Skip to main content

Full text of "Über die Arten des seins [microform]..."

See other formats


MASTER 
NEGA TIVE 
NO. 91-80191 




MICROFILMED 1992 
COLUMBIA UNIVERSITY LIBRARIES/NEW YORK 



as part of the 
"Foundations of Western Civilization Preservation Project" 



Funded by the 
NATIONAL ENDOWMENT FOR THE HUMANITIES 



Reproductions may not be made without permission from 

Columbia University Library 



COPYRIGHT STATEMENT 

The Copyright law of the United States ~ Title 17, United 
States Code ~ concems the making of photocopies or other 
reproductions of copyrighted material... 

Columbia University Library reserves the right to refuse to 
accept a copy order if , in its judgement, fulfillment of the order 
would involve violation of the Copyright law. 



AU THOR: 



PICHLER, HANS 



TITLE: 



ÜBER DIE ARTEN DES 
SEINS.... 



PLACE: 



WIEN 



DA TE : 



1906 



COLUMBIA UNIVERSITY LIBRARIES 
PRESERVATION DEPARTMENT 

BIDLIOGRAPHICMTrRnFQRMTARnFT 



Original Material as Filmed - Existing Bibliographie Record 



Master Negative # 

91^0191 -2 



111 

Z8 
v.l 



Pichler, Hans, 1882-1958. 

Über die arten des seine.. . Wien. 1906 
69 p. 22oin. 

Thesis, aeidelberg. 



Restrictions ort Use: . 

TECHMCXL'MTCRÖFÖRivTDATÄ" 

FILM SlZE:__3^jY\v^ REDIICTinM uatio H 

IMAGE PLACEMENT: Ta""P""iB IIB ''''^^^^^^^ ^^^^^^ -U-V_ 

Sf7,E PiLMED:____S^5>_l5L INITIALS Eß^ 

^LMEDß^= RESEARCH>[ in LICATION.q TMP WOnnBRrnni rr" 

/ 




c 




Association for Information and Image Management 

1100 Wayne Avenue, Suite 1100 
Silver Spring, Maryland 20910 

301/587-8202 




Centimeter 

12 3 4 

iiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiliiiiliiiilii 



6 

iiiliiii 



7 8 

iilimlm i 



9 10 11 12 13 14 15 mm 

iiiiliiiiliiiilimliiiiliiiiliiiiliinliiiiliiiiliiiiliiiiliiii 



I I I 



Inches 



MIM 



ITT 



T 



1 



I M 1 M M I M M 

4 



1.0 


Itt 1 2.8 

|5^ 

k ^ 

1.4 


2.5 
22 


LI 


2.0 
1.8 

1.6 


1.25 




MfiNUFflCTURED TO fillM STflNDRRDS 
BY fiPPLIED IMqCE. INC, 




*i« -- 



"i • «J- 



"^- 






- -s"?*; 



«ä'_'ä; 






f#^?;/:t' 



"f^i l?' • 



^ t"i 



-«■i yf- 



llusf 






-'.■*I^%S?*I#Ä 



S."^*' -" 



•■ssi 



• "i^i^ 









??*< 



;x-- 



'^H*^ - 



ra - 



■'ta 



•iRifSi 



''■^■öi 




:f' s - 





m 



PSSi 



\\\ 







LIBRARY 



\ 




s 



> 






< 



I 



ClR DIE ifflS DES 




-C- 



Inaugural-Dissertation 



zur 



Erlangung der Doktorwürde 



einer 



Hohen Philosophischen Fal^ultät 



der 



Ptuprecht-Karls-Universität zu Heidelberg 

am 19. Februar 1906 
vorgelegt von 

HANS PICHLER 




WIEN l-yn LEIPZIG 

WILHELM BEAUMÜLLER 

k. u. k. Hof- und Universitäts-Buchhändler 

1906 






A^eboren am 26. Februar 1882 zu Leipzig, 
^^ verbrachte ich die Kindheit in meinem 
Vaterland Osterreich, vollendete die Gym- 
nasialstudien am Gymnasium zu Karlsruhe 
im Jahre 1901 und studierte Philosophie an 
den Universitäten Straßburg, Berlin und 
Heidelberg. 

Meinen verehrten Lehrern, vor allen 
Herrn Geh. Rat Prof. Dr. Windelband, weiß 
ich mich zu großem Danke verpflichtet. 



k 



Das ontologische Problem hat Aristoteles in 
die abendländische Begriffsentwicklung eingeführt. 
War vor ihm das philosophische Interesse vorzugs- 
weise der Fragestellung zugekehrt: was ist das 
Seiende, so untersuchte er: was ist das Sein, und 
beschied sich bei der Ansicht, daß die Seinsbegriffe 
disparat und nur 6[i(i)vi)[Aa xax' ^vaXoycav sind.*) Eine 
rein analytische Begriffsbestimmung des Seins kann 
nicht weit führen, die Richtung gebenden Gesichts- 
punkte entnahm Aristoteles seiner Metaphysik, die 
als transzendente Logik ihn zur Unterscheidung 
der Y£vr^ xoö Svio? nach den Kategorien führte. Ihr 
fehlt nichts als die Bestimmung des übergeordneten 
Gattungsbegriffes Sein, der freihch nur auf dem 
erkenntniskritischen Boden der transzendentalen 
Logik gefunden werden konnte. 

Unter dem Einfluß des Aristoteles geriet in 
der Scholastik die Ontologie in jene eigentümlich 
unfruchtbare Verbindung logischer Begriffsanalysen 
mit dogmatischen Voraussetzungen. Die Folgezeit 
brachte zum metaphysischen Dogmatismus noch 
den metaphysischen Skeptizismus zur Ausbildung. 
Diese beiden, die sich solange eine außerordentliche 
Wichtigkeit im menschlichen Weltbegriffe angemaßt 
hatten, machte Kant in der Kritik der reinen Vernunft 
zunichte durch die Einsicht, daß alles erkennbare 
Sein kategorial vergegenständlichte Anschauung ist. 



*) cf. Brentano, „Von der mannigfachen Bedeutung des 
Seienden bei Aristoteles", S. 85 ff. 



— 6 — 



Das Kriterium für die Erkenntnis sind nicht 
Gegenstände ^an sich«, sondern die Anschauung, 
alle Vergegenständlichung ist die Tat des kate- 
gorialen, konstruktiven Denkens. Ein Denken, das 
den Bereich der Erfahrung verläßt, d. h. Gegen- 
stände erkennen will, denen keine Anschauung 
korrespondiert, irrt von Phantom zu Phantom: Kant 
hält sich »an der einzigen billigen Forderung, daß man 
sich ... darüber rechtfertige, wie man es anfangen 
wolle, seine Erkenntnis ... bis dahin zu erstrecken, 
wo keine mögliche Erfahrung und mithin kein Mittel 
hinreicht, irgendeinem von uns selbst ausgedachten 
Begriffe seine objektive Realität zu versichern. Wie 
der Verstand auch zu diesem Begriffe gelangt sein 
mag, so kann doch das Dasein des Gegenstandes 
desselben nicht analytisch in demselben gefunden 
werden, weil eben darin die Erkenntnis der Existenz 
des Objektes besteht, daß dieser außer den Ge- 
danken an sich selbst gesetzt ist. «^*) »In dem bloßen 
Begriffe eines Dinges kann gar kein Charakter 
seines Daseins angetroffen werden. Denn, ob der- 
selbe gleich noch so vollständig sei, daß nicht das 
Mindeste ermangle ... so hat Dasein mit allem diesem 
doch gar nichts zu tun, sondern nur mit der Frage: 
ob ein solches Ding uns gegeben sei, so daß die 
Wahrnehmung desselben vor dem Begriffe allenfalls 
vorhergehen könne . . . die Wahrnehmung, die den 
Stoff zum Begriff hergibt, ist der einzige Charakter 
der Wirklichkeit. <**) 

So ist das Problem des Seins auf den er- 
kenntniskritischen Boden verpflanzt. Kant konnte 
in der Kritik d. r. V. alle unsere Erkenntnisansprüche 
auf das Feld der möglichen Erfahrung einschränken, 
weil er in der transzendentalen Logik die nach 



*) Kritik d. r. V. B., S. 667. 
**} Kritik d. r. V. B., S. 273. 



sicheren Grundsätzen vollzogene Grenzbestimmung 
unseres Erkennens aufgewiesen hat, »welche ihr 
nihil ulterius mit größester Zuverlässigkeit an die 
herkulischen Säulen heftet, die die Natur selbst 
aufgestellet hat, um die Fahrt unserer Vernunft 
nur soweit, als die stetig fortlaufenden Küsten der 
Erfahrung reichen, fortzusetzen«.*) 

Die fortlaufenden Küsten der Erfahrung sind 
die Reiche des Seins, die durch ihren Gegensatz 
zum bloßen Gedachtsein und eine notwendige Be- 
ziehung auf die Anschauung freilich noch nicht 
genügend bestimmt sind. Der Existenzialbegriff er- 
hält seinen inhaltlichen Wert erst in den kategorial 
spezifizierten Seinsarten. 

Daß das Sein den Merkmalen, mit denen wir 
einen Gegenstand denken, nicht gleichgestellt werden 
kann — aus welchem Grunde hyperkritische Logiker 
es auch nicht als Prädikat wollen gelten lassen — 
ist füglich klar. Wir haben keinen intellectus arche- 
typus, d. h. das Denken bringt die seinen Gegen- 
ständen korrespondierende Anschauung nicht her- 
vor, es findet an der Anschauung immer dann eine 
Schranke, wenn es auf synthetische Urteile aus- 
geht.**) 

Wie aber, wenn trotz der Kritik d. r. V. auf 
Grund bloßer Nominaldefinitionen ein Gegenstand 
als seiend gedacht wird? Das kann natürlich nicht 
verwehrt werden, aber wer das tut, unterwirft sich 



*) Kritik d. r. V. A., S. 395. — Die kritische Grenz- 
bestimmung, die in der transzendentalen Analytik dem Erkennen 
zuteil geworden, macht die originale Bedeutung Kants für die 
Ontologie aus; die einzigartige Bedeutung der Erfahrung war 
bereits vorher von Bacon bis Hume mit allem Nachdruck pro- 
grammatischer Emphase betont worden. 

**) cf. R i e h 1, „Der philosophische Kritizismus", I, S. 320, 
,,analy tische Urteile sind reine Begriffsurteile — synthetische An- 
schauungsurteile". 



— 8 - 

damit, wenn er den Begriff Sein in dem hier zu- 
grundegelegten Sinne nimmt, einer Gerichtsbarkeit, 
die seitab der für die Wahrheit der analytischen 
Sätze geltenden steht. 

Diese vom Denken unabhängige Gerichtsbar- 
keit des Gegebenen (der Anschauung) muß die 
kritische Erkenntnistheorie anerkennen, wenn anders 
sie die synthetischen Urteile auf ihre Gültigkeit be- 
werten will. Daher sie zwar des jeweiligen, zumeist 
gar nicht möglichen Rekurses auf die gegebene An- 
schauung enthoben ist, aber sie als entscheidendes 
Kriterium zugrundezulegen hat, um die Be- 
sonderungen der empirischen Seinsbegriffe ebenso 
wie alle synthetischen Sätze einzig dann als gültig 
anzuerkennen, wenn sie dieser ihrer Vorausse'tzung 
gemäß sind. 

Somit wird für den konsequent methodischen 
Erkenntnistheoretiker alles Sein nur als gültig 
zu beurteilendes Sein Bedeutung haben; doclf dai? 
nicht vergessen werden, daß das Kriterium hiefür 
in der Anschauung liegt, sonst wird gleich dem ens 
verum Chr. Wolffs das gültig beurteilte Sein 
schemenhaft, wie die Gültigkeit der Bejahung selbst. 

Die viel berufene Lehre esse est percipi, also 
die Konfundierung vom »Gegebensein« des An- 
schaulichen mit dem Sein, ist bestenfalls eine Tat 
sprachlicher Willkür ohnegleichen. 

Das Gegebene ist überhaupt keine Art des 
Seins, geschweige dessen ganzer Umfang. Es ist 
der unerschöpflich reiche Boden, in dem alle Arten 
des Seins wurzeln, über den sich aber auch alle 
erheben. Die Anschauung ist die Bedingung für jede 
Objektivierung. Ein Chaos, mit dem für sich wenig 
zu beginnen ist, und das erst der Verstand *ge- 
schäftig, die Erscheinungen in der Absicht zu durch- 
spähen, um an ihnen irgend eine Regel aufzu- 



> % 



— 9 — 

finden«*) zu den verschiedenen Arten des Seins 
interpretiert. 

Das Gegebenheitsurteil ist kein Existenzial- 
urteil, weil das Gegebene, als kategorial nicht ver- 
gegenständlicht, den übrigen Seinsarten nicht koordi- 
niert werden kann.**) 

Die Einheit, auf die das Gegebene im 
Gegebenheitsurteil bezogen wird, ist die Bewußt- 
seinseinheit, Kants transzendentale Apperzeption. 

Wenn gemäß der erkenntnistheoretischen Grund- 
voraussetzung das Denken in der Anschauung sein 
Kriterium finden soll, so muß es zu dieser in^einer 
Beziehung stehen; :^also hat alles Mannigfaltige der 
Anschauung eine notwendige Beziehung auf das: 
Ich denke in demselben Subjekt, darin dieses 
Mannigfaltige angetroffen wird«.***) 

Der Anschauung, nicht Gegenständen an sich, 
steht das Denken gegenüber. Durch kategoriale, 
konstruktive Synthese werden die Bewußtseins- 
inhalte gedeutet zu Wahrnehmungen von Gegen- 
ständen. »Wenn wir untersuchen, was denn die 
Beziehung auf einen Gegenstand unseren 
Vorstellungen für eine neue Beschaffenheit gebe, 
und welches die Dignität sei, die sie dadurch er- 
halten, so finden wir, daß sie nichts weiter tue, als 
die Verbindung der Vorstellung auf eine gewisse 
Art notwendig zu machen.« f) 

Die Notwendigkeit, welche solche gegenständ- 
liche Regeln der Anschauungsverknüpfungen mit 

*) Kritik d. r. V. A., S. 126. 
**) Ricker ts Kategorie der Gegebenheit (cf. „Gegenstand 
der Erkenntnis", S. 166 ff.) ist keine gegenständliche Kategorie. 
***) Kritik d. r. V. B., S. 132. 
t) Dass. S. 242. Über den kantischen Begriff des Gegen- 
standes als Regel und seinen historischen Hintergrund cf. Windel- 
band Präludien, S. 132 bis 147. 



