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Full text of "Die Reorganisation der Kursächsischen Armee 1763-1769 [microform]"

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97-84169-23 

Rudert, Otto 

Die Reorganisation der 
Kursächsischen Armee... 

Leipzig 
1911 



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COLUMBIA UNIVERSITY LIBRARIES 
PRESERVATION DIVISION , 

BIBLIOGRAPHIC MICROFORM TARGET 



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Box 6 

Rndwt^ Otto: Die Reorganisation der Knisachtüschen Armee 
1763 — 1769. Leipzig 1911: (Heinrich, Dresden). 121 S. 8* 

Leipzig, Phil. Diss. v. 2. Sept. 1911, Ref. Lamprecht, 
Brandenburg 

[Geb. 6. Mäiz89 Stauchitz; Wohnoit: Leipzig; Staatsangeh.: Sachsen; Vor- 
bOdoBg: Knoadk. Dtetdea Reile O. 08; Stadium: Gieiftwild i, Leipzig 
6 S.; RIg. 38.J«Uit.] [Uia.3343 



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Die 

Reorganisation der Kursaclisiscben Armee 

1763-1769. 



I 



I 



I 



IN AUGURAL- DISSERTATION 

ZUR 

ERLANGUNG DER PHILOSOPHISCHEN DOKTORWÜRDE 

EINGER^CHT BEI DER 

HOHEN PHILOSOPHISCHEN FAKULTÄT 

DER 

UNIVERSITÄT LEIPZIG 

VON 

OTTO RUDERT 

AUS 
STAUCHITZ. 



LEIPZIG 
1911. 



Angenommen von der philosophisch-histo- 
rischen Sektion auf Grund der Gutachten der 
Herren Lamprecht und Brandenburg. 

Leipzig, den 4. August 1911. 

Der P rokanzellar 

Brandenburg. 



Dresden, Druck von C. Hefavich. 



Herrn Archivrat Dr. Brabant 

in Dankbarkeit gewidmet« 



Vorbericht 



Wie aus der Übersicht des benutzten Materials hervorgeht, 

hat sich der Verfasser fast ausschüeßlich auf archivalische Quellen 
gestützt. Dies war um so nötiger, als sich die „Geschichte der Säch- 
sischen Armee" von Schuster und Francke als ganz unzulänglich, 
zu fehlerhaft und zu lückenhaft, erwies. Auch Flathes „Geschichte 
von Sachsen", vor allem soweit sie hier in Betracht kommt, mußte 
als tendenziös und schlecht unterrichtet beiseite gestellt werd^. 
Dagegen konnte ich Gretschel-Bülau „Geschichte des Sächsischen 
Volkes und Staates" mehrfach heranziehen und verdanke ihr manchen 
Hinweis (vor allem biographische Notizen). 

Das Aktenmaterial des Hauptstaatsarchives und des Könighch 
Sächsischen Kriegsarchives aber bildet die eigentliche Grundlage 
dieser Arbeit. Vor aUem schulde ich Herrn Archivrat Dr. Brabant 
und Herrn Oberstieutnant Z. D. Hottenrott großen Dank für ihre 
mannigfachen Anregungen und freimdüche Bereitwilligkeit. 

Leipzig« am 1. Juni 1911. 

Der Verfasser. 



Inhaltsverzeichnis 



Quellenangabe 

Sachsen nach dem siebenjährigen Kriege 

£He ersten Ma&iahmen zur Reorganisation der Armee 
Die Formierangsvont^läge des Chevalier de Saxe 
Me ersten Sdudfflde tor Ibnmmii^ - . . • 

Der Landtag 1763 

Die sächsische Armee 

Die Neuformierung der Armee 

Die endgültige Rangi^rnng der Armee 

Unifräniarung nnd Bewaffnung öex Annee .... 

Der Landtag 1766 

Rekrutierung und Rekrutierungspläne 1763 — 1768 . . 

Die Rekrutenstellung 1768 

Nach^iele zur Landrekrutierun^ 

IMe Rekrutierung nach 1768 

Musterui^n und Mandver 

Das Ende der Administratur ■ 

Anhang 



9 



Quellenangabe. 



A. 

L €Mr«ekt# Werk» Msmn Datums. 

I>r. C. Gretschel und Prof. Dr. F r ie d r. B ü la u: Geschichte des säch- 
sischen Volkes und Staates, III. Band. 

Dr. C. V. Böttiger (bearb. Dr. Th. Flathe): Geschichte des Kurstaates 
und Königreiches Sachsen, II. Band. 

Otto* Eduard Schmidt: Kursäch^sche Streifzüge, III. Band. Leipzig 1906. 

O. Schuster und F. A. Francke: Geschichte ' der Sächsischen Armee, 
II. Band. Leipzig 1885. 

Bernhard Wolf: Skizzen von der ehemaligen kursächsischen Armee. Archiv 
für Kulturgeschichte. IV. p. 403 ffg., V. p. 83/112 und 187/215. 

H. V. S c h i e r b r a n d: Prinz Xaver von Sachsen. Jahrbücher für die deutsche 
Armee und Marine 108, 2, p. 149—161. 

O'Byrn: Johann Geoi^e Chevalier de Saxe. Dresden 1876. 

Dr. Otto Große: Prinz Xaver von Sachsen und das sächsische Korps bei der 
französischen Armee 1758 — 1763. Leipziger Dissertation 1907. 

I^. Carl Görler: Zur Bedeutung des jüebenjährigen Krieges. N. A. f. säch- 
sische Gesch. XXIX. p. 118 ffg. 

Dr. Oskar Hütt ig: Der Kursächsische Landtag von 1766. Leipziger Diss^- 
tation 1902. 

— die Segnungen des siebenjährigen Krieges für Kuisachsen. N. A. f. sächsische 

Gesch. XXV. p. 82 iig. 
H, Aster: Beleuditung der Kri^;swirren zwischen Preußen und Sachsen von 

Ende August bis Ende Oktober 1756. Dresden 1848. 
Hasche: Diplomatische Geschichte der Stadt Dresden. 5 Bände: 1816—1820. 
. Die Geheimnisse des Sachsischen Kabinetts. 2 Bande. Stut^;art 1866. 

IL Zeltgendssisehe WeriEt. 

Codex Augusteus Conlinuatio I. 1772 IL 1805. 

Dresdner Wöchentliche Fragen und Anzeigen 1763 — 1770. 

Leipziger Zeitungen 1763—1770. 

Auserlesener historischer Kern Dresdnischer Merkwürdigkeiten (zitiert H. Kern). 
1763—1770. 

Sachsisches Kuriositätenkabinett 1736, 1763, 1764 und dessen Fortsetzungen. 

Analecta Saxonica 1765, 1766. Miscellanca Saxonica 1767 — 1770. 
Churtürstlicher Sächsischer Hof- und Staats-Calender 1765 — 1770. 



10 



Quelkiiangabe. 



Leben und Charakter des König]. Pohlnischen und Churfürstl. Sächssl. Premier 
Minister Grafens v<mi Brohl in vertraülichen Briefen. Zwei Bände. 1760. 

„Beyträge zu des Herrn Grafen von Brühls Leben" (zitierte Beytrs^). Gedruckt 
bei Feter Hämmern. (Mme Jahr und Drucket. 

Fdelhiitz. Etat Abie^k de la Cour de Saxe 1734. 

Etat Actuel de la Saxe par un ministre etrai^;er 1786. 

L'e^rit et le Systeme du gouvemement de la Saxe 1784. 

Beweis, daß derjenige» der schon ein Hottentotte ist, nidit erst einer werden därffte. 
Frankfurt a. M. 1760. 

M. F. Ch. L a u k h a r d. Leben und Schicksale, neu herausgegeben bei Lutz, Stutt- 
gart 1908. Zwei Bande (nur der erste Band angezogen). 

Politische Korre^xmdenz Friedrichs d^ Groß^ 23.-28. Band. 

B. Akteninaterial 

I. Ans dem KdBigl. Siehi^heB Haapt-8taat»-ArefaiT in Dresden. 

loc. 431. einsammelte und zusammengetragene historisch-commissariatische Nach- 
richten von dem chursächsischen Kriegsstaate 1682 — 1782. 6 Bande« 
der 7. Band unter 
loc. 432. Registerband. 

loc. 434. Acta, Militairsachen betr., conv. XII — XIV. 
loc. 437. Acta, Militairische Landtagssachen, Vol. L 
loc. 439. Anciennetaet, Rang 1769. 

loc. 984. Acta, die geheime Kriegskanzlei nebst Archiv-Expedition betr., vol. III. 
1763—1767. ' 

loc. 1026. Bericht des Feldmarschalls Chevalier de Saxe. 
loc. 1050. Militairabschiede, conv. XV — ^XVII. 

loc. 1054. Die in Kaiserl. Königl. Sold überlassenen 4 Cavallerie-Rogimenter. 

loc. 1083. Feldartilleriekorps, conv. VII. 

loc. 1087. Acta, Hauptzeughaus betr., conv. IX — XI. 

loc. 1097. Militaria und Mandate 1762 ffg. 

loc. 1131. Acta, die zu Bewachung der Meissner Porzellan-Manufaktur ao. 1763 

errichtete Kompagnie, 
loc. 1131. Acta, die Halb-Invaliden-Kompagnien betr., vol. I. 
loc. 1132. Acta, Invalidensachen betr., vol. V. 
loc. 1155. Die neue Formierung der Armee betr. 1763. 

loc 1156 Die neue Formierung der aus Pohlen genommenen 3 Chevauxlegers 

Regimenter 1764—1769. 
loc. 1158. Musterung, vol. III— V. 

loc. 1186. Acta, die Completirung der ao. 1763 neuformierten Armee betr. 

loc. 1187. Acta, die 1768 ausgeschriebene Land-Rekruteii-Gestellnng, vol. II— V. 

loc. 1190. Varia, Recrutirungssachen betr., 1737 — 1776. 

loc. 1487. Landtagsakten de ao. 1763, vol. I — III. 

loc. 3265. Laudons Correspondenz mit dem Chevalier de Saxe. 

loc. 6167, 6168/6170 vo. II — XIV; die zu Erfüllung des dienstmässigen Etats 

anbefohlene Recrouten-Iieferung. 
loc. 6220. Dasjenige, was wegen der Chursächsischen Lande an die vonnahUge 

Generaladmotiation usw. 1761 — 1766. 
loc. 13534. Militaria. 



Quellenangabe 



11 



k>c. 30282. 
loc. 30282. 
loc. 30283. 
loc. 30286. 
loc. 30286. 
k>c. 30286. 
loc. 30287. 
U>c. 30287. 
k>c. 30288. 
loc. 30293. 
kK. 30293. 
loc. 80296. 
kK. 30299. 
kK. 30300. 
k>c. 30303. 
kK. 30306. 
k)c. 30307. 
kK. 30907. 



Extracte aus denen in die Armee ergangenen Ordres. 
Infanterieregiment Prinz Xaver betr. 1766, 
Nachgedancken eines Lehrlings. 

Unexpedierte Sachen aus dem MiUtaür-Departement. 

Varia MiUtaria 1766 ffg. 

Recrutierungssachen 1768. 

Cadetten-Coips 1765—1767. 

Die Errichtung eines Corps von 7200 Mann. 

Varia Militaria 1764 ffg. 

Die Cavallerie und ihre einzelnen Galtungen betr. 1764. 

Monatstabellen von der Armee 1766 — 1768. 

Militana, Projekte usw. 1764 ffg. 

Militair-Rangliste 1768, vol. II. 

Monatstabellen von der Armee 1764 — 1766 März. 

Acta, Berichte 1760—1764. 

Rapports, Tabellen 1761—1766- 

Cadettenhaus. 

MiUtaria. Miscellanen. 



IL Aas dem KönigU Siehsisehen Kriagsarehif su Dresden. 

k)c. 2190, 2191, 2207, 2^, 2291. 2314, 2322, 2496, 2629, 4987, Gerichtsakten. 
Ipc. 1863. Das Schukienwesen des Premierleutnants v. Metnadt. 
k)C. 1926. Die Akten, die Erstechung des Rittmeisters v. Werthera betreffend. 
Aktenstück: Neuformierung, Reduction der Armee, Neu-Rangierung der Stabs- 
und Oberöfüzi^ 1764/65. 



13 



Saclisen nach dem siebenjährigen Kriege. 

Der Frieden von Hubertusbuig war allen kriegführenden Staaten 
gleich willkommen, denn alle waren gleichmäßig erschöpft. Die 
Armeen waren in den endlosen Kämpfen, Märschen und Feldlagern 
mehr und mehr physisch und disziplinarisch zerrüttet. Der Kern 
der Truppen war längst so oder so zugrunde gegangen und was jetzt 
den Namen der ehemaligen Armeen trug, war ein buntes Gemisch 
junger Rekruten, die oft noch halbe Kinder waren, Deserteure, 
die unter allen Bannern geabenteuert hatten, und zweifelhafter 
'Existenzen, die zum bürgerlichen Leben zu faul oder zu schlecht 
waren und im Kriege den Erfüller verwegener Hoffnungen sahen. 

Die Länder waren durch Brand und Kontributionen arm ge- 
worden, allenthalben fehlte es an Leuten, denn die stärksten und 
gesunden Männer hatten die Werber fortgeschleppt. Es war eine 
Erlösung, die dieser Frieden bedeutete, eine Erlösung vom größten 
aller Übel: dem Kriege. 

Aber keins der kriegsgeplagten Länder hatte so ungeheuer 
gelitten wie Sachsen. Sein Heer war seit dem Zusammenbruche 
4u£ der Ebenheit aufgelöst. Was seit dieser Katastrophe sich wieder 
um die Banner Sachsens geschart hatte, stand in fremden Solde 
und wurde von den Bundesgenossen ausgenützt und trotzdem über 
die Achsel angesehen^). Die preußischen Werber und die Rekru- 
tierungen der preußischen „Administration" hatten die besten 
Kräfte der Bevölkerung geraubt. Brandunglück und Kontributions- 
last richteten auch den Begüterten zugrunde und trieben ihn wohl 
gar über die Grenze ,,ins Ausland". Überall herrschte nach dem 
Kriege der größte Leutemangel. Der Landmann hatte kaum Leute 
genug, seine verwüsteten Acker zu bestellen-). Die besten Knechte 
waren unter die Fahnen gegangen oder gepreßt worden. Mancher 
von ihnen kam nicht wieder, wenn auch gerade bei den sächsischen 
Soldaten ein starkes Gefühl für Heimat und Vaterland vorhanden 
war, wie die zahlreichen „Revertenten"^) beweisen. Ansteckende 
Krankheiten, Lazarettfieber und Pocken griffen in den Städten 
um sich, wo nach den Schlachten Massen zerschlagener Menschen - 
leiber in Spitälern und öffentUchen Gebäuden aufgehäuft wurden. 
Die geringere Lebenshaltung vergrößerte die allgemeine Sterblich- 
keitsziffer, besonders der Kinder. Überall überwogen die Todesfälle 



Vor allem im französischen Korps. 
») Näheres darüber im Kapitel „Die Landrekrutengestellung von 1768". 
„Revertenten" nannte man alle getxiraien Sachsen, die aus fremden Kriegs 
diensten xur sächsiadien Falme zurüdckdirtai. 



14 



Sachsen nach dem siebenjährigen Kriege, 



weit die Zahl der Geburten. Die Einwohnerzahl ging erschreckend 
zurück, Dresden hatte „einige Jahre vor den Kriegerischen Um- 
ständen"*) etwa 60 000 Einwohner, dagegen 1764 nur 36 500 und 
1766 wieder 45 025. Hasche'^) schätzet Sachsens Menschenverliist 
auf 40 000 Mann allein im Heere, näinlich 17 000 Gefangene bei 
Ebenheit, 8284, 4332 und 4200 Mann durch die drei Rekruten- 
lieferungen unter preußischer Verwaltung ohne die gewaltsamen 
Werbungen. Bei der starken Revertentenziffer dürfen wir freilich 
50 % als dem Lande erhalten abziehen. Aber die Landesregierung 
glaubte selbst, daß Sachsen seinai Menschenverlust erst in „einem 
Menschenalter" wieder eingeholt haben würde. 

Noch schlimmer stand es um Sachsens Finanzen. Hatte der 
Preußenkönig schon vor dem Kriege durch schwimgvolle Falsch- 
münzerei und zweifelhafte (Geldgeschäfte Sachsens Geldwirtschaft 
wirkungsvoll untergraben, so hatte das liederliche Regime Brühl 
auch nicht zur Hebung der sächsischen Finanzen beigetragen. Durch 
die Kontributionen litten alle Stände. Dazu kamen, namentlich 
in Dresden, große Einquartierungslasten, mangelhafte Ernten, 
Naturallieferungen an die Verbündeten gegen höchst imsichere 
Bezahlungsversprechen, unterbundener Handel und schandose Er- 
pressungen seitens der preußischen Machthaber (vor allem in 
Leipzig®). Viele Städte waren ganz abgebrannt: Zittau, Witten- 
berg, Brück, Niemeck, Herzberg, Langensalza, Weißensee, Kindel- 
brück. Großen Brandschaden beklagte Dresden, wo außer dem 
großen Unglücke 1760 alle Vorstädte „in der Asche" lagen, ebenso 
zu Torgau die Amtsvorstädte, Glashütte war „halb wüste", Großen- 
hain, Dippoldiswalde, Meißen, (Gottleuba, Berggießhübel, Zwickau, 
Oberwiesenthal, Ehfenfriedersdorf, Colditz, Grimma, Würzen, Neu- 
kirchen, Reichenbach, Elsterberg vaid Jüterbog waren schwer ge- 
schädigt'). Von Dörfern und Gütern ist Genaues kaum festzustellen, 
doch hatten die zahlreichen Gefechte und Durchmärsche auch da 
alle wirtschaftliche Blüte gebrochen. Marodeinre tmd lichtscheues 
Gesindel machten Straßen und Land tmmcher. Sachsen war nur 
noch ein Schatten seines früheren Selbst. 

Nun war Frieden. Aber man stand im wesentlichen dadurch 
wenig gebessert da. Die Staatskassen waren leer, Geld- imd Menschen- 
kräfte des Landes waren erschöpft, die Armee fristete halb zer- 
fallen in fremdem Solde kümmerlich ihr Dasein. Sie zur Schlagfertig-, 
keit wieder herzustellen, mußte die erste Aufgabe sein, sollten nicht 
alle mühsam erworbenen Vorteile in ständiger Gefahr schweben, dem 
nächsten besten Einfalle im Stile des Jahres 1756 zum Opfer zu fallen. 

Aber wie konnte das geschehen ? 



*) Miscellanea Saxonica 1767, p. 227 flg. 
•) Hasche, Dipl. Gesch. IV. p. 304 Anm. 

•) Genaue Angaben in der Flugschrift ,, Beweis, daß derjenige, 
der schon ein Hottentotte ist, nicht erst einer werden 
dürffte", Frankfurt a. M. 1760. 7 Bogen, p. 32— 51 pp. 

') AUeb im Geh. Kr. K. Coli. Bericht d.d. 19. Alärz 1768, loc. 1187 III. 



Die etsbsa MaBnahmen mt Reorganisatioa der Armee. 



15 



Die ersten Maßnahmen zur RecM^;anisation der Armee. 

„Se. Königl. Hoheit der Churprinz sind allzu erleuchtet, und 
von 'der unseeligen Brühhschen Staats- Verwaltung in allen ihren 
Umständen zu genau unterrichtet, als dass sie diese grosse Landes- 
Plage unter ihrer Regierung fortdauern lassen könnten", so schrieb 
der anonyme Verfasser der bekannten Brühlpamphlethbiographie«) 
kurz vor dem Friedensschlüsse. Er hatte gewiß Recht. Aber noch 
stand der alte Premierminister unerschüttert in der Gunst des 
alternden Königs. Und dieser Mann mit der eisernen Stirn und dem 
weitesten Gewissen des Jahrhunderts schien aus all dem Unheile 
des Krieges nichts gelernt zu haben. Der alte Armeeverderber») 
sollte nun die gleiche Truppe herstellen lassen, du^ seine Kurz- 
sichtigkeit zerstört hatte. Ihm sollte dabei das gleiche Offizierskorps 
zur Seite stehen, das er vor aller W^elt des Landesverrates geziehen 
hatte. Das schien ein unlösliches Wirrsal von Konflikten werden 
zu müssen. 

■ Aber das eine hatte ihm der Zusammenbruch von 1756 wenigstens 
gelehrt. Sachsen mußte ein starkes Heer besitzen. Jetzt glaubte 
auch er, daß „davon unser in- und ausser Teutschland wieder zu 
erlangendes Ansehen und Achtung vorzüglich abhängen"!«). \\er 
aber soUte das Werk der Wiederherstellung übernehmen? Brühl 
selbst war ja trotz seiner Generalsspielerei weder dazu imstande, 
noch konnte er es bei seinen sonstigen Amtsgeschäften tun 

Der Lage der Dinge nach wäre wohl der Prinz Xaver die ge- 
eignetste PersönUchkeit dazu gewesen. Er hatte mit rastlosem Eifer 
während des Krieges das sächsische Korps im französischen Solde 
zusammengebracht und, was noch schwerer war, das Interesse und 
die tätige Hilfe des französischen Hofes dank der Unterstützung 
seiner Schwester, der Dauphine Marie Josephe, dafür zu erhalten 
gewußt"). Aber sein Verhältnis zum Warschauer Hofe war nicht 
ungetrübt. Der peinüche Zwischenfall nach der Schlacht bei Langen- 
salza^^) hatte ihn zunächst für eine leitende Stellung unmöglicli 
gemacht. Er traf auch erst am 15. April in Dresden aus Ver- 
sailles ein*^). . 

Der alte Graf Rutowski war kränklich. Dazu hatte Brühl ilin 
und das ganze sächsische Offizierskorps aufs Ungeheuerlichste 
beleidigt, so daß dem unglücklichen Marschall nur die Flucht in die 
Öffentlichkeit^*) blieb, um die Ehre der Armee zu retten. Er war 
wohl auch des ganzen Treibens müde. Zweimal hatte Europa ihn 
besiegt gesehen, beide Male schuldlos, denn bei Kesselsdorf hatte 

•) Leben und Charakter des Grafen v. Brühl, II. Teil, p. 162. 
•) Über Brühb mUitärische BiaSnalunea ist sehr unteirichtMid „Beyträge 
za des Herrn Grafen voa Brübls Leben", GednidLt bei Peter Hämmern, ohne Jahr 

und Namen, 37, Bogen. 

10) Brühl an den Chevalier. Warschau d. d. 2. Aprd 17t>3. loc. 118t>. 

Dr. Otto Große. Prinz Xaver von Sachsen und das sächsische Korps bei 
der französischen Armee. Leipziger Dissertation 1907. 

1*) O. E. Schmidt. Kursächsische Slreifzüge III. p. 252. 
W) H- KwMU 1763 p. 31. 

»«) Sein Memoire raisonne in ..die Geheimnisse des Sachsischen Kabinetts . 
Stuttgart 18*i0. '2 Bande nix Aniiaug. 



16 



Die ersten Maßttahmea cur Recwgaaisation der Armee. 



ihn der Wortbruch des österrdchischen BundeagenosBen, bei Eben- 
heit Brühls Gewissenlosigkeit ans Messer geliefert. Außerdem hatte 
im Pimalager „Erd' und Himmel" gegen Sachsen Krieg geführt**). 
Der Graf war ein gebrochener Mann, als er am 19. März 1763 den 
Oberbefehl in die Hände des Chevisdiers niederlegte und nichts wünschte 
als „nur Maioch das hiesige (Dresdner) Gouvernement nebst denen 
davon dependirenden Festungen Königstein, Sonnenstein und Stolpen 
nebst dem Hauptzeu^ausse zu behalten", „da ich diese Besorgung 
zu bestreiten mich zur Zeit annoch im Stande zu seyn glaube"^f). 

Aber am 2. Aprü erhielt der Chevalier de Saxe das Armee- 
kommando nebst dem Dresdner Gouvernement und der Leitung 
des Hauptzeughauses zu Dresden. Das Dragonerregiment des Mar- 
schalls hatte dieser schon mit Ablauf Oktober 1762 dem Obristen 
V. Sacken überlassen, dessen Namen es seitdem führte"). Die Leib- 
Grenadier-Garde, die Rutowski zunächst noch behielt, bildete dann 
noch eine Art Handelsobjekt bei der Laudonschen Berufui^. 

Johann Georg, Chevalier de Saxe, der Sohn Augusts des Starken 
und der Fürstin Lubomirska (nachmals Fürstin Teschen), geboren 
1703, war nach einer bewegten Jugend^®) in die sächsische Armee 
eingetreten, hier seit 1738 Generataiajor*^), 1740 General der Ka- 
vallerie^®), hatte er nie eine bedeutende Rolle gespielt, da er zu 
seinem Schmerze stets dem Grafen Rutowski nachgesetzt worden 
war. Außerdem zwang ihn in seinen jüngeren Jahren seine unauf- 
hörhche Geldkalamität**) dem Grafen Brühl gegenüber vorsichtig 
zu sein, da durch dessen Vermittelimg alle königüchen BewiUigungen 
gingen. Jetzt, im Beginne des Alters, erhielt er endlich die Stellimg, 
nach der er schon lange nicht ohne Sehnsucht geblickt hatte. Aber 
welche Aufgabe ward ihm mit dieser Erhebung. Die sächsische 
Armee, die er beiehUgra soUte, mußte er sich eigentlich überhaupt 
erst schaffen. 

Von den Regimentern, die aus österreichischem Solde nach 
Sachsen zurückgekehrt waren, standen nur Garde-Karabiniers in 
Sachsen^^). Das Korps Prinz Xaver war zwar im Anmärsche von 
Würzburg her und zählte etwa 10 000 Mann mit 3300 Pferden*»), 
aber es befand sich in trübster Finanzlage und mußte erst neu- 
rangiert werden, sollte es den Kern der zukünftigen Armee bilden. 
Die ganze Neuordnung lag also in den Händen des Chevaliers. Dabei 
warf die Mittellosigkeit der sächsischen Finanzen bereits ihre Schatten 
auf das Werk, imd sogar Brühl meinte, eine Neurangierung könne 
wohl nur „successive'' geschehen. 

Wenn in Ullsteins Weltgeschichte II, p. 318 steht. „Es lag an der Un- 
pünktlichkeit und der ungeaügeiulea Entschlossenheit der sachsischen Truppen, 
daO die Befreiung miBlang'', so xeigt dies, daß der Verfasser keine Ahnung von den 
damaligen Vorgan^^t-n hat. 
Loc. 1180. 
") Loc. 431 V. § 54. 

O'Bym. Jean George Chevalier de Saxe. 
Loc. 431 V. § 24. 
»•) Ibid. § 29. 

**) Nach dem Tode des Chevaliers vorgefundene Schuldenakten im Kr. A. 
Näheres im Kapitel .»Raugierung *. 
Schuster und Francke II. p. 146. 



IHe ersten Ifei&ialmien 2nT Reorganisaticm der Armee 



17 



Es scheint auch, daß man die Ernennung des Chevaliers mehr 
als einen Notbehelf betrachtete, denn von Anfang an schwebte dem 
Warschauer Hofe ein anderes Idealbild vor: man wollte den öster- 
reichischen Generalfeldzeugmeister Laudon in sächsische Dienste 
ziehen. Daß man die diesbezüglichen Verhandlungen durch den 
Chevaüüer vornehmen ließ, zeigt eine gewisse Naivität, denn im 
Grunde war es eine Zmnutung, daß der Chevaüer seinen eigenen 
Nachfolger suchen imd sich sdne eigene Stellung abgraben sollte. 
Die Art tmd Weise, wie er seinen Auftrag ausführte, zeigte aller- 
dings, daß das Vertrauen des Hofes ganz gerechtfertigt, und der 
Chevalier zum mindesten ein Mann von großer Selbstlosigkeit und 
vornehmer Gesiimung war. 

Die aktenmäßigen Berichte über die Bemühungen der sächsischen 
Regierung, Laudon zu gewinnen, setzen mitten in diesen Bestrebungen 
ein. Der Hof und der totkranke Premierminister waren seit dem 
4. Juli in TepHtz- Laudon befand sich in Karlsbad. Am 11. Juli 
ließ Br^ dem Chevalier nütteilen, ,,le Roi est resolu de ne rien 
epargner pour faire l'acquisition d'un si excellent officier-General". 
Major Selmer, der Überbringer dieser Botschaft, sollte sofort (in- 
cessament) an Laudon gesandt werden „avec des Instructions con- 
formes au Resultat de la Conversation que j'ai eu la dessus avec 
Votre Excellence^). Comme les Gages d'im General d'Infanterie 
au Service de Saxe ne sont pas aussi considerable que ceux dont il 
jouit actuellement, le R<h est resolu d'y ajouter le reste de aa propre 
Caisse"^). 

Dazu schrieb v. Sacken^®) in einem deutschen Briefe, daß der 
General von Ziethen „gestern*' Laudon zu Ehren ein großes Gast- 
mahl gegeben hat, „Alle die k. K. Officiers, welche mit zugegen 
sind, hat man unter vielen Höflichkeits-Bezeugungen dazu eingeladen. 
Unter der Hand aber will man sogar wissen, dass gedachter Pretisa- 
scher General von Seinem Herrn gemessene Befehle wegen dem 
Gen.-Feldzeug-Meister Laudohn erhalten habe und zur Ausführung 
dieser wichtigen Sache weder Geld noch Eifer sparen soll/' Am 
12. überbrachte Selmer die Briefe, fand aber auch den Chevalier 
krank vor. 

Trotzdem ging Selmer am gleichen Tage nach TepUtz ab mit 
einer Instruktion d. d. 12. Juü Laudon die sächsischen Wünsche 
„auf die schickUchste Weise zu erkennen*' zu geben. Laudon solle 
selbst die Bedingimgen eines ev. Übertrittes stellen. Sächsischer- 
seits garantierte man ihm den gleichen Gehalt'^'), den er in Österreich 
genoß und das nächste freiwerdende Regiment. Dazu verq)rach 
man, die Verhandlungen streng geheim zu halten. 

Ein Brief Sackens vom 13. Juh 9 Uhr abends bestätigt den 
Empfang der Instruktion und neidet, daß sie des Königs Billigung 

Demnach scheint man schon vor dem 4. Juli in Dresden über den Plan 
verhandelt zu haben. 
») Loc. 3266. 

Geh. Rat Karl v. Osten-Sacken. 
") Als österreichischer General bezog er 8, 9000 fl. ; vom Regiment 4000 fl.; 
und als Theresienritter löOO fl., zusammen also etwa 15 000 £1.: Ein sächsischer 
Genend erhielt jährlich 4400 Thlr. 

8 



18 



Die ersten Maßnahmen zur ReogganisaHon der Armee. 



gefunden hat. ,,Die sehr müssliche Leibe s-Umstände" Brühls lassen 
„die übelsten Folgen binnen kurtzer Zeit" befürchten. ,,Nächstdem 
aber ist es gewissermassen erforderlich, dass Gen. Feldmarschall 
Gr. Rutowski Exzelentz, so balde als es nur immer möglich zu 
machen ist, dahin gebracht werde, dass Er um die allergnädigste 
Eriaubniss die Garde Grenadiers gegen ein gewisses ^ Aequivalent 
abtreten zu dürffen, ohnverweilte Ansuchung thäte." Offenbar 
sollte Laudon dieses Regiment erhalten. 

Die zunehmende Krankheit Brühls aber brachte die Verhand- 
lungen ins Stocken. Am 28. Juli kam der Hof und Brühl, „wiewohl 
noch unpässlich"^^), nach Dresden zurück. 

Der Feldzeugmeister wollte ganz sicher gehen und des Kur- 
prinzen Zustimmung zu den Abmaqhungen haben, weil er wohl 
auf ein baldiges Ableben des alternden Königs gefaßt war. Deshalb 
schrieb ihm der Chevalier unterm 5. August, er hoffe Laudon in 
Dresden zu sehen, „gleichwie ich dann auch für die anverlangte 
Versflcherung Sr. des Chur Prinzens Königl. Hoheit besorgt seyn 
werde, und selbige sicher vorsprechen kann". Selmer, der wieder 
Unterhändler war, brachte darauf aus Betschwar einen sehr vor- 
sichtigen*») Brief Laudons und dessen Bedingungen mit. 

Diese waren: 15 000 fl. Bestallung auf Lebenszeit. Datierung 
des sächsischen Offizierspatentes nach seinem österreichischen, Be- 
soldung vom Tage des Antrags an. Ferner wünschte Laudon den 
weißen Adlerorden, falls er bei seinem Scheiden aus Österreich den 
Maria-Theresienorden zurückgeben mußte, das nächste freiwerdende 
Regiment, „eine Versicherung", „die 40 000 fl. ausmachet, ehe er 
auf Seinen Abschied anhält, weil dass guth so viel werth ist, was 
die Kayserin ihm geschenckt habe und verspricht es, sogleich wieder 
zurückzugeben, wen man keine Pretensionen an Seine güther macht". 
Seme Witwe sollte eine angemessene Penrion ausgesetzt erhalten, 
die sich auf 750 fl. beüef. 

Nebenbedingungen waren: Übernahme des Majors und Flügel- 
adjutanten V. Saumer als Obristleutnant und des Hauptmannes 
Schuster als Kapitän in sächsische Dienste und endlich, „dass 
man diese sache ins geheim tractire, und völlig unterdrücke, wen 
nichts daraus werden solte". Man sieht, Laudon war im Neben- 
berufe auch noch ein gewiegter Geschäftsmann. 

Nun schweigen die Akten wieder einen vollen Monat über die 
\ ei li uidlungen. Doch kann inzwischen nichts von Bedeutung in 
der Sache geschrieben worden sein, denn ein Schreiben des Chevaliers 
an Bi ülil vom 10. September wendet sich nur gegen dessen und des 
Königs Bedenken, „ob, dass nämlich der Generalfeldzeugmeister 
Baron v. Laudon seinen Abschied erfordere, und ein Jahr lang vor 
sich bleiben sollte, sufftziert genug seyn möchte, der einen Bedenk- 
lichkeit wegen des Wiener Hofes und des Prinzen Albrechts»®) Königl. 



Historischer Kern p. 57. 

2») Der Brief erwähnt mit keinem Worte den (legenstand der \\ ihandlungen. 
Alles Wesentliche enthalten die von Selmer aufgezrichneten Bedingungen. 

3«) Vielfach als Prinz „Albert" bezeichnet (auch bei Gretschel-Bülau Ii. p. 131). 
1738 stand in österreichischen Heeresdiensten, der spätere Herzog von Sachsen-Tcschen. 



I^e erst» MaBnahmen zur Reo^iaiusatloB der Anaee, 



19 



Hoheit abhelffhche Maasse zu geben". Der Chevalier meint, daß 
,,man solche dennoch immer vor ein heindiches Einverständnis und 
das vorhero concernieret worden^^), ansehen" würde. Außerdem 
glaubt er, „dass der Baron v. Laudon selbst*' schwerhch „dahin zu 
bringen seyn dürffte". Natürlich tauchte auch „die andere Be- 
denklichkeit wegen der hiedurch bey des Königs in Preussen Majestät 
zu erweckende Ombrage" wieder auf- Der Chevalier will aber von 
derlei Angstmeierei nichts wissen, „weil doch eine jede nutzbare 
Errichtung in diesem Lande, und besonders die Wieder Errichtung 
einer guten Armee ihm allemahl Ombrage verursachen dürffte". 
Das ist ein wahrhaft erlösendes Wort in dieser furchtsamen Zeit. 

Nach des Chevaliers Ansicht soll der König „ein freundschaft- 
liches Schreiben*' an die Kaiserin senden und sie um Laudons Über- 
lassung bitten. „Meines Bedünkens ist es unter freundschaftUchen 
Puissancen so gar was ungewohntes nicht, dass eine der andern 
eine Generals Person zum Dienst überlassen habe"^-). Man sieht aus 
diesen Vorschlägen so recht den Unterschied zwischen Brühls diplo- 
matisch-hinterhältiger Art und des Chevaliers elu-lichem Soldateneinn. 

Auf diesen Brief erfolgte keine Antwort. Brühls Zustand wurde 
schlimmer und schlimmer. Nun hätte zwar der Premierminister 
sehr wohl durch eine dritte Person, wie aus Teplitz durch Sacken, 
die Angelegenheit weiter betreiben können. Er tat es aber nicht. 
Als nun Laudon „inzwischen bereits zu verschiedenen Mahlen an 
den Major Sellmer^) schreiben und von der allerhöchsten Erklärung 
einige Nachricht verlangen lassen*', auch der König sich am 
24. September persönlich nach dem Stande der Verhandlungen er- 
kundigt hatte, wandte sich der Chevalier direkt an den König, teilte 
ihm den Inhalt seines Schreibens vom 10. mit imd erhielt unterm 
28. September die königliche Bewilligung der Laudonscben Be- 
dingungen durch königliches Handschreiben: 

„Les Propositions faites par le General Laudohn que 

vous avez commimiqu^es ä Mon Prem. Ministre Cte de Brühl 

M'ont 6te rapportees avec votre Memoire de 21. Aout de 

Tannfe presente. En consideration des Services importants 

que le dit General pourra Me rendre J'approuve les dix articles 

y contenus, de sorte que vous pouvez prendre les mesures 

necessaires pour terminer avec lui la negociation entamee''^). 

• 

•») In der Urschrift steht „und das es vorhero concemirtes Spia". 

••) In einer zweiten Urschrift findet sich noch der Zusatz: sollten aber Ihro 
Königl. Maj. nicht geneigt seyn. diese attaire immediate durch einen Handbrief 
tractiren, so bUebe noch ein Mittel übrig, dass man es dem Pr. Alb. (Prinzen Albrecht) 
auftragen, mündlich Eröffnung zu tfaun und die Sache mit der Ivayserin zu trac- 
tiren unter der assistance Gr. v. Flemming (Gesandter am \^en^ Hofe) weiter cu 
poursuiviren, es mueste aber dem Gr. v. Kaunitz nichts davon wissend werden, in- 
dem er der gr(')sste Patron von Laudhon war.** 

Mit latemischer Schrift ist hinzugefügt: „Das man keine Schwierigkeit werde 
haben den Laudhon zu erhalten von der Kayserin, und der Feldmarschal Daun 
wirdt ihm gerne los werden wie auch Lasci und sehr viele andere Generals" ; demnach 
scheint Laudon bei seinen Kameraden wenig beliebt gewesen zu sein. 

^■') Die Xamen der beteihgteu Personen wechseln in den Akten ständig in ihrer 
Schreibart : neben Sehner finden wir Se Ilmer. neben Laudon auch laudhon und Laudohn. 

^) Die Kopie dav(m loc. 1026. 



2* 



20 Die essten Maßnahmen zur Reorganisation der Armee. 

Am 30. rührte sich Brühl wieder. Er hielt es für besser, Selmer 
an Laudon mit völligem Engagement zu schicken^), Laudon soll 
„sich aber vorhero einige Monathe in der Stille aufhalten", ehe er 
nach Sachsen übertritt. Erst auf Selmers Bericht soll Flemming 
informiert werden. Nunmehr ging Selmer sofort an Laudon ab nüt 
einer neuen Instruktion und einem Handschreiben des Chevaliers, 
in dem der Marschall den General zu seinem Eintritte in die säch- 
siches Armee beglückwünschte. Man nahm also sächsischerseits an, 
daß alles so gut wie abgeschlossen wäre. Die Instruktion für Selmer 
zeigt, daß man die Angel^enheit nunmehr so betreiben wollte: 
Laudon sollte „anjetzo gleich um dero Dimission antragen, die 
Wieder Antretung in hiesige Dienste aber noch einige Monathe 
verschwelen*', inzwischen wollte man mit der Kaiserin verhandeln. 
Selmer nahm eine Abschrift des Schreibens vom 28. September 
mit und sollte Laudon „dabei" vermelden, daß man nur deswegen 
die Sache durch ein königliches Handschreiben zu ,,bestättigen vor 
gut befunden, um durch anderweite Expedition kein 6clat von der 
Sache zu veranlassen". 

Aber Laudon genügte das nicht. Am 4. Oktober dankte er zwar 
für die köiugliche Bewilligung, bat aber „nur noch die eigene aller- 
gnädigste KömgKche Ratification über diejenige Bedingnisse aus". 
Im Gnmde war das ein großes Mißtrauensvotum gegen Sachsen. 
Er mdnte auch: „Sobald diese erfolget, so würde es auch wohl 
wegen des übrigen dass allerbeste tmd kürzeste Mittel seyn, wenn 
Sr. Königliche Majestät, ohne vorhero auf meine eigne Niederlegung 
der hiesigen Dienste anzutragen, allerhöchst Selbst meine Ent- 
lassung bey meinem allerhöchsten Hoffe unmittelbahr durch aller- 
höchst dero Gesandten anzusuchen, sich allergnädigst gefallen 
lassen möchten"'*). 

Da starb am 5. Oktober plötzlich der König Kurfürst. Damit 
trat eine neue Wendung ein"). Schon am 10. Oktober finden wir 
einen genauen Bericht über den Stand der Verhandlimgen, den der 
Chevalier für Friedrich Christian fertigte»»). Am 3. November 
schrieb der Chevalier an Laudon, man hätte in Sachsen „aus grosser 
Delicatesse und Achtung für den Kayser.-Königl. Hoff" zunächst 
des Grafen v. Flemming Ankunft abgewartet und dessen Rat ein- 
geholt. ,,Nach dessen ausgefallenen Sentiment hällt man mm auch 
bey den mahligen Umständen für allzubedenklich, von hier aus £eser 
wegen an Ihro Kayserl. Königl. Maj. etwas gelangen zu lassen." 
Laudon solle ,,die erste Verdriesslichkeit, die Ihnen nidit fehlen könte, 
zirni pretexte nehmen" und seinen Abschied einreichen. Auch der 
neue Kurfürst wolle alle Versprechimgen seines Vaters halten. „Nur 
der eine Punkt wegen des Ordens möchte nunmehro vielleicht wohl 
eine Abänderung leiden müssen, jedoch in dem Fall Ihro Königl. 



») Loc. 3265. 

»•) Das hatte der Chevalier schon am 10. September richtig vermutet. 

Brühls Stellung war damit so ziemlich unhaltbar geworden. Sein Ableben 
am 28. Oktober überhob allerdings Friedrich Christian der persönlichen Unter- 
snchunf gegen den Minister. 

Die unter loc. 1026 vereinigten Aktenstücke. 



Die ersten Maßnahmen zur Reorgaaisatton der Armee 



21 



Hoheit nicht wieder zur Pohlnischen Grone gelangen sollten, durch 
einen andern Orden ersetzt werden können' *^^). 

Daraufhin erklärte Laudon unterm 8. November, daß er sich 
„noch bis zur Stunde nicht verlässig entschliessen kan" und bat: 
„dass diese Behandlung, sie nehme ein. Ende welches sie wolle, nie- 
mahlen ruchbahr, sondern vielmehr in einer ewigen und gäntzlichen 
Vergessenheit gestellet werden möge". Hier schließen die Akten: 
Es erfolgte in dieser Angelegenheit nichts mehr. 

Bei der ganzen Verhandlung erinnert Laudons Art stark an 
Wallensteins Vorgehen, sich alle Türen offen zu halten und alles 
zu vermeiden, was ihn bloßstellen könnte. Ob es Laudon überhaupt 
je ganz Ernst war, nach Sachsen zu gehen, ist sehr zweifelhaft. Er 
scheint mit dem Plane mehr gespielt zu haben. Der Chevalier, der 
sich freute, „einen so würdigen General in hiesigen Diensten tmd 
ziun Assistenten bey der Armee" zu bekonoonen*^), stand wieder 
allein vor der Aufgabe der Reorganisation, 



Die Formierungsvorschläge des Chevalier de Saxe. 

Sofort nach der Ernennung des Chevalier de Saxe begann dieser, 
die Pläne zur Neuformierung der Armee endgültig zu entwerfen. 
In den Umrissen waren sie wohl schon vorher fertig gewesen, denn 
Brühl berührte m seinem Schreiben vom 2. April 1763*^) bereits 
Anfragen" des Chevaliers, die sich auf die Armee bezogen. Das 
große \\'erk fand aber jetzt erst seine endgültige Gestaltung^^) 

Die Entwürfe des Chevaliers unter dem 20. April umfassen die 
Neuformierung der gesamten Linienkavallerie^'^) (6 Regimenter 
Kürassiere, 4 Regimenter Dragoner)^**) und der Infanterie. Der 
leitende Gedanke aller dieser Pläne ist die Erzielung größtmöglichster 
Ersparnisse, aber nicht in der berüchtigten Art Brühls, der die Armee 
einfach verfallen ließ und dezimierte, um deren Kosten zu ver- 
ringern, sondern das Ideal des Marschalls ist eine hinreichend große, 
schlagfertige Armee, die ohne unnötigen Aufwand doch das Land 
würdig vertreten kann. 

Bei den Regimentern zu Roß war das wesentlich neue deren 
Einteilung in 4 Schwadronen, statt wie bisher in 8 Kompagnien, 

'*) Wahrscheinlich dachte man schon damals an eine Neuenichtung des 
St. Heinrichsordens. 

Ob das Verhältnis wirklich so geworden wäre, ist sehr zweifelhaft. Ver- 
mutlich hätte Laudon die eigentliche Führung übernommen und der Chevalier würde 
bald zu einem Statisten herabgesunken sein, der nur dem Namen nach die Armee 
befehliptc. 

") Loc. 1186. 

*') Die Daten vor den einzelnen Plangruppen bezeichnen nur deren Abschluß» 
nicht deren Einreichung. Diese erfolgte am 11. Juni, wie im folgenden naher aus- 
geführt ist. 

^) Garde du Corps und Garde Carabiniers als Gardekavallerie. 

^ Die Bezeidmung Chevauxl^iers und Dragoner wechsdt andauernd. 



22 



Die Formierungsvorschläge des Chevalier de Saxe 



Diese einzige Maßregel soUte jährUch 43 513 Thlr. 8 gr. lO'U ^ 
sparen. „Diese Erspanus rühret davon her, dass die festgesetzte 
Anzahl Officiers und Gemeine, in beyden Etats zwar bleiben, in- 
dennoch bey 4. Compagnien weniger Unter-Officiers nöthig sind, 
und dennoch der Endzweck, Commando und Dienst gehörig zu be- 
streiten, erreichet wird. Es ist so dann nur ein Haupt bey jeder 
Escadron, welches seine Untergebene allein commandiert, äe kennen 
lernt^^) und der Hauffen der Gemeinen Mannschafft unter sich selbst, 
hat eine engere Verknüpfung und Einmüthigkeit"^*). 

Stabsoffiziere sollen keine Schwadron, dafür aber mehr Gehalt 
bekommen. Die dadurch bedingte Mehrausgabe (71 Thlr. 4 gr. 
pro Monat) wird dmxh Löhnungs- (145 Thlr.), Fourage- (128 Thlr.) 
und Gebührnissen zur Unterhaltung'* nebst Monturgeldern (im 
ganzen 346 Thlr. 2 gr. 6 ^) so gedeckt, daß immer noch 274 Thlr. 
22 gr. 6 ^ gespart werden. Als ein Vorteil erscheint es auch, 
daß dann ,,die zu sehr gewohnte Vorzüglichkeit derer Leib- und an- 
derer Staabs-Officiers-Compagnien nicht mehr statt hat*'. 

Die Schwadron bestand aus 150 Mann (2 Rittmeister, 2 Premier-, 
2 Sousleutnants und 144 Unteroffizieren und Gemeinen) mit 144 
Pferden. Das Regiment besaß einen Stab von 12 Mann: 

1 Chef und Inhaber, 1 Oberst, 1 Oberstleutnant, 1 Major, 
1 Regimentsquartiermeister. 1 Auditeur, 1 Regiments- 
feldscher und 5 Mann Unterstab. 

Zunächst sollte jede Schwadron nur 84 Mann und 12 Pferde 
zählen. Diese 12 Pferde werden von denenjenigen, welche letzthin 
durch Abgabe von der Garde Carabiniers, und von dem Französis. 
Cavallerie Corps (das Reiterregiment beim sächsischen Corps)^"^), 
ingleichen von denen, welche bey der Garde du Corps übrig bleiben 
werden, beybehalten, mithin sind die besten davon zu choisieren, 
alle übrigen Pferde aber werden abgeschafft. Das daraus gelösste 
Gdd berechnet und solches jedem Regimente zugeschlagen." 

In fünf Terminen sollten die Regimenter komplettiert werden. 
Hierzu sei folgende Tabelle beigefügt. 

Kosten der Unter- 
Temiin Maanschaftsbestand Pferdebestand haltung für 

6 Kürassierregimenter 

1763. 30. April . . 84 12 ' — Thlr. — gr. 

1764. „ „ 84 38 ( + 2C) 202 282 21 
1766. „ • - 100 ( + 16 Mann) 64 (+26) 252 970 „ 3 

1766. „ » . . 117 (1 Korporal 16 Mann) 90 (+26) 305 012 3 „ 

1767. .... 133 ( + 16 Mann) 117 ( + 27) 357 055 9 „ 

1768. „ .... 150 (1 Korporal 16 Mann) 144 (+27) 410 612 „ 21 „ 

**) Diese scheinbar doch ganz natürliche Forderung war auch 1764 noch nicht 
durchgängig erfüllt. So klagt die Konduitenliste über Obrist v. Börnsdorf (Fürst 
Lubomirsky) ,,ist eigennützig, kennt seine Offiders nicht und klaget sein Chef sehr 
über ihn", loc. 30 303. 

«) Loc. 1155. 

*') Seit der Ifonvention vom 31. März 1761 war beim sächsischen Korps ein 
Regiment Kürassiere (659 Mann), 4 Schwadronen ä 2 Kompagnien errichtet 
worden-. Bis dahin dienten die ehemaligen sächsischen KavaUeristen meist als 
Grenadiere bei den Infanterieregimentem. 



