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Full text of "Gesammelte Werke"

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7 act“ 





Aush harchill 





Bien Wagen hen. 





Vet. Ger IE A. 244 


Gelammelte Werke 


von 


Charles Sealsfield, 


Erſter Theil, 
Der Cegitime und die Republikaner. 


Erſter Theil. 


—-9-> 


Stuttgart. 
Verlag der J. B. Meplerfchen Buchhandlung. 
1845. 





Der Segitime 
und 


Die NRepublikaner. 


Eine Geſchichte | 
aus bem legten amerikanifchsenglifchen Kriege. 


Don 
Charles Sealsfield. 





In drei Sheilen. 





Erfter Theil 
Dritte durchgeſehene Auflage. 


> 


Stuttgart. 


Derlag ver J. B. Metz ler'ſchen Buchhandlung. 
1845. 


Der Segitime 
und 


Die Nepublikaner. 


— — 


Eine Geſchichte | 
aus bem lebten amerilanifchsenglifchen Kriege. 


Bon 
Charles Sealsfielbd, 





In drei Sheilen. 





Erfter Theil 
Dritte durchgeſehene Auflage. 


— > 


Stuttgart. 


Derlag ver I. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 
1845. 


Ich zittere für mein Boll, wenn ich der Ungerechtigfeiten gedenke, 
deren es fich gegen vie Ureinwohner ſchuldig gemacht Hat. 
Sefferfon. 


Vorwort 


3ur gefammelten Ausgabe der Werke des Verfaffers des 
„Legitimen und ter Republikaner” ıc. 


BZwölf Jahre find verfloffen, feit „ber Legitime 
und die Republitaner” dem beutfchen Publikum zu⸗ 
exit vorgelegt worden. Jüngere Geiſteskinder haben 
fih im Verlaufe dieſes Zeitraumes an den Erftling 
angefchloffen, die allmählig zu einer ziemlich zahl- 
reichen Familie angewachfen. Mehr oder weniger 
erfreuten fich alle einer günftigen oder ausgezeichneten 
Aufnahme. 


Zwar fiel das erfte Vortreten bes Verfaſſers 
einigermaßen auf. — Ohne Namen, ohne Empfeh- 
fung irgend einer literariſchen Notabilität, den 
beifälligen Zuruf einer befreundeten Coterie ober 
den Nachbrud einer einflußreichen buchhänbleri- 


—d Yl 9 


schen Firma — fremd — von fernen Geftaden, 
kam er fo ziemlich in Yankeeweiſe, gleichfam einen 
neuen Markt für feine Produkte fuchend. Auch 
ſtutzte man über die neue Erfcheinung, verlor fich 
in Mutbmaßungen, aber gaftfreundlih — wie es 
von einem deutſchen Bublitum nicht anders zu 
erwarten ſtand — beurkundete fein Empfang jenes 
wohlmollende Entgegenfommen, das die Stamm⸗ 
Nation der tonangebenden Völfer in beiden Hemi⸗ 
fphären fo würdig charakterifirt, und das ihn jeden- 
falls, wenn nicht entfchieden, Doch mitbewogen has 
ben mag, vorzugsweife Ihr die Refultate feiner 
Anfchauungen‘ und Beobachtungen von Menfchen 
und bürgerlichen Gefellfchaften in ben Kindern feiner 
Muße darzulegen. | 


So folgtedenndem „Legitimen” ein zweiter, von 
dem erften mwefentlich verfchiedener Verfuch — ans 
jheinend von geringer Prätenfion — aber in ber 
That die Vorhut eines größeren Werkes. Wir 
meinen die „trandatlantifshen Reiſeſkizzen,“ wie 


—d VII 6 


fie in ber eriten Auflage, und die „Lebensbilder aus 
der weftlichen Hemiſphäre,“ wie fie in diefer gefam- 
melten gegenwärtigen Auflage betitelt find. 

Sie gefielen als lebendig und frifch hinge⸗ 
worfene Genrebilder des amerifanifchen Lebens und 
Treibens, ald glüdliches Catching the manners 
as they fly, als beftimmt und fcharf charakterifirende 
Randglofje zum am wenigften verftandenen, aber 
wichtigften Volks⸗ und Gefchichtäbuche des moder⸗ 
nen Völkerlebens, an dem fich bereits jo mancher 
vielgepriefene Staatsmann, fo mancher berühmte 
Stubengelehrte ben befchränkten Kopf zerbrochen, 
in feinen Prophezeihungen zu Schanden geworben. 

In einigen kritiſchen Blättern wurde ber 
Wunſch ausgefprochen, unverweilt die Fortfeßung 
diefer zwei Bändchen, oder doch ähnlicher Genre- 
bilder mehrere zu erhalten; der Verfaſſer zog es je⸗ 
doch vor, feine Lefer auf neue Gebiete zu führen, 
den „Viren“ und mit biefem bad wirre Treiben in 
Merico — ferner die „Lebensbilder aus beiden He- 
miſphaͤren“ dazwiſchen treten zu laſſen, und dann 


vn 
erft den Faden diefer „transatlantifchen Reifefkiggen“ 
mit „Ralph Dougbby, Pflanzerleben, die Far⸗ 
bigen“ weiter zu fpinnen, und mit „Natban” zu 


fchließen. 


Diefe Bände, befonderö der letztere, fanden 
‚ eine audgezeichnete Aufnahme. In achtungswerthen 
Zeitfchriften wurde es mit Dank anerkannt, daß 
ber Derfafler den Lefer aus ber troſtloſen Idioſyn⸗ 
craſie gewoͤhnlicher Phantaſiegebilde heraus — und 
in eine neue und praktiſche Welt eingeführt, beſon⸗ 
ders aber daß er dieſe neue praktiſche Welt nicht, 
wie dieß zur Gewohnheit geworden, von ihren 
ſchlimmen gehäſſigen, ſondern ihrer beſſern Seite 
— ihrer weltgeſchichtlichen Bedeutung aufgefaßt 
und dargeſtellt. Er gab darauf die „neuen Land⸗ 
und Seebilder, das Cajütenbuch“ und „Süden 
und Norden.“ 

An den drei letzteren Schriften wurde einiges 
ſehr geprieſen, anderes eben ſo ſehr getadelt. Man 
fand die „neuen Land⸗ und Seebilder“ häufig zu em⸗ 


— - 


— R- 
pfindfam, zu fafelnd, am „Gajütenbuche,” daß es fein 
Roman fey, an „Süben und Norden,” daß die Phan⸗ 
tafie zu üppig ausſchweife. 


Der Verfaſſer hat es bisher vermieden‘, über 
die Orundfäße, die ihn bei dem Entwurfe diefer 


Schriften geleitet, nähern Aufichluß zu geben. Im 


Bemuptfeyn, daß er, wenn nicht eine neue Bahn 
eröffnet, doch bie bisherige zu erweitern geftrebt, 
war ihm vor allem daran gelegen, nicht ſowohl diefe 
von ihm eingeichlagene Bahn zu rechtfertigen, als 
dem Publikum im Allgemeinen, dem Kunftrichter 
insbeſondere, Gelegenheit zu geben, ihre Urtheile 
unbeftochen durch feine Kunftanfichten auszufprechen, 
mit einem Worte, diefem Urtheile nicht durch Dies 
tiren des feinigen vorzugreifen. 

Darum vermied er es fo viel ald möglich lange 
Einleitungen voranszufenden, ließ höchitens nur 
ein und das andere über bie nächiten Beranlaffun- 
gen „der feine Tendenzen im Allgemeinen fallen, 
fich einzig dahin ausfprechend, daß jeber befondere 


— Xx— 

Stoff auch eine beſondere Form bedinge; darum 
unterließ er irgend eine kritiſche Autorität, eine 
bedeutende“ fchriftitelleriiche Perſönlichkeit in An⸗ 
fpruch zu nehmen, gab diefe Werke ohne Namen 
— in leichten Funftlofen Rahmen, um, wie er 
in feinem Nachworte zu „Nathan“ fagt, fie dem 
Urtheile eines Jeden bloß zu ftellen. 


Dieß ift num fo ziemlich und zwar in einem 
Umfang gefcheben, wie es, feit Walter Scott, 
Fenimore Cooper, Lytton Bulwer, höchſtens 
nur bei Dickens der Fall geweſen. Zwar haben 
fih in Deutfchland erft die Kunftrichter der jüngern 
Generation ausgeiprochen; die älteren, bie das 
Höchfte bereits in ihren Zeitgenofien Göthe und 
Schiller erblidt zu haben glauben, vielleicht auch 
den Jahren entrückt, oder burch Verhältniffe be- 
engt find, in welchen fich freiere moderne Volks⸗ 
zuftände ſchwer mit ungetrühten Augen fchauen laf- 
fen, — feine unmefentliche Bedingung bei Leſung 
oder Beurtheilung eines folche Zuftände fchildern- 


— æ— 


ven fchöngeiftigen Wertes — haben weder Zeit noch 
Raum zu einer Würdigung erübrigt. Im deutfchen 
Publikum ſelbſt haben diefe Schriften aus Urfachen, 
die außer fehriftitellerifchem Bereiche find, fich 
nur langſam Bahn gebrochen; dafür haben fie fich 
jedoch ein andered — und zwar das Stammiver- 
wandte jenfeits des Oceans — um fo überrafchender 
gewonnen. Sie haben fich da das Bürgerrecht mit 
Einemmale erworben, find in den Händen nicht bloß 
yon Taufenden, fondern von Hunderttauſenden, 
Bürgern der Vereinigten Staaten — deffelben Lan- 
des, deſſen foziale Zuftände der Verfafler darge- 
ſtellt. Auflagen aller Art — in Büchern, in 
Heften, in Journal⸗Bogen — find da ausgegeben 
worden; dem Verfaffer Liegen buchftählich Tifche 
— Körbe voll amerikanischer Journale vor, alle 
mehr oder weniger mit Kritifen über diefe Schriften 
angefüllt, alle den Berfafler entweder mit unverbien- 
tem maaßlofem Lobe, oder gleich unverbientem 
gehäfftigem Tadel — ja maliciöfem Hohne über: 
ſchũttend. 


4 II» 


Begreiflicher Weile ift es aber in einem Vor⸗ 
worte nicht am Orte, auf eine Wiberlegung lei⸗ 
denfchaftlicher oder böswilliger Urtheile einzugeben: 
Diefe wird wohl in der dem Berfafler. ohnehin 
durch fehriftitellerifche Convenance gebotenen kritiſchen 
Beleuchtung ſeiner literariſchen Wirkſamkeit früher 
oder ſpaͤter von ſelbſt erfolgen. Gegenwärtig glaubt 
er nur dahin fich ausfprechen zu müflen, daß wenn 
ihn einerfeits die fhiefen, ja mitunter gehäffig bös⸗ 
willigen Urtheile amerikaniſcher Kritifer unangenehm 
berührten, er andrerfeitö in eben dieſer Teidenfchaft- 
lichen Gehaſſigkeit, und wieder gegenfeitig leiden⸗ 
Ihaftlichen Partheinahme die Beruhigung fand, daß 
diefe Werke nicht unwürdig ber Beachtung er- 
fannt worden, da fie ohne fein Zuthun nicht nur 
überfeßt und in verfchiedenen Auflagen verbreitet, 
fondern Lieblings⸗Lectüre des Volkes der Vereinig⸗ 
ten Staaten geworben. Es freut ihn dieſes von 
Seite des in politifcher Beziehung unftreitig aufge⸗ 
Härteften Volkes ber Erde abgelegte Zeugniß um 
fo mehr, al8 er es num achtungsvoll ber deutſchen 


—ı XI > 
Nation darlegen kann, bie es zuerſt war, welche 
dieſe feine Schriften würdigte, ſich zuerſt in dem 
humanen Sinne, der Sie vor allen Nazionen ſo 
ſehr auszeichnet, ausſprach. 

Er glaubt nun auch die Ertlatung beifügen 
zu muͤſſen, daß dieſe Schriften, ſo wie ſie, mit Aus⸗ 
nahme eines einzigen, zuerſt in Deutſchland heraus⸗ 
gegeben, ſo auch groͤßtentheils in deutſcher Sprache 
geſchrieben worden. 

Einzig „der Legitime und die Republikaner“ 
wurde zuerft in den Vereinigten Staaten zu Philadel- 
phia bei Carey & Lea im Jahr 1828 in zwei Bän- 
den unter dem Titel „Tokeah or the white Rose“ 
herausgegeben, aber blos der erſte Theil in ber beut- 
ſchen bei Orell und Füßli in Zürich 1833 erfchiene- 
nen Auflage unverändert belaffen, der zweite Theil 
hingegen gänzlich umgearbeitet. Ferner erjchienen 
son den transatlantifchen Reifeftizzen „die Nacht 
an den Ufern des Tenneſſee“ (A night on the banks 
ofthe Tennessee) in dem New: Morker belletriitifchen 
Sournale „The mirror ;” die übrigen, obwohl ur⸗ 


—9 XIV 
fprünglich englifch niebergefchrieben, wurden zuerft 
von derfelben Buchhandlung Orell und Füßli im 
Frühjahr 1834 und folglich als deutſche Original- 
Werke herausgegeben. 

Dielen folgte in demfelben Jahre ber gleich- 
falls einzig und allein in deutfcher Sprache heraus: 
gegebene ‚ obwohl noch in der engliſchen concipirte 
„Virey,“ ferner bie bereits in deutſcher Sprache nie⸗ 
bergefchriebenen „Lebensbilder aus beiden Hemi⸗ 
fphären,” welchen ſich im Jahre 1835 der dritte Band 
der „transatlantifchen Reiſeſtizzen“ — auch der britte 
Band der „Lebenshilder aus beiden Hemifphären“ 
betitelt — anfchloß. Diefe, fo wie die fpäter im 
Jahr 1836 bei Friedrich Schultheg .in Zürich her⸗ 
ausgekommenen Bände IV. V. VI, Pflanzerleben, „Die 
Farbigen“ und der das Werk ſchließende, Nathan,“ 
ferner die „neuen Land⸗ und Seebilder“ I. IL III. und 
IV. Band, „das Cajütenbuch“ II Bände, die von der 
J. B. Metzler'ſchen Buchhandfung verlegten drei 
Bände „Süden und Norden,” wurben ohne Aus⸗ 


— I» 


nahme in beutfcher Sprache niebergefchrieben und 
find ſonach als deutſche Original⸗Werke zu bes 
trachten. ot ' 

Der Berfafer glaubt diefe Erflärungen um 
ſo mehr geben zu müffen, als die Heberfeßungen bei- 
nahe aller feiner Schriften ins Engliſche und deren 
Herausgabe in den DBereinigten Staaten beveiis 
mehrere Journale, namentlich das „Ausland,” das 
„Buch der Welt“ und. die „Erheiterungen,” zu 
Rüdüberfehungen veranlaßt haben, welche Die recht⸗ 
mäßig erworbenen Anfprüche feines Verlegers beein⸗ 
trächtigen, und fo heilige Eigenthumsrechte verletzen. 
Er erwartet, feine dießfaͤllige Erklaͤrung werde kuͤnf⸗ 
tigen Eingriffen dieſer Art ein Ziel ſetzen. 

Von den obbenannten Werken erſcheinen in 
gegenwaͤrtiger geſammelter Auflage: „Der Legitime 
und die Republikaner,“ „der Virey und die Ariſto⸗ 
kraten oder Mexiko im Jahre 1812,“ die „Lebens⸗ 
bilder aus beiden Hemiſphaͤren,“ die aber, um fer⸗ 
nere Irrungen zu vermeiden, nach dem Wunſche 
der Verlegers, „Morton ober bie große Tour“ be⸗ 


— II» 

titeft find, und‘ die „transatlantifchen Meifeffiggen,” 
mit ihren vier Fortfeßungs- Bänden, „Pflanzerle- 
ben, die Farbigen und Nathan,” welche, wie in bem 
Nachworte zur erften Auflage angekündigt worden, 

fowohl in der zweiten als biefer gegenwärtigen brit- 
ten Auflage, unter dem GefanıntisTitel „Lebens- 
bilder aus der weſtlichen Hemijphäre” herausgege- 
ben werben. Auch die übrigen Werke des Verfaſſers 
follen feiner Zeit in diefe geſammelte Ausgabe auf⸗ 
genommen werben, bag „Cajütenbuch“ nicht auöge- 
nommen, das, obwohl vor einiger Zeit an eine 
anbere Buchhandlung übergegangen, nach weni- 
gen Jahren biefer Sammlung gleichfalls angefchlof- 
fen werben wird. 


Der Berfafler hat es bisher vorgezogen, nach 
ber in England und den vereinigten Stanten belich- 
ten Sitte im Verborgenen zu wirken. Es war ihm 
dieſes Verborgenſeyn Tieb geworben. — Er hatte ge- 
hofft, nach dem Beiſpiele des großen Sir Walter 
Secotts, Washington Irwings und Anderer 


—d XV — 


mehr, noch ferner fein winziges Scherflein unge- 
kannt und unbeachtet geben zu Tönnen; allein bie 
dringenden Aufforberungen feiner Verleger, ihre 
rechtmaͤßig erworbenen Anſprüche nicht der Ge⸗ 
fahr eines Nachdruckes auszuſetzen, haben ihn 
veranlaßt, aus dieſer Verborgenheit — fo un⸗ 
gerne er es auch that — herauszutreten. Und 
ſo tritt er denn aus diefer heraus und nennt 
fi) mit der Erflärung, daß er einzig und allein der 
Berfaffer ſämmtlicher obgenannten Schriften iſt — 
daß diefe Schriften, wie gefagt, mit Ausnahme der 
erſten Hälfte des „Legitimen“ und der Skizze „Eine 
Nacht an den Ufern des Tenneſſee,“ als deutſche 
Original-Werke, bie in ben lebten zwei big 
drei Jahren aber in den ‚Vereinten Staaten von 
Amerila, England und Frankreich erfchienenen 
Ausgaben als Ueberſetzungen zu betrachten 
find. Ä 

Mit diefer Erklärung verbindet er zugleich 
ben Ausbrud des wärmften herzlichſten Dankes für 
die — er darf es wohl jagen — beiſpiellos gaſt⸗ 

Der Legitime. L 2 


—, XVII e— 
freundliche, ausgezeichnete Aufnahme, die ihm higher 
geworben — eine Aufnahme, bie ihn nie bedauern 
lafien wird, feinen ſchwachen Kräfte der deutſchen 
Hation gewidmet zu haben. — 

Baden, den’ 15. Juli 1845. 


Charles Sealsfield. 





/ 


BYorwort der Berleger 
zur erften Auflage. 





Die folgenden Blätter find ung von einem hochashibaren, 
in den Vereinigten Staaten angeflebelten Manne mit dem 
Antrage zugefandt worden, fle dem Drude zu übergeben. 
Wir beeilen uns daher, unfern Lefern diefes aus einer 
transatlantifchen Fever gefloflene Geiftesprobuft mit der Er: 
Härung des Einfenders vorzulegen, bie wir mit feinen eigenen 
Worten geben und deſſen Willen wir bei der Gorrektur 
möglichft berüdfichtigt haben: 

„Sie erhalten Hiemit ein Werk, deſſen deutſche Vearbeitins 
mir die angenehmſten Stunden verurſacht hat. Ich habe 
ſelten ein ſo reines Vergnügen genoſſen, als mir bei dieſer 
Arbeit zu Theil ward. Nur derjenige, der feit längerer Zeit 
mit den Berhältniffen diefes großen und glüclichen Landes 
befannt ift, Tann den Meiftergriffel, der diefe Blätter 
gezeichnet hat, gehörig würdigen. Ich glaube Ihnen ferner 
bemerfen zu müflen, daß ein Theil dieſer Blaͤtter bereits in 
den Vereinigten Staaten (natürlich in engliſcher Sprache) 
erſchienen, das uͤbrige aber noch im Manuſcripte vorliegt, 
2". 


—d XX 9 


welches ver geehrte Verfaſſer mir gütigft zur Verdeutſchung 
zu überlafien bewogen ward. " Wann er diefes ſelbſt publi- 
ziren wird, Tann ich nicht beſtimmen; doch vermuthe ich, daß 
es noch geraume Zeit anftehen werde. Sollten Sie in 
diefer meiner Verdeutſchung Amerilanismen finden, ſo 
bitte ich ſchonend umzugehen, da es ohne diefe ſchwer ſeyn 
dürfte, dem Geiſte, der durch das Engliſche weht, vollkommen 
Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, oder dieſelben rein dem 
Leſer wiederzugeben. Dieſem dürfte ver Styl anfangs auf⸗ 
fallen; aber er wird ſich um ſo beſſer daran gewöhnen, als 
er ihn zugleich mit dem Tone und der Sprechart der großen 
Republik, deren Sitten hier zum Theile geſchildert werden, 
vertraut macht und ihn gewiſſermaßen mit ihren Worten 


fprechen lehrt.“ 


A.J. Smith Esg. Dauphin Oy. Pa. 


Die ſchmerzlichen Empfindungen, mit welchen wir 
zufammen M—e und dad Krankenlager des würdigen 
Staatsmannes verließen, auf dad er. unter der Laft 
falfher Beſchuldigungen geworfen und ſo der glor⸗ 
reichen Bahn, für die er geboren, ſo ſchmaͤhlich ent⸗ 
riſſen worden war, hatten Sie damals weniger em⸗ 
pfänglich für die Leiden eines Volkes gemacht, das 
ſelbſt in feinem gegenwärtigen Zuſtande politiſcher 
und moraliſcher Entartung eine ſo großartige Beto⸗ 
nung verräth. Sie haben jedoch meine Erwartung, 
daß die damaligen Eindrücke nicht ganz ſpurlos an 
Ihnen vorübergehen würden, auf eine herrliche Weiſe 
gerechtfertigt, und die Hoffnung, daß dieſes unter⸗ 
drückte und gemißhandelte Geſchlecht endlich vor 


21 


feinpfeligen Einwirkungen gefichert, in feinen neuen 
Wohnfitzen beftehen werde, ift mir nun lebendiger 
denn je geworden. Auch ich bin Ihrer, fo Eräftig auf 
der Rednerbühne und in Ihren Schriften geäußerten 
Meinung, daß diefes Volk, wenn nod länger im 
Kampfe mit der Selbftjucht unfrer Grenzbewohner, 
ganz vernichtet werben würde, daß es fo nicht be- 
ftehen könne, und daß, im Kalle feines Bleibens, höch— 
ftend nur die fogenannten Häuptlinge und ihre An- 
verwandten mil einigen wenigen flärfern Charaftern 
fih zu unferer Cultur auffäwingen und unfern 
Bürgerthun gewonnen werden Fünnten, hingegen 
der Neft unvermeidlich immer tiefer und tiefer finfen 
und zu jenem Auswurf herabgewürbigt werben müßte, 
der fo manche Länder der alten Welt beläftigt. Ich 
flimme mit Ihnen vollkommen darin überein, daß die 
Ueberrefte dieſes intereffanten Volkes nur dadurch 
gerettet werben können, daß fle wieder auf den ihnen 
zufagenden Boden ihrer Urwälder verpflanzt und durch 
unmittelbare Berührung mit verwandten Stämmen 
ihre erfchlaffte Nationalität aufgefrifcht und ihre aus⸗ 
gearteten Sitten veredelt werden; vorzüglich aber, 
daß fle aus der unglüdjeligen Berührung mit ver 


— 3 — 


laſterhaften Selbſtſucht unſerer Sauatters und Krä- 
mer gerifjen werben. 

Aber beklagenswerth bleiben nice deſtoweniger die 
Schickſale dieſes unglücklichen Volkes, und groß die 
Leiden, welche bie ſtärkern Seelen unter demfelben 
fühlen müfjen, bei der Trennung von dem Lande, in 
dem fie und ihre Väter geboren wurden. Ich babe 
neuerlid) eine Abtheilung dieſer Ueberzügler in ber 
Nähe des Dazoo gefehen, wie fte jo eben über ven 
Miffifippi gefeßt wurden. Die Aermern waren durch⸗ 
gängig in ihren gewöhnlichen Stumpffinn verfunfen, 
äußerten weber Freude noch Schmerz, obgleich Die Ver⸗ 
pflegungsanftalten auf dem Ueberzuge vortrefflich wa⸗ 
ten, die Hauptlinge und die beſſern Familien ſchienen 
unter der Laft ihres Sammers zu unterliegen. Es war 
ein ſchmerzvoller Anblick, fie hinüberftarren zu fehen 
auf das öſtliche Ufer nes Mifftfippi; Mehrere ftredten 
ihre Hände darnach aus. Auf dem Zuge aus ihren hei⸗ 
mathlihen Wäldern, erzählten mir die Commifſſaire, 
wandten fie ſich jede tauſend Schritte und ſchauten zu⸗ 
rück auf die Berge und Fluren, die ſie verlaſſen, und 
wurden jede Stunde düſtrer und troſtloſer. Einige 
trugen die Gebeine ihrer Eltern als den köſtlichſten 


— — 


Schatz mit fih, um fle ver Erde ihrer neuen Wohn- 
fige zu übergeben. 

Die Scene war um fo melancholifcher, ald man fi 
des niederſchlagenden Gedankens nicht erwehren konnte, 
daß während wir unfer and den Auswürflingen und 
Abenteurern der alten Welt öffnen, die letzten urſprüng⸗ 
lichen Beflger des Bodens, die ſich gleichſam angeklam⸗ 
mert haben an ihre heimathlichen Wälder, nachdem 
bereits alle ihre Nachbarn gewichen find, hinausge⸗ 
ſtoßen werden ſollen in die wilde Nacht der Steppen, 
durch die Selbſtſucht der Kinder und Kindeskinder 
derſelben Väter, die fie gaſtfreundlich einſt in ihre 
Hütten aufgenommen. 

Wahrlich, ver große Weife hatte Urfache, feine trüße 
prophetifche Mahnung auözufprechen. — Und je länger 
ich über das Schickſal dieſes bejammernswerthen Ge⸗ 
ſchlechtes nachdenke, deſto mehr fange auch ich an zu 
befürchten. 

Ich habe mich feit jener Reiſe viel mit diefem Volke 
und feinen Sitten und Einrichtungen beichäftigt, und 
mir ſchien es eine nicht undankbare Arbeit, die Ge⸗ 
müther unferer Mitbürger durch eine gefchichtliche Dar⸗ 
ſtellung eines der großen Charaktere aus dem Zeite 


5 


abfehnitte, wo dad Mipverhältniß, in dem fie zu ven 
Unfrigen zu ftehen anfingen, auffallender wurbe, auf 
eine würdige Weife anzufprecden. — Die einfache 
Erzählung, die wir-in jener Nacht unter dem Dache 
des greifen Häuptlings anhören mußten, daͤuchte mir 
felbft ald Tradition würdig, der Vergeſenheit ent⸗ 
riſſen zu werden. 

Eine Execurſion nad) der Hauptſtadt führte mich i in 
die Citybibliothek, und ih fand zu meinem nicht ges 
ringen Bergnügen die Schidlfale des Mannes, fo wie 
fie und erzählt wurden, nicht nur beflätigt, ſondern 
auch mehrere bedeutende Aufihlüffe über ven Kampf 
und die Leiden dieſes gewaltigen und lebten großen 
Charakterd viefer Nation. Er war vie leitende Haupt- 
perfon in den zwei legten Jahrzehnten des verflofienen 
und dem erften des gegenwärtigen Sahrhunderts, — 
wie Sie in ver History of the state of Georgia pu- 
blished at Savannah 1802, und in dem Account of 
the Indians of the Southern States especjally of 
Georgia finden werden. — In der Franklin-Library 
in Philadelphia müfjen dieſe beiven Werke unfehlbar 
jegn. Mehrere minder bedeutende Blugfehriften er- 
wähnen feiner gleichfalls. 


—5 6 0 


“ Ueber die beſte Art der Darſtellung war ich einige 
Seit umentſchloſſen. Fuͤr eine Geſchichte Hatte ich 
nicht Hinlänglih Maße, da eine ſolche natürlich die 
feines Volkes mit hätte einbegreifen müffen und die 

vielen Berfuche unferer litergrifchen Dilettanten dieſes 
Geſchichtsſtudium voluminds zu machen drohen. 

Sch ſchwankte zwifchen einer biographiſchen und ro⸗ 
mantiſchen Darſtellung und entſchloß mich zu letzterer, 
die mir um ſo geeigneter ſchien, als die ſeltſame Ver⸗ 
kettung des Geſchickes dieſes merkwürdigen Mannes 
mit einer Menge geſchichtlicher Perſonen und beſonders 
der edlen Dame, die gegenwärtig in den höchſten 

Kreiſen eines benachbarten Landes ſo verdienter Maßen 
glänzt, ſeinem wirklich großartigen Charakter ein 
ganz romantiſches Gepraͤge verliehen und mir zugleich 
einleuchtete, daß dieſe Darſtellungsart zur geſchicht⸗ 
lichen erhoben werben könne, wenn die Quelle ge- 
wiffenhaft angegeben und der Leſer ſo in ven Stand 
geſetzt wird, felbft zu urtheilen, in mwiefern der Autor 
dem Urbilve feines Helden treu geblieben ift. 

Ueberhaupt habe ih für ven wahrhaft geichicht- 
lichen Roman — deren wir leider nur fehr wenig 
gute befigen — eine große Vorliebe. Für alle Stände 


—7 > 


find fie ein weit einflußreicheres Bildungs⸗ und Auf- 
Härungsmittel, als biöher geglaubt wurde, und un= 
berechenbar find die Wirkungen, die ein gutes gefchicht- 
liches, auf Quellen gegründetes, mit Wahrheit und 
ohne Uebertreibung gefchriebenes Buch diefer Art auf 
eine empfängliche und nicht gänzlich überfättigte ober 
üßerraffinirte Nation Haben muß. 

Ihnen, der mit den indianiſchen Sitten und Cha= 
raktern durch lange Beobachtung fo innig vertraut 
geworden iſt, darf ich kaum bemerken, daß da, wo 
meine eigenen Beobachtungen des Muscogeevolks⸗ 
charakters nicht auslangten, ich diejenigen ſtammver⸗ 
wandter Nationen zu Hülfe nahm, wobei mir die 
neulich erſchienenen Schriften unſeres Agenten Colonel, 
Me. Kenney, beſonders feine Tour zu den Chippewas, 
Mores Account of the Indians und andere mehr, zu 
ftatten famen. Was die in dem Buche felbft vor- 
. kommenden Charaktere betrifft, jo werden Gie Feine 
Schwierigkeit Haben, die meiften wieder zu erkennen. 
Einer verfelben, wiſſen Sie, hatte leider zu viele Wich- 
tigfeit in einen Zeitpunfte erlangt, der allerdings 
bedenklich genannt werden mochte, doch inmerhin 


— 8 > 


nicht von der Art war, um die Anwendung ſolcher 
deſperaten Mittel zu rechtfertigen. 

VUebrigens werden fle mir, nach den Nachtſcenen 
in Hawkset tavern, nicht zumuthen, daß meine Ab⸗ 
ſichten fich fo weit verſteigen, die lotterieſüchtigen 
Bürger eines gewiſſen Staates *) von ihrem Ent- 
ſchluſſe zurüdzubringen. Nein, die Lofe find bereits 
auögetheilt, ja geworfen; aber felbft dann werbe ich 
mich Hinlänglih belohnt fühlen, wenn viefe Blätter 
beitragen, der genrüdten Nation Sicherheit in ihren 
neuen Wohnflgen zu erwerben und fle mit einer 
weniger gewiffenlofen Douane zu umgürten, als die 
war, welche Bisher ihr Loos vergällte, ihre Eriftenz 
verfümmerte und ihr Dafeyn vergiftete. Es wäre 
traurig, wenn wir nicht ernftlich bedacht wären, end⸗ 
ih zu verhüten, daß Logans Worte in ihre ſchreck⸗ 
liche Erfüllung geben. 

Alerandria La, den 30. September 1831. 


*) Georgiens; die Länder ver Indianer find bereits großen- 
theils durch bie Lotterie ausgefpielt. 


00 


Erfies Kapitel, 


Haben wir Teufel Bier, und fpielt Ihr uns Poffen 
mit Euern Wilden und Indianern? 
‚Shakespeare. 


An ver Eiafe,. bie. fich vom Städichen Cooſa 
nach der Hauptſtadt von Georgien, Milledgeville, hin⸗ 
abwindet, und nahe dem Platze, wo gegenwärtig der 
Gaſthof gleichen Namens den ermübeten Reiſenden 
zur Ruhe einladet, ſtand vor beiläufig dreißig Jahren 
unter einem Velfenvorjprung, auf welchem einige 
Dutzende rother Cedern und Fichtenbäume murzelten, 
ein rauh ausfehenves, mäßig großes Blockhaus. Vor 
demfelben erhob ſich ein Gerüft, das aus zwei manns⸗ 
vielen Balken befand, verbunden durch Querpfoſten, 
zwifchen welchen ein ungeheurer Schild Hin und ber- 
ſchwebte, der bei näherer Beflchtigung eine groteöfe 
Bigur im grelfften Farbenſchmucke wahrnehmen ließ, 


— 10 — 


deren Diadem von Federn, Tomahawk, Schlachtmef- 
fer und Wampum wahrjheinlih einen indianischen 
Häuptling bezeichnen follte. Unter dem Schild war 
mit Buchſtaben, ägyptiſchen Hieroglyphen nicht un 
ähnlich, gefrigelt, entertainment For man And 
beast*). Zur rechten Seite des Haufes, oder vielmehr 
der Hütte, und näher dem Bahrmwege, waren von 
Balken gezimmerte. Verſchläge, vom Wege nur durch 
eine breite Kothpfübe getrennt, und mit Haufen von 
Stroh una Heu angefülkt „aus denen hie und da 
Veberrefte ſchmutzigen Bettzeuges hervorſchauten, und 
fo errathen ließen, daß dieſe Gemächer nicht nur für 
das Fiebe Vieh, fondern auch jene Reiſenden beſtimmt 
feyen, vie ihr Unftern bemüßigte, bier Ruhe und 
Nachtlager zu juhen. Ein paar Kuh- und Schwein- 
ftälle bildeten das Ganze dieſer Sinterwälpler- Anfle= 
delung. | 


Es war eine ftürmifche Dezembernacht, der Wind 
heulte furchtbar durch den ſchwarzen Fichtenwalb, an 
defien Abhange die Hütte gelegen war, und das 


*) Einkehr für Mann und Thier. 


—, 11 ⸗— 


ſchnell auf einander folgende Krachen ver Baum- 
fämme, die der Sturm mit bonneräßnlichem Getöfe 
zur Erde brachte, verkündete einen jener wüthenden 
Orkane, die ſo häufig zwifchen den Blye Mountains 
von Xenneflee und dem flachen Mifftfippilanve ihren 
Zug nehmen, und auf diefem — Wälder, Hütten und 
Dörfer mit fih führen. Mitten in diefem tobenden 
Sturme. ließ fi ein leiſes Tappen an dem Fenfter- 
laden der oben befchriebenen Hütte vernehmen, dem 
bald darauf ein ſtarkes Pochen oder vielmehr Heftige 
Schläge folgten, vie die. Balken, aus welchen bie 
Hütte gezimmert war, in ihren Orundfeften erſchüt⸗ 
terten. Nicht lange nach dieſer Aufforderung öffnete 
. fi die Thür zur Hälfte, ein Kopf ftredte fich heraus 
in bie finftere Nacht, als wollte er ven Grund recog⸗ 
nosciren, während in demfelben Augenblicke ver Schaft 
eines Karabinerd vorrückte, zweifelöohne um dem 
Inwohner die fernere Mühe des Deffnens zu erfparen. 
Zu gleicher Zeit trat eine lange Geſtalt heran, riß 
die Thüre weit auf, und fehritt mit ſtarken Schritten 
in die Stube, wo fie vor dein Feuerplatze ihren Sitz 
nahm, hinter ihr drein eine Gruppe von Wefen, die 


æ12 — 


halb ſchreitend halb trabend ihrem Führer in einer 
Linie und im tiefſten Schweigen folgten. 

Es dauerte ziemlich lange, bis beilaͤufig zwanzig 
dieſer Nachtgeſtalten in vie Hütte eingedrungen waren. 
Ms ver Zug fein Ende erreicht hatte, ſchloß fich die 
Thüre wieder; ein Toloffaler Dann näherte fich dem 
Seuerplage, wo ein dicker Klotz noch gliminte, warf 
einige Scheite darauf, und zündete einen ver Pechſpäne 
an, bie in einem Haufen nahe lagen, dann, auf ven 
Schenktifch gemeſſenen Schrittes zutretend, ergriff er 
ganz ruhig ein Talglicht, und feßte e3 angezündet auf 
den Tiſch. 

Das kunſtloſe — beinahe rohe Innere ver gütte, 
fo ganz dem Aeußern entfpreihend, ließ fich nun deuh⸗⸗ 
licher im düſtern Schein des Talglichted — und bes 
allmählig auflodernden Feuers erfehen. Auf einem 
Stuhle vor dem Feuerplage faß der Mann, ver zuerft 
eingetreten war, eine blutbefleckte Wolldecke über ven 
ganzen Leib geworfen, fo daß Geficht und Geflalt 
verhüllt waren. Hinter ihm auf dem Lehmboden 
kauerte eine Gruppe von zwanzig Indianern aufihren 
Hüften, ihre Schenkel in einander verfchlungen, ihre 
Gefichter gleichfalls in ihre naſſen Wolldecken gehüllt, 


Ben 
an denen große Blutfleden anzudeuten fohienen, daß 
der Charakter der Expedition, von ber. fie kamen, 
ziemlich blutig, geweſen fen. 

Gegenüber dem Feuerplatze ſtand in ber Ecke der 
Schenktiſch, hinter deſſen Gitterwerk ein Dutzend 
ſchmutziger Flaſchen und noch ſchmutzigere Gläfer und 
Krüge aufgeftellt waren. _ Drei blau angeftrichene 
Faßchen mit ber. Ueberferift French Brandy, Gin, 
Monongebala ſtanden eine Stufe tiefer. -Ein Haufen 
von Hirſch⸗, Biber⸗, Bären- und Fuchsfellen zur 
linfen Seite reichte beinahe bid zum Geländer, und 
zeugte von lebhaftem Verkehr mit ver Eupferfarbigen 


Mare. Zunächſt dieſen erhob ſich ein ungeheured 


Simmelbett, umringt von drei niedrigern Bettftellen 
und einer Wiege, ober vielmehr einem Troge, ein 
Fragment von einem hohlen Baume, an deſſen Ende 
Stücke von Brettern genagelt waren. In biefen ver 
fhievenartigen Behältniffen genoß die Familie des 
Gaſtgebers, den lauten ziemlich groben Lungentönen 
nach zu urtheilen, einer unerſchütterlichen und voll⸗ 
kommenen Ruhe. Die Waͤnde der Stube zeigten die 


rohen und unbehauenen Baumſtämme, deren einzige 
Der Legitime. J. 3 


— 1 0— 


Ornamente breite Streifen von Lehm waren, melde 
die Zmifchenräume augfüllten.. | 

In diefer Stube nun, die, nach ihren mannigfalti- 
gen Beftimmungen zu ſchließen, ver Lefer ſich ziemlich 
geräumig vorftelen muß, ſah man den Wirth befchäf: 
tigt, die Stühle und Bänke, die die Einpringer ohne 
weiteres über den ‘Haufen geworfen. hatten, wieber in 
Ordnung zu.bringen, und dieß ganz in ver ruhigen 
Falten troßigen Manier, die einen hätte vermuthen 
laſſen ſollen, feine Gäſte ſeyen eher Nachbarn, als fo 
eben von einer blutigen- Expedition. zurüdgefehrte 
Wilde, vielleicht gefommen, feinen und der Seinigen 
Bälge als Zugabe zu ihrer Expedition mit ſich zu 
nehmen. Nachdem er den Iesten Stuhl an feinen 
Ort geſtellt, feßte er fich ſelbſt zunächft dem Manne, 
ver als Führer der Bande ven Plab im Vordergrunde 
genommen hatte.“ 

Einige Minuten mochten fo Beide gefeffen ken, als 
ver Letztere fi aufrichtete, und einen Theil feines 
Hauptes entblößte, deffen andere Hälfte mit einem 
Stüde von Calico verbunden war, an dem kleine 
Knoten gerommenen Blutes gleih Franſen hingen. 
Der Hinterwäloler marf einen Seitenblid auf den 





—d 5 ⸗— 


' 


Indianer ,. wandte jedoch fein Auge. in der. noͤchſten 
Sekunde dem kuiſternden dener m. J 


„Hat mein weher Bruder keine Zunge?’ nahm 
endlich der Indianer das Wort, „oder läßt ex fie 
werten, um ſie deſto beffer zu kruͤmmen 24 

Die lebten Worte waren in einem tiefen, höhniſchem 


Kehlentone gefprochen. PH 


„Er will anhören, was der Häupfling fagen wir. | 
erwiederte muͤrriſch trocken der Umerikaner. 5 

„Gehe und rufe Dein Weib,“ ſprach ver Indianer 
in demſelben tiefen Baßtone. 

Der Wirth erhob fi, wandte is gegen das 
gewaltige Chebette, und fprach, nachdem er die Vor⸗ 
hänge auseinander gethan, mit feiner Frau, die im 
Bette aufgejeflen, und wie es fehlen, eher neugierig 
als ängftlih, der Fommenden Dinge geharrt hatte. 
Nach einem kurzen Zmweigefpräch Fam das Weib aus 
ihrem Hinterhalte. Sie war eine berbe Dame, breit 
ſchulterig und vollgewichtig, mit einem Zuge in ihrem 
eben nicht jehr zart geformten Gefichte, der deutlich 
ausſprach, daß fle nicht leicht außer Baflung gebracht 
werben könne. Ihr Veberro von Linſey⸗Woolſey, 

g* 


—H 16 ⸗— 


für täglishen und nächtlichen Gebrauch beſtimmt, hob 
ihre geivaltige Geftalt noch mehr heraus,:als fie feſten 
Schritted und Beinahe aufgebracht neben ihrem Ehe⸗ 
manneheranfhritt, Die drohende Ruhe ihrer Befucher 
jedoch, ihre bIntigen Köpfe und Wolldecken, nun erhellt 
durch die hochaufſchlagende Flamme, erfchienen fo üble 
Vorbedeutungszeichen, daß dad gute Weib ſichtlich 
zuſammenſchrack. Ihre erſten Schritte, die raſch und 
zuverſichtlich auf die Indianer gerichtet waren, be⸗ 
ganñen zu wanken, und mit einem unwillkürlichen 
Schauder drehte fie’ ſich nach der Seite, wo ihr. Mann 
wieder ſeinen Sitz genommen hatte. Eine Minute 
verging in düſterm Schweigen. 

Der Indianer erhob nun fein Haupt, ohne. jedoch 
aufzublicken, und ſprach im firengen Tone: „Höre, 
Weib, was ein großer Krieger Dir jagen wird, deſſen 
Hände offen find, und der Das Wigwam feined Bruders 
mit vielen Sirihhäuten füllen wird. Für dieſes 
wird er bloß wenig von feiner. Schwefter verlangen, 
und dieſes Wenige mag fie leicht geben. Hat meine 
Schweſter,“ frug der Indianer mit erhöhter Stimme, 
einen Blick auf das Weib richtend, „bat fie Milch 
für eine kleine Tochter ?« 


—ı 11 — 

Das Weib ſah den Indianer verwundert an. 

„Will ſie,“ fuhr biefer fort, „ein Weniges von 
ihrer Mid einer Hleinen Tochter geben, bie ſonſt 
wegen Mangels ſterben würde ?« 

Die Züge des lauſchenden Weibes heiterten ſich in 
dem Maße auf, als es ihr klur zu werben anfing, daß 
der Indianer etwas von ihr wolle, und es alfo in 
ihrer Gewalt ſtände, eine Gunft zu gewähren ober 
auch zu verfagen. Sie dehnte fich non der Seite ihres 
Chemannd dem Indianer zu, und ſchien mit Sehn⸗ 
ſucht nähere Aufſchlüſſe über eine fo fonverbare Zus 
muthung zu · erwarten. 

Der Indianer, ohne fle im mindeſten eines Blickes 
zu würdigen, öffnete die weiten Falten feiner Wollvede, 
und zog ein wunderſchönes Kind, in foftbare Pelze 
gehüllt, hervor. 

Das Weib ſtand einige Augenblicke wie erſtarrt 
über die liebliche Erſcheinung; Verwunderung und 
Erſtaunen ſchienen ihre Zunge gefeſſelt zu haben. 
Neugierde jedoch, dieſes liebliche Weſen näher zu 
beſehen, und vielleicht Muttergefühl, lösten nun auf 
einmal biefe. 

„Guter Gott!u rief ſie, während ſie beide Sände 


—H 18 — 


ausſtreckte, dad Kind zu empfangen.” „Guter Gott! 
Was für ein Tieblich, wunderlieblich Fleined Ding, und 
guter Eltern Kind muß es auch noch ſeyn, Ihr könnt 
euch drauf verlaſſen. Schwoͤren wollteih. Schaut 
nur einmal die Felle und die feinen Spigen. Habt 
Ihr in eurem Leben fo etwas gefehen? Wo habt Ihr 
das Kinn her? Armes, kleines Ding! Ja wohl will 
ichs füttern. Es ift ja fein rothes Kind.” 

Die Dame fchlen guter Luft zu ſeyn, ihrer Ver⸗ 
wunderung noch eine Weile freien Lauf zu laffen; ein 
bebeutfamer Wink ihres Mannes jedoch ſchloß ihr 
den Mund. Der Häuptling, ohne fie der geringften 
Aufmerkfamkfeit zu würdigen, entfaltete das blaue 
Fuchspelzchen, freifte es dem Kinde ab und ſchickte 
fich an, es aus dem Ueberröckchen zu ziehen. Es war 
ihm nach einiger Mühe gelungen, dem Kinde auch 
diefes abzuziehen; allein ein drittes, viertes und fünftes 
erfhien, in welche vie Kleine gleich wie ein Seiden⸗ 
wurm in feine Cocons eingehüllt war. Der Indianer 
verlor mit einem Male vie Geduld, und fein Schlacht⸗ 
meffer ergreifend, ſchnitt er dem Kinde die drei noch 
übrigen Kleidchen vom Leibe, es dann nadt ber 
Wirthin hinhaltend. 





— 19 

nBingefleifchter- Satan! Treifähte das ſchaudexnde 
Weib, indem ſie das Kind mit rat aus jeinen 
Händen riß. ann 
Halt!“ ſprach der Indianer, kalt: und anbeweglich 
auf den Hals des Kindes blickend, von. dem ein 
goldnes Kettchen. mit einer kleinen Medaille hing. 
Das Weib, ohne ein Wort zu ſagen, ſtreifte die Kette 
dem Kinde über das Köpfchen ab, warf ſie dem In⸗ 
dianer ins Geſicht, und eilte ihrem Bette zu. 

„Der Teufel iſt in dem Weibe,“ brummte ver 
Wirth, nicht wenig, wie es ſchien, über ihre Heftigkeit 
beunruhigt. 

„Der rothe Krieger," ſprach der Indianer i in uner⸗ 
jhütterlicher Nuhe, „wird mit Biberfellen die Mil 
feiner Heinen Tochter bezahlen; aber er will behalten, 
was er aufgelefen bat, und die Thüre muß ſich öffnen, 
wenn er um dad Kind anruft. 

nAber,“ verfebte der Wirth, dem ed nun auf ein= 
mal einzuleuchten ſchien, daß eine nähere Erklärung 
nicht überflüſſig feyn dürfte, „aufrichtig gefagt, ich 
gebe nicht vieldarum, und behalte dad. Kind, obwohl 
ich, Gott fey Dank, deren felbft erklecklich habe. Aber 
follten nun die Eltern fommen, oder der weiße Vater 





—I N — 


von dem ‚Rinde hören, was dann? Der rothe Häupt« 
ling weiß, feine Hände reichen weit.“ 

Der Indianer hielt eine Weile inne, und ſprach dann 
in einem beveutfamen Tone: „Des Kindes Mutterwird 
nie wieber fommen. — Die Nacht ift fehr dunkel. — 
Der Sturm braußt ſehr ſtark. — Morgen wird nichts 
von den Fußſtapfen ver rothen Krieger zu ſehen ſeyn. — 
Es ift weit zu ven Wigwams des weißen Vaterd. — 
Hört er von den Kinde, dann hat mein weißer Bruder 
ihm Davon gefagt. — Nimmt er es, ſo wird der rothe 
Häuptling die Kopfhäute ver Kinder feines weißen 
Bruders nehmen.“ 

„Dann nimm Dein Kind wieder zurüd, ich will 
nichts damit zu thun haben,“ ſprach der Hinterwäldler 
im entſchloſſenen Tone. 

Der Indianer zog ſein blutiges Meſſer, und warf 
einen erwartenden Blick dem Bette zu, hinter deſſen 
Vorhängen das Kind verſchwunden war. 

„Wir werden dafür Sorge tragen, Niemand ſoll 
etwas davon erfahren; kreiſchte das erſchrockene Weib. 

Der Indianer ſteckte ſein Schlachtmeſſer wieder ruhig 
in den Gürtel, upd ſprach: „Die Kehlen ver rothen 

Männer find trocken.“ 





— N. 


Bon dem Bette herüber Heß fh ein Gemurmel 
hören, das dem: hriftlihen Wunſche nicht unähnlih 
Hang, jeber Tropfen möge ven Bluthunden zu Gift 
werden: der Wirth jedoch, weniger von der rachedür⸗ 
fienden Menfchlichkeit feiner Ehchälfte befeelt, eilte 
ziemlich jchnel dem Schenktifche zu, um ven Forbes 
zungen feiner Gäfte Genüge zu leiſten. Der Häupt⸗ 
Uing trank fein halbes Gillglas Whisky figend und 
auf einen Zug aus, dann ging es in der Runde herum. 
Nachdem die ſechste Flaſche geleert war, erhob Erſterer 
fich plötzlich, warf ein ſpaniſches Goldſtück auf die 
Tafel, öffnete die Vorhänge des Bettes, und hing 
dem Kinde eine Hulskette von Korallen um, bie er 
aus feinen Wampumgürtel gezogen hatte. 

„Die Mufcogeed werben die Tochter eined ihrer 
Krieger erkennen,“ ſprach er, feinen Bli auf dad Kind 
beftend, dad nun ruhig am Bufen ver Wirthin in 
feinem neuen Flanellröckchen Tag. Noch einen zweiten 
Blick warf er auf das Kind und dad Weib, und dann 
wandte er fi ſtillſchweigend ver Thüre zu, und vers 
ſchwand mit feinen Gefährten, in der finftern Nacht. 

„Der Windftoß ift vorüber;u ſprach der Wirth, 
der den Indianern durch die Thüre nachgefehen hatte, 


— 2 


als ſie ſich hinab zu ihren Virkenkanoes an dem Cooſa 
ſtahlen. 

„Ums Himmeswillen! Wer iſt dieſer eingefleiſchte 
rothe Teufel?« unterbrach ihn ſein Weib, tiefen Athem 
holend und unwillkürlich aufſchaudernd. 

„Huſh, Weib! halt Dein Maul, bis der Coofa 
zwiſchen Deiner Zunge und ven Rothfellen iſt. Es 
ift fein Spaß. Ich verſichere Dip. « 

Mit diefen Worten ſchloß er die Thüre, und näherte 

fich mit dem brennenden Lichte dem Bette, wo fein 
Weib nem Kinde die Bruft gab. 
- Armes Ding, *fpracher, „könnteſt Du, Du würdeft 
wahrlich eine Geſchichte kund thun, vor der einem die 
Haare zu Berge ſtehen möchten. Ja und ſie mag uns 
auch unſere Haut koſten. Es iſt nicht alles wie es ſeyn 
ſollte. Dieſe rothen Teufel waren auf einer Skalp⸗ 
Erpedition. Das iſt nun fo gut als richtig. Aber wo 
fie waren, das weiß ver Himmiel. Wohl, wären fie 
nod dem Spanier über ven Hals gekommen,“ fubr 
der Mann fort, wechfelmeife ven Säugling und das 
Goldſtück betrachtend, wich feherte mich den Henker 
drum, aber ſo —“ 

Mit viefen Worte warf er ſich wieder ins Bette. 


—,B e— 


Aber es verging eine lange Stunde, ehe ver Schlaf 
über ihn kam. Der Vorfall ſchien ihm Rube und 
"Haft geraubt zu haben. 

Capitain John Copeland, dieß war der Name und 
Charakter des Schenkwirthes zum Indianiſchen Häupt- 
ling, von dem wir bisher unfre Lefer unterhalten 
haben, war einer jener befugten Zwiſchenhändler, 
bie feit zwei Jahren ſich in dent Lande der Creeks unter 
dem Patronate ver Eentralregierung, und unter dem 
unmittelbaren Schuße des unter den Indianern refl- 
direnden Agenten, niedergelaffen hatten. Er hatte 
fih von öſtlichen Georgien mit feinem Weibe und 
vier Kindern überfiedelt, ſich mit Hülfe von fünfzig 
Dollars die Sammlung obenbenannter Branntwein- 
faͤſſer angefjafft, feine Familie mit zwei neuen Spröß- 
lingen, feine Habe aber bereits um dad Zwanzigfache 
vermehrt, und befand fich nun, ein Mann zwiſchen 
dreißig und vierzig, fo wohl, als ed nur immer einer 
feyn konnte, der, um in ver Landesſprache zu reven, 
breitfäulterig und vierfhrötig, in feinen eigenen 
Schuhen fand. Niemanden über ich, Jeden, ver 
nicht Bürger war, unter ſich achtend, verband er 
klugermaßen gerade fo viel Kneipenwig mit feiner 


— — 


volutionskrieges und ber erſten zehn darauf folgenden 
Jahre hatte man fie auch in Ruhe gelaffen. Die Bürger 
Georgiend, Taum im Stande, fih der auswärtigen 
Feinde zu erwehren und ihre eigenen Felder zu pflügen, 
hatten ſich weislich gehütet, vie ſchlummernden Wilden 
zu wecken. Die achtzehn Jahre jedoch, die ſeit der 
Beendigung des Freiheitskampfes verfloſſen waren, 
hatten allmählig die tiefen Wunden geheilt, die Krieg 
und Verheerung viefem Staat gefchlagen; mit der 
beinahe verboppelten Bevölkerung war auch pad Be⸗ 
dürfniß geftiegen, fich im üppigen Weften auözubreiten. 
Die rüftige Jugend begann daher fehnfüchtige Blicke 
auf die fetten Wallnuß⸗ und Ahornnieverungen zu 
werfen, die jich in den herrlichen Thalweiten ver Cooſa⸗ 
und Deoneeflüffe erſtrecken. Nicht Iange währte es, 
und die Ueberzügler Tamen häufiger und häufiger mit 
Wagen und Pferden, Weibern und Kinvern, ihren 
Rindern und ihrer Habe, um fi} die beſten Stellen 
des Landes auszufuchen, ohne fi um Nechtätitel oder 
Beſitzthum im mindeſten zu kümmern. Diefer rechtlofe 
Zuftand hatte nur wenige Monate vor dem nächtlichen 
Ereigniffe Beranlaffung zu einer ernften Streitigfeit 
wegen des Befitzes ver Ländereien am Oconeefluſſe 


—9 97 — 


gegeben. Zwar wurde dieſe noch durch Vermittlung 
der Gentralregierung beigelegt, aber. der Vergleich, 
weit entfernt die Gemüther zu beruhigen, hatte vielmehr 
einen giftigen Stachel in den Herzen der Indianer 
zurüdgelafien. Derfelbe Häuptling der Creeks, der 
fi hatte verleiten laſſen, diefen herrlichen Landſtrich 
abzutreten, war feiner Abftammung nach gemifchter 
Race, und feine Mutter eine Amerifanerin. Diefer 
Umftand würde fhon allein Hinreichenn geweſen feyn, 
das Mißtrauen der Indianer in einem hohen Grabe 
aufzuregen, felbft wenn fi nicht ein bedeutender 
Stamm dieſes Volkes durch den Vertrag beeinträchtigt 
gefühlt Haben würde; Iehteres war jedoch wirklich in 
einem fchreienden Grade ver Ball gewefen, und gerade 
der Hauptflamm dieſes ausgezeichneten Volkes, mit 
einem Abfömmlinge der alten Mikos oder Könige 
der Deoneed, war durch diefen Vertrag mit feinem 
ganzen Stamme land- und heimathlos geworben. 
Diefer Milo nun fland im Rufe, der bitterfle Feind 
der Weißen zu feyn. Seine Unbeugfamfeit und Hart- 
nädigfeit waren zum Sprichworte geworben. Sein 
Einfluß, hieß es, fey unbefchränft in feinem Stamme, 
und überwiegend im Rathe der ganzen Nation, bie 


18 — 

nun für den Beſitz ihres noch übrigen Gebietes mit 
Recht beforgt- wurde. 

Gekränkt und gedrückt i in feinen Nechten, wie ver 
heimathloſe ftolze Wilde ſich fühlen mußte, benurfte 
es nur wenig, um bie glimmenve Flamme der Uns 
zufriedenheit zum Ausbruche zu bringen. Ein Krieg, 
fo hoffnungslos er für die Unterbrüdten am Ende 
auch feyn mußte, war jedoch eine füschterliche Geißel 
für die zerftreuten weißen Anſiedler in diefen Hinter⸗ 
wälvdern. Der Tod war das ©eringfte, was fie von 
PMenfchen zu erwarten hatten, deren Rache und Blut- 
durſt durch eine lange Folgenreihe von Unterdrückungen 
ſo furchtbar aufgeregt waren. Der Capitain hatte 
daher ziemlich ſtarke Gründe zum Nachſinnen erhalten, 
und vertraut, wie er war, mit dem grauſamen Cha⸗ 
rakter des Volkes, unter welchem er lebte, mußte 
ihm die zweideutige Ruhe, die ſeit einiger Zeit herrſchte, 
mehr als bedenklich erſcheinen. Die Nachtſcene er⸗ 
ſchien ihm wie eine Andeutung, und ſeine Beſorgniß 
war in voller Stärke erwacht. Welches der Entſchluß 
war, den er gefaßt hatte, werden wir bald ſehen. 


Bweites Kapitel. 


Berwegener Hund, geh’ vu zurüd, wenn ich's befchle. 
Shake epeare. 


Die erften Strahlen der Morgenſonne fanden unf ern 
Capitain mit Zurüſtungen zu einer Reiſe beſchäftigt, 
die darin beſtanden, daß er ſtatt der Linſey⸗Woolſey⸗ 
Hofen — lederne anthat, feine Mokaſſins hervor- 
ſuchte, an den rechten Fuß einen verrofteten Sporn 
ſchnallte, über beide ein paar Leggings *) warf, die 
einzeln einem mittelmäßig großen Manne fehr wohl 
ale Diantel gedient haben könnten, und ſchließlich 
fih zur wohlbefegten Tafel nieberließ, alles in ver 
ſyftematiſchen Ruhe des Hinterwälblers: Leute, vie 
befanntlih langſam zu einem Entſchluſſe fommen, 
aber wenn viefer gefaßt iſt, eben fo befonnen als 
unbeugjam ihn verfolgen, weder Hinberniffe jeheuen, 
noch Furcht Fennen, und in der größten Gefahr noch 
immer ein Mittel fehen, ven Wit zu ſchärfen, anftatt 
fi dadurch abjchreden zu laſſen. 


*) Schenteltücher, die beim Reiten um die Kniee herumge⸗ 
wunden werben. Dan findet fie vurchgängig auf dem Lande. 
Der Legitime. I. 4 


— 0 ⸗ 


nSende Tomba hinauf zu ben Cherodeefen mit 
den Bälgen; Ihr Ik⸗wan Sa geht hinab zum Spanier; 
er bat mir verfprochen fie mitzunehmen. Und haltet 
Euch bereii für morgen Nacht, follte ich nicht bis zu 
biefer Zeit bei Kaufe feyn; Hoffe der Deputy- Agent 
ift daheim. Sollte mir nicht lieb ſeyn, wenn ich ihn 
verfehlte.“ 

„Wann darf ich Dich surhdertwarten, Mann?u 
fragte jein Weib. | 

„Das ift mehr gefragt, als ih für jetzt beant- 
worten kann. Vielleicht daß ich auf einige Tage oben 
bleiben muß; komme ich nicht innerhalb zwei Tagen, 
dann gehft Du zu den Eherodeefen. Du weißt, die in 
Penſylvanien find auf — gegen den alten Adams. 
Wollte, daß den Tory der Teufel holte! Sollten die 
Nothhäute es verfpürt haben, fo verlag Dich darauf, 
daß fie ſich die Confuſion zu Nutzen machen, und 's 
hier losgeht. Thue auf alle Fälle, wie ich Dir geſagt. 
Sie ſind rege, und wir müſſen uns ſputen, ſonſt 
hängen unſre Bälge nächſte Woche in ihrem Council⸗ 
Wigwam.“ 

Mit dieſen Worten nahm er feine gewichtige Reit⸗ 
peitfche, mit der er wirklich einft einen Dammhirſch 


—d 31 &— 


zu Boden gefehlagen, von der Wand, ſteckte eine ge⸗ 
waltige Piſtole in ſeine lange Rokiſche/ und beſtieg 
ſeinen Gaul. 

Die Straße oder vielmehr der Pfad, den unſer 
Capitain nun einſchlug, und der zur Wohnung des 
Deputy⸗Agenten Capitain Mc. Lellan führte, Tief zu⸗ 
vörberft durch einen langen Fichtenwald. Der Grund, 
eine fanft anſchwellende Anhöhe, war bedeckt mit einer 
lchten Schichte Schneed, der nach dem Hagelflurme 
gefallen war. Die tiefe Ruhe, die über die ganze 
weite Landſchaft Hingebreitet, die ſchwarzen ſchlank 
ſich erhebenden Fichtenflämme, deren bunfelgrüne 
Zweige mit prachtvollen Schneeguirlanden behangen 
in der Morgenſonne gleich Millionen von Brillanten 
blitzten, die kalte ſcharfe Morgenluft, die durch den 
Wald blies, alles das begann allmählig auf pas Blut 
unſers Hinterwäldlers zu wirken, der im mäßigen 
Schritte forttrabte, noch immer über die Nachtſcene 
brütend und fie mit den verſchiedenen Aeußerungen 
früherer Befucher zuſammenhaltend, — eine Geiſtes⸗ 
arbeit, die ihn häufig in ein Brummen ausbrechen 
machte, aus dem die Worte „D—n them,“ zu ent» 
nehmen waren. 

4* 


— 2 

Sp mochte er’ einige Stunden fortgetrabt ſeyn. 
Das Hochland ſenkte fih allmählig in eine breite 
Thalweite, überwachen mit Wallnußbäumen, zwi« 
ſchen denen fi bie und da ein Fichter Punkt zeigte, aus 
dem einzelne Hütten, .aus Baumſtämmen aufge- 
zimmert, hervorſchauten. Kleine Wälfchkornfelver 
und Tabaköpflanzungen ſchloßen fi im Hintergrunde 
an die Häuschen und bildeten nicht unangenehme 
Nubepunfte. Der vorurtheilsfreie Reiſende ‚bürße 
diefe Wohnungen des Friedens, die fo ruhig unter 
den gewaltigen Baumftammen gleihfam mie hinges 
zaubert lagen, Tieblich gefunden haben. Wir felbft 
haben felten etwas Anziehenderes als diefe Woh- 
nungen geſehen, deren wir und mehrerer in Arkanſas 
erinnern, und bei veren Anblicke e8 uns immer war, 
als ob fie den Füllhorn des Genius der Cultur bei 
feinem erſten Durchfluge durch Diefe Gegend gleichfam 
entglitten wären. Gapitain Copeland, zu dem wir 
nah diefem Turzen Ausfluge wieder zurückkehren, 
ſchien jedoch, ſeinem Brummen nach zu fehließen, nicht 
biefer philantropifchen Meinung zu ſeyn. Er hatte 
fich mittlerweile dem Oconee genähert, an deſſen 
relzenden fern die Wigwamd immer häufiger er 


—H 33 e⸗— 
fbienen. Diefe Landſchaft hatte bereits damals einen 
ziemlichen Anſtrich von Cultur. Die Hütten waren 
bier geräumiger und nicht unähnlih den Wohnhäu⸗ 


fern der weftliden Grunpbeflter. Dan fah Ställe 


für das Vieh, und ziemlich große Strecken von Wälfch- 
korn⸗ und Tabaföpflanzungen. Mehrere waren ſelbſt 
umringt von Obfigärten. Die Stirn unſres Hinter» 
wäldlers fing an fi zu runzeln, als er feitwärts 
nad) den Pilanzungen und Wohnhäufern fehielte, 
deren mehrere das feinige an Umfang und Wohnlich- 
feit übertrafen. | 


nDer Teufel weiß, was Obriſt Hawkins im Sinne 


hat mit feinen Zimmerleuten, Webern, Schmieden 
und den taufend andern Leuten, die er dieſen Roth⸗ 
häuten zuführt. Er wird doch nicht dieſe rothen Teufel 
für immer in Georgien behalten wollen? Verdammt, 
wenn fie — und es flieht darnach aus;« murmelte er 
nach einer Paufe, während welcher er ziemlich ſcheel⸗ 
fühtig auf ein Wohnhaus hinabblickte, das nahe an 
feinem Wege lag. 

nSie Haben ihre comfortabeln Wohnungen und 
Wälſchkorn⸗ und Tabakspflanzungen, mehr glei 
freien Männern denn verfluchten Nothhäuten, ſelbſt 


+3» 

Hanf brechen ſie;“ fuhr er in demſelben mürriſchen 
Tone fort, als ſein Blick einer Gruppe von Mädchen 
begegnete, die hinter dem Haufe um angezündete 
Feuer ihren Hanf Iuftig ſchwenkten. „Ich vermuthe, 
‚im einigen Jahren werben ſie's auch verfuchen ihren 
Whisky zu brennen. Immer zu, mein Oberft Haw⸗ 
find. Es ift noch nicht aller Tage Abend geworden. 
Rothhaut bleibt Rothhaut, und ich möchte eben ſo 
wohl verſuchen, meine Neger weiß zu waſchen, als 
dieſe verraͤtheriſchen Seelen zu ordentlichen Menſchen 
zu machen.“ 

Unſere Leſer werden leicht einſehen, daß die An⸗ 
ſichten unſres Capitains von denen des erwähnten 
philantropiſchen Oberſten Hawkins ziemlich verſchie⸗ 
den waren. Und die Wahrheit zu geſtehen, gerade 
dieſe Anfichten waren es, die nicht nur unter feinen 
Mitgenoffen im indianischen Zwiſchenhandel, fondern 
bei den weftlichen Anflenlern überhaupt vorherrſchend 
zu werden anfingen. Bereits in diefen frühern Zeiten 
begann man mit unfreundlihem Auge auf die natür- 
lichen und wahrhaft Iegitimen Beſitzer dieſes Landes 
zu fehen; man gewöhnte fih, fie ald einen Auswurf 
zu betrachten, deſſen man ſich nicht früh genug ent⸗ 


35 - 


ledigen könne. Man war nichts weniger al8 geneigt, 
ihre Fortſchritte in den verſchiedenen Zweigen ber 
Landwirthſchaft und mechanifchen Gewerbe günflig an⸗ 
zufehen, da eben diefe den feften Entſchluß zu beur- 
kunden ſchienen, im Lande zu verbleiben. 

Wir fprechen von Georgien, und unfer apitain, 
ein Bewohner dieſes Staated, theilte natürlih eine 
Meinung, die um fo allgemeiner geworden war, als 
fie mit dem Intereffe der Mehrzahl fo innig harmo⸗ 
nirte. Obriſt Hawkins war Daher nichts weniger als 
ver Liebling eined Mannes, der mit vielen guten 
Eigenfhaften auch mehrere zweineutigen Charakters 
verband, und ufter den legtern eine angeborne Ab⸗ 
neigung gegen die rothe Nace, die er, jeinen eigenen 
Ausdrud zu gebrauchen, grimmiger als die Polecatd 
haßte. Diefe gute Meinung behielt er jenoch, wie, 
leicht zu erachten, für fih, und ſelbſt gegenwärtig 
entfchlüpfte fie Ihm nur in abgebrochenen Damns. 

So hatte er beiläufig zwanzig Meilen zurüdgelegt, 
und war an den Abhang eines Bergrüdens gefom- 
men, von dem er eine weite Ausficht zurüd auf die 
Niederung hatte. No einmal warf er einen Blick 
über bie liebliche Gegend, ala wollte er feine Erbittes 


36 ⸗— 


zung kräftigen, und gab dann ſeinem Klepper den 


Sporn. Ein dichtes Gebüſch von Hundsholz, Hickach 
und wilden Lorbeeren lag vor ihm, deſſen weit um 
ſich greifendes Gezweige ſeinem Geſichte allmälig be⸗ 
ſchwerlich zu werben anfing. 

Er haͤtte bereits ein Duzend mal den Schnee, den 
es in vollem Maße über ihn fehüttete, abgeworfen, 
als fich plößlich ein leichtes Rauſchen im Lorbeerges 
büſch hören Tieß, das ihn flugen machte. Einen 
Augenblid hielt er inne, feine grauen Augen auf das 
vernächtige Gebüſch gerichtet; dann z0g er ſich be⸗ 
hutſam zurück, und mit der einen Hand in feine Taſche 
nad der Piftole fühlend, mit der ahbern die gewich⸗ 
tige Reitpeitfche ergreifend, harrte er der Dinge, die 
da fommen würben. 

„Ja fie find mir auf der Bährte, ich wollte wetten; «“ 
brummte er mit einem zweiten Blick auf das Dickicht, 
das feine buſchichten Augenwimpern fträuben machte. 
„Verdammt, daß ich nicht geftern geritten.” 

Bereits war ed zu ſpät. Die Iehten Sylben bed 
Monologs waren ihm kaum über bie Zunge, ald das 
Gebüſch ſich öffnete, und eine lange wirklich ab- 
ſchreckende Geſtalt aus dem Gezweige hervortrat, und 


—91- 


fich vor ihm auf eine Art aufrichtete, . die ein’ Hefferer 
Chrift als er. unfehlbar für ein. Gefpenft gehalten 
haben würde. Sein Pferd prallte zurück, und der 
Reiter war nahe daran, aus dem Sattel geworfen 
zu werben. Es war ber Häuptling von geftern, der 
vor ihm fland, die Hälfte feines Hauptes noch immer 
mit dem Stüde Tuch verbunden, fo daß nur Ein Auge 
zu fehen war, deſſen flarrer Blick fi mit dem Aus⸗ 
drude der tiefften Beratung auf den Capitain 
beftete. 

„Ein mächtiger Krieger,“ fo ſprach der Indianer 
nad einer langen Pauſe im Lone des bitterfien 
Haſſes, „hat feine Rede einem Hunde vorgeworfen, 
der nun geht, Unfraut in ven Pfad zu fäen, ver 
zwifchen ven weißen und den rothen Männern liegt. 
Hat er auch die Häupter Derjenigen gezählt, die er in 
feinem Wigwam zurüdgelafien? Wenn er zurüdfehrt 
vom weißen Zwifchenhänbler, vürfte er e8 leicht ge= 
leert, und die Kopfhäute feines Weibes und feiner 
Kinder bereits getrocknet im Rauqhe ber rothen Maͤn⸗ 
ner ſinden.“ 

Ein rauhes Hohngelächter erſchallte zugleich aus 
dem Gebüſche, deſſen Zweige ſich öffneten, um zwei 


— 38 — 


Reihen von drohenden Geftalten hindurch zu laſſen, 
die ſich zu beiden Seiten dem Sprecher anfchloffen. 

Gegenwart ded Geiſtes war eine Tugend, die zu 

üben unfer Siuterwälbler feit den zwei Sahren feines 
Verkehrs hinlänglich Gelegenheit gehabt hatte. Mit 
einem Geſichte, dem der vollendetſte Diplomatifer 
unſrer Zeit faum deutlicher den: Stempel naiwerer 
Berwunderung hätte aufdrücken können, wenn er 
arger Weiſe auf einem Geitenpfade ertappt wird, 
erwiederte unfer Gapitain: 

„Und was ift ed weiter? Kann ein ehrlicher Mann 
nicht einmal um einige Ellen Flanell für ein Nacht» 
röckchen reiten, wenn ein großer Säuptling fein 
Pflegekind rein ausgezogen, gleich einem Straßen-« 
— Räuber wollte er jagen, verſchluckte jedoch das 
Wort Flugerweife. 

Des Haäuptlings Auge hatte an dem Sprecher ge⸗ 
hangen, als wollte er ihn mit ſeinem Blicke durch⸗ 
bohren. „Braucht die Tochter des Kriegers Kleider?“ 
fragte er endlich. 

„Alberne Frage!« erwieberte ver Kapitain mit der⸗ 
felben gleichgültigen, beinahe ſtupid⸗naiven Miene. 
„Betfi hat blos einen Ueberrod, und den braucht fie 


— 39 


ſelbſt. Ich gebe eine Gill Whisky, wenn das arme 
Ding bis zu meiner Heimkehr nicht erfroren tft.“ . 

„Der rothe Krieger wird Kleider fenden, erwiederte 
der Häuptling, ver fi fofort zum nächſtſtehenden 
Indianer wandte, dem er einige Worte in die Ohren 
flüßlerte, worauf Diefer mit einem Sage im Gebüfche 
verſchwand. 

„Wohl, wenn Ihr das Zeug, weßhalb ich ausge⸗ 
ritten, zu ſchicken denkt, ſo erſpare ich Mühe und 
Geld. Vergeßt aber, nicht die Schuhe und Strümpfe 
oder Mocaffind, was Euch gut dünkt,“ ſchloß Eapi- 
tain Copeland, feinen Saul wendend, um aus ber 
gefährlichen Nachbarſchaft zu kommen. 

Der Indianer gab jedoch ein Zeichen, das s ipn hal⸗ 
ten machte. 

„Der Pfade,“ ſprach er, ‚bie von dem Wigwan 
des weißen Mannes zu feinen Brüpern führen, gibt 
es viele, und feine Zunge ift fehr gefrümmt; aber 
die Augen und Ohren des rothen Häuptlings find 
weit offen. Daß nicht er oder fein Volk auf dieſen 
Pfaden von den rothen Männern gefunden werde; 
fonft nehmen fie feine und feiner Leute Kopfhäute.“ 

„Aber zum Teufel," lachte der Eapitain, „Ihr 


— HM ⸗— 


werbet mich Doch nicht mit Weib und Kindern zum 
Gefangenen in meinem eigenen Haufe- machen wollen, 
wenn ſo viel auswärts zu thun ift, Rum einzufaufen, 
Felle abzuliefern, und taufend andere Dinge?“ 

„Der weiße Mann mag Rum holen, um den 
rothen Dann zu betrügen und feine Kraft zu ertöbten;“ 
verfegte der Indianer mit bitterm Lachen, „aber er 
wird feinen weißen Bruder, zu dem er nun wollte, 
nicht ſehen, 5i8 der Mond dreimal gewechſelt. Auch 
dann vergeſſe er nicht, feine Zunge zu bewahren.“ 

Der Indianer kehrte ihm nun den Rüden und ver⸗ 
ſchwand im Gebüfche. Unſer Capitain aber blickte 
dem Wilden einige Sekunden nad, murmelte einige 
Damns, und gab, nachdem er aus voller Bruft Athem 
geholt hatte, gleich einem, ver einer drohenden Gefahr 
entgangen, bevächtlih feinem Gaule den Zügel — 
um unverrichteter Dinge wieder nach Haufe zu kehren. 

Auf dem Heimmwege hatte er volle Zeit, über ven 
fonderbaren Häuptling nachzudenken. | 

Daß die Indianer etwas Gräßliches im Schilve 
führten, fchien außer Zmeifel. Aber mo der Donner- 
ſchlag einfallen follte, und wie ihn zu verhindern, 
war mehr als er fagen konnte. 


41 — 


Me. Lelkın Nachricht zu ſenden, daran durfte er 
gar nicht denken. „Und follte ich auch,“ fo ſchloß er, 
im Stande fegn, ihm einen Wink zu geben; was 
dann? Bon Die. Lellan zum Oberſten Hawkins find 
es noch gute zweihundert Meilen, und bis die trau⸗ 
rige Poſt ihn erreicht, iſt der Schlag gethan, und 
unſre Bälge und vom Kopf geſchunden,“ ſetzte er 
leiſer hinzu. „Es wundert mich ohnehin, daß ber 
meinige noch an Ort und Stelle iſt, “ murmelte er, 
ſich unwillkührlich kratzend. „Aber,“ ſchloß er ferner, 
„würden die Rothhäute das Kind mir übergeben 
haben, wenn fie und zu ihren. Opfern außerfehen 
hätten? Nein. Er hätte ed an den nächſten beften 
- Baum geſchmettert.“ 

So ſchloß Eapitain Copeland, und fein Schluß 
war, wie wir bald erfahren werden, fo ziemlich rich⸗ 
tig. Zwar kitzelte ihn noch immer der Gedanke an 
Capitain Me. Lellan, und oft warf er feine ſcharfen 
Balfenaugen links und rechts; aber'mittlerweile war 
er zu. Haufe angelangt, und die Stimme feines Weibes, 
das glücklicherweiſe nicht ganz fo patriotiſch dachte, 
brachte ihn bald von den Gedanken an einen zweiten 
Verſuch zurüd, und flimmte ihn zum weniger patrio⸗ 


— 2 


tifchen, aber unter den hegenwaͤrtigen Umſtaͤnden 
ratbfamern Entfchluffe, in Geduld das Weitere abzu- 
warten. Der Umſtand, daß der Indianer baf darauf 
fein Wort hielt, und ein ziemlich ſtarkes Bündel mit 
Flanell und Calicozeugen und artigen Kinderſchuhen 
fandte, trug nicht wenig dazu bei, ihr zu beruhigen. 

So vergingen unferm Bapitain der nächfte und die . 
folgenden Tage, ohne daß er fich befonbers den Kopf 
zerbrochen hatte. Ohnehin waren ſolche Ereigniffe 
nichts Seltenes, und wenn gleich die lebte Nachticene 
fich von früher ähnlichen durch etwas ihm unerklärlich 
Mofteriöfes unterfchieb, fo ließen ihm doch feine Stube 
vol Kinder, feine Feld⸗ und Hausarbeiten und Säfte 
ziemlich wenig Zeit übrig, darüber nachzudenken, menn 
auch feine angeborene Apathie ihn dazu gereizt hätte. 
Im Verlaufe von einigen Wochen erfuhr er zu feiner 
größern Beruhigung, daß der Sturm ausgebrochen, 
aber glücklicherweife nicht den Bälgen feiner Mitbür⸗ 
ger, fondern ihrer Bundesgenofjen — der Choctaws 
ver jech8 Gebiete — gegolten habe, die näher dem 
Miſſifippi zu wohnten, und von den vereinigten 
Stämmen der Creeks überfallen und beinahe ver- 
nichtet worden waren. Eapitain Gopeland ſchloß bie 


43 e— 


Zeitungsnachricht mit dem gemüthlichen Wunſche: 
„Mögen die Rothhaͤute ſich alle einander den Hals 
umdrehen und ſchinden; um fo weniger laſſen fle ung 
zu thun übrig!“ Ein Wunſch, der, obgleich echt 
georgifih, zum Leidweſen unſres Wirthes von bet 
Gentralregierung nicht genehmigt wurde, auf deren 
Befehl und Vermittlung bald darauf der Friede zwi⸗ 
ſchen den beiden Stämmen wieder hergeftellt wurde. 
Die wienergefehrte Ruhe gab unferm Hinterwälb- 
ler auch feine vorige Freiheit zurüd, und mit diefer 
zugleich die günftige Gelegenheit, von dem fonderbaren 
Nachtereigniffe ven Schleier zu Lüften. Wirklich ver- 
ſuchte er dieſes, obgleich wir und gebrungen fühlen, 
beizufügen, daß diefe Verſuche, nach den Aeußerungen 
des Eapitaind zu fehließen, nichts weniger als günftige 
Refultate herbeiführten, da er nur mit Widerwillen 
berfelben gedachte. Alles, mad man von ihm erfuhr, 
war die Vermuthung, daß fein Pflegekind wahr⸗ 
ſcheinlich einer fpanifchen oder franzöſiſchen Pflanzer- 
familie am Miſſiſippi angeböre. Mehr Eonnte over 
wollte er nicht fagen, und dad mürrifehe Damn, mit 
bem er jedesmal eine foldhe Frage beantwortete, 
ſchreckte jenen Neugierigen von fernern Berfuchen ab, 


— 4 


fih für dad Schickſal eined Kindes zu intereſſiren, 
das ohnehin allem Vermuthen nach, von einer Race 
abflammte, die zu fehr im Rufe paffiven Gehorfams 
fieht, um einer befondern Achtung von einem frei⸗ 
heitsſtolzen Hinterwäfoler zu genießen, ſelbſt wenn 
Die ewigen Zwiſtigkeiten mit den fpanifchen Behörden 
eine nähere Berührung möglich gemacht hätten. Unfer 
Bapitain fchenkte noch ferner Rum und Whisky aus, 
nahm dafür Hirſch⸗, Elend= und Biberbälge ein, und 
einen frifhen Familienzuwachs jedes Jahr ausge⸗ 
nommen, ereignete ſich nichts, das beſondern Auf⸗ 
zeichnens werth geweſen wäre. 

So waren beinahe ſieben Sommer verſtrichen. Die 
oben beſchriebene Hütte hatte ſich in dieſer Zwiſchen⸗ 
zeit in ein ziemlich geräumiges Haus verwandelt, von 
dem man die Ausſicht über den ſich ſanft durch üppige 
Niederungen dahin ſchlängelnden Cooſa hatte, deſſen 
Ufer bereits, mit aufblühenden Pflanzungen beſetzt, 
der Gegend einen gewiſſen Anſtrich von Sicherheit 
und Wohlſtand gaben. Unſer Wirth war allmählig 
ein gewichtiger Mann geworden. 

Es war an einem herrlichen indianiſchen Sommer⸗ 
abende, als unſer Capitain mit ſeiner Familie und 


— — 


feinen Nachbarn an der Abenbtafel ſaß, vie, der 
Anzahl der. Schuͤſſeln nad. zu fließen, eine feierliche 
Beranlafiung hatte. Der Tif bot eine genußreizende 
Mannigfaltigteit. hinterwaͤldiſcher Delikateſſen dar, 
die, im Vorbeigehen ſey es bemerkt, auch von feinern 
Gaumen nicht verſchmäht worden ſeyn dürften. Wilde 
Truthühner, die deliciöſe Bärentatze mit Faſanen, 
Wachteln und Hirſchſchenkeln, mit Kuchen aller Art, 
und Confituren namenlos, machten die Auswahl 
ſchwer. Oben an ſaß eine dünne ſchmächtige Geſtalt, 
deren jugendlich blafje Gefichtszüge und enthuſtaſtiſch 
frommer Blick einen methodiſtiſchen Prediger ver⸗ 
riethen, den Eifer für die Verbreitung des Evange⸗ 
liums in dieſe Gegend gebracht hatte, und der, nad 
dem nachahmungswürdigen Beifpiele feiner Glaubens⸗ 
genofien, dad Lehramt ver Kanzel mit dem der Schule 
verband. Der fromme Eiferer Hatte regelmäßig, wäh- 
rend der zwei Jahre feiner Miſſion, vier Donate 
hindurch bei den drei Sauptflämmen ber Creeks zu- 
gebracht. Die Zeit, die er für die Obercreefö be⸗ 
flimmt hatte, war nun verflofien, und er war fo eben 
im Begriffe, feinen Nachbarn und Mithürgern Lebe⸗ 
wohl zu fagen, und die nahe indianiſche Nieverlaffung 
Der Legitime. L 5 


nn) 


—, 46 ⸗ 


Cooſa, wo er fish aufgehalten, für immer zu yerlaffen. 

"An feiner Seite faß das kleine Maͤdchen, das ſechs 
Winter vorher auf eine fo jeltfame Weiſe ein Mit« 
glied dieſer Familie geworden war. Es lag etwas 
ungemein Zarted und zugleich Edles und Berflän- 
diges in den kindlichen Zügen dieſes Mänchens, vefien 
Mare Augen finnend und, wie ed ſchien, wehmuths⸗ 
voll an den leidend hektiſchen Geſichte des Predigers 
hingen. Der Prediger ſelbſt war ſichtlich eingenom⸗ 
men von ihrem lieblichen Weſen, und hatte ſich viel 
während des Effens mit ihr beſchaͤftigt. Bereits einige 
Mal Hatte er zu fprechen verſucht, immer aber war 
Gapitain John Copeland ihm in die Rede gefallen. 
Er ſchien etwas auf ven Herzen zu haben. Er winfte 
endlich dem Mädchen fich zu entfernen, und dieſe ver⸗ 
ließ an ver Sand ihrer Geſpielin die Stube. 

‚und fo wollt Ihr denn nicht von meinem Vor⸗ 
ſchlage Hören, Capitain?“ begann der Prediger. „Ich 
kann Euch nicht ſagen, wie tief mir das Schickſal des 
armen Weſens zu Herzen geht. Sie hat ſich ſeit den 
"vier Monaten, die fie meine Schule beſucht, in 
mein Herz orventlich eingeniftet. Die Trennung von 
ihe wird mir wirklich ſchwer. Ich will fie gerne in 


14 — 


meine Objorge nehmen. Ohnehin iſt fie zu zart ge⸗ 
baut, um jemals eine ruͤſtige Arbeiterin zu werben, 
und es wäre ja ſchrecklich, wenn fle ven Iubianetn in 
die Hände fallen ſollte.“ 

n Alles wahr,“ ſprach ver Capitain, „aber dann Sat 
ber Indianer jedes Jahr regelmäßig feine zehn Biber» 
oder DBärenfelle für Koft und Wohnung gefanbt, 
nebft ver. Kleidung, und Ihr ſeht, ihr Anzug ift nicht 
der‘ ſchlechteſte. Obwohl blos ‚ein Mother, fo kann 
ich doch nicht über fein Eigenthum verfügen. « 

„Und Ihr Habt nie wieder von Bi gehört?“ fragte 
der Mifflonair. . 

„Ich ſah ihn noch zweimal,“ eriwieherte ver Gapi« 
tain m einem Tone, dem man ed anfah, daß er mit 
ber Sprache nicht recht heraus wolle. — „Beide 
Male war er in feine blaue Wolldecke gehüllt, und 
ein drittes Dal ſah ich fein Geſicht, jedoch nur in der 
Berne. Wollte, ih wäre hundert Meilen weit von 
ihm gewefen. War juſt fo eine Weiberneugierbe;s 
fuhr er fort, feine-Worte mit einem bebeutfamen 
Blick auf feine Frau begleitend. -„Ich wollte hinüber 
jum Oberften Hawkins, um mit ihm des Maͤdchens 
halber zu ſprechen, und es vielleicht in Die Zeitungen 

5* 


48 — 

zu ſetzen. Ob ich nun gleich hinab nach New⸗Orleans, 
hinauf⸗nach Naſhville und, wohin ich wollte, frei 
gehen durfte, und, mein Weib audgenommen, keine 
Seele ein Sterbenswörtchen von meinem Vorhaben 
erfahren, der Rothe, obgleich ich, einen bodeutenden 
Umweg genommen, wußte genau wo ich hinzielte. 
Er Heß mich vierzig Meilen auf der Straße nach 
Milledgeville forttraben, und. ſchoß bann meinen | 
Gaul nieder, wie einen Hund. Ia, ich Habe Mistreß 
Copelands Neugierve theuer bezahlen müffen.“ - 

„Und Feiner von den: Indianern. vermochte Euch je 
Auffhlüffe zu geben? Ihr fagt, er felbft habe dem 
Kinde die Korallen umgehangen. Iſt Tein geheimes 
Zeichen an der Schnur?“ 

„Die Wahrheit zu geſtehen, je weniger davon ge⸗ 
ſprochen wird, deſto beſſer; « erwiederte der Capitain. 
„Das Kind iſt eine Franzöfin oder Spanierin, vers 
laßt Euch darauf. Wenn Ihr aber gerade Luſt habt 
mehr zu erfahren, ſo iſt ſo eben Gelegenheit dazu vor⸗ 
handen. Es liegt einer der Creeks draußen in dem 
Schoppen.“ 

aJIch muß ihn ſehen,“ erwiederte der Prediger, der 
ſogleich, ohne auf das Kopfſchuͤtteln des Capitains zu 


BB» 


achten, feinen Sig verließ und mit einem Glaſe Rum 
vor die Thüre trat.. Der Indianer Tag im. tiefen 
Schlafe auf dem Strohe, neben ihm fein Carabiner. 
Kaum war der Brebiger vor den Wilden hingetreten, 
als dieſer die Augen: auffchlug und auf die Beine 
fprang. Der Prediger winfte ihm in ven Garten zu 
folgen, und nahm das Heine Mädchen, dem ex liebe⸗ 
voll einen Kuß auf die Stirne drückte, in feine Arme. 
Einen Blick warf der Indianer auf das Mädchen, 
einen zweiten auf bie Glaskorallenſchnur, und dann 
begann ein fieberartiges Zittern durch ſeine Glieder 
zu beben. Allmaͤhlig zog er ſich erſchrocken vor dem 
Kinde zurück, und flog endlich mit dem Schreckens⸗ 
rufe „Hug!« wie ein Pfeil über die Hecke. In weni⸗ 
gen Sekunden war er im Walde verſchwunden. 

Der Miſſionair kehrte betroffen in das Haus zurück. 

"Wohlen, Mister Lovering!“ ſprach ver Capitain 
mit gerunzelter Stirne. „Habt Ihr noch immer Luſt 
zu dem Kinde?“ 

„Sa wohl,u erwiederte ver Prediger. „Und wenn 
Ihr einverftanden ſeyd, fo will mit dem } Agenten 
fprechen. 

„Nein, damit bin ich nicht ainberſtanden;⸗ erwie⸗ 


By 


derte der Capitain trocken. „Wenigftend nicht, fo 
lange i Hier bin. Mein Wort muß ich halten, fo 
Iange nämlich, als ich noch am Cooſa bin. Aber die 
Zeit meines Bleibens hier ift die Tängfte gewefen. Ich 
fehne mid) nah einem ruhigern Plate, und wenn 
mi) nicht alles trügt, fo find die Creeks wieder in 
Bewegung. Es wird flürmifch hergeben, verlaßt 
Eu darauf. Man fagt, ver Häuptling der Oconees 
feg wieder einmal rege, und daran, fih mit dem 
ſchrecklichen Tecumſeh zu verbinden. Zwei foldhe 
Menſchen Eönnten die Welt in Flammen fegen.“ 
adJda, das find Beide gefährliche Männer; « erwie⸗ 
derte der Prediger. 

„Wenn ich unten am Mifftfippi bin, ver nun, Gott 
fey Dank, uns, und nicht dem miferablen Spanier 
gehört, dann mögen fie thun, was fie wollen.” 

„Ja wohl!« bekräftigte Mistreß Gopeland. "Das 
arme Ding, fie wird nie zur Arbeit taugen. Sie ift 
fo linkiſch, ald wenn fie nicht dazu geboren wäre. 
Sie mödhte vielleicht eine gute Hand zum Nähen und 
vergleichen feyn, oder für eine Mäpchenfchule, denn 
fie näht artig, und fehreibt und Tiest Eu wie ein 
Schulmeifter. “ 


— 51 2 


Die gute Fran war fo chen im Begriffe ſich eines 
Weitern über die Faͤhigkeiten ihrer Milchtochter zu 
‚verbreiten, als ein durchdringender Angſtruf som 
Garten her erſchallte. Im nächften Augenblic rannte 
ber Gegenſtand ver fo eben ftatt gehabten Unterhaltung 
bleich und zitternd in Die Stube, und auf den Prediger 
zueilend fiel fie vor ihm hin, feine Kniee mit jammern⸗ 
den Klagetönen umfaflenn. 

Die unnennbare Angft ded Kindes Gatte die An⸗ 
weſenden mit Verwunderung und Beftürzung erfüllt. 
Ste hlickten ‚mit figrrem Auge und offenem Munde 
nad) der Thür, ald das Kind mit dem Ausrufe: „da 
ift er!“ zuſammenſank. Gin langer hagerer Indianer 
trat in vemfelben Augenblice in vie Stube, warf 
einen durchdringenden Blick auf die Anweſenden, und 
ließ fih dann auf einen Stuhl niever. Seinem An⸗ 
zuge nach zu ſchließen, war er ein Häuptling erflen 
Ranges. Seine Geftalt, obwohl ſichtlich abgemagert, 
war colofjal, und verrieth ungemeine ‚Stärke. An 
feinen Schläfen und nadten Armen lagen Muskeln 
beinahe fingerdick, die feinem Wefen mehr. dad An⸗ 
fehen einer bronzenen Statue, als eines Lebenden 
gaben. Dad Merkwürdigſte an diefem impoſanten 


— 52 — 


Manne war jenoch dad, nad der alten Weile ver 
Mikos oder Könige der. Dconees, mit einem. Diadem 
von Federn gefrönte Haupt. Seine Stirne war äußerft 
ſchmal, endete jedoch zu beiden Seiten in zwei unge- 
heuren Backenknochen, die zwiſchen dem dünnen Kinne 
und den äußerſt ſchmalen Lippen zwei tiefe Höhlen 
bildeten, die den trockenen, beinahe verwitterten Zügen 
des fleiſchloſen Gefichtes einen unnennbaren Ausdruck 
von Tücke, Starrſinn und Intelligenz gaben. Der 
Anzug dieſes merkwürdigen Mannes beſtand in einer 
Weſte von gegerbter Hirſchhaut, die ſeine ungemein 
breite Bruſt vollkommen bedeckte, einem Jagdhemde 
von Calico, welches darüber geworfen war, und dem 
Lendentuche, das in bunten Farben gewirkt vom 
Wampumgürtel herabhing, und die Schenkel und 
Kniee entblößt Tieß. Seine Mocaffind waren reihe 
lich verziert. In feiner Rechten hielt ex einen Cara⸗ 
biner, und in feinem Gürtel ftad ein Schlachtmeſſer, 
reichlich mit Silber eingelegt. | 
„Tokeah!« rief der Miffionair aus, den. feine 
Wanderungen im Gebiete ver Indianer mehr mit den 
verſchiedenen Stämmen und ihren Häuptlingen befannt 


—9.53 6 


gemacht hatten, als der flationäre Schenkwirth zum 
Indianiſchen König e8 werben konnte. 

Der Lebtere wollte fo eben fein Glas zum Munde 
Bringen ; aber feine Trinkluſt fehlen ploͤtzlich ver⸗ 
fhwunden, als ein Name genannt wurde, der mit dem 
des töntlichften Feindes feiner Landsleute gleichlautend 
geworben war. Er feßte das Glas auf den Tiſch, 
md überblidte ven Häuptling vom Kopf bis zu den 
Süßen. | 

„Sechs Sommer und ſechs Winter,⸗ ſprach Dieſer 
nach einer langen Pauſe, „ſind gegangen und wieder⸗ 
gekommen, ſeit der Miko der Oconees ſeine Tochter 
bei ſeinem weißen Bruder gelaſſen hat. Er iſt nun 
gekommen, ſie in ſein Wigwam aufzunehmen.“ | 

„So ſeyd Ihr e8 denn, der und in jener baugen 
Nacht. die arme Roſa hinterlaflen hat, wie fie unfer 
Prebiger hier nennt? Warum Habt Ihr mir jedoch 
Euern Namen nicht wiſſen laſſen, oder das Kind abe 
geholt? Es Hat und manche bange Stunde verurfacht. 
Wenn es nun abhanden gefommen wäre? 

nDie weißen Männer verlairgen blos nach ven Thier- 
fellen und ven Ländereien des rothen Mannes; wenig 
iR ihnen an einem Häuptlinge und feinem Wohlge⸗ 


— — 


fallen gelegen,“ erwiederte der Indianer mit einem 
hittern verachtungsvollen Rachen. „Wenn dad Kind 
verloren gegangen wäre, fo würden Eure Kinver mit 
ihren Schöpfen dafür. bezahlt Haben. — Und nun wil 
der rothe Häuptling nehmen, was ihm gehört.“ 

„Ihr nennt doch nicht Roſa, veren Eltern Ihr wahr⸗ 
Tcheinlich gemordet, Euer eigen?“ ſptach der Prediger 
mit einen Muthe, der ſelbſt ven Hinterwälbler ſtau⸗ 
nen machte. 

Der Indianer warf einen Blick der tiefften Verach⸗ 
tung auf ven Redner. „Wo würde nun die weiße 
Role, wie Du fie nennft, feyn, wenn vie Sand To⸗ 
keahs wicht ven Arm aufgehalten hätte, der ihren 
Schädel an einem Baumſtamme zerfchmettern wollte? 
Wer bat für fie gejagt, als ſie noch auf ihren Händen 
und Füßen herumkroch? Wer hat für fle die Biber- 
felle gefanbt, und hat jelbft Waſſer getrunfen? Geh,” 
fuhr er mit fteigendem Abfcheu fort; „Ihr ſeyd Hunde! 
Eure Zunge ſpricht von Dingen, von deren Euer 
Herz nichts weiß. Ihr fagt ung, wir follen unfere 
Nächften lieben, während Diefe und unfre Zelle, unfer 
Vieh, unfer Land nehmen, uns in die Wüſte treiben. « 

„Der Miko ver Oconees,“ erwiederte unerſchrocken 


⸗ 


55 — 
der Mifflonär, „wird ficherlich eine arme chriſtliche 
Waiſe nicht von ihren Pflegeeltern reißen wollen? 
Der weiße Bater würde böfe ſeyn, und er wird gern 
bezahlen. “ 

„Nicht nöthig,« rief Mistreß Copeland; „wir wol⸗ 
Ien fie gerne umfonft behalten. Wo zwölf Mäufer 
effen, wird auch das vreizehnte nicht verhungern. * - 

„Sa, ficher nicht, fügte Capitain Copeland etwas 
langſamer hinzu; — bielt jedoch inne, als er be- 
merkte, “daß der Indianer ihm Rolz ein Zeichen des 
Stillſchweigens gab. 

"Der Miko der Oconees,“ ſprach Diefer mit würde» 
vollem Tone, „wird nie wieder den weißen Vater 
ſehen. Sein Pfad ift lang‘, fein Gerz fehnt fich nad 
Sreibeit; er will fle fuchen, da wo der Weiße noch 
nie feinen Fuß hingeſetzt hat. Er braucht feine Tochter, 
fein Wild zu kochen, und fein Jagdhemde und feine 
Mocaffins zu nähen.» Nach diefen Worten öffnete 
er die Thüre und eine Anzahl Indianer mit zwei Mãd⸗ 
chen traten in die Stube. 

„Canondah!“ rief der Miſſionär, ſeine Hand 
dem indianiſchen Mädchen darreichend. Die In⸗ 
dianerin näherte ſich dem Prediger, kreuzte ihre 


— > 


beiden Hände über ihrem Bufen, und ſentte demüthig 
das Haupt. 

„Und fo wilft Du uns denn wirklich oerlaffen Tu 
fuhr der Mifflonär fort. 

Das Mädchen gab keinen Laut von ſich. Der 
Häuptling machte ein Zeichen, worauf das zweite 
Mädchen die bebende Roſa in ihre Arme hob, und 
ihr einen Teppich umwarf, deſſen untere Zipfel fie 
dem erſtern Mädchen in die Hand gab, während fie 
die obern über ihre Schulter zog, und dann verfnüpfte. 
Zugleih wand fie ein breites Band um die Hüften 

des Kindes, das fo, höher gehoben, feine Arme um 
den Hals feiner Trägerin zu winden genöthigt und 
zum Aufbruche bereit war. 

Der Miſſionär und das Weib des Capitains Gatten 

mit thränendem Auge zugefehen, wie Die von Schrecken 
erſtarrte Kleine gleich einem Schlachtopfer lautlos fi 
binden Tieß. Erfterer trat nun zur Trägerin heran, 
und ſprach im milden, zitternden Tone: 

„Canondah, Du bift immer ein edles Mädchen ges 
weſen; eine Perle. — So empfehle ich denn Deiner 
ſchweſterlichen Liebe und Sorgfalt dieſe zarte Pranae 
— Willſt Du ihr Mutter kon 30 


—d 57 — 


Die Indianerin nidte. 

Und dieſes Buch,“ fuhr der Prediger fort, ihr eine 
Taſchenbibel einhänbigend , „ſey Dir und Roſen ein 
Andenken an Euern Lehrer, Trage ihn, der Dich er⸗ 
löſet hat, ftet3 in Deinem Herzen." Dann, feine 
Hände auf beider Mädchen Häupter legend, gab er 
ihnen den Segen. 

Beide verließen mit ihrer Bürde und den India⸗ 
nern nun die Stube ; der Häuptling war allein zurück⸗ 
geblieben. - oo. 

„Der Milo der Oconees,« ſprach er mit Würde, 
fih von feinem Sige erhebend, „hat. bezahlt für die 
Mid, die dad weiße Weib feiner Tochter gegeben. 
Er geht nun. — Sein Pfad ift lang, fein Weg rauh; 
aber fein Herz tft müpe der Weißen. Möge.er fle nie 
wieber ſehen.“ 

Nachdem er diefe Worte gefprochen, wandte er den 
Anweſenden ven Rüden, und verließ die Stube. 

Ein langer Athemzug entfuhr gleichzeitig ven Gä⸗ 
ften. Gapitain Copeland war der Erfte, der den Ge⸗ 
brauch feiner Zunge wiederfand, und ſich von feinem 
Erſtaunen wievererholte. Es ergab ſich aus feinen Aeu⸗ 
Berungen, daß er, im Ganzen genommen, nicht ganz 


58 > 


unzufrieden war, fich einer Sorge überhoben zu ſehen, 
die ihm, nach feiner Verſicherung, mehr fhlaflofe 
Nächte verurfacht hatte, als irgend etwas In feinem 
Leben. ’ 

Die Geſellſchaft erfhöpfte fi ein paar Stunden 
in Muthmaßungen über die. Pläne des Häuptlings, 
und trennte ſich dann, wie es bei foldden Gelegenheiten 
zu geben pflegt, herzlich froh, für einige Tage etwas 
zum Tiſchgeſpräch mitzunehmen. Ein paar Monate 
hindurch bereicherte der Bapitain feine Unterhaltung 
mit dem gefürchteten Indianer und feinem wunder⸗ 


- Schönen Pflegekinde. Allnählig jedoch ſchwand dad 


Interefie und endlich auch das Andenken an dieſe 
Greigniffe in den wechſelvollen Schickſalen, die dieſen 
Landſtrich trafen. 

Wir felbft verlaffen nun Georgien und die Familie 
unſeres Taufhhändlers, um den Faden unferer Ges 
ſchichte in einem fernen Lande, und nach Verlauf von 
mehrern Jahren, wieder anzufnüpfen. 


‚Drittes Copitel, 


Wo her? und wer bift Du? 
Milton. 

Am nördlichen Ende des Sabinerfeed, und mitten 
aud den Rohr- und Enpreffenfümpfen, vie fih von 
diefer Seite her dem See zufenten, erhebt fich zwifchen 
den beiden Flüffen Sabine und Natchez eine fchmale 
Zandzunge, die, in vemjelben Maße, als die beiden 
Flüſſe ſich von einander entfernen, anſchwellend, eine 
fanft auffteigenve Anhöhe bildet, zu deren beiden Sei- 
ten die zwei Blüffe ihre Elaren und lieblichen Gewäffer 
dem bunfelgrünen DVerftede ver Cypreſſen und des 
Palmetto, und dann dem oberwähnten See zuführen, 
der felbft wieder dem Buſen von Mexiko fich öffnet. 

Beinahe ſcheint es, ald ob die Natur in ihrer Laune 
den Einfall gehabt hätte, vie Grenzſcheidung der beiden 
mächtigen Staaten, die der erfigenannte dieſer Flüſſe 
bildet, recht augenſcheinlich zu ſetzen. Ein ſchwarzer 
undurchdringlicher Wald bevedt das rechte Ufer bes 
Sabine, fo dicht verwachſen von ungeheuern Dornen, 
daß felbft der verfolgte Dammhirſch oder Sawannen⸗ 


—H W — 


wolf nur felten tiefer einzubringen vermag. Der Grund 
ift überzogen mit einem undurchdringlichen Teppiche 
von Schlingpflanzen, unter deren verrätherifcher Hülle 
gefleckte und ſchwarze Klapperſchlangen, Kingsheads 
und Copperheads ſich umherwinden, auf wilde Tau⸗ 
ben, Spottvögel, Paroquets oder ſchwarze Eichhörn- 
chen lauernd. Nur ſelten iſt dieſes undurchdringliche 
Dunkel durch eine Lichtung unterbrochen, und wo eine 
ſolche ſich findet, iſt es ein Chaos modernder Baum⸗ 
ſtäämme, entwurzelt durch einen ver häufigen Torna⸗ 
dos, und über einander gefchichtet, als ob fie zu einem 
fünftlihen Feſtungswerke beſtimmt mären. Diefe 
wilde Ueppigfeit erreicht ihren höchften Grad in ber 
Nähe der Chprefiennieverung, nimmt aber auf ber 
andern Seite des Sumpfes einen fanftern Charakter 
an, und der verirrte Schiffer fieht fich wie durch einen 
Zauberſchlag in eine der entzückendſten Landfchaften 
Mexikos verfeßt, wo die hängende Myrthe, und ver 
prachtvolle Tulpenbaum, und die Balma Chriſti mit 
ber dunkeln Mangrove wechſeln, und auf der ſchwellen⸗ 
den Anhöhe der Eottonbaum und die Sycamore ihre 
grünlih ſilbernen Zweige über einen Wiefengrund 
des zarteften Grüns ausbreiten. Der.ganze Wald ift 


—d 61 — 


gleich einem ungeheuern Gezelte, mit dem Jasmin 
und der wilden Rebe durchwirkt, die aufſchießt vom 
Grunde, ſich am Stamme-aufhängt und zum Gipfel 
hinanranft, wieder herabfleigt, um dem nächften 
Stamme ſich zuzuwenden, und fo von der Mangrove 
zur Myrthe, von der Magnefte zum Papaw, vom 
Papaw zum Tulpenbaum kriechend, eine große, end⸗ 
Iofe Laube bildet. Der breite Gürtel felbft, auf wel⸗ 
chem der Natchez feine Gewäller dem See zufenbet, 
bietet dem Auge ein üppig wallendes Feld fäufelnder 
Palmettos dar, das vom Walde beiläufig eine halbe 
Meile dem Ufer zuläuft, wo die Mangrove und Cy⸗ 
prefie ihre trauernden Zweige tief in die Fluthen 


tauchen. Der Winter nähert ſich dieſem entzückenden 


Verſtecke nie; aber lang anhaltende ſchwere Regen⸗ 
güſſe füllen während der ſogenannten Wintermonate 
Flüͤſſe und Suͤmpfe, und bereiten fo ein furchtbares 
Tagewerf für die heiße mittäglihe Sonne. Dann 
hört man ein Gebrüll aus dem erſtickenden Dunft- 
meere, deilen Grauen erregender Ton Thiere und 
Menſchen ferne hält. 

Der Herbft jedoch ift eine prachtvolle Jahreszeit in 
diefer parabieflihen Gegend, und beſonders jener 

Der Legitime. 1. 6 


6 — 


Spätherbft, der indianifhe Sommer genannt, der 
auch im Norden der großen Republik, gleich dem Ab⸗ 
fchievsläckeln einer Holden Schönen, mit Wonne 
empfangen wird. 

. &3 war einer diefer herrlichen Indianer⸗Herbſt⸗ 
nachmittage. Die Sonne, prachtvoll und golden, fo 
wie fie nur in diefer Gegend und zu dieſer Jahreszeit 
zu fehen, neigte fich bereitö Hinter die Gipfel ber 
Bäume, welche das weftliche Ufer des Natchez um⸗ 
gürten, ihre Strahlen fpielten bereits in jene Mannig⸗ 
faltigfeit von Tinten, die im Weſten fo fehr bewun⸗ 
dert werben, und nom Hellgrünen in die Gold⸗, von 
der Purpur= in die Drangefarbe verſchmelzen, je 
nachdem die Strahlen von der Myrthe, Magnefle, 
der Palma Chrifti oder einem ver hundert Pracht⸗ 
gewächſe zurückgeworfen werben. Kein Wölfchen war 
am Himmelözelte zu fehen, balfamifche Düfte wehten 
dur die Luft und füllten vie Atmoſphäre mit einer 
zitternd elaſtiſchen Wolluft, die die Sehnen zum üppi⸗ 
gen Leben fpannt. Die leiſe Stille war nur felten 
durch einen plappernden Paroquet oder einen pfeifen« 
den Spottuogel unterbrochen, oder das Geräufche 
vom Auffliegen einer Schaar Waſſervögel, nie zu 


— 63 — 


Tauſenden am breiten Waflerfpiegel des Natchez ihr 
Weſen trieben und zum Winterzuge ihr Gefieder 
pußten. 

Auf dem ſchmalen Pfade, den die Natur zwifchen 
dem Walde und dem, erwähnten Palmettofelde recht 
eigentlich felbft gebahnt zu haben fchien, ſah man eine 
weibliche Geftalt einem offenen Walvplägchen zutan⸗ 
zen, das, gebilvet durch eine entwurzelte Sycamore, 
ſich am äußerften Ende des Pfades befand. Als fie 
vor dem Baumſtamme angelangt war, lehnte ſie ſich 
an einen der Aeſte, um Athem zu holen. Ihre Haut⸗ 
farbe verrieth indianiſche Abſtammung. Sie war ein 
gereiftes Mädchen von etwa zwanzig Jahren, mit 
einem äußerſt intereſſanten, ja edeln Geſichte. Die 
wohlgeformte Stirn, das ſchwarze, beinahe ſchelmiſche 
Auge, die fein geſchnittenen Lippen, ſo wie die Um⸗ 
riſſe der beweglichen Züge überhaupt, verriethen eine 
freie, muntere Stimmung, während hinwieder die 
söndfche Adlernaſe ihr einen Anſtrich von Entſchloſſen⸗ 
beit und Selbſtſtäͤndigkeit gab, mit denen ihre Hal⸗ 
tung und Anzug übereinzuftimmen ſchien. 

Diefer Anzug erhob ſich weit über das gewöhnliche 
Eoftüm indianiſcher Maͤdchen, und zeichnete fi eben 

6* 


—H HS 


fo durch Einfachheit als Geſchmack aus. Sie trug 
ein Kleid von Balico ohne Aermel, das ihr bis auf 
die Knöchel reichte. Ihre Haare, flat ang und ſtraff 
herabzuhängen, wie es gewöhnlich bei Inpianerinnen 
der Fall iſt, waren in einen Knoten geſchlungen, den 
ein eleganter Kamm am Scheitel fefthielt. Ein paar 
goldene Ohrringe und Bracelets von demfelben Mes 
talle, Halbftiefeln von Scharla und der Aligators⸗ 
Haut vollendeten das zierliche Aeußere diefer intereffan- 
ten Geftalt. Bon ihrem: Gürtel herab hing ein 
ziemli langes Tafchenmefier, und in ihrer Sand 
trug fie einen großen leeren Handkorb. Ihr Gang 
konnte nicht Gehen, noch Laufen genannt werben; es 
war ein drolliges Hüpfen oder vielmehr Springen. 
Immer nach zehn oder zwölf Sätzen hielt fie inme, 
blickte auf ven zurüdgelegten Pfad mit Sorglichkeit 
zurück, und hüpfte wiener vorwärts, um wieder auf 
dieſelbe Weife zurückzuſchauen. 

Keuchend hatte ſie nun ihren Standpunkt am Cot⸗ 
tonbaume genommen, während ihr Auge ſpähend auf 
den Pfad gerichtet war. 

„Aber Roſa“ — rief fie zuletzt in der indianiſchen 
Sprache, und mit einem Ausdrucke leichter Ungeduld, 


6 
: während fie wieder zehn oder zwölf Schritte zurück⸗ 
tanzte und fich einem zweiten Mädchen näherte, das 
die Windungen des erwähnten Pfabes nun ſichtbar 
werben ließen. | 

„Aber Rofa,“ wieberholte fie, „wo bleibſt Du 
denn ?a und mit diefen Worten fprang ſie auf daß 
Mädchen zu, ſank auf ihre Schenkel, Ereuzte fie, und 
umſchloß, fo ſitzend, mit beiden Armen das vor ihr 
fiehenne Mädchen mit einer Schnelligkeit und Ge⸗ 
lenkigkeit, die den Windungen einer Schlange abge⸗ 
lernt zu ſeyn ſchien. 