— 10 — 

sich führen, ist zu deren Faktizität hinzu gedacht 
die Kategorien dienen bloß »durch Gründe einer 
a priori notwendigen Einheit Erscheinungen all- 
gemeinen Regeln der Synthesis zu unterwerfen^. *) 
Obschon diese notwendige Zusammengehörig- 
keit von Anschauungen zu diesen hinzugedacht isl, 
so bleibt doch der Gegensatz zum bloßen 
Gedachtsein bestehen, dies will ja eben 
der Begriff der Notwendigkeit in den 
gegenständlichen Kategorien ausdrücken, 
und obschon in der Erfahrung niemals der Gegen- 
stand mit den unendlich vielen zu ihm gehörio-en 
Anschauungen ins Bewußtsein tritt, sondern immer 
nur einzelne Anschauungen, die auf ihn als zu- 
gehörig (^repräsentierend*) gemäß der den Gegen- 
stand konstituierenden Kategorie bezogen werden, 
so ist doch am Gegenstand, abgesehen von der 
kategorialen Synthese, nichts als was zur möirljchen 
Erfahrung gehört. 

Je nach den Kategorien, die die seienden 
Gegenstände konstituieren, gibt es verschiedene 
Arten von seienden Gegenständen, also liegt das 
principium divisionis des in der kategorialen Ver- 
gegenständlichung des Gegebenen bestimmten 
Gattungsbegriffes Sein nicht etwa in der Ver- 
schiedenheit des Anschaulichen in den Wahr- 
nehmungen, sondern die Arten des Seins 
unterscheiden sich durch die in ihren kate- 
gorialen Gegenstandsbegriffen behauptete 
Beziehung auf die Anschauuncr. 

Solcher Regeln notwendiger Anschauungs- 
verknüpfungen kennt Kant nur zwei: die Kate- 
gorie der Inhärenz und die Kategorie der Kausa- 
htät, und nur der Seinsart der Dinge hat er seine 

*) Kritik d. r. V. B., S. 185. 



V 



— 11 — 

Aufmerksamkeit zugewandt. Wenn sich nun zeigen 
läßt, daß unter Zugrundelegung eines Seinsbegriffes, 
dessen generischer Inhalt die kategoriale Vergegen- 
ständlichung der Anschauung ist, dem Sein der 
Dinge und dem Sein der Naturgesetze gemäß dem 
principium divisionis noch das Sein von Raum und 
Zeit und das psychische Sein koordiniert werden 
muß, so scheint vielleicht mit dieser Inbeziehung- 
setzung der aristotelischen Ontologie mit dem kan- 
tisehen Seinsbegriffe nur die Aufgabe eines schema- 
tischen Ausbaues der Kategorienlehre und der 
Ontologie gelöst. Eine solche Lösung würde sich 
indes nach zwei Seiten hin fruchtbar zeigen. 

Zuvörderst muß es sich rächen, wenn die 
prinzipielle Einheitlichkeit der logischen Struktur 
der Erkenntnisgebiete, nämlich der Seinsarten, über- 
sehen wird. Dann werden Probleme unter einen zu 
engen Gesichtskreis gestellt und damit unlösbar, 
wie z. B. der viel berufene Solipsismus, oder 
sie werden bei Unkenntnis der übereinstimmenden 
Verhältnisse hier und dort in gegensätzhchem 
Sinne angepackt, wie es beispielsweise oft mit dem 
Begriff des Unbewußten geschieht, oder endlich es 
werden artmäßig koordinierte Gebiete vermengt, 
wie es etwa der methodologisch begründete psycho- 
physische Parallelismus tut. 

Andererseits handelt es sich um jene Probleme, 
welche die polemische Anpassung an die kantische 
Erkenntnistheorie gezeitigt hat durch die Umbildung 
des Nominalismus zum Positivismus. Ihn wird die 
konsequente Ausgestaltung der kantischen Onto- 
logie zwar nicht widerlegen, denn der Positivismus 
ist der einzige Gegner, wider den die kantischen 
Begriffe nichts ausrichten. Aber sie wird ihn zur 
Selbstvernichtung bringen, indem sie — durch die 
einzige fundamentale und unverfängliche, weil an 



— 12 - 

der Anschauung ein stetes Kriterium habende Be- 
hauptung der Notwendigkeit der steten Regel- 
mäßigkeiten der Erfahrung zu den verschiedenen 
Arten des Seins geführt — eine Konsolidierung des 
gesamten Erkenntnisgebietes erreicht, von derartig 
einheitlichem und festem Gefüge, daß der Positivis- 
mus dieses ihn aufhebende System als die »ein- 
fachste« Formulierung wird anerkennen müssen, 
solange es in der Erfahrung seine Bestätigung findet. 

Nun gibt es aber ein Gebiet, in dem der 
Nominalismus wirkhch am Platze zu sein scheint. 

Mannigfache, sehr ernsthafte Gründe drängen 
immer energischer darauf hin, aus der Naturwissen- 
schaft eine bloße ts/wj zu machen. Sie soll es 
nicht mehr als Aufgabe ansehen, die Natur zu be- 
greifen, sondern sich beschränken, Formeln zu 
finden, um die Ereignisse zu berechnen (Mach, 
Rickert). 

Die Begriffe, welche die Naturwissenschaft 
einzig in Hinsicht auf diese Zwecke bildet, bean- 
spruchen grundsätzlich keine Seinsbedeutung. 

Aber dem Nominalismus, der so in der Natur- 
wissenschaft vielleicht ohne Opfer durchführbar ist, 
darf die Natur, der »Inbegriff aller Gegenstände 
der Erfahrung«*) nicht ausgeliefert werden, d. h. 
Natur ist eine letzte Voraussetzung, das ontologische 
Ordinatensystem, auf dem wir allen Erfahrungen 
ihren Ort anweisen; nach der »Annahme des 
Geistes, daß ein konstant Wirkliches ein Notwen- 
diges sei«**) wird die Phalanx der Seinsarten aus 
dem Stoff der Erfahrung aufgebaut. 

Und es ist klar, daß, wenn die Gütertrennung 
zwischen Begriff und Natur wirklich einmal ernst- 
lich in An griff genommen werden sollte, die Natur 

*) Kant, Proleg:omena A., S. 74. 
*♦) Windel band, Die Lehren vom Zufall, S. 39. 



- 13 



alles dasjenige beanspruchen wird, was innerhalb 
der notwendigen Regeln der Anschauungsver- 
knüpfungen eingeordnet werden kann — mag es 
auch von der Naturwissenschaft erforscht sein — 
und daß ein Mangel an Folgerichtigkeit in der Be- 
stimmung des Naturbegriffes, d. h. des Seins- 
begriffes, nicht nur einzelne Verwirrungen zeitigt, 
sondern das ganze Weltbild verzerren muß. 



15 - 



Die Realität der Dinge.*) 

Begreiflicherweise stand im Mittelpunkt der 
ontologischen Fragestellungen allzeit die Realität 
der Körperwelt. Die Fülle der gegensätzlichen Lö- 
sungsversuche, die die Entwicklung der philo- 
sophischen Geschichte zeitigte, ist erstaunlich, er- 
staunlich die Schwungkraft, mit der sich gestaltende 
Geister von ihrem Ausgangspunkt, der Verbegriff- 
lichung der Sinnenwelt, erhoben zu den erdachten 
Gebilden weltferner Philosopheme. 

Allzugeneigt, die Natur zu vereinfachen auf 
Kosten ihrer wahren Vielgestaltigkeit, opfert der 
Systematiker, bald das Sein dem Werden, bald 
das Werden dem Sein und wieder das Phänomenale 
anschauungsfremden Dingen und die Dinge dem 
Phänomenalen. 

Mit Kants Kritik d. r. V. ist der erkenntnis- 
durstige Geist aus seiner Jugendjahre phantastischem 
Jagen nach dem 5vtü); ov herausgetreten und hat 
sich aberefunden mit der anschaulichen Welt. 



♦) Wiewohl auch der Laie bei der Fällung: von Existenzial- 
urteilen die Arten des Seins \oneinander unterscheidet, derart, 
daß die Priidizierung des Seins zumeist in dem Sinne einer Zu- 
ordnung zu einer bestimmten Klasse als seiend bereits aner- 
kannter Gegenstände vollzogen wird, kam doch — dies ist eine 
erstaunlich logische Barbarei — keine der Kultursprachen dazu, 
sie mit einem festen Terminus zu bezeichnen. Sein, Wirklichkeit, 
Existenz, Realität werden völlig gleichdeutig gebraucht. Im Fort- 
gang dieser Arbeit wird Realität immer das Sein der Körperwelt 
bezeichnen. 



Welche Gründe auch der Metaphysiker haben 
mag, sich ein Svxto: ov zu ersinnen hinter der Sinnen- 
welt, so hat doch diese das voraus, daß sie erweis- 
lich mehr ist als ein bloßes Hirngespinst. Freilich, 
aus Begriffen läßt sich die Realität so wenig wie 
die anderen Arten des Seins ableiten, die Aus- 
deutung von Gegebenem durch die Kategorie der 
Inhärenz zu realen Dingen ist wie alle kategoriale 
Vergegenständlichung eine letzte Voraussetzung 
über alle möglichen Erfahrungen, die an der wirk- 
lichen Erfahrung kein erschöpfendes, aber ein zu- 
reichendes Kriterium findet. 

Der Dingbegriff ist eine Regel von An- 
schauungen derart, daß die zu einem Dinge ge- 
hörigen anschaulichen Bestimmungen als seine Eigen- 
schaften aufgefaßt werden. »Unsere Synthesis heftet 
in dem unsäglich komplizierten Begriffe des Dinges 
diejenigen Wahrnehmungen zusammen, als zu einem 
Dinge gehörig, die sich beziehen lassen auf einen 
Ort im Raum, auf einen kontinuierlichen Ablauf 
der Veränderungen, auf eine naturgesetzliche Not- 
wendigkeit«.*) 

Das Sein der Dinge besteht in ihrer not- 
wendigen Beziehung auf die Anschauung. Ein 
reales Ding kann zwar selbst weder in der ein- 
zelnen Anschauung Bewußtseinsinhalt werden, noch 
der Summe der unendlich vielen zu ihm gehörigen 
Anschauungen gleichgesetzt werden, und die Ding- 
vorstellung als die durch die kategoriale Synthese 
hinzugedachte Einheit von Anschaulichem, ist selbst 
nicht anschaulich. 

Verliert dann nicht das Reale alle Beziehung 
zum Bewußtsein? Die Wahrnehmungen sind nicht 
real und die Dingeinheit ist nicht wahrnehmbar. 
Diese Sch wierigkeit ist nur durch falsche Spitz- 

*) Sigwart, Logik II, S. 117 bis 136. 



- 16 - 

findigkeit geschaffen; es geht nicht an, derartig zu 
scheiden, daß auf die eine Seite alle möglichen 
Wahrnehmungen, auf die andere das entblößte 
Ding gestellt wird. In der Wahrnehmung wird ja 
eben das Ding selbst wahrgenommen, nicht etwa 
die Empfindung, diese ist gegeben. 

Ein Ding wahrnehmen heißt Anschauungen 
auf ein Ding beziehen. 

So wird der Voraussetzung, daß alles Sein 
kategorial intollektuierte Anschauung ist, durch den 
Realitätsbegriff entsprochen : abgesehen von dem 
kategorialen a priori ist an den Dingen nichts als 
Anschauliches. 

Die Wahrnehmungsnotwendigkeit ist eine all- 
gemeine, d. h. überall, wo die Bedingungen zur 
Wahrnehmung eintreten, müssen die realen Dinge 
wahrgenommen werden, Halluzinationen, Illusionen, 
Traumbilder, mögen sie sich auch inhaltlich in nichts 
von dem normal wahrgenommenen unterscheiden, 
sind nicht real, weil sie nicht zu einer Regel einer 
allgemein notwendigen dinglichen Anschauungsver- 
knüpfung gehören. 

Anderseits muß Realität auch dem nicht Wahr- 
genommenen zugeurteilt werden, insofern es nur 
unter bestimmten Bedingungen wahrnehmbar ist. 
Auch das weder hie et nunc Wahrgenommene, noch 
durch frühere Wahrnehmungen Bekannte, noch 
auch als wahrnehmbar je Erschlossene ist real, 
sofern es nur eine notwendige Beziehung auf mög- 
liche Wahrnehmung hat. So Kant im zweiten »Postulat 
des empirischen Denkens«. »Was mit den materialen 
Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung) zu- 
sammenhängt, ist wirklich.« 

Selbstverständlich muß Wahrnehmbarkeit weit 
genug gefaßt werden. Infusorien, dem unbewaffneten 
Auge nicht sichtbar, werden es durch das Mikroskop, 



J 



~ 17 - 

die Rückseite des Mondes durch Verlassen des 
terrestrischen Standpunktes, die Fixstern weiten, die 
nie am nächtlichen Himmel aufleuchten, erschließen 
sich dem Weltenwanderer. 

Ahnend steht der Mensch vor der unermeß- 
lichen Fülle der Natur, wenig erfährt er von dem, 
was sie zu ihm spricht »zu bekannten, verkannten, 
unbekannten Sinnen«.*) 

Wer durch die Tat des Kopernikus schwindeln 
gemacht, den anthroprozentrischen Standpunkt 
wieder zu gewinnen trachtet, indem er die Dauer 
der Welt von dem Dasein wahrnehmender Menschen 
abhängig machen will, mißbraucht die kantische 
»kopernikanische« Tat. Als ob Kant nach der Kritik 
d. r. V. seine »Naturgeschichte des Himmels« ver- 
leugnet hätte. Als ob die Wahrnehmbarkeit des 
Realen endet, sobald es an Geschöpfen fehlt, wahr- 
zunehmen. Die notwendige Beziehung auf die An- 
schauung, die wir den Dingen zuurteilen, ist unab- 
hängig von allem tatsächlichen Anschauen. Vor- 
stellbar ist es ja freilich nicht, was ein Reales sei, 
ohne daß es wahrgenommen wird. Obschon der be- 
griffliche Wert der Realität durch das Merkmal 
der Wahrnehmbarkeit ausreichend bestimmt ist, 
scheint doch keine befriedigende Formel gefunden. 