Die Formierun^vorschläge des Chevalier de Saxe. 



23 



ff 



ff 



ff 



ff 



Für die ersten Anschaffungen sind angesetzt: 

I- für Pferde 207 620 Thlr. — gr. 

II. für Armaturen«) 52 486 „ 18 

III. für Beymundierungs- und 

Equipagestücke 116 775 „ 12 

IV. für „Leibes-Mondur"«) ... 33 892 „ 14 „ WU » 
Statt der vier Dragonerregimenter wird in den Plänen nur 

Sackendragoner ausführlich behandelt, da die drei anderen^^) in 
Polen standen. Auch ihm wird ein Stab von 12 Mann zugeteilt. 
Das Regiment besteht aus 600 Mann imd 578 Pferden. Zu dieser 
Zahl gelangt es auf dem gleichen Wege wie die Kürassierregimenter. 

Seine Unterhaltungskosten werden auf die Ergänzungsjahre 
wie folgt veranschlagt: 

1763/64 .... 34 022 Thlr. — gr, 

1764/65 .... 38 807 

1765/66 .... 46 301 

1766/67 .... 53 980 

1767/68 .... 61 445 

1768/69 ffg. . . 69 138 

Die Anschaffungen stellen sich: 

I. für Pferde 2^ OJO Thlr. — gr. — ^**) 

II. Armaturen ü < 46 „ 12 

III. Beymundierungsstücke. 18 882 „ 14 



99 



f> 



* » 



17 
4 

20 
7 

11 



- A 
6 
6 
6 
6 
6 



ff 



ff 



tt 



IV. Leibe s-Mondur^'^) 
V. Mäntel 
VI. Hüte . 
VII. Sättel . 
VIII. Strümpfe 



4 6.38 
3 006 
406 
314 



ff 



ff 



ff 



ff 



9 9 



3 
13 
6 
4 



Jf 



ff 



ff 



10 

11 



Gleich Sackendragoner sollte auch Kurland, Brühl und Albrecht 
rangiert werden. Eine beigefügte Ausrechnung erweist, daß durch 
die Umformierung zu 4 Schwadronen die obenerwähnten 43 513 Thlr. 
8 gr. lOVs ^ Pio Jahr, oder in secha Jahren 261 080 Thlr. 5 gr. 
ö^g ^ erspart werden. 



*•) Der Chevalier hoffte hier auf Ersparnis, da er glaubte, daß „hoffentlich 
viele Armatur-Stücken, von der zuletzt in ao. 1756 geführten Fagon, nach anzu- 
stellender Untersuchung, sowohl bey denen Regimentern, als im Lande, auff- 
zufinden seyn dürfften, die nach vorheriger Reparatur wieder employret werden 
köiintea". Feuer- und Seitengewehre sollten „um der £galit6 willen" auf einmal 
bestellt, aber in fünf Terminen gdiefert werden« Schlaghauben und Käxasse aber 
erst im letzten Jahre (1768). 

*•) Drei Kürassierregimenter „mit goldener Chamerierung und messingnen 
Knöpfen" 17 029 Thlr. 19 gr. drei Kürassierregimenter „mit silberner 

Chamerierung und zinnernen Knöpfen" 16862 Thlr. 19 gr. 5Vs 
Kurland. Albrecht, Brühl. 

Davon fallen 7200 Thlr. für 160 Pferde weg, die \ on den drei andern Chevaux- 
legersregimentern übernommen waren, siehe das Kapitel „Rangierung*'. Auch 
Sackendragoner bezogen die Remonten aus Polen. 

Der Gievadier empfiehlt ,.dass zu denen Röcken nicht hochrothes Tuch 

und schwarz Plüschene Aufschläge, sondern zu einigen Ersparnüss. nur weisses, 
oder melirtes Tuch und coulcurtuchenc Aufschläge, gleichwie die übngrn Chcvaux- 
Legers Regimenter erhalten, eingeführt werden soll". Dieser Vorschlag blieb un- 
ausgeführt. Vergleiche die Uniformentabelle im Kapitel „Rangierung". 



24 



Die Formierungsvorschlage des Chevalier de Saxe 



Für die Infanterie^) stellt der Chevalier eine 1768 zu erreichende 
Sollstärke von 20 064 Mann auf. Diese verteilen sich auf 12 Regi- 
menter zu je 3 Bataillonen. „Würde aber bey diesem Project be- 
denklich scheinen, dass die Anfangs so schwache Regimenter auf 
3. Bataillons, und mit so einer starken Anzahl Officiers besetzt 
werden sollte; so sind hierzu folgende Bewegungs-Ursachen: 

1. Ist es Königl. Majth. Dienst besonders vortheilhafft, dass 
die Trouppen bey Friedens-Zeiten auf einen solchen festen 
Fuss stehen, damit bey einem ohnvermutheten Ueber- 
falP^), oder sich anspinnenden Kriege, die Augmentation 
aufs geschwindeste, ohne grossen Eclät, und mit egaler 
Erhaltung derer im Frieden bey den Regimentern ein- 
geführten Dienst-Ordnung, Subordination, Discipline, Exer- 
cice und gleichsam eingewurzelten Esprit de Corps, und 
exacten Dienst-Eyfer, geschehen könne; welcher Zweck 
nicht so leichte zu erreichen, wenn man neue Bataillons 
und Compagnien im Nothfall erst errichten wollte. 

2. Scheint der Ruff, dass eine Infanterie von 36 Bataillons 
und 24 Grenadiers Compagnien gehalten wird, auch bey 
denen mächtigen Nachbarn, gleich Anfangs Consideration, 
auch bey denen Höfen, von wt-lchen man Subsidien zu 
hoffen hat, desto mehr Vertrauen zu erwecken, wenn auch 
solche Bataillons so schwach wären, dass in Friedens-Zeit 
bey Revues, Exercice, oder andern vorfallenden Dienst- 
leistungen, aus dem ganzen Regiment nur Ein oder nach 
der successiven Vermehrung, zwey Bataillons formiert 
werden könnten"^^). 

Statt der Kreistruppen soUte eine Art Landreserve von 7200 
Mann geschaffen werden, die jährhch ,,von Medio May bis ulto Juny 
zum Regimente gezogen und exerciret" werden sollten. Jedes Regi- 
ment sollte diese 600 Mann aus dem Kreise nehmen, wo es stand. 
Die Gesamtstärke der Infanterie im Kriegsfalle könnte so auf 27 308 
Mann gehoben werden^^). 

Einem großen Übelstande in der Armee tritt der Chevalier 
ebenfalls entgegen. Viele Offiziere hatten höhere ,,Caracteres", als 
ihre wirkhche Charge" war^"^). Hier scheint es dem Chevaher nötig, 
diese Offiziere ,, durch ein allergnädigstes General Rescript und Gesetz, 
so wie in andern, und besonders in Königl. Französischen Diensten 
würckhch eingeführet und angeordnet ist'', anzuweisen, daß sich 
ihre Dienstleistungen einzig und allein nach ihrer wirklichen Stellung 
zu richten haben. 



»») Alle MaßuahmeD bei der Infanterie gelten stets nur den Feldregimentem, 
die Grenadiers-Garde ist stets au^enommen. 

Maa sidit. wie das preußische Vorgehen 1756 die allgemeine Reichssicher- 
heit untergraben hatte. Ein Überfall durch Preußen ist lange Zeit hindurch das 
Schreckensgespenst aller sächsischen Politiker und Militärs. 

Der Wichtigkeit dieser Ausführungen halber wörthch aus loc. 1155 zitiert. 
*«) Mit je „12 Fähndrichs" pro Regiment. Näheres Kapitel „Landtag 1768". 

So konnte ein Sousleutnant der Kavallerie den Charakter eines Premier- 
leutnants, ja s(^;ar den eines Rittmeisters haben. Eb^iso stand es bei der Inianterie 
und Artillerie. 



Die Fonnie r ungs vo r s clilage des Chevalier de Saxe. 



26 



Die Zusammensetzung der Regimenter war: 

Ein Stab von 16 Mann (1 Chef, 1 Oberst, 1 Oberstleutnant, 

3 Majors, 3 Adjutanten, 1 Regimentsquartiermeister, 1 Auditeur, 

1 Regimentsfeldscheer, 3 Fahnenjunker, 1 Profos), 2 Grenadier- und 

12 Musketierkompagnien. Die Grenadierkompagnien sollten von 

1763/68 von 65 auf 108 Mann, die " Musketierkompagnien in der 

gleichen Zeit von 66 auf 120 Mann anwachsen, das Regiment von 

938 auf 1672 Mann. 

Diese Vermehrung sollte rieh folgendermaßen vollziehen, 

Ein Regiment. 

1763") 1764 1765 1766 1767 1768 

Capitaines 14 — — — — l'^ 

Prem.-Leut U — — — — 14 

Sous-Leut 28 — — — — 28 

Sergeanten*^») . • . . 26 — 12 2 — 40 

Fouriere 14 — — — — 1* 

Feldscheprs 14 — — — — 14 

Corporale 68 12 2 12 14 108 

Tamboure 28 _ _ — — 28 

Pfeifer«*) 4 — — — — 4 

Zinunerleute 16 — — — — 16 

Gemeine. 600 120 120 180 180 1200 

Summa«): 938 +148 +160 +218 +218 1672 

(Grenadiers ..... 96 16 16 24 24 176) 

Verpflegung und erste Anschaffung stellte sich bei den 12 Regi- 
mentern zusammen wie folgt: 

1763 . . . 621 324 Thlr. — gr. — ^ 283 642 Thk.«^) lO gr. — ^ 

1764 ... 690 428 „ — „ — „ 45 132 „ 12 „ 

1765 . . . 762 398 „ — „ — 46 202 „ 2 » 

1766 . . . 864 066 „ — „ — „ 66 764 „- 2 „ 

1767 . . . 965 448 „ — „ — „ _ 66_7J8_ 2 „ 

Anschaffungen total 608 469 Thlr. 4 gr. — 5, 
Ein Sonderentwurf rechnet noch aus, daß jährlich 2428 Thlr. 

16 gr. mehr erforderhch sein würden. falU jedem R^iment 6 Haut- 

bois**) beigegeben würden. 

Die zweite Gruppe der Entwürfe, vom 17. Mai datiert, umfaßt 

die Garde-Kavallerie, also Garde du Corps und Garde-Karabiniers. 

Beigefi^ ist ihnen eine Ausrechnung für die drei sächsisch-polnischen 

Chevauxlegersr^menter. 



ff 

ff ff 
ff 

~' ff 



Diese Koknme gibt den Sonbestand an. Die Zahlen in d» Kokmnen 1764. 
1765. 1766, 1767 die jährliche Augmentation. 

5®) Die Grenadierkompagnien besaßen nur einen Sergeanten. 

•0) Pfeifer hatten nur die Grenadierkompagnien (je zwei). 

•1) Bei diesen Zahlen sind die Grenadiere mit eingerechnet, die in der Tabelle 
fehlen. Da obige Tabelle den Akten loc. 1165 entnomnm ist, habe ich die Grenadier- 
angmentation unter die Summe gesetzt. 

") Davon sind für 93 742 Thlr. 7 gr. 6*/» ^ Montierungsstückc bereits „ver- 
accordiret und meist geÜefert". 

•3) Hoboisten. 



26 



Die FofnEÜertifig9voi5ehläge des Chevalier de Saxe 



Garde du Corps sollte nach Art der Linienkavallerie auf 
4 Schwadronen ä 145 Mann formiert werden. Im ganzen bestand der 
Solletat für das Jahr 1768 aus einem Stabe von 15 Mann und 604 
Mann mit 580 Pferden. Die Unterhaltungskosten des Regiments 
betrugen nach dieser Neufonnierung volle 27 604 Thlr* weniger als 
vOTher. 

Für die einzelnen Jahre beliefen sich die Kosten: 



1763 . 


. . 68 853 Thlr. 


4 




-<5j 


1764 . . 


. 77 077 „ 


14 


II 


ff 


1765 . . 


. 90 801 „ 


21 


ff 


"~ ff 


1766 . 


. 105 008 „ 




ff 


ff 


1767 . , 


. 118 732 „ 


7 


ff 


' ff 


1768 . . 


. 132 622 


10 


ff 






10 gr. 




ao. 


1748.' 



Die ersten Anschaffungen betragen: 

I. für Herde. ...... 52 486 Thlr. 16 gr. — ^«*) 



ff 



ff 



ff 



ff 



ff 



ff 



ff 



6.,. 



ff 



ff 



66 



) 



II. für Armatiuren .... 24892 „ 17 

III. für Leibesmontur ... 10 847 „ 9 

IV. Roquelanres««) 6 602 „ 5 

V. Hüte 3 546 „ 9 

VI. Kittel 675 12 

VII. Strümpfe 386 

VIII. Schabracken 7 576 

Garde-Karabiniers, die bereits fast vollzähKg waren, sollten 
einen Stab von 13 Mann, 600 Mann und 576 Pferde haben, eben- 
fjdls auf 4 Schwadronen formiert werden imd waren mit jährlich 
76 086 TWr. 23 gr. 2^U A angesetzt«'). 

Der „Generalextract" berechnet dann noch die Kosten der 
drei Chevauxlegersregimenter bei einer Formierung nach Art des 
Regiments Sacken auf 719 953 Tblx. 11 gr. 8\i^ ^ jährlich. 

Unterm 19. Mai findet sich der Entwurf zur Neuformierung des 
Ingenieurkorps. Statt des kränklichen tmd alternden Generalmajor 
Johann Wilhelm Daniel v. Geyer«*) schlägt der Chevalier den 
Generalmajor v. Gersdorff „in Ansehen seiner geleisteten guten 
Dienste, und Erfahrenheit in Genie imd andern Mathematischen 
Wissenschaften" zum Kommandeur vor. 

Das ganze Korps soll in zwei Brigaden geteilt werden, die erste 
soll „allemahl mit denen geschicktesten und noch vigoureusesten 
Officiers zu besetzen und vorzüglich zum Dienste in Campagne zu 
widmen, und in Bereytschafft zu halten seyn" — „so müssen hin- 
gegen die in Jahren zunehmenden und an denen erforderlichen 

Nach Abzug von 24 noch brauchbaren Pferden, ermäßigte ^h diese Snnune 
auf 50310 Thlr. 16 gr. — J^. 
«5) Mäntel. 

**) Falls 4 statt der angenommenen 3 Trompeter pro Schwadron emgeiührt 
werden sollten, erhöhte das die Anschaffungskosten um 1296 Thk. 22 gr. — ,9j, die 
jährliche Verpflegui^^ um 864 Thlr. 12 gr. — ^. 

Falls, wie bisher die Röcke der l'nteroffiziere „chameriert" und die Hüte 
der Gemeinen (auch Trabanten genannt) mit Tressen besetzt werden sollen, würde 
dies jährhch sich um 269 Thlr. 7 gr. erhöhen. 

") Laut Reskript d. d. 21. Februar 1761. 



Die Formierangsvorschläge des Chevalier de Saxe. 



27 



Leibes-Kräfftcn abnehmenden nach und nach ausgewechselt, und 
zu der 2. Brigade, bey sich ereignenden Abgang, gesetzt werden' . 

Ferner „könnten zu Bewürckung einer ansehnHchen Ersparniss'* 
die bisher besonders angestellten Lehrer an der Ingenieurakadeniic 
bei ev. Abgang „bloss von denen zur Anweisung geschicktesten 
Officiers aus dieser 2ten Brigade bestellet, ihnen nach Beünden 
einige Zulagen zu ihrem Tractament zugetheilet, und die Salaria 
so jene dermahlen gemessen, gleichfalls der Casse anheimfallen* . 
Auch die Ingenieure der Landesfestungen könnten so erseUt werden. 

Der Etat des Korps besteht aus: 

Einem Stab: 1 Generalleutnant, 1 Adjutant, 1 Quartier- 
meister. Die Akadenue: 1 Direktor, 1 Architekt, 1 „Mathe- 
matikus*', 1 „Designateur"»») und 1 Aufwärter. 
Die erste und zweite Brigade bestehen je aus: 
1 Generalmajor „als Obristen", 
1 Obiistleutnant, 
.1 Major, 
3 Capitaines, 
3 Prem. Lieutenants, 
3 Sous-Lieutenants, 
6 Unteroffizieren, 

^h\nn, beide Brigaden zusammen 36 Mann. 
Dazu 8 Offiziere auf den Landfestungen „und sonsten ausserhalb" 
und 7 Offiziere in Pension. Die jährUche Verpflegung stellt sich auf 
23 712 Thlr., infolge augenblicklicher Vakanzen beträgt die monat- 
hche Verpflegung nur 1628 Thlr, (statt 1976 Thlr,) 

Der letzte Teil der Entwürfe, vom 26. Mai datiert, unafaßt 
die Forniienn g des Artilleriekorps und das Kapitel Geheimes 
Kriegs-Ralskollegium^**). 

In den ,,Anmerckungen" spricht sich der Chevalier über die 
allgemeine Bedeutung der Artillerie aus. Er schreibt: 

,,Dass zu gutem Gebrauch einer Armee eine wohlregulirte 
Artillerie vor einen Haupt Bestand Theil zu achten, ist eine, 
besonders nach ieziger Art zu Kriegen, bereits ausgemachte 
Sache, dafern auch, in letzern' Kriege bey allen Armees 
ungleich mehrere Artillerie, als jemahls befindlich gewesen, 
und folglich be\' denen mehresten darinnen vorgefallenen 
Bataillen, wie bekannt, der grösste Theil der Niederlagen, 
durch die Artillerie gemacht worden sind" ,,Der Unter- 
schied hiervon'^-) hat sich ebenfalls in letzterwähnen Kriege 
bey allen Gelegenheiten, wo Artillerie gebrauchet worden is, 
so merklich gezeiget, dass diejenige Part^"^) nicht nöthig seyn 

•») Zeichenlehrer. 

'0) Im folgeuden stets mit G. K. R. C. abgekürzt 
Soll heiBen „letztem", 
Von der Güte der Artillerie. 
") Kann sich nur auf Preußen beziehen, da die österreichischen Siege andern 
Waffengattunc;en zu danken waren. (Bei Kolin der sächsischen Kavallerie, bei Hoch- 
kirch fand im wesentlichen ein Kampf Mann gegen Mann statt, bei Kunersdorf 
entschied Laudöns FlankenangrifL) 



28 



Die Formierniigsvorschläge des Chevalier de Saxe. 



wird, hier nahmentlich anzuführen, welche sich mit geübteren 
Artilleristen distinguiert hat/' 

Dann klagt der Chevalier, daß man in Sachsen die Artillerie 
„durch vielerley dem Herrn tmnutzbaren Dienst, welcher mit diesem 
Metier gar keine Connexion gehabt'*), von der Bearbeitung in üiren 
Obliegenheiten, al^ehalten" hat. Den Hauptwert legt der Marschall 
auf • die Einrichtung einer Experimentiergelegenheit und einem 
gründlichen Unterricht der Artilleristen aller Grade. Etteser soll 
vor allem bei der Feuerwerkerkompagnie'^) stattfinden, die durch 
Aushebung von Kanonieren aus den Kanonierkompagnien verstärkt 
werden soll. Diese anzulernenden Leute, die Bombardiers, „wozu 
sich reputirlicher Leute Söhne genugsam freywillig finden würden" 
und die eigentlichen Feuerwerker sollen im Kriegsfalle „als Unter- 
offiders so wohl zu dem Geschütz im Artillerie Parc, als auch bey 
daien Regimentern vertheilet werden". 

Den Etat dieser Feuerwerkerkompagnie schlägt der Chevalier 
derart vor: 

1 Feuerwerksmeister, 

1 Batteriemeister, 

1 Ingenieur, Mathematicus und Artilleriezeichenmeister, 

1 Feldzeugwärter, 

1 Quartiermeister, 

1 Feldscheer, 

1 Feuerwerkersergeant, 

4 Feuerwerkerkorporale, 
50 Feuerwerker, 
50 Bom bardiers, 

III Köpfe. 

Statt der bisherigen 5 Kanonierkom])agnien sollen, da diese 
erwiesenermaßen nicht hinreichen^®), 8 errichtet werden. Auch 
hier sollen die Kompagnien sofort errichtet werden. Die Vermehrung 
zum vollen Etat ist wiederum allmählich gedacht. Da der Marschall 
meint, daß bei der Geschützbedienung das bisher getragene Feuer- 
gewehr ,,sehr hinderlich'' ist ,,vmd niemahls noch dahin gekommen, 
auch schwerlich auf künfftig zu vermutheu, dass bey irgend einer 
Gelegenheit die Artilleriemannschafft mit Hand Feuer Gewehr dem 
Feind Abbruch thun könne"'"), ferner die Abkommandierung von 

Damach scheint die Artillerie ein Mädcheij für alles gewesen zu sein, doch 
findet sich in den Akten keine Andeatong, welcher Art diese sweckwidrige Verwen- 
dung der Artillerie gewesen ist. 

Bisher bestanden nur 5 Feuerwerkerkorporale und 45 Feuerwerker, die 

bei den 5 Kanonierkompagnien verteilt waren. 

Sie genügten nicht „die Sächsische ao: 1756 schwache Armee im Lager bey 
Struppen, mit Artillerie zu bedienen, sondern, wie erweifilich, bey dem detachirten 
Geschütze, wo 16 bis 18 Mann hätten stehen sollen, anstatt deren 3 bis 4 Mann gestellet 
werden können, sodass man mit Recht sagen kann, wann es zur Extremitaet gekommen 
wäre; dieses Geschütz bey nahe so gut, als wie leer gestanden haben würde, wie denn 
auch die leichten Regimentsstücken allda ebensowenig hinreichend bedienet waren, 
als solche schon in den BataiUen bey Striegau und Kesselsdorff gewesen"; ibidem. 

„In Betracht solcher Bewandtnis ist dergleichen Vorschlag auch kürzlich 
bey der Oesterreichischen Armee geschehen, dass die ArtUleriemaimschafft künfftig 
- kein Handieuergewehr mehr haben soll". 



IXe Sbnni^^mgsvmschlftge des OhevBÜer de Saxe. 29 

Infanterieabteilungen zur Deckung der Geschütze ,,zu vieler In- 
commodit^ und Derangement derer Regimenter" führt, schlägt 
der Chevalier die Errichtung eines FüsiUerkorps vor, „die Artillerie 
zu bfewachen, zu bedecken, und ihre Fourage Conunandos zu versehen". 

,,Ueber alles dieses denn auch dieses Fusilier-Corps, eine so- 
genannte Baumschule derer Canoniers seyn würde, damit man nicht, 
wie bisher genöthigt wäre, zu diesen Corps aus öfftem Mangel besserer, 
ungeschickte Recruten anzunehmen/' Die Füsiliere sollten, „etwas 
weniges mehr" Löhnung als die Musketiere erhalten. 

Die Stärke der einzelnen Kompagnien war festgesetzt wie folgt: 
Feuerwerker Kanoniere Füsiliere 

1763 , . . 7ü 86 92 

176i . . . + 5 +19 +5 

1765 . . . + 9 + 19 +6 

1766 . . . + 10 + 19 + 16 

1767 . . . + 11 + 19 + 16 

1768 ... III Mann 162 Mann 135 Mann 

Demnach bestand das Korps aus: 

dem Stabe, einer Feuerwerkerkompagnie, 8 Kanonierkompag- 
nien und 4 Füsilierkompagnien, zusammen 2003 Mann 
Eingerechnet sind hierbei auch die Mineur- und die Pon- 
tonierkompagnie (12 und 32 Mann stark, die schon 1763 
den vollen Bestand haben sollen). 



1763 . . . 


83 737 Thlr. 


9 








1764 . . . 


92 304 


16 




111/ 

A /145 


tt 


1765 . . . 


101 311 „ 


18 


) » 


^ yi46 


9 t 


1766 . . . 


112 134 „ 


22 


» » 


"/l45 


tf 


1767 ffg. . 


123 204 


10 


9 9 


i /145 


»f 



Die ersten Anschaffungen sind mit 54 268 Thlr. 5 gr. 9 
eingesetzt und sollen innerhalb fünf Jahren bewirkt werden. 

Erspart werden: 

durch Abschaffung des 

Handfeuergewehres 9 470 Thlr. 19 gr. — ^ 
an Leibesmontur . . . 248 6 8 

an Verpflegung . . . 11 078 — 4Vs m . 

20"797 Thlr. 2 gr. 

An Geschützmaterial sollten angeschafft werden: 

40 . 7 Öf. Haubitzen ä 355 Thlr. U 200 Thlr. 

80 4 „ Geschwindschußkanonen, ä 356 „ 28 480 „ 
12 12 „ „ordinaire" Kanonen . . ä 1360 „ 16 320 „ 
6 8,. „ „ • . ä 860 „ 5 160 „ 



Die Bruchrechnungen sind in den Aufstellungwa der Akten durchgängig 
mit peinlichster Genauigkeit durchgeführt. 

Davon abzuziehen ist, was bereits „veracoördiert" oder noch voriianden 
ist, „welches alles aber in dieser Berechnung nicht genau zu bestimmen ist. weil 
das Artillerie- und Pontonnier-Corps bisher an unterschiedenen Orten detachiret 
gestanden und noch zu dato nicht völlig beysammen ist, item die Anschaffungen 
bey diesen Corps nicht egal geschehen". 



30 



Die Fonaiemngsvoiscliläge des Chevalier de Saxe, 



10 8 Ä leichte Kanonen««) ... ä 600 Thlr. 6 000 Thlr. 
6 12 „ „ „ »•)... ä 870 5 220 

6 16 „ Haubitzen ä 780 „ 4 680 

10 7 „ Haubitzen»«) ä 355 „ 3 550 

3 32 „ „Block-Matiers" . . . . ä 790 „ 2 370 

3 24 „ Block-Matiers ä 530 „ 1 590 

8 4 „ Geschwindachußkanonen««) ä 356 „ 2 848 
12 2 „ „ 80) ä 210 „ 2 520 

Mit dem entsprechenden Fahrmaterial, Munition, Munition»- 
wagen. Schanzzeug und andern Material**^) betrug der Anschlag 

219 002 Thh-. 13 ^n-. 7^ ^^'^). 
Der Chevalier schreibt selbst, dieser Kostenanschlag hätte 
„nicht anders, als nur ohngefehr gemacht werden können, angesehen 
in denen mehresten die Preisse verschiedentlich gestiegen, vor- 
nehmlich aber auch zu desto genauerer Berechnung dieser Kosten 
erstlich nöthig sejTi würde, von einer jeden Sorte einen Riss zu fer- 
tigen, aus welchem das erforderlich Metall wie auch Eisen .... 
alsdann erst desto füglicher würde zu berechnen seyn. Inzwischen 
ist so genau als diese Umstände es gestatten wollen, auf iedes derer 
Geschütze und deren Zubehör bey Ansehung derer Preisse so reflek- 
tiret worden, dass er der würcklich erforderUchen Ausgabe am nächsten 
kommen wird'*. 

Betrachten wir diese Armeeforraieruftgspläne, so müssen wir 
ihnen eine aufrichtige Bewunderimg zollen. Der Chevalier ging von 
der richtigen Überzeugung aus, daß Sachsen eine starke Armee 
haben mußte, wenn anders es nicht eine Art Pufferstaat zwischen 
Österreich und Preußen werden wollte. Die Pläne zeigen das ernste 
Streben, bei möglichster Ersparnis eine ansehnüche Heeresmacht 
aufzustellen, eine Feldarmee zu schaffen, keine Paradearmee. Daß 
dabei Summen gefordert wurden, die dem augenblicklichen Ver- 
mögen des Landes nicht entsprachen, war kaiun zu vermeiden, 
zumal unmittelbar nach dem Kriege und unter Brühls Regime eine 
klare Übersicht über des Landes jammervolle Lage noch nicht zu 
gewinnen war, am allerwenigsten von einem Offizier. 

Nicht die preußische Armee war es, die dem Chevalier 
bei der Abfassung dieser Pläne vorschwebte, was man vielfach 
geglaubt hat . Gewiß , man wird auch ihre Vorzüge erkannt 
haben, aber mindestens ebenso stark waren gute Einrichtungen der 
österreichischen imd vor allem der französischen Armee vorbildlich. 
Nicht umsonst hatten die Sachsen jalneling Seite an Seite mit 
Österreichern und Franzosen gegen eleu lubfeind ge fochten. Oft 
genug bekennt man sich offen gerade zu diesen Lehrmeistern. Wenn 
je, so war bei des Chevaliers Plänen der Grundsatz fülilbar: „Prüfet 
alles und behaltet das beste !*'**^) 

**) Die mit dieser Note versehenen Stücke waren zur Reserve bestimmt. 
Der Kürze halber ist die ganz ausführliche Aufzählung aller Einzelheiten, 

die genau mit den Preisen verzeichnet sind, vermieden. 

Diese Summe sollte in vier Raten beschallt wenlen: 
ITö^i ... 80000 Thlr. — gr, — ^ i 1765 ... 50 000 Xhk. — gr. — ^ 
1764 . • . 60000 _ „ _ „ I 1766 . . . 39 002 „ 13 »/u » 
**) Gel^jontiich der Rangierung wird hiervon näher zu handeln adn. 



Die Foraüaraiigsvorscliläge des OievaHcr de San. 



31 



Sicherhch hat auch Prinz Xaver und Kurprinz Friedrich 
Christian, vielleicht auch Prinz Albrecht, dem Chevaher bei den 
Entwürfen zur Seite gestanden, inwieweit das geschehen, läßt sich 
in Einzelheiten schwer nachweisend^). 

Aber der Chevalier erkannte sehr woU, daß alle diese Neuerungen ' 
nur dann für das Land wirklich heilsam werden könnten, wenn gleich- 
zeitig mit dem Körper der Armee auch deren Nervensystem einer 
neuen Belebung teilhaftig würde. Das Geheime Krieges-Rats-CoUe- 
gium läßt sich sehr wohl mit einem Nervensystem vergleichen, denn 
von ihm aus ging die Leitung der Armee, soweit es sich um mehr 
handelte, als um alltägliche Kommandosachen. 

Diese Behörde war von 1732 — 1755 von 51 auf 139 Beamte an- 
gewachsen. Seine Kosten von 1793Thlr. 8gr. monatlich auf 4751 Thlr. 
2 gr. 2 ^. Weitschichtige Unterdepartements waren mit einer Menge 
von Beamten besetzt, che meist gar nicht entsprechend beschäftigt 
waren. Die Mitglieder des eigentlichen KoUeg^ums waren alte 
Herren, die beim besten Willen kaum noch dienstfähig waren. 
Trotz des Überflusses an Leuten arbeitete der Beamtenapparat 
derart, daß die Ereignisse den Kollegiumsverfügungen drei Post- 
tage vorauf zueilen pflegten. Dazu kam, daß die Räte nicht etwa 
Militärpersonen, eiondern meist Juristen vr^xen und vielfach von 
militärischen Dingen nur sehr vage Begriffe hatten. 

Sehr mit Recht wünschte der Chevalier deshalb: die 
Kriegsratsstellen mit Militärs besetzt zu sehen, den überflüssigen 
Beaintentroli abzuschalk'ii und das Kulk*gium samt Departements 
auf den Etat von 1732 zurückzusetzen. 

Den Vorsitz sollte der ..allemalilige Feld Marscliair* oder ,,Che{, 
welchem das Cummando der ganzen Armee anvertraut ist", führen^'*). 



■*) Daß man dea preuüischen Armeeverhältnissen in Sachsen sehr skeptisch 
gegenüberstand, beweist eine Ausarbeitung vom 10. Juli 1766 (loc. 30 286). Gelegent- 
lich eines Vergleiches der preußischen und sachsischen Militärausgaben war aus- 
gerechnet worden, daß Preußen 30 000 Mann Soldaten nur 1714 284 Thlr. kostra, 
Sachsen dagegen 2 022 163 Thlr.; dagegen wendet man ein: 

„1. Kostet die Kleidung unserer Soldaten, da sie zu ihrer Erhaltung und 
Conservation besser und zuträglicher ist, mehr als die Preussische, und 
unsere Fabriques liefern diesen auch kein solch schlechtes Tuch. 

2. Sind in der Preussischen Armee 119 956 M. Gamisons-Truppen, so 
monathl. nur mit 1 Thlr. 2 gr. oder 6 gr. 5 Löhnung bezahlt werden, 
die schon wieder eine grosse Erspahrnüss machon. so jedoch bey uns nicht 
ein zu führen, weil kein Mann unter diesen Truppen Dienste nehmen 
und die andern alle desertieren würden. 

3. Ist die Bezahlung der Preuss. Officiers schlechter als der Sachs., da ist 
auch dabey die Anmerkung zu machen, dass jene Bürger und Bauer 
schinden, und eher darüber durch die Finger gesehen wird, anstatt dass 
bey uns die strengste Ordnung und Disziplin vom Ofücier verlangt wird 
und er davor repondirt. 

4. Ist noch eine Haupt Anmerkung zu machen, dass die Preuss. Truppen 
das Allmosen fordern, anstatt dass die Unsrigen sich so einer Handlung 
da sie die Xoth nicht dazu treibt, schämen. ' Demnach dürtte die Be- 
hauptung , »bettelnde Soldaten waren nichts Seltenes" (Oskar Hüttig. 
Die Segnungen des Siebenjährigen Krieges für Kursachsen. Neues Archiv 
für sädbs. Geschichte XXV. p. ^) kaum dea Tatsadira eat^recb^. 

**) In diesem Falle also der Qievalter selbst. 



32 ]>te FormieniAgsvoTschl&ge des Chevalier de Sa». 

ZU seiner Entlastung wünschte der Chevalier einen Vizepräsidenten, 
„4 noch in würcklichen Dienst stehende Generals Personen"^) als 
Geheime Räte (wobei der Vorteil war, daß man diesen nur Gehalts- 
zulagen zahlen brauchte, nicht vollständige hohe Gehälter wie den 
bisherigen Räten). Durch diese Besetzung mit aktiven Militärs 
versprach Mch der Chevaher sehr zu Recht eine erhebliche Verein- 
fachung des Betriebes. Schheßlich wendet sich ein Passus gegen 
die von Brühl behebte Kassenvermengerei. „Die Kriegskasse darf 
nie zu andern Zwecken angegriffen werden", weil durch die bisherige 
Undcherhdt derer Fonds, und daraus entstandene Geld Mangel 
Schreiberey und Rechnungs-Wesen so vermehret werden, dass 
allerdings ohnumgängüch mehrere Persohnen darzu bestellet werden 
mussten." Nach der damaligen Lage nahm der Chevalier übrigens 
soweit auf die augenblicklichen Räte Rücksicht, daß er empfahl, 
ihnen die Gehälter zu lassen, bis sie al^ngen*') „oder besser 
versorget werde" könnten. 

Die dienstleistende Generalität sollte sich zusammensetzen aus: 

1 General-Feld-Marschall, 

2 Generälen. 

6 Generalleutnants, 

2 Generalmajors, zugleich Armeexnspekteurs, 

6 Generalmajors, 

1 Generalquartiermeister, 

1 Generalquartiermeisterleutnant, 

4 Königl. Generaladjutanten, 

1 Prinzl. Generaladjutant, 

1 Generalauditeur, 

1 Generalauditeurleutnant, 

2 Generalfeldmarschallsadjutanten, 
2 Exerzitienmeister, 

2 Generalfeldmarschalls-Flügeladjutanten, ' 
1 Generalstabsmedikus, 
1 Kapellan. 

Die Kosten beliefen sich auf 5640 TMr. 12 gr. monatüch. 

Generalstabskanzlei und Generalkriegsgericht sollten gebildet 
werden aus: 

1 Generalstabssekretär mit Geheimen Kriegsrats Titel, 
1 „ Kriegsrats Titel, 

1 Registrator, 

7 Kanzelisten (darunter 2 Expedienten), 

2 General- und Gberkriegsgerichtsaktuaren, 
1 Auditeur, 

1 Grerichtswebel*®). 

Die monathchen Kosten betrugen 6015 Thlr. 12 gr. 



••) Zwei davon sollten die beiden Armeeinspf.'kteurs sein. 

") In die zuerst freiwerdendea Plätze sollten die Armeeiaspekteurs einrücken. 

*•) Gerichtsdiener. 



Die FonBlerungsvorschläge des Oicvalicr de Saxe 



33 



Damit schließen die Entwürfe des Chevaliers ab. Am 11. Juni 
reichte dieser sie Brühl ein und bat in einem Begleitschreiben, alle 
diese Pläne mögUchst rasch zu prüfen und die königliche Entscheidung 
darüber zu erwirken, „weil von deren längem Verschub der größte 
Schaden, und die übelsten Folgen vor Königl. Majt. Dienst zu be- 
sorgen sind". 



Die ersten Schicksale der Formierungspläne. 

Wenige Tage, nachdem der ChevaUer seine Entwürfe eingereicht 
hatte, rührte sich das G. K. R. C. WahrscheinHch hatte es von 
den Absichten des Marschall irgendwelche Künde erhalten. Schon 
unterm 14. Juni finden wir**') eine namenlose Einübe, „die Ent- 
behrlichkeit des Geh. Kr. R. Coli, betr."; hierm wird die Anrieht 
vertreten, daß das G. K. R. C. in seiöer jetzigen Beschaffenheit 
als „Civil-CoUegimn" seinen Angaben eher gewachsen wäre, da seine 
Mitglieder auch in , ,Rechtssachen eine wenigstens hinlängUche 
Wissenschaft" besäßen, und einen Einblick in die Landesverhältnisse 
hätten. „Ob nun wohl ausser Zweifel gestellet ist, und bleibet, das 
Generals-Personen die nöthige Capacitaet besitzen, und alle diese 
Kenntnisse haben und erlangen können. So dürften jedoch die 
wenigsten sich auf dergleichen im Detail zu appUciren, Zeit und Ge- 
legenheit gehabt haben, woran es ihnen auch femer ermangeln ^ 
würde, wenn sie im würckUchen Dienste bleiben." Eine ausschheßUch 
miütärische Besetzung des Kollegiums dürfte auch „bey dem Lande 
einige Aufmerksamkeit erwecken", immerhin könnte man ja „wenig- 
stens eine Generals-Person" als Kriegsrat hinzunehmen. Auch von 
einem Vorsitze des Chevaliers wollte man im Kollegium wohl nichts 
wissen, denn der 6, Paragraph der Denkschrift führt aus: „ZuweUen 
ist die Präadenten-Stelle denen Feldmarschällen anvertrauet, auch 
öfters unersetzet gelassen worden, welches alles dasjenige bestätiget, 
wovon eben dass der Geheime Kriegs-Rath von jeher nicht haupt- 
sächlich als ein Militär-CoUegium seine Bestimmung gehabt, Er- 
wehnung geschehen." 

Welchen Erfolg diese Quertreibereien der Kriegsräte hatten, 
werden wir im folgenden sehen. Auch sonst begannen Bedenklich- 
keiten wegen der hohen Sunoutnen laut zu werden, die der Chevalier 
nach seinen Plänen forderte. Bereits am 22. Juni beschäftigt sich 
ein Pro Memoria*®) des Chevaliers damit, wie man die Heeres- 
bestände verringern müßte, falls tatsächlich auf die Jahre 1764/66 
statt 5 060 559 Thlr. nur 4 484 000 Thlr. gerechnet werden könnten. 
Der Chevalier rechnet aus, daß dann die Armee um 

2016 Mann Infanterie, 

775 „ Kavallerie, 

266 „ Artillerie, 
zusammen um 3057 Mann geschwächt werden müsse und nur ein Be- 

8») Loc. 1186 p. 130. 
"ö) Loc. 30 303. 

3 



S4 Die ersten Schicksale der Fonnimngspläne. 

stand von 13646 Mann bliebe. Trotzdem würden noch J 00 000 Thlr. 
„zu denen allemöthigsten Anschaffungen, damit wenigstens denen 
Regimentern auf das ganz unentbehrlichste, etwas in Abschlag 
mit denen Lieferanten und Handwerckern Contracte geschlossen 
und ihnen Angeld gegeben werden könne". Aber dieser Vorsclilag 
blieb ohne weitere Folgen. 

"Vielmehr müssen die Pläne die königliche Zustimmung schon 
vor dem 2. Juh gefunden haben, und dies dem Marschall mitgeteilt 
worden sein. Wenigstens bittet der Chevalier am 2. Juli, ihm die 
Häne, „insofern sie, nach der mir gegebenen Versicherung die aller- 
höchste Approbation gefunden, von Ihro Majs. mit einem aller- 
gnädigsten Fiat bekleidet" zurückzusenden und zu weiteren Schritten 
autorisiert zu werden. 

Unterm 3. Juli erhielt der Marschall die ,,singirten und appro- 
birten" Entwürfe zurück. Sie waren durchgängig genelnnigt, „jedoch 
wären bei dem dienstleistenden General Stabe nur i General Lieute- 
nants imd 4 General Majors**) anzustellen, der Punkt wegen des 
Geh. Kriegs Raths CoUegii aber bleibt noch zur Zeit ausgesetzet". 

Die Art der königUchen Billigung läßt fast den Verdacht auf- 
steigen, als habe man höchsten Ortes sich gar nicht damit befaßt, 
Einzelheiten zu prüfen. Daß aber eine Ablehnung gerade im wich- 
tigsten Punkte erfolgte, hatte der Chevalier zweifelsohne den Herren 
löiegsräten zu danken, die um keinen Preis ihre angenehme Alters- 
versorgung verlieren wollten. Der Premierminister war natürlich 
, dabei ganz auf ihrer Seite, derm sobald neue Männer in das Kollegium 
kamen, mußte man auch seine Finanzmaßnahmen dort einer Kritik 
unterziehen, die bestimmt nicht angenehm für ihn wurde. Die 
Redensart „noch zur Zeit" war in WsÄrheit doch nur eine Vertagung 
ad Kalendas Graecas. Daß sich der Vorschlag des Chevaliers wegen 
Emmzung des Kollegiums schließlich doch noch durchsetzte, geschah 
wohl mehr „der Not gehorchend" 

Des weiteren befaßte sich das Schreiben vom 3. Juh mit der 
Finanäerung des Reorganisationswerkes. Das Geheime Conseil 
hatte „aus vorgestellten, sehr trifftigen Bewegungs-Gründen'^ davon 
abgeraten, den Ständen eine sechsjährige BewiUigung®^) vorzulegen. 
Deshalb sollte dem nächsten Landtage, der noch 1763 einberufen 
werden sollte, nm eine dreijährige BewiUigimg von insgesamt 
5 070 000 Thlr.") angesonnen werden. Davon entfielen eine Million 
auf die Erblande, „das übrige" sollte „von der Cavallerie-Ver- 
pflegung derer Lausitzischen, Stifftischen und anderen Miliz-Gel- 
dem" bestritten werden**). 

Ein Extraordinarium von 477 692 Thlr. „zu denen ersten An- 
sdiaffungen" sollte den Ständen gesondert „mit proportionirlicher 

") statt je sechs. 

") Unterm 18. August wurde der Chevalier zum Chef des G. K. R. C. und der 
Generalkriegskasse, Generalleutnant v. Nitzschwitz und GeneraLoiajor v. Loeser 
zu „Beisitzern mit Sitz und Stimme" ernannt. 
^ Auf die Jahre 1764/60. 

Auf 1764 und 1765 je 1 630 000 Thlr , auf 1766, inkl. der in diesem Jahre 
vorzunehmenden Extraaugmentation 1 760 000 Thlr. 
Loc. 115Ö. 



Die ersten Schicksale der Formierungsplanc 



35 



Zuhülffnehmung der Lausitz und Stiffter" abverlangt werden®«). 
Auch hatte da.s Geheime ("onscil angedeutet, daß der Generalkriegs- 
kasse ,,aus anderen Unscrm Gassen exclusive der Steuer®") Credit- 
Gassa, als welcher unter keinerley Vorwand einzugreiffen, mit drm 
ermangelnden succurirt werden müsste'*®®), falls diese Gesamtsumme 
von 5 4y7 592 Thlr. unaiifbringlich wäre. 

Das G. K. R. C. wurde unter gleichem Datum angewiesen, 
„den nach Massgebung dieses Bedürfnisses ohngefehr zu über- 
pflegenden Auswurff en Detail, wie solcher der Land-Tags-Proj^osi- 
tion einzuverleiben** auszuarbeiten und ihn dem Geheimen Conseil 
einzureichen. 



Der Landtag 1763.'') 

Am 7. August^**^) trat der Landtag endgültig zusammen. Die 
Landtagsproposition^^^), vom gleiche n Tage datiert, verlangte \on 
den Ständen für das Heer die obenerwähnten 5 020 000 Tlilr. \'er- 
pilegungsgelder auf drei Jahre 1764/(56 und das Extraordinarium 
von 477 592 Thlr. zu den ersten Anschaffungen. Das war an sich 
nicht übermäßig, wenn man in Betracht zog, wie die Armee von 
diesem Gelde reorganisiert werden sollte. Erwog man aber die all- 
gemeine Zerrüttung des Landes, so war die Forderung einfach un- 
geheuerlich, zumal das Heer doch nicht der einzige Punkt war, 
wo man die Finanzkräfte des Landes in Anspruch nehmen mußte. 
Man mochte das in Regierungskreisen wohl auch ahnen, denn der 
König-Kurfürst versprach ,,zvu' Erleichterung derer vorher erwa-hnten 
Militair-Praestandorum", ,,mit der nach jeder sonstigen L;mdes- 
bewilligung zugleich zu bestreitenden Abführung derer von denen 
ältesten Zeiten her erhobenen Chur- und Fürstl. Deputats des Bey- 
trags zur Tilgung alter Kammerschulden, und des Gorbitzer Tranck- 
Steuer-Aequivalents, obschon solche ein sehr ansehnliches jährliches 
Quantum von 121 625 Thlr. betragen", auf die Jahre 1764/66 ,, sonder 
die mindeste Consequenz und mit derer ausdrückhchen Vorbehalt, 
vor das Künfftige" zu verschonen. 

Ferner sollte die Rentkammer auf alle Rückstände der Gelder 
und die Kapitalszinsen verzichten, die während des Krieges entstanden 



Die Forderungen für die Jahie 1767/60 woUte man bis zum übernächste 

Landtage (1766) zurückhalten. 

^) Weil man im Falle eines solchen Eingriffs die Intervention der Steuer- 
kreditkassengläubiger (namentlich PreuBens) 2u fürchten hatte. 

Damit at^te also die bdiebte Brühlische Kaaaesxmtxigsm freilich weitar- 

blühen. 

Aus Gründen der Raumersparnis können die Verhandlungen des Landtages 
nur in den wesentlichsten Punkten und nur, soweit sie auf das Reorganisations- 
werk Bezug haben, hier behandelt werden. 

^^^) Nicht am 6. August, wie Flathe II. p. 505 sdueibt. Gretsdiel-Bülau 
III. p. 188 hat das richtige Dfttum. 
Loc. 437 L 

3* 



06 



Der Landtag 1763. 



,,in der auf dtMii letzten 
Landtage ao.: I74»)i«-^) 
festgesetzten Maasse" • 



waren. Ebenso stand der Hof von der Zahlung der jährlichen 
19 130 Thlr. ;3 gr. 3V2 sogenannter „Millionen Gulden Zinaen" 
und einiger anderer Summen ab. 

Im ganzen wurden den Ständen folgende Forderungen vor- 

A. Imo Jan. 1764— ulto. Dez. 1766 
die Land- und Tranck- Steuer 
die erhöhte Weinanlage 
die Impostenerträge auf 

1. gestempeltes Papier, 

2. Spielkarten 

B. Die Bewilligung einer denen vorher bemerckten Bedürff- 
nüssen gemässen Anzahl von Pfennigen und Quatembern 
Imo. Jan. 1764 — ulto. Dez. 1766. 

C. Da „durch diese modus eollectandi die Bedürfnüsse aufzu- 
bringen, nicht mögüch und thunlich", so dürfte „auf andere 
denen Grund-Besitzern und gemeinen Nahrungsstand weniger 
zur Last fallende Auskunfft-Mittel, wohin die Kopf- und 
Vermögens- Steuer vor andern gehöret zu reflectiren" sein, 

D. .,Die sonst gewöhnUche Erschüttung einer Metze Korn und 
emer Metze Hafer, von jeder unterm Pfluge getriebenen 
steuerbaren Hufe anderweit auf Drey Jahre" „zu Erlangung 
einiger höchstnöthigen Magazin-Vorräthe^*^). 

E. Die Land-Accise die Fleischsteuerabgabe „in der hergebrach- 
ten Masse" Und das Donativ der Ritterachaft^o*). 

Der Proposition liegen bei: 

Ein Summarischer Extract derer bey der Generals-Kriegs- 
Casse noch zu bezahlenden Tractaments und Pensions Rückstände 
vor den Militair-Etat, welche in denen Jahren 1746, 1747, 1748, 
1749, 1754, 1755 und bis ulto. Octbr. 1756 daher entstanden, weil 
die in denen jährlichen allergnädigsten Verpflegungs Reglements 
zum Bedürffniss des Militair-Etats ausgesetzten Fonds, theils nicht 
hinlänglich gewesen, theils nicht völlig eingegangen, und ferner 
1 mo. Novbr. 1756 bis ulto. April 1763 daher erwachsen, weil der 
(ieneral Kriegs-Cassa auf diese Zeit gar keine ordentlichen und hin- 
reichenden Fonds angewiesen gewesen, sondern nur monathlich 
etwas weniges in Abschlag bezahlet worden-" 

Die Beträge waren: 

auf 1746, 1747, 1748 .... 401 183 Thk. 2 gr. SV*^ 

» 1749 169 535 „ 21 „• 11 „ 

„ 1754, 1755 130 832 „ 16 „ 2Va 

» 1756 213 16 4 „ 9 „ 5 „ 

zusammen: 914 716 Thk. 1 gr. 9% ^. 