„Ach die weiße Roſe,“ klagte fte, „iſt nun nicht 
mehr diefelbe. Sieh, wie dad Grad auf dem Pfade 
wächöt, den Dein Fuß fo oft betreten. Warum ift 
meine weiße Roſe betrübt?* - 

Die Hagende Stimme der Indianerin war fo rüh⸗ 
send, ihr ganzes Weſen, alö fie ihre Arme un ihre 
Freundin fhlang, fo flehend, Liebe und Aengſtlichkeit 
waren fo unverhohlen in ihrer Miene zulefen, daß es 
wirklich zweifelhaft ſchien, ob das Intereffe, das fte 
an ihr nahm, von nüherer Verwandtſchaft oder den 
lieblichen Reigen des Gegenſtandes entjprang, den file 


> 
nun fo rührend liebkosſte, und ver kaum aus dem 
Kindesalter getreten zu ſeyn ſchien. 

Das herrliche ſchwarzbraune Auge, das feurig⸗ 
ſchmachtend und doch wieder ſo kindlich zart, von 
ſeidenen Augenwimpern beſchattet, nun auf der flehen⸗ 
den Indianerin ruhte, und wieder aufblickte, und in 
die Ferne ſchweifte, gleichſam als ſuche ſie etwas Na⸗ 
menlofes, das Erbeben des zarten Buſens, die Wan 
gen, angehaucht von einer roſigen Tinte, die Form 

ſelbſt ſo zart, beinahe Luftgeſtalt, und doch ſo elaſtiſch, 
| fhienen der werfüngten Liebesgöttin anzugehören ; 
wieder jedoch gab ver kindlich ruhige Blick, die edel 
geformte Stirne, der zoflge Saum am Munde, ver 
ein paar Korallenlippen eher anzubeuten ald zu zeigen 
ſchien, und ein gewifles Etwas dieſer Geftalt einen 
Anftrich von fo reinem Abel und würdevoller Be— 
fonnenheit, ver auch ven leifeften finnlichen Gedanken 
verfheuchte und unwillkürlich mit achtungsvollem 
Entzüden erfüllte. Ihr dunkelblondes Haar ftel in 
langen Locken um einen ſchneeweißen, herrlich geform⸗ 
ten Naden. Ein grünfeidenes Kleid umhüllte ihre 
Glieder, und reichte züchtig bis zu einem Paar der 
Fleinften Füße, vie je eine weibliche Geftalt trugen. 


—9 67 e— 


Sie Hatte Scharlahmoraffind, wie die Indianerin. 
Um ihren Hald war ein weißes Seiventuch in einen 
Knoten geichlungen, und in der Hand trug fie einen 
Strohhut. - 

Diefes Tieblicde Kind war die nämliche Roſa, deren 
Bekanntſchaft wir ſieben Jahre zuvor in der Schenke 
zum Indianiſchen König gemacht haben. Ihr Blick 
ruhte liebevoll erwiedernd, nun ſinnend mehmüthig, 
auf ihrer Freundin; eine Thräne drängte ſich in ihr 
Auge, und ihr Haupt neigend, preßte fie einen Kuß 
auf die Lippen des indianifchen Mädchens, indem ſie 
dieſes umſchlang. 

Eine geraume Weile hörte man die beiden Mäd—⸗ 
hen ſchluchzen. Endlich ſprach die Indianerin in 
einem klagenden Tone: 

„Sieh, Canondah's Buſen iſt offen für Roſa's 
Wehe.“ 

„Deine theure Canondah!« lispelte das ſchöne 
Kind, und ein friſcher Thränenſtrom entſtürzte ihrem 
YHuge.. 

„D fage Deiner Canondah, bat die Inbianerin, 
„was Dein Herz betrübt. Sieh,“ ſprach fie, und ihre 
Stimme nahm num einen melodifch wehmüthigen Ton 


—) 68 — 

an, „sieh, dieſe Arnıe haben die weiße Roſa getragen, 
als fie noch ſehr Elein war. Auf diefen Schultern 
hing fie, als fie über den großen Fluß fegte. Auf 
dieſem Bufen ruhte fie gleich einem Waſſervogel, der 
auf dem breiten Spiegel des Natchez fi fonnt. Ca— 
nondah iſt der Spur der weißen Rofa, wie die Hirſch⸗ 
mutter ihren Jungen, Tag und Nacht gefolgt, fie vor 
Schaden zu bewahren; und num fie groß und zur 
weißen Rofa ver Oconees gewachſen ift, will fie ihr 
Herz verichließen. O fage Deiner Canondah, was Dei- 
nen Bufen hebt und Dich erblaffend zittern macht?“ 

Roſa, mit diefem Namen wollen wir nun das lieb⸗ 
liche Kind bezeichnen, fah einen Augenblick ihre Freun- 
din an und fprad) dann in leifem Tone: 

„Was mir am Herzen liegt? Weiß e8 Canondah 
nicht? Wohl hat die arme Roſa Urſache bange und 
ängftlich zu ſeyn!“ 

„Iſt es der große Häuptling der Salzſee, der ihr 
dieſen Schmerz verurſacht?“ 

Roſa erblaßte, fie trat zurück und bedeckte dad Ge— 
ſicht mit ihren beiden Händen, laut ſchluchzend. 

Die Indianerin fprang von der Erde, und ihren 
Arm um den Leib Roſens gefhlungen, zog fie das 


—9 69 6— 


weinende Mäpchen fanft einem Cottonbaume zu, an 
deſſen Stamm eine Nebe fi hinangewunden hatte, 
die bis zum Gipfel aufiteigend zahlreiche Beftong herab- 
fenfte, an denen die Trauben in üppiger Reife hingen. 

„Traurig ift der Pfad eines Oconeemädchens,“ 
brach die Indianerin nach einer langen Pauſe, wäh⸗ 
rend welcher fie nie Trauben einfammelte, aus. „Wenn 
die Krieger auf die Jagd gehen, verfeufgen wir Aerm⸗ 
ften in ven Wigwams unfre Tage oder pflügen Korn. 
O! wäre doch Canondah ein Mann. « 

„Und El Sol?“ lispelte Roſa mit einem melan« 
choliſchen Lächeln. „Canondah ſollte nicht klagen.“ 

Die Indianerin hielt ihr mit der einen Hand den 
Mund, und drohte ihr mit der andern. „Ja,“ er⸗ 
wieberte fie, „El Sol ift ein großer Häuptling, und 
Canondah verdankt ihm ihr Leben, und fie will fein. 
Wildpret bereiten und fein Jagdhemde weben, und 
ihm mit leichtem Herzen folgen, und die weiße Roſa 
wird horchen, was ihre Schweiter ihr in das Ohr 
fingen wird. EI Sol wird bald im Wigwam ber 
Deoneed ſeyn, und dann wil ihm Canondah fanft 
ind Ohr liöpeln. Er ift ein großer Häuptling, und 
ber Miko wird feine Rede anhören: er wird Die Ge⸗ 


70 — 


ſchenke, die ver Häuptling ver Salzfee gefickt, zurück— 
fenden, und dann wird bie weiße Nofa fein Wigwam 
nie ſehen.“ 

Die Leptere fehüttelte ven Kopf zweifelhaft. „Kennt 
Canondah ihren Vater fo wenig? Der Sturm mag 
wohl das ſchwache Rohr beugen, aber nie ven ſilber⸗ 
nen Stamm des dicken Baumes. Entwurzeln mag er 
ihn, brechen in feinem Sale, aber nicht beugen. Der 
Miko,« feßte fie mit einem hoffnungslofen Seufzer 
hinzu, „fleht den Häuptling Der Salzfee mit den 
Augen eined Kriegerd.und nicht mit denen eines Mäd- 
end. Er hat ihm Roſa verheißen, und Deine arme 
Schweſter“ — ein leichter Schauder Durchzitterte ihre 
Geſtalt — „wird eher fterben als“ — 

„Rein, nein,“ fprach die Invianerin, „Roſa muß 
nicht fterben. EI Sol liebt Canondah, und der Mifo 
der Oconees weiß wohl, daß er ein größerer Krieger 
ift, als der Häuptling des Salzſees.“ 

„Aber horch! mas ift das?« rief fie, auf einmal 
ihr Ohr in der Richtung des Fluſſes hinhaltend, von 
dem ber ein entfernteß Getöfe gehört wurbe. 

v„Was tft dieſes?“ wienerholte Rofa. 


—d 71 — 


- „Bielleiht ein Alligator Ober ein wäre verfehte 
die Indianerin. | 

Das Getöfe, obgleich ſchwach, war 10% immer zu 
Sören. „Canondah!“ rief num Roſa mit fihtbarer 
Unruhe; „Du willſt doch nicht wieder die große Waſſer⸗ 
ſchlange jagen?“ 

Ihre Worte waren jedoch vergeblich. Die India⸗ 
nerin brach mit der Schnelligkeit eines Hirſches durch 
das dichte Rohr, und war in wenigen Augenblicken 
verſchwunden. Es blieb Roſa nichts übrig, als ihr 
durch Dad krachende Rohr hindurch zu folgen. Wähs 
rend fie ſich mühſam durch Die zahllofen Stämmchen 
hindurchwand, hörte ſie einen Auf; es war jedoch 
nit die Stimme Canondah's. Ein Fall, wie der 
eines ſchweren Körpers ind Waffer, folgte bald dar⸗ 
auf, begleitet von einem kurzen heftigen Umherſchlagen 
im Schlamme, und dann war alles wieder ruhig. 

Roſa Hatte ſich athemlos durch das dichte Rohr 
hindurch gevrängt, und mar nad) einem unbefchreiblich 
mühfamen Laufe envlih am Ufer des Fluſſes ange- 
langt. Ihr Auge fuchte die Indianerin zwifchen ven 
Cypreſſen und Mangroven, die bis in den Fluß hinein 
fanden. | 


—_n- 


„Roſa!« rief viefe. / 

„Sanonvah!“ [halt das Mädchen im Tone bitteren 
Vorwurfs, als Erſtere auf einen Alligator hinwies, 
der röchelnd ſich noch "im Schlamme umherſchlug. 
„Warum thuſt Du mir dies zu Leide? Soll Roſa ihre 
Schweſter verlieren, weil ſie thöricht ein Mann ſeyn 
und das Jagen nach der Waſſerſchlange nicht auf⸗ 
geben will?“ 

„Sieh doch!“ erwiederte die Indianerin, indem nf 
auf eine tiefe Wunde im Naden des Alligator wies 
und das blytige Meffer triumphirend ſchwang, nich 
begrub es bis zum Hefte in feinem Halfe. Die Toch⸗ 
ter des Mifo der Oconees weiß die Wafjerfchlange 
zu treffen; aber,” fügte fie gleichgültig hinzu, „Ile war 
noch jung und bereits erftarrt, denn das Waffer be» 
ginnt fühl zu werden. Canondah ift blos ein ſchwa⸗ 
ches Mädchen; aber fie Eönnte den weißen Süngling 
lehren, die Wafferfhlange zu tödten.“ 

Als ſie die letzten Worte ſprach, fiel ihr Blick auf 
einen Eyprefienbaum, der wenige Schritte vom Rande 
des Waſſers in der Untiefe ſtand. 

„Der weiße Jüngling?“ fragte Rofa. 

Die Indianerin legte ihren Zeigefinger bedeutſam 


3 


“auf den Mund, wufh dad Blut von Meſſer und 
Händen, und trat dann unter ven Baum. Pit ver 
Iinfen Hand bog fie die herabhängenden Zweige aus⸗ 
einander, während fie ihre flache Rechte vorſtreckte, 
al8 Friedens⸗ und Freundſchaftszeichen, und dann 
auf das Ufer hinwies, auf das fie Tangfam, ihren 
Blick auf vie Cypreſſe gerichtet, zufehritt. Die Zweige 
öffneten fich jebt, und ein junger Mann näherte fi 
vorfiähtig dem Rande des Waſſers, waͤhrend ſeine 
Hände nach dem zunächſt ſtehenden Rohre langten. 

„Wie kam Dieſer hieher?« fragte leiſe Roſa die 
Indianerin, ihre Augen auf den Jungling gerichtet. 

Die Indianerin wies ſchweigend auf ein Boot, 
das zwifchen vem Rohre ſtecken geblieben und das 
der Jüngling offenbar hindurch zu zwaͤngen bemůht 
geweſen war. 

Dieſer hatte ſich bereits dem Ufer bis auf wenige 
Schritte genähert, als er zu ſchwanken und dann zu 
finten anfing. Canondah kam noch gerade zu rechter 
Zeit, um ſeinen Fall ins Waſſer zu verhüten. Sie 
fing ihn in ihren Armen auf und zog ihn dem Ufer 
zu, an befien Bank fie ihn Iehnte. Die Urfache ver 
Schwäche des Fremdlings zeigte ſich nun indem Blut- 


{4A 


firome, der feinem Schenkel entquoll. Der Alligator 
hatte ihn in der Mitte deſſelben mit feinem Nachen 
angefaßt, und ihm eine tiefe Wunde beigebracht. Kaum 
war die Indianerin verfelben anfichtig geworden, als 
fie auf das Ufer an die Seite Roſas fprang, und ihr 
mit den Worten: „Dein weißer Bruder iſt von ber 
Waſſerſchlange gebiflen, und Du fiehft, Canondah hat 
bloß ihr Kleid an,“ das feinene Tuch vom Halfe löste, 
dann mit eben ber Schnelle unter den Kräutern auf 
der Erde herumfuchte, ein Büfchel ausriß, eine junge. 
Palma EHrifti über ihrem Knie brach, und das zarte 
Fleiſch, das unmittelbar inter der Rinde dieſes Bau 
mes liegt, ablößte. - Hierauf fprang fie hinab in ven 
Fluß an die Seite des Fremdlings, verftopfte zuerft 
die Wunde mit ven weichen Faſern, belegte fie mit 
den Kräutern, und verband fle dann mit dem Hald- 
tuche. Das Ganze war dad Werk eines Augenblides, 
und fo ſchnell und beflimmt waren 'alle ihre Bes. 
wegungen gewejen, daß Roſa mit Erröthen fich ihres 
Bufentuches verluftig fand, nachdem dieſes bereits um 
den Schenkel des Fremdlings gewunden war. 
| „And nun Deine Hände, liebe Schwefter;“ ſprach 
die Indianerin zu Roſa, die noch immer auf der Ufer» 


{+15 


bank ſtand, mit ihren Händen den Bufen bedeckend, 

deſſen leichtes Beben eine Eleine Bewegung zu ver 

rathen fehlen. Die Imbianerin war ein wenig unge⸗ 

puldig geworden. Sie deutete ſchweigend auf ven 

jungen Dann, fapte ihn felbft um ven Leib herum, 

und, unterflügt von ihrer Freundin, hoben fie ihn 
beide auf das Ufer. 

So ſchnell und beſtimmt alle Schritte ver Indiane⸗ 
rin bisher geweſen, ſo forgfam. und ernft ſchien fie 
nun auf einmal zu werben. Sie hatte faum den Jüng⸗ 
ling ans Ufer gebracht, als fie nochmals in den Flug 
hinabftieg, und das Boot forgfältig unterfuchte, dann 
kopfſchüttelnd zu dem Fremdling trat, einen durch⸗ 
dringenden Blick auf ihn warf, und wieder nem Boote 
zurannte. Plößlih wandte fie fi zu Nofa, und 
flüfterte dieſer einige Worte zu, die eine Todtenbläfle 
über die Wangen des Mädchens brachten. Auch viefe 
nähertefich dem Jünglinge. Ihr Blick hing forfchend an. 
feinen leidenden Zügen und feinen gebrochenen Augen, 
die den höchſten Grad von Erfchöpfung verriethen. 
Er fohien feiner Auflöfung nahe zu feyn. Seine erd⸗ 
fahle Geſichtsfarbe, feine eingefallenen Wangen und. 
Augen verrietben vielleicht wochenlange Entbehrungen. 





76 — 


Er glich mehr einer von den Wogen ans Meeresufer 
geworfenen Leiche, als einem Lebenden. Seine Haare 
waren vom Seewaſſer gebleicht, hingen in Flechten 
um Stirne und Nacken, die Farbe ſeiner Kleider war 
kaum mehr zu erkennen. Uebrigens ſchien er noch ſehr 
jung; ſeine Züge, ſo viel ſich entnehmen ließ, waren 
nichts weniger als unangenehm, und ungeachtet der 
ãußerſten Erſchöpfung noch immer anziehend. 

Ste hatten fein Haupt an den Stamm einer &y- 
preffe gelehnt, durch deren Zmeige vie Strahlen ver 
Sonne auf feinem Gefichte fpielten, feine leidenden 
Züge gleichſam verklärend. 

„Unſer weißer Bruder,“ ſprach die Indianerin im 
leiſen, beinahe ſcheuen Tone, „iſt im Canoe des 
Hauptlings der Salzſee angekommen; ; aber er iſt feiner 
ſeiner Krieger.“ 

„Es iſt vielleicht, was ſie einen Matroſen nennen,“ 
bemerkte Roſa. 

„Nein;« ſprach die Indianerin im beſtimmten 
Tone. „Sieh nur einmal ſeine Hände, ſie ſind 
kaum ſtärker als die meinigen, und zart, wie die 
eines Mädchens; das Salzwafſer hat ſie bloß gelb 
gefärbt.“ 


—— 77 — 


„Bielleicht iſt er ein Bote,“ wisperte Roſa, auf 
eine Weiſe, die jedoch Zweifel auszudrücken ſchien. 

Die Indianerin ſchüttelte wieder den Kopf. „Sieh, 
er kömmt von der Salzſee durch den großen See, der das 
Waſſer unſers Stromes trinkt; aber er weiß nicht 
einmal ein Boot durch dad dicke Gras zu bringen. 
Er wähnte, die große Waſſerſchlange fen ein fauler 
Baum, und trat auf fie, und fie begrub ihre Zaͤhne 
in feinem Fleiſche. Dein weißer Bruder iſt dem Häupt⸗ 
fing der Salafee entflohen.“ Sie ſprach diefe Worte 
mit einer Beflimmtheit und Zuverfiht, als wenn fie 
den Fremdling auf feinem abenteuerlichen Zug be⸗ 
gleitet hätte. 

„Und würde Canondah zugeben, daß Ihr Bruder 
in der Falten Nacht erftarre, oder daß das Fieber ihm 
fein Leben raube, ihm, der Ihr und den Ihrigen nie 
etwas zu Leide gethan hat?« 

„Meine Schweſter ſpricht wie eine Weiße, Canon⸗ 
dah iſt aber die Tochter des Miko;“ entgegnete die 
Indianerin ein bischen trotzig; doch erfaßte ſie Roſas 
Hand, ihre Züge hellten fich auf, und fie fügte im 
leiſern Tone hinzu: „Canondah will die Stimme 

Der Legitime. I. 7 


— 78 — 


ihrer Schweſter zu Gunſten ihres weißen Bruders 
hören. Wir müſſen thn aber in den hohlen Baum 
bringen.“ 

Beide Mäpchen Soßen nun den Jüngling, und jebe 
einen feiner-Arme erfaſſend, fehleppten fle ihn durch 
das dichte Rohr. Während die voranfchreitende Roſa 
ihn durch das Palmetto hindurchzuziehen verfuchte, 
bemüßte fich die Indianerin vorzüglich feinen Fall 
zu verhüten. Es war ein langfamer und mühfamer 
Zug. Blutverluft und frühere Erfchöpfung hatten 
die Kräfte des jungen Menſchen fo ganz aufgerieben, 
daß fie ihn kaum mit Anftrengung aller ihrer wife 
aufrecht erhalten konnten. 

„Roſa!« ſchrie die Indianerin plötzlich, ‚vente an 
die Squaws, an den Miko; die Spuren werben no 
nah Monden zu fehen feyn. « 

Roſa hätte wohl mit ihrer ätheriſchen Geftalt durch 
- die zahllofen dicht aneinander gereihten Stämmen 
bringen können; allein ver ſeitwärts nachgefchleppte 
Fremdling brach mit jedem Schritte einige Rohre. 
Ste waren no nicht zur Hälfte des Palmettofelnes 
gelangt, als feine gänzliche Auflöfung nahe ſchien. 
Ale Kraft war von ihm gewichen, und beide Mäd⸗ 


70 0 

hen vermochten nur mit äußerſter Anftvengung, ihn 

den Ueberreſt des Feldes hindurchzuſchleppen. 
Keuchend und ſtöhnend waren ſte endlich am Rande 
angelangt, Roſa war im Innern niedergeſchlagen, un⸗ 
fähig ſich zu erheben; die Indianerin hatte noch fo 
viel Kraft, ihre Laſt aus dem Palmetto zu ſchleppen, 
und ſank dann gleichfalls erfchäpft auf pen Hafen hin. 
Die Ichten Strahlen der Sonne vergolveten noch 
die Sipfel ver höheren Bäume, die untern Zweige 
ſchwanden bereits in das mattere Zwielicht, als Noſa 
zur Inbianerin trat, und fie mit den Worten: „vie 
Sonne fleht tief;” aus ihrer Bewußtlofigkeit aufregte. 
Die Indianerin fprang auf, und beide Maͤdchen trip⸗ 
pelten tiefer in ven Wald, da mo der Boden fi 
gegen den Sabine zu fenkt. Bor einem ungeheuren 
Cottonbaume hielten fie. Mehrere riefenflämmige 
Weinreben, in deren gewaltiger Umarmwrg biefer 
Tolofjale Stamm abgeflorben war, ummanben noch 
immer mit ihren glaͤnzendrothen Ranken den herr⸗ 
lichen Koloß, deſſen Inneres mit feinen modernden 
"Baden, ausgehöhlt vom Zahne ver Zeit, in tauſend 
fantaſtiſchen Geſtalten fich darſtellte, und, einer gothi⸗ 


ſchen Kapelle nicht unaͤhnlich, ſo geräumig war, daß 
7 ° 


—H 80 8 


zwanzig Menſchen darin Platz fanden. Die Sorg⸗ 
falt, mit ver dieſe Höhle gereinigt war, und eine 
nachbarliche Salzquelle, verriethen, daß fle den zur 
Nachtzeit jagenden Indianern als Anſtandspunkt 
diente. Canondah näherte ſich vorſichtig der Oeff⸗ 
nung, trat behutſam ins Innere, und kehrte mit der 
Nachricht zurück, daß fie leer fen. Beine Maädchen 
eilten nun einer Cypreſſe zu, von deren Aeſten fie 
einen Bündel ſpaniſchen Mooſes riſſen, und das fle 
in der Höhle zum weichen Lager bereiteten. Die 
Indianerin rollte noch mehrere morfche Blöcde vor 
den Eingang, wahrſcheinlich um ihn gegen ven 
nächtlichen Befuch von Bären ober Banthern zu ver- 
wahren. ' 

„Gut,“ fagte fie, al diefe Vorbereitungen beendigt 
waren, ihren Arın um Rofa fehlingend, und dem 
Fremden zueilend. 

Die Indinnerin, ohne auch nur einen Augenblick 
zu veriveilen, ſchob ihre Linke unter den beiden Schen- 
feln des Verwundeten hindurch, und winkte ofen, 
ihre Hand zu faſſen, währenn ihre Rechte dem Ver⸗ 
wundeten zur Lehne diente. Mofa erröthete. 

„Scheut ſich die weiße Roſe, ihren Bruder zu Be⸗ 


— 1 


rühren, für befien Leben fle ja eben gebeten?“ ſprach 
fie mit einem fanften Vorwurfe. 

‚Das Madchen, ſtatt aller Antwort, faßte die Hand 
der Indianerin, und die Beiden hoben ihre Bürde 
auf die ſo eben angezeigte Weiſe mit verſchlungenen 
Händen, und trugen fie der Baumhöhle zu, in welcher 
fle fie niederließen. 

Die Indlanerin bog ſich über ihn herab und wis⸗ 
perte: „Wenn die Erde in Dunkel gehüllt iſt, wird 
Canondah zu ihrem Bruder kommen, und dann wird 
fle Balſam in feine Wunden gießen.” 

Ihre Worte jedoch waren, wiezu erwarten ftand, un⸗ 
gehört verfehollen, und, ein leiſes Athmen ausgenom⸗ 
men, gab der Fremdling kaum mehr ein Zeichen des 
Lebens. 

Noch waren die Baumgipfel in glänzenden Purpur 
geröthet, während über die Tiefen das Dunfel heran- 
308, als Die beiden Mädchen wieder an den Ort kamen, 
wo fle die Trauben eingefammelt hatten. Haſtig ihren 
Vorrath aufraffend, ſchlugen fle den engen Pfad ein, 
den fle gekommen waren, und auf welchem wir ihnen 
nun vorzueilen gedenken, um unfere Leſer in eine neue 
Welt einzuführen. 


—) 2 e⸗— 


Biertes Kapitel, 


Daß ih vergeſſen könnte, was ich war, 
Oder nicht gebenten, was ich nun feyn muß! 
Shakespeare. 


Nicht ferne von dem Schauplatze des ſo eben er⸗ 
zaͤhlten Abenteuers öffnete ſich eine weite Lichtung, 
pie, beiläufig drei Meilen laͤngs dem Ufer fich er⸗ 
ſtreckend, eine halbe Meile vom Fluſſe gegen den Wald 
zulief. Dieſe Lichtung war Palmettofeld geweſen, 
‚das, wie bereits erwähnt, ſich längs dem rechten Ufer 
des Fluſſes ungefähr eine halbe Meile gegen- ven 
Wald hinziehend, von ven Eoloffalen Stämmen viefer 
Urwaͤlder gleich einem Rahmen eingefaßtwird. Augen 
ſcheinlich Hatte man dieſe Lichtung durch Verbrennen 
des Rohres bewirkt, an deſſen Stelle ein Teppich des 
üppigflen Wiefengrunvdes mit prachtvollen Baum- 
gruppen getreten war, zwifchen welchen irreguläre 
Hecken von Myrthen, Mangroven, Palmen und Tuls 
penbäumen fich Hindurchfchlängelten, das Ganze einem 
Parke mit feinen Baumgruppen und PBflanzungen 
ähnelnd. Hie und da ließen fih Rauchwölkchen fehen, 


83 — 


die ſich durch die ſilbergrünlichen Aeſte ver Sycamore 
und Cottonbäume hinaufſchlängelten und auf das 
Daſeyn menſchlicher Weſen ſchließen ließen, und bei 
näherer Beſichtigung fand man unter den Baum⸗ 
gruppen eine oder mehrere Hütten friedlich an einen 
Baum gelehnt, und von Eleigen Wälſchkorn⸗ und 
Tabafpflanzungen eingefäumt. Weiter hinauf nahm - 
ihre Anzahl allmählig zu, fo daß ihrer nicht weniger 
- denn fünfzig feyn morhten. 

Es war Feine befondere Orbnung in ihrer Auf⸗ 
ftelung over Bauart bemerklih. Man jchien bei ihrer 
Errichtung weniger ven Geſchmack ald einen gewiflen 
Hang zur Inpolenz berückſichtigt, und fich beim Auf⸗ 
bau nichts weniger al3 hart angefirengt zu haben. 
Man Hatte ſich die einfachften Baumaterialien ges 
nügen lafien, roh, wie fie die Natur barbietet. Sie 
waren aus den Eleinen Aeſten von Cottonbäumen ge= 
zimmert und aufgerichtet, die Lüden ausgefüllt mit 
Tillandſea oder ſpaniſchem Mooſe. Statt ver Clap- 
boards*), mit denen. weftlich von dem Allighany⸗ 
gebirge häufig die Wohnungen Aärmerer Landleute 


*), Dachdauben. 


6 


die ſich durch Die Ülbengeirlichen UA, , <, PUR 
und Cottenbãume Gemeine un „u 
Daſeyn menjchlichet Bei übiier in u 
nägerer Beflhtigung em me z-. 
gruppen eine ober mehmer yaur 
Baum gelehnt, und ver Aue Urater, 
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Es war keine beſonden Ira — 
ſtellung ober Bauart bemerfich Susan... 
Errichtung weniger den Geier ai Mi 
Hang zur Indolenz beriligug. zu ic 


Br} 








“u 








— 8 


gedeckt find, hatte man bier das Palmettorohr genom- 
men: eine Wahl, die dem Ganzen einen ungemein 
zarten Anftrich von Länplichkeit und Einfachheit gab. 
Die Wohnungen felbft waren größtentheils. ohne 
Fenſter und erhielten. ihr Licht durch die Kaminöffe 
nung oder bie Thüre, flast welcher eine Buffaloehaut * 
vom Thuͤrpfoſten herabhing, die während des Tages 
auf das niedrige Dach zurückgeworfen wurde. Der 
Hauptreiz dieſes Doörfchens lag jedoch nicht ſowohl in 
ſeiner Bauart, als den vielen Baumgruppen, unter 
welchen die niedlichen Hätten zu niſten ſchienen: eine 
Mafregel, die wahrfcheinlich die große Hitze während 
der Sommermonate in einer Gegend nöthig machte, 
bie bekanntlich der Scheidepunkt zwiſchen ver nörhlichen 
und ſuͤdlichen Hälfte der weſtlichen Welt bildet. Die 
außerordentliche Reinlichkeit des Dörfchens war nicht 
weniger bemerfungswertß‘; und teug viel dazu. bei, 
ven -günftigen Eindruck zu vermehren. Es war wirk⸗ 
lich ein Tiebliches Plätzchen, mie noch aus feinen 
Ruinen zu erfehen ift. Der Wafferfpiegel des Natchez, 
der hier gewaltig der See zuſchwillt, der Rahmen 


” Eine Wildbüffelhaut. 


—) 85 — 


yon dunkeln Enprefien und Mangroven, mit denen 
beide Ufer eingefaßt, und deren Eolofiale Schatten fi | 
auf dem Wafler vertauſendfachen, die zahlreichen 
Baumgruppen, unter denen die Wohnungen gleich fo 
vielen Einfeveleien hingezaubert, und endlich ber 
breite Gürtel ſelbſt, begränzt auf beiden Seiten durch 
bie prachtvoll wogenden Palmetiofelder, auf der 
hritten durch einen Wall riefiger Urbäume, gaben dem 
Ganzen einen Anftrich entzückender Abgeſchiedenheit. 
Die Bewohner dieſes abgeſchiedenen Fleckchens duͤrf⸗ 
ten vielleicht, mit einigen Ausnahmen, weniger rei⸗ 
zend, im Ganzen genommen jedoch kaum minder 
interefſant geweſen ſeyn. Vor den äußerſten Hütten 
war eine Gruppe glaͤnzend dunkelfarbiger Weſen zu 
erſehen, die man auf den erſten Anblick ungezweifelt 
für eine Herde Affen gehalten haben würde, ſo drollig 
waren ihre Bewegungen. Bald hüpften fie über 
Heden und Stauven, gleich einer Herde dieſer Thiere, 
wanden ſich dann gleih Schlangen und rollten den 
Abhang zum Fluſſe Hinab, mit einer Behenvigfeit 
und Schwungfraft, der fein menfchliched Auge zu 
folgen ſchnell genug gewefen wäre. Weiter ind Dörf⸗ 
hen hinein, fah man Züge von erwachjeneren Jungen 


— ⸗— 


in ihren Eriegerifhen Uebungen begriffen. Sie ftell- 
ten den Spähertang dar. Während eine Anzahl auf 
dem Rafen gleich einem Schlangenfnäuel fortkroch, 
hatten fi andere in weiter Ferne in horchender 
Stellung zur Erde geworfen, ihre Köpfe tief in ven 
Boden eingedrüdt, lauſchend auf die Bewegungen 
ihrer Gegner, denen fte ſich windend zuletzt näherten, 
plötzlich auffprangen und über fie herfielen. Als 
dieſes Triegerifche, und die Wahrheit zu geftehen, bie 
Sinne Außerft fhärfende Spiel einige Male wieder⸗ 
holt worden war, formten fie ſich in die fogenannte 
indianifche Reihe, und rücten zum wirklichen Kampfe 
mit drohenden Geberden auf einander los. Ihre 
ftumpfen hölzernen Tomahawks ſchwingend, und 
ſchreckliche Siehe einander zumeſſend, bewegten fie 
fih, flohen, praliten an, krümmten ſich unter den 
Hieben over wichen ihnen aus mit ven plumpeſten, un⸗ 
geſchlachteſten und hinwieder graziöfeften Wendungen. 

Nicht die mindeſte Neugierde over Theilnahme von 
Seite der übrigen Bewohner des Dörfchend. Die 
größte Apathie und die größte Kraftäußerung bilde⸗ 
ten bier durch ihre Ungezwungenheit nur um fo größere 
Kontrafte. Vor den offenen Hütten faßen einige 


— 7 — 


Squaws mit ihren Töchtern, Wälſchkorn aushülſend, 
Hanf brechend over Tabakspflanzen fihichtend ; die Kin⸗ 
der hingen an ven Außenwänden auf einem langen: 
hohlen trogartigen Bretchen ober einer Rinde ausge⸗ 
ftreit, ihre Hände und Füße mit Buffaloeriemen an 
das hohle Bret geſchnallt, mit Feiner andern Be⸗ 
kleidung als einem Streifen Calico um die Hüften: 
bie gewöhnliche Art viefer Indianer, ihre Kinder das 
ganze Leben hindurch in der aufrechten Stellung zu 
erhalten, die fle.und ihre Befleger fo ſehr charakteriſirt. 

Nicht ferne vom obern Ende der Nieverlaffung 
flanden zwei größere Hütten, die man auf den erften 
Anblick für Hölgerne Schulgebäude oder religiöfe 
Berfammlungspläge in unſern Hinterwaͤldern Hätte 
nehmen Tönnen. 

Beide waren gleich ven übrigen an Sycamorebäume 
gelehnt, zeichneten ſich jedoch ſowohl durch ihren 
größern Umfang, als ihre geſuchtere Bauart aus, 
und waren von Lauben von Palmen und Mangroven 
umgeben, mit ziemlich großen Raſenplätzen vor den 
Ahüren. Bor einem biefer Eleineren Häuſer, und 
mitten auf dem freien Raſenplatze, Fauerte eine Gruppe 
von etwa fünfzig Männern am Boden, in bite 


—) 88 — 


Rauchwolken gehüllt, die Tabakspfeifen von drei bis 
fünf Fuß Länge entftiegen, mit denen alle verfehen 
waren. Ihre Kleidung beftand in einem Jagdhemde 
von Galico, das, vorn offen, die nadte Bruft bis 
zum Wampumgürtel ſehen ließ. Ihre Lendenhemden, 
am Wampumgürtel befeftigt, reichten bis an die Kniee, 
. und an einem Niemen,. der quer über die Schultern 
- hing, war ihr Tabaksbeutel befeftigt. Ste trugen ihr 
volled Haar, und Keiner hatte den fogenannten Scal- . 
pingluft*). Obgleich vie Verſammlung bloß zufällig, 
und die Unterhaltung mehr eine vertrauliche fehlen, 
fo hatten die Männer doch augenfcheinlich ihre Pläße 
nad ihrem Range eingenommen. Der innere Halb» 
zirfel nämlich war von ven eltern beſetzt, während 
die Jüngern einen zweiten und dritten Halbkreis bil⸗ 
deten. In der Mitte dieſes Bogens faß ein alter Mann, 
auf den die Blide der Verſammlung mit einem 
befondern Ausdruck von Vertrauen und Ehrfurdht 
gerichtet waren, und deſſen merfwürbiges Aeußere, 
verbunden mit diefer ausgezeichneten Achtung , das _ 
Oberhaupt des Volkchens andeutete. 


*) Skalpierzopf. 


—) 89 — 

Es ließ fich nicht leicht etwas Intexeſſanteres denken, 
als viefen Dann, veffen Körper aus nichts ald Haut 
und Knochen zu befteben ſchien. Alle fleiſchigen grö⸗ 
bern Theile waren aufgetrocknet, und nichts übrig 
gelaſſen, als Sehnen und Adern. Sein offenes Jagd⸗ 
hemde ließ eine Bruſt erblicken, die, viel breiter als 
die der übrigen, einem verhackten Brete glich, und 
ein gräßliches Hautrelief von Narben und Wunden 
darbot. Auf dem Geſichte ruhte finflerer floifcher 
Ernſt, mit einem Ausdrucke von Neflgnation, der 
feinen ftolzen vertrockneten Zügen ein ſeltſames Ge⸗ | 
präge fiäwerer Kämpfe und furchtbarer Seelenleiven 
gab. Steben Iahre von Verbannung und der Sturz 
feined Stammed hatten dieſe Veränderung im Mifo 
ber Oconees hervorgebracht. Sein Haupt war .auf 
die Bruft gefunfen, und er faß vertieft in Gedanken. 

„Sp Hat demn unſer Volk abermals eine Hälfte 
feined Landes verloren,“ ſprach ein alter Indianer, 
der im inneren Halbzirkel faß, mit einer Betonung, 
die zwiſchen Frage und Bemerkung die Mitte halten 
follte. , | 

Der alte Mann, den wir fo eben befehrieben, hielt 
eine Weile inne, und ſprach dann, ohne feine Stellung 


— 0 > 


zu verändern, im tiefen Keblentone, und mit einer 
Mürde, die jenen Zweifel zu verbieten ſchien. 

„Ein EIE kann vreimal über unferes Volkes Land 
zwifchen Sonnenauf- und Untergang jagen.“ 

Dem Indianer, der die Frage gethan, entfuhr en 
tiefed Rlaggeftöhn; bann griff er in den Tabaksbeutel, 
nahm einige Blätter zwifchen pie Finger und den Dau⸗ 
men, und fehnitt fle in Eleine Teilchen, die er in bie 
flahe Sand fallen Tieß, einigemal mit der andern 
rieb, und dann in feine Pfeife flopfte, er zündete ſo⸗ 
fort diefe mittelft eined Schwammes an, ſetzte fle auf 
pie Erbe, und huͤllte ſich in eine Rauchwolke. 

„Und der heilige Grund wurde gefärbt mit dem 
Blute der rothen Männer?« fragte ein Zweiter. 

nDie Gräber der Erfchlagenen find zwanzig Mal 
mehr, ald der Männer ver Deonees, die nun mein 
Auge fieht, « erwiederte ver Miko in demſelben Trauer⸗ 
tone. „Ihre Leichname lagen auf der Erde gleich den 
Blättern der Bäume, und bie langen Meſſer und bie 
Gewehre der Weißen waren tief in ihr Blut getaucht. 
Nie werden die Creeks im Stande feyn, die Tomahawks 
aus dem Grunde zu graben. Aber,“ fuhr er fort, fein 
Antlitz erhebend, vefien Züge einen befonveren Aus⸗ 


9 1 — 


druck annahmen, während feine ſchwarzen feurigen 
Augen Blitze ſchoſſen, „Tokeah Hat es feinen Brü- 
bern vorausgefagt, als er vor fleben und vor ſieben⸗ 
mal fteben Sommern zu ihnen geſprochen. Seht, das 
waren feine Worte: Der weißen Männer find nur 
wenige, ihre Stärke tft die der Weinzebe, bie ſich um 
unfre Bäume winbet. Ein einziger gut treffender 
Hieb des Tomahawks, und die ſchwache Ranke iſt 
vom Baume gehauen, und er iſt befreit von der wu⸗ 
chernden Schlingpflanze. Laßt ſie aber nur zehn Jahre 
wachſen, fo wird fie ihre Sprößlinge um die Bäume 
winden, mit ihren verrätherifchen Armen fie umſchlin⸗ 
gen, und fie langfam tödten. Seht in dieſen Neben 
ven weißen Dann; ſchwach ift er gekommen, ſchwach 
war er no, als Tokeah zuerft feinen Tomahamf ge= 
fhwungen; aber er hat fich ſeitdem gewunden und 
gekrümmt wie die Rebe, und wie die Rebe hat er ſich 
über unfre Waͤlder und Thäler verbreitet, und zahl- 
reich wie die Neben find die Weißen geworden, und 
werben, jo wie biefe unfre Bäume, uns erfliden mit 
ihrem Feuerwaſſer, und uns ertödten mit ihren langen 
Mefjern, und aufefien mit ihrem nimmerfatten Hun⸗ 
ger. Und alles Korn unfrer Felder und Wild unfrer 


92 — 


Walder wird nicht zureichen für ihre ewig leeren Ma⸗ 
gen, und der rothe Mann wird weichen müſſen vor 
ihnen. Es iſt geſchehen,« ſprach ver alte Mann mit 
feierliher Stimme. „Nochmals hat fie der Miko vor 
fieben Sommern gewarnt. Es war feine letzte War⸗ 
nung. Damals hat er ſeine Boten zum großen Te⸗ 
cumſeh geſandt, das Band der Einigung zwiſchen 
beiden Völkern wieder anzuknüpfen. Seine Boten 
haben vie Galumet*) mit dem großen Häuptling ge⸗ 
raucht, und er bat verfprochen Toszufchlagen, wenn 
die Muscogeed das Kriegögefchrei erheben würben. 
- Aber unfre Brüder unter ven Muscogees haben ihre 
Augen und Ohren vor dem Miko verfchlofien, und 
Tokeah ald einen betrachtet, der damit umging, den 
Samen ver Zwietracht zwifchen feinen-Brübern und 
. den Weißen zu ſäen. Ja!« ſprach er mit Würbe nad 
einer kurzen Baufe — „Tokeah hat geſucht, vielen 
Samen ver Zwietracht zu ſäen, er hat ſich bemüht, 
die verrätherifche Freundſchaftskette zu brechen, welche 
die Rothen mit ven Weißen nicht verband, fondern 
fie feffelte an diefe. Ia, er wollte ven Samen der 


N) Pfeife des Friedens. 


e 


—H 93 6 — 


Zwietracht fäen, auf daß die Saat feine und ihre 
Feinde vertilge, fie vertilge für Immer von dein Lande 
unfrer Vorfahren, auf dem wir nun heimathlofe 
Flüchtlinge find. Aber die Muscogees wähnten im 
Miko einen Berräther zu fehen, und die falfche Zunge 
feiner Brüder, bie das Feuerwaſſer ver Dengheefe 
und ihre Korallen mehr liebt, als die Freiheit, bat 
feine Reden dem weißen Vater verrathen, und Tokeah 
hatte das Land feiner Väter zu meiden, wollte er 
nicht ven Feinden feines Geſchlechtes ausgeliefert wer⸗ 
den. Der große Geift hat vie rothen Männer ver- 
blendet, fo daß fie ihre wahren Brüder nicht mehr 
erkennen Eonnten, und im Mifo der Oconees ihren 
Feind jahen. Sie haben zugegeben, daß die Dengheefe 
fi über das ganze Land verbreitet, und, nachdem fie 
zahlreicher getoorben als der Buffalve auf ven Fluren 
der großen Cumanchees, haben fie, nie Thoren, das 
Kriegögefchrei erhoben, und wurden — gefchlagen 
und vernichtet.“ 


Ein dumpfed Stöhnen erhob ſich in ver Verſamm⸗ 


lung und dauerte eine geraume. Weile. Der Sprecher 
fuhr fort. - 
„Ihre bleichenden Gebeine find nun mit Erde be⸗ 
Der Legitime. L 8 


9 4 — 


deckt, und ihr Blut ift vom Regen weggewafchen; 
aber ihr Land ift von ihnen genommen, auf ihren 
Fluͤſſen ſchwimmen nicht mehr ihre Canoes. Die 
Roſſe der Weißen laufen num auf breiten Pfaden 
durch ihre Wälber, die angefüllt find mit Krämern, 
und abflerben durch ihre verwäüftenden Hände. Was 
ihre Kugeln und ihre langen Mefier übrig gelaflen, 
wird ihre gefrümmte Zunge, ihr Feuerwaſſer vollends 
aufreiben. Tokeah hat ihn gejehen, ven heiligen Grund, 
er hat fie gefehen, Die verbrannten, zerftörten Dörfer 
Teines Volkes, er hat alfo gefehen feine Brüver, fie 
gefehen, wie fle vor den Häufern mit gemalten Schil⸗ 
"dern lagen, Schweinen gleich, ihre Gewehre und To⸗ 
mahawks mit Kothe beſudelt, ſie ſelbſt vie Zielfcheibe 
der Verachtung und Beſchunpfung der ſchwarzen 
Sklaven.u 

Die legten Worte waren mit einer beinahe ſchmerz⸗ 
lichen Wuth mehr herausgeſtoßen als ausgeſprochen. 
Ein dumpfes Geheul entfuhr der Verſammlung. Der 
alte Mann fuhr fort: 
aDurch die Wälder, in denen Tokeah als Häupt⸗ 
ling, als ein mächtiger Miko gejagt, hat er gleich 
einem Diebe im Dunfeln ſchleichen müſſen, wenn die 


—d 8 6> 


Sonne hinter ven Bergen war. Sein Bolt, vie Blüte 
des rothen Geſchlechtes, hat er im unflathe, in 
Pfützen ſich wälzen geſehen.“ 

Als er dieſe Worte geſprochen, ſiel ſein Haupt wie 
der in ſeine beiden Hände, und eine lange Pauſe er⸗ 
folgte. 

„Und hat ber. große Miko nicht zu feinen Brüpern 
geredet?“ fragte der zweite Indianer. 

Der Häuptling erhob fein Antlig und betrachtete 
den Sprecher einige Augenblicke mit einem würbe- 
vollen Ausdrucke. 

„Hat mein Bruder vergeſſen,“ ſprach er endlich, 
„daß unſre rothen Brüder jenſeits des großen Fluſſes 
ſelbſt das Band zerriſſen haben, welches Tokeah und 
feine Männer an ſie knüpfte, und daß ſie ihn und die 
Seinigen verriethen, und fie zwangen, dem Lande 
ihrer Väter den Rücken zu wenden? Nur ein Thor 
wird zweimal fprechen. Seine Brüder haben ihre 
Ohren verfehlofien vor fieben Sommern, als es noch 
Zeit war, einen Schlag zu thun; und nun hat ber 
Miko feinen Mund verfehlofien. Seine Zunge war 
gebunden, ald er das Grab feiner Väter zum legten 
Male fah; denn fein Herz war mit feinen treuen 

8* 


— 96 ⸗— 


Mannern. Aber nicht lange, und die Muscogees 
werden von den Weißen aus ihrem noch übrigge⸗ 
bfiebenen Befitze getrieben werben, fo wie ſie die 
Hirſche und Elke über den großen Fluß getrieben. 
Ste werden fommen, um ihre Wigwams auf dieſer 
Seite des großen Fluſſes aufzufchlagen; dann wird 
Tokeah ‚feine geöffnete Sand ausfireden, um fie zu 
empfangen. Sein Wigwam wird für fie bereit ftehen. 
Seine Männer haben Fülle von Wild und Korn, und 
ihve Mischen wiſſen Jagdhemden zu weben. Er wird 
theilen mit den Ankommenden, was er beſitzt, und 
dann wird die gebrochene Kette des Verbandes wieder 
geſchloſſen werden.“ 

Der laute achtungsvolle Zuruf, mit dem die Worte 
des Sprechers ‚aufgenommen wurden, ſchien eine 
ſchmerzliche Wirkung auf ihn hervorzubringen; ohne 
ein Wort zu erwiedern, neigte er fein Haupt auf feine 
Bruft und verſank wieder in tiefed Sinnen. 

Die Sonne ſank nun in einer Fluth von Glorie 
den weſtlichen Rücken des Natchez hinab, der breite 
Gürtel des öftlichen ſchimmerte noch in taufend pracht⸗ 
vollen Tinten. Allmählig ſchmolzen die gold - und 

 purpurfarbenen Gipfel der Bäume in graued Hell⸗ 


—, 97 

dunkel, der fllberne Wafferfpiegel des grauen Natchez 
daͤmmerte ins Dunkelblaue — die Natur fehlen ſich 
zur Raſt begeben zu wollen — ruhig, friedlich, pracht⸗ 
vol. Der Miko warf einen letzten Blick auf die zitternd 
zaubernden Strahlen, als fie ermattend in einander 
verſchmolzen; allmählig zogen ſich feine Schenkel aus 
ihrer Ereuzweifen Verſchlingung von einander, und 
die Ferfen auf ven Boden flemmenn, erhob er fi 
langfam ohne Anftrengung und ohne feine Hände zu 
gebrauchen. Sein Aufftehen war dad Zeichen des 
allgemeinen Aufbruches. Alle erhoben fich auf diefelbe 
Weiſe, und es fhien einen Augenblick, ald wenn fie 
aus der Erde gewachien wären. 

Der Häuptling ſchritt nun auf pas hinter der Laube - 
ſtehende Häuschen zu, das fi, wie bemerkt, durch 
größern Umfang, fomwie dadurch außzeichnete, daß es 
mit Tihüren und Zenflern verfehen war. Nachdem er 
eingetreten, ſchloß er die Thüre hinter ſich. Das In⸗ 
nere befland aus zwei Stuͤbchen, bie von einander 
dur einen Teppichvorhang getrennt waren. Der 
Fußboden und die Wände waren mit Matten über» 
zogen. Längs den Wänden Tief ein niedriger Sig, 
einem Divan nicht unähnlich, und ganz mit ſpaniſchem 


— 8 > 

Mooſe ausgefültt, und gleichfalls mit einer Matte über- 
zogen. Zunächft ver einen Wand ftand eine Tängliche 
Tafel von einfacher Funftlofer Arbeit. Auf derſelben 
Seite hing ein Earabiner von amerifanifcher Arbeit, 
und daneben ein zmeiter ſehr ſchön gearbeiteter doppel⸗ 
läufiger Stuger und eine Jagdflinte. Gegenüber 
waren indianiſche Waffen in zierliher Ordnung ge= 
reiht. Köcher von Dammhirſch⸗ und Alligatorfellen, 
Bogen, Schlahtmeffer und Tomahawks. In ver 
Mitte war eine ziemlich große, Tunftreich verzierte 
Taſche zu fehen, die einer Jagdtaſche nicht unähnlich 
und auf Wampumart reichlich gewirkt, wahrſcheinlich 
die myſteriöſe Medizin des Häuptlings enthielt, bie 
befanntlich von Vater auf Sohn übergeht, und welcher 
der amerifanifche Wilde, als Symbol der Gewalt, 
eben fo viele Ehrfurcht bezeugt, als die europäifchen 
Völker den Sceptern, Tiaren und Kronen ihrer geiſt⸗ 
lichen und weltlihen Herrfcher vor Alters erwiefen. 
Die Dämmerung, bekanntlich kurz in dieſen Gegen⸗ 
ben, war bereitö in Dunkelheit übergegangen, als 
zwei weibliche Geſtalten in die Stube traten. 

„Meine Töchter find ange ausgeblieben ,« fprach 
der alte Dann, ver ſich auf dem ermähnten Tilland⸗ 


4 


—H 99 — 


feafite .niebergelaffen hatte, feinen Kopf in beiden 
Händen ruhend. on 

"Sie haben die Trauben gefammelt, die Vater fo 
fehr liebt,“ erwiederte eines der Mädchen. 

Canondah, denn es war fle, die mit Roſa zurüd 
gekehrt war, nahm nun ein irdenes Geſchirr, füllte 
es mit Trauben, und ſetzte e8 mit zwei andern, beren 
eined getrocknete Hirjchfehinken und das andere ge⸗ 
röftete Maiskörner enthielt, vor ihren Vater. Sie 
goß dann eine Flüffigfeit aus einem irdenen Kruge 
in einen Becher, und reichte viefen gleihfall8 dem 
alten Mann, ver, nachdem er einen Zug gethan, ihn 
wieber zurüdtftellte, hierauf einige Stücke vom Hirſch⸗ 
ſchinken ſchnitt, und eine Hand vol geröfleten Kornes 
nahm. Sein Mahl war eben fo ſchnell geendigt, als 
die Vorbereitungen dazu Turz waren, und in wenigen 
Minuten räumte Cauondah wieder die Tafel. 

„Sind meine Kinder nicht hungrig?“ fragte er 
feine mit Wegtragung der Gerichte befchäftigte Tochter. 

„Ste haben von ven Trauben gegeffen.” 

„Gut!« verfeßte der alte Mann, und legte fein 
Saupt wieder in feine vorige Stellung. Das Mäd⸗ 
hen hatte kaum dieſe Bewegung bemerkt, als fie vor⸗ 


100 æ— 


waͤrts glitt, und, vor dem Häuptling niederfinkend, 
ihre Hände auf ihrem Buſen faltete. Er hatte die 
ſeinigen auf ihre Schultern gelegt, gleichſam als ſeg⸗ 
nete er ſie. So wie ſie die Berührung fühlte, brach fie 
in eine Art melopifchen Sumfen® aus, dad dem Tone 
entfernter Blasinftrumente nicht unähnlih war. All⸗ 
mählig jedoch wurde ihre Stimme lauter und ftärfer, 
wirbelnd überging fie in die wilden leidenſchaftlichen 
Töne ihres Volksſtammes, und wieder in die fanftern 
ber weiblichen Bruft. Als fie eine Weile in ihrem: 
improviftrenden Gefang fortgefahren, ſchien fich ihre 
Begeifterung dem alten Manne mitzutheilen. Er 
beugte fich herab zur Sängerin, und feine Stimme 
pereinte fich mit ver ihrigen in den gemöhnlichen tiefen 
indtanifchen Kehlentönen. Plötzlich hielt fie inne, 
und fragte fingend in den melodiſchſten Tönen nad 
der Urſache der Schmermuth ihres Vaters. 
„Darum,“ fang fie, „ift ver Blick des Miko der 
Oconees trübe, fein Angeſicht verfinftert? Er ift ferne 
von den Gräbern feiner Väter, aber ver große Beift 
ihm nahe; feine Wolken ſchwimmen beſchützend über 
feinem Saupte, ihn verbergend feinen Seinen, auf 
daß fie ihn nicht fehen mögen, bis er erflehen wird in 


—H 101 8 


feinem gerechten Zorne.* Und fie brach aus in eine 
melancholiſche, wild prachtvolle Phantafte, beſtngend 
die Großthaten der Mikos der Oconees auf dem Kriegs⸗ 
pfade und auf der Jagd; dann ſang ſie den Ruhm 
ihres Vaters, ſeine Wunden und Thaten, malte die 
Schlachten, die er gegen die Cherokeeſen und die 
Weißen geliefert, die Gefahren ſeines Zugs über den 
großen Fluß, ſeine kindliche Frömmigkeit, die ihn 
nicht ruhen ließ, bis er wieder die Gräber feiner Bä- 
ter gefehen hatte, und ihren Ton herabfiimmend, rief 
fie den großen Geift an, feinen Pfad von Dormen 
auf ver bevorſtehenden Jagd frei zu halten. 

Es war nicht ein eigentlicder Gefang, fondern viel- 
mehr eine Improvifation; aber- die reiche Melodie 
und die außerorventliche Biegfamfett ihrer Stimme, 
bie von den tiefften Tönen zu den höchſten hinauf- 
wirbelte, und wieder das ſeufzende Lüftchen oder ven 
heulenden Sturm nahahmte, und zuleßt gleich einer 
begeifterten Seherin Troſt wie aus höheren Sphären 


ſprach — alles dieß gab. ihrem Belange eine unbe⸗ 


ſchreibliche Wirkung. 
„Meine Tochter,« ſprach ver alte Mann, „Hat ver⸗ 


—, 1 ⸗— 


geffen, zum Lobe des großen Häuptlings der Cuman⸗ 
chees zu fingen: “ 
„Sie will ihre Töne in fein Ohr wispern, wenn 
"er im Wigwam ihres Vaters ſeyn wird ;« erwie⸗ 
derte ſie. 

»But!a war die Antwort. 

„Und Hat die weiße Rofa feine Zunge, den Ges 
fang der Oconees zu fingen?“ fuhr‘ er nach einer er kleinen 
Pauſe fort. 

Canondah wandte ſich und fühlte mit ihrer Sand. 
Keine Rofa war da. Sie ftand auf,‘ ſuchte herum. in 
der dunkeln Stube, die weiße Rofa war nicht zugegen. 
»Sie ift unter vem großen Baume,“ fagte fle, in- 
dem fie ſich langſam, und wie es fehlen, mit einem 
ſchweren Herzen anſchickte, fie aufzufuchen. | 

Als Roſa mit Canondah ind Zimmer getreten war, 
zog fle fich zum Vorhange zurüd, der, wie bereits 
gefagt, beide Stübchen von einander trennte. Da blieb 
fte angftlich harrend eine Weile ftehen, wahrfchein- 
fi in der Hoffnung, der Häuptling würde ſogleich 
nach feinem Mahle fich zur Ruhe begeben. 

Als Canondah jedoch fi vor ihm nieverließ, und 
in die wohl befannten Töne des Nachtgefanged aus⸗ 


— 18 — 

brach, ſchien fie ihre ganze Befonnenheit zu verlieren. 
Sie ſchwankte vorwärts, rannte zurück — fle zitterte 
und bebte. Endlich eilte fie raſch durch die Tihüre in 
bad: zweite Stäbchen, legte ihr Seidenkleid ab und 
warf fi in ein leichtes Calicoröckchen, nahm dann. 
eine Wolldecke, warf fle über einen Korb, und flahl 
fih ins erfte Gemach. Bitternd war fle an der 
Schwelle angelangt, bebend Hatte ſie dieſe übers 
ſchritten. Ihre Bruft ſchlug Taut, ihre Kniee fihlotter- 
ten, als fie fich der Wand näherte und die myfteriöfe 
Taſche berührte, und endlich durch die Dunkelheit bis 
zur Thüre forttappte. 

Die Bewohner des Dörfchens waren bereits in 
tiefen Schlaf begraben, die Gipfel der Bäume glänz⸗ 
“ten im filbernen Mondlichte gleich Niefengeftalten, 
währenn die Nachtvünfte von dem nahen Wafferfpiegel, 
ähnlich den Geiftern der Vorwelt, in ungeheure Lei⸗ 
chentücher gehüllt, über vie Hütten wellenförmig ſich 
fortbewegten. Nicht eine menfhliche Geftalt war Zu 
fehen. Das Mädchen hielt eine Welle inne und eilte 
dann raſch, gleich einem erſchrockenen Dammhirſche 
vorwärts, dem Pfade zu, der längs ver Niederlaſſung 
dem Walde zuführte. Keuchend und erfchöpft war fie 


= 


5 10 — 


. mit ihrer Bürde vor der Baumhöhle angekommen. 
Da Hielt fie inne für einen Augenblid, ſah fich furcht⸗ 
fam um, ob fie gefehen würde, näherte ſich der Oeff⸗ 
nung und zog fich wieder zurüd. Der Fremde iſt kalt, 
und krank und hungrig, wisperte fie finnend. Und 
mit einem Sage war fle über einen der Blöcke. Der 
Berwimdete fchlief. Sie Fauerte ſich zu ihm herab, 
und flreifte das Moos ab, mit dem er bevedt war. 
Das Blut floß noch immer in großen Tropfen und 
hing in geronnenen Klümpchen am feinenen Tuche. 
Ste löste es behutfam ab, fühlte vie Wunde und goß 
eine flüjfige Subftanz hinein. Ein Schmerzenfihrei 
entfuhr dem Fremden. 

„Stille, ums Himmelswillen ttillet⸗ u bat das Mäd⸗ 
den. „Es ift Balfam, und Balfam aus der Medizin- 
tafche des großen Miko. Er wird Deine Wunde heilen. 
Aber die Bäume haben Ohren, und der Wind bläst 
von unten herauf. Ih bin ed, Canondah ift es,“ 
wisperte flemit einer Stimme, deren Zittern fie fügen 
ftrafte. 

„Es ift Canondah,“ mienerholte fie, indem fie noch 
einige Tropfen Balfams in feine Wunden goß, fie 
dann mit Bandagen ummand und endlich verband. 


— 15 — 


„Hier,« flüfterte fie, nift der Saft von Trauben. 
Hier ift gebratened Fleiſch von unfern Waflernögeln 
und Wildpret. Und dieß wire Dich warm halten,“ 
fuhr fle fort, ihn in die Wolldede hüllend. Noch ein- 
mal wandte fie fich, ald fie am Ausgange ftand, und 
dann Eletterte fie wieder zurück über den Stamm und 
floh. ihrer Wohnung zu. Je näher fie ver Hütte Fam, 
deſto langfamer, ſchwankender wurden ihre Schritte. 
Als fie in Die Laube trat, ſuchte ihr Auge die Geſtalt 
Canondahs. 

„Roſa,“ murmelte die Indianerin. „Was haſt Du 
gethan? Der Mike hat nad Dir gefragt?“ 

„Hier,« erwiederte das Mädchen, ihr athemlos die 
Phiole reichend. 

„Komm!« ſagte die Erſtere, und fie bei der Hand 
faſſend, traten Beive in die Stube. _ 

„Die weiße Mofa hat das Blut von ihren Wangen 
verloren; feit den Tegten zwei Monden find ihre Augen 
mit Waffer gefüllt. Der Häuptling ver Salzſee 
wird file trodinen;“ fprach ver alte Mann. 

Ein tiefer Spufzer entflieg der Bruft des Mädchens. 
Sie begann zu ſchluchzen und laut zu meinen. 

„Die weiße Roſa,“ fuhr der Miko Falt und ruhig 


— 16 — 


fort, „wird das Weib eined großen ſerlegers ſeyn, 
der ihr Wigwam mit der Beute ſeiner Feinde füllen 
wird. Ihre Hände werden nie arbeiten dürfen, und 
fie wird von allen Squaws beneidet ſeyn.“ 

Und mit diefen Worten ſtreckte er feine Schenkel 
auf die Bank, hüffte ſich in feine Wolldecke und legte 
fih zur Ruhe. 

Canondah ergriff Roſas Hand und He fanft mit . 
ſich in das zweite Gemach ziehend, führte fie fle gleich- 
falls ihrem ländlichen Divan zu und drückte fie fanft 
auf dieſen nieber. 

Roſa legte ſich ſchweigend, aber vergeblich bemühte 
fie ſich, ihre Augen zu ſchließen. Die blaſſe, ſterbende 
Geſtalt des Fremden ſtand vor ihrem Blicke, und 
raubte ihr Ruhe und Raſt. Eine Stunde verging 
nach der andern, und ſie war noch immer wach. 
Endlich ließ ſich ein Geräuſch in der Vorderſtube 
hören, das andeutete, daß der Miko bereits aufge⸗ 
ſtanden war. 

Canondah ſprang vom Lager, näherte ſich Roſen, 
bog ſich über das Mädchen, legte ihren Zeigefinger 
auf ihre Lippen, und eilte in ihres Vaters Stube. 

Der Haͤuptling war mit Anſtalten zu einem weiten 


—9 107 — 


Auöfluge befhäftigt, der großen Herbſtjagd nämlich, 
die bekanntlich bei dieſen Staͤmmen mehrere Wochen 
und ſelbſt Monate dauert, und ſich über Landſtrecken 
von Hunderten von Meilen ausdehnt. Seine Vorbe⸗ 
reitungen waren bald getroffen. Er nahm einen großen 
Beutel, mit Tabak gefüllt, einen andern mit Blei, legte 
beide ſorgfaͤltig in ſeine Jagdtaſche, und hing dieſe 
über feine Schulter. Hierauf ſteckte er fein Schlacht⸗ 
menſſer in feinen Gürtel, und nahm den erwähnten 
doppelläufigen Stuger. Ein junger Indianer trat 
herein, dem er Bogen, Pfeile und einen Sad, mit 
Lebensmitteln gefüllt, übergeben ließ. Seine Tochter 
hatte dieß ſchweigend gethan. Sie fland nun mit ges 
falteten Händen und erwartete die Befehle ihres 
Vaters. Dieſer legte feine flache Rechte auf ihre 
Stirne, blidte ihr eine Weile theilnehmend rubig ins 
Geficht — dann ſchienen feine Züge ſich zu mildern, 
die Augen von Bater und Tochter begegneten fich, 
und gleichfam als ob fie ſich verfländigt Hätten, wandte 
fich Exflerer der Thüre zu. 

An fünfzig Männer waren bereits vor der Hütte 
verfammelt, vollkommen gerüftet und bewaffnet. Stille 
und ſchweigend waren fie gekommen; kein Laut, kein 


—) 108 — 
Fußtritt war zu vernehmen geweſen. Kaum war ihr 
Häuptling in ihrer Mitte, als fie eben ſo ſtille ſich 
an ihn anſchloſſen, und mit einer Heimlichkeit der 
Uferbank zueilten, die im Zwielichte beinahe Grauen 
erregte. 

Die Tochter hatte ihren Vater nic weiter als bis 
zur Thüre begleitet, wo ber Wink des Letztern fie 
file ftchen hieß. Horchend ſtand fle eine Weile, bis 
ver leiſe Waſſerſchlag der Ruderer gehört wurde; 
dann ſchloß fie die Thuͤre und eilte ins innere Gemach. 
ı „Sie find gegangen,“ ſagte fle. 

„Dann laß und zum Fremden eilen,” erwiederte 
Roſa. 
nDie weiße Roſa,“ ſprach die Indianerin im mil⸗ 
den aber ernſten Tone, „muß ſchlafen, ſonſt wird ihr 
blafſſes Geſicht verrathen, was in ihrem Buſen be⸗ 
graben iſt. Meine rothen Schweſtern ſind fein und 
verſchlagen, ihre Augen weit offen. Sie würden die 
Spuren leicht finden, die wir geſtern im Rohrfelde 
gelaſſen haben. Ein Mädchen könnte nun den Miko 
einholen. Canondah will nach dem Fremden ſehen; 
aber ihre Schwefler muß ausruhen.“ Sie preßte ihre 


—10 — 


Freundin sanft auf das Lager, und verſchwand hinter 
dem Vorhange. 

War es die ruhige, milde Sprache der Indianerin, 
deren Treue und ſchweſterliche Liebe ihr wohl bekannt 
ſeyn mochte, oder Müͤrigkeit? Roſa fiel nad wenigen 
Minuten in einen tiefen Schlaf. 


Fünftes Kapitel. 
Geht auf die Jagd, ich will bei ihm bleiben. 

i Shalespeare. - 

Der Indianer hat, neben vielen edlen und groß⸗ 
artigen Zügen, die zuſammengenommen ſeinen Na⸗ 
tionalcharakter bilden, und zwar einen National⸗ 
charakter, deſſen moraliſche Höhen und Tiefen bei 
weitem noch nicht gehörig gewürdigt ſind, einen, ver 
ihn minder vortheilhaft Hleivet, und den der Sitten⸗ 
maler feiner Nation gerne vermiffen würde. Es ift 
dieß die auffallend rohe ſelbſtiſche Gleichguͤltigkeit, ober 
vielmehr Fühlloſtgkeit, mit der fie ihre Weiber be> 
Handeln: eine Fühllofigkeit, vie zwifchen ven unglück⸗ 
lichen Geſchöpfen und einem Hausthier nur wenig 

Der Legitime. 1. 9 


9 119 &— 

Unterſchied kennt. Vielleicht Find dieſer Fuͤhlloſigkeit 
einzig und allein jene ſchwarzen Flecken zuzuſchreiben, 
die ihrem häuslichen und öffentlichen Leben den ſo 
widerlichen Stempel thieriſcher Grauſamkeit und 
Unemyfindlichkeit, und hinwider der ſtupideſten In⸗ 
dolenz aufdrücken: ein Stempel, der aus einem ins 
dianiſchen Sittengemälve bloß eine fortgefeßte Scene 
von Grauſamkeiten over eckelhaftem Faulleben bilvet, 
nur felten durch eines jener fanftern Neliefe aufgehellt, 
vie ein höherer Grad von Achtung gegen dad weib⸗ 
liche Geflecht nothwendig erzeugen müßte. Die 
indianiſchen Völkergefchichten haben auffallend be⸗ 
wiefen, daß Nationen, wo bloß die eine Hälfte Men⸗ 
ſcheurechte genießt, Immer nur Wilde oder Barbaren 
fegn werben , und daß jene Reibung im geſellſchaft⸗ 
lichen Leben, mo das Weib dem Manne mit gleichem 
Rechte gegenüber ſteht, zur Veredlung des Gefchlechtes 
unumgänglich nöthig ſey. 

Ein Bolt, Hei dem das Weib auf einer, ihrer 
urſprünglichen Wärbe nicht angemeſſenen Stufe fteht, 
wird jederzeit mehr oder weniger barbarifch feyn, und 
der richtigfte Maßſtab der Aufklärung eines Volkes 
wäre wohl das Berhältnig, in welchem die zweite 


—9 111 6 


Hälfte zur erftern in ihren Privat: und Öffentlichen 
Berhältnifien flieht. Des Weibes Beſtimmung iſt 
meber die des Laflthieres, noch der Sklavin der ſinn⸗ 
lichen Begierden des Mannes — ſie ſoll weder das 
frivole Spielwerk müßiger Stunden, noch die Abgöttin 
feiner thörichten Leidenſchaften ſeyn. Ste ſoll fegn die 
Theilnehmerin an vem Wohl und Wehe ihres Mannes 
— feiner drückenden fo wie erhebenden Gefühleinnigfte 
Vertraute, die Freundin feines Herzens, der Leucht⸗ 
thurm feines Verſtandes, der ihn auf feinem Lebens⸗ 
pfade leitet, der ſchutzende Genius feiner Kinder, der 
fünftigen Generation. Des Mannes ertönteten Sinn 
fol. fte aufregen, und fo wie ſie die beſchützende Bott» 
heit des häuslichen Heiligthums it, fol fie wehren 
Helfen durch Muth und Feſtigkeit, daß Keine verruchte 
Hand ſich an diefem vergreife. Nur die Nation, wo 
das Weib diefed errungen, ſich fo hoch empor ge⸗ 
ſchwungen, — mer fie ift zur Freiheit geboren. Und 
nie wird biefe Göttin einfehren, wo fle nicht ihren 
häuslichen Heerd unbeſchränkt befißen, und dem Ty⸗ 
rannenknecht dad Eindringen in ihr Heiligthum wehren 
darf und kann. 

Es iſt merkwůrdig und unſern Satz ganz beſtͤtigend , 

9 * 


—H 112 &— 


tote bei jenen wilden Stämmen. und Völkerſchaften, 
die allmaͤhlig eine gewiſſe Kufturftufe erreicht, auch 
der Zuſtand des weiblichen Gefchlechtes ſich verbefiert 
bat. Die Weiber der Cherofeefen find bereit3 mehr 
Ehehãlften ihrer Männer als die ver Creeks, und fo 
sihtig und beftimmt ift dieſer Maßſtab, daß Die 
Gränzlinie der Weiberrechte bei ven verſchiedenen 
Nationen. auch die der groͤßern individuellen hrelheit 
und nationellen Kultur find. 

Das Völkchen, von deſſen Nieberlaffung wir im 
vorhergehenden Rapiteleine Schilderung gegeben, war 
gerwiffermaßen auf der erſten Stufe gefellfchaftlicher 
Kultur. Die Morgenröthe war herangebrochen, es 
hatte bereits einen Vorgeſchmack von ven Bortheilen; 
bie Ackerbau und die verſchiedenen Künfte des Lebens 
biefem gewähren, und obwohl dieß bloße Anfänge: 
waren, fo hatten fie doch hereits einen bedeutenden Ein⸗ 
fluß auf das Wohl und Wehe ihrer Weiber geäußert. 
Diefe Weiber waren zwar noch immer ihren Männern 
dienſtpflichtig, fie hatten mit ihren Töchtern Korn zu 
fäen, zu pflügen, umzugraben, zu ernten, ven Tabak 
zu bauen, bie Hirſch-⸗ und Alligatorshäute zu gerben, 
und ihren Cotton zu fpinnen; aber eben die gefteigerten 


—H 113 ⸗— 


Bedürfniffe ihrer Männer, und ein gewiſſes Behagen, 
das im friepfertigen ununterbrodhenen Genuſſe der⸗ 
felben ſich mit eingefhlichen hatte, Tonnte nicht ver- 
fehlen, ihren Weibern in-ihren Augen eine größere 
Wichtigkeit zu geben, die almählig auch größere Ach» 
tung zur Folge Hatte. 

Vielleicht trug der Umftand, daß Canondah an der 
Spitze der zweiten Hälfte dieſes Völkchens ſtand, das 
Seinige dazu bei. Das unbegränzte Vertrauen der 
Männer zu ihrem Vater, und ihre tiefe Ehrfurcht konnte 
fih natürlicher Weife nicht roh gegen feine Tochter 
äußern. Abgeſehen von dieſem Umftande war auch 
Canondah ganz dazu geſchaffen, ihr Geſchlecht im 
Wigwam in eine höhere Stellung zu bringen, und alle 
ihre Handlungen ſchienen zu bemweifen, daß fie dad 
unrichtige VBerhaltniß zwifchen den beiden Gefchlechtern 
nicht nur erkannt, fondern auch darauf ausging, e8 
in’ ein weniger beleivigended umzuwandeln. Das 
‚ Mädchen hatte einen Scharflinn, einen Mutterwig, 
der umter den rothen Naturkindern nicht felten zu fin= 
den iſt .und einen richtigen Takt zur Grundlage hat, 
der fie gewöhnlich ficherer Teitet, als unfere durch 
Penfionsanftalten verfhraubten Figürchen. Mit uns 


—dH 114 & 


erreichbarer Gewandtheit Hatte fie gewußt, jeden Um⸗ 
ſtand zu benußen, der fle auf eine nähere ober ent⸗ 
ferntere Weiſe ihrem Ziele zuführen Eonnte, eine 
gewiſſe wohlthätige Herrſchaft, die fie gleich einem 
Netze über die Männer auszubreiten und mit unver- 
rüdtem Blicke zum Beften ihrer Schweftern zu ver⸗ 
folgen mußte. Sie hatte ihre Erziehung in einer jener 
vortrefflihen Anftalten erhalten, die der philantropifche 
Oberſt Hawkins unfer den Creeks zum Behuf ihrer 
fittlichen und bürgerlichen Bildung errichtet, und Hatte 
fih in vielen Zweigen ver weiblihen Haushaltung 
aufeine Weife vervollkommnet, die flezu einer trefflichen 
Hausfrau auch unter civilifirten Voͤlkern gemacht 
haben würbe. Sie ſtrickte und wob vortrefflich, ihre 
Röcke und Jagdhemden faßen am beften an, ihr Wein 
war wohlſchmeckender und feuriger, als der von andern 
Weibern oner Mädchen gekelterte: ja fie hatte während 
ihres Wohnens unter ven Amerikanern fogar das 
Geheimniß, das unfhägbare Feuerwaſſer zu ziehen, 
glücklich ihren Wirthen abgelaufht: ein Vortheil, 
deſſen Beveutenheit fie vollfommen zu würbigen ver⸗ 
fland, und den fle, als unverbrüchliches Geheimniß, 
nur mit Roſa theilte. Sie hatte hinlängliche Zeit, 


115 = 


ſich unter den Amerikanern aufzuhalten, um ven um» 
geheuren Abſtand zwifchen den Brauen ver Weißen 
und den Squaws ihres Volkes zu erkennen, und ihr 
zartfühlender Scharffinn hatte fie auch richtig auf den 
Weg geleitet, diefem ſchreienden Mißverhältnifie nad 
Möglichkeit Einhalt zu thun. — In jener Hütte war 
fie zu Haufe, und wenn fie vorbeietlte an einer Thüre, 
fo wich fie aud) nicht, bis der Mann fein pflügendes 
ober grabendes Weib abgelöst hatte. Sie belohnte 
die Willigen mit einer Calabaſſe des deliciöſen Feuer⸗ 
waſſers, währenn fie e8 dem Muͤrriſchen oder Wider⸗ 
fpenftigen mit demſelben ſchlauen Lächeln mit reinem 
Quellwaſſer füllte. So hatte fie allmählig die Männer. 
gewöhnt, die Laften ihrer Weiber zu theilen. Sie 
hatte Mittel, Allen zu gefallen und Jeden zu Ienfen. 


Die Morgenröthe hatte faum durch den Wald zu 
ſchimmern angefangen, als die dunkeln Geſtalten der 
Squaws und ihrer Töchter dem Landungsplatze zu⸗ 
eilten, wo einige Stunden zuvor Ihre. Männer und 
Vaͤter ſich eingeſchifft hatten. 

Der Fluß bildet da eine kleine Vuht, ‚in welchet 
die Marine des Stammes, fünf Palmrinde⸗Canoes, 


-d 116 ⸗— 


an Strängen von Wattap ruhig vor Anker lagen, 
Zu beiden Seiten des kleinen Hafens erhob ſich das 
Afer beiläufig zwanzig Fuß Hoch; dieſer Gürtel war 
mit Myrthe und Mangrovgefträud übermachfen, durch 
pie ein Pfad ſich ſchlängelte. | 

Für den Fremdling, der eine ſolche Schaar india⸗ 
niſcher Weiber zum erſten Male gefehen, dürfte ver 
Anblie nicht ohne Interefe geweſen feyn. ‚Die ältes 
sten unter ihnen hatten graue Haare, die in langen 
Flechten roßhanrartig über ihre Schultern hingen, 
ihre mumienattigen Geflchter waren runzlich und bei⸗ 
nahe vertrosfnet, und wenn ihre Züge einen gewiffen 
Stumpffinn verrietben, fo deuteten hinwieder bie 
ſchwarz funkelnden tiefliegenden Augen auf eine Wilo- 
heit, die zu ſchlummern und nur auf eine Gelegenheit 
zu lauern ſchien, um in ihrer ganzen ungezähmten 
Wuth hervorzubrechen. Die Mütter zeigten bereits 
mehr Milde in- ihren Geftchtszügen; auf fle Hatte 
der Verkehr und das, gefellfchaftliche Leben mit ven 
Amerikanern offenbar eine humaniſirende Wirkung 
geäußert; die Mädchen jedoch waren, durchgängig 
wohlgewachſen, viele gragienartig, ihre Kupferfarbe 
nicht viel dunkler als die fonnverbrannten Geſichter 


— 17 — 


ſüdlich europaiſcher Landſchoͤnen, obgleich ihre. Züge 
ungleich mehr Ruhe und Beſonnenheit ausdrückten, 
und, wären es nicht die hervorragenden Backenknochen 
geweſen, welche die meiften entflellten, jo könnten fie 
ald Mufter für den Bildhauer gebient haben. Ste 
trugen kurze Calicorockchen, die ihnen bis über 
die Kniee gingen, um den Nacken jedoch hatten bloß 
wenige eine Bekleidung, alle hatten Mocaſſins und 
ſilberne Ohrringe. Nachdem die weibliche Partie 
ſich verſammelt hatte, theilte die ältefte Squaw ſie in 
drei Gruppen, deren jede einen beſtimmten Antheil 
an der Arbeit erhielt, von welcher wir nun eine 
nähere Beſchreibung geben wollen. Es mar der Bau 
eines Balmenrinde-Ganoes. 

Die erfte Abtheilung hatte Furze Pfähle abzuſchnei— 
den und in der Entfernung von einem und einem 
halben Fuße in die Erde zu treiben, To daß ihre An⸗ 
zahl beiläufig vierzig wurde. 
Die zweite nähte Stüde ver Palmenrinde mit 
Wattap zufammen, hing fle dann auf die Pfähle, 
und befeftigte fle daran fo, daß die Rinde Iofe hing 
und den beiden aufrecht gehaltenen Dedeln eines 
Buches ähnelte, deſſen Rücken abwärts gekehrt ift. 


—dH 118 &— 


Die dritte Abtheilung Hatte Querhoölzer zu fehen, um 
fo ven Rand auszupreffen und dem obern Rahmen die 
Form zu geben, welche dad Gange erhalten follte. Dies 
felbe Abtheilung fegte dann die Rippen und. legte bie 
Bekleidung in breiten Streifen zwifchen viefe und die 
Rinde, während eine Anzahl von Mädchen die Rippen 
und Rinde herauspreßten, und fo dem Boote Tiefe 
und den Seitenmänden Geflaltung. gaben. Nachdem 
das Werk fo weit vorgerüct war, Iegten fie Gewichte 
und Steine auf den Boden der Rippen, die früher 
im Waffer erweicht worden waren, und dann ließen 
fie da8 Ganze trodnen. Währenn ver Arbeit, die 
eine Stunde gedauert haben mochte, war däs tieffte 
Stillſchweigen beobachtet worden. Es war kein Lachen, 
fein Schädern zu hören, fein Umbertreiben zu fehen. 
Jede verrichtete pie ihr angewiefene Arbeit, ohne einen 
Laut von fich zu geben, und die Einzige, die etwas 
mehr Breiheit fich heraus zu nehmen fhien, war Ga« 
nondah. Das unruhige Mädchen fhlüpfte unter ven 
düftern Wefen mit der Miene eines verborbenen 
Kindes umber, wisperte hier einem Lieblinge einen 
Scherz ind Ohr, zifchelte dort einer Andern zu, und 
Half .einer Dritten, over zwang einer Vierten ein 


—, 119 


ruhiges Lächeln ab. Als die Weiber ihre Arbeit 
verrichtet hatten; trennten fie fich auf biejelbe pille 
düftre Weife. 

Canondah trippelte aufihres Vaters Hütte zu. Sie 
fand Rofen noch immer ſchlafend. Ein liebliches 
Lächeln fpiekte um den Mund des reigenden Kindes, 
und ihre zarten Lippen bewegten ſich. Die Inpianerin 
bog fih herab auf pas entzückende Weſen, und Eonnte 
nicht wiberftehen, einen Kuß auf ihren. Mund zu 
drüden: Rofa öffnete die Augen. „Canondah,“ 
ſprach fie, viefelben reibend, „ich hatte einen böfen, 
böfen Traum. Wir beide. fanden in einem tiefen, 
tiefen Thale, der Fremdling auf dem Berge — er 
Tehrte und den Rüden. Haft Du ihn gefehen? Und 
iſt er nicht mehr Frank? Und fleht er nicht mehr fo 
bleich aus, und zittert er nicht mehr fieberifch? Und 
bat er von den Brüchten gegeffen, und von dem Weine 
getrunfen?« ‘ 

„Roſa,“ verfeßte die Indianerin mit einem ſchlauen 
Lächeln, „hat nicht fo-viel diefe Tehten zwanzig Sonnen 
gefragt. Der Fremde iſt unter dem großen gefallenen 
Baume. u * 

"Aber wie kam er dahin?“ 


—— ID ⸗— 


«Die Schultern Canondahs trugen ihn.“ . 

„Und die Spur, die wir zurüdgelafien, und bie 
große Schlange, und das gebrochene Rohr,“ ſprach 
das llebreizende Kind, in mädchenhafter Verwirrung 
erröthend über die unſchuldige Verſtellung, mit der 
ſie ihre Freundin zu täufchen fuchte. 

Die Indianerin, die ein Ueberſchuß von ſechs Jahren 
vor Rofa ohne Zweifel ein wenig mit den Stratagemen 
bekannt gemacht hatte,. deren eined ihre Freundin fo 
eben auf fie anzuwenden willig ſchien, brad in ein 
lautes Gelächter and. „Seht einmal,“ rief fie, „wie 
bie weiße Roſa zu Tügen gelernt hat in Einer Nacht. 
Sie fpriht zu ihrer Schweſter von der Fährte und 
dem gebrochenen Rohre, um daß fie ſich gerade fo viel 
fümmert wie der Mifo um Glaskorallen, während 
ihr Herz bei dem Fremdlinge iſt. Canondah wird bie 
weiße Roſa daiür züchtigen. * 

„Und wundert fih Canondah,« frug die Lebtere 
im fanften Tone, „daß ihrer Schwefter Herz bei dem 
Anblid eined weißen Bruders höher ſchlaͤgt? Würde 
Canondahs Herz nicht auch Elopfen, wenn fie, unter 
den Weißen lebend, plöglih einen Bruber ihres 
Stammes, ihrer Farbe fühe?« 


— IM ⸗— 


Die Indtanerin flarrte fie mit offenen Augen an. 
Und fehnt fi meine Schwefter zu ben Weißen 
fragte fie geſpannt. 

Des Mädchens Haupt war auf. ihr Kiffen ge 
funten, fie weinte. Die Indianerin fprang an fie 
heran und ſchloß fle in ihre Arme. „Canondah wii 
ihrer Rofa viele viele Freude machen; aber fie barf 
nicht betrübt ſeyn, fle darf nicht zu den Weißen, Ca⸗ 
nondah könnte nicht ohne fie leben. Aber komm;“ fuhr 
fie fort, indem ſie ihr ein Calicokleid Hinhielt, „Mofa 
muß heute dieſes nehmen,/ und die Same betrügen 
helfen.“ 

Das Maͤdchen fhlüpfte feufgenb in das Meberröit« j 
hen, warf ein Tuch um ihren Bufen, trippelte vor 
die Hütte, vor der ein klarer Duell fprudelte, und 
fehrte Tieblich wie die Morgenröthe in das Stübchen 
zurüd, um mit der Freundin ihr Frühſtück zu verzehren. 
Zwei Körbchen mit Trauben gefüllt, Kuchen von 
indianifhem Korn und eine Schale Mild. Rofa 
fhien mit Ungeduld in ber Hütte zu verweilen; aber 
die Indianerin ſchwieg hartnädig flille, und kaum 
batte fie ein paar Biffen gegeflen, 1 Nine fr 
allein zur Thüre Hinaus. 


—, 13 > 


Rofa ſetzte fich feufgenn zu einen Kleinen Tiſchchen, 
auf dem ihr Arbeitszeug lag: ein. Stüd Seidenzeug, 
defien Hierſeyn wohl Befremden erregen Eonnte. 

Es war ein Stüd -andgefuchten Gros. de Naples, 
das bereits zu einem Kleive zugeſchnitten war. Drei 
Stunden mochten verflofien ſeyn, als die Inbianerin 
zurüdffehrte; ein zufriedenes tie fpielte um ihren 
Mund. 

. „Wir haben ein Cande gebau, während Roſa 
ſchlief, “ ſprach fie, „und Fe muß mitgehen, und unſre 
erſte Fahrt fehen.“ 

Beide Mädchen gingen ſofort dem Fluſſe zu, wo 
ſich die Squaws und Mädchen neuerdings verſammelt 
hatten, und bloß auf die Tochter des Häuptlings 
warteten, um ihre Urbeit zu vollenden. Sobald vie 
beiden Mädchen am Ufer angekommen waren, riſſen 
die Squaws die Pfähle, an welche das bereits fertige 
Canoe befeftigt war, los, und alle Hände waren bes 
Thäfttgt, die Oeffnungen mit Gummi auszufüllen. 
In einer halben Stunde war dieſes gethan. Die Alte, 
die das Ganze geleitet hatte, überfah nun noch ein= 
mal die einzelnen Theile, und als fieihr „Out“ aus⸗ 
geſprochen hatte, winkte Canondah vier Mäpchen, 


1) 


— 13 


die fogleih das leichte Fahrzeug ergriffen und es 
dem Waſſer zutrugen. Sie felbft, mit drei Gefpie- 
linnen, hatten fih mit Rudern verfehen, un fie 
fptangen, als der Kahn ind Waſſer geſetzt wurde, in 
denſelben. 

„Roſa,“ rief die Indianerin, ‚if ein wenig furät- 
ſam, und muß deßhalb zurückbleiben; aber das nächfte 
Mal, wenn das Canoe em bricht, wird ſie mit uns 
kommen.“ 

Das Fahrzeug hatte Pe mzwiſchen, einer leichten 
Feder gleich, in ſchaukelnde Bewegung geſetzt. Ein 
einziger Ruderſchlag war hinlänglich, es weit in den 
Strom hinauszutreiben. Die Indianerin ergriff nun 
mit ihren Geſpielinnen bio Ruder. 

Nichts konnte der Geſchicklichkeit und Grazie gleich— 
kommen, mit der Die Mädchen ihre Ruder handhabten. 
Sie faßen im Hintertheile des Kahnes, und, dad 
Ruder ind Wafjer ſenkend und ihre Körper vorwärts 
biegend, brachten file es ſchnell in eine parallele Linie 
wit ihrer Schulter, wandten die Schneive der Strö⸗ 
mung zu, und gewannen fo bie nöthige Richtung. 
Die Art des Ruderns der Eingeborenen in biefen 
Gegenden unterfcheinet fih von dem gemeſſenen Ruder⸗ 


14 ⸗— 


ſchlage ber Amerikarier, und iſt der Bewegung ber 
Waſſervögel nit unähnlih. So wie die Ente ihren 
Fuß mit einem kurzen Stoß vorwärts wirft und dann 
zurückzwingt, mit eben fo vieler natürlichen Behen- 
digkeit behandelten die Mäͤdchen ihre Ruder. Zuerſt 
fuhren fle eine kurze Strecke firomaufwärte, wandten 
fich dann und flogen mit Blitzesſchnelle abwärts, 
wandten fich wieder, und trieben fo 'eine geraume 
Zeit ihr Spiel. Die andern Kähne hatten fich mittler⸗ 
weile gleichfalls mit Mädchen gefüllt, und die ſechs 
Schiffchen fehienen nun ernſtlich Willens, fi in ein 
Wettrudern einlaffen zu wollen: Zuerft ſtellten fie 
fi in eine Linie, und als mit lautem Rufe von dem 
Truppe der Squaws am Ufer das Zeichen gegeben 
wurde, ſetzten ſie ihre Hände in Bewegung. Es war 
jedoͤch bald zu erſehen, daß das neue Canoe die Ueber⸗ 
hand gewann. Ehe die übrigen den ziemlich großen 
Bogen, den hier der Fluß bildet, verlaſſen hatten, 
war es bereits weit in der Strömung, die unmittelbar 
darunter anfängt, vorangeeilt. Plötzlich wurde ein 
ſcharf durchdringender Schrei gehoͤrt. Noch einen 
Augenblick wurde das Canoe von den andern geſehen, 
und dann verſchwand es zwiſchen dem Rohre. Bon 


— 15 — 


allen fünf flieg nun ein gleich durchdringender Schrei 
aus, der für die Mädchen und Weiber am Ufer das 
Signal zu einem um fo ſchnellern Wettlaufe wurde, 
als Aengftlichfeit und. Neugierve die fpornende Ver⸗ 
anlafjung waren. | 
Roſa war finnend da geflanden. Sie hatte wohl 
einen Schrei gehört, aber fie wußte nicht woher er 
kam. Nun hatte fie ih vom Strudel mit fortreißen 
laffen, und war fo viel ald möglich geeilt, mit ven 
Vorderſten gleihen Schritt zu halten. Auch war e8 
ihr eine Zeit lang gelungen, fo lange nämlich als die 
Richtung, die die laufenden Weiber nahmen, nicht 
ganz deutlich war. Als aber die Vorderſten die Lich- 
tung bereits überfehritten und den befannten Pfad 
einfchlugen, begann ihr Herz zu pochen. Immer 
langfamer wurden ihre Schritte, ihre Füße ſchienen 
ihr den Dienft zu verfagen, und fle mußte einige Zeit 
inne halten. Daß es dem Yremdlinge galt, deſſen 
war fie gewiß. Aber warum hatte Canondah die 
Squaws felbft auf die Spur gebracht? Sie feuchte 
zitternd dem Pfade entlang, wo fie endlich, am Cot⸗ 
tonbaume angelangt, Weiber, Mädchen, Jünglinge 
und Knaben verfammelt fand, die Jüngern voll Ver⸗ 
Der Regitime. P 10 


—H 126 &— 


wunderung, bie Alten mit finftrer Miene ven Fremd⸗ 
ling anftarrend. 

Ein dumpfes Gemurmel, das ſich erhob. und flärker 
und flärfer wurde, fchien eben Fein ſehr günftiges 
Vorbedeutungszeichen der Gaſtfreundſchaft ver rothen 
Weiber für den Jüngling, der, auf ven Baumſtamm 
gelehnt, feine Augen noch immer gefchloffen hatte, 
allem Anſchein nad unbeirußt veffen, was un ihn 
herum vorging. Der Teppich und dad Halstuch waren 
jedoch verſchwunden, und’ feine Wunde lag ven Blicken 
der Menge offen. 

„Seht,“ ſprach Canondah, die mitten im Kreife 
der Squamd und Mädchen fland, „ver Häuptling 
der Salzſee hat einen Boten in feinem Canoe gefandt, 
und die große Waflerfchlange hat ihn gebiffen.“ 

Sie warf dieſe Worte mit einer Zuverficht hin, die 
allem, was fie fprach und that, jenes beftimmte Ge⸗ 
präge gab, dem man nicht Teicht winerfprechen konnte. 
Mit der nämlichen Offenherzigkeit erzählte fie, daß 
fle in ihrem Wettrennen bis zur Stelle gefommen, 
wo ber Fremde ed verfucht hatte, fih dem Ufer zu 
nähern. Ob jedoch fie felbft ihre Gefährtinnen auf 
die zurückgelaſſenen Merkmale feines Zerfußged aufs 


—dH 137 &— 
merkſam gemacht, ober ob vie drei Mädchen mit ver 
den Indianern eigenen Scharffichtigfeit Die Entdeckung 
gemacht, war noch immer zweifelhaft.. Diefe erzählten 
jedoch ganz unbefangen die gemachte Entdeckung, wie 
der Jüngling fih mühſam dur die Palmettofelder 
gezwungen, und erfchöpft am Baume nievergefunfen 
ſeyn müſſe. Einige des alten Squaws hatten den 
Bericht ſchweigend, aber mit einer Miene-angehört, 
bie nichts weniger als Ueberzeugung auszufprechen 
ſchien. Sie hatten ihre Blicke auf die Erde gerichtet, 
und mehrere waren felbft in ven Bruch eingebrungen. 
Canondah, ohne fie der geringften Aufmerkſamkeit zu 
würdigen, winfte einigen Mädchen eine Handbahre 
zu bereiten, und ihre Worte hatten ſogleich die ge= 
wünfchte Wirkung. Die alten Squaws, ferneres 
Nachſpüren aufgebenn, beeilten fih ven Mädchen 
vorzufommen. Sie fehnitten zwei Stamme mit ihren 
langen Tafchenmeffern ab, Tegten über dieſe Palmetto= 
flangen und belegten fie mit ſpaniſchem Mooſe. Ca⸗ 
nondah lächelte freundlich den alten Squaws zu, ſie 
bedeutete ihnen, den Fremdling auf dieſe Bahre zu 
legen: ein Wink, der unverzüglich und mit einer 
Schonung ausgeführt wurde, die dem Leidenden auch 
410*® 


— 1 
‚nicht die geringflen Schmerzen zu verurſachen ſchien. 
Ehe fih ver Zug in Bewegung ſetzte, hatte fie Roſa 
zugeflüftert: „Mein Bruder ift krank und wund, ich 
empfehle ihn ver Sorgfalt feiner Schwefter,“ und 
dann verſchwand fle mit ihren Gefährtinnen im Pal- 
mettofelve, dem Fluſſe und ihren Canoes zueilend. 

Roſa, noch immer halb träumend, näherte fi num 
der Bahre, bie, von ven Trägerinnen gehoben, ſich 
in Bewegung ſetzte. Der Zug ging ſchweigend und 
ohne Gefährde dem Dörfchen zu. Vor einer Hütte, 
die etwas zurück von den übrigen dem Waldesabhange 
näher lag, und deren Herabgelaffene, forgfältig be- 
feftigte Buffaloehaut ihr Leerſeyn bebeutete, wurde 
Halt gemacht. Canondah fand bereits vor ber Thüre; 
auf ihr Geheiß Tießen die Trägerinnen ihre‘ Bürde 
nieber. 

„Roſa,“ ſprach die Indianerin, „muß hier. warten, 
bis Canondah mit den Squaws gefprochen; und ab⸗ 
wärts tretend, verfammelte fie Die Weiber in einen 
Kreis, und eröffnete eine kurze Berathſchlagung in 
Hinficht des Fremdlings. Man hatte fie ſchweigend 
angehört, und ihr überlaffen, nad) Gutbefinden darin 
zu handeln. Sie dankte den Squaws mit würdevollem 


120 9 


Anſtande für ihr Vertrauen, und befahl dann zweien 
der Älteften Weiher die Thüre oder vielmehr die Bufs 
faloehaut zu Öffnen, die in das Innere der Stube 
führte. Als dieſes geſchehen war, trugen fie ven Ver- 
„wunbeten hinein, und legten ihn auf ein dem oben ° 
befchriebenen Tillandſea⸗Divan ähnliches Lager. Er 
zitterte am ganzen Leibe. Ein heftiged Wundfleber, 
Hatte ihn ergriffen, zu dem wahrſcheinlich in der legten 
kühlen und naffen Nacht das Falte hinzugekommen war. 
Nah Berlauf einer halben. Stunde trat endlich 
Ganondah wieder in die Hütte, begleitet von einer 
grauen‘ Squaw, die mühfam und mit langfanıen 
Schritten fih dem Lager des Verwundeten näherte. 
Sie befah ihn einige Augenblicke vom Kopfe bi zu 
den Füßen, Tieß ſich dann auf das Moos nieder, hob 
feine Hände, unterfuchte feinen Puls, und faßte dann 
das verwundete Knie, an dem fie die Wunde mit der 
Aufmerffamfeit eines praftizirenden Arztes unter- 
ſuchte. 
„Morgen wird das Fieber verſchwunden ſeyn; 
aber,“ ſetzte fie hinzu, und ihr hohles, düſtres Auge 
ruhte forſchend auf Canondah — „wie iſt der Saft 
der großen Medicin in ſeine Wunden gekommen?“ 


J 


„Der Häuptling der Salzſee,“ verfee Canon⸗ 
dah bedeutſam. 

„Hat feinem Boten doch nicht-von feiner Medlcin 
mitgegeben?# Sie beſah mit dieſen Worten neuerdings 
die Wunde, und ſchuttelte ſtärker ihr greiſes, rung», 
liches Haupt. „Der Balſam iſt der des Mikos,“ 
ſprach fie bedenklich; „aber es war weder der Miko 
noch ſeine Tochter, die ihn in die Wunde gegoſſen. 
Es iſt die verruchte, ungläubige Hand einer Weißen. 
Winondah ſieht, daß der große Zauber nicht aus⸗ 
geſprochen, und daß die große Medicin zum Gifte 
geworden. Ihr Blick fiel durchbohrend auf Roſa. 

Canondah hatte betroffen vie Testen Worte anges 
hört. „Und warum follte der Häuptling der Salzſee 
nicht vom Balfam Haben, den der große Geift ven 
Bätern des Mifo gegeben? Er ift ein großer Häupt⸗ 
ling und vor ihm zittern die Weißen.” 

Die Alte [chüttelte ihr Haupt. „Der Häuptling 
der Salzſee ift ein Weißer; der große Geift Hat 
‚ zweierlei Gaben. Den Weißen hat er bie geringern 
gegeben, ven auserwählten rothen Männern die bei- 
fern; die Medicin des Miko,“ ſprach fie zuverfichtlich, 
nift die eines fehr großen Häuptlings.“ 


— 131 — 


nGanonvah,“ ſprach das Mädchen, „hat die Spur 
des Boten des Freundes ihres Volkes geſehen, und 
iſt ihr gefolgt. Sie hat den Fremdling gefunden und 
hat ihn auf den Math ihrer klugen Schweſtern in die 
leere Hütte ihres Wigwams geführt. Soll er ver⸗ 
ſchmachten, weil eine Medicin in ſeinen Adern iſt, 
die eine unbekannte Hand hineingoß? Was würde 
der Miko, was der Häuptling der Salzſee ſagen?“ 

„Canondah Hat Recht,« ſprach die Alte; „ſie iſt 
die kluge Tochter des großen Miko, und ſieht mit 
hellen Augen. « 

„Und ihre Hand,“ fehte das Mädchen bedeutſam 
hinzu, wift nicht geballt, und ihre Calabaſſen mit 
Feuerwaſſer find nicht gefchloffen. « 

Ein ſchlaues, beifälliges Lächeln grindte, als fie 
diefe Worte hörte, um den Mund der Alten. Sie 
nidte mit dem Kopfe und entfernte jich. 

Die beiden Mädchen waren allein mit dem DVer- 
wundeten in der. Hütte geblieben und faßen nun in 
tiefed Sinnen verfunfen. Unſre Lefer mögen die Urs 
fache dieſes Sinnens vermuthen. Wirklich hatte dad 
raſche Mitleid Roſa zu einer That verleitet, die, ob⸗ 
wohl fie ihrem Herzen zur Ehre gereichte und einer 


— 13 


Meißen ganz natürlich vorfommen mochte, in ven 
Augen einer Invianerin Hochverrath war. "Sie hatte, 
im Drange ihrer Angft um ven Verwundeten, Sand 
an dad Heiligthum des Stammes, die myſteriöſe 
Mevicin, gelegt, hatte von dem Heiligthume, daß 
felbft der Miko nie ohne religiöfe Vorbereitung in 
die Hand nahm, frevelhafter Weiſe Gebrauch ge- 
macht. Eine ſolche Entheiligung Hatte felbft Canon⸗ 
dah in Schreden verfebt. Die Bolgen davon konnten 
fürchterlich ſeyn. | 

Es waren peinlihe Minuten für die arme Rofa. 
Dem düftern Schweigen machte die Anfunft der Alten 
ein Ende, die, eine dampfende Galabafle in ihrer 
Rechten und einen irdenen Becher in ihrer Linken, 
fih dem Verwundeten näherte, und ihm, den beide 
Mädchen aufgerichtet hatten, ein heißes braumes 
Getränke in den Mund goß. Zweimal füllte fie ven 
Becher und Ieerte ihn. Dann hüllte fie ihn in die 
Wolldecken, und zog fi zurüd, die Wirkung ihrer 
Medicin zu beobachten. Es dauerte nicht lange, fo 
zeigten fih große Schweißtropfen an feiner Stirne, 
auf die fie Canondah mit einem ſchlauen Winfe auf- 
merffam machte. Diefe nickte, entfernte fich mit der 


—H 133 ⸗— 


geleerten Calabaffe, und kam in wenigen Minuten 
wieder mit derfelben zurüd. 

„Bon den Augen zur Zunge ift e8 nicht weit,“ 
ſprach das Mädchen, ver alten die volle Calabafſe 
entgegenhaltend. „Will meine Mutter ven Weg ver- 
längern, fo daß die letzte vergißt, was die erſtern 
gefeben ?* 

Die Alte grindte die Sprecherin mit einem zweifel⸗ 
baften Blide an. 

„Canondah,“ fuhr das Mädchen fort, wift bie. 
Tochter des Miko, fie bewacht feinen Wigwam. Karn 
das Auge Winondahs wiffen, was in Diefem vorges 
fallen iſt?“ 

Die Alte ſchwieg noch immer. 

»Banondah will ſelbſt mit dem Mifo ſprechen.“ 

„Die Augen Winondahs haben gefehen, ihre 
Nafenlöcher haben gerochen, aber ihre Zunge ift 
nicht die eines geſchwätzigen Mädchens. Sie weiß zu 
ruhen. Sie liebt die Tochter des Miko fehr. “ 

„Und Canondah wird die Galabafle noch zweimal 
füllen;“ ſchloß das Mädchen. 

Ein freudiges Grinſen bezeugte die Zufriedenheit 
der Alten, die ſofort die Stube verließ. 


9 134 — 


. Die Unterbaltung Hatte auf dem Geſichte der In⸗ 
Dianerin einen Ausdruck von Ernft zurüdgelaffen, 
der fih durch ein tiefes, beinahe finfteres Schweigen 
beurfundete. Nach einer langen Weile ergriff fie vie 
- Hand ihrer Freundin, und Beide verließen nun die 
Hütte, um nach der ihres Vaters zu gehen. 

„Roſa!« ſprach die Eritere, als fie auf der Moos⸗ 
banf in ihrem Stübchen wieder Pla genommen 
hatten, „Canondah Hat die Augen der Squaws ge⸗ 
blendet, um ihrer Schwefter ein Freudelächeln abzu⸗ 
gewinnen. Sie hat den Feind ihres Volkes und des 
Häuptlings der Salzſee in das Wigwam ihres Vaters 
aufgenommen, den Späher.“ 

„O meine Canondah,«“ rief Roſa, „ſieh doch, wie 
das Auge meines Bruders offen iſt. Iſt ſein Auge 
treu, kann ſeine Zunge wohl falſch ſeyn? Sieht er 
einem Feinde unſres Volkes wohl ähnlich?“ | 

n Deine Schwefter ift fehr jung, und fie kennt nur 
fehr wenig unfre Feinde, die Dengheefe. Sie jenden 
ihre jungen Männer in die Wigwams der rothen 
Männer, um ihre Heerden, ihr Korn, ihre Buffaloe= 
felle zu zählen, und wenn fie wieder zu ven Ihrigen 
fommen, dann zeigen fie ihnen die Pfade, Die zu der 


—H 135 6 


Rothen Dörfer führen, und dann kommen fie und 
nehmen unfer Vieh und Korn, und lachen ver rothen 
Männer.“ Ä ' 

„Und denkt meine Schwefter,” erwiederte Nofa 
fhüchtern, „daß der Fremdling einer diefer Spione 
ift zu 

Die Indianerin fhüttelte ihr Haupt bedenklich. 
Hat er nicht die Augen und Haare eines Yankee? — 
Sieh Schmwefter!« fuhr fie nach einer Weile fort, 
„Canondah Hat ihre Hand in Freundfchaft dem Frem⸗ 
den entgegengeftredit, als fie ſah, daß das Herz der 
weißen Roſa fih nah ihm fehnte, aber die Tochter 
des Mifo hat nicht gehandelt wie fie follte. Sie hat 
bie Naht zwifhen den Mifo und ven Srembling 
geſtellt, und nun nimmt fie ihn in ihres Vaters Wig- 
wam, nachdem diefer ven Rücken gekehrt?“ 

„Über er würde im Walde geftorben feyn,“ ver- 
feßte die Andere. „Sieh, wie der Fieberfroft feine 
Glieder ſchüttelt. Die Morgen- und Nachtluft ift 
fehr fühle und der Nebel fehr feucht.“ 

Und der Miko?“ verfegte nie Indianerin gefpannt. 

„Wird feine Kauft nicht gegen einen Bruder ballen, 
dem feine Tochter ihre Hand entgegenftredt.“ 


—) 16 — 


„Wenn aber feine Tochter eine Thörin gewefen, 
und ihre Hand einem Veinde ihres Volkes gereicht, 
wird dad Auge des Miko nicht finfter auf feine Tochter 
fallen ?” 

„Und muß er von dem Fremdlinge wiflen?“ Iißpelte 
Roſa ſtammelnd, ale fürchteit fie das Wort auszu⸗ 
ſprechen. 

Ein fluͤchtiges Hohnlächeln flog über die Lippen 
und verzog für einen Augenblick das edle Geflcht ver 
Indianerin. „Der Miko der Oconees,“ ſprach fle 
mit einer leichten Anwandlung von Stolze, „riecht 
den Athem eines weißen Mannes zehn Tage, nachdem 
er ihn ausgeathmet, und erfennt die Spuren feiner 
Zußtapfen zwanzig Tage, nachdem fie dem Grafe 
eingebrüdkt find. Canondah mag die Squamd täu- 
fen, aber nicht ven Miko. Und hat Roſa, „fuhr fe 
fort, ihren Blick auf die Breundin richtend, „hat die 
weiße Roſa nicht gefehen und gehört, was der alten 
Winondah Zunge und Augen fpraden? Sie follte 
nit ihre Hände gelegt haben, wo dad Seiligthum 
des Mifo verwahrt iſt;“ ſprach fle mit ernftem Tadel. 
»Die Zunge Winondahs ift befänftigt, Aber die der 
Squaws gleichen den Eichhörnchen, die in ewig 


thörichter Bewegung umberfpielen. Und wenn fie 
ihren Männern fagen, was ihre Augen gefehen, werden 
die Krieger nicht ind Ohr des Miko wispern? und 
ſoll die Tochter Tokeahs vor ihrem Vater als vine 
Lügnerin vaftehen? Nein, nimmer!“ fprad fie ent- 
ſchloſſen. „Canondah liebt die weiße Roſa fehr, aber 
ihren Vater muß fie nicht betrügen. Iſt der junge 
Mann ein Späher, abgefandt von Dengheefe, fo 
wird ihr Bater fehen.“ 

„Und mein Bruder?“ unterbrach fie Roſa mit 
zitternder Stimme. 

„Wird zu fterben wiſſen; « befchloß die Indianerin 
feft und beftimmt. „Uber ver Fremdling wird hungrig 
feyn und Canondah muß für ihn ſorgen.“ Mit viefen 
Worten erhob fie fih von ihrem Sige und eilte aus 
der Hütte. 

Ganondah war, wie unfere Leſer erſehen, eine 
Indianerin im vollen und, wir mögen hinzuſetzen, 
edelſten Sinne des Wortes. Sie lebte und webte in 
ihrem DBater und ihrem Volke; aber zugleich hatten 
ihre angebornen fanftern Gefühle durch die Reibung 
mit den Meißen eine beftimmte Richtung erhalten, 
und ihre indianifche Natur trat gewiffermaßen ver⸗ 


- 18 æ— 


ſchönert hervor, und ganz mit jener Geiſtesſtärke, 
die wir an ihr bereits zu bemerken Gelegenheit ge⸗ 
funden, und die allem ihrem Thun und Laffen das 
Geyräge einer feltenen Berftandesfchärfe gab. Roſa 
im Gegentheile war noch mehr Kind, eine fehöne, 
dem Anſchein nad) pafflve Seele, die ſich ohne Murren 
der Leitung ihrer Altern Freundin überließ, gewiß 
nicht aus Geiſtesſchwäche over Indolenz, fondern 
vielmehr angetrieben von jenem lieblichen Zartſtnn, 
der Andern das fehmeichelhafte Gefühl von Ueber⸗ 
legenheit fo gerne gönnt. Die Meberlegenheit Canon⸗ 
dahs, weit entfernt, fie zu verwunden, erfüllte fie 
mit Wonne; es war ein Tribut ver Dankbarkeit, 
den fie der Indianerin wahrfcheinlich auf dieſe Weife 
zollte. Und vielleicht Hatte eben dieſe zarte und in 
ihrer age nothwendige Ergebung, mit ver fle fi in 
die beſtimmt auögefprochene Leitung der Tochter des 
»Miko fügte, mehr als felbft ihre ausgezeichnete Schön- 
heit beigetragen, daß fie nicht bloß das Entzücken 
der Tochter, fondern auch die Freude des Falten Va⸗ 
ters geworden war. 

Der Mond ftand bereitö Hoch, als eine leichte Be— 
wegung des Verwundeten anzeigte, daß er erwacht 


- 139 e— 


fey; zu feinem Haupte faßen die beiden Mädchen und 
die Alte. in brennender Cederſpan verbreitete ein 
zitterndes Hellbunfel über dag Stübchen. Die Leg» 
tere. hatte Faum die Bewegung am Kranken wahre 
geronmen, als fie auf hiefen zueilte, und, fein Haupt 
erfaſſend, ihm in die Augen flarrte. Dann fühlte fie 
feinen Puld, und den Schweiß von feiner Stirne 
wiſchend, beobachtete fie forgfältig bie etwas hellere 
Farbe ſeines Geſichtes. 

„Das Fieber iſt gewichen, die Wunde weiß Canon⸗ 
dah zu heilen; « und mit dieſen Worten verließ fie die 
Stube. ® 

Auf den jungen Mann, der nun zum erſten Male 
feit ſechs und dreißig Stunden wieder die Augen 
aufihlug, ſchien das triumphirende Grinſen der 
verdorrten düſtern Alten nicht den günftigften Ein- 
druck hervorzubringen. Canondah jedoch, als hätte 
ſie dieß vermuthet, trat ſchnell an ihre Stelle und 
rückte einen Stuhl an fein Lager, auf dem einige Er⸗ 
frifhungen flanden. ine junge wilde Ente, auf 
indianifche Weife unter dem Raſen geröftet, mit 
friſchen Waͤlſchkornkuchen. Roſa hatte einen Becher 
mit Wein gefüllt, ven ihm die Indianerin gleichfalls 


—9 10 ⸗— 


reichte, nachdem fie ſich auf ihre Kniee nievergefauert 
und ihn dann in eine fitzende Stellung gebracht hatte. 
Seine Lippen verzogen ſich krampfartig beim erſten 
Verſuche und er ſtieß den Becher beinahe mit Gewalt 
zurück; aber es währte nicht lange, fo überzog eine 
leichte Roͤthe fein Geſicht, und feine Hand griff wieder 
nad dem Becher. Hierauf nahm er ein Stüd von 
der Ente und dem Kuchen. 