Das in der Unentrinnbarkeit des naiven 
Realismus sich äußernde Bedürfnis, das Reale als 
ein Wahrgenommenes zu hypostasieren ohne Be- 
ziehung auf die wirkliche Wahrnehmung, wird 
immer die Formulierung: real sind die wahrnehm- 
baren Dinge, als ungenügend empfinden. 

Der Grund liegt nicht so sehr in dem Beharren 
der Wahrnehmungswelt als in ihrer steten Ver- 
änderung. In den Wahrnehmungen offenbart sich 
ein Kontext des Geschehens, dessen kontinuierlicher 



*) Goethe, Farbenlehre. Vorwort. 

Pich 1 er, Arten des Seins. 



2 



— 18 — 

Ablauf unabhängig erscheint von der Diskontinuität 
der Wahrnehmungen. 

Das Problem des naiven Realismus, wie die 
Dinge aussehen, wenn sie nicht wahrgenommen 
werden, hat in gegensätzlicher Weise zu Phäno- 
menalismus und transzendentalem Realismus ge- 
führt. Der fundamentalen These des PhänomenaHs- 
mus, daß das Reale nur etwas im Bewußtsein ist, 
setzt der Realismus die Hypostasierung von Bewußt- 
seinsinhalten als unabhängig von allem Bewußtsein 
entgegen und unterscheidet sich damit vom naiven 
Reahsmus nur durch die Auswahl der zu hyposta- 
sierenden Bewußtseinsinhalte und die Systemati- 
sierung der naiv-realistischen Naivität. Hingegen 
schlägt das esse est percipi des PhänomenalTsmus 
freilich den Knoten durch, doch auf eine so brutale 
Weise, daß damit nicht nur die Kontinuität des Re- 
alen, sondern alle Arten des Seins sich auflösen 
und in ein Chaos von Bewußtseinsinhalten zer- 
fallen. 

Aber es ist nicht eben notwendig, nach un- 
befriedigter Durchmessung von naivem und trans- 
zendentalem Realismus und Phänomenalismus sich 
dem Agnostizismus zu verschreiben, denn die un- 
lösbare Aufgabe enthält einen Widerspruch in der 
Fragestellung: da wir alle unsere anschaulichen 
Vorstellungen von der Welt nur den Sinnes- 
erfahrungen verdanken, ist es ein Nonsens, sich an- 
schaulich vorstellen zu wollen, wie die Welt un- 
anschaulich aussieht. 

Auch bestehen keine sachlichen Notwendigkeiten, 
auf diese Weise um die Ecke zu sehen; solange 
die Wahrnehmbarkeit gewiß ist, können wir von 
den Dingen sprechen, als wären sie stets in den 
Wahrnehmungen gegenwärtig. Ein wirkliches Pro- 
blem liegt dem einhelligen Streben so vieler svste- 



M 



— 19 ~ 

matischer Gegensätze über den naiven Realismus 
hinaus freilich zugrunde. Es ist die Kluft zwischen 
anschaulicher und begrifflicher Welt, jener Gegen- 
satz, der, vom Anbeginn des philosophischen Denkens 
empfunden, in den metaphysischen Systemen zu 
einer Steigerung ins Grenzenlose drängte und erst 
von Kant in seiner endgültigen Notwendigkeit be- 
griffen und fruchtbar gemacht wurde.*) 

Eine Begründung des Realitätsbegriffes gegen- 
über dem Phänomenahsmus ist seit der Kritik 
d. r. V. nicht mehr vonnöten.**) 

Und eine Beurteilung der Natur als Sinnen- 
schein mittels sinnesphysiologischer Beweistümer 
bringt ihren Gewährsmann, die Sinne, in die nicht 
weiter ernst zu nehmende Rolle des bekannten 
kretischen Lügners: sie, die ja auch ein Stück 
Sinnenwelt sind, zeugen dann gegen sich selbst. 

Dergleichen Argumentationen haben auf die 
Begriffsentwicklung auch nichts vermocht, aber ein 

ähnlicher weniger zugespitzter Gedankengang 

die Unterscheidung der primären und sekundären 
Qualitäten — ist nicht ohne tiefgreifende Wirkung 
auf den Realitätsbegriff geblieben. 

Die von Demokrit systematisch begründete 
Ausscheidung bestimmter Empfindungsmodahtäten 
als subjektiv ist unstreitig eine Großtat natur- 
wissenschaftlicher Abstraktion, hat indes durch ihre 
Übernahme in den Naturbegriff nur eine unglück- 
selige Verarmung desselben herbeigeführt, an der 
noch die Gegenwart leidet. 

Auch durch die sogenannten subjektiven Sinne 
werden die Dinge selbst wahrgenommen, wir haben 

*) cf. Düssel, „Anschauung, Begriff und Wahrheit". 
**) Kants spezieHe „Widerlegung des Idealismus" richtet 
sich indes nur gegen den Spiritualismus. 



— 20 — 



Gehörsempfindungen, beziehen sie gemäß der Kate- 
gorie der Inhärenz auf einen Gegenstand und sagen 
etwa *\vir hören eine Glocke«. Dem Einwand, daß 
nicht die Glocke gehört wird, sondern nur Töne, 
kann die Weglassung der Beziehung auf den Gegen- 
stand auch beim Getast entgegengesetzt werden, es 
läßt sich ebenso sagen »ich taste keine Glocke, ich 
habe nur Druckempfindungen«. Die Beziehung auf 
bestimmte Dinge ist ja nicht ohne weiteres möglich, 
daß wir Bäume sehen, das Rauschen der Blätter 
hören, von der Sonnenwärme durchströmt werden, 
muß erst gelernt werden. 

Daß die Bestimmungen der Dinge, die wir durch 
die sogenannten subjektiven Sinne erfahren, mit 
ihnen räumlich und zeitlich viel weniger eng ver- 
haftet sind wie die materiellen, kann ihre Sub- 
jektivität nicht begründen. 

Das Interesse des Naturforschers für das mecha- 
nische Geschehen ist wohl begründet. Da die Natur- 
wissenschaft den Gang der Ereignisse zu berechnen 
trachtet, sind die Beschaffenheiten der Dinge für sie 
um so wesentlicher, je mehr sie sich zu solcher 
Absicht eignen, und da dies der Fall ist bei den 
materiellen Quanta mit ihren Volumen-Gruppierungs- 
und Bewegungsveränderungen, empfiehlt sich die 
vorzugsweise Bearbeitung des mechanischen Ge- 
schehens von vornherein. 

Dadurch wird zugleich der Naturforschung die 
Aufgabe aufgedrängt, für iiualitative Veränderungen 
der Dinge funktionelle Beziehungen zu suchen zu 
mechanischen, ein Ziel, dem gerade moderne Ent- 
deckungen uns bereits nahe gebracht zu haben 
scheinen. Gesetzt, daß die physikalische Theorie, die 
alles Geschehen in der Welt auf mechanische Ver- 
änderung zurückführt, richtig ist, eine Frage, über 



— 21 — 

die nur die zielbewußte experimentelle Befragung 
der Erfahrung zu entscheiden hat, so würde als die 
einzige Energieform die mechanische Kraft an- 
zuerkennen sein, und das Eintreten von akustischen, 
optischen (elektrischen, magnetischen, chemischen) 
Wärme-, Geruchs- und Geschmacksveränderunsen 
wäre bedingt durch molekulare Konfiguration und 
Bewegung. 

Damit wäre der Begriff einer Welt erarbeitet, 
in der alle Vorgänge sich anschauen ließen als 
molare und molekulare Bewegungen oder als ge- 
knüpft an solche, bewirkt von Kräften, deren Stärke, 
Zu- oder Abnahme eine Funktion von Masse und 
Bewegung ist. 

Aber diese Errungunschaften des zählenden 
und messenden Denkens sind nicht dazu dienlich, 
um alle Veränderungen, deren funktionelle Beziehung 
zum mechanischen Geschehen nachweisbar ist, zu 
subjektivieren, der Natur also einen Teil ihres an- 
schaulichen Reichtums abzustehlen, unter dem Vor- 
geben, daß Farbe, Ton etc. eigentlich Molekular- 
bewegungen seien, womit schließhch doch nur kurzer- 
hand die Identität der primären und sekundären 
Qualitäten behauptet wird. 

Möge im mechanischen Geschehen der kos- 
mische Pulsschlag entdeckt sein, so daß Farbe, Ton, 
Wärme usf. an sich regungslos sind, ohne Tendenz 
zur Veränderung, und nur das mechanische Ge- 
schehen fort und fort treibt, jede erreichte Kon- 
stellation die nächste herbeiführt, weil die Kräfte 
sich ändern mit den Entfernungen und als andere 
wieder neue Geschwindigkeiten und Gruppierungen, 
neue Formen, Farben, Töne und Temperaturen be- 
wirken, so werden doch damit die sogenannten 
sekundären Qualitäten nicht aus der Anschauung, 



22 - 



die sich auf Dinge beziehen läßt, einfach ausgelöscht, 
sondern gerade ihre erkannte Gesetzmäßigkeit zwingt, 
wenn anders mit dem Dingbegriff als einer bestimmten 
Regel der notwendigen Anschauungsverknüpfung 
ernst gemacht wird, sie als Eigenschaften auf reale 
Dinge zu beziehen. 

Seinen eigentlichen Halt findet der Naturbegriff , 
der nur Kraft und Massenbewegungen kennt, in 
dem Vorurteil, daß diese Bestimmungen der Dinge 
nicht so sehr anschaulich erfahren als rational er- 
kannt werden. 

Aber an den realen Dingen gibt es nur an- 
schauliche Bestimmungen und zwischen den an- 
schaulichen Bestimmungen herrscht keine Rivalität. 
Weder von Ausdehnung, Lage, Bewegung noch von 
Masse und Kraft wissen wir mehr als die An- 
schauung lehrt. 

Ward indes erst mit Kants transzendentaler 
Aesthetik (resp. der Inaugural-Dissertation) die 
Zugehörigkeit der räumlichen Bestimmungen zur 
Anschauung begründet, so haben Masse und Kraft 
sogar noch gegenwärtig einen merkwürdig rationalen 
Habitus. 

Wie durch die sensoriellen Sinne Farbe, Ton etc. 
erfahren werden, so durch Getast und die entopheri- 
schenviel zusehr übersehenen Spannungs- und Druck- 
empfindungen die mechanischen Kräfte. Dieser 
wichtige Bestandteil der Erfahrung hat das sehr 
eigenartige Schicksal gehabt, daß zwar seit Galilei 
die Physik ihn mehr und mehr zur Naturerklärung 
heranzog, aber nichtsdestoweniger seine Legitimation 
durch die Erfahrung meist mißkannte und daher 
durch die vermeintliche metaphysische oder psycho- 
logische Kontrebande sich ein schlechtes Gewissen 
und unzählige Anklagen zuzog. 



— 23 



Würde die Schwere eines Körpers dem tragen- 
den Arm sich nicht als Spannungs- resp. Druck- 
empfindung kundgeben, wäre die Wucht des Stoßes 
in der Empfindung nicht von dem leichten Kitzel 
der Berührung zu unterscheiden, so wüßte der 
Mensch so wenig von der Kraft, wie der Blinde 
von der Farbe. 

Die Vorstellung von Kräften in der Welt ist 
weder anthropomorphistisch noch mythologisch und 
enthält durchaus keine psychologischen Willens- 
übertragungen. Aber sind nicht die Muskelempfin- 
dungen als Begleiterscheinungen bei Stößen der 
Körper auf den menschlichen Leib eine die stete 
mechanische Wirkung empfindungsloser Massen auf- 
einander gar nicht charakterisierende Bestimmung? 

Wie schon oben ausgeführt, ist es ein Wider- 
sinn, sich anschaulich vorstellen zu wollen, wie die 
Welt unanschaulich aussieht. Die Berechtigung, von 
kontinuierlichen Eigenschaften der Dinge zu sprechen, 
liegt darin, daß sie kontinuierhch wahrnehmbar 
sind. Richtigen Gebrauch von ihr macht auch der- 
jenige, der von Kräften spricht, die hie et nunc 
nicht sinnlich empfunden werden. Die Kraft, mit 
der sich zwei Körper anziehen, hat eine notwendige 
Beziehung auf eine mögliche Erfahrung oder sie 
ist nichts. Die sichtbare Bewegung der Massen ist 
selbstverständlich keine Wahrnehmung der Kräfte, 
sondern nur eine Wahrnehmung der Wirkungen 
der Kräfte.*) 

Wirken ist der verbale Ausdruck von Kraft. 
Der Kraft ist das Wirken so wesentlich, wie dem 
Ton das Tönen. 

Gewiß hat Hume darin recht, daß das aus dem 
Wirken der Kräfte kausal Erfolgende nicht aus 

*) Mit genauerem Ausdruck: die Bewegung der Massen ist 
ein durch Kräfte bewirktes. 



— 24 - 



ihrem Begriffe analytisch herauszuklauben ist. Unter 
Wirken ist ja auch nur Druck und Zug vorzu- 
stellen, keineswegs die sichtbare Bewegung von 
Massen mit ihren tausendfältigen räumlichen und. 
zeitlichen Bestimmungen. Daß trotzdem die Kraft 
zu der bewirkten Bewegung in gewisser anschau- 
licher Beziehung steht, liegt in ihrer eigen- 
artigen räumlichen Bestimmtheit. Druck 
und Zug enthalten entgegengesetzte Richtungs- 
empfindungen, die sich in der bewirkten sichtbaren 
Bewegung fortsetzen. Da die Kraft nur an ihren 
extensiven Wirkungen gemessen werden kann, läßt 
sie sich, sobald es nicht auf Naturbeschreibung, 
sondern nur darauf ankommt, Masse und Bewegung 
zu berechnen, selbstverständlich durch einen ganz 
abstrakten »Energie «-Begriff ersetzen. Als ontisches 
System aber bietet die Energetik statt der lebendigen 
Natur bloße Relationsbegriffe, und die Hylokinetik 
verzichtet auf einen Teil der Sinneserfahrung, um 
dann der verstümmelten Natur mit künstlichen 
Hypothesen die geraubten Kräfte zu ersetzen. 