Die Bnchatabeneinteilung ist der Proposition entnommen. 

»•») Seit 1749 waren die Stände nicht mehr einberufen worden, daß dies 1763 
doch endlich geschah, war eine Bankerotterklärung der Brühlschen Politik. 

10^) Gleichzeitig wurde den Ständen ein Gutachten über des G. K. R. C. Vor- 
schlag eines näher als die Stadt Langensalza gelegenen Magazin-Ortes, in d^ Thü- 
ringischen Kreise" aufgegeben. 

Unterzeichnet ist die Proposition vom König-Kurfürsten und dem Präsi 
deaten des G^eimen Conseils CaH August Grafen v. Rex. 



Der Landtag 1763 



87 



Dazu kamen: 

„zu Tilgung derer Magazin- 
schulden vor die in anno 
1745 vom Lande gelieferten 

Magazin-Naturalia" .... 320369 Thlr. 3 gr. 10 ^ 

zusammen: 1235 085 Thlr. 5 gr. T-y^^. 

Die wiilirond des Krieges aiif^^claiifenen Rückstände waren: 

51 952 Thlr. 1 gr. 71/5 ^ 
359 749 



333 351 
313 937 
296 617 
276 442 
234 160 
76 0.36 

1 942 247 Thk. 
1 235 085 



ff 



ff 



ff 



ff 



ff 



8 
6 
13 
12 
9 
13 
8 



9 



2 gr. 
5 .. 



ff 



ff 



f» 



ff 



ff 



ff 



-3, 



ff 



1756 . . 

1757 . , 

1758 . . 

1759 . . 

1760 . . 

1761 . . 

1762 . . 

1763 . . 

zusammen 

dazu der Übertrag: 

3 177 332 thlr. 8 gr. öV^^aualoc: 6206111 

eine unabsehbare Schuldenlast. 

Ein ausführlicher Etat der Armee vom 26. Juli 1763^^) setzt 
die jährUchen Kosten des Heeres mit allen dazu gehörigen Korps 
und Instituten auf 

1 673 333 Thlr. 9 gr. an»*"). 

Unterm 11. August erfolgte ein Ergänzungsdekret an die Stände, 
welches begann: „£. getreuen Landschaft, ist erinnerlich, was von 
Ihro Königl. Majt. in Pohlen und Churfürstl: Durchl: zur Sachssen, 
an dieselbe wegen neuer und nutzbarer Einrichtung der Land-Miliz 
bei abgewichenen Landes-Versammlungen, in denen Jahren 1746 
und 1749 gebracht worden." Damals war ein diesbezügliches Pro- 
jekt, vom G. K. R. C. ausgearbeitet, unterm 30. Juni 1749 der Land- 
schaft vorgelegt worden. „Die inmittelst eingetretenen unglück- 
lichen Zeitläufte" hatten alle derartige Bestrebungen „gäntdich 
verhindert". 

Dem Dekrete lagen die „Anmerkungen, die Euorichtung der 
Creyos-Truppen betr." bei. Diese hatte der Che^^^er unterm 
4. August eingereicht*®*) imd erklärte sie als weitere Ausführung 
des Projekts vom 20. April"»). 

Diese Denkschrift lunfaßt 31 Paragraphen. Nach ihr soll ein 
Korps von 7200 Mann „Land- oder Reserve-Truppen" errichtet 
werden. Diese sollen im Gegensatze zu den bisherigen Kreistruppen 
nicht nur eine Art Landwehr sein, sondern in erster Linie auch dazu 
dienen, den ständigen Abgang im Heer zu ersetzen. Jedes der 
zwölf Infanterieregimenter erhält ein sogenanntes viertes Bataillon 
von 600 Mann aus den Leuten des Kreises zugeteilt, wo es steht. 
Der Abgang des Korps selbst (durch Einreihung in die Fronttruppen 

Loc. 437 I. 

Genaue Wiedergabe siehe ..Anhang". 
Loc. 1186, loc. 30 287. 
^**®) Siehe „die Formierungsvorbchläge des Chevaüers". 



38 



Der Landtag 1763. 



oder durch Tod, Alter, Ansässigkeit, Unentbehrlichkeit) wird snl,n t 
ersetzt. Den Soldaten ist es unbenommen, bürgerliche oder sonstige 
Hantierung zu treiben. Sie werden jährlich zu einer Art Übung 
eingezogen, sind im übrigen auf keine Weise in ihrer Arbeit be- 
hindert. 

Zum Reservesoldaten soll man nur Leute von 18 bis 30 Jahren 
nehmen, solche unter 21 Jahren müssen 70, die älteren 71 Zoll 
.,an Maase ohne Schu" haben. Nach erreichtem vierzigsten Lebens- 
jahre werden sie vom Korps entlassen, Kapitulationen gibt es nicht. 
Leute. ,,die ein wirkUches Glück machen" können, dürfen ohne 
Trauscheingebühr heiratenii^). Die Exemtionen gewisser Hand- 
werker sollen eingeschränkt^!^) werden. Die Soldaten werden nach 
ihrem Geburtsorte (forum originis) ausgehoben, „nicht da, wo sie 
nur auf einige Zeit dienen oder sich aufhalten" und ,,wen sich fände, 
dass dergleichen Leute, so blos um sich diesem Engagement zu ent- 
zielien, an andere Orte ausgetreten wären, möchten sie billig zu be- 
strafen seyn, wenn solches vorher mittelst Verbotes bekannt ge- 
machet würde"^), weilen sie sonst von einem Ort zum anderen gelien, 
und endlich pure Landläufer werden dürften". Die Genit-mden sollen 
ihnen außerhalb der Exerzierzeit Arbeit verschaffen, „weilen sie 
sich anderwärts nicht vermiethen können". 

,,Da diese Leute, auf gewisse Art doch als würkhche Soldaten 
anzusehen sind sollen sie auf besonders modifizierte Kriegsartikel 
verpflichtet und nur im Kriegsfalle wir Wich vereidigt werden. 
Während der Exerzierzeit unterstehen sie den Kriegsgerichten, in 
der übrigen Zeit ihren Heimatsbehörden. D(.ch schon vor dem 4. Au- 
gust mußten dem Chevaher Stimmen zu Ohren gekommen sein, 
die wieder diese Einrichtung einige Gründe angeführet, ja so gar 
die Ohnmöglichkeit vorgeschützt" hatten. Er sucht sich vor allen 
gegen den Vorwurf zu wehren, „dass durch die Einrichtung solcher 
Creyss-Truppen ein gewisser militärischer Zwang heraus kommen 
würde, welcher das angenehme, das freye \\ osen in unserm Sachsen - 
lande aufheben, und der Bevölckerung^ im Lande so schädlich seyn 
dürfite, wie das militärische Gouvernement in den benachbarten 
Landen" 11-^). Auch glaubt er, gegebenenfalls auf die Bezeichnung 
der Truppen als vierte Bataillon und die Ergänzung der Frontarmee 
aus ihnen verzichten zu können^^*). 

Das Geheime Conseil sprach sich unterm 11. August wenig 
günstig über die Vorlage aus. Es betonte^ ,,auf dem natürlichen 
Wege der Population wird es wenigstens eine ganze Generation 
hindurch" währen, ,,ehe hiesige Lande hierunter wiederum in den 
vorigen Stand konunen". An Geldmangel und Leutenot müsse 



^^**) Später merkte der Prinz Administrator eigenhändig dazu an: „Em jeder 
kann heyrathen. wie er wiD, nur nicht zur Exerder Zeit, ein zu dieser Zeit gethanes 
Versprechen ist ungültig." 

1^1) „Weilen sonst alle Bauer - Jungen, noch mehr als jetzo geschiehet, der- 
gleichen Handwerker lernen würden." 

1") Noch 1768 gab es keine Strafbestimmungen für Austritt aus dem Lande, 
um der Rekrutierung zu entgehen. 
"3) In Preufien. 

^^*) Das waren die Paragraphen 6. 7, 8. 9* 10 und 20. 



Dar Landtag 1703 



39 



das Werk sclicitorn. Recht gehässig gegen den Chevalier und be- 
zeiclmend für die kläghche Angstmeierei des Kollegiums waxen 
folgende Ausführungen^^^). 

,,Und der S 14 gebrauchte Bewegungs-Grund, wie dass wohl 
zwischen hier und Ao. 1766 sich Fälle ereignen könnten, die eine 
geschwinde Vermehrung der Armee erforderten, scheinet uns so gar 
von der Art zu seyn, dass wenn er an das Land^^®), mithin in das 
Publicum gebracht würde, solcher bey Auswärtigen Aufsehen und 
schädliches Misstrauen erregen, bey dem Lande selbst aber den 
wiedrigsten Einfluss in die Landtags-Handlungen und Bewilligungen 
haben würde/' Überhaupt wünschte das Kollegium ,,eine Entfernung 
von allen denenjenigen Maass-Reguln, wodurch bey mächtigen 
Nachbarn Ombrage verursachet, und Ew. Köuigl. Mait: Lande in 
neue Unruhen eingeflochten werden könnten". 

Dann konnte man ja auch gleich die ganze Reorganisation 
•unter den Tisch fallen lassen. Der Paragraph, den das Geheime 
Conseil so fürchtete, war übrigens ganz harmlos. Der Chevalier 
hatte darin die Truppen eher als 1768 gewünscht, weilen man die 
zwischen hier und 1766 zu erwartenden Conjunkturen nicht voraus- 
sehen kann". Man hat oft in dem Verlaufe der Verhandlungen das 
Gefühl, als arbeite das Conseil bewußt gegen die Armee, ein Gefühl, 
das auch die Zeitgenossen teilten, denn in den Akten^^") wirft man 
dem Geheimen Conseil gelegentlich vor, es sei „antimiütaristisch'* 
gesinnt gewesen. 

Der Chevaher war denn auch bestürzt, als er erfuhr, wie seine 
Worte ausgelegt worden waren. Er schrieb am 1. September: „Ich 
würde mir es zu einem ewigen Vorwurf machen, Ew. Königl. Majs. 
etwas anzurathen, welches dergleichen üble Folgen mit Grunde 
vermuthen liesse." Nochmals betonte er den innigen Zusammen- 
liang des Landtruppenplanes mit dem ganzen Reorganisationswerke 
imd erinnerte warnend an den Zusammenbruch von 1756. 

Am gleichen Tage meinte er auch, in einem Begleitschreiben 
an Brühl: ,Jch weiss auch bereits im Voraus, dass diese Sache denen 
Land-Ständen nicht so fürchterlich vorkommen wird.'* 

Inzwischen hatten die Landtagsberatungen eingesetzt imd als 
ihr erstes Ergebnis kam am 6. September die sogenannte Präliminar- 
schrift^^®). Sie enthält die Wünsche der Stände^^^) zu dem Punkte 
Miütaria: zu Kommandanten und Offiziere, „die dazu qualifizierte, 
der Augspurgischen Confession zugethane, getreue Vasallen und 
eingebohrne Unterthanen, vorzüglich zu nehmen", „deren Kinder 
unter das Corps de Cadets in Conformitaet der von Ew. Kön^L 
Majt. beim Landtage de Anno 1716 unterm 2L Marty« in der auf 

1») Loc. 30 287- 
Die Landstände. 
Loc. 1186. 
Loc. 1186. 

tJber den Gang der Landtagsverhandlungen im allgemeinen ist sehr unter- 
richtend: Dr. Oskar Hüttig. Der Kursäcbsisclxe L^dtag von 1766. Leipziger Disser- 
tation 1902. p. 41 flg. 

uo) Ritterschaft und Städten. Die Prälatenpi&liminaisdmft bringt die 
Reichen Wüns^ unterm 7. S^tember. 



40 



Der Landtag 1763. 



die Praeliminar-Schrifft ertheilten allergnädigsten Resolution ge- 
gebenen theiiersten Versicherung vor Fremden aufgenommen, nicht 
minder bey der Armee erförderUche Bedürfnisse, ohne alle Restrietion 
und Ausnahme, im Lande erkauffet und angeschaffet werden 
aollen 

Das Königliche Dekret vom 19. September erklärte, der König- 
Kurfürst könne von den militärischen Forderungen der Proposition 
„nicht abgehen", sondern müsse darauf finaliter bestehen". 

Nunmehr wurden die Stände unterm 27. September dahin 
vorstellig, daß von den geforderten 1 673 333 Thlr. 8 gr. — ^ zu- 
nächst 810 *.*27 Thlr. — gr. — ^ abzuziehen seien^^^), die noch 
übrige Summe bezeichneten die Stände aber inmier noch als un- 
erschwin,£flirh. 

Damit schien ein Konflikt zwischen Ständen und Regierung 
unvermeidlich. Der König-Kurfürst, dank Brühls \'erschleierungs- 
bemühimgen, hnmer noch in Unkenntnis über die wahre Lage des' 
Landes, muLUe bei den Ständen Böswilligkeit vermuten. Das Re- 
organisierungswerk lag ihm außerdem personlicli am Herzen. Di'^ 
Stände ihrerseits konnten nicht anders, als immer wieder die Un- 
fähigkeit des Landes betonen. Da ereilte am ö. Oktober den Fürsten 
ein jäher Tod. 

Mit Friedrich Christians Regierungsantritt war der drohende 
Konflikt sofort beseitigt, denn der junge Kurfürst kannte Sachsens 
Notlage. Schon am 12. Oktober ermäßigte er die Militärforderungen 
auf 1 000 000 Thlr. ^^2) ^„^(j ^uf erneute Vorstellungen der Stände 
BchließUch auf 850 000 Thlr.i^^), indem er 150 000 Thlr. aus eigenen 
Mitteln zu zahlen versprach. Diese Summe wurde denn auch von 
den Ständen bewilligt^^*). 

Ein besonderes Geschick hatte der Reservetruppenentwurf. 
IMe Stände schwiegen sich anfangs ganz darüber aus und so klagte 
der Chevalier noch am 14. November^*^) „es hatte auch völlig das 
An^hen, dass die Sache zum Stande konunen würde". „Wie nun 
aber seit dem nichts weiter davon zu vernehmen gewesen ist", so 
fürchtete er, „es möchte der iezige Land-Tag, ohne dass diese Sache 
völlig aus gemacht werde, sich beendigen". Er glaubte sogar, daß 
ohne dieses Korps „die dermahlen 6tablirte drey Bataillons in einem 
R^mente zu Fuss viel zu schwach" und wieder zur zwei einzuführen 
sein würden. 

Fanden die Pläne den Beifall der Stände, so war damit aller- 
dings viel erreicht. Die gewaltsamen Anwerbungen*^®), die Klagen 

»1) Loc. 6206 IV. Die jährliche Gesamtfordenmg erhöhte ^ch durch das Drittel 

des Quantums für erste Anschaffungen um 159 197 Thlr. 8 gr., abgezogen werden 
sollten davon; die Lausitzischen und stiftischen Mihzi^clclcr, die Schwarzburgischen 
und Stollbergischen Äquivalentgelder, die „ohne BewiUigung ausgeschriebene Ca- 
vallerie-VerpÜeguog", zusammen 810927 Thh., damit blieben noch 1 021 ü02 Thlr. 
6 gr. zu bewilligen. 

1") Loc. 6205 V. p. 68. 

Dekret d. d. 22. Oktober 1763, loc. (3205 V. p. 192 ffg. 

Bewilligungsschrift d. d. 12. November 1763, loc. 6189. 

Loc. 1186. 

Darüber beaoaders in dem Abschnitte „Die Rekrutierung 1763/66". 



Der Landtag 1763. 



41 



ohne Ende veranlaßtcn, fielen weg, im Lande wurden die feindselig 
getrennten Lager Zivil und Militär vereint. Den jungen Burschen 
wurde die Angst vor dem Soldatwerden benommen und dem Heere 

ward eine nationale unerschöj>fliche Ergänzungsquelle gesichert. 

Allerdings hatte die Einrichtung auch viele Nachteile. Sollten 
diese Reservesoldaten stets bereit sein, eventuell ins Heer ahs PIrsatz 
für Abgang einzutreten, so war bei ihnen von Sicherheit des bürger- 
lichen Berufes gar keine Rede. Da überdies die Stelle dieses Reserve- 
soldaten im Korps neu besetzt werden mußte, so beunruhigte dieses 
fortwährende Hin und Her bestimmt auch den Nahrungsstand. 
Ferner mußte die Neuausrüstung von 7200 Mann erhebliche Kosten 
verursachen^^';, i'.nf) (1) v.v^ Ende im Kriegsfalle diese Halbscldaten^^^) 
an moralischer und physischer Tüchtigkeit den Frontsoldaten gleich- 
kamen, war immer noch fragwürdig. Eine Begutachtung^^®) des 
Reservekorpspkmes meint, daß es ..p;' wiss keine bessere Idee und 
bequemeren Vorschlag zur beständif^'. n Rekrutierung ' geben künn(\ 
sobald Armee und Landeskassen in Ordnung wären; das war aber 
1763 keineswegs der Fall. 

Die Landständ:' lehnten nun endlicli den Vorschlag auch nicht 
einfach ab. In (Muem Gutachten^^^) legten sie alle ihre Wünsche 
und Besantandungen bei dem Reservekorpsplane nieder. Zunächst 
glaubten sie, daß das Projekt wegen Menschenmangels erst ,,nach 
Verfliessung einiger Jahre", sicher aber nicht vor dem nächsten 
Landtage ausführbar sei. Von einer Bezeichnung des Korps als Re- 
servetruppen und seiner Verwendung als viertes Bataillon, das den 
Armeeabgang ersetzen sollte, wollten sie aber überhaupt nichts 
wissen. Die Truppen sollten nur bei einem feindlichen Einfall mobil 
gemacht werden dürfen. Zunächst wünschten sie. daß IT*^") und 
1766 je eine Hälfte der Soldaten repartiert würde. ,,Die würckliche 
Gestellung'' aber sollte erst 1767 erfolgen, ebenso die ,,Enrollierung" 
der Leute auf den nächsten Landtag verschoben werden. Was also 
die Stände aus des Chevaliers Vorschlag gemacht hatten, war etwas 
ganz anderes als er beabsichtigt hatte. 

Daß man unter diesen timständen 1766 darauf verzichtete, 
das Reserve korps in die neue Landtagsproposition aufzunehmen^^^), 
war wohl verständlich. Es nützte in dieser Form nicht mehr als die 
alten Kreistruppen. Schließlich verschwand das ganze Projekt 
völlig von der Bildfläche und tauchte nie wieder aut. Ein über- 
mäßiger Schaden war das aber kaum^^). 

„Unmassgebliches Gutachten" d. d. 18. September 1763 in loc. 30 287 
veranschlagt die Kosten einer einzigen ,,nionathlichen Uebung" auf 60 000 Thlr. 

^'') »Was soll so ein Mittelding zwischen Soldate und Bauer!" Kurzer Aus- 
zug dessen, was auf in- und ausländische Werbung be\' der CbL Sachs. Armee seit 
1763 vorgetragen und angeordnet worden" in loc. 1186. 

Dienstliche Erinnerungen d. d. 28. September 1763 in loc. 30 287- 
„Gutachten wegen Errichtung der Creyss-Truppen" von Ritterschaft 
und Städten d. d. 10. Oktober 1763. loc. 30 287. 

1*1) Reskript an Geheime Rate d. d. 16. April 1766 und das KatnnettsprotokoU 
d. d. 17. Dezember 1765. 

Es war der einzige Entwurf des Chevaliers, der nachweislich auf preu- 
ßische Vorbilder zurückging und bei den sächsischen Verhältnissen kaum erfreuliche 
Wirkungen gehabt haben wurde. 



42 



Der Landtag 1763 



Weit schlimmer war es, daß die Armee minmehr statt der er- 
fordtirlichen 1 673 333 Thlr. jährlich nur 1 000 000 Thh*. zur Ver- 
fügung hatte. Wie das Reorganisationswerk bei diesen beschränkten 
Mitteln zustande kommen sollte, war eine offene Frage. 



Die sächsische Armee. 

Nach Erörterung der Maßnahmen, die 1763 geplant worden 
w<uen, um die sächsische Armee wieder auf kriegfähigen Fuß zu 
bringen, ist es erforderhcli, ein Bild von eben dieser Truppe zu ent- 
werfen, um zu sehen, aus welchen Elementen sie sich zusammensetzte, 
und welcher Geist in ihr herrschte. 

Das sächsische Offizierkorps war viel weniger exklusiv als das 
preußische. Auch ni Sachsen überwog zwar der Adel, aber es gab 
zahlreiche bürgerliche Offiziere in fast allen Regimentern^^^. Dieser 
geringere Abschluß war zweifellos vorteilhaft, denn er sicherte dem 
Korps frisches Bhit und tüchtige Leute, die in Preußen trotz ihrer 
Begabung abseits stehen mußten. Durch den Krieg waren einzelne 
Unteroffiziere ihrer Verdienste wegen^^*) in den Offiziersrang auf- 
gerückt. Überhaupt hatte die Zeit, wo der Mann galt und nicht der 
Stammbaum, mit manchem Vorurteile aufgeräumt. Zwischen adehgen 
und bürgerlichen Offizieren herrschte gute Kameradschaft. Dazu 
trug wohl auch bei, daß adehge Offiziere vielfach vermögende Bürger- 
töchter heirateten. Man drückte da gerne beide Augen zu, wenn die 
Herren dabei Fortune machen'' konnten, denn es mußte daran 
liegen, die kargbezahlten und meist armen Offiziere in auskömmliche 
Verhältnisse zu bringen^^^). 

Aber man konnte sogar ,,arm und übel" heiraten*»*), wenn 
man nur sonst ein brauchbarer Offizier war. Alles ging natürlich 
nicht durch, aber es dauerte schon lange, ehe man zum äußersten 
ächritti37). 

Der Herkunft nach waren die Offiziere meist Landeskinder**®). 
Das Korps selbst sah Ausländer nicht übermäßig gern. Die Über- 

1**) Außer bei den Garder^menteni. 

Vgl. Aster. Beleuchtung der Kriegswirren zwischen Preußen und Sadisen 
vom Ende August bis Ende Oktober 1756. Dresden 1848 p. 487/88. 

"5) Vielfach knüpfte man an die Heiratserlaubnis die Bedingung, daU die 
Ehefrau von vornherein auf ihre zukünftige Witwenpension verzichtete, was der 
überlasteten und verschuldeten Pensionskasse eine wünschenswerte Erleichterung bot. 

136) der Rittmeister v. Goeßnitz (Churfürst Cuirassiers), loc. 30 288. 

»37) Sousleutnant Steiniger (Anton Infanterie) wurde 1764 entlassen. Von 
ihm sagt die Konduitenliste: „ist alt, trinckt gern und hat eine Frau von schlechtem 
Herkomcn, die barfuss auf der Gasse gehet und mägdedienste verrichtet", loc. 303(fö. 

"») Bei der Kavallerie etwa bei der Infanterie •/«. ^ Artillerie sogar 

•/t des Bestandes. 

Tabellarisch zusammengestellt war die genaue Ziffer: 

Kavallerie: 1766 1767 1768 1769 

Inländer 218 227 * 247 238 

Ausländer .... 118 III 119 131 



Die sachsische Armee 



43 



fliituiig des sächsischen Heeres mit pohii. sehen Edelleuten ebbte 
auch nach dem Verluste der Krone Polens bald ab. Internationale 
Abenteun r zweifelhafter Herkunft wie in den preußischen Frei- 
bataillons^^*^) gab es kaum^^**). Die Ausländer'' waren meistens 
Reichsdeutsche aus anderen Staaten. Der sächsische Adel wünschte 
auch, das Heer als Versorgungsanstalt für jüngere Söhne zu haben, 
und hat es dem Prinzen Administrator nie verziehen, daß er in seiner 
Umgebung eine Anzahl ausländischer Offiziere behielt, ein Vorwurf, 
den man bereits dem Premierminister Brühl gemacht hatte^*^). 

Der Durchsclmitt der Offiziere waren brave, fachtüchtige Leute, 
große Bildungslast^*^) drückte sie nicht. Ungeeignete Elemente, 
die in der Brühischen Sintflut ganz bequem existiert hatten, ent- 
fernte der große Besen des Jahres 1764^^^). Mit der Feder waren 
nicht all( ^''^'i^^hmäßig vertraut, so mancher schrieb seine eigene 
Rechtschreibung^**) , und ein zusammenhängender Brief war für 
viele, auch hochgestellte Herren^*^) ein Kreuz. Seit 1764 freilich 
drang man darauf, daß in Zukunft bei Besetzung höherer Posten^**), 
die Bewerber ,,in der Feder" geschickt waren. Das kam ihnen auch 
bei einer ev. Zivilversorgung zustatten. 

Von übertünchter Höflichkeit war das sächsische Offizierkorps 
auch nicht angekränkelt. Ausdrücke von erfrischender Derbheit 
gehörten zum alltägUchen Sprachgebrauche des Offiziers aller 



Infanterie: 


1766 


1767 


1768 


1769 




. 490 


487 


468 


626 


Ausländer . . . 


. 161 


165 


167 


187 


Artillerie: 


■ 












55 


55 


? 


Auslander . . . 


7 


9 


9 


? 



oacii loc. 1158 
IV. V. 

Z. B. der bekannte „von" Meyer, 

^**) Prenüerleutnant Wosterbarth, von Schillhnsaren zu Sacken übernommen, 
wurde entfernt, „weil er als ein gebohrener Jude nicht nur bey seinen Mit-CameradOT, 
sondern auch bey dem gemeinen Mann selbst in Verachtung fällt", loc. 1158 IV. 

^*^) Beyträge i,aein Korp^ Adjutanten» weldies aus allerhand Natiosien be- 
stehet" p. 12. 

Sousleutnant George Ferdinand v. Bomsdorff (Churfürst Cuir) ,,ist gantz 
roh, und was man dumm nennen kann, auch ohne Dienstbegier und fehlet ihm an 
der Education" k>c. 30 288. 

Obrist V. Uetterodt (Kommandeur von Gotha Infanterie) „hat vor 8000 
Thlr. den Obristen Platz und Caractere adlert erhalten, hat im Dienst nicht viel 

Einsicht und hat Hülfe sehr nötig um ein Regiment in Onlming zu halten". — 
Generalmajor v. Gräften (Kurfürst Kürassier) ,.ist sehr eigenniilzic:. welches auch 
mit in Herrn Dienst einschlägt und lässt sich von einer bey sich habenden Weib- 
person gänzlich dirigieren, durch welche auch die Avancements im R^;imente vor- 
geschlagen werden", loc. 302^. 

So vor allem der Allweltserfinder Premierieutnant Gerum, er schreibt, 
er habe , .alles wass ich habe in mein Vermögen gehabt, zu gesetzet u. mein Weib 
und Kinder auch alles abgeriessen". Er arbeitete auch eine „Ordre de Batallie" 

aus und entwarf Kardetzen", loc. 30 307. 

Regimentschef Graf Solms Zeitz d. d. 30. März 1764 an Xaver, ,,den 11. 
oder 12. hoffe ich die gnade Ew. K. H. die Hand zu küssen, die w^e sind horrible 
ich tun mit 6 Pferdten IVi stunden in einem loche stecken geUiebrai", loc. 90 303. 

^**) Besonders der MajoxssteDen. 



44 



Die sachsische Armee. 



Grade**'), und verirrten sich zuweilen sogar in dienstliche Rapporte"«) 
und Druckschriften**^). Schließlich war es auch kein Wunder, wenn 
die Mehrzahl der Offiaere allmählich verbauerte. Oft in kleine 
Nester quartiert^^®), ohne Mittel und ohne genügende Vorbildung 
unfähig, sich weitere geistige Anregung zu verschaffen, verbittert 
durch trfibe materielle Lage, trieben die meisten in eine Art Hand- 
werkertum hinein. In den geistigen Mittelpunkt des Landes, nach 
Dresden zu kommen, winkte der Mehrzahl niu: bei Abkomman- 
dierungen, Erbschaftsregulierungen oder Lehensangelegenheiten*|^). 
Wer Verm^en hatte, nahm rieh wohl einmal Urlaub, um ach 
gründlich zu amüsieren, nicht um sich zu bilden. Außerdem sah 
man höchsten Ortes die anschwellende Flut von Urlaubsgesuchen 
nicht gern. Was man in der Armee damals las, zeigt das Bächerei- 
verzeichnis des Premierleutnant v. Metzradt"*). Sein Bücherschatz 
bestand aus den Bänden: „Ninon von Lendos Leben und Briefe" 
und — „Thomae von Kempis Bücher von der Nachfolge Christi". 
Manche gerieten auch in zweifelhafte Gesellschaft^^), andere tranken, 
und fast alle spielten. Ja, die Hasardspiele nahmen daran überhand, 
daß der Administrator unterm 22. Dezember 1766«*) „sämtliche 
Hasard-Spiele mit Charten, Würfebi, oder wie sie sonst erfunden 
werden mögen, als da sind das sogenannte Trischack, Pharao, Bassette, 
Lansquenet, Quindici, Trente et Quarante, Biribi, Passedix pp. 
und alle übrigen Spiele, welche nur erwähnten in der Art, oder doch 
darinnen, dass sie vom Glück imd Zufalle hauptsächlich abhangen, 
gleichkommen, nebst denen Wetten darüber", verbot, „da das Ha- 
sard-Spielen, zum Nachtheil der Ehre von der Armee^^^), bey dt r- 
selben um sich zu greiffen beginnt''. Als Strafe stand darauf Kas- 
sation für die Offiaere, „empfindliche Leibesstrafen" für Unter- 
offiziere und Gemeine. Über den Erfolg dieser Maßregel verlautet 
nichts. 

Außer dem Urgründe aller solcher Übel, der Langweile, trieb 
manchen Offizier wohl auch seine Geldkalamität an den Spieltisch, 



1«) R. K. Graf Solms schreibt Zeitz d. d. 12. April 1764. ..Der Hl. Wurm 
hat hier raisoniert von dem Militair wcsen wie ein Kiitzsch pferdt, alle Lenthe sagen 
er verstände von dem comertzwiesen gar nichts und wird doch darinnen gebraucht", 
loc. 30 303. 

Armeeinspekteur Graf Löser d. d. 28. Septbr. 1767. Die Armut mache 
den Premiwieatnant Wosterbarth „ganz dottend", loc. 1158 IV. 

Der Verfefcsser der „Beyträge" kennt die Ausdrücke Schmu" = Betrug 
(p. 17). .,ins Gelag hinein todt schmeissen lassen" (p. 40). „die Hände in den Schub- 
sack stecken". 

«») Oft in Dörfer. 

»«) Darüber sehr unterrichtend loc. 30 282 „Extracte aus denen m die Armee 
ergangenen Ordres." Über den jährlichen Gamisonwechsel in Dresden, siehe Anhang. 

1") K. A. loc. 1863. 

"3) i^c. 1158 IV. Premierleutnant Carl August Müller (Arnim Cuir) „Seme 
Aufführung und niederträchtige Gesellschaften wären dergestalt beschaff^i, dass 
sich seine Cameraden bey nahe schämten. Dienste mit ihm zu thun". Einem an- 
deren war die ,,Pauemges e llschaft die liebste". 

Loc. 434 XIV. 

^*^) Die trüben Folgen solcher Spiele beleuchtet der Fall des erstochenen Kitt- 
meisters V. Werthem. Die Akten darüber K. A. loc. 1826. 



Die sächsische Annee. 



46 



,,da die allerwenigsten Offiziere sich einiges, und zum Theü geringen, 
die mehresten aber gar keines eigenen Vermögens zu erfreuen*^®) 

hatten*'. 

Die Finanzlage ist überhaupt der dunkelste Punkt in der Ge- 
schichte des damaligen Offizierkorps. Die meisten waren eben von 
Haus aus „arm und schuldig ' wie der Regimentskommandeur 
V. Ronnow^^*^). Die Traktaments waren unter Brühl gar nicht, oder 
mir in Papiergeld von minderwertiger Geltung und außerdem mit 
allerlei Abzügen gezahlt worden. Der Krieg zerstörte vollends eine 
gesunde Geldwirtschaft, die Offiziere mußten eher noch zusetzen^^'*), 
statt bezahlt zu werden. Und selbst nach dem Kriege, unter den 
geordneten Verhältnissen der Administration war wenig Besserung 
zu spüren. Einmal lag das an den geringen Gehältern der Offiziere, 
die sogar noch etwas verringert wurden. Für einen einzelnen Mann 
mochten sie gerade noch reichen, für einen Familienvater aber war 
es einfach ausgeschlossen, ohne Privat vermögen davon zu leben. 
Daher kommt es wohl auch, daß die Offiziere vielfach Junggesellen 
blieben, oder aber auf Mitgif tjagd gingen. 

Die Capitaine aber konnten kaum auskommen, weil sie alles, 
was ihre Kompagnie brauchte, von dem Geldquantum bestreiten 
mußten, das sie aus der Kriegskasse erhielten*^^). Bei ganz geord- 
neten Zuständen ging das vielleicht sogar rücht- ohne Nutzen zu 
machen, aber bei den fortwährenden Verlusten von Mannschaft 
und Ausrüstungsgegenständen durch Desertion gerieten die Kom- 
pagnieinhaber immer in Verlust, wenn sie ihre Leute ordentlich 
halten wollten- Zum Ruhme des sächaschen Offizierkorps sei es 
gesagt, daß trotzdem ein schöner Wetteifer unter ihnen war, die 
Kompagnien allezeit tadellos zu halten^*'). 

In manchen Regimentern war die Armut geradezu allgemein"*). 
Hatte ein Offizier sich trotz allem, in bescheidenen Verhältnissen 
lebend, verheiratet, so sah es um seine hinterlassene Familie trüb 
aus"2). Außer Schulden vererbte er gewöhnlich nichts. Die Pension 
war gering. 

Wollte man also dem Offizierkorps von Grund aus aufhelfen, 
so hätte man finanziell ihm beispringen müssen. Aber das erlaubten 



«•) Vortrag des Chevaliers d. d. 15. August 1764 loc. 434 XIII. Von dem 
Chevalier selbst liegen einige Dutzend Bände Schuldfoidenuigen aus seinem Nach- 
lasse im Kriegsarchive. 

»') Loc. 30 288. 

Der aggr. Oberst Johann Ka^r Pfundheller hatte im Kriege über 16 000 

'!nür. zugesetzt, loc. 1156. 

^^*) Über das \^'irtschaftswesen der sächsischen Armee wird bei der •»Rekru- 
tierung 1763/68" noch mehr darüber zu sagen sein. 

Die skandalösen Unterschleife der französischen Offiziere in der Fremden- 
legion trotz reichlicher Bezahlung zeigen, wie hoch man dies veranschlagen muß. 

Oberst v. Carlsburg an Xaver Naumburg d. d. 28. Februar 1766, loc. 30 282. 
An Sousleutnant v. Thielen verUert das Regiment (Xaver Infanterie): „den eintsigen 
Officier. so vor sich ein hübsches Vermögen besitzet". 

Generalmajor v. Roemer hatte „nichts als Schulden hinterlassen", 
loc. 30 286. Die Witwe des Otmstieutnants Vitzthum v. Eckstädt klagt, ihr Gatte 
habe „alles das seinige im Kriege, und durch Unglücksfälle zugesetzet, und Ihr nebst 
zahlreicher Famihe nichts als ein kleines sehr beschwertes und ruinirtes Güthgen 
hinterlassen", loc. 30 285. 



46 



Die sächsische Armee, 



die leeren und in Anspruch genommenen Ka.ssen nicht. Man konnte 
nur „dem Mihtairstande, welchem es an enier denen damit ver- 
knüpften Gefahren und fatiguen pro]-»orti()nierten Geld Belohnnng 
grösstentheils ermangelt, die billige Ermnntenmg von der Seite 
der Ehre" geben^**^). Von diesem G(^sielitspunkte aus ward iTGt 
die Hofrangordnung umgearbeitet, und die Offizier(^ erhielten in 
ihr „einen höheren, als den hisherigen Rang durchgängig bey- 
gäeget". Übrigens hatte schon Friedrich Christian die Uniiorm 
für die eigentliche Hofkleidung erklärt und befohlen i**^), daß auch 
Kammerherrn und Kammer] unker, soweit sie Offiziersrang besaßen, 
in ihr erschienen. 

Die Wiedererrichtung des St. Heinrichsordens durch den Prinzen 
Administrator schlössen die Bestrebungen dieser Art ab. Der Offizier- 
stand blieb also trotz steigender Ehrenstellung und unbestrittenem 
Ansehen nach wie vor in beklagenswerter Dürftigkeit und beinahe 
sprichwörtlicher Armut mid Verschuldung. 

Über das Verhältnis der Offiriere zu ihren Ünteroffizieren und 
Gemeinen erfahren wir leider aus jener Zeit nichts. Wahrscheinhch 
hegt dies daran, daß zwischen dem Offizierkorps und den Unter- 
gebenen eine so breite Kluft war, wie wir sie uns heute kaum vor- 
stellen können. Das persönliche Interesse für die Mannschaften, 
das heute jedem tüchtigen Offizier der Front eigen ist, fehlte gänzUch. 
Der Maim war seinem Befehlshaber nur ein „Kerl", eine Nummer, 
deren Fehlen allenfalls bei Musterungen unangenehm war, die aber 
ebensogut oder noch besser durch eine neue Nummer ersetzt werden 
könnte. Dem Kompagniechef war der „Kerl" außerdem ein Stück 
bares Geld, dessen Verlust in erster Linie ein rein geschäftlicher 
Schaden war***). 

Die Unteroffiziere, aus dem gemeinen Soldatenstande hervor- 
gegangen, waren allenlallö das einzige Bindeglied zwischen Offizier 
und Gemeinen. Sie müssen in Sachsen meist tüchtige Leute von 
nnzweifelhafter Treue gewesen sein, wenigstens weist dies ihr Ver- 
halten bei dem Zusammenbruche 1756 aus, wo sie es meistens waren, 
die größere Revertentenabteilungen sammelten und Sachsens 
Verbündeten zuführten. Sie standen dem Gemeinen näher als dem 
Offizier, manchmal stifteten sie sogar Desertionsverschwörungen 
an und'leiteten sie. Die sehr gebräuchhche Strafe der Degradation 
auf Zeiti^ß) bei gewölmhchem Soldatentraktament imd Dienst trug 
wohl mit dazu bei. 

Der gemeine Soldat der sächsischen Armee ist eine besondere 
Erscheinmig, die ihresgleichen in den zeitgenössischen Truppen 
anderer Mächte kaum hat. Warben andere Truppen, und vor allem 

1") An den Chevalier d. d. 9. Oktober 1764, loc. 434 XIII. 

^**) Befehl vom 9. Dezember 1763, loc. 1186. 

Wie sich die Anffassimg, daß der Verlust eines Soldaten dem Hauptmann 
(Capitaine) besonders unangenehm war, sogar im Volke verbreitet hatte, zeigen die 
Worte des Liedes: ..Lippe Detmold, eine wunderschöne Stadt", wo der^ Hauptmann 
ausrult: „Womit soll ich führen meinen Krieg, weil mein Soldat ist tot", was durch- 
aus nicht scher^iaft gemeint ist. 

^ JetBt noch in di^ fraasönschai Fmndenlefl^ gebrincbuch. 



Die saclisische Annee« 



47 



Preußen die Soldaten an, wo sie gerade welche bekamen, so war die 
sächsische Armer im Hauptb.'stande national. Trotz der Bemühmigen, 
nach dem Kriege fremde Leute zu werben, um das Land zu entlasten, 
blieb dies bestehen. Der Rekrutenschub von 1768 unterstrich den 
nationalen Charakter des Heeres noch melir^®*^). Auch die mehr oder 
minder ,,lreiwilhge Werbung im Lande", dit in Wahrhdt freilicii 
trotz aller Gegenmandate nu-ist sehr unfreiwillig geschah, trug dazu 
bei. Zu uinfangreiclier Auslandswerbung fehlte es an Geld. Vielfach 
warb man einfach die Deserteure der Mächte an, mit denen kein 
Ausliefrrungskartcll bestand. 

Die Desertion war im Leben des damaligen Soldaten eigentlich 
so recht der Punkt, um den sich alles drehte. Ganz von selbst kam 
keiner, wenigstens in Saclisen, unter die Fahnen, es wäre denn, 
daß er etwas auf dem Gewissen hatte und beim Militär Unterschlupf 
suchte oder ein verfehltes Lt'ben hinter sich hatte. Auch Abenteurer- 
lust braclite den und jenen zum Heere. Die Mehrzahl der Soldaten 
war zum Eintritte in die Armee erst ,,persuadirt" worden. Das 
konnte auf allerlei Weise gescheht-n. Entweder, man gab den jungen 
Burschen so lange zu trinken, bis sie sich im Rausche der Fahne 
verpflichteten, oder man nahm sie einfach weg, drohte und prügelte 
so lange, bis sie nachgaben, oder endlich, sie wurden auf allerhöchsten 
Befehl der Armee eingereiht. Nun konnten sich diese Kerle'* ent- 
weder mit ihrem Geschick abfinden. Sie hatten dann Aussicht, 
nach einer Reihe von Jahren bei leidlicher Führung selbst den Stock 
zu schwingen, der vorerst auf ihrem Rücken tanzte, oder bei ein- 
tretender Untauglichkeit mit einer kläglichen Pension entlassen 
oder in eine Invalidenkompagnie eingereiht zu werden. Uns er- 
scheint das heute als ein trauriges Los. Bedenkt man aber, daß in 
der Regel nur die Menschen ins Heer gesteckt wurden, die nichts oder 
so gut wie nichts hatten (für andere sorgten schon die Verwandten, 
daß sie über kurz oder lang wieder freikamen), so war dies doch 
immerhin eine Art gesicherte Zukunft, die nicht zu verachten war. 

Die, welche aber ihren Frieden mit dem Geschick nicht machten, 
und das war wohl die Mehrzahl, sannen darauf, wie sie die verhaßten 
Fesseln abstreifen konnten. Das war überall so^*^^). Vielfach wirkte 
da auch die Verführung mit. Es gab nämhch damals Existenzen, 
die das Davonlaufen als eine Art Kunsthandwerk betrieben. Der 
Krieg hatte sein übriges dazu getan, diese edle Zunft aulblühen 
zu lassen. Diesen Leuten von der Heiligkeit des Fahneneides zu 
sprechen, wäre um so lächerhcher gewesen, als Friedrich 11. von 
Preußen nach der Kapitulation auf der Ebenheit selbst diese For- 
malität einfach unberücksichtigt gelassen hatte. Diese Berufs- 



Siehe Tabelle im Anhange. 
IM) Das Königl. Preußische E.eglement begeinn mit den Worten: 

1. Artikc. 

«»Unsere Regimenter bestehen halb aus Landeskindem und halb aus Aus- 
ländem .... Diese letzteren, weil sie denn stets mit nichts anderm at- 
taciüert seyn, versuchen bey ersterer eielegenheit wieder wegzukommen, 
und desshalben ist es zuiörderst em wichtiges Werk, die dessertion zu ver- 
hindem." 

aus: loc. 302W. Die Landeskiader mad&ten es aber nicht besser. 



48 



Die s&ch^sche Armee. 



deserteure hatten in französischen, österreichischen, hannoverst iu n 
xmd dänischen Diensten gestanden, ehe sie zufällig nach harhsrn 
gerieten. Sie m^en nicht schlecht mit ihren Od>sseen renomniifrt 
haben. Und das imponierte mehr als einem der ]ungen Rekruten. 
Sie schlössen sich an diese „Helden" an. Em Verschwörerkreis wai 
fertig. Eines Tages ging es davon. Vielleicht entkam man über 
die Grenze und fiel dort dem ersten besten preußischen Pusten in 
die Hände, dann war man aus dem Regen \n die Trauie gekommen 
und schmiedete neue Pläne gleicher Güte. Oder man vermehrte 
die Zahl der Strolche. 

Aber auch andere Leute suchten sich an die Soldaten heran- 
zumachen und ae zum Übertritte in fremde Dienste zu verleiten. 
Mehrfach wird geklagt, daß preußische Kommandeure der Grenz- 
garnison sächsische Soldaten schriftlich zur Desertion einluden und 
die mehr oder minder holde Weiblichkeit spielte dabei Sirenenrolle i*^') 
Es blieb der Armeeleitung bei diesen Zuständen tatsächlich 
nichts anderes als drakonische Strafen auf Desertion zu setzen und 
überhaupt eine strenge Justiz walten zu lassen. Man muß allerdings 
den sächsischen Militärgerichten nachrühmen, daß sie gerade gegen 
Deserteure sehr milde vorgingen. Zwar barg der Strafkodex des 
Schlimmen genug: Spitzruthenlaufen"«) bis zu 24 Mal durch 300 
Mann, Einschmieden auf den Festungsbau^'i), Erschießen, Hangen, 
Aber zu diesen äußersten Strafen griff man selten. Kam der Mann 
— und das geschah oft genug — reumütig zurück, so wurden ihm 
alle Milderungsgründe gebührend zuteil: Jugend, Verführung, alles 
zog man in Betracht. Fand er gar noch einen hohen Fürbitter, so 
war er bestimmt vor dem äußersten gewahrt. Die Ehigeschnuedeten 
konnten ebenfalls nach gewisser Zeit begnadigt werden, oft auf 
Antrag ihres Regimentschefs. Dann kamen sie in das Regiment 
zurück, oder man ließ sie ganz laufen, nachdem sie „Urpheden" 
geschworen hatten. Ausgesprochene Todesurteile milderte man 
manchmal in eigenartiger Form: man Ueß den Delinquenten zum 
Tode vorbereiten, auf den Richtplatz führen, ihm die Augen ver- 
binden, dann mußte er zur „Arcebusade" niederknien, und erst 
nach dem Kommando „Schlagt an!" verkündete man dem Verur- 
teilten den Pardon, der meist in Festungsbau und Spitzruthenlaufen 
bestand. Vollzogene Todesurteile sind ganz selten. 

]\Ian suchte aber den Soldaten auch durch zartere Bande an 
die Fahnen zu fessehi. 1767 hob maA die Trauscheingebühr auf, 
weil man glaubte, die im Lande verheirateten Soldat^ würden 

i«n Befehl d. d, 14. September 1766: „Wie sich alle Mühe zu geben, das Böh- 
mische Mensch, die Roessei genannt, welche den Mousquetier, Kra«hhahn, zu der 
D«»ertion nach Böhmen verführen wollen, habhatft zu werden." 

Zwei „Frauenzimmer* m Kottbus werden wegen gleichen Vergehens (Ver- 
leitunesversüch zur Desertion nach Preußen) belangt, loc. 30 282. 

Am 10 April 1767 wurde „eine freche und ehrvergessene Weibsperson" wegen 
Verleitung zur Desertion mit Stanpenschlag und „nachherigem Zuchthaus" be- 
straft. H. Kern 1767 p. 28. ^ « - / _ 

"0) Die \kten schreiben stets „Spitzruthen'*, nie „Spießruthen . was msofern 
auch richtiger ist, als tatsächhch die Exekuüon mit spitzen Ruten voUiogen wurde. 
^h"^^'^** äad die »»travaux publics" der A^mdcoli^iioa. 



Die sädiäflcbe Anoee, 



49 



eher bei den Fahnen bleiben"*). Die Folgen waren aber derart, 
daß man 1770 wieder eine beschränkte Gebühr einführte"^. Da 
nun die meisten Soldaten nichts hatten, arme Frauen nahmen und 
wenig gut bezahlt wurden, so waren diese Ehen oft der Anfang vom 
Ende"*), Trotzdem die Ehen mdst kinderlos oder doch kinderarm 
blieben"*), war die Sorge ums Hebe Brot an der Tagesordnung. 
Zwar gab es in Dresden dai Erziehirngsinstitut für Soldatenkinder, 
aber glaubwürdigen Angaben nach müssen die dortigen Verhältnisse 
auch den bescheidensten Ansprüchen an Hygiene und Ordnung 
Hohn gesprochen haben. Die alljährliche hohe Sterbhchkeitsziffer 
redet eine erschüttemde Sprache. Erst die Verlegung der Anstalt 
nach Annaburg (1762) brachte hierin eine Besserung. Auch die 
sonstigen Verhältnisse solcher Ehen waren meist wenig erfreuHch. 
Die Zitierung von Soldaten oder deren Frauen vor das Konsistorium"«) 
wegen Ehebruch, Blande und Polygamie war nichts Seltenes. Dabei 
sah man im Heere in diesen Dingen ^^^) viel und gern durch die Finger, 
Meist verzichteten schließlich beide Ehegatten auf weitere Schritte 
und verrieben einander die mehr oder minder bewiesenen E^eent- 
gleisungen. Als schuldiger Teil erschienen allerdings Männer und 
Frauen in gleicher Menge. 

Um .die wirtschaftüche Lage aufzubessern, betrieben die Soldaten 
meist einen bürgerlichen Beruf nebenbei, wozu ihnen der Dienst 
und der ziemhch leicht zu erlangende Urlaub Gelegenheit genug 
boten. Oft genug waren das aber eigenartige Berufe"^), und die 
Klagen über „Mauserey'* und „Deuben" nahmen kein Ende. War 
der „Kerl" „schön**, d. h. machte er eine gute Figur in Reih und 
Glied, so konnte er auf viel Nachsicht rechnen. Bei dem ständigen 
Soldatenmangel behielt man am liebsten die Soldaten bis ins hohe 
Alter bei der Truppe, das mußte natürlich die Leistungsfähigkeit der 
Armee beeinträchtigen. Der Ausgang des Krieges von 1806 lehrte 
dies, trotzdem sich die Sachsen auch da brav schlugen, wie immer^^**). 

Daß bei solchen Zuständen die Armee und das Soldatwerden 
eine Art Schreckensgespenst für alle einigermaßen geordnete Existen- 
zen war, ist kein Wimder. Sahen doch sogar sehr hochgestellte 
Herren in ihr kaum etwas anderes als eine Besserungsanstalt^*^). 

