner eine Verstärkung der Beserve durch die Heranziehung der drei jün- 
geren Jahrgänge der Landwehr, während die älteren Jahresklassen der Landwehr er- 
sten Aufgebots aus der Feldarmee ausscheiden sollten. 

Diese Vorlage, an der neben dem Begenten vor allem der neue Kriegsminister 
Albrecht v. Boon beteiligt war, ging dem preußischen Landtag zu Beginn des Jahres 
1860 zu. Sie widersprach allen Anschauungen des Liberalismus, der seit Botteck gegen 
die stehenden Heere kämpfte und eine Ausbildung der wehrkräftigen Mannschaften in 
Turn- und Schützenvereinen für ausreichend hielt. Die auswärtige Politik Preußens 
während der letzten Jahrzehnte hatte ja auch nichts geleistet, um diese kleinstaathche 
Auffassung zu überwinden und die Unentbehrlichkeit einer ausreichenden militärischen 
Macht zu erweisen; auch das Programm des Begenten bekannte sich zu der Politik 
der „moralischen Eroberungen". Die Vorlage stieß um so mehr auf den Widerstand 
der Liberalen, als nicht bloß der militärisch-technische Teil, die Vermehrung des ste- 
henden Heeres, seines Berufsoffizier- und Unteroffizierkorps und der besonderen mi- 
litärischen Bilduugsanstalten, das Festhalten an der dreijährigen Dienstzeit, die über 
die bloße äußere Abrichtung hinaus auf die militärische Erziehung, auf die Erfüllung 
des Soldaten mit militärischem Geist abzielte, ihnen mißfiel, sondern auch politische 
Absichten damit verknüpft waren^); Boon gab offen zu, daß für die Trennung der 
Landwehren von der Feldarmee auch pohtische Bücksichten sprächen, daß die Feld- 
armee von den poHtisch berechtigten bürgerlichen Wählern entlastet werden sollte. 
Der Landtag nahm die Vorlage deshalb nicht an. Daß er die Kosten für die Beorga- 
nisation zweimal provisorisch auf je ein Jahr bewilligte und die Begierung die ihr not- 
wendig erscheinenden Änderungen der Organisation des Heeres und der Wehrpflicht 
auf Grund des königlichen Verordnungsrechts verfügte, bildete nicht den Übergang 
zu emem Kompromiß, sondern ließ je länger desto deutlicher die grundsätzliche Ver- 
schiedenheit der Auffassungen hervortreten. Der König (seit 2. Januar 1861) wollte 
das, was er als unerläßlich für die Machtstellung des Staates ansah, nicht von dem Be- 
lieben wechselnder parlamentarischer Mehrheiten abhängig werden lassen. Die libe- 
rale Partei dagegen und zumal ihr seit dem 9. Juni 1861 als „Fortschrittspartei" selb- 
ständig gewordener linker Flügel hielt nicht allein an der Forderung der zweijährigen 
Dienstzeit und einer gesetzlichen, also in dem Verfassungsstaat auch der Zustimmung 
des Parlaments bedürfenden Begelung der Wehrpfhcht fest, sondern versuchte über- 
haupt, die Heeresreform als Mittel zu benutzen, um die „konsequente Verwirklichung 

1) Das scheint mir dujrch den oben genannten Aufsatz von A. Wahl mcht mderlegt zu sein. 



Der Verfassungskonflikt 159 

des verfassungsmäßigen Rechtsstaats", wie es in dem Programm der Fortschritts- 
jjartei hieß, im Sinne der Parteidoktrin durchzusetzen. Um die Freiheit der Regie- 
rung in der Verfügung der ihr bewilhgten Gelder zu beschränken, um ihr vor allem die 
Durchführung der Heeresreform gegen den Willen des Landtags unmöglich zu machen, 
beantragte sie eine über das bisherige Maß hinausgehende Spezialisierung der Aus- 
gabeetats. Die Annahme des Antrags führte am 11. März 1862 zur Auflösung des Ab- 
geordnetenhauses, am 17. März zum Rücktritt des Ministeriums der „Neuen Ära". 
Aber das neue, ebenfalls überwiegend fortschritthche Abgeordnetenhaus und das neue, 
aus Konservativen zusammengesetzte Ministerium Hohenlohe-lngelfingen konnten 
sich erst recht nicht verständigen, da der König zu Zugeständnissen in der Heeres- 
frage nicht zu haben war. Deshalb Heß es die Fortschrittspartei auf eine Kraftprobe 
ankommen und strich am 23. September 1862 die gesamten Ausgaben für die Neuor- 
ganisation des Heeres aus dem Etat. 

Damit war die entscheidende Frage gestellt, ob in Preußen wie in den parlamen- 
tarisch regierten Staaten die jeweüige Mehrheit des Abgeordnetenhauses die Macht 
haben solle, den König zu zwingen, daß er nach ihrem Willen regiere, oder ob König- 
tum und Regierung, die alten Gewalten des Staates, auch fernerhin gegenüber dem 
Parlament, der Vertretung des erst neuerdings zum selbständigen Faktor gewordenen 
Volkes, ihre Unabhängigkeit behaupten wüi'den. König Wühelm war entschlossen, 
nicht nachzugeben ; aber er fühlte sich nicht stark genug, den Kampf gegen die Mehr- 
heit des Abgeordnetenhauses, hinter dem die überwiegende Mehrheit des preußischen 
Volkes stand, durchzuführen, imd hätte abgedankt, wenn nicht, von Roon gerufen, 
Bismarck sich bereiterklärt hätte, die Sache des Königtums zu verfechten. 

So bedeutsam auch die Persönlichkeit Bismarcks in die verfassungsgeschichtliche Entwick- 
lung Preußens und Deutschlands eingegriffen hat, so ist doch hier nicht der Ort, auf Oir Wesen 
und ihre Entwicklung einzugehen. Nur darauf sei kurz hingewiesen: Bismarck hat seine politische 
Laufbahn als Parteimann, als Anhänger Gerlachs und seines altständischen Kreises begonnen, 
und als einer der Führer der Kreuzzeitungspartei ist er 1851 an den wiederhergestellten Bundestag 
entsandt worden, um sich als Vertreter Preußens an der Beseitigung der revolutionären Gesetz- 
gebung des Jahres 1848 zu beteUigen. Aber hier in Frankfurt hat sich die große Wandlung vom Par- 
teimann zum Staatsmaim vollzogen, die Berührung mit der auswärtigen Pohtik der großen Mächte 
hat die Enge des Parteiprogramms gesprengt. Im Kampf mit Österreich und den Mittelstaaten hat 
Bismarck erkannt, daß Preußen seine Machtstellung in Deutschland und in Europa nur dann ver- 
bessern könne, wenn es alle lebendigen Kräfte in der inneren und in der äußeren Politik in den 
Dienst seiner Interessen stellte. Darin hegt das Neue der Bismarckischen Politik; für sie ist nicht 
die Parteidoktrin maßgebend, sondern das reale Interesse des Staates, sie ist Realpohtik im Ge- 
gensatz zu der Ideologie, die sowohl die liberalen wie die konservativen PoUtiker beherrschte. In 
der Ablehnung des Parteünteresses, in der starken Betonung des Staates berührt sich Bismarcks 
Staatsauffassung mit der König Williehns; sie unterscheidet sich von ihr in dem Ausgangspunkt, 
den für den König das Recht, für Bismarck das durch die damahge Lage nicht befriedigte Interesse 
Preußens bildete. 

Die Rücksicht auf die Bedürfnisse der staathchen MachtpoUtik bestimmte Bis- 
marcks Haltung in dem Streit zwischen Krone imd Parlament über die Heeresreform. 
Er trat unbedingt für die Verstärkung des Heeres in der vom König geforderten Form 
ein, aber er war weit entfernt, sie zur Parteisache zu machen. Im Gegenteil, er war 
ernstlich bemüht, die in der hberalen Partei verkörperte lebendige Ki-aft des preußi- 
schen Büi-gertums für den Staat und seine Machtpolitik zu gewinnen, und verhandelte 
nach seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten mit den Führern der Liberalen über 
ihren Eintritt ins Ministerium. Aber als sie ablehnten und die alten Forderungen, die 
auf eine Unterwerfung der Regierung unter die parlamentarische Mehrheit hinaus- 
hefen, erneuerten, nahm er den Kampf entschlossen auf. Er lehnte den vom Abge- 
ordnetenhaus verstümmelten Etat ab und hielt die neue Heeresorganisation aufrecht 
auch ohne Etat. Er rechtfertigte dieses Verfahren mit der sogenannten Lückentheorie, 
mit der Behauptung, daß der Artikel 99 der preußischen Verfassung zwar bestimme, 
der Etat müsse jährlich dm-ch ein Gesetz festgestellt werden, aber nichts darüber be- 



160 F. Härtung: Deutsche Verfaasungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

sage, was geschehen solle, wenn ein solches Gesetz, zu dem nach dem Artikel 62 die 
Übereinstimmung des Königs und beider Kammern erforderlich sei, nicht zustande 
komme. Die Anwendbarkeit ausländischer Analogien, daß in einem solchen Fall das 
Ministerium zurückzutreten habe und ein neues, mit der Parlamentsmehrheit überein- 
stimmendes gebildet werden müsse, wies er nachdrücklich zurück; das preußische 
Königtum habe eine andere Stellung als das englische und habe seine Mission noch 
nicht erfüllt. Daß es sich dabei nicht um eine Rechtsfrage handle, sondern um einen 
Kampf um die vorherrschende Macht im Staate, gab er offen zu. 

Es ist kein Zufall, daß von allen konstitutionellen deutschen Staaten Preußen 
der erste ist, der einen ernsthaften Verfassungskonfhkt auszukämpfen hatte. In den 
Mittel- und lüeinstaaten tauchten eben die großen Fragen der europäischen Macht- 
politik nicht auf, für sie war das stehende Heer kein unentbehrliches Organ der Politik, 
sie hingen auch im letzten Grunde von einem ihrer Einwirkung entzogenen fremden 
Faktor, dem Deutschen Bund und seinen vorwaltenden Mächten, ab. Preußen dagegen 
mußte den Konflikt allein austragen. 

Da die Gegensätze seit dem Scheitern der ersten Vermittlungsversuche Bis- 
marcks auf die Spitze getrieben waren, hat der Konfhkt eine Entwicklung im eigent- 
lichen Sinne des Wortes nicht gehabt. Bismarck führte den Kampf mit aller Energie, 
mit einer gewissen Freude, gelegentlich auch, wie bei den Preßverordnungen vom 
1. Juni 1863, mit unverhüllten Gesetzesverletzungen. Außerhalb des Parlamentes stieß 
er kaum auf Widerstand ; er hatte die Macht in Händen, den wohlorganisierten Verwal- 
tungsapparat des Staates, und durfte sich auch auf die trotz allen ParteidoktrLnen noch 
lebendige monarchische Tradition des Beamtentums und der Bevölkerung überhaupt 
verlassen. Deshalb konnte er die Regierung auch ohne gesetzhchen Etat weiterführen, 
auch die Steuern koimten ruhig weitererhoben werden. So brauchte er den gelegenthch 
erwogenen Gedanken, durch die Oktroyierung eines allgemeinen gleichen Wahlrechts 
an Stelle des das besitzende Bürgertum begünstigenden Dreiklassenwahlrechts die Vor- 
herrschaft des Liberalismus zu brechen, nicht auszuführen. Die Wahlen, die von Zeit 
zu Zeit vorgenommen wurden, ergaben freilich immer wieder eine starke Mehrheit der 
Fortschrittspartei. Diese führte den Kampf gegen die Regierung mit allen ihr zur Ver- 
fügung stehenden Mitteln, mit Reden und Majoritätsbeschlüssen, mit Broschüren und 
Zeitungsartikeln. Aber ihr fehlte die Macht ; die Sympathie fast der gesamten öffent- 
lichen Meinung Deutschlands half ihr auch nichts. Zu einem revolutionären Umsturz 
waren aber die Dinge in Preußen nicht reif ; auch war das besitzende Bürgertum seit 
den Erfahrungen von 1848/49 und seit dem Aufkommen eines vierten Standes keine 
revolutionäre Partei mehr. Und die in dem hohen Alter des Königs und in der hbera- 
len, offen kundgegebenen Gesinnung des Kronprinzen begründete Aussicht auf einen 
späteren Umschwung trug auch zum friedUchen Verlauf der Dinge bei. Unter diesen 
Umständen aber versumpfte der Konflikt ; die weiteren parlamentarischen Verhand- 
lungen boten nichts Neues, eine Lösung des Konfhkts auf verfassungsmäßigem Wege 
war nicht möglich. 