Es kann selbstverständlich der Naturwissen- 
schaft nicht verwehrt werden, wenn, um bestimmten 
Aufgaben leichter gewachsen zu sein, sie in immer 
höherem Maße zu bloßen Formeln greift. Nur darf 
sie diese nicht geheimnisvoll in die Sinnenwelt ein- 
schmuggeln und dann klagen, daß wir nicht wissen, 
was Energie oder gar Kraft eigentlich ist. 

So wird auch der formelhafte naturwissen- 
schaftliche Begriff der Materie als ein dunkles Etwas 
an den Dingen behauptet, und dann ist es nicht 
weit zur Resignation, daß uns der Blick ins »Innere 
der Natur« versagt sei. W^as die Materie an den 
realen Dingen ist, wissen wir durch unser Getast. 
Da die mit diesem wahrgenommene, Widerstand 
leistende Undurchdringlichkeit der Dinge aus Wahr- 



25 — 



nehmungen von Kräften besteht, ist die dynamische 
Theorie der Materie*) durchaus naturbeschreibend, 
und es ist bezeichnend, daß Kant, obschon er über 
das »dari non intelligi« bezüglich der Kräfte nicht 
mit sich im reinen war, doch forderte, daß das »sog. 
Solide, oder die absolute Undurchdringlichkeit als 
ein leerer Begriff aus der Naturwissenschaft ver- 
wiesen und an ihrer Statt zurücktreibende Kraft 
gesetzt werde.«**) 

Daß wir durch das Getast die Materie wahr- 
nehmen, wie den Ton durch das Gehör, ist natürlich 
nicht ganz richtig. Die Materie ist keine einzelne 
anschauliche Bestimmung der Dinge, sondern als 
der undurchdringliche, raumerfüllende, stets mit den 
Dingen gesetzte Kern ein unerschöpflich anschauungs- 
reicher Teil der dinglichen Regeln notwendiger An- 
schauungsverknüpfungen, der zwar veränderlich ist 
— durch Teilung oder Verbindung der Massen — 
aber als die unumgängliche Bedingung der wechseln- 
den Eigenschaften nie ganz fehlen kann, daher man 
denn die Materie das Substrat nennt, dem die 
wechselnden Eigenschaften inhärieren, oder in nicht 
vöUig einwandfreier Ausdrucksweise auch mit dem 
Dinge selbst identifiziert.***) 

Neben jene Aeußerung der kategorialen Syn- 
thesis durch die Beziehung der einzelnen An- 
schauung auf ein Ding als seine Bestimmung und 
eines beharrlichen Kernes in der Anschauungs- 
verknüpfung als seine Materie, tritt die Beziehung 
von mehr oder minder dauernden Gleichförmig- 

*) cf. E. V. Hartmann, „Die Weltanschauung der modernen 
Physik", S. 204 ff. 

**) Kant, „Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissen- 
schaft", S. 239. (Kirchmann.) 

***) cf. Kritik d. r. V., A. 182. »Alle Erscheinungen enthalten 
das Beharrliche (Substanz) als den Gegenstand selbst und das 
Wandelbare als dessen bloße Bestimmung." 



- 26 - 

keiten der Anschauung als Beschaffenheiten, Eigen- 
schaften und Zustände. 

Die je einen bestimmten Teil des Raumes er- 
füllenden Dinge, die in einem stets wechselvollen 
Spiele der anziehenden und stoßenden Kräfte im 
unermeßlichen Räume treiben, bilden ein System 
mit durchgängiger Wechselwirkung, in dem unter 
Annahme streng mechanischer Ordnung alles Ge- 
schehen bedingt ist durch molare und molekulare 
Gruppierung und Bewegung. 

Die Fülle des Anschaulichen, mit der Natur 
unseren Sinnen sich mitteilt, wird weder der be- 
grifflich konsequente, noch der sinnenfrohe Mensch 
denken in einem Naturbegriff, der den größten Teil 
der anschaulichen Sinneserfahrung in den Menschen 
»introjiziert«. 

Angesichts der eigenartigen nicht auf die 
Naturbeschreibung, sondern auf die Naturverein- 
fachung gehenden Methode der Naturwissenschaft 
bleibt die Frage offen, ob ihren Äther-, Atom-, 
Molekülbegriffen usw. Seinsbedeutung zukommt. 
Urteilt man den in Frage stehenden materiellen 
Strukturelementen Sein zu, so denkt man sie eben 
als real, die Frage, ob solche Existenzialsätze gültig 
sind, wird durch die experimentelle Forschung zur 
Entscheidung gebracht. Sie sind real, wenn sie 
unter geeigneten Bedingungen wahrnehmbar wären. 
Infinitesimale diskrete Massenteilchen sind 
keinesfalls mehr als Einheitsbegriffe des Denkens. 
In früheren Zeiten, wo der Naturforscher noch 
das Universum dachte als einen Kosmos, in dessen 
Struktur einzudringen Genuß sei, wären die vielen Be- 
lege, durch die sich nun in unseren Tagen die Annahme 
von Strukturelementen gerechtfertigt hat, gepriesen 
worden, wie eine Naturentdeckung; in der Gegen- 
wart ist es Gewohnheit, von ihnen nur als von Be- 



> i 



_ 27 — 

griffen zu sprechen, obschon durch sie unsere 
Kenntnisse immer sinnvoller sich zusammenrunden 
zu einem Verständnis des kosmischen Ganzen. 

Wenn die Atome mehr sind als ein bloß ge- 
dachtes, als »ein mathematisches Modell zur Dar- 
stellung der Tatsachen« (Mach), so widerlegen sie 
keineswegs die anschauliche Welt der Sinne. Als 
reales sind sie nicht das eigentlich Reale und 
unsere Sinnenwelt nur Schein, sondern selbst ein 
Stück Sinnenwelt in bestimmter Perspektive. 

Gibt es doch überhaupt keine eigentlichen 
Beschaffenheiten der Dinge. Daß diese je nach der 
Perspektive auf verschiedenartigste Weise wahr- 
genommen werden, ja daß ein für unser Getast 
fester Körper unter anderen Bedingungen als ein 
molekularer Mückenschwarm erscheint, kann seine 
Realität nicht beeinträchtigen. 

Relativ ist naturgemäß jede einzelne An- 
schauung, die die unerschöpflichen Anschauungs- 
möglichkeiten eines Dinges repräsentiert, und als 
relativ müssen wir ebenso die menschliche Sinnen- 
erfahrung in ihrer Gesamtheit denken. 



Die Naturgesetze. 

Die Erfahrung lehrt mehr oder minder aus- 
geprägte Gleichförmigkeiten des Naturgeschehens 
unter gleichen Bedingungen. Die naturgesetzliche 
Notwendigkeit ist zu der Faktizität der andauernden 
Sukzessionsordnung bestimmter Ereignisse hinzu- 
gedacht, wie die dingliche Notwendigkeit zu der 
Erfahrung beharrender anschaulicher Komplexe. 
Naturgesetze sind durch die Kategorie der Real- 
dependenz bestimmte Regeln der Anschauungs- 
verknüpfung; sie existieren, wenn der in ihnen 
behaupteten Anschauungsverknüpfung, ihrer Geltung 
für das Geschehen, Notwendigkeit zukommt, wofür 
das Kriterium ihre andauernde Bestätigung in der 
Erfahrung ist. Würde es dem Sprachgebrauche 
nicht widerstreben, so könnte man von der Wahr- 
nehmbarkeit der Naturgesetze folgerichtig sprechen, 
wie von der Wahrnehmbarkeit der Dinge.*) 

Die in den Naturgesetzen gedachte Notwendig- 
keit, die bestimmte Erscheinungen mit anderen ver- 
knüpft, läßt sich nicht anschaulich vorstellen, weil 
sie nicht aus der Erfahrung stammt. 

Doch ist das Gelten«**) der Naturgesetze nicht 
dunkler wie die Notwendigkeit der übrigen gegen- 
ständlichen Regeln der Anschauung, welche alle 



*) Jedenfalls sind die Naturgesetze keine dsi?^ wie die 
platonischen Ideen. 

**) cf. Lotze, Logik §§ 318 bis 321. 



— 29 — 



die Faktizität steter Gleichförmigkeiten durch die 
Behauptung ihrer Notwendigkeit für alle möglichen 
Erfahrungen begründen. 

Bei bestimmten gleichen Bedingungen ein- 
tretende gleiche Veränderungen realer Dinge, die 
ausschließlich den Gattungscharakter teilen, werden 
zu einer naturgesetzlichen Notwendigkeit inter- 
pretiert, die für alle Exemplare der Gattung gilt. 
Würde jedes individuelle Ding nur individuelle 
Gleichförmigkeiten des Geschehens zeigen, so dürfte 
neben die im Dingbegriffe gedachte Notwendigkeit 
nicht noch die der Naturgesetze treten. 

Doch da die Naturgesetze generelle Regeln 
der Anschauungsverknüpfung sind, u. zw. Regeln, 
die nicht in den seienden individuellen Dingen 
bereits gesetzt sind, sondern jederzeit und überall 
bestimmte Erscheinungen als Bedingungen mit 
anderen als ihren Folgen verknüpfen, sind Dinge 
und Naturgesetze als zu sondernde Seinsarten an- 
zuerkennen. Ihre spezifische Differenz findet den 
Ausdruck in der Verschiedenheit der Kategorie 
der Inhärenz und der Realdependenz. 

Nun dient jedoch der generelle Charakter der 
Naturgesetze als Beweisgrund gegen ihre Existenz, 
u. zw. in zweifachem Sinne. 

Entweder werden sie nominalistisch dargestellt 
als bloße Allgemeinbegriffe, indem ihrer generellen 
eine bloß universelle Bedeutung unterschoben wird. 
Der Beweisgang spielt sich dann auf Grund der 
Substitution rasch ab, da das üniversalienproblem 
längst gelöst ist, und nachdem lange der Begriff 
zum Sein gemacht war, wird das Spiel vergolten 
durch Deklassierung von Seiendem zum Begriffe. 

Aber die Naturgesetze sind ihrer Bedeutung 
nach keine bloßen Allgemeinbegriffe. Logisch stehen 



30 — 



sie — bei aller inhaltlichen Disparatheit — hierin 
den Normen näher. 

Der Gesetzgeber, der beispielsweise Mord mit 
Todesstrafe geahndet wissen will, hat damit wohl 
ein allgemeines Gesetz für besondere Fälle aufgestellt, 
aber kein aus besonderen Fällen verallgemeinertes. 

Wenn der Naturforscher die Gesetzmäßigkeit 
der Erscheinungen beobachtet, verallgemeinert er, 
dies ist der Weg der psychologischen Kenntnis- 
nahme ;*) ebenso könnte auch ein eifriger Tribünen- 
besucher sich mit der Zeit das Strafgesetzbuch er- 
klügeln. 

Wer die Naturgesetze zu bloßen Allgemein- 
begriffenmacht, raubt der Induktion ihre Begründung, 
die einzig in dem Postulat der Naturgesetzlichkeit 
besteht,**) und reißt die Natur aus ihren Angeln, in 
welchen sie ihren Halt findet durch die »Annahme 
des Geistes, daß ein konstant Wirkliches ein Not- 
wendiges sei«, welche supponierte Notwendigkeit 
in allen ontologischen Gegenstandsbegriffen die- 
selbe ist. 

Der nominalistischen Beweisführung ^egen die 
Existenz der Naturgesetze steht der neuerdings von 
Ricker t erhobene Einwand nahe.***) 

Der nervus probandi liegt hier in der These, 
daß das individuelle Gegebene nicht unter all- 
gemeinen konstitutiven Verknüpfungen stehen kann, 
und Rick er t glaubt deshalb den Begriff einer nur 
individuellen Kausalität kreieren zu "müssen. Aber 
der nervus probandi ist eine petitio principii, wenn 
er die Beziehung des Besonderen zum Allgemeinen 

♦) cf. S ig wart, Logik U, S. 419. 
**) Dass. S. 434 ff. 

***) cf. Rickert, „Gegenstand der Erkenntnis", S. 211 
bis 217. 



— 31 - 

Überhaupt nur als logische gelten läßt*)**), und er 
ist nicht stichhaltig, wenn er die Tatsache, daß die 
individuellen Erscheinungen in individueller Kausal- 
verknüpfung mit ihren Bedingungen stehen, dahin 
deutet, daß existierende generelle Naturgesetze dann 
»offenbarer Widersinn« seien. 

Gewiß ist die kausalnotwendige »Aufeinander- 
folge zweier Ereignisse nicht schon eine gesetz- 
mäßige Aufeinanderfolge«, sondern eine nur in- 
dividuelle, aber notwendige Verknüpfung ist sie 
einzig dadurch, daß sie der besondere Fall eines 
generellen Naturgesetzes ist. Auch bei Anerkennung 
der Realdependenz als konstitutiver Kategorie, und 
nur dann, besteht zwischen den individuellen Er- 
eignissen eine individuelle Verknüpfung, aber alle 
individuellen Verknüpfungen sind notwendige, weil 
sie die besonderen Fälle genereller Naturgesetze 
sind, und die in einem Naturgesetze behauptete 
Notwendigkeit als einer Regel der Anschauungs- 
verknüpfung besteht in nichts anderem als in der 
für alle ihre besonderen Fälle bestehenden Not- 
wendigkeit der individuellen Verknüpfung der Be- 
dingungen mit ihren Folgen. 

Ohne die Anerkennung existierender Natur- 
gesetze fällt aller Sinn aus dem Kausalprinzip 
heraus;***) die bloße Aufeinanderfolge zweier Ereig- 
nisse als notwendig anzusprechen — wenn überhaupt 



*) cf. Dass. S. 215. 

**) Die Erkenntnistheorie kann vielmehr nur durch die Real- 
dependenz des Besonderen vom Allgemeinen die Berechtigung 
und die Möglichkeit der logischen Dependenz, ja aller Begriifs- 
bildung, insoweit es auf synthetische Urteile abgesehen wird, be- 
greifen. 