Loc. 1158 rV. Näheres im Abschnitte „Musterungen". 
"») Loc. 1158 V. 

^*«) Sehr anschanlidi schildert solche Soldat^ehen „Magister F. Ch. Lauk- 
hards Leben und Schicksale", herausgegeben Stuttgart 1908, Lutz. Zwei Bände, 
siehe p. 251, des ersten Bandes. Trotzdem diese Schilderungen preußische Zustände 
betreffen und das Jahr 1784, so werden diese sächsischen Verhältnisse zwanzig Jahre 
früher wohl eher schhmmer statt besser gewesen sein. 

17*) Diese Tatsache habe ich aus den Musterlisten eatnommen. wie die TabeUen 
im Anhange nachweisen. Laukhards Angaben haben sie nur nur bestätigt. 
Das damals Eheklagen zu untersuchen hatte. 

i^'i Auch in Alimentationsklagen. besonders wenn sie vo» einfocberen Mäd- 
chen gegen Offiziere angestrengt wurden. 

»•) Dresdner WödimÜiche Fragen und Anseigra 1764 No. XXV, bietet sich ein 
gewisser Carl Grone von Lubomirski Infanterie zu „Tafel" und ..Balancier Künsten" an. 

*"^) Besonders die Kavallerie, die immer eine ruhmreiche Klinge in der sächsischen 
Armee führte, das Grenadierbataillon a.d. Winkel und die Brigade Dyherm-Nehrhoif. 

^•«) Alexander Graf zu CalLenberg-Muskau wollte der Armee jährlich eine An- 
sahl seiner Untertanen anl Kapttnlatkn übeilaasea* .«damit ede ihier imhea Sitten 

4 



50 



Die Nenionnienrng der Armee 



Die NeQfonnienmg der ksmee. 

Während zwischen dem Könige, den Kollegien, dem Feld- 
marschall und den Ständen die Verhandlungen über die Neuformierung 
tmd deren Kosten hin und her gingen, kamen die einzelnen Truppen- 
teile wieder in das Land zurück; zuerst die Regimenter zu Pferd, 
die in österreichischem Solde gestanden hatten. Es waren dies die 
Garde Carabiniers und die drei Chevauxlegers Regimenter Kurland, 
Albrecht und Brühl. 1756 hatten ae dank ihres Aufenthaltes in Polen 
an der Ebenheitkatastrophe keinen Anteil gehabt, 1757 waren sie 
dann zu dem österreichischen Hauptheere unter Daun gestoßen. 
Gemeinsam mit diesem hatten sie an der Schlacht bei Kolin teil- 
genommen imd dort war es gewesen, wo das Regiment Kurland 
mit seinem tapferen Oberstleutnant v. Benckendorff die siegreiche 
Attacke der Bäduaschen Reiterei eröffnete, die den Kern der preu- 
ßiKhen Armee in die Pfanne hieb und die halbverlorene Schlacht 
in einen glorreichen Si^ verwandelte. 

Während der folgenden Jahre hatten die Regimenter viel zu 
leiden, da die Österreicher ihre Bundesgenossen vorz^lich mit dem 
aufreibendsten Dienst bedachten. Trotzdem zeigten sich die säch- 
sischen Standarten überall mit Ehren, und als sich die R^pmenter 
nach geschlossenem Frieden von der K. K. Armee trennten, waren 
sie noch immer je 775 Mann und 775 Pferde stark. Unterm 23. Februar 
1763 wurde der Kommandeur von Garde Carabiniers, G^eralleutnant 
Friedrich Wilhehn von Rex*«) angewiesen*««), die vier Regimenter 
zu mustern, um „diejenigen Mannschaften so imter währenden 
Kriege sich dabd engagiert oder unterhalten lassen, und theils zu 
anderen Cavalerie Regimentern^«») gehören, theils als ansässige 
Landes-Kinder oder als Invalide zu denen Ihrigen zu entlassen 



und gleichsam angebohrenen Faulheit entwöhnet und zu arbeitsamen und vernünf- 
tigen Menschen, auch zu brauchbaren Soldaten gemacht werden möchten", loc. 1186 
(Muskau d. d. 2. Juni 1764),. Dafür dankte aber das Armeekcminando. „Es erscheinet 
auch aus d^en übrigen Umständen» dass der Graf von Callenberg sich dieses Mittels 
zu Ausübung eines kleinen Despotismi über seine Unterthanen bedienen will, wie 
ihn denn die Muscauer Bürger deswegen bereits bey der Landvoigtey verklagt 
haben" (ibid.). 

1") Starb kurz darauf am 16. April 1763, 57Vi J«^e alt, H. Kern 1763 p. 31. 

»") Loc. 1158 III. 

iw) In Ungarn befanden sich am 20. September 1767 an Revertenten: 

A. Kavallerie: von Garde du Corps 172 Mann — Pferde* 

von Rutowskidragonem . . • . 269 »« 00 

1. Korps Kavallerie \ in / 315 

2. Kc»p6 Kaval toie / Raub. \ 320 „ — 

zusammen: 1076 Mann 60 Pferde 



B Infonterie: am 20. Juli 1757 6359 Mann 80 Pferde, 

am 20. Aug. 1757 5618 79 

am 20. Septbr. 1757 6620 64 „ 

am 20. Okthr. 1767 7381 „ 64 

loc. 1155. 



Das Regiment Garde Carabiniers bestand 1756 aus 8 Kompagnien zu je 50 Mann. 
1758 wurde jede Kompagnie durch Revertenten um 3. Korporale und 30 Mann ver- 
stärkt, der Gesamtzuwachs betrug also 264 Mann und 264 Pferde, loc. 1165. 



Die Keutomiernag der Armee. 



61 



sind*', auszuscheiden^**). Nachdem dies geschehen, blieb Garde 
Carabiniers in Sachsen, um ,,bis zur Retablierui^ der ehemaligen 
Gaxde du Corps die Kön^l. Leib- Wacht allhier in Dresaden" zu 
versehen^^). 

Carabiniers Garde ward auf vier Schwadronen, den Plänen 
entsprechend, umformiert, behielt aber seinen fast kompletten Be- 
stand. Die drei Qievauxlegers-Regimenter gingen mit den Ulanen- 
pulks des Korps sofort nach Polen ab, ohne umrangiert worden zu 
sein. 

Von den übrigen Truppen traf zuerst das Kommando Leib- 
grenadiergarde in Dresden ein, am 20. März 1763, 4Uhr nachmittags^^*^), 
das bisher während des Krieges auf dem Königstein gestanden hatte, 
die österreichischen Besatzungstruppen ablöste und die Schloßwacht 
übernahm. Die sächsischen Truppen im französischen Solde brachen 
erst am 23. März aus Würzburg auf. Ihnen vorauseilend kam der 
Prinz Xaver direkt von Versailles kommend am 15. April 11 Uhr 
morgens^®') in Dresden an, ihm folgte am 17. April die Leibgrenadier- 
garde aus französischem Solde^^^) und am 19, April die R^;imenter 
Friedrich-, Anton- und Josef-Infanterie*^*). 

Da nach dem Plane Chevaliers sechs Kurassierregimenter be* 
stehen sollten, so wurden diese errichtet unter den Nanfien: Leib- 
regiment, Kiuprinz, v. Arnim, Fürst v. Anhalt, v. Vitzthum, v. Ploetz. 
Femer standen in Sachsen: Garde du Corps, Garde Carabiniers und 
v. Sacken Dragoner (früher Rutowski). Die Infanterie bestand aus 
der Leibgrenadiergarde und den zwölf Regimentern: Garde zu Fu8, 
Kurprinzess, Karl, Anton, Friedrich, Xaver, Clemens, Fürst Lubo- 
mirdd, Prinz Gotha, Maximilian, Graf Brühl und Josef. 

In der Bezeichnung der Regimenter machten sich aber bald 
ümnennungen nötig. Prinz Josef starb am 25. März 1 Uhr morgens, 
9 Jahre 2 Monate alt, an den Blattern^'**). Der König-Kurfürst 
selbst am 5. Oktober. Deshalb schlug der Chevalier unterm 20. Ok- 
tober folgende Umnennung vor^"): 

frühere Namen: neue Namen: 

Kurprinz Kürassier, Leibkürassier, 
Leibkürassier^ Kurprinzkürasraer, 



Es gaben ab: Carabinieis . • • 212 Mann 210 Pferde a. d. Kürassiere 

Kurland .... 126 „ 126 „ 

Albrecht .... 241 „ 217 „ 

Brüh l 79 .. 76 _ 

zusammen: 658 Mann 629 Pferde, loc. 1156 
zuzüglich: 23 „ — „ Carabiniers, 

die verabschiedet wurden. 
Sdiuster und Francke 11. p. 148 gibt fälschlicherweise 651 Mami an. 

1«) Friedrich Wilhelm v. Rex an den Kurprinzen d. d. 9. März 1763, loc. 1186. 
188) H. Kern 1763 p. 23, nicht am 15. April, wie Schuster und Francke iL 
p. 157 sagt (Verwechslung mit dem Ankunftstage Xavers?). 
H. Kern 1763 p. 31. 
"8) H. Kern 1763 p. 31. 
- 1««) H. Kern 1763 p. 33/34. 

i*'0) H. Kern 1763 p. 27, keineswegs „im Mai", wie Schuster und Francke II. 
p. 157 zu berichten weiß. 
»») Loa 1156. 

4* 



52 



Die Nenfotmieniiig ^ Armee 



frühere Namen: neue Namen: 

Kurprinz Infanterie**«) entweder Kurprinz, falls Prinz Fried- 
rich August Chef wurde, 
oder Leibregiment zu Fuß, falls es 
der Kurfürst behielt, 
Friedrich August entweder Kurprinz, falls Prinz Fried- 

rich August Chef bUeb, 
oder V, Borcke (bei Abgabe des 
Regiments), 

Kuri^inzess Kurfurstin. 

Doch imterUSeb zunächst diese Unanennung, Da überdies der 
Kurfürst Friedrich Christian am 17, Dezember, gleich seinem vorauf- 
gegangenen Sohne, den Blatten***) erlag, machte sich eine aber- 
malige Umänderung der Namensvorschläge nötig, die aber erst im 
nächsten Jahre erfolgte. Zunächst war die brranende Frage die, 
wie man mit einem MiUtäretat von vorgeschlagener Stärke aus- 
kommen sollte, wo doch 673 333 Thhr. weniger dafür jährüch ver- 
wandt werden konnten. 

Hatte der Chevalier zuerst g^laubt, durch Vereinfachung der 
G. Kr. R. C. Departements Ersparnisse zu machen, so hatten ihm 
dies die Maßnsü^men der Herrra Kriegsräte gründlich verdorben. 
Trotz des Eintritts des Chevaliers als Chef konnte nichts von alledem 
geschehen, was er voi^eschlagen hatte. Erst nax:h Friedrich Christians 
Regienmgsantritt sdmitt man die Frage wieder an, indem der Kur- 
fürst das Kollegium am 5. Dezember aufforderte^**), über seinen 
Bestand und dessen ev. ReduktionsmögUchkeit zu berichten. Als 
Grundlage der Neuformierung sollte der Ansatz von 1730 gelten. 
Darauf erklärte das Kollegium unterm 12. Dezember, sein Bestand 
habe sich seit 1756 „schon gar mercklich" vermindert. Zu weiteren 
Reduktionen könne das Kollegium bei der wachsenden Arbeitslast 
nicht raten. Bicdier habe man dadurch zu sparen gesucht, daß man 
den Gehalt der einzdnen Posten verminderte, wenn ein Inhaber- 
wechsel stattfand. 

Trotzdem nun der Kurfürst wenige Tage darauf starb, erfolgte 
in seinem Sinne am 30. Dezember die Anweisung von nur 24 000 Thlr. 
jährlich. Davon sollten auf das Kollegium 10 000 Thlr., auf die 
Departements 14 000 Thlr. entfallen und nach dem Etat von 1730 
verteilt werden. Den überzähügen Unterbeamten sollte man „noth- 
dürfftige Pensiones" reichen. Darauf berichtete das Kollegium 
am 7. Januar 1764, es brauche für sich selbst 11 400 Thlr., für die 
Departements 16 984 TWr., zusammen also 28 384 Thlr., also 
4384 Thlr. mehr als ihm ausgeworfen war. Schließüch setzte das 
Reskript vom 10. März 1764 für das Kollegium samt Departement 

Das hier „Kurprinz" genannte Regiment ist das frühere Regiment Josef, 
daß nach Ableben des Prinzen sein Vater erhielt. Merkwürdig ist, daß das Regiment 
in einem Jahre beide Chefs an der gleichen Krankheit einbüßte. 

Wie die Blattern damals am Hofe gang und gebe waren, «eigt die Be- 
merkung bei Karl Ludwig Baron v. Pöllnitz, p. 39, wo er von den schönen Gesichts- 
zügen einer sachsischen Prinzessin sagt: il est ä souhaiter, que la petite veröle les 
respecte. (Ftat abrege de la Cour de Saxe 1734.) 

1") Dies und alles folgende über die Verhandlungen loc. 984 III. 



Dto Neufonnierung der Armee. 



53 



einen Interimsetat mit 26 506 Thlr. 21 gr. fest, der allmSlilicli bis 
auf 20 020 Thlr. 21 gr. herabgedrückt werden sollte. Dem Kollegium 
selbst wurden nur 9000 Thlr. zugewiesen. Durch Reskript vom 
3L Januar 1764 wurde der Generalleutnant August Siegmund 
von Zeutzsch zum Vizepräsidenten und an Stelle des resignierenden 
Kriegsrats Alexander v. Unruh^»^) der Regimentskommandeur und 
Generalmajor der Infanterie v, Borke zum Kriegsrate ernannt 
Damit war die Frage über den Bestand des G. K. R. C. endgültig gelöst. 

Aber man forschte, wie man weitere Ersparnisse erzielen könne. 
Diese versprach man aich, „wenn die kostbaren Garden denen übrigen 
Feldregimentern egalisire, und wie es zu Wien und anderwärts 
bräuchlich, ohne Distinction zum Dienste angewiesen würden" ^^H- 
Aber bald kam man auf den noch besseren Gedanken, diese Parade- 
truppen bedeutend zu reduzieren. Was die Reduktion der Garde du 
Corps anlangt, so sträubte sich der Chevalier anfangs dagegen^ ®^). 
Er wollte lieber die noch bestehende Schwadron Husaren^^^) von 
Schill aufgelöst wissen, die sich durch ihre ,,bissherigen vielfältigen 
Excesse** berüchtigt gemacht hattei^^). Durch l'mformierung der 
Garde du Corps versprach er sich nur 4042 Thlr. 20 gr. T^^es ^ 
Ersparnis, durch Auftiebung von Schillhusaren 17 495 Thlr. jähr- 
liche Verpflegungsersparnis und 6845 Thlr. ersparte Anschaffungs- 
gelder. Der Administrator tat aber späterhin beides: er reduzierte 
sowohl die Garderegimenter und löste auch die Schillhusaren auf^*^*^). 

Da aber nach dem Ableben des König-Kurfürsten auch die 
drei Chevauxlegersregimenter nach Sachsen zurückkamen und 
somit in sächsische Verpflegung fielen^**^), mußte man noch andere 
Anstalten treffen. Dies geschah durch Verringerung der Generali- 
tätsgehälter, „lun etwas"^^^), durch Verschiebung der geplanten 

1") Nicht zu verwechseln mit d. G. K. R. K. Präsidenten Christian v. Unruh« 
t Mai 1763. 

1»») Loc. 30 288 in einem Überschlage xom Militäietat. 

1^') Loc. 30 293. 

108^ Früher hatte der Chevalier daran gedacht, sie als Grundstock zu einem 
neuzuerrichtenden Husarenregimente zu verwenden. Aus Geldmangel aber mußte 
ma.« davon absehen, loc. 1064 an den Chevalier d. d. 2. Apiil 1763. 

Schillhusaren waren eine Freis(^wadlGa, bestanden also aus aOeriei zu- 
sammengelaufenen Volke übelster Art. 

Darüber siehe „Rangierung". 

Darüber siehe „Rangierung". 

Diese Verringerung war recht erheblich» wie der Vergleich zeigt: 
(Charge) Gehalt Gehalt 17M 

nachdenEnt würfen • 

General jährlich 4400 Thlr. 3<IOO Thlr. 

GeneraUeutnant 3300 2600 

Generalmajor zugl. In^kteur 3000 „ 2200 

Generalmajor 2200 „ 2000 

Die Generalität bestand 1764 aus: 
2 Generälen: v. Arnim (Kavallerie), v. Wilster (Infanterie); 

4 Generalleutnants: Graf Vitzthum v. Eckstadt und Vitzthum v. Eckstädt (Ka- 
vallerie), V. Crousas und Graf zu Solms (In&mt^e); 

B Generalmajors: Graf v. Ronnow, Graf Renard. v. Brenckenhoff, v. T.ooscr fKa- 
vallerie). Baron v. Klingenberg (mit der Charge eines Generalleutnants), 
V. Borcke. v. Thiele, v. Block (Infanterie). 
Aus: „Neuformierung, Reduktion der Armee, Neurangiemng der Stabs- und 

Oberoffiziere IIU/W" K. A. 



iff 



64 



Die Menfornu^niiig dar Annee, 



Infahterieaugmentation von 1764/67 auf 1767/70, weil man vom 
Landtage 1766 genügende Bewilligungen erhoffte tmd der Kavallerie- 
augmentation derart, daß 1766 nur Pferde*«*^), 1767/70 aber Pferde 
und Mannschaften zugleich angeschafft werden sollten. Nur die 
Karabinierskompagnien^*^) der Kürasaierreginienter sollten vorher 
komidettiert werden^^). 

Eine Möglichkeit ließ allerdings dieser Ansatz außer acht: falls 
der Landtag 1766 wiederum nicht genügende Mittel auswarf, stand 
man vollends hilflos da. Inzwischen aber gab es in der Armee noch 
genug zu ordnen. 1763 hatte man zwar alle Regimenter wieder 
hergestellt. Ob aber diese Rangier ung Hals über Kopf gut gewesen 
war, stand auf einem andren Blatte. 



Die endgültige Rangierung der Armee. 

Die erste Rangierung der Truppenteile im, Jahre 1763 war wohl 
auch von höchster Stelle nur als vorläufig angesehen worden. Fried- 
rich Christian hatte eine viel zu tiefe Einsicht in die schmachvolle 
Brühische Protektionswirtschaft, um sich nicht zu sagen, daß nur 
dann eine brauchbare Armee entstehen könne, wenn zunächst alle 
Ungerechtigkeiten des vergangenen Regimtis und alle die zweifel- 
hatten Existenzen beseitigt würden, die unter Brühl in dem Heere 
bestanden hatten. Zwar bestimmte noch seine Generalordre, d. d. 
22. Oktober ITö^^op), daß Offiziere mit höherem Charakter denen 
gleicher Charge ohne Charakter einstweilen im Range vorangesetzt*' 
werden, aber ihrer Charge nach dienen sollten, aber es geschah 
eben nur einstweilen". Die Zahl der zunächst abgeschobenen, 
unbrauchbaren Offiziere war auch so mmimaPO")^ daß niemand 
zweifeln konnte, es würde eine strengere Auslese folgen. 

Der Tod verhinderte den Kurfürsten, weitere Schritte zu tun, 
aber der Prinz Administrator trat auch in dieser Hinsicht sein Erbe 
an. Über Xavers Fähigkeiten und Persönlichkeit ist viel Wider- 
sprechendes geschrieben worden. Der namenlose Verfasser des 
Etat actuel de la saxe^^^) sieht in ihm nichts als einen gewissenlosen, 
eitlen^o^) Offizier, der von einigen Hitzköpfen^^®) angestachelt, 
seiner Soldatenspielerei zuliebe sein anvertiautes Amt mißbrii.uchte 
und Sachsen an den Rand des Abgrunds brachte. Wenn man aber 

,,WeU in deren Formierungs-Plan, die hierzu e^Eorderlidien Kosten, gleich 
ttjt>«jiglk*h unter das erste Änschaffungs- Quantum mit in Ansatz gebracht, folgUch 
bey der Landes-BewiUigung darauf mit reflectirt \vorden. welches hingegen bey 
der Infanterie, in Ansehung derejx ersten Augmentation, nicht gesciiehen. " ibid. 

Siehe „Rangierung". 
*») Wie 202 und 203. 

Loa 90m 

Eine Zusammenstellung d. d. 7. November gibt 17. an loc. 1050 XV. 
•*'®) Etat actuel de la Saxe par un ministre etranger 1786. 

Pour servir un peu son amour propre p. 31 des Etat actuel. 
Quelques tMes duuides p. 31. 



Die endgültige Regierung der Armee. 



55 



die vollständige Unwissenheit*^^) des Verfassers in den tatsäclilicht n 
Reorganisationsvorgängen sieht, so weiß man, was man von ihm 
zu halten hat. Leider ist die * treffliche Charakteristik Gretschel- 
Bülaus^i^)^ die einzig richtige, später von dem tendenziösen und 
schleclitunterrichteten Flathe^i^), der Xaver hitziges und despo- 
tisches Wesen" und miUtärjsche Unfähigkeit vorwirft, sofort über- 
tönt worden, selbst Schmidt^i*), ist trotz seinem Bestreben, Xaver 
gerecht zu i¥erden, viel zu hart mit dem Administrator verfahren. 

Gewiß» Xaver war stolz, aber nicht eitel. Er war von Knaben- 
tagen an*") in erster Linie Soldat, das MiUtär hatte seine entschiedene 
Vorliebe, aber man darf nun und nimmermehr vergessen, daß nach 
den Erfahrungen von 1756 dem Prinzen unweigerhch klar sein mußte, 
daß nur eine starke Armee Sachsens Wiedergeburt gewährleisten 
konnte. Was halfen alle schönen Maßnahmen zur Hebui^f des 
L^ajides, wenn der erste beste politische Gegner sie durch einen 
Überfall vernichten konnte. Und man soll sich doch recht bewußt 
sein, daß er auf allen Gebieten Sachsen gleichmäßig gestärkt und 
dem Lande zu neuer Blüte verholfen hat. Unter ihm sind alle Wunden 
gehdlt worden, aus denen Sachsen blutete. Er hat sein Amt nach 
bec^em Wissen und Gewissen verwaltet und durfte seine Admini- 
sttatur mit dem schönen Bewußtsein niederlegen, nicht nur sein 
Bestes, sondern auch das Beste für das Land geleistet zu haben^^®). 

Dem Administrator blieb also die hdkle Aui^abe, das säch- 
sische Offizierkorps endgültig zu rangieren. Er war ja auch dazu 
befähigt wie kein zweiter, denn seine Erfahrungen als Korpskonmian- 
deur im Kriege hatten ihm den besten Einblick in die Anforderungen 
verschafft, die ein Feldzug an die Offiziere stellte. Ein großer Teil 
der sächsischen Offiziere, die bei Ebenheit gegen Ehrenwort frei- 
gelassen waren, hatten sich während des lüieges dem sächsisch- 
französischen Korps angeschlossen. Dies war keineswegs ein ge- 
meiner Eidtoruch, wie ihn französische Offiziere 1870/71 mehrfach 
. beliebten, sondern eine durchaus berechtigte Handlung, da der 
preußische König seinerseits die Kapitulationspunkte auch nicht 
hielt. Jetzt, wo die neue Rangier ung bevorstand, besorgten die 
Offiziere, die während des Krieges doch daheim gebüeben und nicht 
zu dem Korps gegangen waren, es möchte ihnen dieses ihr V^halten 



»") Alle Reorganisationspläne des Jahres 1763 erscheinen bei ihm als eine 
willkürliche Tat Xavers, die Rekrutenlieferung 1768 gibt er auf 12 000 statt 8000 
Mann, die deshalb ausgetretenen Leute auf etwa 4000 statt 1332. Etat actuel p. 82. 

«12) Gretschel-Bülau III. p. 179. 

tt*) Flathe II. p. 541. 

«•) Otto Eduard Schmidt: Küxa&chsische Streifzüge III. p. 245 flg. Seine 
schiefe Beurteilung der militärischen Tätigkeit Xavers ist glänzend widerlegt durch 
die Leipziger Dissertation: Otto Große. Prinz Xaver von Sachsen 1907. 

«") PoeUnitz. Etat abrege de la Cour de saxe 1734. „II se plait infmimeat 
plus, quand U se vcnl enviioanö des Offidras de son R^iiment. que des Femmes oom- 
mises pour le servir. Le teuit des Tambours, et des Trompettes est pour Lui la plus 
agreable harmonie. — Comme-il entendoit parle de ravages. que commetoit le Palaten 
de IQovie, il dit, qu'il vouloit L'aller combatre, et Lui couper la tete*', p. 37/38. 

*'•) Eine recht ansprechende Würdigung Xavers und seiner Administratur 
gibt H. V. Schierbxaiid in den ^Jahrbüchern für die deutsche Armee und Marine" 

106. 8. p. mßta. 



66 



Die Midgdttige Kaai^eniiig der Armee. 



bei der Neuordnung nachteilig sdn. Nichts kennzeichnet aber des 
Administrators Gerechtigkeit besser, als das Verfahren, das er nun 
einschlug. Er verließ sich keineswegs auf seine personlichen Er- 
fahrungen oder irgendwelche Ratschläge seiner Umgebung. Um 
ein aniverlässiges WA von der Leistimgsfähigkeit der Offiziere zu 
erhalten« ließ er Konduitenlisten fertigen. Zu deren Her- 
stellung wurde an jedes R^ment ein Kommissar gesandt. Dieser 
zog den Regimentalcommandeur und zwei Stabsoffiziere hinzu, von 
denen der eine „Campagne"^^^) mitmacht haben mußte, der 
andere aber nach der Ebenheitkapitulaticm daheim geblieben war. 
Diese wurden durch Handschlag zu Unparteilichkeit und Ver- 
schwiegenheit"^ verpflichtet*^*). Auf Grund dieser Listen wurde 
cBe endgültige Rangierung 1764 und folg^de Jahre vorgenommen. 
Sie sind noch heute ein unschätzbares Material für jeden, der den 
Geist des damsdigen Offizierkorps nachprüfen will. 

Die Ergebnisse der so angestellten Erörterungen waren denn 
auch erstaunlich. Sie erwiesen klar, daß die Armee trotz der Ran- 
gierung von 1763 mit einer Menge tmfähiger und unbrauchbarer 
Offiziere überlastet war, daß die Brühlischen Ai^cements Willkür 
über Willkür gewesen waren. Klagte doch mehr als die Hälfte aller 
Offiziere über „angethanen tort", d. h. über ungerechte Bevor- 
zugung anderer Kameraden imd Übergehung im Avancement. Und 
hier griff mm der Administrator kraftvoll tmd imbekümmert um 
Stand und Namen dmrch. Man wird nicht fehlgehen, wenn man 
hierin einen der Gründe sieht, die Xavers Administratur in manchen 
Kreisen unbeliebt machten. 

Aber Xaver räumte auch in anderer Hinsicht mit der üblen 
Erbschaft auf, die der verstorbene Premierminister Sachsen hinter- 
lassen hatte. Am 22. März 1764 fand eine Konferenz zwischen Xaver, 
dem ChevsJier vaxd dem Kabinettsminister Grafen v. Flemming"®) 
statt. Hier erhielt die Djmastie Brühl den wohlverdienten Todesstoß. 

Brühl hatte durch das Reskript vom 6. Dezember 1741 die Er- 
laubnis erhalten, ein eigenes Infamterieregiment zu errichten; wie 
ein Hohn klingt's: „um derer ihm be3nvohnenden besonderen Me- 
riten imd tapfferen Qualitaeten willen" wurde er gleichzeitig 
Oberst"*). Er durfte in diesem R^mente alle Offiziere vom Capi- 

*") D. h. während des Krieges gegen Preußen im Felde gestanden hatte. 
Bei der Kopierung dieser Listen scheint allerdings nicht alles tadellos 
vor sich gegangen zu sein, denn der Regimentskommandeiir Graf Solms achreibt 
aas Z^tz d. d. 90. März 1764 an Xaver, die Bemerkungen über die Offiziere „werde 
ich aber mündlich an den Chevalier sagen, weil ich weiss, dass seine cantzley" nicht 
recht ehrenfeste ist", loc. 30 303. — Später fertigte man deshalb wohl die Kon- 
duitenlisten in Geheimchiffren an. 

"») Loc. 30 303. 

***) Miniater der auswärtigen Angel^enheitm und der Armeekriegskommando- 
sachen. L'esprit et le Systeme du Gouvernement de la Saxe 1784 p. 29. 

Was man in Armeekreisen von Brühls Soldaten^ielerei dachte, sagen 
die „Beyträge": 

„Der einzige Soldatenstand war nur noch ausgenommen, dessen er 
sich hoffentlich auch nodi eher ganz und gar bemeistert haben würde, wenn 
ihm der hochselige Herzog von Weissenfeis (Johann Adolph II. 1736 — 1746), 
vor welchem er als ein regierender Herzog zu Sachsen, der in der Würde als 
Feldmarschau zu dienen nicht nöthig hatte, Respekt brauchen müssen, nicht 



Die en^ültige Kau^ttuiig der Armee. 



57 



taine abwärts adbst ernennen und die höheren Chargen und Stabs- 
offiziere vorschlagen. Wichtig war auch das Vorrecht, daß „die 
Ordres von Ihro Königl. Maj. an ihn den Chef, immediate ergeiien, 
und von der Generalitaet nur selbige an den dabey stehenden a^re- 
irten Obristen gesteUet werden sollten, welcher letztere zwar ohn- 
weigerlich anzunehmen und zu befolgen, jedoch vor der Execution, 
wann es Verzug litte, den Chef hievon allemahl Nachricht geben 
sollte". Femer sollte das Regiment den Namen „BröW" führen 
und „beständig bey dessen Familie bleiben". 

Eine Kompagnie dieses Regiments wurde durch das Reskript 
d, d. 29. April 1746 nach Forsta und Pforten gelegt, brauchte keine 
anderen Garnisonen zu beziehen oder sonst Lande" Kriegs- 
dienste leisten imd wurde trotzdem von der Generalkriegskasse 
bezahlt. Brühl gab nur einen monatlichen Zuschuß von ganzen 
50 Talern. Die Kompagnie konnte nur auf einen speziellen könig- 
Hchen Befehl ,,bey einer General-Revue", oder in Kriegszeiten zimi 
Regimente gezogen werden. Nach einem Reskripte d. d. 14. September 
1747 gab sie ihre Musterlisten unmittelbar an das G. K. R. C. und 
die Verabschiedungen lagen in Brühls Händen. 

Ferner hatte der Premierminister am 1. Januar 1748 von dem 
General Johann Paul v. Sybilski, Freiherrn zu \\ olffsberg^^^) dessen 
Chevauxlegers-Regiment für 16000 Thlr. abgetreten erhalten. Ein 
Königliches Dekret vom 2. Januar 1748 hatte dies bestätigt und 
bestimmte : ,,Wenn künftighin das Regiment wieder aus Pohlen 
nach Sachssen gezogen werden sollte'*, solle solches zwar gleich 
anderen Regimentern unter des Generals en Chef Comnumdo stehen, 
ie dennoch aber von selbigen die Ordre nicht an Ihn. den Premier- 
Minister als Chef des Regiments, sondern an den dabey stehenden 
aggreirten Obristen, gerichtet werden'*. Auch hier hatte Brühl 
das Recht, die Offiziere vorzuschlagen. 

Damit hatte der Premierminister nichts germgeres gLSchaflcn, 
als ein Privatheer im Heere, hatte seine eigene Leibgarde und eine 
kleine Armee, auf die er sich stützen konnte, wenn er ihr<'r bedurfte, 
er war damit eigentlich aus dem königlichen Diener selbst em kleiner 
König geworden^^^^). 



im Wege gestanden hättt--. Inzwischen aber auch hierin in künftigen Zeiten 
eher einen Fuss zu haben, so errichtete er sich Anno 1742 (sie!) ein Intanterie- 
regiment, und fing als Obrister an ein Soldat zu werden. Vier Jahre darauf 
starb der Herzog plötzlich, durch welchen Fall er auch das Commando er- 
hielte und durch seyne Schmeicheley und zureichende Gewalt solche Ver- 
fügungen zu tretfcn wusste, dass der Herr Generalfeldmarschaü, ob es zwar 
im Namen des Königs zu geschehen, das Ansehen hatte doch würklich von 
seinem Befehl dependieren musste. " p. 10/11. 
•■•) Um die Person dieses nicht unbedeutenden Reitergenerals hat sich rasch 
ein kleiner Sagenkranz gewoben. Darüber Dr. Alfred Meiche, Sagenbuch des König- 
reichs Sachsen. Leipzig, 1903, p. 536 — 538, siehe auch O'ßyrn. J, G. Chevalier de 
Saxe. Dresden 1876, p. 115. 

*•») „Angesehen er auch über dieses ein Regiment Dn^oner kaufte, ein 
Compagnie Artilleristen errichtete und das Commando über die in Pohlen stehende 
4. Sächsische Cavallerieregimenter hatte; ja sogar durch List in pohlnischen Diensten 
zum Generalfeldzeugsmeister ernennet wurde"; — ..Bald aber dürite man auf die 
Gedanken kommen, dass er sich hierumen nur darum nacii und nach in solche Positur 



68 



Die eadgOltige Baaglmuig der Annee. 



Bereits am 3. November 1763 hatte der Chevalier angefragt, 
ob man diese Vorrechte halten und den Regimentern die Namen 
„Brühl'* lassen wollte. In dem Pro Memoria vom 8. November 
empfahl er, diese Vorrechte einfach zu streichen, „indem es überhaupt 
niemals von guter G>nsequen2 ist, wenn einem R^mente mehr 
Vorzüge als denen anderen gegönnt, da sie alle einem Herrn ge- 
hören". Als Vorwand empfahl er den Umstand, daß der polnische 
Kronfeldzeugmcister Aloysius Friedrich J oseph Ludwig Graf 
V. BrühP^*) die Bi ühlischen Herrschaften besäße, sein Bruder Hein- 
rich^) aber das R^ment kommandiere. Den Grafen Heinrich könne 
man dann zu Anton Infanterie transferieren und so bewirken, ,,daBs 
die Id^ von einem Hauss- oder erbhchen Regimente aus dem Wege 
geräumt w^<fe". Brühl Infanterie mAle der Oberst v. Nitzscbwitz 
ehalten. 

Als 1764 die ^ei Chevauxlegers Regimenter im Anmärsche 
nach Sachsen Wcuren, bat Hans Moritz Graf von Brühig um die 
Bestallung als Obrister bei Brühl Chevauxlecers**^, In den Akten*»'*) 
ist dieses Gesuch mit der Bemerkung versehen"*): „Des Herrn Gab. 
Ministri Grafen von Flanning Ex. eröffnen bey Abgabe dieses 
Memorials, dara selbiges nach Ihrer Kräigl. Hoheit des Administrators 
hoher Intention noch zurzeit beygeleget werden soll." 

Die Konferenz am 22, März entschied mch dahin, beide Regi- 
menter der FamiUe zu nehmen, „damit der Schein einer Familien 
ErbHchkeit bey diesen bisherigen Graf Brühlischen Regimentern 
vermieden werde". Die Chevauxlegers sollte Graf Renard erhalten, 
Brühl-Infanterie wurde v. Borcke^^^), Infanterie Hans Moritz Graf 
v. Brühl wurde aggregierter Oberst bei Albrecht Chevaiudegers^*), 
Heinrich Graf v. Brühl wirkUcher Oberst bei Maximilian (früher 
Friedrich) Infanterie. Bis zur Veröffentlichung weiterer Ran- 
gierungsmaßnahmen sollten diese Beschlüsse geheim bleiben. 

Gleichzeitig mit dem offiziellen Reskripte^^^), das die übergäbe, 
von Brühl Chevauxlegers an den Grafen Renard aussprach, erfolgte 
die Rangierung der drei Chevauxlegersregimenter überhaupt und 
ihre Umformierung von 8 auf -l Schwadronen. Es sei hier nun der 
Geschicke gedacht, welche die drei Chevauxlegersrcgimentcr nach 
ihrem Abmärsche nach Polen 1763 gehabt haben. Die drei Regi- 
menter bildeten mit den v. Schiebeischen Ulanenpulkö und den 



zu setzen gesucliet hat. um mit der Zeit seinem Herrn selbst einen Krieg ankündigen 
zu können." p. 11 12 — , .seine unbändige Begierde, nur allein reich und wohl gar 
König in Pohlen zu werden", p. 16, Beyträge. 

Geb. am 3. Juli 1739, seit 30. November 1763 CÄerst der Leibgrenadier- 
garde. 

^2^) Albert Quistiaa Heionch, geb. seit 21. Mai X763 Oberst von Brühl 

Inianterie. 

•••) Geb. 1747, seit 16. August 1763 Oberst bei KajcalMniersgairde. 

*») Pro Memoria d. d. 14. Januar 1764. 

»•) Loc. 1156. 

«») D. d. 19. Januar 1764. 

23yj Ernst Bogislaus von Borcke. 

1768 in gleicher Eigenschaft zu Sackendragoner H. Kern 1766, p. 34. 

D. d. 7. April 1764 m dm Qievaüer loc. 1166* 



Die en^ältige Eaagierung der Armee. 



69 



sogenannten ,,Salzbrigaden''2^^) ein polnisches Generalat unter dem 
Grafen Renard. Als durch den Tod des König-Kurfürsten die pol- 
nische Thronfrage plötzlich aufgerollt war, ließ der Chevalier sofort 
Renard den Befehl zugehen^^), die Regimenter marschfertig zu 
halten. Eine Anweisung von Brühl vom 7. schränkte den Befehl 
dahin ein^*^), die Truppen nur zusammenzuziehen, um jederzeit 
abmarschieren zu können. 

Da Renard empfahl, die Salzbrigaden** in sächsische Dienste 
zu übernehmen, andererseits aber die polnischen Kronbeamten 
sofort von ihnen ,,den Eyd der Treue vor die Republique und den 
Schatz" forderten^®**), wurde schon am 17. Oktober befohlen, die 
Brigaden in sächsische Dienste zu nehmen dergestalt", daß solche 
zuförderst mit der Leute guten Willen geschehe**'). 

Außer diesen Truppen befanden sich in Warschau noch von 
Carabiniers Garde: 1 Offizier, 2 Unteroffiziere und 20 Gemeine, 
femer die nlbemen Pauken, 16 silberne Trompeten, das Regiments- 
archiv, 8 „Mondirungs-Cammem" „nebst dem ganzen bordirten 
Lederwerk". Renard klagt aber**"): „Die Leute sind mehrentheils 
alle Invaliden, grösstentheils ganz at^risaen, auch unberitten und 
zu Fortschaffung der Pauken, Trompeten imd übrigen gemeldeten 
Requisiten müssen unumgänglich Wagens und Pferde ratweder 
angeschafft oder gemiethet werden, wovon die Mannschaft in An- 
sehung des Fortkonmiens profitiren könnte." Da Renard gleich- 
zeitig um Zuschuß für seine Offizieire bittet, weil die Fouragepreiae 
täglich steigen und die Marschausrüstung so teuer ist, muß schon 
damals der Ausmarsch beschlossen gewesen sein. 

Nach Aufbruch der R^jimenter nach Sachsen wurde der Ka- 
vallerieinspekteur Graf Loeser angewiesen, die anrückenden Truppen 
an der Grenze zu mustern, um so die Zusammenziehtmg zu einer 
Musterung zu sparen^"^®). Aber Loeser stellte unterm 29. Dezember 
vor, daß bei einer derartigen Musterung die Regimenter „sehr dichte 
auf einander liegen und auch wenigstens 8 bis 10 Tage so bleiben"' 
würden. Dabei komme das Regiment Kurland in ein ausgesogenes 



,,Im Jahre 1748 sind allhier die 2. Saltz Brigaden errichtet worden, und 
aus denen 3 Chevauxlegers Regimentern ausgehoben worden, in der Absicht, damit 
sie die Einführe des fremden Saltzes vedimdem, und den Dienst denen 3 Cbevaux- 
legers Regimentern erleichtem sollten." Sie leistete den Eid für Sachsen, hatten 
,,auch allezeit Sächsische Commandanten". ,,Der Herrn General Monro hat sie er- 
richtet, auch bis zum Kriege commaudieret, dann überUesseu sie dem Herrn Christ 
V. Sacken, und dieser trat sie gegen ein Equivalent dem Herrn Obrist v. Schiebel 
ab. unter dessen Commando die Brigaden noch bis dato stehen." (Renaid an d^ 
ChevaUer d. d. 10. (»ctober 1763 Warschau), loc UM. 
*«) D. d. 5- Oktober 1763 loc. 1186. 

Brühl begann also sein altes Spiel, über den Kopf des Feldmarschaü weg 
zu kommandieren, auch bei dem Chevalier. 

Schiebel an Sacken d. d. 10. C^ctober 1763 loc. 1186. 
•»») Friedrich Christian an Renard d d 17 Oktober 1763 loc. 1186. Das steht 
in vollem Widerspruche zu Schuster-Francke II. p. 149, wo behauptet wird, die 
Brigaden wären von Polen übemoninien wordoa. Da dort jede yuellenangabe fehlt, 
wird man sich wohl an die Aussage des zitierten Aktenstückes halten müssen. 
«•) D. d. 15. Oktober 1763 loc. lim, 

Loc. 1IS8 U.I d. d. 21. Desmber 1763. 



60 



IMe rädgültige Rangierung Atmse 



Gebiet. Ferner wären die Rekruten tind die Komm^dierten***) 
schon in den zukimftigen Standquartieren. Dort schiene also eine 
für jedes Regiment getrennte Musterung am besten. Der Chevalier 
unterstützte den Vorachlag^*), worauf denn am 2. Januar 1764 
befohlen wurde"^), dBe Regimenter in den Standquartieren zu 
mustern. 

Über den Anmarsch der Truppen berichten zwei Rapporte des 
Generalmajors v. Benekendorff^**^). Am 10. Januar schreibt er: 
„Das anlialtende schlimme Wetter mid aulierordentlich tible Wege 
macht zwar das Fortbringen derer Canons etwas beschwerlich, weil 
der Train davon in vielen Jahren nicht gebraucht und etwas schad- 
haft geworden, unterdessen aber liat man sich bisher noch immer 
Rath geschafft.'* Trotz alledem liatten die Regimenter nur wenig 
Kranke und gar keine Desertenre. Der Marsch ging in drei Tages- 
etappen: voran Kurland, Albrecht und Brühl je einen Tag zurück. 
Da i,die Fahrzeuge vielfach zerbrochen" und die Pferde, „welche 
die Füsse je länger je ärger erböllet," geschont werden mußten, ver- 
zögerte sich der Marsch schließlich fast um eine Woche^**). 

Bei der folgenden Musterung stellte sich heraus, daß Kurland 
75 Mann und 16 Pferde über den Etat hatte, während Albrecht 
84 Mann und 166 Pferde, und Brühl 17 Mann und 37 Pferde fehlten-^^). 
Kurland gab also seinen Überschuß an Albrccht ab. Eine Konferenz 
des Administrators mit Flemming. Zeutzsch, Loeser und den Obristen 
V. Prittwitz am 31. März nahm die Formierungs- und Rangierungs- 
pläne des Chevaliers vom 19. März an, mit der Bestimmung, daß 
diese am 1. Mai in Kraft treten sollt en"^*^*^). 

Im April erfolgte noch eine Reihe weiterer wichtiger Maßnahmen. 
Aus Sparsamkeit srücksichten wurde das Regiment Garde du Corps 
von vier auf eine Schwadron reduziert. Die Mannschaften der drei 
aufgehobenen Schwadronen bildeten den Grundstock der neuzu- 
bildenden Karabinierskompagnien^^^) . Die Leibgrenadiergarde wurde 
'von 3 auf 2 Bataillone vermindert. Die Landesfestungen Witten- 
berg, Pleißenburg, Sonnenstein und Stolpen und das feste Haus" 
zu Senfftenberg verloren ihren Rang als Festungen, ,,da diese so- 
genannten Festungen zu Bedeckung des Landes von keinem Nutzen" 
waren***)- Die Schwadron Freihusaren von Schill wurde aufgelöst. 



Die 1763 in Sachsen geblieben waren. 
»«1) \' ortrag vom 30. Dezember loc. 1168 III. 
»«) Loa 1166. 

*") Ernst Ludwig v. Benckendorff. der Sicgei- von Kolin, geb. am 5. Juni 
1711 zu Ansbach, gestorben am 5. Mai 1801 zu Dresden, siehe O'Bym» Jofaann George 
Chevalier de Saxe. Dresden, 1876 p- 168. 

***) Marschrouten bei den Berichten Leitomischel d. d, 10. Januar und So- 
botka d. d. 21. Januar loc. 1156. 

2«) Loc. 1156. 

Ibid. die sehr \erwickelte Abrechnung der Regimenter fand erst 1769 
ihre endgültige Entscheidung. 

Davon weiteres bei der liangierung der Kürassierregimenter. 
**•) Noch deutlicher sagt es eine Ausarbeitung in loc. 30 288: „da der bisherige 
Krieg gewiesen, dass alle Sachs. Festungen keinen Feind aufhalten". Die Ersparnis 
betrug etwa 40 (XX» Thlr. Nur Königstein blieb Festung. Über das Schicksal 
der Gamifiontruppen siehe unten. 



Die OTdgültige Bai^ema« der Annee 



61 



ihre Mannschaft wurde in das Regiment Sackendragoner eingereiht, 
mit dem sie auch seit 1. Mai 1763 schon in ökonomischer Verbindung 
stand**»); ihr Konmiandeur, Rittmeister v. Schill, erhielt die vierte 
Schwadron von Sacken, die beiden Leutnants sollten „baldmöglichst" 
anderweit plaziert werden**^). Die Husaren behielten ihre Montur 
auch als Dragoner, „solange deren Haltezeit währet". Ebenso wurden 
die Jäger bei Kurland au^elöst^^). 

Bei der nunmehr vorzunehmenden Rangierung der übrigen 
Kavallerie- und Infanterieregimenter wurden zunächst deren Namen 
festgelegt. Dabei verloren alle Feldregimenter, die den Zusatz „Garde" 
geführt hatten, diese Bezeichnung. Es waren dies Carabiniers Garde 
und Garde zu Fuß. Die Chefs von Leibgrenadiergarde und Cara- 
biniers verloren ihr besonderes Traktement, die Forstaer Kom- 
pagnie wurde zum Regimente (nunmehr v. Borcke Infanterie) gezogen. 
Das war ein neuer Schlag gegen die Familie Brühl; denn die Qiefs 
beider R^menter waren ja Mitgheder dieses Hauses. 

Die R^imenter hießen nunmehr^^) : 
frühere Bezeichnung: neuere Bezeichnung: 

Kavallerie: 

Carabiniers Garde Carabmers Regiment. 

Leibregiment Kurfürst 

V. Araaun v. Arnim. 

Fürst V. Anhalt Kürassiere . . Fürst v. Anhalt Kürassiere. 

V. Vitzthum v. Vitzthum. 

Kurprinz Graf v. Ronnow. 

V. Plötz V. Brenckenhoff. 

Infanterie: 

Garde zu Fuß Kurfürst. 

Kurprinzess Kurfürstin. 

Prmz Karl Prinz Karl 

„ Anton . . „ Anton. 

„ Friedrich „ Maxhnilian. 

„ Xaver „ Xaver. 

Klemens „ Klemens. 

Fürst Lubomirski Fürst Lubonürski*^'). 

Pruiz Gotha Prinz Gotha. 

MaximiUan Graf Solms. 

Graf von Brühl von Borcke. 

Kurprinz von Thiele. 

Unterm 26. Juni 1764**^) wurden zunächst die Infanterie- 
regimenter Karl, Xaver, Klemens, Lubondrski, Gotha und Borcke 

2*») Die Gebührnisse für sie wurden seitdem an Sacken gezahlt. 

250) Loc. 1156, Reskript d. d. 14. Aprü 1764. 

«") ibid. d. d. 17. April 1764. 

Durch Reskript vom 24. Juni 1764. 

•»») Das Regimrat wurde 1763 nicht, wie Schftster und Francke II. p. 387 
irrtümlich angibt, als „von Block" formiert, stmdem als „Fürst Lubomirski' . Erst 
als Fürst Lubomirski ITßö Chef der Leibgrenadiergarde wurde, erhielt das Regiment 
den Namen ,.von Block". 

»*) Loc. 1156. 



62 



Die endgültige Rangierung der Armee. 



rangiert. Gleichzeitig wurden folgende Bestimmungen bekannt- 
gemacht, die ihrer Wichtigkeit wegen dem vollen Inhalte nach wieder- 
gegeben werden sollen. 

1. Weitere Beschwerden wegen Übergehungen usw. seitens 
der Offiziere sind unzulässig und sollen nicht mehr an- 
genommen werden. Wer seinen Abschied will, soll ihn be- 
kommen. Die Offiziere werden ,,sich also vor Übereilungen, 
die sie nachher gereuen könnten, sorgfältigst zu hüten haben"* 

2. Das Ansuchen um höhere Charactdre, als die tatsächliche 
Charge ist, soll unzulässig sein. 

3. Die Chefs und Kommandanten dürfen (laut Reskript d. d. 
22. März 1764) „qualifizirte Subjecta von guter Conduite 
und Exterieur, so bey denen Unter-Officiers-Stellen in die 
Länge nur verderben würden", zu Sousleutnants vorschlagen, 
,,wenn anders sie die dienstmässigen Jahre" besitzen. 

4. Von den 28 Sousleutnants werden nur 14 besoldet, die an- 
deren sind nur aggregiert, können aber bei ev. Erledigung 
einer Stelle aufrücken. 

5. Das Alter kann kein Avancement gewährleisten, obschon die 
neue Rangierung nach dem Dienstalter geschehen ist. Dies 
soll aber keineswegs „schläfrige und ihren Dienst hintan- 
setzende Officiers" sicher machen. Die Konamandanten 
sollen bei Avancementsvorschlägen weniger auf Dienstalter 
als auf Diensteifer sehen. 