Sie wurde vielmehr durch die Erfolge der auswärtigen PoUtik Bismarcks, die die 
Verfassungsgeschichte nicht zu betrachten, deren Ergebnis sie lediglich hinzunehmen 
hat, gebracht. Ihre Wirkung war zunächst sowohl durch ihren Widerspruch gegen alle 
bisherigen Anschauungen von der sieghaften Kraft morahscher Eroberungen wie durch 
die Verbitterung des Verfassungskonflikts beeinträchtigt worden ; die Siege des däni- 
schen Krieges blieben auf die Mehrzahl der preußischen Wähler ohne Einfluß. Aber 
mit den ersten Schlachten des österreichischen Krieges begann der Umschwung; die 
Macht des Staates, sein Ansehen in der Welt trug den Sieg davon über die Fragen der 
inneren Verfassung, am Tage von Königgrätz, am 3. Juh 1866, erlitt die Fortschritts- 



Der Verfassungskonflikt und seine Lösung 161 

partei bei den Neuwahlen zum Abgeordnetenhaus eüae vernichtende Niederlage. Bis- 
marck hatte gesiegt. Aber er verzichtete auf eine Reaktion, selbst auf einen die 
„Lücke" des Artikels 99 zugunsten der Regierung schließenden Zusatz zur Verfassung. 
Er wTißte eben, daß das konstitutionelle Leben nicht durch die Paragraphen der ge- 
schriebenen Verfassung, sondern durch die realen Faktoren des Staates bestimmt 
wird. Und als einen solchen Faktor hatte er das Bürgertum stets anerkannt ; nicht nur 
seine wirtschaftliche Stellung hatte er ihm unangetastet gelassen, sondern er gestand 
ihm auch stets den seit 1848 bestehenden Anspruch auf Mitwirkung am Staate zu. Nur 
dagegen hatte er gekämpft, daß das Bürgertum allein herrsche, die alten Gewalten des 
preußischen Staates, Königtum, Beamtentum und Heer, von sich abhängig mache. 
Nachdem er in diesem Kampf gesiegt hatte, bot er dem bürgerhchen Liberahsmus die 
Hand zur Versöhnung und ersuchte den Landtag um Gewährung der Lidemnität für 
die seit 1862 ohne gesetzhchen Etat geleisteten Ausgaben. Ein Teil der Fortschritts- 
partei bheb zwar dem alten demokratischen Programm treu, lehnte die Lidemnität 
ab und verharrte auch fernerhin in unentwegter Opposition gegen die Regierung, gegen 
die ganze neue staatliche Entwicklung. Aber die überwiegende Mehrzahl trennte sich 
unter der Führung von Lasker und Twesten von der Fortschrittspartei ab und bildete 
die nationalliberale Partei. Sie erkannte die Macht der Tatsachen an, nicht nur den 
einmaligen Sieg der Regierung, sondern allgemein die Notwendigkeit, die Strenge der 
Parteidoktriu zu mildern, die Reahtäten zu beachten, Kompromisse zu schließen; sie 
machte Frieden mit der Regierung und nahm die Lidemnität an. Gleichzeitig löste 
sich von der konservativen Partei eine freikonservative Fraktion los, die sich ähnlich 
wie die NationalHberalen mit den Tatsachen abfand und die Notwendigkeit des Ver- 
fassungsstaates anerkannte. 

Damit ist, bis auf den heutigen Tag, der besondere Charakter des preußischen 
Staates als konstitutioneller Monarchie festgelegt worden : Königtum, Beamtentum und 
Heer haben ihre alte Stellung über den Parteien behauptet, das parlamentarische Re- 
gierungssystem West- und Südeuropas und des Musterlandes der preußischen Ver- 
fassung Belgien hat in Preußen keine Nachahmung gefimden. Das große Kampfgebiet, 
die Heeresverfassung und die auswärtige Politik, ist freilich unmittelbar nach dem 
Ende des Verfassungskonflikts durch die Gründung des Norddeutschen Bundes der 
Zuständigkeit Preußens entzogen worden. Aber der preußische Konstitutionahsmus 
ist nicht nur für die Entwicklung des Verfassungslebens im Reiche ausschlaggebend 
geworden, sondern besitzt auch für Preußen noch seine große Bedeutung. Der Gegen- 
satz zu Amerika beweist am deutlichsten die Vorzüge, die die Unabhängigkeit der Ver- 
waltung vom Parlament und den Parteien sowohl für die Sozialpohtik wie für die großen 
staathchen Verkehrsanstalten besitzt. Daneben haben sich aber auch die bei'echtigten 
Gedanken des Verfassungsstaates durchgesetzt und sind von der Regierung anerkannt 
worden. Der Anteil der Bevölkerung am Staat ist durch den Ausbau der Selbstver- 
"waltung in den siebziger .Jahren im Geiste der Steinschen Reformen erweitert worden. 
Die Kjreisordnung vom 13. Dezember 1872 und die Provinzialordnung vom 29. Juni 
1875 mit dem dazu gehörigen Dotationsgesetz vom 8. JuU 1875 haben neben die bureau- 
kratische Verwaltung eine leistungsfähige Selbstverwaltung in Kreisen und Provinzen 
gestellt. Die Kreisordnung hat zugleich der nach 1850 wiederhergestellten patrimo- 
nialen Verwaltung auf dem platten Lande, der gutsherrlichen Polizei und der Be- 
vorzugung der Rittergüter auf den Kreistagen endgültig ein Ende gemacht; der Wi- 
derstand des Herrenhauses wurde durch einen Paü-sschub, den einzigen, den die preu- 
ßische Verfassungsgeschichte bisher kennt, gebrochen. Der Neuorganisation der 
Selbstverwaltung folgte die Sicherung des Rechtsschutzes auch gegen die Verwaltung 
durch die Errichtung einer besonderen Verwaltungsgerichtsbarkeit gemäß den durch 

Grundriß der GeachichtswiBsenachaft II, 4 11 



\Q2 F- Härtung: Deutsche VerfassungsgeBchichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

englische Einrichtungen beeinflußten Ideen Gneists ; an ihr sind in den unteren Instan- 
zen auch die Selbstverwaltungskörper beteiligt. Die gewaltige Ausdehnung der Staats- 
tätigkeit in den letzten Jahrzehnten hat inzwischen zu einer großen Belastung der 
Behörden geführt, sodaß eine Verwaltungsreform seit mehreren Jahren von einer Im- 
mediatkommission beraten wird. Die ersten Vorschläge Hegen zurzeit (Februar 1914) 
dem Landtage vor; abschließendes kann daher nicht gesagt werden. Das eine steht 
aber bereits fest: die Grundlagen der Verwaltung, wie sie seit den Stein-Hardenber- 
gischen Eeformen bestehen und nach dem Verfassungskonflikt erweitert worden sind, 
die Verbindung von obrigkeithch-bureaukratischer Verwaltung und kommunaler Selbst- 
verwaltung werden nicht angetastet werden, weil sie der Verfassimg des Staates, der 
Verbindung von Königtum und Parlament in der Form der konstitutionellen Monar- 
chie entsprechen. 

Elftes Kapitel: Das neue Reich 

Quellen: Bundesgesetzblatt des Norddeutschen Bundes, seit 1871 Reichsgesetzblatt; eine 
Auswahl bei H. Tbiepel, Quellensammlung zum Deutschen Reichsstaatsrecht (2. Aufl. 1907, mit 
Ergbd. 1911) und K. v. Stengel, Quellensammlung zum Verwaltungsrecht des Deutschen Reichs 
(190'2). Für die parlamentarische Geschichte kommen außer den stenographischen Berichten des 
Reichstags die Parteiprogramme (hersg. von F. Salomon, Bd. IP, 1912) in Betracht. Von den 
Reden der Reichskanzler sind besondere Ausgaben erschienen für Bismarck (von Horst Koul, 
oben S. 157; vgl. dazu H. Rosin, Grundzüge einer allgemeinen Staatslehre nach den politischen 
Reden und Schriftstücken des Fürsten Bismarck, Aim. des Deutschen Reichs, Bd. XXXI, 1898), 
Caprivi (von R. Abndt, 1894) und Bülow (von J. Penzler und 0. Hötzsch, 1903/09). 

Übersichten über die einzelnen Jahre bieten der Europäische Geschichtskalender (seit 1860 
erscheinend), für die Jahre nach 1885 auch der Deutsche Geschichtskalender, hersg. von K. WrpPER- 
MANN, für die Entwicklung des öffentlichen Rechts seit 1907 das Jb. des öffentlichen Rechts, begr. 
von G. Jbllinek, P. Laband und R. Piloty. 

Darstellungen: G. Eoelhaaf, G. der neuesten Zeit (1908, 4. Aufl. 1913). P. Klöppel, 
Dreißig Jahre deutscher Vfg. 1867/97 (1., einziger Band bis 1877; 1900). K. Lampbecht, Zur jüng- 
sten deutschen Vergangenheit, Bd. II, 2 (1906; neue Ausg. unter dem Titel „Deutsche G. der jüng- 
sten Vergangenheit und Gegenwart, Bd. II [Innere u. äußere Pohtik], 1913). E. Rosbnthal, Der 
Wandel der Staatsaufgaben in der letzten Geschichtsperiode (Ak. Rede, Jena, 1913); Die Reichs- 
regierung (1911). H. V. Treitschke, Bund und Reich (PrJbb., Bd. XXXIV, 1874; auch „Zehn Jahre 
deutscher Kämpfe, Bd. ll\ 1897); Unser Reich (1886; Hist. u. pol. Aufs., Bd. II», 1903). 

Zu erwähnen sind ferner die freilich die Zustände mehr beschreibenden als historisch ent- 
wickelnden Bearbeitungen des Staatsrechts, für das Reich vor aUem P. Laband, Das Staatsrecht 
des Deutschen Reichs (4. Aufl., 4 Bde., 1901; 5. Aufl. im Erscheinen); Deutsches Reichsstaatsrecht 
(6. Aufl. 1912). G. Meyeb, Lehrbuch des deutschen Staatsrechts (6. Aufl., hersg. von G. Anschütz, 
1905), für die Einzelstaaten s. die Nachweise oben S. 124. 

§ 45. Die Verfassung des Norddeutschen Bundes und des Deutschen Reiches 

Ausgabe von K. Binding, Deutsche Staatsgrundgesetze, Heft 1 (in der größeren Ausgabe 
mit vielen Anlagen, darunter den vorhergehenden Entwürfen). 

Quelle: E. Bezold, Materialien der deutschen Reichsverfassung (3 Bde. und Register, 1873). 

Darstellungen für den Norddeutschen Bund: K. Binding, Die Gründung des Norddeutschen 
Bundes (1889). G. Grosch, Die Gründung des Norddeutschen Bundes und des Deutschen Reiches 
( A. f. öff . Recht, Bd. XXIX, 1912 ; lediglich juristisch). H. Triepel, Zur Vorgeschichte der norddeut- 
schen Bundesverfassung (Festschrift für Gierke, 1911). Für die Reichsverfassung: E. Branden- 
burg, Der Eintritt der süddeutschen Staaten in den Norddeutschen Bund (1910). W. Busch, Die 
Kämpfe um Reiohsverfassung und Kaisertum 1870/71 (1905). W. Hieschbebg, Haben die Ab- 
weichungen der Reichsverfassung von der Verfassung des Norddeutschen Bundes das föderative 
oder das unitarische Element gestärkt? (Greifswalder jiir. Diss. 1912). 

Zum Vergleich mit den früheren Entwürfen: 0. v. Völdeendoeff, Deutsche Verfassungen 
und Verfassungsentwürfe (Aim. des Deutschen Reichs 1890). O. Fbederich, Die staatsrechtUche 
Stellung des heutigen deutschen Kaisertums vergUchen mit den beiden Verfassungsentwürfen von 
1848, 1849 und mit der Unionsverfassung von 1850 (Würzburger jur. Diss. 1912). F. Schmidt, 
Die Verfassungen der Jahre 1849 und 1850 und ihre Bedeutung im Verhältnis zur Verfassung des 
Deutschen Reichs (Erlanger jur. Diss. 1913). 

Die Gründung des Norddeutschen Bundes und des neuen Deutschen Beiches 
knüpft zwar an die im 8. Kapitel behandelten Bestrebungen nach einer befriedigenden 
Gesamtverfassung Deutschlands an, durfte aber trotzdem nicht im unmittelbaren An- 
schluß an sie behandelt werden. Denn sie hat nicht nur diese unitarischen Tendenzen 



Die Verfassung des Norddeutschen Bundes und des Deutschen Reiches 163 

zur Voraussetzung, sondern ebensosehr die Entwicklung der Einzelstaaten und zumal 
die Preußens. Ja, diese ist sogar das Wichtigere: die Einigung Deutschlands ist nicht 
aus der Einheitsbewegung, die die Geschichte des Deutschen Bundes beherrscht, her- 
vorgegangen, sondern sie ist im Gegensatz gegen sie durch das Machtstreben des preu- 
ßischen Staates vollbracht worden. 