***) cf. H e 1 m h o 1 1 z, „üeber die Erhaltung der Kraft", Zu- 
sätze a. d. J. 1881 : „Ich habe mir erst später klargemacht, daß das 
Prinzip der Kausalität in der Tat nichts anderes ist als die 
Voraussetzung der Gesetzlichkeit aller Naturerscheinungen." 



— 32 - 



— 33 — 



damit etwas gesagt ist, so nur auf Umwegen, die 
entbehrlich sind, weil die individuelle Verknüpfung 
durch die Naturgesetze nicht nur nicht beeinträchtigt, 
sondern im Gegenteil begründet wird. 

Bei Anerkennung der Realdependenz als onto- 
logischer Kategorie hat die Betrachtung individueller 
Kausalverknüpfungen ihren guten Sinn, nur wird 
man, um ein individuelles in seiner Integrität als 
die Ursache eines andern bezeichnen zu können, 
nichts geringeres als eine ganze Weltkonstellation 
eines Augenblickes der des nächsten gegenüber- 
stellen müssen, da jedes einzelne Naturereignis nie- 
mals als die vollwertige Ursache eines anderen an- 
gesehen werden kann, sondern dieses in noch 
unzähligen anderen individuellen Verknüpfungen 
steht, und daher bleibt die einzelne Betrachtung 
nach Ursache und Wirkung stets eine höchst 
ungenaue Anwendung des Kausalprinzips. 

Die Naturgesetze sind nicht selbst Ursachen 
ihrer besonderen Fälle, sowenig wie das Ding Ur- 
sache seiner Bestimmungen*) und der Raum seiner 
Teile; die Notwendigkeit, die in den gegenständ- 
lichen Kategorien als Regeln der Anschauungsver- 
knüpfungen gedacht wird, ist sui generis und nicht 
zu identifizieren mit der aus einer von ihnen 
abgeleiteten Notwendigkeit: der ätiologischen 
Verknüpfung. 

Zwischen Naturgesetzlichkeit, kausalem Ver- 
hältnis und Wirken der Kräfte ist genau zu unter- 
scheiden. Ganz ungeheuerlich ist die Darstellung 
der naturgesetzlichen Notwendigkeit als eine dyna- 



: ■/. 



*v. 



*) Schopenhauer sah dies in „der vierfachen Wurzel" 
bezüglich der Naturgesetze ein, brachte aber eine große Ver- 
wirrung hervor durch die Behauptung, daß der menschliche Ver- 
stand in den Dingen die Ursachen ihrer Bestimmungen zu 
denken veranlagt sei. 



I»!l!l 



•■jll|;iji 
1 ■"' 



• i!| 



mische. Die Kräfte sind ein Bestandteil des An- 
schaulichen und, da sie zu den bewirkten Körper- 
bewegungen in jenem gesetzmäßigen Verhältnis 
stehen, das die Mechanik lehrt, ein Teilgebiet der 
kausalen Verknüpfungen. Zumeist wird die Natur- 
gesetzlichkeit viel zu isoliert abgehandelt als ein 
über den Dingen thronendes Geheimnis, während die 
Naturgesetze wie die Dinge aus der Erfahrung 
kategorial konstruiert werden und logisch Real- 
dependenz und Inhärenz sich durchaus gegenseitig 
tragen. Die Kategorie der Inhärenz stellt eine Regel 
der Anschauungsverknüpfung dar, deren Bedeutung 
nicht darin besteht, ein gänzlich beliebiges Vielerlei 
von Anschauungen zusammenzufassen ; die in ihr 
behauptete Zusammengehörigkeit von Anschauungen 
empfängt ihren begriffhch formulierbaren Sinn erst 
unter dem Gesichtspunkt der Naturgesetzlichkeit. 
Ein Ding ist die Regel derjenigen anschaulichen 
Bestimmungen, die bedingt sind durch die Struktur 
seines materiellen Kernes und dessen Verhältnis zu 
den übrigen Dingen; und die Dinge sind allgemein 
wahrnehmbar, insoweit die Erfahrung gesetzmäßig 
bestimmt ist. 

Es ist angesichts der durchgängigen Wechsel- 
wirkung klar, daß jedes Wahrnehmen bestimmter 
Dinge fließend ist, da alle Anschauungen abhängig 
sind von den Bestimmungen aller Dinge ; daher gilt 
das Wort des Nikolaus von Cues omnia ubique 
auch für jede einzelne Sinnes Wahrnehmung, weil in 
jeder das ganze Universum wahrgenommen wird. 

Damit ist der Sinn, Anschauungen eher auf 
dieses als auf jenes Ding zu beziehen, nicht auf- 
gehoben, da die Anschauungen auf sehr verschiedene 
Weise, gemäß ihrer kausalen Abhängigkeit, die 
verschiedenen Dinge charakterisieren. So nehmen 
wir am Telephon die Stimme des Anrufenden wahr, 

Pichler, Arten des Seins. 3 



— 34 - 

im Spiegel unser Antlitz, am Himmel vor Jahr- 
tausenden erloschene Fixsterne, so werden alle 
Argumentationen hinfälHg, daß nicht die Zustände 
der Dinge, sondern nur die der Sinnesorgane wahr- 
genommen werden, da doch die Beziehung der An- 
schauungen auf die Außendinge die Beziehung auf 
die Sinnesorgane nicht ausschließt. 

So grundlegend die Anerkennung existierender 
Naturgesetze in unserem Weltbegriffe und bestim- 
mend im menschlichen Leben ist, so bleibt dennoch 
ihre Kenntnis stets nur hypothetisch und skizzen- 
haft. Hypothetisch ist das Sein eines jeden Gegen- 
standes, der aus einzelnen Anschauungen konstruiert 
wird, aber die Induktion der Naturgesetze ist der 
schwierigste und dem Irren preisgegebenste Teil 
des menschlichen Forschens nach dem Seienden. 
Doch wird unser Wissen von den Naturgesetzen 
um so sicherer, je einheitlicher es ausgebaut wird. 

Bekanntlich hat Kant in der Kritik d. r. V. 
die Deduzierbarkeit der empirischen Naturgesetze 
in Abrede gestellt. Der Entwicklungsgang der Natur- 
wissenschaft macht es aber wahrscheinlich, daß 
immer mehr die Darstellung der Naturgesetze sich 
die Methode der Geometrie aneignen werde. So ist 
die Mechanik bereits eine deduktive Wissenschaft 
geworden ; aus einem, resp. mehreren zugrunde ge- 
legten Prinzipien und dem Begriff von Materie, 
Raum und Zeit beweist sie ihre Gesetze; aus der 
Mechanik sind bereits die Gesetze der kinetischen 
Gastheorie abgeleitet.*) Daß die gesetzmäßige Ver- 
knüpfung der optischen, akustischen, thermischen etc. 
Qualitäten mit molekularen Bewegungen nicht aus 



*) Wenn die Sätze der kinetischen Gastheorie nur den 
„Charakter statistischer Wahrheiten haben" (cf. Boltzmann 
„Entgegnung", Annalen d. Physik, Bd. LVII), so sind sie natürlich 
keine Naturgesetze. 



1 



— 35 — 

einem rein mechanischen System der Naturgesetze 
abgeleitet werden kann, ist offenbar. Wie die 
Mechanik Raum und Zeit und Masse, so muß sie 
auch diese Qualitäten voraussetzen. 

Ein deduktives System der Naturgesetze hätte 
zwar eine eminent wissenschaftliche Bedeutung, aber 
nur eine geringe ontologische, denn durch ein 
solches würde das Verhältnis der Naturgesetze zur 
Anschauung nicht verändert. Ein selbständiges Sein 
kommt den deduzierbaren Naturgesetzen nicht zu. 

Alle Gleichförmigkeiten des Geschehens ohne 
strenge Gesetzmäßigkeit begreifen wir als erfolgend 
aus der Konstanz bestimmter Bedingungen. 

Indes die Gleichförmigkeiten in der realen 
Welt aber als durchgehends auf Naturgesetze zurück- 
führbar angesehen werden, ist die Gesetzlichkeit 
des Psychischen noch in hohem Maße problematisch. 
Der Vorschlag mittels Gehirnphysiologie das psy- 
chische Geschehen auf das mechanische umzurechnen, 
ist einstweilen nur eine Phantasie. Die sog. Asso- 
ziationsgesetze wollen eine dem mechanischen Ge- 
schehen analoge Attraktionsformel bieten, stellen aber 
nur eine vage Formulierung ohne Notwendigkeit dar. 

W^ohl denken wir auch das seelische Leben als 
einen Kosmos, das psychisch Seiende zeigt in 
seinen Verflechtungen, dem Zu- und Abnehmen, 
den charakterologischen Bestimmtheiten Ordnung 
und Gleichförmigkeiten, deren Begründung in Ge- 
setzen wir voraussetzen, aber nicht in bestimmten 
Regeln der Anschauungsverknüpfung aussprechen 
können. 

Dies ist auch für die neuerdings so urgierten 
historischen Gesetze eigentümlich; der Soziologe 
kann keine Gesetze suchen, solange er keine Gleich- 
förmigkeiten findet, die anders als statistische Regel- 
mäßigkeiten sind. 



— 37 — 



Raum und Zeit. 

Daß Raum und Zeit anschaulich wahrgenommen 
werden, hat Kant in seiner Inaugural-Dissertation 
vom Jahre 1770 begründet. 

Die kategoriale VergegenständHchung der 
räumh'chen und zeitlichen Anschauungen wollte Kant 
nicht als berechtigt anerkennen. Das ist um so 
befremdlicher, als er sich ihrer doch nicht entschlagen 
konnte — denn ohne Zweifel ist der Raum und 
die Zeit keine einzelne Anschauung und keine 
Summe von Anschauungen*) — und als er anderer- 
seits den raumzeitlichen Gegenstandsbegriff, die 
Kategorie der Allheit, in der Kategorientafel selbst 
anführte und mehrfach exponierte. 

Raum und Zeit existieren. Sie haben eine not- 
wendige Beziehung auf allgemeine Erfahrung. Trotz 
der anschaulichen Verschiedenheit eignet ihnen 
beiden dieselbe Art des Seins, weil ihnen als Regeln 
notwendiger Anschauungsverknüpfungen dieselbe 
kategoriale Synthese zugrunde liegt, die Beziehung 
der Raum- und Zeitanschauungen auf ein Ganzes^ 
das sie als seine Teile möglich macht. 

*) Die klare GegenübersteUunjr der Zeitanschauung und der 
Zeit als Gegenstand hätte vielem Kopfschütteln über die trans- 
zendentale Aesthetik vorgebeugt. Der bekannte Einwand, daß der 
Wechsel der Vorstellungen die Existenz der Zeit involviere, kommt 
so zu seinem Rechte, wie die kanUsche Lehre, daß die Zeit Er- 
scheinung ist, d. h. anschaulich wahrgenommen wird; die Zeit 
wird in der Zeit wahrgenommen, wie der Raum im Räume. 



Alle Raum- und Zeitteile, die wahrgenommen 
werden, sind extensive Größen,*) der Raum selbst 
aber und die Zeit sind keine extensive Größen, 
auch keine Kollektiva extensiver Größen, sondern 
sie sind die Einheiten, die ihre Teile bedingen wie 
das Ding seine Bestimmungen, das Naturgesetz 
seine besonderen Fälle. 

Die Wahrnehmungen von Raum und Zeit sind 
formal gegenüber dem >Materialen« der Sinnes- 
empfindungen; insoweit können sie als reine An- 
schauungen bezeichnet werden, a priorisch ist an 
Raum und Zeit nur die kategoriale Intellektuierung, 
die über die wirkliche Erfahrung auf alle mögliche 
Erfahrung hinausgeht. Kant hat in der Apriorität 
der Zeit- und Raumanschauung (!) eine Beweiskraft 
für die Gewißheit der Arithmetik (!) und der Geo- 
metrie gefunden, deren sie nicht fähig ist, und nur 
die Vieldeutigkeit seiner diesbezüglichen Argumen- 
tationen, die dann und wann an Psychologismus 
streifen, kann darüber hinwegtäuschen. 

Die Kantsche Argumentation für die Apriorität 
der Lehrsätze der euklidischen Geometrie ist unhalt- 
bar, wenn diese nicht schlechthin demonstrativ sondern 
die Wissenschaft vom existierenden Raum sein will, 
also auf synthetische Urteile ausgeht. Ob der alleine 
Raum wirklich homaloid ist, d. h. ob die Erfahrung 
andauernd und durchgängig seine Dreidimensio""- 
nalität, die wir auf Grund unserer Raumerfahrungen 
axiomatisch behaupten, bestätigen wird, wissen wir 
nicht. Ob die übrigen Axiome für alle mögliche 
Erfahrung gelten, wissen wir nicht. 

Der Schluß von der wirklichen Erfahrung, 
deren For mulierung die euklidischen Axiome sein 

*) Kritik d. r. V., B., S. 203. „Eine extensive Größe nenne 
ich diejenige, in welcher die Vorstellung der Teile die Vor- 
stellung des Ganzen möglich macht." 



! 



- 38 - 

wollen, auf alle mögliche Erfahrung bleibt immer 
wie bei allen Arten des Seins ein Postulat. 

Daß wir uns einen mehr als drei- 
dimensionalen Raum anschaulieh über- 
haupt nicht vorstellen können, ist kein 
Beweisgrund für die Unmöglichkeit anderer 
Erfahrung, die Einbildungskraft ist über- 
haupt nicht fähig zu Interpolationen der 
Anschauung und nur reproduktiv. 

Doch ist die Bezeichnung der euklidischen Geo- 
metrie als eine Naturwissenschaft (Clifford) nur zu 
begrüßen, und man kann die Metageometrie die 
Wissenschaft von den nicht existierenden Räumen 
nennen, wenn damit nicht unbedingt der Möglich- 
keit vorgegriffen werden soll, daß einer ihrer 
Raumbegriffe noch als Erkenntnis des existierenden 
Raumes zu Ansehen kommen könnte. 