6. Besonders soll dies bei Majorswahlen geschehen. Für sie 
ist der Chef oder Kommandant „responsable", 

7. Die Adjutantenwahl steht dem Kommandeur frei, doch ist 
er auch hier „für die Capacitaet der ausgesuchten Adjutanten" 
verantwortlich . 

8. Übertragungen von Kompagnien gegen ein „Aequivalent" 
sind verboten. Aller „Handel mit Militair Chargen und 
derselben Vergebung um Gaben und Geschenk willen, sie 
haben Nahmen wie sie wollen", ist „bey Strafe der Cassation" 
untersagt, ebenso „alle anderen Neben-Absichten von Ver- 
wandschaft, Protection und dergleichen, wodurch die Regi- 
menter mit Officiers, denen die erforderliche Eigenschaften 
ermangeln, beschwehret werden könnten". 

9. Das gleiche gilt von Unteroffiziersstellen. 

10. Früher sah man mehr auf „Statin:, Alter und Gesichts- 
bildung" als auf Tüchtigkeit der Mannschaften, es soll aber 
„vors künftige mehr auf die Tüchtigkeit, als auf Jugend 
imd Schönheit des Mannes reflectirt" werden. 

11. Noch nicht dienstfähige junge Leute sollen keine Unter- 
offizierspatente erhalten, die, welche solche schon haben, 
verlieren sie, bis sie dienstfähig werden. Sie können auch 
nicht avancieren und werden nur ä la suite geführt*"). 



^) So war Aloysius Friedrich Joseph Ludwig Graf v. Brühl* 1739, beKeitsl745 Sous- 
leutnant, 1749 Premierleutnant mit CapitainscaractÄre, 1752 wirklicher Capitaine mit 
Majorscaractere, 1757 Oberst. Sein Bruder Albert Christian Heinrich * 1746, schon 1748 
Soustetttnaat» 1749 Frfioierleutnant, 1750 Capitaine, 1758 Major, 1762 Oberstleutnant. 



Die endgültige Rangiemng der Armee 



68 



12. Als Unteroffiziere und Kadets geführte Lente, ,,so . die 
Dienste bey ihren Compagnien nicht würcklich verrichten", 
sind zu streichen. 

13. „Obligate Leute" (d. h. Soldaten im Dienste) sollen, wie 
schon öfters gefordert, nicht zu Privatdiensten verwandt 
werden. Dem haben die Offiziere bis zum 1. Oktober 1764 
nachzukommen**^) . 

14. Die Leibkompagnien der Regimentschefs sollen „in Commodis 
et Oneribus" nicht bevorzijgt werden (z. B, bei Rekruten- 
verteilungen). 

15. Bei den Graiadierkompagnien sollen nur Offiziere „von 
robuster Leibes-Constitution" stehen. Nicht entsprechende 
sollen zu den Musketierkompagnien versetzt werden. 

16. Maßnahmen zur Bildung von Grenadierkompagnien: 

a) kein Grenadier, „er hätte denn schon als Grenadier im 
Felde gedienet", soll unter 71*/^ und über 75 Zoll sein. 
Es soll aber „nicht sowohl, wie bisher auf breite Schultern 
und dicke Köpfe, als vielmehr auf rüstige und beherzte, 
bereits gemachte Soldaten, imd deren innerlichen Werth 
gesehen" werden; 

b) den Grenadieren soll man „Ambition" beibringen. 
Deserteure imd vom Regimente Bestrafte kommen zu 
den Musketieren; 

c) kein Rekrut kann Grenadier sein; 

d) die 2 Grenadierkajntäne dürfen „mit Zwdehung des 
Obristen und des Majors vom Bataillon" von jeder 
Muflketierkompagnie einen Mann auswählen; 

e) ein so Erwählter darf weder „von bösen Gemüths-Eigen- 
schaften, als unbehertzt oder diebisch", noch engbrüstig 
sein oder „übel marchiren"; 

f) ist kein geeigneter Mann zu finden, sö soll sich der 
Musketierkapitän mit dem Grenadierkapitän „beim 
Stabe veigHchen" und „soll überdies zu mehrerem 
Fleisse bey der Recroutierung angewiesen werdra"; 

g) für jeden so erwählten Mann zahlt der Grenadierkapitän 
dem Musketierkaintän 12 Thlr. oder stellt dafür einen 
„tüchtigen Recruten von ohngefehr gleiche Masse, 
oder auch nach dem Ermessen des Obristen und 
des Majors, zwey kleinere, im Regiment paastriiche 
Maim» worunter aber kdne fremde Deserteurs seyn 
sollen"; 

h) die Grenadierkompagnien sollen fleißig werben und 

i) bei Regimentern nnt 2 Bataillonen ab 1. Mai 1764 
binnen Jahresfrist, Regimentern mit 6 Kompagnien 
binnen uwei Jahren*^, bei Regimentern ohne eigene 
Grenadierkompagniai binnen drei Jabren komplett sein. 



^^*) Durch Reskript d. d. 9. Oktober 1764 wurde aber den Subaltemoffiziereo 
der in Dresden gamisoniereaden Regimenter dies gestattet, um ihnea Aufgaben ni 

ersparen, loc. 434 XIII. 

Hier mußten die Kompagnon erst gebildet werden. 



64 



Die eadgffittige Raagi^nuig der ^anee^ 



Bei der Rangiening der Kegimentsstäbe wurde Albert Christian 
Heinrich Graf v. Brühl «um ag^egierten Obristen bei Kurfürst- 
infanterie ernannt, verlor also seine wirkliche Obristenstellung bei 
V. Barcke Infanterie^®). 

Penaioniert wurden bei der Rangierung: 

Bei den Stäben .... 18 Offiziere 

Karl Infanterie 9 „ 

Xaver „ 8 „ 

Klemens „ II 

Lubomiraki „ 6 

Gotha 12 

Borcke „ 3 „ 

zusammen: 61 Offiziere. 

Die Regimenter besaßen an Oiüzieren^^^) noch: 

Kapitäne Premierlt. Souslt. b^^^^jHt 



Karl lofaaterie . . 


... 14 


17 


14 


14 




... 14 


17 


22 


14 


Klemens „ . . 


... 14 


17 


14 


14 


Lubomiraki „ • . 


... 14 


17 


14 


14 


Gotha „ 


... 14 


17 


14 


14 


Borcke „ 


. . . . 14 


17 


18 


14 



Die Bestimmungen der obenerwähnten Punkte beleuchten 
ZM'elerlei besonders, einmal die unhaltbare und schma-chvoUe Wirt- 
schaft imter dem Regime Brühl und dann die unbeugsame Enerke 
Xavere, mit einem Schlage all den unwärdi^n Verhältnissen ein 
Ende zu machen. 

Das G. K. R. C. wurde durch Reskript vom laichen Datum 
davon unterrichtet, daß alle am 22. Juni 1764 ernannten Stabs- 
und Generalspersonen ihr Traktament vom 1. Januar 1764 an er- 
hielten. Die Pensionen üefen vom 1. Mai 1764 an, doch hatten die 
penfflonierten Offiziere noch die Nutznießung von ihren Regimentern 
bez. Kompagnien bis zu deren wirklichen Übergabe. Das Karabiniers- 
regiment verlor seine erhöhten Gehälter und sollte vom 1. Januar 
1764 an als Kürassierregiment verpflegt werden. Die Forstaer Kom- 
pagnie erhielt keine besondere Verpflegung mehr. 

Die R^menter Kurfürst, Kurfürstin, MaximiUan, Anton, 
Solms und v. Thiele^*®) wurden unterm 13. August 1764 rangiert. 
Im Begleitschreiben an den Chevalier wird betont, daß das Geld 
zur Bestreitung der Regimentsunkosten, das den Regimentsinhabem 
gezahlt wurde, keineswegs als ein Theil des Gehalts oder Emolu- 
ment" zu betrachten sei, sondern zu Übertragung derer .... mit 
dem Commando verknüpfften Spesen bestimmt ist". Um allen 
Streitigkeiten zwischen Regimentfidnhaber und Regimentskomman- 
deur vorzubeugen, soUen ,,von ietzigen Monath an'* die Chefs, ,,wenn 
sie nicht ihren ordenthchen Aufenthalt in den Stand- Quartieren 

"») Doch erhielt er dafür ein besonderes Gehait ab 1. Mai. 
**») Außer den „Stabs- und Ober-Offiziers". 

In dm Akten wechselt die Schreibart v. Thiele und v. TbUe* 



Die endgültige Rangierung der Armee. 



65 



ihrer Regimenter haben" . diese Gelder ganz dem Kommandeur 
überlassen, der dann alles bezahlt. 

Pensioniert wurden: 

bei Kurfürst Infanterie ... 6 Offiziere 

„ Kurfürstin „ ... 5 und 1 „dinüttierter" 

Offizier^") 

„ Anton „ ... 6 Offiziere 

„ MaximiUan „ ... 6 „ 

„ Solms „ ... 6 „ 

„ V. Thiele „ ... 10 

zusammen: 39 Offiziere u. 1 „dimittiert" 
40 Offiziere, 
dazu von den anderen sechs Regimentern 61 

101 Offiziere, 
zu diesen 101 Offizieren kommen noch 

bei Gotha Infanterie 2 „auf Ansuchen ent- 
lassene" Offiziere, 

demnach schieden aus dem Armeever- 
bande 103 Offiziere von der In- 
fanterie. 

Der Offi/ierbestand-*^'-) bei den 6 Regimentern, die unterm 
13. August rangiert wurden, betrug: 

Kapitäne Premierlt. Souslt- I(^)idet^^^^ 

Kurfürst 14 17 13 14 

Kurfürstin 14 17 15 14 

Anton 14 17 1() 14 

Maximilian 14 17 16 14 

Solms 14 17 13 14 

Thiele 14 17 12 14 

Am 17. Oktober 1764 wurde schheßlich verordnet, daß die 
Stabs- und Oberoffiziere noch nicht rangierter Regimenter und Korps 
ein zweimonatUches Traktament als Abschlagszahlung erhalten 
sollten. 

Die Kavallerier^menter, außer den schon rangierten 3 Che- 
vauxlegersregimentern, also: Karabiniers, die 6 Kürassierregimenter 
und Sackendragoner wurden unterm 25. Mai 1765 rangiert. 

In den Regimentskommandos vollzogen sich zwei Änderungen: 
Kurfürstkürassiere erhielt der Obristleutnant Karl August v. Rex 
an Stelle des (>endonierten Generalmajors v. Graffen^'). Vitzthum 
Kürassiere erhielt der Generalmajor v, Benckendorff, nach dem 
das Regiment auch den Namen erhielt^). 



^^^) D. h. „entlassen ' mit dem Nebensinne einer strafweisen Entfernung aus 
dem Heere. 

«•«) Außer den ,,Stabs- und Ober-Offiziers". 

Der Offiziersbestand dieser Regimenter war teilweise no^ nicht k<Mnp]ett. 

Über seine unwürdige Aufführung vgl. Anm. 143. 

Mit 1000 Thlr. Traktament und 1000 Thlr. jährliche Zulage. 

ö 



66 



Die endgültige Rangierung der Armee 



Wie bei der Infanterierangierung"«) wurden gleichzeitig eine 
Reihe Bestimmungen getroffen, die ebenfalls dem Inhalte nach 
wiedergegeben sein sollen. 
1 wie J. R. 1—3. 

4, Bei den Kürassierregimentern und Sackendragonern sollen 
von 8 Smisleutnantsstellen nur 4 besetzt werden. Die Aggre- 
gierten erhalten kein Gehalt. Dagegen behalten die kom- 
pletten Regimenter Karabiniers und die 3 Chevauxlegers- 
regimenter ihre 8 Sousleutnants. 

5, — 7. wie J. R. 5 — 7. 

Bei 7 der Zusatz: ,.\Vir tragen auch keinen Zweifel, es werden 
die Premier- Lieutenants jeden Regiments, sich durch be- 
hürige Application zur Adjutanten-Function, als bey welcher 
sie das Metier aus dem Grunde zu erlernen, vorzüghche 
Gelegenheit erlangen, in Zeiten geschickt zu machen um so 
mehr beeyffert seyn, damit man nicht andergestalt den Regi- 
ments- Adjutanten aus denen Sous-Lieutenants zu nehmen 
veranlasst werden möge/' 
8. Der Second-Rittmeister muß Premierleutnantsdienste tun. 
Auch sollen sich die Offiziere. ,.von dem zeithero hm und 
wieder zu verspühren gewesenen irrigen Vorurtheile ent- 
ledigen, als ob sie dadurch dem Escadrons-Commandanten 
eine Gefälligkeit erzeige ten". 
9._10. wie J. R. 8—9. 
• IL Unteroffiziere vom Wachtmeister an sollen bei etwaigen 
Avancement nicht in ihrer bisherigen Schwadron bleiben, 
da , .solches der vorigen Cammeradschaft halber, grössten- 
theils zum Xachtheil der hochnöthigen Subordination ge- 
reicht". Der Schwadronschef soll sich bei Erledigung einer 
Stelle an den Oberst wenden und ihm einen Mann aus den 
drei anderen Schwadronen vorschlagen. Deren Chefs sind 
verpflichtet, ,.die wahren Umstände von der Aufführung 
und Geschicklichkeit dieses Mannes, vor seiner Abgabe auf 
seine Pflicht anzuzeigen, bey deren Verschweigung aber 
nicht allein davor responsable seyn, sondern auch gedachten 
Mann in dem erlangten Unter-Öfficiers-Character zu seiner 
Escadron zurückbekommen, und ihm dagegen der tüchtigste 
Unter-Officier von gleichen Character genommen werden 
solle'*. Der Major soll bei den Revisionen und den ,,alle Monath 
ablösenden Stabs-Wachten" darauf sehen, welche Gemeine 
sich zu Korporalen eignen und gegebenenfalls den Regiments- 
* kommandeur bei der Wahl beraten. 

12. wie J. R. 10. 

13. Dieser Absatz hat eine nicht uninteressante Vorgeschichte, 
die zeigt, daß auch bei dieser gründlichen Umordnung ge- 
legentlich mit Wasser gekocht wurde. In der J. R. Absatz 11 
heißt es: ,,Biss dahin (bis zur Dienstfähigkeit) aber werden 
selbige nicht in der dienstleistenden OffiziersUste, wenn sie 

Bei Vergleichung mit dieser ist „Infanterierangierang" im folgenden 
stets mit J. R. a^ekürzt. 



Die endgültige Rangierung der Armee. 



67 



auch gleich in obengezogenen von Uns signierten Ran- 
gierungßlisten aus Mangel der Nachricht mit angesetzet 
wären, sondern nur als Officiers ä la Suiete ge führet". 

Bei den ,,Unterthänigsten Anfragen bey der Neuen 
Cavallerie Rangierung'* erwähnt Kriegsrat Just, daß der 
Rittmeister v. Zeutzsch als erster Premierleutnant und 
der Sousleutnant v. Gersdorff als 1. Sousleutnant geführt 
werden. Beide sind Jugend halber noch nicht beim Regimente 
und erst 14 Jahre alt-®^). Von Rechtswegen müßten sie also 
auch ä la suite gesetzt werden. ,,Da aber Ihro Königl. 
Hoheit, wie aus der Placirungs-Liste erscheinet, in Ansehung 
ihrer Väter hierunter haben dispensiren wollen, So dürffte 
der 13de Punkt der General Ordre zu modificiren und die 
Stelle wegzulassen seyn, da es heisst: ,,dass dergl. Officiers 
usw. geführt werden". Dazu hat der Administrator mit 
Blei geschrieben: , .Diese Stelle von 13te Punct kann weg- 
gelassen werden, indem diese beyde Officiers mit meinem 
wissen und nicht Jugend halber vom Rgt. abwesend/' 

In der Generalordre ist nunmehr im 13. Abschnitt ein- 
gesetzt: „. . . in die dienstleistende Officiersliste /: sie wären 
denn in obangezogenen von Uns signirten RangierungsUsten 
aus bewegenden Ursachen mit angesetzt:/ nicht eingetragen, 
sondern nur als Of&ciers ä la suite geführet/' 

14. wie J. R. 12. 

15. wie J. R. 13 mit dem Termine 1. JuU 1765. 

16. Die „geordneten Trau-Schein-(iebühren" sind dem Obristen 
„gänzlich zu überlassen'*. 

17. Sackendragoner sind wde die Chevauxlegers im Frieden 
formiert, behalten aber ihre 8 Hautbois als gemeine Dragoner. 

18. Jedes Kürassierregiment erhält aus den reduzierten ^hwa- 
dronen von Garde du Corps eine Karabinierskompagnie, mit 
der Anweisung, „dass sothane Carabiniers in Campagne, 
gleich denen Grenadiers bey der Infanterie, zu vorkommen- 
den schärften Commandos und Detachements von der Ca- 
vallerie, welche sonst durch Schwächung der Escadrons, 
verrichtet werden müssen, gebraucht werden sollen". An die 
Offiziere werden die gleichen Anfordenu^n gestellt, wie 
an die Grenadieroffiziere. 

19. Die Formierung soll laut dem Entwürfe des Chevaliers d. d. 
25. September 1764 geschehen. Die Karabinierskompagnien 
sollen 1768 komplett sein, „mithin um 2 Jahre eher als die 
Cuirassiers - Escadrons* * . Zur Schonung der schwachen 
Kürassierschwadronen sollen sie aus den Chevauxlegers 
und Sackendragonern rekrutieren. Die geeigneten Leute 
soll ,,der Inspecteur der Cavallerie bey der alljährlichen 
Musterung" in eine Liste aufnehmen. Für einen so ab- 
gegebenen Mann erhalten die R^^imenter ein Äquivalent. 



2") Bei Kurfürst Kürassieren. Außerdem stand ein jugendlicher Rittmeister 
V. Metzsch bei Arnim und der «ebzetinjähnge Major v. Lo^er bei Anhalt. 

6» 



68 



Die endgültige Rangierung der Armee. 



Aus dem Kaiubinieiregimente^ß^) wird die Garde du 

Corps rekrutiert. 

20. Bestimmungen ,,zur Erlangung und Unterhaltung der Cara- 
biniers-Compagnien* * . 

a) kein Karabinier soll unter 7:^ Zoll messen, wenn er 
nicht schon bei Garde du Corps gestanden hat; 

b) wie J. R. U')b; 

c) wie J. R. lüc, ehe er nicht ein Paar Jahr bey den 
Escadrons ausgearbeitet und dressiert worden*'; 

d) wie J. R. IGd; 

e) wie J. R. Iße mit dem Zusätze: ,,Es hat auch der In- 
specteur der Cavallerie in dergleichen Fähen, wofern die 
Remedur vor der Musterung nichts bereits getroHen 
seyn sollte, selbige sofort zu veranstalten*'; 

f) g) wie J. R. 16 f g das Äquivalent beträgt 12 Thlr.; 

h) wie J. R. IG h; 

i) die Karabiniers sollen nicht so wohl die schönsten, 
als die dauerhafftesten Pferdr, welche die bey gedachten 
Compagnien häuffiger vorkommende Strappatzen aus- 
zuhalten , am geschicktesten befunden werden' ' , er- 
halten^^'^). 

21. Pensionen fangen am 1. Mai 1765 an. Die Schwadron- 
nutzungen bleiben bis zur wirklichen Übergabe. 

An Offizieren schieden aus: 

durch Pension: durch Abschied: 





1 


1 


Karabiniera . . . 




2 


Kurfürst .... 


2 






4 






6 




Ronnow .... 


6 




Brenckenhoff . . 


1 




Benckendorff . . 


4 





zusammen: 24 3 

27 Offiziere von der Kavallerie. 

Bei Infanterie und Kavallerie 

zusammen 103 Offiziere von der Infanterie 

~"130 Offiziere. 



Doch scheinen auch aus den Karabinierskompagnien gelegentlich frühere 
Leute des Garde du Corps Regimentes dahin zunickgegeben worden sein. 

••*) Die Karabinierskompagnien wurden nach österreichischem Muster errichtet. 
Über die Stellung der Kompagnien im Regimente berichtea die „Puncte" d. d. 
16. Juni 1765. Nach ihnen kommt den Karabiniers die Stabswacht und der Ehren- 
platz ,,zu allen Zeiten und bey aller Parade" auf dem rechten Flügel zu. , .Weiter 
thut eine solche Compagnie mi Regimente keine Dienste, auch nicht zu Executions, 
ausser wemi ein Delinquente zu Tod tes- Straffe condemniret wäre, wo sie denselben 
hinausführet, eben wie solches bey der Infanterie mit denen Grenadiers auch also 
gehalten wird." — „Endlich was die ordinaire Bestrafung derer von der Garde du 
Corps mitgekommene und in erhöhten Solde stehende Mannschaft anbetrifft, so kan 
solche, nicht anders als mit der Fuchtel abgethan werden." 



Die endgültige Rangierung der Armee 



69 



Diese große Zahl ausrangierter Offiziere beweist am besten, 
wie hochnötig diese Rangierung war^'"). 

Außerordentlich lange verzog sich die Rangierung des Artillerie- 
korps. 1763 nach den Entwürfen des Chevaliers formiert, wurden 
bald Stimmen laut, die für eine Verminderung dieses Korps sprachen. 
Schon vom 25. Februar 1764 findet sich ein Gutachten des Chevahers 
„w^en Vermindenmg der Artillerie"«»). Darin empfiehlt er aus 
Sparsamkeitsrückfflchten die schwere Artillerie erst nach 1766 zu 
beschaffen und die diesbezüglichen Forderungen dem Landtage 
vorzulegen. Seiner Überzeugung nach erfordert der moderne Krieg 
überhaupt mehr Feldartillerie. Die FüsiUerkompagnien will er nicht 
missen, weil sie die Infanterie entlasten, allenfalls will er auf zwei 
Fürilierkompagnien verzichten, am besten aber dünkt ihm die Bei- 
behaltung des ganzen Bataillons. ArtiUer^korps und Hauptzeughaus 
bedürfen seiner Meinung nach gesonderter Stäbe. 

Aber erst 1766 völlig sich die Rangierung. Nachdem alle dies- 
bezüglichen Beschlüsse dem Chevalier onterm 14. April als „vor- 
läuffige Resolutiones'' zugestellt worden wsu-en, wurde die endgültige 
Rangierung unterm 30. Mai vollzogen. 

Zunächst wurde Artilleriekorps und Hauptzeughaus einem Stabe 
untergestellt, entgegen den Vorschlägen des Chevaliers, der sich 
aus folgenden Personen zusammensetzte: 

Johann Friedrich Haussmann, Oberzeugmeister, gleichzeitig 

Generalmajor der Infanterie; 
Johann Rudolf Maxinulian v. Arnim, wirklicher Oberst, Kom* 

mandeur des Artilleriekorps; 
Johann Friedrich Hiller, Obristleutnant^*) ; 
Kraatz, erster Major; 

Johann Anton Joseph Convay de Watterfordt, zweiter Major, 

Befehlshaber der zwei Bataillone; 
Carl Friedrich Benjamin Froede, Direktor der Artillerieschule. 
Diese Artillerieschule war eine gleichzeitige Neuschöpfung"^. 
Sie sollte dem Heere ein gründlich geschultes Artillerieoffizierskorps 
erziehen. An ihr waren als Lehrer angestellt: 

Die KavaUcriercgimenter behi^ten an Offizien: 

Escadron- Seconde- Carab. Prem.- Sons- davofi 

Chefs Capitains Off. Lt, Lt, bes. 

Sacken 4 4 — 8 4 4 

Carabiniers 4 4 g 5 4 

Kurfürst. 4 4 3 8 3 4* 

Arnim 4 4 3 q 3 4 

Anhalt 4 4 3 7 2 4 

Ronnow 4 4 3 ^ 4 4 

Brenckenhoff 4 4 3 8 4 4 

Benckendorff 4 4 3 7 2 4 

Manche Regimenter hatten also noch kein voUzyiliffes OffizierkorDS. 

"1) Loc. 1083 VII. p. 47. 

Hilier hatte mehr einen Gnaden- und Versorgungsposten inne, weil er 
17Ö6 seiner ganzen Kompagnie bei Struppen die Flucht aus preußischen Diensten 
ermöglicht hatte, loc. 1083 VII. p. 39. 

273) Fiathe II p. 551 schreibt ..Oberstleutnant v. Froeden (sicM stiftete 1766 
eine Artillerieschule zu Dresden". Davon kann natürlich keine Rede sein. Die 
Schule wurde am 16. Februar 1767 eröffnet. (Dresdner Wöchentüche Fragen und 



70 



Die endgültige Rangierung der Armee. 



1 Oberfeuerwerksmeister, 
1 Batteriemeister, 
1 Mathematikus, 

1 Ingenieur, gleichzeitig Zeichenmeister. 
Der Unterricht zerfiel in einen theoretischen und einen prak- 
tischen Teil. Im ersteren sollte gelehrt werden: Geometrie, Forti- 
fikation274) und Mechanik, „jedoch mit Vermeidung unnöthiger 
Aiisschweiffung damit ein Kursus längstens in zwei Jahren völlig 
absolviert, das übrige aber durch Privatfleiß und Übung bei den 
Compagnien nachgehohlet werden köime". Diesen Kursus sollen 
nach und nach alle Subalternoffiziere besuchen, ebenso von den 
Unteroffizieren und Mannschaften diejenigen, die gute Offiziere 
abzugeben versprechen. Jede Kompagnie soll zu dem Kursus einen 
Subalternoffizier und 4—5 Mann entsenden"^). Die Schule war 
,.in den Neustädter Casernen". Monatlich wurden 150 Thhr. für rie 
ausgeworfen. 

Laut Reskript d. d. 14. November 1766 erhielt die Schule einen 
Exerzierplatz ,,an der Wachen Heyde, zwischen der Nieder- und Ober- 
lausitzer Poststrasse", wo schon 1752 bei der Revue „eine Polygone 
erbauet worden". Die neue Artillerieordnung, die Schulreglements 
und die Lehrerinstruktionen erhielt der Chevalier am gleichen Tage«'«). 

All. früher üblichen Handwerksgebräuche (wie Lehrbriefe usw.) 
wurden als einer auf den Fuss der Wissenschafften zu behandelnden 
Kunst ni( ht anderes als unanständig" abgeschafft. Das Avancement 
sollte sich in Zukunft nicht nach dem Dienstalter, sondern nach dem 
Bestehen der Abschlußprüfung an der Artillerieschule richten. 

Ferner bekam jeder Kompagniekommandant sein eigenes La- 
boratorium^'"), das zum Unterrichte der Mannschaften verwandt 
wurde ; vom Hauptzeughause erhielten sie dazu ein Quantum Mu- 
nition und jährlich 100 Thlr. zur Unterhaltung. 

Für den Kriegsfall waren 60 Regimentsstücke und 15 leichte 
8 Pfd.- Haubitzen angesetzt^^s), ^enn man die Feldarmee auf 

Anzeigen 1767 No. X.) Auf ihre Errichtung wurde von Stieber eine Medaille ge- 
schlafen, die drei Loth wog und iu Silber 3 Thlr. 12 gr., in Zinn 18 gr. kostete. (H. 
Kern 1768 p. 23.) 

Als Lehrer der Fortifikation wurde der ehemalige K. k. Leutnant v. Bruck 
angenommen. 

"*) Die Schülerzahl wurde bald verringert: laut Reskript d. d. 27. August 
1768 auf 36 (12 Offiziere, 8 rnteroffiziere. 8 Gemeine), laut Reskript d. d. 20. Sep- 
tember 1770 auf 24 (8 Offiziere, 8 Unteroffiziere, 8 Gemeine), 

Log. 1087 IX Schuster und Francke II p. 163 falsches Datum. 
So die drei Kompagnien der Pimaer Gegend laut Reskript Pillnitz d. d. 
16. Septenüjer 1767 auf dem Sonnensteia, trotz dem Widerataade der städtischen 
Behörden. 

•'^) Bedienungsmannschaft: 

Ein Regimentsstück 1 Unteroffiz. 6 Artiller. 3 2ämmerleute 

Eine 8 Pfd.-Hanbitze .... 1 „ 6 „ 4 „ 

im Parke: 

Ein Regimentsstück I Unteroffiz. 8 Artiller. 

8 Pfd. „Leicht. Canon" ... 1 8 „ 

8 „schweres" ... 1 9 

12 „ „leichtes" ,» ... 2 „ 11 
12 . schweres" „ .... 2 12 

8 Fid.-Üaubltze 1 » 8 



IMe endgültige Rangienmg der Armee, 



71 



6 Bataillone Grenadiere und 24 Bataillone Musketiere Stärke an- 
nahm"»). 

Das Korps war im Lande folgendermaßen verteilt: 

I. Bataillon, Stab: Freiberg und die zum Korpä geliörige 

Mineurkoinpagnie-^'^). 

II. Bataillon, Stab: Pirna. Dazu die Pontonnierkompagnie 

in Schandau. 

Jedes dieser Bataillone sandte alljährlich eine Kompagnie 
nach Dresden, wo diese zwei Kompagnien die Zeughauswacht über- 
nahmen xmd jährlich abgelöst wurden***), Ihre Quartiere wurden 
ihnen offen gehalten. 

Als Termin dieser Neueinrichtungen galt der 1. Juli ITöG***). 
Ein neues Reglement für die Artillerie erschien am 5. Februar 1767. 
Neuunifornüerung wurde unterm 3. Juni 1767 anbefohlen. Laut 
Reskript vom 28. April 1767 wurde das Korps angewiesen, sich bis 
Jahresschluß komplett zu machen. Zur Unterstützung der Werbung 
wurden ihm deshalb vom 1. Juli 1767 die vollen Gebührnisse gereicht. 
Am 1. Oktober 1768 wurden die noch unbesetzten 12 Sousleutnants- 
und 12 Stückjunkerplätze vergeben und bezahlt. 

Die Mannschaft erhielt wieder Gewehr, wurde auch nebenbei 
in dieser Waffe ausgebildet. Im Felde und im Manöver wurden sie 
nut Pistolen und Handzündern bewaffnet. Kapitulationen auf Zeit 
galten nur für Unterkanoniere und erloschen sofort bei Avancement. 
Uberhaupt sollten keine Deserteure angenommen, sondern das 
Korps „vornehmlich aus sicheren Landes-Kindern'* gebildet weiden. 
Von den Teilnehmern an dem Kursus verlangte man das Gelöbnis, 
die dort erworbenen Kenntnisse weder gegen das Haus Sachsen, 
noch gegen dessen Verbündete zu verwerten. 

Die Füsilierkompagnien wurden aufgelöst, weil sie im Frieden 
wertlos waren, die Offiziere und Mannschaften traten in ihren 
Chargen zur Artillerie über. Die Feuerwerkerkompagnie am Zeug- 
hause wurde aufgehoben und in die Artillerie eingereiht, die Bom- 
bardiers dieser Kompagnie verloren diese Bezeichnung und wurden 
Kanoniere. Alle diese Maßnahmen hatten zwei wesenthche Vorteile. 
Sie vereinfachten das komplizierte Gebäude des Artilleriekorps und 
verstärkten die wirkliche Artillerie. 

Das Korps bestand nunmehr aus 2 Bataillonen mit 12 Kom- 
pagnien, deren Mannschaftsbestand von 1766 — 1770 von 94 auf 
125 (im Kriegsfalle auf 150) Mann wachsen sollte, im ganzen also 
von 1186 auf 1558 (bez. 1858) Mann. 



im Parke: 

16 Pfd.-Haubitze 2 Untooffiz. 9 Artiller. 1 ^ümmennaiin 

24 „ Mortier 2 „ 10 „ 1 

32 2 „ 12 „ 1 

Loa 1083 VII p. 81 igg. 
"0) Durch Reskript d. d. 28. Fetoiar 1771 auflöst. 
^^^) Dresdner Garnisonablösungen siehe Anhang. 

Auf das Projekt zu einem Pionier-Corps" d. d. 16. September 1766 kam 
man nicht zurück, loc. 30 307- 



72 



IMe «idgaltic^ Kaogiemag dei<''Aiii»e. 



Der Geschützbestand wurde auf 169 Stücke angesetzt, nämlich: 
12 „ordinaire" 12 Pfd. 

6 leichte „Canons." 

6 „ordinaire" 8 Pfd. 
10 leichte Canons. 
98 Regimentsstücke. 

3 Stück Mortiers von 32 Pfd. 

3 ft it »» 24 

6 ordinaire 16 Pfd.-Haubitzen. 
25 leichte 8 Pfd.-Haubitzen. 

169 Stücke. 

Damit war die Artillerie vollständig neu geordnet*^). 

Die anderen Korps der Armee wurden teilweise schon vor der 
Artillerierangierung, <£e ihrer großen Bedeutung wegen yorangesetzt 
worden ist, geordnet. Für das Kadettenkorps wurde unterm 20. Juni 
1764 je ein neues Reglement für Kadetten und Unteroffiziere er- 
lassen«**). DasReskript vom 31.Mail764warf fürdasKorp82000Thlr. 
zum jährlichen Unterhalte und die Summe von 13700 Thlr. aus „vor 
die abgegangenen Hauss- und Lager-Geräthschaften", die in drei 
Raten bezahlt wurde: 1764 5400 Thlr., 1765 4500 Thh:., 1766 
3800 Thlr.«»*). 

Das Invalidenkorps und die Garnisonkompagnien machten 
folgende Verwandlungen durch. Zur Versorgung alter und nicht 
mehr völlig diensttüchtiger Soldaten hatte man zwei verschiedene 
Wege: entweder wurden die Leute einer Halb- oder Ganz-Invaliden- 
kompagnie eingereiht, oder sie erhielten eine bescheidene Penrion. 
Da durch das Reskript vom 14. April 1764 die Festungen außer 
Königstein^«*') eingezogen und ihre Gebäude der Kammerverwaltung 
überwiesen worden waren, erledigten sich auch die dort gehaltenen 
Kompagnien von Gamisontruppen. Sie wurden aufgelöst imd aus 
den Resten eine Kompagnie zur Besetzung von Barby und Gommern, 
einer Enldave in preuMschem Gebiete verwendet«*'). Sie zählte 
120 Mann. Femer war unterm 30. März 1763 eine Halbinvaliden- 
kompagnie zur Bewachung der Meißner Porzellanmanufaktur er- 
richtet worden«**), die aus einem Leutnant, 4 Unteroffiziere, einem 
Tambour und 30 Gemeinen bestand. Gleich anfangs verursachte sie 
infolge mangelhafter Instruktionen und schlechter Aufführung ihres 
Kommandeurs viel Unannehmlichkeiten. Endlich erhielt sie unterm 
12. November 1764 eine Instruktion und wurde dem Gouvernement 
Dresden in Rechts- und Kommandosachen, dem Inspekteur der 



"8a) Generalmajor Haussmann starb am 4. Mai 1769. An seine Stelle trat der 
tnsheri^ Oberst v. Arnim, Hiller ward kommandierender Oberst, Froede Oberst- 
leutnant, Con\ av de Watterfordt wurde Direktor der ArtiUerieachule. (Reskript 
d.d. 25. Mai 1769) loc. 1083 VII. 

284) Loc. 30 287 Kadettenkorps. 

"5) Loc. 431 I. 

Der Plan einer Landeshauptfestung loc. 431, Abschnitt XV, § 1 — 3 blieb 
wohl aus Geldmangel li^ien. Dresd^ und Leipzig blieben aber Gouvernements- 
Städte. 

Loc. 113L 
«") Loc. 1131. 



Die endgültige Raagiemikg der Armee. 



73 



Infanterie in Wirtscliafts- und Mannschaftsbestands-Angelegenheiten 
unterstellt. Nur in Wachtangelegenheiten hatte die Manufaktnr- 
direktionskommission ein Bestimmungsrecht. Der jährliche Etat 

betrug 1623 Thlr. 6 gr. ^V^s ^'^'«*). ^ ^ 

Die Waldheinur Invalidenkompagnie bheb bestehen. In das 
damit verbundene Armenhaus wurden Offiziere und Mannschaften, 
die von „Melancholie", also Geistedcrankheit, befallen wurden, 

„versorgt*'. 

Die Pensionen der Soldaten wurden anfangs durch Löhnungs- 
abzüge von den Gehältern der Stabs- und Oberoffiziere bestritten. 
Diese Abzüge betrugen 1690 3^ vom Taler und wuchsen bis 172r) 
auf 2 gr. an. 1727 wurde eine besondere Invalidenkasse errichtet, 
die aber schon 1737 zur Generalkriegskasse geschlagen wurde. Seit 
1741 werden die Abzüge nicht besonders erwähnt, blieben aber be- 
stehen, da die Offiziere statt einen Thlr. nur 22 gr. erhielten. 

Durch Reskript vom 6. April 1764^90) wurden die Invaliden 
nach dem Grade ihrer Hilfsbedürftigkeit in vier Klassen eingeteilt. 
Die Pensionen schwankten zwischen 3 Thlr. und 12 gr. Auf die 
Soldaten in den Armeehäusera zu Waldheim und Torgau wurden 
jährhch 20 Thlr. bezahlt. 

Da im Kriege und in den letzten Jahren des Brühlii^chen Regmu s 
die Pensionen gar nicht, oder nur teilweise bezahlt worden waren, 
betrug am 27. November 1765 die Summe der rückständigen Pen- 
sionsgelder 285 900 Thlr. 11 gr. 6 ^. Am 16. Dezember 1766 wurden 
der Invalidenkasse jährlich 57 000 Thlr. ausgesetzt, wovon sie die 
laufenden Pensionen und die Schulden begleichen sollte. Dieses 
Quantum wurde 1769 auf 56 000 Thlr. herabgesetzt. Da außerdem 
bei Auszahlung der rückständigen Pensionen große Abzüge gemacht 
wurden, war die Schuldenmasse bis zum 14. Juni 1772 auf 47099 Thlr. 
21 gr. 10 ^ abgetragen. 

Der 1764 aufgetauchte Plan, ein Invalidenhaus zu errichten, 
weshalb schon 1718 bezw. 1719 6 ^ Abzug gemacht worden war, 
wurde nicht außgeführt^®^). Der Administrator meinte: ,,Ueberhaupt 
ist die Erbauung eines Invalidenhauses mehr vor die Pracht, als vor 
den Nutzen.'* Dagegen erwog er^^^); ,,ob nicht denen im Lande mit 
Provision lebenden invahden Soldaten, so wie es anitzo in Frank- 
reich geschieht, durch Austheilung einer Mundur, oder anderen 
Ehrenzeichens, eine solche Distinction zu machen seyn möchte, 
wodiurch die junge Bursche zum Soldaten- Stande Lust bekämen". 

Das langwierige und schwere Werk der Neuordnung war dem- 
nach Mitte 1766 vollendet. Freilich konnte sie nur dann die Grund- 
lage zu einer gedeihhchen Fortentwicklung der Armee geben, wenn 
der Landtag von 1766 die erforderlichen Mittel zu einem entsprechen- 
den Unterhalte bewilligte. 



Diese Kompagnie wurde unterm 3. Juni 1772 wieder auflöst. 
"») Loc. 431, Abschnitt XlX, § 61. 

Man hatte sogar schon den Plan einer Geldlotterie ausgearbeitet, um dem 
Plane finanziell beizuspringen. Solche Lotterien waren damals sehr gebräudilich. 
««) Loc. 1132 V. 



74 



Uniformierung und Bewafibang der Armee. 

Uniformierung und Bewaffnung der Armee. 



Da die Regimenter mit stark verbrauchter Ausrüstung aus dem 
Kriege zurückkamen, machte sich bald eine Neuuniformierung aller 
Truppenteile nötig. 

1765 erhielten die Regimenter folgende Unifurmen'"'*^) : 



Regiment 



Kavallerie. 

U n i f o r m f a r b e 



Garde du G>rp8 paille 



Karabiniers 
Kurfürst 
Arnim . . 
Anhalt . . 
Brenckenhoff 
Benckendorff 
Ronnow , 
Kurland . 
Albrecht ... , 
Renard . . j ^^^^'^ 



' Kürassiere 



I Chevaux- 



do. 
do. 
do. 
do. 
do. 
do. 
do. 
grün 
rot 
do. 



Sacken Dragoner do. 

Infanterie. 
Leibgrenadiergarde ponceau 



Regiment 

Kurfürst 
Kurfürstin . 
V. Borcke . 
Xaver . , . 
Karl . . . 
Gotha . . . 
Anton . . . 
Klemens 
Maximilian 
V, Block . . 
Solms . . . 
V. Thiele . 



I n f a n 

Uniform 

weiß 
do. 
do. 
do. 
do. 
do. 
do. - 
do. 
do. 
do. 
do. 
do. 

Übrige Tru 
Artilleriekorps . 
Ingenieur 
Kadetten 
Halbinvaliden 
Feldjäger . . 



t e r i (\ 

Doublüre 

rot 

blau 

rot 
blau 

russischgrün^**^) 

do. 

Preußischblau ' 
do. 

paille 
do. 

purpur 
do. 

p p e n t e i 1 e. 

russischgrün 
do. 

ponceau 

do. 
feldgrau 



Farbe der 

Doublüre 

blau 

rot 

rot 

violett 
gelb 

russischgrün 
Preußischblau 
kobaltblau 
rot 

russischgrün 

kobaltblau 

schwarz. 



paille.' 

K n ö p f e 

gold 
mlber 

Silber 

gold 

gold 

Silber 

Silber 

gold 

gold 

Silber 

gold 

cdlber. 



rot 

ponceau 
blau 
do. 

russischgrün. 



»»3) Angaben nach den 74 handgemaltcn Bildern in der Mappe „zur Unifor- 
mienmg der sächsischen Armee 1765—1810 K. A. y. 36.556 abgegeben an die 
Königl. Sachs. Anneesammlnng. 

»••) Nicht ,«gia%ruxi" wie Schuster und Francke II. p. 163 angibt 



Unilonnieniiig und Bewaffnung der Armee 



75 



Die „Generalspersonen" erhielten^«') preußischblaue Uniformen 
mit überreicher Stickerei, die dadurch sehr kostspielig wurden-^®). 

Ferner wurden statt der kalbledernen, sogenannte ,,ungarisrhe" 
Tuchhosen angeschafit^»"). Die Tornister waren aus Seehundsfell. 
Weitere Ausrüstungsgegenstände (Zelte, Proviantwagen und Pack- 
sättel im die Infanterie) wurden erst 1768 angeschafft^^«). 

Bei dem Kostenauswurfe für die Bewaffnung hatte der Chevalier 
die Hoffnung ausgesprochen, es würden sich nach dem Kriege noch 
im Lande und bei den Regimentern Waffenstücke finden, die man 
ausbessern und wieder verwenden könnte. Dieser Gedanke war an 
sich von zweifelhafter Güte, denn ein Truppenteil mit nur reparierten 
Waffen wird immer etwas zweitklassiges sein. Man scheint auch 
bald davon abgekommen zu sein, denn das Missive d. d. 19. Juni 
1767. das die Einwohner aufforderte, Kanononkugeln, Granaten, 
Bomben, Feuer- und Seitengewehre, die etwa gefunden worden waren, 
gegen Bezahlung abzuliefern, war wohl mehr erlassen, um diese 
Gegenstände unbefugten Händen zu entziehen. Die erste Ablieferungs- 
frist (30. September 1767) wurde dann noch bis zum Jahresende 
verlängert. Im ganzen zahlte die Generalkriegskasse für eingelieferte 
Gegenstände dieser Art 3449 Thlr. 12 gr. ^ aus^^^). 

Das Dresdner Hauptzeughaus war 1756 von den Preußen nicht 
nur gründlich geleert worden, was ja ihr gutes Kriegsrecht war, 
sondern die feindhchep Truppen hatten auch darin nach behebter 
friderizianischer Weise wie die Wilden gehaust^oo). Daher mußte 
man zur Bewaffnimg der Truppen große Neubestellungen machen^®*) - 
Es wurden Lieferungskontrakte geschlossen: 
I. d. d. 12. November 1764 
mit den Suhler Gewehrfabrikanten: 
Johann Wilhelm Spangenberg 
Martin Heyms Witwe und Sohn I im ganzen 
Lorenz Sauer r für 

Gebrüder Bössei 78 954 Thlr- 14 gr, 

Johann Jakob Berg 

Bestimmt waren diese Waffen: 

a) für Garde du Corps, die 6 Karabinierskompagnien und 
Sackendragoner. Lieferungstermin: Johannis 1765; 

«•») Reskript d. d. 26. Juni 1766. 

29«) Noch 1776 klagt Heinrich Christoph Graf v. Baudissin, daß ihr Erwerb 
„deshalb so beschwerlich und zur Last falle, weilen die Anschaffung derselbea mit 
gar zu vielen Kosten-Aufwand verknüpft wäre". K. A. loc. 1667 I- 

Außer bei den Pontonniers, die ihres Dienstes wegen die Lederhosen 

behielten. 

"«) Loc. 431 II. 

G. K. R. C. Bericht d. d. 4. Juni 1768. 

300) So hatte man die alten Fahnen (Trophäen aus den Kxiegen der letrten 
drei Jahrhunderte) zerrissen, die Tücher abgerissen und die Stangen zerbrochen 
und sonst alles kurz und klein geschli^ea. Ein ausfühiüches Abgangsvenseichms 
loc 1087 X. 

301) Über den Zustand der alten Gewehre berichtet Graf Loeser Forsta d. d. 
2. September 1768 bei Albrecht Ch. L., daß „die FUnten so beschaffen, dass viele 
Leute wegen der dünnen Läuffe. die öffters springen, recht mit Zittern chargieren"; 
oc. 30 285. 



76 



Unüonnieniag und BewaffinuAg der Armee. 



b) für S Infniitt rie- und 4 KürassieiTegimenter. Lieferungs- 

terniin: Mirhaelis 1765; 

c) für 4 Infanterie- und 2 Kürassierregimenter. Lieferungs- 
termin: Michaelis 1766. 

IL Dezember 1766: 

mit Johann Wilhelm Spangenberg] im ganzen 
Martin Heyms Witwe und Sohn } für 
Lorenz Sauer j 82 088 Thr. 

Bestimmt waren diese WaffiMi für die l) Clievauxlegersregi- 
menter^w). Lieferungstermin: Ostern und Michaelis 1767 und 1768, 

III. d. d. Januar 1769: 

mit Lorenz Sauer auf schußfreie Kürasse „nebst 
Schurzen'* und 94 einzelne Schurze. 

IV. d. d- 20. Juni 1769: 

mit Heyms Witwe auf Karabiner, Pistolen und Dra- 
gonerflinten für das Karabinierregiment und die 
Chevauxlegers. 

Am 9. Februar 1767 wurde eine Revision des Hauptzeughauses 
angeorchiet. Dabei sollte alles Unbrauchbare ausgeschieden werden, 
doch nüt der ausdrücklichen Beschrankung , .soviel, als zur Historie 
der in vorigen Zeiten üblich gewesenen Armaturen dienen kann, 
nebst sämtlichen vorhandenen Ehrenzeichen, beybehalten, alles 
übrige aber ausschiessen und ins Geld setzen zu lassen". 

Die sächsischen Fahnen, Standarten und Kesselpauken, soweit 
sie 1756 im Lager auf der Ebenheit vorhanden gewesen waren, hatte 
man während des Krieges auf dem Königstt^n verwahrt, so daß die 
Regnnenter sie wiedererhalten koiuiten. Die Chevauxlegersstandarten 
mußten erneuert werden^®^). 

Die Artillerie erhielt ganz neues Geschütz. Das Metall zum 
Gusse lieferten teils die eingeschmolzenen alten Stücke, teils das 
1759 von der Reichsarmee für 7666 Thk. 16 gr. eingehandelte Beute- 
geschütz304). 

Die Aufsicht über die Stückgießerei erhielt der Major Convay 
de Watterfordt. 1765 wurde im „alten Kupferhammer" ein Bohr- 
werk errichtet, zu dem der kurbayrische ArtiUeriekapitän Xaverius 
V. Forstner die Bohrmaschine lieferte. 1767 vollendete man ein 
zweites neben dem Gießhause. Die Frage der Metallmischung bot 
noch allerlei Schwierigkeiten. Erfinder mit höchst zweifelhaften 



3") Zuzüglich einiger Nachlieferangen für andere Truppenteile. Alles loc. 1087 
IX, X und XI. 

Loeser, Rapport d. d. 20. August 1768, ,,wci! die Stangen durchschossen, 
und so viel möglich zusammen gestückct und gellickt t sind, und überhaupt sind 
die Fahnen selbsten so zerrissen, dass sie stückweise herunter hangen". Außerdem 
hatte Brfihl-Renard und Kurland bei Lenthen je eine Standarte verloren, loc. 30 285 
3") Gleich 13939 Fl. 26V4 Kr. Reichsgeld und 11500 Gulden österreichischer 
Wahrung. Das Geschütz war lur Forderungen der sächsischen Kreise an die so- 
genannte Reichs-General-Admodiation für NaturalHeferungen angenommen worden 
^® ertiielten ihr Geld 1765 und 1766 von den Geldern „zu Beschaffung neuer 

Feld-Artillene". Verhandlungen darüber loc. 6220 p. 97. p. 209, sonst loc. 1087 IX 



Uiülonniertmg und Bewaffinuiig der Armee. 



77 



Kenntnissen boten der Regierung ihre Dienste an»^). Auch sonst 
hatte die Artillerie über schlechte Lieferungen zu klagen. 1756 war 
mit dem Gräfl. Brühlischen Hammerwerke Pforten ein Kontrakt 
auf 100 Stück gußeiserne Lafetten geschlossen worden. 20 Stück 
davon hatte das Werk 1756 geliefert, die anderen 80 bot es nun- 
mehr 1765 an. Als schließlich 1767 die Brauchbarkeit der La- 
fetten geprüft wurde, erwiesen sie sich als so schlecht gearbeitet, 
daß sie nach dem zweiten Schusse zersprangen. Deshalb bestimmte 
das Reskript d. d. IL April 1767, daß die 20 geüeferten Lafetten 
an das Werk zurückgesandt, die übrigen aber gar nicht erst angenom- 
men werden sollten. Man sieht, die Verdienste Brühls um die säch- 
sische Armee waren sehr mannigfaltig. 