Als ein Vorspiel dieser Einigung karui die Gründung des deutschen Zollvereins 
in den dreißiger Jahren des 19. Jhs. angesehen werden. Auch sie ist im Gegensatz 
gegen die Wünsche der öffentlichen Meinung und wenn auch nicht gerade gegen, so 
doch ohne den Deutschen Bund erfolgt, lediglich aus dem besonderen Interesse des 
preußischen Staates heraus. Sie ist ferner insofern ein Vorspiel, als sie Preußen und 
die meisten deutschen Staaten außer Österreich zu einem einheitlichen Verbände, zu 
einer Lebensgemeinschaft, wenigstens im Wirtschafthchen, zusammenschloß. Aber 
mehr als ein Vorspiel bedeutet der Zollverein nicht. Denn eine politische Gemeinschaft 
ist aus der wirtschafthchen nicht erwachsen, die Mittelstaaten sind vielmehr nach wie 
vor die politischen Gegner Preußens gebheben, und der Zollverein hat weder 1850 noch 
1866 ihr Kriegsbündnis mit Östen-eich hindern können. 

Nicht durch die wirtschafthchen Interessen Gesamtdeutschlands, sondern durch 
das politische Machtstreben des preußischen Staates ist die Lösung der deutschen 
Frage bestimmt worden. Damit ist zugleich gesagt, daß die Geschichte dieser Lösung 
vom Standpunkt der Verfassungsgeschichte aus nicht geschrieben werden kann. Es 
darf nur kurz daran erinnert werden, wie Bismarck das gegenseitige Verhältnis von 
Österreich und Preußen unter möghchster Ausschaltimg der Bundesverfassung und 
der Mittelstaaten zu regeln gedachte, wie dann Österreich im Gegensatz dazu die schles- 
wig-holsteinische Frage diurch Zuziehung des Bundestages, auf dem es der Mehrheit 
sicher war, in seinem Sinne zu entscheiden suchte, wie endhch Preußen den Kampf 
gegen die Vormachtstellung Österreichs offen aufnahm. 

Als Bundesgenossen für diesen Kampf rief Bismarck die deutsche Einheitsbe- 
wegung auf. Am 9. April 1866 Heß er am Bundestage den dringHchen Antrag auf eine 
Bundesreform stellen, die mit einer „aus direkten Wahlen und allgemeinem Stimm- 
rechte der ganzen Nation hervorgehenden Versammlimg" vereinbart werden sollte. 
Und die „Grundzüge zu einer neuen Bundesverfassung", die Preußen unmittelbar vor 
dem Ausbruch des Krieges am 10. Juni den Kegierungen unterbreitete^), beriefen sich 
nicht nur ausdrücklich auf das vom Frankfurter Parlament hergestellte Eeichswahl- 
gesetz vom 12. Aprü 1849, sondern gingen darauf aus, ein deutsches Parlament als 
ständiges Organ neben den Bundestag zu stellen. Aber diese Anknüpfimg an das Werk 
von 1848/49, an die erste große Einheitsbewegung der Nation, bheb ohne Whkung; 
die Vorschläge des Mannes, der mit dem preußischen Parlamente seit Jahren in schwer- 
stem Konflikt lag, wurden nicht ernst genommen, erweckten höchstens Mißtrauen. 
Auch Treitschke sah darin eine Mißachtimg der sitthchen Kräfte des Völkerlebens, ein 
befremdendes und fast unheimhches Schauspiel ; sie erschienen ihm wie ein Fechter- 
streich in einem diplomatischen Turnier.^) 

Und doch waren sie ehrhch gemeint. Wie Bismarck den preußischen Konflikt 
nach dem Siege durch Entgegenkommen gegen den bürgerhchen Liberahsmus been- 
dete, weü er in diesem eine wirtschaftlich und poHtisch bedeutende Macht des Staats- 
lebens erblickte, so war auch seine Verbindung mit der deutschen Einheitsbewegung 
keineswegs ein Notbehelf während des „diplomatischen Turniers", sondern die Aner- 

1) Abgedruckt von K. Binding, Deutsche Staatserundsesetze, Heft I. größere Ausgabe' 
(1904), S. 70ff. 

2) Der Krieg und die Bundesreform (geschrieben Mai 1866, zuerst PrJbb., Bd. XIX; wieder 
abgedruckt Zehn Jahre deutscher Kämpfe, Bd. I', 1897, S. 88). 

11* 



]64 ^- Härtung: Deutsche Verfasanngsgescbichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

kennung des Einlieitsverlangens der Nation als eines berechtigten Faktors in der deut- 
schen Geschichte. FreiUeh, wie er den preußischen Liberalen gegenüber auch bei den 
Beratungen über das Indenmitätsgesetz das Recht der Krone betonte, so blieb er sich 
auch bei der neuen Gestaltung der deutschen Dinge treu ; er zwang die deutschen Li- 
beralen, auch die fürstlichen Standes, wie den preußischen Kronprinzen und den Herzog 
Ernst von Coburg-Gotha, zur Anerkennung der staatlichen Macht, zum Verzicht auf 
die Starrheit der Parteigrundsätze, zur Realpohtik. 

Die neue Verfassung Deutschlands, die sich aus poHtischen Gründen freilich 
einstweilen nur auf die im Norddeutschen Bunde geeinigten Staaten Norddeutsch- 
lands mit Einschluß Oberhessens erstreckte, ist ganz Bismarcks Werk, mag auch mit 
Recht durch die neuere Forschung (vor allem Triepel) der Anteil der Minister und 
Räte stärker herausgearbeitet werden als in Sybels bekannter Darstellung. Der vom 
15. Dezember 1866 datierte Entwurf der preußischen Regierung^) trägt den Stempel 
seines Wesens schon darin, daß er sich aller doktrinären Sätze über Souveränität und 
Staatsgewalt und über Grundrechte der Individuen enthält und sich ganz auf die orga- 
nisatorischen Bestimmungen beschränkt, vor allem aber in der Art, wie diese Organi- 
sation geschaffen wird. Er ist ein Versuch, die Bundesakte und die Frankfurter Reichs- 
verfassung miteinander zu verschmelzen, alle lebendigen Kräfte Deutschlands, den 
preußischen Staat, die Mittel- und Kleinstaaten und die deutsche Nation, zu einem 
einheitlichen Ganzen zusammenzufügen. Er vermeidet den Fehler des Frankfurter 
Parlaments, eine über den Staaten schwebende Zentralgewalt künstlich zu konstruie- 
ren, überträgt vielmehr die Souveränität der Gesamtheit der ,, Verbündeten Regierun- 
gen", ohne sich darüber auszusprechen, ob auch jeder Staat für sich noch souverän 
bleiben solle. Sowohl für die Gesetzgebung wie für die Durchführung der Bimdesbe- 
schlüsse wird das alte Organ der Gesamtheit, der Bundestag, beibehalten ; freilich ist 
nicht bloß der unpopuläre Name des Bundestags durch die Bezeichnung Bundesrat 
ersetzt, sondern auch die schweren Gebrechen seiner Organisation sind beseitigt wor- 
den. Der engere Rat ist verschwunden, alle Funktionen des Bundesrats werden vom 
Plenum, das infolge des Ausscheidens Österreichs und der süddeutschen Staaten noch 
43 Stimmen, darunter 17 preußische, zählt, erledigt. Seine Leistungsfähigkeit ist ge- 
währleistet durch die unbedingte Geltung der einfachen Stimmenmehrheit, die nur 
bei Verfassungsänderungen durch die Vorschrift einer Zweidrittelmehrheit ersetzt 
wird, und durch die Bestimmung, daß nicht vertretene oder nicht instruierte Stimmen 
nicht gezählt werden. Am meisten ist aber der Charakter des alten Bundestags als einer 
Konferenz von Gesandten gleichberechtigter Staaten durch die Stellung des Bundes- 
präsidiums geändert worden. Dieses Präsidium ist nicht ein bloßer Ehrenvorsitz 
mit dem Recht zur formalen Leitung der Geschäfte, sondern es hat materielle Vorrechte 
vor den andern Bundesstaaten, die völkerrechtliche Vertretung des Bundes nach außen, 
das Recht, über Krieg und Frieden zu entscheiden, das Recht und die PfUcht, die Aus- 
führung der Bundesbeschlüsse in den einzelnen Bimdesstaaten zu überwachen, endhch 
das Recht, widerspenstige Bundesstaaten durch Exekution zur Erfüllung der Bundes- 
pfhchten anzuhalten ; ihm steht ferner der Oberbefehl über die gesamte Kriegsmacht 
des Bundes zu Lande und zu Wasser in Kriegs- und Friedenszeiten zu. Und das Prä- 
sidium ist anders als das Kaisertum der Frankfurter Verfassung eng verbunden nicht 
nur mit der Djmastie, sondern mit dem Staate Preußen, es besitzt daher die nötige 
Macht, um seine Befugnisse wirksam auszuüben, und zugleich ist Preußen dadurch vor 
einem Zwang seitens des Bundes, vor emer rechtlich möghchen Majorisierung in Lebens- 
fragen gesichert. 

Aber neben den Staaten und Preußen als dem größten Staate kommt in dem 

1) Bei BiNDiNG a. a. O. S. 76. 



Die Verfassung des Norddeutschen Bundes und des Deutschen Reiches 165 

Bismarckischen Verfassungsentwurf auch die deutsche Nation zu ihrem Eechte. Sie 
erhält den gleichen Anteil an der Gesetzgebung des Bundes wie die Staaten; diesen 
Anteil auszuüben ist die Aufgabe des Reichstags, des Volkshauses, wie die Frankfurter 
Verfassung gesagt hatte. Er verkörpert gegenüber dem Partikularismus die Einheit, 
er vertritt im Gegensatz zum Bundesrat, in dem nur die Regierungen der Einzelstaa- 
ten vertreten sind, das deutsche Volk. Denn ein solches keimt zum Unterschied von 
der Bundesakte der neue Verfassungsentwurf, wenn es auch eine einheithche Reichs- 
angehörigkeit für das Inland bis heute noch nicht gibt ; er wendet sich in seinen Be- 
stimmungen, zumal in der Feststellimg der Wehrpfhcht, unmittelbar an „jeden Nord- 
deutschen", ohne nach der Staatsangehörigkeit zu fragen, er setzt ein einheitüches 
Indigenat fest. 

Die Kompetenzen wurden zwischen dem Bund und den Einzelstaaten zum Teü 
im Anschluß an die Frankfurter Verfassung so verteilt, daß die Ehiheit der Nation 
sowohl nach außen wie im Innern gesichert und durchgeführt wurde. Deshalb wurde 
zur Bundessache nicht allein die Vertretung des Bundes nach außen mit Einschluß der 
Zoll- und Handelspohtik imd die gesamte Wehrkraft — die allerdings durch besondere 
Mihtärkonventionen überall mit Ausnahme von Sachsen mit dem preußischen Heere 
verbunden wurde — erklärt, sondern auch die Gesetzgebung über den Verkehr inner- 
halb des Bundesgebiets, über die Freizügigkeit imd Gewerbebetrieb, über Münze, Maß- 
und Gewichtssystem, über Eisenbahnen, Schiffahrt, Post und Telegraphie, über Zivil- 
prozeß, Konkm's-, Wechsel- und Handelsrecht. 

Dieser Entwurf wurde zunächst einer Konferenz der einzelstaatlichen Regierun- 
gen vorgelegt, aber trotz zahlreichen Anderimgsvorschlägen in allen wesenthchen 
Punkten angenommen, da Bismarck alle den Grundzügen seines Entwurfs wider- 
sprechenden Anträge, namentUch auf Umgestaltimg des von ihm bewußt den beson- 
deren deutschen Verhältnissen angepaßten Bundesrats in ein den übHchen europäi- 
schen Verfassungen entsprechendes Oberhaus ablehnte. Der darauf neu redigierte 
Entwurf vom 7. Februar 1867^) wurde am 24. Februar in Erfüllung des am 9. April 
1866 gegebenen Versprechens einem konstituierenden norddeutschen Reichstage vor- 
gelegt. Auch hier wurde allerhand Widerspruch laut ; denn zu wenig stimmte der Ent- 
wiu-f mit den alten konstitutionellen Doktrinen überein. Vor allem wurde das mit der 
eigenartigen Konstruktion der Bundesgewalt zusammenhängende Fehlen eines ver- 
antworthchen konstitutionellen Reichsministeriums bemängelt, daneben auch — hier 
wirkte auf beiden Seiten der preußische Verfassungskonflikt nach — die Emschrän- 
kung des Budgetrechts des Reichstags durch die in dem Verfassungsentwurf ein für 
aUemal ausgesprochene Festlegung der Ausgabensumme für das Heer. Wie den Re- 
gierungen kam Bismarck auch dem Reichstag in allen nicht die Grundlage seines Wer- 
kes berührenden Einzelfragen entgegen. Er heß die Erweiterung der Zuständigkeit des 
Bundes auf das gesamte Obligationenrecht und auf das Strafrecht zu, heß die Be- 
schränkung des Bundes auf llatrikularbeiträge und indirekte Steuern fallen, gestand 
auch dem Reichstag außer dem aus dem Reichswahlgesetz von 1849 übernommenen 
allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht die geheime Stimmabgabe zu, bheb aber 
fest in der Ablehnung eines dem Reichstage verantwortlichen Reichsministeriums, 
weil ein solches das Wesen des Bundesstaates nach dem Einheitsstaat hin verändere 
und die einzelstaathchen Regierungen mediatisiere. Nur das hat der Reichstag durch- 
gesetzt, daß auf Antrag Bennigsens, des Führers der Nationalliberalen, der Bundes- 
kanzler, der dem Bundespräsidium zur Ausübung seiner Befugnisse beigeordnet war, 
in einer freihch sehr unklaren Form tür verantwortlich erklärt wurde (Artikel 17). 
Diese Bestimmung hat praktisch zur Folge gehabt, daß der Kanzler nicht ein bloß 

1) Bei Besding a. a. O. S. 77ff. 