Die Indianerin verwandte kein Auge von ihm, 
ihr Blick folgte jedem Biffen, den er zum Munde 
führte. Beinahe ſchien ed, ald ob das Mädchen et» 
was Näheres vom Charakter des jungen Mannes 
aus dieſer thieriſchen Verrichtung erſehen wollte; fie 
winkte von Zeit zu Zeit Roſen, die in der Ecke des 
Stübchens ſtand, und gleichfalls ihre Augen auf den 
Eſſenden gerichtet Hatte. Es ſchien als ob die beiden 
Mädchen mit Vergnügen ihm zufähen. Wirklich aß der 
junge Mann mit fo viel Anftand und Ungezwungen⸗ 
heit, die wahrfcheinlich von der rohen Gier ihrer 
Stammeögenofien, den einzigen‘ Vorbildern, die fie 
vor fih Hatten, zu fehr abftehen mochte, um fie 
nicht etwas Höheres in ihrem Gafte vermuthen zu 
lafien. Obwohl wir in den beiden Mädchen keines⸗ 


—9 11 — 


wegs eine feinere Bildung vorausſetzen können, fo ift 
doch in der welblichen Natur jener. fichere Tutt, ver, 
wenn nicht verborben oder irre geleitet, nur felten 
trügt. Es ſchien, als ob die Mädchen einen tiefern 
Blick in die Seele ihres Gaftes gethan hätten. Mofas 
Herz ſchlug fihtbar Teichter und ſelbſt Canondah fing 
an, ihn mit einem rubigern, vertrauensvollern Auge 
zu betrachten. 

AS er fein Mahl geendigt hatte, legte fie ihn 
wieder auf fein Lager zurüd; dann öffnete fie ven 
Berband, den fie um feine Wunden gefhlagen. Ihre 
Finger berüßrten kaum vie tiefe Fleifehwunde, und 
mit fo vieler Gefchicklichkeit und Schonung verrichtete 
fie ihre Aufgabe, daß ihr Patient unter ihren Händen 
wieber entfchlief. | 

„Der Balfam wird die Wunde in acht Sonnen 
heilen;« fprach ſie mit Zuverfiht, blies dann das 
Fackellicht aus und ihren Arm um Nofa werfend, 
eilten beide Mädchen ihrer Hütte zu. 


Der Legitime. 1. , | 41 


— 11 > 


Sechtes Bapitel. 


Ihr Habt geſprochen, ob aber geſcheidt oder nigt, 
das mag der Wald richten. 
Shakebpeare. 

Die auhetordenliche Geſchicklichkeit der Indianer, 
Wunden und Fieber zu heilen, denen fie bekannter⸗ 
maßen ſchon wegen ihres ewigen Kriegs⸗ und Wald⸗ 
lebens häufig ausgeſetzt find, offenbarte fi auf eine 
erftaunenswürbige Weife an dem Sünglinge, ven fein 
glückliches oder unglüdliches Geftirn zu einem dieſer 
Bölkchen geführt hatte. Das Wund⸗ und Falte Fieber 
war bereitö nad) ſechsunddreißig Stunden verſchwun⸗ 
den, und ed waren noch nicht acht Tage feit feinem 
Hierſeyn verflofien, als auch vie Wunde bereits zu 
heilen anfing. Seine leichenartig gelbe Gefihtöfarbe 
hatte fi in ein friſches Roth verwandelt, das eine 
leichte Bläffe angenehm hervorhob, feine matt und 
Eraftlos eingefallenen Augen waren munter geworben, 
und ſchienen eher zum Lachen als zur Traurigkeit auf- 
gelegt zu jeyn. Ein Zug um den Mund verrieth eine 
fröhligeharmlofe Natur, und voll aufblühende Baden 


— 18 — 


einen Träftig lebendigen Frohſinn. Cr Hätte bereits 
verfucht, aus der Hütte zu treten und fich im Freien. 
umzufehen, wäre ihm dieß nicht von feiner Wärterin 
mit der Drohung unterfagt worden, daß das Fieber 

wieder kommen werbe, wenn er ſich der feuchten Luft 
audfege. So hütete er noch immer fein Stühchen. 

Dieſes war von mäßiger Ausdehnung und zeigte dem 
Auge die kunſtlos zufammengefügten Stämme des 
Eottonbaumes, mit Tillandſea und Gummi ausge: 
ftopft, und keiner andern Verzierung als ein Toma⸗ 

hawk und Schlachtmeffer, die an der Wand hingen. 

Eine beiläufig anderthalb Fuß hohe Bank, mit Zil- 
landſea bedeckt, Tief an den Wänden ver Stube Hin, 
und diente ihm zum Sit und Lager. Ein eben fo 
einfacher Tiſch war mit Palmblättern und Früchten 
befegt, die mit einer zarten Rückſicht für feinen Ges 
nefungszuftand gefammelt ſchienen: Weintrauben und 

in Zucker eingelegte wilde Pflaumen und Bananen. 

Während fein Auge auf diefen Gaben ruhte, trat 
Canondah ein, in ihren Händen einen Teller mit friſch 
gebratenen Quails haltend. Sie fehte das Gericht 
auf den Tiſch, und eilte dann zur Thüre zurüd, um 
die Buffaloehaut herabzulafien, fo daß die Strahlen 

11* 


—, 14 9 


der Morgenfonne, die durch die Definungen einfielen, 
die Gegenſtaͤnde im dunkeln Stübchen mehr errathen 
als fehen ließen. . 

„Guten Morgen!“ ſprach der junge Mann, ver 
mit Berwunberung ber Inbianerin einen Augenblid 
zugefehen hatte. 

Die Begrüßung wurbe mit Stillſchweigen aufges 
nommen. Die Inpianerin deutete auf bie Quails, 
und ließ ſich dann auf dem entgegenftehenben Sitze 
nieder, auf dem fie. ruhig abwarten zu wollen fchien, 
618 der junge Mann gegeffen haben würde. 

„Mein junger Bruder,” hob fie enplih an, als 
fie gewahrte, daß dieſer Feine Miene machte das Mahl 
zu verſuchen, „ift im Canoe des großen Häuptling 
der Salzſee angekommen. Hat er in feinem Wig⸗ 
wam gelebt, und die Pfeife des Friedens mit ihm 
geraucht?“ Sie ſprach diefe Worte in ziemlich ge⸗ 
läufigem Engliſch, obwohl in dem tiefen und flarf 
hervorſtoßenden Kehltone ihrer Nation. 

n®anoe! Wigwam! Pfeife des Friedens!“ wieder⸗ 
holte ver junge Dann, ver, wie ed fehlen, Keine Sylbe 
von dem Ganzen verfland. „Ia, in einem Gange 
bin ich geweſen,“ fuhr er halbfroͤhlich fort, „und das 


— 145 8 


mag der Henker holen! Ih will mein ganzes Leben 
daran venfen. Brr!“ murmelte er, „das war Fein 
Spaß, wenn man feine acht Tage, oder Gott weiß 
wie ange, auf der Salgwelle herumtanzt, und an 
feinen Schuhfohlen Mittagsmahl Halten muß. Hole 
der TI unfere Schildkroͤtenjagd und Aufternlich- 
haberei. WIN in meinem Leben auf keine mehr gehen. 
Sag mir nur einmal, liebes Mädchen, wo ich eigent= 
lich bin. Die letzten zwei Tage erinnere ih mi 
zwifhen Sümpfen und Moräften gemefen zu feyn, 
in denen nichts Eßbareres zu fehen war, als Alli⸗ 
gatoren und wilde Gänfe, die leider Flügel hatten. 
Wo ich aber gegenwärtig zu feyn die Ehre habe, weiß 
ich wahrlich nicht. u | 

Die Indianerin ftugte ein wenig über den fröhlich" 
humoriſtiſchen Wortfhwall, der ihm entfahren, und 
fie [hin eine Weile dad Gefagte in ihrem Gedaͤcht⸗ 
niffe zu oronen. Endlich mochte fie damit zu Ende 
gekommen ſeyn; ihre Miene jedoch, weit entfernt, im 
nämlichen Tone zu erwiedern, drückte eher Miß⸗ 
fallen aus. 

„Mein Bruder hat nicht auf die Frage ſeiner Schwe⸗ 
ſter geantwortet. — Hat er bei dem Häuptling der 


—d 146 6 


Salzfee gelebt, und die Pfeife des Friedens mit ihm 
geraucht?“ 
„Das habe ich,“ erwiederte er, ver fie nun zu be⸗ 
greifen wähnte. „Ich babe bet bem Häuptling ber 
Salzſee gelebt; wenn Du, was natürlich, darunter 
unfere Nation verftehft; aber was das Rauchen aus 
ber Pfeife betrifft, das Habe ich nicht gethban. Wir 
rauchen nie aus Pfeifen, das ift nicht Mode bei ung; ; 
bloß die Franzoſen und Neger thun 8, Nasty a ani- 
mals!« *) fügte er hinzu. i 
. „Mein Bruder, verfeßte bie Indianerin eben ſo 
gelaſſen, „hat eine gekrümmte Zunge, und er will 
ſeine Schweſter zum Narren machen. Canondah iſt 
die Tochter des Miko,“ ſprach fie mit Würde. 

„Canondah, Tochter des Miko;“ wiederholte der 
junge Mann. „Engliſche Worte, aber wenn ich ſo⸗ 
gleich mit der Kanonenbraut kopulirt werden ſollte, 
ich weiß wahrlich keine Antwort zu geben.“ 

„Wie iſt mein Bruder zum Canoe gekommen, in 
welchem ihn ſeine Schweſter gefunden hat?“ 

„Wie kann ein ehrlicher engliſcher Midſhipman, 


N) Schmutzige Thiere. 


—) 147 0 


der während. ſeines Auflernfuchens von einem franzö⸗ 
ſiſchen Hunde von Seeräuber überfallen und gefangen 
in feine Räuberhöhle geſchleppt wird, zu einem Boote 
fommen? Ich nahm e8 während der Nachtzeit, und 
machte mich aus dem Staube. Wollte Gott, Tom 
und BIN Hätten mitgefonnt; aber ver Spipbube hat 
ung einzeln eingefperrt." | 

Der junge Mann, in fröhlicher munterer Laune, 
ſchien die rhapſodiſche Skizze mehr zu ſeiner eigenen 
Unterhaltung, als der Aufklärung der Indianerin zu 
geben. | 

„Dein Bruder," ſprach wieder die Indianerin, die 
aufmerkſam zugehoͤrt hatte, „hat alſo das Canoe dem 
Häuptling ‚ver Salzſee genommen, und iſt in der 
Nachtzeit aus ſeinem Wigwam gewichen?“ 

„Das Canoe gehört einem Hunde von Piraten, — 
ben wirft Du doch unter dem Häuptling der Salzſee 
nicht meinen?“ frug der Britte etwas aufmerffamer. 

Die Indianerin fehüttelte ven Kopf und maß ihn 
mit einem Blide, der den Humor des jungen Sees 
mannes ein wenig herabflimmte. 

„Mein Bruder iſt ſehr jung,“ ſprach fie, „um auf 
den Kriegöpfab des großen Käuptlingd ber Salzſee 


— 18 > 


zu gehen. Er follte zuvor Iernen ven Hirſch und Das 
Buffalo jagen und die große Waflerfchlange töten, 
‚ehe ex in ven Krieg zieht; oder die Töchter feines 
Volkes werben über der Leiche meineh gefallenen Bru⸗ 
ders weinen. u 

‚Sie ſprach dieſe Worte n mit einem Ausdrucke, der 
Mitleiden und Hohn ziemlich deutlich zu verſtehen 
gab, und ſchien auf eine Antwort zu warten. 

aAber Du wirſt doch nicht glauben, daß ein engli⸗ 
ſcher Offizier, ober vielmehr Quafioffizier, damn um⸗ 
fere Offizierſchaft, mit einem Piraten Krieg führen 
wird? — Solche Hunde fängt man und knüpft fie 
auf." 

Die Indianerin map ihn mit einem veriötigen 
Blicke. 

„Sieh!« erwiederte fie kalt und vtraͤchtlich nwenn 
die rothen Männer auf den Kriegspfab gegen ihre 
Feinde ziehen, fo ſchlagen fie vie Krieger und Häupts 
linge ihrer Beinde entweder auf dem Schlachtfelde 
tobt, oder fie führen ſie gefangen heim, um fie ihren 
jungen Männern zu zeigen, daß biefe eben fo bray 
werben mögen, wie fle. Aber dann bewachen fie die⸗ 
felben, daß fie nicht entfliehen können. Dein junger 


—d 189 6 


Bruder jedoch iſt Feiner ihrer Haͤuptlinge ober Krieger. 
Seine Hände find flein wie bie eines Maͤbchens, und 
haben nie einen Tomahawk gehoben. Der große 
Häuptling hat ihn gefangen mit andern Knaben und 
Madchen feines Volkes, und ihn in fein Wigwam 
geſandt. Der Häuptling der Salafee ift groß, und. 
er töptet Männer, aber er befümmert fich nicht um 
Weiber und Kinder. Mein junger Bruder hat eine 
ſtarke Zunge, aber fein Arm ift ſchwach.“ 

„Beinahe. follte ih glauben, daß Du’von dem 
Häuptling der Salafee, wie Du den Seeräuber nennft, 
mehr weißt, als mir und Die gut feyn dürfte,“ er⸗ 
wieberte der junge Mann, der nun gefpannt zu wer⸗ 
ben fihien. 

„Der Häuptling der Salzfee ift ein großer Krieger, 
und feine Name ift weit bekannt ;* ſprach das Maäd⸗ 
Ken troden. 

„Und wie meit ift es von bier zu feinem Wigwam?⸗ 
fragte er, den Ausdruck gebrauchend, der von der In⸗ 
dianerin am leichteſten verſtanden werden konnte. 

„Dein Bruder,“ exwiederte pie Indianerin ſpöttiſch, 
„it ja von feinem Wigwam in feinem Canoe ange⸗ 
kommen. Wenn. die rothen Männer ihre Späher und 


— 10 — 

Spione ausfenben, dann wählen fle ſolche, Die wiſſen, 
wie lang der Pfad ift, ver zum Feinde führt. Thun 
es die Weißen anders? Canondah ift ein ſchwaches 
Mädchen, aber fie iſt die Tochter des Miko.“ Sie 
hatte. die legten Worte mit einer Würbe und Bes 
fiimmtheit auögefprochen, die zugleich zu fagen ſchienen, 
daß feine bisherige Vertraulichkeit nicht am rechten 
Orte angewandt fey. 

„Aber Du wirft doch nicht glauben, daß ich ein 
Spion bin, der ausgegangen, um den Freibeuter aus⸗ 
zuſpaͤhen?“ 

„Mein weißer Bruder ſpricht mit der Zunge u uns 
ferer Feinde, ober fpricht er mit einer borpelien 
Zunge?“ 

„Wirklich,“ fprach ver Jüngling, wich weiß nicht, 
träume.oder wache ih mit Dir, liebes Mädchen. Viel⸗ 
Teicht biſt Du es, der ich mein Xeben fihulve. Wenn 
dem fo, dann nimm meinen aufrichtigen innigen Danf. 
Ich bitte um Vergebung, wenn meine Ausdrücke, die 
‚Du mißzuverftehen ſcheinſt, Dich beleidigen. Sage 
mir nur, wo ich bin. Ich erinnere mich dunkel eines 
fupferfarbigen artigen Mädchens, die zu meinem Bei- 
ftande kanı, als ich fo eben-vom Alligator gepadt 


151 — 


wurde, auf den ich, ihn für einen Baumſtamm anſehend, 
meinen Fuß ſetzte; und dann ſchwimmt ver meiner 
trüben Phantafie eine Tiebliche Goͤttergeſtalt, mehr 
Kind als Maͤdchen, die gleich .einem Engel nur im 
Traume.mir erihien. Wo iſt das Mäpchen? "Sie ift 
eine Weiße, fie wird mich, ich fle eher verfichen. Aber 
die Wahrheit zu jagen — obwohl ich die Berhältniffe 
nicht Eenne, in denen Du zum Seeräuber fliehen magft 
— ich habe Urſache, gegen ihn aufgebracht zu ſeyn. 
Wir waren von -unferer Station in Jamaica abge⸗ 
gangen, um. die Mündungen des Miſſifippi zu ſon⸗ 
diren. Ich mit einigen meiner Kameraben hatten 
von unferem alten Brummbär, ich meine unfern Gas 
pitain, Erlaubniß erhalten, nach Schildkröten und 
Auftern zu jagen. Wir hatten und ziemlich weit von 
der Sregatte entfernt, und waren in.eine tiefe Bucht 
eingelaufen, wo wir treffliche Aufterbänfe fanden. 
Als wir am beften mit unferen Nechen befchäftigt 
waren ſahen wir plöglich eine beivaffnete Yacht vor 
und. Was zu thun? Unſere Kutlaſſe und Piftolen 
Hatten wir natürlich zurüdgelaffen, und jo mußten 
wir und fammt. und ſonders ergeben, wurden dann. 
fortgeſchifft, und gelangten in der Nacht in eine Art 


— 153. — 


Blockhaus, wo wir dann abgefondert und einges 
ſperrt wurden, und woher num: ſichenden Fußes 
komme.“ 

Die Indianerin hatte aatütlch von der effkrung 

res jungen Britten nur die Hälfte begriffen, und fie 
ſchüttelte noch immer ven Kopf. 
„Mein Bruder ſpricht mit einer ſehr gefrümmten 
Zunge. WIN er fagen, daß er und die Seinigen nicht 
auf dem Kriegspfad gegen ven Häuptling der Salzſee 
gewefen? Der Häuptling fliehlt nicht jimge Männer. 
Warum follte er ihn gefangen haben?“ 

„Wahrſcheinlich weil er befürchtete, und zwar mit 
Recht, daß, wenn wir feinen Schlupfminfel ausfindig 
machen, wir ihm auch das Neft zuſammenſchießen, 
und ihn auf ven Trümmern aufhängen.“ 

. "gab ich nicht gefagt, daß mein weißer Bruder mit 
einer Doppelzunge fpricht;“ fuhr bie Inbianerin her⸗ 
aus. „Meines Bruders Volk ift auf den Kriegäpfab 
mit dem Häuptlinge begriffen, und er hat ihn mit 
den Seinigen in den Hinterhalt Beine, Iſt es 
nicht ſo?“ 

, Mein liebes Mädchen,“ erwieberte der Britte, der 
müde zu werden ſchien, ſich nicht verſtanden zu ſehen. 


— 153 


„Wir find nicht mit ven Piraten im Kriege, obwohi 
wir ihn, wenn er in unfere Hände geräth, als ſolchen 
aufknüpfen, md das zwar in Ketten; aber wir haben 
diefe Ehre des Krieges unferem wiberfpenfligen Bru⸗ 
der Jonathan angethan, den Dankees. Mit biefem 
find wir im Kriege, das heißt nicht eben im Kriege, 
aber wir haben einige Schiffe und Truppenkorps ab- 
geſandt, fle zu zühtigen. « — 

„Meines Bruders Volk ifi nicht auf dem Kriegs⸗ 
pfabe gegen ven Häuptling ver Salzfee begriffen, und 
doch würde ihn fein. Volk beim Halſe aufhängen. 
Meines Bruders Volk vervient wie bie Hunde todt⸗ 
geſchlagen zu werden.“ 

Des Britten Miene zuckte nieht, 

Mein Bruder ſprach von ven Yankee's;« fuhr 
. das Mädchen fort. „Hat er. nicht gefagt, daß fein 
Bolt, mit ihnen im Kriege begriffen, "fie züchtigen 
will? Mein Bruder iſt doch ein Dankee, feine Sunge 
ift die eines Danfee ?u | 

„Ich habe die Ehre ein Gngländer; zu f eyn, erwie⸗ 
derte der junge Dann mit jenem ſ elbſtgefaͤlligen Cock⸗ 
neyſchmunzeln, das ſeine Lippen wie die Schnauze 
eines gewiſſen Thieres ſtreckte und zuſammenzog, und 


1 , 


ihm jenen‘ albernen Ausdruck gab, den wir fo-oft an 
unfern Verwandten zu belaͤcheln Gelegenheit gefunden 
haben, wenn ihre Eigenliebe ſich auf recht comfortable 
Weiſe gekitzelt fühlt. | 

„Ein. Engländer,” wiederholte das Maͤdchen fin⸗ 
nend. „Der Häuptling unſerer Schule hat' uns vieles 
von einem Volke geſagt, daß auf einer Inſel weit 
gegen die aufgehende Sonne wohnt. Sie haben einen 
Häuptling, der ein alter unſchuldiger Mann ift;« bei 
dieſen Worten deutete fe auf vie Stirne. „Die Köpfe 
der Männer find vol Nebel, und ſie fin vielfräßig 
und hungrig immer. Sie haben ehemals Häuptlinge 
in das Land der Yankees gefandt, bis diefe ſie ver⸗ 
| trieben haben. ‚Gehört mein Bruder zu diefem Volke?“ 

Der Britte; der bier einen Katechismus hörte, wie 
ihn häufig weftlihe Schulmeifter ihren Zöglingen 
auf eine feinen Landsleuten eben nicht fehr ſchmeichel⸗ 
hafte Weife einprägen, antwortete mit einem verlege- 
nen Gefihte: „Ich bin allerdings aus einer Infel, 
und unfer Häuptling, wie Du unfern König taufft, 
bat wirklich fo eine Art Spleen gehabt, und unfer 
Oberhaus für Peacocks angefehen; aber ich habe 


— I 


nicht die Ehre,« fuhr er lachend fort, „meine sans 
leute in der Beichreibung zu erkennen.” 

„Meines Bruders Zunge bat fich mieber gekrümmt,⸗ 
fuhr das Mäpchen ſpöttiſch fort. „Gehört er zu dem 
Bolt, das viele Schiffe Hat, und gegen welches ver 
große weiße Vater den Tomahawk erhoben?“ 

aJIch denke, ich gehöre ihm an,“ erwiederte der 
junge Dann ein wenig verdrießlich. 

„Und fein Volk,« ſprach fle mit einem mitleins- 
vollen Lächeln, „will die Dengheefe züchtigen ?« 

„Sa, das wollen: wir;® fuhr b ber Britte muthis 
heraus. 

„Arme Narren!“ erwiederte die FZudianerin. „Mei⸗ 
ned Bruders Volk wird ſich derbe Schläge Holen. 
Haben die Dengheeje ihm fein Land  weggenommen‘ 24 
fragte fle weiter. 

„Der Teufel ſollte fie holen, wenn fie ſich fo etwas 
in den Sinn kommen lafjen wollten. Sie haben fi 
aber angemaßt, und die Herrſchaft der Salzfee, um 
indianiſch zu fprechen, ſtreitig machen zu wollen, und 
im Grunde auch das nicht; die Wichte haben ſich nur 
geweigert, ihre elenden Schiffe von uns vifitiren zu laſ⸗ 
fen, wozu ſich doch alle Uebrigen, Franzoſen und Ruſſen, 


166 > 


verftehen müffen, Dann wollen. fle ung auch wehren, 
ihre Seeleute allenfalls der Ehre des britiſchen Ni⸗ 
netails zu würdigen.“ 

Der Britte Hatte in guter, gehrängt Gemännifge 
Sprache, und ziemlich genau, wie wir fo eben geſehen 
haben, die Urſachen des zweiten Krieges der Vereinig⸗ 
ten Staaten mit England angegeben. Das Net 
over vielmehr die Anmafung der Briten, amerika⸗ 
niſche Schiffe zu viſitiren, und die größere Anmaßung, 
ſolche Seeleute, die ihmen annehmlich fehienen, von 
den amerifanifchen Schiffen zu nehmen, hatte wirklich 
die amerikaniſche Nation veranlaßt, ven Fehdehand⸗ 
ſchuh dem übermüthigen England Hinzumwerfen. Wie 
ver Kampf geführt worden, gehört natürlich nicht 
hieher; fo viel glauben wir aber verfichern zu pärfen, 
daß unfer Verwandter ſich weislich hüten wird, feine 
Anmaßung je wieder geltend zu machen. 

Die Indianerin hatte mit der geſpannteſten Auf⸗ 
merkſamkeit dem jungen Britten zugehoͤrt, und ob⸗ 
gleich fie vermuthlich das Ganze feiner Rede nicht 
begriff, fo ließ-fie ihr durchdringender Verſtand ziem⸗ 
lich den Sinn errathen. | 

„Weil alfo die Dengheefe mit ihren großen Canoes 


— 157 — 
auf der Salzfee fahren wollten, hat dad Volk meines 
Bruders ven Tomahawk gegen fle gehoben ?« fragte fie. 

„Sa, fo etwas vergleichen!“ war die Antwort. 

„Und werben fie den Tomahawk auf ver Salzſee, 
in den Waͤldern oder in ihren Wigwams erheben?” 

„Das ift eben die Frage. Wir waren abgefanbt,. 
bie Mündungen des Mifftfippi zu fondiren, das Heißt, 
ihre Tiefe zu unterſuchen, ob fie nämlich größere 
Schiffe zulaffen. Das Nefultat war ziemlich ge 
nügend. Nur iſt eine verwünſchte Sandbank, bie, 
gerade vor der Muͤndung hingepflanzt, uns den Ein⸗ 
gang vermehren wird. Wäre das nicht, fo gingen 
wir gerade nad) New⸗Orleans hinauf, und ſchoͤſſen 
ihnen das Neft, wie ihr Washington, über den Kö⸗ 
pfen zufammen; dad heißt, wenn fie fich nicht gut⸗ 
willig ergäben.“ 

„Meines Bruders Volk wird alſo ſeine großen 
Canoes verlaſſen , um die Tomahawks im Lande der 
Dengheefe zu erheben und ed einzunehmen ?“ 

„Sa,“ verſicherte der Britte. 

„Und mein Bruder, während er mit feinem Bolke 
den großen Fluß hinauf ging, iſt vom der. 
Salzſee gefangen genommen worden ?* 

Der Legitime. L 12 


— 158 


„Wenn Du mit uf ebrenvollen Benennung den 
Piraten bezeichneft, Ia.“ 

„Und was möchte nun mein Bruder weiter tun? X 

„So bald als möglich wieder zu ben Weinigen zu⸗ 
rückkehren; ſonſt find fie im Stande und ſtreichen mich 
aus der Midſhipsmansliſte, und ich bin nahe am 
Aoancement. Ich kann nicht weit vom Miſſiſippi 
ſeyn. Unſre Armee muß um dieſe Feit gelandet ſeyn.“ 

„Und wenn mein Bruder den Dengheefe in bie 
Hände fat?“ 

„Sch werde mid) hüten. A 

„Die Denaheefe haben alles Land inne, dad zwi⸗ 
fihen dem großen Strome und ver zweiten großen 
Salzfee liegt. Ihre Augen find die des Adlers. Mein 
Bruder Tann nicht Durch ihre Nieberlafiungen. Seine 
Zußftapfen werben ihn verrathen. Sie werben mei- 

nen Bruder - ergreifen und ihn töbten. « 

„Einen Mann ohne Waffen? Sie find nicht zu 
gut dazu, aber doch traue ich Ihnen dieſe Schlechtig⸗ 
keit nicht zu; es iſt brittifches Blut in ihnen.“ | 

„Sie werben meinen Bruder. als Späher fangen 
und ihn beim Halfe an einen Baum hängen.” 

Die letzten Worte ſchienen auf den jungen Mann 


as0 


einigen Cindruck zu machen. Nach einer kurzen Pauſe 
erwiederte er: „Sie können, dürfen nicht. Auf alle 
Faͤlle muß ich es verſuchen ·· 

„Mein Bruder,“ brach die Indianerin plbtzlich 
aus, „hat ſeine Zunge viel gekrümmt, um der Tochter 
des Miko große Lügen aufzubinden. Glaubt mein 
Bruder, die Tochter des Miko ſey eine Närrin? Er 
ſagt, ſein Volk iſt nicht mit dem Haͤuptling der Salz⸗ 
ſee auf dem Kriegspfade, und doch würde es ihn an 
den Baum beim Halſe aufhängen. Und wieder ſagt 
ex, fein Volk iſt mit den NYankees im Kriege und er 
wi durch ihr Land und ihre Wigwams. — Mein 
Bruder,” ſprach fie im beftimmten, beinahe drohenden 
Tone, „Hat fh in dad Wigwam des Häuptlings der 
Salzfee geftohlen und iſt von da in das des Miko ges 
fommen, um den Pfad feinem Volke, den Yankee, 
zuzeigen. Mein Bruder ift ein Späher des Dengheefe.“ 
— Sie begleitete ihre letzten Worte mit. einem Blicke, 
der dem jungen Manne eben nicht jehr ſchmeichelhaft 
war, und fland im Begeife, das Stübchen zu ver⸗ 
laſſen. 

Der Britte hatte ihr mit einer Syannung angehört 
die feinen jugendlichen, ſeemänniſch Yaunigen Zügen 

. 42° 


1600 &— 


einen Aushrud von DBitterfeit gab. Bel den letzten 
Worten fepien er beſonders beleidigt zu feyn, und 
bittrer Hohn frielte um feinen Mund. Er verfuchte 
zu antworten, ftodte aber und brachte blos ein, Aber 
ich muß Dir fagen —“ heraus. 

Die Indianerin made ihm trocken ein Zeichen zu 
ſchweigen. | 
„Mein Bruder ift wech krank und wund. Er hat 
bereits zu viel geſprochen. Er muß eſſen, um geſund 
zu werden. Der Miko in groß und weiſe; er wird 
ſehen.“ 

Mit dieſen Worten trat ſie aus der Thuͤre, v vor der 
ſie Roſa fand. Beide Maͤdchen wandelten Arm in 
Arm durch die Hecken und Pflanzungen ihrem Haͤus⸗ 
chen zu, ohne ein Wort zu ſprechen. Die Indianerin 
war augenſcheinlich in tiefes Nachdenken verſunken. 
Ploͤtzſich ſtand fie ſtille. | 
‚Mein junger Bruder iftfehr jung, und feine Zunge 
fafelt wie die eines albernen Mädchens; aber unter 
dieſer Narrheit- ift die Schlange verborgen.u Gie 
ſah, während fte ſprach, Roſen an, als ob fie von 
ihr Beftätigung des @efagten erwartete. Diefe 
ſchwieg. | 


1 > 

„Seine Augen,“ fuhr die Indianern fort, „find 
die der Taube, aber feine Zunge iſt die der Raſſel⸗ 
ſchlange.“ 

Daſſelbe Stillſchweigen. 

„Haben die Ohren der weißen Roſa bie. siefen 
Lügen aufgefangen, die ihr weißer Bruber gefagt bat?“ 
- „Sie hat die Worteihres weißen Bruders gehört,“ 
erwieberte Diefe; „aber fie hat nicht in fein Gerz ges 
blickt. Wie kann meine Canondah ſagen, daß unſer 
weißer Bruder Lügen geſagt hattu 

nDie weiße Rofa ift gut, fehr gut, Canondah liebt 
fie mehr als ihr Leben, und fie iſt ihres Vaters 
Freude; aber ſie ſieht nicht mit den Augen Canon⸗ 
dahs, noch des Milos.u 

Ein tiefer Seufzer entguoll dem Vuſen Sofas. 
„Sie iſt unglüdlich, wie ihr weißer: Bruder lioelt⸗ 
ſie vor ſich hin. | 

„Roſa ifl die Taube, mein weißer Bruder iſt die 
Schlange Er ift ein Späherzu ſprach die India⸗ 
nerin mit Unwillen. 

Roſa ſchůttelte ihr Kopfchen „Wer hat Ganonbap 
bieß gefagt?« 

„Rojas Augen, « erwieberte bie Inbianerin, „haben 


—) 1 — 
nür auf pie. weiße Haut und bie zarten Hände meined 
Bruders geſehen, aber die Tochter des Miko hat ſeine 
Lügen gehört. Iſt er nicht im Canoe des Häuptlings 
"ver Salzſee heraufgefommen ? Hat feine Zunge nicht 
gefagt, daß er in feinem Wigwam gewefen, ohne bie 
Pfeife des Friedens mit ihm geraucht zu haben? If 
nicht fein Volk auf dem Kriegspfade gegen ven Haͤupt⸗ 
Ing? Sagte er nicht felbft, daß es den Häuptling 
an eineh Baum hängen wollte, wenn es ihn hätte? 
und doch fagt Die weiße Schlange, daß es nicht ven 
Tomahawk aufgehoben. Wie Tann er anderd in dad 
Wigwam des Häuptling® gelangt ſeyn, denn als ein 
Späher? Und ſpricht er nicht mit der Zunge eined 
Hankee, und doch fagt dieſelbe Doppelzunge, daß fein 
Volk auf dem Kriegäpfabe gegen die Dengheefe be 
griffen? Und mit der nämlichen Zunge widerſpricht 
er, und fagt, daß die Yankees ihn nicht tödten würden, 
und deßhalb,« fchloß fie Höhnifch, „will er durch ihre 
Wigwams. Glaubter, Canondah fey eine Thörin ? 
Die Erzählung des Britten hatte allerdings etwas 
an ſich, dad dem ungefünftelten, mit den Grundfäßen 
bes Voͤlkerrechts gänzlich unbekannten Naturkinde 
ziemlich unmwahrfigeinlih vorkommen mußte. Sie, 


—s 163 — 


wie es fich von felbft verfteht, dachte ſich die Verhäft« 
niſſe großer Nationen im. winzigen Maßſtabe ihres 
eigenen Völkchens, oder höchftend des Stammes ver 
Creeks, umd ſchloß eben fo natürlich den Häuptling 
der Salzſee oder, befler zu fagen, ven Seeräuber in 
diefe Parallele mit ein. So mußte fie nothwendig 
die Sprache des jungen Mannes ſonderbar finden, 
der in ſeiner ſeemänniſchen Offenheit ganz unumwun⸗ 
den zu verſtehen gab, daß der Pirate aufgeknüpft 
werben würde, während er zur ſelben Zeit die Zu⸗ 
muthung, daß feine Nation im Kriege mit ihm ftehe, 
mit Verachtung von fich wie. Eben fo wenig war 
feine Erklärung in Bezug auf die Amerikaner für bie 
Indianerin befriedigend. Daß feine Nation im Kriege 
gegen die Mengheefe begriffen ſey, war an ſich ſchon 
der gegen Weiße mißtrauifchen Tochter des Mikos 
auffallend, die bemerkte, daß er die nämliche Sprache 
mit diefen rede; aber Daß er ungeachtet des obwalten⸗ 
ven Krieges noch eine. Art Großmuth von feinen 
Beinpen erwarte, und, von ihnen aufgefangen, nicht 
getöbtet zu werben fürdite, ging fo welt über die Be⸗ 
griffe der indianiſchen Kriegsgeſetze, daß ihn dieß allein 


— 9 16 
in ihren Augen zum Betrüger nothwendis ſempeln 
mußte. 

Auf der andern Seite mochte unſer Britte nicht 
weniger an der Indianerin irre geworden fegn. 

‚Ber var diefe junge Wilde, die ſich herausnahm, 
ihn wie einen aufgefangenen Spion auszufragen, und 
zwar auf eine Weiſe, die ihn unwillkührlich gezwungen 
hatte, ihren Fragen Rede zu ſtehen? Woher dieſer 
Gertſcherton, ver, bei aller Einfalt, Würde und 
Selbſtbewußtſeyn ausſprach? Was hatte fie nad 
bem Seeräuber zu fragen? Gehörte fie zu feiner 
Bande ? Ihr Mefen widerſprach einem ſo herab⸗ 
würdigenden Gedanken. „Pſhaw! Maͤdchenneugier!“ 
rief er ſich zu, „die da gerne etwas zu plappern haben 
möchte.“ Und mit dieſem Troſte entließ er für dieß⸗ 
mal ſeine weitern Gedanken über die ſonderbare 
Beſucherin. 


—d 165 ⸗— 


Siebentes Kapitel. 
Ich bin ſo voller Geſchäfte, daß ich Dir nit 
gleich eine feharffinnige ‚Antwort geben Kann. 
Wenn ich wieder fomme, will ih ein vollkom⸗ 
mener Hofmann ſeyn. . 
Shakespeare. 
So waren wieder zwei Tage verfloſſen. Der junge 
Mann fühlte ſeine Geſundheit allmahlig hergeſtellt, 
des Balfams -wunderbare Kraft hatte fih nun voll 
kommen bewährt, und.er Eonnte bereit3 ohne Schmerz 
umherwandeln. Immer war ihm dieß jedoch von der 
Invianerin ‚ftrenge unterfagt worden. Er hatte ſich 
einige Mal ins Dörfehen hinaus gewagt; aber bie 
Squaws waren ihm ſtets mit fo unzweldeutigen Bes 
weifen feindlicher Geftinnunggntgegen gefoinmen, daß 
er immer umzufehren genöthigt gewefen. Die In- 
dignerin hatte ihm feine Mahle regelmaͤßig jeven 
Morgen und Abend gebracht, hatte jedoch Fein Wort. 
weiter geſprochen, und. ein ruhig forſchender Blid, 
während. fie feinen Puls unterfuchte, war alles ges 
wefen, mas einigermaßen nähere Theilnahme beur⸗ 
Fundete. 


—d 166 &— 
Es war in ver Nacht des zehnten Tages jeit feiner 
Anweſenheit. Er hatte. fih bereits auf fein Lager 
hingeſtreckt und ſo eben zu ſchlummern angefangen, 
als plötzlich der Wiverſchein heller Flanimen durch 
die Oeffnungen der Buffaloehaut drang. Er ſprang 
mit dem Ausrufe auf: „Das Dorf iſt in Feuer!“ 
flürzte zur Thüre hinaus, durch die Hecken und Ge⸗ 
büſche ver Flamme zu. Der Wiberfchein der Fackeln 
ſiel auf eine ziemlich große, dem Anſcheine nach nied⸗ 
liche Hütte. Es war die. Wohnung des Miko. So 
eben trat eine weibliche Geſtalt aus der Thüre, und 
blieb vor derfelben ftehen. Sie horchte eine Weile 
und ſchien fi dann der Gegend zumenben zu wollen, 
wo er fig im Gebüſche verborgen Hatte. Langſam 
wandte fie ſich jedoch der. Ecke zu, von der fie eine 
Ausfiht auf den von Mehreren Gundert Pechfackeln 
erglänzenden Wafferfpiegel des Fluſſes Hatte. Er 
hatte nun Gelegenheit, ſie ind Auge zu faffen. Lang⸗ 
ſam und leiſe, Schritt für Schritt, als fürchtete er, 
die liebliche Erſcheinung möchte zur Luftgeſtalt werden, 
näherte er ſich ihr. Bloß eine Acacia Mimoſa trennte 
ihn noch von ihr. Es war Rofa. Eine Weile fland 
er In Anſchauung verfunfen und dann trat er näber. 


—H 167 6 


Der Ieife Fußtritt war von ihr gehört worden, fie 
wandte fih und ſchwebte auf ihn zu. „Fuͤrchte Dich 
nicht, Bremdling ‚“ fprach fle in wohlklingendem Eng⸗ 
liſch, munfere Weiber und Mädchen führen ven Nacht⸗ 
tanz auf.“ 

„Miß! ich Bitte taufenbmal um Dergebung wegen 
meiner Zudringlichkeit. — Sie werben vergeben, aber 
wirklich alles, was mir begegnet if; ift fo wunderbar.“ 

Das Mädchen. fah ihn’ mit ihren Elaren Augen 
forſchend an. Ihr ängftlich werdender Blick ſchien 
beinahe fragen zu wollen, ob es auch in ſeinem Ge⸗ 
hirn richtig ſey, fo befremdete ſie die ſonderbare aͤcht 
engliſche Anrede. Ste faßte feine Hand. „Verge⸗ 
ben meinem Bruder? Was ſoll ich Dir vergeben, 
Du haft mir nie etwas zu Leide gethan?“ | 

„So täufeht mich denn meine Phantafie nicht, und 
was ih Traum wähnte, u ſich verwirklicht ?u er⸗ 
wiederte er. 

Sie ſah ihn betroffen an. „Hat mein Bruder einen 
Traum gehabt?“ 

Hatte des Mädchens ideale Sthonheit und ihre 
leichte Feengeſtalt den jungen Mann in Verlegenheit 


—d 168 ⸗— 


geſetzt, die ihm in der Verwirrung bie eben erwähnte 
Londoner. Formel auf die Zunge brachte; fo war ihre 
Antwort und nädjite Frage eben nicht geeignet, dieſe 
Verwirrnng zu mindern. Die melancholiſchen Töne 
eines Inſtrumentes, die ſich nun hören ließen, brachen 
unterdeſſen die Unterhaltung ab. Er hörte befremdet 
den ſeltſamen, tiefen grauſen Tönen zu. | 

nDie. Nacht iſt fühle und feucht. Die Dünfte ziehen 
urehr und mehr vom’ Fluſſe über das Wigwan. Mein 
Bruder darf nicht im Freien bleiben, fonft fommt das 
Fieber wieder; aber er kann,“ fügte fie nad) einer 
Paufe hinzu, „bie Maͤdchen in unſerer Stube tanzen 
ſehen.“ 

Mit dieſen Worten reichte ſie ihm ie Hand, 
führte ihn in die Hütte, und durch ven Vorhang in 
ihr Stübchen, das ein Eleines Zenfter, welches auf 
das Ufer des Fluſſes fah, vollfommen erhellte. Es 
erfolgte n nun eine Scene, vie Salvator Roſas Pinfel 
eines der ergreifendſten Nachtſtücke geliefert haben 
würde. — Rings um die Bucht herum, wo acht Tage 
zuvor das Birkencanor gebaut worden, war eine 
Schaar von nahe an zweihundert Maädchen, Weibern 
und jungen Wilden in einem weiten Ringe verſam⸗ 


— 10 — 


melt. Jever und Jede hielten in der einen Hand eine 
lange brennende Pechfackel, in der andern eine 
Schelle. Vier erwachſene Iungfrauen: hatten ihren 
Pla unmittelbar auf. dem erwähnten Uferkamme, 
und fpielten auf indianiſchen Trommeln und Flöten. 

Das erfte diefer Inftrumente glich "einem mit 
Klappern verfehenen Tambourin. Die jungen Wilden 
hielten dieſes Inftrument hoch empor, und fehlugen 
mit kurzen dicken Stäben darauf. Das zweite war 
eine Flöte mit drei Löchern, die einen ungemein tiefen 
melancholiſchen Ton von fi gab. 

Die Mufit war anfangs ſchwach und gebämpft; 
obgleich kunſtlos und ungeorbnet, fo waren jedoch bie 
Töne der Flöte nicht ohne Melodie und den Tönen. 
eined Schweizer-Alphornd zu vergleichen. Allmählig 
wurben fie in dem Maße ftärker, als die Bewegungen 
der jüngern Squaws und Mädchen dad Erwachen 
der Tanzleivenfchaft verfündigten. Als nun die Tam⸗ 
bourind einfielen, gab das Ganze eine zwar wilde 
regelloſe, aber nicht unangenehme Mufik. Es erhob 
ſich jetzt eines der Mädchen, das mit den lieblichſten 
Geberden fich in den Kreis wann und drehte, waͤhrend 
auf dem gegenüberftehenden Bogen ein anveres ihr 


—d 110 8 


entgegen Fam. Beide hatten Tambourins. . Anfangs 
wirbelten fie im Kreiſe herum, fi zu den Madchen 
herabbückend, und dann mit ſchlangenartiger Ge⸗ 
wandtheit ſich kreiſend und wendend, tanzten fie in die 
Mitte, wandten ſich einige Male im Kreiſe, und fingen 
dann den eigentlichen Tanz an. Ihre Füße fehienen fich 
nicht ju bewegen, während fe pfeilſchnell nach den 
Schlägen des Tambourins im Kreife herumflogen, 
und ihre Ferſen hebend ſich immer und immer.und 
immer fortbewegten, mit ihren Tambourind die gra= 
ziöfeften Bantomimen ausdrückend. Nichts konnte 
der Zartheit und dem Anmuthe dieſer Tänzerinnen 
verglichen werden, die die natürlichen Leidenſchaften 
der Wilden in ſo veredelter und reizender Mimik dar⸗ 
zuſtellen wußten. Nachdem ſie vielleicht zehn Minu⸗ 
ten getanzt hatten, nahmen ſie wieder ihren Sitz. 
Zwei andere Mädchen folgten, und führten den⸗ 
ſelben Tanz aus, doch war ihr Geberdenſpiel bei 
weitem nicht ſo ſprechend, einfach und graziös, wie 
das der erſten. Als ſie geendet hatten, trat ein Knabe 
mit einer Federkrone auf ſeinem Haupte ein. Sein 
Geſicht war mit den gewöhnlichen Kriegerfarben bes 
malt; den Schred, den fle einzuflößen beftimmt 


— 111 — 


waren, ſuchte er noch durch die wildeſten Verzerrun⸗ 
gen, deren ſeine jugendlichen Züge fähig waren, zu 
ſteigern. 

Ein Zweiter, auf dieſelbe wild phantaſtiſche Weiſe 
herausgeputzt, folgte ihm, und num fingen Beide den 
Kriegertanz an. Zu verſchiedenen Malen warfen fle 
fih ver ganzen Länge nach auf die Erde hin, daß 
man hätte glauben follen, jeder ihrer Knochen jey 
aus dem Gelenke gerifien; dann krochen fie mit un⸗ 
glaublicher Schnelle herum, krümmten ihre Schenkel, 
ſprangen auf und fielen mit wüthenden Geberden auf 
einander. Plöglih wandten fie ſich dem Halbkreiſe 
zu, wo ihre Gefpielen faßen, riffen ven beiden Trom⸗ 
melfhlägern ihre Irommeln aus den Händen, und 
waren kaum in bie Mitte des Kreiſes zurückgefprungen, 
als dieſer fh in zwei Hälften theilte, von denen die 
eine gegen die andere zu traben anfing. Squaw gegen 
Squaw, Mädchen gegen Mäpchen, trabten einige. 
Male vorwärtd, dann rückwärts, ſchwenkten bann 
zuleßt ihre Fackeln, ſchüttelten ihre Schellen, und 
rannten und trabten fehneller und ſchneller, bis das 
Ganze zuletzt ein Knäuel der wildeſten Verwirrung 
wurde. 


—s 12 — 


Der grelle Widerſchein von mehreren hundert date 
keln, unter dem Nebelſaume des Fluffes hinabflackernd, 
gab dieſem das Anfehen eines glühenden Höllen⸗ 
fluſſes; die alten Squaws, die mit aufgelösten Haaren 
und welfen knochigen Geſichtern in ungeſchlachten 
Kreuz⸗ und Querſprüngen ſich umhertrieben und mit 
ihren Feuerbränden mehr Kobolden als menſchlichen 
Weſen glichen; das durchdringend gellende Geheul, das 
die Luft zittern machte, und wieder plötzlich inne hielt, 
um die melancholiſchen Töne der Floõte und bie dum⸗ 

pfen Schläge ber Trommel hervorbrechen zu laſſen, 
gaben dem Ganzen mehr den’ Charakter eined Hexen⸗ 
tanzes, als den weiblicher Weſen. Plötzlich wurde 
noch ein wůthender Schrei, wie aus tauſend Kehlen, 
gehoͤrt; die Fackeln verſammelten ſich in einen 
Klümpen, verloſchen, und tiefe Finſterniß herrſchte. 

Märe unſer Britte mit einer mäßigen Doſis Aber⸗ 
glauben verſehen geweſen, ſo hätte er ſich leicht an den 
Ort verſetzt glauben können, ven berechnende Ber- 
ſchmitztheit, glänbigen Seelen zum Troſte und Schrek⸗ 
ken der ſo eben beſchriebenen Scene nicht ganz unähnlich 
ausgemalt bat. Und nach dem langen ſchweigſamen 


—d 173 — 


Dabinftarren zu fehließen, in welches ihn dieſer Auf⸗ 
triti verſetzt hatte, ſchien es wirklich zweifelhaft, ob 
er nicht etwas Diaboliſches im Hintergrunde ſehe. 
Die plötzlich eintretende Finſterniß mochte nicht wenig 
dazu beitragen, die Sinne des jungen Menfchen zu 
verwirren. 

„Das find ja verdammte — Bitte um Vergebung, 
Miß — das find wirklich furchtbare Geftalten;«. rief 
er aus. „Wo find wir nur, um’d Himmelswillen u 

„Im Wigwam des Miko;« verjegte das Mädchen. 

„Miko? Miko? Was ift diefer Miko?“ 

„Der Häuptling der. Oconees;“ ligpelte ſie mit 
bebenver Stimme. 

„Der Miko ift ferne,“ fprach eine Stimme Binter 
ihnen, die die Gegenwart der Indianerin verrieth, 
maber wirh fein Geruch nicht die Spur des Fremdlings 
wittern? Meine Schweſter follte nie vergeffen, daß 
. fe zugleich die Tochter des Miko und fein Gaft ifl.« 

„Um Gotteswillen!“ rief Diefe, mmein Bruber 
muß gehen, er darf nicht länger in der Hütte des 
Miko verweilen. Wenn der Milo — u 

„Nur ein Wort, diefer Miko ?« 

„Dein Bruder,“ ſprach das Mädchen bringenber, 

Der Legitime. L 13 


„muß wirkli gehen. Meine rothen Schweftern find 
fehr mißtrauif, und ihre Augen würben fich ver- 
finftern, wenn fie ihn mit Rofa in dem Wigwam 
fänden. « 
„Wohl! Wohl! Ja, ja gewiß; erwiederte der 
junge Mann, ihre Hand plöglich fahren laſſend. „Gute 
"Nacht, Gott fegne Did, Du lieblichſtes aller Weſen!“ 
„Gute Nacht, mein Bruder!“ lispelte fie ihm nad. 
Er fing ven Ton ihrer Stimme auf, ald er durch 
ven Vorhang eilte. Er rannte durch die äußere Stube, 
durch die Thüre, und beinahe über vie Inpianerin. 
‚Himmel und Erbe tanzten vor feinen Augen. Er 
fuchte feine Hütte, fie war unflhtbar. Der filbers 
artige Flor hatte fi über den ganzen Uferkamm 
bingelagert. Kein Dad, fein Haus, Tein Licht war 
zu erjehen. Alles war in tiefe Nacht begraben. Die 
Dünfte, die kalt und feucht von dem Strome herüber 
famen, fingen an feine Hige zu fühlen, eine Fieber⸗ 
fälte begann feinen Rüden herabzuriefeln. 
„Mein Bruder,” ſprach eine fanft melodiſche 
Stimme ‚während eine Hand die feinige ergriff, wift 
zu viel gerannt. Will er nicht in feine Hütte zurück⸗ 
kehren?“ 


— 175 — 


Er blickte auf, und fah die Indianerin vor fi. 
nMeine Schwefter ſcheint mich fehr im Auge zu 
behalten ;u erwiederte er nicht ohne Mißmuth. 

Sie blickte ihn an, ohne den Sinn feiner Worte 
zu begreifen. 

„Meine Schritte zu bewachen,“ ar er in dem⸗ 
felben Tone fort. | 

„Unfere jungen Männer find mit dem Miko auf 
der Jagd, Canondah iſt die Tochter des großen 
Häuptlings;u ſprach fle ernfthaft. 

„Du bift aljo die Tochter des Indianerhäuptlings ;« 
fragte ex mit etwas mehr Interefle. 

Ste nidte und ſprach: „Canondah hat e& bereits 
ihrem Bruder geſagt; die Nacht iſt kühle, mein 
Bruder muß in das Wigwam, oder mit der friſchen 
Sonne wird er das Fieber haben.“ Mit dieſen 
Worten deutete ſie vorwärts, und ſchlüpfte voran. 

„Hier,“ ſprach fie auf vie Hütte deutend, „wird 
mein Bruder Raſt und Ruhe finden; und die Buffa⸗ 
loehaut aufhebend, Tiep fie Ihn hindurch, und ent- 
fernte fich eilends. 

„Sie ift die Tochter des Mike, des großen Haͤupt⸗ 
lUngs der Oconees;« rief der Britte, den die kühle 

13* 


—d 176 &— 


Nachtluft und die drohende Geſtalt der Indianerin 
plöplich Aus feiner Nhantasmagorie zurückgebracht 
hatte... „Sürwahr! würde nicht geglaubt haben, daß 
unfere Schildkröten⸗ und Auſternexcurfion uns die 
Ehre ſo hoher Bekanntſchaften zuwege bringen würde,“ 
fuhr er lachend fort. „Wenn nur der Tom da wäre. 
Mas würde der zu dem herrlichen Engel fagen? Wohl, 
wohl, Hodges, da Fönnteft Du fo eine Art Roman 
fpiefen, und wenn e3 gut geht, von ber Liſte weg⸗ 
geftrichen werden, ‚oder wenigſtens für vierzehn Tage 
alle Sterne am Himmel abzählen. Ich möchte nur 
wiffen, was unfer alter Brummbär fagen wird ?« 

Glücklicher Junge! in deſſen ächt feemännifchem 
Gehirne fid der Capitain und die Fünftige Buße mit 
der lieblichen Rofa und Her drohenden Indianerin fo . 
traulich paaren Eonnten. Welches Loos Dir immer 
zufallen möge, wir werben Dich mit Vergnügen auf 
Deiner humoriſtiſch abenteuerlichen Irrfahrt begleiten. 


. Der Morgen, der auf die etwas unruhige Nacht 
folgte, war fhön und helle. Die Strahlen ver De⸗ 
zemberfonne goffen über Dorf und Ylur eine milde 
Wärme, die Fluß⸗ und Hüttenbewohner neu belebte: 


—H 177 e⸗ | 

Tauſend wilde Enten, Gänfe und Schwäne trieben 
ihr Weſen auf dem prachtvollen Strome, während 
Spo:tvögel, Paroquetd und Bluebirds ihre harmo⸗ 
nifhen Töne aus den Gebüfchen hören ließen. Her⸗ 
über von dem Waldende hörte man. ven Geſang einer 
C haar Märchen, die um eine Heine Heerde gezühmter 
Buffalokühe befchäftigt waren; und etwas näher dem 
Strome zu war ein großes Feuer zu fehen, um das 
ein großer Haufe von Jungen und Mäpchen fich her⸗ 
umtrieben. Sie verbrannten jauchzend eine Tange, 
die, mit Stroh audgefüllte Figur, deren weißes. 
Geſicht einen Dankee vorftellen ſollte, und in deſſen 
Wamſe zahlloſe Pfeile ſteckten. 

Aus der Hütte, in der unſer Midſhipman der ins 
dianiſchen Gaſtfreundſchaft genoß, kam Canondah, 
ein Körbchen am Arme. Sie hatte ſich bereits der 
Wohnung ihres Vaters genähert und ſchien eilig zu: 
ſeyn, als die Buffalohaut der Hütte ſich öffnete und 
der junge Mann ihr nachgelaufen kam. Sein ſchneller, 
feſter Schritt bezeugte, daß er ſich beinahe gänzlich 
erholt habe. Das Aeußere des jungen Mannes ver⸗ 
rieth jenes humoriſtiſch waghalſige und derbe Weſen, 
das einen jungen Scefadeten ſo wohl kleidet, in dem 


—H 178 — 


ver jocofe Geiſt des Matrofen mit dem ernflen, her⸗ 
rifhen Weſen des Offiziers und den Halb gefchliffenen 
Manieren des Landjunfers noch immer.um die Ober- 
band ftreiten. Die bleiche Jammergeſtalt war zum 
Träftigen „ rothbädigen Sproſſen Sohn Bulls ges 
worden, in deſſen muntern blauen Augen fi ein 
gewiſſes behagliches Gefühl, mit viel gefundem- 
Menfchenverftand, abfpiegelten, während der um fein 
Kinn aufgefproffene ziemlich Iange Flaum und die 
Aolernafe dem noch immer wettergebräunten Gefichte 
einen Ausbrud von Kraft und Männlichkeit gaben. 
Mit diefem anziehenden Aeußern jedoch flach feine 
Garderobe nur zu ſehr ab, die, die Wahrheit zu fagen, 
nichts weniger als einladend war. Zu geſchweigen 
bes Halokragens, der feit mehreren Wochen der Seife 
entbehrt haben mochte, war feine Jacke ftellenweife 
durchlöchert, und ein Stüd Eottontuches verbarg nur 
kümmerlich den Schaden, ven die Zähne des Alliga- 
tors in feinen Inerpreffibles angerichtet hatten. 

Die Indlanerin hatte kaum die Fußtritte des Nahen⸗ 
den gehört, ald fie fih ummwandte und ihm freundlich 
entgegen ging. In ihrer Miene Tag nichts von jener 


— 179 86 


| Falten Särt, bie früher an ihr ſichtbar geweſen; im 


e 


Gegentheil, fie war heiter und fröhlich. 

„Mein Bruder‘“ rief fle ihm von weitem lachend 
zu, „bat ven Schlaf eines Bären, den weder die 
Waſſervögel, noch die ſchreienden Squaws aufwecken 
können. Die Sonne iſt bereits hoch, und doch hat er 
feine Schweſter nicht gehört.“ 

„Ja bo,“ verſicherte er, mund der beſte Beweis 
davon iſt, daß ich mic ſogleich aufmachte, um den 


Befſuch zu erwiedern.“ 


Das Compliment ſchien von dem Mädchen wieder 
nicht verſtanden zu werden und ſie drohte ihm lächelnd 
mit dem Finger. „Mein Bruder ſpricht wieder mit 
einer Doppelzunge.“ 

„Ich bin gekommen, meiner freundlichen guten 
Schweſter meinen Morgengruß anzubieten, « erwies 
derte er, ſich die Lippen beißend, „aber was die 
Doppelzunge betrifft, ſo muß ich zu meinem Leidweſen 
geſtehen, daß ich nur die ſchlichte, ehrliche Zunge von 
meinem Alt⸗England ſpreche. Mein weniges Fran⸗ 
zöflfch habe ich ſeit meinem achtzehnmonatlichenSchiffs⸗ 
leben ſo ziemlich wieder vergeſſen. u 

Die unbefümmert behagliche Weiſe, mit der er 


4180 ⸗— 


dieſe Worte ſprach, und das ganze Weſen des vollen, 
blühenden Jünglings, in dem kein Arges zu ſeyn 
ſchien, brachte ſichtlich einen günſtigen Eindruck auf 
die Indianerin hervor. Ihre Augen hingen mit Wohl⸗ 
gefallen an ihm; ſie ſann einige Augenblicke nach, 
ergriff plöglich feine Hand und auf feine Hütte deu⸗ 
tend, ſprach ſie: „Mein Bruder wird da feine Schwe⸗ 

fter erwarten. * | 

Eie flog dann zur Thüre ihres Häuschens, ſtellte 
das Körbchen nieder und eilte zur zweiten größern 
Hütte, aus der ſie nach einer Weile mit einem ziemlich 
großen Bündel kam. Mit dieſem flog ſie der Hütte 
des Britten zu. | 

nMeined Bruders Gürtel und Hemde find fehr 
ſchmutzig und zerriffen;". ſprach fle. „Hier wird er 
finden, was ihn beffer kleiden wird.“ 

„Was ift das, liebe Schwefter?“ verſetzte er, ver 
ſich allmählig an ihre Phrafeologie gemöhnte. 

n Meines Bruders Schwefter wird wieder kommen, 
wenn er dieſes mit feinen unjaubern, häßlichen Klei⸗ 
dern vertaufht hat;« ſprach Ne, durch die Thüre 
ſchlüpfend. 

Neugierig unterſuchte er nun das Päckchen. Es 


—d 181 — 


war ein vollflommener Anzug mit frifher Waͤſche. 
Ein Ueberro von blauem Zude, ganz im Schnitte. 
brittiſcher Secoffiziere, Bantalons, Weſte und Etie- 
feln. Das fonderbare Geſchenk war nicht geeignet, 
die Zweifel zu beſchwichtigen, oder ihn über ſeire 
Lage aufzuklären. Woher hatte die Indianerin dieſe 
Kleidung? Der Seeräuber fiel ihm von Neuem ein. 
Durfte er, ein brittiſcher Offizier, von dieſer Kleidung 
Gebrauch machen? Sein Auge fiel auf feing abge⸗ 
tragene Garderobe, die, nur mühſam zuſammenhal⸗ 
tend, jeden Augenblick eine furchtbare Blöße androhte. 
Noth kennt fein Gebot. „Es iſt nicht die erſteKriegsliſt, 
durch die ein ehrlicher brittiſcher Midfhipman in eines 
Andern Stelle [hlüpfte;= rief er lachend, feine Frag⸗ 
mente abwerfend und fein neues Coſtum mit den Ken⸗ 
neraugen eines Newbondſtreet⸗Coſtumers prüfend. 
Die Umwandlung war wirklich zu ſeinem Vortheile 
auegefallen. Der knapp anliegende blaue Rock, die 
eleganten Pantalons, die lichtgelbe, echt brittiſche Weſte, 
kleideten ihn trefflich. Mit einer Art komiſchen Ab⸗ 
ſcheus ſtieß er die Ueberreſte ſeines vormaligen äußern 
Menſchen zur Thüre, oder vielmehr zur Bufſalohaut 


1 19 ⸗ 


hinaus, um ſie im. nahe gelegenen Gebüfche jedem 
menſchlichen Auge zu entziehen. 

Mitten in dieſer Beichäftigung überrafchte ihn 
Canondah. Einen Augenblid Hing ihr Auge an dem 
wohlgebilveten, nun wirklich ſchönen Fünglinge, und 
dann ergriff fie Kächelnd feine Hand, ihn Tafch mit ' 
ſich fortziehend. Vor der Thüre ihrer Hütte anges 
langt, ‚winfte fie ihm bebeutfam, ſchlüpfte dann in 
die Stuße und fehrte Sand in Hand mit Roſen zurück, 
and flog hernach dem brennenden Scheiterhaufen zu. 


Achtes Kapitel. 


@s iſt etwas in mir, has mir ſagt, aber 
es iſt nicht Liebe, daß ich euch nicht gerne 
verlieren moͤchte. 
Shalespeare. 

Die betroffen ſtaunende und Halb verlegene Miene, 
mit der er ſich ihr näherte und die erſt allmählig in 
den franfen gentlemäniſchen Anftand überging, die 

“einer guten Erziehung und gutem Umgang eigenthüms 
ih find, Hatte feinem ganzen Wefen einen fo zarten 
Anſtrich von Aufmerkſamkeit und Ueberraſchung ges 


4183 — 


geben, daß das Mädchen bis zur Ragelſpitze er⸗ 
röthete. Es war das erſte Mal, daß fie auf eine fo 
zarte Weiſe den Triumph ihrer idealen Schönheit 
genoß und das wohlthuende Gefühl fremder Aner⸗ 
kennung ſchien ihren Buſen zu heben und ihrem ganzen 
Weſen eine veredelte Geſtalt zu geben. 

„Ein herrliches Bild,“ ſprach er endlich mit Feuer 
und Rührung, „ſchwebt meinem trüben Blicke vor. 
Es iſt ein Engelsbild, das mich liebend umſchlang, 
als mich das Ungethüm in feinen Rachen faßte. Es 
kam, als mich die Nacht des Todes umfing und 
wärmte mich, als Fieberfroft meine Glieder ſchüttelte. 
Es hat mich gepflegt und heilenden Balſam auf meine 
Wunde gegoſſen. Wahrlich Miß, wäre es nicht heller 
Tag, ich glaubte zu träumen.“ 

Sie hatte ſchweigend ihr Auge auf die Erde ge⸗ 
heftet. 

„Sie ſind es denn,“ fuhr der Jüngling fort, „der 
ich mein Leben, meine Geſundheit danke, die mich 
gepflegt, die mich liebreich gewartet ?« 

nDer Arm Rofas ift ſchwach, mein Bruder,“ fiel 
fie ein, ihm mild und vertrauens voll ing Auge blickend, 
afie würde ihren Bruder nicht aufrecht erhalten haben 


— 194 — 


können. Es ift Canondah, die Dich aus dem Rachen 
der Waſſerſchlange gerettet. Es iſt ſie, die Dich in 
die Baumhöhle, in dieſes Wigwam getragen. Sie 
iſt es, die Winondah vermochte, das Fieber zu ver⸗ 
treiben.“ 

„Die Indianerin!« rief der Jüngling. „Diefelbe, 
die mich fo unbarnıherzig auf die Kolter ſpannt, jeden 
meiner Schritte belauert 24 

Der Blick des Mädchens ruhte beinahe wehmüthig 
auf ihm. „Canondah iſt die Tochter des Mifo, ſie 
ift die Mutter der Oconees, fie iſt der Troſt und bie 
Hoffnung. Aller; aber der Mifo und fein Wolf find 
roth;“ ſprach dad Mäpchen bebenſam und unwill⸗ 
kürlich ſchaudernd. 

„Ich verſtehe; « fprach der Britte. 

„Sie ſind ſehr gut, aber ſie haben vieles von 
unſern weißen Brüdern gelitten.“ 

„Den NYankees?« verſetzte der Jüngling. „Aber 
wie kommen Sie, Miß, hierher; darf ich bitten, mir 
hierüber Aufklärung zu geben?“ 

„Der Miko nahm Roſa aus der Hütte des weißen 
Zwiſchenhändlers.“ *… 

„Aber Wer iſt dieſer Miko, dieſes Dörfchen hat 


15 — 


voch gar Feinen wilden Anflrih. Beinahe Alles, mas 
man bei ung flieht. — Wo find denn die Männer?“ 

„Sie find mit dem Häuptlinge auf die Herbftjagb 
ausgezogen. * 

Die Augen des Britten zuckten, feine Miene heis 
terte ih auf. „Können Sie mir fagen, theure Miß, 
wo wir find ?“ fuhr er. zutranlich fort, ihre Hand er⸗ 
greifend. 

Es ſchien beinahe, als ob das Zartgefühl des Mäd⸗ 
chens das Selbſtiſche, das in ſeiner Frage lag, geahnt 
Hätte. — Sie ſah ihn mit ihren Elaren Augen forſchend 
an und ſprach: „Wir find weit von den Weißen. Weit 
vom großen Yluffe gegen die untergehende Sonne. 
Mir hatten vierzig Tage biefen überfehritten und noch 
Immer waren wir nicht am Ziele.“ 

Der junge Mann fchüttelte fein Haupt. „Verzeihen 
Sie, da3 kann nicht feyn. Ich war bloß acht Tage von 
dem Blockhauſe des Piraten weg und die Golfſtrö⸗ 
mung konnte mi unmöglich fo weit vom Miſſiſipi 
weggetrieben haben. — Wiffen Sie nit den Namen 
dieſes Fluſſes ?« 

Sie verneinte es. „Am jenſeitigen Fluſſe ober⸗ 


186 — 


halb wohnen die Coshattges und weiter oben bie 
Sabine-Indianer.® | 

„Sabine ? dann find wir am Sabine.“ 

„Der andere Fluß mag fo heißen. Hier,“ fuhr fie 
fort, „find wir ringsum eingefchlofien. Nur auf vem 
Strome oder von jenjeitd gelangt man zu und. Auf 
diefer Seite würbe auch der Wolf vergebens zu und 
zu dringen verfuchen. Mein Bruder muß nicht auf 
Flucht denken.” u | 

Der junge Mann war in tiefes Nachdenken ver- 
funfen. „Sabine, murmelte ex, „dad iſt bie Grenze 
der Vereinigten Staaten gegen Mexico. Zu Lande 
höchftens vierhundert Meilen, nicht unmöglich — 

„Mein Bruder,“ wiederholte fie, „muß nicht auf 
Flucht denken. Der Miko ift gut, wenn Du,“ fuhr 
fie zögernd fort, mein Beind der Yankees biſt. — Er 
wird Dir mit Freuden die Hand reichen, wenn —* 

„Wenn?“ frug ver Jüngling gefpannt. 

„Wenn Du nicht ald Späher gefommen biſt;« fuhr 
fie zoͤgernd heraus. 

„Späher, Spion? Pfui! — Wie können Ste, Miß, 
ſo Arges von mir denken ?“ 

Das jungfräuliche Kind Hatte ihn mit ven Klaren, 


—, 187 &— 


ruhigen Augen kindlicher, aber tief dringender Uns 
ſchuld angefehen. 

„Mein Bruder,“ ſprach fie mit naiver Einfalt und 
einer Miene, die um Aufklärung zu bitten fchien, 
„mein Bruber fagt, daß fein Volk nicht im Kriege 
gegen ven Häuptling ver Salzſee begriffen und e3 Ihn 
do an einen Baum hängen würde, im Ball es ihn 
in feine Hände bekäme.” | 

Ein unwillkührlich ironifches Lächeln überflog ˖ den 
Mund des Britten bei Anhörung dieſer ſonderbaren 
Rede; aber ein Blick auf das Mädchen, das in edler 
Einfalt und natürlicher Würde vor ihm ſtand, machte 
ihn über ſeine Gemeinheit erröthen. „Wir find, und wir 
find nicht im Kriege mit dem Seeräuber, Tiebe Miß,“ 
fprah er. „Nicht im Kriege, weil der eigentliche 
Krieg bloß zwifchen zwei Nationen, die legitime Re⸗ 
gierungen haben, geführt werven kann; was Sie aber 
ben Häuptling nennen, ift bloß ein Seeräuber, ein 
Seedieb, ein Elender, der mit dem Auswurfe bes 
menſchlichen Geſchlechtes Schiffe plünbert, Weiber, 
Kinder und Männer ermordet. Gegen ſolche Räuber 
ziehen wir nicht in den Krieg; wir ſenden aber Schiffe 


—d 1880 


and, fie aufzufuchen und einzufangen, und dann wer⸗ 
den fie zum Lohne ihrer Verbrechen gehängt.“ 

Der junge Mann hatte nicht bemerkt, wie das 
Mädchen während feiner Erflärung leichenblaß ge⸗ 
worden war. „Der Häuptling der Salgjee ein Dieb ?« 
fuhr fie erſchrocken heraus. 

„Wiffen Sie dieß nicht?“ erwiederte er. „Ex ift 
Schlechter ald ein Dieb. Er ift ein Räuber, ein Mör- 
der; mit einem Worte ein Seeräuber.” 

Erſt jeßt bemerkte er mit VBermunderung den Eins 
druck, den feine Worte auf fie gemacht Hatten. Sie 
war todtenblaß geworben. Zitternd verdeckte fie ſich 
mit beiden Händen dad Geſicht, fie ſchwankte und 
eilte der Thüre der Hütte zu Ehe fie jedoch dieſe 
erreicht hatte, Tank fie bewußtlos auf der Schwelle 
nieder. Er war zugerannt, um die Tiebliche Geftalt 
vom Sinfen zu bewahren, als ein Schrei des Ent» 
feßens fi hören ließ und die Indianerin mit einem 
Sprunge an feiner Seite fland. Ohne ihn nur eines 
Blickes zu würdigen, umfaßte fie ihre Freundin mit 
beiden Armen, vrüdte einen zärtlihen Kuß auf ihre 
Lippen und trug fie in ihre Wohnung. 

Der junge Britte hatte den beiden Mädchen mit 


—, 189 ⸗— 


der Miene eines Mannes. nachgefehen, der einer 
fürchterlichen Entdeckung auf die Spur gekommen. 
Sein Huge-hing mit Scheu an ver Thüre, als ob fle 
ein ſchauderhaftes Geheimniß verfejlöffe. Unwillkür⸗ 
lich wandten fich ſeine Schritte zuerſt langſam und 
dann ſchneller und ſchneller, als ob er der furchtbaren 
Entwickelung entfliehen wollte, die der befremdenden 
Scene folgen müſſe. Verſtört eilte er in ſeine Hütte 
und warf ſich auf das Lager. Es lag etwas Gräß- 
liches in dem namenloſen Schmerze, der in dem Buſen 
des Mädchens bei feiner Erflärung rege geworden. 
Ein erfütterndes Geheimniß! Dieſe Theilnahme in 
einem ſolchen Weſen für einen ſolchen Menſchen — 
war grauſenhaft. 

Wer iſt dieſes Mäpchen,, frug er fich, die ſo herr⸗ 
lich, gleich einem rettenden Genius, zwiſchen mich und 
die unbeugfame Wilde tritt, mir gleich einem verfäß- 
nenden Engel Troft und Hoffnung verhält? Schön 
ift-fie, wie vie Liebesgöttin, als fle zuerfi den Wellen 
entjtieg; jener Zug in ihrem Gefichte die evelfte Un⸗ 
ſchuld und fleckenloſe Tugend. Woher ver Untheil, 
den fie an biefem verborrten franzoͤſiſchen Hunde 
nimmt? Die Geliebte vielleicht — — Mein, nein, uns 

Der Legitime. J. 14 


—190 ⸗— 


moͤglich! Dieſes Auge kann unmöglich täuſchen. — 
Doch, was kümmert das mich? fuhr er in feinem käl⸗ 
tern brittiſchen Phlegma fort. — Was iſt fie mir? 
— Eine liebliche Erſcheinung, die heute geſehen, 
morgen vergeſſen iſt. — Sie dat dich jedoch gerettet 
— und wahrlih, James, Fönnteft du — ja, ih 
wollte. — 

Dem Selbitgefpräche machte die eintretende India⸗ 
nerin ein Ende. j 

Ernft und prüfenn fchritt fie auf ihn zu. Ihr Blick 
war beinahe feierlih. Sie hob ihre Hand auf und 
winkte ihm, als fie bemerkte, daß die Speifen noch 
unberührt flanden. Er war aufgeflanven, um ihr 
‚entgegen zu kommen. 

„Mein Bruder muß effen,“ ſprach fie; „wenn er 
es gethan Hat, dann will ihm feine Schwefter etwas 
in dad Ohr wispern.” Mit diefen Worten ließ fie 
ſich am entgegengefegten Ende des Ruhelagers nieher. 

wISch Habe Keinen Hunger, meine Schweſter,“ er⸗ 
wieberte der junge Dann, vund bin bereit, Dich an⸗ 
zubören. Wie ift der weißen Roſa?« fragte er in 
fihtbarer Verlegenheit. 

„Meine Schwefter,“ erwieberte die Indianerin, „ift 


—d 191 6 


Trank; aber fle ift nicht krank wie mein Bruder, fle 
iſt franf im Herzen. Mein Bruder kann die weiße 
Roſa geſund machen. Sie iſt Canondah ſehr lieb, 
mehr als ihr Leben.“ 

Sie zitterte, fie ſuchte augenſcheinlich nach Worien, 
allein ſie konnte keines hervorbringen. Sie war ſicht⸗ 
lich ſehr angegriffen. Ihr Buſen hob ſich, ihr ganzes 
Weſen drückte die innigſte Theilnahme für ihre Freun⸗ 
din aus. 

Der Jüngling ſah ſie mit Verwunderung an. 

„Will mein Bruder fie geſund maden tt fragte 
fie leiſe. 

„Und meine Schweſter frägt?“ erwiederte er. „Was. 
in meinen Kräften fteht, will ich gerne thun.“ 

nMeln Bruber hat etwas in das Ohr. der weißen 
Roſa geflüſtert, das ſie krank gemacht hat.“ 

„Das thut mir leid; Hätte ich auch nur entfernt 
ahnen können, daß dieſes liebliche Weſen an dem Un⸗ 
geheuer den leiſeſten Antheil nimmt, nie würde ein 
Wort über meine Zunge gekommen ſeyn.“ 

. Die Indianerin ſah ihn kopfſchüttelnd an. Sie 

trat einige Schritte zurück und ſprach forſchend: 

„Würde mein Bruder es gerne fehen, wein ber 
414° 


5 19 > 
Häuptling der Salzſee die. weiße Rofa in fein Wig- 
wam führte?u 2. 

Gott bewahre! rief der junge Mann. „Dieſes 

wüfte Ungeheuer das engelreine Weſen.“ Er ſprach 
‚Die Worte mit Heftigkeit, mit Abſcheu. 
- Das Mädchen fuhr freudig auf, feine Hand orgrei⸗ 
:jend.. „Mein Bruber hat wohl geſprochen. Mein 
Beuder Hat etwas in das Ohr ver weißen Roſa ge- 
flüftert. Sat er Feine Lüge geſagt?“ | 

„Lüge?“ entgeguete er raſch. „Mein, liebes Mad⸗ 
chen, kein Gentleman fagt eine Lüge. « 

„Und ver Häuptling der Salzfee ift ein Dieb, ein. 
Näuber?“ fragte-fie. Sie blickte ihn an und nickte. 
„Er ift ein Panther ver Salzſee, ver rothe Hund, die 
Mocaffinihlanget« Ihre Augen blikten vor Wuth 
und Verachtung. 

„Er ift wirklich ein Dieb, mit allen den, Seinigen, 
ber Auswurf des Menſchengeſchlechtes, ver raubt, 
fliehlt, more. Er iſt wogelftei und wenn wir ihn 
heute erwifchen, fo hängt er morgen in Ketten ;u ſprach 
der junge Mann. 

„Und mein. Bruder ift fein Yankee?“ fragte fie. 

„Nein,“ ſprach er, ſich ſtolz in die Bruft werfenn. 


— 18 — 


„Bott fey Dank, ich habe die Ehre ein Engländer u 
ſeyn; von der Nation ‚'die den Ocean beherrſcht und 
ale Könige und Kalſer in ihrem Felde Hält und tcia⸗ 
ſenð Schiffe auf allen Meeren hat.“ 

Der Ausdruck des jungen Mannes, der Indianerin 
gegenüber, hatte jene hier ziemlich alberne Brahleret 
angenommen, ber fich jedoch auch der ſonſt verriünftige 
Britte fo gerne und nie mehr als dann überlaͤßt, wenn 
e& fein Vortheil zu erheifehen feheint, Bremben eine 
recht große Idee von feinem Lande und fo gelegen» 
heitlich von fich felbft beizubringen. 

Diesmal fhien die Indianerin nicht ohne Vergnů⸗ 
gen die Lobpreiſungen ſeines Landes anzuhören. 

„Mein Bruder,“ ſagte ſie „iſt kein Spaͤher, dieß iſt 
nicht die Zunge eines Spähers. Nein, mein Bruder 
iſt ein junger Krieger. Und will er dem Miko ſagen, 
daß der Häuptling der Salzſee ein Dieb m 

„Und der Miko weiß dieß nicht ?“ fragte er. 

Die Indianerin verneinte es. | | 

Wenn der Miko es mir erlaubt, dann will ich ihm 
bald Beweife liefern. Der Seeräuber wird es nicht 
lange mehr treiben. Sein letzter Streich hat das 


5 1 6 

Map gefült. Wahrſcheinlich iſt ex bereits einge- 
fangen. u | ' 

9Mein Bruder,“ erwiederte fie, „wird den Miko 
fehen, ver Mio wird die Palme feiner Hand öffnen, - 
und ihm ein Wigwam "geben und Roſa zur Squaw 
ſchenken. Er wird meinen Bruder lehren, die Waſſer⸗ 
ſchlange tödten und den ſchlafenden Bären und den 
ſchnell fpringenden Banther ſchießen. Mein Bruder 
wird ein großer Krieger werben. Und Rofa, * flüſterte 
ſte ihm zu, „wird einſt ſein Wilpret kochen und ſein 
Jagdhemde nähen und der Dieb ſoll ſie nicht haben. “ 

Mit diefen Worten eilte fe ſchnell von dannen. 

nBerfluchte Robinſonade!« fehrie der Britte, als 
die Indianerin den Rücken gekehrt hatte und ein lautes 
Hohngeläähter entfuhr ihm.. „Glaubt fie mich zum 
Erfage für den abſcheulichen franzöflfchen Hund zu 
nehmen? Wahrlich James, du müßteft dich trefflich 
in den Mocaffind und Wampums, roth bemalt, aus⸗ 
nehmen. Ind Wigwam ziehen! Wildpret Eochen! 
Nein, es iſt zum toll werden!“ 

Und wahrlich für einen jungen; kaum zwanzigjaͤh⸗ 
rigen Midſhipman, der die Liebe höchftens aus Ro— 
manen, ober von einer gewiffen, eben nicht fehr an⸗ 


— 15 — 


ziehenden Seite Tannte, mußte der Vorſchlag, fein 
Leben in einem indianiſchen Wigwam zwiſchen Wil⸗ 
den zuzubringen, eben nicht ſehr erfreulich klingen. 

Ihm, der ſo voll Eifers und Verlangens brannte, 
ſtch gegen die VYankees auszuzeichnen und ver für feine 
nächſte Waffenthat die Lieutenancy ſchon in ver Tafche 
zu haben glaubte, einen ſolchen Antrag Zu thun! 

Nein, es hätte die vier Gehirnkammern eines weifern 
Mannes in Aufruhr bringen können. Die Gemüths⸗ 

flimmung , in. welcher ſich daher unfer Britte nad 
diefem Antrag der Indianerin befand, war trotz ſeiner 
luſtigen Exclamationen nichts weniger als die beſte. 
Bisher hatten ihn körperliche Leiden, vie ihn auf 
fein Kranfenlager und feine Hütte beſchraͤnkten und 
ſein maͤnnlicher, ‚auf eigne Kraft vertrauender Sinn, 
von jenem beängftigenden Nachdenken abgehalten. 

Die Iehten at und vierzig Stunden jedod waren 
allmaͤhlig auf feinen Kopf Sturm gelaufen, der eben 
nicht fehr geeignet war, ihn zu einer ruhigen Anfchaus 
ung feiner Lage kommen zu laſſen. Das myſteriöſe 
Berhältniß des Miko zum Seeräuber, und im Hintere 
grunde ein ſchwarzes Gebeimniß, das vor feiner Phan⸗ 
tafle heraufpämmerte, erfüllten ihn unwillkuͤrlich mit 


—d 195 ⸗— 


Grauen und brachten feine Lebensgeiſter in eine nicht 
weniger als angenehme Spannung. | 
‚Seine Lage war wirklich nicht beneidenswerth. 
Sie war, wenn glei nicht fo ganz unerhört unter 
feinen abenteuerlichen Landsleuten, doch von Allem, 
was er gefehen over gehört, fo gänzlich verſchieden, 
die Geſchoͤpfe, mit denen er umringt, ſo ſonderbar, 
daß er immer mit ſichtbarer Angft feinen Mund auf⸗ 
that, aus Furcht, mißverftanden zu werben. Er hatte 
fich gewiſſermaßen einen ganz neuen Ideenkreis zu 
bilden, um ſich mit ihnen verſtändigen zu können, 
aber in dieſer Bemuͤhung das Ziel ſchrecklich verfehlt. 
Se tiefer er fich mit ihnen eingelaſſen, deſto mehr 
hatte er ſich verwickelt, und alle feine Mühe, ven Fa⸗ 
den aus biefem Labyrinthe herauszufinden, war ge⸗ 
fHeitert. Was er zudem während ver legten Tage 
gefehen und gehört, war wahrlich nicht berechnet, 
feine Lage beſonders erfreulich zu machen. Die Wild- 
heit der Weiber bei ihrem Tanze, das höhnend Giftige 
der Jungen, die mißtrauiſch durchbohrenden Blicke 
der alten Squaws, mit dem furchtbaren Erbeben 
Roſas bei dem bloßen Namen des Milo, waren eben 
Teine guten Borbebeutungszeihen für den guten 


—dH 197 6 


Empfang des Häuptlings. Es war allmählig, daß 
biefe Umſtände und Bilder ſich feinem Gedaͤchtnifſe 
und feiner Phantafie vordrängten und eine Verwir⸗ 
rung in feinem Kopfe anrichteten, die ihn die ganze 
Nacht wie wahnfinnig im Dörfchen umbertrieb. Erft 
gegen Morgen murbe er ruhiger; feine Verflandes- 
feäfte traten allmählig in ihre Verrichtungen, und, 
die wilden Phantafieſtücke abſondernd, gelangte ex 
wenn nicht zu einem Elaren, doch ruhigen Anſchauen 
feiner Lage. Erſt als dieſes Geſchaͤft in feiner Seele 
fo weit geviehen, entfehlief er. 

Die Furze Ruhe hatte ihm zu einiger Veſonnen⸗ 
heit verholfen; der junge Mann ſchritt am Morgen 
feftern Schritteß der Hütte der Mädchen zu. Seine 
Miene fehien anzukündigen, daß er einen. Entſchluß 
‚gefaßt Habe. Worin viefer beſtand, werben wir 
bald fehen. . . 


100 I 


Ueunntes Kapitel. 


Mich dünkt, ich bin ganz betäubt, und verliere 
meinen Weg unter ven Dornen und Gefahren diefer Zeit. 
Shakespeare. 


Die beiden Mädchen kamen ihm auf ver Thür⸗ 
ſchwelle entgegen. Die Indianerin war ungemein 
heiter, in Roſa war keine Veranderung vorgefallen. 
In ihrem Geſichte ſpielte ein milder kindlicher Ernſt 
mit ruhiger Ergebung und ſanfter Würde. Sie blickte 
den jungen Mann freundlich an. 

„Mein Bruder,« lachte ihm die Indianerin entge⸗ 
gen, „iſt ernſt wie Wineachi, wenn er die ſiebente 
Pfeife fih vollgeſtopft hat, und bleich. Hat mein 
Bruder einen böfen Traum gehabt?“ 

nBiele, meine Schwefter;" erwieberte er. 

„Die weiße Rofa wird fie deuten,“ ſprach die In⸗ 
dianerin mit einem vielfagenvden Lächeln, indem fie 
zugleich die Thüre öffnete, und Beide in die Stube 
ſchob, die ſie verfhloß und und dann fehnell ind Ge⸗ 
büfch forttrippelte. 

mUnfere Schwefter fcheint fehr gut aufgelegt zu 


— 19 ⸗ 
feyn, * fprach der funge Mann, ver in ziemlicher 
Berlegenheit dem Manoeuvre der Indianerin zuges 
feben hatte. - 

„Sie weiß es,“ erwiederte dad Mädchen, „daß 
Roſa e8 liebt, ihren Bruber zu ſehen.“ 

Der junge Mann blickte fie an, als wäre er aus 
den Wolken gefallen. Es hatte ſich jedoch fein Zug in 
ihrem Wefen verändert. — Derfelbe unſchuldig Flare 
Blick, eine Art natürliche Hoheit, die unverholen die 
Veifeften Regungen des Herzens geftand. Ste hatte 
ihn duch den Vorhang ihrem Stübchen zugeführt, 
und fein flüchtiger Blick fiel nun auf die Einrichtung. 
Das Ganze war fo freundlich‘, fo niedlich, und Bei 
der Eunftlofeften Einfachheit fo geſchmackvoll und 
reinlich, daß feine Verwunderung mit jedem Augen 
blicke flieg. 

Wie in der äußern Stube, fo befanden PB au 
hier zwei an den Wänden hinlaufende Sige, oder 
vielmehr Ruhelager, auf veren einem fle fi mit un« 
endlicher Grazie nieverließ‘, ihn bitten, daſſelbe auf 
dem entgegengefegten zu thun. An den Wänden hin⸗ 
gen die Kleider ver Mädchen, unter denen einige fehr 
elegante und ſelbſt Eoflbare Anzüge. Ein Arbeits⸗ 


— 200 > 


käſtchen ſtand am Fenſter. Beinahe glaubte er ſich 
in eine Devonfhire-Cottage Altenglands verfeht.- 

„Aber ums Himmelswillen, Miß,“ ſprach er, „wo 
haben Sie, ich bitte tauſend Mal um Vergebung, 
dieſe prachtvollen Anzüge, dieſe koſtbaren Geſchmeide 
in dieſer Wildniß her?“ 

Sie ſah ihn betroffen an. Die Brage war wirklich 
ächt ſeemaͤnniſch. 

„Vom Häuptlinge der Salzſee;« erwiederte fie 
mit leiſer ſtockender Stimme. 

„Vom Haͤuptlinge der Sale‘ und fommt ber 
hieher 2u | 

„Er kömmt, wenn feine Leute Wälfchkorn, Wild- 
pret oder Tabaf brauchen, und dann bleibt er mit 
ihnen oft viele Tage im Wigwam.“ 

„Und. die ſchöne Rofa Hat fie auch einen Tauſch⸗ 
handel mit dem Seeräuber?« fragte er in gleicher ſee⸗ 
männifcher Weife, und nicht ohne Spott. 

Sie warf einen furchtfamen Blick auf ihn, und 
erwiederte dann bittend, beinahe demüthig: „Der 
Pfeil des Schmerzes figt tief im- Herzen Deiner 
Schwefter, mein Bruder. Du mußt ihn nicht noch 
tiefer prüden. Sie muß die Geſchenke des Häupt« 


— 1 — 


lings der Salzſee — des Diebes,“ ſprach fie mit 
Abſchen, „annehmen. Der Miko hat es geheißen.“ 
Sie brach in einen Thränenſtrom, begleitet von einem 
lauten Schluchzen, aus. 

„Mein Bruder,“ ſprach vie Indianerin hinter der 
Tapete, „muß ſanft ins Ohr der weißen Roſa ſprechen. 
Sie iſt ſehr zart. Siehe, ſie hat ihm Wein und eine 

Wolldecke in den hohlen Baum gebracht, und hat bei 
ihm gewacht, als er ſchlief; die Roſen find beinahe 
von ihrem Gefichte gewichen. 

„Roſa!“ fammelte der Jüngling, auf fle yuftüee 
send; das haben Sie für mi gethan?“ Seine 
Stimme verfagte ihm den Dienf. Er faßte ihre 
: beiden Hänbe. 

„Aber Canondah!“ bat Roſa mit unterdrũdtem 
Vorwurfe. 

„Mein edles Maͤdchen Vergebung; rief der Süng- 
ling, ſich vor ihr niederlaſſend und ihre Hand ergreis 
fend. Wie habe ich fo viele Güte um Sie verbient ?« 
Es zuckte fieberifch durch feine Glieder. Er zitterte, 
ber Angſtſchweiß brach auf feiner Stirne and. Ploͤtz⸗ 
lich fuhr er mit feiner Hand Über diefe Hin, ſprang 
Auf und ſtuͤrzte durch die Thüre. 


202 6 


Gin Tornado tobte in ihm, der das Schifflein 
feines Verſtandes in ven Abgrund zu ſenken drohte. 
Er rannte durch das Dörfchen wie ein -Rafender. 

Die Indianerin unterbrach abermals feine wilden 
Träume, ald er am Walvesrande Halb rafend auf- 
und. abtobte. Beinahe hätte er fie rauh wegen dieſer 
abermaligen Zubringlichfeit angefahren; aber in ihrer 
Miene lag etwas fo Gebieterifches, ihr Blick ruhte 
fo finfter, beinahe feinpfelig auf ihm, daß ihm dieß 
für.jegt feine Zunge band. 

nUnfere Krieger,“ ſprach das Mäpchen, mmachen 
ihre Squaws Felder pflügen und Korn ſäen, und bie 
Zabaköpflanze bauen; aber fie ſtoßen ihnen nicht den 
Stachel ihrer gekrümmten Zunge in die Herzen. Mein 
Bruder ift fein Krieger, aber er liebt gleich ver 
Schlange mit feiner Zunge zu vergiften, und den 
Biftzahn in meiner armen Schwefter Bufen zu floßen, 
die ihm das Leben gerettet hat. Mein Bruder ift eine 
alte boshafte Squam, ein Dankee;“ ſprach fie mit 
Abſcheu, ihm den Rüden kehrend. 

nHalt!“ rief der Jüngling ; wich bitte Dich, vergib 
meiner unvorfichtigen Zunge. Ih will — 4 

„Mein Bruder mag. die Thränen trocknen, die er 


03 ⸗ 


ind Auge der weißen Roſa gebradt hat. Sie ifl 
Canondah theurer, denn ihr Leben. — So ſprechend, 
deutete fie auf bie Hütte ihres Vaters, waͤhrend fie 
ſelbſt einen andern Weg einfchlug, 

Mehanif folgte er ihrem Winke. Es war nicht 
Rohheit oder Bosheit gewefen, die dem jungen See⸗ 
mann die unbefonnene Frage auf die Zunge gebracht 
Hatte. Es war vielmehr ein Ausbruch feiner jungen 
feemännifhen, etwas tollen Natur, verbunden, mit 
einem gewifien Spleen, einer üblen Laune, vie eis 
nem jungen, ſelbſt gebildeten Seeoffizier‘, ver feit 
einiger Zeit bloß den Umgang roher Schiffägefellen 
ober. kurz befehlender Oberen genoſſen, nicht felten 
entwifcht. Die Symptome von tiefer Scham waren 
deutlich hervorgetreten, und felbft feine plößliche 
Entfernung würde demjenigen, der den Seelenzuftand 
des jungen Menſchen gekannt hätte, dafür gebürgt 
haben. — Er eilte ver Wohnung Roſas zu. 

Mit dem Tieblichen Kinde war eine bedeutende 
Beränderung vorgefallen. Das elegMrte Seidenkleid, 
das ſeidene Halstuch waren durch ein einfaches Calico⸗ 
kleid erſetzt. Selbſt ihren Kamm hatte fie abgelegt, 
und ihre Haare hingen in natürlichen Locken um ihren 


[ 


— m 6— 
glaͤnzend weißen Naden.. Ihre Bracelets lagen neben 
ihr auf dem Sopha. . 

„Können Sie, Miß, meiner unari verzeihen ?« 
bat er herzlich. 

„Mein Bruder Hat Recht,“ ‚erwicherte fie, „und 
Roſa Hatte Unreht, bie Geſchenke des Diebs zu 
nehmen. u 

„DBergebung, nochmals Vergebung ; bat er, ber 
den Sinn ihrer Rede nicht verſtand, und in ſeiner 
Verwirrung die Veränderung in ihrem Anzuge nicht 
bemerkt hatte. 

„O, Roſa hat keinen Groll in ihrem Herzen, aber 
mein Bruder wird fie nicht mehr bitter anfehen, fie 
will auch nie wieder vom Diebe etwas annehmen. « 

„ind gibt es Fein Mittel, Sie von dem Piraten 
zu befreien?“ fragte er theilnehmend. „Sprechen Sie 
aufrihtig; was in meinen Kräften ſteht, will ich 
gerne thun.« 

Ihr Auge flammte freudig auf. 

„Der Mit iſt ſehr gut gegen die Freunde der 
rothen Männer;“ ſprach fie. „Sieh, er hat dem 
Soediebe eine Hütte gegeben, und Fülle von Wälfch- 
korn und Wildpret; ; aber er liebt den Seeräuber fehr, 


—d 5 


und fein Yüge Heitert fi auf). wenn er im Wigwam 
if; der Seevied,« ſetzte fie leiſer hinzu, „führt jedoch 
auch Krieg gegen die Yankees, die Todfeinde des 
Miko. Mein Bruder ſagt, daß bie Säife feines 
Volkes vor dem großen Fluſſe „liegen, daß feine 
Brüver gegen die Nankees in ven Krieg ziehen. Der 
Mike, wird Dich freundlich dafür aufnehmen.“ 

. nDer Mito ift alfo im Kriege gegen die Yankees 
begriften 24 fragte der Britte raſch. 

„Sie Haben ihm viel Boͤſes zugefügt, fle Haben 
ihm das Erbtheil feiner Väter genommen, ihn ver- 
trieben.” 

„Und er rächt ſich auf indianiſche Weiſe, und 
ſtalpirt fie, wo er fie findet ?« | 

Sie ſchüttelte das Haupt. „Der Miko ift ſchrecklich 
und furchtbar, aber er ift auch gerecht und gut;« 
ſprach fie gerührt. „Er ift weit gegen vie unter 
gehende Sonne gezogen, um nie wieder die Weißen 
- zu fehen.“ 

„Und wie tft er mit dem Seeräußer bekannt ge= 
worden?“ fragte er immer gefpannter. „Die India⸗ 
ner find doch fonft nicht große Freunde vom Sal 
waſſer.“ 

Der Legitime. J. 15 





= u — — — — 


26 — 


„Vier und zwanzig Mal hat ſich der Vollmond 
erneuert,“ ſprach dad Mönchen gehehmnipvoll, „als 
der Seedieb auf dem Fluſſe in einem großen Boote 
herauffam,« fir wies anf. den Naichen „Er hatte 
viele wilde Männer bei fi, häßliche Menfchen, 
ſchwarz „braun und gelb. Sie ſtürzten, gleich böfen 
Weſen, aufd Ufer. Als fie aber das Dorf und bie 
Hütten gefehen, zogen fie fih auf einmal zurück und 
fammelten fi in einen großen Haufen, der, ſo wie 
die laute Stimme des großen Diebes gehoͤrt wurde, 
ſich in mehrere kleinere theilte, die das Wigwam von 
allen Seiten, die des Waldes ausgenommen, um⸗ 
ringten. Einer dieſer Haufen war vor die Hütte des 
Miko gezogen. Der Häuptling jedoch war bereits 
mit allen den Unſrigen in jenem Walde, mo er ſich 

im Hinterhalt gelagert. Es vergingen ung viele 
Stunden in banger Ungft, als der Seeräuber ohne 
Waffen auf ven Wald zufam, die flache Hand aus⸗ 
ſtreckend, und um Frieden und Freundſchaft bittend. 
Sonderbar!u ſprach fie, „ver Milo, der jenen Weißen 
mehr als die Wafferfchlange haßt, empfing den Diet, 
führte ihn in fein Wigwam, und ſchloß Freundſchaſt 
mit ihm. Auch die Weiber Eamen aus dem Walde, 


—— 0 — 


um für die wilden Menſchen Speife zu bereiten; aber 
die Krieger und jungen Männer blieben mit uns 
zurüd. u. Eu u | 

Ste beſchricb ven Befuch, oder vielmehr ven Ueber⸗ 
fall des Seeräubers auf eine fo kunſtlos lebendige 
Weiſe, der Schauder und Schricken malte fig fo 
wahr ta ihragı ſchönen Geflähte, daß der junge Mann _ 
ihr in der, höchften Spannung zugehört hatte, 

nDie Sonmesa fuhr fie bewegt fort, whatte fich 
bereits Hinter die Baumgipfel verſteckt, als von ber 
Hütte Mi⸗li⸗machs her ein ängflliches Geſchrei ertänte. 
Es Tam von feiner Tochter, die zwei Diebe mißhan⸗ 
delt hatten. Der große Dieb war fehr aufgebracht. 
Ale feine Männer mußten in einen Haufen zufammen- 
treten, wo fie eine kurze Berathichlagung hielten. 
Als fie fih trennten, faßten ſechs Männer vie zwei, 
die an unferem Maͤdchen Böfes gethan Hatten, und 
Banden ihre Hände und ihre Augen. Dann führten 
fie diefe einige Schritte an das Ufer des Fluſſes, wo 
er fi gegen die Wigwams zu biegen anfängt. Dort« 
— fie hielt inne, und fuhr nach einer Weile fort — 
„mußten die zwei Unglüdlichen nieverfnieen, und bie 
ſechs fürchterlichen Männer ſchoſſen auf fie, bis fie 

15° 


—. 8 


tobt zur Erde fanfen. Der Seeräuber nannte es 
Execution. Des Morgens war er mit den Seinigen 
verfhmunden. Nah zwei Wochen Tam er wieber. 
Er brachte viele Beuergewehre für die Mänmer, Woll- 
decken und Anzüge für die Weiber; und Diefe Kleider 
und noch andere,“ fle deutete auf die an wer, Wand 
hängenden Anzüge, „ſchenkte er Canondah una Deiner 
Schwefter. Der Miko Tiebte ihn fehr, und die Unſri⸗ 
gen fürdhteten fh anfangs, aber bald liebten fie ihn 
auch.“ — 

Ste war im Begriff mehr zu fagen, hielt jedoch 
inne, als fie bemerkte, daß ihr Zuhörer in tiefes 
Nachdenken gefunfen. Die kunſtloſe Erzählung hatte 
ihn dad DVerhältniß feiner neuen Umgebungen fo 
ziemlich deutlich erkennen laſſen. Er befand ſich wirk⸗ 
U im Wigwam eines Freundes des berüchtigten 
Seexäaubers Lafitte, deſſen Kühnhelt ven weftlichen 
Archipel, und beſonders den Seebufen von Merico 
Thon fo lange zittern gemacht. Er hatte fich ſeine 
Schlupfwinkel in der Inſel von Barataria zwiſchen 
unzuganglichen Moräften und Untiefen fo gewählt, 
daß ihm, im Balle eines Angriffes von der See, noch 
immer der Rüdzug durch die Suͤmpfe übrig blieb, in 


—— 0 >— 
denen er verborgene Pfade und Auswege angelegt. 
hatte. So war er wenigftens für die Zeit des Krieges 
gegen die Juſtiz des Siaates Rouifiana gefihert, der 
ohnedem vollauf zu thun hatte, um den Britten die 
Spige zu einer Zeit zu bieten, imo ihre ungetheilte 
Kraft fi gegen die Amerikaner wenden Eonnte. Die 
Wahl gereichte feinem militäriſch⸗ſeemänniſchen 
Scharfblicke wirklich zur Ehre, und ungeſtört' hatte 
er bereitö eine geraume Zeit fein Wefen getrieben. 
Es war auf einem feiner Ausflüge in Louiſiana 
und dad angrängende Merico, daß er bie entzüdend 
ſchönen Ufergürtel des Natchez und die Nieverlaffung.. 
der Indianer aufgefimden. Die reizende Lage des 
Dörfhens, die Tieblichen Hütten, wie in einen pracht⸗ 
vollen Garten Hingezaubert, Hatten ihn mit Ver⸗ 
wunderung und Verlangen erfüllt, die Bewohner 
näher kennen zu lernen. Geſetzlos und graufam, wie 
er war, konnten feiner Klugheit die Vortheile nicht 
entgehen, die er aus einer nähern Verbindung mit 
diefen Bewohnern mwahrfcheinlich ziehen würde, und 
diefen Gründen Hatten die Wilden die Schonung und 
ſtrenge Mannszucht zu verdanken, die er zugleich zum 
Tagsbefehl werben ließ. 


20 ⸗— 


Als er mit dem Miko bekannt geworden war, hatten 
fich feine VBermuthungen begründet, und er trat mit 
diefem und feinen Indianern allmählig in einen Ver⸗ 
ehr, der für beide Parteien äußerſt vortheilhaft ges 
worden war. Das Mißtrauen, dad den Wilden gegen 
jeden Weißen angeboren ift, Hatte er ſchnell durch die 
Execution zweier ſeiner ruchloſen Gefellen beſchwichtigt, 
ſo daß dieſe ihm anfangs zwar ſcheu, doch immer noch 
mit mehr Zuvorkommenheit, als er erwarten konnte, 
‚entgegen kamen. Allmählig waren jedoch die Ver⸗ 
haͤltniſſe freundſchaftlicher geworden. Die Indianer 
verſorgten ihre Gäfte mit auf Handmühlen geriebenem 
Maismehl, Wildpret, Buffalofleifh und Geflügel, 
wofür die Seeräuber ihnen Feuergewehre, Kleidungs⸗ 
ſtücke und ſelbſt Luxusartikel brachten. Die zwei geräu⸗ 
migern Hätten waren duch ihre Beihülfe erbaut, und 
mehrere Handwerker unter ihnen hatten fich wochenlang 
bier aufgehalten und fle in wohnlichen Zuſtand ver⸗ 
ſetzt. Ueberhaupt war ver blühende Wohlftand der 
Indianercolonie größtentheils dieſem Verkehre zuzu⸗ 
ſchreiben, bei dem ſich der Franzoſe leichtfinnig⸗frei⸗ 
gebig betrug. Dieſe Uneigennützigkeit, verbunden 
mit dem lebhaft muntern franzöſiſchen Weſen, das 


— 11 ⸗— 


den Indianer beſonders anſpticht, hatten ihm den 
Miko ganz gewonnen, der mit Sehnſucht der jedes⸗ 
maligen Ankunft des Piraten entgegenſah. 

Für den jungen Mann war natürlich dieſes freund⸗ 
ſchaftliche Verhaltniß weniger beruhigend. Es war 
ihm klar, daß der Seeräuber ihn mit ſeinen Gefährten 
aufgehoben, um der Entdeckung ſeines Schlupfwinkels 
zu entgehen. Er hatte feine Forts, feine Vertheidi⸗ 
gungsanftalten, feine Schwäche und Stärke gefehen. 
War es einem folchen Menfchen nicht natürlih, ihn 
in der Stille aus dem Wege zu räumen, und ließ es 
Si erwarten, daß der von bitterm Haſſe gegen bie 
Weißen befeelte Indianer, der Ihn noch dazu für einen 
Danfee Halten mußte, zu feinen Gunften Einſprache 
thun würde? Die bloße Möglichkeit, unter den Würs 
gerhänden eines Seeräuberd fein junges Leben zu 
beſchließen, war ſchon empoͤrend. 

„Und pflegt der Seeräuber häufig zum Miko zu 
fommen ?4 fragte er. 

„Wenn dieſer von der Jagd zurüdgefehrt ift, wird 
er mit den Seinigen kommen, Wildpret einzutau⸗ 
ſchen; « verſetzte fie halb ſchaudernd. 

Die Beiden wurden durch die Indianerin unter⸗ 


—d 212 — 


brochen, die durch ven Borhang fhlüpfte, bald Nofen 
bald ihren Saft anjah, and ſich nachdenkend vor die 
Erftere Hinftellte. Der flehende Blink dieſer fchien fie 
einen Augenblick unfchlüffig zumachen. Endlich Eonnte 
fie ſich jedoch nicht enthalten, und brach in die Worte 
aud: „Bald möchte Canondah zum Narren werben. 
Warum dieß, meine Schwefter ?« fragte fie auf dad Ca⸗ 
licokleid deutend. „Canondah will gerne arbeiten, und 
Feuerwaſſer und Kornmehl bereiten, ihr Vater eine 
Sonne länger im Bufche bleiben, um die weiße Rofa 
der Oconees ſchön geſchmückt zu fehen. Warum wirft 
meine Schwefter die Gefchenfe des Mike von fi?” 
Ihre Stimme war halb Klage, halb Vorwurf. 

„Will der Miko, will.meine Schwefter Roſen im 
Gewand des Diebes fehen ?« 

„Im Gewande des Diebes?« verſetzte die India⸗ 
nerin. „Hat nicht der Miko und Canondah dem 
Diebe Wildpret und Feuerwaſſer dafür gegeben? 
Haben nicht die Yankees unfere Rinder und Kühe 
geftohlen, und haben ihre Brüder fle nicht von ihnen 
abgetaufcht ?* 

„Aber,“ verſetzte Roſa. 

„Wenn El Sol in das Wigwam des Miko kömmt,“ 


— 213 6 


feste fle.leifer Hinzu; „dann ſchmückt fih Canondah 
zu feinem Empfange, und fein Auge verweilt geme: 
aufihr. Meine Roſa muß ven häßlichen Rod ab⸗ 
werfen, fonft wird fie der weiße Iüngling nicht in 
fein Wigwam aufnehmen.“ . . 

„Aber Roſa will ja nicht in fein Wigwam;« er- 
wiederte Diefe, fich ein wenig flolz und unbewußt 
erhebend. „Sie liebt ihn als ihren Bruder. “- 

Die Indianerin, ohne jedoch auf ihre Worte zu 
hören, wandte fi zum Jüngling, ver einige Säritte 
feitwärts in Gedanken verfunfen war. : 

„Nicht wahr, mein Bruder Tiebt, die weiße Keſe 
geſchmückt zu ſehen?“ 

Die ploötzliche Frage machte ihn weit auffarren— 

„Meine Schweſter hat ihr häßliches Kleid ange⸗ 
legt, weil es nicht vom Diebe der Salzſee koͤmmt; fie 
. glaubt fo meinem Bruder beffer zu gefallen.“ 

Des Dritten plöglih auf ſie gerichteter Blick über 
zeugte die arme Roſa, daß er erſt jetzt das ihm 
gebrachte Opfer bemerke. 

„Aber Canondah!“ rief das verlehte Mädchen in 
peinliher Berlegenheit; „wie kannſt Du doch fo 
graufam fegn?« 


—d 44 ⸗— 


„Grauſam!“ verſetzte pie Indianexin kopfſchüttelnd. 
„Meine Schweſter ſpricht nicht, wie ihr Herz denkt. 
War es nicht ſie, auf deren Bitte Canondah den 
weißen Fremdling durch das Rohr trug und in den 
hohlen Baum legte? War es nicht für ſie, daß ſie ihn 
in das Wigwam ihres Vaters brachte und die alte 
Winondah beſtach, und,” ſetzte fie leiſer Hinzu, „ſich 
dem gorne des Miko ausſette Und nun ſie die 
Thüre zum Wigwam — 

„Um Gotteswillen halte ein!« rief Roſa. 

„Banondah,“ fpradh. die Indianerin ernft, „bat 
dem Fremdling ein Wigwam gegeben. Ihr Vater 
liebt fie fehr! er Hört ihre. Stimme gerne, wenn ſie 
ihm die Thaten feiner Vorfahren ins Ohr Tispelt. 
Er wird feine Tochter nicht tadeln, er wird dem Diebe 
der Salzfee ven Rücken ehren, und Roſa in die 
Hütte ihres meißen Bruders führen. Nicht wahr, 
mein Bruder wird die weiße Roſa in fein Wigmam 
nehmen?“ fragte fie, fi zum Dritten wendend. 

Ein unwillkürlich hoͤhniſch⸗ſpottendes bitteres Läs 
cheln verzog ven Mund des Letztern bei dieſer ſon⸗ 
derbaren Aufforderung; raſch ſuchte er ſich jedoch 
zuſammen zu nehmen. Allein es war zu ſpät. 


—— 25 > 


Der Bli des Naturkindes iſt fcharf und richtig, 
und er hatte ven beiden Maͤdchen bereits fein Inner⸗ 
ſtes aufgeſchloſſen. Eine peinliche Stille herrſchte 
während einiger Augenblicke. Die Indianerin, die 
in ihren Bemerkungen zu Gunſten ihres Lieblings ſo 
unzart weit gegangen, ſchlang beide Arme um das 
beſchaͤnte, beinahe vernichtete Mädchen, das, bleich 
wie eine Statue, keines Lautes, keiner Bewegung 
fähig war. 

- Der junge Mann war im ſchweigenden Kampfe 
vor den beiden Mädchen da geſtanden. Er hatte einige 
Male gefucht Worte zu finden. Endlich brach er auß. 

„Canondah! Mofa!" begann er mit ſtockender 
Stimme; doch die Indianerin ſchien bloß mit dem 
Schmerze ihrer Geliebten befchäftigt. Sie winfte ihm 
fih zu entfernen. 

„Ich muß Euch verlaffen, liebe Mädchen. — . Sie 
Stimme der Pfliht, mein Ein, meine Ehre fordert 
ed. Alles ift verloren, wenn ich bier bleibe." 

Die Indianerin hielt noch immer Nofen mit beiden 
Armen umfihlungen, das Geficht der. Legtern an ihrem 
Bujen verborgen. Nun jedoch Iegte fle dieſe fanft auf 
das Lager hin, und raſch aufſtehend fprach fte: 


— 216 — 


„Glauht die weiße Schlange, eine Thörin vor fi 
zu fehen, weil Canonbah ihre Hand einem Verräther 
ausgeſtreckt Hat? Er mag wifien, daß fie ihn dieſe 
nicht auf. feinem Pfade reichen wird.“ 

„Dann muß ich ihn allein, ohne Wegweifer fuchen; * 
verfeßte dieſer raſch. 

„Hat die weiße Schlange die Läufe des Hirſches, 
die Geſchwindigkeit des Eichhörnchens, die Schwimm- 
füße des Alligator, daß fie aus dem Wigwam des 
Miko zu entfliehen gedenkt?« rief fie hohnlachend. 
„Die weiße Schlange iſt gefangen;“ ſetzte fie trium⸗ 
phirend hinzu. 

„Hat es Canondah ihrer Schweſter nicht immer 
geſagt?« fuhr fie zu Roſen gekehrt fort, „daß er ein 
Späher iſt, der wie ein Dieb zur Nachtzeit ſich ein⸗ 
gefchlicden, als der Miko ven Rüden wenden wollte.“ 

"Noch einmal, Canondah,“ verſetzte ver Jüngling, 
„ih bin ein Britte, ein Offizier, vom Seeräuber 
überfallen und feiner Morvhöhle entronnen. Mein 
Entſchluß fteht feft, ih muß Euch verlafjen.“ 

Er wollte Rofen bei ner Hand faflen; doch die 
Indianerin prallte zurüd, als ob fi ihr ein Ver⸗ 


—H 17 — 


‚pefteter genähert hätte, und heftig auf ven Vorhang 
deutend, umſchlang fie das Mädchen wieder. Er 
entfernte fih ſchweigend und betroffen. 


Behntes Kapitel. 


Meine gerührte Seele wünſcht Euch vanken 
zu können; und weiß es nicht anders zu thun, 
als dur Thränen. 