Für den Guß der neuen Stücke wurde bestimmt, daß die leichten 
Regimentsstücke nach franzöäschen Muster zu 4 Pfd. gegossen 
werden sollten^***), ebenso die schweren und leichten Paikstücke zu 
8 Pfd. Der Guß fand in sechs Ternünen statt: am 15. April, 4. Juni, 
30. Juh, 10. September, 15. Oktober und im November 1767*«»). 
Als Aufschrift erhielten die Kanonen laut Reskript d. d. 2. November 
17G5: Xaverius Reg. Princ. Polon. Et Lith Dux Saxoniae Electo- 
ratus Administrator Fundi Jussit Anno MDCCLXV««*). 

Für 169 Geschütze^**^) mit Affniten, Park- und Munitionsreqm- 
siten nebst Pontons waren 264 626 Tlür. 8 gr. 6 ^ erforderlich, diese 
wurden derart bewiUigt.^i*») daß 40 000 Thlr. Deputatgelder auf 
1765, 1766 und 1767 genommen, die übrigen 224 000 Thlr. in vierzehn 
Monatsraten a 16 000 Thlr. vom 1. November 1767 bis 31. Dezember 
1768 aus der Generalskriegskasse bestritten würden. 

Das ,,dreitache Munitionsbedürfnis" von 203 537 Thlr. 16 gr. 
6 sollte im ersten und zweiten Drittel bis MichaeUs 1768. das dritte 
Drittel bis 30. Juni 1769, der sechstache Vorrat von 440 836 Thlr. 
8 gr. 9 ^ bis Ende 1769 und die iixnl folgenden Jahre bezahlt 
werden. 



305) Sehr gut schildert ein Rapport des Majors Convay d. d. 21. Juli 1767 
einen Gießversuch mit der Metallkomposition des Holländers Siegfried. 

„Mit dem SchU^ 9 Uhr Vormittags, hat der Hr. Inspector den Ofen an- 
feuern lassen, und ohngefähr in IV, Stunde, da das Metall warm zu werden 
angefangen, hat sich ein unbeschreiblicher schwartzer Rauch bey dem Holtz- 
geben auf eine ungewöhnliche Art gezeiget, welcher sich bei der Zunahme 
des Feuers mehr und mehr verstärkte, und sich sowohl an der Decke des 
Giesshauses, als auch an denen Ofen Fenstern weiss angelagert; sein Gestände 
ist unausstehlich gewesen, und denen all^ dabey befindlichen Persooea 
die Zungen wie ein Pcltz geworden. 

Wir haben Milch getruncken und vorher frische Butter gegessen, der 
Inspector hat uns allen den Gilt Mithridat zur Praecaution eingegeben. Wir 
haben uns den Mund mit Tüchern verbunden. Dennoch blieb es auf der 
Zunge liegen. 

Ich wurde gewahr, dass dem Herrn Siegfried selbst Angst wurde, dahero 
sagte ich ihm. da er fortrollen wollte: er müsste bis zu Ende dableiben.'' 
Nach diesen Erlaiuungen \ erzichtete man auf die Siegfriedische Kcnnposition. 
*••) Preußen und Österreich hatten Regimentsstücke zn 3 Pfd. 
»«) Loc. 30 288. 

308) Stücke mit dieser Aufschrift stehen in der Dresdner Arsenalsammiung. 
30*) Nicht 69 wie Schuster und Francke II p. 162 angibt. 
"«) An den Chevalier d. d. 14. Dezember 1767 loc. 1087 X. 



78 Uaiformierwig und Bewafftmog der Ann^« 

Schießproben fanden statt am 14. September 1764»"), am 
:V November 1706*^1-), am 24. September 1767»»») bei der Pulver- 
mühle und am 20. September 177(H*"). 



Der Landtag 1766.'*^) 

Seit den mangelhaften Bewilligungen des Landtages 1703 war 
die Hoffnung der Armeekreise der neue Landtag ITüß. Konnte man 
doch annehmen, daß sich das Land inzwischen erholt haben würde, 
und deshalb auch die Stände freigebiger sein würden. Man ging mit 
großer Hoffiaung an die Ausarbeitung der militärischen Forderungs- 
entwfirfe für die Proposition. Der Administrator hatte am IG No- 
vember 1765 den Bericht des G. K. R. K. eingefordert ,,ob ? und was 
in die Landtags-Proposition derer Militair-Bedürffnisse halber zu 
bringen nöthig und dienlich sey möchte?" Die langwierige For- 
mierung der Armee, die sich bekanntUch bis 1766 hinzog, verzögerte 
die Antwort, um so mehr als die „summarische Tabelle" der Erforder- 
nisse aus 139 „speciellen und individuellen Auswürfen" „allererst 
zusammen gebauet werden" mußte***). 

Darnach beliefen sich die Gesamtforderungen für 1767 1768 und 
1769 auf 7639719 Thlr. 3 gr. 11 ^ oder auf jedes Jahr 2 546 573 Thir. 
1 gr- 2-/3 ohne die Handgelder für 8516 Rekruten ,,und andere 
Neben- oder extraordinaire Bedürfnisse, welche hoffentlich von 
denen bey der Execution selbst sich etwa noch ergebenden Er- 
spahrnissen zu bestreiten sey werden''^^^). Was von der Aufbringung 
dieses Geldes, der Stellung von 8516 Rekruten und der sogenannten 
Hufenschüttung^i^) des Magazingetreides in die Proposition kommen 
soll, überläßt das G. K. R. K. ganz dem Ernn'ssen des Administrators. 

Dieser Bericht lag zunächst dem Geheimen ConseiP^^) zur Begut- 
achtung vor. Das G. C. berichtete unterm 7. April, daß nach Abzug 
aller Fonds doch noch 1 *>nO 000 Thlr. pro Jahr, also ,,75 000 Thlr." 
mehr denn iezo" zu bewilligen übrig bleiben würden. An eine Mög- 
lichkeit, diese Summe aufzubrmgen, glaubte das G. C. nicht. 

Trotzdem riet das Kabinettsministerium^^o)^ ^1^,^ Entwurf des 
G. K. R. K. in die Proposition zu briiigen, da sonst große Um- 

3") H. Kern 1764 p. 71- 
««) H. Kern 1766 p. 85. 
»•) H. Kern 1767 p. 70. 
H. Kern 1770 p. 71. 

Ausführliches darüber Dr. Oskar Hüttig. Der Kursächsische Landtag 
von 1766. Leipziger Dissertation 1902, die darin enthaltet' Kritik von Xavers mih- 
tärischer Tätigkeit ist abzulehnen (p. 13). Wie bei dem Landtage 1763, beschränkt 
sich der Verfässer hier auf die militärischen Fragen. 

«•) Loc. 437 I. Bericht des G. K. R. K. d.d. 17. Marz 1766 

«») Loc. 437 I p. 222 ffg. 

•*•) Naturalabgabe von Getreide zur Füllung der Magazine. 

•^*) Im folgenden stets mit G. C. abgekürzt. 

»»^ KatttiiettspTotokoU d. d. 12. April 1766. loc. 437 1 p. 234 feg 



Landtag 1766. 



79 



arbeitungen in den Plänen nötig wären, wozu die Zeit nicht mehr 
reichte, und die Bewilligungen abzuwarten, nach denen man dann 
ia die Formierungspläne immer noch umarbeiten könnte. 

Beim 12. Paragraphen der Proposition könnte auch erwähnt 
werden daß von 1763 bis mit 1765 „aus anderen Churfürstlichen 
Cassen'' 586392 Thlr. „ad Militaria'* verwandt worden wären, und 
die Rentkammer die 12 000 Thlr. zur Bezahlung der Schweizergarde 
übernommen hatte, um die Generalkriegskasse zu entlasten. 

Dieses Kabinett sprotokoU wurde dem Administrator vorgelegt, 
der dazu bemerken ließ: „Nach dem 2ten §pho soll ein eigener §phus 
zu absonderhcher Eröffnung desjenigen, so zu \^^ederherstellung 
der Armfe geschehen, eingeschaltet und in dem nachher auf die 
MiHtair-BewUligung gerichteten 12. §pho sicli auf diesen neuen 
§phum referiret, mithin der Eingang in jenen abgeändert, die Ma- 
terialia des neuen §pho aber aus dem Mihtair-Departement des 
Cabinets suppeditiret werden. — Ad §phum XII des Projects ist zu- 
förderst die obenerwehnte Abänderung zu machen, und, da ubngcns 
Ihro Königl. Hoheit des Cabinets Ministeiii, Gutachten ad hune 
passum genehmigen. So is< der von dem G. K. R. K. gefertigte 
Auswurff der Landschafft hinauszugeben. — Auch soll der Land- 
achafft, nach nebenstehendem Vorschlage von dem aus andern Chur 
Fürrtlichen Gassen ad Militairia erfolgtem Zuschuss Eröffnung 
geschehen, dabey aber ausdrücklich hinzugesetzet werden /obwohl 
so viel andere dringende Bedürfnisse bey sothaneen Gassen vor- 
gefallen//' 1 o J T 1 

Am 16. April wurde das G. C. dahin beschieden, daß die Land- 
tagsproposition zuzügüch obiger Bestimmungen angenommen worden 
wäre. Von dem Reservekorpsplan sah der Administrator ganz ab. 
weil dessen Errichtung und die Rekrutierung gleichzeitig unmöghch 
war^M. Es wäre also, „da die Landes-Einw^ohner zu \ ertheidigung 
des gemeinen Vaterlandes auch durch ihre Person zu concurrieren 
ohnehin gehalten sind, und dahero die Verbindlichkeit zu Gestellung 
der hierzu erforderüchen Mannschaften an sich nicht in Zweitel 
gezogen werden mag, nur noch der Modus, wie solche Verbindlichkeit 
am füglichsten zu erfüllen stehe, mit der Landschaft zu überlegen' ' . 
Diese Rekrutengestellung soll nach den Feuerstätten" erfolgen, 
d. h. 250 Häuser sollen je einen Mann stellen^^s). 

Über den Gang des Bewilligungswerkes, das zu heftigen Kon- 
flikten zwischen dem Administrator und den Ständen führte, sei 
hier nichts Ausführliches berichtet^^^) . Die Stände bewilligten schließ- 
lich wieder für die Jahre 1767, 1768 und 1769 je 850 000 Thlr. Da 
die Städte den geforderten Mahlgroschen^^^) bewilligt hatten, zwang 
der Administrator auch die Ritterschaft und Prälaten, ihn anzu- 



3") Gutachten des G. C. d. d. 18. Februar 1766. 
»") Loc. 437 I p. 238 flg. 

«3) Weiteres darüber siehe „die Rekrutenstellung 1768". 

««) Den Gong der Verhandlungen behandelt ausfühilich die oben erwähnte 
Dissertation von Dr. Oskar Hüttig p. 49—66. ^ u i 

325) D. h. Abgabe von einem Groschen für jeden zur Mulik- gebrachten bchellel 
Korn und zwei Groschen für jeden Scheüel Weizen. Die zu „Haus-Consumtion'' 
der Kittergutsbesitzer gemahlenen Scheffel sind abgabefrei. 



80 



Der Landtag 1766. 



nehmen. Außerdem wurden die von den Städten aneebottnen Er- 
höhungen der Pfennige und Quatember um 3 Pfennige und 3 Oua- 
tember vom Administrator angenommen»»). 

Weiter soUten die BewiUigungen an „Imposten auf ausländisdie 
Producte und Waaren" auf die MiUtärausgaben verwandt Nveiden 
Der Admmistrator erklärte auch „einigeiley Verpachtung bex- 
»TwoUe^^ so wenig, als bey dem Mahlgroschen gestatten'* 

Was er im allgemeinen- von dem Erfolge des Landtages hielt 
spricht der Undtagsabschied sehr deutUch aus: „Die ad Militaria 
beschehene Bewilligung anbelangend, finden wir zwar solche zu 
dem. theils zu Unterhaltung und Verpflegung der Armee, theils zu 
deren \\ lederherstellung in dienstbaren Stand, und Anschaffung 
derer Requisiten erforderlichen Aufwand um so minder zulänglich 
als davon eme Milüon Taler zur Unterhaltung und \ eri^flegnng 
nothwendig ausgesetzet werden muss, und hierzu so wenig zureichet 
dass neben denen unmittelbaren Einnahmen der General-Kriegs- 
Casse noch allemahl ein beträchtliches aus denen andern Chur 
furstl. Lassen herzuschiessen erforderlich bleiben wird " 

So endete der Landtag mit einer großen Enttäuschung. Die 
Hoffnungen des Administrators, endlich die Zukunft der Armee 
gesichert zu sehen, scheiterten an dem Widerstande der Stände 

r! ^^^^u V^rej^*^" ^"^^^ ha"en. Das Land ^^ ar eben' 
tatsächlich noch sehr achwach. Den Administrator drängten sie 
aber dadurch dahin, seinen Weg unbeirrt zu gehen, auch im Gegen- 
satze zum Lande. Der Gedanke, seinem Mündel ein schlagfertiges 
Heer ubergeben zu können und zu müssen, beherrschte ihn nach 
wie vor und das mit gutem Rechte. So kam es, in den nächsten 
Jahren, daß die Admmistratur in einem hauptsächlich militärischen 
Interesse gefuhrt w^d. was sie in dem wenig armee/reundlichen 
Lande besümmt mcht beliebter machen mußte 



Rekrutierung und Rekruüerungspläne 1763—1768. 

Nachdem die Formierungspläne des Chevaliers angenommen 
worden waren, handelte es sich zunächst, außer um die Geldfrage 
auch darum, die nötigen Mannschaften zu bekommen, um die Kom- 
plettierungstermine einhalten und durch Abgang entstandene Lücken 
im Interimsetat ausfüllen zu können. Bei dem GeldmangeP^^) konnte 
man an eine rationelle Werbung im Auslande nicht denken. Die 
sogenannte Jrenvilüge Werbung"' im Lande selbst aber versprach 
wenig Erfolg. \\ie^hier die Dinge lagen, zeigt am besten der Vortrag 
des Chevaliers d. d. 26. Dezember ITes^^s). ^ 

Land tagsabschied d. d. 14. September 1766. 

ir^ 1 i«L "v^ ^''P*.'?"';^' "'"^'^ einraahl die ordmaii«n Gebühmisse erhalten", 

loc. 1186, \ ortrag d. d. 26. Dezember 1763. 

»•») Loc. 1186. 



Rekrutierung und Refcrutierungspläne 1763 — 1768 



81 



,,Die Anzahl dererjenigen, welche sich aus freyen Willen als 
Soldatt n engagiren, ist zu allen Zeiten sehr gering gewesen, und es 
scheinet, dass die Abneigung vor dem Militair-Dienste, währenden 
Krieges, da viele Gelegenheit gefunden, sich theils auf eine leichte, 
tlieils auf eine unerlaubte Art, durchzubringen, mehr zu- als ab- 
genommen habe, und dass viele lieber, bey iezigen wohlfeilen Brede, 
dem Müssiggang nachhängen, als sich dem Herrn-Dienste widmen 
wollen. ' Es ist klar, ,,dass in einem Lande, wo die Zuschreibung eines 
Ackers Erde oder der geringsten Hütte vom Soldaten-Dienste be- 
freyet. und wo der elendeste Tagelöhner unentbehrlich heisset, 
es ohne vieles Geschrey über Excesse und gewaltsame Werbung 
nicht wohl abgehen könne." 

Zur Heliebung dieser Übelstände schlug der Chevalier vor, 
..eine ganz neue Einrichtung mit der Recroutirung der Infanterie- 
Regimenter vom Lande" zu schaffen. Darnach sollten den Regi- 
mentern^^®) gewisse Kreise zur Rekrutierung angewiesen werden. 
Die Obrigkeiten der Kreise sollten gehalten sein, „die vorhandenen 
müssigen mid entbehrlichen Leute, von Zeit zu Zeit, an die ihnen 
zu benennenden Regimenter zu Fuss, nach beiliegender Einteilung, 
theils selbst aus eigener Bewegung, gegen ein gewisses zu bestim- 
mendes Hand-Geld, theils auf Anmelden der Regimenter zu ver- 
abfolgen*'.- 

Aber schon unterm 3. Januar 1764 finden wir darauf bezüg- 
liche Noten", die sich wenig günstig über diesen Plan äußern. 
Man lürchtete davon „eine ganz widrige Würckung" und meinte, 
eine solche Einrichtung würde die junge Mannschaft ,, verscheuchen". 
Namentlich stieß man sich daran, daß diese Einteilung des Landes 
dem Preußischen Kantonsystem zu ähnlich war. 

Am 7. Januar fand eine Konferenz statt, an der außer dem 
Administrator und der Kurfürstin- Witwe der Kabinettsminister 
V. Flemming, der G. C. Präsident Graf Rex und die Geheimen Räte 
V. Stubenberg, v. Einsiedel, v. Stammer und v. Fritsch teilnahmen. 
Hier beschloß man, den Plan des ChevaUer fallen zu lassen^^^). Statt 
dessen sollte im Auslande geworben werden, bis jede Musketier- 
kompagnie nündestens zum dritten Teile aus Ausländern bestand. 
Etwas Positives konnte hier aber erst geschehen, wenn man wußte, 
• ob die Kompagniechefs die Werbimg aus ihren Einkünften bestreiten 
konnten oder nicht. Der deshalb anbefohlene Überschlag „in wie 
ferne die Mousquetier-Capitains die Anwerbung des dritten Theiles 
ihrer Compagnien durch Ausländer vom Beurlaubimgs-Gelde be- 
streiten können?*' d.d. 8. Januar zeigt folgendes Bild. 

Der Kapitän diu-fte alljährlich ^/^ seiner Mannschaft auf neun 
Monate beurlauben. Diese Ür lauber erhielten ,,je nach Entlegenheit 
des Orthes, wohin sie gehen", eine 5 oder 10 tägige Löhnung. Den 
Rest ihrer Löhnung behielt der Kapitän, dem die volle Löhnung von 
der Generalkriegskasse gereicht wurde. Da der Kapitän monatlich 



Die Pläne waren entworfen für: Garde, zu Fuß, Kurprinz, Kurfürstin, 
Friedrich, Karl, Anton, Maximilian, Xaver, Ktoeos, Bröhl, Lubmii^, Gotiia- 

Infanterie und des Artilleriekorps. 

^'«} Kabinett^iotokoU d. d. 7. Januar 17M loc. 1186. 

6 



Sekratiemiig tmd Rekrütierungspläne 1763 — 1768. 



2 Thlr 13 gr. % ^ für den Mann bekam, gewann er bei 12V.. Mann 
Urlaubern 281 TUr. 18 gr. 6 ^, nach Abzug der Löhnungen blieben 
Ihm immer noch 262 Thk. 12 gr. 6 ^. Rechnete man nun le^/o 
Aua^der pro Kompagnie, deren Anwerbung je 15 Thlr. kostete so 
machtedas 250 Thlr. 20 gr.. der Kapitän machte also immer noch 
einen Uberschuß von 11 Thlr. 16 gr. 6 ^«»i). 
. ^t.^^*^**®°* bekam der Kapitän freies Quartier oder monatlich 
4 Thhr. guartiei^feld mid jährHch 264 Thlr., „was ihm durch die 
vacante Mannschaft zu gute geht"»«). 

Daß man sich vorzügUch auf ausländische Werbung stützen 
wollte, hatte wohl seinen Hauptgrund darin, daß die „freiwillige" 
Werbung mi Lande je länger je mehr zu einer Landplage bösester 
Art auswuchs, und die Bevölkerung vor aUem des platten Landes 
tief beunruhigte. Zwar war unterm 31. Dezember 1763 eine General- 
ordre in die Armee ergangen, die von neuem alle gewaltsame Werbung 
untersagte und ausdrücküch warnte: „Ein unbesonnenes und 
höchst strafbares Beginnen aber ist, wann der Anwerbtmg halber 
sogar durch commandirte EinfaUe in der Unterthanen Häusser' 
zumahl zur Nachtzeit . . . geschehen"»»), und unterm 13. Jaiu.ar 
1764 erschien ein gedrucktes Generale, um dem „Gerüchte, als ob 
1X1 hiesigen Landen eine ausswordentliche Werbung angeordnet und 
hierbey sogar, gewaltsam zu verfahren, nachgelassen sey"; entgegen- 
zutreten, das alle gewaltsame Werbung verbot: es half ailes nichts 
<he Werbeexzesse gingen weiter. Nunmehr erging unterm 1. Februar 
eine neue Generalordre, die den Regimentskommandeuren empfahl 
heber inkomplett zu bleiben, als gewaltsam zu werben. Eswurde auch 
gedroht, nunmehr die schuldigen Offiziere zu belangen, nicht nur wie 
bisher, die Unteroffiziere, die sich gegen das Werbeverbot vergingen»*) 

Die peinhche Lage, in der sich die Offiziere befanden, schildert 
ein Bericht des Generalleutnants v. Klingenberg^ss)^ indem erausführt: 

„Ganz ohne Gewerbe ist kein Maisch in Sachssen." Von 
Selbsten aus eigenem Triebe und Willen sich anzugeben, thut keiner, 
M- musste sich denn eines Verbrechens schuldig wissen, und vor 
Strafe fürchten." Die Obrigkeiten weigerten sich, Rekruten namhaft 
zu machen „vorgebende; Sie könnten und würden sich bey denen 
Unterthanen keine Feindschafft machen, um nicht gewärtig zu sein 
von denenselben verklagt zu werden". Oft schlugen sie vor, „dass * 
der Officier trachten solle, den vorgeschlagenen Manne habh'afft zu 
werden, man wollte durch die Finger sehfin, und nur zum Scheme 
klagen. Der Officier hat also das Risico, durch die Wegnehmunc 
verklaget und gestraffet zu werden". 



»") Bei diesem Ansatae (ans loc. 30 285) ist aUenUngB der Verlost der I&roitäne 
dorch Desertion und Abgang nicht in Betracht gezogen. 

_ »") Man zahlte vielfach zur Erleichterung der Kapitäne einige (bis 4 Mann) 
Uber den wirklichen Bestand, fülirte aber diese nicht existierenden Soldaten als 
in den Listen. 
"3) Loc 1186 Generalordre d. d. 31. Dezember 1763. 

Kapitän v, Bechenbeig (Anton Infanterie) eriiielt deshalb 8 Tajee Arrest 

beim Stabe. 

« ^ ^ Torgau, 1. Februar 1764. „Bedeucklicbe VorsteUuns über den 

Keimitierungs-ModQs". loa 1186. 



Rekrutierung und Rekrütierungspläne 1763 — 1768. 83 

Eine Konferenz am 11. Februar 1764, an der der Administrator, 
die Kurfürstin-Witwe, der Kabinettsminister v. Flemmmg und die 
Räte V. Loss, v. Stubenberg, v. Einsiedel, v. Stammer und v. Fritsch 
teilnahmen, beschäftigte sich vor allem mit der Revertentenfrage, 
d. h. damit, ob die Soldaten, die früher zur sächsischen Armee gehört 
hatten, ihr wohl noch durch Kapitulation verpflichtet waren, daini 
aber in fremde Dienste gezwungen, sich von da wieder befreit^^®) 
hatten, verbindlich wären, ihre Kapitulationen auszudienen. 

Zunächst beschloß man, in dieser Angelegenheit kein Generale 
zu erlassen, Revertenten, die sich nicht wieder bei der Truppe ge- 
meldet hatten, sollten nicht aufgesucht werden, aber die Regimenter 
sollten sehen, ob sie die Leute nicht doch wieder bekämen^^'). Kapi- 
tulanten, die sich nicht wieder gemeldet hatten, sollte man nicht 
zum Ausdienen ihrer Kapitulationsjahre zwingen, ebensowenig 
Leute, die fremde Dienste genommen hatten, aber ins Land zurück- 
gekommen waren. Zunächst sollen die Obrigkeiten aufsässig oder 
unentbehrlich gewordene Leute nicht zu Bürgern und Untertanen an- 
nehmen, bis sie nicht von den Regimentern freigegeben worden sind^^^). 

Unter gleichem Tage sind die ,,Puncta den bey dem Dinüssions- 
Gesuch der revertirten Soldaten zu beobachtenden Unterschied, in- 
gleichen die Entlassung der ansässig und unentbehrlich wordenen Mann- 
schaft betreffend"^^^) entworfen. Hier unterscheidet man vier Klassen. 

1. Soldaten, die sich vor dem Kriege auf unbestimmte Zeit 
verpflichtet haben, dann gefangen und zu fremden Diensten 
gezwungen worden sind, sollen weiter dienen, auch wenn 
sie sich selbst ranzioniert haben. 

2. Kapitulanten, die gefangen worden, sich selbst ranzioniert 
haben, sollen ihre Jahre nicht nachdienen, wenn sie nicht 
bei Sammlung neues Handgeld genommen und wieder 
kapituliert haben. 

3. Gepreßte oder zwangsweise vom Lande fremden Mächten ge- 
stellte Soldaten sind freizulassen, wenn de dch selbst ran- 
zioniert und dann freiwillig bei den sächsbchen Truppen 
gedient haben**®). 

4. Ansässig gewordene Soldaten mit oder ohne Kapitulation 
,,wann sie nur die Ansässigkeit und UnentbehrUchkdt durch 
Gerichtliche Zeugnisse und hinlängliche Beweissthümer veri- 
ficiren", sollen sofort entlassen werden***). 

Wegen der Aualieferung^arteUs mit ausmittigen Mächten 
wurde festgesetzt, daß man me nicht ausdrücklich erneuern***), de 
aber solchen Mächten gegenüber halten sollte, die ein Gleiches taten 
(wie Braunschweig-Lüneburg und Sachsen-Gotha). 



„Ranzioniert" hieß der Fachansdnick. 
Das war zum mindesten sehr zweideutig. 
»3») AUes im Konferena^tokoU d. d. 11. Februar 1764. Joe 1186. 

Loc. 1050 XVI. 

**®) Über deren Zahl siehe den Abschnitt „Sachsen nach dem aiebei^ihzigen 
Kriege". Generalpardon d. d. 28. September 1769 und 28. Jannar 1760. 

341) Ordonnanz d. a. 1752, § 79, § 81. 

Das Kartell mit Österreich (d. d. 15. November 1743) war schon am 
19. September 1763 bestätigt worden. Codex Augusteus Coatinuatio I. III. I p. 1222. 

6* 



84 



Rekrntienmg und Rekrutierungspläne 1763 — 1768. 



Diese Konferenzergebnisse befriedigten die militärischen Kreise 
gar nicht. Eine Anmerkung über das Konferenzprotokoll sagt^'*^); 
„Aus dem Resultat ist zu ersehen, wie sehr das damal. Ministerium 
und die Cabinets-Scribenten allem was zur aufnähme des Sächssl. 
Militl. unentbehrl. ist, entgegen arbeitete.'* Das Urteil ist ent- 
schieden ungerecht, soweit es gegen das Ministerium gerichtet ist, 
auf die Herren vom G. C. trifft es schon /a\. 

Die Hochflut von Abschiedsgesuchen minderten diese Be- 
stimmungen aber nicht. Die gewaltsamen Werbungen gingen auch 
fröhlich weiter^). Um alledem ein Ende zu machen, fragte der 
ChevaHer unterm 21. März 1764 an, wie das Militär Rekruten weg- 
nehmen solle, die von den Obrigkeiten angegeben worden wären, 
und welchen Wert eine „Nahrung'* haben muß, um ihren Besitzer 
vom Dienste zu befreien^*^). Früher hätte man nur Leute mit 150 
bis 200 Thlr. Vermögen verabschiedet. Man hatte es damit aber 
gar nicht eilig; die Ajnfragen des Chevaliei wurden erst am 17. Ok- 
tober dem G. C. zur Begutachtung übergeben. 

Am 21 . März wurde auch verordnet , daß j ede Musketier- 
kompagnie zu einem Viertel aus Ausländern bestehen sollte. 

Damit hatte man aber wenig Glück. Das Reskript an den 
Chevalier d. d. 24. April 1766 spricht davon, daß ^/g der geworbenen 
Ausländer wieder davongelaufen sind, aber doppelt soviel Inländer 
ebenfalls. Nun glaubte man in einer kostenlosen Heirat der Sol- 
daten^«) das Gegenmittel gefunden zu haben. Den Hauptschaden 
hatte bei den Desertionen der Kapitän, er verlor das Handgeld, 
die Ausrüstung des Mannes, bei der Kavallerie oft sogar dessen Pferd; 
um die Kapitäne zu entlasten, schlug nun der Chevalier^*'), vor] 
die zufälligen Ersparnisse bei den Kompagnien (unbesetzte Offizier- 
stellen usw.) zur Bestreitung der sogenannten Kxtraordinaria an- 
zuwenden. Die dafür ausgeworfenen 24 000 Thlr. (2000 Thlr. pro 
Regiment) soll das Regiment zur Werbung außer Landes erhalten. 
Zunächst kann mit einem Regiment oder zwei die Probe gemacht 
werden. Nach vollendeter Augmentation könnte man alle Über- 
schüsse von den Urlaubergeldern einkassieren und davon die aus- 
ländische Werbung bestreiten, ev. könnten die Regimenter dazu 
noch einen Zuschuß erhalten. 

Dieser Anschlag wurde nicht ausgefühit, wohl aus Geldmangel, 
wie die meisten Pläne des Chevaliers. Nach wie vor warben die 
Truppen in der schlimmsten Weise^*") im Laude. Gewöhnlich endeten 

»«) Loc. 1186 p. 223. 

"*) Rüge an den Obristen v. Petersdorff d. d. 12. April 1764, „da es wddea» 
dass der Major \-. Thcler es sich gantz zur Gewohnheit mache, Leut^ duich aus- 
geschickte Commandos abhohlen zu lassen"; loc. 30 282. 

Der Administrator bezeichnete diese Frage gelegentüch als „zu kützlich'*. 
„Wenn sie sich mit hier zu Lande gebohraien Weibs-Büdem von un- 
bescholtener Aufführung zn verehdü^en Lust haben." 
»") Vortrag d. d. 3. Juli 1766. 

»*•) Ein typischer Fall: Beschwerde des Johann Christoph Albrecht d.d. 
Paußnitz, 18. Oktober 1765. 

„Welchei]gestalt am abgewidienen Ilten Octobr. c. a. Abends nach 
9 Uhra ein Commando Soldaten von des Herrn Hauptmanns von Reuboldt 
unterhabender Compagnie, nebst einem Unter-O^caer» welcher ach vodmo 



Rekrutiening und RÄnitienmi^läne 1763—1768- 



85 



die deshalb angestrengten Klagen damit, daß der Gepreßte „seme 
freiwiffige Werbung ' zugab»*«). Am 13. Aprü 1767 erging eine neue 
Generalordre, die solche gewaltsame Werbung „bey Cassation und 
sonst nahmhaffter Strafe" verbot. Man drohte „ohne Ansehen der 
Person" und „dem buchstäblichen Innhalt gemäss" zu verfahren. 
Es blieb alles beim alten. Zwar als die Dresdner „Mäurer und Zimmer- 
Innung ' Klage führte»«), daß vier ihrer Genossen „auf freyer Strasse 
beim Aufbaue der Stadt und der ,4n dieser Gegend befindlichen 
Churfürstlichen Jagd- und Amts-Gebäude" weggenommen worden 
wären wurde unterm 25. April 1767 ein neues Mandat gegen gewalt- 
same Werbung erlassen, auch um „das allenthalben verbreitete 
ungegründete Gereicht von einer ausserordentUch angeordneten all- 
gemeinen Werbung" zu bekämpfen. Wenige Zeit später kamen wieder 
die schlimmsten FäUe vor»'). 

Die Werbung wurde noch eine weit ebinglichere Frage, als der 
Administrator beschloß, die Armee nicht erst in den Jahren 1768/70 
zu augmentieren, sondern die Kavallerie und Artillerie bis zum Jahres- 
ende 1767 und die Infanterie im Jahre 1768. Offenbar sah der Ad- 
ministrator aus den mangelhaften Bewilligungen von 1766, daß er 
sich auf die Hilfe der Stände gar nicht verlassen konnte und beschloß 
nunmehr nach eigenem Gutdunken zu handeln. Vom Chevalier 



vor einen Fleischer ausgegeben uad ein Pferd kauffen wollen, gewaltsamer 
Weise in meinem Bauer Guthe eii^faUe», in die Stuben gednmgOT, die Magd 
auf die Streu niedergesdüagen. die Kinder unter die Bäncke geschleudert, 
welche sehr miserable und kranck worden, und meinen jüngsten Bruder, 
welcher in meinem Dienste sich belunden, beym Haaren hinter den Tisch 
hervorgerissen, gewaltsamer Weise undt fortgeschleppt, Kotii in den Mund 
gestopffet, damit er sich nicht hat meldra und schieyen aollen, auch unter 
Wegens auf eine unerlaubte und fast mörderische Art trachert, die Stime 
und den Kopff flo seradilagen, daasioaa es noch siebet, und also zum Soldaten 
gezwungen." 

Laut Bericht der Paußnitzer Gerichte d. d. 23. Oktober erschien der Unter- 
offizier am 22. wieder „in einer Trouguner Muntierung". „da haben sich die jungen 
Leute überallhin verflüchtet, bey dieser itzigen notwendigen Saat-Zeit". Nitzschwit» 
schreibt in Eriedigung des Falles d, d. Großenhain, 23. Oktober an den Mimster 
V Flemming. der ..Kerl" habe zwar „seine freiwillige Werbung eingestanden", er 
wolle den Fall aber trotzdem untersuchen. Doch klagt er: „Es wiU niemand Soldate 
werden, ich kan meinen Capitaines gewiss nachrühmen, das sie sich alle Mühe geben, 
und keine Kosten scheuen, sie werben Ausländer an, allein die desertieren wieder. 

**») Wie man die Leute dazu bradite, sidie 351. 

»•) D. d. 26. Marz 1767. 

wi) Pfir die Art, wie maa die Leute zur Einwilligung in die Werbung zwang, 
ist folgender Fall bezdcbaend. Der Brief des Soldaten ist g^n dsm Originalscbrift- 
stiuto ans dm Akten loc. 1186 mtapxecbend. 

„Gott zum Gmss 

„Liebe Mutter ich hoffe mit der Güte des allerhöchsten gegenwärtige 
Zeilen'werden Euch noch bey gutem Wohlsein andreffen, was mich anbelanget 
stehe ich in schlechten umständen dieweil sie mich hier haben weggenommen 
under die Soldaten. Ich kam von Dressen herunder und gieng- hinder Gdmma 
weg und hinder der Grossen Bahre und nach das nächste Torf und da wollten 
wir die Nacht bleiben, und da wir auf der streu lagen so kamen zwischen 0 
und 10 Uhr 6 Mann Soldaten, die weckten uns auf und ich muste ihnen die 
Kundschaft geben, hernach fragten sie ob wir nicht mit ihnen trincken wollen, 
so sagte ich nein hernach must ich mit ihnen gehen, und da habe ich 2 Nädite 



86 



Rekrutmung tmd Rekrutieniiigspläiie 1763 — ^1768. 



forderte er also Gutachten des G. K. R. K, Vizepräsidenten v. Zeutzsch 
und des Generalleutnants v. Klingenberg über die Werbeart ein^^). 
Zur Bestreitung der Werbekosten sollten die Kürassierregimenter^*^ 
und die Artillerie vom 1. Juli an volle Bezahlui^ erhalten. Zum 
Vergleiche übermittelte er dem Chevalier eineB Auazug der preu- 
ßischen Werbeordnung. 

Am 9. Mai überreichte der Chevalier Zeutzschs und Klingen- 
bergs Gutachten. Gleichzeitig schlug er vor, die Komplettierung 
auf drei Termine zu verteilen: den 31. August, den 31. Oktober 
imdden 31. Dezember 1767. Zeutzschs ,,ohnvorgreifliche Gedancken" 
d. d. 6. Mai gehen dahin : die Werbung findet auf Kosten der General- 
kriegskasse statt. Geleitet wird sie vom G. K. R. K. und dem Armee- 
chef. Als Werbegebiete kommen in Betracht: die Schwarzburger, 
Schönburger und Reußischen Lande, Sachsen-Gotha, Sachsen- 
Weimar, Sachsen-Eisenach, Sachsen-Koburg, Sachaen-Saalfeld und 
ev, Würzburg, Bamberg und Schleusingen. 

Für die Werbekaase muß ein besonderes Quantum ausgeworfen 
werden, etwa die sechsmonatüchen Kosten von 1000 Mann. Die 
Auswahl der Werbeoffiziere besorgt der Feldmarschall. Die Stabs- 
und Oberoffiziere des Werbekommandos erhalten doppeltes Trakta- 
ment, Sergeanten 5 Thlr., Korporale 4 Thh. Zulage, die Gemeinen 
doppelte Löhnung. Die Rekruten müssen 18 — 24 Jahre alt und je 
nach Alter 71 — 72 Zoll sein. Kapitulationen, „da man vermuthlich 
solche zu halten gemeynet ist"^^*), sind nicht unter 4 — 6 Jahren 
abzuschließen. Das Handgeld beträgt 12 bis höchstens 20 Thlr. 
ZuT Sammlung der Rekruten dienen drei Depots im Lande: Kindel- 
brück (Amt Weißenfels), Ziegenrück (Neustädter Kreis) und Zwönitz. 
Nach den Listen dieser Depots verteilt der Inspekteur Ende jeden 
Monats die Leute an die Regimenter. Die weitere Ergänzimg des 
gewöhnlichen Abgangs hängt von des Prinzen Entschließung ab. 
Am besten ist hier ein fester Preis für den Mann, den die Regimenter, 

und 1 Tag gesessen und nicht ja gesagt hernach haben sie mich 2 Stunden 
auf die banck gesetzt und mit dem blosen Seitengewehr gewacht hernach 
woUten sie mir eine Katze an die Wand mahlen (d. h. wohl verprügehi) . und 
da ich beym H. Leutnant war da sagte ich ich willigte nicht und wenn sie 

mich 4 Wochen hersetzten, so sagte der Hr. Leutnant es würde nicht nur 
4 Wochen tauren, sondern es würden über 8 Wochen tauren so ward ich ge- 
zwungen, weil ich keinen gehülfen hatte das ich ja sagen muste. 

verbleibe Euer getreuer Sohn 
Einen Gruss an alle gute Freunde. 

Ben 1. Octobr. 

1767 'Johann August Süssengutfa. 

Nach laagwierigea Verhandlungen erwirkte sciiließlich der Armeeinspekteur 
(kaf hoeser, daB Süasenguöi am 22. Juni 1768 freikam, loc. 1186. 

»*) An den ChevaUer d. d. 28. April 1767. 

***) Diese kamen im wesentlidien nur noch in Betracht: Garde du Corps» die 
Kaiabiniers, die Cheva^Jeg^ mem kcnaplett Nur Sackendragoner fdUten noch 
etwa 160 Mann. 

^^*) Das war nämlich selten der Fall. In Preußen tat man es grundsätzUch 
nicht, auch einer der Glanzpunkte des friderizianisclien Heeres, dagegen standen 
die Österreicher in dem Rufe, die Kapitulationen ehrlich zu halten, siehe Laukhard 
p. 279. 



Rekruti^nag und £ekrutiarung^>lane 1763 — ^17t8. 



87 



„wenn sie stärcker sey werden*', durch Beurlaubungen bestreiten. 
Die Rekruten werden erst eingekleidet, wenn sie beim Regimente sind. • 

Klingenbergs „ohnmassgebliche Gedancken'* d. d. 8, Mai schlagen 
als Werbeplätze vor: Nordhausen, Sondershausen, Eisenach, Gotha, 
Me3mungen^^'^') , Koburg, Rudolstadt- Saalfeld, Schieitz, Gera (je 
ein Offizier) , Mühlhausen, Hildbiurghausen, Schwarzburg (je ein 
Kapitän). Der Werbekommandeur soll in Erfurt oder Weimar 
stehen. Dieser Officier muss ein sehr habiler Mann und der Fran- 
zöischen (sie!) Sprache kundig seyn/* Er erhält „einen sehr fähigen 
und der Feder mächtigen Officier" als Adjutanten und einen „brauch- 
baren Fourier**. Alle sollen „Genie und Facon haben", „mit in- 
clination dienen und womöghch selbst etwas Vermögen besitzen". 
Jeder Kapitän erhält drei Unteroffiziere, einen Tambour und drei 
Gemeine, jeder Offizier zwei Unteroffiziere, einen Tambour und zwei 
Gemeine, „welches alle sehr gute und beherze Leute sey müssen, 
auf deren Treue und Conduite man sich verlassen kan". 

Als Depot kann Eckartsberga oder Heldrungen oder sonst ein 
Ort in Thüringen in Frage kommen. Das Depot leitet ein Stabs- 
offizier mit zwei Offizieren in Pension. Diese übernehmen die Re- 
kruten und verteilen und übergeben sie nach Angaben des Inspek- 
teurs. Zwischen allen Teilen des Werbekonunandos findet ein regel- 
mäßiger Rapportdienst statt. An Zulagen außer den Reisekosten 
erhält ein Oberst 80 Thlr., ein Obristleutnant 60 Thlr., ein Kapitän . 
30 Thlr., Subaltemoffizier 15 Thlr. und Unteroffiziere und Gemeine 
doppelte Löhnung. Dem Werbedepot wird ein Feldscheer beigegeben. 

Der Werbeoffizier muß „ein angenehmes gutes Betragen zeigen, 
daselbst sich beliebt und Freunde machen, welches einem jeden in 
seiner Werbung sehr nützüch se5m wird'*. Er soll auf strengste 
Disziplin halten, gegen monatliches Gehalt außer dem Anbringungs- 
gelde Werbevermittler suchen, auf dem Werbeposten, „ein Wirths- 
oder ander bequehmes Hauss" beziehen. ,Jn diesen Häussern muss 
öfters Music gemacht ' ' werden , „um die j unge Mannschafft zur 
Lust anzureitzen"^^^*). Die Werbung muß möglichst billig geschehen, 
mehr als 3 gr. darf der Mann als Rekrut täglich nicht kosten (davon 
2 gr. für Essen). Dieser Gehalt währt bis zur Ablieferung ins Depot. 
Das Handgeld beträgt 12 — 15 Thlr. Davon erhält der Mann 2 — 3 Thlr. 
sofort, den Rest nach seiner Verpfüchtung, Auf dem Werbeplatze 
gibt man ihm nur die Beimontur. 

Die Rekruten müssen mindestens 72 Zoll sein (nur bei Aus- 
sicht auf Wachstum 71 Zoll). Sie sollen auch mögHchst unbeweibt" 
sein, damit man sie in Sachsen verheiraten kann. Leute, so bereits 
vielen Potentaten desertiert sind", soll man nicht werben, ,,die 
taugüchsten sind wohl diejenigen, so noch niehmals gedienet haben". 
Die Kapitulation wird auf sechs, wenigstens auf vier Jahre schriftlich 
abgescUossen. Die Sammlung der Rekruten wird genau geregelt 

Trotz dieser genauen Ausführungen verspricht sich Klingenberg 
von der Werbung nichts, da man doch nur Deserteure bekäme. 
Lieber sollte man jeder lafanteriekompagnie au%eben, bis Jahres- 

■••) Heiningen. 

***^ Wie es in aolcheii Hanaeni cnging, beadixeibt Lankbard p. IlQ/182. 



88 



Rekrutiening und Rekrutienuig^läae 17<&3 — 17#H. 



ende sechs Ausländer zu werben. Dazu erhalten sie vom ]. Juli 
* an volle Löhnung, ,,Bey mundierungsgelder" und für jeden ge- 
worbenen Ausländer 8 — 10 Thlr. Gratifikation. 

Zu der gleichen Angelegenheit übersandte der Chevalier am 
15. Mai ein Gutachten des G. C. vom 8. Mai. Dieses spricht sich 
ziemlich unverhohlen gegen die Werbung aus. Die früheren Wer- 
bungen wären entweder von den fremden Landesherren verboten 
worden oder erfolglos gewesen. Außer Müli Ihausen und Nordhauaen 
wäre kein lohnender Ort vorhanden. Die Ernestiner hätten sogar 
dem Kaiser die Werbung abgeschlagen, in Reuß wirbt der Kaiser, 
in Schwarzburg Preußen. Der Chevalier pflichtete dem Gutachten 
des G. C. bei. Die Plätze Mühlhausen und Nordhausen wären auch 
1743 — 1756 nur Beobachtungskommandos wegen hiesiger Deserteure 
und fremder Werber gewesen. Trotzdem scheint der Administrator 
nicht sofort den Plan fallen gelassen zu habe n. Bei den Akten finden 
sich Aufzeichnungen mit dem Vermerke ,,Mt nse Juny 1767 vorläufige 
Resolutiones*', die den Werbeplan auf Grund der Berichte von Zeutzsch 
undKlingenberg mit vielen, wichtigen Umänderungen weiter ausführen. 

Die ,,Resolutiones" vom 5. Juni 1767 zeigen aber ein ganz 
anderes Bild. Hier ist der Administrator ganz von dem Gedanken 
abgekommen, die Werbung in erster Linie auch für die Infanterie 
und im großen Stile zu organisieren. 8000 Rekruten für die Infanterie 
soll darnach das Land stellen, nur 3478 Mann sollen geworben werden, 
und zwar: 

372 Mann für die Artillerie, 
156 „ „ „ Sackendragoner, 
1782 „ „ „ 6 Regimenter Kürassiere, 
360 „ „ Leil^renadiergarde, 

808 „ „ „ übrige Infanterie. 

3748 Mann „durch Werbimg im In- und Auslande". 

Das Reskript vom 6. Jum befiehlt nunmehr den Kürassieren 
und der Artillerie von neuem eigene freiwillige Werbung, um sich 
in den drei vorgeschlagenen Terminen (31. August, 31. Oktober, 
31. Dezember) bis zum vollen Etat zu komplettieren. Zur finanziellen 
Erleichterung erhalten diese Truppenteile vom 1. Juli an volle Be- 
zahlung. 

Diese Werbung hatte im wesentlichen auch den gewünschten 
Erfolg. Anfang 1768*") war das Artilleriekorps bis auf wenige Mann 
komplett, bei den Kürassieren fehlten noch 266 Mann*®'). Der Che- 



Bericht des G. K. R. K. d. d. 22. Jannar 1768. 
£s fehlten: 

Bei Kurfürst . • • . 1 Maum 

Arnim 127 

„ Anhalt .... 31 „ 
„ Brendcenhoff . ■ 107 „ 

cusammra: 266 Mann. 

Den Grund für die großen Fehlbeträge bei Arnim und Brenckenhoff findet 
das G. K. R. K. darin, daß beide in Gegenden mit ,,Berg-Leuthcn. Fabricanten 
(d. h. Fabrikarbeitern), und solchen Leuthen" stehen. .,die allerhand Hanthierung 
treiben, und wegen der leichten Beurlaubung allenfallss den Dienst bey der Infanterie 



Kekrutierong und Rßkmimxmtgspiäaß 1703 — 1768 



89 



valier schlug nun vor, den Kürassieren noch bis zum 30. April Zeit 
zu lassen, nach diesem Termin sollte ihnen auf jeden fehlenden Mann 
Löhnung und Medizingeld auf zehn Monate abgezogen werden. 

Das Reskript vom 9. März 17G8 bestätigte diesen Vorschlag 
für Arnim, Anhalt und Brenckenhoff mit der Beschrcänknng, daß 
für Abgang vom bisherigen Bestände nur der übliche Abzug berechnet 
werden soll. Damit war die Rekrutierungsfrage wenigstens für den 
Augenblick gelöst. Für die Rekrutierung der Infanterie mußte 
die LandgesteUung sorgen. 



Die Rekrutenstellung 1768. 

Als bei der Ausarbeitung der Landtagsproposition für 1766 die 
Frage des Reservekorps wieder auftauchte, empfahl das G. 
,,im Falle der unvermeidlichen Nothwendigkeit einer schleunigen 
Augmentation und ausserordentlichen Recroutirung der Arm^e** 
trotz dem ständischen Angebote vom 10. Oktober 1763^^) eine ein- 
malige Stellung von Rekruten durch das Land nach dem Feuer- 
stättenmodus. Dagegen sollte denn der Reservekorpsplan , »wegen 
des ohnedem davon zu erwartenden geringen Nutzens, entweder 
gänzlich unterbleiben, oder doch noch auf mehrere Jahre hinaus" 
verschoben werden. Gleichzeitig ül)ersandte das G. C. sein ,,ohn- 
massgebliches Gutachten" über den Reservekorpsplan. Hier zeigte 
sich das G. C. noch militärfeindlicher als die Stände. Wie es den 
Plan zerzaust hatte, war er einfach eine Farce. Deshalb verzichtete 
der AHHnstrator bald ganz auf diese Reservepläne und trat der 
Stellungsfrage näher. 

Eine Kabinettskonferenz fand am 14. Mai 1766 zwischen dem 
Minister Flemming, dem Minister v. Einsiedel^**) und dem Geheimen 
Rat Gutschnüd statt. Sie befaßte sich mit dem G. C. Vortrage 
d. d. 2. Mai, der widerriet, die Stellung nach dem Häuserfuße vorzu- 
nehmen. Die Minister aber blieben bei dem Plane. Den Ständen 
sollten aber nicht die genauen Verteilungstabellen von 1750 vorgelegt 
werden, da diese ,,arcana status" wären, sondern nur mitgeteilt 
werden, daß 250 Häuser einen Mann stellen sollten. Den G. K. R. K. 
Vizepräsidenten v. Zeutzsch beauftragte man mit Ausarbeitung 
der „nöthigen General-Principia weil er schon 1751 die Repartition 
entworfen hatte?®^). 