166 F- Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

ausführendes Organ, sondern der alleinige verantwortliche Leiter der Bundes- und 
später der Eeichspohtik geworden ist. Der letzte Streitpunkt, die Frage des Budget- 
rechts des Reichstags gegenüber dem Heere, wurde durch ein Kompromiß aus dem 
Wege geräumt ; das von der Regierung für unbestimmte Zeit vorgeschlagene Pausch- 
quantum wurde nur bis 1871 bewilligt, für die spätere Zeit sollte das Budgetrecht des 
Reichstags in Kraft treten ohne weitere Beschränkung, als daß eine Änderung der be- 
stehenden Präsenzstärke nur durch ein Gesetz, also nur mit Zustimmung des Bundes- 
rats möglich sei; jeder Herabminderung des Heeres durch einseitigen Beschluß des 
Reichstags war also ein Riegel vorgeschoben. 

''.c Die nach diesen Modifikationen endgültig festgestellte Verfassung des Norddeut- 
schen Bundes vom 17. April 1867 (in Kraft getreten am 1. Juli) schuf gewiß einen kom- 
pUzierten Organismus, der mit Einheitsstaaten natürlich gar nicht verghchen werden 
kann, aber auch keiner der bereits bestehenden bundesstaatlichen Verfassungen ganz 
entsprach und allen Systematisierungsversuchen der Staatsrechtslehre beharrüch wi- 
derstand. Aber sie stellt eine glückliche Lösung der besonderen Aufgabe dar, die durch 
die geschichtliche Entwicklung Deutschlands gegeben war: monarchische Einzelstaa- 
ten zu einer Einheit zusammenzufügen, ohne sie zu zerstören. Sie gab — das hat der 
Krieg von 1870/71 bewiesen — dem Ganzen genug Kraft, daß es sich als Macht be- 
haupten konnte, und heß doch den ELnzelstaaten genug Raum zur Pflege ihrer Be- 
sonderheit, sodaß die süddeutschen Staaten in den Novemberverträgen 1870 (Baden 
und Hessen gemeinsam am 15., Bayern am 23., Württemberg am 25.)^) dem Norddeut- 
schen Bunde beitreten konnten, ohne grundsätzliche Verfassungsänderungen zu bean- 
spruchen. Sie behielten sich einige „Reservatrechte" vor, die besondere Besteuerung 
von Bier und Branntwein, Bayern und Württemberg auch ihre eigene Postverwaltung 
und ihre besondere Heeresverwaltung, Bayern beschränkte auch die Zuständigkeit 
des Bundes im Eisenbahnwesen. Ferner wurden einzelne Artikel der Verfassung in 
einem den Einzelstaaten günstigen Sinne geändert ; die Exekution gegen einen Bundes- 
staat (Art. 19), die bisher bei Nichterfüllung militärischer Pflichten, wenn Gefahr im 
Verzuge war, vom Bundesfeldherrn, dem König von Preußen, ohne weiteres vollstreckt 
werden konnte, sollte in Zukunft in allen Fällen vom Bundesrat beschlossen und erst 
dann vollstreckt werden ; ebenso wurde dessen Zustimmung zur Erklärung eines Krie- 
ges für erforderlich erklärt, soweit nicht ein Angriff auf das Bundesgebiet erfolgte 
(Art. 11); es wurde im Bundesrat ein besonderer Ausschuß für auswärtige Angelegen- 
heiten unter dem Vorsitz Bayerns und unter dauernder Beteiligung Sachsens und 
Württembergs gebildet (Art. 8). Endhch wurde die Bestimmung über Verfassungs- 
änderungen (Art. 78) dahin modifiziert, daß im Bundesrat 14 Stimmen zur Ablehnung 
einer Verfassungsänderung genügen sollten; dadurch hat nicht nur Preußen ebenso 
wie im Norddeutschen Bund ein Veto gegen jede Verfassungsänderung, sondern auch 
die drei mittelstaatlichen Königreiche können mit ihren 14 Stimmen jede ihnen nicht 
genehme Entwicklung der Reichsverfassung verhindern. Die Organisation des Bundes 
Wieb dagegen unverändert, abgesehen von der dem Eintritt neuer Bundesstaaten ent- 
sprechenden Vermehrung der Mitgliederzahl im Bundesrat von 43 auf 58, im Reichs- 
tag von 297 auf 382 ; den Reservatrechten glaubte man dadurch Rechnung tragen zu 
sollen, daß im Bundesrat und Reichstag bei der Beschlußfassung über nicht allen 
Staaten gemeinsame Angelegenheiten nur die Vertreter und Abgeordneten der zu der 
Gemeinschaft gehörenden Bundesstaaten abstimmen durften (Art. 7 und 28). Aber 
auch die einigenden Momente der Verfassung wurden durch die Novemberverträge 
verstärkt ; die Zuständigkeit des Bundes wurde auf die Gesetzgebung über Presse und 
Vereinswesen ausgedehnt, und indem die farblosen Bezeichnungen Präsidium und 
1) Oft gedruckt, z. B. bei Bindino a. a. 0. S. 149ff. 



Die Entwicklung der Reichsverfasstmg seit 1871 167 

Bund durch die altehrwürdigen Titel Kaiser und Eeich ersetzt wurden, erhielt die 
deutsche Einheit ilire lebendige Verkörperung. Am 1. Januar 1871 trat das neue Eeich 
ias Leben, am 18. Januar erfolgte die Kaiserproklamation, am 16. Aprü 1871 wurde 
die Verfassung des Deutschen Eeiches ia ihrer endgültigen Form erlassen. 

§ 46. Die Entwicklung der Reichsverfassung seit 1871 

Literatur: C. Bor>'hak, Wandlungen der Reichs Verfassung (A. f. öff. Recht, Bd. XXVI, 
1910). L. P^EDE, Die an der Reichsverfassung vorgenommenen Änderungen (Jenaer jur. Diss. 
1912). A. HisEL, Studien zum deutschen Staatsrecht, Bd. II, 1: Die organisatorische Entwick- 
lung der deutschen Reichsverfassung (1888). E. v. Jagemanu, Die deutsche Reichsverfassung 
(1904; trotz manchen Einseitigkeiten wertvoll als Werk eines ehemaligen BundesratsbevoUmäch- 
tigten). P. Laband, Die geschichthche Entwicklung der Reichsverfassimg seit der Reichsgründung 
(Jb. d. öff. Rechts der Gegenwart, Bd. I, 1907). H. Onckejt, Bennigsen und die Epochen des par- 
lamentarischen Liberalismus in Deutschland und Preußen (HZ., Bd. 104, 1910). H. Tkiepel, Uni- 
tarismus und Föderalismus im Deutschen R«ich (1907). 

Die Verfassung des Deutschen Eeiches hat sich ia mehr als vierzig Jahren als 
durchaus lebens- und trotz ihren Eeservatrechten entwicklungsfähig erwiesen. Die 
Verteilung der Eechte und Pfhchten zwischen den drei Trägern des Eeiches, dem Kai- 
ser, Bundesrat und Eeichstag, hat sich bewährt imd ist bis auf den heutigen Tag un- 
verändert geblieben. Die Eiazelstaaten haben sich willig in den größeren Verband des 
Eeiches gefügt; die Bestimmung des Artikels 19 über die Exekution hat noch nicht 
angewendet werden müssen. Auch zwischen den Verbündeten Eegierungen, vertreten 
durch Kaiser und Eeichskanzler, auf der einen Seite und dem Eeichstag auf der andern 
Seite hat trotz allen parlamentarischen Kämpfen zumal der achtziger Jahre Friede ge- 
herrscht; einen Verfassungskonflikt kennt die Geschichte des Eeiches bisher nicht, 
die in Preußen gefallene Entscheidung zugunsten der Selbständigkeit der Krone gegen- 
über dem Parlament hat auch für das Eeich maßgebend gewirkt, um so mein- als eine 
stärkere Abhängigkeit der Eeichsregienmg vom Eeichstag notwendig zu einer Ver- 
minderung des Anteils führen müßte, den die Bundesstaaten im Bundesrat auf die 
Gesetzgebung und Verwaltung des Eeiches ausüben. 

Die formellen Änderungen der Eeichsverfassimg^) haben, soweit sie überhaupt 
das Wesen des Eeiches berühren, stets die Einheit befördert. Gleich die erste Änderung 
der Verfassung, das Gesetz vom 24. Februar 1873, hat für den Eeichstag die 1871 ein- 
geführte Itio in partes bei nicht allen Staaten gemeinsamen Angelegenheiten wieder 
aufgehoben imd damit den ursprünglichen Charakter des Eeichstags als der Vertretung 
der ganzen Nation, nicht der Staaten und ihrer Angehörigen, wieder hergestellt. Noch 
im gleichen Jahre ist durch die dritte Verfassungsänderung (vom 30. Dezember 1873) 
die Zuständigkeit des Eeiches auf das gesamte bürgerliche Eecht ausgedehnt worden. 

Einen sehr viel stärkeren Einfluß als diese formellen Änderungen haben auf das 
Wesen der Eeichsverfassung zahlreiche materielle Änderungen gehabt, d. h. Gesetze, 
die über die Bestimmungen der Verfassung hinausgehen und sie tatsächlich abändern, 
die auch im Bundesrate mit der für Verfassungsändenmgen vorgeschriebenen beson- 
deren Stimmenmehrheit angenommen worden sind, aber ohne alle Eücksicht auf die 
Forderungen der Jurisprudenz das nicht ausdrücklich erwähnen und den Wortlaut der 
Verfassung unverändert lassen; auch die aUmähHche Wandlung der Verfassung hat die 

1) Außer den im Text genannten Gesetzen sind folgende verfassungändemde Gesetze im Reich 
erlassen worden: vom 3. März 1873 betr. Seeschiffahrtszeichen (Art. 4, Abs. 9), vom 11. Februar 1888 
betr. Ausdehnung der Landwehrpflicht bis zum 39. Lebensjahr (Art. 59, Abs. 1), vom 19. März 1888 
betr. Verlängerung der Legislaturperiode auf 5 Jahre (Art. 24), vom 26. Mai 1893 betr. die Ersatz- 
verteilung (Ajt. 53, Abs. 5), vom 14. Mai 1904 betr. die Überweisungen an die Bundesstaaten (Art. 70), 
vom 15. April 1905 betr. die zweijährige Dienstzeit (Art. 59, Abs. 1), vom 21. Mai 1906 betr. Diäten 
der Reichstagsabgeordneten (Art. 32), vom 3. Juni 1906 betr. Vergütung von Verwaltungskosten 
(Art. 38, Abs. 3d), vom 31. Mai 1911 betr. die elsaß-Iothringischen Bundesratsstimmen (neuer 
.^rt. 6 a), vom 24. Dezember 1911 betr. Schiffahrtsabgaben (Art. 54, Abs. 3 und 4). 