Shalespeare 

Es war etwas in vem Benehmen des jungen Man⸗ 
nes waͤhrend ver letzten Auftritte geweſen, das raſch, 
vorſchnell, ja herzlos genannt werden dürfte. Selbſt 
beim reinften Pflichtgefühl mochte es immerhin nicht 
von nöthen gemefen feyn, die Eigenliebe der edlen 
Naturfinder, und dieß waren fie gewiß im fchönften 
Sinne des Wortes, fo plöglih, fo tief zu verlehen. 
Der in feinem Geſichte auögefprochene und dem Britten 
ſo eigenthümliche Zug von ſchneidendem Hohne war 
im hohen Grade unedel, ſelbſt wenn wir die ungeſtuͤme 
Zudringlichkeit Her Indianerin zu feiner Entſchuldi⸗ 
gung gelten laſſen wollen. Nichts deſto weniger 
bürfte es ſchwer ſeyn, den Süngling leichthin zu 


—d 18 e— 


verbammen, ober rückfichtsloſer Rohheit zu beſchul⸗ 
digen. Es Liegt nun einmal im brittiſchen Charakter, 
und wir müſſen e8 geflehen, auch in dem unfrigen, 
jener abftoßende ſtarre Zug, ver ſich fo gerne ifolirt, 
und ſcharf in fi felbft einzmwängt, jener fchroffe, 
unbeugfame, ariſtokratiſche Sinn, ver fich felbft, und 
nur fich felbft im Auge hat. Wir würden ihn ver- 
dammen, dieſen felbfifüctigen Kaufmanns» und 
Ariftofraten-Zwitterfinn, der im erften Augenblide 
gewiffermaßen aus dem Gefichte des Angefchauten 
berausmißt, ob er wohl näherer Berührung wuͤrdig 
fey, wenn er nicht eine fo achtbare Grundlage und jo 
große Dinge bewirkt.hätte. Es liegt dieſem flarren 
Gefühl over vielmehr diefer Gefühllofigkeit eine Ber- 
ſtandesreife zum Grunde, die nur dur vielfältig 
überflandene Kämpfe und Gefahren, durch lange 
Anſchauung, durch vielfältig angeflellte Vergleiche - 
zwiſchen Wirklichkeit und Taͤuſchung, durch Fräftig 
bewirkted Gelingen und erfämpften Genuß von 
pofitiven Rechten und Breiheiten erwuchs; ein Ge⸗ 
fühl, das zur Selbſtachtung geworden, ein bereit. 
höherer, edlerer Nationalſtolz, der ſich nicht thöricht 
fElavifcher Weife auf gewonnene Schlachten und ben 


219 &— 

Ruhm eines fogenannten Kriegähelven, fondern auf 
pofltives ſelbſt erworbenes Recht gründet, der bereits 
in die Klaſſen des Volkes gedrungen, und ungeachtet 
des ariftofratifchsFaftifhen Beigeſchmacks, ver ficherfte 
Bürge fortſchreitender Freiheit iſt. Diefer pofltive 
Sinn iſt es, dieſes Feſthalten ver Stufe ver gefelle 
ſchaftlichen Leiter, fie mag nun hoch oder niebrig 
feyn, welcher allein wahre Volksfreiheit möglich macht. 

Bir wollen es daher dem Britten, ber troß feiner 
Jugend, bereits hinlängliche Selbfiftännigkeit Hatte, 
um ein fo lockendes Anerbieten mit Feſtigkeit zurück⸗ 
zuweiſen, nicht zum fehlimmften auslegen; wenigftens 
ſchaͤen wir dey jungen Braufekopf, der unummunden 
und felbft barſch feinen Widerwillen gegen ein Verhält- 
niß, das feine Vermunft mißbilligte, zu erfennen gab, 
immer mehr, ald den einjchmeichelnderen und huma⸗ 
neren Weichling, der, unfähig zu widerſtehen, fi 
dem Sinnentaumel überlafien, und den Knoten auf 
eine zärtere, aber für die edlen Naturkinder vielleicht 
weniger ehrende Weife zu löſen gefucht hätte. 

Der unangenehme Auftritt Hatte übrigens bie Ver⸗ 
hälfnifie, die ſich feit den letzten Tagen zwifchen ven 
Dreien angefponnen hatten, ploͤtzlich wieder zerriffen. 


200 — 


war fand er noch immer fein Mahl jeven Morgen 
hinter der Buffalobaut in feinem Stübchen; aber von 
der bereitwilligen Hand, die es hingefeßt, war feine 
"Spur mehr zu fehen geweien. Obgleich er biefe 
Kälte ſelbſt herbeigeführt, fo Hatte ex Doch nichts 
weniger ald Ruhe gewonnen; im Gegentheil, er war 
num raſtlos und unftät, feine Hütte, das Dörfchen 
ihm zu. enge geworben. Er war in dem Walbe, in 
den PBalmettofeldern umbergerannt, aber mit ‚jevem 
Schritte, mit jeder Stunde war feine Miene důſterer, 
ſeine Unruhe größer geworden. 4 
Es war in der letzten Nacht der zweiten Woche, 
die er bereits hier verlebt hatte. Seipe teübe Phan⸗ 
tafle Hatte Ihn aufgejagt von feinem Lager und jn ven 
Wald getrieben, wo er umhergeſchweift war, bis die 
naßlalte Nachtluft und das genehnte geflende Ges 
laͤchter der Eulen ihn wieder zurückjagte. Eben Fam 
er auf feine Hütte zugerannt, als eine weiße Geftalt 
Hinter der Gcke Deortrat u und haftig auf ihn zufehsitt. 
Es war Rofa. 

„Mein Bruder!" ſprach fie, und ihre Stimme 
zitterte, „Canondah iſt. mif unfern Schweflern ge⸗ 


— 2 > 


gangen, ven Waffernögeln Schlingen zu legen. Roſa 
iſt zu ihrem Bruder geeilt.“ 

„Meine theuerfle Schwefter, dieſer Beſuch;“ er- 
wiederte ver Jüngling ſtockend. 

„Rofa weiß es von der Hütte des weißen Zwiſchen⸗ 
haͤndlers, daß fle ihren Bruder zur Nachtzeit nicht 
feben follte, aber fie liebt ihn fehr und muß ihm etwas 
fagen.“ 

„Doch, meine iheure Rofa;“ flodte er in immer 
ſteigender Verlegenheit. 

„Die Nachtluft iſt kalt; Tora fie. „Komm und 
laß uns in die Hütte treten, die Winde ind verräthe⸗ 
riſche Boten unſrer Worte.“ | 

Sie ſchlüpfte durch die Buffalohaut, ſchloß dieſe 
forgfältig an ven Thürbalken, zog dann ein Gefäß 
mit Kohlen aus einem Körbchen und zündete eine 
Kienfadel an, die fie zwiſchen die Balken ftedite; dann 
trat ſie zur Thüre und wirkte ihm, fi auf feinem 
Nuhebette niederzulaſſen. 

„Mein Bruder ift feiner Schwefter böfe,* ſprach 
fie, „Canondah hat ihm Kummer gemacht.“ 

"Nein, meine Theure, ih bin Dir nicht böfe. 

Der Legitime. 1. 16. 


—) 


Wäre es möglich, das mir angebotene Glück follte — 
er ſtockte. | 

Sie ließ ihn nicht ausreden. 

„Canondah,“ ſprach fle mit fanfter Stimme, „iſt 
gut, fehr gut, fie ift die Mutter ver rothen Töchter, 
aber fle hat nicht in den Bufen der weißen Rofa 

geſehen, fie hat auch ihren Bruder nicht verſtanden.“ 

„Sa, wohl nicht;” verſetzte er. 

„Sie bat die Wangen Roſas mit Schamröthe 
überzogen, meln Bruder! Deine Schweſter!« fuhr 
fie mit erhößter, etwaß fefterer Stimme fort, „liebt 

Dich ſehr, aber ſie liebt Dich nicht, wie Canondah 
es meint, ſie liebt Dich wie einen weißen Bruder.“ 

Das Auge des jungen Mannes zuckte ein wenig; 
er ſah fie geſpannt an. 

„Mein Bruder,“ fuhr fie in wehmuthsvollem Tone 
fort, „Rofa würde die Hälfte ihrer Tage gerne dahin 
geben, wenn fie eine weiße Schweiter, einen weißen 
Bruder hätte. Sie wollte gerne feine Magd fein 
und feine Jagdtaſche füllen und fein Jagdhemde nähen 
und feine Kornfelder befäen, obwohl die Equaws 
ihrer zarten Hände fpotten. Mein Bruver! Nofa 


⸗28 ⸗ 

hat keine Schweſter, der ſie ihren Buſen öfften 
Fönnte. Roſa muß mit fich felbft reden, ober ven 
Vögeln des Himmels ihre. Freude und ihren Schmerz 
mittheilen.« 

„Und Du bift dann auch, anglucliches Mädchen, 
eine Gefangene?“ fragte er mit bebender Stimme. 

„Rein mein Bruder,“ erwieverte fie, „Roſa ift 
feine Gefangene. Die Squaws Tieben fie. Ca 
nonah ift ihr eine Mutter. Aber mein Bruber,* 
und fie brach in einen Tihränenftrom aus, „ſie find 
zoth und Mofas Farbe ift weiß. Im ihrem Herzen 
fpricht e8 anders. als in dem meinigen. Sie verjtehen 
die arme Roſa nicht, die verlafien, einfam fleht.* 

Der Blick, die Worte, die klopfende Bruft, das 
teoftlofe Wefen des Mädchens, das nun fo fichtlich 
ihm, dem weißen Bruder, ihren Jammer zu eröffnen 
fich gedrungen fühlte, hatten ihm durch die Seele 
gebohrt. Er ftarrte fie eine Welle mit befünmerten 
Blicken an und fprang dann auf fie zu. 

nUnglüdliches, verlafienes Mädchen, Du arme 
Rofa in der Wildniß!« 

„Mein Bruder,“ ſprach fie mit thränenfchweren 
Augen, „ist alfo der armen Roſa nicht böſe?“ 

16* 


m 
Ä dVoſe, iheures Mädchen! Wer könnte einem 
ſolchen Engel böſe ſeyn? Gebiete, befehle, mein 
Leben ſteht Dir zu Dienſten. Komm, fliehe mit mir.“ 

„Fliehen,“ ſprach ſie, das Köpfchen ſchüttelnd, 
„und Canondah verlaſſen, die ihr eine Mutter war? 
Es würde ihr das Herz brechen. Nein, Roſa darf 
nicht, kann nicht fliehen. Es hat ja der alte Miko 
für fle gejagt, fle ifk fein Eigenthum. Aber Tann 
‚mein Bruder nicht bleiben? muß er von binnen?” . 

„Ih muß, oder ich bin verloren;“ ſprach er mit 
dumpfer Stimme. 

Sie bliskte mit thränendem Auge zum Simmel, — 
„Roſa,« flüfterte fie, „weiß e8 — ja, fle weiß es:“ 
Sprach fie zu fich felbft. „Und fle ift nun hierher ge⸗ 
eilt zu ihrem Bruder, es hätte ihr fonft das Herz 
zerriſſen. Sie bat es nicht mehr aushalten können. 
Sie mußte zu ihm, damit er nicht glaube, daß fie «8 
ift, die ihn gefangen hält. Sie hat,” flüfterte fie 
leiſe, mgebeten, fle Hat geweint, fie hat fi} auf bie 
Kniee vor Canondah geworfen; Canondah will nit. - 
O fie ift gut, fehr gut, fie ift der Troft Mofas; 
aber fie fürchtet fi vor dem Milo und den Ihrigen.“ 
Das Maͤdchen ſchauerte ſichtlich zufammen, als fie 


diefe Worte ſprach. „Der Miko,“ fuhr fie geheim⸗ 
nißvoll fort, „hat geſchworen, jeden Yankee zu töbten, 


. ber ihm in feinem Wigwam nachſpäht.«“ 


„Aber ich bin Fein Dankee;" erwieberte der Jüng⸗ 
ling mit einiger Seftigkeit. 

Sie fchüttelte dad Köpfchen. „Roſa würde Dir 
gern glauben; aber fie Tennt Dich weniger ald Ca⸗ 
nondah, und meine Schwefter ift Klug 'und hat nie 
eine Lüge gejagt. Roſa muß auch ihr. glauben.” 

„Unfeliger Irrthum!“ rief er. 

„Nicht alle Dankees find Späher,“ verſetzte fie, 
„und Du ſollſt nicht für das Boſe, pad Deine Brüder 
dem Miko gethan , büßen. * | 

„sch bin aber Fein Yankee,“ verſetzte er unwillig, 
„ſo wahrichlebe. Glaube mir doch, theure Schwefter. 

„Warum will mein Bruder denn nicht den Miko 
erwarten?“ . 

„Weil diefer mich gewiß nem Seekuber aufopfern 
würde. Doch an meinem Leben liegt wenig; aber 
mein Eid gebietet, meine Ehre fordert, daß ich ſo 
bald als möglich von Euch ſcheide.“ 

Das Maͤdchen ſchüttelte ven Kopf. „Mein Bruder,“ 
fpra fie, „muß ſich ſelbſt und fein Volk kennen. 





— > 


Wenn er vie arme Rofa täufht — fo hat er ihrem 
Wehe vieleicht früher ein Ende gemacht;“ fepte fie 
leifer Hinzu. „Lebe wohl!” 

Sie verlöſchte die Fackel und verfhwand weiſhen 
der Oeffnung. 

Das Mädchen war wie ein Traumbild gekommen 
und wieder verſchwunden. Die ganze Nacht ſtand 
das edle Geſicht vor ſeiner Phantaſte und noch ven 
Morgen Eonnte er ed nicht aud den Sinne bringen. 
Was Hatte ihr geheimnißvoller Beſuch zu beveuten? 

Es war ein ſchwacher Hoffnungsſtrahl; aber was 
vermochte fle, die felbft Gefangene war und mit dem 
Mißtrauen der Indianer fo gut wie er zu Tämpfen 
Hatte? Don dieſem Mißtrauen hatte er während ver 
legten vier Tage nur zu deutliche Beweife erhalten. 
Die Squaws waren beinahe jevem feiner Schritte 
gefolgt, und fle und die jungen Wilden hatten ed an 
Ausbrüchen ihres gehäffigen, feinnfeligen Weſens 
nicht fehlen laſſen. Bon mehrern Seiten her war ihm 
das drohende Wort Dengheefe zugerufen worden. Die 
Canoes waren von ihrem Anferplage verſchwunden 
und auf feinen Irrfahrten im Walde Hatte ihn die 
junge Brut nie aus den Augen gelaffen und ein gels 


9 > 


lend höhnendes Gelächter erfchallte jedes Mal, fo 
wie er unverrichteter Sache aus dem Dickicht heraus⸗ 
fam, in das er kaum fünfzig Schritte einzubringen 
vermocht hatte. Die lebten Worte ver Indianerin 
waren ihm nun deutlich geworden. Er hatte wirklich 
während ber letzten vier Tage Verſuche gemacht, aus 
dem Walde zu entfommen. Nun war ihn die Ge⸗ 
twißheit, daß er Gefangener ſey. 

Eine andere ſchlafloſe Nacht war hereingebrochen. 
Er lag auf ſeinem Lager mit Unruhe und ſchweren 
Träumen kämpfend, als abermals Roſa in ſein 
Stübchen trat, eine Kienfackel in der Hand, in deren 
Spalte eine Kohle ſteckte. Sie blies ſie raſch zur 
lodernden Flamme und trat dann ſchnell zu ihm. 

„Erwache, erwache, mein Bruder!“ rief ſie freudig 
und froh, und eine fieberiſche Röthe leuchtete auf 
ihren Wangen. „Erwache, Canondah wird fogleich 
bier fen.” 

„Was iſts, theures Mädchen?” riefer, von feinem 
Lager. auffpringenv. | 

„Canondah wird es Dir fagen;“ rief fie und die 
Thränen vrangen ihr in die Augen. 

Ihre Stimme, ihr ganzes Wefen zeugte von einer 


18 ⸗ 


Aufregung, einer Leidenſchaſtlichkeit, bie etwas Wahn— 
finnartiges hatte. 

„Um Gotteswillen, Roſa, was iſts, das Dich ſo 
außer Faffung gebracht hat?“ 

„Canondah,“ ſprach das Mädchen, „o, mein Bruder 
darf nun nicht mehr fürchten, er wird — “ 

„Höre, mein Bruder!“ ſprach die Indianerin, die 
raſch zur Thüre herein getreten war, ihre ſtarren, 
lebloſen Augen auf ihn richtend. „Höre;“ ſprach fie 
mit zagend ſtockender Stimme und einer Peierlich- 
feit, die ihr etwas Schredhaftes gab, „Canondah 
will thun für ihren Bruber, was das Auge ihres 
Vaters und ihres Volkes trüben wird; denn fie Tiebt 
die weiße Nofe fehr und fle kann ihre Thränen nicht 
länger mehr anfchauen. Sie will ihrem Bruder den 
Pfad zeigen, ver über den Sumpf führt und will ihn 
über ven Fluß rudern. WIN mein Bruder bei dem 
großen Gelite, den fein und ihr Volk anruft, ver⸗ 
fpredden, daß er nie feinem Volke, unfern weißen 
Beinden, den Dengheefen, verrathen will, wo er 
gewefen und was feine Augen gefehen? Wil er 
verfprechen, daß er ihnen nicht den Pfad zeigen will, 
ber zu den Wigwams der rothen Männer führt?“ 


9 e— 


„Gewiß!“ tief der Britte, wich verfpreche es auf 
das heiligfte.« 

„Dann nimm dieſe Kleider,» ſprach ſie, ihm einen 
indianiſchen Anzug reichend. „Dieſe,“ auf die ſeinigen 
deutend, „würden bald von Dornen zerriſſen ſeyn. 
Der Fußtritt, den die Mocaſſins einprägen, iſt ſehr 
ſanft, und in wenig Sonnen, wenn unſer Volk zu⸗ 
rückkehrt, werden fie es nicht mehr ſehen. Hier iſt 
rothe Farbe, fuhr fie fort, wunfere Männer werben 
Dir nachſetzen und vielleicht mag es fle auf eine falfche 
Spur leiten. Sey ſchnell.“ 

Der junge Mann ftand noch immer feiner felbft 
unbemußt. 

„Ums Himmeldwillen jey ſchnell;« flüfterte ihm 
Rofa in der Thüre zu. „Die Waflervögel fangen an . 
zu ſchreien, e8 tft hohe Zeit.” | 

Beide Mäpchen traten vor die Thüre. Er ſchlüpfte 
mechaniſch in das Hirſchfellwamms, warf dad Jagd⸗ 
hemde über fi und mar eben mit dem Gürtelhembe 
befchäftigt, al8 die Indianerin eintrat. Ste halfihm, 
band die Mocaffins an feine Füße und ſchlang ven 
Wampumguͤrtel um feinen Leib. 

„Hier ift eine Wolldecke;« Sprach fie, eine folche 


— 0 


über ihn werfend. „Gier eine Jagdtaſche mit Pulver 
‚und Blei, hier eine andere mit Kuchen und Wilppret, 
und dieſes Gewehr wird Waflervögel töbten und mit 
biefen,* ihm Stein, Stahl und Schwamm reichend, 
„wird mein Bruder euer machen, um die Vögel zu 
röſten.“ Sie hing jedes Stück um ihn mit einer 
Sorgfalt, die jonderbar mit ihrem beinahe lebloſen 
Erftarren abſtach. 

„Mein Bruder,“ ſprach Roſa, deren Weſen ſich 
nun plötzlich in Würde und feierlichen Ernſt verwan⸗ 
delt hatte, „lebe wohl, und wenn Du einſt eine 
glücklichere Schweſter ſiehſt, dann ſage ihr von Roſen 
und ſie wird eine Thräne ihrer Schweſter weinen.“ 

Der Jüngling ſtand noch immer ſeiner ſelbſt un⸗ 
bewußt. Plotzlich rannte er zur Thüre und umſchlang 
das fhöne Madchen. Sie mand fich aus feinen Armen 
und ſank hülflos ohnmächtig auf die Erde nieder. 

Die Indianerin fprang Hinzu, hob fie vom Boden 
und, fie zum Lager tragend, drückte fie einen Kuß auf 
ihre Wangen; dann faßte fie den Süngling bei ver 
Hand und eilte mit ihm aus der Hütte. 

Sie glitt durch die Laube, ſtahl ſich durch die 
Becken und Gebüfche und eilte an den Hütten vorbei, 


— 31 ⸗ 


fo ſchnell, fo Ieife, daß ihm der Athem und das 
Sehen verging. Gleich einer dunſtigen Nachtgeftalt 
ſchwebte fie vor ihm im dunkeln Sternenglanze und 
durch den düftern Nebel ohne Ruhe, ohne Raſt, Bis 
fle don dunkeln Wald betreten hatte. Ein tiefer Seuf⸗ 
zer entfuhr ihrer Bruft. Sie ſprach jedoch kein Wort 
und eilte ſchnell ind Innere. Es war finftre Nacht im 
tiefen Walde. Kein Laut zu hören, kein Lichtſtrahl 
zu fehen. Immer tiefer rannte fie. Nun ertönte ein 
lautes Getöfe, wie das entfernte Gemurmel eines 
herannahenden drohenden Haufens. 

nWir find entdeckt,“ rief ver Süngling, „bie Eu⸗ 
rigen find und auf der Spur.“ 

"Rein," fprach die Inpianerin im tiefen Tone, „ed 
find die Bullfröſche.“ 

Das Gebrüll wurde ſchauerlicher und fehauerlicher. 
Sie näherte fih dem Sumpfe, der umter ihren Füßen 
zu beben ſchien im fürchterlichen Gebrülle dieſer 
Thiere, zwifchen welchem dann und mann das dumpfe 
Stöhnen eines noch nicht ganz erftarrten Auigators 
fich hören ließ. 

„Nun halte Dich dicht an mich ſprach die India⸗ 
nerin, nachdem fie beinahe eine Stunde gerannt waren. 


— 2 — 

Ihre Schritte wurden nun äußerſt behutfam. Sie 
ſtreckte einen Buß vorwärts, zog Ihn wieder zurüd, 
trippelte eine Strecke weiter und verfuchte den Grund 
auf diefelbe Weije. Wieder kam fle zurück und kauerte 
fi dann auf die Erde nieder, von ver fie Haufen 
von Grad und Lehm weghob. 

„Wir find auf ven Stämmen, die die Unfrigen 
über den Sumpf gelegt haben. Halte Dich nun am 
Zipfel meines Kleides.“ 

Er faßte ven Zipfel und Beide fehritten weiter. 

„Faſſe mich mehr,” rief die Indianerin, „und habe 
Acht, ein falfeher Schritt begräbt 2 für immer 
im Schlamme." 

Sie waren enbli über dem Sumpfe. 

„Wirf Deine Wolldecke über den Kopf,“ ſprach 
fie, als fie am jenfeitigen Rande des Sumpfes an= 
gekommen waren. „Der Wald auf diefer Seite iſt 
vol von Dornen. Tritt in meine Fußſtapfen; der 
Schlangen find hier viele und ihr Stachel iſt töbtlid. 
Bücke Dein Haupt, oder die Dornen werden Dir 
Dein Gehirn aufreißen. * 

„Was ift das?“ ſchrie der Jüngling, der fort⸗ 


—, 233 ı— 


ſchreitend plößlich fich feine Wolldecke som Leibe 9 
riſſen fühlte. 

Seine Fuͤhrerin trat zurück. „Es iſt der große 
Dorn; mein Bruder muß fein Haupt neigen und feine 
Jagdtaſche über Bruft und Kopf halten, fonft werben 
ihn die Dornen durchbohren.“ 

Sie löste feine Dede vom Dorne und fehritt weiter. . 
Sie waren nun am Ufer ded Sabine angelangt. 
Ohne einen Augenblick zu verlieren, fprang die In⸗ 
dianerin auf eine hohle Eiche zu. 

„Mein Bruder,“ ſprach fie, „muß mir dee das 
Canoe ins Waſſer ſchieben.“ 

Beide nahmen das leichte Schiffchen und trugen ed 
ohne Mühe an's Ufer hinab. Ein Stoß brachte es 
auf das Waſſer. Sie nahm nun die Ruder und bat 
den Britten, ſtille zu figen. 

Der Ruderſchlag flörte Hunderte von Schwänen, 
wilden Gänſen, Kranichen und Enten anf, bie der 
ungewohnte Lärm in allen Richtungen über ihre Köpfe 
hinſchwirren machte. Das Canoe glitt jedoch durch 
die Fluthen, leicht wie eine Feder, dem Floßthiere 
nicht unähnlich. In wenigen Minuten hatten fie das 


—) 238 — 
öftliche Ufer erreicht, Als fle an's Land gefliegen, 
nahm die Indianerin die Hand des Britten. 

„Mein Bruder muß nun feine Ohren ‚öffnen, er 
darf Fein Wort feiner Schwefter auf ven Boden fallen 
laffen. Sieh, die Wiefen auf diefer Seite des Wafs 
ſers find leer und der Bäume find nur wenige. Mein 
Bruber muß zuerft dem Ufer dieſes Fluſſes entlang 
aufwärts gehen, bis vie Sonne fi neigt und bis die 
Nacht vorüber ift, dann mag er fein Antlig der aufs 
gehenden Sonne zuwenden und dem Winde, der rauh 
und kalt ihm ins Geficht bläst. Weiß mein Bruder, 
von welcher Himmelsgegend der Wind heult? Die 
Bäume werben e8 ihm fagen; fie find rauf auf der 
Seite, mo fle angeblafen werden. Der Sümpfe find 
nicht viele. Wenn mein Bruder aber zu einem fommt, 
muß er wiffen die zu täufchen, vie vieleicht ihm folgen 


“ werden.“ 


‚Sie hielt inne , als ob fle eine Antwort erwartete. 
Der junge Mann Tchlen jedoch in Gedanken verloren. 

„Meines Bruders Pfad,“ ſprach fie, „muß ges 
Frümmt ſeyn.“ 

Wieder hielt fle inne und dann ſprach fie mit einer 
Stimme, deren fanft melodiſcher Ton das Innerfte 


> 


durchbebte. „Mein Bruder ift nun frei und fein 
Pfad liegt offen-vor ihm. Wenn er indie Wigwams 
ſeines Volkes kömmt, dann mag er den weißen Mäd⸗ 
chen zulispeln, daß die Töchter der rothen Männer nicht 
weniger großmüthig ſind, als die der weißen. Möge 
mein Bruder nie vergeſſen, was die weiße Roſe und 
ein rothes Mädchen gethan haben, um ſeinen Pfad 
zu öffnen. Es wird vielleicht den Tomahawk ihres 
Vaters in ihrem Gehirne begraben;« flüſterte fie mit 
hohler, beinahe geiſterartiger Stimme. 
Canondah!“ rief der Jüngling in ſtarrem Ent⸗ 
ſetzen. „Um Gotteswillen, Canondah! was iſt dieß? 
Was meinſt Du damit? Droht meine Flucht Dir mit 
Gefahr? Nein, nimmer ſoll es das — ich will zurück. 
Ich will den Miko erwarten und den Seeräuber.“ 
Aber das Mäpchen hatte feine Hand fahren laſſen 
und war das Ufer binabgeflohen. Cr rannte ihr 
nad, aber fle war bereitö im Canoe, daß leicht und 
ſchnell über dem Wafferfpiegel hinflog. Ein dumpfes 
Lebewohl tönte noch herüber durch ven Nebelfchleiet, und 
dann waren nur noch einzelne Ruderſchläge zu hören. 
Er rief fie bei ihrem Namen; ſie gab keine Antwort. 
Er beſchwor fie ihn mitzunehmen; aber auch der letzte 


—) 26 — 


Wellenſchlag war nun verflungen. Nichts als »ie 
gellenden Töne der Waffervögel waren noch zu hören. 

Wir überlaffen ihn nun feinen Gedanken, um zu j 
einem Manne zurüdzufehren, den wir bereits eine 
Weile aus den Augen verloren haben, und ber als 
ein merfmürbig gefchichtlicher Charakter zu fehr unfer 
Intereffe in Anſpruch nimmt, um nicht von allen 
Seiten beleuchtet zu werben. 


Eilftes Bapitel. 


Denke, was Du will; wir bemächtigen uns 
alles feines Geräthes, feiner Güter, . feines 

Geldes und feiner Ländereien. 

Shakespeare. 

Jener abenteuerliche Geift, ber bie anglosnormäne 
nifhe Nation vor allen übrigen Völkern fo fehr aus⸗ 
zeichnet und fie feit Jahrhunderten in die entfernte= 
ften Zonen getrieben, raftlo8 und nimmer ruhend, 
trogig und geſchmeidig, habfüchtig und großmüthig, 
die ganze Erde mit ihrem Taufmännifch erobernden 
Nee überſpannend; biefer abenteuerlich kühne und 
verfhlagene Geift Hat fi in mehr als vollem Maße 


—) 237 — 
auf die Abkömmlinge diefer Nation vererbt, die die 
ausgedehnten Streden zwifchen dem Mifftfippi und 
dem atlantifchen Meere bewohnen. 

Noch find feine flebzig Jahre feit der Gründung 
ihres Sreiftaates verfloffen, und bereit wehen ihre 
Flaggen auf allen Meeren, brüflt ver Donner ihrer 
Kriegsfchiffe vor allen Mündungen, und der finnvolle 
Danke ift in allen Seehäfen, die äußerſten Gränzen 
des öftlihen Hochaſiens und des indiſchen Archipels, 
des Caps der guten Hoffnung und des eifigen Ruß⸗ 
lands mit einander verbindend, und trotzig ſeinem Ver⸗ 
wandten die lange geübte Herrſchaft und Handelſchaft 
beſtreitend. Beinahe ſcheint es, als ob die Vorſehung 
ihn zugleich auch dazu beſtimmt hätte, den Samen 
der Freiheit gleich Zugvögeln über die ganze Erde zu 
verbreiten und jo die Habfucht zu veredeln, die feinem 
waghaljigen Spiele zum Grunde Tiegt. 

Es iſt Teicht zu erachten, daß ein fo raftlofer Unter⸗ 
nehmungsgeift,. der unter taufend Schwierigkeiten 
und Gefahren fih den Weg zu ven barbariſchften 
und wieder civtlifirteflen Nationen zu bahnen gewußt, 
und der eigentlich, feit ver Auswanderung Sir Wal- 
ter3 und feiner Genoffen, und der frommen, doch 

Der Legitime. 1 ’ 17 


—) 138 ⸗ 


nicht weniger abenteuerlichen Väter von Plymouth, 
in Bruder Sonathan nie zur Ruhe gefommen war — 
eine fo herrliche Gelegenheit, al8 ihm die Erwerbung 
von Louiſtana fo ganz in der Nähe darbot, nicht un- 
benügt laſſen werde. Und wirklich war die Umwälzung, 
bie diefer Erwerb im Innern der. Staaten zur Bolge 
hatte, von einer zweiten Revolution wenig oder nichts 
verſchieden, und die Züge der taufend Abenteurer, 
die zu Fuß und zu Pferd, zu Wagen und in Fahr: 
zeugen aller Art, aufallen Pfaden und Strömen dem 
neuen Canaan zueilten, kamen mit ver Auswanderung 
der Iöraeliten au darin überein, daß beide ihren 
zeitlihen Vortheil hinter höhern Tendenzen geſchickt 
zu verbergen wußten. 

&3 waren nun bereits mehr als zehn Jahre ver⸗ 
floffen, feitvem dieſer ungeheure Landesſtrich mit ven 
Staaten vereinigt worden war. Diefer Zeitraum 
ungeflörten und vollen Beflges, follte man gebacht 
haben, würde allmählig ven Wanderungen ein Ziel 
gefeßt, und die genauere Kenntniß des Landes jene 
fanguinifchen Erwartungen enttäufcht haben, denen 
fich Tauſende überlaffen Hatten, ihre liegende Habe 


—d 339 — 
aufgebend und mit ihrer fahrenden dem neuen Lande 
zueilend. - 

Allein fo tief ift das unruhige MWanderleben .in 
unfer ganzed Weſen verwoben, daß die taufend ge⸗ 
fheiterten Verſuche nur dazu dienten, es deſto mehr 
anzufachen. Der nach der Bereinigung plötzlich, gleich 
einem reißenden Strome dem Miſſiſippi zugeeilte 
Schwarm von Müßiggängern und mittellofen Aben- 
teurern war nun zwar verfioben; aber vie Nach⸗ 
zügler hörten deßhalb nicht auf, nur mit dem Unter⸗ 
ſchiede, daß fie, durch Erfahrung gewißigt, das in 
der Tiefe bed Bodens fuchten, was Jene auf der Ober⸗ 
fläche zu finden glaubten, und, weniger fanguinifch, 
fi mit ver nörhlichen Hälfte des Staates begnügten, 
während Iene den Sünen gemählt und da großentheils 
ben Fiebertod gefunden. Es war ein Eräftiger Schlag, 
ber num nadhgefolgt am, um das in Beflg zu nehmen, 
was, nach ihrer Meinung, mit ihrem. Gelde gekauft 
worden war. Hunderte, ja Taufende wanderten 
jährlich aus dem fernen Often in Tangen Zügen von 
Männern, Weibern, Kindern und Sklaven, um fi - 
einen Träftigern Boden und eine offenere Handels⸗ 
frage zu fuchen; die Waͤlder ertönten von den Schlä⸗ 

47°? 


— 30 — 


gen der Aexte und der Donnerflimme des Hinter- 
wälplers, und Städtchen und Pflanzungen entfproßten 
dem üppigen Boden, fo fehnell und fo zahlreich, als 
wenn fle wie die Pilze über Nacht aus demſelben 
geſchoſſen wären. In die wildeſten und entfernteften 
Gegenden, die noch nie einmenjchlicher Fußtritt, den des 
indianifchen Jägers ausgenommen, betreten, und Hun⸗ 
derte von Meilen von jever Wohnung entfernt, waren 
fle gedrungen, ihre Familien und. Habe auf bedeckten 
Booten nachfchleppend, die fie mit unfäglicder Mühe 
die Ströme hinaufzogen, melche fich auf der meftlichen 
Seite in den Miffifippi ergießen. So war bereits zu 
diefer Zeit der Grund zu vielen gegenwärtig bedeu⸗ 
tenden Städten Louifianad gelegt, umd wenn man 
den Scharfblid bewundert, mit denen diefe großen⸗ 
theils ſchlichten Landbewohner die Lagen ihrer Stäpte 
gewählt Hatten, fo Tann man dem wahrhaft unges 
heuern Unternehmungägeift und der Standhaftigkeit, 
die ſich Jahre lang in eine Wildniß verbannen konnte, 
um fi durch eigene Kraft eine beſſere Criſtenz zu 
gründen, nicht zu viele Gerechtigkeit winerfahten 
laſſen. | | 

Diefe gelegenheitlichen Bemerkungen bürften nicht 


211 ' 
überflüfftg-feyn, um die Scene zu erklären, die wir 
nun unfern 2efern mitzutheilen gedenken. 

Wir Haben den Miko mit feinen Kriegern und 
Männern am Ufer des Natchez in dem Augenblide 
verlaſſen, wo fie in ihre Canoes eingeftiegen waren. 
In dieſen waren fie eine geraume Strede ven Fluß 
aufwärtd gefahren” Da wo der Natchez, fich gegen 
Weſten wenden, beinahe einen Winkel bildet, hatten 
fle ihre Fahrzeuge verlaffen und, nachdem fle nochmals 
eine ernfte Berathſchlagung gehalten, fi in drei 
Haufen abgetheilt und in verfchiedenen Nichtungen 
getrennt. Die Beratbfchlagung war durch eine ernſt⸗ 
lie Einfhärfung des Misko an feine Jungen Männer 
befchloffen worden, die darauf hinausging, fie ftrenge 
vor jeder Jagdgebietsverletzung zu warnen. Diefe 
Warnung war um fo weniger überflüffig, als ver 
wilde Sinn der Jüngeren häufig eine Art Ehre darin 
fand, jene fingirten Gränzlinien zu überfehreiten, 
welche die verſchiedenen Stämme fl zu ihren Jagd⸗ 
revieren feftgefegt Hatten, und die fo jene immer- 
währenden Kriege veranlaßten, die beinahe ftet# 
wegen folder Jagpgebietöverlegungen ausgebrochen 
waren. Im gegenwärtigen Balle war Borfiht um 


fo nöthiger, als das Völkchen, erft vor wenigen. 
Jahren angekommen, auf eigenes Jagdrevier weder 
durch innere Stärfe noch verjährten Beſitz Anſpruch 
machen Eonnte, und auf fever Seite an mächtige 
Nachbarn ſtieß. Die buffaloreichen Hochebenen von 
Texas, Sonora und Santa Fe waren namlich von 
ben Cumanchees feit undenklichen Zeiten angefpro- 
hen; in dem zwifchen ven Ozarkgebirgen *) und ben 
Arkanfas gelegenen großen Landſtrich theilten fich die 
Dfagen und die Pawneeſe des Toyaskflammes ; die 
jenfeitö de8 Sabine gelegenen Hochebenen waren von 
den ſchwächern Stämmen ver Sabiner und Coshat⸗ 
taes befefien, die zwar keinen fräftigen Einſpruch 
wagen burften, bie aber, eben weil fle hülflos ganz 
von der Jagd abhingen, gefhont werden mußten. 
So blieb unfern Indianern bloß der lange und ſich 
allmählig ermweiternde Gürtel zwifchen dem Sabine 
und Natchez, und dem Ouachitta und Redriver übrig, 
und ein ſchmälerer, ver von dem letztern Fluſſe ind 
Innere Louifianas führt: ein Landſtrich, der, obwohl 
er ganz füglih die Bevölkerung eines der Eleinern 

*) Sie erheben fich ziwifchen dem Miffifipt und nen Felſen⸗ 
bergen oder Rockymountains. 


—1 33 — 


europäifchen Königreiche hätte faffen Tönnen , ven Ins 
dianern felbft jehr befhränft vorfommen mochte. 
Der Häuptling hatte mit beiläufig zwanzig der be= 
mwährteften Krieger den ſchmalen Strich, der fi 
zwifchen dem Arkanfas und Rebriver herabzieht, ge⸗ 
wählt. Bereits waren zwei Wochen ſeit der Tren⸗ 
nung verſtrichen, waͤhrend welcher er auf ſeinem 
Zuge die Wälder und Ebenen durchzogen, die ſich 
oberhalb dem Natchitoches gegen ven Ießtermähnten 
Fluß herabſenken. Er faß nun fo eben im Kreife der 
Seinigen am Abhange eines Felſens, nahe bei einer 
Salzquelle, an der er den Morgen auf dem Anftand 
gelauert und allem Anfchein nach eine treffliche Beute 
erjagt Hatte. Fünf alte Krieger Tagen neben ihm vor 
einem euer, über dem ein Keffel hing, ver ihr Mahl 
enthielt. lim ein zweite waren Pfähle in die Erbe 
getrieben, über denen Querhölzer ſich Freuzten, auf 
denen Hirſchkeulen und Vorderſchenkel zum Trocknen 
hingen. Fünf bis ſechs jüngere Wilde waren mit dem 
Ausweiden der Thiere beſchäftigt, denen ſie die Haut 
abzogen, die Vorderſchenkel und Keulen abſchnitten, 
und nach einander an die Hölzer hingen. Zahlloſe 
Raubvoͤgel, vom Geruche angezogen, ſchoſſen jeden 


24 


Augenblid aus der Höhe herab, fo wie einer ber 
übrigen Theile von ifnen auf die Seite geworfen 
wurde. 
Das gewöhnliche tiefe Stillſchweigen war auch 
bier bemerklich: nur zuweilen waren einige kurze Säge 
zuhören. Der Miko, in tiefes Nachdenken verfunfen, 
ſchien an diefer Unterhaltung, die zeitweilig zwifchen 
feinen Männern ftatt fand, Teinen Antheil zu nehmen 
over höchſtens den eines unintereffirten Zuhörers. 
Dieſe Unterhaltung beſtand in abgeriſſenen Ausru⸗ 
fungen oder kurzen Sentenzen, die eben ſo ſchnell 
ausgeſtoßen, als wegen Mangels an Ideenverbindung 
wieder abgebrochen wurden. 

„Wineachi,“ ſprach der dem Miko zunächſt liegende 
Wilde, „iſt ſchon lange auf dem Späherpfade.“ 

„Sein Auge iſt das der Nachteule geworden;« 
erwiederte der Nächſtliegende nach einer Weile. 

„Die Elennte haben ſich nad den obern Salz⸗ 
quellen gezogen;“ ſprach ein Dritter. 

Wieder eine lange Baufe. 

„Mi⸗li⸗mach muß an ver untern Quelle die Hirfche 
getroffen haben;# fprach ein Vierter. 

„Hugh, Danfee!* ertönte es von den Lippen ber 


— 45 > 


Jüngern, die fo eben eines der getödteten Thiere ans 
faßten, um ed auszuweiden. Sämmtliche Indianer 
wandien fi gegen die zwei Wilden, deren Augen 
durch die Geweihe eines Hirſches dringen zu wollen 
ſchienen. | 

Der alte Mann erwachte plötzlich; er richtete feinen 
kühn durchdringenden Blick auf die jungen Männer, 
die, ſo wie fie das bemerkten, ihm das Thier zu⸗ 
fhleppten und es vor ihn hinlegten. Sorgfältig un« 
terfuchte er den Kopf des Thiered. Es war allem 
Anfchein nach Feine Spur einer Verlegung vorhanden; 
aber dicht am Stocke des einen Geweihes war eine 
leichte Reibung zu ſehen, die von einer Kugel herrühren 
konnte. „Die Dengheefe,“ ſprach er, „haben bier 
gejagt; ſie ſind keine halbe Sonne von dem Orte, wo 
die Deänner der Oconees ruhen.“ 

Ein zweites „Hugh!“ ertönte von Aller Munde. 

n Meine Jungen Dinner müffen warten, bis Dis 
li⸗mach kömmt,“ ſprach er, auf das Thier deutend, 
und legte ſich wieder, ohne ein Wort weiter zu ſagen, 
in ſeine vorige Stellung. Auf einmal ballte er ſeine 
Fauſt, und feinen Daumen vor die Lippen haltend, 
ſtieß er.einen Tangen. durchdringenden Pfiff aus. 


— > 


Wieder erfolgte eine Tange Baufe, | 
Das iſt die Knyel eines Mankee; nahm der erſte 
Wilde wieder das Wort. 

„Das Auge war gut, aber das Feuetgewehr war— 
kurz; ſprach der Zweite. | 

Eine geraume Zeit war wieder verfloffen, ohne daß 
eine Bemerkung weiter gehört wörben war. Durch 
das Gebüſch Fam trottend ein Wilder auf die Gruppe 
zu und Tagerte ſich, ohne ein Wort zu ſprechen, neben 
ſeinen Gefährten. 

„Haben die Männer der Oconees an ber untern 
Salzquelle Hirſche gefunden?“ fragte nach einiger 
Zeit der Miko. | 

„Ste haben; « war die Antwort. 

„Gut; v erwiederte der Miko. 

„Will mein Sohn,« ſprach er nach einer Pauſe, 
auf den getödteten Hirſch deutend, „dem Miko ſagen, 
wo der Yankee ihn gefehlt.“ = 

Der Indianer fprang auf, Fauerte fih vor dem 
Thiere nieder, und betrachtete aufmerkſam das leicht 
verletzte Geweih. 

„Es iſt nicht zwei Somen, baß die Kugel ge⸗ 


—9 47 9 


ſchoſſen,“ ſprach der Milo, „die Läufe find nicht 
gefhmwollen, und ver Schweiß tft noch im Rüden. « 

„Vieleicht die Kugeln der Krieger mit den langen 
Meſſern;“ ſprach der ihm zunächſt Liegende. 

„Kennt mein Bruder das Blei der Yankees fo 
wenig?“ ſprach der Häuptling; „es iſt die kleine 
Kugel eines Yankee, der in vie Wälder gezogen. 
Mi⸗li⸗mach wird feine Spur finden.” 

Der Indianer hieb nun mit feinem Meſſer die Ge⸗ 
lenfe des Thieres ab, und einen Vorder⸗ und Hinter⸗ 
lauf in feine, Taſche ſteckend, fragte er: „Welcher 
unfrer Brüder hat feinen Pfeil verloren?“ 

Einer ver Jüngern fprang herbei, und die Beiden 
trabten nun tiefer in den Wald. 

Zwei Stunden mochten auf dieſe Weiſe verlaufen 
ſeyn. Die Wilden hielten ſo eben ihr Mahl, als ein 
durchdringendes Pfeifen gehört wurde. Sie horchten 
hoch auf. Nicht lange, fo wurde dieſes Pfeifen wieder⸗ 
Holt, Doc in einer won der vorigen ganz verſchiedenen 
Tonleiter. 

„Es iſt Mi⸗li⸗mach,“ ſprach der Miko; „er hat 
die Spur vieler Weißen.“ 


—) 18 ⸗— 


Ein drittes Mal wurde dieſes Pfeifen gehört, und 
wieder mar der Ton verſchieden. 

„Es find die Dengheefe mit Aexten, die mit ihren 
Sauaws und Kindern in die Wälder gefommen; die 
Männer der Oconees werden auch biefe meiden müſ⸗ 
fen;” ſprach er bitter, und dann feine Sand zum 
Munde führend, ſtieß erein. langes, durchdringendes 
Pfeifen aus. 

Nach wenigen Minuten wurden von mehreren Seiten 
ber dieſe pfeifenden Töne vernommen, und bald dar⸗ 
auf Eanien die übrigen Wilden raſch auf das Feuer 
zugefprungen. Unter biefen der abgefandte Späher. 

„Sat mein Bruder die Spur gefunden?" fragte 
der Mifo. 

„Es find Yengheeſe, die gefommen, um dad Jagd» 
gebiet ver Oconees für ſich zu nehmen. # j 

Ein bitteres Lächeln verzog den Mund des alten 
Mannes. nIhre Hand,“ fpra er, „reiht vom 
großen Fluſſe bis zur großen Salzſee, und von der ein⸗ 
geſchloſſenen Salzſee, die das Land der Mexicos be⸗ 
ſpült, bis zum Lande, das eiſig iſt und dem Vater 
der Canadas gehorcht, aber ſie haben nimmer genug.“ 
Und ſomit erhob er ſich. 


wm 


Ale waren aufgeflanden, und einen Halbkreis um 
ihn bildend, erfolgte eine kurze Berathung. Als 
diefe vorüber war, winfte ter alte Dann dem zurück⸗ 
gekehrten Späher, und Beide gingen denſelben Weg, 
den dieſer ſo eben gekommen war. 

Die Beiden waren mehrere Stunden durch den 
Wald fortgeſchritten, als ſie auf einer Anhöhe an⸗ 
kamen, von ber fle eine ausgedehnte Ausſicht über 
eine zu ihren Füßen liegende weite Niederung hatten, 
durch die ein breiter. Strom fih Hinwälzte. Beinahe 
am Ende derfelben fliegen die Rauchwolken auf, und 
bie Lüfte brachten bie fharf Inallenden Schläge von 
Herten herüber. Der alte Mann Hatte eine geraume 
Weile: in finfterem Dahinſtarren geſtanden; endlich 
fpritt er die Anhöhe hinab. ALS er näher Tam, 
ſchlugen menfhlide Stimmen an fein Ohr, die 
Schläge der Aexte wurben dumpfer und voller; end= 
Lich erblickte ex die Lichtung ſelbſt. Der unglückliche 
Geizhals, der den heimlichen Verftec feines mühfam 
zufammengefharrten Schaged bei feinem Erwachen 
plöglih aufgewühlt erblickt, Tann kaum fo heftig 
vor dem feine Exiſtenz vernihtenben Anblicke zurück⸗ 
prallen, als der Miko bei dem Anblicke dieſer Lichtung. 


— 0 > 


Sie dehnte ſich etwa über drei Adler aus. Das Erfte, 
was feinem Auge aufftel, waren vier Hütten, roh 
aus Geftripp und Aeften aufgeführt, in denen mehrere 
Kinder lagen. Nicht weit von diefen weineten Pferde. 
Ginige vom Raude geihwärzte Weiber fanden und 
faßen um zwei Feuer, über welchen Stangenpyramiben 
aufgerihtet waren, von denen Keſſel Bingen; andere 
-faßen auf ihren Schaufelflühlen, ihre Säuglinge. am 
Arme-ganz gemächlich wiegend ; wieder andere waren 
bei ven Keffeln beihäftigt. Eine Schaar Buben trieb 
fih dur das rauchende Feld, dürre Zweige. und 
Geftrippe ſammelnd, das fie unter Klöge und Stämme 
ſchichteten und dann anzündeten. Die ganze Lichtung 
war eine Rauchwolke, durch die der Indianer hin- 
gefchritten, und bereits mitten unter die Amerikaner 
gekommen, ohne daß er gejehen worden wäre. Eben 
jedoch, wie er fi einem Hauſe zuwandte, beffen 
Balkengerüfte bereits aufgezimmert und unter Dach 
war, bemerkten ihn die Weiber. Sie flarrten ihn 
einige Augenblide, mie e8 ſchien, ängſtlich an, und 
riefen dann: „Ihre Männer, kommt doch ber! — 
Kommt geſchwinde!“ riefen fie immer ängftlicher. 
Was gibts?“ fragte ein gewaltig breitfehultriger 


—) 31 ⸗— 


Mann, der aus dem Haufe heraus unter den Dach⸗ 
vorfprung getreten war. „Ah! eine Rothhaut! Hat 
die Eu in Schreden geſetzt? Wohl, fie wird nicht 
die erfte und nicht die letzte ſeyn.“ Und mit dieſen 
Worten näherte fich der Hinterwälbler den Weibern 
und dem Indianer. Diefe, durch die Gegenwart des 
Mannes etwas beruhigt, kamen mın an den Letztern 
heran und. begafften ihn mit einer Neugierde von 
Menfchen, denen, in ihrer tiefen Abgeſchiedenheit, 
alles erwünſcht kommt, was irgend eine Unterhaltung 
zu gewähren verfpriht. Das wirklich audgezeichnete 
Aeußere des Indianers jedoch, feine koloſſale, obgleich 
verborrte Geftalt und das Ernft gebietende Wefen, 
das im feiner Haltung Tag, verbunden mit ber ge⸗ 
wählteren Kleidung, fhienen vie vprige Aengftlichkeit 
zu verbreiten, Sie entfernten fi ſchnell nah vers 
fhiedenen Seiten., Auch der Mann hatte unfern 
Häuptling ſcharf ind Auge gefaßt, ohne jedoch die 
mindeſte Furcht blicken zu laſſen. 

„Du biſt keiner der Oſagen, Rothhaut;“ fragte 
er endlich Dieſen. | | 

Der Häuptling, der feinerfeitö die verſchiedenen 
Arbeiten, over, wie e8 ihm erjcheinen mochte, den 


— 


— 33 — 


Gräuel der Verwüſtung aufmerkfam betrachtete, gab 
feine Antwort. 

„Auch nicht von den Pamneed?' gu fahr der Mann 
fort. 

Noch immer Feine Antwort. 

„Höre! wenn Du in unfere vier Pfähle kommſt, 


Roihhaut, fo mußt Du wenigſtens fo höflich feyn, 


Antwort zu geben, wenn man Dich fragt;“ ſprach 


> per Hinterwäldler. 


„Und Wer hat die Dengheefe gerufen?” ſorach der 
Indianer. 

„NYengheeſe! — Nimmſt Du ung für Yankees? — 
Holla, Joe und John!“ 

„Haͤt die Weishaut,“ fragte nun der Indianer, 
feinerjeitö den Ausdruck gebrauchend, der verfpottend 
feyn follte, „vom großen Vater Erlaubniß erhalten, 
fich hier fein Wigwam aufzurichten?« 

Der Hinterwäloler fah ihn mit großen Augen an. 
„Ob wir Erlaubniß erhalten, uns hier nieverzulaffen?? 
Fürwahr für einen Wilden eine Euriofe Frage. Das 
muß wahr feyn,* fprach des Dann, „und zu einem 
freien Bürger — nein, das ift zu rund! Hört doch 
einmal, Männer,“ fuhr er fort, zu Joe und John 


— 353 6 | 
gewandt, die nun 'heibeigefchritten kamen, „biefe 
Rothhaut da fragt alles Ernftes, ob wir auch vom 
großen Vater Erlaubniß erhalten haben, hierher zu 
kommen?“ Alle drei fehlugen ein lautes Gelächter 
auf. „Das ift unfer Land, baar- bezahlt mit unfern 
Dollars und dem Boni abgefauft. Verſtehſt Du's?“ 

Der Indianer hatte, während fein Auge forfihend 
von einem Gegenſtande zum andern wanderte, keines 
der Worte verloren. Ohne einen der Sinterwälbler 
eined Blicke zu würdigen, fehritt er nun dem Haufe 
zu. Ein paar Blöde, vie vor dem Dachvorſprunge 
lagen, dienten zu Stufen. Er trat über Bis unter 
den Dachvorfprung: 

„Die Rothhaut ift verflucht keck;« ſprach der Grfe 
der Männer. | 

„Er fheint ein Häuptling zu ſeyn,“ meinte ein 
Zweiter, „und zwar ein großer.” 

„Häuptling hin, Häuptling her, groß. ober klein. 
Der gibt ihm das Necht, bier in unferm Lande ung 
auszufragen? Rothhaut,“ fuhr et fort, „Du möchteſt 
gern einen Schnapps. Wenn Du nicht ſo unver⸗ 
ſchaͤmt wäreft, fo hätte ich ihn Dir bereit angeboten; 

Der Legitime. J. 18 


— 


nun aber mußt Du ihn beaablen,. L Du u haben 
willſt.“ 

Der Hinterwãldler ſtieg / die zwei Vloͤde hinan zur 
Oeffnung, die zur künfligen Thüre beſtimmt, bis jetzt 
aber noch mit einer Wolldecke verhängt war, und 
verſchwand dahinter. ” 

Die Männer und Weiber hatten si in eine Gruppe 
zufammengezogen und lebhaft mit einander geſprochen; 
“ dann entfernten fie fi in verſchiedenen Richtungen. 
Nur einige Buben waren zurüdgeblieben, die neu⸗ 
gierig den Indianer begafften. | 

Die Stämme des Haufe waren mit einer Anzahl 
von Sherifföwerkäufen, öffentlichen Verſteigerungen 
und Anzeigen beflebt, bie beinahe vie ganze Breite 
des Haufes einnahmen. ine dieſer Anzeigen: war. 
mit großen Leitern und in großem Formate gedruckt. 
Des Häuptlings Blick fiel auf diefes Blatt und ſchien 
lange daran zu haften. Seine Pfeife aus der Taſche 
ziebend, riß er das Papier mit noch einem andern 
vom Stamme und löste den Rand ab, um dieſe an⸗ 
zuzünden. 

Der Hinterwälbler war zurückgekommen, ein @las 
Whisky in feiner Hand. 


2358 — 


„Wohl denn, Rothhaut!« ſprach er barſch. „Wäreft 
Du ein wenig höflicher geweſen, fo hätteſt Du es 
umſonſt; fo mußt Du aber bezahlen.“ 

Der Indianer zog aus feiner Taſche ein Berpäd 
und warf ed dem Hinterwäloler zu. 

„Ei, das ift der Stoff;” verſetzte Diefer. „Das tft 
aber mehr. Willſt Du für ven ganzen Dollar?“ 

- Der Indianer fhüttelte den Kopf und ſchnitt den 
Singer zur Hälfte. 

„Wohl;“ fprach der Hinterwälbler. 

Unterdeſſen waren die Joes und Johns mit noch 
drei Hinterwaͤldlern wieder gefommen. Ganz unbe⸗ 
fangen traten fie die Stufen hinan und betrachteten 
den Indianer aufmerffam. 

„Verdammt! dieſes Gewehr ift beinahe zu modiſch 
für eine Rothhaut; es ift nicht aus einer amerikani⸗ 
fen Fabrik;“ rief Einer, indem er vem alten Manne 
den Doppelftußer halb mit Gewalt aus der Hand 
wand. u 
Die fünf Hinterwäldler betrachteten das Stück 
aufmerkſam, und ihre Miene nahm allmählig ven 
Ausdruck von Miptrauen an. 

Dr Wirth war mit „wei gefülten Vouteillen, 

18° 


— 350 — 


einer Art und einem Tragamboß zurüdgefommen; 
die Bouteillen dem Indianer überreichend, nahm er 
den Dollar und hieb ihn auf dem Amboß in zwei ’ 
Stüde, von denen er eines dem Indianer gab und 
das andere in die Tafche ftedte. 

„Ich bürg euch dafür ‚a ſprach Joe, „diefer Doppel⸗ 
lauf dürfte die Soldaten im Fort drüben ſtutzen 
machen. Ei, und mit Gold eingelegt. Schau doch 
einmal her, Bill; den Stutzer dem Wirthe reichend. 
Dieſer hatte ihn ſeinerſeits mit Kopfſchütteln bes 
trachtet. „Wohl, wohl;« ſprach er endlich mit hä⸗ 
miſchem Lächeln. „Rothhaut, juſt recht, daß Du 
gekommen biſt. Schau einmal her, der Name auf 
dem Gewehre iſt um keinen Buchſtaben länger noch 
kürzer, als der auf die Proklamation.« Gr wandie 
fich zu den auf dem Stamme, wie bemerkt, ange⸗ 
klebten Papieren. „Wo ift fie aber? fie iſt verſchwun⸗ 
den. Wo ift fie Hingefommen, die Proffamation?* 

„Die Rothhaut hat fie eingeſteckt!« rief ein Buße, 
der vor dem Haufe ſtand. 

—»Verdammt! da habt Ihr's;“ rief ver Wirth. 
„Wohl, Rotbhaut, Dein Stuger muß hier bleiben 
und Du au, und Einer von uns muß hinüber auf 


® 

— 87 
das Fort und dem Capitain melden, welchen Vogel 
wir gefangen. « 

Der Wirth Hatte kaum dieſe Worte geſprochen, 
als ſämmtliche Hinterwãldler ſich verloren. Der In⸗ 
dianer hatte ſein Glas ausgetrunken und ſtellte dieſes 
nun dem Wirthe zurück und, mit der Hand nach ſeinem 
Stutzer langend, wollte er dieſen wieder in ſeinen 
Gewahrſam nehmen. 

„Nichts dergleichen,“ ſprach der e Birth; ; „diefer 
Sutzer bleibt hier und Du auch.“ 

Kaum waren diefe Worte geſprochen, ald der In⸗ 
dianer einen gellenden Pfiff that. Die Hinterwaͤldler 
waren wiedergefommen, Jeder mit einem langen 
Stutzer im Arme. 

„Du fiehft,« ſprach der Wirth, „ed Sitte fein 
Widerſtand; und das Beſte tft, Du ergibft Dich gut⸗ 
willig.” 

Er erhielt ein jo fürchterlich gellendes Geheul aus 
dem Walde zur Antwort, daß die Weiber und Kinder 
ſchaudernd an einander krochen. 

„Was ſoll dad bedeuten?“ fragte der Sinter- 
"wäholer. 

nDengheefe!” ertönte es aus zehn Kehlen und zu 


@ Ä 
1 | 

gleicher Zeit ſtürzten die Oconees gleich Tigern duch 
den dichten Rauch und fprangen in gewaltigen Sägen 
dem Kaufe zu. Die Hinterwälbler hoben, nichts 
weniger ald entmuthigt, ihre Gewehre; doch während 
fie fo auf ven Häuptling und die Indianer anſchlugen, 
hatte ein zweiter Haufe von Wilden fi um dad Haus 
herumgewunden und fich zwiſchen die Männer und 
Weiber gedrängt, welche Letztere ſo ganz in ihrer Ge⸗ 
walt waren. 

Der Häuptling war, ohne ſich zu regen, wie ehern 
da geſtanden; nun fiel ſein ſtolzer Blick auf den Hin⸗ 
terwäldler und zugleich ſtreckte er ſeine Hand ein 
zweites Mal nach ſeinem Stutzer aus. Noch immer 
zögerte Dieſer; ſein trotziger Blick fiel fragend auf 
ſeine gewaltigen Gefährten, die feſt daſtanden, ihre 
Gewehre fchußfertig haltend; dann ſchweifte fein Auge 
auf die düſtre Schaar der Wilden, vie, Hunden gleich, 
nur das Zeichen zum Angriff:zu erwarten fehienen. 
Die fehreienden und Hände ringenden Weiber und 
Kinder jedoch entſchieden. 

„Gib ihm fein Gewehr zurüd, Mann; rief die 
Eine. 


— 39 — 


„Um Gotteswillen, denkt an Eure Weiber und 
Kinder!a eine Zweite. 

„Laß den Mann gehen!« eine Dritte. 

„Rothhaut!“ fprach ver Wirth, „ſchau zu, Hier ff 
unterdeſſen Dein Gewehr; aber wir werben Dich zu 
finden wiffen. “ 

Als ver alte Mann fi wieder im Beflge feiner 
Waffe fand, winkte er flolz ven Sinterwälbern, und 
durch fie über die Blöcke auf feften Grund ſchreitend, 
trat er in die Mitte feiner Getreuen. Diefe trabten 
ſchnell um ihn herum und, einen Kreis bildend, fpran- 
gen fle mit einem zweiten Geheul dem "Walde 'zu. 
Die verblüfften Hinterwälnler mit ihren zitternden 
Meibern und Kindern flarrten ihnen mit offenen 
Mäulern nad. | 


\ 


Es gibt Seelen, die, gleich gewiflen Schalthieren, 
das, was fie einmal in fih aufgenommen ‚' nte wieder 
von fich geben, bis ver Tod es ihnen entreißt; Seelen, 
die Miefenleivenfhaften in fi aufgenommen haben, 
die fie, fo wie ver Schwärmer feine Göttin, fo als 
Idol in ihren Herzen herumtragen; in der tiefften 


— u 
Gruichrigung und auf ber hödfken Stufe des An⸗ 
fehens, im bobenlojen Abgrunde des Sammer und 
der glänzenden Höhe ver Gewalt, tragen fie biefe 
Leidenſchaft mit fi) umher, und fie erflarıt gleichſam 
mit ihren mürbe werbenden Knochen und wird alt 
und zähe mit ihren verborrenden Sehnen und lebt 
und flirbt mit ihnen. Sie erfcheint ihnen bei Tag 
und bei Naht und jpornt fie ſchlafend und wachend, 
fie Hat fi gleichſam in die Fibern ihres Innern ein- 
gefponuen und ift alt und jehnig mit ihnen geworben. 
Einfolder Charakter war Tokeah, undeine ſolche Rie- 
fenleivenfhaft fein Haß gegen die Weißen. Er wor der 
Ichte Sproffe, der legte der Mikos oder Könige der 
Oconees, des Hauptflammed der Nation der Creeks. 
Seine Vorfahren waren Bebherrfcher der weiten Strek⸗ 
fen gewefen, die fih vom Oconeefluſſe gegen ven 
Cooſa herabziehen. Don dem weiten Gebiete feiner 
Abnen war nur wenig auf ihn gefommen, von ihrer 
Sreiheitsliebe, ihrem Stolze alles. Bon feiner frühes 
ften Jugend hatte er die Weißen als die Räuber feines 
Erbtheiles, als die Unterprüder feiner Nation bitter 
gehaßt ; jeber neue Eingriff in die Rechte feines Vol⸗ 
kes hatte dieſen Haß tiefer gewurzelt, fo daß er 


— 9.41 6 


zulegt gewiflermaßen fein Seyn ausmachte. Es hatte 
diefer Haß einen feltfamen Eharafter aus dem Manne 
gebilbet. Die tiefften Demüthigungen, der ſchnei⸗ 
benbfte Hohn dieſer Weißen war eben fo frurlos an 
feinem Geſichte abgeprallt, wie ihre zuvorkommendſte 
Güte, ihre edelmüthigſten Aufopferungen ihm kaum 
ein Lächeln abzwangen. Gleich gefühllos gegen beide, 
war er ſich ihnen gegenüber ſtets gleich geblichen. 
Kalt, ruhig, ehern dem Anfchein nach, brütete fein 
ſtarker Geift in fcheinbar inbolenter Nube dad Ver⸗ 
erben feiner Feinde. Ä 

Bon frühefter Jugend mar er. im fteten ariete mit 
ihnen begriffen geweſen. Zahlloſe Schlachtopfer waren 
von feinem Tomahamk niedergeſchmettert worden. Als 
er ſah, daß ſeine wilde Kraft und ſeine barbariſchen 
Tücken nur wenig gegen ihre überlegenen Kenntniffe 
vermochten, jo benüßte er die Schulanftalten, die ver 
menfchenfreunvlihde Oberfi Hamkins unter feinen 
Landsleuten eingeführt hatte und Ternte, bereits zum 
Manne gereift, noch lefen und fehreiben, um fo, wie er 
ſich äußerte, „einen Haven Pfad zu den abwefenden und 
tobten Nathgebern feiner Beinde — ihren Büchern — 
zu haben; und ald auch viefe Anftrengung, fo uns 





—, 82 — 


geheure Selbflüberwindung ihm auch das Ausharren 
gefoftet, ihn in nichtö weiter gebracht hatte, machte 
‘er einen lebten Verſuch, ſich mit dem kühnen und ge⸗ 
waltigen Te⸗cum⸗ſeh zur gemeinſamen Feindesver⸗ 
tilgung zu verbinden. Auch dieſer ſcheiterte; ſeine 
Plane wurden entdeckt und vereitelt durch vie üher- 
legene Macht und Geſchicklichkeit ſeiner Feinde, die 
ihn ſelbſt ſeinem eigenen Volke verdächtig zu machen 
gewußt hatten, und Tokeah, ohne den Schlag abzu⸗ 
warten, der ihn vernichtet haben můßte, verließ mit 
etwa ſechzig ihm treu gebliebenen Oconees und ihren 
Familien das Land ſeiner Väter, um einen Zufluchts⸗ 
ort in den Wäldern jenſeits des Miſſiſippi zu ſuchen. 
Auch dahin begleitete ihn ſein unbezwingbarer Haß 
‚und fein Durſt nad Rache. Er hatte zuerſt bei ven 
Pawneeſe des Toyaskſtammes am obern Redriver an⸗ 
gerufen. Als Dieſe ihm kein Gehör gaben und ſeine 
weitausſehenden Pläne verfpotteten, wandte er ſich 
an die Ofagen, wo er gleiches Schidfal fand. . An 
feiner eigenen Nation verzweifelnd, war er den Sabine 
herabgewandert, und da er dieſen Fluß von den In⸗ 
dianern gleichen Namens beſetzt fand, ſo ging er noch 
tiefer. Das ſchwache Völkchen der Coshataes wies 


20 


ihn auf die Landſtrecke zwiſchen dem Natchez und 
Sabine Hin, und da mar es, wo er wirklich Ruhe 
fand und wo ihn beiläufig fünf Jahre nachher ver 
Seeräuber traf. 

Diefer, den fein Verſteck, unfern von den Mün⸗ 
dungen des Mifftfippi, auf der Infel: Barataria, 
nichts weniger als fiher gefchtenen haben mochte, war 
wahrſcheinlich in die Wucht des Sabinerfeed und Die 
Mündung des Natches mit dem ähnlichen Vorſatze 
gedrungen, auf ven Fall eined Angriffd einen zuver⸗ 
läffigern Schlupfwinfel zu fuchen. So war er bis 
zu dem Wigwam des Indianers gekommen. Der 
erſte Gedanke, ald er und feine ruchloſen Gefellen 
das blühende Dörfchen fahen, war det von Plünde- 
rung und Befrievigung ihrer thierifchen Küfte gewefen; 
bald hatten ihm jedoch das einfach Edle des Dörf- 
hend und die fichtlihen Spuren von Cultur andere 
Gefinnungen eingeflößt. Im Vertrauen, ‚daß die 
Bewohner Feine eigentlichen Wilden mehr feyn könn⸗ 
ten, war er dem Walde zugefihritten und hatte ſeine 
Hand zur Freundſchaft dargeboten. 

Der Indianer hatte das Bild ſeiner Feinde zu 
lebhaft vor Augen, um nicht beim erſten Anblicke 


—d 268 — 


zu erfeben, daß der Fremdling Feiner. der gehaßten 
Yankees fey. Er nahm daher willig die ausgeſtreckte 
Rechte. Dem Seeräuber war es ſeinerſeits nicht 
ſchwer geworden, die ſchwache Seite des Indianers 
herauszufinden, und die raſche Erklärung, daß auch 
er ein geſchworner Feind der Yankees ſey, beſiegelte 
dad neue Freundſchaftsband. | 

Obgleich jedoch der Miko die angebotene Allianz 
ded Piraten mit ter Gier eines rachedürſtenden 
Gemůuthes erfaßte, innerlich triumphirend, daß ihm 
das Schickſal einen neuen Bruder zugeführt, der ihm 
helfen würde, die Unbilden, die er von den Weißen 
erlitten, zu rächen: wenn ſo die Feindſchaft des See⸗ 
räubers gegen die Weißen Dieſem Anſprüche auf des 
Indianers Vertrauen und Freundſchaft gab, ſo waren 
doch andrerſeits mehrere Punkte, die ihn wieder 
zweifelhaft machten. 

Der Indianer hatte auch nicht die entfernteſte Idee 
von dem eigentlichen Charakter des Seeraͤubers, oder 
den Berhältnifien, in denen er zur Übrigen Welt 
fand. Er mähnte ihn das Oberhaupt eines Volks⸗ 
flammes, wie er jelbft war, ber aus Kriegern, Wei⸗ 
bern und Kindern beſtand. Von dem deſperaten Leben 


—d 35 > 

feines Alltirten Hatte er ſelbſt nicht einmal einen Bes 
griff. ES. waren ihm zwar, im Verlaufe der zwei 
Jahre und bei näherer Bekanntſchaft, gewiffe Um⸗ 
fände verdächtig vorgefommen; die verſchiedenen 
Hautfarben feiner neuen Mlllirten, die aus allen Nas 
tionen der Welt zufammengefegt waren, ihr rohes 
Weſen und beſonders ihr viehiſches Verlangen nach 
den Indianerirmen, das häufig mit blutigen Meſſer⸗ 
ftihen abgewiefen worden war, hatten ihn allmählig 
mehr und mehr von ihnen entfernt, immer jedoch 
war er noch über die Hauptfadhe im Dunkeln. 

Schroff und: unzugänglih, wie er jevem Gefühle 
mar, dem ber Rache und des Haſſes gegen feine 
Beinde audgenommen, ſo lebte und webte er doch 
dem Wohle und für den Rahm felnes Volkes; für 
jeden Einzelnen dieſes Volkes, das er als die Blüthe 
der Creeks anfah, würbeer gernfein Leben aufgeopfert 
haben. Er war wirklich der zärtlihfte, forgfältigfle 
Bater ver Ihm übrig gebliebenen Getreuen, und Diefe 
felbft hingen. mit jener blinden Liebe an ihm, die nur 
durch Tange Beweiſe von Aufopferung, Güte und 
Milde erzeugt wird. Achtung für feine Hohe Geburt, 
Gewohnheit, ihm zu gehorchen, mit Ehrfurcht ger 





— 6 

paart, die fein Weſen Wilden nothwendig einflößen 
mußte, waren die Bande, die die Seinigen an ihn 
feſſelten; durch raſtloſes Wachen und Schaffen für 
ihr Beſtes hatte er feinerfeitö vergolten. Der bloße 
Gedanke mit Dieben, Räubern, Moͤrdern in nähere 
Berbindung zu treten, fein Bolt in Eine große Familie 
mit ſolchen Menſchen zu vereinen, würde ihn empört, 
der ftolge Miko jede folche Zumuthung mit der tiefften 
Beratung von fi gewieſen haben. 

So fanden vie Verhältniſſe zwiſchen dem Indianer 
und dem Seeräuber, als ein Umſtand vorfiel, ver, 
während ex dem finfenden Miko einen Träftigern' 
Stützpunkt verhieß und ihn wieder auf wie Höhe, auf 
der feine Vorfahren fanden, zu heben verſprach, 
ihm noch mehr die Nothwenvigfeit größerer Vorſicht 
in Bezug auf feinen Alliirten einleuchten machte. 

Auf dem vorlegten Jagdzuge, den er, geraume 
Zeit nach feiner Bekanntfchaft mit dem Seeräuber, 
gegen ven Norden zu unternommen, hatte ihn auch 
feine Tochter mit mehreren ihrer Gefpielinnen bes 
gleitet. Das raſche Maͤdchen hatte fi mit ben Kries 
gern zu weit vorgewagt, und war tief in das Jagd⸗ 
gebiet ver Pawneed des Toyaskſtammes eingehrungen. 


—H 37 — 
Da wurden fle entdeckt, von einer überlegenen Anzahl 
dieſer Wilden angefallen und nad einigem Wider⸗ 
flande in die Flucht gelagt. Canondah jedoch war 
gefangen genommen worden, wurde in dad Wigwam 
der Wilden gebracht und verurtheilt, ven Feuertod zu 
ſterben. 

Bereits waren die Kienfackeln angezandet, ihre 
Kleider ihr vom Leibe geriſſen, die blutigen Hände 
der Wilden faßten fie bereits an, um file auf den 
Scheiterhaufen zu werfen, als plöglich der erfte Häupt⸗ 
Iing diefes Volkes auf einem Roſſe herbeigeflogen 
Fam, ſich durch die heulende Menge hindurchdrängte, 
das Opfer vom Scheiterhaufen riß, fie in feine Arme 
hob, auf’3 Pferd warf, auf das er felbft nachſprang 
und mit ihr durch die flaunende Menge dem Walde 
zuflog. Da war ein zweites Roß in Bereitfchaft ge⸗ 
halten. Diefed mußte das Mädchen befleigen und. 
ihrem Netter zum Natchez berabfolgen. 

Keiner der Pawnees hatte es gewagt, Einſprache 
zu thun oder dem Häuptling nachzuſetzen; feine Ihat 
war als eine Art von Infpiration des großen Geiftes, 
angejehen worven. Er felbft, der unlängft von dem 
großen mächtigen Stamme der Cumanchees zurück⸗ 


20 0 — 


gefehrt, war als ein Wehen höherer Gattung be» 
trachtet. Er übergab die ſchöne Canondah unverlegt 
‚ Indie Hände des tiefbefümmerten Vaters, der den 
Befreier feiner Tochter mit Entzüden umarmte. 

Canondah war noch die einzige Freude des allen 
irpifchen ‚Sreuben abgeftorbenen Milo. Mit Wonne 
ſah er num die wedhfelfeitige Neigung zwifchen feiner 
Tochter und dem mächtigen Häuptlinge det Cuman⸗ 
chees auffeimen. Er hoffte durch fie fein Völkchen 
mit den großen Cumanchees zu vereinen. Diefed auf 
eine eines Miko würdige Art zu thun und zugleich 
ven Eumanchees den Häuptling ver Salafee mit feinen 
Kriegern zuzuführen, wütde fein höchſter Triumph 
geweſen feyn. Aber ob auch feine Allüürten einer 
folgen Ehre würdig waren, wurde ihm allmählig 
mehr und mehr zweifelhaft. Schon lange hatte er auf 
alle mögliche Weije getrachret, das in ihm aufge⸗ 
fliegene Mißtrauen durch Thatſachen zu begründen 
oder zu entfräften und den eigentlichen Charafter 
ſeines Freundes näher Eennen zu lernen. Diefe Gele⸗ 
genheit war ihm nun zu Theil geworben. 

Der große Anfchlagzettel, den er von ven Stämmen 
des Hauſes in der neuen Niederlaffung geriffen, ent= 


— 9 


hielt bie Brokfamation des Gouverneurs von Loui⸗ 
flana, in welchen die Verbrechen und Gräuelthaten 
bes Seeräuber3 von Barataria umftändlich aufgezählt 
waren und ein Preid von fünfhundert Dollars auf 
feinen Kopf gefegt war. 

Die Indianer hatten Taum. ihr voriges Bager an 
der Salzquelle wieder Betreten, als der Miko das 
Bapier aus feiner Tafche nahm und eifrig den Inhalt 
deſſelben zu entziffern begann. Dann erfolgte eine 
kurze ernfte Berathichlagung,, worauf das Wildpret 
und die Häute auf ven Rücken gepadt und ver Weg 
gegen ven Natchez zu eingefchlagen wurde. Nachdem 
fie diefen und ihre Böte erreicht, trennten ſich zwei 
Läufer von der Schaar, und nahmen eine nordweſt⸗ 
liche Richtung; die Uebrigen Eehrten in das Wigwam 
am untern Natchez zurüd, dem wir und gleichfalls 
nad). diefer kurzen Excurfion wieder zumenden. 


Der Legitime. J. 19 


o ⸗— 


BZwölftes Mapitel. 
Wie nun, was iſt's? Hab ich, hat fie Szuht 
Verſucher und Verſuchte, wer fehlt mehr? 
Shafespeare. 

Der Morgen nad ver Entweichung des Britten 
fand die beiden Mädchen in einer troob bangen 
Stimmung. “ 

Beinahe ſchien es jedoch, als ob fie ihre Rollen 
gegen einander vertauſcht hätten. Roſa, die ſanfte, 
milde und kindliche Roſa, ſie, die wie eine ſchwankende 
Nanfe fi bisher an die ſtärkere Canondah gelehnt 
hatte, war nun die Stütze dieſer Letztern — fie, die 
vorher furchtſam kaum ihren zitternden Blick aufzu⸗ 
ſchlagen gewagt hatte, war ſtaͤrker, muthiger, auf ſich 
ſelbſt vertrauender geworden. In ihren Zügen lag 
etwas Feſtes, Erhabenes ; eine gewiſſe Würde leuchtete 
aus ihrem eveln, verklärten Antlige hervor. Sie ſchien 
einem furchtbaren Verhaͤngniſſe muthig entgegen fehen 
zu wollen. Sie hatte ihre Arme um die Inptanerin 
geſchlungen, ihr vie füßeften, ſchmelzendſten Worte 
zugelispelt. Sie war ſelbſt hinausgerannt zu den 


—9 710 


Wilden und Squams, fie zu bitten, zu Canondah zu 
gehen; fie Hatte gefehen und mit Feſtigkeit ertragen, 
wie ihr Diefe den Rüden gewendet, mit Abſcheu vor 
ihr ausgeſpieen und drohend ihr. „falfche Dengheeje« 
zugerufen. Und ſie hatte nicht ihren Muth verloren. 
Es fhim; als ob «eine übernatürlicde Feſtigkeit fie 
befeelte. Nur zuweilen, wenn ihr verflärter Blick 
auf die leidende Canondah fiel, dann hob fi ihr 
Bufen convulfiviſch, dann zudten ihre Glieder, ihre 
Augen fühlten. ſich mit Ihränen, und fie warf ſich 
ſchluchzend über ihre Freundin und, ihre Kniee um⸗ 
faſſend, bat ſie, beſchwor ſie dieſelbe, ihr zu vergeben. 
Das erſtarrte Auge der Indianerin blickte fie an, 
fie ſah fie aber nicht, ihre wirren Sinne ſchienen um⸗ 
herzuſchweifen in der Irre. Sie regte ſich nicht, fie 
bewegte ſich nicht. Sie faß und ſtarrte wie eine fehöne 
Bronzeftatue. Aber bei dem geringften Geraͤuſch, 
das von draußen gehört wurde, ſchrack fie zufammen; 
jeder Fußtritt der Squaws, ver an ihr Ohr fhlug, 
machte fie am ganzen Körper erzittern, und bie Stim⸗ 
men ſchienen ihr, wie das wilde Fleber, durch Mark 
und Bein zu bohren. Alle. Kraft ſchien von ver edlen, 
ſonſt fo feften Tochter des Milo gewichen zu ſeyn. 
19° 


1 m 


. &o war ber Tag und eine zweite Nacht vergangen. 
Sie mar die ganze Zeit hindurch nicht aus ihrem 
Stübchen getwichen. Auch von den Squaws war keine 
gekommen, ſie zu ſehen. 

Endlich gegen Morgen ließen ſich Männerſtimmen 
vom Ufer her vernehmen. Es war der Miko mit 
ſeiner Abtheilung von Kriegern und Jägern. Seine 
Tochter ſtand auf, ihre Kniee ſchlotterten und ſchlugen 
zufammen. Sie hielt ſich am Fenſter; der Häuptling 
ſprach mit den Kriegern, denen die Squaws grinſend 
ins Ohr wisperten, indem ſie mit ihren knoͤchernen 
Armen auf die Hütte deuteten, mo ber Britte ge— 
wohnt hatte. Endlich nahte fi der Miko und trat 
in die Hütte ein; ihm folgten feine Männer. Seine 
Tochter war hinter dem Teppiche hervorgetreten, ihn 
zu begrüßen. Ihr Bufen hob fich zuckend; ihre Hände: 
auf der. Bruft faltend, erwartete fie ſchweigend die 
Befehle des Vaters. 

. »Die Männer der Oconees,“ begann er nach einer 
Pauſe, während welder fein ſcharf blitzendes Auge 
die Tochter durchbohren zu wollen fchien, „haben 
ihrem Miko gefagt, daß ver Bote des Häuptlings 
der Salzfee in das Wigwam der Oconees der Muss 


—d 373 0» 


‚eogeed gekommen if. Warum flieht ihn mein Auge 
nit?“ 

Das zitternte item gab Feine Antwort; thr 
Blick war auf den Boden geheftet. | 

„Hat Canondah fo fehr das Blut ihres Vaters 
vergefien, daß fie einen weißen Mann, einen Danfee 
in fein Wigwam geführt, ihm den Pfad gezeigt hat, 
der von den Dörfern der Weißen zu ihm führt? Der 
Miko vachte, er habe eine Tochter, « ſprach ver alte 
Mann mit dem fchneidendften Hohne, aber Canondah 
iſt nicht die Tochter de Miko der Dconeed. — Geh!“ 
ſprach er mit unausſprechlichem Abſcheu, wein elen« 
ber Seminole hat ihre Mutter betrogen, und fo Leben 
einer Betrügerin gegeben.“ 

Das Mäpchen ſank bei diefer ſchrecklichen Beſchul⸗ 
digung ihrer Mutter zuſammen, als ob ſie vom Blitze 
niedergefehmettert morbe wäre. ‚Sie wand ſich, fie 
krümmte ſich wie cin Wurm, fie kroch hin zu des 
Vaters Füßen, um fein. Kleid zu berühren; er ſtieß 
fie mit unendlichem Abſcheu von fid. . 

„Geh!“ fprach er. „Sie hat gejungen in pie Ohren 
des Mifo, und ven großen Gelft angerufen, feinen 
Jagdpfad rein.zu halten, ‚während fie ven Beind 


—, 


feines Geſchlechtes in ihrem Buße, in der voͤhle 
pflegte. | 

Auch keine Sylbe von Entſchuldigung war’ dem 
armen, fi am Boden krümmenden Mänchen entfahren. 
Die Squaws hatten, wie ſich erachten läßt, neugierig 
die verſchiedenen Fußtritte unterfucht, und leicht Die am 
erften Abende eingeprägten von den am fpätern Morgen 
binterlafienen unterſchieden. Selbft die Liebe zu Ca⸗ 
nondah Hatte fie von diefer, dem indianiſchen Mip- 
trauen ganz eigenthlimlichen Neugierde nicht abhalten 
Tonnen. Wahrſcheinlich würden fie jedoch das Ganze 
verfchwiegen haben, wenn nicht die. Flucht des Britten 
ed ihnen beinahe zum Geſetze gemacht hätte, das 
Stillſchweigen zu brechen. " 

„Und deßhalb,“ fuhr ver Häuptling fort, der eine 
Art Vergnügen darin zu finden fehlen, die Weife 
recht bitter aufzuregen, in ver Ihn bie zwei Mädchen 
überliftet Hatten, und fo feine Wuth zum höchften 
Grade zu ſtacheln, — deßhalb konnte die meiße Roſe 
nicht den Nachtgeſang fingen, weil der weiße Späher 
ihrer im Walde wartete? Der Miko hat eine Schlange 
in ſeinem Buſen genährt, er hat ſeine Biberfelle weg⸗ 


—d 275 6 


geworfen, und die ‚weiße Roſe Hat einen Spion in 
fein Wigwam gebracht, ber ihn an feine Feinde ver⸗ 
ratben wird. In wenigen Sonnen wird er mit den 
Seinigen wie die wilden. Panther von ihren Feinden 
gejagt werben.” 

Ein tückiſchbos haftes dumpfes Geheul ertönte im 
Kreiſe ver Wilden. Zwei der Grimmigſten ſchlichen 
fih dem Vorhange zu. | 

Canondah war beſinnungslos, ſprachlos am Boden 
gelegen; aber kaum hatten die Wilden einen Schritt 
gethan, als fie wie eine Schlange am Fußboden fi 
hinwand, und vor dem Vorhang fi aufrichtend und 
ihre Hände -faltenn audrief: „Ich bin es, Canondah 
ift eö, die dem weißen Dann ven Pfad gezeigt, die 
ihn über ven Sumpf geführt; die weiße Roſe Eennt 
ihn nicht. # 

Nun that ſich der Vorhang auf, und Roſa erſchien; 
die Indianerin richtete ſich auf, und fie ſchützend in 
ihre Arme ſchließend, blieben beine Maͤdchen geſenkten 
Hauptes vor dem erzürnten Mifo ftehen. 

Das Auge des Miko war der fehnellen Bewegung 
feiner Tochter gefolgt; er fehlen erflaunt über vie 
Berwegenbeit, bie zwifchen tim und dem Opfer feiner 


—) 16 — 


Wuth einzufchreiten wagte. Als er Nofen anfah, 
zudte ein grimmiges Grinſen durch feine erſtarrten 
Züge. Seine Hand fuhr nad dem Schlachtmeſſer; 
er trat einen Schritt näher und erhob daſſelbe. 

„Sch bin es;« rief Canondah entſitzt. 

„Nein, ich bin e8, die den weißen Jüngling ins 
Wigwam gebracht ;« rief Nofa mit bebenter Stimme. 

Der Miko war erftarrt dageſtanden. Allmählig 
jedoch hatte der edle Mettftreit um den Tod auf feine 
wilde Natur feine Wirkung nit verfehlt. Seine 
Züge milverten ſich. „Geh!“ ſprach er endlich mit 
den Tone des bitterften Sohnes, „glaubt Canondah, 
daß der Mik⸗ ein Narr ift, und daß fein Auge nicht 
fieht, wer den weißen Späher ins Wigwam geführt. 
Es war der Fuß Canondahs, der den Weg bahnte; 
aber e8 mar die betrügerifche Zunge der weißen Roſe, 
die fie Dazu vermochte. « 

„Wil mein Vater,” fo bat das Mädchen, indem 
fle in der demüthigſten Stellung ihre Hände auf ihrem 
Bujen kreuzte, „will mein DBater die Zunge feiner 
Tochter Idjen?« .. 

Eine lange Paufe erfolgte, Wuth und Vater⸗ 


- 


an 


gefühl kämpften ſichtbar in dem tief bewegten alten 
Manne. Letzteres trug jedoch den Sieg davon. 
„Canondah mag reden.“ 

‚ „Mein Vater! der weiße Jüngling hat geſchworen 
auf ſeine Ehre, daß er kein Späher iſt; er hat auch 
betheuert, daß er Feiner ver Dengheefe iſt. Ex iſt 
von der Infel, wo fie ven thörichten Häuptling haben, 
dem das Land gehört, von dem Du gefagt haft, daß 
es Falt und eifig iſt. Sein Volk ift auf dem Kriegs⸗ 
pfade gegen unfere Feinde, die Dengheefe. Er iſt noch 
nicht viele Sonnen über die große Salzfee mit den 
Eeinigen gefommen, fie wollen den Bater der Flüſſe 
Hinaufgehen und die Wigwams unferer Feinde vers 
brennen. Der Häuptling der Salzfee, fügte er, iſt 
ein Dieb, der ihn, wie er Auftern und Schilofröten 
geſucht, mit feinen Brüdern aufgefangen und in fin 
Wigwam geführt hat. Er ift aus dieſem geflohen, 
und bat acht Sonnen Hunger gelitten. Sein Bolt 
wird den Häuptling der Salzſee bei vem Halſe an den 
Daum aufhängen. Sieh, Vater, Deine Tochter hat 
ihn aus dem Rachen der großen Waſſerſchlange befreit, 
und er war ſchon beinahe ganz todt. Die Squaws 
werden es Dir ſagen, Winondah hat ihn erſt ins 


—d 378 &— 


Leben zurüdgerufen. Er wollte fi mit feinen Brüs 
dern vereinigen, um Deine Feinde zu züchtigen. Er 
ift fein Späher, feine Hände find zart, und er war 
ſchwach.“ 

„Sat Canondah noch mehr Lügen für ihren Vater 
bereit?« ſprach Diefer, doch in einem mildern Tone. 
„Ihre Zunge ift fehr geläufig geworden. # 

Das Mädchen ſchlug verſchämt ihre Augen wieder 
zur Erde. Ihre Worte hatten jedoch augenscheinlich 
einen tiefen Eindruck auf ihren Bater gemacht. Was er 
in ver Broffamation gelefen, flimmte vollfommen mit 
der Ausfage feiner Tochterüberein. Er fann gedanken⸗ 
voll nad. Er war Wilder von Geburt, Gewohnheit 
und Erziehung; aber er war nicht blutgierig, nicht grau⸗ 
fam. &8 war übel verſtandene Selbfthülfe, die ihn auf⸗ 
geregt hatte gegen feine Feinde. Unter andern Ver⸗ 
hältniffen, in einer civilifirten Sphäre, würde er ein 
Held, ein Wohlthäter von Taufenden, von Millionen 
geworden feyn; aber in feinem wilden Zuftande, ge= 
ftahelt, verhöhnt, vergällt, wie er fich fühlte, er= 
ſtorben, wie ſein edleres Selbſt ſeyn mußte, und 
zerfallen mit ſich durch wirkliche oder eingebildete 
Unbilden — war es ein Wunder, wenn er das Todes⸗ 


—) 79 ⸗— 


mefler gegen feine eigene Tochter aufgehoben hatte; 
er, ber in die Hütte mit ver feften Ueberzeugung ge⸗ 
treten war, daß der junge Mann ein Emiffär, ein 
Spion feiner Feinde 'gewefen? Abgeſchieden von aller 
Außenwelt, eine Beute feines angebornen Mißtraueng, 
von den trüben Bildern verfolgender Feinde bei Tag 
und Nacht gequält, Hatte er, der von den Seinigen 
bochverehrte, beinahe angebetete Miko, auch wahr⸗ 
ſcheinlich feine Wichtigkeit, in derer bei ven Weißen 
zu ſtehen gedachte, weit höher angefchlagen, als fie 
e8 wirklich war. 

Die Tochter, obwohl von verſchiedenen Empfin= 
dungen beftürmt, kannte ihren Vater zu wohl, um 
nicht die plögliche Veränderung zu gewahren, vie in 
ihm vorgegangen war. Roſen umfchlingendg ſprach 
fie: „Steh, Vater, der weiße Jüngling hat Roſen 
geſchworen, daß er Feiner der Dengheefe ift. Er ift 
. ein Engländer. Er ift von den großen Ganoed feines 
Volkes. Er war beinahe todt, als ihn Deine Tochter 
aufnahm. Würde wohl ein Epäher fo in das Wig- 
wam des großen Mifo kommen?“ 
aCanondah hat genug geſprochen;⸗ bedeutete ihr 
der Milo. 


280 ⸗ 


Das Mädchen ſchrack furchtſam zurück. 

Erſt jetzt fiel dem Häuptling fein zweites Papier 
ein. Er zog es aus ders Taſche, las es aufmerkſam, 
und beſprach ſich mit den Seinigen. Das Blatt ent⸗ 
hielt einen Aufruf an die Bürger Louiſtianas, zur 
Vertheidigung ihres Landes zu eilen. 

„Sprit die Zunge meiner Tochter Feine Zügen?“ 
bob er wieder an, ihr mit der Hand winfend, ‚zum 
Zeichen, daß ihr geftattet war, zu reden. „Warum 
ift der Mann, wenn er vom englifchen Volke ift, ven 
Wigwams feiner und unferer Feinde zugegangen?“ 

„Canondah hat ihm fo gefagt,* ſprach das Mäp- 
hen, „aber er.hat erwiedert, daß die Seinigen, bereits 
vor dem großen Wigwam wären, wo er ſie mit ihren 
großens Canoes finden würde.“ 

„Wann verließ er das Wigwam der Oconees 20 
fragte der Vater. | 

„Lange nachdem bie Sonne hinter den Rücken des 
Natchez fih verborgen, und nachdem die Waſſer⸗ 
vögel bereits zu fihreien angefangen., Mein Vater 
wird fiine Fußſtapfen finden, und daß feine Tochter 
wahr gefprochen;; denn ſie hat noch nie gelogen. * 

„But,“ erwieberte der alte Mann, ihr wieber ein 


— 31 6- 
Beiden gebend, daß die Erlaubniß, die ihre ‘Zunge 
gelößt, zurückgenommen ſey. 

Die Krieger ſchloſſen nun nochmals um den Häupt⸗ 
ling einen Kreis, und eine kurze ernſte Berathung 
erfolgte, nach welcher er ſchweigend auf ſeine Jagd⸗ 
taſchen deutete. Canondah füllte dieſe ſchnell und 
ſorgfältig, und der Häuptling verließ ſogleich mit 
dem größten Theile feiner Krieger das Wigwam. 

Das Staunen des verlorenen römifchen Sklaven, 
der, verdammt durch dem Löwen zerriffen zu werben, 
bereit8 da8 grimmige Thier mit einem gewaltigen 
Satze durch das elferne Thor auf ſich zufpringen und 
die töbtfihe Tape, die feinem elenden Dafeyn ein 
Ende machen foll, erheben, yplößlich aber,. flatt ven 
Todedftreich zu führen, die gräuliche Kate zur Erde 
Tauern, ihre Tagen freundlich ausſtrecken, feine Füße 
leden, und ale Symptome von Unterwürfigfeit und 
Freude äußern flieht, — das Staunen dieſes Elenden 
fonnte Faum größer feyn, als das der beiden Mädchen 
üßer die fo unbegreifliche Milde des Mifo. Canondah 
hatte nichts geringeres als plötzlichen Tod wegen einer 
That erwartet, die, ſie fah es voraus, ald Verrath 
angeſehen werben würde. Da fle mit den Vorfällen 


20 e— 
unbekannt war, die eine fo plötzliche Sinnesãnderung 
in Bezug auf den Häuptling der Salzſee hervorge⸗ 
bracht hatten, ſo ſtand ſie keinen Augenblick an, dieſe 
Milde einem übernatürlichen Einfluſſe zuzuſchreiben. 
Die Gefühle Roſas waren nicht minder die der gren⸗ 
zenloſeſten Dankbarkeit für die überſtandene Gefahr 
einer Schweſter, die, für fie und einen weißen Bruder 
ihr Leben aufopfernd, plötzlich wie durch ein Wunder 
dem Todesſtreich entgangen war. Sie war ihrer 
Freundin mit einem fprachlofen, zum Simmel ges 
richteten Blicke in Die Arme gefallen, und die beiden 
armen Maͤdchen hielten fih umſchlungen, als ob 
nichts auf der Erbe fie wieder trennen follte. Gines 
beunruhigte fie .allein: der Milo war mit feinen 
Kriegern dem jungen Britten nachgefeht. Es war 
unmöglich, daß er ihm entwifchen konnte. Wird der 
Mifo au den armen Jüngling [honen? Ihn nicht 
als Gefangenen zurüdbringen, und vor ihren Augen 
den Tod des Tomahawks flerben laſſen? 

Es dauerte geraume Beit, ehe fie ihren Gefühlen 
Worte gab; zuletzt entfuhr ihr ein Seufzer: „Armer 
Bruder!“ 

Die Indianerin hatte ihre Arme um fie geſchlungen, 


—d) 3 9 


und fie heftig an fih gepreßt umwunden gehalten, 
gleichſam als Hätte fie nun. ein doppeltes Recht auf 
fle, die fie vom beinahe unvermeidlichen Tode gerettet, 
Kaum hatte jedoch Nofa die Worte über ihre Zunge 
gebracht, als fie, einen unwilligen Blick auf fie wers 
fend, fie plöglih fahren ließ. „Die weiße Nofe tft 
nicht gütig; « ſprach fie mit Bitterkeit. „Ihr Gerz 
ift fo ganz und gar von-ihrem weißen Bruder ein- 
genommen, daß fie feinen Plab mehr für ihre Schwe⸗ 
fer Hat. Canondah fürchtet nicht den Tod, fie bat 
von ihrem Bater zu fterben gelernt, fie war gebunden 
an den Pfahl, die Fackeln waren angezündet, ihr 
Auge aber war heiter wie das blaue Gezelt des 
Himmels. Nein,“ ſprach fie, und ihr Blick wurde 
feuriger, und ihre Miene flolger, „die Tochter des 
großen Dconee würbeden Maͤdchen er Pawnees gezeigt 
haben, wie fie fterben und ihrer Feinde lachen müjlen. 
Aber — ſetzte fle Hinzu und ihr ganzes Wefen nahm 
den Ausprud von Abſcheu an — „Canondah wollte 
nicht wie ein verrätherifhemSund fterben, nicht daß 
ihr Name ein Fluch in dem Munde ihrer Schweftern 
als einer Berrätherin, die ven Späher ins Wigwam 
geführt und zu feiner Flucht den Pfad gewieſen, mit 


—) > 

Abſcheu auegeſtoßen würde. Nein,* ſprach fle, „Ca⸗ 
nondah fiel in die Schlinge der Pawnees, fie warfen 
fie auf ihre Pferve, und das Fleiſch aller ihrer Glieder 
war mund, und die Buffalofehnen, die fie auf ven 
Mücken des Roſſes ſchnürten, ſchnitten tief ein; aber 
fie Tieß auch nicht den Teifeften Seufzer hören. Ihre 
Seele war bei ihrem Vater, und bei ihren Vätern, 
die von ihren Wiefen herabſahen und über den Muth 
ijhrer Tochter frohfodten. Zwei Tage war Canondah 
in der dunfeln Höhle ver Pawneeſe gelegen, und als 
das Licht der Sonne endlich in ihr Geſicht ſchien, 
zeigte es ihr auch den Holzſtoß, der aufgehäuft war, 
ihren Leib zu Aſche zu verbrennen. Ja, ſie haben 
Canondah zum Pfahle geführt, fie haben ihr die 
Kleiver vom Leibe geriffen, die Squaws haben ihr 
ind Geficht gefpieen. Viele Meffer und Tomahamfs | 
ſchwebten über Ihrem Haupte; — aber Du horcheſt 
ja nit, Roſa?« ſprach fie, fanft das Maͤdchen 
rüttelnd. 

„O ja, ich höre ja all; ” verfehte Diefe. 

„Und als fo,“ fuhr die Indianerin fort, „alleihre 
Kleider von ihr geriffen-waren, und die Squaws fie 
ergriffen, um fie auf ven Scheiterhaufen zu werfen, 


— 85 — 


da flürzte ver große Häuptling von feinem Rofſe und - 
drang durch die Krieger. und die Menge, und hob 
Canondah an feine Seite. „Sieh,“ ſprach fie, „Ca⸗ 
nondah iſt fehr ſtark, fie Eonnte die Qualen der Mäd⸗ 
ben und Squaws erbulben, fie fah dem Tode ind 
Geſicht; aber fie war zu ſchwach für bie Güte des 
Häuptlings, fie fan in feine Arme, und ihre Sinne 
waren von ihr gewichen, und fie wußte nicht was mit 
ihr gefehehen war, bis die Sonne hinter ven Bergen 
war und Deine Schwefter fich noch immer an ber 
Seite ihres Befreiers ſah.“ 

„Die weiße NRoſe hat den großen Häuptling aſſchen 
und Canondah würde nicht gern jetzt ſterben. Sie 
hat nicht wohl gethan, den jungen Mann den Blicken 
ihres Vaters zu entziehen; aber fle hat die Thränen 
der weißen Hofe gefehen, und ver große Geift Hat 
fein Geſicht vor ihr nicht in Wolken verhält. Ja,“ 
ſprach fie, „es ift der große Geift, ver ven Arm des 
Miko zurůͤckgehalten, als fein Fuß feine Tochter hin⸗ 
wegſtieß wie einen Hund, und ſeine Hand das Meſſer 
aus der Scheide riß, um es im Buſen ſeiner Tochter 
und der weißen Roſe zu begraben. Canondah hat 
böfe gethan, aber fie will es nicht wieder thun.“ 

Der Segitime, 1. 20 


28 E 

„Und unſer armer Bruder?“ fragte Roſa. 

„Der Miko iſt ein großer und weiſer Häuptling. 
Sein Auge wird die Spur des weißen Jünglings 
fehen, und tief in feine Seele blicken. Wenn er ein 
Freund des rothen Volkes ift, fo wird er feinen Skalp 
nicht nehmen; wenn er die armen Mädchen betrogen, 
fo muß Roſa nicht wegen eined Späherd weinen: * 
Als fie dieſe Worte geſprochen, verließ fle die Hütte. 


Dreizehntes Kapitel. 


Die Noth kann einen Menſchen mit feltiamen 
Schlafgeſellen bekannt machen. Ich will mich 
hier einwickeln, bis die „Hefen bes Sturmeb 


\ erfipöpft find. 
Shalespeare. 


Der Gemüthözuſtand, in welchem wir unſern 
Britten verlaſſen haben, duͤrfte ganz füglich mit dem 
des Aſſaffinen⸗Neophyten zu vergleichen ſeyn, der, 
wenn die Sage: wahr ſpricht, von dem: Alten vom 
Berge eben fo plöglich in feine von lieblichen Houris 
bewohnten Gärten eingeführt, als nad) einem Turzen 
raſchen Genuſſe wiener in die traurige Naht hinaus⸗ 


287 0 


geſtoßen wurde, und dem von den genoſſenen Selig⸗ 
keiten nichts anders übrig blieb, als ein wirrer 
Sinnenrauſch, ein Chaos von Bildern und Geſtalten, 
und eine heftige Sehnſucht, das verlorene Paradies 
wieder aufzufinden. | 

Bon diefen Affaffinenfeligkeiten nun hatte zwar 
unfer Britte, wie unfere Lefer wiſſen, nichts genoflen, 
auch hatte ihn feine Sehnſucht felöft au dem Para» 
dieſe getrieben; dad Chaos aber, der Tumult in 
feinem Innern und dad Verlangen nad denſeits 
waren gekommen. 

Es ſchien, als ob der eolese Menſch mit dem ge- 
‚ meinern in ihm in Streit gerathen, als wenn biefe 
zwei Prinzipe ihn wechfelfeitig fortzögen und wieber 
zurückriefen. Er war eine Stunde an dem Ufer hin- 
aufgerannt und eben fo wieber zurückgekehrt, und in 
diefem, Hin- und Herrennen hatten ihn bie erſten 
Strahlen der Morgenfonne überraſcht, die, indem 
fie Ihm eine neue Scene aufedte, feinen Ideen auch 
eine veränderte Richtung gab. 

Sp wie Canondah ihm gejagt, fo hatte er das 
jenfeitige Ufer des Sabine von Bäumen enthlößt 
gefunden. Nur einige Föhren und Gedern krochen 

\ 20° 


268 


kummerlich am hohen Uferrande hin. Doc vor ihm 
breitete ſich eine Landſchaft aus, die der flärkfte 
Pinfel nur in mattem Umriffe geben, Die gewaltigſte 
Phantafle kaum zu fafen vermögen würde. Es war 
ein enblofer Raum, in deſſen wellenartige fanfte Ver- 
tiefungen er hinabſehen, und deſſen fanftem Anfteigen 
er mit den Augen folgen Eonnte. Der fhönfte üppigfle 
Wiefengrund, auf dem dad zartgrüne Gras, von ber 
Morgenluft angeweht, in fanften endloſen Wellen 
hinfloß, und auf dem die in weiter Verne zerſtreuten 
einzelnen Baumgruppen wie Schiffe auf ver unüber- 
ſehbaren See zu ſchwanken ſchienen. Nirgends war 
ein feſter Punkt zu ſehen, und die ganze ungeheure 
Landſchaft ſchwamm buchſtäͤblich vor feinem Auge, 
fich wiegend und wogend, gleich dem vom ſanften 
Oſtwinde angeſaͤuſelten Meeresſpiegel. Gegen Norden 
ſchwoll die Ebene allmählig in das Hochland, deſſen 
maleriſche vor⸗ und zurückſtehende Baumgruppen ihm 
einen Blick in das Innerſte des prachtvollen Pano⸗ 
ramas gaben, wo die aͤtheriſchen Tinten mit denen 
des Horizonts verſchmolzen. Gegen Oſten ſank die 
ungeheure Wieſe in Niederungen, aus denen Baum⸗ 
gruppen mit Rohr⸗ und Palmettofeldern hinüber⸗ 


—d 289 8 


walten, und, fo wie fie von der Luft bewegt in Wellen 
ſchlugen, im Sonnenglanze gleich Segeln aufzutauchen 
ſchienen. Die tiefe Ruhe, die in der grenzenloſen, 
in dem blauen fernen Horizonte ſich verlierenden 
Ebene herrſchte, nur durch das Plätfehern ver Waſſer⸗ 
vögel oder das ferne Geheul der Savannenwölfe un⸗ 
terbrochen, und die nun prachtvoll aus dem Oſten 
gerade herüberſteigende Sonne gaben der Landſchaft 
einen unbeſchreiblich großartigen Charakter. Weiter 
am Fluſſe hinab flanden einzelne Baumgruppen, in _ 
denen Hirſche weideten, die ihn mit einer Art Ver⸗ 
wunderung anfchauten, und zu fragen fehienen, wie 
er hierher gefommen, ihn noch eine Weile flarr ans 
vlickten und dann, ihre Geweihe ſtolz aufwerfend, 

und gleichſam unwillig, ihr Gebiet betreten zu ſehen, 
langſam ins Dickicht zurückkehrten. 

Erſt allmaͤhlig bemerkte er mit Verwunderung, 
daß die ganze Landſchaft mit winzigen zuckerhutähn⸗ 
lichen Hügelcden von Mufcheln und Foſſilien überfäet, 
allem Anſchein nach auch bemohnt war. Bräunliche 
Thiere faßen am Buße derfelben der Sonne zugekehrt, 
und ihre Frühſtück im zart aufſproſſenden Graſe 
haltend. 


— 20 ⸗— 


Die Gegend, die wir fo eben bejchrieben haben, 
iſt, wie bekannt, das weſtliche Louifiana, das vom 
Alluvialande des Miſſifippi, Redriver, Atchafalaya 
und den unzähligen kleinern aber tiefen Strömen all⸗ 
mählig gegen Weften anfchwillt und in ven befagten 
prachtvollen ungeheuern Savannen endet, wofelbft, 
vieleicht die Neifehütte des Jägers ausgenommen, 
bis auf den heutigen Tag noch Feine Spur einer 
menschlichen Wohnung zu finden ift. Die Bilder, 
bie wir hier einzeln unfern Lefern vor Augen gebracht, 
um ihnen fo den Eindruck des Ganzen zu geben, 
waren dem Süngling natürlich auf einmal in den er⸗ 
hellendan Strahlen ver Morgenfonne vor den Ge- 
fichtöfreiß getreten, und hatten fo, während fle feine 
Anſchauung ins Unendliche erweiterten, ihn in eine 
Stimmung verſetzt, die der des Seemannes zu verglei⸗ 
chen ſeyn dürfte, der Nachts fein Schiff in einem zer⸗ 
brechlichen Boote verlaflen, und des Morgens bloß die 
ungeheure See vor fich erblickend, unſchlüſſig ſchwankt, 
ob er nicht durch einen raſchen Sturz allem kommen⸗ 
den Elende entgehen ſolle. Es war vielleicht dieſes 
Gefühl feines Nichts und ſeiner Verlaſſenheit in der 
ungeheuern Gotteswelt, die vor ihm lag, und von 


— 1. 


deren Enplofigkeit er nie und nirgends einen fo ans 
ſchaulichen Begriff hätte erhalten können, das ihn 
plöglich zu einem Schritte prängte, der in der Weg⸗ 
werfung feiner Exiſtenz, die er zu beurfunden ſchien, 
zugleich ven Sieg ded edlern Prinzips wahrnehmen 
ließ. Raſch feine Kleider von fi werfend und fie in 
einen Bündel fammelnd, flürzte ex fich in ven Falten 
Strom, über den er ni einer Viertelſtunde glüdlich 
feßte. Die dumpfen Abſchiedsworte ver edlen In⸗ 
dianerin hatten ihn wirklich zu dem feſten Entſchlufſe 
bewogen, in ihr Wigwam zurüdzufehren und fi 
dem Grimine des fürchterlichen Miko bloßzuſtellen. 
Alles Uebrige war ihm nun Nebenrückſicht geworden 
und als folche in ven Hintergrund getreten. Er hatte 
ſich wieder in ſeine Kleider geworfen, und begann 
nun nach dem Pfade durch das Dickicht zu ſuchen. 
War, da er noch im Wigwam als eine Art Gefan⸗ 
gener fich in Ungeduld verzehrte, ſeine Sehnſucht, 
den Ausweg zu erfpähen, groß geweien, jo wurde 
fie nun zehnmal größer, wieder dahin zurüdzufehren. 

Dieß war jedoch eine Aufgabe, vie auch den Bes 
berzteften zurückgeſchreckt haben müßte. Das jenfeitige 
Ufer des Sabine ift, gleich dem des Natchez, ein fanft 


—d 2 8 


anfleigenber Kamm, der ſich unmerklich wieder dem 
Sumpfe zuſenkt. Die ſchwarz ihm entgegenflarrenden 
Cypreſſen und Cedern ließen ihn einige hundert Schritte 
ins Innere und bis zur Rammeshöhe eindringen; 
aber wo dieſer Gürtel fi zu ſenken anfängt, da 
wurde jeder weitere Schritt eine Unmöglichkeit. Die 
Abdachung war mit einer Baumesart überfäet, von 
dei er nie gehört. Die Stärfine, zwar nur manns⸗ 
dick, ſtanden aber dicht aneinander, und flarrten von 
armölangen braunen Dornen, die, beinahe einen 
Schuh lang aneinandergefeht, dem Auge wie Millio⸗ 
nen braun angelaufene Bajonette erſchienen. Diefes 
Gewirre von zahllofen Stacheln Tieß buchftäblich Kein 
Eichhörnchen an einem dieſer Baumſtaͤmme fußen. 
Er erinnerte ſich des Pfades, den die Indianerin ihn 
geführt, und beſchloß, diefen aufzufuchen. Er fuchte 
an jedem Stamme, jedem Geftrippe; allein er hatte 
Stunden geſucht und nichts gefunden. Wo er einen 
Fußtritt zu finden glaubte, war es ſein eigener ge⸗ 
weſen. Die Sonne wandte fich bereits gegen Weſten, 
und noch immer war er keinen Schritt weiter. End⸗ 
Un ſchien ihm das Glück zu lächeln, er hatte ven 
Verſteck gefunden, wo das Canoe verborgen war. 


— — 


Doch Hatte er noch lange zu fuchen, bi8. er endlich 
eine Spur in den Wald Hinein fand. Diefe Spur 
wat fo verworsen, fie führte ihn in Zikzaklinien 
num aufwärts den Kamm, nun wieder abwärts, daß 
bereits das Dunkel hereinzubrechen anfing, ohne daß 
er noch bis zu dem Sumpf gekommen war. Der 
Hunger mahnte ihn ernfllih an feine Rückkehr. Mit 
dem feften Entfchluffe, am folgenven Tage fein beffe- 
res Glück zu verfucden. lud er dad Canoe auf feine . 
Schultern, und trug e8 Ind Wafler, auf dem es bei= 
nahe ohne Ruderſchlag fanft and jenfeitige Ufer hin⸗ 

glitt, mo er. bie ihm von ver Indianerin mitgegebenen 
Borräthe zurüctgelaffen hatte. Raſch diefe aufraffenn, 
üßerfchiffte er nochmals den Fluß, und fing, nachdem 
er fein kurzes Mahl gehalten, an, fich feine Lagerftätte 
zu bereiten. Die Natur hat dem Dienfchen in dieſer 

Himmelsgegend einen kunſtloſen, doch herrlichen 
Lagerſtoff im Tillandſea oder ſpaniſchen Mooſe 
gegeben, deſſen lange zarte roßhaarartige Faͤden das 

weichſte, üppigſte Lager darbieten, und das, aus der 
Ferne betrachtet, die Millionen der Stämme, an 
denen es herabftackert, wie koloſſale Greiſesgeſtalten 
dem Auge erſcheinen laͤßt, deren ungeheure Baͤrte 


— 2 &— 


tm Winde hin» und herbeiwegt werben. Mit dieſem 
zarten Fadenmooſe fülte er nun fein Canoe, trug es 
dem Verſtecke zu, das zwifchen ven Aeſten zweier 
Cedern fo gewählt war, daß ihm dieſe gleihfam als 
Walzen dienten, auf die er ed nur zu heben brauchte, 
um vor allen Nachftelungen und Blicken gefichert zu 
feyn. Sein Gewehr zur Seite, und im feine Wolls . 
decke gehüllt, entfchlief er. 