«») Vortrag d. d. 18. Februar 1766. 

Siehe den Abschnitt „Der Landtag 1763". 

Johann Georej Friedrich v. Einsiedel, * 1730 f 1811 Minister des Innern 
und der MiÜtärverwaltungssachen, auch in L'Esprit usw. p. 29, Gretschel-Bülau III. 
p. 171. 

'*^) Sehr interessante Ausführungen zu dem Punkte , , Stellung nach dem 

Häuserfusse" in einem Berichte des Obristen v. Carlsburg d. d. Naumburg 4. Mai 
1766". Dieses ist die leichteste Art und der rechte Weg, die Leute zu finden." — 
,,Der Soldaten Stand ist so in Sachsen wenig geliebt, wenn nun noch desswegen Geld 
ausgegeben werden muss« so wird er noch verhaaster, und diesem wird dadurch 



90 



Die Rekrutenstellung 17t>8. 



Diese ,,Generalpnnzipien''362) nelimen als Grundlage das Hcäuser- 
Verzeichnis von 1750. Von der Stellung l)efrcit sind wüste Häuser 
und von den bewohnten geistliche, öffentliche, kurfürstliche und 
schriftsässige in den Städten, herrschaftliche, geistliche und Ge- 
meindegebäude auf dem Lande. Eximierte Häuser werden nicht 
mitgezählt, können aber keinesfalls den Rekruten „zu Freystädten 
dienen". 

Ein undatierter Aufsatz des Geheimreferendars Retzsch^) 
nimmt für jedes Haus drei Männer an, einen davon mittleren Alters. 
Das Land hat die Städte aller vorhandenen Gebäude. Ebenso 
ist das Verhältnis der Einwohnerzahl. Es ist also gleich, ob nach 
Häusern oder Einwohnern verteilt wird. Daher ist die Ritterschafts- 
beschwerde nichtig, die 2/3 statt liefern wollen. Wenn gemäß 
dem Vorschlage des G. K. R, K. statt 8516 Mann „die rotunde Summe 
von 8000" gefordert würde, so stellte das Land öOOO, die Städte 
3000 Mann. Henneberg ist bisher nicht zur Stellung gezogen worden. 
1755 sind in Sachsen 463 067 (davon 5653 in Henneberg) ntiännliche 
Personen von 14 — 60 Jahren angegeben wordeni. 

Zunächst war die Abächt, diese Rekruten innerhalb mehrerer 
Jahre (4. — 2.) aufzubringen. Davon geht auch der Bericht des 
G. K. R. K. d. d. 31. Oktober 1766 aus. Er betont, daß der Feuer- 
atättenmodus ursprünglich nur zur Errichtung d&r Kreisregimenter 



vorgebeugt, wenn die Leute genommen werden, wo sie sind, und die Ortschafften 
keine liefern dürfen, wenn sie keine haben." — „Es ist sehr hart und scheinet wieder 
die natäriidie Eiligkeit za streiten, wenn der Beamte einwändet: Dieser Bauer darff 
nicht Soldate werden, weil sein Vater reich ist. Dieser zeitlichen Vorzüge wegen 
sollte auch seine Verpflichtung dem Vaterlande zu dienen grösser als des armen seine 
seyn, und in welchem natürÜchen Gesetze ist enthalten, dass der Arme seinen Köpft 
vor den Reichen hergeben soll?" — „Es erwächst auch keinem Lande einiges Nach- 
tlieil dadurch, wtam su&tllsweiae, der einzige Sohn eines reichen Bauers, in seines 
Landesherm Dienst todt geschossen würdet Zu einem schönen Bauemguthe findet 
sich allezeit ein Besitzer." — ,,In Hessen muss alles <iem Landesherrn eine Zeit lang 
gedient haben", loc. 30 282. Die Ausführungen muten uns ganz modern an und 
zeigen, welche bedeutende Offiziere zu des Administrators Umgebung gehörten. 
(Caiisbnrg kommandierte des Administeators Regiment.) In Hessen dachte man 
von den dortigen IfiMtärzoständen weniger gut. Ein lied aus d^ Zeit mngt: 

O Cassel, o Cassel, verdammtes Jammertal! 

In dir ist nichts zu finden als lauter Angst und Qual, 

Die Offizier' sind hitzig, der Stolz ist gar zu groß! 
Ach, das verfluchte Leben, das man da führen muß! 

O Herr, es ist kein Wunder, daß manch-^r desertiert, 
• Wir werden wie die Hunde mit Prügeln abtraktiert. 

Die Hunde haben's besser, sie haben ihre Ruh', ^. 
Sie kriegen satt zu frese» und keine Sdiläg* dazu. 

Und wenn wir ausgedienet, wo wenden wir uns hin ? 
Die Gesundheit ist verloren, die Kräfte sind dahin. 
Ei nun, so wird es heißen: „Ein Vogel und kein Nest, 
Nun, äruder, nimm den Bettelsack, Soldat bist du gewest." 

Vers 1, 4 und 6 aus „Soldatenelend" bei v. Oppeln-Bronikowski ; Deutsche 
Kri^s- und Soldatenlieder, München 1911. Zeile 3 und 4 von Strophe 4 nach Erk 
und Böhme: Deutscher liedediort III. p. 268. 

^ D. d. 19. Mai 1766. loc. 1190. 

Loc. 1190. 



IHe itekml^istdaiiiig 1768 



91 



bestimmt war. Die Stellung auf einmal erscheint ihm bedenkliche^). 
Das G. K. R. K. glaubt, es handele sich nunmehr um eine jährliche 
Rekrutierung und sieht seine Hauptaufgabe darin, Mittel und Wege 
zu finden, den Austritt der Leute in benachbarte, „ohnehin schon 
«ehr verlockende Lande" zu verhindern. 

Bald aber wurde die Stellung innerhalb zwei Jahren ins Auge 
gefaßt. Zeutzflch führte aus^^), daß ihm eine Stellung in dieser 
Zeit allerdings geeigneter erscheine, um eine allgemeine Landflucht 
zu verhindern. Er nimmt noch an, daß 11 478 Rekruten auf diese 
Weise aufzubringen sind. Weiter meint er: ,,Wäre es möglich, die 
Gestellung derer Land-Recrouten nur allein auf die Infanterie zu 
restringiren, hingegen der Artillerie und Cavallerie die succesive 
Anwerbung ihrer Augmentation selbst zu überlassen — so möchte 
das vor die Infanterie erforderhche Recrouten- Quantum, an 8800 
Mann, in denen zwey nächsten Jahren endlich noch wohl gestellet 
werden können, obschon immer das Besorgniss übrig bleibet, es dürfte 
die eigne Anwerbung durch die Recrouten- Gestellung, und diese 
hinwiederum durch jene gehindert werden"^®®). 

Aber der Administrator war durch den Widerstand der Stände, 
vor allem der Ritterschaft, die stets in den sächsischen Landtagen 
das retardierende Moment bildete, gereizt. Er sah ein, daß man 
mit seinem jungen Mündel noch ganz anders umspringen würde, 
als mit ihm. Deshalb mußte ihm daran liegen, die Stellung vor Ab- 
lauf seiner Administratur erledigt zu sehen. Nachdem im Jahre 
1767 zunächst gemäß Zeutzschs Vorschlag, Kavallerie und Artillerie 
rekrutiert worden war^®'), sollte das Rekrutenquantum für die In- 
fanterie 1768, nach Retzschs Vorschlag auf rund 8000 vermindert, 
aufgebracht werden. Durch diese Verteilung auf zwei Jahre vermied 
man wenigstens ein völliges Zusammenfallen beider Maßnahmen. 
Das Reskript d. d. 2, November 1767^«) bestimmt, daß 8000 Re- 
kruten vom Lande an einem Tage nach dem Häuserfuße gestellt 
werden sollen. Dresden, Leipag und Freiberg werden, wie schon 
früher, von der Stellimg befreit, nur die Vorstädte müssen beitragen. 
Auf den Gütern sind nur die unvererbten Häuser der Untertanen 
frei, überhaupt sollen die Exemtionen möglichst beschränkt werden. 
Als Maß der Rekruten gilt: 

für 17—18 Jahre 69 Zoll, 
„ 18—20 „ 71/70 Zoll, 
„ ältere nicht unter 72 Zoll. 
Die Leute sollen ausgelost, nur bei Menschenmangel ausgelesen 
werden. Sie werden untersucht, und das .Regiment kann sie bei 
eintretender Untauglichkeit zurücksenden, sofern diese binnen 
Monatsfrist eintritt. Als Handgeld erhält der Mann 2 Thlr. Ausnahms- 

„Weil dem Lande auf einmahl zu viel nützliche und nöthige Leute ent- 
xogen werden könnea, alss auch weil solches die getroffenen Finanz-Einrichtungen 
vielleicht oicht gestatten möchten." loc. 30286. 
D. d. 4. November 1766. 
3") Der weitere Aufsatz v. Zeutzschs (loc. 30 286) behandelt die Rekrutea- 
gestellung innerhalb zwei Jahren. 

Siehe Abschnitt; „Rekrutierung und Rekrutierungspläne 1763 — 1768". 
•••) Loc. 61«7 IL 



92 



Die Rekmlmldlung 1766 



weise soll naeli dem Aufenthaltsorte (forum domicilii), nicht wie 
sonst nacli dem Hemiatsorte (forum originis) gestellt werden. Wäh- 
rend der Rekrutierung ..ä die insinuationis" bis zur völlig erfolgten 
Ablieferung" hört die W'erbimg der Regimenter zu Roß auf. Kapi- 
tulationen erhalten die Landrekruten nicht. Das G. C. war gar 
nicht mit des Admmistrators Absichten einverstanden. 

Im \'()rtra,c:e d.d. 10. November betonte es, daß bei dem all- 
gememen Leutemangel die 8000 Mann ohne Schaden für das Land 
nicht aufzubringen wären. Deshalb müsse man auch Fremde 
nehmen^*^^). wenn sie sich anböten, mmdestens aber die Kavallerie- 
werbung aufheben und Sicherheit vor weiteren \\>rbungen geben. 
An Einzelheiten schlug das G. C. vor. nur in den Städten an einem 
Tage, auf dem Lande aber .,in jedem Ort an einem Tage" zu rekru- 
tieren. Die Leute sollten nicht nach imd nach, „sondern sofort 
durch einen adhibirten Medicum oder Chirurgum" untersucht werden, 
ebenso die ausgehobenen „Professions-Verwandten"^^®), Kapitula- 
tionen erhalten. 

Der Administrator ließ sich gar nicht erst auf Diskussionen mit 
dem G. C. ein, Kurz und bündig erklärte er unterm 17. November, 
daß alles bei dem vorgefaßten Beschlüsse zu bleiben habe, es solle 
aber, .,auf was Art selbige nach Verschiedenheit der Umstände, 
mit den wenigsten Beschwerden und in bestmöglichster Ordnung 
zur Application zu bringen seyn werden"^'^), dem G.G. überlassen 
bleiben , 

Am 16. November überreichte das G. C. die Repartitionen des 
G. K. R. K.. ,,und zwar zur Gewinnung der Zeit in originahbus" 
samt dem Entwürfe zu einem Generale, die Stellung betreffend, 
und einigen Anfragen des G. K. R. K. In den Listen sind 8039 Re- 
kruten angesetzt, diese 39 Überzähligen sind für Maximihan und 
Klemens berechnet. ,,weil im gebürgischen Creysse, sonderhch im 
Amte W'olkenstein. an einigen Orten soviel Recruten zur Cavallerie 
angeworben werden, dass ihnen die zugesprochene Anzahl vor die 
Infanterie aufzubringen, ohnmöglich seyn dürffte". Das gleiche 
fürchtete man für den Thüringer Kreis, da Benckendorff in Schwarz- 
burg, Stollberg und Mannsfeld rekrutiert hatte. Bis Ende Deaember 
hoffte das G. K. R. K. alle Ausfertigungen fertig zu haben. 

In einem „Inserate" fragte das G. K. R. K. über folgende 
Punkte an: 

1. Als Krankheit der Rekruten könne man doch nur ,,erweisslich 
alte und verborgene Gesundheits- Mängel oder Leibes- Ge- 
brechen" ansehen, nicht ,,morbiaut defectus supervenientea 

2. Ob man auch unter Ansässigen auslesen dürfe und 

3. ob nicht die Ansässigkeit dahin beschränkt werden könne, 
daß sie ,,mit Hauss und Hof" erläutert würde, da besonders 
in Thüringen viele nur „mit einem Acker Erde" ansässig 



^^^) Damit wäre einem schwunghaften Menschenhandel Tür und Tor geöffnet 
worden, denn in solchen Fällen bezahlten die Gemeinden irgend, einen Landstreicher, 
der sich dann lür die Gemeinde stellte. 

D. h. Leute, die einen festen Beruf hatten. 

»") Loc. 1187 IL 



Die RekrntensteUnng 1708< 



93 



wären „und sich nicht selten der Verdacht äußert, daß es 
mit dergleichen Ansässigkeit bloß zu Entgehung derer Kriegs- 
Dienste abgezielet sey". 

Dem G. C. erschien diese Beschränkung „höchst bedenklich", 
die Lausitzen „praegraviret", und es warnte dringend, man sdle 
diese Repartition „nicht schlechterdings vor richtig annehmen", 
sondern die Subrepartition den Kommissen überlassen, zumal der 
Lauritzer Landtag nsdie bevorstehe. Bei dem Zeitmangel müsse 
man sich „durch den Druck helfen", um alle Ausfertigen rechtzeitig 
zu erledigen, trotz der Gefahr, dadurch die streng geheim gehaltene 
Angelegenheit zu „propalieren". 

Die aufgesetzten „Verhaltungspunkte" für die Obrigkeiten*'*) 
enthalten im wesentlichen die ^Stimmungen des Resknpts vom 
2. November. Hinzugefügt ist, daß der Rekrut sofort entlassen 
wird, wenn ihm „Guth, Nahrung oder Hauss" zufällt, er durch 
Heirat ansässig oder irgendwie imentbehrlich wird. „Bey Vermeidung 
zehnfachen Ersatzes" sollen alle Durchstechereien und „aller Geld- 
splittemder Aufwand" vermieden werden. „Gratifikationen" sollen 
die Gemeinden den Rekruten nicht reichen. Fällt die Stellung eines 
Mannes auf zwei oder mehr Obrigkeiten, so sdlen sie darum losen. 
Für die Clrtsangehörigkeit entscheidet das Forum domicilü, doch 
kann das Forum or^nis den Mann für sich verlangen, falls dieser 
„sich nicht allda bereits 1 Jahr vor der Recrouten-Gestdlung wessent- 
lich niedergelassen. Bey gegenwärtiger Recrouten-Gestellung aber, 
da sie im ganzen Lande auf einmahl, tmd an einem Tage zu be* 
werkstelligen ist, mag allerdings anders nicht, alss per exceptionem 
k Regula, nach dem Forum Domicilü verfahren werfen"*'*). 

Die Obrigkeiten erhalten die Befehle verschlossen „nebst der 
diessfalssigen Verhaltungs-Maase" vierzehn Tage vorher „zu eigener 
Eröffnimg ad manus" und aUid „für alle durch ihr Verschulden 
entstehende Propalirimg responsable". Die Rekruten sollten fol- 



Kurfürst In^terie . . 


. . 670 Mann 


Kurfürstin 


>» ■ " 


. . 666 


$9 


Karl 




. . 667 


9t 


Anton 


1» • • 


. . 666 


9t 


Maxinnlian 


tt • • 


. . 679 


t» 


Xaver 


9t * ' 


. . 668 


99 


Klemens 


t9 • • 


. . 687 


tt 


Gotha 


1» • • 


. . 667 


99 


Solms 


9» • • 


. . 668 


9» 


V. Borcke 


9> • • 


. . 667 


99 


V. Ttkle 


** • • 


. . 667 


tt 


V. Block 


f » • • 


. . 667 


99 



zusammen 8039 Mann. 

Unterm 23. November sandte der Administrator die Entwürfe 
zurück. „Im Haupt-Wercke" sollte alles bei dem Reskript d. d. 



Oft Gerichte" genannt. 
•73) Das war so wenig klar ausgedrückt, daß Streitigkeitea etttstehen mußtea. 



94 



Die RekruteasteUang 17W. 



2. November bleiben. Von einem Generale an die Gerichte aus der 
Landesregierung sah er ab, damit nicht dadurch die ohnediess 
weitschichtige Arbeit vermehret werde*'. Die Verhaltungspunkte 
nahm er mit einigen Änderungen an, wollte aber ,,di^8e Vorsicht 
gebrauchet wissen, dass der zu adhibirende Buchdrucker auf die 
Geheimhaltung besonders verpflichtet, und wie er hierunter auch 
iür seme Leute bey schwehrer Verantwortung zu repondiren, mithin 
dass von denenselben nichts ausgeschwatzet, und nebst denen sämt- 
lichen Exemplairen auch die Correctur- Bogen richtig eingeliefert 
werden mögen, davon aber irgend nichts ausgetragen imd verun- 
treuet werden könne*'. Alle Repartitionen, auch die Lauaitzer, nahm 
der Administrator an. 

Unterm 7. Dezember übersandte das G. C. den Bericht des 
G. K. R. K, d. d. 6. Dezember. Darin sprach sich dieses aus, daß 
ihm ,,der noch festzusetzende Tag** der Tag der wirklichen Ab- 
lieferung sei. Ihm erschien es geboten, die Obrigkeiten dahin an- 
zuweisen, nicht eher als 2 — 4 Tage vor der Stellimg auslosen zu 
lassen. Das G. K, R. K. selbst bat die Bekanntmachung des Tages 
vier Wochen vorher aus, damit es alles richtig ausfertigen könnte. 

Diese Auffassung des K. G. R. K. war allerdings etwas seltsam, 
denn bei der Stellung kam es gar nicht darauf an, daß die Leute 
an einem Tage abgeliefert wurden, das hatte schließüch- Zeit, sobald 
man die Rekruten einmal fest hatte. Viel wichtiger war, daß man 
sie an einem Tage aushob, denn da konnten sie sich nirgends ver- 
stecken. In maßgebenden Kreisen war man denn auch sehr erstaunt 
über des G. K. R. K. Ansicht. Geheimrat Just schrieb in einer 
Anmerkung^^*) : „Das Wort Recrouten-Gestellung ist jederzeit 
dafür angenommen worden, dass es den Actum der Zusammen- 
bringung der ausgeschriebenen Recrouten-Zahl ausdrücket und von 
der Ablieferung derselben an die Regimenter wesentlich unter- 
schieden ist". Entsprechend war denn auch das Reskript des Ad- 
nünistrators d. d. 11. Dezember: „Wie die Aufbringung oder Ge- 
stellung der Land-Recrouten von derselben AbHeferung an die Regi- 
menter wesentlich vmterschieden ist, und jene vor dieser vorhergehen 
muss; also haben Wir auch nach deuthchem Innhalte Unseres Haupt- 
Rescripts vom 2ten Novbr. an. cur. im 2ten Punckte den Uns zu 
bestimmen vorbehaltenen Gestellungs-Tag nicht von der Abüeferung 
gedachter Recrouten, sondern von ihrer Aufbringxmg durch Aus- 
loossung oder Auslessung, der Natur der Sache gemäss, um so mehr 
verstanden wissen wollen, als bey letztgedachter Expedition, wenn 
sie in grossen Aemtern und Orten früher als in benachbarten kleinen 
vorgenommen werden sollte, der durch die anbefohlene Geheim- 
haltung abgezielte Endzweck der zu verhüthenden Entweichung 
der jungen Mannschafft verfehlet werden würde.'* Die wirkUche 
Ablieferung sollte sich binnen 3 — 4 Tagen vollziehen, die „In- 
sinuation** sollte 14 Tage vorher erfolgen. Nachmals rollte die Frage 
der Lauaitzer Repartition ein Pro Memoria auf, daa die Lausitzer 

*'*) D. d. 7. Dezember 1767. 

*^*) Das Reskript wurde nicht aufl^efertigt, üie Konuuissare erhielten ihren 
BtBchmd vom G. C. 



Die RekratensteSnng 1766. 



96 



Kommission Carl Gottlob und Johann Rudolph v. Gerssdorff unterm 
10. Dezember eingaben. Sie setzen darin auseinander, daß laut der 
..Ferdinandischen Dedsion'" vcm 1644 .,die Mitleidenheit des Landes" 
„lediglich nach der Vielheit dexes Güther und Grösse des Vermögens" 
zu ..regulieren und praestieren'^ sei. Nach diesem Modus ist die Stdlung 
1633. 1634, 1640. 1641, 1666. 1684. 1704. 1706. 1706. 1729 und 1734 
vc^Ozogen M^den. 

Bei der Stellung von 1349 Mann, die der Lausitz zukam, hatte 
nach der „quotenmässigen Mitleidenheit" das Land 745. die Städte 
604 Mann zu stellen, nach dem ..Prinzipe der Feuerstätten" das 
Land 1028, die Städte 321. Desludb bitten die Kommissare, daß 
das Land entlastet und überhaupt das Quantum vermindert werden 
möge. Ein Reskript^^^) gestand den Lausitzern die „quotenmäsa^e 
Mitieidenheit" zu. Das Quantum aber blieb bestehen. 

Das Reskript vom 6. Januar gab den 8. Februar 17H8 als Ge- 
stellungstermin an^'®). Der Chevalier erhielt am gleichen Tage fol- 
gende Bestimmungen zugefertigt: 

1. Mit dem Schönburgischen Kontingente^") waren am 8. Februar 
8096 Mann zu stellen. 

2. Die Offiziere sollten sich „in die von denen Gerichts-Obrig- 
keiten allein zu besorgende Aufbringung der Recrouten. sie 
würden denn diesfallss von gedachten Obrigkeiten besonders 
requiriret, nicht einmischen, sondern nur mit deren behöriger 
Uebernalmie beschäftigen, dieselbe durch imnöthige Aus- 
stellungen nicht erschwehren, über die ihnen geüeferte 
Mannschafft richtige Quittungen ertheilen, auch sich sowohl 
gegen erwehnte Obrigkeiten, als gegen die ihnen an grösseren 
Orten zur Assistenz zugeordneten Crej^ss- und andere Chur- 
fürstl. Commissarien, mit geziemlicher Bescheidenheit, nicht 
minder gegen die Recrouten selbst mit bestem Glimpf be- 
tragen, und die bey sigh habenden Commandirten dazu alles 
Ernstes anhalten." 

3. Die Handgelder (je 2 Thlr.) aoU die Generalknegskasse 
zahlen. 

4. Die Kommandanten sollen unentbehrliche Rekruten sofort 
entlassen. 

5. Die Werbungen aller Regimenter^'®) sollen ,,ä die insima- 
tionis" aufhören und ev. ungültig sein. Nach der Ablieferung 
kann weiter geworben werden. 

6. Da bei Leibgrenadiergarde noch 360 Mann fehlen, sollen alle 
Rekruten von 75 Zoll und darüber dahin abgegeben und in 
eine besondere Liste gebracht werden. Diese Leute sollen 



•*•) Die Vorarbeiten bis zur Ausfüllung des Stellungstages waren am 29. De- 
JBember 1767 beendet. (G. K. R. K. Bericht vom 29. Dezember 1767- ) — Den SteUungs- 
tag hatte Zeutssch voigeschlagen (Pro Memoria d. d. 29. Dezember 1767, loc 90 286). 

''^) Näheres darüber im Abschnitte »»Nachspiele zur Landrekrutienmg". 

Leibgrenadiergarde kehrte sich zunächst an diese Bestimmungen gar 
nicht, da es sich als nicht schlechthin zur Armee gehörig soadera als eiae Truppe 
mit SonderstellunLg ansah. 



96 



Die RekrtttenstellQBg 176S. 



zwar Handgeld bekommen, aber weder verpflichtet, noch 
eingereiht oder mit einer Ausstattiing versehen werden, 
,,8ie hätten denn letztere ohnumgänglich nöthig". 

Unterm 9. Januar übersandte das G. C. vier „Requisitoriales"*^*) 
an Anhalt-Dessau, Anhalt-Zerbst, Sachsen-Weimar und Sachaen- 
Gotha-Altenburg, da die Regimenter Kurfürstin und Klemens 
ihre Rekruten aus Barby bez. dem Voigtländischen Ki^ise abhden 
mußten und dabei diese Gel»ete berührten. Am 11. Januar worden 
ste bestätigt. 

Damit war alles Vorbereitende erledigt. Die Stellung konnte 
zum festgesetzten Tage vor Mch gehen. Interessant ist während 
der Vorbereitui^en die Haltung des Administrators. Er ist jetzt 
ganz der Politiker der eisernen Faust geworden. Durchgreifen, 
das ist seine Losung. Er geht unbeirrt durch Einwände und Vor- 
schläge den Weg, den er für gut hält. Man hat ihm das später sehr 
verübelt, und kurzsichtigen Geschichtsschreibern ist er noch heute ein 
Typus jener Soldatenspieler, wie der „Trommler von Pirmasens"'®*). 
Man verkennt ihn aber auf diese Weise ganz. Nicht für sich schuf 
er ja diese Armee. Er war nach erledigter Administratur der Mann 
von gestern, nach dem keiner groß fragte. Für sein Mündel, für den 
späteren Kurffirsten wollte er das Heer bauen. Und wer ihm da im 
Wege stand, den mußte er für seinen Feind ansehen. Da die Stände 
nicht neben ihm schritten, schritt er über sie hinweg. Er war nicht 
lunsonsf^im Kriege auch über Leichen gegangen. Die Landstellung 
war der Schlußstein zum Gebäude der großen Reorganisation. 
Krönte er das Werk gut, so war es gelungen. 

Der erste offizielle Bericht über den Erfolg der Stellung ist 
des G. K. R. K. Vortrag d. d. 15. Februar 1768. \\'enig Erfreuliches 
steht darin. Der Erfolg ist weit hinter den Erwartungen zurück- 
geblieben. Zwar fehlen noch Einzelheiten, im ganzen aber ist zu 
übersehen, daß das ausgeschriebene Quantum auch nicht annähernd 
beigebracht worden ist. Als Gründe für den Fehlschlag des Werkes 
führt das G. K. R. K. an: Schwierigkeiten durch Anwendung des 
Forum domicilii; es klagt, ,,da8s das pro Norma vor diesesmahl 
festgesetzte forum domicilii von verschiedenen Obrigkeiten und Ge- 
richten allzuweit extendiret worden, und in ein forum deprehensionis 
degeneriret ist". Außerdem sind viele junge Leute ausgetreten, 
und die Gestellten unter dem geforderten Maße'^). 

Der G. K. R. K. Bericht d. d. 9. März beleuchtet diese Schwierig- 
keiten näher. Die Obrigkeiten haben mehr als ihre Pflicht getan. 
Da ,,die sich in W^äldern, Büschen, Bergen, Klüfften und an anderen 
solchen Orten verborgen haltenden jungen Mannschaften selbst aber, 
zugleich an ihrer Gesundheit, zum Schaden des Nahrungs-Standes, 
dabey leiden*', so kann man ihre Rückkehr „nur leiten und befördern", 
nicht aber sie gewaltsam aufsuchen. 



Gesuche, den freien Durchmarsch zu gestatten. 

Das war der Spottname des Landgrafeu Ludwig IX. von Hessen-Darm- 
stadt. Über ihn siehe Laukhard p. 146/148. 
Ml) jjoG. 6168 III« 



Die Re fc rutem ^ ettaflg 1768. 



97 



Weitere Gründe des Mißerfolgs dnd: Das vorher ..sich ver- 
breitete Gerücht einer Recroutirung, die jähe Ueberraschung und 
ungenügende Vorbereitung der Sache durch die Obrigkeiten". Der 
Mangel an „maasshaltenden" Leuten rührt daher, daß die Preußen 
im Kriege alles unter die Fahnen gepreßt haben „und zu Ende des- 
selben so gau: Jungen von 12 bis 14 Jahren unter die Preuss. Frey- 
Bataillons angenonunen imd mit weggeführet worden"* Weil alle 
jungen Leute zur Arbeit herangezogen werden mußten, sind me nicht 
nur im Wachstum sehr zurückgebUeben, sondern auch sogar ungesund 
geworden ,,und haben sich Brikhe und andere Leibes-Schäcfen" 
zugezogen. Das forum domicilii hat die Stellung ,,mehr behindert 
als befördert. Es macht das ganze RepartitioiuhFundament un- 
richtig". 

Das Zusammenfallen von Werbung und Rekrutierung sdiädigt 
die Stellung, da die Werber Kapitulationen Meten können, die hd 
der Stellung wegfallen. 

Der Bericht vom 19. März klagt über „die allzugenaue Auswahl 
der Recrouten". Auegehobene werden oft von den R^mentem 
wegen Maßmangel zurückgeschickt, „oder weil sie die Regiments^ 
feldscheers in weitschich^en Terminis vor nicht recht gesimd 
angegeben", um die Kurkosten heilbarer Fehler zu sparen'**). Die 
Ausgetretenen kommen wieder, aber es werden Falte von Selbst- 
verstümmelung bekannt'**). 

Da in den folgenden Berichten unwillkürlich mehr und mehr 
die Frage in den Vordeigrund trat, welche Felder bei der Aus- 
schreibui^ der Stellung gemacht worden waren, so war es sehr be- 
rechtigt, wenn der Administrator betonte, daß „Für ietzo nicht die 
Frage ist, ob und wie die Land-Recrouten-Iieferung besser hätte 
eingerichtet werden können? sondern wie die ohngefehr noch er- 
mangelde Helffte der ausgeschriebenen 8000 Recrouten am leich- 
testen imd geschwindesten herbey zu bringen sey". Nach reiflicher 
Überlegung wurde imterm 7. Apäl ein Generate erla»Eien, daß die 
heftige Rüge enthielt: 

„Doch hat uns um so mehr die Laulichkeit der meisten Ge- 
richts-Obrigkeiten befremdet, die zum Theil aus einem irrigen, 
und der Ehre des Sächssischen Nahmens unwürdigen Wahne, als 
ob ihre Unterthanen, durch derselben Bestimmung zum Soldaten- 
Stande imglücklich gems^cht würden, in der AbUeferung ihrer Re- 
crouten weit hinter ihren Mit-Stän^n .und Nachbarn zurüdce ge- 
blieben sind/* 

Gleichzeitig gingen neue Verhaltimgsmaßregeln als „Erläute- 
rungs-Puncte" ins Land. Diese setzten das geforderte Maß derart 
herab, daß für 17—20 Jährige 69 Zoll und für 21—33 Jährige 
70—71 Zoll zureichen sollten. Die Exemtionen wurden beschränkt. 
Es waren nunmehr nicht mehr von der Stellung befreit: die Dorf- 



***) Die Feldscheers bekamen ein gewisses G^qnantom» v<»i d^a sie alle Kur- 
kosten ihrer Regimenter zu bestreiten hatten. Je weniger Kranke das Regiment 
hatte, um so mehr konnte der Feldscheer sparen. 

Manche haben sich ,.die Finger abgehauen"; ,,auch einige die Zähne aus- 
brechen lassen". (Um zum Abbeißen der Patronen untauglich zu sein.) 

7 



98 



IMe R^mtenslalliiiig 17M 



acdseinnehmer, die Ber§^eute, die nach dem 1. April 1767 diesen 
Beruf ^:^ffen hatten, Besitser ..walzender Güther und einzelner 
Aecker, oder Weinbetige ohne Häusser". Bei gemeinsamen Guts- 
besitz war nur der B^rtschafter noch exemt* Femer sollten die 
Ausgetretenen in Listen aufgenommen, die Selbstverstümmler aber 
„zu Steckenknechten" an die Regimenter abgegeben werden. Den 
befreiten Gütern legte man nahe, ihre Knechte zu stellen, und ver- 
sicherte ffle. daß deren Einspruch vergeblich sein würde. 

Der Ablieferungstermin wurde bis 21 . Mai verlängert, die 
Werbung, die seit dem 12. Februar wieder eingesetzt hatte, wurde 
für 1. April bis 21. Mai verboten, nun auch ausdrücklich für Leib- 
grenadiergarde, die ruhig weitergeworben hatte, doch sollte die so 
geworbene Mannschaft dem Lande nicht gutgerechnet werden, 
„weil daraus nur mancherley beschwerliche Contestationes zwischen 
dem Lande und denen Regimentern erwachssen würden". Eine 
vorgeschlagene Erleichterung für Städte, die im Kriege gelitten hatten, 
trat nicht ein. 

Gleichzeitig empfahl man den Aush(?benden, sich bei den schon 
abgelieferten Rekruten zu erkundigen, ob ihnen in ihrer Heimat 
noch geeignete Leute bekannt wären, die man nicht abgegeben 
hätte^^^). Der Erfolg davon war negativ^^^). 

Nach dem Erlasse vom 7. April gedieh das Werk allmählich 
auch ziemlich nach Wunsch. Zahlenmäßig zeigt das folgende Tabelle: 

R^ünent L.- Q.^®*) Febr. 12. März Mai Juni Juli Aug. Novbr. Dezbr. 



Kurfürst . 


670 


296 


322 


Korffirstin 


666 


321 


321 


Karl . . . 


667 


239 


239 


Anton . . 


666 


373 


372 


Max . . . 


679 


455 


455 


Xaver . . 


668 


175 


175 


Klemens . 


687 


329 


329 


Gotha . . 


667 


351 


349 


Solms . . 


668 


318 


318 


V. Borcke 


667 


393 


394 


V. Thiele . 


667 


359 


359 


V. Block . 


667 


334 


337 



8039 3943 3970 7092 724572517260 7285 7328 

Die Tabelle zeigt, daß. der wirkhche Erfolg der Stellung erst 
nach dem Erlasse vom 7. April eintrat^**'). Der G. K. R. K. Bericht 

Loc. 1187 III. 

***) So klagt Konunandeur von Kurfürstin: Solche Angaben wären meist 
».ein pures Gewäsche". — Anton: ,,Die Anzeigen derer Recruten und auch anderer 
Leuthe sind so beschaffen, dass mich darauf gar nicht verlassen kan, indem dieselben 
aus Rancnne oder andere Absichten Sachen anzeigen, die bey femer Untersuchung 
ganz anders und ungegründet befunden werden." — Block: „Dass die Anzeigen 
dieser Leuthe theils aus einer aminosit6 herrühren, theils mit einer Unwissenheit 
von der wahren Beschaffenheit derer angezeigten Leute verknöpft sind." 
L.-Q. = Lieferungsquantum. 

^^') Die Zahlen für die einzelnen Regimenter fehlen v<m da an, deshalb mußten 
die Kolonnen der Tabelle unausgelüUt bleiben. 



IMe RekrutensteUung 1768. 



99 



d. d. 21. Juni 1768 sagt, daß nunmehr alle ihr Äußetstes getan und 
viele Gerichte auch Unentbehrliche und Ansäsoge geliefert hätten. 
Als Gründe für daa nicht völlige Gelingen gibt auch dieser Bericht 
an: Die Aushebung an einem Tage, die Leutenot und die Anwendung 
des forum domicilii. Außerdem erschwerten die Stellung die große 
Zahl der zu stellenden Rekruten und die vorhergegangene Werbung. 

Dieses Urteil dürfte in allen Punkten richtig sein. Im allgemeinen 
taten die Behörden ihre Pflicht, wenn auch auf dem Lande eifriger 
und schneller als in den Städten**«) Offizieren scheint man 

nicht ohne Grund vorgeworfen zu haben, bei Auswahl der Rekruten 
gar zu i^hlerisch gewesen zu sein. Allerdings muß zu ihrer 
Entschuldigung gesagt sein, daß das Miütär damals in jeder Zivil- 
behörde seinen natürlichen, heimlichen Gegner sah und sehen mußte, 
und daß namentUch die erste Rekrutenlieferimg wirkUch IdägUch 
ausfiel««*). 

Am 14. September hob ein Generale cüe Landrekrutiertmg auf. 
Damach wurde den Gerichten gestattet, statt der rückständigen 
Rekruten 60 Thlr. für den fehlenden Mann zu zahlen „bey Ver- 
meidimg militairischer Execution". Der von den Regimentern ge- 
forderte Revers, durch den die Gerichte sich verpflichten sollten, 
für die gelieferten Rekruten einzustehen, imd deren Desertion ev. 
zu ersetzen, wurde abgelehnt, ebenso der verspätete Umtausch 
der Rekruten. Bis Anfang Februar 1769 waren soviel Äquivalent- 
gelder eingegangen, daß noch 662Vt Mann im Rückstand waren. 
Die Gemeinden baten' aber dringend um Erlaß dieser Zahlung, 
worauf am 9, März das Äquivalent auf 25 Thlr. festgesetzt, und 
dem G. K. R. K. weitere lErmäßigungen anheimgestellt wurden. 
Armut imd Würd^keit der Gemeinden sollten hierbei entscheiden. 
Bis zum 29. Oktober 1773 waren 7580 Thk. 14 gr. 7 ^ Äquivalent- 
gelder eingegangen, es fehlten immer noch 531 Mann, davon wurden 
226 V2 ganz erlassen, so daß immer noch 304V i übrig blieben. 

Überaeht nnan den ganzen Verlauf der Rekrutenstellung, so 
war er schon rein äußerlich ein Sieg des Administrators und seiner 
eisernen Energie, zwar nicht leicht errungen und nicht restlos, aber 
eben doch ein Sieg. Der Zweck war im wesentlichen erreicht, die 
Armee war bis auf eine verhältnismäßig geringe Fehlzahl komplett. 
Aber auch sonst waren die Erfolge dieser Stellung nicht gering. 
Man hat später das alles viel zu schwarz gesehen imd inuner nur 
gejammert, wieviel Menschenkräfte der Adntünistrator dadurch Acker- 
bau und Industrie entzog. Viel wichtiger war es doch, daß er mit 
der Stellung der Armee ein festes Rückgrat gab ; einen starken Stamm 

'^^) „Die kleinsten waren die eisten, welche ihr coatingent abzuhefem be- 
müht waren." Rapport des Kapitäns v. Manteuffel (Borcke) d. d. Soran, 14. März 
1768, loc. 30 285. 

Oberst v. Pfeilitzer d. d, Naumburg 16. April 1768, „die erste Gestelhing 
derer Landes-Recrouten ist so beschaffen, und so elende gewesen, dass es das An- 
sehen gehabt, als ob Obrigkeiten und Gemeinden sich der gantz untüchtigen und 
gebrechHcfaen, ja den Schaum der Menschheit entschüttra wollen". — Oberst 
V. Flemming (Kurfürstin): „Ueber zwey-Drittel sind unter dem Maasse und die 
meisten davon Kinder, die man Heber in die Schule schickt." Ubeihaupt Idagen 
alle Oiiiziere. daß ihnen die Behörden bewußt entg^enarbeiteten. 

7* 



100 



Die RekrateasteUung 1768. 



t 9 



von Landeskin^ern. Die Armee vor dem bösen Rückfalle in ein über- 
wiegend geworbenes Söldnerheer bewahrt zu haben, ist doch wahrUch 
kein kleines Verdienst. 

Unterm 30. Mai 1769 wurden den Landrekruten die Kapi- 
tulationen bewilligt, die ihnen unter der Adminiatratur verweigert 
worden wat&x. Sie waren folgendermaßen: 

Alter 16 — ^20 Jahre, Kapitulation auf 15 — 14 Dienatjahre 
20—24 „ „ » 13—12 

24—28 „ „ „ 11—10 

„ 28 — 31 „ „ „ 9 — 8 „ 

„ 31 und mehr „ „ 7 — 6 

Das Alter und die Dienstdauer sollte vom Stellungstermin an ge- 
rechnet, die Kapitulationen aber strengstens gehalten werden. Un- 
entbehrlich und ansässig Gewordene waren trotz der Kapitulation 
„ohnfehlbau: und otoentgdtlich" zu entlassen. Aber mm verweigerten 
die Scddatra zu einem guten Drittel (2267 Mann gegen 4611 Mann)**®) 
die Annahme einer solchen Kapitulation, vermutlich, weil sie 
von Behörden imd Verwandte dazu „instigiret worden". Auf 
die dnzdnen Regimenter vertdlen sich die A^derspenstigen 
wie folgt: 

angenommen 



Regiment 

Kurfürst , 
Kurfürstin 
Karl . . 
Anton . 
Max . . 
Xaver . 
Klemens 
Gotha . 
Solms . 
Borcke , 
Thiele . 
Block . 



374 
378 
514 
455 
313 
524 
277 
561 
494 
19 
308 
394 



verweigert 

203 

199 

• 65»öi) 

123 

269 

57 

285 

8 

60 
539^92) 

269 

190 



Summa 

577 
577 
579 
578 
582 
581 
562 
569 
554 
. 558 
577 
584 



zusammen 



4611 



2267 



6878^»^). 



Loc. 1187 V. Liste d. d. 15. September 1769. 

3*1) Die verhältnismäßig günstigen Zahlen bei Karl, Xaver, Gotha und Solms 
muß man wohl in erster Linie darauf zurückführen, daß deren Kommandeure und 
Offiziere es verstanden, den Leuten ihr Los zu erleichtem (so war ein ao modemer 
xxad aufgeklärter Mann wie Oberst v. Pfeilitzer Kommandant von Xaver Infanterie). 

Diese ungewöhnlich hohe Zahl (fast doppelt so hoch als bei den übrigen 
ungünstigsten Zahlen) erklärt sich daraus, daß die Rekrutierungsdistrikte hart an 
der preußischen Grenze lagen, und daß hier in preußischem Auftrage unter der Be- 
völkerung gegen Sachsens Regierung gewühlt worden ist, scheint bei der skrupel- 
losen friderizianischen Politik ab ganz gktublidi. 

***) Selbst wenn man zu dieser Zahl noch die 116 Mann zählt, dto ihrer Gröfie 

wegen an Leibgrenadiergarde gegeben wurden (Reskript d. d. 30. Marz 1768 an den 
Fürsten Lubomirski, Kommandeur von Leibgrenadiergarde (loc. 1187 TL), so be- 
trägt die Zahl der Landrekruten immer erst 6994 Mann (gegen 7328 Ende Dezember 
1768). also einen Fehlbetrag von 334 Mann, der sich aber erklart, wenn man die 
Rückgabe w^ien eingetretener Ansässigkeit und Uaentbehriichkeitt andi die Be- 
aertioo in Betracht ä^l ttotsdem ist diese ZiUw ncM betrSchthch, 



Die RekrutensteUung 1768 



101 



Geheimrat Just hatte sehr recht, wenn er bemerkte^®^), daß 
dergleichen Separatismus und Renitenz bey dem Militair-Etat 
am allerwenigsten zu dulden'* wäre. Daß es aber damals im Heere 
trotzdem recht gemütlich zuging, beweist das Reskript d. d. 26. Ok- 
tober 1769, das anbefahl denen renitirenden Recrouten diese ihre 
Widerspenstigkeit vor den Regiments-Gerichten, im Beysein des 
Regimentscommandanten und ihrer Capitains zu Gemüthe zu 
führen, die Vorurtheile, aus denen selbige entstanden, zu erforschen 
und sie ihnen glimpflich zu benehmen". Die Drohung, man würde 
sie selbst bei eintretender Ansässigkeit oder Unentbehrlichkeit nicht 
entlassen, wenn sie auf ihrem Trotze beharrten, war doch eine sehr 
schwächliche Maßregel.. Der eiserne Administrator hätte anders 
durchgegriffen. Und bestimmt wäre das kein Schaden gewesen. 
Über den Erfolg dieser Maßnahmen verraten die Akten auch nichts. 

Die Bemühungen, die Ausgetretenen wieder ins Land zurück- 
zugeben, veranlaßten zunächst genauere Erhebungen über die Zahl 
der Flüchtigen. Sie betrug 1332 Mann^^ ), die bis Ende März 1768 
noch nicht wiedergekommen waren. Doch waren davon noch viele 
später zurückgekehrt und nur 490 Mann mußten als endgültig für 
das Land verloren angesehen werden, die teils im Auslande*' sich 
niedergelassen hatten, teils unter das preußische Militär gesteckt 
worden waren, denn die preußischen Grenzgarnisonen hatten sich 
schon vor der Stellung bereit gemacht, etwaige Flüchtlinge für sich 
abzufangend^®). Da man sich von einer Bestrafung der Rückkehren- 
den, oder einer Einziehung von deren Gütern nur schädliche Folgen 
für das Land versprach, wurde das Mandat vom 20. Dezember 1771 
in dem Sinne einer allgemeinen Begnadigung abgefaßt und den Rever- 
tenten bei einer Rückkehr innerhalb seclis Monaten Straflosigkeit 
zugesichert, doch zeigte der Passus im Mandate, der den Unter- 
tanen ,,die ihnen obliegende natürüche Verbindlichkeit, sich dem 
Schutze des Landes auch in ihren Personen zu widmen**, ans Herz 
legte, daß die Regierung nach wie vor im Prinzipe an der allgemeinen 
WehrpiUcht festhielt. 



Nachspiele zur Landrekruüerung. 

Die Stellung vom Lande sollte noch allerlei Nachspiele haben. 
Die L^'nmenge von Klagen, die in den Offiziersrapporten über die 
Behörden geführt wurden, mußten untersucht werden und erwiesen 
sich — zur Ehre der sächsischen Beamtenschaft sei es gesagt, — 
meist als übertrieben oder grundlos. Die Offiziere waren eben über- 
nervös geworden, sie sahen überall bösen Willen und Niedertracht, 
wo in Wahrheit nur tatsächliche Hindernisse vorhanden waren. 
Die Mehrzahl der Obrigkeiten, denen eine Nachlässigkeit vorgeworfen 

Ausarbeitimgeii d. d. 10. Oktober 1709. 

Vortrag des G. C. d. d. 16. Mai 1770. 

Also war offenbar Veirat im Spiek gewes^ 



lOS 



Nadispiele zur Landieknitiening. 



werden konnte, kam mit einer Rüge davon und beeilte rieh, bei dem 
zweiten Abschnitte der Stellung ihre Pflicht zu tun. Nur vier Fälle 
kamen vor ein Spezialgericht: der Fall des Pfarrers zu Röcknitz 
bei Wmrzen, des Bürgermeisters Francke zu Kirchhain, des Amts- 
verwalters Giese und des Bergrats Schwabe, Kriegsrat Schüßler, 
der auch angeschuldigt war. rechtfertigte sich sofort. 

Zur Untersuchung der vier Fälle wurde am 9. Mai 1768 eine 
Kommission aus folgenden Mitgliedern niedergesetzt**^ : 

V. Carlsburg, Oberst der Leibgrenadiergarde, 

Hiller, Oberstleutnant beim Artilleriekorps, 

Kammer- tmd Bergrat FrentziuSj 

D. Sulzberger, Hof- und Justitien-, anch Oberkonsistorialrat, 
Leutnant Fritzsche, Generalauditeurleutnant, 
und als untergeordnetes Personal: 

der Aktuar Christian Wilhelm Krause und der Kopist Karl 
Gottfried Einer. 
Die Sitzungen fanden statt in der Wohnung des Obersten 
V. Carlsburg, „Wilsdruffer Gasse, in des Herrn Hof Rath Duck- 
witzens Hausse, 1 Treppe hoch, in der Seiten Stube fome heraus". 
Die Kommission richtete ihre Eingaben unmittelbar an den Ad- 
ministrator, und erhielt gleicherweise ihre Befehle, daher hieß sie 
offiziell die „Immediat-Conmüisson". 

Am schlinunsten sah es in der Sache Franqke aus. Johann 
Christoph Francke, 61 Jahre alt, Kürschner, war seit drei Jahren 
Bürgermdster in KircUiam (Amt Dobidlugk). Die Kommisuons- 
verhandlimgen erwiesen trotz Leugnen des Angeklagten nicht nur 
sein imzulässigeB und ganz pflichtwidriges Verhalten bei der Stellung, 
sondern vor allem auch seine übrige ganz Uederliche Amtsführung* 
Er war ein Trunkenbold imd Urkimdenfälscher. Schließlich wurde 
er flüchtig und ist endlich am 26. Juli 1768 „in dem ohnweit Kloster- 
felde gelegene See, in welchem derselbe sich ersäuffet, gefunden 
worden". 

Im Falle Barthold dagegen erwies sich bald des Angeklagten 
Unschuld. M. Samuel Johann Barthold, 36 Jahre alt, sdt zwölf 
Jahren im Amte, früher Feldprediger bei Kurprinzkürassier, war 
Pfarrer zu Röcknitz. Ihm legte man zur Last, zwei Rekruten in 
seiner Wohnung verborgen zu haben. Die Verhandlimg zeigte aber 
nicht nur die Unhaltbarkeit dieser Beschuldigungen, sondern vor 
allem, daß die Klage gegen ihn wesentlich auf einer Intrigue 
seines Patrons, des pensionierten Obersten Christoph Emst Ewald 
V. Haudring^®**) und vor allem dessen sehr energischer Gemahlin 
Charlotte Marie Luise beruhten- Diese prozessierten nämlich mit 
dem "Pfarrer seit sieben Jahren wegen der „Schaaflialtung" und 
glaubten, so den Gegner in Hißkredit bringen zu können. M. Bärt- 
hold wurde wieder in sein Amt eizi^esetzt, und der Frau Oberst 
V. Haudring der Prozeß gemacht wegen der „von Seiten der Hau- 
dringischen Gerichts-Obrigkeit erscheinende Zudringlichkeit zu be- 

3") AUe Strafsachen finden sich loc. 1187 III. 

3*«) Obristleutnant bei Minckwitzkürassiere seit 8. Februar 1748, als Oberst 

in Pension, loc. 30 299. 



Naehqiide cur Landrekmtienuig. 



109 



sagtem Pfarrer, und dem von derselben unternommenen Mißbrauch 
der Militair-Requisition, nebst der veranlassten Beeinträchtigung 
der Geistlichen Immunitaeten". Dies Verfahren wurde nach lang- 
wierigen Sdireibereien seitens der Frau Oberstin niedergeschlagen^^^). 