168 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Entwicklung zur Einheit verstärkt. Das liegt zum Teil daran, daß Persönlichkeiten 
stärker wii-ken als die Institutionen. Die Einheit des Eeiches wird lebendig verkörpert 
im Kaiser; so unberechtigt es auch nach dem Buchstaben der Verfassung ist, seine 
Stellung als oberster Ivriegsherr, als Vertreter des Eeiches nach außen, als die oberste 
Spitze der kaiserhchen Behörden, wird im Volke durchaus als monarchische empfun- 
den; daß sein Anteil an der Gesetzgebung des Eeiches, die lediglich dem Bundesrat 
und Eeichstag zusteht, wesenthch anders ist als an der Preußens, bei der er als König 
von Preußen ein unbedingtes Veto besitzt, verschwindet vor der Tatsache, daß er im 
Eeiche wie in Preußen die Gesetze verkündet. Das föderative Element der Eeichsver- 
fassung, der Bundesrat, tritt nicht nur vor dem Kaiser und dem Eeichskanzler in den 
Hmtergrund, sondern auch vor dem Eeichstag, der durch die Öffentlichkeit seiner Ver- 
handlungen und durch die seit dem Gesetz vom 19. März 1888 alle fünf Jahre erfolgen- 
den Wahlen das Interesse des Volkes weit stärker erregt als der Bundesrat mit seinen 
geheimen Beratungen und seinen Mitgliedern, die der großen Menge selbst dem Namen 
nach unbekannt bleiben. Und selbst der Bundesrat unterhegt der unitarischen Ent- 
wicklung des ganzen Eeiches ; das zeigt sich darin, daß das Bundespräsidium, das for- 
mell im Bundesrat gar keine Stimme hat, ohne Ermächtigung der Verfassung die 
wichtigen Gesetze als Präsidialanträge einzubringen pflegt und daß seit vielen Jahren 
derartige Präsidialanträge den Hauptteil der bundesräthchen Geschäfte ausmachen. 
Aber auch sachliche Kräfte, die ganze moderne Entwicklung des Staats- und 
Völkerlebens fördern die Eeichseinheit. Der Kaiser vertritt das Eeich nach außen hin 
als Monarch, ohne Zuziehung der Bundesfürsten oder des Bundesrats, der auswärtige 
Ausschuß ist ganz bedeutungslos gebheben. Seit 1871 besitzt das Eeich ein besonderes 
Eeichsland, in dem der Kaiser die Staatsgewalt ausübt. Die 1884 eingeleitete Kolonial- 
pohtik ist Sache des Kaisers, nicht des Bundesrats ; der Kaiser ist in den Kolonien der 
alleüiige Inhaber der Eegierungsrechte. Auch die innere Entwicklung des Eeiches ist 
unitarisch. In Ausführung und teilweise in Erweiterung der Verfassungsbestimmun- 
gen ist die Eechtsemheit aUmähhch geschaffen worden; seit 1869 besitzt das Eeich 
ein einheitliches Wechsel- und Handelsrecht und ein Bundesoberhandelsgericht in 
Leipzig, seit 1870 auch ein gemeinsames Strafgesetzbuch, seit 1879 ferner eine einheit- 
liche Gerichtsverfassung, die im Eeichsgericht ihre höchste Spitze findet, und einheit- 
liche Zivil- und Strafprozeßordnungen, seit 1900 endlich ein gemeinsames Bürgerliches 
Gesetzbuch ; damit ist eine EinheitUchkeit auf rechtlichem Gebiet gegeben, wie sie in 
Deutschland nie zuvor bestanden hatte. Die wirtschaftliche Einheit, äußerlich voll- 
endet durch den Eintritt Hamburgs und Bremens in das ZoUvereinsgebiet am I.Ok- 
tober 1888, ist durch die ausgedehnte, ganz im Geiste des Liberahsmus auf Beseitigung 
aller Beschränkungen der individuellen Freiheit ausgehende Gesetzgebung des Nord- 
deutschen Bundes fest begründet worden; das Gesetz vom 1. November 1867 gewährt 
allenthalben die Freizügigkeit, die poüzeiUchen Beschränkungen der Eheschließung 
sind am 4. Mai 1868 aufgehoben worden, das Gesetz vom 3. Juh 1869 spricht die Gleich- 
berechtigung aller Konfessionell in bürgerlichen und staatsbürgerlichen Beziehungen 
aus; die Gewerbeordnung vom 21. Juni 1869 beruht auf dem Grundsatz der Gewerbe- 
freiheit. Durch das Gesetz vom 6. Juni 1870 über den Unterstützungswohnsitz, das 
die Armenunterstützung vom Wohnsitz statt von der Staatsangehörigkeit und dem 
Geburtsort abhängig machte, sind die bundesstaatlichen Grenzen für das Wirtschafts- 
leben tatsächlich aufgehoben und der Grundsatz des einheitlichen Indigenats praktisch 
durchgeführt worden; auch Bayern, das lange Zeit seine besondere Heimatsgesetz- 
gebung behalten hatte, ist neuerdings zum Unterstützungswohnsitz übergegangen. So 
hat der wirtschaftliche Liberahsmus, vor aUem von Eudolf Delbrück, dem Präsidenten 
des Bundeskanzleramts, vertreten, indem er das Individuum vom Staate — und das 



Die Entwicklung der Reichsverfasgung seit 1871 169 

war bisher der Einzelstaat gewesen — befreit hat, einigend gewirkt. Diese Wirkung 
ist durch den 1879 einsetzenden Umschwung der wirtschaftlichen Pohtik des Eeiches 
nicht etwa aufgehoben, sondern vielmehr verstärkt worden. Wenn j etzt die individuelle 
Auffassung des Wirtschaftslebens durch eine staatliche überwunden wurde, wenn nicht 
mehr der größtmöghche Gewinn des Einzelnen, sondern der Schutz der nationalen Ar- 
beit das Ziel der staathchen Wirtschaftspohtik sein sollte, so konnte nach der Ent- 
wicklung des letzten Jahrzehnts nur noch das Eeich als der Staat in Betracht kommen, 
der im Interesse der Gesamtheit sich Eingriffe in das Wirtschaftsleben erlaubte, der 
die durch die moderne Entwicklung von Welthandel und Industrie gefährdeten, aber 
für den Staat und für die allgemeine Volkswirtschaft unentbehrlichen Klassen der Be- 
völkerung durch eine ZoU- und Sozialpohtik zu schützen suchte. Darin hat das Reich 
seit 1879 ein großes und wenigstens in der Sozialpohtik ein neues Gebiet für seine Ge- 
setzgebung gefunden. 

Die Ausdehmmg der Eeichsgesetzgebung führte aber zu einer wachsenden Aus- 
dehnung der Reichsverwaltung. Zwar ist die Zahl der xmmittelbaren Reichsbetriebe 
und Reichsverwaltungen nicht groß (Marine, Post, Eisenbahn nur in Elsaß-Lothrmgen; 
Kolonien seit 1884). Im übrigen überträgt das Reich wie einst der Zollverein die Aus- 
führung der Gesetze in der Regel den Einzelstaaten. Aber es hat nicht bloß in dem 
Erlaß der Ausführungsbestimmungen und in der Aufsicht über die Ausführung eine ge- 
waltige Arbeit selbst zu leisten, sondern es ist von Anfang an gezwungen gewesen, im 
Interesse der Einheitlichkeit für gewisse Verwaltungszweige die oberste Instanz selbst 
zu errichten (zuerst das Bundesamt für Heimatwesen, später Patentamt, Reichsver- 
sicherungsamt u. a.). So hat sich, ohne daß die Reichsverfassimg selbst davon Kunde 
gäbe, ein umfassender Reichsverwaltungsapparat gebildet. Neben die von Anfang 
an bestehenden Reichs- (Bundes-) Ämter, das Auswärtige Amt, das seit 1879 als Reichs- 
amt des Innem bezeichnete Bundeskanzleramt und die seit 1889 zum Reichsmarine- 
amt erhobene Marineverwaltung sind, um nur die wichtigsten zu nennen, teils durch 
selbständige Gründung, teils durch Herauslösung aus den alten Ämtern, das Reichs- 
eisenbahnamt, das Reichspostamt, das Reichsjustizamt, das Reichsschatzamt und 
endhch das Reichskolonialamt, getreten. Die Folge davon ist, daß der Reichskanzler 
die Verantworthchkeit, die ihm die Reichsverfassimg auflegt, nicht mehr allein tragen 
kann; durch das Stellvertretungsgesetz vom 17. März 1878 ist der Kaiser ermächtigt, 
den Staatssekretären auf Vorschlag des Reichskanzlers für den ihnen übertragenen 
Wirkimgski-eis auch die Verantwortlichkeit beizulegen. Verantwortliche Minister im 
konstitutionellen Sinne sind die Staatssekretäre dadurch aber noch nicht geworden; 
sie sind nicht selbständig, sondern dem Reichskanzler untergeordnet, der jederzeit 
befugt ist, Amtshandlungen, die in ihren Wirkungskreis fallen, selbständig vorzu- 
nehmen. Die Persönhchkeit Bismarcks, der Herr der ganzen Verwaltung bleiben 
wollte, wirkt darin nach. 

Diese Entwicklimg zur Einheit hat sich natürüch nicht ohne Widerstände voll- 
zogen. Bismarcks Plan eines einheithchen Reichseisenbahnwesens ist am Partikularis- 
mus der Regierungen gescheitert, und auch bei der Bevölkerung und infolgedessen 
auch bei den Parteien des Reichstags lebte und lebt der Partikularismus fort. Dadm'ch 
ist — um nur das Wichtigste und auch dieses ohne Eingehen auf die parlamentarische 
Geschichte des Reiches zu berühren — die finanzielle Sicherstellung des Reiches lange 
Zeit erschwert worden. Auch der Wunsch der Parteien, auch der uiütarischen wie der 
nationalhberalen, das Budgetrecht des Reichstags zu wahren und der Regierung mög- 
hchst wenige von der jährüchen BewiUigung des Reichstags unabhängige Einnahmen 
zu eröffnen, hat hierauf eingewirkt. Die großen Monopole, die Bismarck einführen 
woUte, sind abgelehnt worden, und die seit 1879 neu erschlossenen Einnahmen aus den 



170 F- Härtung: Deutsche Verfaaanngsgescliichte vom 15. Jakrhundert bis zur Gegenwart 

Zöllen und Verbrauchs- und andern Steuern wurden zunächst nicht dem Eeiche, son- 
dern durch die Frankensteinsche Klausel den Eiazelstaaten überwiesen, die ihrerseits 
wieder das Reich durch Matrikularbeiträge, deren Höhe von Reichstag und Bundesrat 
gemeinsam im Etatgesetz bestimmt wurde, zu ahmentieren hatten. Wie die Finanz- 
gesetzgebung durch das Streben, das EinnahmebewilUgungsrecht festzuhalten, so 
wurde die Wehrgesetzgebung lange Zeit durch das Streben nach einem möglichst voll- 
ständigen Ausgabebewilligungsrecht und dmxh die Erinnerung an den preußischen 
Verfassungskonflikt, schließlich auch durch die alte Abneigung gegen die stehenden 
Heere bestimmt. Der bereits beim konstituierenden norddeutschen Reichstage her- 
vorgetretene Gegensatz zwischen der Regierung, die die Heeresstärke dauernd ge- 
setzhch festlegen wollte, und dem Reichstag, der sie jährlich von neuem bewilligen, 
d. h. wenigstens in der Theorie das Recht haben wollte, sie alljährlich durch Abstriche 
am Etat zu vermindern, wurde 1874 durch ein Kompromiß, das sogenannte Septennat, 
die gesetzhche Festlegung auf sieben Jahre beigelegt. Aber die Vermehrung des Hee- 
res stieß in den ersten Jahrzehnten regelmäßig auf starken Widerstand, konnte 1887 
und 1893 nur nach Auflösung des Reichstags und Neuwahlen durchgesetzt werden. In 
den letzten Jahren ist darin eine Wandlung euigetreten, die Fragen der Wehrkraft des 
Reiches sind aus dem Kampf um die Machtverteilung zwischen Regierung und Volks- 
vertretung ausgeschieden, die Flottengesetze und die großen Wehrvorlagen der Jahre 
1912 und 1913 sind ohne Schwierigkeiten angenommen worden. Auch m der Finanz- 
pohtik ist nicht allein durch die das Reich und die Einzelstaaten störende Finanznot 
der Jahre 1903 — 1908 die Überzeugung allgemein geworden, daß das Reich unter allen 
Umständen ausreichende Einnahmen haben müsse, sondern es sind auch im Zusammen- 
hang mit dem Vorwiegen sozial- und wirtschaftspolitischer Rücksichten im ganzen 
staathchen Leben die verfassungsrechthchen Fragen des Budgetrechts und des finan- 
ziellen Verhältnisses Ton Reich und Einzelstaaten vor dem Problem der sozialen Ge- 
rechtigkeit, der „Besitzsteuer", zurückgetreten. Die Frankensteinsche Klausel ist bis 
auf einen geringen Rest — Überweisung der Branntweinsteuer — beseitigt worden. 
Und indem durch die Gesetze vom 3. JuH 1913 neben einem einmaligen Wehrbeitrag, 
einer direkten Abgabe vom Vermögen, auch eine dauernde direkte Vermögens- 
zuwachssteuer im Reiche eingeführt worden ist, hat auch auf diesem Gebiete der unita- 
rische Gedanke gesiegt. 