Wenn die euklidische Geometrie die Wissen- 
schaft vom existierenden Räume ist, so kommt 
ihren Begriffen und Lehrsätzen doch keine Seins- 
bedeutung zu. Geometrische Figuren, weil sie im 
euklidischen Räume konstruierbar sind, als existie- 
rend zu bezeichnen,*) ist terminologisch unan- 
gemessen. Die Gebilde, von denen die Geometrie 
handelt, sind Gattungsbegriffe, die in der An- 
schauung niemals exakt darstellbar sind, ihr 
wissenschaftlicher Wert beruht darin, daß sie die 
Typen sind, denen sich charakteristische Gestal- 
tungen des Raumes annähern, und als wirkliche 
Gebilde sind sie kein selbständig Seiendes, sondern 
anschauliche Bestimmungen im Räume, analog dem 
Verhältnis der Eigenschaften zu den Dingen. 



*) cf. Zindler, „Beiträge zur Theorie der mathematischen 
Erkenntnis", S. 33 ff. Sitzgsber. d. Wien. Ak. 1889. 



39 



Die von der Geometrie vorausgesetzten und 
die deduzierten Gesetzmäßigkeiten des Raumes 
sind nicht als Naturgesetze abgetrennt vom Räume zu 
denken, entsprechend der Scheidung der Naturgesetze 
als besondere Seinsart von den Dingen. Die homogene 
Natur des Raumes, d. h. der Raum als bestimmte 
Regel der Anschauungsverknüpfung bedingt bereits 
überall und immer die Gesetzmäßigkeiten, die der 
Geometer aus allgemeinsten axiomatischen Merk- 
malen folgern kann. 

Die räumlichen Gleichförmigkeiten, die wir er- 
fahren und auf die wir im kleinen bei unseren Aus- 
messungen wie bei unseren geodätischen und astro- 
nomischen Berechnungen vertrauen, sind realiter 
nicht dadurch bedingt, daß der Geometer sie aus 
Axiomen beweist, sondern einzig durch die homogene 
Natur des Raumes. 

Schopenhauers »Seinsgrund«,*) obschon un- 
genügend durchgeführt, weist darauf hin, daß die 
Gesetzmäßigkeit der räumlichen Bestimmungen 
weder durch das principium rationis sufficientis 
cognoscendi noch fiendi begründet wird ; nur indem 
der Raum anerkannt wird als Seinsgrund, werden 
sie erklärt. 

In demselben Sinne wie der Raum sind Seins- 
grund aber auch die anderen Arten des Seins. 
Dieser Begriff liegt bereits in der aristotelischen 
oOcjLa, die der Grund ihrer Bestimmungen ist. 

Die Definition des Seins als Regel notwendiger 
Anschauungsverknüpfung ist rein logisch, die Defini- 
tion des Seins als Seinsgrund ist metaphysisch und 
in gewissem Sinne psychologisch, die im Sein gedachte 
Notwendigkeit wird hier angesprochen alsErklärungs- 



*) cf. Schopenhauer, Der Satz vom zureich. Grunde § 15, § 35 ff. 



— 40 — 

grund, aus dem die Faktizität der konstanten Anschau- 
ungsverknüpfungen begreiflich wird. Ohne die Not- 
wendigkeit wäre die Faktizität nicht verständHch, 
ohne diese Funktion der Notwendigkeit würden 
wir sie zu der Faktizität nicht hinzudenken. 

Der in der modernen Erkenntnistheorie immer 
stärker sich erhebende Gegensatz zwischen Plato- 
nismus und Fositivismus nimmt hier den Ausgang. 
Der Positivismus verzichtet auf das Verstehen, 
daher braucht er keine Erklärungsgründe und die 
Notwendigkeit bedeutet ihm nichts, der Piatonismus 
sieht im Sein die a^iiV) und formuliert sie in der 
Notwendigkeit, ihm gilt es, den Weltlauf zu 
verstehen und ihn nicht bloß zu be- 
rechnen.**) 

Wen das Bedürfnis, die Diskontinuität des 
Gegebenen zu verstehen, das sich immer wieder 
sinnvoll anknüpft, und die Regelmäßigkeit der Er- 
fahrung, auf die wir zuversichtlich bauen, nicht zur 
Anerkennung notwendiger Regeln der Anschau- 
ungsverknüpfungen führt, dem kann sie durch Be- 
griffe nicht nahegebracht werden. 

Die allgemeinsten Merkmale, für die der Raum 
Seinsgrund ist, legt die Geometrie axiomatisch zu 
Grunde und nützt sie als Erkenntnisgründe für jene 
Fülle von Erkenntnissen, die ihr Gebiet ausmachen. 

Dieses eigenartige Verhältnis von Seinsgrund 
und Erkenntnisgrund in der Geometrie empfahl 
diese Wissenschaft schon früh zum Vorbild, und 
nicht als Irrlicht hat die geometrische Methode seit 
Piaton dem abendländischen Erkenntnisstreben vor- 
geleuchtet, sie ist das Ideal, dem gerade die moderne 

*) cf. Windel band, Geschichte der Philosophie, S. 336, 
„Die Lehren vom Zufall", S. 18. 

**) Mit diesen Worten schließt Lotzes Logik. 



t 



- 41 — 

Naturwissenschaft sich merklich angenähert hat.*) 
Ihr Weg und Ziel ist die begriffliche Bearbeitung 
des Seienden »more geometrico*, um Erkenntnis- 
gründe zu erallgemeinern, durch die alles, was in 
der Anschauung ontologisch bedingt und erfahrbar 
ist, logisch bedingt und begrifflich antizipierbar wird. 

Daß nichts in seiner anschaulichen Individualität 
begrifflich abgeleitet werden kann, ist kein Einwand, 
auch der Geometer kann niemals die anschau- 
liche Individualität der Gestaltqualitäten 
berechnen. 

Der Gedanke, die Farben und Töne z. B. als 
mehrdimensionale Continua darzustellen und mole- 
kularen Vorgängen zuzuordnen, so daß eine gewisse 
apriorische Farben- und Tonwissenschaft ermöglicht 
würde, erscheint nicht undurchführbar. Damit würde, 
nur mit ungeheuer größerem Aufwand, das erreicht, 
was die Konstruktion des Geometers leistet. 

Will man analog dem Verhältnis der Geometrie 
zum Räume auch der Zeit eine eigentümliche Wissen- 
schaft zuordnen, so kann es weder die Arithmetik 
noch die Fluxionsrechnung im besonderen sein, 
denn das Zählen steht zur Zeit in keiner engeren 
Beziehung wie zum Raum. Daß Zählen selbst ein 
zeitlicher Vorgang ist, sichert ihm angesichts der 
Zeitlichkeit auch der andern Funktionen des Denkens 
keine Sonderstellung. 

»Die Zeit ist der allgemeine Ausdruck der- 
jenigen Gesetzlichkeit, deren Problem die Bewegung 



*) cf. Mach, „Analyse der Empfindungen", S. 73 ff. Wenn 
Mach die kausale Abhängigkeit als nicht wesensverschieden von 
der Abhängigkeit der Seiten und Winkel im Dreieck erklärt, so 
ist bei dieser Wiederaufnahme des spinozistischen Gedankens die 
Übereinstimmung der kausalen und der geometrisch funktionalen 
Abhängigkeit nur logisch und nicht ontologisch gemeint, aber 
doch eingesehen. 



— 42 - 

ist,«*) »also erklärt unser Zeitbegriff die Möglichkeit 
so vieler synthetischer Erkenntnis a priori, als die 
allgemeine Bewegungslehre, die nicht wenig fruchtbar 
ist, darlegt«.**) 

Nicht das Anderssein oder das Anderswosein 
macht den Unterschied von jetzt und vorher aus, 
sondern das vermittels des primären Gedächtnisses***) 
erlebte Spätersein eines Andersseins oder Anderswo- 
seins d. i. der Begriff der Veränderung. 

Auch wenn keine Veränderung wahrgenommen 
wird, existiert die Zeit, wenn sie nur eine not- 
wendige Beziehung auf mögliche Wahrnehmung 
hat. >Eine leere Zeit ist ein widerspruchsvoller Be- 
griff, da sie besagen würde: die Dauer einer Ver- 
änderung, die keine Veränderung ist, und mit keiner 
gleichzeitigen Veränderung zusammentrifft, an der sie 
als Pause von zeitlicher Extension bestimmt werden 
könnte. Die Zeit des Weltprozesses kann also 
auch nicht von einer leeren Zeit begrenzt werden 
. . wenn der Weltprozeß noch länger fortginge, 
würde auch die Zeit an ihm noch länger fort- 
dauern; wenn aber der Weltprozeß aufhört, ist 
mit diesem Ende des Weltprozesses auch der Fluß 
der Zeit begrenzt und abgeschnitten, ohne daß die 
Zeit noch sonst anderer Begrenzung bedürfte. Das 
gleiche gilt für den Anfang des Weltprozesses.« f) 

Die Frage nach der Unendlichkeit von Raum 
und Zeit hat über ihre sachliche Bedeutung hinaus 
beschäftigt. Daß eine seiende Unendlichkeit eine 
vollendete Unendlichkeit und somit widerspruchs- 
voll sei, ist ein eigenartiges Vorurteil. 

*) Cohen, „Prinzip, d. Inf.-Methode", S. 42. 
**) Kritik d. r. V. B., S. 48. 
***) cf. Jodl, „Psychol." III, § 21, desgl. Mach „A. d. E.^ 
S. 190 bis 203. Die Zeitempfindung. 

t) E. V. Hart mann, Kategorienlehre, S. 104. 






- 43 — 

Wenn Zeit und Raum als unendlich groß exi- 
stieren, so bedeutet dies eben, daß sie nie und 
nirgends vollendet sind, sondern daß unendlich 
viele Erfahrungen von stets neuem Nebeneinander 
und Nacheinander möglich sind. Nun ist zwar »das 
Axiom von der unbegrenzten Wiederholbarkeit ge- 
wisser Denkoperationen ein wesentlich unerklär- 
barer Bestandteil unserer Denkgesetze«,*) aber damit 
ist nur bedingt, daß wir überzeugt sind, in der 
Phantasie niemals Schranken des Raumes und der 
Zeit innehalten zu müssen, sollten auch tatsächlich 
Grenzen des Nacheinander und des Nebeneinander 
bestehen. 

Wenn nach Aristoteles über die Unendlichkeit 
ebenso schwer ist, zu sagen, daß sie existiert, als 
daß sie nicht existiert, so ist der Grund der, daß 
wir nichts darüber wissen. 

Kommt dem euklidischen Raumbegriff Seins- 
bedeutung zu, so ist der Raum unendlich. 

Aus dem Gesetz von der Erhaltung der 
Energie wäre zu entnehmen, daß die Welt ein 
perpetuum mobile ist, dann würde die Unendlich- 
keit der Zeit gesichert sein. Aber auch bei der An- 
nahme der mechanischen Wärmelehre könnten die 
molekularen Schwingungen, auf die nach der 
physikalischen Lehre der Wärmetod alles Geschehen 
in der Welt reduzieren wird, zu einem Gleich- 
gewichtszustande führen, so daß dem Maximum an 
Entropie ein Nichts an kinetischer Energie gegen- 
übersteht — also der zeitliche Prozeß ein Ende findet. 

Das gäbe zu mißlichen ontologischen Bedenken 
Anlaß, weil alles Seiende nur existiert, insoweit es 
dem Jetzt angehört. 



*) Z i n d 1 e r, „Beiträge . . .", S. 72. 



— 44 — 

Die Beziehung des Seins auf das Jetzt, die 
Sonderung vom Gewesensein und Sein werden ist 
für das menschliche Denken so einschneidend, daß 
sie nicht unterdrückt werden kann. Der Begriff des 
Seins wird vom Begriff der Tatsächüchkeit ver- 
gewaltigt, wo die Teilung in Sein, Gewesensein 
und Seinwerden aufgegeben wird. »Die Einbeziehung 
des Vergangenen und Künftigen in den Bereich des 
Realen« fordert Meinong. >Man überwindet damit . . 
das unberechtigte Eindringen eines völlig sub- 
jektiven Momentes in unseren Existenzgedanken, 
das in dem Umstand hervortritt, daß jede Existenz 
als vergangen, gegenwärtig oder zukünftig deter- 
miniert sich darstellt.«*) 

Diese Gewaltsamkeit ist um so weniijer not- 
wendig, als die Ansicht, gegen die sie sich kehrt, 
daß von der Zeit selbst immer nur das Jetzt 
existiere,**) unbegründet ist. 

Zwar existiert alles Seiende, auch die Zeit, 
nur im Jetzt, das Jetzt selbst aber ist kein für 
sich Seiendes, sondern ein Teil der seienden Zeit- 
totalität. 



*) Meinonp:, „Über Gegenstände höherer Ordnung". 
Ztschr. f. Psychol. Bd. XXI., S. 2(>0. 

**) cf. Schumann, „Zur Psychologie der Zeit- 
anschauung". Ztschr. f. I\sychol. Kd. XVII, S. 127. „Da die Ver- 
gangenheit nicht mehr, die Zukunft noch nicht ist, so wäre die 
Zeit ein Wirkliches, das aus zwei Hälften besteht, die beide 
nicht wirklich sind." 



Das psychische Sein. 



Die Seinsgebilde Realität, Naturgesetze, Raum 
und Zeit, durch kategoriale Synthese aus dem 
Gegebenen vergegenständlicht, sind in der Erfahrung 
derartig gegründet, daß sie aller begrifflicher Be- 
weise spotten. 

Der Versuch als einziges Sein nur das Ge- 
gebene anzuerkennen, mag der Ausgangspunkt 
erkenntnis-theoretischer Kritik sein, wenn die Un- 
zulänglichkeit des Weltbegriffes konstruktive Geister 
zu neuem Aufbau drängt. Als definitive »Welt- 
anschauung« bleibt die Beschränkung auf das 
Phänomenale, die eigenartigste aller intellektuellen 
Per Versionen. 

Daß aber eine ganze Wissenschaft in der Mehr- 
zahl ihrer Vertreter einem Teil des Gegebenen die 
Vergegenständlichung zu einer besonderen Seinsart 
versagt, die doch an konstitutiver Bedeutung der 
Realität gleichwertig ist, und deren begriffhche 
Konstruktion in die fernsten Vergangenheiten des 
Denkens zurückweist, ist eine Seltsamkeit, die viel- 
leicht Mitursache ist an dem unverhältnismäßigen 
Zurückbleiben dieser Wissenschaft: der Psychologie. 