Geoi^e Melchior Giese, 72 Jahre alt, seit 42 Jahren Amts- 
verweser des Mühlenwerkes, seit 20 Jahren Gericfatshalter zu Wiesa, 
wurde w^en ungebührlicher Kaufverschreibungen zu 60 TMr. Geld- 
strafe verurteilt, der Bergrat Karl Heinrich Schwabe, 61 Jahre alt, 
seit 1761 Amtmann zu Nossen, w^en passiven Widerstandes g^en 
die Stellung (convictus non confessus) zu 600 Thlr. Geldstrafe. 
Ihre Amter behielten beide. 

Am 20. Oktober 1768 wurden alle diese Urteile bestätigt. 

Eine größere Anzahl Strafsachen wurden im Laute des Jahres 
erledigt. Hier handelte es sich teils um ..ausgeübte Thätlichkeiten" 
gegen die aushebenden Gerichte, teils um ..strafbare Reden'* und 
Fälle von Rekrutenbefreiung. Die Schuldigen wurden teils ,,auf 
den Bau condemniret", teils nach Waldheim ins Zuchthaus gebracht, 
wo sie zunächst den Willkomm" erhielten, d. h. ,,24 Streiche an 
der ordentlichen Willkommens Säule". Vor allem hatten sich die 
Frauen durch lose Zungen und schlagfertige Hände ausgezeichnet. 
Die meisten kamen mit kleineren Gefängnisstrafen davon. Selbst- 
verstümmler-*****) wurden als Steckenknechte an die Regimenter ab- 
gegeben, die Bader, die ihnen die Zähne gezogen hatten, auf dem 
Baue eingeschmiedet***^). Übrigens wurden die meisten Verurteilten 
schon Ende des Jahres begnadigt. 

Einer gewissen Komik entbehrte ein Intermezzo nicht, daß bei 
der Stellung vorfiel: Die Schönburgischen Herrschaften hatten auf 
den Befehl des Administrators, 60 Rekruten zu stellen, am 18. Februar 
1768 sich ,,nur zu einer frej^lügen Abheferung von 15 Mann an 
Ihro Königl. Hoheit Regiment zu Fuss" bereit erklärt. Unterm 
16. März erhielten sie nün ein Rescriptum inhaesivum. Darauf 
schwiegen sie ganz. Deshalb folgte am 28. Juli ein Excitatorium, 
das die Herren warnte und drohte, ,,da8s Wir Uns sodann derer 
Mittel, zur Ausübung des dem Churhausse Sachssen in Eingangs 
genannten Herrschafften zustehenden Juris Armorum mit Nach- 
druck gebrauchen" würden. Darauf boten die Schönburger am 
3, September 30 Rekruten als ,,freye Verwilligung" an. Das Jus 
Armorum Sachsens bestritten sie sogar. Die Regierung ging darüber 
zur Tagesordnung über imd verlangte nochmals 60 Mann (am 6. Ok- 
tober) mit der Drohung, ,,dass Wir sie selbst ausheben lassen 
werden'* , falls die Schönburger Schwierigkeiten machen sollten. 
Nach Ablauf der Lieferungsfrist (31. Oktober) hatten die Schön- 
buiger erst 30 Mann beisammen. Am 9. November entschied sich 
der junge Kurfürst, die „unter dem anstössigen Tittul einer frey- 
willigen Bezeigimg" angebotene 30 Mann audi nicht als Abschlags- 



Reskript an das G. C d. d. Pillnitz 6. Juli 1769. 

Eine Tabelle vom 20. Juli 1768 kennt sieben Fälle: vier hattea sich an 
den Händen verstümmelt, drei die Vorderzähne „brechen*' lassen. 
*«^) Loc. 1187 V. 



NMbqnole züs Laiukricrtttieraiig. 



summe zu nehmen, sondern ein Aushebongsdetachement ins Schön- 
burgische zu schicken. 

Der Chevalier arbeitete sofort eine Art Kriegsplan aus. Damach 
sollte das Detachem^t aus 200 Mann Solms- und 200 Mann Maxi- 
milian-Infanterie . mit 200 Chevauxlegers von Renard bestehen. 
Zunächst zog Oberst v. Hesder (Maximilian) Kundschaft über die 
Schönburgische „Armee'* ein. Dabei stellte sich heraus, daß nur 
Graf Albert Schtoburg-Hintei^lauchau sein „Reichskontingent" 
hielt, das aber nur 50 Mann stark und meist beurlaubt war. Femer 
gab es Schützenkompagnien in Glauchau (260 Mann), Emstthal 
(60 Mann), Waldenburg und Schluntzig (je 30—40 Mann). Außer- 
dem aber hatte „beynahe jeder Hauss-Wirth eine Büchsse oder 
Flinte". 

Aber das G. C, bekam es wieder mit der Angst zu tun. Es sah 
das Gespenst einer politischen Verwicklung mit Österreich und 
meinte**^), „ein gelinderer Weg" sei besser. Man solle versuchen, 
,,ob man durch Androhung, auch würcklicho Einbringung nahmhaffter 
u^d von Zeit zu Zeit zu erhöhender Geldbussen, zum Zweck gelangen 
könne'*. Als erste Strafsumme wurden 100 Dukaten vorgeschlagen. 

Aber des Kurfürsten Geduld war zu Ende. In der klaren Er- 
kenntnis, daß weitere VerhandlTuigen der Art nur geeignet waren, 
das Ansehen der sächsischen Regierung zu gefährden, beschloß der 
Kurfürst unterm 9. März 1769, die dickköpfigen Vasallen mit Gewalt 
zum Gehorsam zu bringen. Der Kammerherr George Remhard 
Graf von Wallwitz auf Schweikartshain, Kommissar des Leipziger 
Kreises, sollte mit einem ,,hinlänghchen Detachemenf' in die Schön- 
burgischen Lande einrücken, die Rekruten ausheben. ,.und sich 
hierinnen keinerley Protestationes oder vielleicht dortigen Orts 
schon bey Händen habende höhere*^^) Protectoria, Conservationes 
oder Inhibitiones irren zu lassen". Die Angstmeierei des G. C. hatte 
also doch abgefärbt. Die Reichstruppen und Bewohner soilent nicht 
entwaffnet werden solange sie sich ruhig verhalten*'. 

Immerhin zogen sich die Vorarbeiten noch bis zum 16. Mai 
1769 hin. Das Detachement wurde dem Oberstleutnant v. Roemer 
(Maximilian) unterstellt. Es bestand aus 180 Chevauxlegers v. Renard 
und 376 Mann Maxmiilian-Infanterie- 179 Mann Solma-Infanterie 
standen in Zwickau als Reserve. 

Am 24. Mai, nachts Val2 Uhr brach das Detachement von 
Chemnitz auf. 8 Uhr morgens am 25. Mai erschien es in Glauchau. 
Wallwitz*^) fand die Grafen Schönburg „von ohngefähr sämtl. 
gegenwärtig beysammen" und ermahnte sie „mit aller Gehndigkeit", 
die Rekruten^ zu stellen. Da die Grafen zu klagen begannen, sie 
hätten „die ernstere Anordnung garnicht verhoffet, auch von Ein- 
rückung des Detachements nicht die mindeste Nachricht gehabt 
und sich diesen Zuspruch am wenigsten versehen", schnitt Wallwitz 
alle weitere Erörterungen mit der Erldärung ab, er müase die 

**»*) Vortrag d. d. 14. Februar 1769, loc. 1187 V. 
*•■) D. h. vom Kaiser gegebene. 

*•*) IHe folgende DaisteUnng nach WaUwitz's „Relation", d. d. 28. Mai 1769. 



Naehspiflle rar Landrekrutierung. 



1Ü5 



Rekruten haben, „ohne auf ihre offerierte Bezahhing zu attendiren* , 
und versicherte, er werde aie auf alle Fälle holen. Das half. Die ein- 
^schüchterten Grafen versprachen alles. 

Aber am Abende des 25. Mai war noch kein Mann gestellt. 
Darauf ging Waüwitz am 26. früh 8 Uhr auf die Regierung und 
ersähe sobald aus ihrer Antwort und aus der Anstalt derer Be- 
amten dass die Saumseeligkeit, welche denen Schönburgischen 
Herrschaften eigen, noch länger als 4 Tage aufhalten würde, wenn 
die ersten 2 Tage ohne effect hingingen und nicht emsthaftere Vor- 
kehrungen getroffen würden". 

Er drohte also den Beamten mit Arrest und Exekution, doch 
konnten sich diese mit Grund entschuldigen, daß ihre Unterbeamten 
nachlässig waren. Nur Albrecht Christian Emst auf Hinterglauchau, 
welcher bis den letzten Augenblick meines Abganges mit dem 
Detachement mit Berichtigung derer auf ihme repartirten Recrouten 
zurückgeblieben war. und nüch unter allerhand leeren Ausfluchten 
aufhielt", blieb renitent. 

Auf eigenen Wunsch der Schönburgischen Regierung wurden 
die Unterbehörden durch einige Exekutionskommandos zu größerer 
Eile bewogen so daß am 28. Mai alle Rekruten gestellt waren. Als 
der Direktor der Regierung, Dr. Johann Paul Egidius Nitzsch, auf 
den Ablieferungsschein statt des Passus „die schuldig zu stellenden 
60 Mann" ,,die praesentirten Recrouten von 60 Mann** setzen wollte, 
ließ ihm Wallwitz ankündigen, „wenn er auf seiner unffiglichen 
Subtilite beharrte und die Ausstellung des Attestes verweigerte 
würde er „ihn auf die W ache bringen" lassen. Darauf gab auch 
dieser Herr klein bei. 

Über das „Reichskontingent" berichtet Wallwtz. daß die 
Schönburger selbst diese Truppe, welche Albrecht Christian Ernst 
auf Hinter-Glauchau**^^). aus einer Art von Stolz und Eitelkeit unter- 
hält und ohne weiteren Grund vor ein Reichs-Contmgent ausgiebt", 
die Schloßwache'* nennen. Am 28. Mai 4 Uhr nachmittags rückte 
das Detachement mit den 60 Rekruten wieder ab, ohne daß es zu 
den geringsten Schwierigkeiten gekommen wäre. 

Das G. C. durfte wieder einmal über seine allzugroße Vorsicht 
nachdenken. 



Die Reknitiemmg nach 1768. 

Nach Abscliluß der Landstellung ergab sich, daß in allen Truppen- 
teilen der Armee noch Leute am kompletten Etat fehlten, deren Zahl 
die folgende Tabelle zeigt: 



*«) Er war überhaupt ein aufsässiges Vasallenlürstchen. 1768 kündigte er 
beim ReRierungsantritte Friedrich Augusts sogar die Rezesse von 1740 als ungültig. 
Erst der Frieden von Teschen 1779 brachte die Sdiönbtugiscben Heixachaften end- 
gültig unter sächsische Obeitu^eit. 



106 Die Rekrutierung nach 1768. 



Waffe 


Sollbestand 


Bestand am 30. November 


Fehlzahl 


Kavallerie 


7397 


7187 


210 


Infanterie 


20915 


19350 


1565 


Kadetten 


187 


159 


28 


Artillerie 


1580 


1564 


16 


Gamisonen 


529 


528 


1 


zusammen: 


30608 


28633 


1820 



Auf Anraten der Kabinettsminister v. Ende***) und des Grafen 
V. Bellegarde*^') beschloß man, keine weitere SteUung vom Lande 
zu verlangen, sondern die fehlenden Soldaten zu werben, und zwar 
halb Inländer imd halb Audänder. Bis dahin sollten bei allen Mus- 
ketierkompagnien einige Gemeine „vacant" geführt, auf sie zwar 
keine Lölmung usw. bezahlt, wohl aber Montur „Beymundirung" 
imd „Lederwerck" beschafft werden. Die Grenadierskompagnien 
sollten dagegen auf den vcdlen Etat von 88 Mann gebracht werden. 
Ffir die Kompagnien wurde ein Ausgleich angeordnet, ein Drittel 
aller Infanteriemannschaft sollte nach des Chevaliers Vorschlag von 
Ausländern gebildet werden. Um dies nach und nach zu erreichen, 
sollte jeder Musketierkaptän bei jeder Musterung fünf neugeworbene 
Ausländer vorweisen kömien« 

Um den Desertionsverlust zu ersetzen, durften die Kapitäne 
einige Mann mehr als ein Viertel ihrer Kompagnie beurlaubea. 
Die Werbung soll, „wenn sie emmahl im Gang", den Regimentern 
selbst überlassen werden. Es werden „für ietzo aber auf Kosten 
der Generalkriegskasse einige habile imd interessirte Officiers auf 
die vormahls schon in Vorschlag gekommene benachbarte aus- 
wärttigen Werbe-Plätze als in eigener Angelegenheit abgeschickt". 
Inzwischen erfolgt die Bezahlung auf den alten Interimsetat^ zu- 
züghch des erfolgten Zuwachses**^). 

Auf Grund dieser Beschlüsse wurde der Chevaüer am 12. Januar 
1769 zu einer „nicht gewaltsamen Werbimg" angewiesen. Als Werbe- 
plätze wurden bestimmt Stollberg, Nordhausen, Sondershausen, 
Frankenhausen, Duderstadt, Heiligenstadt, Wahnfried, Mühlhausen, 
Schmalkalden, Suhla, Schl^usingen, Erfurt, Blanckenhain, Rudol- 
stadt, Gera, Schleiz und Lobenstein. Geändert w^rd an den Kabinetts- 
beschlüssen insofern . als die Regimenter die Werbung bezahlen 
mußten und nicht die Generalkriegskasse. Die Grenadierskompag- 
nien sollte zwar aus den Musketieren ergänzt werden, aber die 
Werbung unterstützen. Bis Ende April sollten die Truppen komplett 
sein und etwa noch Fehlende dann abgezogen werden. 

Ganz erreichte die Werbung ihren Zweck nicht. 1769 fehlten 
bei der Musterung immer noch 274 Mann Kavallerie imd 761 Mann 
Infanterie, also noch über tausend Mann. 

Überhaupt war diese ganze Werbung mehr ein Notbehelf. 
Deshalb brachte die Regienmg 1769 an den I^dtag durch das Dekret 



*^^) Nikolaus Leopokl Freiherr v. Ende * 1715, Kabinettsniiiiister an Ein- 
siedels Statt seit 1766. 

***^) Johann Franz Graf v. Beilegarde * 17U8, seit 1768 dritter Kabinettsminister 
(für Mititarkommandoeachen) . 

<M) Nach der ..Registratura" d. d. 22, Novmber 17». loc. 1190. 



Die Rekrutierung nach 1768. 



107 



vom 16. November die Forderung ein, jährlich 1500 Rekruten zu 
stellen, wogegen alle, auch freiwillige, Werbung im Lande aufhören 
sollte. ' Diese iäluliche Stellung sollte im wesentUchen nach dem 
Muster von iTüS erfolgen, doch statt des forum d(nnicilii das forum 
originis angewandt werden. Natürlich bemühten sich die Landstände 
in schöner Eintracht mit dem G. C. den vortrefflichen Plan zu Falle 
zu bringen. Jetzt stand leid r kein Prinz Xaver mehr für die Armee 
ein. Der Plan wurde abgelehnt. 

Damit stand die Armee vor zwei Existenzfragen: die Mittel 
zur Erhaltung eines Heeres von über 30 000 Mann waren immer 
schwieriger zu beschaffen. Seit 1768 arbeitet*^ die Kriegskasse mit 
erhebUchem Defizit^«»), und eine sichere Ergänzungsquelle für den 
Mann Schaftsbestand fehlte ganz. Daß unter diesen Umstanden das 
große Reorganisationswerk des Administrators und des Chevaliers 
über kurz oder lang zusammenbrechen mußte, war kern Zweifel. 
Es wäre dies aber nicht notwendig gewesen, wenn das Land mit ein 
klein wenig mehr Patriotismus und Verständnis für die Notwendig- 
keit einer ausreichenden Armee begabt gewesen wäre. 



MusteFUDgen und ManoYer* 

Um die Armee alljährlich einer genauen Prüfung unterziehen zu 
können, ob die Anordnungen zur Reorganisation genau befolgt 
und die Regimenter gut verwaltet und gehalten würden, wurden 
1764 sogenannte jährüche Musterungen^io) angeordnet. Diese waren 
wirkliche Inspizierungen der Regimenter, nicht bloße Paraden und 
Kriegsspiele vom Stile der sogenannten Campements^^^) . Sie bestanden 
auch nicht in einer Zusammenziehung größerer Truppenkörper. 
Zum Behufe der Besichtigung versammelten sich nur die einzelnen 
Regimenter in ihren Stabsquartieren. Die Inspekteure besichtigten 
de und prüften genau die Zustände der Regimenter. 

Der erste Armeeinspekteur in Sachsen ward 1699 in der Person 
des Generalmajors v. Langen ernannt. 1717 wurde das Inspektorat 
in ein solches der Kavallerie (Oberstleutnant v. Gersdorff) und ein 
solches der Infanterie (Oberst Hildebrand) zerteilt. 173G wurde die 
Inspektion dem G.K. R.K. übertragen. Die Inspekteure fielen 
also weg. Statt seiner musterte ein General zusammen mit einem 
Geheimen Kriegsrat oder Oberkriegskommissar die Truppen. Dazu 
wurden vier Oberkriegskommissare ernannt, welche quartaliter 
bey denen Regimentern Revisiones, /:dergleichen aber wenig oder 
keine geschehen:/ halten solten, und die Musterungen mit besorgen 
helffen*'. 1740 wurden aber doch wieder Inspekteure ernannt. Sie 

• . «»») Siehe im Anhang ,,Zur Geldwirtschaft der Armee". 

"ö) Schuster und Francke II. p. 158 nennt die Rangierung 1764 ffg. auch 
.Jdusterung Das gibt aber einen schiefen Sinn. Eine Mustemng in der üWches 
Art war das nklit. 

*«) Bei Zeitliaiii Juni 1780. bei UetHgau 17Ö3, 



m 



MasteFOBgea und Vbaafiivet, 



erhielten ihre Instruktion „von dem Herrn selbst". Der Chevalier 
trat 1764 warm dafür ein, daß diese Inspekteure beibehalten würden 
und erreichte seine Absicht auch*^*). 

Inspekteur der Kavallerie war 1762 bis 1770 Generalmajor 
V. Loeser, In^kteur der Infanterie bis mit 1766 der Generalleutnant 
Christian Ludwig v. Nitzschwitz. 

Erst als das Jahr 1764 weit fortgeschritten war, beriet man, 
ob in diesem Jahr noch an eine Musterung gegangen werden könnte. 
Dem Chevalier hatte*^^) ..der Nutzen sothaner Musterung**^) vor 
heuer, bey dermahUgen Umständen, als unerheblich angeschienen", 
wenigstens soweit die Musterung der Infanterie in Frage kam, während 
„desfalls bey der Cavallerie kein Bedenk(?n vorwalten könne". Er 
machte also die Ansicht des Generdlleutnants v. Nitzschwitz zu der 
seinen, der unterm U. Juli ausführlich die Infanteriemusterung 
widerraten hatte, da einmal die Regimenter noch nicht rangiert 
wären und dann die Zusammenziehung ,.in voller Ernde" geschehen 
müsse. Außerdem wären die Regimenter schon im April durch Ein- 
ziehung der Urlauber in Kosten gestürzt und noch nicht völlig aus- 
gestattet worden. 

Um den Musterungszweck auf andt-rem Wege zu erreichen, 
schlug Nitzschwitz vor, derer Regimenter pflichtmässige Bestands- 
Listen, von ultimo ApnUs a. c. zum Fundament des Vacanten-Ab- 
zugs" zu nehmen. Leute, die ihren Abschied wünschten, regiments- 
weise an bestimmte Orte zusammenzuziehen (dafür legte er einen 
Entwurf bei), und diese Abschiedsgesuche dort durch den Inspekteur 
untersuchen zu lassen. Die nächste Musterung würde dami Anfang 
Mai 1765 einsetzen. 

Unterm 8. September rapportierte der Chevalier, daß der „Va- 
canten-Extract'* fertig und ,,zum Commissariate** abgegeben worden 
wäre. Nitzschwitzs Vorschlag, die Abschied^esuche der Soldaten 
in deren Gegenwart zu untersuchen, widerriet er, dafür schlägt er 
vor, die Leute durch den Regimentsobersten zu entlassen, jedoch 
,^t der sonst gewöhnlich gewesenen Restriction" von drei Mann 

S-o Kompagnie, die andern aber „zur Geduld" und auf die nächste 
usterung zu verweisen. 

Diesen Vorschlag- nahm unterm 17. Oktober der Admini- 
strator an.. 

Die Infanteriemusterung wurde für dieses Jahr abgesetzt. Der 
Vakantenabzug sollte nach Nitzschwitzs Vorschlag gemacht und nicht 
über 4 Mann pro Schwadron und 3 Mann pro Kompagnie entlassen 
werden. Übrigens empfahl man von neuem die Ausländerwerbung 
bis zu einem Viertd den Kompagniebestandes an. 



^ Alle diese Angaben aus „Qhiuiiaasfigebliche tinterthanigste Vorstellung 
die Functiones derer Inqpectenrs betr." vom Chevalier d. d. 26. Februar 1764 aus 
Joe. 30 288. 

413) des CbevabezB d. d. 16. Juli 1764 loc. lldS IV. daxans alle» 

folgende . 

*^*) Also sah man die Rangierung durcbaus nicht als „MustenuBg" au (wie 
Schuster und Francke II. p. 158). 



Mmtommgen und MBOidver. 



10» 



Die Musterung von 1765 versprach gleich anfangs nichts Gutes. 
Schon am 8. April klagt der Chevalier über die endlosen Abschieds- 
gesuche, die oft unter Umgehung des Instanzenweges unmittelbar 
an den Administrator einlaufen. In einzelnen Regimentern, nament- 
lich bei Kurfürstin, wo viele Revertenten stehen, übersteigt sie alles 
Maß. Auch 'Hiiele und Karl haben viele Abschiedsgesuche (179 und 
149). Es „ist zwar nicht zu zweifeln, daß dieses übertriebene Gesuch 
größtenteils von allerlei Verleitungen derer Anverwandten, auch 
Weibs-Personen, gewinnsüchtiger Schriftsteller*^^), auch wohl einigen 
Obrigkeiten, welche einen geschickten Beuhrlaubten gerne zum Tage- 
löhner haben möchten, herrühre", bedenklich ist es immerhin und ein 
Generale in dieser Sache wohl die einzige Hilfe. 

Unterm 19. Oktober überreichte der ChevaUer die Muster- 
tabdlen. Damach waren von 1763 bis zur Musterung 1765 635 Aus- 
länder angeworben worden, aber 268 davon desertiert, überhaupt 
aber in dieser Zeit .758 Mann davongelaufen**«). Alles klagt über 
schlechte Rekrutierung, „dass kein lediger Mensch, und wenn es 
auch der ärgste Vagabond wäre, hier im Lande sich zum Mihtair- 
Engagement freywiUig anböte". Die Gerichte unterstützen das 
Heer überhaupt nicht. Von 2240 Leuten, die ihren Abschied wollten, 
sind 1131 entlassen worden. „Verwandte, heyrathsbegierige Weibes- 
Personen, gewinnsüchtige Advocaten und andere Schriftsteller" 
wiegeln die Soldaten dazu auf. tJber den Zustand der R^menter 
wurde nur Gutes berichtet. Übrigens hatte der Chevalier angeordnet, 
daß die Kavallerie Leute über 76 Zoll nicht mehr werben sollte. 

Nachdem der Chevalier am 3. März 1766 um die Musterbefehle 
eingekommen war, erhielt er diese unterm 24. April. Seine Maß- 
nahme wegen der Kavalleriewerbung ward gebilügt, von neuem 
die Aualänderwerbung anempfohlen, wobei man diesen Leuten die 
Heirat m^lichst erleichtem wollte, und angeordnet, daß die Re- 
kruten gemäß dem Massive vom 4. Dezember 1752 abgeholt werden 
sollten. Entlassen soll man nur Leute mit 240 Thk. Vermögen (gemäß 
den Bestimmtmgen d. d. 28. Februar 1744). lÄe Mustertabellen 
sollen in Zukunft nach dem Muster der Infanterie von 1765 gefertigt 
werden. 

Die tJbergabe der Musterberichte unterm 5. November 1766 
brachte wenig Wesentliches. (Entlassen wurden 883 Mann, 341 bei 
der Kavallerie, 642 bei der Infanterie**'). 

1767 wurden die Musterbefehle unterm 20. Februar an den 
Chevalier gesandt und gleichzeitig die Trauscheingebühren von 
12 Thlr. für alle Feldregimenter und die Artillerie aufgehoben, doch 
sollten die Soldaten ach „mit keinem andern, als in hiesigen Landen 
eingebohrenen, arbeitsamen Weib»-Büdem, von unbescholtener Auf- 
führung' verheiraten. 

Damach scheinen die Bestrafungen „wegen nngebührüchen Schriftsteileas 
in Soldatensachen * trotz ihrer Nachdrücklichkeit nicht gewirkt zu haben. 1764 
erhielten deshalb: der Kammericominissar Schade 5 Thlr. Strafe, der Schreiber 
Gimtm* 8 Tage» der Studiosus juris Johann Gottfried Kimse ans B»itxen 3 Tage 

und der Dresdner Advokat Eremita 8 Tage Gefängnis. 

Eine vollständige Liste der Deserteure im Anhang. 
«") Zahlen aus loc. 30 288. 



Die tJbersendung der Berichte unterm 16. Oktober befaßt sich 
vor aDem mit der Frage, wie die neuen Proviantwagen für die Chevaux- 
kgers anzustreichen seien. Der Chevalier schlägt „Aschgrau" vor, 
denn „dne sdche Farbe würde theils nicht so sehr schmutzen, wie 
die Rothe, theik auch vom Feinde nicht so leicht erbücket werden 
können". Demnach ist der Gedanke von dem Vorzuge des Feldgrau" 
im Krkge durchaus nicht eine Errungenschaft unserer Zeit. Eigen- 
t&nlich ist nur, daß man damals nicht die naheliegende Folgerung 
zog, sie auf che Uniform anzuwenden*^*). WahrscheinUch war es 
aber der Gedanke, der bis in die neueste Zeit herumspukte, daß ein 
Heer möglichst glänzend aussehen scdlte, der hier im Wege stand^^). 

Sonst klagt der Rapport noch über die jährUche Abgabe der 
Leute von 76 Zoll an die Leibgr«iadiergarde. Der Ersatz von 10 Thlr, 
pro Mann genügt nicht, weshalb v. Nitzschwitz vorschlägt, daß die 
Leibgrenadiergarde für jedra Zoll über 76 noch 5 Thlr, zulegen soll. 
Ausgemustert wurden bei der Infanterie 392 Mann*^*). 

Durch das Reskript d. d. 11. April 1768 wurde der graue, „nicht 
allzndunkle" Anstrich allen Regimentern bei Neuanschaffungen 
anbc'fohlen. Die Lcibgi enadiergarde soll keinen Mann unter 75 Zoll 
mehr werben, für jeden Mann von 76 und mehr Zoll soll sie ent- 
weder 20 Thlr. zahlen oder zwei klemen- Leute dafür stellen, „die 
keine Deserteure sind". Das Artilleriekorps soll „sich der Ausländer 
nach und nach entledigen" und deshalb nur 4, statt 6 Mann Va- 
kantenabzug erleiden. Am gleichen Tage wurde auch die diesjährige 
Musterung, gemäß den Vorschlägen der Inspekteure*"), nur für die 
Kavallerie angesetzt, da die Infanterie wegen der noch nicht beendeten 
Landstellung in Unordnung war. Für sie sollte der Vakantenabzug 
wie 1764 auf Grund der Listen vom 30. April a. c. gemacht werden. 
Diese überreichte der Chevalier am 19, August, die Kavallerie- 
musterungstabellen unterm 25. Oktober. 

Die Musterung von 1769 zeigte, daß der Erlaß der Trauschein- 
gebühren zu großen Unzuträglichkeiten führte: dergestalt, dass 
der Gemeine Mann davon einen Missbrauch zu machen suche, und 
annebst die grosse Menge solcher Weiber und Kinder^^^)^ denen 
Quartierständen, deren viele nicht mehr unterzubringen wüssten, 
so wohl als den Regimentern selbst zur grössten Belästigung ge- 
reiche". Deshalb schlug der ChevaHer vor*-^), nur den Ausländern 
umsonst Trauscheine auszustellen, die Inländer sollten sie ,,mit 
emem ganz massigen Quanto bezahlen" und empfahl, daß „dieses 

Nur die Feldjäger trugen graue Unifona. Der Geschützanstrich war 
ebenfalls gxaa. 

M^n denke an die ä:!m2B5fflsche Unifonnierung, die sidi etBt m dm letsten 
Tagen auch dem Grau (hier graugrün) erschlosaea hat. 
«•) Aus loc. 30 288. 

Seit 1767 war der Generalleutnant v. Klingenberg Inspekteur der In- 
fanterie. Loesers Gutachton \om 26. März und Klingenbergs Gutachten vom 
28. März loc. 1187 V.; im November 1768 trat Christoph Friedridi v. Flenuning 
an Klingenbergs Stelle. H. Kern 1768 p. 87. 
^) Zahlennadiweise im Anhang. 
^ V<^ag d. d. le. Novraiber 1760. 



MnatefnBgeii nsd MaAiGvef < 



III 



Geld lediglich zu Erziehung armer Soldatenkinder angewendet 
würde". Den Entwurf zu einer Generalordre in dieaeni Smae legte 
er bei. 

Daa Reskript d. d. 13. Januar 1770 führte für Inländer eine 
Trauschein^bühr von 8 Thlr. ein, das Geld sollte den Vorschlägen 
des Chevahers gemäß verwandt werden. Die Generalordre wm-de 
gebilligt, und zur Beförderung zurücli^;egeben. 

1770 unterblieb die Musterung, ebenso 1771 und 1772, „der 
anhaltenden Brod- und Fourage-Theurung, und anderer eingetretener 
Umstände" wegen. 1773 dagegen erfd^e eine Musterung aller 
Truppenteile***). 

Manöver sächsischer Truppen fanden statt: am 9. Juli I765***) 
in Pillnitz und Umgegend, wo zwei Korps von je 50 Dragonern, 12 
Husaren, 2 Bataillonen Infanterie und 2 Geschützen gegeneinander 
fochten; 1766 bei Trachau, wo jedes Korps 2 Schwadronen Dra- 
goner, 2 Detachements zu 30 Mann, 3 Bataillone Infanterie, 4 Gre- 
nadierkompagnien, 50 Freiwillige und 6 bez. 7 Geschütze stark 
war'*^®), doch waren dies keine Manöver im modernen Sinne, sondern 
bis in die kleinste Einzelheit vorher ausgearbeitete Soldatenspiele, 
bei denen die Truppen nichts als eingelernte Rollen zu mimen 
hatten. Mehr Wert als eine Parade besaßen sie also kaum. 

Kleinere Manöver und Exerzitien der Dresdner Garnison fanden 
auf den Wiesen „bei der Schäferei"*^) statt. 



Das Ende der Admmistratiir. 

Am 15. September 1768 legte Prinz Xaver die Administratur 
nieder, reichlich drei Monate, ehe sie wirklich abhef. Flathe meint*^**), 
es sei das geschehen, weil der Administrator nicht gewußt hätte, 
wovon er die neuformierte Armee „ernähren" und „erhalten'' sollte. 
Das dies einfach lächerlich ist, und nur von neuem Flathes Vorein- 
genommenheit gegen den Administrator beweist, liegt schon deshalb 
auf der Hand, weil doch die Armee innerhalb der drei Monate nicht 
anders ward und bis 1770 auf dem gleichen, ja noch auf höherem 

Schuster und Francko II p. 165 schreibt. ,,Das Mustergeschalt wurde 
nur noch auf dem Papier vorgenommen", spricht aber gleichwohl selbst II p. 166 
von der „Musterung im Oktober 1773". 

*••) Loc. 434 XIII. Der Exerzitiexuneister de Gonde entwarf hierzu den Plaa 
(H. Kern 1765 p. Ö3). Er war eine der merkwürdigsten Erscheinungen der Armee. 
Geboren zu Annecv in Savoyen verleitete ihn sein südhches Blut leicht zu Hand- 
greitlichkeiten; so imden wir Klagen gegen ihn, daß er sich an dem Postschreiber 
zu Stauchitz und an einem Nachtwächter tätlidi vergangen hatte. Außerdem geht 
bei ihm ein Gesuch um Heiratskonaens mit einer Dame vcm Adel und die Alimen- 
tationsklage einer Bür^^riichen gegen ihn friedUch nebe nein a nde r (alles ans kx:. 
90282). 

Loc. 434 XIV. 
^) Das jetzige Ostragcdiege. 
»•) Flaittie n p. 55B. 



112 



Das Ende der Administratur. 



Fuße blieb. Außerdem hat sich Flathe hier das Geschichtsschreiben 
recht leicht gemacht, er hat die Tendenzschrift „Etat actuel de la 
Saxe" einfach wörtlich ausgeschrieben. Dort steht p. 33: l'Ad- 
ministrateur a du prevoir, qu'il n'y auroit pas de quoi nourir eten- 
tretenir" und bei Flathe: „konnte der Administrator voraus- 
sehen, dass nichts da sein werde, um „sie (die Armee) zu ernähren 
und zu erhalten". (II. p. 555.) Damit iat das Flatheache Urteil 
gerichtet. 

Ob freilich Gretschel-Bülau (III, p. 191) das richtige trifft, 
daß er den Administrator „in richtiger Würdigung des ernsten ge- 
reiften Charakters des jungen Kurfürsten" sein Amt 'niederlegen 
laßt, scheint auch zweifelhaft. Wahrscheinlich war Prinz Xaver 
tatsächlich amtsmüde. Er hatte seine voUe Pflicht getan, sein Haupt- 
werk, die Armeeoi-ganisation war gelungen, was sollte er sich noch 
langer in einer Stellung aufhalten, die er im Gegensatz zu so vielen 
Leuten (dessen war sich der kluge Mann wohl bewußt) einnahm 
und für deren pflichtgetreue Erfüllung ihm nur wenige Dank wußten' 
er ging als Sieger, nicht als Besiegter. I>a8 Bewußtsein genügte ihm 
als Offizier von ganzer Seele. " -^9 

Aber der Administrator konnte von seiner geliebten Armee 
semeni Sorgenkinde und dem Werke seiner Hände, nicht scheiden' 
ohne ihr em bleib^des Denkmal seiner Zuneigung und seinen treuen 
Mitarbeitern semen sichtbaren Dank zu hinterlassen. Aus diesen 
Gründen erneuerte er den St. Heinrichsorden. Dieser Orden nach 
dem heüigen Kaiser Heinrich II. benannt, war am 7. Oktober 1736 
zu Hubertusburg errichtet worden. Bedacht worden damals damit 
der König, der Kurprinz (Friedrich Christian), der Fürst Czartoryski 
Woiwode von Rußland, die beiden Fürsten Lubomirski. Graf Sul- 
kowski, Graf Rutowski, der Generalmajor v. Diessbach und in Ab- 
wesenheit Johann Adolf II., Herzog von Sachsen- Weißenfels««»). 
Der Administrator erneuerte ihn am 4. September 1768 zu Pillnitz 
Darnach sollte der jeweiüge Regent Sachsens Großmeister des Ordens 
sein, zu dem es 2 Großkreuze, 4 Kommandeurkreuze und 86 Klein- 
kreuze faiit imd ohne Pensionen gab*««). 

Es erhielten Großkreuze: 

Der Herzog von Kurland, 
Der Chevalier de Saxe. 

Kanzler ward: 

Der Geheime Kabinettooiinister v. Ende. 

Kommandeurkreuze : 

Generalleutnant v. Klingenberg, 
Generalmajor v. Block. 



**•) Curiosa Saxonica 1736 p. 339. 

Miscellanea Saxonica 1768 p. 279 flg. 



Gretschel-Bulau (III, p. 191) gibt als I'rrichtungstag den 25. August 1768 
an, Flathe (III, p. 551) scheint ihn 1766 anzusetzen, doch ist bei der verwirrten An- 
ordnung zeitUch aOa getrennter Dinge, die dort herrscht, ein genaues Bild überhaupt 
ucbt m flewinaea, Sdiiister und Fnuieke II p. 164 hat den 4. September ITM 



Das Ende der Administratur. 



113 



9f 



9» 



9t 



Kleinkreuze erhielten 26 verschiedene PersönUchkeiten, darunter: 
Graf Renard, 

Genoialmajor v. Bennigsen, 

V. Benckendorff, 
V. Fkmming, 
V. Schiebt, 
V. Karlsburg, 
Exerzitienmeister und Oberst de Gond^, 
Major Conway de Watterfordt, 

Marchese d'AgdoUo u. a. m. 

Ordensschatzmeister ward Generalkommissar Friedrich Anton 
V. Heinitz. 

Ordenssekretär Geheimer Krkgsrat Christian Wilhelm Just. 

So schloß die Administratur imd das Werk der Reorganisation 
mit einem glänzenden Akte des Dankes und der Anerkennung ge- 
leisteter Verdienste. Nur einer ging leer aus: der Administrator selbst. 
Aber die sächsische Armee wird ihm immerdar Dank schulden und 
Dank wissen. Das ist sein Lohn, wie er ihn sich selbst schöner nicht 
gewünscht hätte. 



115 



Anhang. 



A. Armee-Etat nach der LandtagspropoBition 

1763. 



»9 



9» 



t» 



3 

14 

3 
21 

12 



Getieimes ICriegsratakoUegium monatlich 1370 Thlr. 20 gr. 

Kanzlei, Archiv 

Generalität, Generalstabs- 
kanzlei, Kriegsgericht . - 

Garde du Corps 

Garde Karabiniers 

6 Regimenter Körasaere . . 

Prinz Albrecht Dragoner . . 

V. Sacken „ ... 

ScMll Husarenschwadron . . 

Adeliche Kompagnie Kadets 

Schweizergarde 

Leibgrenadiergarde 

12 Regimenter Infanterie . . 

Ingenieurkorps 

Kommandanten 

Garnison- und Invalidenkom- 
pagnien 

Hauptzeughaus-Artilleriekorps 

Festungs- und Mfitärbaurepa- 
raturen 

Zu Mumtton und Armaturen . 

Qirait^ (nc!) oder Chirurgi- 
sche Ho8[Htal 

Anatomie, Lazarett .... 

Pensionäre 

Invaliden 

Besondere Ausgaben .... 

ExtraoriMHaria 



99 



99 



99 



99 



99 



99 



99 



99 



99 



99 



99 



99 



99 



»t 



99 



2371 

8239 
6787 
6344 

14905 
5440 
3019 
1522 
1665 
1000 
5800 

51690 
1996 
2525 

3883 
8429 

1051 
1000 

166 

4000 
4000 
1285 
2000 



zusammen monatlich 139444 Thlr. 10 gr. 9 ^ 



jährlich 1 673333 



16 „ 10 

4 „ — 

10 3^*^/259 „ 

4 „ llVa 
22 — 

12 
2 
4 



2V, 



99 



99 



99 



99 



99 



99 



99 



9 



9 9 



99 



99 



99 



99 



9Vm 



16 - 



99 



99 



9 9 



99 



99 



99 



99 



99 



99 



99 



99 



9 - 
8* 



9t 



11« 



Aslmg. 



B. Einnahmen und Ausgaben der Armee 

nach loc. 431. 





Itiniiahmeii 


Ausgaben 


- 


llilr. 


gr- 




Thlr. 






I7H3 . . 


. . Viu at 






l 772 781 


21 




1764 .. . 


. 1 835 255 


7 


9 


1 830 4 1 4 


7 


7 


1765 . . . 


. 1 887 7l;} 


14 


5 


1 836 454 


17 


5 


1766 . . . 


. l 901 208 


7 




1 861 954 


1 


8 


1767 . . . 


. 2 062 808 


7 


9 


1 992 733 


18 


10 


1768 . . . 


. 2 089 608 


7 


9 


2 516 953 


21 


10 


1769 . . . 


. 2 085 508 


7 


9 


2 643 43 1 


12 


8 


1770 . . . 


. 2 159 387 


16 


9 


2 394 69 1 


18 


7 


1771 . . . 


. 2 131930 


4 


9 


2 175 682 


3 


- J Ve 


1772 . . . 


. 2 057 608 


7 


9 


2 000 516 


20 


4V. 



An Schulden waren vorhanden: 



Vom Korps in französischem Solde 345 000 Thlr. 

davon 104 000 „dringende" 

Schulden. 

Anleihen: 

a) in Genua bei Caiio und Giovanni Brentani Camaroli 

1. vom 25. März 1768 ... 300 000 Thk, zu 4 % 

2. vom 2. Aprü 1768 ... 300 000 „ „ 4 % 

b) in Holland auf zehn Jahre 

vom Jiini 1767 450 000 Fl. holländisch 

Gmrant. 



C. Armeebestand 

1764—1768 
nach loc. 30 293 und 30 300. 

jaljj. Sollstärke Bestand 

Mann Pferde Mann Pferde 

l"W 19 519 2 832 18 982 2 348 

1765 19 453 2 928 19 067 2 887 

1766 19 512 3 310 18 495 3 268 

1767 19 750 4 396 19 101 3 858 

1768 30 610 6 204 28 302 ' 6 150 

Für die Jahre 1764/68 ist die Stärke im Mai genommen. Die 
Zahl, die Schuster und Francke II p. 160 angibt, ist nirgends zu 
finden und schwerlich richtig. 



D. Ausländerzahl. 

Die GesamtbestandÄzahlen.(G) nach loc. 30293 und loc. 30300. 
Die Ausländerzahlen für 1766/68 aus loc. 1158 IV, für 1764 
aus loc. 30 285 (für Infanterie und Artillerie). 



117 



Waffe 

Kavallerie . . . 

Infonterie . . * 

Artillerie . . . . 



Monat 

Januar 
Februar 
März 
April 
Mai . 
Juni 

Juli. 

August 
September 
Oktober . 
November 
Dezember 

S 



iiiiiii 





1764 


1765 


1766 


1767 


1768 


. G 


5214 


5329 


5349 


5413 


7227 


A 






839 


970 


1215 


. G 


11 894 


11841 


11 243 


IJ 795 


18 803 


A 


803 




1956 


1554 


1527 


. G 


1258 


1213 


1207 


1192 


1559 


A 


191 






284 


308 


E. Desertionsverlust. 












1767 


1768 


Durch- 


1764 


1766 


1766 


schnitt 


47 


45 


52 


36 


Cf BT 

55 


47 


59 


69 


69 


43 


46 


57 


52 


50 


61 


55 


45 


53 


80 


58 


89 


73 


71 

1 i 




98 


64 


96- 


88 


45 


78 


71 


77 


64 


50 


106 


74 


78 


70 


72 


46 


93 


72 


62 


56 


74 


51 


An- 


61 


74 


71 


40 


65 


gaben 


62 


67 


69 


62 


43 


fehlen. 


60 


49 


84 


64 


83 




70 


55 


51 


41 


50 




49 


792 


764 


784 


683 


461 


757 



ZuE. Desertionsverlust 

betrug 1764 etwa 



4 0/ 
* /o 



1765 
1766 
1767 
„ 1768 „ 
durchschnittlich 



4% 
4% 

3.5 % 

.2,6 % 

3.6 % 



F. 
nach 

Jahr 

1764 . 

1765 . 

1766 . 

1767 . 

1768 . 

1769 . 



Weiber und Kinder bei der Armee 

loc. 1158 IV, V und des Heeres Musterlisten im K. A. 

' Kavallerie Infanterie Artillerie 

Weiber Kinder Weiber Kinder Weiber Kinder 

















3012 


3502 






1017 


1322 


3289 


38422) 






1021 


1333 


3104 


3753 


344 


419 


1464 


1808 


4179 


4537 


425 


531 


1670 


2176 


4802 


5291 







*) Die Zahl der verheirateten oder verwitweten Soldaten mit Kindern betrug 
1763/»4: 

bei der KavaUerie ...... 780 Mma 

bei der Infanterie 2601 „ (einschließlich Garnisonen) 

bei der Artillerie 181 

zusammen 3562 Mann. 
«) Hier ist die Artillerie mit eingerechnet, die erst 1767 in den listen ab- 
getrennt erscheint. 



118 Anhcag. 

". Es waren also verheiratet : 

Jahr Kayi^rie 



17$5 
17«6 
1787 
17S8 
1769 



19% 
18,8 % 

20% 
23% 



Infeuiterie 

28% 
29% 

26% 

22% 

23% 



Artillerie 



28% 
27% 



Jahr 


Rekruten 


1696 . 


. 4000 


1702 i 


. 4991 


1704 . 

• 


. 6000 


1706 . 


. 2000 


1711 . 


. 1500 


1724 . 


7 

• • 


1729 . 


. 4000 


1734 . 


. 4000 


1740 . 


. 958 


1742 . 


. 4000 


1745 . 


? 


1752 . 


. 1500 



Werbegeld 



G. Tabellarische Auf Stellung aller Land- 
rekrutenlieferungen. 

Aufbringungsmodus 

durch Offiziere und Aemter 

nach Quatembern 
na€h Defensioner- (Städte) und 
Quatemberfuss (Land) 
Quatemberfuss 

durch Wegnehmung derer 

Müssiggänger" 
durch Loos nach Quatembern 

Quatemberfuss 
dvffch Anwerbung nut obrigkeit- 
licher Unterstützung 
„durch Instruktion der Kreis- 
kompagnien" 
durch freiwilliges Engagement 

der Kreissoldaten 
von den Erblanden tmd in kw- 

poriertai Ländern — 

Nach dner Tab. d. d. 28. Dezember 1763 loc. 30 285. 



25 Thlr. 






11 


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H. Ein Soldatenlied.. 

Au« den Papieren des Prinzen Xaver (loc: 30 296) 
zweifellos kein echtes Soldatenlied, 

Das I.te Gesätz. 

March: heiss das Losungs-Wort, 

Dann geht die Reise fort. 

Ihr Helden Igeifft nach Schwerdt und Schild; 

Zeigt euem Tapffem Mttth, 

Vergiesst das ^e B9ut, 

Macht Euch der Pallas zum Ebenbild: 

Denckt an das Vaterlandt, 

Erhebet Hertz imd Handt; 

So wird der Ruhm von euch 

dm alten Helden glei<^. 

Thut was ihr k&mt. 



Anliaiig- 



119 



8. 

Führt die Escadronen an 

Zur goldnen Ehren-Bahn, 

Verjaget den Feind, erhaltet das Feld, 

Wir öffnen Stadt und Thor, 

Und heben eudi enapor. 

Die Ehren-Cräntz sind schon bestellt ; 

Die wir aus Danckbarkeit 

Für euren tapffren Streit 

Euch billig zugedacht; 

Drum seyt darauf bedacht, 

Geht schlagt den Feind. 

8. 

Inzwischen glaubet nur, 

Wir folgen Eurer Spur; 

Und ruffen im voraus: Glück zu. 

Geht ziehet glücklich hin. 

Vergnüget unsern Sinn 

Setzt unsre Gräntzen erwünscht in Ruh, 

Steckt dann die Schwerter ein. 

Wenn wir gesichert seyn. 

Und kommt erfreut zurück 

Ein jeder Augenblick 

Wartet auf Euch. 



I.Dresdner Garnisonen 1764—1770. 

A. ständig: Garde du Corps. Leibgrenadiergarde. Adelige Kom- 
pagiüe Kadetten. 



B. Jährlich wechselnde Garnison. 1. Juni bis 3L Mai. 



Jahr 




je ein Bataillon von: 




1764/65 


Brühl (v. 


Borcke) — , Lubomirski — , 


Xaver 


1765/66 


Gotha 


— , Solms — , 


Kurfürstin 


1766/67 


Karl 


— , Klemens — , 


Kurfürst 


1767/68 
1768/69 


Anton 


— , Maximilian — , 


Thiele 


Xaver 


— , Borcke — , 


Block (bis 1765 


1769/70 


Gotha 


— , Solms 


Lubomirski) 


1770/71 


Kurfürst 


— , Kurfürstin 





nach H. Kern 1764/70. 



121 



Lebenslauf des Verfassers. 



Geboren am 6. Mäxz 1889 zu Stauchitz (Amtfihauptmannacfaaft 

Oschatz), evangelisch-lutherischen Bekenntnisses, siedelte der Ver- 
fcisaer 1892 nach Dresden über, wo er von Ostern 1895 bis Ostern 
1899 die IX. Büi^rschule bemichte. Ostern 1899 trat er in das dor- 
tige Gymnasium zum heiligen Kreuz ein, das er 1908 mit Reifezeugnis 
verließ. Während des Sonuneraemesters 1908 besuchte er die Uni- 
vercdtät Grei&wald und hörte dort die Kollegs und Übungen der 
Herren Professoren und Dozenten Ulmann, Semrau, Reifferscheid (t) 
und Stosch (f). Im Wintersemester 1908 bezog er die Landesuni- 
versität Leipzig und hörte hier die Vorlesungen der Herren Pro- 
fessoren und Dozenten: Lamprecht, Brandenburg, Seeüger, Kötzschke, 
Köster, ^vers, v. Bahder, Hdz, Birch-Hirschfeld, Friedmann, 
Jungmann, Meumann und Heinze (t) und nahm teil an den Übungen 
der Hmen Lamprecht, Brandenburg, Salomon, Mogk, Goldfriedrich, 
. Sievers, Holz und Merker. Allen diesen Herren, vorzuglich aber den 
Herren Professoren Lamprecht, Brandenburg imd Köster, fühlt er 
ach für die genossenen reidira Anrc^ungm und Bdehrungen zum 
größten Danke verpfUchtet. 

Otto Rudert.