§ 47. Die Entwicklung der Einzelstaaten und die elsaß-lothringische Verfassung 

Literatur: Vgl. die Beriolite im Jb. d. öffentl. Rechts, besonders von J. GRASSMAifN über 
das bayr. Landtagswahlgesetz von 1906, von K. v. Göz über d. württemb. Verfassungsrevision 
von 1906 und die Verwaltungsreform und von E. Walz über die bad. Verfassungsreform von 1904 
(sämtlich Bd. I, 1907) und von E. Oppe über d. sächs. Wahlreform von 1909 (Bd. IV, 1910). 

Über die elsaß-lothr. Verfassung vgl. O. Fischbach, Das öff. Recht des Reichslandes Elsaß- 
Lothr. (öff. Recht der Gegenwart, Bd. XXVI, 1914), P. Laband im Hb. der Politik, Bd. II (1913), 
S. 613ff., H. Rehm, Das Reichsland Elsaß-Lothringen (1912) und W. Schoenborn, Die elsaß-lothr. 
Verfassungsreform vom 31. Mai 1911 (Jb. d. öff. Rechts, Bd. VI, 1912). 

Das Verfassungsleben der Einzelstaaten ist der Kompetenz des Reiches nicht 
unterstellt ; selbst in Verfassungsstreitigkeiten darf das Reich sich nach Artikel 76 der 
Reichsverfassimg nur auf Anrufen einer der beiden Parteien einmischen. Diese Be- 
stimmungen sind so peinlich beachtet worden, daß Mecklenburg noch heute seine ana- 
chronistische altständische Verfassung, den Erbvergleich von 1755 hat. Aber die ge- 
waltige Entwicklung des Reiches, seme in das individuelle Leben tief einschneidende 
Gesetzgebung berührt mittelbar und unmittelbar auch die innere Entwicklung der 
Einzelstaaten. Deren Selbständigkeit ist trotzdem nicht ertötet worden. Die Be- 
wegung nach einer Erweiterung des Wahlrechts in den Einzelstaaten beweist nicht 
bloß, daß der ihnen gebUebene Wirkungskreis groß genug ist, um das politische Inter- 



Die Entwicklung der Einzelstaaten 171 

esse -wachzuhalten, sondern sie zeigt auch durch ihren ganzen Verlauf, daß die histo- 
risch gewordene Eigenart der deutschen Staaten, die stärkere Betonung des ständisch- 
aristokratischen Elements in Norddeutschland, das Erbteil des altpreußischen Abso- 
lutismus und der lange währenden ständischen Herrschaft, die mehr demokratisch- 
individuahstische Staatsauffassung in Süddeutschland, die Tradition der Eheinbunds- 
zeit, durch die moderne Entwicklung des Kelches nicht verwischt worden ist. So ist 
in Preußen trotz allen Unzuträglichkeiten und trotz der auch von der Regierung zuge- 
standenen Reformbedürftigkeit des 1849 geschaffenen Dreiklassenwahlrechts eine über 
die Abstellung der ganz unhaltbar oder praktisch einfach undurchführbar gewordenen 
Bestimmungen (durch Teilung einiger allzu großer Wahlkreise und durch Emführung 
der Fristwahl, Gesetz vom 28. Juni 1906) hinausgehende Wahlreform noch nicht ge- 
glückt, weil die aristokratisch-agrarischen Kreise sich gegen die Übernahme und selbst 
gegen die Annäherung an das ledighch die Zahl der Bevölkerung berücksichtigende 
Reichstagswahlrecht wegen der damit verknüpften Verschiebung des politischen 
Schwergewichts auf die breite Masse und die Städte wehren, ein befriedigendes, neben 
der Zahl auch den Besitz und die Bildung berücksichtigendes anderes Wahlrecht aber 
noch nicht gefunden ist. Ob das Pluralwahlrecht, wie es Sachsen 1909 eingeführt hat, 
nachdem das 1896 als Gegengewicht gegen die Zunahme der Sozialdemokratie in der 
Kammer geschaffene Dreiklassenwahlrecht sich nicht bewährt hatte, ein solches, werm 
auch nicht ideales so doch brauchbares Wahlrecht ist, läßt sich noch nicht beurteilen. 
In den süddeutschen Staaten dagegen ist in den Jahren 1904 — 1906 mit geringen Ab- 
schwächimgen, wie Forderung der Staatsangehörigkeit, in Bayern auch einer direkten 
Steuerzahlung, in Württemberg mit der Einführung des auch die Minderheiten be- 
rücksichtigenden Verhältniswahlrechts für einen Teil der Abgeordneten, das allge- 
meine, gleiche und direkte Wahlrecht für die zweite Kammer, die nunmehr auch in 
Württemberg ihre bisherigen ritterschaftlichen und andern privilegierten MitgUeder 
verlor, angenommen worden. Daß die geringfügige Erweiterimg des Budgetrechts, die 
bei dieser Gelegenheit in Württemberg und Baden den durch Aufnahme von Vertre- 
tern der bürgerhchen Berufe (Handel und Industrie, Landwirtschaft, Handwerk) er- 
weiterten ersten Kammern zuteil wurde, ein ausreichendes Gegengewicht gegen diese 
Demokratisierung der zweiten Kammern bedeute, wird kaum behauptet werden kön- 
nen. Namenthch wird man abwarten müssen, ob die ersten Kammern bei einer Aus- 
übung ihres Rechtes gegenüber einem allzu radikalen und auf Kosten der den Haupt- 
teil der Steuern tragenden besitzenden Klassen allzu reich ausgestatteten Budget mehr 
Erfolg haben werden als das Haus der Lords in der großen enghschen Krise der Jahre 
1909/11. Bis heute ist eine Änderung in dem alten Charakter der deutschen konstitu- 
tionellen Monarchie aber noch nicht eingetreten. 

Die Aufgaben, die den Bundesstaaten gesteht sind, sind auch jetzt noch groß. 
Sie haben den ausgedehnten Staatsbesitz, die Domänen, Bergwerke und Eisenbahnen 
zu verwalten, ihnen liegt die Förderung des materiellen Wohlstandes ob, sie haben 
ferner die geistigen Interessen, das gesamte Schulwesen zu pflegen. Dazu kommt die 
in der Regel den Einzelstaaten übertragene Ausführung der vom Reiche übernomme- 
nen Aufgaben, z. B. der Arbeiterversicherung und der Arbeiterschutzgesetze. Das alles 
belastet die Staaten so sehr, daß die Frage der Vereinfachung der Behördenorganisa- 
tion fast überall ernsthaft erwogen wird, in Preußen, wo namenthch die traditionelle 
Kollegiahtät der Regierungen als hemmend empfimden wird (vgl. im übrigen oben 
S. 162), und in den süddeutschen Staaten, die noch von der Viekegiererei der Rhein- 
bundszeit her einen umständhchen Verwaltungsapparat haben. 

Auch finanzielle Gründe sprechen bei dem Wunsch nach einer Vereinfachung der 
Behörden, nach Verminderung der Beamtenzahl stark mit. Denn auf diesem Gebiet 



172 F. Härtung: Deutsche Verfassungsgeachichte vom 15, Jahrhundert bis zur Gegenwart 

ist die Steigerung der staatlichen Tätigkeit natürlich besonders zu verspüren. Überall 
sind Steuerreformen notwendig geworden, nicht bloß wegen der wachsenden Ansprü- 
che, die das Eeich und das eigene Land stellten, sondern auch wegen der Umwälzung 
des gesamten Wirtschaftslebens, auf das die alten, namenthch in Süddeutschland 
übhchen Realsteuern nicht mehr recht paßten. Es ist kein Zufall, daß Sachsen, der 
mdustriell am frühesten und relativ stärksten entwickelte Staat, 1874 mit der 
Einführung der die Leistungsfähigkeit der Person zum Maßstab nehmenden all- 
gemeinen Einkommensteuer vorangegangen ist. Dann hat Preußen in den Jahren 
1891 — 1893 sein Steuersystem neu geordnet und eine allgemeine Einkommensteuer 
und eine als Ergänzungssteuer bezeichnete Vermögenssteuer als einzige direkte 
Staatssteuern beibehalten. Diese Einrichtung ist fast für alle deutschen Staaten 
vorbildlich geworden. Die aUgememe Einkommensteuer besteht jetzt überall 
außer m Mecklenburg und Elsaß-Lothringen ; auch ist die Ersetzung der Ertrags- 
steuern durch eine Vermögenssteuer in vielen Staaten bereits erfolgt oder bald zu er- 
warten. 

Allerdings greift die neueste Reichssteuergesetzgebung stark in das bisher den 
Einzelstaaten allein überlassene Gebiet der du-ekten Besteuerung ein, und diese werden 
sich wohl damit abfinden müssen. Aber die Gefahr einer Mediatisierung hegt trotzdem 
kaum vor. Gerade gegenüber der Nivellierung, die das moderne Wirtschaftsleben und 
die ihm folgende Reichsgesetzgebung mit sich bringen, wird die alte deutsche Neigung, 
die besondere Art des eigenen Landes zu pflegen, sich behaupten. 

Ganz deutlich prägt sich dieses Streben nach staatlicher Selbständigkeit in der 
Geschichte Elsaß-Lothringens aus. Eine eigene Verwaltung, die die Grundlage für die 
Einordnung in Deutschland hätte werden köimen, haben Elsaß und Lothringen vor 
1870 nie gehabt, sie waren nichts anderes gewesen als mehrere, von Paris her regierte 
französische Departements. Da die Ehiverleibung des durch die vereinten Kräfte ganz 
Deutschlands wiedergewoimenen Landes in einen einzelnen Staat, etwa Preußen, ebenso- 
wenig ratsam erschien wie eine Teilung unter die angrenzenden Staaten, wurde Elsaß- 
Lothringen als Reichsland konstituiert. Die Bevölkerung hat die gleichen Rechte und 
Pflichten, die nach der Reichsverfassung jeder Deutsche hat; sie ist auch seit 1874 im 
Reichstage mit 15 Abgeordneten vertreten, so daß die Gesamtzahl der Reichstags- 
abgeordneten seither 397 ist. Aber die sonst den Bundesstaaten vorbehaltenen Rechte 
der Regierung und Verwaltung wurden durch die Organe des Reichs, Kaiser, Bundes- 
rat und Reichstag, ausgeübt. Leitende Behörde war das Reichskanzleramt für Elsaß- 
Lothringen m Berlin, dem ein im Lande wohnender Oberpräsident unterstellt war. 
Mit der Errichtung eines aus den Bezirksvertretungen (den Generakäten der fi-anzö- 
sischen Zeit) hervorgehenden Landesausschusses, der 1874 dem Oberpräsidenten mit 
beratenden Befugnissen beigegeben wurde, beginnt die Entwicklung des Reichslandes 
zum Bundesstaat. Die beratende Befugnis wurde 1877 zu einer beschließenden in der 
Form erweitert, daß Landesgesetze einschheßhch des Etats entweder vom Reichstag 
oder vom Landesausschuß angenommen werden konnten. Die gesetzgebende Körper- 
schaft in Straßburg zog bald auch die Verwaltungsbehörden nach sich. Durch das 
Gesetz vom 4. JuH 1879 wurden das Reichskanzleramt für Elsaß-Lothringen in BerUn 
und das Oberpräsidium in Straßburg aufgehoben ; an ilire Stelle traten ein vom Kaiser 
ernannter und ihm verantwortHcher Statthalter imd ein Ministerium für Elsaß-Loth- 
ringen, beide mit dem Amtssitz in Straßburg. An der Ordnung der gesetzgebenden 
Gewalt wm-de aber nichts geändert. Zwar bheb die Zuständigkeit des Reichstags in 
elsaß-lothringischen Landesgesetzen praktisch bedeutungslos, da diese stets dem Lan- 
desausschuß vorgelegt wurden ; aber schon die MögUchkeit der Gesetzgebung durch den 
Reichstag behinderte den Landesausschuß in seiner Bewegungsfi-eiheit, und der Bun- 



Die elsaß-lothringiache Verfassung 173 

desrat hatte nach wie vor zu allen Gesetzen, auch zum Landesetat seine Zustimmung 
zu geben. 