Er Hatte ſonderbare Traumgefichte. 

Ein wiverlih vol gepfropftes Ungeheuer, mit plum⸗ 
pen.höhnifch gierigen Zügen, mit ſchwer grobem Ge⸗ 
fichte, unter deſſen breiten Fußtritten Fluren veröbeten 
und Häufer und Städte verwitternd zufammenfanken; 
e8 faßte ihn mit Iangen Inöchernen Händen, veren 

Krallen die Welt zu umgreifen ſchienen. In der einen. 
biefer Hände hatte es zwei blutige zitternde Herzen, 
die e8 ihm hohnlächelnd entgegenfhüttelte, während 
bie andere dad Glüd von Tauſenden gierig aufraffte, 
und fostichreitend im feinen ungeheuern Schlund 
fgüttete. So fhleppte ihn das Ungeheuer durch 
enblofe Räume, und warf ihn mitten unter feine 
Sreunde und Gefährten, die ernſt und in feierlicher 
Stimmung um feinen grauen, aus einem offenen 


— 5 > 


Bapier leſenden Befehlshaber verfammelt waren; da 
fielen vie zwei blutigen Herzen auf vas Papier, und 
der graue Bapitän verfiummte, und feine Gefährten 
und Freunde wandten ſich ſchaudernd von dem neuen 
Lieutenant. 

Wieder fland er auf einem enblofen Raum, aus 
dem ihm in blauer Ferne die Wimpel des heiligen 
Georg entgegenfchimmerten. Diefen gegenüber, hoch 
vom Genius der Freiheit emporgetragen, flatterte das 
fternbefäete Banner der Staaten, das mächtig heran« 
flog gegen den Drachenbekämpfer. Da erfaßte e8 ihn 
mit unendlichem Sehnen und Grauen, und nit: 
Niefengewalt warf er fi mitten unter die Seinen, 
und er riß dad Banner des heiligen George zu ſich, 
und flog mit feinen Gefährten vem Kampfe mit dem 
Sternengenius entgegen. Als ex aber hinüberblidte 
auf den jauchzenden Feind, da tauchten aus ben 
Mellen zwei Geftalten auf, vie ihm das Blut im ven 
Adern erftarren machten. Hinter ihnen, die mit 
durchbohrten Bufen und zerfehmetterten Häuptern auf 
ihn zuſchwebten, Fam ver ftolge Feind angeflogen. Da 
ermannte er fich wieder und flürzte ſich auf dieſen los, 
als er fich von einer eiskalten Sand ergriffen fühlte, 


— 20 ⸗ 


die ihn mit wahnfinnig gellendem Gelaͤchter den zwei 
Todesgeſtalten zuwarf. 

Der Traum hatte ihn heftig ergriffen. Er ſprang 
auf aus feinem Canoe, rieb fich die Augen und wiſchte 
fich ven Schweiß von der Stirne. Es war ein Traum. 
Draußen war e8 Talte, finfire Nacht. Neben ihm 
blitzten zwei gräßlich feurige Augen. Es war eine 
Nachteule, die ihn verwundert anfah und dann in 
ein ſchallendes, lang ertönendes Gelächter ausbrach. 
&r trieb den Uinglüdsboten von fi, und entfchlief 
wieder. 

Es faßte ihn mit Tigerklauen. @in wildes Unge⸗ 
thüm fchritt über die Leihen Nofas und Canondahs 
auf ihn zu, das Schlachtmefler in den gewaltigen 
Klauen und auf fein Herz zielend. Da ivandte er 
fih, da rang und Tämpfte er, da faßte er mit Rieſen⸗ 
Traft fein Gewehr, um e8 auf das blutige Ungeheuer 
abzubrüden. Er Iag unter vem Wilden, er Fänpfte 
mit ihm den Kampf der Verzweiflung. Er rvaffte 
fich auf. 

Was Traum gewefen war, hatte fi in Wirklich“ 
feit verwandelt. 

Ein gräßlicher Milder fand wirklich mit feinem 


— 27 0 


Buße auf feinem Gonve, und ſchwang die Tobesart 
mit einem grinfenden Lachen über feinem Haupte. 
Ein Hieb und es war um ihn geſchehen. Da erfaßte 
.er convulfiviſch fein Gewehr, und, ed. rafch auf des 
Indianer Bruft richtend, prallte Diefer. auf die 
Seite. W 
Die ungeheure Anſtrengung hatte ihn, der noch 
im Canoe lag, mit demſelben in dem Augenblicke 
überrollt, als das Schlachtbeil auf ihn niederfallen 
ſollte. Dieß hatte ſein Leben gerettet. Die Kniee des 
Indianers mit der Kraft der Verzweiflung erfaſſend, 
warf er Dieſen auf die Erde und ſich ſchnell über ihn. 
Das Schlachtmeſſer zuckte in der Hand des giftigen 
Wilden nach ſeinem Herzen, aber mit der letzten An⸗ 
ſtrengung der Verzweiflung die Rechte ſeines Feindes 
ergreifend, hielt er mit der Linken ſeine Kehle. Noch 
einen Blick des tödtlichſten Haſſes ſchoß Dieſer, dann 
verging ihm der Athem, und Ermattung zwang ihn, 
den Mordſtahl fahren zu laſſen. Der Britte hatte 
ſich nun, das Knie auf den Indianer geſtemmt, über 
Dieſen hingebogen; das Meſſer funkelte in feiner 
Rechten über der Bruſt des Wilden, der knirſchend 
den Tod erwartete. Einen Augenblick ſchien der 


— 28 


Jüngling in Zweifel zu ſchweben; dann fprang er 
auf, trat raſch einen Schritt zurüd, und ſprach: 
„Geh', ih will mich nicht mit Deinem Blute be⸗ 
ſudeln.“ 

„Mein junger Bruber iſt wirklich ein Freund ver 
rothen Männer,» ſprach eine Stimme hinter feinem 
Nüden. 

Er wandte fi und erblickte einen zweiten Indianer, 
das Sfalpiermeffer in feiner Nechten, und bereit, es 
in feinen Rüden zu floßen. Auf die Seite ſpringend, 
bot er dem zweiten Feinde die Stirne. 

„Mein Bruder hat nicht3 zu fürchten ;* ſprach der 
zweite Invianer, hinter welchen fich ver Erfte, nicht 
unähnlich dem Hunde z0g,. ber, fich einer Unthat bee 
wußt, mit eingezogenem Schwanze den Rüden "feine 
Herrn ſucht. 

„Mi⸗li⸗mach,« ſprach ver Indianer mit einem 
firafenden Blick auf Diefen, „hat fih einen Skalp 
an einem ſchlafenden Weißen gewinnen wollen ; allein 
er bat es Diefem zu verbanfen, daß der feinige noch 
auf dem Schäpel figt. Der Miko Hat das nicht ger 
wollt.” 


—d 299 6 


„Ihr der Miko?“ rief der Sinaling, „der Miko 
der Oconees?“ 

Der alte Mann blickte den Fragenden ruhig und 
forſchend an, und ſprach mit Würbe: „Mein junger 
Bruder hat es gefagt. & Hat nichts zu fürchten, der 
Miko hat ihn gefehen, und er ſtreckt ihm feine Sand 
zum Friedens⸗ und. Freundſchaftszeichen entgegen. « 

„Ihr der Milo der Oconers?« rief der Jüngling 
nochmals, die Hand des Indianerd raſch ergreifend 
und fie freundlich drückend. „Ich bin Herzlich froh, 
Euch) zu fehen, und, die Wahrheit zu geftehen, ich 
bin fo eben auf vem Wege zu Euch.“ 

„Die Mädchen,” fprach der Häuptling, „haben 
dem Milo gefagt, daß der Sohn des großen Vaters, 
ber die beiden Canadas befitzt, den Schlingen des 
Häuptlings der Salzfee entwifcht ift und Zuflucht in 
feinem Wigwam gefuht hat. Meine Augen haben 
gefehen, und meine Seele glaubt was wahr ift. Aber 
mein Bruder hat noch wenig von dem Pfade zurück⸗ 
gelegt, der zu ven Seinigen führt.“ 

„Die Usfache davon will ich Euch gerne jagen,“ 
fprach der junge Mann. „Ihr habt ein herrliches 
Mädchen zur Tochter. Möge der Himmel fie jegnen! 


— 0 9 


Sie und der Engel Rofa haben mich wie Schweftern 
gepflegt: Gerne würde ich länger geblieben feyn; 
allein eine höhere Stimme ruft, und der muß ich ges 
horchen. Als mid ‚aber Eure Tochter jenfeits des 
Fluſſes verließ, da entfchlüpften ihr Worte, die es 
mir zur Pflicht machten wieber umzukehren.“ 

Der Hänptling Hatte aufmerffam zugehört. „Was 
hat meine Tochter meinem jungen Bruder in die Obren 
gelispelt?* fragte er. 

„Es waren wenige Worte,“ erwieberte Diefe, 
„aber e8 ‚waren fehwere, inhaltsvolle Worte; fie 
machten mir es klar, daß die armen Mädchen für ihre 
Engelögüte fih Eurem Zorne ausfegen würden, daß 
Ihr in dem Wahne, ſie Hätten einen Späher, einen 
Dankee, in Euer Wigwam einnefähe, fie vielleicht 
tödten würdet. « 

„Und mein Bruder?« fragte ver Miko. 

„Hielt es für Schuldigkeit umzufehren, um mo 
möglich diefe Gefahr von ihren edlen Häuptern zu 
Ienfen. « 

Der Indianer war nachdenkend eine Tange Weile 
geſtanden. Seine Züge Heiterten fi auf. Er ſtreckte 
nochmals feine flache Hand aus. 


— 1 — 


Dieſes Freundfchaftszeichen fchien dem jungen 
Manne nicht ganz unwillkommen zu ſeyn, der ver= 
legen einer Schaar Wilder zugefehen Hatte, wie fie 
maſchinenmaßig hinter ihren Führer traten und fi 
in einen Kreis fchloffen. Eine Weile muſterte er die 
grimmig dunkeln Geftalten, mit ihren bligend ſchwar⸗ 
zen Augen und ihren flarf hervortretenden Zügen, 
aus denen angeborne Wildheit und Graufamteit un⸗ 
verkennbar leuchtete. 

Des Häuptlings Auge Hatte forſchend auf dem 
jungen Manne geruht und ven Einprud gewahrend, 
den die plößlich aus dem Gebüfche hervortretenden 
Geſtalten auf ihn machten, hatte er gefehwiegen, um 
fo, wie es ſchien, dem jungen Manne Zeit zu geben, 


ſich zu faſſen. 
„Und wünſcht mein Bruder in die Doͤrfer der 
Weißen zu gehen?“ o 


„Sch wünſche,“ erwiederte Diefer, „fo bald ale 
möglich zu ven Meinigen zu gelangen. Ich bin brit⸗ 
tiſcher Offizier und muß deßhalb fo ſchnell als mög» 
lich auf meinen Boften.“ 

Der Indianer ſchüttelte fein Haupt. „Der Miko,“ 
ſprach er, „kennt die Söhne des großen Vaters der 

Der Legitime. I. 21 


— 38 ⸗ 


Canadas. Er hat mit ihnen die Streitart gegen bie 
Yankees erhoben. Ste find große Krieger; aber fie 
find Hlinde Nachteulen in unfern Wäldern. Mein 
Bruder würde nie zu den Seinigen gelangen und ver- 
hungern in der weiten Wiloniß.* 

Sein Auge fiel auf vie Landfchaft, von der wir 
oben eine Schilderung zu geben verfucht haben. 

„Sieh!“ ſprach er, gegen eine Baumgruppe zu 
-deutend, die am äußerſten Horizont zu ſchimmern 
ſchien. „Mein Bruder wird auf dieſe zugehen; aber 
wenn er dahin gelangt ift, wird fein Kopf mit ihm 
berumtanzen. Mein Bruder wird fich im Kreife her⸗ 
umbrehen, wie ber Hund, der feinen Schweif fangen 
will. Er wird in Hundert Sonnen nicht feinen Weg 
aus den Wiefen finden.“ 

Das Gleichniß war nicht fehr artig; aber ein bloßer 
Blick in die weige Ferne überzeugte ven jungen Dann, 
daß der Indianer nicht fo ganz unrecht haben dürfte. 

„Eine Frage bitte ich mir zu beantworten ;« ſprach 
er. „Eure beiden Kinder haben alſo nichts zu füͤrch⸗ 
ten und der Miko vergibt ihnen großmüthig, daß fle 
ohne fein Wiſſen einen Fremdling in feinem Wigwam 
gepflegt und wiener entlaffen haben ?« 


30 ⸗— 


„Der Miko wird ſeine Tochter mit einem freudigen 
Auge dafuͤr anſehen;“ ſprach Diefer. 

Und Roſa?« fragte der Jüngling. 

„Auch Diefe;u eriwieberte ver Milo. 

„Sp bleibt mir nichts übrig, als fchleunig meinen 
Weg anzutreten. Wenn ich nur an den Miffifippi 
gelange. Auf diefem find bereit3 unfre Schiffe. « 

„Deines jungen Bruderd großer Vater bat den 
Tomahawk gegen die Dantees erhoben ?« fragte der 
Miko plögli. 

„Zu Lande und zur See. Wir boffen dieſe Yankees 
tüchtig mitzunehmen ;” ſprach er. 

„Und wie viele Männer hat er auägefandt‘? “ fragte 
ber Indianer wieder. 

„Bon Landtruppen beiläufig zwanzig taufend, die 
hier gelandet; im Norden find jenoch noch mehr.“ 

„Und mein Bruder?” fragte der Milo. 

"Ih gehöre zur Flotte.“ 

Der Indianer wurde nachdenkend. 

„Der Weg," ſprach er, „ven mein Bruder vor 
ſich bat, iff fehr lang, und die Canoes feines Volkes 
ſind fehr weit entfernt. Sein großer Vater bat viele 
Krieger, aber vie Yankees haben deren noch mehrere. 

21° 


30 — 


Höre! Will mein Bruder die Rede eines alten Man⸗ 
nes anhören, ber viele Sommer geſehen und deſſen 
Haare grau vor Sorgen und Alter geworben find?“ 

Der Jüngling verbeugte fich, felbft etwas tiefer,. 
als er es vielleicht wollte. 

„Dann mag mein junger Bruder mit dem Miko 
in fein Wigwam zurüdfehren. Seine Krieger werben 
mit ihm rauchen, und feine Mädchen werben ihm ins 
Ohr fingen. In zwei Sonnen wird der Häuptling 
der Salsfee kommen. Der Miko will ihm dann fanft 
ind Ohr lispeln, und er wird ihn in feinem großen 
Canoe zu den Seinigen bringen.” 

nDer Häuptling der Salzſee? Der Seeräuber 
mich zu den Meinigen bringen?” ermiederte Diefer 
kopfſchüttelnd. „Mein lieber Milo, da irrt Ihr Eu 
fehr. Das wird er wohl um fo mehr bleiben Lafien, 
als ihn dieſes an ven Galgen bringen würde.“ 

„Iſt der Häuptling der Salzfee auch mit feinem 
Volke im Kriege begriffen ?* fragte ver Miko. 

„Nicht im Kriege; aber er raubt und plündert, 
wo er etwas findet. Er ift ein Seeräuber, ver, fo 
wie er eingefangen, natürlich auch gehängt wird. # 

Des Indianers Blick Hatte fich zufehnds verfinftert. 


— 05 ⸗— 


Der Britte jah ihn betroffen an, ungewiß, ob er nicht 
eine unangenehme verborgene Saite berührt habe. 

- „Mein Bruder," ſprach Diefer, „hat Net. Er 
muß geben; wenn er aber bleiben will, fo ift das 
Wigwam des Miko ihm offen; die weiße Roſe wird 
fein Wildpret kochen, wenn Canondah die Tochter 
des großen Cumanchee geworden, und er wirb des 
Miko Sohn feyn.“ 

. Dießmal brachte ver Antrag Tein höhnifches eäcgeln 
auf feinem Geflchte hervor; im Gegentbeile, er faßte 
gerührt die Hand des alten Miko und fehlittelte ſie 
herzlich. 

„Wenn dem Miko der Oconees ſeine Männer bei 
dem großen Geiſte geſchworen, daß ſie für ihn die 
Streitaxt aufheben wollen, dann müſſen fie ihr Wort 
halten, over fie find Hunde;“ ſprach der Britte, die 
Phrafeologie des Indianerd gebrauchend. „Chen jo 
muß der Sohn des großen Vaters der Canadas 
halten, was er geſchworen. Er muß zu feinen Brü- 
dern eilen, fonft würde er wie ein feiger Hund von 
ihnen ausgeftoßen, fein Name immerbar mit Ver⸗ 
achtung ausgeſprochen werben.” 


—d 306 ⸗— 


Diefe Worte, mit Nachdruck ausgeſprochen, ent⸗ 
ſchieden. . Ä 

Der Häuptling niskte beifällig, dann die Hand des 
jungen Mannes faſſend, ſprach er: „Halt! mein jun⸗ 
ger Bruder kam dem Wigwam bed Miko nahe, als 
die Sonne Hinter der Erbe und der Häuptling im 
Schlafe lag. Er ift in fein Wigwam eingegangen, 
ald er auf den. Jagdgründen war. Er hat ed ver- 
laſſen ungefehen von ihm, ehe er noch in das Wigwam 
zurückkehrte. Seine Bußftapfen dürfen nicht vom 
meißen Volke gefehen werden. Will mein junger 
Bruder bei ihm, den Die Oconees der Muscogees 
den großen Geift und die weißen Völker ihren Gott 
nennen, will er bei Diefem verfpredhen, daß er, wenn 
ex feine Feinde fleht, ihn dieſen nicht verratben wirb ?« 

„Sch babe dieß bereit8 Eurer Tochter verfprochen ; * 
erwiederte der junge Mann. 

„Will mein junger Bruder es au) dem Mio vers 
ſprechen?« fragte Diefer mit Nachdruck. 

„Ich verfpreche es feierlich. * 

„Wil er verfprechen, daß er nie feinen Mund 
Öffnen wi, um zu fagen, daß der Milo und der 
Häuptling der Salzfee Freunde gewefen finv?« 


—, 37 ⸗ 


„Ich verfpreche auch dieſes; « verfeßte der junge 
Mann nad) einer Eurzen Pauſe. 

„Sp mögen denn,» ſprach der alte Dann, feine 
beiden Hände auf die Schultern des jungen Mannes 
legend „vie Gebeine feiner Väter in Ruhe mobern. 
Der Milo wird den Pfad feined Bruders von 
Dornen reinigen, und fein Laufer wird ihm ven 
Weg der Coshattaes zeigen.“ 

„Doch mein Bruder wird hungrig feyn,“ fuhr er 
nach einer Weile fort, „und fein Weg ift lang.» Er 
gab den Seinigen ein Zeichen, und einer der jungen . 
Männer leerte feine Jagdtaſche auf dem Ufer. Der 
Miko mit dem Jünglinge fegten fh neben einander 
und Erfterep reichte diefem einige Schnitte Falten 
Wildpretes, während er jelbft ein Weniges verfuchte. 
Cine Hand voll geröfteten Wälſchkorns folgte, und 
auf dieſes eine Calabaſſe mit wirklich vet gutem 
Weine. Das furze Mahl war bald vorüber; ver alte 
Mann fland plöglich von der Erbe auf, nickte freund» 
lich und verlor fih im Walde. Ihm folgten die 
übrigen Indianer, mit Ausnahme des Renners, der 
vor ihm fland. 


—, 308 9 


Nochmals warf der junge Mann einen Blick nad 
den dunfeln Geftalten, als fle zwifchen den Bäumen 
allmählig verſchwanden, und dann faßte er raſch das 
Canoe, um es ind Wafler zu tragen. 

Als fie am jenfeitigen Ufer gelandet waren, trug 
der Indianer dieſes eine ziemliche Strede abwärts, 
wo er es im Gebüfche verbarg; dann Fam er trottend 
auf den jungen Mann zu, und, ohne ſich aufzuhalten, 
glitt er vor Diefem mit einer Schnelligkeit und Be⸗ 
hendigkeit über die Wiefengründe hin, mit welcher 
Schritt zu halten Diefer Mühe Hatte. 





Öefammelte Werke 


Charles Sealsfield, 
Zweiter Theil, 
Der Segitime und die Republikaner. 


Zweiter Theil, 


Stuttgart. 
Verlag dr J. B. Metz er'ſchen Buchhandlung. 
1845. 


Der Segitime 
und j 
Die Nepublifanen 


Eine Geſchichte 
aus dem lebten amerifanifchsenglifchen Krleg. 


. Don 
Charles Sealsfield. 





In drei Sheilen. 





Zweiter Theil 
Dritte durchgeſehene Auflage. 


— 


Stuttgart. 
Verlag der J. B. Metz ler'ſchen Batherlnng 
1845. 


3 zittere für mein Bolt, wenn ich ver Ungerechtigkeiten gedenke, 
deren es ſich gegen bie Ureinwohner ſchuldig gemacht hat. 
Sefferfon. 


Bierzehntes Kapitel. 


Sebaftians. — Aber bein Gewiffen ? 
Antonio. — AG Prinz wo liegt das? Wäre 
es ein Hühnerauge, fo müßt’ ih in Pantoffeln 
geben; aber in meinem Buſen ſchlaͤgt viele Gott⸗ 
heit nicht. 
, Shalespeare 
Das Wigwam am Nachtez bot die folgenden Tage 
allem Anfcheine nach wieder denſelben Anblick düſtrer 
und melancholiſcher Ruhe oder vielmehr Indolenz 
dar, in welcher der Indianer, wenn er zu Hauſe iſt, 
ſeine Stunden gewöhnlich hinzubringen pflegt. Das 
ganze Dörfchen war im tiefſten Stillſchweigen wie 
begraben, und ſelbſt die jüngern Wilden ſcheinen die 
Ermuͤdung ihrer Väter zu theilen und fich einem 
dumpfen Dahinbrüten zu überlaſſen. So ſchien es 
beim erſten Anblick; allein es bedurfte einer nicht ſehr 
großen Aufmerkſamkeit, um zu gewahren, daß dieſe 
ſcheinbare Ruhe einen Charakter von Aengſtlichkeit 


— 6 — 


und Spannung hatte, die das ganze Völkchen er⸗ 
griffen, und die auf irgend eine Peränderung im 
Schickſale deſſelben hinwies. 

Die langen Schritte, mit denen die Erwachſenen 
auf das Councilhaus ſich zuſtahlen und je zu Zweien 
oder Dreien, ohne eine Silbe zu ſprechen, ihre langen 
braunen Hälſe ängſtlich der Thüre zuſtreckten; bie 
ſcheuen Haufen von Weibern und Mädchen, die min⸗ 
der keck in groͤßerer Entfernung ſich hielten und ſtieren 
Blicks die Jungen aushorchten oder auf die Hütte 
des Milo Herüber flarrten: dieſe verſchiedenen Symp- 
tome ſchienen anzuzeigen, daß irgend etwas Wichtiges 
der Gemeinde bevorſtehe. 

Es war, wie bereits bemerkt, auch nicht ein Laut 
auf der ganzen weiten Fläche zu vernehmen. Keine 
Silbe war aus dem Councilhauſe zu hören, kein 
Wortwechſel oder Streit. Selbſt die jüngern, be⸗ 
reits zu Männern heranreifenden Wilden wagten es 
nicht einmal fi ver Thüre der Rathsverſammlung 
bis zur Gehörweite zu nähern, von der fle, der her⸗ 
koͤmmlichen Sitte zufolge, bis nach Ablegung ihrer 
erften Waffenthat ausgefchloffen waren. Seit der 
Miko zurüdgefehrt, mar er, nur fehr kurze Uns 


— 7 — 


terbrechungen ausgenommen, mit ſeinen Kriegern 
und Männern im vollen Rathe verſammelt geweſen. 
Dieſe Berathungen hatten bereits zwei Tage hindurch 
gedauert. Zu ſeiner Tochter hatte er noch nicht ge⸗ 
ſprochen; er hatte ihr bloß ſtillſchweigend bedeutet, 
fich in ihrem Stübchen zu halten, deſſen Vorhang er 
ſelbſt befeſtigt. Das arme Mädchen ſchien ſeit dem 
letzten Auftritte all ihren leichten, friſchen, froͤhlichen 
Sinn verloren zu haben. — War fle mit ihrer 
Schweſter Gefangene? Was war aus Mi⸗li⸗mach 
geworben, der nicht wieber zurückgekehrt, und ven feine 
Schnelligkeit zum Liebling ihres Vaters gemacht 
hatte? War er vielfeicht durch Die Hand des Weißen 
in dem Kampf gefallen, den Diefer gewagt, ehe er 
getödet wurbe? Aber hinwider hatte fie Feine Trophee, 
Teinen Skalp, Feine Trauer im Wigwam bemerkt. — 
Rofa , ihrerfeitd, war um vieled gefaßter geweſen — 
fle hatte Troft im Buche gefunden, das der Metho- 
biftenprebiger Ganonvah gegeben. — Und häufig 
Hatte fle ihrer Freundin Stellen daraus vorgelefen, fo 
ſehr Diele auch den Kopf gefihüstelt. — „Ganonvah,“ 
brach fie ploͤtzlich aus, als Nofa ihr eine lange Stelle 
von der einſtigen Seligkeit ver Auserwaͤhlten geleſen 


— 8 > 


hatte, „hat den guten Häuptling der Schule ſehr 
geliebt; nie aber hat fle ihn leiden mögen, wenn er 
aus dem Buche. vorgelefen, oder ihr fanft ms Ohr 
geflüftert, fich mit Waffer befprengen zu laſſen. Sie 
ift ſehr froh, Daß fie ihm nicht gefolgt Hat.” 

„Der Häuptling hat ed wohl gemeint,u verſetzte | 
Roſa, „Canondah ſollte Died gethan haben.“ 

„Wie ta ſprach die Indlanerin ungeduldig — „Und 
wenn der Miko Canondahs Haupt mit dem Toma⸗ 
hawk geſpalten hätte, fo würbe fie in bie Hölle unter 
‚ die böfen Weißen gekommen ſeyn, bie ihre Brüber 
getöbtet, und dafür Heulen und zähnflappern.2 — 
Sie ſchauderte. „Nein nimmermehr!" 

Roſa ſchůttelte den Kopf. „Der gute Gott würde 
Canondah unter feine Engel aufgenommen, und fie 
ewig felig gemacht Haben, weil fie einen Bruder ge⸗ 
vet. — 

„Engel! 4 wiederholte die Indianerin — „Canon⸗ 
dah will kein weißer Engel dafür ſeyn, daß fle den 
Späher in ihr Wigwam gelafjen hat. Ste will gar 
fein weißer Engel jeyn. Canondah würde nimmer 
froh unter ven weißen Engeln jeyn, die ihre Brüder 
morben und von ihrem Lande vertreiben. 


—9- 


„Aber im ewigen Leben werben fich ja die Weißen 
und Rothen nicht mehr morden, fie werden ſich freuen 
und ewig felig ſeyn.“ 

"Ach fiehit Du," ſprach bie Indianerin, „daß 
Canondah Recht und ver bleiche Häuptling Unrecht 
hat. — Die weißen und rothen Männer werden ſich 
freuen ihrer Thaten, die ſie bier ausgeübt haben, 
und wegen welcher der große Geift fie in die Wiefen 
verfeßen wird. — Uber fle werden fi nicht mit 
einander erfreuen.” — Sie hielt eine Weile inne und 
ſchien nachzudenken. „Nein, Canondah glaubt ed 
nimmermebr!* ſprach fie lebhaft. „Wie! ver große 
Geift, der dem Dengheefe eine weiße Haut gegeben 
und dem Dconee eine rofhe, der Ienen ind Land über 
die Salzſee gefegt und Diefen an den großen Fluß, 
der fie von einander durch dad Salzwaffer und Hohe 
Berge getrennt, ſollte fie, wenn fie fih am Kriegs⸗ 
pfade begegnen und töbten, auf die nämliche Wiefe 
zufammenbringen? — Es follte keine abgeſonderte 
Wieſen für die Weißen und Rothen haben? — Nim- 
mermehr! — Die Weißen und Rothen würden nimmer 
vergeffen, mit ihren Augen würben fie fi durch⸗ 
bohren, wie die wilde Kage und der Wiefenwolf. — 

Der Legitime. II. 2 


—. 10 ⸗— 


„Nein!“ frohlockte fie, „Canondah iſt froh, daß fie 
nicht dad Einflüftern gehört. Ste Tann nur glüdlich 
feyn, wenn fle in die grünenden Wiefen des großen 
Geiftes Tommt, wo ewige Sonne herrfcht, und ihre 
Voreltern wandeln und Ganondah wie eine gute 
Tochter empfangen werben.“ Sie fehritt raſch und 
ungebulbig im Stübchen hin und ber. 
Auch in dieſem Punkte war fle ganz Indianerin, 
die mit ihrem lebhaft natürliden Geifle und kind⸗ 
lichen. Gemůthe die trabitionellen Sagen ihred Stam⸗ 
mes fefthielt. — Roſa hinwider, obwohl in ver 
nämlichen Schule auferzogen, war ganz die gläubige 
fromme Seele geworben, die fich durch die Lehren 
des Evangeliums verevelt. Sie hatte nun dad Bud 
auf die Seite. gelegt und ſchien über das, was ihre 
Freundin gefagt, nachzudenken, als fie durch ein 
gellendes Pfeifen aufgeflört wurde. Beine Mäpdien 
flürzten zugleich zum Fenſter, von dem jedoch Mofa 
eben fo ſchnell und bleich wieder ihrem Sibe zueilte, 
— während bie Inbinnerin haftig den Vorhang an 
der Thüre von innen befeftigte. 

Es war ein ziemlich großes Boot, ähnlich dem, in 
welchem ver Britte gefommen war, das, durch die 


11 8 


gewaltigen Auberfchläge von ſechs Männern getrieben, 
den Fluß heraufglitt. Nebft viefen faßen noch zwei 
Männer darinnen. Das Fahrzeug war in der Bucht 
angefommen, wg die Canoes mit dem Boote des 
Britten lagen. Das Letztere ſchien beſonders einem 
der zwei Männer aufzufallen, der es flüchtig beſah 
und dann ſeinem Nachbar einige Bemerkungen mit⸗ 
theilte, die dieſer kopfnickend bekraͤftigte. Derſelbe 
flieg auch der erſte an's Land. — Er war mittlerer 
Größe, von nichts weniger als flarfem oder üppigem 
Gliederbau, mit einem ſi onnverbrannten, braunen 
Gefihte, Hohlen Wangen, in denen die Blattern 
ſchwarze unangenehm auffallende Narben zurüdge- 
lafien Hatten — und fpigiger, etwas gerötheter Nafe. 
- Aus diefem ſchmalen Geſicht und den ziemlich tief 
liegenden Augenhöhlen funfelten ein Paar dunkel⸗ 
graue Augen, bie mit dem gewaltigen Schnurr⸗ und 
Knebelbart dem Manne kein eben fehr anziehenves 
Gepräge gaben. Es fchien jedoch ein gewifles Be⸗ 
fireben in ihm hervorzuleuchten, fo anſpruchslos und 
natürlich wie möglich zu erſcheinen. Nur entglitten 
bem Auge zuweilen falſche Seitenblide, und ein 
haͤmiſches Lächeln fpielte unwillkürlich über das zu⸗ 
2 ® . 


2» 

rückſtoßende Geficht hin, das er bei aller augenfchein- 
lichen Bemühung nicht ganz unterdrücken konnte, und 
ihm ſo einen widerlichen Ausdruck gab. Er trug 
einen kurzen blauen Rock, bis an ven Hals zugefnöpft, 
eben ſolche Pantalons und eine Kappe. Er war ganz 
unbewaffnet. Einige Worte fprah er noch zu den 
Ruderern und feinem Begleiter, der mit ihm an das 
Ufer gefliegen war, und dann eilte er in Furzem 
militäriſchem Schritte der Wohnung des Miko zu. 

Die Rathsverſammlung ging ſo eben auseinander; 
der alte Häuptling ſchritt ernſt und langſam feiner 
Wohnung zu, während vie Indianer in verfchienenen 
Richtungen ihren Wigwams zutrabten. — Es ſchien, 
als ob fie ven neuen Ankömmling vermieden. — Au 
nicht Einer war in feinen Weg getreten, obmohler 
dieſes zu erwarten fehlen. — Er hatte ſchweigend 
dem auseinander fliebenden Saufen zugefehen, und 
war kopfſchüttelnd in die Hütte getreten. 

„Da bin ih, Freund Tokeah,“ rief er mit einem 
gezwungenen Lächeln feine Sand dem Miko zuſtreckend, 
der auf feinem Lager ruhig mit gefenktem Haupte faß. 
„Nicht wahr, ich bin ein Dann von Wort. — Kam 
letzte Nacht in die Bucht; doc der Teufel Hole mich, 


—9 13 ⸗— 


wenn’s mich ruhen ließ; und fo ging es dann friſch 
drauf, die ganze Nacht und den Tag hindurch; — 
doch Freundchen, ich bin hungrig wie ein Seeadvokat 
und troden wie ein Delphin. “ Er fprad engliſch 
mit einem flarfen franzöſiſchen Accent, ſonſt aber 
ziemlich geläufig. 

Der alte Mann klopfte mit ſeinem Finger auf die 
Tafel, und Canondah kam aus ihrem Stübchen heraus. 

„Canondah!“ rief der Mann, galant auf fie zu⸗ 
tretend, um ſeinen Arm um ihren Nacken zu legen. 
Das Mädchen ſchlüpfte aber, ohne ein Wort als 
Willkommen zu äußern, durch die Thüre. 

Unſer Gaſt ſchien betroffen. — Eine Weile blickte 
er den Alten an; dann ſah er durch die Thüre, die 
das Mädchen fo eben verlaſſen hatte. 

„Was fol das heißen, Freund Miko?u ſprach er 
endlich — „bin ich in Ungnade gefallen? Sollte mir 
wahrlich leid thun. Als ich über die Wiefe herkam, 
fegelten Eure Leute an mir vorüber, als wäre ih ein 
Kaper. — Ihr ſeyd Kalt wie ein Nordweſter, Eure 
Tochter fo fteif wie ein gefrorened Schiffstau. — 
Apropos. Ihr Habt einen Beju gehabt; der junge 
Britte hat, wie ich fehe, bei Euch vorgefprochen.“ Die 


— 14 — 


Miene des Mannes fiel Tauernd bei viefen Worten 
aufden alten Dann, der jedoch einen Zug veränderte. 

Bon Wem fpriht mein Bruder?” fragte der 
Häuptling. 

„Bon einem Gefangenen, einem jungen Denfchen, 
der, während ich zur See war, entfchlüpfte.« 

„Mein junger Bruder iſt wieder gegangen,” er= 
wiederte der alte Mann troden. ' 

„Begangen?« ſprach der Andere ein wenig be 
teoffen. „Ihr wußtet vielleicht nicht, daß er von mir 
gekommen. — Hat nicht8 zu jagen,“ feßte er gleich⸗ 
gültig Hinzu. 

„Der Miko wußte,“ ſprach der alte Mann in 
feftem Tone, „daß fein junger Bruber dem Häuptling 
der Salzſee entwifcht. Mein Bruder Hätte ihn nicht 
gefangen nehmen follen.“ 

„Sonderbar! Würde der Miko der Oconees nicht 
den Dankee gefangen nehmen, ver in fein Wigwam 
fommt, ihn auszufpähen ?« 

„Und war mein junger Bruder ein Yankee?“ 
fragte der alte Dann, ihn mit einem durchdringenden 
Blicke firirend. ' 

„Das nicht; aber ein Feind“ — 


—9 15 — 


„Mein Bruder,“ ſprach der alte Dann, „bat zu 
viele Feinde — bie Danker'3, die Krieger des großen 
Baterd der Canadas.« 
Der Mann biß fih in die Lippen. „Pah“ — fagte 
er endlich — „Ihr habt die Amerikaner auf der un- 
rechten Seite Eures Herzens, und ish Beide.u — 

nDer Miko,« fprach der alte Häuptling, werhebt 
die Kriegdart, um die Seinigen gegen bie Meißen zu 
fhüßen und das Blut feiner erfehlagenen Brüder zu 
rähen. — Mein Bruder hat ven Tomahawk gegen 
Alle erhoben und befliehlt, wie ein Dieb, Weiber 
und Kinder. « 

Eine brennende Röthe aberfuhr d das Geſicht ſeines 
Gaſtes. Seine Zähne knirſchten. — „Fürwahr, 
Miko, Ihr ſagt mir da Dinge, die mein Magen eben 
nicht leicht verdauen dürfte.“ — Er maß den Alten 
vom Kopf zu den Füßen. — Plötzlich jedoch wieder 
ſein voriges Lächeln annehmend, ſprach er, „Thor⸗ 
heit! Werden uns da einer ſolchen Bagatelle halber 
ſtreiten; — Jeder thut, was ihm beliebt und wofür 
er haften muß.“ 

„Als der Miko der Oconees dem Häuptlinge der 
Salsfee feine Rechte darbot und ihn als Breund in 


— 1 e— 
feinem Wigwam aufnahm, da glaubte feine Seele 
einen Bruber zur empfangen, ver dem Dengheefe den 
Krieg erklärt. Hätte er gewußt, daß Dieſer ein Dieb 
it — 
»Monſieur Miko Tu unterbrach ihn der Seeräuber 
drohend. 

„Würde er ihn nicht als Freund empfangen haben. 
Tokeah,« fuhr er mit Würde fort, „bat als Miko 
den Tomahawk gegen die Weißen erhoben, der Säupt- 
ling der Salzſee hat ihn zum Räuber gemacht. Was 
ſoll Er, der Häuptling der Deoneed, dem Krieger 
des Dengheefe jagen, wenn er in feine Schlingen fällt? 
Sie würden Ihn an einem Baume aufhängen. * 

Die Wahrheit, furchtlos und beftimmt vom alten 
Manne auögefprochen, machte Eindruck auf den See- 
raͤuber. Er ging einige Male raſch in der Stube 
auf und ab, und ſtellte ſich dann wieder vor den alten 
Mann hin. 

„Laſſen wir dad, Freund, ich habe die Skalps 
nicht gezählt, um die ihr die Schädel der Yankees 
betrogen, und Ihr werdet nicht mit mir rechten. Was 
geſchehen ift, ift gefchehen. Die Zukunft wird vieles 
ändern. Ich meinerfeits bin vollkommen entichloffen, 


— 1» 


dem wüften Leben zu entfagen, und dann wollen wir 
und hinſetzen, und ein parabiefifches Leben, Halb & 
Vindienne, hal à Ia frangaise führen. Luſtig und 
fröhlich 1 | 

- Der alte Mann, ohne eine Miene zu verziehen, 
ſprach: „Der Miko der Oconees hat noch nie feine 
Hand in dad Blut feiner Treunde getaucht. Er iſt 
arm; ‚aber feine Rechte hat nie berührt, was ihm 
nicht gehörte. Seine Väter würden mit Kummer auf 
ihn herabbliden, wenn er das Band der Freundſchaft 
mit einem Diebe knüpfen, der große Geifl würde un⸗ 
willig fein Gefiht vor ihm verhüllen, wenn er fein 
Volk durch einen Bund mit dem Räuber entehren 
wolltg.⸗ 

Der Franzoſe hatte die Worte ruhlgen als es ſich 
erwarten ließ, vernommen; nur "yiineiben ante +8 in 
feinem Geſichte. Plöglich wandte er A 

„Meint Ihr ſo ?« ſprach er erdlich. „Ihr glaubt 
alfo befier ohne Lafitte zu fahren. Habe nichts ein- 
zuwenden. Hätte ich's nur früher gewußt, würde. ich 
mir die Mühe erfpart haben, Eure Grobheiten ans 
zuhören, und Euch — fie mir zu fagen. Adieu 
Monsieur Miko!“ 





— 18 — 


„Mein Bruder!“ ſprach der Indianer plöglich und ' 
beinahe erſchrocken aufſtehend, „hat Hunger; er muß 
eſſen; Canondah Hat ihm ſein Lieblingsgericht bereitet. « 

„Und dann mag ſich Lafitte um ein Haus weiter 
umſehen?“ fragte der Seeräuber lauernd. | 

„Mein Bruder ift willkommen im Wigwam des 
Miko. Seine Hand verfehließt ſich nie, wenn fie fi 
einmal geöffnet hat;“ ſprach der alte Mann bes 
fänftigend. 

„Nun, das -Täßt fich Hören; dacht ich’8 Doch, mein 
alter Freund habe eine Art Spleen vom Britten an= 
gezogen; hoffe, es wird wieder vorüber gehen. Unter⸗ 
defien wollen wir fehen, was die Damen machen.“ 
Er fohritt dem Vorhang zu, wollte dieſen Äfften, 
Doch vergebens‘ „Iſt es nicht erlaubt?” fragte er den 
alten Dann. | 

„Mein Bruder muß ſich eine andere Squaw fuchen. 
Roſa wird nicht in fein Wigwam gehen. « 

Im Stübchen ließ fih ein fonderbarer Ton hören. 
&r Elang wie ein Freudenruf; bald aber ſank er in 
ein leiſes Lispeln. Es ſchien das Lißpeln einer Bes 
tenden. 

Der Seeräuber war verblüfft vor dem Vorhange 


—H 19 8 
und dem Miko eine Weile geftanden. „Kein Band 
Enüpfen, die Thüre vor der Nafe verfähloffen, « brummte 
er. „Eh bien, nous verrons.” ° 

Und mit diefen Worten verließ er die Hütte. 

Der alte Mann war, ohne aufzublicken, ruhig 
figen geblieben. Zumeilen hatten feine harten Züge 
während des Wortwechſels ein verachtendes Lächeln 
blicken laſſen; dieß war jedoch nur vorübergehend, 
und er behielt ſeinen gewöhnlichen Ausdrud;, nur 
zulegt fehlen diefer Mitleiven mit dem Zuſtande des 
Seeräubers zu bezeugen. 

„Ihr habt doch nichts einzuwenden,“ fragte Diefer, 
feinen Kopf zwiſchen die Thüre ſteckend, „wenn ich 
über mein Boot disponire? Dürfte Teicht feyn, Daß 
ih während meiner Abwefenheit einen Beſuch von 
unwillkommenen Gäften erhälte.* 

nenn ver Häuptling der Salzfee auf dem Kriegs⸗ 
pfade ift, fo wird er wiffen, feinen Feinden zu bes 
gegnen. u 

„Dad iſt einmal vernünftig zeſprochen; 3 erwiederte 
Dieſer. | 

„Mein Bruder ift hungrig,” ſprach ber mi, auf 


5.9 > 
feine Tochter weifend, die nun mit mehrern Gerichten 
in die Stube trat. | 

nWerde Eommen, — der Dienft geht vor.“ — Und 
mit diefen Worten ellte er dem Ufer zu, auf dem fein 
Gefährte mit verſchränkten Armen auf und ab ging, 
ein Heiner aber unterjegter Mann, von deſſen ſchwärz⸗ 
lichem, olivenfarbigen Geſichte, — in einem unge⸗ 
heuren ſchwarzgrauen Backenbarte begraben — man 
nichts als eine lange glühende Bardolpsnaſe erblicken 
konnte. Der Mann, als er des Seeräubers anfichtig 
wurde, nahm eine weniger ungenirte Haltung an, 
und feine Hände ſanken in die einen Untergebenen 
bezeichnende Lage. 

„Lieutenant!“ ſprach der Ankommende. 

„Capitain!“ war die Antwort — 

„Nichts vorgefallen?“ 

„So wenig, daß ich zweifeln würde, ob wir uns 
au im Wigwam des Miko befinden, wenn meine 
Augen mich deſſen nicht fo deutlich verficherten. Was 
Bat das zu bedeuten, Eapttain? — Um Vergebung.“ 

„Das wollte id Sie Tragen; u verſette Dieſer 
mürriſch. 

»Sonft hatten wir bei unſerer Ankunft ven’ fröh⸗ 


—9H 231 — 


lichften Jahrmarkt, Heute ift keine Seele zur fehen. 
Die Weiber und Mädchen ſchienen Luft gehabt zu 
haben; aber fle wurden von den Männern zurüd- 
gewieſen.“ Der Lieutenant hielt inne; denn der Dann, 
dem er feinen Rapport mitiheilte, ſchien fihtlich mehr 
und mehr verſtimmt zu werden.‘ 

nWie viele Köpfe Haben wir unten im Sabinerfee?« 

„Dreißig — mar die Antwort — die Andern 
werden mit dem Aufräumen morgen fertig feyn. « 

„Giacomo und George,” befahl der Seeräuber 
kurz gebieterifh, „gehen hinab und bringen Diefen 
die Ordre heraufzufommen. Zwei bleiben unten und 
warten auf den Nachzug, mit dem fie zugleich über 
- ven Sabine gehen. Die Mannſchaft kommt mit 
Musketen, Bajonetten, Piftolen und Bängern be- 
waffnet, und hält ſich, bis auf weitere Ordre, im 
großen Bogen zwei Meilen: unterhalb des Wigwam 
verborgen. — Sehen fie nicht hinab, und mid) an,“ 
fuhr er verweifend dem Lieutenant an, der in der 
Richtung des Flufſes hingefchaut hatte. 

„Wohl, Capitain!“ 

„Dex junge Britte iſt hier geweſen.“ 

„So ſehe ich, Capitain.“ 


> 22 — 

. Und der Alte hat ihn gehen laſſen.“ 

„Aber jo thaten auch Sie, Capitain, mit feinen 
Kameraden. Ich hätte es nicht gethan.“ — 

„Monfleur. Cloraud Hätte. vieles nicht gethan,“ 
verfeßte der. Seeräuber fpöttifh; — „wir Eonnten 
die Fünf doch nicht einpoͤckeln. Was nun mit ihnen 
zu thun, da wir unfere Rechnung abgefchlofien? Uber 
dieſer Laffe da hat eine Konfuflon gemacht. - 

„Um Vergebung, Gapitain, Hat fi fonft etwas 
ereignet?” 
. Nichts beſonderes, als daß der Alte unjerer 
Allianz mübe iſt.“ 

„Pah, wir brauchen ihn nicht mehr, und mögen 
wohl den Unfrigen eine fröhliche Stunde gönnen.“ 

Der Blick des Capitains fiel mit einem unnenn⸗ 
baren Ausdruck von Spott und Verachtung auf den 
Mann. — „Deshalb alfo, meint Monfleur Cloraud, 
laffe i& die Leute Eommen? — Diefe Stunde wäre 
wahrſcheinlich theuer erfauft, Herr Lieutenant! — 
Ich haſſe dumme, tolle Streihe. — Das Weitere 
werben Sie erfahren.“ Die Berbeugung des Lieute- 
nantd verrieth, daß der zügellofe Seeräuber felbft 
mit feinem exften Offiziere nichts weniger als auf 


— B- 


vertrautem Buße flehe, und feiner. Gapitainswürbe 
gehörige Achtung-zu verſchaffen wußte. Sein Offizier 
wandte fi nun zu den Ruderern, die noch. im Boote 
ſaßen, und ertbeilte ihnen die ihm zugefommenen 
Ordres. In wenigen Sekunden ſchoß dad Boot den 
Fluß hinab. 

„Nun wollen wir zum Efien. Laffen Sie Wein 
bringen, Lieutenant!“ 

Der Lieutenant winkte einem der zurucgebliebenen 
Ruderer, und Dieſer erhob ſich mit mehreren Bou⸗ 
teillen in ſeinen Händen, um den beiden Befehlshabern 
zur Hütte des Häuptlingd zu folgen, 

„Sie laſſen fich nichts merken, Lieutenant, * fprach 
fein Chef; „fo ungeswungen ald möglih, felbft 
ſpöttiſch. Müflen doch herausfinden, was ner alte 
Kauz eigentlih im Sinne hat.“ 

Beide waren in die Stube getreten, wo fie an der 
Zafel Plag nahmen. Diefe war mit einem dampfenden 
Haunch vom wilden Büffel beſetzt, dem beliciöfeften 
Roaſtbeef, das auch ver Gaumen eined Königs nicht - 
verihmähen dürfte. Die Indianern hatte ed mit 
Sorgfalt unter dem Raſen gedaͤmpft. 

„Ihr werdet mir doch nicht verſagen anzuſtoßen ?* 


—ı 4 — 
ſprach der Serräuber, drei @läfer fuͤllend, von denen 
er eined dene Häuptling: anbot: Ä 

„Tokeah ift nicht durſtig,“/ erwiebette Diefer. 

„Wohl denn, Rum,“ verfeßte Jener; „Lieutenant 
laſſen Sie eine Bouteifle bringen. * 

„Tokeah ift nicht burflig; ſprach der Hauptling 
lauter. 

„Wie es gefällig iſt,“ murmelte te Diefer. „Iſt es 
nicht ſonderbar,“ fuhr er, zu ſeinem Lieutenant ge⸗ 
wendet, fort, „daß der ganze Saft und die Kraft des 
Thieres gleichſam in dieſem bukelichten Auswuchſe 
eoncentrirt iſt? Wenn die Indianer: auf ihren jen⸗ 
feitigen Wiefen dieſe Rinder finden, dann möchte 
man wahrlich zum Wilden werden. Immer find dieſe 
Seligkeiten reeller, als unſere magern Pfaffenlügen.“ 

Der Lieutenant lachte pflichtſchuldigſt aus vollem 
Halſe. 

Der Miko war in feiner gewoͤhnlichen Stellung 
geſeſſen, hatte ſein Haupt auf die Bruſt geſenkt und 
in ſeine beiden Hände geſtützt. Er erhob dieſes, 
blickte den Seeräuber einige Augenblicke an, verſank 
aber wieder in ſein voriges Hinbrüten. 

„Laſſen Sie fich's ſchmecken, Lieutenant,“ mahnte 


435 


ver Bapitain. — „Solche Leckerbiſſen vürften wir 
nicht viele mehr über unfere Zunge bringen. Der 
aroße Geift würde fein Angeſicht verhüllen, wenn 
wir feine Gaben verfämähen. Aber nun Breund 
Miko,« fuhr er zu dieſem gewendet fort, „werbet Ihr 
nicht verfagen, auf das Wohl eines Gaſtes ein Glas 
zu leeren; fonft müßte Diefer noch heute Nacht aufs 
breden. Er liebt ein wenig Stotz; aber zu viel iſt 
ungeſund.“ 

„Mein Bruder,« ſprach der Miko, „iſt will⸗ 
kommen; Tokeah hat nie fein Tomahawk gegen Einen 
erhoben, den er in feine Hätte aufgenommen, : noch 
bat er vie Sonnen gezählt, die er in dieſer geblieben. 

„Sch bin überzeugt,“ fprach der Franzoſe, „daß 
Tokeah mein Freund iſt, und menn irgend eine böfe 
Zunge Unkraut auf den Pfad, der zwifchen und liegt, 
gefäet Hat, fo wird ver weiſe Miko über dieſes hin⸗ 
weggehen.“ 

nDie Oconees find Krieger und Männer,“ ſprach 
Dieſer; „fie hören die Rede des Mito, aber ihre 
Hände find frei.“ 

„Ih weiß e8, Ihe Habt eine Art Republik, in 
welcher Ihr eine Art erbliher Conſul ſeyd. Morgen 

Der Regitime. Il. 3 


— 8 > 


wollen wir etwas mehr von der Sache fpredhen. 


‚ Bohlen, floßt an; Friede und Freundſchaft!“ 


„Die Hand des Miko,“ ſprach Diefer, „ift geöffnet, 
und wird fih nicht ſchließen; aber die Stimme der 
Oconees muß gehört werden.“ 

„Dieſen will der Häuptling der Salzfee etwas in 
die Hände drücken, das feine Worte wie Muſik in 
ihren Obren ertönen maden fol,“ erwieberte ber 
Seeräuber. „Ih babe ganz artige Dinge für die 
Männer, Squaws und Maͤdchen mitgebracht. Auch 
für Euch etwas, in dem ihr Euch wahrhaft Miko⸗ 
mäßig, — zum Berlieben — ausnehmen follt.“ 

- Der Lieutenant hatte ſich zurückgezogen und bie 
Nacht war hereingebrochen, der Halbmond ſchwand 
eben hinter den wefllichen Baumgipfeln hinab, ver 
alte Mann war aufgeftannen, und trat ſchweigend 
mit feinem Gaſte vor die Thüre. „Mein Bruder,“ 
ſprach er mit bewegter Stimme, „iſt nicht mehr jung; 
aber feine Zunge iſt närrifcher, als vie eined thörichten 
Mädchens, das zum erfienmale Glasperlen an feinen 
Hals hängt. Mein Bruder bat Feinde genug; er 
bat nicht vonnoͤthen, fi den großen Geiſt noch zu 
einem zu machen.“ 


11 


‚ Nun was dad anbetrifft, mit bem wollen wir 
ſchon fertig werden, fprach der Seeräuber lachend. 
„Mein Bruder,“ fuhr Diefer fort, „hat die Augen 
des Miko lange getäufiht; aber der große Geiſt hat 
fie ihm geöffnet, um fein Volk vos Dem zu bewahren, 
der feiner und der Gebeine feiner Bäter fpottet. — 
Sieh," fprah er, indem er auf die Mondesfichel 
hinwies, die über ven Gipfeln ver Bäume ſchwebte, 
und feine hagere Geſtalt ſchien ſich ins Miefenartige 
zu verlängern; „dieſes große Licht fcheint auf den 
Ufern des Natchez und es ſcheint über ven Dörfern 
der Weißen; weber ver Häuptling der Salsfee, noch 
der Milo ner Oconees haben es gemacht; es iſt ber 
große Geift, ver es angezündet. Gier! — indem er auf 
das Schlanke Palmettofeld hinwies, deffen Säufeln 
wohltönenn zu ihnen herũberrauſchte — „ſeufzet der 
Athen ver Ahnen des Miko; in den Wäldern, wo er 
geboren wurde, heult er im Sturme ; beide find der 
Athem des großen Geiſtes — die Winde, die er in. 
den Mund unferer Voreltern legt, die feine Boten 
find. Der große Geiſt Hat die Haut Tokeah's roth, 
die feiner Feinde. weiß gefärbt, ex bat ihnen. zwei 
Zungen gegeben, und fie verſtehen ſich nicht; aber ber 
3° 





— 3 


große Geift verſteht fe, und er erhört die Bitten der 
weißen und ber rothen Männer; fie liöpeln mit ver 
ſchiedenen Zungen,. fo wie bier unfer Rohr lispelt, 
und unfre Eiche im Geburtäland des Miko knarret 
und kracht. Höre!” ſprach er nun, und wieder richtete 
er fih auf lang und langſam, und feine verwitterte 
Geſtalt glich einem Weſen jener Welt; „ver Miko 
der Deonees hat. Euer Lebensbuch gelefen, er hat 
Eure Buchſtaben gelernt, als er bereits zum Manne 
geworden; denn er ſah, daß die Verſchlagenheit der 
Weißen von ihren todten Freunden kam. Auch dieſes 
Buch ſagt, was ſeine Vorfahren ihm kund gethan, 
daß ein großer Geiſt, ein großer Vater lebe. Höre 
ferner" — ſprach er — „der Milo war von feinem 
Volke zum großen Vater des weißen Volkes gefandt 
worden, und als er mit den übrigen Häuptlingen 
in Die Dörfer kam, wo die Weißen ven großen Geiſt 
in großen Council⸗Wigwams verehren, fand er- fie 
ſehr gütig,. und fie nahmen ihn und die Seinigen als 
Brüder auf.. Tokeah hatte ein Geſpräch mit dem 
großen Bater — fich dieß iſt von ihm“ — er zeigte 
ihm eine große filberne Medaille mit dem Bilde 
Waghingtons. „Er bat ven ‚großen Vater, der ein 


9 


fehr großer Krieger und ein "weißer Vater war, ge= 
fragt, ob er an ven großen Geiſt feines Buches glaube, 
und Derjelbe hat ihm gefagt, daß er glaube, und daß 
biefer große Geift derfelbe fey, ven die rothen Männer 
verehrten. Das mar die Rede des größten und ge= 
rechteften Vaters, den die Weißen je hatten. Höre!“ 
— fuhr er fort — „als der Miko in fein Wigwam 
zurüdfehrte, und gegen die untergehende Sonne kam, 
da gebachte feine Seele ver Worte bed großen Vaters, 
und er hielt fein- Auge weit offen. So lange als ex 
die hochaufgemauerten Council⸗Wigwams fah, mo 
die Weißen ihren großen Geift anriefen, da wurden 
die rothen Männer als Brüder empfangen ; aber 
fobald fe diefe Council-Wigwams nicht länger fahen, 
und fle gegen ihre eigenen Wälder zufamen, da wur- 
den die Antfige der Weißen finfter, weil ver große 
Geift fie nicht erleuchtete. Tokeah hat fich überzeugt, 
dag die Männer, - die ven großen Geift nicht anrufen, 
feine guten Dienfchen find. Und mein Bruder fpottet 
des großen Geiftes und lacht feiner Vorväter in den 
feligen Wiefen? — Und er will ein Freund der Oco⸗ 
nees feyn, denen er ben einzig glängenven Pfad rauben 
würde? Er will der Freund des Miko feyn, ver unter 


— 9 


feiner Laſt gefunfen wäre, wenn ihm feine Väter nicht 
herüber gewinft hätten? @ch!« ſprach ver alte Dann, 
ſich mit Abſcheu von ihm wendend; „er würde dem 
Miko und feinem Volke feine letzte Hoffnung nehmen. * 

„Gute Nacht!“ ſprach der Serräuber gähnend. 
„An Euch ift ein Methopiftenprebiger verdorben.“ 

&r wandte fih veni Council⸗Wigwam zu, feiner 
Wohnung während feines jevedmaligen Aufenthaltes 
im Dörfchen der Indianer. . 

Tokeah Eehrte kopfſchüttelnd in feine Hütte zurüd. 
Kein Nachtgefang hellte die trübe Stimmung des 
gepeimigten Greifen auf, und nur das grelle Pfeifen 
ber Wache, die vor der Wohnung ded Seeräubers 
und am Ufer fi alle zwei Stunden hören ließ, deutete 
auf das Daſeyn lebender Weſen im Wigwam. 


Funfzehntes Kapitel. 
Ich habe Operationen in meinem Kopf, 
welche der aͤchte Spaß der Rache find. 
Shaketpeare. 


„Capitain! Es iſt eine ungewöhnliche Bewegung 
im Dorfe;“ rapportirte ver Lieutenant, ver die Thüre 


— 3 0 — 


des Council⸗Wigwams - geöffnet Hatte, und vor das 
Lager des Seeräubers getreten war. 

„Wie ſo?“ 

„Die Wilden rennen und ſpringen, als wenn ein 
Schock Teufel in ſie hineingefahren wäre. Sie tragen 
Bündel, Lebensmittel, und Waffen; Alles iſt auf 
den Beinen. u | . 

Der Seeräuber erhob ſich von feinem Lager und 
warf fi in feinen Rod. | 

„Suchen Sie dad Nähere herauszufinden. Ich 
gebe unterbeflen zum Alten. Sollten Sie etwas Ver⸗ 
dächtiges fpüren, fo wifjen Sie, was zu thun if.” 

„Wohl, Capitain.” 

„Kaum ſollte ich jedoch benlen,⸗ ſprach der See⸗ 
räuber halb zu ſich ſelbſt — „er hat mir noch geſtern 
vor dem Schlafengehen eine Predigt gehalten, die mir 
zum wenigften beweist, daß ihm mein Seelenheil am 
Herzen liegt.“ 

"Aber, Eapitain, bürfte ich umnaßgeblichſt· — 

„Pas haben Sie, Sieutenant ? heraus damit!” 

„Wir haben noch ein ziemlihes Streckchen vor und 
bis wir zu — gelangen.” - 

vIch weiß es.“ 


—23- 

nDiefe Berzögerung;u bemerkte. ver Lieutenant 
fhüchtern. 

"Hat feine guten Urfachen.“ 

„Wohl, Capitain.“ — 

Der Lieutenant verbeugte fh, und fehritt wieder 
dem Ufer zu; der Gapitain war nachdenkend auf die 
Wohnung ded Miko zugegangen. Er fand Diefen 
por feiner Hütte, feinen Blick flarr auf den Fluß ge⸗ 
richtet. Als erden Seeräuber ſah, ſchien er in etwas 
feine Faſſung zu verlieren. Die Begrüßung erwiederte 
er herzlicher, als e8 bei feiner Ankunft geſchehen war. 
Aber der alte Mann fehlen unruhig, raſtlos zu ſeyn 
und es immer mehr zu werben, was feltfam gegen 
feinen fonftigen, unerſchütterlichen Gleichmuth und 
Starrheit abſtach. Er war mit dem Seeräuber in 
die Hütte getreten; Beide hatten fich geſetzt; doch nicht 
lange, fo eilte er wieder zur Thüre und, als ob er fi 
erinnerte, feßte er fich wiener. — Plöplich erhob er 
fih, trat vor die Thüre, ftredte feinen Hals, und 
len zu borchen. — Auf ein Mal ertönte das Dorf 
von einem langen, fröhlicden Ausrufe, der wie ein 
Lauffeuer von Hütte zu Hütte ging, zuletzt in einem wil⸗ 
den Chorus endigte, in dem Männer, Weiber, Mädchen, 


3 


Junge und Kinder ihre gellend durchdringenden Stim⸗ 
men vereinigten. Der Miko war dem Council⸗Wig⸗ 
wam ſchnell zugeſchritten. Das ganze Dorf war in 
Aufruhr. Hinter jener Hecke, aus jedem Gebüſche, 
jeder Hütte flürzten Männer, Weiber und Kinder 
wie raſend auf das Councilhaus zu; ſelbſt die An⸗ 
weſenheit des Miko ſchien ſie nicht in Schranken zu 
halten. Auf dem jenſeitigen Ufer des Natchez hielten 
beilaͤufig dreißig Indianer alle zu Pferde. Mehrere 
ſuchten nach einer Furth im Fluſſe; ungeduldig des 35. 
gerns, flürzte fich ein junger Mann mit feinem Noffe 
in’d Waffer, und alle dreißig folgten Ihm, fo wie fte 
in Reihe und Glied ſich an ihn angefhloffen hatten. 

‚Die Breite des Fluſſes, gegenüber dem Wigwam, 
war betläufig fünfhundert Fuß, und die Tiefe be⸗ 
traͤchtlich. Doch die rüftigen Reiter fchienen in ihrem 
Elemente zu ſeyn, und kaum daß fie aus ihren: Glie⸗ 
bern brachen, ſchwammen Ne auf ihren Pferden her⸗ 
über. 

Der Seeräuber war hafig an's Ufer gefchritten, 
feine Zähne Enirfchten und in feiner Miene war graͤß⸗ 
liche Wurh zu Iefen. — „Zehn gute Stutzer nur! 
murmelte ex dem Lieutenant zu. . 


— a 


„Vergebung, Gapitain! das find Feine Oconees; 
das find Cumanchees, die haben ven Teufel im Leib. 
IH kenne fie aus meinen mexikaniſchen Feldzügen.“ 

Die kleine Schaar hatte die Bucht nun erreicht, 
wo die Canoe -auf Wattapſeilen hingen. Mit einem 
Schwunge wandten fi} die Indianer auf ihren Pfer⸗ 
den, und dann fprangen fie beinahe zugleich von dem 
Rüden ihrer Thiere auf das Ufer, zogen viele nach, 
und ſchwangen fich wieder auf, mit einer Schnelligkeit 
und Gewandtheit; die beinahe im Zweifel ließ, ob 
Die Babel ver Eentauren nicht verwirklicht war. 

Der Vorderſte war bis auf einige Schritte an bie 
Oconees herangefonmen, die, ihren Miko an ver. 
Spige, vor dem Eonneilhaufe warteten, al& der Kreis 
fich öffnete, und Diefer hervortrat, vie flache Hand 
weit ausſtreckend. 

„Der große Häuptling.ver mächtigen Cumanchees 
und der Pawnees des Toyaskſtammes,“ ſprach er 
feierlich, „iſt willkommen!“ 

Der junge Indianer, an den die Worte gerichtet wa⸗ 
ren, hielt und hörte die Begrüßung mit Aufmerkſamkeit 
an, indem er zugleich ehrerbietig ſein Haupt neigte. 
ALS der alte. Mann geſprochen hatte, ſprang er.von 


— 35 
feinem Roſſe und ſchritt, feine flache Rechte ausge⸗ 
ſtreckt, auf den alten Mann zu. Als er Diefem ganz 
nahe gekommen, verbeugte er ſich noch einmal, ‚er- 
griff feine Hand und Tegte fie auf Tein Haupt. 

Die gegenfeitige Begrüßung war nicht ohne Würde, 
und hatte no ein beſonderes Intereffe durch den 
Kontraft, der fich bier fo auffallend zeigte. Nichts 
fonnte wirklich einen ſtärkern Gegenfaß mit dem ver⸗ 
trosfneten, hagern Miko bilden, der einem verwitter- 
ten Riefenftamnte gleich, ftarr, ſchweigſam und melan⸗ 
choliſch da ftand, und dem offenen, männlich würde⸗ 
vollen und doch wieder fo fanften, jungen Hänptling 
der Cumanchees. Sein ovales Haupt war mit einem 
maleriſchen Hauptſchmucke von Bevern und Fellwerken 
bedeckt; feine gewoͤlbte Stirn und blůhendes Angeficht 
von leichter Kupferfarbe ſchien die wilde Kriegsfarbe 
feiner Gefährten zu verihmähen; feine ausdrucks⸗ 
vollen, glühend ſchwarzen Augen mit der ebeln 
Römernaſe waren im fhönften Einflange mit. feiner 
männlich gediegenen Geftalt, die durch feine Kleidung 
und Bewaffnung fehr hervorgehoben wurde. . ' 

Seine Bruft bevedite ein Wamms von blauen 
Fuchafellen und von feinem Rüden hing eine Panther⸗ 


— > 


haut herab, die, mit goldenen Spangen an feinen 
Schultern befeftigt, eine Form fehen ließ, die Thor⸗ 
waldfen oder Canova entzückt haben würde. Es war 
eine herrliche Geftalt männlicher Schönheit, fret, 
rein und unverdorben aufgefproflen in den entzückenden 
Fluren Mericod, und in ver Mitte eined mächtigen 
Volkes, das außer dem großen Geifte keinen Meifter 
erkannte. Ein Dolch mit Griff von gebiegenem Golde 
ftad In feinem Gürtel, ein kurzer Stutzer und eine 
nem Fuß lange Lanze, an welcher ein Roßſchweif 
hing, boten eine Rüſtung dar, die, was Zweck⸗ 
mäßigfeit und Reichthum betraf, nicht fehöner gedacht 
werden konnte. 
Als der junge Häuptling fih von feinem Roß 
geworfen, wurde dieſes von einem feiner Begleiter 
aufgefangen. Es war ein ſchönes Racepferd, gleich- 
falls mit einer Pantherhaut behangen, deren vier 
Enden mit goldenen Spangen am Nacken und Rüden 
befefligt waren. Es hatte weder Sattel noch Steig- 
hligel ; zu beiden Seiten hing jedoch an einem Riemen 
eine‘ Kapfel herab, in welcher vie Lanze und ber 
Stußer rubten. 
Aehnlich gekleidet und bewaffnet waren noch vier 


—d 3 — 

Krieger ded mächtigen Indianerflammes der. Cuman⸗ 
chees. Sie trugen ihre Haare zu beinen Seiten der 
Stirne herabgefämmt, ihre Geſichtsfarbe war eine | 
Miſchung der Dliven- und Kupferfarbe. Sie fchienen 
ſtolz zu ſeyn und ſelbſt auf. die Pawnees vornehm 
herabzublicken. Um den Hals ihrer Pferde hing der 
Laſſo, dieſe gefährliche Waffe, mit welcher der mexi⸗— 
kaniſche Reiter Feinde, Büffel und Pferde im wildeſten 
Galoppe fängt, indem er-mit. wunderbarer Schnelle 
und Gefhiclichfeit die Schlinge über den n Kopf von 
Menſch oder Thier wirft. | 

Der Ueberreſt der Schaar waren Bates des 
Toyaskſtammes. Ihr Saar war glatt am Kopfe 
weggeſchoren, und bloß ein Buͤſchel war am Scheitel 
fiehen gebliehen, forgfältig geflochten. Weber ihren 
Schultern hatten fie weich gegerbte, roth. gefärbte 
Buffalvehäute,. die, fle mit der haarigen Seite nach 
inne gefehrt trugen. Statt des Sattels diente ihnen 
gleichfalls eine Buffaloehaut. Jever hatte einen zoll⸗ 
breiten Gürtel, an welchem fein Hüftenhemb befeftigt 
war. Sie trugen Mocaffind von. Elksfellen. Bei⸗ 
läufig die Hälfte war mit. Musketen und Stußern 
bewaffnet, Alle aber hatten ganzen, ein langes 





38 > 


Schlachtmeſſer over vielmehr Faͤnger und den Toma⸗ 
hamwk . Sie waren wohlgeforinte und Fräftige Männer, 
verglichen mit denen die Oconees, mit ihren dünnen 
Armen: und ſchmalen Schultern, wie Rinder aus⸗ 
faben. 
„Mein Bruder iſt drei Mal willkommen!“ wieber- 
holte der Miko nach einer Welle, währen welcher 
fein Blie mit dem Ausdrucke ver reinſten Zufrieden⸗ 
heit auffi emem herrlichen Gaſte und Vegleitern geruht 
hatte. 

„Hat der große El Sol der Worte gedacht, die 
ihm Tokeah durch feinen Laufer geſandt?« fragte ver 
Miko. 

"Er hat offene Ohren, und ein weites Herz mit⸗ 
gebracht,“ verfeßte der junge Häuptling würdevoll. 
„Iſt die Rede des großen Miko für EI Sol allein, 
ober mögen. die Krieger ver Cumanchees und Paw⸗ 
need fie auch anhören?“ fragte er nach einer Baufe. 

„Die Säuptlinge und Krieger der Cumanchees und 
Barnes find willfommen im Counctil⸗Wigwam der 
Droneed. ‚Sie find ihre Brüber.* 

Als der Miko dieſe Worte geſprochen, fliegen bie 
vier Cumanchees und eine gleiche Anzahl der Pawnees 


—9 39 ⸗— 


von ihren Pferden und gingen mit den Haͤuptlingen 
auf dad Council⸗Wigwam zu. Nachdem viefe mit 
den. Kriegern in nie Hütte eingetreten waren, fliegen 
auch die Uebrigen von ihren Pferden, und bilveten, 
an bie Hälfe diefer gelehnt, einen Halbkreis. 

Näher am Councilhauſe Kanden die Oconees, bloß 
mit ihrem: langen Schlachtmeſſer bewaffnet, und 
hinter ihnen in ehrerbletiger Entfernung die jungen 
Männer des Wigwams, gleihfalls in einem Halb 
freife. Weit hinter Diefen die Squaws und Mädchen 
und Kinder, denen die firengen Regeln indianiſcher 
Rangetikette felbft eine nähere Anſchließung an ihre 
eigenen Leute nicht geftattete. Das Wigwam hatte 
fo allmählig die Geftalt eines Heinen Lagers ange 
nommen, in dem die verſchiedenen Truppencorpd in 
raſcher Bewegung auf» und nieverfirömen. 

An dem Ufer lagen vier Seeräuber auf ihre Arme 
"geftügt, während ihr Bapitain und Lieutenant durch 
das Gebüfche vem Ufer entlang fich ergingen. Einen 
ſcharfen Blick ausgenommen, ven fie zumwellen hinüber 
auf die Gruppen der Indianer warfen, ſchienen fie 
Beide Fein beſonders Intereffe an ihnen zu nehmen. 

Sp mochte beiläufig eine Stunde verflofien feyn, 


0 


ala die Thüre des Council⸗Wigwam ſich öffnete und 
Tokeah heraustrat, mit haſtigern Schritten als ge⸗ 
wöhnlich dem Ufer zueilend. Er ſchien Jemanden zu 
fuchen; und die Seeräuber, ſeine Abſicht errathend, 
veuteten ſchweigend auf das am Ufer krumm ſich hin⸗ 
ziehende Gebuͤſch. So wie der Pirate den auf fich 
zukommenden Miko bemerkte, hielt er ſtille. 

„Die Häuptlinge der rothen Männer,“ ſprach 
Dieſer, „find in die Wohnung gekommen, die Tokeah 
ſeinem Bruder eingeräumt hat, um da Rath zu 
halten. Will der viuptling der Salzſee ihre Rede 
anhören?! 

- Diefer nickte bejahend, und Beide gingen durch die 
Menge dem Councilhauſe zu. Kaum daß Einer der 
Indianer feine Augen erhob, um, wie e8 in civilifirten 
Gemeinden ver Fall gewefen feyn würde, aus den Ge⸗ 
fihtern der beiden gewichtigen Männer herauszulefen, 
was die plöglihe, ernfte und fo ungewöhnliche Ver⸗ 
fammlung zu beveuten habe. Als fie Beide ind In⸗ 
nere getreten waren, deutete ber Miko ſchweigend auf 
den Rubefig. Eine geraume Weile [wiegen Alte. 
Endlich begann er in feierlichem Tone: „Häuptling ver 
Salzſee! Zwei Mal Haben die Bäume ihre Blätter 


—M> 
von fich geworfen, und zwei Mal find fie wiener in 
ihre Gewänder vom großen Geiſte gehuͤllt worben, 
feit Tokeah und fein Volk für Lafitte gejagt, und 
ihre Weiber für ihn Korn gefäet und geerntet haben.“ 

„Das ift bezahlt; zur Hauptſache, wenn es bellebt, 
verſetzte der Seeräuber. 

Die Indianer ſaßen unbeweglich. — El Sol jedoch 
erhob ſein Haupt und blickte den Sprecher neugierig 
forſchend an. 

⸗Der Miko der Oconees,“ fuhr der Häuptling in 

demfelben Kalten Tone fort, „Fann nicht laͤnger für 
Pafitte und fein Volk jagen. Die rothen Männer 
und die von der Salzfee müſſen verfchienene Babe 
einſchlagen.“ 

„Mit andern Worten,“ unterbrach ihn der See⸗ 
raͤuber, „Ihr ſchlaget die Vereinigung und Ver⸗ 
brüderung mit af auß. — Mas er die Unſaqhe 
wiſſen? ?4 

„Sieh!« ſprach der alte am, er bon feinem 
Sitze erhebend, und durch das Fenſter auf einen Cot⸗ 
tonbaum zeigend, ver die Hütte überſchattete, „dieſer 
Baum ſproß vor fieben Sommern aus dem Boden. 
Er war ſo zart und klein, daß der Schnabel eines 

Der Legitime. IL 4 


42 8 


Vogels ihn hätte aus der Erbe reißen können, in die 
die Winde ven Samen hingeworfen hatten aber dieſer 
Heine Samen iſt gewachſen und ifl groß. getworben, und 

zehn rothe Männer Eönnten ihn nun nicht aus dem 
Grunde reißen. Er würde fle unter feinem Gewichte 
begraben. Der Häuptling der Salzſee wird nie ein 
Jäger auf den Wiefen werben; er liebt feine Hand 

nad Dem auszuſtrecken, was nicht fein ift; fein Durſt 
nach frembem Gute ift ſtark geworben, wie der Stamm 
des Baumes, und würde alles Uebrige erbrüden. 

Er wird nie lernen, mit Wenigem zufrieden zu feyn. “ 

— Der Seeräuber Tächelte höhniſch; aber feine Züge 
ebneten fich ſchnell wieder. 

„Der Miko« — fuhr der Indianer fort — „ſpricht 

bloß, was die Freunde und Feinde Lafittes fagen. 

Sieh," — ſprach er, indem er aus feinem Gürtel 

die Proflamation hervorzog, und fie vor dem Piraten 
ausbreitete — „der Vater der Weißen hat einen Preis 

von vielen Dollars auf feinen Skalp gefeßt. Er nennt 

ihn einen Dieb.“ 

Der Seeräuber hatte mit diplomatiſchem Gleich⸗ 

muth zugehört. Kaum eine Miene verzog fi in- 
feinem Geſichte. „Diefer elenve Beben Papier iſt 


—+ Be 


denn die Urſache Eurer heimtüdifchen Netirabe, 
verfeßte er endlich mit Verachtung. „Diefe elenven 
fünfhundert Dollars! wollt Ihr fie verdienen? Hier 
find taufend — zehnmal taufend. ” | 

Der Indianer fehien beleidigt. „Lafitte,“ ſprach 
er, „ift im Wigwam des Miko der Degneed, und er 
mag in Sicherheit fchlafen. Die Oconees find arm; 
ihr Reichthum ift das Feuergewehr und der Pfeil, 
mit denen fie das Buffaloe und den Hirſch jagen; fie 
bevürfen ve Reichthums Lafittes nicht; wenig würde 
er auch unter ihnen finden. Ihre Pfade müſſen venn 
in verfhiedener Richtung gehen.“ 

„Ich dachte, Tokeah wäre ein Mann,” ſprach ber 
Seeräuber, ver fich eine Kaltblütigkeit aufprang, bie 
ihm augenfcheinlih ſchwer wurbe. „Ich dachte, er 
wäre ein braver Feind, der das Unrecht, das bie 
Meißen ihn zugefügt, nicht vergefien hätte ; ich ſehe, 
ich habe mid geirrt. — Ein Stück Papier bewegt 
ihn, feinen ehemaligen Freund zu verrathen. — Er 
ift fein Mann. u 

Das Beuer begann in den Augen bed verborrten 
Indianers zu glühen, als er biefen beißenden Vor⸗ 
wurf hörte. Mit- einer- bemunpernäwerthen Ruhe 

. 4° 


> 


jedoch oͤffnete fih fein Wamms, und zeigte die ſchreck⸗ 
lichen Spuren, die die. Saͤbel und Bajonette feiner 
weißen Feinde da zurüdgelafien hatten. „Tokeah,“ 
fprach er raſch und mit halberſtickter Stimme, „Hat 
mehr Hiebe ausgetbeilt, mehr Wunden gefchlagen 
und empfangen, als ver Häuptling der Salzſee Finger 
an feinen Händen und Bühen hat.- Er lacht der Rede 
Laflttes. u 

„Warum alfo fuͤrchtet Ihr eine Proklamation, di⸗ 
Euch nicht ſchaden kann? Was haben wir hier in 
Merico mit dem Gouverneur von Louifiana und ſeinen 
Yankees zu thun?“ 

„In Mexico?“ wiederholte der Miko. „Wie meint 
mein Bruder dieſes?“ 

„Wir ſind in der mexicaniſchen Brom Keras, 
ſprach ver Serräuber. 

Der alte Mann war während feines Aufenthalte 
an den Ufern des Natchez in der feſten Meinung ge⸗ 
weſen, daß er mit ſeinem Volke noch immer im Ge⸗ 
biete des großen Vaters der Danfees ſey, und dieſer 
Wahn hatte den alten Mann Tag und Nacht wie ein bö⸗ 
fer Traum verfolgt. Der Seeräuber wußte, wie raſtlos 
er von diefem Wahne umhergepeitſcht war; aber er hatte 


5 


mit der wichtigen Entdeckung zuruͤckgehalten, wahr⸗ 
ſcheinlich um ihn und die Seinigen deſto mehr In fginer 
Gewalt zu haben. Auch gegenwärtig ſchien er fle ihm . 
bloß mitgetheilt zu haben, um. ihn wo möglich won 
feinem Entſchlufſe, ſich mit den Cumanchees zu ver- 
einigen, der num ziemlich offenbar geworden war, 
abzubringen. 

Der alte Mann hatte die Entdeckung mit offenen 
Augen und Ohren angehört. Ex holte tief Athem, 
gleihfam als waͤre er einer ſchweren Buͤrde fo chen 
ledig geworden. 

„So lebt alſo der Miko ber Deoneed nicht auf dem 
Boden, ben. ber große Vater der Weißen für bie 
Seinigen als Eigenthum anſpricht frug er nach 
einer Pauſe. | | 

„Gewiß nicht. — Ih kann Eu) die Mappe zeigen. A 
Der Indianer verſank in fein voriges Nachdenken. 
Es war dieſes eine für ihn äußerſt wichtige, erſreu⸗ 
liche Nachricht. Im gegenwärtigen Falle jedoch kam 
fle zu ſpaͤt, da allem Anſchein nad bie Unterhand⸗ 
lungen auf einen Punkt vorgerückt waren, von dem 
der Miko, ſelbſt wenn er es gewollt hätte, nicht zu⸗ 
rücktreten konnte, ohne eine herabwürdigende Blöße 


— 46 ⸗— 


zu geben. Selbſt ſein gegenwärtiges Nachfinnen 
fehlen bereits aufzufallen, und ber junge Häuptling, 
‚der aufmerkfam geworben. war, brachte den alten 
Mann bald wieder in feine. vorige Talte, flarre Rühe 
zurüd. 

„Die Hand ded großen Geiſtes,“ ſprach ex, „liegt 
ſchwer auf ven rothen Männern. Er hat fein Geficht 
verdunkelt, ihre Tapfern find erfchlagen — ihre Ge⸗ 
. beine bleichen unbegraben auf der Erde. — Ihr Blut 
tft in Strömen geflofien. Es ift Zeit, daß die To⸗ 
mahawks begraben werden, oder die Kinder der rothen 
. Männer werden von ber Erbe verſchwinden. -Sie 
haben viele Feinde, fie dürfen diefen DVielen- nicht 
noch mehrere hinzufügen — fie dürfen die Kette des 
Vereines zwifchen ihnen und den Männern der Salze 
fee nicht fehlteßen. « 

Der Seeräuber hatte gefpannt ac. Plotzlich 
fuhr er heraus: 

„Wenn ich Euch. jedoch darthun kann, daß eben 
dieſe Feinde um’ — er hielt inne — „Tokeah!“ 
ſprach er, ſich ſtolz erhebend, „ich bin gekommen, 
Euch meine Verbrũderung anzutragen, Gemeinſchaft 
alles deſſen, was ich befitze, was mich Jahrelange 


— 17 

‘Mühe und Arbeit gekoftet. Lafitte, der Schreien ver 
See zwischen Europa und Amerika, ver Herr des mexi⸗ 
caniſchen Meerbufens, bietet Euch mit feinen Braven 
feine Freundſchaft und Bruderſchaft an. Lafitte will 
fie nicht als eine Gunſt; er bietet ſie Euch als eine 
ſolche an. Nicht Er iſt der gewinnende Theil; Ihr 
fegb es. — Elende und verächtlihe Gefchöpfe, wie 
Ihr ſeyd, Lafitte würdigt Euch feiner Bruderfchaft. 
Er wird Euch befhügen; Fein. Danfee fol Euch ein 
Haar krümmen. Er fhwört ed. Es iſt ſein letztes 
Anerbieten.“ 

Die Kraft und felbft Bäche, mit ber er dieſe 
Worte ſprach, würden einem beſſern Charakter wohl 
‚angeftanden feyn. — Die Indianer blickten on übers 
raſcht an. | 

nDer Miko,“ ſprach der alte gäuptling mit feiner 

unerſchůtterlichen Ruhe, „ift von den Ländern feines 
Vaters gewichen, weil die verraͤtheriſchen Weißen fi 
da nievergelaflen haben.. Seine Seele fehnt ſich nad 
dem Volke feiner Farbe; fein Herz iſt mühe ber 
Weißen; — aber ver Miko ift nicht von den Wei- 
Ben geflohen, um: bie Schlechteſten aus ihnen in 
feinen Bufen aufzunehmen. Die Kette, die die Oco⸗ 


— 8 — 
need an das Bolf der Weißen gebunden, muß ges 
brochen werden, fobald ver Häuptling feinen Rüden 
dem Wigwam ver rothen Dinner zugelehrt hat. * 

„Es ift gut,“ verfeßte der Seeräuber mit erfüne 
fteltem Gleichmuthe. „Eurem Verſprechen zufolge 
erwarte ih, daß die weiße Roſe mir als die Meinige 
ausgeliefert werde. Ich forvere fie als mein Eigen- 
thum. 4 

„Lokeah verſprach die weiße Rofe dem Gäuptling 
der Salzfee, dem Freunde der Oconees, dem Feinde 
der Yankees — dem Krieger; aber ex bat fle nicht 
dem Näuber, dem Diebe verheißen. — Der Miko 
hat fie ihm verheißen, wenn der Häuptling der Salz⸗ 
fee in fein Wigwam ziehen wird; — dieſes ik ihm 
nun verfählofien, er muß fih um eine andere Squaw 
umſehen.“ 

Ein tůckiſches Lächeln umkreisje ven Mund des Pi⸗ 
raten bei Anhörung dieſer Rede. Er ſchoß einen giſti⸗ 
gen Blick auf ven Sprecher, und trat dann raſch aus 
der Thüre. Die Uebrigen blickten kaum auf. Stumm, 
wie fie gefefien waren, blieben fie noch eine Weile auf 
ihren Pläßen, und ‚verließen dann die Rathöftube. 


a40 > 


Sechszehntes Kapitel. 


Das Heißt wie ein tüchtiger Kerl geſprochen 
dem ſein guter Name etwas werth iſt. 
S akesſspea re. 


Die Sonne Hatte bereits ihre Mittagshöbe erreicht, 
als die Häuptlinge dad Council⸗Wigwam verließen, 
um bie große Berfammlung im Freien zu halten, zu 
der nun alle Vorkehrungen getroffen wurden. 

Die Unterhäuptlinge und übrigen Krieger ftellten 
fi in zwei Halbfreifen auf, von denen der innere, 
kleinere durch die Altern, der äußere durch die jüngern 
gebildet war. Alle ſaßen nach gewöhnlicher Indianer- 
weile, ihre Schenkel in einander geflochten, in ihren 
Gürteln ihre Sfalpiermefler und Tomahawks, ruhig 
die Erſcheinung der Hauptperſonen abwartend. 

Der Raum gegen dad Council⸗Wigwam, als 
Ehrenplag, war ganz den Pawnees überlaffen, bie 
alle in.einer Reihe herumfaßen; ein Zeichen, daß fie 
indgefammt verfuchte Krieger waren. „So. wie die 
zwei Häuptlinge mit. ihren Begleitern aus der Stube 
beraußtraten, flanpen Alle auf, und indem fie ven 


50 — 


Halbring öffneten, gingen Jene hindurch und formten 
einen dritten kleinern Halbmond, in deſſen Mitte 
Tokeah und EI Sol ſich nieberliegen. Die ernfte, 
beflimmte und würdevolle Miene diefer fogenannten 
Milden, ihr ſcharf durchdringender Blick, ihre männ- 
lichen, obgleich durch Wildheit verftellten Züge und 
Geftalten gaben ver VBerfammlung ein Gepräge von 
Würde und Bedeutſamkeit, die au die Theilnahme 
des Gebilveten um fo mehr angeregt haben vürfte, 
als diefe Menſchen zufammengefommen waren, fi 
als freie Männer über ihr eigenes Wohl u und Wehe 
zu berathen. | 

Einer der älteften Oconees aus dem zweiten Halb⸗ 
Freife brachte nun-bie Calumet. Er trat vor bie zwei 
‚Häuptlinge bin, zog den Rauch ein, und bließ die 
erſte Wolke, die er im Mund gefammelt Hatte, auf⸗ 
wärts — dem großen Geiſte zu, die zweite abwärts, 
der Muttererve, und die dritte in gerader Linie an 
feine @efährten, ihnen fo feinen guten Willen be⸗ 
deutend. Als er diefe drei Wolken geblafen hatte, 
übergab er die Pfeife EI Sol, ver gleicherweife drei 
Wolken ausftieh, und fle dann weiter gab. Nachdem 
Die Pfeife drei Runden, zur Ehre ber drei Bölkers 


— 51 &— 


ſchaften, vie ſich vereinigt Hatten, gethan, ſtand 
Tokeah von des Erde und begann feine Rede. 

. Sie enthielt nichts, das unſern Lefern neu oder 
jehr intereffant feyn dürfte. — Es war ein Gemäfbe, 
wie es ftch von einem Manne erwarten ließ, deſſen 
Pinſel in die verbitterte Galle feined Gemüthes ge- 
taucht war,. und in dem jeder Athemzug Rache und 
Feindſchaft auödrückte. Er verweilte lange bei der 
Schilderung der hinterliſtigen Wege, durch welche 
die Weißen ihn und ſein Volk ihres Erbtheils be⸗ 
raubt hatten, malte die Betrügereien und Erpref⸗ 
‚fungen, die fi ihre Zwiſchenhändler in ihrem Ver⸗ 
kehr mit den Rothen Hatten zu Schulden kommen 
laſſen, — deutete auf die Schlingen und Ballftride 
hin, die ihm und ben Geinigen gefegt und gelegt 
worden waren, und die ihn endlich bewogen hatten, 
-für Immerbar dad Land feiner Väter zu meiden, und 
dahin zu wandern, wo er hoffen Eonnte, daß er fie 
‚nie wieberfehen würbe, fein gegenwärtiges Aſyl. Er 
glitt etwas Teichter über feine Verbindung mit dem 
‚Seeräuber bin, und zwar in Ausdrücken ſo ſchonend 
als möglich, erwähnte der Proflamation des Waters 
der Weißen, die ihm nicht länger geftatte, mit feinem 


— 2 e— 


Volke an dem Strome zu. verweilen, zu dem ber 
Häuptling der Salzſee durch feine Canoes ven Schlüf- 
jel Hätte. Er ging dann über zur Gefangennehmung 
feiner Tochter, und malte, mit Rührung im Auge, 
die Selbftaufopferung und Gefahr, mit ver EI Sol 
fie aus der Mitte ihrer erbodten Feinde errettet hatte, 
und wie ber edle Häuptling. die Kette. dargeboten, 
die beide Völker für immer mit einander vereinigen 
foltte. Er eröffnete der Berfammlung, daß der große 
Häuptling zweier Bölkerfchaften ver Sohn des Häupt⸗ 
lings einer dritten werben wolle, der Sprofie der 
Mikos der Dconees, daß die drei: Völker Fünftig 
bloß ein Volk ausmachen würben, und ſo vereinigt 
ihrer Feinde ſpotten Eönnten. 

„Es ift Zeit, fo ſchloß er, „den Ning wieder zu 
ergänzen, ben Blindheit zwiſchen ven rothen Völkern 
gebrochen; Zeit, die Kinder ver großen rothen Familie 
gufammen zu zufen, die. bisher weit von einander 
zerfireut waren. Der große Geift hat geſprochen 
durch die That des mächtigen Häuptlings der Cu⸗ 
manchees und Pawnees, er hat die gebrochene Kette 
wieder vereinigt. Der Miko hat den Ring erfaßt 
und will ihn nie mehr brechen. Die Arme Tokeahs 


3 


. fangen an fteif, feine Füße ſchwach zu werben; er 
hat rund umher um einen Sprößfing geſucht, und 
er ſuchte vergebens; — nun hat ihm der große Geiſt 
einen gefandt in dem Befreier feiner Tochter. Das 
Blut der Mikos wird nicht von der Erde verſchwinden; 
es wird, vereinigt mit dem des großen Cumanchees, in 
den Söhnen El Sols fließen. Er wird ein Sohn 
des Miko, ein Vater der Oconees, ein Haͤuptling, 
ein Krieger, ein Bruder ihnen ſeyn. Männer der 
Oconees! fehet Hier den Sohn Eures Miov 
Die Blicke ver Verfammlung richteten fi voll 
Bewunderung und Liebe auf den jungen Mann, der 
fich nun gleichfalld von der Erde erhob, und. nachdem 
er fih vor dem Miko verneigt ‚ eine Weile inne hielt, 
und dann folgendermaßen begann: . 
nBiele Sommer find feitvem verlaufen, und El 
Sol Hatte noch nicht Has große Tagesgeſtirn erblickt, 
welches ver große Geiſt gefhaffen, um. ven zwei 
großen Vätern der rothen Dlänner als Fackel zu 
leuchten, während fie in ihrem Canoe über vie breite 
Salzſee ſchwammen, ald die jungen Männer ber 
Pawnees des Toyaskſtammes die großen Berge über- 
ſchritten, die zwifchen ihnen und den Wiefen ver 


— 4 


zothen Männer im weiten Lande des Mericos liegen. 
Da bauten fie ſich Hütten, und jagten: Laſſet und 
hier bleiben, denn der Büffel und Elennte gibt es in 
Fülle. Nachdem fie zehn Sonnen gejagt hatten, fan⸗ 
den die rothen Dänner des Mexicos ihre Fußſtapfen, 
und fie kamen mit umwölkter Stirne und Zeuerges- 
wehren und auf fehnellen Roffen. Die Männer ver 
Pawnees find Krieger, und fie wandten ihre Ruͤcken 
den Feinden nicht zu. Das Kriegsgeſchrei erſchallte, 
und zwei Männer ver mexicaniſchen Krieger wurden 
erfhlagen, die andern flohen auf ihren fehnellen 
Roſſen. Bon Einem der fterbenven Krieger vernahmen 
die Pawnees, daß fie Tapfere des großen Volkes ver 
Cumanchees waren. Sie kehrten in ihr Wigwam 
über die Berge mit den Skalps der Erſchlagenen 
zurück. “ 

„Groß war die Freude ber Pawnees, als die 
jungen Männer vor die Häuptlinge traten und Dieſen 
die Skalpe ihrer mächtigen Feinde vorzeigten, und 
laut war ihr Triumph; aber Ettowah, der groͤßte 
ber Häuptlinge, erhob ſeine Stimme , und Alle waren 
file. — Männer der Pawnees! fo Tauteten feine 
Worte: v nIhr habt zwei Skalpe von den Häuptern 


des mächtigften rothen Volkes genommen, das zwi⸗ 
ſchen der auffteigenden und der niedergehenven Sonne 
lebt. Seine Krieger find zahlreicher als die Büffeln, 
ihre Roffe flüchtiger als ver -Blig, ihre Rache tödt⸗ 
lichet als der Biß der Schlange. Nicht lange, fo 
werben fie die Berge überfchreiten, und vie. Gebeine 
der Pawnees werden auf ihren Gründen erbleichen, . 
ihre Wigwams werden in Flammen auffodern ,. ihre 
Sfalpe von ihren Schäveln geriffen und im Rauche 
ihrer brennenden Hütten getrosfnet werden. Männer 
der Pawnees! Das Auge Wacondahs flieht finfter 
auf Euch herab, Eure Söhne. find gegangen, wo ihre 
Fußſtapfen nimmermehr hätten gefehen ſeyn follen; 
fie Haben das Kriegsgeſchrei erhoben, als fe auf 
unrechtem Wege waren. Sie find über Berge ge= 
drungen, die der große Wacondah felbft als Grenz⸗ 
Scheide zwifchen den beiden Völkern gefeßt hat. Män⸗ 
ner der Pawnees! Ihr müflet gerane machen, was 
Eure jungen Krieger krumm gebogen; Ihr müſſet die 
Rache der großen Cumanchees verföhnen, weil Ihr 
Unrecht gethan habt. Es iſt befier, daß zehn unfrer 
Männer fterben, ald das ganze Dofk.u u 

„Sp fpra der große Ettowah. Laut erſchallte 


— 56 9 
das Wehflagen unter ven Pawnees, als fie die Rede 
ihres größten Häuptlings vernahmen, aber fie Hörten 
auf feine Worte, Feines fiel auf den Boden; denn ver 
große Häuptling ſprach wahr.“ | 
„Die Häuptlinge und Krieger. verfammelten fi 
im Rathe, und bald darauf Hörte das Wigwam ven 


Todesgeſang aus dem Kreife der Krieger und jungen 


Männer. Es mar ver Topesgefang von Blackeagle, 
dein rinzigen Sohne Ettowahs, die Stügße. feines 
ſchwankenden Alters. Der große Ettowah fah ven 
jungen Krieger, feine Ohren fingen ven Todesgeſang 
auf, der feinen -Pippen entſtroͤmte, aber er ſeufzte 
nicht, er trauerte nicht — ſeine Seele war mit Freude 
erfüllt. Bon neun Zungen ertönte noch der Todes⸗ 
geſang, und zehn Krieger der Pawnees verließen 
ihr Wigwam, ihren eigenen Grabesgeſang fingend. 

Sie überſtiegen die Berge, und ritten auf die Wis⸗ 
wams der Cumanchees zu.“ 

„Die Cumanchees find ein maͤchtiges, aber fie find 
mehr, fie find ein großmütbiges und tapferes Volk, 
fie find die Blüthe und der Stolz des rothen Ge- 
ſchlechtes. — „„Der große Geift verhüte! ſprachen 
fie, daß wir Diejenigen tödten follten, die in Frie⸗ 





— 57 — 


den zu uns kommen; unfre Brũder haben nicht zu 
fürchten. 24 

„Aber zwei Väter unfrer Rieger PR ohne Sim; ; 
zwei von Euern fingen Dlännern follen ihnen Söhne 
feyn, die Viebrigen mögen in ihre Wigwams zurück⸗ 
kehren. Blackeagle war Einer der Beiden, vie ges 
wählt worben waren, Söhne der Eumenders gu 
werden. « 

Blackeagle hatte noch nicht ganz zwanzig Sommer 
worüber ſchreiten gefehen; aber er war bereitö breimal 
auf dem Kriegspfade gegen die Oſagen gemwefen, und 
er wußte einen Feind zu töbten und ein wildes Pferd 
zu zähmen. Die Cumanchees Tiebten ihn, und ihre 
Toͤchter warfen fehnende Blicke nach dem großen Jäger; 
aber in. feiner Seele war's Teer und öde, feine Ges 
danken waren bei feinem Vater — feinem Volke — 
ſeinen Brüdern.“ 

„Er liebte die Jagd der Büffel md der wilden 
Roſſe.“ 

„Einſt als « er durch die endloſen Wieſen der Cu⸗ 
manchees dahin flog, traf fein Blick ein Pferd, daB 
ſchneller als der Hirſch, weißer denn Schnee, und 
ſtolzer als der Elk, über die Fluren hinwegſehte. — 

Der Legitime. I. ' 5 





858 > 


Seine Seele verlangte nach dem Stolze ver wilnen 
Roffe, aber es ſchoß wie ein. Blitz vor ihm weg. 
Zwei Sonnen war er feiner Spur gefolgt, gegen 
Mittag und immer. gegen Mittag war'er geeilt, als 
er es endlich auf den Wiefen des großen Häuptlings 
der Cumanchees fand, der gegen Die heiß brennende 
Sonne zu lebte. Er warf feinen Lafjo, und das Roß 
war fein eigen, als die Thüre des großen Migwams 
des Häuptlings aufflog und feine Tochter heraus 
fam. — Es gehörte ihr. — Es war von den Wiefen 
gefprungen, und hatte feine Bruͤder aufgefucht.“ 

„Blackeagle ſah Corah ins Auge, und ver Laffo 
entfiel jeiner Hand; nenn. die Tochter des größten der 
Häuptlinge der Cumanchees war fhön, wie die aufs 
gehende Morgenjonne. Das weiße Roß fprang auf 
bie Jungfrau zu, und fie hüpfte auf deſſen Nüden.“ 

„.nMein Bruder!“« ſprach fie, „aiſt müde, und 
Corah wird ihn in ihres Vaters Haus führen, daß 
"er feine Glieder ausruhen möge; er ift hungrig, und 
fie will ihn ſpeiſen; er iſt durſtig, und fie will ihn 
mit dem Safte der Palme traͤnken; er iſt ſchlaͤfrig, 
und fie will ein weiches Lager auöbreitn. Komm 
mein Bruder! # 


— 9 

nBladengle hörte auf, nah dem Wigwam ver 
Pawnees fich zu ſehnen, denn Corah war ihm nahe, 
als er das wilde Roß fing, und fein Auge fah den 
weißen Renner, wenn er auf die Jagogründe flog.« 
.nnDu bift mir theurer,““ lispelte die Tochter 
ded großen Häuptlings, „„als das Kicht meiner Au⸗ 
gen, Dein Athem ift mir füßer, als ver fühle 
Morgenwind, Deine Stimme wohltönender meinen 
Ohren, ald der Gefang der Vögel. Bitte EI Sol 
um Corah, er wird Dir feine Tochter geben.“ — 
„Und EI Sol fah die Thaten Bladeagles auf den 
Jagdgründen, und feine Seele war mit ihm. 

nn Bladengle!” 4 ſprach er, „ „meine Tochter flieht 
mit freundlichen Augen auf Dich, den Pawnee; aber 
ber Bater Tann die Freude feines Herzens nicht ſei⸗ 
nem jungen Bruder geben, ver noch Teinen Feind 
feines Volkes getöbtet. Meine Krieger werben in kur⸗ 
zem gegen bie weißen Dlänner Mexicos in den Krieg 
ziehen. Mein junger Bruder muß ſich an fle an⸗ 
fließen. Wenn er mit bem Siegeszeichen wieder⸗ 
kehrt, ſo wird er El Sol als Sohn willkommen 
ſeyn.«4 | | | 

„Blackeagle hatte vie Rede des großen Häuptling® 

5* 


— 0 — 


gehört, und ſeine Seele war hoch erfreut, Er ging 
auf den Kriegspfad, und brachte zwei der Säupklinge, 
Männer ver Mexicos, mit ihm, und: er wurde ber 
Sohn des großen EI Sol's und lebte in ſeines Vaters 
großem Wigwam.“ 

„Ste wurden,“ ſprach der junge Mann in fang- 
fam feierlihem- Tone, „Vater und Mutter von GI 
Sol, dem Säuptlinge: der Cumanhees und ber 
Pawnees.“ — 

Die Augen der ganzen Verſammlung hingen in 
ſprachloſer Rührung auf dem jungen Anführer, als 
er in tiefer Bewegung inne hielt. 
aDie Blätter ver Palmen,“ fuhr er fort, „haben 
fich nicht öfters denn ein Mal erneuert, als der große 
Geiſt den Vater Corah's in die glänzenden, grünen 
Wieſen abrief. Die Häuptlinge und Krieger ber 
Cumanchees Hatten fih verfammelt, um die Worte 
bes ſterbenden EI Sol zu hören, ihres größten und 
weiſeſten Häuptlings. „ „Männer der Eumanchees, * * 
ſprach er, „„Blackeagle ift ein großer Krieger und 
wird ein großer Anführer werden; aber die Stimme 
unfrer Väter, die wir hören müffen, verbietet, daß er 
je Häuptling der Cumanchees werde. Aber das Blut 


ut, 


Corah's muß wieder ein Cumanchees ſeyn. Chret im 
Sohne Corah's ven exſten Hänptling unfers Volkes !au 
. „AS der alte Häuptling diefe Worte geſprochen, 
verließ feine Seele den Körper und flog zum großen | 
Geiſte. So wurde EI Sof Häuptling ver Cumanchees, | 
als er nur erſt wenige Monden zählte. « 

„Bladengle Tehrte ind Wigwam ner Pawnees 
zurüd, und Corah und EI Sal folgten ihm. : Vier 
Häupilinge der Cumanchees begleiteten die Tochter 
El Sol's und ihren Sohn, um den jungen Spröß- 
ling zu beihägen und zu bewahren, und ihn zurüd« 
zuführen unter fein Bolt, wenn er ber Milch feiner 
Mutter nicht mehr bedürfen würde.“ 

„Blackeagle wurde ein, großer Anführer ver Paw⸗ 
nees des Toyaskflammed; er. war den Dfagen eitte 
blitzſchwangere Wolke, und fie flohen vor ihm.“ 

‚nBierzehn Sommer waren verflofien, fleben Male 
waren vier Säuptlinge ver Cumanchees gekommen, 
and eben fü viele Male waren fie wieder zurückgekehrt 
. yon der Obhut, pie fle über ihren Rünftigen Anführer 
gehalten Hatten, ald weiße Männer kamen, die jagten, 
daß der große Vater das Land zwiſchen dem großen 
Fluſſe und der Salzſee der untergehenden Sonne 


— a 

- gekauft habe, und daß fle fimen auf ven Sagogründen 
ber Pawnees ſich Hütten zu bauen. Anfangs wären 
ihrer nur Wenige, aber bald Eamen fie in größerer 
Anzahl.“ 0 

„Die Pawnees fahen ihre Fußſtapfen mit gerun- 
zelter Stine; aber Bladeagle ſprach zu ihnen und fie 
firestten ihre Hände, ven weißen Männern im Frieden 
entgegen. — Und die Weißen flahlen ihnen dafür 
ihre Pferde und betrogen. fie um ihre Felle. Einen 
Sommer. hindurch hatte Bladeagle für die weißen 
Männer gefprochen; aber die Ohren feines Volkes 
fingen an, fich feinen Neben zu verſchließen, und fie 
erhoben ihre Aexte gegen die weißen Beinde. Das 
Unkraut begann fhnell auf dem Pfade zu wachſen, 
der zwiſchen ven beiden Völkern Tag.“ 

„Blackeagle war auf der Jagd; er folgte einem 
Hirſche, der ſchnell vor feinem Feuergewehre flog, als er 
einem Saufen weißer Männer begegnete, pie mit ihren 
Gewehren ausgezogen waren. Sie fahen in das folge 
Auge des Kriegerd, und ihre Seelen dürſteten nad 
feinem Blute. Ehe er ſprach, hatte die verrätherifche 
Kugel fein Gerz durchbohrt, und er wälzte ſich in 
feinem Blute. Die weißen Männer flohen, und ver⸗ 


u Le 


ließen ven Häuptling mit dem todtlichen Blei in ke 
‚nem Buſen.“ 
„Das große Gimmelstige war hinter die Eee ge= 
ſunken, und-Eorah wartete vergebens auf nie Rück⸗ 
kehr des geliebten Gatten. Sie flarrte. ängfilich ind 
dunfle Zwielicht — fie horchte, ihre Ohren waren 
weit. offen — fie warf fih auf die Erbe, um die - 
leichten Fußtritte Blackeagles zu hören; — vergebens. 
— Kein Raut war zu hören, als dad Geheul des 
Miefenwolfe, und das Gebrülf ver Buffalos. Sie 
umſchlang El. Sol mit ihren Armen, und flärzte in 
den dunkeln Wal.” 
„Als Mutter und: Sohn den Zußflapfen ihres 
-Baterd im .bleichen glänzenben - Nachtlichte eine 
lange Weile gefolgt waren, hörten fie das Todes⸗ 
röcheln des verwundeten Häuptlings.. Das blaße Licht 
goß feinen Silberſchein auf die durchbohrte Bruſt des 
großen Blackeagle. Corah Tank an, feiner. Seite 
nieder. Ihrem Sammer: öffneten fi feine-fterbenven 
"Augen, und. er richtete, fle auf Mutter und. Sohn. 
»nGeh," * fo ſprach. er, „„und rufe bie Haͤuptlinge 
und Krieger der Pawnees; die Worte des ſterbenden 
Anführers müfjen non Vielen aufgefangen werden, 


6 


auf daß ſie die Winde nicht ſpurlos fortführen.” * 
Der Sohn flog zurüd in dad Wigwam, und fein Ge⸗ 
ſchrei erweckte Die Pawnees; fie kamen mit den Häupt« 
lingen der Cumanchees, um die Worte des ſterbenden 
Bindengle zu hören.“ 

„Als fie Alle um ihren SAupiling verfammelt 
waren, fo öffnete Diefer noch ein Mal feine Lippen: - 
» nDie Kugel des Weißen hat ven Bufen des Haͤupt⸗ 
lings zerſchmettert; er if} gefallen, und muß in ver 
Erde ſchlafen; aber die Seele Bladeagled wir das 
Angefiht des in feinen Wolfen thronenden Wacon⸗ 
dab ſehen, und feine Bitte wird die eines Pawnee 
feyn. Für EI Sol wird er bie Seele eines großen 
Kriegers erbitten, und die Stärke des Buffalo. Hd» 
et, Männer ver Pawnees, auf die [Worte des ſter⸗ 
benden Blackeagles. El Sol ift durch das Blut feiner 
"Mutter ver größte ‚Häuptling der Cumanchees, bes 
mächtigſten Volkes der zothen Männer; zu ihnen 
muß mein Sohn mit: ven edlen Cumanchees eilen, 
bie mie getrene Wächter feinen Pfad im Wigwam 
der Pawnees bewacht haben.“ Er muß gehen, ſo wie 
das Streitroß, auf dem Grabe feines Vaters getöbtet 
ik. "Sie werden ihn als ihren Häuptling empfangen, 


+5 
werben ihn lehren, das milde Pferd und feine Beinbe 
zu fangen, und fie werben feinem ſchwachen Arme bie 
Strenge des Mächtigen, feinen Füßen die Schnelle 
des Elennt geben. Sie werben ihn zu einem gewalti⸗ 
gen Anführer machen, der ſeiner Feinde lacht. Wenn 
EI Sol ſieben Sommer und fieben Winter in den ewig 


. grünen Bluren der Cumanchees gelebt, wird er zum 


N 


Volke feines Vaters zurüdfehren, und ihm fagen, 
was er gefehen, und ed führen im bie, grünen Flu⸗ 
ten über den bläulichen Bergen. — Höret, meine Brü⸗ 
der! das Iehte Wort Blackeagles. Die Pawnees find 
große Krieger; aber ihre Anzahl iſt gering, und’ bie 
Weißen find die Todtfeinde des rothen Geſchlechtes; 
ihre Seelen find finfter von Falſchheit, ihre Zungen 
ſchwarz von giftigen Lügen; fie find immer hungrig, 
ihre Hände immer ausgeſtreckt nach dem Einzigen, 
was die rothen Männer haben; fie kamen und hielten 
und ihre-Hände als Freunde hin, aber ihre Seelen 
brüteten Berrath ; fle rauchten die Triedenspfeife mit 
den rothen Männern, aber fie begegneten Blackeagle 
auf feinem einfamen Pfade, und fie fendeten ihm das 
töbtliche. Blei verrätherifch ins Herz. Meine Kinder 
find tapfer, aber ihrer find wenig; ver Weißen. find 


tm 
mehr als der Bäume des Wales. Höret vie letzten 
Worte, meine Brüder! EI-Sol ift der erſte Häupts 
Ung der Cumanchees; et wird die Kette, vie Black⸗ 
eagle zwiſchen den beiden Völkern angelnüpft, noch 
fefter fhlingen; die Lande der Cumanchees find viele 
Sonnen lang, ihre Buffalo und Pferde kann Feine 
Zunge zählen... Meine Kinder müflen dahin gehen. 
El Sol, menn er nah fieben Sommern von ihren 
Wigwams zurückkehrt, wird ihren Pfad von Dornen 
reinigen. Noch dürfen meine Brüder ven Tod Blad- 
eagles nicht rächen. Noch ift e8 nicht Zeit. — Der 
Panther kauert fich nieder, er lauert und bereitet ſich 
für den Sprung, ehe er ihn wagt. Meine Brüder 
möüffen warten, bis ſie ftarf werden, bis fie mit den 
Cumanchees vereinigt find. : Wenn fie den Tomahawk 
nun ſchaͤrfen, fo werden fie vom Angeſicht der Erbe 
weggeblafen werden; bie Arme ver Pawnees find zu 
ſchwach, einen Streich zuführen, aber die vereinigten 
Arme ver Pawnees und Cumanchees werben ven Tod 
Blackeagles rächen. Don den grünen Fluren der 
Cumanchees, ſprach die-flerbenne Stimme des Se⸗ 
hers, „„wird ver Baum der Freiheit für das rothe 
Volt erwachfen, und unter feinen duftenden Zweigen 


1. 