Dem Phänomenalismus in der Psychologie hat 
Kant den Grund gelegt, indem er in der Kritik 
d. r. V. für das Psychische keine gegenständliche 
Kategorie erübrigte (obschon er gerne von einem 
Gegenstand des inneren Sinnes spricht), und die 



— 46 — 

moderne Psychologie hat ihn extrem ausgebaut, 
insoweit sie in der Stelhmgnahme gegen das Un- 
bewußte eine über das pereipi hinausgehende Be- 
ziehung des Psychischen auf die Erfahrung leugnet. 

Kant hat über dem Interesse, die Paralogis- 
men der rationalen Seelenlehre aufzudecken, die 
empirische Psychologie in seiner transzendentalen 
Logik vernachlässigt. Und doch gilt es nicht lange 
zu suchen nach dem kategorialen Gegenstands- 
begriff des Psychischen — trotz allem Phäno- 
menalismus in der Psychologie hat das Denken den 
ontologischen Ichbegriff nie verleugnen können. 

Das Ich ist die konstitutive Kategorie, durch 
die Gegebenes zum psychischen Sein vergegen- 
ständlicht wird. In der notwendigen Beziehung auf 
die Erfahrung, also in der Wahrnehmbarkeit, nicht 
im Wahrgenommenwerden, besteht sein ontologischer 
Gattungscharakter, in der besonderen Art dieser 
im Ichbegriffe gedachten Beziehung auf das Be- 
wußtsein seine spezifische Differenz. 

Die vielgeübte Konstituierung des Psychischen, 
gemäß empirischer klassifikatorischer Aufzählung, 
etwa als Wollen, Fühlen und Vorstellen, ist onto- 
logisch ganz nichtssagend. 

Die A^on Münsterberg eingeführte Bestimmung 
des Psychischen als dasjenige, das nur von Einem 
wahrgenommen wird,*) gibt zwar ein charakteri- 
stisches Merkmal, ist aber ontologisch nicht ver- 
wendbar. 

Bewußtseinsinhalte, die wir psychisch nennen, 
werden kategorial als Akte (Äußerungen) eines 
Ich aufgefaßt. Das Ich ist eine Regel seiner Akte 
wie das Ding seiner Eigenschaften, das Natur- 
gesetz seiner besonderen Fälle, Raum und Zeit 
ihrer Teile. 



I 



I 



*) cf. M ü n s t e r b e r g, Grundzüge der Psychologie, I, S. 202. 



- 47 — 

Wenn die Kategorie der Ichheit mit der Kate- 
gorie der Inhärenz konfundiert wird, so muß es 
zum Schaden für die Psychologie ausschlagen. Die 
logische Exposition beider führt zu ganz ver- 
schiedenen Ergebnissen. Im Ichbegriffe als Regel der 
Anschauungsverknüpfung wird die Einheit eines rela- 
tiv Beharrlichen — - beharrhch insoweit das Gepräge 
der psychischen Wahrnehmungsmöglichkeiten sich 
nur langsam ändert — gedacht, über dessen Gesetz- 
mäßigkeit in der Aufspeicherung, im Schwinden 
und hl der durchgängigen Verflechtung uns noch 
alle genauen Kenntnisse fehlen, außer der einzigen, 
daß sie toto coelo verschieden ist von der Gesetz- 
mäßigkeit der in Wechselwirkung stehenden mate- 
riellen Dinge. 

Während für die übrigen Seinsarten das wirk- 
liche Wahrgenommenwerden ganz irrelevant ist — 
so denken wir die realen Dinge auch in ihrem 
Sosein und ihren Veränderungen, unabhängig von 
dem tatsächlichen ins Bewußtseintreten, bereichert 
das Ich sich an dem Gegebenen und lebt sich in 
seinen bewußten Akten aus. 

Ein jedes psychisch Seiende wird in seinem 
Sosein verändert durch die Betonung, die seine 
Bestimmungen allein schon durch ihr Wahrgenommen- 
werden erhalten, und die ihnen über der Schwelle 
des Bewußtseins, wie wir annehmen, auch eine 
größere Affinität zur assoziativen Vergesellschaftung 
verleiht; weiterhin reagiert das Ich auf die im 
Bewußtsein gegebenen Sinnesanschauungen, die 
nicht aus seinem Eigenleben stammen, assimiliert 
sich diesen und eignet sie sich als reproduzibel an. 
Diese besondere Beziehung des Ich zum Be- 
wußtsein darf nicht gedeutet werden, als ob das 
Ich in den Bewußtseinsäußerungen sich erschöpfte, 
die Fülle des seeHschen Lebens geht nicht mehr 



— 48 - 

wie die Unendlichkeit des Weltalls in die Wahr- 
nehmungen ein. Der Mensch weiß wenig von seiner 
Seele, über die enge Schwelle des Bewußtseins steigen 
nur rhapsodisch und kärglich sein Hassen und 
Lieben, sein Glauben und Wollen und der Reichtum 
seiner Vorstellungen. 

Was freilich das psychische Sein als *Unbe- 
wußtes« ist, läßt sich anschauhch nicht vorstellen, 
so wenig sich anschaulich vorstellen läßt, was ein 
Reales, was Raum und Zeit ist, wenn sie nicht 
wahrgenommen werden. 

Während die Außenwelt mit den Sinnesorganen 
erfaßt wird, gibt es keinen inneren Sinn«, der sich 
selbsttätig auf das Ich richtet. Die Gesetzmäßigkeit, 
durch die das Ich zur Wahrnehmung kommt^ be- 
greifen wir in den Assoziationsgesetzen, gemäß denen 
allen Bewußtseinsinhalten, den ichlichen sowie den 
Sinnesanschauungen, eine unmittelbare oder mittel- 
bare Affinität zukommt zu Akten, die ihnen deshalb 
im Bewußtsein folgen. Welche Rolle dabei der 
Wille spielt, ob er der mechanischen Kraft analog, 
im psychischen Leben das zur Veränderung Drän- 
gende, Organisierende und Lebendige ist,*^ dieser 
Frage dürfen unsere Hypothesen mit demselben 
Rechte näher treten, mit dem der Naturforscher die 
flimmernden Sterne sich denkt als ein System 
dynamisch verbundener Massen, obschon er niemals 
die Wucht, mit der sie ihre Bahnen verfolgen, wird 
erfahren können. 

Vorderhand ist freilich sogar unser Vermuten 
über den psychischen Kosmos nur Stückwerk. In 
den Assoziationsgesetzen begreifen wir vage die 
Gleichförmigkeiten der Verkettungen bewußter Akte, 
in den charakterologischen Allgemeinbegriffen stabile 
Reaktionsweisen auf gleichartige Erlebnisse, von 
den Verflechtungen und Fluktuationen der psychi- 



~ 49 



sehen Substanz und deren physiologischer Ab- 
hängigkeit wissen wir so gut wie nichts. 

Daß alle Äußerungen der Iche notwendig be- 
stimmt sind, setzen wir angesichts der psychischen 
Beharrungen und der Gleichförmigkeiten in der 
Assoziation und Reaktion voraus, und nur unter 
dieser Voraussetzung, Regeln notwendiger An- 
schauungsverknüpfungen zu sein, dürfen wir ihnen 
Sein zuurteilen. Jedes Ich ist ein mehr oder minder 
eigenartiges Prinzip. Seine spontanen und reaktiven 
Äußerungen erfolgen aus seiner Natur mit der- 
selben Notwendigkeit, mit der die Summe der Winkel 
im Dreieck zwei Rechten gleich ist. 

Daß trotz unserer Unkenntnis über die Art der 
psychischen Gesetzmäßigkeiten wir die Grenzscheide 
ziehen können um das Gebiet des Psychischen, be- 
ruht vorzüglich darin, daß es weder durch Sinne 
noch allgemein wahrnehmbar ist. 

Die Ursache der nur individuellen Wahrnehm- 
barkeit der Iche beruht darin, daß jedes ein be- 
stimmtes Gehirn als physiologische Basis benötigt. 
Die Bewußtseinseinheit, in der die Akte eines Ich 
zur Wahrnehmung kommen, teilt es mit den Be- 
wußtseinsinhalten, in denen die übrigen Seinsarten 
wahrgenommen werden und die an demselben Ge- 
hirn ihre physiologische Basis besitzen. Dieses steht 
sowohl mit der räumlich-zeitlichen Welt, deren es 
einen Teil darstellt, als auch mit dem Ich, dessen 
materielles Substrat es ist, aber nicht mit den 
anderen Ichen in gesetzmäßigen Beziehungen. So 
treten in einem menschlichen Bewußtsein neben den 
Wahrnehmungen, die durch die leiblichen Sinnes- 
organe bedingt sind,*) immer nur die Äußerungen 
eines einzigen Iches auf. 

*) Die Zeitwahrnehmungen können weder den sinnlichen 
noch den ichlichen Anschauungen koordiniert werden, sondern 

Pichler, Arten des Seins. 4 



— 50 - 

Es ist klar, daß dieses gegenständliche Ich nicht 
der Außenwelt erfahrend gegenübersteht, sondern 
selbst nur ein erfahrenes ist. 

Die Ansicht, daß zwischen Realität und psychi- 
schem Sein eine Idealkonkurrenz bestehe, derart, 
daß es möglich wäre, Anschauungen beliebig auf- 
zufassen als zugehörig zu den Dingen oder zum 
Ich, so daß etwa je nach dem Standpunkt die Sinnes- 
empfindungen auch als psychisch können angesehen 
werden, hat zwar einen ungemein breiten, ja die 
Psychologie zum Teil beherrschenden Einfluß, ist 
aber widersinnig; es wäre denn, daß man die Ein- 
führung des Fichteschen absoluten Iches, das auch 
das Nicht-Ich setzt, in die empirische Psychologie 
verantworten will.*) Ohne eine solche metaphysische 
Zutat wird die Begründung des methodologischen 
psycho-physischen Parallelismus**) hinfällicr. 

Wenn man jedoch anderseits voraussetzt, 
daß alle psychischen Äußerungen kausaleindeutig 
bestimmten molekularen Gehirnvorgängen zugeord"^ 
net werden können, so leugnet man damit das 
psychische als besondere Art des Seins. Nur wenn 
die Iche eine oOata sind im aristotelischen Sinne, 
d. h. wenn ihre Bestimmungen durch kein anderes 
Seiendes noch gesetzt sind (ob sie zwar durch 
anderes Seiendes können mitbedingt werden), nur 
dann sind sie selbständige Regeln notwendiger 
Anschau ungsverknüpfungen, da ja andernfalls 

sind, als durch das primäre Gedächtnis, das eine besondere Be- 
wußtseinsfunktion ist, bedinö^t, sui ^eneris. 

*) Viel verwirrend wirkt vor allem hier der Mangel an 
auskömmlicher Terminologie; es wäre zu wünschen, daß die 
gegenständliche Psychologie als „Charakterologie" von der Psycho- 
logie als Phänomenologie strengstens getrennt wird, und daß für 
das gegenständliche Ich in Anbetracht der vielen homonymen 
Ichbegriffe wieder „Seele" rehabilitiert wird. 

**) cf. Wundt, Grundriß der Psychologie 5, S. 389 ff. 






— 51 - 

alles ihnen zugehörige Anschauliche bereits herbei- 
geführt wäre durch molekulare Gehirnvorgänge. 

Wenn es kein psychisches Sein gibt, kann man 
die Iche nur etwa mit Schuppes Terminus als 
»Zeitdinge«*) bezeichnen, sie sind dann wie Wind 
und Wetter Zusammenfassungen für eine Reihe 
inhaltlich verwandter zeiterfüllender Erscheinungen, 
deren tatsächliches Eintreten notwendig ist, nicht 
gemäß der zeitdinglichen Einheit, in die wir sie 
reflexiv zusammenfassen, sondern gemäß den 
gegenständlichen Regeln (hier also Gehirnmolekülen), 
die sie als ihre Bestimmungen bedingen. Muß also 
die Frage, ob es eine psychische Seinsart gibt, 
dahingestellt bleiben, bis nachgewiesen wird, daß 
die ichlichen Bestimmungen so wenig durch die 
gehirnmolekularen Veränderungen allein bedingt 
sind, wie die realen Dinge durch die Naturgesetze ? 

Mit so wenig begründeten Aussichten auf 
Möglichkeiten ließe sich eine jede Begriffsbildung 
im Keime ersticken. Das Entscheidende für die 
Trennung des psychischen Seins von der Realität 
und den übrigen Seinsarten überhaupt ist, daß 
seine spezifische Eigenart mit ihnen nicht vereinbar ist. 

Für die übrigen Seinsarten ist zwar die not- 
wendige Beziehung auf die mögliche Erfahrung 
charakteristisch, die wirkliche Erfahrung jedoch irre- 
levant. Das Psychische können wir uns aber nach den 
phänomenalen Befunden nur als in seinem Sosein 
abhängig vom tatsächlichenBewußtseinsleben denken. 
Der Einwand, daß auch auf die realen Dinge ihr wirk- 
liches Wahrgenommenwerden nicht ganz unwirksam 
bleibt, insoferne ja durch die beteiligten gehirnmole- 
kularen Vorgänge angesichts der durchgängigen 
Wechselwirkung eine zwar verschwindende aber doch 

*) Schuppe, Grundriß der Erkenntnistheorie und Logik, 
S. 123 ff. 



o 



- 52 



positive Verschiebung aller materiellen Gruppierung 
in der Welt eintritt, ist nicht stichhältig. Denn die 
mechanischen Gehirnprozesse müssen selbst durch- 
wegs mechanisch verursacht sein*) und werden durch 
ihre etwaigen Begleiterscheinungen im Bewußtsein 
nicht berührt. 

Nun kennt zwar die phänomenologische Psycho- 
logie eine Reihe von Fällen, in denen gewisse 
Sinneserfahrungen nur eintreten, falls ihnen 
bestimmte andere vorausgegangen sind, (so wenn 
die Sinne mit ihren spezifischen Energien auf 
nicht normale Reize zu reagieren, nachdem sie 
schon normal funktioniert hatten) aber diese Er- 
scheinungen sind unvergleichlich mit jener tief- 
greifenden inhaltlichen Umgestaltung des seelischen 
Lebens, die jedes einzelne Erlebnis mit sich führen 
kann. 