Diese Abhängigkeit des Landes von der Reichsgewalt wurde als Abhängigkeit 
von Preußen xmd als Minderung der rechtlichen Stellung der Elsaß-Lothringer im 
Vergleich zu den andern Deutschen empfunden. Das Streben nach Autonomie wurde 
immer lebhafter, ließ sich auch durch die Beseitigung der Ausnahmebestimmungen 
wie des Diktaturparagraphen nicht beschwichtigen. Die Reichsregierung hat geglaubt, 
dieses Verlangen erfüllen zu sollen, und durch das Reichsgesetz vom 31. Mai 1911 hat 
Elsaß-Lothringen eine Verfassung erhalten, die ihm die wesenthchen Rechte eines 
selbständigen Bundesstaats in bezug auf das Reich verleiht und ihm demgemäß drei 
Vertreter im Bundesrat gewährt. Freihch ist es kein wirkhcher Bundesstaat, sondern 
es „gilt" nur als solcher, denn die Konstruktion der Staatsgewalt bot besondere Schwie- 
rigkeiten; für eine monarchische Staatsgewalt, wie sie in den deutschen Bundesstaaten 
die Regel bildet, fehlen hier die Voraussetzungen, und eine auf dem Prinzip der Volks- 
souveränität beruhende Repubük, wie sie das Reich in den Hansestädten leicht er- 
trägt, würde in diesem gefährdeten Grenzland dem Literesse Gesamtdeutschlands 
widersprechen. So ist der besondere Charakter Elsaß-Lothringens als emes Reichs- 
landes doch gewahrt worden. Die elsaß-lothringische Verfassung ist Reichsgesetz und 
kann nur durch das Reich, durch Übereinstimmung von Reichstag und Bundesrat ab- 
geändert werden. Und die Staatsgewalt übt nach wie vor der Kaiser im Namen des 
Reiches aus; seine Organe sind der Statthalter und das elsaß-lothringische Ministe- 
rium. Daraus ergab sich aber eine neue Schwierigkeit für die Vertretung im Bundes- 
rat. Auch die Listruierung der elsaß-lothringischen Bundesratsbevollmächtigten 
durch den Statthalter, nicht durch den Kaiser als den unmittelbaren Träger der Staats- 
gewalt ändert nichts an der Tatsache, daß diese Stimmen in pohtisch wichtigen Fra- 
gen nicht gegen den Kaiser und damit gegen Preußen abgegeben werden können, daß 
sie deshalb in vielen Fällen lediglich eme Vermehrung der preußischen Stimmenzahl 
bedeuten würden. Praktisch würde das freilich nichts ausmachen, denn es ist nicht 
üblich, wichtige Reichsangelegenheiten durch Majorisierung zu erledigen; nicht nur 
geringe Mehrheiten, bei denen drei Stimmen die Entscheidung geben könnten, werden 
vermieden, sondern es herrscht ganz allgemein das Bestreben, die Bundesratsbeschlüsse 
einstimmig zu fassen. Trotzdem ist geglaubt worden, daß auch der Anschein einer 
Verstärkung Preußens im Bundesrat unterbleiben solle, und es ist daher festgesetzt 
worden, daß die elsaß-lothringischen Bundesratsstimmen dann nicht gezählt werden 
sollen, wenn nur durch sie Preußen die Mehrheit erhielte, andererseits aber auch dann 
nicht, wenn die zur Verhinderung einer Verfassungsänderung notwendige Zahl von 
vierzehn Stimmen nur durch sie zustande käme. Im übrigen aber ist Elsaß-Lothringen 
ein autonomer Staat. Bundesrat und Reichstag sind als gesetzgebende Organe ganz 
ausgeschaltet; an ihre Stelle und die des aufgehobenen Landesausschusses sind zwei 
Kammern getreten. Die zweite Kammer entspricht durch das allgemeine gleiche di- 
rekte und geheime Wahlrecht ganz den übrigen süddeutschen Kammern; die nach 
Analogie der m Süddeutschland geforderten Staatsangehörigkeit gestellte Bedingung 
des dreijährigen Wohnsitzes in Elsaß-Lothringen dürfte hier weniger den seßhaften 
staatserhaltenden Elementen zugute kommen als den Einfluß der einwandernden Alt- 
deutschen mindern ; doch genügt für Beamte, Geisthche und Lehrer öf f entUcher Schu- 
len schon der einjährige Wohnsitz. Die erste Kammer dagegen weicht wegen des Feh- 
lens eines altangesessenen Grundadels beträchtlich auch von den modernisierten ersten 
Kammern Württembergs und Badens ab. Sie setzt sich zusammen aus Vertretern der 
Kirchen, des Richterstandes, der Universität und der großen Städte, die teils kraft 
ihres Amtes, teils durch Wahl Mitgheder smd ; dazu kommen Abgeordnete der Berufs- 



174 ^- Härtung: Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart 

Organisationen, der Handelskammern, des Landwirtschaftsrats und der Handwerks- 
kammern, ferner, sobald eine Vertretung der Arbeiter geschaffen sein wird, auch der 
Arbeiter. Außerdem kann der Kaiser eine die Zahl dieser Mitglieder nicht überstei- 
gende Anzahl von Mitgliedern ernennen. Besonders erwähnt sei endlich, daß die wäh- 
rend des preußischen Verfassungskonflikts viel berufene „Lücke" der preußischen Ver- 
fassung hier ausgefüllt ist: die Kegierung ist ausdrücklich ermächtigt, die bestehenden 
Steuern und Abgaben auch darm, wenn ein Etat nicht zustande kommt, weiter zu er- 
heben und die rechthch begründeten Ausgaben nötigenfalls durch Schatzanweisun- 
gen zu bestreiten. Die deutsche Sprache ist als Amts- und Unterrichtssprache durch 
die Verfassung festgesetzt ; eine Änderung durch Landesgesetz ist also unmöglich. Ob 
sich die Verfassung bewähren wird, ob sich der der elsässischen und lothringischen Be- 
völkerung gewährte Spielraum zur Entfaltung ilirer Eigenart mit dem Interesse 
Deutschlands an einer ruhigen und geordneten Weiterentwicklung des Landes ver- 
tragen wird, das muß die Zukunft lehren. 



Druck von B. G. Teubner in Dresden. 



Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 

Quellensammlung zur deutschen Geschichte 

Herausgegeben von Erich Brandenburg und Gerhard Seeliger 

Die Sammlung soll in erster Linie pädagogischen, in zweiter Linie wissen- 
schaftlichen Zwecken dienen. In jedem Bändchen wird das für die erschöpfende 
seminaristische Behandlung eines bestimmten Problems erforderliche JVlaterial zu- 
gänglich gemacht. Einmal gilt es die Quellen für die historische Erörterung jener 
Fragen zu sammeln, die in den historischen Seminaren der deutschen Universitäten be- 
handelt zu werden pflegen. Dann aber soll auch die Besprechung solcher Probleme 
ermöglicht werden, die bisher wegen der Verstreutheit des Materiales in den historischen 
Übungen an den Universitäten nicht erörtert werden konnten. 



Bisher sind erschienen: 



Die Quellen zur Geschichte der Entstehung des Kirchenstaates von Johannes 

Haller. Doppel-Heft. [XVI u. 260 S.] 8. 1907. Steif geh. M. 3.60. 

Quellen zur Geschichte des Investiturstreites von Ernst Bernheim. 2 Hefte. 
Heft 1: Zur Geschichte Gregors VII. und Heinrichs IV. 2.Aufl. [VI u. 104 S.J 

8. 1913. Steif geh. M. 1.40. 
HeftIhZur Geschichte des Wormser Konkordats. 2. Aufl. [VI u. 88 S.] 8. 
1907. Steif geh. ca. JVl. 1.20. 

Quellen zur Geschichte der deutschen Königswahl und des Kurfürstenkollegs 
von Mario Krammer. 2 Hefte. 

Heft 1: Zur Entwicklung der Königswahl vom X. bis zum XIII. Jahrhundert. 

[X u. 96 S.] 8. 1911. Steif geh. M. 1.80. 
Heft II: Königswahl und Kurfürstenkolleg von Rudolf von Habsburg bis 
zur Goldenen Bulle. [VII u. 160 8.] 8. 1912. Steif geh. M. 2.20. 

Quellen zur Geschichte ostdeutscher Kolonisation im 12. bis 14. Jahrhundert 
von R. Kötzschke. Mit 4 Flurkarten. [VII u. 142 S.] 8. 1912. Steif geh. M. 2.— 

Die politischen Testamente der Hohenzollern nebst ergänzenden Aktenstücken 
von Georg Küntzel und Martin Haß. 2 Hefte. 

Heft I: Joachim II. - Der Große Kurfürst. - Friedrich Wilhelm I. [VI u. 

94 S.] 8. 1911. Steif geh. M. 1.60. 
Heft 11: Friedrich der Große. - Friedrich Wilhelm III. [VI u. 155 S.j 8. 

1911. Steif geh. M. 2.20. 

Die deutschen Parteiprogramme von Felix Salomon. 2 Hefte. 

Heft 1: Von 1845-1871. 2. Aufl. [X u. 147 S.] 8. 1912. Steif geh. M. 1.80. 
Heft II: Von 1871-1912. 2. Aufl. [VI u. 176 S.] 8. 1912. Steif geh. M. 1.80. 

Briefe und Aktenstücke zur Geschichte der Gründung des Deutschen Reiches 

1870/71. Herausgegeben von Erich Brandenburg. 2 Hefte. 

Heft I: Vorverhandlungen (bis zur Eröffnung der Konferenzen in Versailles, 

23. Oktober 1870). [VI u. 94 S.j 8. 1911. Steif geh. M. 1.80. 
Heft II: Hauptverhandlungen in Versailles. [142 S.) 8. 1911. Steif geh. M. 2.- 

Briefe, Aktenstücke und Regesten zur Geschichte der hohenzollernschen 
Thronkandidatur in Spanien (1866—1870). Von Richard Fester. 2 Hefte. 

Heft I: Bis zum 6.Juli 1870 (Oramonts Erklärung). [lVu.l64S.l 8. 1913. Steif geh.M. 2.20. 
Heft II: Die Emser Verhandlungen und die Nachspiele der Kandidatur. [IV u. 210 S.] 
8. 1913. Steif geh. M. 2.20. 

Marsilius von Padua, Defensor pacis. Für Übungszwecke bearbeitet von 
Richard Scholz. [VIII u. 131 S.] 8. 1914. Steif geh. M. 2.20. 

Quellen zur Geschichte der mittelalterlichen Geschichtschreibung. Von 
Fritz Vigener. 

Heft 1: Geschichtschreiber des frühen Mittelalters. Von Eusebius bis 

zur Regina v. Prim. [Unter der Presse.] 
Heft II: Deutsche Geschichtschreiber der Kaiserzeit (von Widukind von 

Korvey bis auf Elke von Rapgow. [VI u. 126 S.] 8 1914. Steif geh. M. 2.40. 

Gr. d. G. 11.4. 1 



Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 

Beiträge zur Kulturgeschichte 
des Mittelalters und der Renaissance 

Herausgegeben von Professor Dr. Walter Goetz 



Bisher sind erschienen: 



Band 1: Das Heiligen-Leben im 10. Jahrhundert. Von Ludwig Zoepf. [VI u. 

250 S.] gr. 8. 1908. Geh. M.S.- 
Band 2: Papst Leo IX. und die Simonie. Ein Beitrag zur Untersuchung der Vor-, 
geschichte des Investiturstreites. Von Johannes Drehmann. [IX u. 96 S.] gr. 8. 
1908. Geh. M. 3.- 

Band 3: Jakob von Vitry, Leben und Werke. Von Philipp Funk. [VI u. 188 S.] 
gr. 8. 1909. Geh. M. S.- 
Band 4: Über Naturgefühl in Deutschland im 10. und 11. Jahrhundert. Von 
Gertrud Slockmay er. [VI u. 86 S.] gr. 8. 1910. Geh. M. 2.40. 

Band 5: Die Wundmale des heiligen Franziskus von Assisi. Von Joseph 
Merkt. [IV u. 68 S.] gr. 8. 1910. Geh. M. 2.- 

Band 6: Geschichtsauffassung und Geschichtschreibung in Deutschland unter 
dem Einfluß des Humanismus. Von Paul Joachimsen. I. Teil. [VI u. 360 S.] 
gr. 8. 1910. Geh. M.S.- 
Band 7: Die Podestäliteratur Italiens im 12. und 13. Jahrhundert. Von Fritz 
Hertter. [VI u. 84 S.] gr. 8. 1910. Geh. M. 2.40. 

Band 8: Abt Heriger von Lobbes, 990-1007. Von Oskar Hirzel. [VI u. 44 S.] 

gr. 8. 1910. Geh. M. 1.80. 

Band 9: Die Bettelorden und das religiöse Volksleben Ober- und Mittelitaliens 
im 13. Jahrhundert. Von Herrn. Hefele. [IVu. 140S.] gr. 8. 1910. Geh. M. 4.80. 

Band 10: Bischof Salomo IIl. von Konstanz, Abt von St. Gallen. Von Ulrich 
Zeller. [XII u. 108 S.] gr. 8. 1910. Geh. M. 4.- 

Band 11: Die deutsche Reichsritterschaft in ihrer staatsrechtlich-politischen 
Entwicklung von den Anfängen bis zum Jahre 1495. Von 0. Eberbach. 
gr. S. 1913. Geh. M. 6.— 

Band 12: Individuelle Persönlichkeitsschilderung in den deutschen Geschichts- 
werken des 10. und 11. Jahrhunderts. Von Rudolf Teuffei. [II u. 124 S.] 
gr. 8. 1914. Geh. M. 4.— 

Band 13: Das religiöse Volksleben am Ausgang des Mittelalters. Nach Augs- 
burger Quellen. Von L Schairer. [VII u. 136 S.] gr. 8. 1914. Geh. M. 4.- 

Band 14: Poggius Florentinus* Leben und Werke. Von E.Walser, gr. 8. 1914. 
[Unter der Presse.] 