‚werden fie fidh verſammeln, und er wich Aden, 9 gleich 
den ewigen Felfenbergen, die fuͤr immer mit Schnee 
bedeckt find. Das WVolk von Mexito wird die eiſerne 
Ruthe brechen, mit der es der blöde Häuptling, der 
jenſeits der Salzfee wohnt, züchtigt. Nicht viele 
_ Sommer werben vergeben, und der Tomahawk wird 
für immer zwifchen den Männern Mexicos und ven 
Cumanchees begraben werben. Der Geift Bladengles, 
ber Sohn der Cumanchees, fleht den Stern Tlas⸗ 
kalas wieder erglänzen und gleich dem großen 
Mittagsgeſtirne feine Strahlen über die weiten Flä⸗ 
Ken Mexicos und der Cumanchees ſtroͤmen — dann 
meine. Brüder — dann iſt vie Zeit. gilonmen, den 
Tomahawk zu exheben.““ 
„Die ſilbernen Wolken, die das dieiche Angeſicht 
des Nachtlichtes verhüllten, floßen nun hinweg, und 
als die Maͤnner der Pawners wieder herabſchauten 
auf Blackeagle, war ſeine Seele zum großen Dane 
entfloben. * en 
„Wacondah Hat freundlich der Bitte Bnrtengles 
zugelächelt. EI Sol ift mit feinee Mutter und feinen 
Brüdern ‚ven Cumanchees, zu feinem Bolfe-wieber- 
gelehrt, mo fein Auge zuerſt das Himmelolicht er⸗ 


blickte, und die Camanchees haben um feine Stim 
die glänzenden Goldringe und bie farbigen Federn 
gewunden. Sie gingen mit ihm und zeigten ihm Die 
weiten grünm Wiefen, die nun fein Eigentbum wa» 
‚ren, und die Männer und Weiber, vie als Sklaven 
ihm, ihrem Gebieter, gehorchten. Er blieb bei feinem 
Volke fieben Sommer, ehe er -zurüd kam zu. den 
Pawnees, um die Worte feines flerbenven Baters zu 
erfüllen. Er bat die Ringe der Kette, die beide Voͤl⸗ 
fer vereinigt, glänzend gemadt, und den Pfad von 
allem Unkraut gereinigt. Die Bäume haben zwei 
Mal ihre Blätter abgeworfen, ſeit El Sol in dem 
Wigwam gewohnt, wo fein. Bater lebte; er bat oft 
feine Lippen geöffnet und zu dem Volke der Pawnees 
geſprochen, aber das ‚Herz Bisler iſt gebunden an das 
Waffer, wo fle in ihrer Jugend ihre Banoes gerubert; 
ihe Auge ‚liebt es, die Gräber zu ſehen, wo ihre 
Bäter ruhen. Ste haben EI Sol angehört, aber ihr 
Herz war in ihrem "Wigwam und auf ihren Jagd⸗ 
gründen,‘ die fie nicht: ihren Feinden, den Dfagen, 
überlafien wollten. — Aber die Stimme Waronbahe, 
der durch die Zunge Blackeagles geſprochen, muß 
gehört, feine Befehle müfen erfüllt werden. EI Sol 


Zn 6o0 ⸗— 

darf nicht. laͤnger unter ven Pawnees bleiben. Die 
Todesrede ſeines Vaters iſt in Erfüllung. gegangen; 
und die Cumanchees find Brüner der Männer Mexieos 
geworden — Herren ihrer weiten Lande. Ihre Häupt⸗ 
linge und Krieger rauchen die Pfeife des Friedens 
mit: den großen Kriegern und weißen Männern von 
Mexico, ihre Krieger find vie erften unter ihnen. 
Maͤnner ver Oconers!« beſchloß der junge Häuptling, 
indem er ſeine Rechte erhob und ſtolz in der Richtung 
der finfenden Sonne hinwies, „ber Pfad EE Sols 
führt zum nievergehenden Geſtirne, das fpät in unfre 
Fluren fommt, aber Tange leuchtet.“ 

Der Eindruck, den feine Worte auf die Verfamm- 
lung hervorbrachten, war unbefchreiblich. Alle ſpran⸗ 
gen auf, und ohne ſelbſt auf die gewöhnliche Be⸗ 
rathung und Entſcheidung ver Altern Krieger zu 
warten, riefen fie ihn Alle einmuͤthig als ihren Führer 
und Nachfolger in der Würde des Mifo aus. 

Der alte Miko erhob fid mit al dem Anſtande 
feiner königlichen Gewalt und ſprach: „Die Arme 
des Miko find welt und morfch gleich ven Aeften 
eines verdorrenden Baumes geworden; uber die EI 
Sols find ſtark; ſeine Füße werden langſam und 


- 0 > 


erflarsen, ‘aber bie. EI Sols ſind ſchnell; — der alte 
Baum erflirbt, aber er laͤßt einen Sprößling zurück 
der ihm Kinder geben. wird, unter deſſen Schatten 
ſich feine Brüder laben, ver ihnen Vater, ein Bruber 
feines Volkes ſeyn wird. El Sol wich den Oconees 
ein gütiger Milo ſeyn, wenn ãoteah zu ſeinen Batern 
geht.“ 

Mit dieſen Worten nahm er von feinem Haupte 
die Federkrone der alten Miko's, und fie auf das Gi 
Sols ſetzend, begrüßte er ihn als feinen Nachfolger. 

Die Deoners kamen nun nad) ihrer Rangordnung, 
fi vor ihm als Häuptling zu neigen und vie Cuman⸗ 
chees als Brüder zu begrüßen, worauf pie Berfamm- 
lung fi. unter Tautem, anhaltendem Freudenrufe zet⸗ 
fireute. . . 





Biebenzehntes Bapitel. 


Zudend fagt mein Daum ‚mir an, 
Etwas Böfes naht heran. 
Shalespeare. 
Die fikende Sonne leuchtete auf ein Fröhlich jubeln⸗ 
des Bölfchen herüber, das vie Bereinigung mit feinen 
neuen Brüdern mit einem gaftlichen Aufwande feierte, 


—) A 0 
der in dieſem Maße- noch nie in einem indianischen 
Wigwam jenfeits des DRifftfippi gefehen worden war. 

Sp. wie vie große Verfammlung aufgebrochen war, 
waren die Pawnees in die für fie. beſtimmten Hütten 
eingeführt worden, die ihre Wirthe mit Allem ver» 
ſehen hatten, mad ven Aufenthalt ihrer Gäfte fo an⸗ 
genehm ald möglich machen Eonnte. 

Die Pawnees, ein Stamm, der von den Hand⸗ 
arbeiten und der Hauswirthſchaft, in welchen die 
Creeks in Folge ihrer nähern Verbindung mit den 
Amerikanern bereits ziemlich große Fortſchritte ge⸗ 
macht, noch gar keinen oder einen doch nur ſehr un⸗ 
vollkommenen Begriff hatten, ſahen nicht ohne Ver⸗ 
wunderung den Ueberfluß und ſelbſt Reichthum ihrer 
rothen Brüder an Dingen, die für ſie, die bloß von 
der Jagd und dem Austauſche ihrer Felle lebten, 
gänzlich unerreichbar geweſen waren. Der Ueberfluß 
an Wolldecken, dem größten Luxusartikel, ven fie 
kannten, und Kleionngen aller Art, die verſchiedenen 
Meubles und Werkzeuge des Uderbaued ‚und Haus⸗ 
weſens vergrößerten in eben dem Maße ihr Staunen, 
als ihre Wirthe ihnen mit indianiſcher Beredſamkeit 
die Anwendung berfelben erflärten, Es war ver 


9 

Anblick niefer Ueberlegenheit, ver allmählig den Stol; 
dieſer Wilden, die ſich natürkich als das flärkere Bolt 
weit über die ſchwachen Oconees erhaben glaubten, 
auf feine gehörigen Grenzen zurüdwies, und den 
Weg zur freundſchaftlichen Verbrüderung bahnte. 

Ooch was ihre neiten Brüder in den Augen ihrer 
Gaſte am meiften erhob, war der Anblick ihrer für 
Indianer wirklich ausgezeichnet ſchönen Waffen: ein 
Punkt, der natüxlih von fo größerer Wichtigfeit bei 
Wilden tft, als bei ihnen nur die erften Krieger mit 
Beuergemehren verjehen find. Die Freigebigkeit des 
Piraten ſowohl, als-die Thätigkeit ihrer Weiber hatte 
die Oconees im Verlaufe ihrer Bekanntfchaft durch⸗ 
gängig mit Feuergewehren verfehen: ein Artikel, am 
welchen die Pawnees fehr Mangel litten. Es dauerte 
daher nicht Tange, daß beide Völker, beffer mit ein- 
ander befannt, ſich auch näher anſchloßen und Bas 
Miptrauen der ſchwächern Oconees und der Stolz 
der zurückhaltenden Pawnees ſich zu einem fröhlichen 
Ganzen vereinigte. — Als fie fih endlich auf dem 
freien Plage vor dem Council⸗Wigwam zu ihrem 
Mahle nievergelaffen, das bie Squaws und Mädchen 
num bereitet hatten, und jeder Pawnees eine Cala⸗ 


Bo 


baſſe des deliciöfen Feuerwaſſers neben fh fand, 


pa wußten fie kaum mehr ihrem Erſtaunen Worte zu 
- geben. — Canendah hatte ange zuvor für dieſen feſt⸗ 
lichen Tag ihre Vorkehrungen getroffen und ihre 
wirklich verſchwenderiſche Freigebigkeit hatte vor ven 
Augen ihrer neuen Bruͤder Schäße aufgetiſcht, von 
denen diefe nie geträumt hätten, daß fie in einem 
rothen Wigwam zu finden geweſen wären. 

‚Der Miko ſelbſt war Hoch erfreut, und zum erften 
Male leuchtete aus feinen Augen reine Zufriebenheit. 
“ Wirklich ſchien er auch ale Urſache dazu zu haben. 


Seine jehnlihften Wünſche waren ihrer Erfüllung 


nabe. Seine Tochter war auf dem Punkte, mit dem 
größten Häuptlinge vereint zu werben, von dem er 
„je gehört; fein Völkchen war ‚mit einem mächtigen 
- Stamm verbrübert. Mit. viefen glänzenven Aus⸗ 
fichten verwob fich unwillkürlich in feiner-Seele die 
Hoffnung einfliger Rache an feinen weißen Feinden. 
— Er war glücklich zum erfien Male in feinem 
langen Leben. 
. Die firengen Geiste des indianifhen Anſtandes 
- hatten bisher El Sol noch nicht Heflattet, feine Braut 
zu ſehen; als aber vie beiden Häuptlinge in die Hütte 
Der Legitime. UI. | 6. 


—ı A 


zurüdgefehrt waren, nahm ver Miko vie Hand des 
jungen Mannes und führte Ihn ins innere Stübchen. 

Kaum hatten die vier Cumanchees die Bewegungen 
der zwei Häuptlinge bemerkt, als fie die Stube ver- 
Hießen und fi} vor dem Eingange aufftellten. - 

Nimm fie hin,“ ſprach ver alte Mann, „die Dein 
ift, und möge der Ring, der Diqh an Iokeah bindet, 
nie roſten!“ 

Canondah näherte fich langſam, ihre beiden Hände 
auf ihren Bufen gekreuzt, ihr vaupt demũthig auf 
ihre Bruſt geſenkt. 

„Hat Canondah,“ ſprach der junge Mexikaner 
mit ſanfter Stimme, „El Sol nicht vergeſſen? Und 
will fie gerne in die gruͤnen Wieſen der Cumanchees 
folgen, die weit gegen die untergehende Sonne eu 
liegen ?u 

„Mein Befreier! mein Gebieter! mein Allt« — 
Iöpelte fie, ihr Geſicht an feinem Bufen verbergenn. 

Die beiden Liebenden’ ſtanden lange. in wechſel⸗ 
feitiger Umarmung, als unterbrüdte Seufjer bie 
Anweſenheit eines Dritten verriethen. EI Sol trat 
näher und fah am Ende des Lagers Rofa’ ihr Geſicht 
mit ihrem Tuche verhüllt. — Sie war aufgeftannen, 


7 — 


um El Sol zu bewillkommen, hatte fich jedoch wiever 
zurückgezogen, fo wie fie den Grund ſeines Beſuches 
errieth. Sie mochte fühlen, daß ihre Gegenwart die 
Liebenden in ihren Herzensergüſſen hemmen dürfte, 
und hatte ſich nach einem Auswege umgeſehen, war 
aber immer wieder zurückgetreten, wahrſcheinlich aus 
Furcht, die ſchrecklichen Seeraͤuber draußen zu treffen. 
Nun hatte fie fich in den Winkel zurückgezogen und 
eine Welle das Glüd ihrer theuern Freundin ange 
ſehen. Allmaͤhlig ſchien jedoch ein andres Gefühl in ihr 
aufzukeimen, ihre Augen wurden feucht, und endlich 
brach fie in ein lautes Schluchzen aus. Canondah 
entwand fi den Armen ihres Bräutigams, und, 
fich vor Rofa aufs Knie nieverlaffend, hob fle fanft 
ihr Haupt empor. und blickte ihr mit unausſprech⸗ 
licher Zärtlicgkeit in's Geſicht. 

„Weine.nicht, theure Roſa,“ ſprach fie — „Du 
wirft mit und ziehen — Canondah wird Die Schwe⸗ 
ſter wie zuvor feyn, EI Sol Bruder; — Er wird 
ſeine Augen und Ohren den Thranen ver ſeuftenden 
Roſa nicht verfihließen.“ 

Ste erhob das leidende Kind und führte. fie mit 


—d 76 — 


-fanfter Gewalt ihrem Oeliebten, zu. — Diefer faßte 
mit feinen beiden Händen bie ihrigen. 
„Die Schweſter Canondahs wird auch die Schweſter 
EI Sols ſeyn, und feine weiten Fluren werben ſie 
als die weiße Roſe der Oconees begrüßen. EI Sol 
wird ſtolz feyn, in feinem Wigwam d die weiße Roſe 
als Schweſter zu ſehen.“ 

Er ſprach die letzten Worte mit Nachdruck aus;— 
ſie ſchienen dem armen Mädchen Vertrauen einzu⸗ 
flößen. 

„Ich danke Dir, mein Bruder!“ ſprach fie mit 
Würde, „die verlaſſene Roſa hat doch wenigſtens 
eine Seele, die ſich ihrer annimmt. — Und der Miko 
hat den Dieben der Salzſee/ — fie ſtockte — 

nDer Dieb der Salzfee muß ſich um ein anderes 
Weib umſehen“ — fprah EI Sol rafh. „Die weiße 
MRoſe wird glücklich und frei:unter ven Cumancheed 
leben — und Feiner meiner Bruͤder wird fie mit ges 
rungelter Stirne anſehen.“ 

„Gott ſegne Dih, edler EI Sol,“ ſprach das 
Mädchen, ſich vor ihm ehrfurchtsvoll neigend und 
dann zurücktretend, als heftige, barſche Stimmen 
vor der Hütte gehört wurden. — 


— 17 


El Sol ſtürzte durch ven Vorhang der äußern 
Thüre zu, vor welcher der Seeräuber mit gegogenem 
Säbel ftand, wüthende Blicke auf die vier Cuman⸗ 
chees werfend. Einem derſelben war feine Lanze ent- 
zwei gehauen. Der alte‘ Häuptling hatte fich in die 
Mitte der Streitenden geworfen und war nahe daran 
geweſen, in Stüde gehauen zu werden. — 

„Ich hoffe, ich werde nicht biefe Milden da um 

Erlaubniß, Euch zu fprechen, zu bitten haben, ' 
ſprach der Seeräuber ftolz. | 

„Die Thüre zum Wigwam ift offen; aber meine 
Brüder haben fie bewacht, während ihr Häuptling 
die Tochter des Miko geſehen, vie fein Weib werben 
wird,“ — ſprach der alte Dann | im bitten ver ſöh⸗ 
nenden Ton. 

„Miko!“ erwiederte der Pirate mit einer ſtolzen 
Bewegung. „Ich bin gekommen, Euch Lebewohl zu 
ſagen. Ihr geht auf eine andere Fährte — Gutes 
Glück! Zum Beweiſe, daß ich ohne Haß ſcheide, 
nehmt Dieſes.“ Er legte einen Stutzer und ein Käſt⸗ 
hen aufden Tiſch. 

„Mein Bruder,“ ſprach der Mifo mit emer Stimme, 
der man die Verlegenheit ſtark anfah, „wird doch 


—d 78 — 


nit das Wigwam verlaffen, wenn. die Sonne be= 
reits untergegangen if. Will er nicht theflen mit 
den rothen Männern, was ihre Armuth geben kann? « 
„Lafitte iſt zu ſtolz, aus Einem Becher mit Einem 
zu teinfen, der feine Dargebotene Sand zurückgeſtoßen. 
Milo, ih wünſche Euch Glück zu Euern neuen Als 
litten. — No ein Mal, Iebt wohl.“ 
⸗Halt!“ ſprach der Miko zitternd vor Scham über 
die Zurückweiſung feier Gaſtfreiheit. 
„Mein Bruder muß, zurüdnehmen, was er ver 
weißen Rofe gegeben. Er wird dad Gold, vie Ko- 
rallen und alles finden.” Mit viefen Worten eilte er 
ins Stübchen und Fam beladen mit Kleidern und ver⸗ 
ſchiedenen nicht unbedeutenden Koftbarfeiten. — 
Der Seeräuber fand eine Weile betroffen, wie es 
ſchien, über vie flarre EHrlichkeit nes alten Mannes. 
„Behaltet,“ ſprach er, „was für mich Feinen Werth 
hat;“ und ihm die Hand drückend, wandte er ſich 
raſch, ohne die Uebrigen au nur eine Blickes zu 
würdigen. In wenigen Minuten war das Boot hinter 
dem Palmetto⸗Rohre verſchwunden. 
. Die unerwartete Abreiſe des Piraten ſchien dem 
Miko ſchwer aufs Herz zu fallen und auch die Uebri= 


—2 79 0 
gen in eine.gewifje Unbehaglichkeit zu verjegen. Sie 
ließen ſich ſchweigend zum Mahle nieber. 

Dem alten Manne war die Trennung von dem 
lebhaften Franzoſen augenjcheinlich ſehr ſchwer ge⸗ 
fallen. Dieſer hatte ſich während der zwei Jahre 
ihrer Bekanntſchaft mit einer Artigkeit, einem Zu⸗ 
vorkommen betragen, die ihm die Zuneigung des 
Indianers in hohem Grade gewonnen hatte, Er 
batte fih an feine Geſellſchaft gemöhnt und liebte es, 
ihn um ſich zu haben. \ 

Tofeah, mie wir gefehen haben, ‚war ein Mann, 
ergraut in Gefahren und jenem Mißtrauen, das ven 
gebrücten ſchwächern Indianern gegemüber ihren 
ſtärkern meißen Unterprüdern. natürlich ifl. Die 
mannigfaltigen DVerräthereien,_ zu denen. er wahr- 
ſcheinlich in jüngern Jahren feine Zuflucht nehmen 
mußte, um Diefen einigermaßen die Spige zu bieten, 
und bie wieder mit berfelben verrätherifhen Münze 
„bezahlt worden waren, hatten feine im Grunde. Hoch 
berzige und wahrhaft Eöniglihe Seele getrübt; — 
die Maske jedoch, in ber Kafitte ſich ihm. genähert, 
war ip himmelweit von dem kalt abweiſenden, höh⸗ 
niſch verächtlichen Weſen verſchieden geweſen, in 


u — 


welchem ihm die Amerikaner ihre Ueberlegenheit 
fühlen ließen, daß eriallmählig zu. ihm -Zutrauen 
oder vielmehr Zuneigung gefaßt hatte. 

Der Seeräuber hatte für die toben Produkte und 
die verſchiedenen Artikel, die ihm die Deonees zu 
liefern im Stande waren, nicht nur auf eine wirklich 
freigebige Weife bezahlt, ſondern dieſer Austaufch 
war auch nicht mit den mindeſten Symptomen von 
Meberlegenheit feinerfeits betrieben worden; im Ge⸗ 
gentheile, er Hatte fi den Indianern ganz gleich 
geſtellt. Es ſchien, als. ob er jeinen jevedmaligen 
Aufenthalt im Wigwam als eine Erholung von feinen 
blutigen Umtrieben angefehen hätte. Er hatte mit 
ihnen getanzt,” gejagt und ſich allen ihren Unter- 
haltungen auf die natürlihfte Weife angefchlofien. 
— Den alten Mifo Hatte feine unerfhöpfliche Sprach⸗ 
feligtett und Reichthum an Eriegerifchen Abentenern 
oft. bis Mitternaht wach gehalten. Der muntere, 
luſtige Säuptling dee Salzſee, der mit einer liebens⸗ 
würdigen Anfpruchlofigfeit die glaͤnzendſte Freigebig⸗ 
keit vereinte, und in feinem Verkehr eine Ehrlichkeit 
und Gewiſſenhaftigkeit zu erfennen gab, melde die 
Indianer. noch nie gefehen, und die mit den Betrü« 


1 


gereien der Weißen ſo ſeltſam abſtach, hatte feine 
ganze Zuneigung gewonnen. Sein Prablen mit feinen. 
Waffenthaten bezog fih. zudem fo ganz auf fich ſelbſt, 
und hatte für den Miko, mit deſſen Volke er nie in 
Feindſchaft geweſen, ſo wenig Beleidigendes, daß die 
Eigenliebe Dieſes auch nie verletzt worden war. Es 
war, ſo ſprach er öfters, ein ungeheurer Unterſchied 
zwiſchen den höhnenden, kaltherzigen und alles mit 
Verachtung wegweiſenden Dankees, wie er gewöhn⸗ 
lich die Amerikaner nannte, und dem artigen, freund⸗ 
lichen Haͤuptling der Salzſee, der mit feinen Thaten 
prablte, ohne die. Anderer herabzufegen. 

So war ed denn natürlich, daß fich der Serräuber. 
gewiffermaßen in feinem Herzen auf eine Art gebettet 
hatte, die ſelbſt die Entdedung feines wahren Cha⸗ 
rakters nicht mehr in Gleichgültigfeit oder Beratung 
umzuwandeln fähig war.. 

Er hatte deßhalb nicht ohne Seelenkampf Ibm an⸗ 
gekündigt, daß ihre Verbindung nun getrennt werden 
müßte, und vielleicht würde er doch noch, trotz ſeines 
Mikoiſchen Stolzes, wentgftens eine gewiſſe entfern- 
tere Verbindung erhalten haben, wenn nit EI Sol 
geweſen wäre. 


—d #2 0 


AS er aber Diefem in ver Yinterrebung, die fle vor 
der Berfammlung hatten, einige Winke rückfichtlich 
der Vortheile gab, die auch den Cumanchees von 
einem nähern Verbande mit dem Seeraͤuber zufließen 
müßten, warf ver edle Mexicaner die bloße Zumu⸗ 
thung mit einer Verachtung von ſich, bie dem Miko 
für immer den Mund ſchloß. 

„Bisher,u jo ſprach ber enle Wilde, „waren bie . 
Oconees die Unterdrückten, und als foldde werben fie 
von den Cumanchees mit offenen. Armen aufgenom⸗ 
men werben. "Ihre Hände find nicht mit Diebflahl 
befledt, ihre Wigwams nicht mit geftohlener Beute 
der Geplünderten gefüllt.-- Wenn Tokeah fich mit 
dem Diebe vereinigt, werden die Cumanchees ihre 
Dörfer vor ihm fchließen ; die Oconees würben ver⸗ 
dienen, daß man fie gleich reißenden Panthern mit 
Hunden hetze.“ 

Des jungen Mericanerd Auge hatte lange und for= 
ſchend auf vem Seeräuber gerubt, ver ihm, wie es 
ſchien, nichts weniger als angenehm war. Vielleicht 
daß er, der freier in feinen Verhaͤltniſſen, und nicht 
durch Furcht und eine herrſchende Leidenſchaft nieder⸗ 


—O 83 Ga 


gedrückt war, auch unbefangener urtheilen Eonnte. 
Er fühlte fich in ner Nähe des Seeräubers unheimlich. 
Das Dörfhen war im-größten Aufruhr. Wildes 
Jauchzen, ver Schall ver Trommeln und der Schellen 
hatten, mit den allzu reichen Gaben Canondahs, die 
Freude des Völkchens zur Tollheit geſteigert. 
Die Pawnees hatten mit den Oconees fh zum 
Nachttanze vereinigt. — Und nun führten ſie den 
Kriegertanz ihres Stammes auf. 

Der junge Häuptling hatte ſchweigend ſeinen Ge⸗ 
fährten zugeſehen, und war wieder mit bedenklicher 
Miene in die Hütte zum Miko zurückgekehrt. 

„Mein Vater,“ ſprach er in einen: ehrerbietigen, 
aber zugleich heflimmien Tone, „ift weile, und feine 
Augen ‘haben ver Sommer viele: gejehen; aber bie 
Seele des Diebes iſt ummölft.“ . | 

„Es ift die Seele eines tanzenden Mädchens; bie 
fich umwölkt, weil: man ihr ihre Gorallen genom⸗ 
men,“ erwieberte der alte Mann, auf ven Vorhang 
deutend, hinter welchem Rofa war. 

nSeine Zunge ift die Zunge einer Schlange, aber 
ſte ift nicht Halb fo giftig, als der Stachel feiner 


Mn: - 


Augen — feine Seele ſchießt drohende Blicke. Dein 
Bater muß feine Augen weit aufthun.« 

„Tokeah Hat ihn zwei Sommer gefehen, und bat 
ein Mäpchen erblickt,“ ſprach ver alte Mann mit der 
Zuverfichtligkeit, Die dem Alter eigen ift, das feine 
angenommene Meinung nit fahren laſſen will. 
„Seiner Männer find wenige,“ fügte er hinzu, „und 
die Uebrigen find Über vier Sonnen gegen die Salsfee 
zu, und El Sol weiß, daß die Oconees morgen 
aufbrechen.“ 

Obwohl er wußte, daß der Seeräuber ein Boot 
den Fluß hinabgeſchickt hatte, To that er von dieſem 
Umftande doch Feine Erwähnung, entweder meil es 
fih währen des verlängerten Aufenthaltes Lafittes 
häufig ereignet hatte, oder ex e8 nicht der Mühe werth 
hielt, die Unruhe feines Gaftes durch eirte anſcheinend 
fo unbedeutende Mafregel zu vermehren. Es war 
dieſelbe Eigenliebe für feine einmal angenommene 
Meinung, die feinen Mund verſchloß. Es war ein 
Mann, der, wie wir gefeben haben, fo wie der 
Tiger an dem zerfleifhten Büffel und die wilne Rebe 
am Cottonbaume, fo an der einmal vorgefaßten guten 
oder böfen Meinung hing. Er hatte nun einen gün= 


>85 9 


ſtigen Begriff von dem Seeräyber, und dieſer hatte 
ſich in ſeine Seele gleich den übrigen eingegraben, 
und nichts in der Welt war im Stande, ihn daraus 
zu verdrängen. Der junge Mericaner ſchien beruhigt 
und ſchwieg. 

‚Die Nacht. war weit vorgerückt, und ber Yang 
vorüber, die Töne der Inſtrumente waren verklungen, 
bloß einzelne Stimmen ließen ſich noch hören; all⸗ 
mählig ſchwiegen auch dieſe, und das Dörfchen ver- 
ſank in Ruhe. Der alte Miko faßte nun die Hand 

El Sols und führte ihn ins Stübchen. 

. »Banondah !u ſprach er mit milder Stimme. 
Das Mädchen ſtand bereits vor ihm, ihre Hände 
wie gewöhnlich auf ihren Bufen gefaltet. Ein melan- 
choliſ ches Lächeln ſpielte auf ihren ängftlichen Zügen und 
eine Thräne perlte über ihre Wangen. Ihre liebens⸗ 
würdig muntere Laune ſchien auf immer von ihr ge⸗ 
flohen zu ſeyn. Der Vater nahm die beiden Hände 
des jungen Mannes und, fie auf die Schultern.ber 
Tochter legend, übertrug er. fo feine vaͤterliche Gewalt 
auf ihn; — dann legte er ſeine beiden Hände auf 
ihre Scheitel und ſprach: 


—, 86 0 


„Möge der große Geiſt Eure Vereinigung mit 
vielen tapfern Kriegern fegnen!a “ 

„Und fol El Sol fein Weib mit ſchmerzerfülltem 
Herzen in ſein Wigwam führen?“ ſprach mild der 
Bräutigam. ” 

„El Sof if Eanondah teurer, ae die Sehnen 
ihres Lebens; er iſt die lieblichfte Blume, die ihr 
Auge je gegrüßt; ſeine Stimme iſt ihren Ohren 
Muſtk, und ſeine Liebe der Born ihres Lebens; aber 
die. Bruſt Canondahs iſt enge und droht zu zerſprin⸗ 
gen. — Der große Geiſt flüflert ihr etwas zu, aber. 
fie kann feinem Flüſtern feine Worte geben.” Sie 
ſprach diefe Worte und faßte dann Roſa beinahe 
fieberifh an, und drückte einen langen Kuß auf ihre 
Lippen. — Bereits war fle zur Ihüre hinaus, als 
fie nochmals zurüd eilte und Roſen umfing. „Rofe, « 
murmelte fie mit hohler Stimme, „willſt Du dem 
Miko Tochter ſeyn, wenn Canondah nicht mehr iſt?“ 

nIh wid za ſchluchzte Roſa. 

„Verſprichſt Du mir bei dem großen Geiſte ihn 
nicht zu verlaſſen 7⸗ 

„Ich verſpreche es,« ſchluchzte Mofa flärker. 

Der Miko, der ſchweigend und im Nachdenken 


—ı 97 — 


verſunken geſtanden war, machte nun ein Zeichen, und 
Canondah ſchwankte ihrem Gatten zu, der fie in feine 
Arme ſchloß, und mit ihr in das Councilhaus ging, 
wohin. Tokeah vorangeſchritten war. 


Adıtzehntes Kapitel. 


Ich bitte Euch, tretet leiſe damit ber. blinde 
Maulwurf keinen Fuß fallen höre. 

Shakespeare. 
Mitternacht war vorüber, und Dorf und Flur im 
tiefften Schlafe begraben. — Von dem Ufer her ſtahl 
ſich ein Dann im behutſamen Schritte auf die Hütte 
des Mifo zu; er hatte einen gezogenen Säbel unter 
dem Arm, und blickte, als er zur Raube vor dem 
‚Häuschen gefomnten war, fiheu und benächtig um fich, 
dann, fi wendend, war er im Begriffe, eben fo ftill 
und leiſe zurüdzufehren, als ploͤtzlich eine Büffel⸗ 
ſchlinge um feinen Naden fiel, und er zur Erde ge= 
worfen ward, fo ſchnell und unwiderſtehlich, daß es 
mehr das Werk eines unterirdiſchen, denn eines menſch⸗ 
lichen Weſens ſchien. Der Säbel entfiel ſeiner Hand, 
ehe er noch im Stande war, ihn feinem Halſe zu nä⸗ 


+ 


bern, und fo die Schlinge zu zerſchneiden, mit ber er 
gefangen war. Das Ganze war mit einer fo verrä- 
therifchen Schnelle und Heimlichfeit vor ſich gegangen, 
daß eine Schaar- bewaffneter Männer, vie näher der 
Bucht und faum dreißig Schritte von der Hütte ent- 
fernt flanden, in gänzlicher Unwiſſenheit Über das 
Borgefallene waren. Do num brach eine Stimme 
von unſichtbaren Lippen, die die Todten in ihren Grä- 
bern hätte aufregen Tönnen, und die Thüre des Coun- 
eil⸗Wigwams flog mit einem gewaltigen Gekrache auf, 
and mitten unter dem Aufleuchten von Schüffen, Die 
vom Ufer her Erachten, flürzte eine Eräftige Geftalt 
aus ver Hütte, Die etwas Schweres in ihren Armen 
trug ‚. und zwifchen den Gebüfchen und Heden ver- 
ſchwand. Eine zweite Stimme ließ ſich nun verneh— 
men, die dem Innerften von taufend Kehlen zu ent⸗ 
fteigen ſchien, und die ſich nun in jener Richtung, jeder 
Hede, jedem Gebüfche vervielfältigt Hören ließ, fo 
furchtbar raſend, als ob die Dämonen der Hölle los⸗ 
gelaſſen, in ihren- nächtlichen Nafereien tobten. Zu 
gleicher Zeit begann ein regelmäßiges Belotonfeuer 
vom Uferkamme herüber zu rollen, und eine Hütte 
nach der anderen fing an in bläulichten Flammen auf- 


9 89 — 


zufladtern, bie zitternb und an Ausdehnung gewinnend 
bald ins hellglänzende Roth übergingen und ſich über 
Dad und Hütte hinlagerten. Mitten In dieſem fürd- 
terlichen Aufruhr war nochmals eine Stimme gehört 
worden, die dem Brüllen des Löwen glich, wenn er 
raſet in feiner höchſten Wuth. Es war der Warw⸗ 
hoop EI Sols. 

Der edle Mericaner war vurch den Nachtgeſang 
ſeiner geliebten jungen Gattin in Schlaf gelullt wor⸗ 
den, als ihn der wohl bekannte Deu weckte. Mit der 
einen Hand hatte er fein geliebtes Weib erfaßt, mit 
der anderen jein Schlachtmeſſer und feinen Stutzer, 
und dann flürzte er aus der Thüre, wo ihneine Salve 
von Musketen begrüßte. Der Häuptling fühlte feinen 
Iinfen Arm durch eine Kugel geftreift, er begann zu 
zittern, ein leichter Schauer zuckte durch feine Glieder. 
„Canondah,“ murmelte er in heiſerem Tone, indem 
er, gleich einem verwundeten Hirſche, über die Hecken 
dem Walde zu ſprang — „Canondah fürchte nichts, 
Du biſt in ven Armen EI Sols!“ 

Ste gab Feine Antwort, ihr Haupt war auf ihre 
Bruſt gefunken, ihr ganzer Körper fing an krampf⸗ 
haft zu ſchlottern und ſich zu dehnen; — einen Augen⸗ 

Der Legitime. IL 7 


— 0 > 


blick ſchoß der furchtbare Gedanke durch ſeine Seele 
— aber es war unmoͤglich, ſein Arm hatte die Kugel 
aufgefangen; bloß Schlaf und Schrecken hatten fie 
überwältigt, das Blut, das über ihn geronnen, war 
aus feiner Wunde gefloffen. Noch während er vor 
feinen verrätherifch unfihtbaren Feinden flog, Famen 
feine heulenden Krieger aus jeder Hütte, jeber Hecke, 
beinahe inftinftartig auf ihn zugeſtürzt. Ehe er zum 
Waldesrande gekommen, ſah er ſich bereits von ſeinen 
Getreuen umringt. „Es iſt der Seeräuber, u flüfterte 
er feinem Weibe zu, drückte noch einen Kuß auf ihre 
Lippen, und legte fie fanft auf pen Rafen hin, dann 
in bie Mitte feiner Krieger tretend, Tieß er ven ſchreck⸗ 
lien Kriegesruf ertönen. — „Sieh die Treue des 
weißen Diebes!“ indem er auf die im Feuer auflo⸗ 
dernden Hütten wieß. 

Es war ein wilb fehöner, ſchauerlicher Anblick; be= 
reits mehr denn dreißig Hütten waren hoch in Flam⸗ 
men aufgelobert, und beleuchteten den ganzen herrli⸗ 
‘hen Ufergürtel; vie breiten Blammenftreifen, die durch 
bie Vistas der Cypreſſen und Mangroven auf den 
Waſſerſpiegel fielen, zeigten jebe Hütte deutlich im 
erglängenden gerötheten Wiederfchein. Noch immer 


— 1 e— 

wurden einzelne Schüſſe gehört, und nach jedem flackerte 
eine Hütte auf. Um den jungen Mexicaner herum 
war plögfich eine tiefe Stille eingetreten, bloß von 
dem Geheule einzelner verfpäteter Pawnees und Oco⸗ 
nees unterbrochen, die in ihrer Trunkenheit noch nicht 
wußten, wen ſie als ihren Feind zu betrachten hatten. 

no iſt der Miko ?u fragten fünfzig Stimmen. — 

Keine Antwort. — Ein weiblicher Angſtruf tönte 
vom Ufer her und verſcholl in den Lüften. EI Sol 
war fü chweigend geſtanden, ſein Auge auf die brennen⸗ 
den Hütten gerichtet, hinter denen, nahe am Ufer 
kamme, die glänzenden Feuergewehre der Seeräuber 
deutlich zu erfehen waren. Nicht über fünf Minuten 
waren verftrichen, feit der erfte Dell die Gegenwart 
von Feinden angezeigt Hatte; aber bereitö hatte ber 
junge Krieger feinen Plan entworfen, und er gab 
nun feine Befehle in dem entſchiedenen Furzen Tone, 
der Bewußtfeyn unbegrenzter Gewalt und zur Ge⸗ 
wohnheit gemorbenen Gehorfam verrieth. Einer der 
Cumanchees, gefolgt von der Mehrzahl der Pawnees 
und der Oconees, glitt durchs Gebuͤſch hin, während 


er ſelbſt mit den drei übrigen Cumanchees und einer 
7 * 


æa e⸗ 
Schaar verfuchter Pawnees längs dem Waldesſaume 
fortſchoß. | 

Der breite Gürtel, auf dem das Dörfchen zer- 
fireut lag, ſchwoll, wie wir bereits erwähnt haben, 
unmittelbar am Ufer in einen zweiten etwas erhöhten 
Kamm an, der mit Mangroven und Myrthengebü- 
then überwachfen war, und durch ben ein breiter Fuß⸗ 
weg mitten hindurch führte. Die Erhöhung über ven 

" Gürtel mochte zwanzig Fuß beitragen. Diefer Gürtel 
lief. die ganze Länge des Dörfchens hinab, ausgenom⸗ 
men an der Bucht, wo ihn die Natur in einen Fleinen 
Hafen ausgebrochen Hatte. Nahe an dieſem verrieth 
dad Glänzen ver Musketen ein ſtarkes Piquet, das 
wahrſcheinlich beflimmt war, die Bonte zu bewachen. 
Diefed Piquet wurde allmahlig durch einzelne ſchar⸗ 
muzirende Seeräuber verflärkt, die die Hütten in Brand 
geſchoſſen Hatten. 

Längs dem bebüfhten Gürtel waren mehrere Vor⸗ 
poften aufgeftellt, welche die Verbindung zwiſchen 
dem Piquet an der Bucht und einem zweiten Poften, 
der zur Hütte des Miko vorgebrungen war, erhalten 
und, nad Bedürfniß, das eine oder dad andere un⸗ 
terftügen follten. 


— > — 


Es ſchien aus dem Ganzen hervorzugehen, daß der 
Seeräuber es darauf angelegt habe, den Miko und 
ſeine Pflegetochter aufzuheben. Vermuthlich würde 
es ihm auch ganz in der Stille gelungen ſeyn, wenn 
nicht zwei Cumanchees, nach der Sitte ihrer Nation, 
während der Brautnacht vor der Thüre ihres Häupt⸗ 
lings die Wache gehalten hätten. Auch ſie hatten in 
vollem Maße die verſchwenderiſche Gaſtfreundſchaft 
des Miko und feiner Tochter genofien; aber ihre 
Sinne, oöbwohl hetiubt, waren nicht ſtark genug an- 
gegriffen, um bie den indianiſchen Ohren fo leicht 
merkbaren Fußtritte eines Weißen zu verkennen. 

Der Seeräuber mochte die Indianer während der 
zwei Jahre feines Verkehrs zu genau Ins Auge ge 
nommen haben, um nicht. die Schwierigfelteh eines 
Kampfes bei Tageszeit einzufehen, wo jeder feiner 
Männer ein Teichtes Ziel der hinter ven Bäumen und 
im Gefträuche verſteckten Wilden geworden wäre; er 
Hatte deßhalb die Nacht gewählt und, um fi wor 
einem Lieberfalle im Dunkeln fo viel als möglich zu 
ſchützen und zugleich Schrecken unter feine Feinde zu 
verbreiten, hatte er die Hütten anzünben lafſfen. 

Drei geübte Schützen waren in geringer Entfernung 


— 1 


vom Couneil⸗Wigwam aufgeftellt,, mit der beflimm- 
ten Weifung,, den jungen Häuptling, den ex als den 
gefährlichften feiner Gegner erkannte, niederzuſchießen. 
Er ſelbſt mit einer gewählten Schaar war zur Hütte 
des Miko worgebrungen, hatte diefe umringt, und 
fich deren beiden Bewohner bemächtigt. Wahrſchein⸗ 
lich Hatte der fonft fo nüchterne Miko dießmal gleich 
falls. feine Mäßigkeitsregel übertreten, und war jo 
dem Seeräuber bewußtlos in bie Hände gerathen. 
Sp ſchnell und beflimmt waren alle Bewegungen auß= 
geführt worden, daß kaum der erfle Aufruf zu ven 
Waffen erflungen, als auch bie Hütte bereits um⸗ 
ringt, und der Milo mit der weißen Roſa in der Ge⸗ 
walt des Seeräuberd waren. Diefer hatte nun feine 
Truppe in ein Fleined Viereck gebildet, und war der 
Hütte gegenüber am erwähnten Ufergürtel angelangt. 
— Die Truppe marfchirte im rafhen Doppelfchriite. 
Kein Indianer war zu fehen oder zu hören. Das 
Viereck war bereitd in der Nähe der Bucht, und nur 
wenige Schritte vom daſelbſt ftationisten Piquet ent⸗ 
feint; — einige Schritte. mehr, und fie waren in 
ihren Booten, die ein paar Ruderſchlaͤge in Die Mitte 
des Stromes und fo aus dem Bereiche ver Kugeln 


8 > 


der Indianer bringen konnten. Eine Verfolgung mit 
ten Canoes, in denen jeder Indianer einen flchern 
Schuß varbot, war nicht gedenkbar. — So mochten 
vie Pläne des Piraten, nach der Entwicklung derſel⸗ 
ben zu ſchließen, geweſen ſeyn. Er mar nun auf dem 
Punkte, fih mit feinem Biquet am Ufer zu vereinigen, - 
als auf ein Mal das Gebüſche unmittelbar vor ihm - 
rege zu werben anftng, und bie im Feuer glühend rot 
erfeheinenden Indianer fi blicken ließen. — „Schul⸗ 
tert!“ kommandirte der Seeräuber feine Maͤnner, bie 
feft und ruhig fortmarfchirten und mit einer Art Ver⸗ 
wunberung auf pas Gebüſche Hinfchielten, wo es fi 
zu regen anfing, als ob einige Dutzend Anacondas 
fich durchwänden. Sie hatten fi ans Piquet anges 
fohlofien und das Eleine Vierer öffnete fi. 

Lafttte warf Rofa in bie Arme eined Matrojen und 
fließ dann den Mifo über den Uferrand dem Boote 
zu. Der alte Mann fan: wie eine lebloſe Maſſe in 
niefeß hinab. Lafitte hatte ſich ſchnell zu den Seinigen 
wieder gewandt. Das erſtere Piquet hatte fich bereits 
unter dem Kamme außer dem Bereiche jeder Kugel 
gezogen, nur das Quarrs fehlen nach vie Bewegun⸗ 
gen feiner Feinde zu beobachten und ven allgemeinen 


= e— 
Abzug decken zu wollen. Es wat eine Feine, aber 
fürdterliche Bande von etwa vieründzwanzig Mann, 
zu ber alle Nationen, alle Welttheile, alle Farben 
und Sprachen, ein gräßliches Quantum abgegeben 
Batten.. Morpluft im funkelnden Auge, ſtanden fie 
mit aufgepflanzten Bajonetten; kein Laut entfuhe 
ihnen. Sie hatten fi in eine Angriffscolonne ge= 
formt. — Plötzlich erfchallte ver Warwhoop aus hun⸗ 
- dert Kehlen und das ſchreckliche Geheul wiederholte 
fich, verflärkt durch die gellennen Töne der Squaws 
und Mäaͤdchen, die im fehauderuollen Chorus den 
Todtengefang- anftimmten und gleich Dämonen um 
die brennenden Hütten herum liefen. Auf einmal 
ſtürzten die Indianer, gleich fo vielen Tigern In ihren 
Höhlen angegriffen, mitrafendem Geſchrei der Buchtzu. 
Ein tückiſches Lächeln umſpielte die rauhen Züge 
des Piraten, als die Indianer auf ihn und feine 
- Bande losſtuͤrzten; — „Reſerve vor!“ — wandte er 
fich zu dem unten ſtehenden Piquet — und wieder 
ſchwieg er. — Er ließ die heulenden Indianer heran⸗ 
toben, bis fie neun Schritte vor der Muͤndung feiner 
Gewehre waren und rief dann ein heiſeres „euer! 
— und die erſten Reihen der Angreifenden wälzten 


— 7 


fich in ihrem Blute. — Die Wilden prallten auf einen 
Augenblick zurück und dann ſtürzten fie mit- einem 
ziweiten verzweiflungsvollen Sprunge an vie Seeräu- 
ber. — Diefe Hatten kaltblütig ihre Gewehre in ven 
Hinten Arm geworfen und nad ihren Biftolen gegrifs 
fen; — eine zweite Salve ‚ verflärkt durch das Feuer 

des Reſerve⸗Piquets, warf die Wilven in gaͤnzliche 
Ungrbnüng. Der Abhang mar mit Tödten und Ver⸗ 
wundeten bedeckt. — Heulend flohen bie übrig Sr 
bliebenen ihrem Verſtecke zu. 

„Marſch!“ kommandirte ver Seeräuber, und das 
Piquet näherte ſich wieder dem Boote und die Cor 
Tonne fehritt-ihm nach. — ' 

In dieſem -entfeheivenden Momente wurden vier 
ſchwer plumpenve Fälle von dem Fluſſe herauf ge= 
hört. Der Seeräuber wandte fi und ſah feine vier 
Ruderer, die er zur Bewachung der Boote zuräidige- 
Iaffen, aus dem Wafler noch einmal auftauchen und 
dann verſinken, um nie wieder zu erſtehen; zugleich 
ſchoß die Yacht. und das’ kleinere Boot, durch eine 
unfichtbare Gewalt getrieben, vet a in die Mitte 
des Stromes. ' 

"Daß iſt der Mericaner ‚u rief ber Pirate —* 


— 8 ⸗— 


Inirfihenn und feine harten Züge verzerrend. Gin 
paar Piſtolenſchüſſe ſandte er dem Boote nach,fie 
wurden durch ein dumpfes Lachen erwiebert. . - 
Die Seeräauber wandten fich, ſahen ihre Bogte 
verſchwunden und ſtanden, als ob der Blitz unter ſie 
gefahren waͤre. — Schnell ermannten ſie fi jedoch. 
— Ihre Gewehre waren wieder friſch geladen, und 
feſt wie Felſen erwarteten. fie ven neuen Angriff; — 
er blieb nicht aus. — Eine Salve, vom &luffe her, 
regte. ſie plöhlich aus ihrer Spannung auf, eine zweite, 
noch befler gerichtete, Hatte ein Drittel zu. Boden ge= 
ſtreckt: Und nun erhob ſich der fürchterliche Kriegs⸗ 
ruf nochmals, und die rafend gewordenen Wilden 
fürzten auf die Matroſen zum dritten Male. — Noch⸗ 
mals krachte es laut von den Booten her, und dann 
fprang der Mericaner mit feinen. Gefährten wie Teu⸗ 
fel unter die entjeßten Seeräuber. Der Kampf war 
kurz. Unfaͤhig, dem fürchterlichen Anprange von vorn 
und von hinten zu widerſtehen, warfen bie Seeräu⸗ 
ber ihre Waffen weg und ftürzten ſich Häuptlings in 
den Fluß, den Tomahamfs Ihrer raſenden Teinde zu 
entgehen. u 

Ihr Capitain allein fehlen feft entſchloſſen, fein 


Leben fo theuer als möglich -zu verkaufen. Seinen 
Rüden. an den’ Uferfamm. gelehnt, feinen Säbel in 
der Rechten, eine Piftole in der Linken, varirte er 
den Streich eines Oconees, der auf ihn blindlings an⸗ 
geflürgt kam und hieb ihm den Kopf vonr Rumpfe, 
einem. Zweiten jagte ex eben fo ſchnell eine Kugel durch 
die Bruſt und hob eben feinen Säbel, als ein Laſſo 
um ſeinen Sale und er wie ein Se “oo zur Erde 
fiel. - 

Der Tange und d furchtbare Del, ver. nun über den 
ganzen Ufergürtel Hinfuhr, verkündete ven volföm- 
menen Sieg der Wilden. 


Mennzehntes Kapitel: - 


- Nicht an Deiner Schubfohle, an Deiner Seele 
machſt Du Dein Mefler Scharf; venn kein Metall, 
-felbft keines Henker Beil, kann halb fo ſcharf 
ſeyn, als Dein geſchaͤrfter Haß. 
Shakeßpeare. 


Reine Zunge wuͤrde ſabig ſeyn, den jammervollen 
Anblick zu ſchildern, den der folgende Tag darbot. 
In einem weiten Ringe vor dem Platze, an wel⸗ 


— 10 9 
chem das. Counctil⸗Wigwam geſtanden, waren die 
vierzig erſchlagenen Pawnees und Oconees ſttzend auf⸗ 
gerichtet, mit ihren Rücken an Baumflämme gelehnt, 
die man ‚von den nicht verbrannten Hütten genom⸗ 
men. Ale waren in ihrem Schmucke und’ als Krieger 
gekleidet, die fo prachtvoll wie möglich vor bem- An- 
geſicht des großen Geiftes zu’ erſcheinen Hatten, um 
von ihm ihre Belohnung zu erhalten. An der Seite 
jedes Pawnees fland fein Streitroß, mit feinem Feuer⸗ 
gewehre ‘oder felner Lanze behangen, dad ihn auf feiner 
weiten Reiſe in vie ewiggrünen Wiefen zu begleiten 
beftimmt war. Bor den Oconees waren Pfähle in 
die Erde getrieben‘, an denen ihre Gewehre, Toma⸗ 
hawks und Schlachtmeſſer mit einem Fleinen Nebe 
hingen, in welchem die Kopfhaut eines Feindes ein« 
geſchloſſen werden ſollte. Einige Schritte ſeitwärts 
und gegen die Hütte des Miko waren die ueberreſte 
ſeiner Tochter aufgerichtet; — ihr Haupt ruhte auf 
zwei Stangen. Sie war in ihr Brautkleid gehüllt, 
und vor ihr lagen alle ihre Kleider. Ihre Ohren und 
Hände waren mit Gold⸗ und Silberarmſpangen und 
Ohrentingen gefämüdt. Zwei Kugeln, ihrem Ges 
liebten beftimmt, Hatten ihr edles Herz durchbohrt; 


—d 191 — 


and noch im Tode fpielte ein fanftesLächeln umihren 
lieblichen Mund. 

Hinter dieſer Jammerbildern und auf per fe des 
Council⸗Wigwams war ein großer Scheiterhaufen 
errichtet, auf dem die Körper von fünfundzwanzig 
Serräubern, mit ihren graͤßlich blutigen Köpfen lagen, 
von denen die Haute abgeriffen waren ; etwaß niedri⸗ 
ger und um ven Scheiterhaufen herum lagen ver Ca⸗ 
pitain der Seeräuber und zwölf Gefangene, an Hän- 
den und Füßen mit Buffaloriemen zuf emmengef chnürt, 
ihren Urtheilsſpruch erwartend. 
Hinter dem Scheiterhaufen ſah man bie offenen 

Gräber für die erſchlagenen Indianer. Sie waren auf 
allen‘ Seiten mit der Rinde des Cottonbaumes belegt. 
An den vier Ecken waren Pfaͤhle in die Erde geſteckt, 
die über dem Grabe gebogen und auf denen eine zweite 
Schichte von Cottonrinde lag. Eine Oeffnung war 
gelaffen worden, durch die der Leichnam ind Grab 
geſchoben werden füllte. Vor jenem Grabe ſtak ein 
in Blut getränkter Stab, tief in die Erde getrieben, 
auf dem die Kriegstrophäen des Erſchlagenen aufge⸗ 
Reit m werden ſollten, nämlich des Feindes Sal, ber 


—, 1 &— 


in eim kugelrundes Netz eingefiloffen zu werden be= 
ſtimmt war. 

Am äußerften. Ende war das Grat Canondahs. 

Es ruhte gleichfalls auf Cederſtaͤmmchen, deren 
jedes zwei bis drei Zoll im Durchmeſſer Hatte und 
war ganz mit Rinde ausgefuͤttert, die wieder mit 
Seidenzeugen uͤberkleidet war. Auf ein Kiffen mit 
Tillandſea ausgeſtopft und mit Atlas überzogen; ſollte 
ihr Haupt zu liegen kommen; rings um das Grab 
herum waren Schößlinge von Palmen und Mangro= 
ven gepflanzt. Die Eeverftämme waren gleichfalls zu _ 
einem Dache verbunden und beflimmt, einem zweiten 
Dache zum Stügpunkte zu dienen, fo daß die Ueberreſte 
ber Tochter des Miko vor jeder Unbilde geſchützt waͤren. 

Die Begräbnißanftalten waren während der Nacht⸗ 
zeit und, ben Tag hindurch mit. unglaublicher Thätig- 
feit, aber ununterbroch enem Geheule und Sammer 
zu Stande gekommen. ° 

Die Lebenden waren nur mit Mühe von den Tobten 
zu. unterſcheiden. 

Gegenüber ven gefallenen ariegern ſaßen in einem 
Halbmond die Männer der drei Stämme, ihre Ge⸗ 
mwänber über ihre Gefichter geſchlagen, ihre Häupter 


—, 18 e— 


auf ihre Bruft gefenkt, ihre Schenkel kreuzweiſe in 
einander geflochten; Alle in ver tiefflen Trauer. Sie 
waren unbedeckt, und. bie geflochtenen Scheitelbüſchel 
ber Pawnees hingen nachläſſig ihren Naden herab. 

Dben an fäßen der Mifo-und:der Häuptling ver 
Cumanchees; 3 — Tokeah ſchien ruhig und gefaßt; 
aber das erſtorbene verglaste Auge, die convulfiviſch 
verzogene Stirne und Lippen und die gelbe Todten⸗ 
farbe bezeugten die Eiſeskälte, die in ſeinem Herzen 
Platz genommen. Ex war unſaglich elend geworben: 
der einzige Troft, der ihn am Leben bisher erbalten, 
feine übrigen Tage noch erheiteen helfen follte, war 
von ihm gewichen. — 

El Sol war gefaßter, aber auch ſein edles Haupt 
war im tiefſten Schmerze auf die Bruſt geſunken, 
und dann hob es ſich wieder, und er ſchoß ſo lange 
und vurchbohrende Blicke auf ſeine verlorene Braut, 
als Hätte er ihr neues Lebensfeuer in bie erftarrten 
Glieder einhauchen wollen. Er hatte Canondah zärt- 
lich und innig geliebt, er hatte fle als ihr Retter ge- 
liebt, dem das ſchwache Mädchen als fehöne Beite 
anheimgefallen war, und ver bei ihrem jededmaligen 
Anblide ein ftolzeres edleres Gefühl in feiner Bruſt 


— 14 — 


erwacht fand. — Nun hatte fie mit ihrem Leben die 
Schuld der Dankbarkeit voll und gewichtig bezahlt; 
beinahe ſchien es, als ob der edle Wilde mit ihr rech⸗ 
ten wollte. 

Aber Eine ſaß da, heren Weh und Herjenleid aus⸗ 
zudrücken unmoglich geweſen wäre; — Eine, die in 
der edlen Indianerin die einzig freundliche Seele ver⸗ 
lor, bie noch einige Blumen auf ihren-fo dornigen 
Pfad geftreut. Die unglüdliche Roſa flarrte aufihre 
entfeelte Schwefter hin, finnlos, bewußtlos. — Als 
fie zuerſt die lebloſe Hülle Derjenigen ſah, die lieben⸗ 
der als eine Mutter fie umfangen hatte, da ſank fie 
nieder, bewegungslos, beinahe leblos. Sie meinte 
nicht, fie Elagte nicht; nicht eine Thräne entquoll 
ihren Augen, aber Leben und Bewegung ſchienen im 
ungeheuern Schmerze entflohen zu ſeyn. Sept faß fie 
da, von zwei Mädchen gehalten, und ſchaute und 
ſtarrte ſo wirr, mehr einer alabaſternen Statue, denn 
einem lebendigen Weſen ähnlich. 

Hinter ihr ſaßen die ſchluchzenden und weinenden 
Weiber und Maͤdchen. Auch fie Hatten eine Mutter, 
pie zärtlichfte, verfländigfle Mutter verloren, die 
raſtlos Tag und Nacht für dad Wohl ver Ihrigen 


— 105 e 


beſchaftigt geweſen war, der ſie Alles, was ſie hatten, 

was ſie waren, zu verdanken hatten; — mit ihr ſchien 
der ſchützende Genius von dem’ troftlofen Völkchen 
gemwichen zu ſehn. 

Die trauernde Gruppe mochte ſo eine Stunde ge— 
ſeſſen ſeyn, im dumpfen Schmerze die Ueberbleibſel 
Alles deſſen betrachtend, was ihnen lieb und theuer 
war. Dann und wann ließ fich ein lautes Stöhnen 
vernehmen, dad den Kehlen ver alien Squaws ent- 
fuhr, und vem fich almählig und flufenweife die 
Tauteren Klagetöne der jüngeren anfehlogen. 

Bald darauf fielen die dumpfen Schläge der india= 
nifhen Trommeln und die melancholiſchen Töne ver 
Flöte ein, und mit biefen begann ver Todesgeſang, 
der zugleich von mehreren hundert Lippen in ven tief- 
ften Kehlentönen angeflimmt wurde. So wie ber 
Geſang fi erhöben hatte, einfach, gemach und flu= 
fenweife, fo erflarb er wieder. Eine lange Weile 
herrſchte wieder tiefe Stille; dann erhob ſich ein leiſes 
Gemurmel, das allmählig flärfer murbe: die Squams - 
ſchlichen fih aus dem Kranze und begannen drohend 
die Gefangenen zu umfchwärmen. Es währte nicht 
lange, fo wurden Rache rufende Stimmen gehört, 
Der Legitime. II. | 8 


— 106 — 


die ſchnell fi verflärkten, bis zulegt Alle in ein to⸗ 
bendes Geheul und in die füröhterlichte Muth aus⸗ 
brachen. 

„El Sol,“ ſprach ver alte Miton mit dumpfer 
Stimme, „meine Brüder wünſchen die Stimme des 
großen Häuptlings zu hören, um die erzürnten See⸗ 
len ihrer gefallenen Brüder zu verfühnen. « 

Der junge Mexicaner gab: Feine Antwort: er blidte 
auf, flarrte um ſich herum, gleich Einem, der aus 
einem tiefen Traume erwacht. — Endlich ſprach er: 
„mögen meine Brüder ihre Zungen Iöfen, damit EI 
Sol ihre Worte vernehme.u 

Die Berathung nahm ihren Anfang. 

Ein Krieger des Oconees fland auf und richtete 
fih an die Menge. 

Er begann in den flodfelreichen lebhaften Farben 
und in dem eigenthümlichen Style feines Volkes die 
Tapferkeit ver Erſchlagenen, ihre Geſchicklichkeit auf 
den Jagdgründen, ihre Weisheit in der Rathsver⸗ 
. fammlung zu rühmen. Er malte mit lebhaften Far⸗ 
ben den Jammer ver hinterlaffenen Wittwen und 
Waiſen, die Verrätherei der Diebe der Salzſee, und 
ſchloß, indem er hindeutete auf fünfzehn Krieger, 





\ 


— 107 — 


die vor dem großen Geiſte ohne einen Scalp von dem 
Haupte ihrer Feinde erſcheinen würden. — 

Ein zweiter Redner folgte, der mit größerer Leben⸗ 
digkeit noch mehr ſich bemühte, die ohnedem Rache 
ſchnaubenden Gefühle ſeiner Zuhörer aufzureizen. 

Nachdem ein Dritter geſprochen, wurden die Aus⸗ 
rufungen unter den Oconees nach den Scalpen ihrer 
Feinde allgemein. Sie hatten das Meiſte gelitten. 
EI Sol Hatte ausdrücklich einen direkten Angriff un⸗ 
terfagt, und firenge Befehle gegeben, bloß den Feind 
zu neden und am Einfäiffen zu hindern. Für fi 
felbft hatte er den größten und gefährlichften Antheil 
an dem Kampfe gewählt. Der edle Wilde, ber be— 
reits Öfterd gegen die disziplinirten fpanifchen Trups - 
pen in Mexiko gefochten Hatte, fah wohl ein, daß die 
zegellofe Bande Wilder fich nicht mit den geübten 
Seeräubern mefien Eonnte; aber feine Befehle waren 
hintangefeßt ‚worden. Die Oconees hatten fi 
Taum überzeugt, dab ihr Miko in den Händen der 
Seeräuber und Diefe auf dem Punkte waren, fi) ein⸗ 
zuſchiffen, als fie zum Angriff heranflürzten, und die 
Pawnees mit fih fortriffen. Sp wnüherlegt raſch, 
gegen alle fonflige Gewohnheit der Indianer, war 

g* 


— 18 ⸗— 


dieſer Angriff geſchehen, daß bloß wenige Kugeln der 
GSeeräuber ihr Ziel verfehlten; bloß Wenige waren 
verwundet worden, beinahe Alle Hatten töntliche 
Schüſſe erhalten. Dieß Hatte auf ihren Rachedurſt 
aufs höchſte gefteigert. Gewiß würden file die Ge- 
fangenen in ver erften Wuth nienergemegelt haben, 
Hätte EI Sol ihnen nicht Einhalt gethan. Sp groß 
war jedoch das Uebergewicht, das dieſer junge An⸗ 
führer über ſeine Cumanchees und Pawnees ausübte, 
daß ein einziges Wort die Ausbrüche des glühenpften 
Haſſes feiner Krieger in Schweigen, und Diefe ans 
rachedürſtenden Feinden in Befchüger der Seeräuber 
umgewandelt hatte. So hatten fie im Gebränge, und 
- während fie den Oconees ihre Schlachtopfer entriffen, 
felbft einige Teichte Wunden erhalten. 

„Und was fagt der weiſe Tlachtala?“ fo revete 
E Sol einen Cumanchee an, ver hinter ihm auf einer 
Wolldecke ausgeſtreckt lag und von zwei Kugeln 
durchbohrt war. 

„EI Sol,“ erwieverte der Verwundete, „weiß bie 
Gefege ver Cumanchees.“ 

„Würde aber ein Cumanchee mit einem Diebe 


— 19 — 
kämpfen, deſſen Sand und Fuß an den n Ffahl ge⸗ 
bunden find?u 

Der Cumanchee ſchüttelte virachiungedot fein 
Haupt. 

„Und was würden die Cumanchees thun ?u 

„Sie würden um einen der ſchlechteſten Apachees 
ſenden, daß er die Diebe an Bäume hänge, damit 
ihr Fleiſch eben jo von den Vögeln des Himmels ge⸗ 
ſtohlen werbe, wie ihre Sände gethan. “ 

„Die Seele EI Sols ift die eined Cumanchees, und 
er will thun, wie fein Bruder jagt.” 

Die Blicke der Menge wandten ſich nun mit Sehn⸗ 
fucht auf Tokeah und EI Sol. Der Erftere erhob 
fih, aber mit unfäglicher Mühe. Dan fah e8 ihm 
an, daß alle Geiſteskraft von ihm gemwichen war, daß 
es ihm ſchwer fiel, auch nur ein Wort hetvorzubrin⸗ 
gen. Es war nicht bloß der herzzerreißende Schmerz, 
der feine Worte erſtickte, es war das Bewußtſeyn 
eigener Schuld, die ben alten Mann zittern und beben 
machte. 

Er hatte wicklich d bie ganze Schuld bes grftien 
Ereigniſſes auf ſich geladen; feine Blindheit hatte ihm 
und ſeinen Alliirten eine tödtliche Wunde geſchlagen, 


—d 11 


feine Halsſtarrigkeit ihn taub gegen alle Zurufe El 
Sols gemacht. Leicht hätte das Unglüd vermieden 
und die Seeräuber auf eine Weife empfangen werben 
können, die ihnen alle Luſt zu einem zweiten Verſüche 
vertrieben hätte. Der alte Dann fühlte die große 
Schuld, vie auf ihm lag, die Verantwortung , die er 
für das Leben fo Vieler gegeben Hatte, die, im Ver⸗ 
trauen auf feine meife Warhfamteit, in der Nähe 
eined verbächtigen Feindes alle Borfichtsmaßregeln 
vernachläßigt hatten und, ihm vertrauend, entfchlafen 
waren. Scham und Rachſucht durchglühten die wenigen 
Worte, die er nun zu den Seinigen ſprach. Die See- 
rãuber wurden verurtheilt zu ſterben. Als er gefpro- 
Gen Hatte, ſchienen Die Oeonees nur ungeduldig auf 
den jungen Mexicanerhäuptling zu warten. 

Der Denkungsweiſe unſrer nordamerikaniſchen In⸗ 
dianer erſcheint die Gewohnheit, ihre gefangenen 
Feinde am Grabe ver Ihrigen oder in voller Volke⸗ 
verfammlung zu töbten, nichts weniger als barbarifch. 
Jahrhunderte Haben diefe Gewohnheit gewiffermaßen 
geheiligt und zur Nationalfitte erhoben. Anders 
bingegen ift es mit den Sumandees, einem Volke, 
defien Sitten und Gewohnheiten, obgleich ihnen 


— 111 & 


Wildheit nicht abzufprechen iſt, fich vortheilhaft 
vor den unftät umherirrenden Wilden unſrer Wälder 
unterſcheiden. Ein. beſtändiger Aufenthalt in dem 
entzüdenden Hochlande von Santa Fe, ein mildes 
prachtvolles Glima und ein häufig Eriegerifcher Ver⸗ 
Tehr mit den Spaniern, von denen fie geachtet und 
als unabhängige Nation betrachtet werden, hat ven 
Geiſt diefed Volkes natürlich auf eine weit höhere 
Stufe erhoben, und zugleich jene unbändige Wild- 
heit, vie kleinern unterprüdten Stümmen ſo eigen- 
thümlich tft, gemildert. — 

Der junge Häuptling eined ber bedeutendſten 
Indianiſchen Stämme Mexicos fah daher natürlich 
den Ball mit den gefangenen Seeräubern aus einem 
andern Geſichtspunkte an. Ihm war an den Skalpen 
derſelben wenig gelegen, und jenes unerſättliche Ver⸗ 
langen nach dem Kopfſchmucke ſeiner Feinde war ihm 
ſogar eckelhaft erſchienen. Alles was er thun wollte 
war, die Geſetze ſeiner Nation beobachtet zu wiſſen, 
da er als Sieger den größten Anſpruch auf die Feſt⸗ 
ſetzung derſelben in Bezug auf die Gefangenen hatte. 
— Als er nun aufftand, trat eine plötzliche Stille ein. 

„Sind nicht meine Brüder, die Oconees, fo eben 


—d9 112 ⸗— 


auf dem Pfade zu ihren Brüdern, ven Cumanchees, 
begriffen?” fragte er mit bumpfer tiefer Stimme. 
„Wollen fie nicht die Rebe eines Cumanchee hören, 
ber für fle zwei Wunden empfing, auf daß feine 
Brüber, wenn fie nad Haufe fommen, unferm Volke 
fagen, wie ſehr ihre Weißheit von Ihren neuen Brü- 
dern geſchaͤtzt werde?“ 

Die Menge hörte finſter und ſchweigend in ängſt⸗ 
licher Bangigkeit zu. Der junge, Anführer wandte 
fich zum Cumanchee, der bereits im Todeskampfe 
röchelte, aber, nach der Gewohnheit ſeines Volkes, 
eine Stärke zeigen mußte, die feiner noch übrigen 
Kraft nicht mehr entſprach. 

„Will mein Bruder feinen neuen Brübern fagen, 
was die Cumanchees mit ihren Gefangenen thun 
würden ?u 

„Sie binden,“ {prad) der Varwundete, aihre Ge⸗ 
fangenen an Pfaͤhle am linken Fuße und an ber linken 
Hand und laſſen ihnen den rechten Fuß und die rechte 
Hand frei, und geben ihnen ihre Waffen, und ſechs 
junge Krieger mögen einzeln mit ihnen kämpfen. 
Wenn der Gefangene füllt, dann mag ber Sieger ihm 
das Leben nehmen und feinen Leib verbrennen; wenn 


—4 113 — 


die ſechs rothen Krieger fallen, dann wirb der Ge⸗ 
fangene ein Cumanchee.“ Der Cumanchee ſprach 
mit gebrochener ſchwacher Stimme, aber mit einem 
Ausdrucke auf ſeinem vom Todeskampfe entſtellten 
Geſicht, der hinlänglich verrieth, daß er ſeine neuen 
Brüder nichts weniger als fähig halte, ſich dieſem 
edlern Gebrauche ſeiner Nation zu unterwerfen. 

„Und was thun die Cumanchees mit den Dieben, 
die ihre Pferde und Rinder ſtehlen,« fragte ver junge 
Häuptling nach einer Baufe, vie vem Verwundeten 
Zeit geben follte, ſich zu erholen. 

„Sie rufen ven Schlehteften der Apachees, daß er 
die Diebe beim Genid an einen Baum hänge, damit 
fie Speife für bie Naubthiere. werben,“ erwieberte 
der ſterbende Cumanchee, deſſen letzte Kräfte, dieſe 
Anſtrengung erſchöpft hatte. Er ſtreckte fich noch 
einmal und war dann eine Leiche. Die Cumanchees 
erhoben ihn und ſetzten ihn an die Spiße der Ge⸗ 
fallenen. 

Obglei die Oconees den Inhalt dieſer Worte, 
bie im Pawneeſer Dialekte geſprochen, nicht voll« 
fommen begriffen, fo Hatten fie doch fo viel daraus 
entnommen, daß die Skalpe der Seeräuber ihren 


—d 114 — 


gefallenen Freunden und Verwandten nicht auf die 
große Reiſe mitgegeben werben follten. Ein unbän- 
diges Gemurmel von Unzufrievenheit brach unter den 
alten Weibern aus, hie nun in wilden Sprüngen 
einen ganz eigenthümlichen Tanz begannen, und bie, 
durch Die Unordnung und Anftrengung ver legten Nacht 
bis ind Scheußlichſte entftellt, wirklich gräßlich an⸗ 
zuſehen waren. „Das Blut unſerer Männer und 
Kinder ruft um Rache. Die Diebe haben vie Art 
erkoben. Wir wollen unfre Meffer tief in ihr Blut 
eintauchen,“ ſprach eine Stimme. Ein Beifalld- 
gemurmel erhob fich unter den Männern bei dieſen 
Worten — und glei halb gezähmten Beftien, deren 
Blutdurft durch die lange Entbehrung nur um fo 
mehr gekitzelt, und die plötzlich in ihre vorige Wild⸗ 
heit wieder zurüdfallen, flürzten die alten Megären 
auf ihre Schlahtopfer zu, die jüngern Squaws 
ſchloßen fi unwillkürlich an, dann folgten die Kna⸗ 
ben und Mäpchen, die jüngern Krieger erhoben ſich 
gleichfalls, und zulegt flürzte die ganze wüthende 
Schaar, Jung und Alt, auf die Seeräuber 108. 

Die Cumanchees und Pawnees waren allein Hinter 


® 


415 — 


ihrem Säuptlinge geblieben, der, ohne ſich zu regen, 
an ber Seite Tokeahs ſitzen geblieben war. 

„Und wollen meine Brüder das Blut ihrer Feinde 
nicht fließen fehen?“ fragte El ˖Sol, indem er-fid 
gegen feine Krieger wandte. 

„El Sol ift der Häuptling ver Gumanders und 
Pawnees, und feine Worte haften feft in ihren 
Ohren,“ Sprach Einer verfelben. | 

Der junge Häuptling ſtanv auf, und als ſahe⸗ er 
die Scene voraus, die nun bald erfolgen ſollte, hob 
er die weiße Roſa in feine Arme, und trug ſie hinter 
die Laube. Kaum hatte er ſie niedergelaffen, als ein 
Gekrach und Geſtöhne gehört wurde, das kurz und 
dumpf einige Sefunden zu Hören war, und ‘dann in 
ein unnatürliches Wimmern überging. Es ſchienen 
weder menschliche noch thieriſche Töne, der höchſte 


Schmerz im gewaltfanren Riffe der evelften und zarte- 


ften Theile Hatte unnatürliche eigene Töne hervor⸗ 
gebracht, Die aber durch das. Gelächter und das 
Geheul, das barauf folgte, bald wieder bertaubt 
wurden. 

Tokeah flürzte ‘auf den Saufen 108, der Pi Km 
öffnete und ihm einen fhreiklichen Anblick darbot. 


—$ 116 &- 


Einer ver Seeräuber Tag mit geſpaltenem Schävel 
auf der Erde. Bor ihm fland fein Henker, triumphis 
rend ſeine Kopfhaut ſchwingend, die er dann unter 
lautem Jubel in das erwähnte runde Netzwerk, einem 
Häubchen nicht unähnlich, forgfältig einſchloß. Ein 
Zweiter hatte einen andern Seeräuber in feinen blutis 
gen Händen: fo eben fuhr er mit dem ſcharfen Meſſer 
um die-Stirne und den Scheitel herum; dann, wähs 
rend die Linke dad Haupt feft von fi weg hielt und 
fein Knie fih in dem Rücken des ſich krümmenden 
Seeräubers feſtſetzte, riß er mit einem plöglichen 
Nude die Kopfhaut von dem Haupte ‚mb der Elenve 
fiel blutig auf die Erde. — Ein Hieb mit dem Tomas 
hawk machte feinen Leiden ein Ende. 

Das Ganze war dad Werk eined Augenblicks ges 
weien. Tokeah war noch gerade zur rechten Zeit 
gefomimen, um einen Dritten aufgegriffen zu fehen, 
der nun folgen follte. Es brauchte al das Anſehen 
und die Würde des Milo, um dem Tange an Unter= 
würfigkeit gemöhnten, aber in dieſem Punkte trotzig 
auf feinem echte beftehenden Saufen in feiner Wuth 
Einhalt zu thun. Es war ihm endlich gelungen, 
und er kehrte raſch zu dem jungen Anführer zurüd. 


—p 117 — 


Ihm folgten feine Männer, Hunden nit unähnliäh, 
die die drohende Stimme ihres Herrn vom zerriffenen 
Schafe hinweggeſcheucht. 

. „El Sol," ſprach ver. Miko mit langſam zitternder 
Stimme. „Die Männer der Oconees wollen nun 
hören, was der Häuptling ihnen fagen wird.“ 

„El Sol,“ ſprach der junge Mann in einem mil⸗ 
den, aber entſchloſſenen Tone, „hat ſeine Hand aus⸗ 
geſtreckt, um die Oconees der Muſcogees als ſeine 
Brüder zu empfangen; aber fie haben ihm ihre Zähne 
gewiefen. « 

Der alte Mann gab keine Antwort. 

Der junge Mexicaner erhob feine. Stimme noch 
höher, und ſtolz umherſchauend, ſprach er zu ſeinen 
Kriegern: „Haben die Cumanchees und Pawnees ge⸗ 
ſchlafen, während Tokeah von den Dieben fortgeführt 
wurde? Haben die Oconees die Diebe gefangen, daß 
fie num ihre Skalpe als ihr Eigenthum nehmen?“ 

Alles war in Negung und Bewegung unter ben 
aufgerufenen Cumanchees und Pawnees. Ihre Hände 
griffen raſch nad ihren Lanzen und Streitärten, ihre 
Naſen begannen zu ſchnauben gleich Steitroffen, ihre 
düſtern Geſichter nahmen einen furchtbar troßigen 


— 118 


Ausorud an. — Noch ein folder Aufsuf, und fle 
würden auf die. Ueberrefte. ver Oconees losgeſtürzt 
feyn, auf die fie ohnedem mit Verachtung herabfaben. 

Tokeah zitterte dad erſte Mal in feinem Leben. 

„Haben die Cumanchees und Pamwnees,“ fo ſprach 
er mit gebrocdhener Stimme , „allezeit vie Heben ihrer 
großen und weiten Häuptlinge angehört? Haben fie 
fi nie von dem Pfade verirrt, ven ihre weifen Män- 
ner ihnen angezeigt, und,“ fuhr ver alte Mann mit 
weicher Stimme fort — „fol die Kette zwijchen Brü- 
dern gebrochen werben, weil die Oconees gethan, 
was ihre Väter- auch thaten? Meine Kinder find 
noch nicht Cumanchees. Wenn fe in den Wiefen des 
großen Volkes wohnen — dann werben fie auch bie 
Rede ihres Anführers hören. Tofeaha — ſprach er — 
hat nie die Palme feiner Hand vergeblich ausgeſtreckt. 
Bil fein Sohn fie zurüdweifen ?« 

Eine vemäthigere und verföhnendere Abbitte konnte 
unmoglich von einem Miko der Oconees gethan 
werden. 

El Sol ergriff raſch die dargebotene Hand. 

nLaffe meine Männer die Stimme ihres künf⸗ 
tigen Miko hören,“ ſprach der alte Mann flehend. 


—d 119 & 


. So mögen denn bie Hände und Füße der Diebe 
gebunden bleiben, “ ſprach EI Sol mit flarker Stimme, 
‚mund mögen fie ven Schlechteften ver Weißen über- 
geben werben, auf daß ſie dieſelben an Bäume Hän- 
gen, und ihr Fleiſch von den Vögeln des Himmels ge⸗ 
ftohlen werde. Die Gebeine von Dieben und Räubern 
ſollen nicht unter ven Gebeinen der rothen Männer 
sahen, und vermifcht werben, bamit ber große Geift 
fie nicht vermenge, und fie nicht.auf den Wieſen⸗ 
gründen halt weiß und Halb roth erſcheinen.“ 

Der Miko war nachdenkend über die Worte des 
jungen Häuptling3 geworben; au bie Menge ſchwieg 
verdüſtert ſtille. 
„Dein Sohn,“ ſprach Dieſe, „iſt weiſe, und 
ſeine Seele iſt die eines großen Häuptlings; aber 
wird er die vielen Dollars verdienen wollen, die der 
große Vater der Weißen für ven Kopf des Diebes 
angeboten ?« 

Der Mericaner horchte hoch auf. „Wie meint dieß 
mein Vater?“ 

„Die Weißen werden Tokeah und FM Sol als 
Diebesfänger betrachten, welde die Dollars ihren 
Skalpen vorziehen. Die rothen Männer werben weh⸗ 


— 10 ⸗— 


flagen; denn ihre Ehre wird für immerdar unter 
ihren Brüdern in Schande gefehrt ſeyn.“ 

Diefe Worte fehienen Eindruck auf den jungen 
Mann zu machen. Er ſprach lebhaft mit den Cu⸗ 
manchees. 

„Und was gedenkt mein Vater zu chun gu — 

Der Mifo jann nah — plöglich zudte es durch 
feine Nerven; er hob tief Athem und, auf die Leiche 
feiner Tochter blickend, fprach er mit bebender Stimme: 

„Sa der große Geift hat durch ven Mund meines 
Sohnes geſprochen; — der weiße Dieb Toll durch vie 
Schlechteſten der Weißen an einen Baum gehängt 
werden; — er ift nicht werth, daß er für die Tochter 
des Miko und die Oconees flerbe; aber. El Sol und 
Tokeah dürfen ihre Hände nicht mit Ihm beflecken, fie 
dürfen ihn nicht den Weißen übergeben." 

- Der junge Mann war immer gefpannter geworben. 

„Der Dieb ift ein Feind ver Weißen; — Er hat 
ihnen des Böſen viel zugefügt. Der große Vater hat 
viel Gold für fein Haupt geboten; — follen vie ver= 
folgten rothen Männer ven Weißen helfen ihre Feinde 
einfangen?“ 

Der Mericaner fing nun an zu begreifen. 


— 121 


„Der - Banther ‚“ fuhr ver alte Mann fort, vrennt 
in feine Schlinge, der Buffalo ſtürzt der Kugel und 
dem Pfeile entgegen, die für ihn gemacht find; — der 
weiße Dieb wird auch dem Baume nahe fommen, 
an dem er aufgehängt werden foll. — Mögen bie 
Meißen ihn fangen, u un ihr. Blut fließen wie dad ber 
Oconees.“ 

Die rafftnirte Rachfucht und der tief verſteckte Haß 
gegen ſeine Todtfeinde, die Weißen, die dabei an⸗ 
ſcheinende Großmuth gegen vie gefangenen Seeräuber, 
welche aus ber Rede des Miko hervotleuchtete, hatte 
anfangs ſelbſt den Mexicaner verwirrt, und er blickte 
betroffen ſeinen Vater an. — Auch er war ein Feind 
dieſer Weißen, die ſeinen Vater gemeuchelmordet 


hatten; aber von dieſem Haſſe, der ſelbſt feine glũ⸗ 


hende Rache an dem Moͤrder ſeiner Tochter der Hoff⸗ 
nung aufopfern konnte, daß dieſer Mörder, wenn er 
frei wäre, feinen weißen Feinden nur um fo mehr 
Böſes zufuͤgen und ſo gewiſſermaßen einen Theil fei⸗ 
ner eigenen Rache abtragen würde, hatte er auch nicht 
geträumt. 


„Und mein Vater,“ ſprach er, wolie deßhalb die | 


Der Segitime. IL. Bu 9 


— 9 12 — 

Seträuber aus dem Garn enttafen, in welchem 5 
fi gefangen?“ 

„Sie werben Bladengle und Zokeah rächen im 

Blute vieler Nankees ‚" ſprach der Miko. 
Der Mexicaner wandte fih nun an feine Lands⸗ 
leute. Dieſe ſchüttelten den Kopf über den ungewöhn⸗ 
lichen Vorſchlag, — überließen jedoch ihrem Häupt⸗ 
ling, nach Gutdünken zu handeln. 

Der Miko Hatte mit ſeinen Oconees geſprochen. 
Die rachedürſtenden Wilden ſchüttelten anfangs gleich⸗ 
falls ihre Köpfe; als er aber auf die Tapferkeit ihres 
Veindes hinwies, der vielen Hankees ihr Leben rauben 
würde, flimmten fie mit einem Male bei. 

„Eg iſt Die Stimme des Propheten, des großen 
Miko,“ erſchallte aus hundert Kehlen. 

Der Mifo mar fehweigend da gefeffen ımb fein 
Haupt war wieder auf feine Bruſt geſunken. 

„EL Sol,u fpra ver junge Mann, what die 
Worte feines Vaters gehört, und bie Cumanchees 
haben fie gebilligt; — mein Vater weiß was er zu 

thun hat.“ 

ODer alte Miko winkte einem jungen Krieger, und 
Dieſer Tief‘ auf die Gefangenen zu, deren Feſſeln er 
ſchnell löste. 





— 13 ⸗— 

‚Die halbtodten Seeräuber Hatten verfudt aufzu- 
ſtehen, aber fie vermochten es nicht. — Sie lagen, 
ſelbſt nachdem die Riemen zerſchnitten waren, noch 
eine geraume Zeit, ohne fich erheben zu koͤnnen. — 

‚Ihr verwirrter, wüfter Blick ſchien kaum mehr zu 
begreifen, was eigentlich gemeint ſey; als aber ber 

Junge Krieger an das Ufer deutete, und ſprach: „Die 
Diebe mögen geben," da erhoben fie fih, anfangs 
ſchüchtern um ſich blickend, ob auch die frohe Bot- 
ſchaft wahr jey, und dann rannten fie, fo ſchnell als 
fie e8 vermochten, dem Ufer zu. — Lafitte allein war 
etwas langſamer fortgefehritten, zumeilen auf die Wilz 
‚den zurůckblickend; — das Gefchrei feiner Gefährten, 
zu eilen, wenn er nicht zurüdgelaffen werben wolle, 
ſchien auf ihn feinen Eindruck zu machen. Un der 
Bucht angekommen, fchlang er feine Arme in einan⸗ 
der, blickte dann nochmals auf die ſchaudervolle Scene 
und trat raſch ind Boot zu feinen Geſellen. 


Die herzzerreißende Begräbnißfcene war vorüber: 
Die Krieger der Pawnees und Oconees waren In 
ihre Ruheſtätten verſenkt; der Scheiterhaufen, auf: 


9* 
J 


m e⸗ 


dem die getodteten und geſchlachteten Seeräuber aufs 
geſchichtet waren, loderte in hellen Flammen auf; vie 
Noſſe waren geopfert. Alle fanden bereit, pad Ufer 
bed Natdhez für immer zu verlafien. 

Da trat EI Sol mitten ımter die verflörten und 
dumpf hinſtarrenden Weiber und Mädchen, deren 
Thraͤnen und Stimmen verflegt zu feyn fehienen, und 
wand die von zwei Inbianerinnen getragene Rofa 
aus ihren Armen, fie ihrem Pflegevater zuführend. 

„Und will die weiße Roſe nicht Lebewohl dem Vater 
fagen, defien Tochter ihr Mutter gewefen, und ver 
nun einen weiten Pfad betreten wirb 3a fprach der 
Mexicaner mit fanfter, zitternder Stimme. 

Die blafje Leihengeftalt blidte auf den bewegten 
Sprecher mit einem thränenlofen, Ieeren Auge, das 
einem wirren Gemüthe anzugehören ſchien. | 

„Tokeah,«“ fuhr der junge Mericaner mit ſtockender 
Stimme fort, „will in die Wigwams der Weißen; 
er hat einen Traum gehabt, ver ihm ſolches geboten.“ 
Kein Symptom von Bewußtſeyn, Feine Regung, Feine 
Bewegung ließ fich an ihr verfpüren; fie ſtarrte wie 
wahnfinnig, wie leblos. 

„Der Pfad des Miko der Oconees wird lange, 


9185 — 
derjenige der weißen Rofe würde traurig und dornig 
ſeyn. Der Miko hat El Sol gebeten, daß ſeine 
Tochter in die Wigwams der Cumanchees mit den 
Mädchen ziehe. Sie wird da Gebieterin ſeyn, die 
Schweſter Canondahs. “ 

Ploͤtzlich ſchien fie fi zu befinnen. „ Canomahl⸗ 
rief fe. Und ein Thränenftrom entquol ihren Augen. 
Es war das erfte Wort, daß ſeit der ſchrecklichen Ca⸗ 
taſtrophe von ihr gehoͤrt worden, das erſte Lebend- 
zeichen, das fe feit dem Tode ihrer Freundin von 
fich gab. Ihr Schmerz war gebrochen. Alle maren 
tief bewegt, bie Mädchen fingen wieder an Taut zu 
ſchluchzen, die Alten zu Heulen. 

„Was ift dieß, mein Bruber?# fragte fie num, 
wie aud einem Traume erwachend und ſcheu um ſich 
blickend. 

„Meine Schwefter weiß,” ſprach per e Mericaner, 
„den Sammer bed Vaters, ber feine Tochter und feine 
Männer durch die Werrätherei des Seeraͤubers ver 
loren hat. Sie find tief in bie Erde gelegt, und bie, 
weiße Roſe wirb- fie nie wieder ſehen; aber der Miko 
iſt auf einem largen/ bornigen Wese, er müß dem 


Hd 126 ⸗— 


Befehle des großen Geiftes gehorchen, er bat einen 
<raum gehabt.“ 

„Un ver unglückliche Vater will zu feinen weißen 
Beinden,“ ſprach das Mädchen, vund feine Tochter 
ift im Grabe, und Keiner und Keine, die ihn warte 
und pflege? — Roſa war bisher ſeine Pflegetochter 
geweſen, ſie will nun ſeine wirkliche ſeyn; — ſie will 
ihren Vater begleiten. Sie hat es verſprochen;« feßte 
fie ſchaudernd Hinzu. | 

Der junge Mericaner ſprach kopfſ Hüttelnd: n Meine 
edle Schwefter kennt die Dornen des Pfabes nicht, 
der zu den Weißen führt. Sie ift fehr zart und 
würde ſehr viel zu leiden haben. “' | 

„Und der jammernde Vater fol fein freundliches 
: Auge mehr fehen, Teine geliebte Hand, die ihm ven 
Becher, bie Speife reihe? — Nein, mein Bruder! 
Roſa Hat eine große Schuld ihrer Schwefter abzu⸗ 
tragen. — Der alte Dann tft fehr unglücklich, ſehr 
nerlaffen, fehr elend; — fie muß dieſe Schul ihm 
abtragen. Sie muß ihm Tochter ſeyn.“ 

‚Ihre Stimme war ſtärker geworden. Ihre bleichen, 
lebloſen Züge hatten ſich wieder geftaltet, im kindlich 
fanften Auge fing e8 wieder an Iebhafter zu ſprechen; 


— 127 > 


der alte Milo war aufmerffam geworben. und hatte. 
das Letzte gehört. — 

„Meine Tochter,“ ſprach er, und die . Stimme 
flocte ihm, und der Schmerz drohte ihn zu erfticen, 
„der Miko muß zu den Weißen, meine Tochter wird 
im Wigwam der Cumanchees Troft finden.“ 

„Canondah würde Roſen im Iraume erjcheinen 
und Elagend vie Falte Tochter anblicken, ver fle.ihren 
Bater zum Bermächtniß übergeben; — fie muß dem 
Miko nun dienen; — fie wird fih vom Miko nimmer: 
mehr trennen. « 

„So fomm denn, meine 1 ehle, weiße Hofe, u ſprach 
der alte Mann, feine Arme ausbreitend und fie um⸗ 
ſchließend. Mehr vermochte er wicht zu fagen. Rüh⸗ 
rung hatte ihm die. Sprade benommen. Der junge 
Mericaner winkte nun den Mädchen, die kamen, um 
von ihrer neuen Gebieterin Abfchied zunehmen. — 
Noch einen Blick warfen Alle auf ihre zerflörte Habe, 
ihre zurückgelaſſenen Lieben, und dann trennten fie 
fich. Rofa, eine junge Indianerin, Tofeah und EI 
Sol mit zwei Eumanchees und eben fo vielen Pawnees 
und Oconees wandten fi gegen Oſten, die uebrigen 

gegen Weſten. 


18 e⸗— 


Bwanzigſtes Bapitel, 


Wie biſt Du davon gelommen? Wie kamſt 
Du hieher? Schwöre bei biefer Blafge, wie 
kamſt Du hieher? 

Shakespeare. 

Die Natur hat das Land, wohin der Faden unſerer 
Erzählung uns nun führen wird, mit einem fonder- 
baren Charakter bezeichnet. — Großartig und wieder 
gemein, herrlich und wieder abſtoßend ſcheint fle in 
einer ihrer Launen dem Gefchlechte, mit dem fie ihren 
Erdball bevölkert, einen riefigen Spielraum hinges 
worfen zu haben, gleichſam begierig, was die win 
zigen Kreaturen daraus fchaffen würden. 

Es fleigt der Landſttich, den wir meinen, fo büfter 
und abſchreckend aus der See und dem Strome her⸗ 
aus, ver die gefammten Gewäffer von taufend Flüſſen 
und Bächen durch die endloſe Niederung fortſchwillt, 
als Hätte Die Natur dem Menfchen in ver Geſtaltung 
eines der Ichönften Länder Der Erde auch einen Nachge⸗ 
ſchmack vom Chaos in feiner ganzen abſtoßenden Größe 
Hinterlaffen wolken; fo widerlich tauchen vie kaum 


—, 19 — 
merflichen Ufer und Geſtade aus den unüberfehbaren 
Strömungen auf, und verſchwinden wieder im Spiele 
ber Wogen, bie über daß zwergartige Binfen- und 
Rohrgeflechte hinrollen, im ewigen Kampfe mit dem 
widerſtrebenden Elemente. Ragte nicht hie und da 
ein Lager halb vermoderter: Baumflänme, von ber 
Strömung zufommen gefehichtet, oder der Maft eines 
in der Lehmbank eingeflauchten Schiffes empor, fo 
dürfte man zweifeln, ob, was man flieht, wirklich 
Land ſey, nachdem mon bereit lange in die Münbuns 
‚gen des Miffifippi eingefahren. Erſt allmählig ge⸗ 
fiaktet ſich das wüſte Chaos zu einem See von Schiff 
und Sumpf und Rohr, aus dem fpäter etwas Land⸗ 
ſchaftähnliches erſtehen und Geſtaltung erfireben 
zu wollen ſcheint, noch Jahrtauſende erſtreben mag, 
ſo wie Tauſende von Jahren bereits verfloſſen ſeyn 
mögen, bis die lange und breite Niederung ſich bildete, 
die gegen Norden jo unmerklich anſchwillt, und in 
der weder Hügel noch Thal auf einen gewaltfanten 
Kampf Hindeuten, wohl aber auf ein allmahliges 
Stilleſtehen des Waſſerelements, den zahllofen Flüffen 
und Moräften und Seen nach zu ſchlleßen, die das 
ganze Thal fo durchkreuzen, daß der Fuß nes Men⸗ 


—ı 10 ⸗— 

ſchenkindes buchſtäblich auf dem fläffigen Elemente 
ruht. Höher gegen Norven zu erhebt fich endlich ein 
langes und breites Hochland, das in mäßiger Höhe 
längs. dem Ufer des Stromes hinzieht, und ſich dann 
wieder in der endloſen Niederung verliert, die unter 
dem Namen des Mifftfippithales Tauſende von Meilen 
ſich gegen Norden, Oft und Welten hindehnt, und 
in feinem Bufen bequem den größten Theil ver Be⸗ 
| völferung Europas aufnehmen könnte. 

Das Land, von dem wir ſo eben eine Skizze ent⸗ 
worfen haben, iſt, wie unſere Leſer wiſſen werden, 
daß. eigentliche Louifigna, und gewiſſermaßen vie 
Grundlage des endloſen Mifitfippithales und wahr- 
ſcheinlich des Fünftigen großen weftlihen Reiches, das 
die raftlofe Hand des Menſchen va aufrichten wird. 

“ Zänger als ein Jahrhundert hindurch mar der un⸗ 
geheure Landſtrich, Loniflanı genannt, eine vergeflene 
und vernachläffigte Colonie geblieben, die mit einer 
Leichtigkeit abgetreten, eingetaufcht und wieder aus⸗ 
getaufcht wurde, die mehr als hinlaͤnglich die ihr zu= 
erkannte geringe Bedeutung beurkundete. Amerika⸗ 
niſcher Scharfblick hatte endlich das Auge des großen 
Geiſtes, der damals die Angelegenheiten des ſchönſten 


— 131 — 


Reiches der alten Welt leitete, auch auf dieſen ver⸗ 
geſſenen Schlupfwinkel hingezogen, und dieſer, die 
Schwierigkeiten wohl einſehend, den kürzlich erwor⸗ 
benen Beſitz ſeinem Volke zu erhalten, zog es weiſe 
vor, ihn der nachbarlichen großen‘ Republik als 
integrirenden Beſtandtheil zu überlaffen. 

Für die Colonie begann feit diefer: Einverleibung 
eine neue Aera, und mit Niefenfohritten ſchien fle 
num einholen zu wollen, was fie mehr als Hundert 
Jahre Hindurch verfehlummert hatte. Wenig mehr 
als zehn Jahre waren feit dieſer Periode verfloffen, 
und das Land hatte bereit? eine ganz neue Geftalt 
geivonnen. Schon damals, das ift vor fünfundzwan⸗ 
zig bis dreißig Jahren, waren bie Ufer des Miffl- 
fippi mehrere Hundert Dteilen entlang ‚mit herrlichen 
Pflanzungen bedeckt, aus denen prachtvolle Land⸗ 
häufer hervorragten. Selbſt die Hauptſtadt hatte ſich 
aus dem unſichern und ſchlammigen Schlupfwinkel 
einiger tauſend Coloniſten und Abenteurer zur wich⸗ 
tigen Handelsſtadt emporgeſchwungen, deren MReich⸗ 
thum bereits die gierigen Blicke Großbrittanlens auf 
ſich gezögen Hatte. N 

Wir haben natürlich nicht im Sinne, in die Ge⸗ 


— 12 


ſchichte des Iegten Krieges ober auch nur die Erörtes 
rung der Urſachen einzugehen, welche die Regierung 
der fogenannten rei vereinigten Konigreiche veranlaßt 

haben mochten, ihre Aufmerffamfeit auf biefed neu 
adoptirte Kind ihres ungefälligen republifanifihen 
Berwandten zu richten und ein friſches Truppenkorps 
abzuſenden, das bei dem prefären Stande der Dinge 
in der alten Welt daſelbſt nichts weniger als über- 
flüfftg gewefen wäre, und berühren deßhalb viefe 
Kriegdepifode nur in fo fern, als fie mit unferer Ge⸗ 
fire im Zufammenhange und zur Geftältung der 
von und erzählten Begebenheiten Beranlaffung wurbe. 
Dieſes Zufammenhanges wegen wollen wir daher 
nur kurz erwähnen, daß fogleih nad Beendigung 
des fogenannten Völker», ober richtiger zu fagen Le⸗ 
gitimitätsfampfes ein zahlreiches Truppenkorps von 
der pyrenaiſchen Halbinfel an ven ſüdweſtlichen Küs 
fien der. Breiftaaten unter ven Befehlen eined ausge⸗ 
zeichneten Heerführers landete, das nicht ermangelte, 
Zagen und Schreden unter dem guten Volke des 
neuen fouseränen Staates zu verbreiten. 

Kaum ſchien etwas Teichter, als die Eroberung 
eines Rande, das von allen militäriſchen Hülfsmit- 


—d 133 — 


teln fo gänzlich entblößt war, und deſſen ungeheure 
Entfernung vom Gentralpunfte ver Staaten weder 
bedeutende Senbungen von Truppen, nod) von Kriegs⸗ 
material durch die weg⸗ und fleglefen Wilonifle zu» 
ließ, ſelbſt wenn dieſe bei den befchränkten Hülfs- 
quellen der Regierung moͤglich geworden wären. 

Die Einwohner des, neuen Staates ſelbſt hatten 
nie einen Krieg geſehen; ihre einzigen Feinde, die 
Indianer, waren unter der Herrſchaft ver zwei Mächte, 
unter welchen fie zulegt ftanden, durch einige hundert 
Garnifon-Solvaten tm Zaume gehalten worden, die 
zugleih au dienten, fie. felbft vor einem allenfall- 
figen Sreiheitäfigel zu. bewahren. Die Eleinen Sa⸗ 
frapen, die Gunſt oder Yingunfi-hieher gebracht Hatte, 
waren jo viel als möglich darauf bedacht geweſen, 
ihren loyalen Untergebenen jene Scheu vor den be⸗ 
waffneten Wächtern ihrer delegirten Autorität ein- 
zuflößen, die in despotiſchen Staaten eigentlich der 
wahre Schuß der gemißbraucdhten Gewalt ift und‘ 
zur gewünfchten Folge hat, daß die Schüglinge fich 
fo wenig als möglih um die Vertheidigung ihrer 
perfönlicden und Eigenthumsrechte fümmern. Diefer 
legitime Grundſatz, der die Bevoͤlkerung ganzer Län- 


—H 13 — 


ber wie eine Heerde Schafe betrachtet, war auch 
hier, obwohl im Eleinen Maßſtabe, angewendet wor⸗ 
den, und hatte natürlich ſeine Früchte getragen. So 
groß der Umſchwung geweſen, ven die Bereinigung 
bes Landes mit den Staaten: unter den Bewohnern 
bereitö hervorgebracht, fo hatte fich dieſer doch vor⸗ 
züglich nur durch eine größere Thätigfeit in Beurba- 
zung des Landed oder durch, Tommerzielle Unterneh⸗ 
‚mungen geäußert ; von dem männlichen, unabhängigen 
Geifte des Amerikanerd hatten die gewefenen Colo⸗ 
niften nit nur wenig. oder nichts angenommen, ihr 
ſtlaviſch verborbener Sinn hatte ſich auch ſcheu vor 
dem überlegenen, aufgeflärteren. nordiſchen Bürger, 
der dieſe Ueberlegenheit, freilich oft nur zu derb und 
unumwunden zu erkennen gab, zurückgezogen. 

Selbſt der beſſere Theil. der Creolen war von die⸗ 
ſem Vorurtheile gegen feine neue Mitbürger nichts 
weniger als verfchont geblieben, und er hatte fi 
. gegenüber dem fcharf ausgeiprochenen und gerabezu 
gehenden Amerifaner um fo weniger gefallen, als er, 
gegen das Öffentliche Leben gleichgültig, des Dienſt⸗ 
zwanges gewohnt, in ver unbefchränkten neuen reis 
heit nur Unordnung und Anarchie vorausfah. ALS 


—H 135 ⸗— 


jedoch diefe Beforgniffe Innerhalb, der zehn Jahre 
dieſer unbefhränkten Freiheit nicht realifirt wurden, 
und er allmählig die Vorthejle zu begreifen anfing, 
die ihm aus ber Bereinigung mit der mächtig empor⸗ 
ftrebenden Republik: erwachfer waren, ſchloß er ſich 
auch mit mehr Entſchiedenheit an dad gemeinfchaft- 
liche Intereffe, und, zögerte nicht, fi zur. Vertheidi⸗ 
gung des Landes herbei zu laſſen. Dieß war vet bef- 
fere Theil; der ſchlechtere, dem natürlich dieſe Vor⸗ 
theile eher Nachtheile fhienen, konnte kaum feine 
Schadenfrende über die Ankunft des Feindes verheh- 
Ien, und ber nordifche Bürger, ber ſtolz auf ihn 
berabjah, war ihm weit mehr verhaßt, als der Brüte, 
son deflen Ankunft‘ er wenigftens Veränderung und 
Demüthigung des hochmüthigen Republikaners hoffte. 

. Diefe kurzen Andeutungen über den Geift ber Ber 
wohner ded Staateö dürften aud) Denjenigen unferer 
Leſer, die mit den näheren Beziehungen des Krieges 
in Zouiflana befannt find, nicht ganz überflüſſig er- 
foheinen. Vinftreitig war es dieſer herrſchende Geiſt 
geweſen, der gewiſſermaßen den Feind eingeladen 
hatte, nebſt ſeinen im Norden mit der Republik käm⸗ 
pfenden Armeen, noch von ven Küften ver pyrenäifchen 


— 18 — 


Halbinſel ein zahlreiches Eorps herũberzuſenden, in 
der Hoffnung, durch die zum Theile mißvergnägten 
Creolen in den Beflg eines Landes zu gelangen, der 
ihn zum ausfchließenden Herrn des Miffifippiftromes, 
des Buſens von Mexiko und aller daran gelegenen 
Länder gemacht haben würde. Selbſt wenn fidh der 
Befitz nicht erhalten ließ, fo war bie zeitweilige Er⸗ 
oberung der Mühe um fo mehr werth, als dadurch 
die folge Nepublit zur Nachgiebigkeit auf anderen 
Punkten genöthigt worden wäre. — Dem Corps, 
das diefe Eroberung nun bewerkſtelligen follte, hatte 
die Regierung der Staaten, obwohl bedeutende Trup⸗ 
penmaflen im Norben verfammelt waren, der unges 
beuren Entfernung wegen, nichts entgegenzufegen, 
als die raftlofe Thätigfeit und den erprobten Muth 
eines Generals, der ſich gegen die Indianer in ven 
Staaten Georgien, Alabama und im Gebiete Florida 
audgezeichnet Hatte, und ven Patriotismus, der an 
das Flußgebiet des Miſſiſippi gränzenden weſtlichen 
Staaten, fo wie der in Louiſiana angeflevelten. Ame⸗ 
rikaner, die allerdings durch die Beflgnahme des 
Schlüͤfſels des Mifftfippt am meiften zu verlieren 
batten. 


—d 137 ⸗— 


Diefe Letztern waren, wie gefagt, über einen großen 
Theil des Landes zerfireut. Ein gewiffer Widerwille 
gegen die etwas laxen franzöſiſchen Sitten und Ge⸗ 
wohnheiten, jo wie Geringfihägung gegen ihre neuen 
Mibürger, Batte zwilchen ihnen und den ſüdlichen 
Pflanzen eine ziemlich ſtarke Scheidewand gezogen, 
die fich auch bei. dieſer Gelegenheit deutlich ausfprach. 

. Die Nachricht von der Landung der, feinplichen Ar⸗ 
mee hatte auch) unter ihnen eine gewaltige Bewegung 
hervorgebracht; aber wenn in den untern Theilen 
Furcht und Schrecken und bei Vielen geheime Freude 
die vorherrſchenden Empfindungen waren, ſo war es 
‚bier Unwille und beleidigter Stolz, der. vorzüglich 
zum Grunde Ing. Weniger mar ed Furcht, ihr. Ei⸗ 
genthum- zerjlört oder ihre Wohnungen. geplündert 
zu ſehen. Ihre fahrende Habe konnten fle leicht auf 
einigen Wagen in das Innere der Wälder fihaffen, 
in bie zu dringen auch ber verwegenfte Feind nicht 
wagen burfte, und ihre zerflörten Wohnungen wür⸗ 
den mit Hülfe einiger Nachbarn in kurzer Zeit wieder 
bergeftellt worben feyn. _" 

Es war daher nicht ſowohl Weſorgniß, dieſes Ei⸗ 
genthum zu verlieren, als Unwille und Zorn, daß 

Der Legitime. L. 10 


—d 138 — 


fremde Sölnlinge eines Mannes, den fie nicht beffer 
dachten, als fih-feleft, eö wagen burften, ihr fried- . 
liches Land als Feinde. zu betreten, und ihnen eine 
Stadt und ein Blußgebiet wegnehmen zu wollen, die 
fle ehrlich mit ihrem Gelde bezahlt, und deren fie be⸗ 
durften, um ihre Produkte zu Markte zu bringen. 

Dieter Feinde, gleich reißender Thiere, die in ihr 
Gchöfte eingebrungen, fich zu entledigen, war eigent- 
lich was man ihre Meinung über biejen Punkt nen= 
nen konnte. 

Es war an einem hellen frifchen Derembemuorgen; 
die Strahlen der Sonne hatten gerade hinlaͤngliche 
Kraft, die Nebel und Dünſte zu zerſtreuen, die ſich 
in dieſer Jahreszeit über die Zläffe-und Seen dieſes 
Landſtriches Häufig wochenlange hinlagern. Im 
Countyſtaͤdtchen von Opeloufas gab es einen gewal⸗ 
tigen Auflauf. . &8 fchien wunderbar, woher die vie⸗ 
len Menſchen aud ver dünne bevölferten Gegend ge= 
kommen waren, und Wer fo in die Mitte ned Ge⸗ 
dränges von Männern, Weibern und Kinder hinein 
geworfen worden wäre. dürfte ſchwerlich erratben 
haben, was die. Beranlaffung- diefes plöhlichen und 
fich noch Immer mehrenden Zubranges ſeyn mochte. 


—d 189 6 


Nah dem ſchmaͤhlichen Trinken, Tanzen, Fechten 
und den Bocksſprüngen zu ſchließen, hatte eine Art 
Kirchweihe flatt; aber ed waren auch Waffen zu 
fehen; ganze Compagnien hatten fich gebilbet, und 
Jever hatte wenigftens etwas Militairiſches bei oder 
an fih. Einige Hatten Uniformen noch aus dem erften 
Revolutionskriege, die nun etwas Jänger als vreißig 
Jahre am Leben waren, Andere fchulterten, ſtellten 
fi in Reihe und Glied, und wurden von einem felbſt⸗ 
gewählten Lieutenant in einen Winkel hinein manoͤv⸗ 
rirt, aus dem herauszubringen ihm nur pas Com⸗ 
mandowort fehlte. Ein anderes Corps hatte als 
Feldmuſik einen Geiger, der, wüthend auf feinen zwei 
Saiten ſtreichend, ſtolz neben dem zeitweilig geſchaf⸗ 
fenen Eapitain einherfchritt. Die fich noch nicht an 
eine Truppe angefhloften hatten ſchulterten ihre 
Stutzer, Bogelflinten over eine alte Reiterpiſtole, an 
der bloß das Schloß fehlte, und Die, welchen auch 
diefe Bewaffnung mangelte, Hatten fich mit ‚einem 
tüchtigen Anittel verfehen. " 

Dieß waren jedoch nur Außenpoften. In der Mitte 
des Stäntchend war dem Anſchein nach der Kern ver 
Bürger in zwei dichten Haufen verſammelt. Dereine, 

10* 


—d 140 ⸗— 


ver aus den jüngern Männern befland, hatte fein 
Sauptquartier vor einer Schenke aufgefhlagen, deren 
Beſtimmung durch eine-Art Schild. angedeutet war, 
deffen Malerei, nach unferer feflen Veberzeugung, 
weder Denon noch Champollion zu entziffeen gelun- 
gen wäre. Unter dieſem war, für die, welche es leſen 
fonnten, geschrieben, daß hier eNTeRtalnMent For 
maN aNd beasT, Einkehr für Mann und Vieh, zu 
haben jey. Im Innern dieſes Etablifiements war eine 
zweite Geige zu hören, Die jedoch, weniger Triegerifch, 
fi) begnügte, den Hopfafa aufzuführen und eimem 
Tanze eben zugeben, ver fo ziemlich mit dem Marſch 
der erfien Geige gleichen Schritt hielt. 

Die andere Gruppe, allem Anſchein nach ernſter 
- geftimmt, hatte ſich einen refpertablern Stanbpunft 
gewählt, und zwar vor.einem der Krämerladen des 
Städtchens, ver, als Mißcellaneen, ein Dutzend 
irdene Krüge, einen Kegel Kautabaf, ein Faß Whisky 
‚und ein Faͤßchen Pulver und Blei enthielt, mit eini⸗ 
gen Wollhüten, einigen Paaren Schuhe und einem 
Schock Meſſer, Gabeln und Löffel. 

Ueber der Thüre war ein Bret mit der Inſchrift 


—d 141 0 


aufgenagelt: New Store cheap for cash *), und an 
der Mauer des banfälligen Framehauſes war mit 
Kreide gefhrieben: Whisky, Brandy, Tabacco, -Post- 
office. a u 
Auf einem Baumftumpfe ſtand ‘ein. Mann, ver, 
feinem neuen Caſtorhute, frifch gewaſchenen Hemde⸗ 
fragen und nagelneuen pompadurrothen Fracke und 
Beinkleidern nah zu ſchließen, auf nichts meniger 
als auf eine der von dem fouverainen Volke zu ver⸗ 
gebenben OÖffizierftellen Anſpruch machte. Nahe an 
dieſem erhöhten Stanppunfte flanden einige Andere, 
deren elegantes Aeußere ähnliche Anſprüche zur Schau 
trug, was auch die Ungeduld, mit der fie ven Red⸗ 
ner anhörten, noch mehr befräftigte. 
Verhaͤltnißmaͤßig herrſchte Hier Ruhe und Orde 
nung, ven Lärm der Tanzenden ausgenommen, und 
ein gelegenheitliches Gebruͤlle des einen over des an⸗ 
dern Zechers, der im Doppeltfehritte durch den Koth 
hin und her marſchirte, mit dem die einzige Straße 
des Stadtchens Tnietief gepflaftert war. Yumeilen 
wurde auch dieſe Stille durch die Infurborbination 


*) Neuer Raben, wohlfeil fir daar Gelb. - 


— > 


der erwähnten Quafi-Compagnie, die außerhalb des 
Stãdtchens manövrirte, oder durch Die gellende Stimme 
eines Weibes oder Mädchens unterbrochen, das Pfef⸗ 
ferkuchen, Aepfel und Cider ausſchtie. Alle dieſe 
Hinderniſſe ſchien jedoch die Lunge des gegenwärtigen 
Medners für nichts zu achten, und er begann mit 
einer brüllenden Stimme zu verkünden, wie er diefe 
„Damned brittish“ züdtigen wolle, die er mehr als 
Dolkapen verabſcheue. Er mar gerade im beiten Zuge, 
diefes recht augenfcheinlich darzuthun, als er nur 
ein lautes „Halo !a zweier Kumpane unterbrochen 
wurde, die bereits lange durch die Straßen geſchwankt, 
und gerollt und geftolpert, fich weit gegen ven Wald⸗ 
faum zu verloren hatten, und nun plöglich fo laut zu 
ſchreien und fo ſchnell zu rennen anfingen,, als es ihr 
einigermaßen überlanener Zufland geftattete. 

Die Worte, „halt, verdammte Rotbhaut!« wur⸗ 
den deutlich vernommen. Die waren natürlich zu 
intereffante Töne, um nicht bei Hinterwälblern an= 
genehme Empfindungen zu ercegen, und fo ſchlichen 
denn ein Dutzend Zuhörer ven Beinen nah, luft 
um zu fehen, was die verdammten Narren vor hätten, 
und. warum fie fo verteufelten Laͤrmen machten. * 


1 


Es dauerte nicht. lange, fo waren Mehrere von 
demſelben löblichen Verlangen. getrieben, vielleicht 
ein tüchtiges Boxen zu ſehen, und zuletzt blieben bloß 
einige dreißig noch um den Redner. Das böfe Bei- 
fpiel hatte unter den. Jüngern ſchnell und reißend um 
fich gegriffen: auch in ven beinen Corps, die ſich dem 
Waldrande genähert hatten, war Inſubordination 
ausgebrochen, und. ein Drittel der erercireuden Mann⸗ 
ſchaft kam dem Walde zugelaufen. — Nur die zweite 
Gruppe vor dem Krämerladen hielt ernft beifammen. 