Das letzte Wort über das psychische Sein ist 
solange nicht gesprochen, als die psychologische 
Kausalität noch ungeklärt ist. Jedenfalls ist die 
Behauptung der gänzlichen Bestimmtheit des 
Psychischen durch Gehirnvorgänge einstweilen aus 
der Luft gegriffen und für jeden, der sich in das 
seelische Leben versenkt hat, unverständlich. Auch 
wenn das Ich in der strengsten Abhängigkeit von 
physiologischen Prozessen steht, müssen doch seine 
anschaulichen Bestimmungen durch diese allein noch 
nicht gesetzt sein. 

Durch die Frage, ob das Ich eine ouaca ist, 
wird das kantische Problem des intelligibeln 
Charakters aus der Metaphysik in das fruchtbarere 
Erdreich der Erfahrung verpflanzt. 

♦) Eine Behauptung? der Abhängigkeit der molekularen 
Veränderungen vom Bewußtseinsleben würde sich wenig ver- 
tragen mit der These, daß alles psychische Bewußtseinsleben 
von Gehirnprozessen abhängig sein soll. 



1| 



Die Arten des Seins und die Erkenntnis. 

Daß mit den dargestellten Arten des Seins der 
ontologische Kreis beschlossen sei, läßt sich bei der 
Unableitbarkeit des Besonderen nicht erhärten. 
Kant gibt zwar in den »Analogien der Erfahrung« 
die Anregung, aus dem Aggregat der Seinsarten 
eine systematische Ontologie darzustellen, aber 
auch eine solche wird nie mehr sein können, als 
eine Bilanz des jeweiligen Weltbegriffes. 

Da die Arten des Seins sich durch ihre kate- 
gorialen Gegenstandsbegriffe unterscheiden, fragt 
es sich, was die Ontologie von der Kategorien- 
lehre zu erwarten hat. Zuvörderst heischt sie von 
ihr die noch wenig entwickelte begriffliche Ex- 
Position ihrer Kategorien, die gemäß der Über- 
einstimmung von Aristoteles und Kant fruchtbar 
nur aufgefaßt werden können als Produkte des 
begriffsbildenden Denkens,*) in denen sich aber der 
konstruktive Charakter des Denkens dadurch auf 
einzigartige Weise ausprägt, daß sie die Regel- 
mäßigkeiten der Anschauung, die unter sie sub- 
sumierbar sind, als notwendig stempeln. 

Über die Frage, was wir denken, wenn wir 
Regelmäßigkeiten der Erfahrung als notwendig 

♦) cf. Brentano, „Von der mannigfachen Bedeutung des 
Seienden nach Aristoteles." Kap. V, § 4. Die Kategorien sind die 
höchsten synonymen Allgemeinbegriffe, die höchsten Gattungen 
des Seienden. — Lask, „Fichtes Idealismus und die Geschichte", 
Kap. I, Kants analytische Logik des transzendentalen Begriffs. 



- 54 - 

behaupten, bleibt man sich gerne das Nachdenken 
schuldig. 

Daß der Begriff der Notwendigkeit, der das 
einzige an den Kategorien anschaulich nicht Sche- 
matisierbare darstellt, in der vorkantischen Philo- 
sophie nicht begriffen wurde, ist verständlich. Aber 
auch Kant hat ihn bei der ungenügenden Durch- 
führung seiner Ontologie nicht zur Klärung ge- 
bracht, vielmehr rückte die Handhabung der trans- 
zendentalen Methode die ontologische Notwendig- 
keit wieder in bedenkliche Nähe zur logischen. 

Wie Aristoteles das Notwendige als das M 
vom iizl zb nolb unterschied,*) so wird auch neuer- 
dings des öfteren behauptet, daß der Begriff der 
Notwendigkeit nicht mehr wie das M bedeuten 
könne.**) 

Somit wäre er überflüssig. Doch das aec***) findet 
überhaupt erst in der Notwendigkeit seine Be- 
gründung. Denn die Erfahrung zeigt nur Regel- 
mäßigkeiten, die zum M sich verhalten wie das 
Endliche zum Unendlichen, nur aus der zu ihnen 
hinzugedachten Notwendigkeit wird es erschlossen. 
Der durch die Notwendigkeit, die in den gegen- 
ständlichen Kategorien gedacht wird, charakterisierte 
Seinsgrund ist neben der im Erkenntnisgrund ge- 
dachten logischen Notwendigkeit die einzige selb*st- 
ständige Wurzel des Satzes vom Grunde. "" 

*) cf. Aristoteles, Metaphysik XI, 8. 
**) cf. Simmel, „Kant'', S. 30: „So scharf Kant den Satz: 
A ist die Ursache von B, von dem unterscheidet: B folgt zeitlich 
auf A, so weiß ich doch nicht, worin sich diese objektive Kausal- 
folge von der Bestimmung unterschiede, daß in jedem überhaupt 
je vorkommenden Fall B auf A zeitlich wahrnehmbar folgen wird. 
***) Das Äel stehe hier nur a potiori als Abbreviatur für die 
verschiedenartigen Regelmäßigkeiten der notwendigen An- 
schauungsverknüpfungen. 



55 



Der Kategorienlehre liegt es ob, die ontologi- 
sche Notwendigkeit als den einheitlichen Grund der 
in den Seinsarten bestimmten Regeln der Anschau- 
ungsverknüpfungen in seinem Verhältnis zu den 
anschaulich schematisierbaren Bestimmungen der 
Kategorien auszuführen. 

Wenn die Ontologie von der Kategorienlehre 
mehr wie die Dienste der Begriffsbestimmung fordert, 
nämlich einen Leitfaden für die vollständige 
Auffindung aller gegenständlichen Kategorien, so 
wird sie sich mit Geduld wappnen müssen: 

Kant hat die metaphysische Deduktion der 
Kategorien nicht zu leisten vermocht, daher bleibt 
die Aufzählung der Kategorien rhapsodisch, und 
der Ableitung der Kategorien aus der Tafel der 
Urteile muß eine Ableitung von Urteilen aus der 
Tafel der Kategorien, die von der Ontologie ab- 
hängig ist, zur Seite gestellt werden. 

Dies tut die von Windelband eingeführte 
Unterscheidung der reflexiven und der konstitutiven 
(gegenständlichen) Kategorien, deren Trennung nach 
ontologischen Gesichtspunkten unternommen ist.*) 

Wie es auch die Entwicklung der Erkenntnis- 
theorie halten mag mit der »Deduktion der reinen 
Verstandesbegriffe«, ob sie die reflexiven Kategorien 
als metaphysisch, die konstitutiven als nur trans- 
zendental deduzibel definitiv zu trennen sich ent- 
schließen wird, für die Ontologie ist ihre Unter- 
scheidung noch in ganz anderem Sinne grundlegend. 

Die konstitutiven Kategorien sind notwendige 
— die reflexiven willkürliche Synthesen. 
Die Gegenstände, die durch diese gedacht werden, 
existieren nicht. Der Gattungsbegriff Sein schheßt 
alles bloß Gedachte von sich aus, und das Unter- 

*) cf. Windel band, „Vom System der Kategorien", S. 48. 
Festschrift für S ig wart. 



— 56 - 

scheiden und Vergleichen, Zählen und Verbegriff- 
liehen sind Denkoperationen, mit denen wir die An- 
schauung zwar in objektiver Weise, aber nur im 
und für das Denken bearbeiten, indem wir nicht 
annehmen, daß, wenn wir etwa beliebige Gegen- 
stände auszählen, diese Zusammenfassung auch, so- 
fern sie nicht gedacht wird, gesetzt sei.*) 

Hingegen in den konstitutiven Kategorien, die 
den Seinsarten zugrunde liegen, wird Notwendigkeit 
gedacht als eine Zusammengehörigkeit, für die das 
wirkliche Gedachtwerden gleichgültig sein soll ; alle 
konstitutiven Kategorien sind Voraussetzungen, in 
denen das konstruktive Denken über die Erfahrung 
und seinen eigenen psychologischen Charakter hin''- 
ausgeht, dergestalt, daß für die behauptete Regel 
notwendiger Anschauungsverknüpfungen die wirk- 
liche Erfahrung immer das zureichende Kriterium 
bleibt, und daß ihre konstanten Gleichförmigkeiten 
in der Notwendigkeit die Begründung finden. 

Obschon die Gleichheiten, die Verschiedenheiten, 
die Anzahlen der Dinge usf. nicht existieren! 
besitzen sie doch eine Analogie zum Existenzbegriffi 
durch die sie ihm oft gefährlich geworden sind.*" Die 
Objektivität dieser »Gegenstände höherer Ordnung., 
als welche sie Meinong in der Erkentnistheorle! 
heimisch gemacht hat, drücken wir dadurch aus 
daß wir ihnen »Bestand« zuurteilen.**) 

Der begriffhche Wert dessen, was unter Bestand 
zu denken sei, ist, da er in keiner eindeutio^en Be- 



*) Daraus folgt nicht, daß die mathematisch formulierten 
Naturgesetze nur reflexiv sein können, oder, wenn dies nicht ein- 
geräumt wird, daß die Zahlen konstitutiv sind. Die mathematische 
Formulierung ist nur der begriffliche Ausdruck für die Notwendi«-. 
keit bestimmter anschaulicher Verknüpfungen. '^ 

**) cf. Meinong, „Über Gegenstände höherer Ordnung« 
Ztschr. f. Psych. XXI. ^ 






... 57 — 

Ziehung zur Anschauung steht, nicht in einer 
Formel auszusprechen. Daß das Seiende durch die 
Begriffe des reflexiven Denkens so bearbeitet werden 
kann, daß nicht nur gemäß der jeweils gegebenen 
Anschauung diese und jene Vergleichungen voll- 
ziehbar sind, sondern unser Denken die Gescheh- 
nisse in allen Weiten erraten und das Zukünftige 
mit größter Zuverlässigkeit antizipieren kann, be- 
ruht in der Gesetzmäßigkeit der Erfahrung, wie sie 
sich in den Arten des Seins ausspricht.*) 

Sie macht es möglich, Erkenntnisgründe zu 
finden, aus denen die Bestimmung jedes Seienden, 
die extensiven, protensiven und intensiven, auf den 
verschlungensten Umwegen erschlossen werden 
können, wenn nur die Kenntnis der Gesetzmäßig- 
keiten und einzelner Tatsachen eine genügende 
Handhabe bietet.**) 

Erkenntnistheorie ist kritischer Spinozismus. 

Dies aber nur, wenn unter Erkenntnis 
allein die Verbegrifflichung des Seienden verstanden 
wird. Im Existierenden das einzig Wirkliche zu 
sehen, dem unser Denken gegenübersteht, mit dieser 
Einseitigkeit dürfte die Philosophie endgültig ge- 
brochen haben. 

Die Wert Wirklichkeit grenzt durch ihren 
Gegensatz zum bloßen Gedachtsein an den Existenz- 
begriff. Ihre begriffliche Explizierung ist erst ein- 
geleitet, sie ist das spezifisch moderne Problem. 
Das Herausarbeiten der selbständigen Bedeutung 
der Wertwirkhchkeit gegenüber der Natur, »dem 
Inbegriff aller Gegenstände der Erfahrung«, ist 
nicht nur ein Anliegen der Erkenntnistheorie. Denn 

*) Die Arithmetik beruht als analytische Wissenschaft zwar 
auf Vereinbarung, aber ihrer Anwendung auf die Erfahrung liegen 
weitgehende Annahmen über deren Gesetzmäßigkeit zugrunde. 

*) cf. Lotze, Logik, § 34;8 und 349. 



**) 



- 58 - 

ein Naturalismus, der die Werte meistert, wie ein 
Idealismus, der meint, vor der Erfahrung die Augen 
schließen zu müssen, zersetzen beide die Substanz 
des Lebens. 

Die abendländische Begriffsentwicklung hat 
ihr überwiegend naturalistisches Gepräge dadurch 
wettgemacht, daß sie das ontolgische Problem in 
der kantischen Erkenntnistheorie zu einem Abschluß 
brachte. Mit diesem Abschluß hat Kant zugleich durch 
die systematische Begründung der Wertwirklichkeit 
die »Weltanschaung« mit neuem Inhalt erfüllt. 

Die logische Struktur der objektiven Werte 
(die Kant nur in der Ethik und Ästhetik durch- 
geführt hat) ist nicht ohne Analogie zu der Ob- 
jektivität des Seienden. Doch liegt ihr Gattungs- 
mäßiges nicht in einer notwendigen Beziehung zur 
Anschauung, sondern in einer Beziehung auf die 
Anerkennung, die, unabhängig vom hie et nunc 
anerkannt werden, in einem mehr oder minder 
akzentuierten, hypothetischen oder kategorischen,, 
aber stets mehr als individuellen Sollen sich aus- 
spricht. 

Der Grund, in dem wir das Sollen verankert 
denken, ist ein sehr vielgestaltiger. Wenn es gilt 
Urteile zu fällen über Wertwirklichkeiten, ist das 
Kriterium an erster Stelle ein allgemeines lebendiges 
Wissen von ihnen. Aber kann die Beurteilung eines 
Wertes, der in dieser konkreten Überzeugung 
keinen festen oder gar keinen Halt findet, sich 
jemals mit dem Pathos, mehr als individuelle Über- 
zeugung zu sein, auf ein Kriterium berufen, wie 
das »e pur si muove« auf die mögliche Erfahrung? 

So viel ist klar, daß in der Erkenntnistheorie 
die Erkenntnis des Seienden und die Erkenntnis 
des Wertwirklichen nicht ohne weiteres koordiniert 
werden dürfen. Nun ist aber die Erkenntnis des 



. 



4 



> 



- 59 — 

Seienden selbst ein Wert: die Wahrheit gilt als der 
gewisseste aller Werte. 

Die Einreihung der Wahrheit unter die all- 
gemeinen Werte ist berechtigt. Verfänglich wird 
sie nur, wenn übersehen wird, daß die Objektivität 
der Wahrheit als Wert und ihre erkenntnis- 
kritische Objektivität nicht zusammenfallen. 

Gleichwie die Rechtsnormen von der anderen 
normativen Wirklichkeit sich abheben dadurch, daß 
sie im Rechtszwang Garantien ihrer Erfüllung be- 
sitzen, so hat die Wahrheit in der Anschauung ein 
Kriterium, ganz unabhängig davon, daß die Er- 
kenntnis des Seienden ein Wert ist.