Band 15: Felix Fabri aus Ulm und seine Stellung zum geistigen Leben seiner 
Zeit. Von M. Häußler. [VII u. 119 S.] gr. 8. 1914. Geh. M. 4.- 

Band 16: Die Mystikerin Margaretha Ebner (c. 1291-1351). Von L. Zoepf. 
[IX u. 177 S.] gr. 8. 1914. Geh. M. 6.- 

Band 17: Die Einführung der Reformation in der Grafschaft Ortenburg. Von 
L. Theobald. I. Teil. [II u. 136 S.] gr. 8. 1914. Geh. M. 4.80. 

Band 18: Das Naturgefühl im Mittelalter. Von W. Ganzenmüller. [U. d. Pr.] 



Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 



DIE KULTUR DER GEGENWART 

IHRE ENTWICKLUNG UND IHRE ZIELE 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. PAUL HINNEBERG 

Die „Kultur der Gegenwart" soll eine systematisch'aufgebaute, geschichtlich begründete Gesatntdarstel- 
lung unseier heutigen Kultur darbieten, indem sie die Fnndamentalergebnisse der einzelnen Knltur- 
gebietenach ihrer Bedeutung für die gesamte Kultur der Gegenwart und für derenWeiterentwicklung 
in großen Zügen zur Darstellung bringt. DasWerk vereinigt eine Zahl erster Namen aus allen Gebieten 
der Wissenschaft und Praxis und bietet Darstellungen der einzelnen Gebiete jeweils aus der Feder des 
dazu Berufensten in gemeinverständlicher, künstlerisch gewählter Sprache auf knappstem Räume. 

Teillu.Il: Die geisteswissenschaftlichen Kuiturgebiete. Teil III: Die mathematischen 
und naturwissenschaftlichen Kulturgebiete. TeillY: Die technischen Kulturgebiete. 



Teil I, Abt. 1: Die allgemeinen Grundlagen 
der Kultur der Gegenwart. 2. Aufl. [XVu. 

691 S.] 1912. Preis geh. JC 18.—, in Lein- 
wand geb. JC 20. — , in Halbfranz geb. M, 22.— 
Inhalt: Das Wesen der Kultur: W. Lexis. — 
Das moderne Bildungswesen: Fr. Paulsen-f. — 
Die wichtigsten Bildungsmittel. A. Schulen und 
Hochschulen. DasVolk.sschulwesen: 6. Schöppa. 
Das höhere Knabenschulwesen: A. Matthias. 
Das höhere Mädchenschulwesen: H. Gaudig. 
Das Fach- und Fortbildungsschulwesen: G. 
Kerschensteiner. — Die geisteswissenschaft- 
liche Hochschulausbildung: Fr. Pauls en f. Die 
mathematische, naturwissenschaftl. Hoclischul- 
ausbildung: W. v. Dyck. B. Museen. Kunst- 
und Kunstgewerbe-Museen: L. Pallat. Natur- 
wissenschaftliche Museen: K.Kraepelin. Tech- 
nische Museen: W. v. Dyck. C. Ausstellungen. 
Kunst>- und Kunstgewerbeansstellungen : J. Les- 
sing f. Naturwissenschaftlich-technische Aus- 
stellungen: O.N.Witt. D. Die Musik: G. 
Göhler. E. Das Theater: P. Schlentber. 
F. Das Zeitungswesen : K. Bücher. G.Das Buch: 
R. Pietschmann. H. Die Bibliotheken: F. 
Milkau. — Die Organisation der Wissen- 
schaft: H. Diels. 

„Die berufensten Fachleute reden über ihr Spezial- 
gebiet in künatleriech eo hocbstehender, dabei dem Den- 
kenden so leicht zugänglicher Sprache, zudem mit einer 
eolchen Konzentration der Gedanken, daß Seite für Seite 
nicht nur hohen künstlerischen Genu^ verschafft, sondern 
einen Einblick in die Einzelgebiete gestattet, der an In- 
tensität kaum TOn einem anderenWerke übertroffen werden 
könnte." (Nationalzeitung, Basel.) 

Teü n, Abt. 4, 1: Staat und Gesellschaft der 
Griechen und Römer. [Vi u. 280 s.] 1910. 

Preis geh. JC 8. — , in Leinw. geb. Ji 10. — , in 
Halbfranz geb. Ji 12. — 

Inhalt: I. Staat und Gesellschaft der Grie- 
chen: U. V. Wilamowitz - Moellendorff 
II. Staat und Gesellschaft der Römer: B. Niese. 

„...Es kommt W. auf das Gesamtbild an, und dieses 
ist erleuchtet und erwärmt Ton einer ehrlichen und herz- 
lichen Begeisterung für die großen Taten der Hellenen, 
ist getragen von einem Eros, ohne den alle Wiesenschaft, 
mag sie noch so, interessant' sein und zurNeugier reizen, tot 
bleibt. Dieser ErOE hat es verstanden, die trockenste Disziplin 
,Altertümer* so zu einem lebenden Organismus zu gestalten, 
daß der Leser die politische Kulturgeschichte eines Jahr- 
tausends mit stets reger Aufmerksamkeit miterlebt. Das 
alles von dem Manne zu hören, der unser Wissen über 
jene Dinge ganz beherrscht, sichert dem Bach aeiaen 
Wert und seine Wirkung " (Das Humanist. Qymnasium.] 



Teil n, Abt 5,1: Staat Und Gesellschaft der 
neueren Zeit. [Vi u. 349 s.] 1908. Preis 

geh. Ji 9. — , in Leinwand geb. J( 11. — , in 
Halbfranz geb. JC 13.— 

Inhalt: I.Reformationszeitalter. a)Staaten- 
system u. MachtTerschiebungen. b) Der moderne 
Staat und die Reformation, c) Die gesellschaft- 
lichenWandlungen und die neue Geisteskultur: 
F. V. Bezold. — II. Zeitalter der Gegenrefor- 
mation: E. Gothein. — in. Zur Höhezeit des Ab- 
solutismus, a) Tendenzen, Erfolge und Nieder- 
lagen des Absolutismus, b) Zustände der Ge- 
sellschaft, c) Abwandlungen des europäischen 
Staatensystems: R. Kos er. 

„ . . . Wenn drei Historiker von solchem Bange wie 
Bezold, Gothein und Koser sich dergestalt, daß jeder sein 
eigenstes Spezialgebiet bearbeitet, in die Behandlung 
eines Themas teilen, dürfen wir sicher sein, daß das Er- 
gebnis vortrefflich ist. Dieser Band rechtfertigt solche 
Erwartung. . . . Sie verbinden tiefste Gelehrsamkeit mit 
Schlichtheit der Darstellung und Reinheit der Sprache 
und bieten so auch dem Laien eine fesselnde und be- 
lehrende Lektüre." (Literarisches Zentralblatt.] 

Teiin,Abt.2,i: AllgemeineVerfassungs-und 
Verwaltungsgeschichte, [vn n. 373 s.] 

1911. Geh. JI 10.—, in Leinwand geb. JC 12. — , 
in Halbfranz geb. JC 14. — 

Inhalt: Einleitung. Die Anfänge der Ver- 
fassung und der Verwaltung und die Verfassung 
undA'^erwaltung der primitiven Völker: A.Vier- 
kandt. A. Die orientalische Verfassung und 
Verwaltung. 1. Die Verfassung und Verwaltung 
des.orientalischen Altertums: L. Wenger. 2. Die 
islamische Verfassung u. Verwaltung: M. Hart- 
mann. 3. Die Verfassung u. Verwaltung Chinas: 
O.Franke. 4. Die Verfassung und Verwaltung 
Japans: K.Rathgen. — B.Die europäische Ver- 
fassung u. Verwaltung (Erste Hälfte). 1 . Die Ver- 
fassung und Verwaltung des europäischen Alter- 
tums: L. Wenger. 2. Die Verfassung und Ver- 
waltung der Germanen u. des Deutschen Reiches 
bis Z.Jahre 1806: A. Luschin v.Ebengreuth. 

„ . . . Ein prächtiges Buch, ganz entsprechend dem 
Zweck des gesamten, großartig angelegten Werkes mit 
reichem, aus gründlicher wissenschaftlicher Forschung 
geflossenem Gehalt und in entsprechender Darstellung. 
Den Lehrern der höheren Lehranstalten sei es zur Be- 
lebung und Vertiefung ihres Unterrichtes empfohlen." 

(Zeitschrift für das Qymnasialwesen.) 

Teil n, Abteilung 2, II: Allgem.Verfassuugs- 
und Verwaltungsgeschichte. [Unt.d Presse.] 



Probeheft und Sonder- Prospekte tlT::,^rel\^CXl\Ti^o:^xr:tl\ 



Gr. d.G. 1.14. 



Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 



HISTORISCHE VIERTELJAHRSCHRIFT 

herausgegeben von 
Dr. Gerhard Seeliger, ord. Professor an der Universität Leipzig 

Neue Folge der „Deutschen Zeitschrift für Geschichtswissenschaft". 
Jährlich 4 Voll- u. 4 Nachrichtenhefte im Umfange v. ca. 48 Bogen. Preis M. 20. - 



Die Zeilschrjfl bielel nicht nur größere und kleinere Aufsätze, die stets auf selbständiger Forschung beruhen und dabei 

allgemeineres historisches Inieresse Iwansprucheii dürfen 

nissen und mit allen Fortschritten auf dem Gebiete ^ 

bekannt machen und dadurch auch denen, die nicht 

sammenhang mit den historischen Wissenschaften ' 

Aufsätzen sowie zahlreichen Notizen und eingehen^ 

und alle wichtigen Vorgänge auf dem persönliche 



die Vierteljahrschrift eine von Bibliothekar Dr. 0. t 



VERGANGENHB 

ZEITSCHRIFT FÜR DEN G 

BÜRGERLICHE ERZIEHl 

Herausgeber: Dr. FritZ \ 

Jährlich 6 Hefte zu je 4 Druckbo 

Diese Zeitschrift will der Auffassung des Gescr 
Sinnes, in der Herbeiführung eines historisch-be^ 
Kulturaufgaben in wahrhaft vaterländischem Sinnj 
Zeilschrift will zur Verständigung über die durch 
kaum auf einem anderen Gebiete so notwendige 

sich an d{ 

Schmollers Jahrbücher für Gesetzgebung usw. urtei 

wart' bietet eine Fülle ernster Belehrung und we 

für die slaalsbürgerliche Erziehung leisten kann. 

und Wissenschaft so n 



ARCHIV FÜR V 

Unter Mitwirkg. von F. v. Bezold 

C. Neumann, A. Schulte, E. Si 

herausgegeben von Wa 

Jährlich 4 Hefte zu je etwa 8 



iii\ 



University of Toronto 



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2.- 



Das ,, Archiv für Kulturgeschichte" 
samten Kulturgeschichte sein und dabei vo. 
liehen Forschung der Arbeit auf dem Gebiet derGesv, 
sichern. Neben der 1. Abteilung, die selbständige wissenschaflTig 
als 11 Abteilung Literaturberichle, die auf je einem Spezialgebiet das für die kulturgeschichtliche Forschung 
Wertvolle aus der Fülle der literarischen Erscheinungen unter dem Gesichtspunkt der besonderen Aufgaben und 
Methoden der Kulturgeschichte herausheben. Die Berichte behandeln: 1. allgemeine Kulturgeschichte und Methoden- 
lehre; 2. Geschichte der wirtschaftlichen Kultur; 3. der politisch-rechtlichen Kultur (Verfassung); 4. der gesellschaft- 
lichen Kultur und der Sitten; 5. der religiösen und sittlichen Kultur; 6. der geistigen Kultur und Weltanschauung; 
7. der literarischen Kultur; 8. der musikalischen Kultur; 9. der künstlerischen Kultur; 10. Folklore; 11. Anthropologie 
und Gesellschallsbiologie; 12. deutsche Kulturgeschichte, femer die Kulturgeschichte der außerdeulschen Hauptkultur- 
länder: Italiens, Frankreichs, Englands sowie Osteuropas und der europäischen Kolonien einschließlich Amerika und 
Australien, die antike Kultur unter besonderer Berücksichtigung der Elemente, die für die weitere Entwicklung ^eötu- 
tung gewonnen habeu, sowie ihr Forlleben im Mittelalter und in der Neuzeit, und die bedeutsamsten orientalischen 
Kulturen (die islamische, indische und oslasialische), die Geschichte des Bildungswesens und der Erziehung, der Technik, 
der Medizin usw., endlich die Entwicklung der Persönlichkeit in der Kulturgeschichte. Eine III. Abteilung brint-t kleine 

Mitteilungen und Notizen. 



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