Aus den dunkeln. Eyprefienwäldern, die fidh bei⸗ 
läufig eine Biertelmelle vom Ufer des Atchafalaya 
gegen Süden hinabziehen, war-eine Figur zum Vor⸗ 
Schein gekommen, die, nach ihrer Kleidung zu ſchlie⸗ 
Ben, der rothen Mace angehörte. Der Wilde Hatte 
fich ſcheu am Rande des Waldes hingeflichen, um 
ſich der Stadt zu nähern, war aber wahricheinlich 
durch den wüflen Lärmen abgeſchreckt worden, die 
Straße herauf zu kommen, und hatte. einen.Seiten- 
weg über ein Bottonfeld eingefehlagen. Gerade aber, 
als er vie Umzäumung. überklettern wollte, hatte ihn 
das Auge der erwähnten zwei. Spaziergänger erfaßt, 
die, obwohl ihre Köpfe bereitö ziemlich vom Whisky⸗ 


—h 1140 


geifte erfüllt waren, kaum ven Indianer erſehen 
hatten, als fle auf in zugefprungen Tamen. Der 
Eine hatte jedoch erft fein Pintglas Hinter dem Zaun 
in Sicherheit zu bringen; dann folgte ex feinem Vor⸗ 
läufer, der, ein fehnellfüßiger Sohn des Weſtens, 
den Indianer bereits in feinen Klauen hatte. Dieſer 
ſchien fo erfchöpft zu ſeyn, daß er augenſcheinlich nicht 
mehr viel weiter konnte. Der ſchwankende Zuftand 
feines Berfolgers mochte. ihm jedoch nicht entgangen 
feyn, und To gab er ihm vorläufig einen Ruck, ver 
den Hinterwäloler der Ränge nach in den Koth hin= 
ſtreckte. „Halt!“ fehrie er nun von feiner Lagerftätte 
auf, „oder ih will Deine Backenknochen fo einrichten, 
daß Dir das Effen eine ganze Woche vergehen ſoll.“ 
Der Indlaner fhien die Sprache zu verfiehen und 
hielt, jedoch nicht ohne ſich vorher in einigen Ver⸗ 
theidigungszuſtand verfegt zu haben, der den feften 
Entſchkuß verkündete, fich fener Haut zu wehren. Er 
faßte fein Schlachtmeffer und fah keck feinen Verfol⸗ 
gern entgegen, vie Beide an ihn herangefommen wa= 
ren und ihn mit jener mißtrauifchen Neugierde maßen, 
der etwas werbächtig erfcheint, und bie ſich berechtigt 
glaubt, der Sache auf den Grund zu kommen. 


— 145 ⸗ 


Die Erſcheinung eines Indianer in diefen Gegen- 
den war nichts "weniger: als ungewöhnlich, da fie 
faum hundert Meilen gegen Nordweſten zu ihre Dör- 
fer Hatten, und ihre Excurfionen fie Häufig mehrere 
hundert Meilen in allen Richtungen ind Land hinein 
und feldft in die Hauptſtadt führten. Ihre ſich mit 
jevem Jahre verminvernde Anzahl hatte ihnen ſchon 
feit langen Jahren nicht mehr erlaubt, etwas Feind⸗ 
felige8 gegen ihre immer näher rückenden weißen 
Nachbarn zu-unternehmen , und ihre gefteigerten Be⸗ 
dürfniffe, worunter befonders ihre unerfättliche Be⸗ 
gier nach dem köſtlichen Feuerwaſſer, hatte fle in ver 
That zu Jagdſklaven der in den Städten und auf dem 
. Zande zerfireuten Krämer gemacht, die ven Elenven 
kaum den zehnten Theil des vollen Werthes für ihre 
Belle in Whisky bezahlten. Die- Verfolger Hatten 
daher ficherlih Feine böfe Abfiht mit dem armen 
Wilden; höchftens wollten fle ein Bischen Spaß mit 
ihm treiben und: ein halbes Pint ächten Mononge⸗ 
hala leeren. Wenigftens verkündete dieß der Wieber- 
erftandene, der, ben etwas unfanften Ruck gar nicht 
übel nehmend, ihm zubrültte, mer müſſe ein halb 


—d 16. ⸗— 


Pint Whisky mit ihm leeren, ober ex wolle iin in 
feine. Taſche jeden. « 

-- Und fofert nahmen ihn die beiden Sintenwäßsker 
mit jener Familiarität und rückſichtsloſen Zuverficht 
in Empfang, die feinen Widerſtand erlaubt und fich 
. ermächtigt glaubt. mit unbezweifeltem Nechte fi in 
alles einzumifchen, was in ihrem Bereiche vorgeht. 

nRomm-rother Junge ‚“ rief der Zweite, der, ges 
legenheitlich den fhmalen Pfad miſſend, knietief in 
den Koth verſank, während der Erſte, feinen eigenen 
Ausdruck zu gebrauchen, noch in ſeinen Sqhuhen 
ſtehen konnte. 

„Komm! komm! Damn it, wenn Du und nicht 
helfen ſollfſt, die vermaleveiten Britten zu befämpfen 
und trinken; ei, und trinken!” 

Miütlerweile waren auch die Audreißer ber Gorps 
in verfihiedenen Graden von Schnelligkeit angekom⸗ 
men, ſchon von weitem das aufgetriebene Wil prüs 
fend, das ver Zufall fo gefällig in.ihre Mitte brachte, 
und. nicht unähnlich einer Kuppel Hunde, die nun mit 
offeriem Machen auf den Fremden Tosftürzen, ven fein 
böfed Geſchick fo unerwartet mitten in einen Haufen 
fröhlicher Fuchsjaͤger Hineingeworfen hat. 


—d 187 


An den luſtigen Brüdern war eine Art unver« 
fchämter ‚ jedoch nichts weniger als böstwilliger Neu⸗ 
gierve fihtbar. Ohne um weitere Erlaubniß zu fra- 
gen, traten fie an den Wilden heran’, probirten bie 
Schärfe feines Stalptermefiers, befahen feine Garbe- 
röbe, unterfuchten feine Mocaffind, und Einer von 
ihnen ſtand im Begriffe, ihm feine Kappe ein wenig 
zu lüften, um ein nähered Verſtändniß mit dem neuen, 
und wie es fehlen, eben nicht fehr angenehm über» 
raſchten Befucher einzuleiten. 

Das Aeußere dieſes Ankömmlings, die Wahrheit 
zu geſtehen, war ein wenig ſonderbar. Eine Fuchs⸗ 
fellkappe bedeckte ſeinen Kopf bis über die Ohren 
herab und verhüllte ſorgfältig feine dunkelblonden 
Haare; aber der etwas lange Flaum auf ſeinen Lip⸗ 
pen machte dieſe Verkleidung nur:um fo auffallender. 
Sein Hirſchfellwamms verrieth einen Wilden, aber 
die Beinfleiver einen gezähmten. Auch einer feiner 
Mocaffind, ven andern hatte er wahrfcheinlich ver⸗ 
Ioren, war von indianiſchen Händen gearbeitet 5 
eine feiner Wangen hatte noch immer Spuren der 
rothen und fchwarzen Kriegerfarbe, aber die andere 
war nur noch zur Hälfte gefärbt, und feine Hände 





— 18 ⸗— 


weiß und bloß von ver Sonne verbrannt. Die blauen 
Augen, halb muthwillig, Halb trokig, Hoben jedoch 
allen Zweifel: diefe Eonnten unmöglich einem Wilden 
angehören, wenn auch feine blühenden vollen Baden 
und der regelmäßig geformte Mund dieß zugelaffen 
hätten. ‘Der Haufe flärrte ihn mit ber Berblüfftheit - 
an, die Einzelne aus ihnen vieleicht ergriffen hatte, 
wenn fie in ein Didicht drangen, in der Hoffnung, 
einen fetten Hirſchbock zu finden, und ſtatt deſſen einen 
brummenden Bären auf fich zufchreiten fahen. 

„Sch folte meinen, Ihr Habt mich genug befehen ;* 
hob nun ner Wilde in einem humoriſtiſchen Tone an, 
der halb Scherz, Halb Unwillen verrieth, während 
er einem kecken Hinterwäldler mit ver flachen Klinge 
ſeines Meſſers über die Hand fehlug, deren warzige, 
rauhe Hornhaut eher ven Taken eined Mlligators, als 
eines Menſchenkindes, anzugehören fehlen, und wie 
ed wieder verfucht hatte,. feine Kappe zu Lüften und 
feinen Haarwuchs zu befehen. 

Es war, wie unſere Leſer nun errathen werben, 
unfer junger Britte, der vum indianifchen Laufer auf 
den Pfad ver Codhattaes geführt, ſich endlich durch 
die zahllofen Sümpfe, Flüffe und Wälder, mit denen 


—d 149 — 


dieſe Lanpfchaft fo. überflüffig gefegnet iſt, hindurch 
gearbeitet Hatte. Die Kalte oder verhaͤltnißmaͤßig 
fältere Jahreszeit und der nievere Waſſerſtand ver 
Sümpfe und Flüffe, von denen viele der erfteren ganz 
ausgetrocknet und in Wiefen umgewandelt waren, 
hatten ihn auf feiner Irefahrt begünſtigt, ſonſt dürfte 
er ſchwerlich jedie Ufer des Atchafalaya geſehen haben. 
&r Hatte von wilden Gänfen und Enten während.ber 
drei letzten Wochen gelebt, die. er getöbtet und gebra⸗ 
ten, fo wie ihn die Indianer gelehrt hatten, und war 
fo eben aus der Wilbniß gevrungen. Die gemaltig 
langen Goliathögeftalten der. Sinterwälbler, ihre 
ſcharfen Augen und fonnverbrannten Gefichter und 
Die langen Dolce mit Schaften von Hirſchhorn hat- 
ten ibm vermuthlidy eben nicht ſehr einladend geſchie⸗ 
nen, und fo groß auch feine Sehnſucht wahrſcheinlich 
war, wieder in civilifiste Geſellſchaft zu gelangen, fo 
mochten die Leute, die. er vor fi. hatte, ihm doch 
wieder ziemlich die Luft benommen haben. „Er hatte 
ſich demnach feitwärts gewendet, aber zu jpät. Uebri⸗ 
gend ſchien ihn fein Zufammentreffen eben nicht ſon⸗ 
derlich in Verlegenheit zu fegen, pie franfe; etwas 





— 10 ⸗ 


zubringliche Familiarität ver Giiterwälbler ihn viel⸗ 
mehr zu unterhalten. 

„Und Damn it!“ rief Einer nach einer langen 
Daufe, während welcher Alle ihn aufmerkfam und 
ſelbſt mißtrauiſch betrachtet hatten ; „wer ind T— ls 
- Namen fen Ihr? Ihr ſeyd Feine Roshhaut?“ 

„Mein, das bin ich nicht,“ verſetzte der junge 
Mann lachend. „Ich bin ein Engländer.” . 

Er fprad-die Tepten Warte im kurzen, etwas des 
terminirten Zone und allenfalls mit dem. Gewichte 
eines Barons ober Grafen, der, in-einer feiner vielen 
großartigen Gemũthsaufwallungen, feine Bauern 
incognito zu überraſchen und dieſes nun auf einmal 
abzulegen für gut findet: . Aehnliche Gedanken ſchie⸗ 
nen ihn zu durchkreuzen; wenigſtens zeigten feine 
munter und Fed über. vie Menge hingleitenden Blide 
eine gewiſſe Behaglichkeit und -Neugierde, wie wohl 
die Erklärung aufgenommen werben dürfte, ‚einen 
gewiſſen Kitzel, ein Lieberlegenheitögefühl, das John 
Bull gerne zu Tage fürbest und das er damals auf 
Bruder Ionathan empfinden ließ, das aber feither 
ganz verſchwunden und einer gewifien neidiſchen Un⸗ 
behaglichkeit Platz gemacht hat, die, ungeachtet des 


— 1 


Sohnes, in ven ſie ſich kleidet, ein ſicherer Werweis 
der ſeinerſeits dem gehaßten Bruder Jonathan zuge 
ftandenen Lieberlegenheit ſeyn dürfte. 

. Ein Engländer!u wienerholten zwanzig Stimmen, 
nein Brittifcher" Die Mebzigen, und unter Diefen ein 
junger Mann im. pappelgrüren Fracke, der fo oben 
angekommen und zwar, wie es ſchien, mit einer Cil⸗ 
fertigkeit und Wichtigkeit, die ſich gewaltig fühlte. 

‚ „Ein. Britte? das iſt jedoch nicht Eure einige 
Empfehlung ?4 ſchnarchte der Seipiggräne den jungen 
Mann an. 

- Diefer warf einen Seuenblick auf den Eyreher, 
der vierſchrötig ihn mit feinen Lobſteraugen maß und 
augenſcheinlich nichts weniger als freundſchaftliche 
Gefinnungen hatte. Dann ſprach er-im hingeworfenen 
Tone; „Für jetzt iſt dieß meine einzige.“ 

Was immer die Gedanken des gruͤnen Mannes 
geweſen ſeyn mochten, und fie waren ſicherlich ‚nicht 
freundſchaftlich, die Uebrigen ſchienen diefe nicht zu 
theilen. Die Art Ueberraſchung, auf die er vielleicht 
gehofft hatte, war nun freilich nicht zu ſehen, fie wear 
eber ungünftiger Natur; aber. balv fchien fie einer 
gewiflen Neugierbe zu meiden, bie augenſcheinlich 


—d 52 ⸗— 


erforſchen⸗wollte, was den jungen Menſchen jo mitten 
in dieſe beinahe undurchdringlichen Sümpfe und Wäl- 
der gebracht Habe. Vielleicht Hatte ſich au das 
ſchlummernde Band der Verwandtſchaft für ihn, ber 
vom Volke ihrer Väter abſtammte, geregt. Die 
Menge ſchien wirklich für einen Augenblick vergeſſen 
zu haben, daß ber junge Mann, der vor ihr ſtand, 
ein Slied. der Nation ſey, mit ber fie im Kriege be⸗ 
griffen und deren Truppen jo eben feindſelig an ihren 
Küften gelandet. Almählig mochten fie fi jedoch 
erinnesn; und ihr Mißgriff, flatt eines Indianers 
einen Britten zu. ſehen, beſchleunjgte wahrſcheinlich 
den Gang ihrer. etwas langſamen Gedanlenyer- 
bindung. 

„ind Damn it, wie. kommt hr Sieger, nach Ope- 
louſas ?” fragte der grüne Mann wieder. 

„Auf: meinen Füßen,“ verſebte der dinglins 
ſpoͤttiſch. J 

Der Epaß geñel jeboch nicht 

„Junger Menſch!“ ſprach ein zweiter, etwas ält⸗ 
licher Mann, „Ihr ſeyd im Staate Loyiflana und ſeht 
hier Bürger der vereinigten Staaten von Amerika vor 
Cuch; dieſer Mann da,“ auf ven Grünrock zeigend, 








—, 158 — 


„it Eonftable; Spaß und Spott find hier am un⸗ 
rechten Orte. « 

„Ich Tomme vom Bord meines Schiffes, dent” — 

„Vom Bord feined Schiffes,“ « wiederholten Alle, 
und ihre Stirnen runzelten -fih zufehenn?, und es 
entftand ein dumpfes Semurmel. 

* Die Nenigkeit von der Landung der brittifchen 

Truppen war fo eben in dem Städtchen angelangt. 
und mit dieſer auch bie. unwillkommene Poft von ver‘ 
Wegnahme der amerifanifhen Kanonenboote durch 
die brittiſchen an ven Päffen des Miſſifippi. Go 
gering dieſer Berluft im Vergleiche mit ven glänzene 
ven Siegen-war, die auf vem Ghamplain und Erie 
und auf der hohen See bei jedem Zufammentreffen 
über die brittifchen ‚Kriegäfchiffe erfochten worden 
waren, jo hatte dieſer Unfall doch eine allgemeine 
Berfiimmung hervorgebraht und ven nationalen 
Unwillen aufs höchfte geſteigert. 

Der Eonftable trat mit einigen Männern auf bie 
Seite und fing an, leiſe zu fprechen. Zuweilen fiel 
fein Blick hinüber auf ven Jüngling, gleihjam als 
wolle er fich Eräftigen, indem, was er wahrfcheinlich 
an ihm zu fehen glaubte. Man Hatte ihn aufmerkfam 

Der Legitime, II. 11 


—d 154 6 

angehört," und "Mehrere ſchlichen ſich heran an ven 
jungen Mann und- maßen ihn gleichfalls mit ſcharfen, 
verdächtigen Blicken, als wollten fie durch eigene 
Ueberzeugung prüfen, wa: über ihn gejagt worben. 

"Auffallend war übrigens die Umwandlung in dem 
Betragen der Hinterwälnler nach dieſem kurzen Wort 
wechſel. Die derbe Familiarität, mit'ver fle ihn 
anfangs empfangen und gemuftert hatten, bie freund⸗ 
liche und neugietige Rückfichtslofigkeit ihres Beneh⸗ 
mens hatte plötzlich einem kalten, zurückſtoßenden 
Widerwillen Platz gemacht. Ihre launiſch frohen 
Mienen hatten einen kalten, ſtolzen Ernſt angenom⸗ 
men, und ſie maßen ihn mit mißtrauiſch prüfenden 
Augen. 

„Fremdling!“ ſprach der Wonſtable in einem be⸗ 
fehlenden Tone, „Ihr ſeyd eine verdachtige Perſon 
und müßt und folgen. w a 

„Und Wer ſeyd Ihr, der Ihr Wuch aumaßt, mir 
den Weg zu fperren ?u fragte Dieſer. 

„Was ich bin, Habt Ihr gehört. Was dieſe Män⸗ 
ner find, fehet Ihr: Bürger der vereinigten Staaten, 
gegenwärtig im Kriege. mit Eurem Lande begriffen, 
wie Ihr wahrscheinlich wiffet. 





—, 155 

Der zeiffggrüne Würdenträger ſprach diefe Worte 
nicht ohne: Würde und mit einem Nachdrucke, ver 
den jungen Mann mit einem etwas weniger hoͤhni⸗ 
ſchen Blicke auf ven neuen Gaftorhut und bie grünen 
Beinkeider ſehen machte. 

„Wohlen, ih folge, hoffe ko; na under 
Euch zu feyn,« ſprach er. 

„Das werdet Ihr bald ſehen,“ ſrach der Con⸗ 
ſtable trocken. Und mit dieſen Worten ging der Zug 
dem Staͤdtchen zu. 





Einundzwanzigfies Kapitel. 


Sadte! Sachte! Wir wollen no ein 
wenig mebr hören. 
. Shakespeare. 


Das Countyſtadtchen Opeloufas zählte zu der geit, 
in welche unſre Erzählung faͤllt, zwoͤlf hölzerne Häu⸗ 
ſer, von denen die Mehrzahl aus gezimmerten Baum⸗ 
ſtaͤmmen aufgeführt, einige jedoch mit Mörtel bes 
worfen und grün übertündt waren. Unter dieſen 
letztern war das des Friedensrichters oder ‚vie er 
ſchlechtweg genannt wird, Squire. 

41° 


9 156 — 


Die ploͤtzliche Veränderung, die im Haufen vor- 
gegangen war, ſchien eben kein ſehr günſtiges Vor⸗ 
bedeutungszeichen für den guten Empfang von Seite 
der Magiſtratsperſon zu ſeyn, vor die der Iüingling, 
wie er wohl ſah, geführt werben wurde. Er. Hatte 
"anfangs dad Benehmen der buntſcheckigen Hinter 
"wälnler als die unzeitige Ausgebuxt einer rohen Will⸗ 
Tür betrachtet, bie fich gerne einen Scherz auf Koſten 
eines vertreten Reiſenden erlaubt; aber ver Ernſt und 
die finftere Gravität, mit ‚der fie haſtig Die Gaſſe, 
die noch größtentheil® aus umzäunten Gartenflüden 
beftand , hinaufſchritten, die verdächtigen Blicke, mit 
denen fie ihn maßen, und vorzüglich die Entfernung, 
in welcher fich Jeder halten gu wollen ſchien, weiſes- 
ten immer unangenehme Auftritte. 

Als ſie zwiſchen ven erſten Häufern augelommen 
waren, wurde bie Feldmuſik hörbar, und gleich dar⸗ 
auf kamen vie zwei Compagnien der rothen, grünen, 
gelben, blauen und ſchwarzen Hinterwäldler tm 

Sturmſſhritte, ernſt und beinahe feierlich, durch den 
Koch angeftolpert, die zwei Beiger eben ven Danfee 
Doodle aufſchnarrend. Einen Augenblick fintte der 
Britte über den wirklich groteöfen Aufzug, und van 


— 157 ⸗— 


flug er ein lautes Gelächter auf. Niemand ˖ſchien 
jedoch feine Lachluft zu teilen. Als fle dem Haufe 
des Squire zufamen, Schloß. eben der Sprecher auf 
dem Baumſtamme ſeine Rede, und die Zuhörer draͤng⸗ 
ten fich num mit den Ererzivenden heran, um bie 
Urfache dieſes Aufzugs zu hören. Ungeachtet des 
ſcheinbar tollen Treibens war jedoch nirgends Zügel- 
loſigkeit her Rohheit zu bemerken; im Gegentheil, 
es war eine Ordnung eigener Art ſichtbar, die trotz der 
herrſchenden Ungebundenheit überall hervorleuchtete. 

Das ganze Städtchen war nun vor dem Haufe des 
Squire verfammelt, als der Conſtable die Thüre 
öffnete und feinen Gefangenen zuerſt einfchreiten ließ. 
Die erwachte Neugierde fing nun an zu drängen, und 
die Zurückſtehenden brüdten fo gewaltig auf ihre 
Vordermänner, daß dad windig ausjehende Frame⸗ 
Haus fo ziemlich in Gefahr kam, mit feinen Bewoh⸗ 
nern weiter geſchoben zu werben: fo wie jebod bie 
Thüre geöffnet war, rief der Eonjtable dem Haufen 
zu: „Märmer! der Squire fit beim Frühſtück,“ 
und die Menge wich augenblicklich zurück. 

Auf unfern Britten ſchien dieſes vereinte Vordrin⸗ 
gen und. plöplide Zurückweichen der derben Hinter» 


138 ⸗— 


wäldler wieder einen angenehmen Eindruck zu machen. 
Er Hatte jeve Regung und Bewegung des Haufens 
mit einer Aufmerkſamkeit und Neugierde beobachtet, 
als wenn ex, feiner eigenen Lage vergefſſend, mır auf 
dieſe bedacht geweſen wäre. Beinahe: fehten es, als 
ob er es fich zur Aufgabe gemacht Hätte, zu fehen, 
was denn eigentlich aus Menſchen geworben, die 
ſeines Landes gepriefenen Schuß von fich geftoßen, 
und auf eigene Rechnung zu haufen angefangen hatten. 
Der Eonftable blieb mit den zwei Dämmen, bie ihn 
zuerſt ontdeckt, in der Stube. 

„Männer! wollt Ihr mit und halten ?« ſprach ver 
gebräunte, ältlich,- aber kernhaft augſehende Friedens⸗ 
richter. 

„Dieſem Fremdling da wird viele Eure Ein- 
ladung willfommen ſeyn,“ ſprach der Erfte, ver fi 
einen Seſſel nahm und fich niederließ. 

Die Andern folgten feinem Beifpiele. - 

„Setzt Eu, Mann,“ ſprach der Brievensrichter 
zum Gefangenen, ohne jedoch von feinem Teller auf⸗ 
zublicken, ver, mit Schinten und Eiern beladen, ihm 
allem Anſchein nach volle Beihäftigung gab. 


—. 159 > 


„Helft Euch zu — was auf dem Tiſche if" — 
fuhr ex fort. — „Altes Weib! eine Taſſe.“ u 
Das alte Weib, oder weniger hinterwäldleriſch zu 
‚sprechen, die Hausfrau, füllte eine Taſſe mit Kaffee, 
und eine der Töchter Iegte ein Couvert zurechte, das 
ein -Negermäbden gebracht Hatte: Alles ging | fo 
formell vor fi, und e8 herrfchte-eine Gravität, eine 
urſprüngliche Artigfeit in. der Stube, die unſern 
‚Jungen. Mann almählig mit einem gewiſſen Reſpekt 
für feine neuen Befannten zu.erfüllen begann, deren 
‚Außenfeite zwar nichts weniger als polirt war, aber 
einen ruhig feften, männlichen und ſich ſtets gleich 
bleibenden Sinn verrieth. Als der Wirth feine Ein- 
ladung wiederholt hatte, griff ſein Sa mit. einer 
leichten Berneigung zu. 

«Helft Euch zu was beliebt,“ ipod ber Sauire zu 
den drei Männern, auf pen Seitentifch weifenn, auf 
dem mehrere Bouteillen mit Madeira, Bort, Cognac 
und Whisky ſtanden. Diefe winkten lachend und 
fuͤllten fich Gläſer, aus. denen fie die Geſundheit des 
Squire, feiner Frau und Familie tranken, ohne Die 
des jungen Mannes zu vergefien, den fie jo eben in 
vielleiht unangenehme Verwickelungen zu bringen 


— 10 &— 


gefommen waren. Ein. Brember, der plöglich ein⸗ 
getreten und die verſchiedenen Perſonen ruhig mit 
ihren Frühſtücken beſchäftigt oder ihren Iobby 
trinfen gefeben, dürfte ſchwerlich errathen haben, 
weshalb diefe Menſchen gekommen, fo formell, lang⸗ 
ſam, bedächtig und gleihmüthig waren die Bewe⸗ 
gungen ber verſ chiedenen Parfteien. 

Die Frau warf von Zeit zu Zeit einen fügtigen 
Blick auf den jungen Mann herüber, dem das wirklich 
treffliche Frühſtück wohl zu. behagen ſchien, und zwei 
erwachſene, allerliebfte Mädchen ſchienen die Maka⸗ 
rellen auf ihren Tellern nicht mehr zu ſehen; der 
Squire jedoch ſaß ſtandhaft da und vollbrachte ſeine 
Morgenaufgabe mit einer Langſamkeit, die bewies, 
daß er jedem Geſchaͤfte feine Zeit zumaß. 

„Die Wahl ift doch noch night vorüber?” fragte er - 
endlich. Br . 

nRein,* ſprach der Conſtable. „Mein Bruder 
hat. fo. eben feine Anrede beſchloſſen.“ Er begleitete 
feine Worte mit einem ſtechenden Seitenblide, ver 
verrieth, daß er nichts weniger als zufrieden mit dem 
neuen Abenteuer fey, das feinem Bruder die Hälfte 
feiner Zuhörer entführt hatte. 





—d 161 0 


Eine andere viertelftündige Paufe erfolgte, und 
während biefer endete die Mahlzeit. Als der Tiſch 
abgeräumt war, fland der Squire auf und, die Thuͤre 
öffnend, Tieß er fo viele ver außen Stehenden perl, 
als das Innere bequem faffen konnte. 

„Und nun Conſtable,« ſprach er, indem er qugleih 
ein Korkdintenfaß mit einem Buche Papier auf einem 
Seitentiſche zurechtlegte; „was gibts nun wieder, und 
Wer hat etwas anzubringen?“ 

„Dieſe zwei, Miſter Joe Drum und Sam Slab,“ 
ſprach der Unterbeamte, „werden Euch dad Nähere 
fagen, und zwar Mifter Ive Drum ald ver Erfte, 
der den Gefangenen gefehen und angehalten 

Der werthe, durch ven Offizialen bezeichnete Mifter, 
ohne fich einen Augenblick zu befinnen,; nahm einen 
ungeheuren Klumpen Kautabak aus feinem viereckigen 
Munde, warf ihn in dad Kaminfeuer und begann 
dann feinen ſchlichten ungefünftelten Vortrag: wie er 
auf den Fremdling aufmerffam geworden war, und 
wie Diefer durch allerlei Wendungen ihm zu ent⸗ 
wiſchen geſucht hatte, 

Der Friedensrichter beſah nun zum erten Male 
den Angeklagten, der ſchweigend und gefaßt vor ihm 


— 108 ⸗— 


fand, und deſſen Geſichtszüge fh nur zumeilen in 
ein unmerkliches Laͤcheln verzogen. 

Der Zweite der Hinterwäldler entledigte ſeinen 
Mund eines Ähnlichen Tabakklumpens und befräftigte 
die Ausſage des Erſtern ſo ſchnell, als die Schwere 
ſeiner Zunge es nur immer zuließ. 

„Sam,“ ſprach der Friedensrichter zwiſchen hinein. 
„Ihr ſeyd wieder ſo arg befoffen als je, und noch 
geſtern, als ich Euch aus dem Alligatorſumpfe her⸗ 
auszog, verſpracht Ihr-mir feſt und theuer, die näch⸗ 
ſten ſechs Wochen keinen Whisky mehr anzuſchauen.“ 

„Und Damn it, wenn ich mein Wort gebrochen,“ 
verſetzte der Erzzecher. „Ich habe meine Augen zu⸗ 
gedrückt, fragt einmal Joe Drum, und ſo ſolltet Ihr 
thun, Damn ye! Aber dieſe Fips und Levies,“ 
ſprach er, indem er einen ſchmutzigen Lederbeutel mit 
kleiner Münze auf den Tiſch warf und ſchnell wieder 
zu fich ſteckte, „müffen noch wandern, daß die Brit⸗ 
tiſchen ihn mit gelben Fuͤchſen wieder fuͤllen.“ 

„Ja Die werden Euch etwas münzen,« ſprach der 
Friedensbrichter. „Unter anderm laßt Euer gottes⸗ 
läſterliches Fluchen bleiben, fonft büß ich Euch.“ 

„Ihr mich büßen ?a grindte Sam. „So mögt Ihr, 





5 188 — 
und bürftet dabei reich werben, ja und eine Kugel 
nebenbei in Euern Wanſt Friegen. « 

„Nicht fo vorſchnell, Sam!" Ihr werdet mich nicht 
erſchrecken,« ſprach der Briedensrichter ernfl und 
ſcharf, Das mich beſonders betonend. „Wenn ich Eu 
nochmals fluchen höre, fo büß ich Eu. 

Die Dritte der Hauptperfonen, nämlid ver Con⸗ 
ſtable, fehlen nun geformen, feinen Beitrag zur Bes 
kräftigung der Ausſagen zu liefern; doch von' meh⸗ 
rern Seiten war zu hören: „ehrlich Spiel, Dick! 
Ihr ſeyd zulegt gefommen, und wißt vom ganzen 
Vorfalle gerade fo viel wie des Squires Katze.« 

„Ich bin aber Conſtable und meines — u 

„So ſeyd Ihr,“ unterbrachen ihn mehrere Stimmen, 
„und als folder Habt Ihr Eure Pflicht gethan; mehr 
müßt Ihr aber nicht thun wollen. /· 

Des Friedensrichters Miene hatte allmählig den 
Ausdruck von Zweifel und Verlegenhett angenommen, 
ben man allenfalls einem Manne zu gute Halten kann, 
der, gewohnt, fen tägliches Geſchäft langſam und 
methodiſch zu vollbringen, ſich nun auf einmal bemü- 
Bigt findet, einen Gegenſtand von weit größerer Wich⸗ 
tigkeit zu verhandeln, als ihm noch je vorgefommen 


—H 164 > 


ſeyn mochte. Es ſchien ala vb er unfchläffig ſey, 
was er aus dem’ jungen Abenteurer machen ſolle. 
Die indianiſchen Kleidungsfragmente ausgenommen, 
hatte:er nichts an ſich, das ihn verächtigte. Zwar 
kannte er den Gefangenen nicht. näher; aber was er 
an ihm ſah, war nicht von der Art, die Bermuthungen 
zu bekräftigen, die fein Aufgreifen und feine Ber- 
kleidung veranlaßt Hatte. Er lachte heiter und ſorg⸗ 
los, blickte fröhlich umher und muflerte vie Hinter⸗ 
waldler vom Kopf zu ven Füßen mit einer Neugierve, 
die nur zumellenin Spott übergeben zu wollen fehien. 
Dabei: hatte fein. Aeußeres, ungeadtet der nichts 
weniger als zierlichen Metamorphofe, einen Anftand, 
der vortheilhaft für ihn ſprach. Freilich konnte ſeine 
Unbefangenheit auch erkünſtelt ſeyn, und eben hinter 
diefem Anſtand etwas nie umfo Gefährlicheres ſtecken; 
dies ſchien jedoch bei feiner Jugend nicht wahrſchein⸗ 
lich. Aber ſolche Fälle gab es doch, vielleicht waren 
fie dem Friedensrichter ſelbſt in einem Lande vorge⸗ 
kommen, das feit ven letzten zehn Jahren gewiffer- 
maßen der Sammtelplag. von Aventuriers aller Art 
geworben war. 
Der gute. Man war - in, fehtlicher Berlegenheit 





ed 165 9 


und fragte fish zu wiederholten Malen: hinter: den 
Ohren. Einige Male hatte er einen Pod gedruckter 
Papiere aufgegriffen, fie aber unmwilig wieder auf 
den Tiſch geworfen: 

Endlich ſprach er: „Fremdling, könnt Ihr etwas 
zu Eurer Vertheidigung ſagen ?“ Sein Auge fiel.bei 
diefen Worten ermunternd auf ven Süngling. - 

„Ich weiß nicht, worin die Anklage befteht."- 

Ihr habt fie gehört, verſetzte ner Friedensrichter 
etwas ſchnell, „ih will ſie Euch aber wiederholen. 
Dieſe zwei Männer da und der Conſtable im Namen 
des Staates ſagen, daß Ihr ein Spion. ſeyd, ver⸗ 
kleidet, und gekommen, um das Land auszuſpaähen 
und die Rothhaͤute gegen und aufzuhegen.“ - 

- Der junge Mann warf einen unwilligen Blick auf 
die beiden Ankläger, aber ex fehien nicht überraſcht 
oder verlegen. „Das iſt eine verdammte/ — platzte 
er heraus, ohne jedoch das letzte Wort ausſprechen 
zu können, denn der Squire, der. aufmerkſam in 
feinem Geſichte gelefen hatte, fiel ihm mit einem 
donnernden „Halt! in die Rede. 

„Ich habe nicht Luft, mein Haus in einen Zummel⸗ 
platz verwandelt zu ſehen. Ihr muͤßt Eure Zunge in 


—H 166 8 

Acht nehmen, junger Mann ‚ wenn Ihr mit ameri⸗ 
kaniſchen Bürgern- revet, das find Feine Britten. 
Wenn · Ihr Euch gehörig ausweiſen koͤnnt, Wer Ihr 
ſeyo, und wie. Ihr zu Euern indianiſchen Kleidungs⸗ 
ſtücken gekommen, dann wohl; wenn nicht, ſo muß 
ich Euch ind Hauptquartier oder auf das naͤchſes De⸗ 
pot ſenden.“ 

Der alte Hickory laͤßt ihn die 2 Stumde bau⸗ 
meln,“ meinte Einer. 

„Damn old Hickory; wollte, er wäre bereits wie⸗ 
der, wo er hergefommen;;# fiel ein Zweiter ein. 

„Mag ic erfchoffen werden, wenn ver alte Hickory 
nicht mehr ehrliches Blut im kleinen Finger hat, als 
ein Pferd ſchwemmen würde,“ ſchwor ein Dritter. 

„Haltet Eure Mäuler,“ ſprach der Friedensrichter, 
„und laßt mal hören, was der Junge da zu fagen hut. 
Alfo,.pro primo, Wer ſeyd Ihr, und was ſeyd Ihr?" 

„Ein Engländer; mein Name, James‘ Hobges, 
Midſhipman auf der Fregatte ver Donnerer.“ 

„Ein Britte, James Hodges, Midſhipman auf 
dem Donnerer,“ murmelten Alle. 

Der Friedensrichter maß den Midſhipman mit einem 
beforgten Blicke und fchüttelte den Kopf. 


—) 107 — 

„Wohl,“ ſprach er, nachdem er. ‚bie Aueſage ze 
Papier gebracht. Hatte. 

„Wie ſeyd Ihr aber nahe an dreihundert Meilen 
tief ins Land gekommen? Doch nicht wie der Shin 
Dutchman auf Eurer Fregatte?d .. ">. 

„Nein, « verfegte ver kunge. Bam lachend, „aber 
unſer Capitain, mit der Sondirung der Miſſiſippi⸗ 
mündungen beauftragt, hatte Einigen von uns die 
Erlaubniß zu einer Schilbkrötenjagd gegeben.‘ Auf 
dieſer und dem Auſternfange waren wir begriffen, als 
der Seeräuber yon Barataria und überfiel und infein 
Fort ſchleppte. Ich habe mich zur Nachtzeit gerettet. 
Was aus meinen Gefährten geworben, weiß ich nicht.“ 

„Vom Serräuber von Barataria gefangen genom⸗ 
men ‚"-ziefen. wieber zwanzig Stimmen. 

Der Name-des Serräuberd von Barataria, der. bie 

Küfte fett fo langer Zeit / her unficher gemacht, erregte 
ein aligemeines erlangen, © etwas. mehr von ihm zu 
hören. = 
„Laßt mal etwas von bem Kerl bꝛen⸗ rief 
Einer. 

„Halt's Maul, ſage ich —8* ef wieder der 
Friedensrichter. „Wir haben Feine. Seit Geſchichten 


168 ⸗— 


anzuhören, gibt mir dieſe Kopfbrechend genug. — 
Und kommt. Ihr won der Inſel Barataria gerade 
herauf in dieſe Gegend ?“ fragte er. 

„Nein,“ erwiederte ver ‚Gefangene, „ich entfam 
in. einem Boots, das ein flarfer, füdöſtlichet Wind 
tief:in den mexicaniſchen Bufen führte.“ 

„Und du kommt Ihr her?" fragte der Squire kopf⸗ 

ſchůttelnd· „Doch, woher dieſe indjaniſche Kleidung? 
3b: traf auf.einen indiauiſchen Stamm, der mich 
damit verfeheh: 

„Und von dieſem habt Ihr Euch auf ben ng ger 
auf ven Atchafalaya zu gemacht?“ fragte der Squire 
wieder, noch immer Topfichüttelnv. 

So habe ich ;“ war die Antwort. 

„Ich will es niederſchreiben, lieber Mann,“ ſprach 
der Friedensrichter, „obwohl ich Euch verſichern mag, 
daß unter Millionen nicht zehn es glauben werden. 
Hört einmal. So Viele ihr unten am Balize ſeyd, 
und mwäret Ihr Hunderttauſend, fo hat Keiner von 
Bud fo viel noch gelernt, um von ber mexicaniſchen 
Grenze over einem Indianerſtamme den Weg herzu⸗ 
finden. Hört Ihr; da find keine Fahrſtraßen und 
PMeilenzeiger zu ſehen. Da ſteckt etwas Anderes da⸗ 





—d 169 > 


hinter; zudem, dieſe indianiſche Kleidung iſt ſo ſchlecht 
nicht. Ich kenne keinen Stamm, der ſo etwas weg⸗ 
zugeben reich genug wäre. Wie heißen die Indianer, 
bei denen Ihr Euch aufgehalten Habt? 

„Das kann ich nicht ſagen, « erwiederte ber Sünge 
ling. 

„Daß můſſen wir aber wiſſen,“ vnſchen⸗ der 
Friedensrichter. 

„Ich kann es nicht ſagen; es gibt ſo viele Staͤmme, 
Coshattaes, Sabiner und wie fie heißen.“ 

Ale horchten hoch auf. 

Ihr wißt den Namen der Coshattaes und Sabi⸗ 
ner, und nicht Derjenigen, bei denen Ihr Cuch auf⸗ 
gehalten habt?“ fragte ver Friedensrichter. „Das iſt 
fonderbar ; und dieſe Indianer ſollten Euch eine Klei⸗ 
dung gegeben haben, die zum wenigſten zehn Dollars 
werth iſt? Hört, das iſt eine kitzliche Geſchichte, ic 
verſichere Euch. Die Coshattaes und Sabiner, wenn 
fie alle ihre Hahfeligkeiten zufammen nähmen, find 
nicht im Stande, Euch) zu geben, was Ihr am Leibe 
habt. Eure Geſchichte mag gut genug ſeyn, um bei 
Euch zu paffiren; aber hier bringt die Anklage, die 
Daraus hervorgeht, Eueen Kopf in Oefahr. . 

Der Legitime. I. 12 


—d 170 ⸗— 


‚m&end fo-gut, lieber Friedensrichter,“ ſprach her 
Britte Jächelnd ; „fo ſchnell als möglich meinen Fall 
| im · Hauptquartier anzuzeigen. Daß Uebrige wird. fi 
dann finden.‘ · »: 

„Sm Hauptquartier gu wiederholte der Friedens⸗ 
richter, der den jungen Mann verwundert angeſehen 
hatte. „Hört einmal, Ihr ſtellt Euch das ein wenig 
leicht vor; aber wenn Ihr wüßtet, Wer darin befeh⸗ 
ligt, dann würdet Ihr wahrſcheinlich nicht jo vorſchnell 
ſeyn. Der haust mit den Creolen, «.brummte er ſeit⸗ 
wärts, „als wenn fle feine Neger wären; was wirb 
er erft mit Fremden thım! Und fonft® — fragte er, 
ih nochmals an den Gefangenen wendend — babe 
‚Ihr nichts vorzubringen?“ 

„Bloß,“ verſetzte ver Britte lachend, „daß ich BER 
wie meine zwei AUnkläger angegeben, verbädtig in 
ber Nähe Eurer. Stadt umhergeſchlichen, und von 
ihnen währenn meines Spionirens gefangen genom⸗ 
men worben bin. Man ift eben nicht in sinem Zus 
flande, Andere zu fangen, wenn man felbft nicht auf 
den Beinen flehen kann. Ich Habe mic freiwillig 
geſtellt.“ . 

„Und wahr iſts au noch, ſchrie der erſte An⸗ 





9 14 0 


Häger; „ih hab' einmal zu viel geladen, das iſt ganz 
richtig. Laßten laufen Squire; ein Spion mehr oder 
weniger wird keinen Unterſchies machen; laßt fie un 
kommen bie Rothröcke, wir wollen ihnen bie Belle 
gerben,, daß fie's Seimgehen vergeffen ſollen.“ 
Ei und die Proffamation des Generald,a erwies 
derte der Zweite, „die da fagt, daß jede verbächtige 
Berfon angebalten-und an bie Milttirhe horde einge 
liefert. werben foll!« Ze 
„Geht und nichts an,“ verſetzten mehrere Stim⸗ 
men. „Sie iſt vom. Generale auögegeben, und der 
hat. einen Quark im Staate und freien Männern zu 
jagen, die nur den von ihrer Legislatur gegebenen 
Sefeßen gehorchen ſollen; was meint Ihr, Squivet« 
„Gewiß,“ verfegte Diefer, „der General hat Hier 
nichts zu befehlen; aber bie Conſtitution jelbft hat, 
für den Ball geforgt. Es bleibt nichts weiter übrig, * 
ſprach er leiſer zu den Seinigen, „als ven Jungen 
hinüber zu fenden. Es thut mir leid, daß ich mithel⸗ 
fen fol, ihn in die Pfütze bineinftoßen ; er fieht wahr⸗ 
lich fo wacker aus wie irgend Einer, der in feinen 
eigenen Schuhen. fteht.* Ä 
„JIunger Mann,« wandte er fich zum Gefangenen, 
12* 





172 — 
Ihr ſeyd innerhalb der Linien unferer Armee in einer 
Verkleidung aufgegriffen worden, bie allerbingd ver- 
dächtig il. Ihr ſeyd, nah Eurem eigenen Geſtänd⸗ 
sıiffe , zur Flotte gehörig; beides zwingt mi, Euch 
anferen Militärbehörben zu überantworten. Es if 
ein hartes Geſetz für ein freies Land, aber ed ift nur 
in Kriegszeiten. Wäret Ihr kein Dritte, dann möchte 
ich durch die Finger fehen. Und ſetzt Euch. nun nieber 
und helft Euch zu einem Glas Wein oder Rum, was 
Euch beliebt.” 

Der Britte dankte mit einer leichten Berbeugung, 
trat zum Schenktifcge und trank auf. die Geſundheit 
feiner neuen Bekannten. Sein ganzes Benehmen be= 
geugte, daß er mit feiner Behandlung fehr zufrieben 
war. Und wirklich warin der Prozedur des Friedens⸗ 
richters, ungeachtet des flarken Beigeſchmacks hinter⸗ 
waͤldiſcher Manieren, eine Offenheit und Biederkeit, 
die nicht fehlen konnten, ihm Vertrauen zu ſeinen 
neuen Bekannten einzuflößen. Er ſchien ſich gewiſſer⸗ 
maßen zu Hauſe zu fühlen; die Menſchen um ihn 
herum waren ſo natürlich, fo ungekünſtelt, und da⸗ 
bei fo vollkommen geſetzlich und über ihre Intereſſen 
aufgeklärt; fie ſchaämten ſich ihrer Blößen fo wenig, 


* 


— 173 & 


daß fie nothwendig vem unbefangenen in vortheil⸗ 
haftem Lichte erſcheinen mußten. Er hatte vielleicht 
einen arroganten Pöbelwitz und rohe Schimpfworte 
befürchtet; ſtatt dieſer war ihm eine Behandlung zu 
Theil geworden, bie zwar nicht ohne ihre derben 
Auancen, aber im Grunde fo angemeffen war, wie 
er fie nur in feiner unangenehmen Lage wünſchen 
konnte. Es war viel Rauhes, aber nichts Pobelhaf⸗ 
tes zu ſehen geweſen. Zwar konnte er noch immer 
das Lachen nicht verbeißen, wenn er an die militä⸗ 
riſche Promenade dachte; aber der ſtarre republika⸗ 
niſche Ernſt, der ſelbſt in dieſem groteöfen Spektakel⸗ 

aufzuge vorherrſchte, und die männlich gebräunten 
Geſichter, in denen wahrhaft kriegeriſcher Zorn blitzte, 
gaben ihrem ganzen Wefen einen ganz eigenthümlichen 
Anſtrich, det durch eine formelle und ihrer Würde be= 
wußte Gravität und ihre ſcharf gezeichneten Phyfiog⸗ 
nomien ſehr gehoben wurde. Der erſte Anblick ganz. 
freier und troß ihrer Rauhheit innerhalb der Gefetz⸗ 
lichkeit verbleibender Menfchen machteihn augenfchein- 
lich flugen, indem er ihn altmäglig das innere Weſen 
republikaniſchen Lebens ahnen zu laffen ſchien. 

Der zeitweilige Vermährungsort ves Gefangenen 


11 


wurde nun zwiſchem dem Friedensrichter und Dem 
Gonftable der Gegenſtand der Unterhaltung. Der 
Sheriff war abweiend, und das Countygefängniß, in 
dem zulegt eine Sklave gefeffen, det entwifcht war, 
ohne Schloß und Riegel." Der Squite endete die Eon- 
ſultation mit der Zuſicherung, daß er für die Sicher- 
heit des Gefangenen Sorge: tragen wolle. Und als 
die Männer’viefes- gehört, fo räumten fle vie Stube. 
: Nicht lange, fo erhob fi der Lärm von neuem. 
Zur’ alten Geige und türkischen Trommel Hatten fie 
eine ſchottiſche Pfeife gefellt, und mit diefer ohrzer- 
reißenden Muſik parabirten fie num truppweiſe die 
Straße hinab fo ernſthaft ‚ To fteif und ſtattlich, als 
wenn es gerade auf ven Feind los ginge. 

„Hol ver Henker das verdammte Schreibwerf, “ 
fehrie plötzlich der feiner, "Samuel gegebenen Wars 
nung vergeſſende Squire. „Da fol ich mın ſchreiben! 
und fo wahr ich lebe, ich weiß nicht, wie ich vie Worte 
zu flellen habe, um dem armen Jungen nicht wehe zu 
tun. Höre ein Wal’, ich wollte wetten, Ihr Eönnt 
mit dem Gänfeftel fo wohl umgehen, ala Einer ; wie 
wär's, wenn Ihr den Plunder auffegtet 7“ 

. „Welchen mieint Ihr, Squire?« 





— 19 — 


„Je nun, die Evidenz wegen Curer Gefangene 
mung.” - 

„Ihr meint den Casus apprehensiönis, “ verfehte 
der Britte, über die fonverbare Zumuthung laut 
lachend, nun noch fein eigener Gerchtelchrether zu 
werden. 

. nIhe habt Zeit,“ ſprach der Mann, ſeot * 
juſt nieder, hier iſt Dinte, Feder und Papier, und 
ſchreibt klar und verſtändlich, und denkt daran, daß 
es um Euren Kopf geht.“ 

: Glaubt Ihr,“ verſetzte der junge Mann lachend, 
„fe würden es wagen, einem .Britten zu nahe zu 
treten, wenn eine brittifche Armee vor ihren Thoren 
ſteht? Tu 

„Rein! hört einmal den Jungen,“ h prach ver Squire, 
das kommt mir fpaßhaft vor; wagen, einem Britten 
zu nahe zu treten! Höre, wenn Du der General en 
Chef Eurer Armee felbft wäreft, um fo eher hingeſt 
Du, verfteht ſich von felbft, wenn der Verdacht, in 
dem Du ſtehſt, gegründet befunden würde. Nein, 
junger Mann, Du kennſt und nit, das fehe id 
wohl; und manchmal werde ich ſelbſt irre an dem be⸗ 
ſeſſenen Geift, ver in den Unfrigen ſteckt und der fi 





—d 176 — 


bald an unfern Herrgott ſelbſt wagen wird. Es nicht 
wagen!“ rief er wieder kopfſchuͤttelnd. „Die wagen 
fich an mehr als an Dich, armer Junge! und wenn 
fle-Euerm dummen, brittiſchen Stolge einen Hieb ver- 
feßen koͤnnen, fd wird fle nichts abhalten, ihn.zu 
führen, und. das fo Fräftig ald möglich. Und warum, 
Junge? weil wir da3- freiefte und folglich pas erſte 
Volk der Welt find, und Alle auslachen mögen. — 
Halte Maul, altes Weib," brummte er feiner Ehe⸗ 
hälfte zu, die mit bittenden Geberden ihm zur Seite 
fland und ihn auf milvere Gedanken zu lenken ver- 
fuchte. „Diefe deine Querfprünge geben hier. nit; 
Qu weißt, daß wir die Feinde über'm Hals Haben, 
da giltkein Spaßen. Nein! nein!“ fuhrerzum jungen 
Mann gewendet fort: „Ich bitte Euch, ſeyd Hug, und 
kurzweilt ja nicht, fonft möchte fih der unten mit 
Cuerm Kopf eine Kurzweil ſchaffen; das kaͤm' ihm. 
gerabe gelegen. * 

Und mit dieſen Worten verließ er die Stube. 

Der junge Mann ſchickte 1 an, fein Geſchaͤft zu 
beginnen. 

nAber was ums Himmelswillen hat Euch gerade 
da hergebracht?“ fing nun die Ehehälfte an, nachdem 


— 177 ⸗— 


ihr Mann nen Rüden gekehrt hatte. „Seyd Ihr 
Britten denn gar fo dumm? "Wenn Ihr Eure Augen 
und Ohren nur ein wenig offen gehabt hättet, müß- 
tet Ihr gefehen haben, daß Ihr in vie Wolfsgrube 
rennt. Sie werden Euch Hängen, verlaßt Euch darauf; 
das iſt ein grimmiger alter Mann, der General.“ 

Die Ausficht war nicht ſehr troſtreich, aber’ der 
Gefangene ſchien ſich kein graues Haar wachſen laſſen 
zu wollen. „Habt keine Sorge um mich, gute Frau,⸗ 
ſprach er lächelnd. „Man hängt nicht, am wenigſten 
wegen Spionirens, wo der bloße Gedanke Unſtnn iſt.⸗ 

. nWohf, wohl, woͤllen's Beſte Hoffen; am ge⸗ 
ſcheidteften war's jedoch“ — — 

„Weib ;“ brummte ihr Mann zur halb geöffneten 
Thüre herein. „Scher! Dich von bem Jungen wes⸗ 
ih ſage Dir's.“ 

„Laß ihn reden,» ſprach fie, „und wenn Kaͤte ihren 
neuen Rock fertig hat, fo wollen wir ſchauen, ob wir 
Dich darin nicht hinüber zum BIN praftiziren fönnen. “ 
Sie nickte pfiffig. 

„In Miß Kätes Roͤckchen,⸗ lachte der Britte bei | 
laut, „das fehlt noch. 4 

„Ei, werben da lange fragen, a fuhr. fie fort. „Das 


128 
Maͤdchen hat nur noch die Ermel einzuſe ben; · und 
ſomit wackelte ſie der Küche zu. 

- Der Gefangene begann nun im Ernfte fg über 
feinen nüht ganz.angenehmen casus apprehensionis 
zu machen. Lange Eonnte-er mit ſich nicht eind wer⸗ 
ven; enblich ‚glaubte er im Reinen zu ſeyn und fing 
an feine Gedanken auf’3 Papier zu werfen. Er Hatte 
. fett Abenteuer, mit Auslafſſung der Indianer, fo 
natürlich als mögli erzählt, und zugleich umſtänd⸗ 
lichen Bericht über feine Dierfiverhältniffe gegeben, 
die nad feiner Meinung nicht fehlen konnten, feine 
ſchleunige Befreiung zu bewirken. Als er geendet hatte, 
Fam der Squire zurück, dem er das Papier reichte. 

„Das haft Du gut gemacht, Junge!" ſprach Dies 
fer; als er ven Auffag geleſen hatte. „Und nun, Die, 
ruf mir einmal die Männer zur Unterſchrift.“ 

„„Ei, das iſt aber nicht Eure Handſchrift, Squire,“ 
Brad: ver Conſtable aus, dei mit den uebrigen wie⸗ 
der gekommen war. 

Und wenn fie's nicht iſt, Wen geht w was an? 
Diefer Junge da Hat mir mehr Kopfbrechen verur- 
fat, als ein Dugend Galgenſchwengel. Es iſt blos 
billig, daß er einen Theil der Mühe auf fich lade.“ 





—s 179 — 


„Ei, und fo iſts;« fielen Ale ein. „Und da Ihr 
eine fo gute Hand führt,” fprach Einer, „fo mögt 
Ihr und ebenſowohl die Mühe erfparen. Schreibt 
da auf biefen Beben Papier den Namen Dite Broom 
und darunter Iſaac Wells.“ 

An die Zwanzig kamen nun der Reihe nach heran⸗ 
geſchritten. Jeder blinzelte dem Squire zu, und riß 
ein Stüd Papier von feinem Vorrathe ab. - 

„Wohl,« lachte Diefer, „na mögt Ihr gleich Eure 
Kanzlei auch aufſchlagen, fle werben Euch bald Ar: 
heit genug finden. Bürg Euch dafür.“ 

Sa, und dad wollen wir,“ riefen no zwanzig 
Stimmen mehr, die nun zur Thüre hereinbrüllten, 
und fich anſchickten, ihre Vorgänger abzulöfen. 

„Das ſoll wohl eine Wahl fen?" hegte. der 
Britte. 

„Ja, dad iſt's, Mahn, und Ihr ſollt es nicht um⸗ 
ſonſt gethan haben,“ ſprach ver Hinterwäldler, der 
nun mit ſeinem Wahlzettel die Stube verließ, bald 
aber wieder mit einer gefüllten Bouteille zurückkam. 
„Da trinkt einmal, « tief er ihm zu, „aufs Wohl der 
Staaten und dad Verderben ver verdammten Britten.“ 


—) 10 9 
"ı „Nein, das laſſe ich bleiben; “ erwieberte der Ge⸗ 
fangene troden. | 
"Wie Ihr wollt, u meinte der Hinterwälbler, „wers 
det e8 aber bereuen. Johny hat in feinem Leben eis 
nen fo guten Monongehala gegeben. « 

‚Und mit biefen Worten Ieerte er ein volles Bier- 
glas, und füllte ein zweites, das die Bouteille leerte. 
Der Britte hatte eine Weile. ven heilloſen Zecher an⸗ 
geſehen, verwwundertüber die ungeheure Quantität, die 
Dieſer, ohne auszufegen‘, hinabgeſtürzt hatte, und. 
fuhr dann fort, den Wählern ihre Stimmzettel. zu 
ſchreiben, von denen einige Hundert angeftiegen ka⸗ 
men; eine Beichäftigung, bie, wenn auch nicht ſehr 
angenehm, wenigftens ven Vortheil Hatte, ihn in 
feiner fröhlichen Stimmung zu erhalten. 


Bweinndzwanzigſtes Aapitel. | 


I gebe gar nit gern; es entfpinnt fi ein 
Unfall wider meine Ruhe, denn mir träumte biefe 
Vtacht von Bolvfäden. 

. &halespeare. 


— „Bohlvenn, Junge. Bin herzlich froh Deinet⸗ 
wegen,” ſprach der Squire, der wieder von ber 


— 181 > \ 


Straße In die Stube zurüdigefehrt war. „Sie haben 
mich zu ihrem Major gewählt, und ich Hoffe, etwas 
für Dich thun zu Finnen. Uber laß uns unfer Mit- 
tagefien haben, altes Weib, ich habe Appetit bekom⸗ 
men; und eine Bouteille alten Monongehala! Sep’ 
Dich, Junge, und laß Dir fein graues Haas wachſen. 
Bin in meinem Leben oft genug in ſolchen Teufeleien 
geweſen, aus denen ich nicht. geträumt hätte, mit 
heiler Saut zu kommen; Anno achtzig und einund⸗ 
achtzig bei Cowpens, wo wir Eu gedroſchen Haben, 
und Anno zwölf bei Hort Miegs, und dann mit Ca⸗ 
pitain Groghan. — Ja, da hätt! ib au wohl nicht 
mehr gedacht, ven Atchafalaya und die Meinigen zu 
fehen.. Die Rothhaut, ja, das ‚war ein furchtbarer 
Geſelle. Gott ſegne ihn nichts deſto weniger, obwohl 
er der Schrecken der Unfrigen jenfeits des Ohio war. 
Aber ein trefflicher Gefelle, uud wahr iſt auch noch, 
Tein Befierer hauste je in unfern Wäldern. Ich hatte 
bereitd Amen gejagt, und dacht', nun iſt's aus ; aber 
eben als das giftig feharfe Meffer um meinen Kopf 
herumlief — — va, ſieh' ven Ring an, Du Tannft 
ihn nach immer fehen, als ob eine rothfeidene Schnur 
um meine Stirn gebunden wäre, da kam er, ber Te⸗ 





— 
cumfer, und entriß mich meinen: Henlern. Ich werde 
den Mann: in meinem Leben nicht. vergeſſen, und viele 
ber Unſrigen haben ihm ihre Haut zu verdanken. Das 
war ein Mann! — Keiner Eurer herumſchleichenden, 
befoffenen Indianer, die Tag und Nacht ums unſre 
Belver lauern, und und unfre Hirſchboͤcke wegſchießen, 
und fi dann. die Süße ablaufen, um fie in Whisty 
umzufegen. « 
- »&i, und ver lange trockene Geſelle, Hof Du ben 
vergeflen, Mann,“ fpra vie Beau, eine Hirſchkeule 
auf den Tifch ſetzend, den ein Negermädchen bereitä 
gedeckt hatte, „Der hat und auch nicht wenig Angſt 
gemacht. Wie heißt er nur?” - . 

„Tokeah meinft. Du, ven Milo der Oconees ? 
verſetzte ihr Mann. „Laß mid in, Ruhe mit Dem.“ 

„Wie? Ihr kennt ihn ?« fuhr der Britte unwill⸗ 
kürlich heraus. 

Der Squire und feine Frau ſahen u bebeutfam 
an.. Der junge Mann Hatte ſich zu faſſen geſucht, und 
feßte hinzu: „Ich bin ‚überzeugt, Ihr habt. rauhe 
Taͤge mit den Indianern geſehen.“ 

„Das haben wir; ſprach der Friedensrichter trocken, 
„aber von Tokeah haben. wir auch ſeit vielen Jahren 


BT 


feine Sulbe mehr gehört. Als ob der Miſfiſippi ihn 
verſchlungen hätte. Keine Spur mehr zu ſehen oder 
zu hören von ihm und den Seinigen. Wißt Ihr etwas 
von ihm 4" wandte er fich vlzblich zu ſeinem oefanger 
nen Safe. 

mRein „" verſetzte Dieſer betroffen und ttetend. 

⸗Dachte nur, weil Ihr mich ſragtet, ob iq ihn 
fenne u or 

„3a, und. die arıne bildſchoͤne Goſa,“ —* das 
Weib. 

MRoſa,“ rief der Britte wieder aus, RG «i ein. zwei⸗ 
tes Mal vergeſſend.“ 

Wieder blickten ſichr bie beiden Eheleute fragend an. 
Ohne jedoch ein Wort zu ſagen, ſetzte ſich die Fami⸗ 
lie zu Tiſche, über welchen der Hausvater ein langes 
Gebet verrichtete. Es waren noch zwei Töchter und 
ein Sohn, die Platz nahmen. Die Kleidung der 
Madchen beſtand aus dem gewoͤhnlichen Woll⸗ und 
Leinenſtoff, Linſey Woolſey genannt, war aber recht 
elegant; ihr Benehmen ſchien eben ſo ſehr von feine⸗ 
ver weiblicher Bildung, als bloͤder Scheu entfernt. 
Ihre Bewegungen zeigten viel natürlichen Anftand 
und eine gewiſſe Lebendigkeit, die jedoch vollkommen 


— I 


innerhalb der Schrauken mädchenhaſter Züntigfeit 
verblieb. Sie fpradhen mit ihrer Mutter, nachdem fie 
ven Fremden freundlich und zwanglos begrüßt hatten. 
Währenn die Hausftau bie Hirſchkeule zerlegte, 
fuhr der Squire fort. „Ia, damals Hatte ich noch 
Die Stube vol Kinder, Alt und Jung, wie Orgel- 
pfeifen, zwölf Stüd.. Keines, Gott ſey Dank, ge- 
ftorben, alle wohl verheirathet und angejehen. Sieh‘, 
das ift. bei und die Freude. Je mehr Kinder, deſto 
befier. Land haben wir genug, und menn fie ihre 
Hände zu gebrauchen wiflen, fo findet ſich Haus und 
Hof von ſelbſt. Bei Euch müffen die armen Buben, 
höre ih, Soldaten oder Taugenichtſe werben, und 
die Mädchen no etwas Schlimmeres. Bei und ar- 
beiten und ſchaffen fle redlich, und werben Bürger, 
die fih vor Keinem zu ſchämen haben. Ia, Junge! 
meine Kinder haben alle ein Kinverfpiel, die haben 
jedes ein paar taufend Dollars von ven Alten, aber 
wir haben es und fauer werben laſſen müflen. — 
Mein Bater Fam mit zwanzig Jahren und. breifig 
Pfunden herüber. aus dem. Lande ver Kuchen, und 
damit Faufte er ſich fünfzig Aecker, und als er etwas 
- ufanımengebracht, da brach der Befreiungskrieg aus, 








— 185 — 


und die Eurigen famen und brannten ihm Haus und 
Hof weg, ımb zogen ihm feine Kleider und Schuhe 
ab, und er'mußte Halb nadend im Winter dreißig 
Meilen nad Haufe laufen. — Ih war damals ein 
Bube, Habe aber dafür manchem Eurer NRothröde 
aufn Pelz geſchoſſen. Als der Krieg vorbei war, da 
macht” ih mich an ‚meine Alte an, und wir thaten 
und denn auch zuſammen, und zogen endlich an ven 
Cooſa. Wollte, ich wäre hübſch va figen geblieben, 
und Fein Narr geweſen, über den Ohio hinauf zu 
rennen; hat mir viel geſchadet in meinem Handel nach 
Neuorleans hinab. Haben aber zu leben. Möchte 
nicht gerne von vorne wieder anfangen; aber 20% 
wollte ich'8. eher, als in Eurem Lande haufen, wo 
Keiner was zu fagen hat, und Alle thun müffen, nicht 
was fie ſelbſt, ſondern was Andere wollen, und jo 
eben gefchehen und ungefchehen ſeyn Taffen müſſen, 
wie es ihren großen und 'tleinen Tyrannen gefällt. 
Erinnere mich fo etwas gefehen zu haben, als Loui⸗ 
flang noch in den Händen des Spaniers war, und 
wir hinab handelten nah der Stabi. Was für- ein 
armfeliges Leben die elenden Wichte Hatten! Gie 
durften dem Ufer nicht nahen, ohne zuvor von einem 
Der Legitime. II. 43 


— 186 ⸗— 


Dutzend ſchäbichter Taugenichtje die Erlaubnig ein- 
geholt zu haben, ein Ferkel oder einen Schinken zu 
kaufen, und wenn fie dann kamen, waren ihnen im- 
mer ein paar Spione zur Seite, und wichen nicht bis 
wir wieder gingen, damit. wir fie mit unferem Repu⸗ 
blikanismus nit anfledten. Der Teufel jelbft war 
ihnen nicht fo furchtbar, wie wir Amerikaner, und 
doch geirauten fie fih nit an uns; aber Wer uns 
von den Ihrigen ein freundliches Geficht machte, dem 
ging es ſchlimm. Elende Kerle! dumm wie's Vieh 
in allen Stũcken, nur in einem waren ſie pfiffig, näm⸗ 
lich, die Ihrigen noch dümmer zu machen, und dad 
Bischen geſunden Menſchenverſtand in ihnen ganz 
zu erſticken. Keiner wagte ein Wort zu ſagen, bis 
der Gouverneur es erlaubte. Sie tanzten wann dieſer 
es haben wollte, und beteten wann er es befahl, und 
waren höflich und wieder grob gegen uns‘, juſt wie 
er es haben wollte. Keiner wagte für fich ſelbſt zw 
denken oder zu handeln. Und was das Schänfte war, 
diefe miferablen Menſchen, die in Stroh⸗ und Lehm⸗ 
hütten wohnten, und bis über die Ohren im Koth 
ſtaken, und nicht felten vor ihren Thüren von Alli« 
gatoren weggefreflen wurden, die vom Bürgerleben 





1 — 
meniger wußten als unfere düimmſten Neger, die mein⸗ 
ten, fie wären civiliſirt und wir Barbaren, ‚weil fle 
Krabfüße ſchneiden und Complimente auswendig her⸗ 
plappern konnten! — Ei, ich weiß, was ſchwarz und 
weiß iſt.“ 

Die Keule war nun zerlegt und zertheilt, und es 
erfolgte eine halbftündige Pauſe, währen welcher 
aus dem redſeligen Squire auch keine Sylbe mehr 
herauszubringen war. Als jedoch der Tiſch abgedeckt 
war, füllte er ſich noch ein Glas von ſeinem geprie⸗ 
ſenen Monongehala, ſtellte vor den Britten zwei ge⸗ 
ſchliffene Flaſchen mit Port und Madeira und fuhr 
fort: „Ja, Hier ficht es anders aus! hier iſt das Volk 
Souverain; ei, und ein ſo guter als irgend Einer im 
alten Lande, und beſſer, denn er koſtet nichts. Schau 
einmal her, das mag Dir ſo ziemlich lächerlich vor⸗ 
kommen, das Umhertraben dieſer Leute in Reih und 
Glied, als ob fle ven Straßenkoth in eine Tenne tre⸗ 
ten wollten; aber wenn Du ein wenig mehr auf den 
Grund ſiehſt, jo wirft Du finden, daß fle ſich alles 
Ernftes gegen Euch vorbereiten wollen. Das find 
feine Solvatenfpielerein; fie Haffen das kindiſche 
Weſen. Uber Iaft ein Dutzend Soldaten unter fie 

13° 





—) 188 ⸗ 
kommen und fie at Tape einexeteiren, und fle wer 
den fo wohl im Feuer ſtehen, wie Eure Rothrötcke, 
und beſſer; denn Dieſe fechten für ſechs Pence, die 
Unfrigen für ihr Hab und Gut und ihre Weiber. und 
Kinder. Keiner hat fie Tommien-geheißen, es ſind Alle 
Freiwillige, die der’ Öffentliche Geiſt getrieben, fich 
ein paar Wochen umberhibeln zu lafien. Was wollt 
Ihr wetten, Ihr verliert die erſte Shlagt, in bie 
Ihr Euch einlaßtt« 

„Mit viefen Fallſtaffs⸗Compagnons da?" verfehte 

der Süngling lachend. Ä 

.„Sachte! Sachte!« verfegte der Squire, „das find 
Bürger, von denen Jeder feinen eigenen Rod am 
Leibe Hat, und eine Wirthfchaft obendrein; Fein zu⸗ 
fammengerafites Gefindel, wie Euere -fogenannten 
Landesvertheidiger, vie, um’ dem Hungertode oder 
der Botanybay zu entgehen, fih Euern Trabanten 
hingeben, damit fle je eher deſto beffer aus ver Welt 
geſchafft werben, ver fie nur zur.Laft find. 

Dad Knallen von Schüffen war figon feit längerer 
Zeit zu Hören gewefen. Der Squire Öffnete die Thüre, 
vor der ein Mann mit einem Stuger auf umd ab ging. 
Ami Ufer- des Fluſſes war in der Eile ein Breterver⸗ 





— 19 — 


flag anfgerüftet, und vor dieſem flanven ſechs bren⸗ 
nende Kerzen. Dit daneben zwei Männer mit La⸗ 
ternen. So eben knallten zwei Schüffe, deren einer 
den brennenden Docht vom Lichte weg — und der 
zweite dad Licht durchſchoß. | 

Ein brüllendes Gelächter erfhallte. „Schau, Der 
hats einmal verfehlt und, flatt den. Das zu treffen, 
die Kerze mitgenommen! 4 

Die Kerze war wieder angezündet und aufgeſteckt 
worden. Vier Schůffe knallten hinter einander, und 
Jeder ſchoß das in der Tageshelle kaum ſichtbare Licht 
weg. Wieder folgten zwei Schuͤſſe, die eben fo genau 
trafen. Die gewaltigen. Schügen hielten ihre Tangen 
Stuger frei, und die Entfernung betrug volle hundert 
und fünfzig Schritte. 
Auf der andern Seite ſchießen ſie ven Nagel aufn 
Kopf,«“ ſprach der Squire; „willſt Dir es fehen ?« 

Er ging mit feinem Gefangenen hinter pie Häufer, 
wo ein zweiter Verſchlag aufgeriähtet war. Statt 
der Kerzen waren in. den. Bretern Nägel mit etwas 
groͤßern Köpfen zur Hälfte ins Holz getrieben... 

„Den dritten von oben“ rief ein junger Hinter⸗ 
waldler und ließ krachen. N 


—, 10 ⸗— 


‚ nGetzoffen und hineingetrieben!“ antwortete. der 
Zeiger. 

„Den vierten!“ rief ein zweiter, und dließ ebenfalls 
knallen. Getroffen! 14 war wieder die Antwort. 

Der Jüngling hatte, ohne ein Wort zu ſprechen, 
zugeſehen. 

„Glaubſt Du nun, daß Ihr zu kurz kommen 
werbet?« fuhr ver Squire fort. „Hier haben fle Dir 
eine, Ehrenwache gegeben,” auf den Hinterwäldler 
deutend, der ihnen mit feinem Stußer gefolgt war, 

damit Du ihnen nicht Reißaus nimmſt. Sie haben 
es ſich nun in den Kopf geſetzt, in Dir etwas von 
einem Spion zu ſehen. Ei, Reißaus nehmen! Leicht 
geſagt, aber Du würdeſt fir gleich einer Koppel Hunde 
Hinter Die haben, und .fie würden. Deine Spur be- 
ſchnaufen, und Dir nachjagen, und follte es bis auf 
ben Plattefluß hinaufgehen. Doch Tomm, lieber. 
Junge, laß Dir den Port oder Madeira ſchmecken, 
beide find ächt und werden Dir Deinen jungen Magen 
nit verderben. Wir. gehen hinüber über ven Mifli- 
fippi, ins obere Militairvepot, und da werben fie's 
Weitere zu thun willen. Unfere Leute Eommen morgen 
nad. ‚Wir möflen aber noch heute fort; 's alte Weib 


—, 11 ⸗— 


will's num einmal nicht anvers, fle hat ven Narren an 
Dir gefreffen. Sie hat aber recht; ich- kann Leichter 
ein Wort einfließen lafien, ala wenn die Schlingel 
alle beifammen find, obwohl Du mir Sorge genug 
machſt; denn heute. noch) müflen zehn Männer hinüber 
auf den Coshattaesweg, und hinauf an nen Redriver, 
und ven Natchitoches. Der Teufel trau’ Euch Dritten. 
So dumm Ihr im Ganzen fſeyd, habt Ihr's oh 
binter ven Ohren figen, und wo's auf Euern Vor⸗ 
theil ankömmt, da ſeyd Ihr wahre Teufel. — Es 
könnt' doch ſeyn, daß Du mit all Deinen beiden 
Taubenaugen uns einen Pack Indianet übern Hal 
brächteft.“ 

So zutraulih der Anfang geweſen, io. wenig 
ſchmeichelhaft war der Schluß, und der junge Britte 
fah den Sprecher. betroffen an: - Das Mißtrauen, 
das dieſe Vorſichtsmaßregel beurkundete, machte ihn 
ſtutzen. | = 

„Und Ihr, ein fo geſcheidter Mann,“ ſprach er, 
nTönntet wirklich folches von mir argmöhnen ?« 

„Pah!“ ermieberte ver Squire. „Ich argwohne 
nichts unn vertraue auf nichts; wir thun bloß, was 
pie Öffentliche Sicherheit erfordert. Dad thun wir zu 


—d 193 0 


unferer eigenen Beruhigung. Schläft fi) befler, und 
unfere Männer gehen mit feichterm Herzen dem Feinde 
entgegen. Wir haben keine Polizei, wie bei Euch, 
darum machen wir fie ſelbſt. — Sey übrigen? rohis, 
und laß Dich das nicht anfechten.“ 

Die gute Stimmung des geſpraͤchigen Squir⸗, 
unſers alten Bekannten John Copeland, war durch 
feine Erwählung zum Major fichtlich um ein Bedeu⸗ 
tendes erhöht worden, und das Vertrauen ſeiner 
Mitbürger in ſeinen Patriotismus und ſeinen mili⸗ 
tairiſchen Scharfblick kitzelte ihn nicht wenig. Uebri⸗ 
gend. hatten die fieben Jahre, ſeit denen wir ihn nicht 
mehr gefeben, eine vortheilhafte Aenderung in ihm 
hervorgebracht. Das grob jelbftfüchtige Weſen, das 
früher aus jenem feiner Worte fo widerlich hervor⸗ 
blickte, hatte bei größerm Wohlftande einer humanen 
Behaglichkeit Pla gemacht, der man zwar das Hinters 
wäldleriſche noch immer anfah, das aber eben deßhalb 
um fo mehr anſprach. Es war gewiffermaßen pie alt 
gewordene Natur eines‘ Hinterwälolers, an dem 
Wohlhabenheit, Umgang und Erfahrung eine eigene 
Species von Ginilifation hervorgebracht hatten, bie 
ſelbſtſtaͤndig in jener Michtung. hinwirkte, und es fi 


—, 18 — 


und Andern wohl werben ließ. Gr fühlte ganz feine 
Wichtigkeit; aber dieſes Gefühl war nichts weniger 
als beleivigend für Andere. Es hatte nichts vom 
Weſen des arroganten · Herrendieners, ober bed reich 
gewordenen Handwerkers oder Trödlers an ſich; es 
war die herzliche, herzhafte Derbheit eines männ« 
lichen Geiſtes, ver ſich feine Bedeutſamkeit ſauer 
erworben, und die hohe Achtung, in der er bei 
feinen Mitbürgern fland, durch eine gemeinnügige 
Thätigkeit verdient Hatte, dem das Wohl feines 
Eounty über Alles ging, und der für feinen Staat 
und fein Land Alles Hingeopfert hätte, ven Mund 
zuweilen etwas zu voll nahm, aber nie Wider⸗ 
willen erregte, weil Alles in ihm natürlich und ges 
wiffermaßen dem Boben feined Landes entfprofien 
war. Der junge Britte fühlte fi augenſcheinlich 
ungemein wohl; er war in den wenigen Stunden ganz 
heimiſch geworben und die gutmüthig ſpottende Miene, 
mit der er den ſein Land und, ſein Volk immer und 
Immer wieder preiſenden Squire anhörte, hatte Dieſen 
ſo unerſchoͤpflich in ſeiner Redſeligkeit gemacht, daß 
Jener nur ſelten Gelegenheit fand, ein Wort einzu⸗ 
ſchalten. Der alte Dann ſchien feinen Gaſt, den er 


bald Du, bald Ihr -anrevete, und der ſich oft vie 
Seiten Hielt, um nicht vor Lachen zu berſten, gleich- 
falls fehr Tieb gemonnen zu haben. . 

„Dick,« ſprach er, awill auch mit, der Conſtable; 
er fürchtet ſich, Du möchteſt ihm davon laufen. Er 
ſchielt nach unferer Kate. Kann's nicht begreifen, 
wie ſie ihn nur um ſich dulden kann./ 

Der Britte lachte laut auf, und der. alte Mann 
ſtimmte ihm aus vollem Halſe bei. 

Wohl, junges Blut, komm' nun mit mir in die 
Dachſtube Hinauf. Wir wollen Schlag neun Uhr 
weg, Du kannſt noch ein paar Stunden Schlafes 
mitnehmen. Mach' Dich bequem, und merk' nicht 
auf die Mädchen, « indem er auf ein leeres Bette 
deutete, das neben dem ſtand, welches er ſeinem 
Gaſte anwies, „ſie werden noch eine Weile plappern, 
ehe fie zu ſchnarchen anfangen.“ 

„Aber,“ fragte der Jüngling zaudernd, „Wer 
foll denn. eigentlich in dieſes Bette Tommen ?" 
„Meine zwei Mönchen, meine Toͤchter, u verſebte 
der Squire. 
»Aber,u meinte ver Füngling — und fragte fi 
hinterwãldleriſch hinter den Ohren. 





0 105 a 


„Uber ‚u lachte der neue Major — „laß Du die 
nur gehen, die werden Dix nicht abbeißen; — mad’ 
Du nur Feine Sprünge; — fie werben ruhig liegen 
bleiben. Wir find Hier ein Bischen gedrängt; auf 
der Pflanzung draußen Haben wir aber mehr Platz.« 

„Beſorgt nichts,“ lachte der junge Mann dem 
abziehenden Squire nach, noch immer den Kopf über 
ſeine Schlafſtelle ſchüttelnd, die von einer zweiten, 
die zwei friſche Mädchen, rund wie Rebhühner im 
Auguſt, aufnehmen ſollte, nicht ganz zwoölf Sole 
entfernt ſtand. 

Nun erwartete er nur noch bie Ankunft ver alten 
Dame, bie verfprochenermaßen ihm in die neue Robe 
der Miß Käte zu verhelfen gedachte. Wahrſcheinlich 
war fie jedoch durch ihren Mann eined Beſſern belehrt 
worden; denn fie fam nicht und unſer Abenteurer 
eatſhlief 


„Fomn, u rief eine Stimme, nach einem Schlafe, 
per ihm vermuthlih kaum fo viele Minuten gebauert 
zu haben fcheinen möchte, als Stunden verfloffen 
waren; und eine Hand rüttelte ihn ziemlich derbe. 

Der junge Dann blickte hinüber auf das. Bette, 


— 16 ⸗— 


aus dem ſich eine Hand erhob, der eine Geſtalt folgte, 
bie zu berb war, um: einem- ber beiden Holden. Ge⸗ 
ſchöpfe angehören.zu können. 

nDie Mäpchen wollten mir. abfolut nicht herauf. 
Hätte mir es einbilden koͤnnen. Und unſere Männer 
hatten beſchloſſen, eine Wache herein zu poſtiren. 
Und dieſem auszuweichen, habe ich mich ſelbſt herauf⸗ 
gemacht. Doch mache, wir haben einen kleinen Mor⸗ 
genritt von breißig bis vierzig Meilen, ver und voll 
auf zu thun geben wird.“ 

„Meine. Tipilette ift fertig ‚4 war die Antwort. 

„Wohl, lieber Hodges,“ redete ihn die Frau an, 
die, von ihren Töchtern umgeben, die Beiden noch 
mit einem Imbis erwartete. 

„Macht Euch zuerft warm und übereilt Euch nicht. 
Hier find ein paar Schuhe und Strümpfe, die Euch 
in der Falten Nachtluft noth thun werben, Käte und 
Mary haben das Uebrige.u 

Käte hielt eine Wollvedle in der Hand, und Mary 
war mit dem Hute ihres Vaters befchäftkat. 

Was fol denn dad. wiener ta fragte der Squire. 

„se nun, Du brauchſt doch einen Federbuſch als 
Major. Sie bat allen Hühnern und Hähnen bie 


—9 17 ⸗— 


Federn ausgeriffen. — Und nun, Lieber Hodges,“ 
fuhr fie fort, „vergeßt nicht und ſeyd hübſch munter 
drüben. Wer Euch ſo anfieht, kann unmöglich Arges 
denken. Laßt Euch nichts weiß machen drüben. Sie 
find nicht mehr als Ihr ſeyd, obwohl fie gewaltig 
ſteif und ſtolz thun, weil fie reich find. Und wenn 
Ihr glücklich davon kommt und es geht Euch im 
alten Lande krumm, kommt zu uns. Es ſoll Eus 
nicht reuen 00 

Die wackere Sinterwälblerin fah ihm fo reundlich 
in’8 Geflht, daß dem Sünglinge ber Abſchied ſchwer 
zu werden begann. 
Nimm an, Junge, was ſie Dir jagt,“ ſprach ber 
Squire; „fie hat Vieles erlebt und wahrlich in Ehren,“ 

„Und bier hat Mary an ihren Bruder gefchrieben, 
der drüben bei Mifter Barker Auffcher feiner Pflan⸗ 
zung ift. Es kann alle Wege nicht ſchaden. Du iffeft 
ja aber nicht, bemerkte die Frau. — Der Junge - 
Mann warf eilig einige Biſſen in den’ Mund und 
fland dann auf, um dem ungedulvig wartenden Squire 
zu folgen. Miß Käte warf ihm die Wolldecke um 


und Miß Mary zog ihm die Handſchuhe über die 


Binger. Er dachte unwillkürlich an Roſa und die 


198 ⸗— 


Indianerin, bei welcheni Vergleiche bot die beiden 
Mifſes verloren. 

„Und nun noch ein Mal,“ ſprach fie, „ſey munter 
und guter Laune, und man wird Dirs am Auge an⸗ 
ſehen, daß Du nicht Der bift, fir den Dich diefe 
Narren Halten. u 

" Gemach, gemiach, altes Weib, u Sprach der Squire, 
feinen Gaſt zur Thüre hinausſchiebend, um fernern 
Complimenten ſo ſchnell als möglich zu entgehen. 

Draußen ging es noch immer ſehr lebhaft her. Aus 
ven beiden Schenken herüber klangen bie ſchnarrenden 
Töne der zwei Geigen, und das Lichterſchießen war 
erft recht in Bang gefommen. Der Haufe hielt jedoch 
inne, als die Pferde herbei geführt wurden, und bie 
Toms und Sams und Iſaacs und Dids und Bens 
und Billys kamen auf unſre Reiſenden zugeflolpert 
und geſchritten, um von ihrem Major zeitweiligen 
Abſchied zunehmen. j 

„Und hebt einige von Euern Fips und Levies 
auf,“ ſchrie ihnen Dieſer zu;; ver ſich mit feinen zwei 
Begleitern nur mählam durch bie Menge yindurch 
eNbogneke. 





—H 19 ⸗— 


nSat keine Noth,“ riefen ihm die luſigen Zecher 
zu, „'s bleibt im Lande.” | 

„So find fie nun,“ ſprach der Squire, als er mit 
feinen zwei Begleitern in die, Fähre ſtieg, die ſte über 
den Atchafalaya bringen ſollte. „Juſt als ob ihre 
Beutel keinen Boden hätten; zäh. wie Hickory und 
räuh wie die Bären, aber treffliche Männer bei alle 
deu. Und rauh, fo wie Du fie nun fiehſt, laß ein 
zehn Jahre vorüber ſeyn, und wenn ſie nicht polirt 
ſind, wie irgend ein Gentleman, fo heiß mich etwas. 
Sollteſt ſie gefehen haben vor drei Jahren, als ich 
herab kam vom Cooſa in Georgien. Hängen fon 
ich, wenn fie nicht ärger waren, ald die Indianer 
ſelbſt; aber wachfenner Wohlftand Hat wunderbar 
auf, fle eingewirkt und fie ihre Wichtigkeit fühlen 
gelernt, Wer bei und nichts hat, iſt auch nichts 
werth. — Und armſelig wie's Geld iſt, ſo fordert 
ber Erwerb Fleiß und Betriebſamkeit und viele Tu. 
gend — und bie iſt bei und im Steigen mit dem 
Wohlſtand und in der alten Welt im Fallen mit ver 
werbenden Armuth. Und ſchau jetzt das Stähtchen 
an, mit feinen fünfzehn Häuſern!“ — Es hatte bloß 
zwölf, aber unſer Squire, obwohl die Wahrheit 





— mM > | 

felbſt, Hatte. die ſchwache Seite, immer eine wenig 
zuzugeben, wo nach feiner Meinung vie Ehre des 
Landes im Spiele war, — „Schau's einmal-an und 
komm in zehn Jahren wieder, ‚und wenn es nicht 
ſchon über Hundert vaͤuſer zaͤhlt, fo nenne mid < einen 
Yankee.“ Ä 

Die Drei hatten nun das jenfeitige Ufer des Atcha⸗ 
falaga erreicht, wo fie ihre Pferde beftiegen, auf 
- denen wir fie unterbeffen Iaffen wollen, um und vor» 
laͤufig die Gegend zu beſehen, in die ihr Morgentitt 
Re bringen wird. 


Dreiundzwanzigſtes Aapitei. = 


Der Teufel hole die eine Partei und feine 
Großmutter vie zweite, ‚fo fin fie beine be⸗ 
‚rathen. IH babe ihretwegen mehr gelitten, 
‚mehr als mienſchliche Kräfte auszuhalten ver⸗ 
mögen. 
. Shalesyeare. 


Wir Haben eines langen und breiten Hochlandes 
erwähnt, das weit oberhalb der Mündungen des 
Miſſifippi plögfich"auffleigt und, nachdem ed mehrere 
hundert Meilen dem Norden zugelaufen, fich eben fo 








— 01 ⸗— 


plöglich wieber in der Nieberung verliert, die dann 
nur. noch durch einzelne Hügel unterbrodpen dem Nor⸗ 
ven zuſchwillt. Es iſt dieſes das wahrſcheinlich auch 
unſern Leſern bekannte Upland des linken: over öſt⸗ 
lichen Miſſiſippiufers, das ſchanzenartig ſich erhebt, 
in paralieler Linie mit dem Strome fortzieht, und 
auf feinem Scheitel die Hauptſtadt des Miffifippt- 
ſtaates mit mehrern Städtchen und unzähligen Pflan⸗ 
zungen hat. Der Strom, nicht länger durch Infeln 
ober Sandbänke gebrochen, wälzt ſich in einem un 
geheuren Bette fort, einem überfüllten Troge nicht 
unähnlich, aus dem er über beide Ufer herab tief ing 
Land hineinfhaut und, gleihfam als verfchmähte er 
jeden neuen Zuwachs, die bedeutenden Waflermaffen, 
die ihm durch den Arkanfas und rothen Fluß zuges 
führt wurden, wieder entläaßt. Dicht unter dem ſüd⸗ 
lihen Abhang bes erwähnten Hochlandes hat ex ſich 
einen jener natürlichen Ausflüffe durchgebrochen, die 
unter dem Namen Bayous befannt find, und einen 
Theil feiner Gewäfler, wenn fle eine gewiſſe Höhe 
erreicht, auf Ummegen dem Meerbuſen zufüßsen und 
fo der Berfumpfung eines ber reichften und frucht⸗ 
barften Länder ver Erbe vorbeugen. 
Der Legitime. IL 14 


Das Ufer fowohl des Haupiftromes, als des 
Bayou oder natürlihen Abzugskanals, Hatte ver 
Schweiß ver unglüdlichen Race, die in dieſem Lande 
wohl zu ſäen, aber nicht zu erndten heflimmt ifl, 
in einen Culturzuſtand verfegt, den man bamals 
jenſeits der Alleghanygebirge ſchwerlich gefucht Haben 
würde, und ber, nach ver traurigen Nacht der, Tau⸗ 
fende von Meilen längs dem Ohio und den Mifft- 
fippiftrömen fih erſtreckenden Wildniß, dem Auge 
eine ber Tieblichften Dafen ver Eivilifation erſchien. 
Zwar fah man hier nicht jene wechfelnden Natur- 
geftaltungen,, die im Norden den Reiſenden fo ſehr 
entzücken, jene Gruppirungen von Belfen und Klüften, 
von Hügel und Thal, die, wie Licht und Schatten, 
einer Landſchaft erft Charakter geben; aber das Feh⸗ 
Iende ber nordiſchen Schönheiten war hier reichlich 
durch eine Großartigfeit erſetzt, die den Blick des 
Beſchauers Ind Unendliche zog. Der Strom war hier 
bereits über viertaufend Meilen geflofien, und das 
Thal Hatte Fach Tauſende von Meilen beinahe ununter⸗ 
brochen fortgefentt, und aus diefem flarrten Baum⸗ 
gruppen empor, die über den hundert Fuß hoben 
Naturwall noch weit heraufragten und in ihrer pracht⸗ 


— 03 — 


vollen Farbenmiſchung die norbifche Pflanzenwelt 
unendlich Hinter fich ließen. 

Unmittelbar an den ſchroff emporſtarrenden Lehm⸗ 
wall des Hochlandes lehnte ein im Entſtehen begrif⸗ 
fenes Städtchen, deſſen Häuſer, beinahe zu beſcheiden 
für die üppige Landſchaft, ſeltſam mit den mitunter 
reizenden Landfitzen abſtachen, die aus dem Hinter⸗ 
grunde der zahlloſen tropiſchen Baumgruppen her⸗ 
ausſchauten. Noch ſeltſamer erſchienen mehrere Ge⸗ 
bäude, die am Eingange des Bayou mit jener Haft 
aufgeführt waren, die immer die Anfänge des ame⸗ 
kaniſchen Anfiedlers bezeichnet. Es waren allem An⸗ 
ſcheine nad) große Vorrathshaͤuſer, aus Balken und 
Brettern zufammengezimmert, von denen eined einen 
Wachtpoſten vor dem großen Thore hatte. In einiger 
Entfernung jah man einige Eleinere Gebäude, worunter 
zwei Schenken, deren eine, ziemlich anfehnlich und 
mit einer Schildwache vor der. Thüre, auf etwas 
vornehmere Säfte Anfpruch geinacht, und den Namen 
eines Gaſthofes, ben fie trug, verdient haben duͤrfte. 
Der ganze Vordergrund war mit Slocken ſchmutziger 
Baumwolle überfäet, die, gleich kothigen Schnee⸗ 
klumpen, hier eben ſo wenig, wie dieſe im Norden, 

414° 


— O4 


geachtet zu werden fehienen. Diefe Abzeichen reger 
Tpätigkeit gehoͤrten jedoch augenfcheinlich einer noch 
nicht ange vprübergegangenen Zeit an; gegenwärtig 
herrſchte eine traurig düſtere Stille in der ganzen 
Gegend, die nur durch das zeitweilige Rollen zweier. 
Trommeln und das gellende Getöne eben fo vieler 
Pfeifen unterbrochen wurde. Ä 

Nah dem Schalle diefer zwei Trommeln und Pfeifen 
ſah man am fer des Bayou, gegen das Hochland 
zu, ein ziemlich zahlreiches Truppenkorps mit jener 
Langſamkeit und Unbeholfenheit manövriren, die beim 
erften Anblide noch Neulinge in der edlen. Taktik 
verriethen, denen vielleicht das militärifche Leben eben 
nicht fonverlich behagen mochte. Diefe Langſamkeit 
oder Steifheit war vielleicht. ven Exerzierenven natür- 
lich, nahm jedoch zuweilen den Ausdruck flarren 
Trotzes an, der nur unwillig dem Commandowort 
zu gehorchen ſchien. Nichts deſto weniger ſah man 
hier nichts mehr von jenem bunten Gemenge, jener un⸗ 
gebãndigten Ausgelaſſenheit, die wir an den Haufen zu 
Dpelouſas zu bemerken Gelegenheit fanden; ea herrſchte 
hier im Gegentheile ein ſtarrer Ernſt und eine gewiſſe 
formelle, ſteife und, wenn wir fo ſagen duͤrfen, ſelbſt⸗ 


» —— 5 > 


fländige Mannszucht. Man fah, daß die Mannſchaft, 
ſchon ſeit einiger Zeit eingetheilt, ſich die Uebungen an⸗ 
gelegen ſeyn ließ, obwohl fie ſich dabei unbehaglich 
fühlen mochte. Auch im Aeußern unterſchied fie fi 
vortheilhaft von den bunten und meiſtens in ſelbſt⸗ 
gemachten Stoffen gekleideten Männern des obge⸗ 
nannten Städtchens. Es waren zwiſchen fünf und 
ſechs hundert Mann, Alle wohl, Viele elegant ge⸗ 
kleidet, die jüngeren Offiziere in reichen Uniformen, 
die ältern in ihren Civilröcken und bloß durch Degen, 
roth feidene Schärpen und Federbüſche von ben Mili- 
zen unterfchienen ; die Mehrzahl mit Musketen, einige 
Compagnien mit Stußern ober der fogenannten Rifle 
bewaffnet. Diehrere Neger mit Wechſelpferden hielten 
im Hintergrunde. | 

Was jedoch auffiel, war, wie bereits bemerkt, der 
Ernft und die vüftre Stille, mit der alle Bewegungen 
flatt fanden. Ausgenommen die Turzen, beinahe 
dumpfen Commandoworte hörte man faum einen 
Laut, keinen Tadel; die Offiiere mochten entweder 
die häufigen Verſtöße nicht bemerken oder, wenn dieß 
der Fall war, wurden fie mit‘ einer Nachſicht aufge⸗ 
nommen, die hier gewiſſermaßen Schonung zum erſten 


—d 06 — 


Gebote zu machen fehlen. Bloß einige jüngere Offi⸗ 
ziere mit knapp anliegenden Uniformen, goldenen 
Epaulettes und reich verzierten Tſchakos ließen einen 
größern Eifer auch in den häufigen /Damns“ be⸗ 
merkbar werden, die aber weder von den ältern, noch 
von der Mannſchaft, beachtet wurden. 

Zuweilen nach der Ausführung eines Angriffs oder 
einer Retirade hielt das Bataillon ſtille; mehrere 
ſchwarze Männer und Weiber, die im Hintergrunde 
mit Körben flanden, wurden herbeigerufen, und Bes 
fehlende und Gehorchende nahmen brüberli Erfris 
[ungen und ftellten fih, nachdem Alle abgefertigt 
waren, wieder in Reihe und Glied, um von vorne 
anzufangen. u 

Mannfchaft und Offiziere fehienen auf das Beſte 
mit einander zu harmoniren. 

Den Strom. herauf war fehon feit längerer Zeit 
ein Dampfſchiff fichtbar geweſen, das nun dem Bayou 
zuruderte, eben als ſich das Bataillon in Bewegung 
ſetzte, um einen Angriff barzuftellen, der es eine ziem« 
lich weite Strecke dem Bayou entlang gegen das am 
Hochland lehnende Städtchen führte. Da angelom- 
men bielt es, wandte fi und fing an gegen daß 


— 0 — 


. Stromufer zu vetiriren, wo ed einige hundert Schritte 
vom Dampfſchiffe fi in ein Quarré formiite. 

- Die Evolution war ziemlich gut gelungen, wenig⸗ 
ſtens weit beſſer, als irgend eine der früheren. 

Das Dampfboot war unterdeſſen in das Bayou 
eingelaufen, und die Paſſagiere ſtrömten über bie 
Breter and Ufer. Männer, Weiber und Kinder in 
ungewöhnlicher Anzahl eilten aus dem Schiffe, als 
ob fie gejagt würden. An ven Weibern. war eine 
Aengſtlichkeit und Saft zu ſehen, an ben Männern - 
ein verflörted Weſen, pas einer Flucht nicht unihn- 
lich ſah. 

Die Milizen hatten ſchweigend die Herankommen⸗ 
ven beobachtet. „General Billow!« ſprach Einer der⸗ 
ſelben aus dem Quarré zu einem auf dem Pferde 
haltenven Offiziere, „Dieſe pa feheinen Feine fröhliche 
Maͤhre zu bringen. — Wenn's Eu belicht, fo wol⸗ 
Ien wir zuerft hören, was fie bringen.“ ·· 

Der General ſprach einige Worte mit feinen Off» 
zteven und erwieberte dann: „Gewiß, meine Mitbür- 
ger, wir wollen für heute ruhen, und hören, was 
unten vorgeht.” Er gab dad Entlaffungdwort und 
die Trommeln ſchlugen bie Retraite. Die Stabsoffi- 


— 06 &— 


giere waren von ihren Pferden geftiegen und Hatten 
fih in eine Gruppe gefammelt, auf melde nun die 
Mannſchaft und mehrere der Gelandeten zufanen. 
Ein ernfter, hoher Mann im braunen Ueberrock uns 
ter diefen, und in einiger Entfernung ein jüngerer in 
der Capitainsuniform der Linientruppen. Schon die 
erſten Begrüßungen. der Hergefommenen hatten Be⸗ 
flürzung unter den Milizen hervorgebracht, bie nur 
allmählig Worte zu finden fehlen und in ein Gemur- 
mel des Unwillens überging, aus. dem die Worte 
„Down withthe Tyrant,“ vernehmbar wurden. Doc 
hielten ſich Alle in Schranken und fahen in fehnfuchts« 
voller Spannung auf den Mann, bem die ſämmtli⸗ 
chen Offiziere einige Schritte entgegengetreten waren. 
Die audgezeichnete Achtung, mit welcher fie, ven 
General an der Spitze, ihn empfingen, verrieth den 
bedeutenden Rang des Neuangefommenen, der, bie 
dargebotene Sand der Stabsoffiziere ſchüttelnd, ven 
Willkommensgruß der Uebrigen mit einer Verbeu⸗ 
gung erwieberte.. u 

* Er war einige Zeit ohne ein Wort zu fprechen vor 
dem General geftanden, der ihn hinwieberum bebeut- 
fam anfah und im feiner Miene Iefen zu wollen fchien, 


— 


— m 


als ihm Diefer einige Worte ins Ohr flüfterte, die 
den General mit allen Shmptomen des höchſten Un 
willens zurüdiprallen machten. 

Während die inhaltoͤſchweren Worte im Kteife der 
nicht weniger erfchltterten Offiziere herumgingen, war 
ber junge Linienoffizier gleichfalls herangekommen. 

„General Billow!“ redete er den Miliggeneral: mit 
einer militäriſchen Salutation an. 

„Sapitain Percy 1” entgegnete Diefer. - 

Ein fpiges Lächeln ſchwebte noch auf den Lippen 
ded jungen Militärs, das wahrſcheinlich ver etwas 
fonderbaren Entlaffung des Bataillond galt; doch 
faßte er fi ſchnell und übergab dem Pilitärgeneral 
ein verflegeltes Baker. Auch mehrere ver Offiziere 
hatten Briefe und Pakete erhalten, deren Inhalt, 
ihren Mienen nad zu fehließen, nicht weniger als an⸗ 
genehm war. | 

„Colonel Barker!" ſprach der Capitain zu dem, 
dem General zunächft ſtehenden Offiziere. „Sie haben 
mich wirklich angenehm überraſcht, und ebenſo wird 
es der General ſeyn.“ 

„Der übrigens nicht fehr erfreut geweſen ſeyn dürfte, 


—9 210 ⸗— 


fo viel ich ſehe,“ erwieverte der Angefprochene, indem 
fein Auge über die Depefchen flog. 

„Ah, das gibt fi," verſetzte ver Capitain lächelnd ; 
„man wird fie unten ſchon lenkſamer machen.“ 

„Meinen Sie, Gapitain?“ fragte ver Oberfte. 

„Sa, ich meine,* verfehte der Linienoffizier, mund 

. babei dürfte ver Dienft nur gewinnen. « 
„Und wir verlieren, erwiederte Iener. „Wir find 
es fo zufrieden, unn wenn es unten der Fall nicht if, 
fo ſeyen fie verfidert, daß. auch und manches nichts 
weniger als beifallswürdig erfcheint.« 

Diefe Bemerkung hatteeine augenblicklich gefpannte, 
von einem Huſten begleitete Paufe zur Folge, ver fein 
Enifteßen vielleicgt weniger einem Lungendefekte, als 
den zart und wieder ſchroff auseinander ſtehenden Ver⸗ 
hältniſſen des Offiziers der Linientruppen zu dem 
rangvorvern Milizenoberſten zu verdanken hatte. 

„Gentlemen!“ ſprach der General, der vie Depefche 
durchleſen hatte, „der Befehlshaber ſendet mir Ordre, 
fogleih mit dem Bataillon zu ihm’ zu floßen, und 
nicht auf Die jenſeits des Miffifippt zu warten. Ich 
erſehe,« fuhr er zum Gapitain gewendet fort, „baß 
der General Sie zum Commandanten des Depoid er⸗ 





— zz. — — 


— 211 — 


nannt und angewieſen hat, die Einübung der nach⸗ 
rückenden Truppen zu beſorgen.“ Er hielt inne und 
ſprach mit mehreren der Stabs⸗ und Oberoffiziere 
angelegentlich. Nach einer Weile fuhr er, zum Linien⸗ 
offizier gewendet, fort: 7 | 

„Was den erften Punkt betrifft, fo kam ih für 
jet meinen Entſchluß um fo weniger Fund thun, als 
diefer von der Meinung meiner wadern Mitbürger 
abhängt. Sie werben ihn ſedoch bis morgen früß 
Hören. Was Ihr Commando anlangt, ſo wird Ihnen 
dad Depot übergeben werden, nämlich dreihundert 
Musketen und fünftaufend ſcharfe Patronen; das 
Uebrige ift Eigenthum der Counties und der Bürger. 
Es verſteht fih von ſelbſt, daß wenn Sie Hier zur. 
Ginübung der Truppen verbleiben, Sie i in Ihrer Kaͤ⸗ 
tegorie als Capitain Generaladjutantendienſte beim 
allenfallſigen Stabsoffiziere verrichten. « 

Das Geficht des jungen Militärs in ein feines, 
kaum merkbares Lacheln verzogen, entfaͤrbte fich ein 
wenig, und feine Lippen kräuſelten fi. „General 
Billow!“ brach er endlich aus. „Verſtehe id) Sie 
seht? Sie wollen ſich zuerft berathen, ob auch den 
Befehlen des Eommandirenden Folge zu leiſten fey, 


212 > 


wenn der Feind zwanzig Meilen von der Hauptſtadt 
ſteht ? 

„rch Hoffe, Capitain Percy wird die Schranken 
ſeiner Aufträge ‚gegenüber einem Offizierdkorps nicht 
vergeflen, das freilich nur unter der Sanction! der 
Staatsverfaſſung gewählt ift. u 

Die letzteren Worte waren in einem Tone ausge⸗ 
ſprochen, der zwiſchen ſchneidender Ironie und Falter 
Strenge die Mitte hielt. 

„Die übrigens fufpenpirt iſt,“ verſetzte der Capi- 
tain mit einem ſarkaſtiſchen Laͤcheln. 

„Wofür Der, der fie ſuſpendirt hat, verantwort⸗ 
lich gemacht werden n ſot, u erwiederte der General 
trocken. 

Der junge Militär zog fh ſchnell zurüd. 

Die kurzen Mittheilungen, bie wir fo eben gegeben 
haben, fielen in dem ſcharfen beſtimmten Tone, der 
im Höchſten aufgeregte Gemüther verrieth, die gerade 
noch hinlänglihe Selbſtbeherrſchung behalten, um 
innerhalb der Schranken des hergebrachten Anſtandes 
zu bleiben. Diefe Aufregung war allgemein und ficht⸗ 
lich groß. Es entfiel zwar Keinem der Umſtehenden 
ein Wort des Lobes oder Tadel; aber auf allen Ge⸗ 


⸗2 13 ⸗— 


fichtern war ein ſtiller Ingrimm zu leſen, der nur in 
den verſchiedenen Gruppen der noch immer umher⸗ 
ſtehenden Milizen durch ein drohendes Gemurmel fi 
Luft machen zu wollen ſchien. Die Offiziere hatten 
einen Kreis um den fo eben angefömmenenen Frem⸗ 
den gefhloflen und waren in ernflerlinterrebung eine 
Meile begriffen, woranf ſie mit ihm dem Dampfſchiffe 
zugingen, das er kaum beitiegen hatte, als e& feine. 
Fahrt fortſetzte. Die Mannſchaft ſtand noch immer 
beiſammen und beſprach fich wechſelweiſe unter einan⸗ 
der und mit den Offizieren. Endlich trat Einer der 
Stabsoffiziere, den wir als Oberſten nennen gehört, 
unter die Menge und ſprach einige Worte, worauf 
dieſe auseinander ging. Dad Nämliche war das 
Offizierkorps im Begriffe zu thun, als es durch eine 
Erſcheinung feſtgehalten wurde, die ſeine Aufmerk⸗ 
ſamkeit mehr und mehr zu feſſeln begann. 

Noch ehe dad Bataillon feinen Angriffsmarſch auf 
dad am Hochlande lehnende Städtchen angefangen 
hatte, waren vom jenfeitigen Ufer zwei Boote abge⸗ 
ftoßen, von denen das eine anfangs unſchlüſſig ſchien, 
welche Richtung es einſchlagen wolle. Es hatte fich 
nach oben und nach unten gewandt, war aber endlich 


— 14 — 


quer über ben Strom auf das Bayou zugefahren. 
Es enthielt Datrofen, ihren blauen Tuch⸗ und rothen 
Flanelljacken nach zu [ließen ; Einige darunter waren 
jedoch befier gekleidet, und Einer hatte durch ein Fern⸗ 
rohr das Ufer des Bayou ſchon feit einiger Zeitrerog- 
noscirt. Erſt als die Offiziere ſich zun Gehen an⸗ 
ſchickten, fielen ihnen die ſonderbaren Ankömmlinge 
auf, die, beiläufig zwölf an der Zahl, herangerudert 
famen. Einige hatten Tücher um ihre Köpfe gewun⸗ 
den, Andere trugen ihre Arme in Schlingen; Meh⸗ 
rere hatten große Pflaſter auf ihren Geſichtern. So 
viel ſich entnehmen ließ, waren fle Ausländer, und 
zwar, den verzerrten und verflörten, braunen, gelben 
und ſchwarzen Geſichtern nach zu urtheilen, von einer 
nichts weniger als achtbaren Klafie. Als wollten fie 
der Beobachtung entgehen, hatten fie ihre Rüden dem 
Baqyou zugewendet. Der -General winfte Einem ber 
Offiziere, und Diefer trat auf die Ankommenden zu. 

Das Boot war dem Ufer nahe; fo wie jedoch Die 
verbächtigen Ankömmlinge die Bewegung des Milizen⸗ 
offizter8 bemerkten, ſchoß es in das Bayou hinein, 
und dieſes raſch hinab. Auf einmal hielt e3; Einer 
ber befier Gekleideten flieg and Land, und trat dem 


a a2 za za rn o — — nme 


a = 


— 15 — 


Linienfapitain entgegen, der. fo eben aus dem Thore 
des Wachthauſes kam. Er reichte Dieſem mit einer 
kurzen militäriſchen Verbeugung ein Papier, verbeugte 
ſich nochmals, und eilte wieder zu den im Boote Ge⸗ 
bliebenen zurück. Nach einiger Zeit kamen Dieſe pas 
ufer des Bayou herauf geklettert, und ſchlugen dann 
den Weg zum Städtchen ein. 
Der Capitain hatte abwechſelnd die ſonderbaren 
Menſchen und wieder das Papier angeſehen, und 
war dann auf das Offizierforps zugegangen. 

„Was hat es mit diefen Leuten für eine Bewandt⸗ 
niß?“ fragte ver ſichtlich verſtimmte General. 

Der Capitain überreichte das Papier. „Lefen Sie, 
General, kaum Tann ich meinen Augen trauen. Eine 
Siherheitöfarte für Armand, Morceau, Bernarbin, 
Cordon ꝛc., Anflevler von Nacogdoches, ausgeſtellt 
von den mexicaniſchen Behörben, und u vom 
fommandirenden General.“ 

„Haben Sie nach der Beſtimmung viefer vente ge⸗ 
fragt ?« 

Der Capitain zute die Achfeln. „Die Sanptfaht 
tft ihre Beſtimmung, dad Weitere, erwiederte mir 
der Mann, wiffe ver General en Chef. Wirklich ein 


216 | 


höchſt verdaͤchtiges Gefindel, und es ft Hier zu 
Haufe zu ſeyn.“ | 
«Ah, Mifter Billow und: Varrow! Wie gehts? 
Herzlich froh, Euch wieder zu ſehen. Wohl! Ihr 
nehmt Euch ja prächtig aus in Euern Federbüſchen,“ 
ſprach eine verbe, breite, genehnte Stimme, die uns 
ferm Squire Copeland angehörte, der, fo eben auch 
mit feinen Gefährten und Pferden Dom zweiten Boote 
gelandet, und die legtern einem in der Nähe flehen- 
den Neger übergeben hatte, auf feinem breitsändri= 
— gen, vieledligten Quäkerhute ven befagten Federbuſch 
hatte, fonft aber noch ziemlich in der Garderobe ſtak, 
von der wir: oben eine ausführlicdere Beichreibung 
geliefert haben. . 

n@entlemen !# ſprach er,-halb ernft und halb la⸗ 
hend, „Ihr feht nun Major Copeland vor Cuch. 
Morgen kommt mein Bataillon nad. « 

„Willkommen denn, Major!" Sprachen ver Major 
und ſämmtliche Offiziere mit einem Grufte, ver die 
etwaß gebehnte Nenfeligkeit de neuen Waffenbruders 
ein wenig Türzen zu wollen fehlen: 

„Und Diefe da,“ fuhr der. Major fort, der den 
Wink nicht verſtand ober verftehen wollte, „bürftet 


— 2317 9 


Ihr vielleicht für meinen Adjutanten halten ; aber ven. 
Ginen kennt Ihr, es iſt Dick Gloom, unſer Countys 
conſtable, und der Andere, auf den Britten weiſend, 
der iſt, ich weiß ſelbſt nicht, was ich ſagen fol.“ 
"Dann will ich: Euch darein helfen,« fiel der Britte 
ein, des über die feltfame Aufführung ungeduldig ges 
worden war. ⸗Ich bin.ein Engländer, Midſhipman 
in ſeiner Majefut Fregatte der Donnerer, ven Miß⸗ 
geſchick von den Seinigen geriſſen hat; ich bitte um 
ſchnelle Unterſuchung und Verichte an Euer Saupf- 
quartier · u 
Der General maß ben. vorſchnellen Sprecher mit 
einem flüchtigen Blidde, und begann: dann das ihm 
vom Squire eingehändigte Protokoll zu überjehen. 
Nochmals warf er auf ven jungen Dann einen Blid, 
und dann übergab er das Papier dem Capitain. — 


„Das tft Ihe Departement,. Capitain Percy; leiten 


Sie das Nöthige ein.“ 
Auch der junge Offizier maß den Zungling mit 
einem forſchenden Auge, ‚und rief, als er geleſen, der 
Ordonnanz. 
„Nehmt dieſen jungen ef gm in engen Gewahr 
Der Legitime. IL 15 


— 


9 8 &— 
fam. Ein Mann mit feharf geladenem Gewehre vor 
feine Thüre. "Jeder Zutritt firenge unterfagt.“ 

„Ich weiß wirklich nicht, welcher ver Berpächtige 
ift, dieſer ſeyn follende Spion oder die fonberbaren 
Geſellen, die uns da: vor der Nafe Reißaus nehmen, # 
hob der Beneral nad) einer Welle an. - | 

Unfer Squire hatte, ohne eine Mime zu verziehen, 
dem kurzen Besfahren des Linienoffizierd zugeſehen. 
Er wandte fi num. wieder zum General; — „Der 
wäre num einftweilen aufgehoben, « brummte er ihm 
zu. — 

„Aber wie ſeht Ihre doch aus, General Billow 
und Colonel‘ Barker? Ihr ſeyd ja fo verflört; — 
erſt jetzt bemerke ich es.“ 

„Wir haben einige Urſache, Squire,“ ſyrach der 
Erſtere. „Ihr ſeyd zu einem harten Strauße wie 
‚gerufen gekommen. Ihr werdet hoͤren.“ 

SE Der unten? Ih habe fo etwas drüben 
munfeln gehört. Ja e8 wird etwas koſten, ven Teu⸗ 
fel aus "Dem berauszutreiben. Wohl, was meine 
MWilvfänge betrifft, mit denen muß er glimpflich 
umgehen, vie find noch immer halb Roß, Halb Alli⸗ 
gator, und ein wenig drüber. Haben mirnochgeflern 





. — 219 — 
da. einen -Sput gemacht, juſt als ich am Fruͤhſtück 
ſaß, ſtürzt mir der Haufe auf's Haus los, und bei 
einem Haar hätten fle’8 mitgenommen. Wupte nicht, 
was daß zu bebeuten hat, da kommt aber Joe Drum 
und Sam Stab und wollen mir den Jungen mit. aller 
Gewalt zum Spion machen. Der ſchmuckſte Burſche, 
den es geben kann. War ſchon halb und halb geſon⸗ 
nen, durch die Finger zu ſehen, aber als wir da bei 
Tiſche ſaßen, da munkelte er mir etwas von Tokeah, 
und als die Meinige der weißen NRoſa gedachte Ihr 
wißt ja, Colonel Parker, die weiße Roſa, von der 
ich. Euch fo oft erzählt, da ward er. Euch doch ſo roth, 
wie ein wilder Truthahn unterm Schnabel, Dacht 
mir, da fieht's doch nicht fo ganz richtig aus, und 
nimmſt In mit. Ihr wißt, der Häuptling Tokeah, 
ber und vor fünfzehn Jahren fo vielen Spuk gemacht.“ 

„Tokeah, der Häuptling dev Oconeestu -. - 
„Derſelbe,“ fuhr der Sauire fort, „Ich kam zus 
fälliger Weife auf joiren Namen. Da platzte er auf 
einmal heraus: Tokeah? Ihr. Tennt ihn ?“ und als 
Mistreß Copeland Bir ‚weiße Roſa man, vor ber 
ich Cuch zählte — s 

‚Aber, lieber Major, dieſer umftand iſt doch wich⸗ 

158 


— 29 


tig, und ich vermiffe ihn ganz im Brotofoll, ſprach 
der General verweiſend. 

„Isa, er wird ein Narr ſeyn,« orsfeßte ber. redſelige 
Friedensrichter, „und Cuch das auftiſchen. Ich hatte 
den Kopf fo voll, daß ih ihn erſuchte, den Plunder 
felbſt aufzuſetzen. u 

Die Offiziere ſahen ſich Sebeutfam an: „Fürwähr, 
Squire,u ſprach der General, „Ihr macht Euch Eure 
Amtsbürde leicht. Wer hat je gehört, einen Spion 
fein. eigenes Protokoll auffegen zu lafſen, und einen 
Ausländer, wie Fonntet Ihr Euch und uns eine ſolche 
Bloße gebentu . 

Der Squire kratzte fich Hinter ven Ohren: „Damn 
it, you are right.“ . \ 

„Ohnehin,“ ſprach der Capitain in etwas weg⸗ 
werfendem Tone, „würde ein gehöriges Protokoll von⸗ 
nöthen geweſen ſeyn, um es mit einer Einbegleitung 
hinab zu ſenden. Darf ich bitten, die Zeit zu beſtim⸗ 
men, wann es gefällig, dieſes vornehmen zu laſſen?« 

In einer halben Stunde, erwiederte der General, 
worauf ver Gapitain fich mit einer Verbeugung ent⸗ 
fernte. g „ 

Die Offiziere Hatten fich umterbeffen vem Gafthaufe 


— 21 — 
genähert, das in geraber Line mit den Bluffs Ing, 
auf welche vie verdachtige Truppe zugeeilf war. Sie 
ſchien in großer Eile, vor der Ankunft ber Offiziere 
dle Höhe des Staͤdtchens zu gewinnen, war aber durch 
die Langſamkeit Einiger, die nur mühſam fort konn⸗ 
ten, in den Wendungen des Fahrweges zwiſchen dieſe 
und die Ordonnanz mit dem Gefangenen gekommen. 
- Den Reptern hatten die auf ihn Zueilenden ſtarr an⸗ 
gefehen; kaum hatte ihn aber ver Vorderſte erblickt, 
als Dieſer betroffen ploͤtzlich den Rücken wandte. 
Der Britte war ſchnell auf die Seite geſprungen, 
hatte den Mann ſcharf ins Auge gefaßt, und war 
im Begriffe, auf ihn Toßzuftürgen, als ihn bie Or⸗ 
donnanz unſanft am Arme ergriff, und vorwärts 
deutete.” | 
„Halt!“ ſprach der Singing, ndiefen Menſchen 

kenne ich!“ 

‚Mag feyn ;u erwieberte bie Orbonnanz trocken, 
„vorwarts!“ u ' 
 mRaftmich," rief Jener. „Das ift der Seeriuber⸗ a 

„Seeräuber ?« ſprach der Milize, der mit einem 
Satze den jungen Mann wieder erfaßt hatte. „Wenn 
Ihr mir nochmals ſolche Sprünge macht, dann trage 


+ m— 
ih Euch in Euern Behälter‘, aber Eure Knochen 
werden's noch nad) acht Tagen fpüren. — Der junge 
Menſch da ſagt,« redete er die herankommenden Ofſi⸗ 
ziere an, RT: ver Mann da ein Seeräuber ſey.“ 

u Befolgt bie Euch ertheilten Befehle,“ ſprach der 
General, ohne die zwei eines Blickes zu würbigen. 

Der Jüngling wurbe ein wenig blaß, und pie Ors 
donnanz ſchob ihn mit einem nochmaligen rauhen 
„Vorwärts!“ weiter. 

„Und Ihr?“ wandte ſich der Milizgeneral zu den 
Ausländern. 

Es trat Einer vor, deſſen Geſicht zur Hälfte mit 
einem ſchwarz ſeidenen Tuche verbunden war, wah⸗ 
rend die andere, von einem großen Pflaſter bedeckt, 
bloß ein graued Auge ſehen ließ. Der Mann ver⸗ 
beugte fich leicht und ſelbſtgefällig. 

„Wie ich ſehe ‚" begann der Geſelle, „ſo habe ich 
bie Ehre, Miligoffziere vor mir zu fehen, die fh 
zum Strauße für unten richten. Wenn Sie, wie ih 
hoffe, Morgen abgehen, fo werben wir dad Vergnü⸗ 
gen haben, Ihnen Geſellſchaft zu leiſten.“ .— 

n Sehr gütig ‚u verſetzte ver General. 

„Nicht blöde,“ meinte der Squire. 





223 ⸗— 

Der Oberſte ſchwieg. 

„Auch wir ſind geſonnen, a fuhr der Kamerad im 
leichten gefälligen Tone fort, „unſer Scherflein auf 
dem Altare des Landes der Freiheit darzubringen, des 
beglückenden Aſyls der Müden und durch Tyrannen⸗ 
willkür Verfolgten. Wer wird nicht fein Theuerſtes 
wagen für das höchſte Erdengut ? 

„Ihr ſeyd freigebig mit Eurem Theuerſten,“ ent⸗ 
gegnete der General trocken. „Dan, wirft nicht leicht 
etwas weg, dad noch einigen Werth hat.“ 

„Gewiß nicht," erwieberte der Ausländer, „aber 
Wer da nicht glüht, wenn das Freiheitsfeuer lodert, 
der iſt ein Feiger.“ oo 

- „Immerhin würdet Ihr beffer thun, für Euer eige- 
nes Land zu glühen, und und die Sorge für dad 
unfrige zu überlaffen,“ ſprach ver General. „Auf 
jeden Fall kann Euer Mexieo Eure freieitoglühenben 
Seelen. beſſer brauchen.“ — 

„Bir find zu ſtolz, unter Piaffen zu dienen; “ ver⸗ 
ſetzte der Mann, „wir haben unſre Dienſte da ange- 
boten, wo Ehre zu ernteit ifl. — | 

„Für Euch vielleicht, abgg.nicht für ung; " awie⸗ 
derte der General mit ſichtlicher Verachtung. 





— m — 


* Der Angefprochene trat floh; zuräd. 

„Woher Fommt es,“ fragte nun der General ein 
wenig ſchaͤrfer, „daß Ihr „ obgleich verwundet, fo 
weit geht, um Euch in einem fremben Dienfle neue 
Wunden zu holen ?« 

„Ein Haufe Dfagen, dem wir begegnet find, hat 
diefe Wunden theuer bezahlen müffen. Vebrigens 
find wir nicht ganz fremd; fehon feit Jahren mit ver 
Hauptſtadt in Verbindung, haben mir Produkte von 
unfern Pflanzungen mit und, vie nachkommen.“ 

„Und Diefer da,u ſprach der Oberfte, ver ſchon 
feit laͤngerer Zeit die Abenteurer fixirt hatte, auf pie 
er nun losging, und Einen erfaſſend, Diefen trog alles 
Sträubend hervorzog. „If Diefer auch Einer, der 
fein Scherflein auf ven Altar des Landes der Freiheit 
nieverzulegen gekommen iſt?“ Er flug mit vieſen 
Worten dem Manne feine Müge vom Köpfe und mit 
diefer ‚fiel ihin auch der Verband von der Stirne. 

„Bei Jingo! das unfer' Bompey ſeyn, der Mafia 
John in der Stadt davon gefprungen,“ Ticherte der 
Schwarze des Oberſten, der einige Schritte ſeitwärts 
mit den Pferden hielt. 

Pompey Maſſa nn tennen, Pompey ein Meri⸗ 





€ u y u = = “s wa 


1. 


caner; win Maffa angehen ſchrie der entlaufene 


Neger. 


„Du ir mich kennen kopen". nah der. Mili⸗ 
zen⸗Oberſte. Ordonnanz! nehmt einſtweilen dieſen 
Mann da hinüber, und legt ihm zur Vorſorge Su 
und Halseiſen an . 

. „Ihr bleibt hier,“ ſprach ver Generali in. befehlen⸗ 


dem Tone zu dem Manne, ver gleichgültig und. ohne 
"im mindeften feine Yaffung zu verlieren, dem Ergrei- 


fen ſeines ſchwarzen Gefährten zugeſehen hatie. 
„Auf Ihre Gefahr, Herr Offizier,“ erwiederte er. 
„Wir find angewieſen- ſhlennigſ im vauptauartier 


‚einzutreffen.” · 


„Der Arzt wird Euh— unterfuien , und ſeyd hr: 
wirflich verwundet, fo mögt Ihr Euch einen zeitweis 
ligen Aufenthaltsort wählen ; — wo nicht, " ift das 
Sefängnip Euere Wohnung.“ 

„Herr Milizoffizier — u ſprach der Mann RR 

Bemüht Euch nicht weiter ‚u entgegnete der Ge⸗ 
neral kalt, „dem Kommandirenden wird Nachricht 


von Euerm Cintreffen zugeſandt werden,: das uebrige 


werdet Ihr erfahren.” · 
Der Marobsur trat näher heran, und ſchien noch 


— > 


etwas auf dem Herzen zu haben; allein ver General 
hatte igm ven Rüden gewendet, und ging mit feinen 
Degleitern dem Gaſthofe zu. Ein Zug Miligen, der 
von dem Wachtpoſten kam, nahm nun die Bande in 
Empfang und führte fie in Die Wachtſtube. 


Vierundzwanzigſtes Kapitel. 


Das iff ein Iebendiges Buppenfpiel. — Run 

will ich glauben, daß es Ginhörner gibt, daß 

- In Arabien ein gewiffer Baum if, ter Thron des 

Phoͤnix, der bis anf dieſe Stunde da regiert. — 

Shakespeare. 

Die. Nacht war ſchon hereingebrochen, als die drei 

Milizoffiziere mit dem Liniencapitain aus dem Gaſt⸗ 

hofe zutückkamen, und den Weg längs dem Bayou 

in derſelben vüftern Stimmung einſchlugen, mit ver 

fie diefen betreten hatten. — Eine geraume Zeit waren 

fe, one ein Wort zu ſprechen, fortgeſchritten. End⸗ 
lich brach der Squire das Stillſchweigen. 

„Run bei allen Maͤchten! Wenn mir Einer dad 

noch vor vierundzwanzig Stunden. gefagt hätte, ich 

würde ihn für. einen Beolamiten gehalten Haben. 


we 


Alfo tft er auch bei und zege goworden, biefer ver- 
fluchte Herrſchergeiſt, und ver Narr möchte. auch noch 
gerne in feinen alten Tagen ven Boni fpielen. Und 
feine Kentufier und Tenneſſeer jubeln hoch auf.“ 

„Das weiß ich eben nicht; er trinkt zwar gut demo⸗ 
kratiſch mit ihnen, aber das Weitere follte ich bezwei⸗ 
feln,“ erwiederte der General. 

„Alſo unſerer Legislatur gerade bedeutet, fie könnte 
fh heimſcheren, Senat und dAſſemblz, und genirten 
ihn nur?“ 

„So etwad.u — 

„Und als fie ven derben Binf nicht verflehen woll⸗ 
ten, fo ſchloß er die Thüre des Gouvernemienthaufes, 
und ſteckte, wie der alte Rundhut, die sort zu 
ſich? 24 

Der General nickte. 

„Und der Judge, der den Mifter — wie hetßt RR 
— aus dem Loche befreit, mußte ſelbſt hinein?“ 

„Für Das,“ entgegnete ver Oberſte, „wird er auf 
jeven Ball theuer büßen müſſen. In der Hauptſache 
jedoch mag er Teer ausgehen, und das iſt's, was ich 
fürchte; ; beſonders wenn ihm gelingen folte, den An⸗ 
griff auf die Hauptfladt abzuſchlagen.“ 


— 8 > 


.nWie ſo?u fragte der Squire. 

"Seht Ihr dieſes nicht?» verſetzte der Oberſte. 
„Glaubt Ihr‘, daß ber fiegtrunkene Haufe Länger an 
feine Verbammung und Beſtrafung denken wird‘, im 
Falle er einen bedeutenden Vortheil über ven Feind 
erringen follte ; oder daß nie Kühlern e8 wagen wer⸗ 
den, ihn zum Rechenfchaft zu ziehen und ſich dem Ge⸗ 
ſchrei ſchnöder Unvankbarkeit auszuſetzen ? Leider iſt 
unſere Nationaleitelkeit in dieſem Punkte noch ſo weit 
zurück, wie die der alten Welt, wo die beſten Naufer 
und legalen Todtſchläger mit Bändern und Sternen 
geziert werben. Ein Sieg bei uns wird eben fo thö⸗ 
richten Jubel Hervorbringen, ‚wie jenfeit8 des Meeres.“ 

Nun, im Grunde geſagt, Oberfter, könnte ich 
- mich ſelbſt freuen, und ihm wirflich etwas durch Die 

Singer fehen, wenn er mir die Rothroͤcke recht burg 
bläuen wollte. «. Ä 

"Sa, ja, lieber Squire!u fprach der Oberſte ihm 
auf die Achſel klopfend, „Ihr ſeyd ein geſcheidter 
Mann, und denkt fürs Land jo wohl als irgend 
Einer; ‚aber mit allem Eurem guten Willen würbet 
Ihr mithelfen, und noch tiefer in ven Schlamm hinein 
zu ſtauchen! ‚und warum? weil eine Saite Cures 


9 


Patriotismus berährt ift, Die unter. allen sonme die 
ſchwächſte if.“ | | 

Aber zum Teufel,“ fiel ihm ter Sauire ein, „wir 
können doch nicht ſelbſt wuͤnſchen oder · helfen wollen, 
daß wir Schläge bekommen, und die Feinde uns vie 
Haͤuſer über dem Kopf anzünden, und mit unſern 
Weibern und Töchtern — — das wäre ja über die 
Danfeed, Die- haben fi wenigftend auf anie Art a aus 
dem Staube gemacht. ·⸗ 

„Und Wer will das ?⸗ verſetzte der Dserfe. er 
mich betrifft, fo ſteht mein Entſchluß feſt. Mein Be⸗ 
fitzthum iſt mir ſo werth, als es irgend Einem ſeyn 
kann, denn ich bin ſelbſt deſſen Schöpfer. Aber eher 
wollte ih, daß. der Feind das Ganze in Flammen 
auflodern Tiefe, als ein Jota meines Rechtes verküm⸗ 
mert wifien. Ich habe den Staat aufziehen ‚geholfen, 
und will meinen Kindern ein- freied Erbtheil hinter⸗ 
Iaffen. . Wir find,“ fuhr er mil Nachdruck fort,. „hier 
zuf ammengefommen, um die angedrohte Befitznahme 
unfered Landes dem Feinde zu wehren, 'aber nicht, 
um und: unfere angeborenen. Rechte entriffen zu fehen 
und, während wir einen Feind verjagen, uns ſelbſt 
durch einen tollern eine unheilbare Wunde beibringen 








220 — 


zu laſſen, der vergißt, was er ſich ſelbſt und ſeinem 
Lande ſchuldig iſt und wegen ein paar tauſend elender 
Britten ven Kopf verliert.“ 

„Das Land wird Ihre Anſtrengungen ehren," er⸗ 
wieberte ber Capitain mit verbiffenem Grimme, „aber 
glauben Sie mir, daß noch etwas mehr vonnöthen 
iſt, um mit ſechstauſend Milizen fünfzehn- bis zwan⸗ 
zigtaufend ber beflen Truppen ver alten Welt zurück⸗ 
zuſchlagen. Selbſt bei dem raſcheſten Zuſammenwir⸗ 
Een können wir. kaum hoffen, den Sieg zu erringen.“ 

„Sechstauſend Männer, Capitain,“ erwiederte der 
General, „muͤſſen Sie ſagen, die für Herb, Heimath 
und’ihre Fretiheit fechten. Ich kenne dieſen Geiſt. Er 
iſt unůberwindlich; aber beugen muß man ihn nicht 
wollen, nicht dem Stolze des Feindes durch eine That 
ſchmeicheln wollen, die Verachtung verdient; — es 
iſt politiſcher Selbftmord, was er gethan hat.“ 

„Gs iſt,“ fiel ihm der Oberſte ein, „Aufhebung 
aller geſetzlichen Autorität, Bereinigung aller Ge⸗ 
walt in einer Berfon, eine Dictatur de facto, und 
fo mwenig fle in ſeiner Hand gefährlich ift, fo Tann fie 
dieß in einer zweiten, geſchicktern und kuͤhnern werben. « 

aDas ſehe ich wieder nicht,” fiel ver Squire ein. 


—, 331 — 


„Wenn er heute den Feind von ver Hauptſtadt weg 
gejagt, fo. treten morgen die Autoritäten wieder in 
ihre Wirkſamkeit ein. 4 
- „Wer zweifelt daran ?/ entgegnete ihm berOberi. 
„Aber verdient das auch noch den Namen Autorität, 
das nur beſteht, wenn Teine Gefahr va ift, und, fo 
wie biefe fich zeigt, fufpenpirt wird, der Willkür 
weist? Zeigt ein. ſolches Benehmen nicht offen- 
bar, daß wir unfre freie Verfaffung ſelbſt nicht für 
zureichend in Tagen ber Gefahr erkennen, wenn das 
Erſcheinen von fünfzehn oder zwanzigtauſend Frem⸗ 
pen hinreicht, fie aufzuheben? Es iſt dieſes ein Schlag 
unferem Nattonalgefühle verfeßt, ‚den nichts entſchul⸗ 
digen Tann, der eine töhtliche Eiterung zurücklaſſen 
und Vorbild in künftigen Fällen werben kann ⸗“· 
„Aber er hat nun die Vollmachten von der Bun⸗ 
desregierung,“ entgegnete der Capitain. 
.n Das alte Weib in der Bundesſtadt ſchreibt und 
ſchwatzt Staatsrecht trotz Einem,“ verſetzte der Squire; 
„wenn es aber darauf und daran kommt, ſo iſt er 
Samiltonianer über den alten John, und verliert den 
Kopf, wie er ihn Hinter Baltimore verloren hat. . Ihr 


— 39 ⸗— 
habt Met, Oberſter, diefer Dictatur müſſen wir 
ein Ende machen, und wir geben zufaınmen. « 

„Und wenn der Feind ben General angreift und 
überwältigt 24 fragte der Gapitain. 

. „So. wird er heſchlagen 3. verſettte der. —* 
trocke. | 

„Colonel Parker! Ya fiel der Squire ein. „Da geht 
Ihr wieder zu weit. Daß wäre noch ärger als bie 
Hartfort-Eonventioniften. Ich möchte nicht gerne für 
einen Lanbeßverräther gehalten werden.“ 

„Noch wirza erwieberte der Oberft. „Darum iſt 
weine. Meinung die, bie Beſchlüͤſſe abzufaflen, die 
Eurigen abzuwarten, ihnen dieſe vorzulegen und dann 
hinabzugehen. Zwei Tage find für dieſes hinreichend. 
Uebrigens, Squire, ſeyd Ihr ein freier Mann, und 
handelt wie Ihr wollt. Was mid betrifft, fo ſteht, 
wie gefagt, mein Entſchluß feft, und ich Hoffe, meine 
Mitbürger werben biefen bilfigen.“ - 

Aber Sie bedenken doch,“ fiel Hier der Gapitain ein, 
ndaß hier von Feiner Verlegung ver MRechte der Buͤr⸗ 
ger die Rede iſt, ſondern bloß von einer zeitweiligen 
Centralitãt, um die gemeinſamen Kräfte deſto wirkſa⸗ 
mer gegen den Feind in Anwendung zu bringen?“ 





—) 33 ⸗— 


„Das ift ja. eben ver Bunkt, um ven es fi han⸗ 
belt,“ verfegten vie brei Offiziere. u 

„Und das böfe Beifbiel, das dieſe Oppofition zu 
einer Zeit geben muß, w o der Feind vor der Haupt⸗ 
ſtadt ſteht. Sie nehmen eine furchtbare Verantwort- 
lichkeit auf fich . 

„Man fieht wohl, Capitain, a ſprach der Squire, 
„daß Sie in der Linie ſtehen. Was meine Männer 
betrifft, ſo iſt Keiner, der ſich nicht heute mitten unter 
die Feinde ſtürzen würde, aber nicht Zehn unter den 
Fünfhundert, die mit Ihrem Generale, nah dem, 
was er gethan, vor die Thüre gingen. Nur wenn 
das Geſetz und Die Gefeglichkeit hergeſtelt iſt, werden 
fie dieß thun.“ 

„Ja,“ ſprach ver General, der im tiefen Nach⸗ 
denken fortgeſchritten war, med iſt zu unſerer und 
des Landes Beruhigung vonnöthen, daß wir ſeinen 
Gewaltſtreich entkräften, der uns und den Unfrigen 
nothiwendig das Vertrauen auf ung felbft benehmen 
muß.” | 

Es war bei aller ſcheinbaren Mäßigung und dem 
hohen Anftande ver Sprechenden ei eine gewiſſe Heftig- 

Der Legitime. I. 416 


— 3 e— 

feit. und Bitterfeit des Gefühls zu bemerfen, ber 
man es anſah, vaf ed Mühe koſtete, ven verbiffenen 
Ingrimm zurüczubaltn. Der junge Linienoffizier 
befonders Hatte kaum das Ueberftrömen feiner Em- 
pfinplichfeit verbergen Eönnen. Er verbengte fih, nun 
raſch und war im Begriffe fich zu entfernen. _ 

„Ste feinen bewegt, Capitain Percy,“ fprach ver 
Oberſte, „was tft e82u 

"Was es tft, Oberfter? und Sie fragen, im 
Augenblide, wo Sie auf dem Punkte ftehen, eine 
Oppofition gegen den. General zu organifiren, die 
und dem Feinde in die Hände liefern, vder den Ge⸗ 
neral zwingen muß, feine Drohung zu verwirklichen ?“ 

„Drohung !a fiel der General ein. „Ich habe ge= 
Hört von diefer kategoriſch ſeyn follenden Erklärung ; 
ex würde die Kartford-Gonventioniften gehängt haben, 
wäre er zugegen geiwefen. Und wenn er flatt feiner 
breitaufend Kentufier zehntaufenn hätte, fo wird und 
Diefes Fein Haar breit von dem Wege unferer erfann- 
ten Rechte. bringen. DBerlaffen Sie fi darauf, Ca⸗ 
pitain, wir werben bie feinigen genau prüfen, ihm 
als Abgeordneten des Cabinets, als höchfter Auto⸗ 
rität, Gehorſam leiſten, wie es die Conſtitution for⸗ 





—9 235.9 


dert; ihm als Männer widerſtehen, wo er fle üher- 


tritt; ihn verdammen in dem, worin er bereit ges 
fehlt Hat. Dieß wollen wis heute, unbefümmert um 
feine Drohungen, ald Männer tfun, und als folde 
wollen wir ihn in die Schranken der Geſetzlichkeit zus 
rückführen und feinen Trog beugen.” 

„Sa, das wollen wir,“ ſprach der Oberft; „und 
nun, lieber Gapitain, wenn Sie mit und fommen 
wollen, um eine Eleine Stärkung zu nehmen, fo find 
Sie willkommen. Wir werden fie wahrlich braugen. u 


Der Capitain verbeugte fi. jedoch ſtunm und 


wandte fich. — 

„Ein vortrefflicher junger Mann,“ bemerkte der 
Oberſte, „er hat ſich unvergleichlich wacker gehalten; 
aber zwei Jahre Dienft in der Linie haben ihm ven 
Kopf fo verrüdt, das er für feinen Chef und fein esprit 
du corps dad ganze Land uf bie Degenfpiße ſeben 
würde.“ — 

„Für einen kunftigen Schwiegerſohn wäre er air 
jedoch zu brittiſch⸗militäriſch,“ entgegnete der Squire. 

„Das gefällt wieder den Mädchen,“ verfegte der 
etwas betroffene Oberſt; übrigens thut er feine 
Pflicht und fpricht als gebundener Dann. Ein wenig 

16° 


2226 — 


zu viel ſchavet nicht, wo wir bie Mittel Haben, vie 
allzu üppigen Auswüchſe zu beſchneiden.“ 

Die drei Offiziere waren nun gegenüber einem 
Landhauſe angekommen, deſſen Hell beleuchtete Fenſter 
durch das Gebüſch herüberſchimmerten. Sie ſtiegen 
in ein Boot, das ihrer harrte, und landeten am jen⸗ 
ſeitigen Ufer, um einige Erfriſchungen zu nehmen 
und dann ruhig und gelafſen zu einer Zuſammenkunft 
zu geben, die in einem andern Lande vielleicht Ströme 
Bluts gefoftet oder den Umfturz der Orbnung der 
Dinge zur Eolge. gehabt" haben dürfte; denn nichts 
Geringeres bezweckte dieſe Zuſammenkunft, ald einen 
von der oberſten executiven Behörde der Nation bei⸗ 
nahe mit ſouverainer Vollmacht bekleideten General 
nicht nur in ſeine Schranken zurückzuweiſen, ſondern 
fein Betragen auch da, mo er dieſe übertreten, im 
Angeſichte diefer Nation zu vervammen; und dieß in 
einem Zeitpunfte, wo der Feind fo eben mit einer 
bedeutenden Heeresmacht ind Land gevrungen war. 
So 'beivundernsmürdig ift jenoch der Geiſt dieſes 
Landes, und fo ſtark tritt die Verſtandeskraft in ver 
ewigen Reibung und Uebung hervor, daß felbft die 
drohendſten Gefahren dieſen öffentlichen Geift weder 





— 237 9 


irre machen, noch ‚von dem richtigen Gefichtspunkte 
ablenken Fönnen: Langſam und beäctig, Alles er⸗ 
wägend und ermeſſend, tritt er hervor, nun anſchei⸗ 
nend Falt und herzlos, gleich dem Zeiger einer Uhr 
langweilig fortkriechend, und, wieder als ein heftiges 
Gewirre brütender Leidenschaft und gehäffiger Selbſt⸗ 
fugt ; abet eben aus diefem Treiben erſteht das har⸗ 
monifche Refultat, das Millionen an einander Enüpft, 
weil in dem Zungen- und Federkampfe alle Intereſſen 
und Meinungen verſchmolzen find. Darin liegt er, 
dieſer wahre Geiſt des Freiheitslebens, daß fich die 
beſte fo mie die ſchlimmſte Natur unumwunden im 
Meinungskampfe darthun mag, ſich ausſpricht und 
abſpiegelt; denn das Böſeſte verliert ſein Gift, wenn 
es erkannt und gewürdigt iſt, und das rein Vernünf⸗ 
tige allein erſteht und wird zum belebenden Prinzipe. 

Es iſt ſchwierig dieſes republikaniſche Leben, das 
ſchwierigſte das es gibt; denn zart iſt die Grenzlinie 
des Rechtes, und leicht iſt fie überſchritten, wenn 
nicht die Millionen mißtrauiſch wachen. Darum iſt 
es nur bei einem Volke moͤglich, wo die Verſtandes⸗ 
kraft die hoͤchſle ‚Stufe erreicht, wo ſelbſt pofitiver 
Widerſtand gegen den Machthaber noch die Grenz⸗ 





-238 ⸗— 


linie feiner Pflicht erkennt, und fo, ohne in Verwir⸗ 
zung und Anarchie audzuarten, feine Rechte behaup- 
tet oder die verlorenen wieder erobert. 

Der Capitain Hatte einen Tangen jehnfüchtigen 
Blick über dad Bayou hinüber auf bie hell erleuchte⸗ 
ten Fenſter geworfen, und war dann dem Bafthofe 
zugeeilt, aus dem er mit den drei Offizieren gefommen. 
Bei feinem Eintritte befahl er ver Ordonnanz, den 
gefangenen Britten und brei der Ausländer vor ihn 
zu bringen; dann fehritt er feinem Zimmer zu, in 
dem ein Dann in der Uniform eined Sergeanten ver 
Rinientruppen an einem Tiſche ſchrieb. Diefem be- 
deutete er, fich für einige Zeit zu entfernen, und warf 
fi dam gedankenvoll in einen Seffel. — Nach einer 
Weile trat der junge Britte in Begleitung eines be⸗ 
waffneten Miligen in dad Zimmer. 

„James Hodges,“ ſprach der Gapitain, mit freund» 
licher Stimme, während fein Auge forſchend auf dem 
etwas nievergefehlagenen Sünglinge ruhte. „Ich habe, 
ehe ih dad Protokoll ſchließe, um es an ben kom⸗ 
manbirenden General abzufenden, Ste noch einige 
Punkte zu fragen. Geben Sie mir ie eufeißtige wahre 
Antworten. 


—) 239 — 


nSeyen Sie verfidert, Capitain, daß fein un⸗ 
wahres Wort je über meine Zunge gefommen. « | 

„Sie fagen, Sie feyen vom Seeräuber von Ba- 
rataria aufgehoben tvorben ?“ | 
- „Sp ift ed, und wenn Sie ſich bemühen wollen, 
in unferem Hauptquastier nachzuforſchen, werden Sie 
die Wahrheit meiner Ausfage beftätigt hören. Um 
dieſes bitte ich dringen.“ 

„Ste haben,“ fuhr ver Eapitain fort, „bei Ihrem 
. Berhör in Gegenwart des Generald und ber beiden 
Stabsoffiziere etwas fallen laſſen, daß der Seeräuber 
unter den angefommenen Ausländern tft 2« 

„So ift ed, ich Habe ihn 'gefehen, "und war auf 
ihn zugeeilt,, als mich der Milize zurüchhielt. u 

„Haben Sie ihn erfannt ?« 

„Richt im Gefichte, das vermummt war,. aber 
feine Haltung, feinen Gang, feine Geftalt find mir 
unausloſchlich eingenrüdt.« . 

Es traten in dieſem Augenblicke drei Männer in 
das Zimmer, von denen ver Mittlere im Gefläte 
vermunmt, ein Anderer den einen Arm in der Schlinge 
trug, und der Dritte ein ſchoͤner, junger, olivenfar- 
biger Jüngling war, veffen Gefichtszüge und blitzend 


— 20 — 


ſchwarze Augen ven Mexicaner deutlich verriethen. 
Sie traten unbefangen vor den Capitain, der fie ars 
tig grüßte. 

„Erkennen Sie Einen diefer drei Männer ?? fragte 
ver Capitain. 

nDiefer da iſt es,« erwieberte der Gefangene, anf 
den Mütleren zutretend, „das ift der fogenannte See⸗ 
räuber von Barataria.“ 

Der Beſchuldigte war Talt und gleichmuͤthig da 
geſtanden. 

„Was will dieſer junge me Trage er den 
Capitain. 

„Ihr habt es gehoͤrt; 3“ erwiederte Dieſer, den 
Mann ſcharf ſtrirend. 

„So habe ich, und ich weiß nicht, ſoll ich mich 
mehr über die Unverſchämtheit des jungen Menſchen 
ärgern oder über feine Tollheit lachen.“ 

„Capitain,“ rief ver Gefangene, nich verſichere 
Sie auf meine Ehre, ih ſchwoͤre es Sue, dieß iſt 
der Seeraͤuber.“ 

WVielleicht, junger Menſch, Habt hr das Hand» 
werk getrieben. Wenn Ihr noch drei Tage bier ſeyd, 
fo werdet Ihr unfre Produkte nachkommen fehen, bie 





— a ⸗— 


Eu beweifen follen, Daß wir Diejenigen find, wo⸗ 
für wir und ausgeben.“ 

» or Capitain warf einen feharfen Bi auf ven 
Gefangenen, der abwechfelnn leichenblaß und glͤhend⸗ 
roth wurde. 

„Sch will ihn fignaliſiren,“ rief er. „Ih bin übe⸗⸗ 
zeugt, ich taͤuſche mich nicht. 

„Wenn der junge Menſch mich meint,“ fuhr ber 
Verwundete zu dem Capitain gewendet fort, „fo will 
th aus Achtung für Sie, Gapitan, und um Ihnen 
allen Argwohn zu benehmen, meinen Verband ab⸗ 
löſen.“ Er riß das Tu vom Kopfe und zeigte eine 
breite Kopfwunde, die von der Stirne über bie Wange 
herablief und, obgleih vom Pflaſter bedeckt, eine 
gefährliche Tiefe wahrnehmen ließ, die augenſchein⸗ 
lich den Hieb eines Tomahawk verrieth. „Soll ich,“ 
ſprach er zum Offiziere, „auch ven Verband ablöſen?“ 

„Nein,“ erwieberte der -Gapitain. „Binder Euer. 
Tuch über den Kopf. — Kennen Sie Keinen ber 
Uebrigen ?4 wandte er fi zum Gefangenen: 

Diefer fah die beiden Andern aufmerkfam au. 
„Eine dunkle Erinnerung,“ ſprach er mit ſtockender 


—d 2 ⸗— 


Stimme, aber nichts weiter; „ed ſcheint mir, ich habe 
auch dieſen Mann geſehen.“ 

„Dad mag ſeyn,“ erivieberte ber Bezeichnete. 
„Wir find von Nacogdoches; dieſe Briefe, an meh⸗ 
tere Häufer in der Hauptſtadt, werden es ausweiſen, 
md wie Senor Marceau gefapt bat, ſo kommen 
unſere Produkte nach.“ W 

„Capitain!“ ſprach der Erſte. Wir halten es 
nicht für nöthig, einen fo ausgezeichneten; im Militär⸗ 
dienſte der erſten Republik ver Welt ſtehenden Offi⸗ 
zier darauf aufmerkſam zu machen, daß das Betragen 
dieſes jungen Menſchen, der wahrſcheinlich eigene 
Schuld durch ein gräßliches Anſinnen zu bemänteln 
gedenkt, äußerft fonderhar iſt. Wir find Unterthanen 
von Merico und erbitten und, wenn: etwas gegen und 
vorgebracht wird, ala einzige Gnade, ſchnell hinab 
vor ven Commandrur en Chef gebracht zu werben. 
‚Ein. Milizoffizier hat uns anhalten und unterſuchen 
laſſen; auch ſcheint er und bier eine Art Arreſt auf⸗ 
erlegt zu haben.“ 

„So hat General Bilow befohlen, a ſprach der 
Capitain, „und Ihr verhaltet Euch ruhig, bis ber 
Befehl von unten kommt.« 


> 
- „Und-wann erwarten Sie diefen ?“ J 

„In achtundvierzig Stunden. — Nun tretet ab.“ 

Der Capitain warf einen etwas weniger freund⸗ 
lichen Blick auf ven Süngling, der, vom innerem 
Kampfe bewegt, vor Im Rand. Nach einer * Weile 
ſprach er: 

„James Hodges, oder wie ri immer heißen möget, 
Euere Ausfagen tragen dad Bepräge eines Charak⸗ 
ters, der für Eure Jugend viel Bervorbenfrit 6 be⸗ 
meist. 

„Capitain, ich beſchwöre ei, dieſe Männer ge- 
nauer unterfuchen zu laſſen. Ich bin gewiß ; ich habe 
mid) niit geirrt. Schon ihr Aeußeres verlieh bie 
Wahrheit meiner Ausfage.“ . 

„Man wird oft irre im Aeußern,⸗ erwiederte-ber 
Capitain mit einem ſcharfen Blitke, der den Gefänge⸗ 
nen mißtrauiſch maß. — „Andere Zwangsmittel zu 
gebrauchen geſtatten unſere Geſetze nicht. Ich hätte 
Euch gerne helfen wollen, und bloß Rückficht für 
Eure Jugend, ver ich fo viele Verdorbenheit nicht 
zugetraut, hat mich dazu veranlaßt. Uebrigens Habe 
ich Cu zu bedeuten, daß Ihr auf das ae 
gefaßt feyn müßt.“ Ä 


— u 


„Ich bin auf Alles gefaßt, bitte jedoch, wenn 
übrigens ein Britte hier auf Gunſt hoffen darf, mei⸗ 
nen Fall ſchleunigſt im englifchen. Hauptqquartier an⸗ 
zuzeigen; vie Wahrheit wird dann ungezweifelt aus⸗ 
gemittelt werden.“ 

Es iſt nicht Dieſes allein, James Hodges, 4 fs 
mieberte ver. Capitain. „Der zweite Punkt ift wich⸗ 
tiger. Wie kommt Ihr zu Euter Verkleidung? Wie 
jeyd Ihr mit Tokeah bekannt geworden? Kann Euer 
Sauptquartier- auch darüber. Auskunft geben?" - 

Der’ Jüngling fland von einer fieberifhen Gluth 
übergofien. Seine Lippen zuckten. „Ich kann nicht, 
darf nicht ſprechen. Ich habe mein CEhrenwort ges 
geben.“ . 

„Ihr gebt: vor, Militär zu ſeyn, und wife nicht, 
daß in Eyrem Falle felbft pas Ehrenwort. ned ach⸗ 
tungswertheften Mannes nicht angenommen werben 
Eönnte? — Junger Mann,“ ſchloß der Capitain; 
„Ihr treibet ein:gefährliches -Spiel, da wo es iin 
Genfle genommen wird. Ich kann nur- berichten; 
‚aber die Folgen kommen ſchnell, und dieſe Habt Ihr 
Cuch allein zuzuſchreiben. Unſere Ehre fordert eine 
raſche und firenge Gerechtigkeit.“ . 


— 15 - 


„Un Sie könnten ?u. — ſtockte der Süngling mit 
unwillfürlihem Schauber. 
„Nicht wir, — das Geſetz,— erwiederte der Capi⸗ 
tain, „dieſes verdammt, und wenn Ihr Eures Königs 
Sohn wäret; fo mürbe e8 Euch verbammen, und wir 
haben vie Madjt und den Willen, Bier Verdammung 
Vollſtreckung zugeben." 

Er winkte nun dem jungen Mann seine Entlaffung 
zu, und diefer entfernte ſich langfam. 


—— — — 


| Fünfundzwanzigfies Bapitel. 
Sort Kerls, macht Cuch dayon! verſchwindet 
wie Hagelkörner! geht, macht hurtig, lauft was 

Ihr konnt, ſachi Schütz, packt Euch! 

Shakespeare. 

Die drei Mericaner, di⸗ wir für ſolche halten 
wollen, bis wir fle aus ihrem zweideutigen Incognito 
heraus finden, waren langſamen Schrittes dem Stäbt- 
hen oder vielmehr ven fünfzehn Häuschen zugegan⸗ 
gen, die wir „ber Landesfitte zufolge, mit dem Namen 
Städtchen beehren, und die von einer Klaffe Mens 
fhen bewohnt waren, die nicht ganz unſchicklich 


u 


Raubooͤgeln verglichen werden dürften, die, von der 
Nähe eines fiſchreichen Fluſſes oder Sees angezogen, 
im leichtfertigen Spiele der Wogen eines eben ſo 
leichtfertigen und bequemen Fraßes fich erfreuen. Es 
waren, ohne Ausnahme, ausländiſche Abenteurer, 
Wirthe, Krämer und Handwerker, die ſich hier ein⸗ 
geniſtet hatten, um im Verkehr mit Bootsleuten und 
Negerſelaven eines gemächlichen, wenn gleich nicht 
ſehr ehrenvollen Erwerbes zu pflegen, und allenfalls 
bei den umliegenden Pflanzern als Handwerksleute 
oder Taglöhner auszuhelfen. Fünf Schilde, die vor 
den Häuſern aufgeftelft waren, bezeichneten die Schenf= 
fluben, in deren einer die drei Mexicaner einfehrten 
und ihre Pläße in einer dunfeln Ede hinter einem 
Tiſche nahmen, der mit Boutelllen und Glaͤſern be⸗ 
pflanzt war, und ſo verrieth, daß fie dieſen Poſten 
ſchon zuvor inne hatten. 

Nach den Mundarten zu ſchließen, Die in. der Wirths⸗ 
ſtube zu hören waren, ſollte man geglaubt haben, 
daß alle Nationen der Erde Bevollmächtigte hieher 
geſandt hätten, um In ihren Volksſprachen ihre Ber= 
fiandeöfräfte vermittelft ner verſchiedenen Getraͤnke auf⸗ 
zubellen. Nur vor dem Feuerplatze hielt eine abgefon= 


| 9 247 8 

derte Gruppe, die nichts mit den Söhnen des Unglücks 
und Iammers gemein hatte, die ein günftiges oder 
ungünſtiges Schickſal hier zufammengetrieben. Ihre 
Füße auf dem Kaminbalfen ruhend, oder kreuzweis 
in einander geflochten, fo daß Einer fletd das Knie 
des Sigenven berührte, bildeten die Herren des Lan⸗ 
des ihre Lieblings⸗, die ſogenannte Jainpartie, von 
der nur zuweilen Einer oder der Andere fich abſonderte, 
um eine Cigarre anzuſtecken oder ſich eine Doſis Grog 
oder Doddy geben zu laſſen, die er hinabſchüttete und 
dann durch einen Biß in die Virginieryflanze würzte, 
an der er, gleich gewiſſen vierfüßigen Geſchöpfen, 
wiederkäute. Die ſcharfen Blicke, die fle über die drei⸗ 
Big anweſenden Gäſte hingleiten ließen, verriethen 
übrigens, daß, obwohl anſcheinend gleichgültig, 
ihnen keine Bewegung Diefer entging. 

„Und er hat bie ſechs Milizen erſchießen laſſen de 
ſprach Einer, der ſo eben vom Schenktiſche zurůck⸗ 
gekehrt war. 

„Es ſoll herzzerreißend geweſen ſeyn; beſonderß 
ein gewiſſer Marks ſoll gar nicht daran gewollt haben. 
Die Offiziere mußten ihm Muth einſprechen.“ 


„Ja, Muth; inſprechen: :“ erwiederte ein Dritten; 
„ſoll fie — — verdammen.“ 

„Weil die armen Tröpfe glaubten, daß ihre Dienſt⸗ 
zeit aus ſey und nach Hauſe kehrten, ſo mußten fie 
nun erſchoſſen werden.“ 
„Vergeßt nicht, Bob!« fiel der Zweite ein, daß 
fie wohl wußten, was fie thaten , daß ihnen ihre 
Milizendienſtzeit und Pflicht einzeln verlejen ward, 
und daß fie für ſechs Monate ven Eid.geleiftet unb 
den Ihrigen ven Sold zugeſchickt. “ u 

„Sa, fo iſts,“ verficherte ein Vierter. „Sie waren 
ſchon auf dem Heimwege, wurden aber zurüdgebracht, 
und vor.ihren Särgen knieend erſchoſſen; der arme 
Dick fol jämmerlich gebeten haben.” 

„Das waren doch verfegerte Narren,” entgegnete 
der Dritte. „Hatten fle Feine Kugeln 2“ 

„Die hätten weit fliegen müſſen,“ erwieberte ein 
Fünfter; „ver alte Tyrann fißt unten, und Die waren 
brüben in Mobile. Aber fle find auf alle Fälle nad 
dem Befehe gerichtet worben und haben es fich felbit 
zuzufchreiben. u J u 

„Ei, ich glaube,“ meinte ver Dritte, „ver machts 
mit dem Geſetze auch, wie unfre Bären mit unfern 


> 


Saͤuen; ; die lieben die kleinen mehr als die großen, 
weil fie zarter find und weniger beißen.“ . 

„Das nicht, ver Judge iſt doch eiñ ziemlich —* 
verſetzte ihm ein Sechsſter. 

"Sa, der dreht ihm aber den Hals um,“ veifißerte 
der Erfte. „Hätte er nicht feine Tenneſſeer, die ihm 
wie Kletten anhängen, fo würde er es wohl haben 
bleiben laſſen; aber dieſen hat er im Kriege gegen bie 
Creeks das neue Jahr abgewonnen. Wohl, werden 
ihn doch noch mores Iernen, ehe wir Hinabziehen. 

"Bolt es wäre vorüber, * meinte ein Sieben⸗ 
ter. Glaubt mir's, Männer, kommt nichts heraus 
mit dem Militärweſen, Alles verwildert, und Ge⸗ 
findel fommt uns wie Seufüreden über'n Hals und 
in’d Land.“ 

Der Blick des Sprechers fiel auf eine Gruppe, bie 
zunächſt ſaß, und deren gebrüunte dürre Geſichter 
Franzoſen verriethen. 

„Ich glaube,“ hob der Erſte wieder an, „die Mee⸗ 
ting wird. allmählig beiſammen Ion. Es iſ Set, | 
daß wir gehen.“ 

Die fieben Männer- maren von Ihren Sefeln auf⸗ 
geſtanden und ſchickten ſich an, die je Wirthaſtube zu 
Der Legitime. II. 17 





—. 30 ⸗— 


verlaffen, als Einer ver Franzoſen mit verbundenem 
Kopfe an den Amerikaner herantrat und, ihm ein 

Glas entgegenhaltend, ein zweites ergriff. 

„Plait-il, Monsieur!“: fragte der muntre Fran⸗ 
‚ofe, „Vive la gloire et 1a libert&!“ 

- Der Amerikaner maß noch den Faftanienbraunen, 
ziemlich wiorig ausſehenden Gefellen, als es von ver 
hinterften Edle, wo die. drei Männer faßen, „Badaud“ 
herüber rief. 

Dad Männchen blickte erſchtocken bin und zog fi 
einen Schritt zurück. 

„Callate !® rief ein. Zweiter aus den "Dreien. 

„Carraco !“ ein ‘Dritter, und das Männchen ſetzte 
ſich ſchnell auf feinen Sitz. „Mais cependant nous 
sommes dans-un pays libre , brummte er. 

„EI Gojo !“ rief ver Erfte wieder. 

Die Amerikaner wandten fich befremdend von den 
Dreien und verließen dann bie Wirthsſtube. 

Diefe ſaßen ſcheinbar unbekümmert bei ihren Glaͤ⸗ 
ſern. — Nur zuweilen waren in ihrem Geflüfter einige 
Worte vernehmkicher geworben. 

„Et c’est. lui,“ ſprach der Dritte, der Mericaner. 

„Oui ,“ erwiederten Beide. 


a1» 


„Et comment vient-il donc? ?% fragte er. . 

„Ah, comment vient-il — ce ‚bougre, il est - 
pärtout; il nous a trahi deux, fois. « 

Der Verbundene. war ſchweigend gefeffen. 

Die ſpaniſchen und franzöfiſchen Erklamationen | 
hatten die Aufmerkſamkeit von vier etwas weniger 
verdãchtigen Individuen auf fi gezogen, die zunächft 
der Thüůre faßen und. bei einer Bouteille Claret na 
gleichfalls ihres Daſeyns freuten. 

„Wiſſen Sie nicht, Herr Merks, wer dieſe Herren 
find?” fragte ein etwas aufgenunfener Mann im be⸗ 
ſcheidenen grauen Rock, mit großen blauen Augen, 
in denen ſich etwas vom Krämergeifte ſpiegelte, feinen‘ 
Nachbar, auf defien hohlen Wangen Irrfahrten und 
trübe jammervolle Schickſale in Menge zu leſen wa- 
ren und der allenfalls ein Haufirer ſeyn mochte. 

| „Kann nicht dienen, Herr Gieb,“ verſetzte der höf⸗ 
liche Deutſche zu feinem nicht: minder höflichen Lands⸗ 
manne. 

„Haben Sie aber bemerkt, meine Ser, u fing 
ein Dritter an, deſſen rothe Geſichtsfarbe und volle 
Barden einen Bäder bezeichneten, „wie der Ameri⸗ 

17 


— ⸗— 


kaner den Herrn angefehen Hat, ver ihm fein Glas 
anbot? Sind doch reiht ftolz, dieſe Amerikaner.“ 

„3a ! ja, Die find noch viel ftolger als die Englän- 
der, Herr Prenzlau ‚u verfeßte ein Vierter. 

„Die brüften ſich gar gewaltig mit ihrer Sreibeit. 
Je nun, fie find die Herren im Lane! 

„Ja, ja, Herr Ste,“ meinte der jammervolle 
Herr Merle, „Hochmuth kommt vorm Fall.⸗ 
SOerren im Rande! Saubre Herrſchaft! Hat auch 
am längften gedauert. u— 

„Und fo glauben Sie, Herr Merks,“ fragte Herr 
Stock, deſſen etwas eleganterer Anzug einen Klei⸗ 
verfünftler vermuthen ließ, „daß es unten nicht ganz 
richtig ausſieht zu Er begleitete ſeine Frage mit einem 
pfiffig ſeyn ſollenden Blinzeln. 

„Gedanken find zollfrei, Her Stod,“ entgegnete 
Her Merks. 

„Ei was Gedanken!" fiel ver Sm Prenzlau ein. 
„Wir find ja in einem freien Lande, Herr Merks.⸗ 

„Sa, Herr Prenzlau! Hört der Herr,“ verſetzte 
Herr Meiks, „es iſt auch noch nicht aller Tage 
Abend geworden. Hätten Sie geſehen, was ich ge- 
ſehen Habe, wie fie Alle arbeiten müffen an den Schan⸗ 


—1 3 ⸗ 


zen, Alt und Yung, Schwarz und Weiß, und bie 
ſchönſten Damen kommen in Karzoffen mit en und 
Trinken.“. 

„Ja, ja! aber die Zeitungen ſagen ja, Herr Merks, 
daß fie das Alles freiwillig thun und daß ſelbſt Aus⸗ | 
länder nicht an die Werke bürfen, und bie Stadt hat 
ja keine Schanzen?“ 

„Ach! da haben ſie jo einen Graben aufgeworfen, 
Herr Prenzlau, und mit Baummollballen etwas zu⸗ 
ſammengeflickt. Verſtehen ja gar nichts vom Kriegs⸗ 
weſen. Nur ſchade um die ſchöne Baumwolle. Fůnf⸗ 
zehntaufend Ballen! Herr je! Aber die Engländer 
werben ihnen ſchon einheigen. Das find ‚ganz andere 
Leute, bie haben's den Franzoſen in Spanien ge⸗ 
wieſen.“ 

„Ja, und was die Hauptſache iſt, meine Seren,“ 
meinte Herr Gieb, „dieſe Herren Engländer haben 
Geld; Die brächten doch etwas ind Land. — 

„Nun an Gelo fehlt's Hier auch nicht, Herr Gieb,“ 
verjeßte Herr Prenzlau. — , „Und bei den Herren 
Engländern iſt auch nicht Alles Gold was glänzt; 
aber an Ordnung fehlt's.“ — 

„Aber Sie fagen ja, meine Herren,“ nahm wieder 


— Bi 


Herr Gieb das Wort, adaß der unten fle fo graufam 
hernimmt. Selbſt an einem oberſten Richter ſoll er 
ſich vergriffen haben. u 

„Glauben Sie's ja nicht, Her Sieh ‚u entgegnete 
Herr Merks. „Eine Krähe hackt der andern die Augen 
nit aus. Ja die Fremden, die muftern fie und be⸗ 
obachten fie, aber unter einander hängen fie zuſam⸗ 
men wie bie Kletten. Wird feine Orbnung, bis nit 
ein König fommt.u 
aJa, Ordnung ift die Hauptſache,“ meinte Herr 
Prenzlau. „Ja, bei und zu Haufe, da ſieht's ganz 
anders aus. Hier haben fie ja nicht einmal eine tür- 
kiſche Muſik. Ein Offizier Hat einen runden Hut, ber 
andere einen breiefigen. Und Haben Sie, meine 
Seren, ‚ihr. Exerziven gefehen ? ? Unfre Refruten 
treffen's ja defler. Und von Handgriffen verftehen 
fie ſchon einmal gar nichts. Hab's ja mit meinen 
Augen gefehen, wie der General vor der Wade vor» 
beigegangen, und wie ihm dieſe, fatt zu präfentiren, 
‚von ihrem Kautabak angeboten hat.“ 

„Ja, ja," verficherte Herr Gieb, „bier fehlts an 
der Zucht, an ber Gefittung ſchon in der Jugend, 
meine Herren. Hier behanveln fie ja ihre Kinder 


— 35 — 


fon wie Mäuner. Schlagen Sie einmal einem ſol⸗ 
hen Buben eines hinters Ohr, und fehen Sie zu, 
ob Sie nicht vor den Squire citirt werden, und ſchwere 
Strafe bezahlen müuͤſſen? Hab's einmal in meinem 
Leben gethan; will's nimmermehr probiren. Da liegt 
aber der Fehler, meine Herren. Ja bei uns, da wer⸗ 
ben wir geledert auß dem ff, das iſt aber's Wahre; 
um jeden Hieb ſchade, der daneben geht. 

„Sa, ja, Herr: Gieb;“ meinten bie. drei guten 
Deutfihen. 
aJa, ja, meine Herren !u fuhr der durch den Bei⸗ 
fall ſeiner Landsleute etwas aufgemunterte Herr Gieb 
fort. „Unſern Dicken ſollten ſie haben, der würbe ihnen 
bald 's neue Jahr abgewinnen.” 

„Hören Sie einmal, Herr Gieb,“ verfeßte Se 
Prenzlau, „Ihren Dieken würden fie bald expediren. 
Auf ſtutzigen Pferden ift fhlecht reiten; würben ihn 
über die Achfeln anfehen, und ex müßte ſich's noch 
zu einer Ehre reinen, wenn fle ihm die Hand reichten. 
Bin ja dabei geſtanden, wie fie, ohne den Hut zu 
rüden, mit dem Gouverneur Sprachen; kaum daß fie 
ihm fagten: „kut morning saehr koverner.“ ga, 


—d 36 &— 


um Die zu zeitigen, da gehört ein Mann Dazu, der 
Autorität hat; der Unfrige würde fie mores lehren.“ 
"nDBergeben Sie, Herr Prenzlau ‚a fiel ihm Herr 
Merks ein, „da. haben Sie aber Unrecht; fie ſa⸗ 
gen nicht ‚Saehr koverner , fie fagen immer nur 
Saehr. « 
| „Ja, fie mögen fagen, wie fie wollen,“ meinte 
Herr Prenzlau, ver ein wenig unwillig über bie Zus 
rehtweifung des Haufirers geworben war, und des⸗ 
halb ihn Herrn zu tituliren vergeſſen Hatte. „Ihr 
Dicker —-“ 

„Ja,“ fiel ihm Herr Sieh beſchwichtigend ein, 
maber was find das auch für Koverner, Herr Prenz⸗ 
lau. Schau'n ja nicht beſſer aus, als wie unſer einer. 
Wo ſoll denn da der Reſpect herkommen? Das muß 
geboren werden; 's liegt ſchon im Blute. Herr je, 
wenn ich ſo an den Unſrigen denke, wie Alles gezit⸗ 
tert. Es iſt Einem gewiſſermaßen ſchauerlich gewor⸗ 
den, wenn man 'n angeſehen; und nun gar, wenn 
er aus der Ecke herüber gerufen; hören Sie, bis zur 
Hauptwäche hat man ihn gehört. Es war nicht an⸗ 
ders wie vor einem brüllenden Löwen, fo bat Alles 
gezittert. 


—d 37 


„Sa, Herr Gieb,“ entgegnete Herr Prenzlau, „da 
könnte ih Ihnen. etwas Anderes jagen. Der Unſrige 
— ja — und daͤnn der liebe junge Prinz! Ach Herr 
je! Wenn Sie ihn jo gefeben hätten! Wie ein junger 
Herrgott, freundlich laͤchelnd und, die Reitpeitſche 
in der Hand, mit den Herrn Offizieren ſchäkernd; 
und die Hüte Ale ab, Wer immer ihn nur fleht; und 
er fo mir nicht, dir nichts, ganz gemein und doch ſo 
hoch; — ja, Wer fi für den nicht mit taufend Freu⸗ 
den tobt ſchießen läßt, der muß ja gar fein Deuſcher 
ſeyn.“ 

Die guten Deutſchen wurden in in ihren Herzenser⸗ 
gießungen über die Herrlichkeiten ihres, und das Elend 
unſers heilloſen Landes, dem es fo ganz an aller 
Hoheit ermangelt, durch einen in die Stube tretenden 
Miliz⸗Sergeanien unterbrochen, deſſen Uniform und 
flittergoldene Epauletten den Herrn Prenzlau mit ſei⸗ 
nen drei Landsmännern ploötzlich von ihren Seſſeln 
aufprallen und zugleich mit den Händen nad ihren 
Kappen und Müten fahren machten. Des Herrn 
Prenzlau fhärferes Auge Hatte jedoch die flittergol- 
denen Epauletten am erften bemerkt, un, ſich | chend, 
ermahnte er ein Gleiches zu thun. „Setzen Sie ſich 


28 4 
doch, meine Herrn,“ ſprach er, „und behalten Sie auf. 
Wir find ja In einem freien ande, und das iſt janur 
ein Sergeant, der Ihnen nichts zu befehlen hat. « 

Des Herrn Prenzlau treu gemeinte Borftellung hatte 
bie etwas erſchrockenen guten Deutſchen wieber be 
ruhigt; der feharfe und mufternde Blick des Sergean- 
ten ſchien ihnen jedoch alle Luft zu fernern politifchen 
Debatten benommen zu haben, und fle tranfen nun 
ftille und ruhig ihre Gläfer aus, worauf file fi, un- 
ter oftmals wiederholten Wünfchen „einer guten ge= 
. zubfamen Nacht," trennten. | 

Mit dem Sergeanten, der die Mericaner und Fran⸗ 
zofen nach der Reihe angefehen und abgezählt Hatte, 
verloren ſich auch vie übrigen Gäfte, und mit Diefen 
ſchien plöglih den olivenfarbigen Wirth die frohe 
Stimmung verlaffen zu wollen, die ihn bisher in der 
Bedienung feiner Kunden ſo rührig gemächt Hatte. 
Es fing in ihm zu zuden an, und eine gewiſſe Un- 
ſicherheit und Verlegenheit war an ihm wahrzuneh⸗ 
men. Er verließ die Stube, eilte zur Hausthüre, ſah 
fi forſchend um — kehrte langfam zurück, und ſein 
Blick, ſo wie er in die dunkle Ecke fiel, wurde zu⸗ 
ſehends verſtoͤrter. Auf einmal erſchallte es aus dieſer 


—, 89 ⸗ | 
„Benito!a Der’ Mann ſchrak zufammen und rüttelte 
fi, als ob ihn ein Fieberſchauer ergriffen Hätte. Als 
wäre er von einer unſichtbaren, feindlichen Macht 
getrieben, ſchwankte er dem Tiſche zu. 

„Benito!“ ſprach Der mit dem verbundenen Kopfe. 
„Kennſt Du mich nicht mehr?“ 

„Wollte vie Heilige Jungfrau! Ich Hätte kuh nie 
gekannt. Seyd Ihr es oder iſt's Euer Geiſt?“ 

„Beides ‚". erwiederte der Vermummte und brach 
dann in ein lautes widerliches Gelächter aus, in das 
Alle einflinimten, den Wirth angenommen, ver mit 
jedem Augenblicke unruhiger zu werden anfing. ' 

nSthe Did, Benito! Habe Dir etwas yu jagen. 
 nStilte! fein Wort. Dieß tft Hier nicht mein Näme.* 

„Ich glaube, Du haft jo viele Namen, wie wir 
Flaggen, nur mit dem Unterfchiede, daß wir bie unſri⸗ 
gen öfters aufziehen, Du aber die Deinen für immer - 
ablegſt. Biſt doch ein wahrer Hafenfuß.« 

„Was wollt Ihr mit mir? Hat Euch der Böfe 
au) hieher wieder gebracht? St man vor Euch nir- 
gends fiher ?“ — 

„So hat er, und zugleich get er mir eine Tleine 
Sendung mit auf den Weg für Dich gegeben.“ 


h) 


Der Wirth zuckte wie Espenlaub äufammen. „Bes 
denkt, ich habe Weib und Kind, und bin ehrlich ges 
worben. 

„Alle fchlugen ein laütes — auf. 

„Wer nimmt Dir. Deine Ehrlichkeit, Narr!“ fuhr 
der Verbundene fort. „Nur einen Fleinen Freund⸗ 
ſchaftsdienſt mußt Du uns erweiſen.“ 

„Sucht Euch einen Under.“ 

Wenn wir dad wollten, jo wären wir nicht zu 
Dir gekommen. Ich will: Dich nicht Jänger auf bie 
Bolter ſpannen, armer Wicht.« 

„Was follich wieder? 

„Narr! nichts. Nur unfern armen Doctor Pom⸗ 

pey aus dem Loch befreien. Er iſt mit uns gekom⸗ 
men und, von ſeinem vormaligen Herrn erkannt, im 
Gebäude mit dem Wachtpoſten logirt worden.“ 

„Seyd Ihr raſend?“ winſelte der Wirth. „Ihr 
wollt einen Neger aus der Baummwollenpreffe heraus⸗ 
holen, wenn nicht dreihundert Schritte davon, im 
Gaſthauſe, eine Meeting abgehalten wird, wo über 
fünfhundert Bürger beifammen find ?" 

„Was zu thun iſt, wirft Du am beften wiſſen. 
Nur fo viel fage ih Dir, daß wenn ver Neger noch 


HB — 


morgen früh hier ift, er ung und Dich in feiner Dumm: 
beit verräth, und Du- ung folglich bei der greßen 
Trauung Geſellſchaft leiſten mußt.“ 

Der Mann krümmte ſich wie ein Wurm. „Sat 
Barmherzigkeit mit mir, einem verhewratheten anne, 
der Weib und Kind bat." - | 

„Iſt ſie Jung ?* fragte ver Verbundene. . 

„Beim heiligen Jakob!“ fuhr der Spanier giftig 
heraus , „wenn Ihr mir da zu nahe kommt — —“ 

„Halt's Maul, Hafenfuß! — haben andere Dinge 
im Ropfe, als Deine Seefpinne von Weib zu amu⸗ 
firen, wenn's Die ift, die ich gefehen. Verdammter 
Narr! Wer wird fie Die. nehmen | 

Der Wirth Tief in der Stube wie ein Maſender 
herum. 

„Biſt doch ein abarmlicher Wicht, Benito! ! Haben 
Dig bie zwei Jahre unter den Republifanern fo zum 
Hofenfuß gemacht?“ 

„Lacht nur," ſprach Benito ; „aber wenn man ein» 
mal den Satan abgeftretft, und Weib und Kind bat, 
und von allen Seiten.beobachtet wird! Wenn fle das 
Mindeſte fpüren, fo bin ich auf Immer ruinirt. Mar 
muß bier ehrlich ſeyn.“ 


—_— 


— 8 — 


„Benng des Geſchwätzes,“ ſprach ver Berbundene; 
„kein Wort weiter.” “ 

„Sp muß ih denn?“ 

„Glaubſt Du, ich ſcherze oder ſey bed Spafles 
wegen gekymmen? — ort mit Dir.“ 

Der arme Benito fuhr ſchaudernd zuſammen, und 
309 fich ächzend zurück, und durch die Thüre hinaus, 
aus der ihm ein hölliſches Hohngelächter nachhallte. 
Es war ſchon fpät in der Nacht, als er, in einen 
Mantel gehüllt und einen Bündel in ver Hand, wies 
der. kam. 

„Wenn die Negulairen in der Eottonprefie ‚find, 
dann kann ich abfolut nichts. thun,“ ſprach er in einem 
Tone, dem man ed anfah, daß er fih Gewalt an= 
that, entfchlofien zu ſcheinen. 

Der Bermummte trank fein Glas aus, ‚ ohne ihn 
eines Blickes zu würdigen. 

„Es find ihrer Zwei mit einem Sergeanten und 
Lieutenant da, die die Milizen einexereiren. “ 

Der Verbundene ſchwieg noch immer. 

„Ich fan’ es Euch nochmals," fuhr der Wirth 
fort, — „ich will e8 'verfuchen ; aber nur auf den Ball, 





- 
ee 


— 83 ⸗ 


als Diefe fih entfernen. Und Wer wird mic begleiten, 
und was wollt Ihr mit dem Neger?“ 

„Ihn über ven Miſſiſippi bringen, wo er. auf dem 
Wege, den wir von Nacogdoches kamen, wieder zu⸗ 
rück muß.“ 

„Um der heiligen Jungfrau willen! Was denkt 
Ihr? Ihr wollt über ven Miſſifippi? Ihr ſeyd nicht 
in drei Stunden zurüd. Und wenn die Miligen aus 
dem Meeting zurüdfehren? Es fchlafen ihrer Vier 
oben in der Stube neben Euch.“ Fb„ 

Der Vermummte ſchenkte ſich wieder rein, und trank, 

ohne aufzublicken. 

„Ihr kommt nicht von Nacogdoches, “fuhr Benito 
fort, „Ihr Habt Arges mit dem armen Neger vor; 
dazu will ich mich beflimmt nicht hergeben. ® 

„Höre, Benito,“ ſprach nun der Vermummte, 
wich Habe Dein Geſchwätz ſatt; Du kennſt mich. Jch 
gebe Dir vier unſerer beſten Männer mit; fie find 
verwundet, werden aber den Neger über den Strom 
ſchaffen· 

„Und Ihr bleibt zurück?“ brummte der Wirth. 

„Narr, um Deiner Frau: die Eour zu machen. 
Glaubſt Du, man den?’ an ſolche Lappalien, wenn 


— BI 


Einem der Tomahawk einen Zoll tief im Kopfe ge- 
fefſen?“ 

Benito ſchlich jedoch zur Seitenthür, und zog den 
Schlüfſel ob. „So kommt ind — Namen!“ ſprach 
er. Es find doppelte Wachen des Spionen halber 
aufgeſtellt; es wird ſchwer halten. Heiliger Jakob, 
ſteh ung bei! Seyd Ihr auch ſicher, daße er unten 
in der Cottonpreſſe iſt? “ 

„Wir haben ihn Alle dahin abführen geſehen,“ 
erwiederte der Vermummte. „Benito nimm Dich 
zuſammen. Ich gebe Dir meine beſten Freunde mit. 
Wenn Du einen bummen Sri machſt, ſo find wir 
und Du verloren.“ 

„Diablo!“ murmelte Benito. „Warum lapt Ihr 
mich nicht in Ruhe! Unſer Contrakt if zu Ende!“ 


| Schemtynimjigfes Kapitel. 


Lorenzo. Wer kommt fe eilig ir in der Stille 
ber Nacht? 
Stephano. Ein Freund. 
Lorenzo. Ein Freund! Was fürein Freund? 
"Euern Namen, wenn ich Sitten darf. 
A Shakespeare. 


Es war Milternacht, als bie fünf Spanier und 
Mericaner das Haus mit einer. leichten Leiter ver⸗ 
liefen. Der dichte Mebel, der über dem Strome 
glei einem endloſen Grabtuche ſchwamm, ſtieg be⸗ 
reits über die Ufer hin‘, und zog ſich mie eine unge⸗ 
heure Rauchwolke flach über vie Niederung Ber, durch 
die der Morgenmwind in ’eingelnett Stößen zu pfeifen 
begann, und der ſich nun die fünf nächtlichen Aben⸗ 
teurer behutfam auf dem laͤngs des Bluffs hinab⸗ 
ſchlängelnden Wege näherten. "Bor bem Gaſthauſe 
ſtand eine zahlreiche Gruppe; die, an der Thüre und. 
an den hellerleuchteten Fenſtern zufammengepreßt, in 
tiefer Stille ven Rednern im Saale zuhorchte. 
Einer der Mericaner hatte’ ſich an die Verſamm⸗ 
Der Legitime. I. 18 


— 6 


lung herangeſchlichen, während die Uebrigen dem Ufer 
des Bayou zugetappt waren, wo ein Zweiter an den 
Waſſerrand hinabkroch, und nachdem er eined der’ 
Boote vom Pfoſten gelöst, dieſes Teife dem Kaupt« 
firome zugog. ‚Seine Schuhe in ver Rocktaſche und 
forgfam auf die ſchimmernder Baummollefloden 
treten, hatte NG au der Spanier vom Gafthaufe 
feinen Genoffen zugeftohlen, die, die Augen flarr 
auf den Wache ſtehenden Milizen gerichtet, ohne 1 
zu regen, da geſtaͤnden waren. 

. Eine gute Viertelſtunde mochte verfloffen feyn, als 
Dieſer abgelöst wurde, worauf ein Piquet von drei 
Mann auf den Gaſthof zufchritt und, mit der dafelbft 
abgelösten Woche zurückkehrend, bie Ruude gegen 
den Miffifippi zu machte, 'von ber e8 wicder Los 
Wachtpoſten zurüdkehrte.. 

Diefer, wie bereits bemerkt, befand ai in einem 
ziemlich großen Gebäude, das, einem Kornboden 
oder einer großen Scheune nicht unähnlich, mit Bret⸗ 
tern überfleinet war, von denen mehrere Toögeriffen, 
im MWinpfloße ſchnarrend und knarrend hin und her⸗ 
ſchwankten. 





„Alles ruhig, Tom,“ ſprach der Führer des Pi⸗ 
quetö, als er von ber Munde zirrůckgekehrt war. 

„Hört doch, einmal!“ erwiederte die Wache, „was 
iſt doch das für ein Geknarre?“ 

nDer Squall, der vom Balize herauf kommt, u 
erwiederte der Führer; dieſe ruft, werbet Ihr vo. 
öfter hören." 

„Hol der Henker dieſe Muſik und Euer Willſtth— 
leben,“ erwiederte der Milize mit einem verächtlichen 
Blicke auf das Bajonett, das am feiner Seite hing. 
„Müſſen da Wache ſtehen, während Die drüben das 
größte Meeting halten, das je gewefen iſt.“. 

„Es muß nun einmal ſeyn;“ tröftete ihn der Füh- 
zer, „in vier Wochen iſt Alles vorüber; dig Reglars 
können doch nicht immer Wache fichen; haben fi 
heute genug abgezappelt. Und was im Meeting ge⸗ 
ſchieht, werben wir auch hören.“ 

„Ei, wollte dad Ganze wäre ſchon vorüber; flehen 
da wie die Narren, um die Eottonpreffe zu bewachen. 
Eine ſaubere Chriſtnacht!“ 

„Ei Johnny,“ ſpkach ein aus dem Bauſe kommen⸗ 
der r Miltze, walk, Du fprängeft hinüber in. die 
18° 


26 


Taverne und braͤchteſt und Nachrichten, was fie drü⸗ 
ben thun und ließeſt den Krug da füllen. « 
NMile! Mike! könnt Ihr denn Die Stunde nicht 
aushalten und habt doch die Wade vor der Thür 
bed Spionen, und Lieutenant Brodm iſt drüben beim 
Mapitain und Hat befohlen, ein wathſames Auge auf 
den Gefangenen zu haben.“ 

„Ja, Den wird Euch Niemand ſiehlen; für Den 
ift Daß Sanfkrant ſchon gedreht,“ verſetzte Mike; 
haͤtte auch feine Reglars herſtellen können, braucht 
fie nicht alle auf feiner Stube.“ Ä 

„Er muß doch hören,“ verfeßte ber Führer lachend, 
awie weit wir's in der Zucht gebracht, um auch rap⸗ 
portiren zu können. Was aber den Spion anbetrifft, 
ſo wollte ich nicht, daß Der uns entginge. Es wird die 
allerloyalſten Subjefte ſeiner brittiſchen Majeſtät ganz 
herrlich wurmen, wenn wieder einmal Einer ihrer 
Gebrůder bei und mit der Hanfbraut getraut wird. 

„Eben deßwegen wird 'n Cuch Niemand davon 
tragen," verfeßte ver wachunluſtige Mike. 

Die fünf Mericaner ſtahlen ſich nun behutſam 
‚Hinter das Gebäude, von woher nad einer Weile ein 
ſcharfer Luftzug und dann wieder ein. lautes Knarren 


—, 49 &— 
und ein Rumpeln, wie das eineß an der Bretier- 
wand herabgleitenden ſchweren Körpers gehört wurde. 

„Müſſen doch fehen,: was das if,“ ſprach ver 
Führer, der mit einem Milizen, pie Baterne in ber 
Sand, Hinter Dad Gebäude ging. Die Toßgeriffenen 
Bretter ſchwankten immer Rärker. 

nDa liegt es,“ ſprach er. „Ein ganzes Bertt; der 
Wind iſt doch nicht fo fiatt. 

„Ja, hier unten,“ entgegnete fein Begleiter, „aber 
da droben haust er. Es iſt in gleicher Höhe mit dem 
Miftifippi.und Hört nur wie der braudt.“ 

„Schau doch einmal hinein zum Spion ‚" ſprach 
der Führer. | \ 

Der Milize ging in das Innere des Gebindet und 
kam mit der Nachricht zuruͤck, daß er geſund ſchlafe. 
„Möchte doch gerne wiſſen,“ meinte er, „Wer den 
eigentlich trauen wird; den Sheriff geht er nichts an, 
er ift Fein Bürger. * 

„So glaubt Ihr, der Sheriff m bloß für uns, u 
lachte der Andere. „Wenn nun ein Ausländer im 
County gehangen wird, muß e8 ber ‚Sheet nicht 
auch thun?“ 

„Habt Recht,“ verſetzte der Milize. „Wollte, er 





m 


Hätte alle die zivamgigtaufenb feiner Landoleute unterm 
Kragen, wären wir doch der Sorgen los. 
Er begleitete feinen Einfall mit einem lautem 
Sachen, währen welchem das Knarren der Bretter 
ſtaͤrker denn je gehört wurde. 

„Hört Ihr das ?“ ſprach Johnny, der ſo eben mit 
einem Kruge Whisky zurückkam. „Da hinten haust 
es, als ob ver Orkan vom Balize herauf käme.“ 

„Haben ſchon geſehen, hat nichts zu bedeuten. 
Sabt Ihr etwas vom Meeting gehört?“ 

„Prächtige Nachrichten,“ verfegte Sohnny, „Oberft 
Barker fpriht wie ein Gott, und ber alte Floyd wie 
ein Engel. Kommt, Ihr ſollt Eure Wunder hoͤren.“ 

Und mit dieſen Worten ſchritten Alle der Wacht⸗ 
ſtube zu. Der Wacheſtehende hatte ſein Gewehr un⸗ 
muthig auf die Erde geſtoßen und ſah eine Weile 
durch das Fenſter in die Stube hinein; dann lehnte 
“er dieſes auf den Querpfoſten und trat gleichfalls 
ein, um ſeinen Antheil an den Neuigkeiten von dem 
Meeting und vielleicht auch vom Kruge — nicht zu 
verlieren. . " 

Gleich darauf hörte man wieder ein langes Knar⸗ 
ren, ein Raſſeln und dann einen ſcharfen Luftzug, 


— m 


aus dem Fußtritte zu. vernehmen waren, bie ſchnell 
dem MifiifippisUfer zufprangen. 

„Carraco,“ zifchte eine Stimme den Ankommenden 
entgegen. „Wo bleibt Ihr ſo lange?“ 

„A vencer 0 a morir,“ wißperte ein Anderer mit 

unterbrüdttem Gelächter. „Wir Haben ihn · 

u Wohl, fo kommt.“ 

Zu den fünf Mericanern oder Spaniern, die fich 
hinter der Cottonpreſſe verloren hatten, war ein 
Sechster gekommen, die Ale, mit Ausnahme Zweier, 
über das Ufer dem Boote zukrochen, das am Einfluffe 
des Miffifippi hielt. In demſelben Augenblide wurde 
ein zweites Boot fihtbar, das Teife von dem Bayou 
herauf gegen den Strom zu kam. 

„Que diablo!“ murmelte die Bande, ‚aß ift 
da8?u 

Das Boot hatte ſich genaͤhert und es war ein 
Mann darinnen bemerkbar. „Que eg este ,“ wisner⸗ 
ten die Mexicaner wieder, und Einer derſelben ſprang 
raſch hinüber in das fremde Fahrzeug, aus dem 
dumpfes Kettengeraſſel zu vernehmen war. 

Der Mexicaner ſtierte dem unwillkommenen An⸗ 
kömmling ins Geficht. 


572 — 

„Ah Mafia Miguel! Ponpey nicht im Intl bleiben; 
Pompey nicht die Ninetail lieben,“ grinste ihm der 
Neger entgegen. 

„Que diablo !* murmelte ber Mericaner, „da iſt 
Vompey! Wen habt Ihr da? Wir fire fteben ftatt 
ſechs. Was bat das zu bebeuten? qu 

„Biablo!® 

ꝓCarracol 

„Santo Jago!“ zifchten die Mericaner zuſammen. 
„Wer biſt Dur?“ murmelten ſie, indem ſie auf den 
fo eben mit ihnen angekommenen, und wie es ſchien 
überflüfftgen Siebenten zufprangen: 

„Richts ſpaniſch, aft engliſch,“ erwieberte Diefer. 

„Santa Vierge! Wie kommſt Du Hieher? gu 

„Das müßt Ihr wiſſen, die Ihr mich hieher ge⸗ 
bracht. a 

Die Sechſe prallten zurück und wiöperten mit ein» 
anber in fpanifcher Sprache. „Komm denn!” ſprach 
„Keinen Schritt, ehe ich weiß, wer. Ihr feyb und 
wohin e8 geht?” Ä 

„Narr! Wer wir find, geht Dich wenig an. Wo⸗ 
bin ed gebt? Wo es immer bin geht ifl’3 befjer für 





—, 73 e 


Deinen Kragen, als wo Du biſt; 3 hier gete ich Dir 
keinen Real dafür.“ 

„Dexalo! Dexalol“ murmelten die Ute 
„Laßt ihn! Laßt ihn!“ 

„Macht, daß Ihr fort und, und wieder zurück⸗ 
kommt,“ ziſchte ihnen der Wirth zu, „oder Ihr ſeyd 
verloren. Und wenn Ihr unten Unrath merkt, ſo 
vergeßt nicht die obere Landung.“ 

„Halt? * flüſterte ver, Britte, „id gehe mit ei, “ 

Der Neger war bereits in das Boot ber Mexi⸗ 
caner hinüber gefprungen und hatte das ſeinige mit 
dem feiner Mace eigenen Leichtfinn ven Wellen über⸗ 
lafſen. J — 

„Ingleſe!“ murmelte Einer ver Merieaner, „hier 
fitzeft Du!“ indem er ihm feinen Platz im, Vorder⸗ 
theile des Fahrzeuges neben dem jungen Mexicaner 
anwied.. x 

Und Pompey kommt i in die Mitte und nun friſch 
auf.“ 

„Halt! flüfterte der Britte, „Können wir und 
nicht in die zwei Boote theilen?“ 

„Ah Maſſa, nicht Über ven Sippi gerudert,“ 
kicherte der arbeitsſcheue Neger; „Maſſa nicht in ſechs 


— m 
Stunden: drüben ſeyn und bei Point Coup6 and Land 
kommen.“ 

⸗Hush, Pompeh!⸗ murmelte ſein Nachbar, und 
das Boot, von ſechs Händen bewegt, ing n nun ſchnell 
in ven Strom: hinein. 

„Ah Mafia Mayuel zuerſt wompey ſeine Ketten 
abfeilen laſſen,“ brummte der Neger, „Bompey im 
obern Jail ſeyn — Hug geweſen,“ lachte er in fi 
hinein, weine Seile mitgenommen und fich felbft ge⸗ 
bolfen. —. Mafia Parker ſqauen,/ wenn Pompey 
ausgeflogen. “ 

‚Salt Maul, Doctor, beſahl eine Summe von 
hinten, und warte mit Deinen seiten, bis Du drũ⸗ 
ben bifl.« | 

Der Neger. fchüttelte Anwiliig den. Kopf. „Maſſa 
Filippo auch nicht gerne im Halsbande ſeyn“ — 
brummte er, ſteckte jedoch ſeine Feile wieder ein, und 
waͤhrend er mit der einen Hand das Ruder hand⸗ 
habte, ergriff er mit der andern die Kette, die, vom 
Fuß bis zum Halseiſen laufend, in der Nähe bes 
letztern abgefeilt war. Dieſes Halseiſen beſtand aus 
einem fingerdicken, beinahe zwei Zoll breiten Ringe, 
der um den Hals lief und aus dem drei lange, dau⸗ 


4 175 — 


mendicke, auseinanberftehenpe Hacken über den Kopf 
binausragten. Die lange Kette hatte er mit einer Art - 
kindiſcher Verwunderung abwechſelnd in ber Hand 
gewogen und wieder angeftiert, dann warf er fie in 
das Boot hinab, das nun rajch der Mitte zuflog. 

„Arme Lolli, trautig ſeyn,“ bob er nad einer 
Meile wieder an; „wenn Pompey nit in vie Stadt 
hinab kommen, fie in St. John wohnen, unter der 
Cathedrale.“ 

„Pompey!«“ rief der vorne neben dem Dritten 
figende Mexicaner, „Deine Ketten und, Bußeifen 
liegen mir juſt in den Knöcheln.“ . 

„Bleib ruhig, Pompey,« ziſchelte ihm fein Nach» 
bar in die Ohren, „ich will fie zurückziehen.“ 

„Ah Maſſa armen Pompey nicht gut thun,« rief 
Dieſer ſeinem Nebenmanne zu, der die Ketten um 
beide Füße des Negers herumgewunden und fie num 
mit einem plöglichen Nude fo’ ſcharf anzog, daß dem 
Schwarzen dad Ruder entſank und er rüͤdlings ins 
Boot ſtürzte. 

Der junge Britte war mufmertſam geworden. 

"Was gibt es? was treibt Ihr mit dem armen Neger?“ 


As &— 
. „Mafia, um Gotteswillen mit dem armen Pompey 
nicht ſo Tpaffen ,« Röhnte der Neger dazwiſchen. J 
„Nichts, Pompey, vergiß nur nicht ven Weg zur 
Rechten nad) Navgdoqhes, a erwiederte der Sinter- 
mann. 

„Um Gotiebwilen, air, nicht türgen, “röhnte 
per Sklave dringlicher. 

Nichts, nichts; denk an Deine bite Lolli Hinter 
der Cathedrale und vergiß den Weg nach Nacogdoches 
nicht,“etröſtete ihn der hinten Sitzende, der die Ket⸗ 
ten von feinem Vordermanne erfaßt, dieſe durch das 
Halseiſen durchgezogen und ſo den armen Neger in 
einen Knäuel zuſammengeſchnuͤrt hatte. 

„Maffa⸗Maſſ⸗Ma!“ ſtoͤhnte der Neger, dem der 
Athem zu vergehen anfing. 

Das Ganze war das Werk eines Augenblickes ge⸗ 
wefen; nur das Geſtöhn und Schlucken des im Todes⸗ 
kampfe röchelnden Negers mar zwiſchen dem Raufchen 
der Wogen und den Ruderſchlägen hörbar gewefen. 

„Alle Zeufel!u rief ver Britte, fich umſehend, „was 
iſt das ?⸗ 

Im nämlichen Augenblicke hob ſich das Brettchen, 
auf dem er ſaß und er fühlte fich mit aller Gewalt 


—o 977 9— 


von. feinem. Nebenmanne geſtoßen, der. ihr mittelſt 
des überſchlagenden Brettes beinahe in den Strom 
geſtürzt hätte. 

Ihr ſeyd wirklich Mordet l⸗ nief der ſchardemnde 
Britte, der gerade noch fo viel Zeit übrig: hatte, ſich 
ſchnell zu drehen und ſeinen Nachbar anzufaffen. 
Dieſer hatte ſich ein- wenig erhoben, um das Vrett 
unter feinem Sige zurückzuſchieben und umzufchlagen, 
war aber in. feiner ſchwankenden Stellung, vom 
Bauftfchlage des Britten getroffen, über bie Boott- 
wand in den Strom hinabſtürzt. 

„Buen viage a los infernos,“ brullten die Hinten⸗ 
figenden mit einem hölliſchen Gelächter. | 

„60 to hell yourselves ‚“ fehrie "der. Britte, der 
das Ruder erfaßt hatte und dem hinter ihm Sitzenden 
einen Sieb verfegte, ber ihn an bie Sei des Negers 
rücklings ſtürzte. 

„Santa Vierge! Que es este?“ viefen die beiben 
Hinterſten. 

„Rotæ Inglese,“ brũllte Einer und fuchte vorzu⸗ 
dringen, fiel jedoch über die zwei Liegenden. ins Boot 
hin, das durch den raſenden Kanpf gewaltig zu 
ſchwanken begann. 


„Ma⸗Ma,« ſtöhnte der Neger nochmals, und feine 
Augen, im furchtbaren Todeskampfe, funkelten wie 
gräßliche Ierlichter in der: flofinftern Nacht und 
traten aus ihren Höhlen, und bie krampfartig lallende 
Zunge fing an aus dem Munde zu fallen. | 

„Beim lebendigen Gott! ih flürge Euch alle in den 
Strom, wenn Ihr den armen Neger nicht befreit,“ 
fehrie der Britt 0 — 

„Maledito Inglese!“ 

. „Picarro @ojo!“ 2 — 

„Dexalo!- Dexalo! Santa Vierge!“ ſchrien die 
drei Mexicaner unter einander, während der Britte 
einen verzweiflungsvollen Hieb auf den gegen ihn 
gukommenden führte, der ihn brüllend ins Boot zu⸗ 
rückftürzte. u 

'„Dexalo! Dexalo! Este diablo,* riefen bie bei⸗ 
den Mericaner, und Einer ſchob ihm, den armen 
Neger zu. , 

„Steht zurück!” fehrie.er, „und nehmt ihm das 
Halseifen ab. Wenn ihr ihn ermürgt, fo fterbt ihr 
Mau . | 

„Este dtablo!“ ſchrie ver Mexicaner, der den in 


—d 279 &— 
einen Klumpen gefeffelten Neger hinſchob und ihm 
die Kette aus dem Halseiſen ri. 

Die Glieder des armen Sklaven fielen wie Stia⸗ 
Holz auseinander. Nur ein leiſes Röcheln verkün⸗ 
dete, daß der Ledenfunte noch nicht ganz von ihm 
gewichen war. 

„Steht zurück! 1# ſchrie der Britte wieder, der, zum 
Schwarzen herabfauernd, e8 nun verſuchte, ihn durch 
Reiben mit ver Wolldecke, ins Leben zuruͤckzurufen. 

Dad Boot war, im Kampfe auf Lehen und Tod 
dem Spiele der Wogen überlaffen, fhnel vom Strom 
fortgerifjen worden, und ſchwankte nun mitten unter 
den ungeheuern Baumflämmen, die dieſer zu T aufen- 
den mit fi führt. Die Mericaner hatten fi auf- 
gerichtet, und fingen an aus Leibeskräften ſtromauf⸗ 
wärts zu rudern. — Nicht ferne von dem gebrechlichen 
Fahrzeuge, auf dem unter der Nebelfchichte erglän- 
den Waflerfpiegel war ein Eoloffaler Baumſtamm zu 
feben, der geradezu auf das Boot fam. Det Britte 
Batte Faum Zeit gehabt, den Mericanern zuzurufen, 
als der Baumſtamm an ihnen vorbei ſchoß. Ein 
unnatürliher Laut ſchlug zugleih an ihre Ohren. 
Schaubernd wandte fi der Süngling und er ſah noch 


— 0 ⸗ 


einen Kopf und eine Hand, die -um einen der Uefte 
des Baumes, gefhlungen war. '.„Misericordia!“ 
ſtöhnte e8, „Misericordia per Dio!“ Es war der 
Mexioaner, der nahe dem Baumſtamme i in den Strom 
geſtürzt, ſich an dieſen geretiet und angellammert 
hatte. 

„Wendet dad Boot!“ sief er den Merieanem zu, 
„Euer Landsmann iſt noch am Leben.“ 

„Ks verdad!“ treiſchten die Mordgenoſſen, und 
wandten pad Bost ſtromabwaͤrts. ' 

Der Neger war allmählig zu fi gefommen, und 
kauerte nun zu den Füßen feines Retters. Auch er 
fierte In ven Waflerfpiegel auf den Elenden hin. 

„Um Gotteöwillen, Maſſa!“ kreiſchte er, das 
Auber des Britten ergreifend, „das Miguel feyn, 
Mafia ihn tontfchlagen ; Miguel jehr böſe.“ 

aLaß dad ſeyn, Pompey!« rief ihm Diefer zu, der 
aus Leibeskraften anlegte, um dem Mexicaner bei⸗ 
zuftehen. Das Boot ſchwamm Dicht neben dem Baum⸗ 
flainme, und Lepterer hatte gerade noch fo viele Kraft 
übrig, um feine Hand herüber zu ſtrecken, die der 
Jüngling erfaßte. 


—, 1 


„Um Gotteswillen, Maſſa! die Seeräuber uns 
Beide todt machen,“ rief der Neger. 

Der Mericaner hatte die Hand det Sünglings im 
Todeskampfe erfaßt, während Einer der Hintenfigen- 
den an ihn herangekrochen war. In diefem Augen- 
blicke erhielt das Boot einen furchtbaren Stoß, eine 
Welle ſchlug hinein und warf ven Mertcaner an bie 
Bootöwand, über welcher er nur mit halbem Leibe 
mehr tobt ald lebendig lag. 2 

nBafjeden Mericaner!“ riefder Britte dem Neger zu. 

„Ah, Pompey kein Narr ſeyn — Pampey Maſſa 
zu lieb haben. Die hinten nicht rudern; — Schau 
Maſſa, die nur warten, Maſſa todt zu machen“ 

„Hört Ihr!« ſprach der Britte zu den Mexicanern, 
indem er dem Nächſten einen Stoß mit dem Ruder 
verſetzte — „der Erſte, der einen Ruderſchlag aus⸗ 
läßt — Ihr verſteht mich! Ä 

Das Boot ſchwankte auf dem ungeheuren Waſſer⸗ 
fpiegel inmitten der Baumſtämme, jeden Augenblid 
bedroht non einem verfelben zerſchellt oder vom 
Strome verfehlungen zu werben; die Mericaner lauer⸗ 
ten in ſtiller verbiffener Wuth; tüdifhe Mordluſt 
grinste aus ihren ſchwarzen rollenden Augen; der 

Der Legitime. I. 19 


æ2 ⸗— 


Neger hatte den Strick des Bootes um den Leib des 
Mexicaners herumgeſchlungen, ver, „Misericordia!“ 
ſtoͤhnend, beide Hände an dad Boot geklammert, 
wie ein Geſpenſt nachfolgte. 

„ah, Mafia! Miguel ein guter Schwimmer ſeyn, 
die Taufe ihm nicht ſchaden. Maſſa,“ brummte der 
nie ruhende Schwarze nach einer Weile, „Maſſa nicht 
vergeffen, fein Ruder mitzunehmen.“ 

„Und Pompey nicht vergeffen, das feinige ein 
wenig fleißiger zu handhaben,“ entgegnete ihm Diefer. 

Der Neger fuhr eine Welle Träftig in der ihm auf⸗ 
gegebenen Richtung fort, dann flierte er den Süngling 
an, der bedenklich über ven Wafferfpiegel hinhorchte. 

„AH, Mafia nicht forgen, die Milizen gut ſchla⸗ 
fen, der Sippi nur läͤrmen. Pompey wiflen die 
Wege, Mafia Parker ihn nicht Triegen.« 

Wieder verfloß eine Viertelftunde, die Kräfte der 
Rudernden fingen an von ver flundenlangen Anſtren⸗ 
gung zu ermatten. 

„Mafia nun bald die Ufer ſehen. Wir ſchon im 
ſtehenden Waſſer,“ rief der Neger. 

No dauerte es eine Viertelflunde, und dann er⸗ 
blickten fie das Ufer; der Britte fprang aus dem 





—. 3 — 
Boote, und der mit feinen Ketten belaftete Neger 
kroch ihm nach, als die drei Mexicaner zugleich an 
Beide heran kamen. 

„Vergeßt Euer Boot nicht,» rief er ihnen drobend 
entgegen. Statt ver Antwort ſchwirrte ein Dolch 
herüber, der, mit ficherer Sand geworfen, ihm am 
die Bruft fuhr, aber am Lederwammſe der Inpianerin 
hängen blieb. 

„Elende Meuchelmörber!“ ſchrie der Betroffene, 
der die flache Hälfte feines Ruders abgebrochen und 
mit der andern auf die Banditen losſtürzen wollte, 
fich aber aus Leibeskraͤften vom Neger erfaßt ſah. 

nMaffa Fein Narre ſeyn, Die Seeräuber no 
mehr Dolche haben, gerne jehen, wenn Mafia nahe 
fommen, ihn dann leicht todt machen.” Ä 

„Du haft Hecht, Pompey,«“ verfegte Diefer, halb 
lachend, halb ärgerlich über den zähnefletſchenden 
Neger. „Die Hunde find nicht werth, daß ein ehr⸗ 
licher Mann fie tobt ſchlägt.“ 

Eine Weile hielten die drei Mordgeſellen noch an, 
brüllten dann ein „Buen viage a los infernos!“ her- 
über, und fprangen in ihr Boot, in das fle ihren Genoſ⸗ 
fen halfen, und in Nacht und Nebel verſchwanden. 

48° 





Siebennndzwanzigſtes Kapitel, 


Iſt dieſer Vorgang gerecht und ehrhar? 
Shakespeare. 


Die vier Mordgeſellen hatten ſo eben ihr Boot 
verlaſſen, das, in den Strom zurůckgeſtoßen, mit 
den Wellen fortſchoß, und waren oberhalb des Bayou 
dem Staͤdtchen zugeſchlichen, als ein ploͤtzliches Ge⸗ 
murmel vor dem Wachthauſe entſtand, das fie einen 
Augenblick horchen und dann mit der Eile flüchtiger 
Diebe ihrem Verſtecke, dem Estaminet oder der 
Schenke zum Kaiſergardiſten, zueilen machte. 

Ein Mann war athemlos aus dem Wachthauſe 
auf den Gaſthof, in dem die Meeting gehalten wurde, 
zugerannt, hatte ſich durch die vor dem Hauſe und 
im Gange an der Thüre zuſammengepreßte Menge 
hindurchgedrängt, und war in das Zimmer des Capi⸗ 
tains geftürzt. 

„Sergeant William! Was gibt es?“ fragte Diefer. 

„Der Spion iſt entwiſcht.“ 

Dem Offizier entfuhr jenes Kernwort, das nad 








— 5 > 


der Meinung des wibigen Figaro die Duinteffenz der 
englifchen Sprache enthält und, von einem kraͤftigen 
Munde ausgeſprochen, die Beine ſo flink in Bewegung 
ſetzt. Raſch ſein Tſchako auf den Kopf werfend, 
ſprang er, den Degen in der Hand, die Stiege hin⸗ 
ab, und drängte durch die Menge unaufhaltſam in 
die Mitte des Saales vor, der ganz gefüllt war. 

„Um Bergebung,” fiel er dem jo eben in der Rebe 
begriffenen Sprecher ein. „Der Spion ift entwiſcht.“ 

„Wohl ;u — verfegte der General, der zur rechten 
Seite des im Prafidentenſtuhle fitzenden Squire ſaß 
und aufmerkſam dem Redner zuhorchte. | 

„General!“ wiederholte ver Offizier, „ver ‚Spion 
ift entwiſcht.“ 

„Dad Bataillon wird zufammenrüden und ihm 
nachſetzen, ſobald die Meeting vorüber iſt,“ erwie⸗ 
derte der General, und wieder horchte er dem Redner. 

Der Offizier knirſchte mit den Zähnen. „Es iſt 
vor der Thüre und im Saale, — fprad er mit 
wutherftidter Stimme. 

„Am an den Berathungen Theil zu nehmen, u flüs 
fterte ihm der General zu. | 


er 


„Nur zwanzig, breißig Mann,“ entgegnete der 
Gapitein. ° 

„Vergeſſen Sie nicht, daß die Mannſchaft Bürger, 

und zwar angefefiene, geborene und angefehene Bür- 
ger, jet in der Ausübung ihres fouverainen Rechtes 
begriffen find, Intereffen wahrzunehmen haben, für 
die e8 morgen vielleiht zu fpät ſeyn dürfte. * 
Der Capitain eilte aus dem Saale und flürzte auf 
die Wade; die Trommeln rührten fi; die Wade 
auögenommen, zeigte fich Feine Seele. Die Miligen 
ſtanden wie eingewurzelt in athemlofer Stile vor ver 
Thüre horchend. 

„Mein lieber Capitain!“ prach Einer, „Ihr könnt 
Euch das Gehör vertrommeln laſſen, und es wird's 
doch Keiner hören. Wartet geduldig, bis die Mee⸗ 
ting vorüber iſt und das Wichtigere abgethan, und 
dann wollen wir in die Rocky Mountains hinauf, 
wenn ed Noth thut.“ 

„Capitain!“ ſprach der Sergeant, „es iſt nun ein⸗ 
mal ſo, und wenn, glaube ich, die Feinde anrückten, 
fo. würde das ſouveraine Voll zuerſt bedaͤchtlich feine 
Beſchlüſſe faſſen.“ 





287 ⸗— 


„Hol der T—l das ſouveraine Volk! ich wollte 
lieber heim Großtärfen kommandiren.“ 

„Pfui, Capitain!« rief ein Milige, „das ift nicht 
die Stimme eined Amerikaners.“ 

Der junge Mann fah den Milizen betroffen an. 

„Wenn Ihr über ven Bayon Sara Sumpf geht,“ 
ſprach ein Zweiter, „fo müßt Ihr feften Tritt haben, 
fonft verfinft Ihr, und die Alligatoren freffen Euch. 
Ihr ſeyd beinahe zu jung für einen Gapitain. « 

Der Offizier verfchludte vie bittere Pille, murmelte 
etwas zwijchen ven Zähnen und rannte dann, bes 
gleitet von dem Sergeanten, vem Wachhaufe zu. 

Es war Feine Spur vom Flüchtling zu jehen oder 
zu hören ; aber an ver Außenwand fand man Schnüre 
an ben Bretern befeftigt, die das Schwanfen und 
Schnarren verfelben erklärten. Auch zwei Boote 
wurden vermißt. Während diefer Unterſuchungen 
Hatte die Meeting ihr Ende genommen und ver Capi⸗ 
tain eilte dem Sigungsfanle zu. Raſch trat er vor 
den General. 

„General Billow! Wollen Sie gefäigft Ihre Bes 
fehle ertheilen?“ 

„Ste find ſchon gegeben ‚“ erwieberte Diefer. 


— 288 — 


Im nämlichen Augenblicke. rollten die Trommeln 
wieder, und die Stimmen der herbeiftrömenden Mann⸗ 
ſchaft werfündeten, daß der Aufforderung derſelben 
Folge geleiftet wurde. Der Capitain fland eine Weile 
zögernd, fein Blick fiel auf die auf dem Tifche liegen⸗ 
den Papiere. on | 

„Dieß find alfo die Beſchlüſſe?“ fragte er mit ver- 
biffenen Lippen und einem bittern Lächeln. 

„Sa, lieber Capitain,“ ermiederte der General 
artig. „Wenn Sie wollen, fo können Gie fie noch, 
bis die Mannſchaft beifammen tft, leſen.“ 

Der junge Offizier warf einen flüchtigen Blick auf 
das Blatt und warf ed nach einer Weile unmillig hin. 

„And Sie haben," fprach er zum Oberften, „dieſe 
Nefolutionen gegen den General en Chef gefaßt, un« 
ter.deffen Kommando Sie fich begeben wollen?” 

„So haben wir,” erwieberte Diefer. 

„Und erklären fein Betragen inconftitutionell und 
tyranniſch, und mißbilligen es vor den Augen ber 
Nation?" fragte der Gapitain. 

„Wie Sie ſehen,« entgegnete Iener. „Wundert 
Sie dieß? Es iſt doch nicht das erſte Mal, daß Bür⸗ 
ger der vereinten Staaten ihr Recht über Diejenigen 





—— 9 ⸗— 
üben, die fle zu ihren. Dienften beſtellt; -— daß fcheint 
der General vergeflen zu haben, und. deßwegen war 
es nöthig, ihm dieſes auf eine feierlich. ernfte Weife 
ind Gedaͤchtniß zurädzurufen. Morgen können Sie 
die Refolutionen gedrudt leſen.“ 

„Und do wollen Sie ſich unter ſeine Befehle bes 
geben ?“ 

„Warum nit, wenn er innerhalb der Grenzen 
der. ihm von der Bundesmacht ertheilten Vollmachten 
verbleibt?“ 

„Und Wer ſoll der Schiedsrichter in dieſem Falle 
ſeyn?“ fragte der Capitain kopfſchüttelnd. 

„Er ſelbſt, « entgegnete ver Oberſt. „Hören Ste, 
wenn fünfhundert und morgen tauſend Bürger ihm 
ihr Verdammungsurtheil im Angefihte ver Nation 
zurufen und fich zugleich unter feine Befehle flellen, 
fo hoffen wir, wird dieß hinreichen, ihm die Augen 
über den Abgrund zu Öffnen, dem er zuging. Und 
dieß, Capitain, war unfere erfte Pfliht — unfere 
innere Breiheit zu wahren. Daß die Bürger auch Ihre 
zweite, unten gegen bie Feinde, erfüllen werben, da⸗ 
für bürge ih Ihnen. Wenn man mit und für Frei⸗ 
heit kämpft, dann ift der Sieg doppelt gewiß. Und 


20 ⸗— 


nun ſteht Ihnen das ganze Bataillon zur Verfolgung 
des Spions zu Dienſten.“ 

„Nun er entwiſcht iſt,“ verſetzte der Capitain. 

„Und wenn er's iſt, fo werden Sie es, hoffen wir, 
Männern nicht übel nehmen, wenn fle über der Er⸗ 
haltımg ihrer angeerbten Nechte einen Gefangenen 
überfehen‘,“ entgegnete ver Squire mit wahrer Prä- 
fiventenwürbe. „Sollte mich jedoch wundern,“ fügte 
er-binzu, „wenn fle ihm nicht ſchon nach find, ohne 
auf Eure Befehle zu warten.” 

Das Bataillon ſtand in Reihe und Glied, umd 
nach dem fröhlichen Gemurmel zu fehließen, war eine 
vortheilhafte Stimmung in der Mannfchaft eingetre= 
ten. Daß flarre, fteife, mürrifchefinftre Wefen ver» 
felben Hatte fih in Fröhlichkeit und Zuverficht umge- 
wandelt, und fie begrüßten vie Offiziere mit einem 
lauten jauchzenven Lebehoch; eine Verficherung, die, 
nad den beſchwerlichen Uebungen des Tages und der 
ganzen ſchlaflos durchbrachten Nat, von fünfhun- 
dert Bürgern ausgesprochen, eine gute Vorbedeutung 
zu größerer Ausbauer ſchien, und den jungen Capi⸗ 
tain zum Theil mit dem verſtockten Geifte ihres frü⸗ 
heren Benehmens wieder ausföhnte. 





— 1 ⸗— 


„Es handelt fi gegenwärtig,“ redete ſie ver Ge⸗ 
neral an, „bloß um zwanzig Volontairs, die mit den 
Wegen, Päflen und Wäldern genau befannt ſind, 
um den Spion wieder einzubringen.“ 

„Schon geſchehen,“ riefen fünfzig Stimmen, und 
ein Sergeant trat mit einer ſteifen militairiſchen Ver⸗ 
beugung vor die Offtziere. 

„Mit Gunſten, General Billow!“ ſprach der 
Mann. „Es iſt zwar ein wenig gegen militairiſche 
Regeln; da jedoch kein Befehl für die Nacht gegeben 
war, fo glaubten die Männer eben fo wohl zu thun, 
wenn fte nicht auf Befehle warteten. Kaum hatten 
fie gehört, daß der Brite Neißaus genommen‘, fo 
find fie ihm in allen Richtungen nad. Morgen zum 
Erereiren werben bie Meiften wieder zurüd ſeyn.“ 

„Hab' mir's wohl gedacht,“ meinte der Squire, 
„wo die Rafe und die Ohren General ſeyn mäffen, 
würden Befehle nur Verwirrung anrichten. “ 

„Und welche Männer find es?“ fragteder General. 

„Dreißig unferer beften Jäger,“ verficherte der 
Sergeant, „bie den Bären auffpüren, wenn er zehn 
Klafter tief in die Ozarks fich vergraben hätte; fie 


—d 292 — 
find fo eben fort, nachdem fie die Reſolution des 
Meeting gehört hatten.” 

„And welche Richtung Haben fie genommen ?* 
- „Sechs find Hinüber über den Miſſiſippi, und 
Hinab nah Point Coupe und hinauf in die Päffe. 
Zehn find da hinauf’ auf die Bluffs und auf die Wege 
nach Natchez, und eben fo viele find längs dem Ufer 
auf Batonrouge zu; die Uebrigen durchſtreifen das 
Städtchen. Es ſcheint ihnen in einer der Tavernen 
nicht richtig.“ 

„Meint Ihr die Ausländer” fragte ver General. 

„Shen Diefe; e8 find zmei Boote abhanden, und 
der Spanier wurde hier herumfchleichend gefehen. 

„And das ift auch Alles, was Ihr thun koͤnnt,“ 
ſprach der redſelige Squire; „wäre nicht ver Mühe 
werth, die Männer eine Minute Tänger aufzuhalten.” 

Noch wurden, auf ven Antrag des Capitains, die 
Wache Geftandenen in Arreft genommen, und das 
Bataillon dann bi8 zum Sonnenaufgang entlaſſen; 
worauf der Oberft mit dem Squire wieder ven Weg 
zum Bayou einfhlug, wohin ihnen ein fehmarzer 
Diener vorleuchtete. 

Die Meeting und die verfchiedenen Reden und 








Meinungen, fo wie der harte Kampf, ven es gefoftet, 
um ein enbliches Mefultat hervorzubringen, waren 
natürlich wieder der Gegenſtand der Unterhaltung 
der zwei flarren Nepublifaner, die, des entlaufenen 
Britten kaum mit einer Sylbe gedenkend, dieſe für fie 
höchſt wichtigen, für unfre Lefer aber vielleicht weniger 
intereffanten Exrdrterungen erft im Dramingroom des 
Oberften beichlofien. 


Diefed Drawingroom oder Beſuchzimmer, dur 
zwei große Wlügelthüren in zwei gleiche Hälften ge⸗ 
theilt, ſchien, die Wahrheit zu gefteben, um vieles 
weniger republifanifch zu ſeyn, als fein fhlichter, 
obgleich würdevoller Beſitzer, der Oberſt Parker. 
Es war darinnen bei einem fürftlihen Reichthume 
Thon jene Iururiöfe Eklektik zu fehen, und beſonders 
in der hinteren Hälfte jene gefuchte ſcheinbare Nach⸗ 
läffigfeit, der das Heimifche nicht mehr zufagt, und 
die in einem Raume von ſechsunddreißig Fuß Länge 
und dreißig Fuß. Breite die Kunſtprodukte aller Na⸗ 
tionen in jenem Quodlibet von Meubles, Bagatelles 
und Schnickſchnack zu vereinigen bedacht ift, die nun 
einmal zum Enfemble eines wohl eingerichteten Haus 


— I 


ſes gehören, und das mit ver fhlichten Republikaner⸗ 
wohnung allenfalls in einem anſcheinend beſchei⸗ 
denern, aber im Grunde genommen nicht weniger 
drückenden Berhältniffe flehen bürfte, als das ches 
malige bethürmte Feudalſchloß zur demüthigen Bür⸗ 
geröwohnung, der ed feinen fogenannten Schuß 
angeveihen ließ. Das jchärfere Auge der Mißgunſt 
würde wahrfcheinlih darinnen, fo wie in der übrigen 
Einrihtung des Hauſes, auch jenen ariftofratifchen 
Geiſt erblistt Haben, der, geſchmackvolle Eleganz mit 
zweckmäßiger Mebereinftimmung paarend, zugleich den 
Eintretenden wohl ober weh anzufprechen berechnet 
ſcheint, je nachdem Diefer zur Klaſſe der Auserwählten 
ober der Proletaires gehört. 

Selbſt unfer Squire ſchien ſich ein wenig unbehag⸗ 
lich in dem prachtvollen Salon zu fühlen, den ver⸗ 
ächtlichen Blicken nach zu fihließen, die er über die 
da aufgehäuften Koftbarkeiten warf, und vie er gewiß 
eben fo wenig beachtet Haben würde, wären fie ihm 
im Gabinete eines Monarchen aufgeftoßen. Ohne ſich 
im mindeften zu geniren, fing er an ſich ber verſchie⸗ 
denen Beſtandtheile feiner Garderobe zu entledigen, 
indem er gleichſam zum Trotze feine Leggings oder 








— 25 — 


Knietlücher über einen Cachemirſhawl hinwarf, ver 
nachläſfig die Lehnen eines Sopha zierte, feinen Hut 
einer marmomen Niobe auffekte, feine Handſchuhe 
auf einer porphyrnen Bafe und feine mit Blei gefüllte 
Reitpeitiche am Roſaholz⸗Pianoforte Pla nehmen 
ließ und, nachdem er fo über feine Mobilien dispo⸗ 
nirt hatte, fi ganz gemüthlich in einem Fauteuil vor 
dem Kaminfeuer niederließ, und den Kamm aus der 
Taſche zog, um fein Haar in Ordnung zu bringen. 
ALS er dieſes Lieblingsgefchäft eines Achten Hintet⸗ 
mwäldlerd abgethan, war er zum Sideboard getreten, 
um ſich ein Glas zu füllen. 

Die Glocke am Parfgitter verfündigte noch die An⸗ 
funft eines nächtlichen Befuches. Die zwei Offiziere 
ſahen fich ſchweigend an, als ein Milize, vom ſchwar⸗ 
zen Bedienten eingeführt, in den Salon trat. 

„Oberſt Parker und befonderd Major Copeland 
werden vom Capitain Perch erfucht, ſchleunigſt hinab⸗ 
zukommen, das Bataillon von Opelouſas iſt ange⸗ 
kommen.“ 

„Wohl! ſo ſoll er es bis Sonnenaufgang einquar⸗ 
tiren. Wir bedürfen einiger Stunden Ruhe.“ 

„Sie haben Indianer mit ſich,“ berichtete die Or⸗ 


—d 296 ⸗— 


donnanz, „die von den Männern aufgebracht wurden, 
die Major Copeland ausgefandt. ” 

„Wißt Ihr, von welchem Stamme fie ſind?“ 

„Nein, Oberfter. Aber ihren Waffen und Aus- 
feben nach zufchließen, find fie von einem martialifchen 
Schlage. Alle mit Feuergewehren verfehen.” 

„Hollah!“ rief der Major — „da müſſen wir hinab 
und ſehen, was es gibt.” Und mit viefen Worten 
lüftete er dad Haupt der Niobe wieder, und nachdem 
er die Pieren feiner Garberobe angelegt, begab er 
fih mit dem Oberften und dem Milizen neuerdings 
an das Stromufer. 


— 685 00 


“